Konfliktforscher erwarten Bürgerkriege in Westeuropa
von Prof. David Betz, London
„Wohin soll das alles noch führen?“ Das fragen sich viele Menschen angesichts der Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Professor David Betz, der am King’s College in London lehrt, ist sicher, wohin es führen wird: zu Bürgerkriegen. Warum diese Aussicht sogar noch bedrohlicher ist als die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, begründet er so: „Weil in Westeuropa heute fast alle strukturellen Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg erfüllt sind – und zwar in einer Form, wie man sie in der Fachliteratur als geradezu ‚idealtypisch‘ bezeichnen würde. Wir sprechen von Faktoren, die seit Jahrzehnten erforscht sind:
tiefe gesellschaftliche Spaltung,
ein beschleunigter Statusverlust der einst dominanten Mehrheitsbevölkerung
und ein dramatischer Zusammenbruch des Vertrauens in die Institutionen.
In einem Interview mit der Berliner Zeitung beschreibt er, was es mit der tiefen gesellschaftlichen Spaltung
auf sich hat: „Früher wurden politische Debatten an Sachfragen festgemacht – heute bestimmen Identität
und Gruppenzugehörigkeit das Denken. Besonders gefährlich ist die ‚polarisierte Fraktionalisierung‘: Man
richtet sich nicht nach dem Inhalt, sondern nach der Linie der eigenen ‚Stammesgemeinschaft‘. Das sieht
man in ganz Europa, am deutlichsten aber in ethnisch orientierten Parteien.“
In Großbritannien gebe es bereits eine muslimische Partei, die sich programmatisch eher an internationalen
muslimischen Interessen als an britischer Innenpolitik ausrichte. Das sei Ausdruck einer Politik, in der Identität wichtiger sei als alles andere. Es ist unschwer zu erkennen, dass dies auch im Streit um die Meinungsfreiheit eine Rolle spielt: Meinungsfreiheit gern, aber bitte nur in der eigenen „Stammesgemeinschaft“. Den Statusverlust der Mehrheitsbevölkerung macht er an einem „Downgrading“-Prozess fest: „Die ehemals dominante kulturelle und politische Mehrheit verliert in rasantem Tempo ihre Stellung. In mehreren europäischen Ländern wird die einheimische Bevölkerung innerhalb einer Generation zur Minderheit im eigenen Land. Im Vereinigten Königreich rechnet man damit um das Jahr 2060, in anderen Ländern früher oder später.
Downgrading bedeutet, dass nicht mehr die Sprache, Werte und politischen Prioritäten dieser (bald ehema-
ligen) Mehrheit den Ton angeben – genau wie bei historischen Kulturverdrängungen, etwa der keltischen
Briten durch angelsächsische Siedler.“
Auf den Einwand der Zeitung, Masseneinwanderung müsse doch der Wille der Mehrheit sein, weil demo-
kratische Regierungen sie zuließen, antwortet der Forscher: „Das ist ein Trugschluss. Masseneinwanderung
ist kein Projekt der Bevölkerung, sondern der Eliten. In Großbritannien hat es nie eine Wahl gegeben, bei der die Wähler sich bewusst für unbegrenzte Migration entschieden hätten. Offiziell hieß es immer ‚Kontrolle
und Begrenzung‘, real wurde der ‚Wasserhahn‘ voll aufgedreht. Diese Eliten – politische, wirtschaftliche,
mediale, akademische – sind postnational geprägt. Für sie sind Nation und Grenzen Anachronismen, und
Fortschritt bedeutet, alle Barrieren für den Fluss von Menschen, Kapital und Ideen abzubauen.“
Den Vertrauensverlust in die Institutionen schließlich
begründet Betz folgendermaßen: „Vertrauen ist das soziale Kapital einer Gesellschaft. Über Jahrzehnte wurde es systematisch abgebaut – in Politik, Medien, Polizei, Justiz, sogar in Kirche und Medizin. Heute genießen Politiker als Gruppe in vielen Ländern Vertrauen nur noch im einstelligen Prozentbereich.
Doch ohne Vertrauen sinkt die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen. Gesellschaften können so ‚sozial
bankrott‘ gehen – genau wie Unternehmen finanziell bankrottgehen können.“ Die wirtschaftliche Entwicklung
habe an diesem Prozess einen hohen Anteil: „…gute Regierungsführung und eine einigermaßen geeinte
Elite waren historisch die besten Schutzschilde gegen Bürgerkriege.“
Die gesellschaftlichen Ursachen dieser Entwicklung sieht er darin, dass Multikulturalismus und Identitäts-
politik die gemeinsame Basis zerstört hätten, die eine Demokratie brauche: „Früher gab es ein stabiles Wir
– heute dominiert ein ‚Wir gegen die Anderen‘-Muster. Verstärkt wird das durch soziale Medien, die isolieren
und polarisieren. In Großstädten zeigen sich schon Symptome sogenannter wilder Städte (feral cities):
verfallende Infrastruktur…“
Sollte es dann zu Bürgerkriegen kommen, sieht Betz zwei „Hauptachsen“: „Erstens Nationalisten gegen Post-Nationale – im Kern eine Revolte der ‚Regierten‘ gegen Eliten. Zweitens Einheimische gegen Neuankömmlinge.
Der erste Konflikt könnte wie ein lateinamerikanischer ‚schmutziger Krieg‘ aussehen – gezielte Mordanschläge auf Mitglieder der Eliten und Gegenschläge staatlicher oder privater Sicherheitskräfte. […] Der zweite wäre großflächiger, mit urbaner Gewalt, wie wir sie in Ansätzen schon kennen.“
Auch wenn er in diesem Fall nur sein „Bauchgefühl“ sprechen lässt, glaubt der Wissenschaftler, dass solche Szenarien bereits in den nächsten fünf Jahren eintreten werden: „Das hat damit zu tun, dass ich keinerlei politische Anzeichen für eine ernsthafte Problemlösung sehe – weder Führungspersönlichkeiten mit dem Willen noch mit der Fähigkeit, den Kurs zu ändern.“ Mit Blick auf den Konflikt in Bosnien in den neunziger Jahren begründet er, eine solche Entwicklung könne auch sehr schnell gehen: „Die trügerische Ruhe kurz vor dem Sturm nennt man Normalitätsbias – man denkt, weil heute noch alles funktioniert, wird es morgen auch so sein.“
Prof. Betz ist keineswegs der einzige Konfliktforscher, der Bürgerkriege in Westeuropa voraussagt: „Viele Fachkollegen sehen ähnliche Risiken, äußern sich aber nur hinter verschlossenen Türen.“