Charakterwäsche (Schrenck-Notzing)

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Caspar von Schrenck – Notzing

CHARAKTERWÄSCHE

Die Re-education der Deutschen und ihre bleibenden Auswirkungen

Inhalt
Die Verschwörung der Deutschen

Die Stunde Morgenthaus
Von Jalta nach Potsdam

Die Psychoanalyse wird politisiert

Der autoritäre Charakter

Psychologische Kriegführung

Entnazifizierung mit Strick

Das Wendejahr 1959

Dass Dilemma des Liberalismus

– Der nachfolgend angebotene Text ist ein Auszug aus dem Buch Charakterwäsche. Dabei geht es mir im Besonderen um den Aspekt eines amerikanischen sog. Antigermanismus, als Teil des gezielten Strebens der USA nach der Führungsrolle unter den Weltmächten. Da ein enger Zusammenhang zur Geschichte Deutschlands des vergangenen Jahrhunderts und besonders der beiden Weltkriege besteht, ist unsere gegenwärtige politische und allg. Situation nur vor diesem Hintergrund verstehbar.
Leichte Kürzungen und die Hervorhebungen sind von mir. Horst Koch, Herborn, Dezember 2008

Vorwort
Die Szene, die sich Mitte der 60er Jahre in einer norddeutschen Buchhandlung abspielte, war bezeichnend. Eine ältere Dame kommt herein, verlangt hinter vorgehaltener Hand flüsternd „das verbotene Buch“, die ratlose Verkäuferin ruft den Buchhändler, und nach einigem Hin und Her verläßt die Kundin wieder den Laden, in der Einkaufstasche das gewünschte Buch mit dem Titel „Charakterwäsche“.
Mitte der 60er Jahre waren die alles zudeckenden Werbekampagnen der Großverlage und der ganze Bestsellerrummel erst im Kommen. In Windeseile hatte sich herumgesprochen, daß erstmals ein Buch über die amerikanische Besatzung in Deutschland und ihre Folgen zu haben sei, einem Thema, von dem relativ viele Leser sich existentiell betroffen fühlten. Die „Charakterwäsche“ hatte schon ihren Leserkreis, als nach einem Vierteljahr die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit einer umfangreichen Rezension (1965) Aufsehen erregte. Die angesehene Journalistin Margret Boveri verriet, ihr sei dringend geraten worden, „die Charakterwäsche dürfe nicht einmal verrissen, sie müsse totgeschwiegen werden.“
Dieser Rat empörte Margret Boveri so sehr, daß sie schrieb: „Das wäre dieselbe totalitäre Methode, mit der im Dritten Reich eine Figur wie Thomas Mann aus dem Bewußtsein der Deutschen gelöscht werden sollte. Solche Methoden rächen sich früher oder später an denen, die sie anwandten.“
Margret Boveris Rezension ließ in drei Sätzen ebenso viele Katzen aus dem Sack, die am schönen Bild der nach dem Ende der „restaurativen“ Ära Adenauer sich rasch liberalisierenden Bundesrepublik ungebührlich kratzten.
Ad 1: Das Totschweigen, amerikanisch „silent treatment“ genannt, war eines unter mehreren Mitteln einer neuen Zensur, die sich dem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (J. Habermas) angepaßt hatte. …
Ad 2: Margret Boveri ordnete den Totalitarismus‑Begriff nicht mehr ausschließlich dem Kommunismus und dem Faschismus bzw. Nationalsozialismus zu, sondern beging den Tabubruch, totalitäre Tendenzen auch bei liberal‑demokratischen Institutionen für möglich zu halten.
Ad 3: Margret Boveri warnte, daß ein rücksichtsloser Umgang mit vermeintlich Andersdenkenden auf denjenigen zurückschlägt, der seine Machtstellung mißbraucht. Sie warnte zu einem Zeitpunkt, als die Machtausübung von den Handelnden auf die Meinenden überging und Moralisten das Wort führten. Für diese bestand die Lösung aller Fragen darin, die Mitbürger in Gute und Böse zu unterteilen. Denn ist nicht, wo das Böse unterwegs ist, dem Guten alles erlaubt?
Die Besatzungszeit und ihre Folgen waren für die damaligen Zeitgeschichtler eine terra incognita. Zehn Jahre nach dem formalen Ende der Besatzung wirkte wohl noch nach, daß jede Kritik der Alliierten unter Strafe gestellt worden war. …
Mitte der 60er Jahre griffen vor allem Angehörige der Kriegsgeneration zur „Charakterwäsche“. Ihnen war es darum zu tun, die eigenen Erlebnisse in einen größeren historischen Zusammenhang einordnen zu können. Es ging ihnen weniger darum, daß die Siegermächte im Lande das Sagen hatten. Denn die Ereignisse hatten sie zu Realisten gemacht. Womit sie nicht fertig wurden, war das Gefühl, daß sie selbst mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen im Interpretationsrahmen der fremden Besatzer ungefragt zu beliebig manipulierbaren Objekten sozialpsychologischer Experimente wurden. Dabei klaffte ein schwer verständlicher Widerspruch zwischen der auf Menschenrechten gegründeten individualistischen Anthropologie des amerikanischen Liberalismus und kollektiven Zuordnungen, die später in der Zugehörigkeit zum „Tätervolk“ gipfelten.

Zur Wirkungsgeschichte der „Charakterwäsche“ zählt, daß der Verfasser einer anderen Generation angehörte als seine ersten Leser. Die sog. Flakhelfergeneration, wenige Jahrgänge der zwischen 1926 und 1929 Geborenen, war die eigentliche „skeptische Generation“ (Helmut Schelsky). Sie hatte persönlich den Niedergang und den Zusammenbruch des Dritten Reiches in dem ihr zugänglichen kleinen Ausschnitt erlebt, ohne an den kollektiven Hoffnungen und Erwartungen der Zeit vor Stalingrad teilgenommen zu haben, falls sie nicht gerade in einem nationalsozialistischen Elternhaus aufgewachsen waren. Wenn der Leser aus der Kriegsgeneration in der Besatzungszeit eine Kriegsfolge sah, so sah der Verfasser in ihr den Vorboten eines Kulturwandels.

Der Zufall wollte, daß der Verfasser den Paradigmenwechsel der Jahre von 1958 bis zum Bau der Berliner Mauer, als dieser Kulturwandel sozialverbindlich zu werden begann, intensiv erleben konnte. Zwischen 1957 und 1961 hatte er drei Winter in Indien zugebracht. … In deutsche Zeitungen hatte er kaum geblickt. Als er 1962 den Duisburger Historikertag besuchte, bemerkte er völlig überrascht, daß an die Stelle der Bonner Bundesrepublik, die er 1957 verlassen hatte, eine in der Tendenz neue Republik, die Frankfurter (Hamburger) Medienrepublik getreten war. . . .
Der Paradigmenwechsel des Jahres 1960 griff als fortschreitender Wertewandel um sich. . . .

Einleitung
Daß die Besatzungsgeschichte den weißen Fleck auf der Landkarte der deutschen Zeitgeschichte bildet, ist keinesfalls auf die Unzulänglichkeit der Quellen zurückzuführen. Die Akten der amerikanischen Militärregierung liegen im World War II Records Center in Alexandria (Va.), einem Vorort von Washington. Noch im Februar 1964 wurde dort dem Verfasser von den Archivaren versichert, daß sie bisher keinen Deutschen zu Gesicht bekommen hätten. . . .
Der entschiedene Widerstand gegen die Erforschung der Besatzungsgeschichte bedient sich gerne des besatzungsapologetischen Arguments, daß Theorie und Praxis der Besatzung »nur« eine Reaktion auf Theorie und Praxis des »Dritten Reichs« gewesen sei. Doch ist, wie so oft in der Weltgeschichte, die »Reaktion« ungleich wichtiger geworden als das, worauf sie reagierte. Ihr Anlaß ist ausgelöscht, aber die »Reaktion« ist geblieben. Sie ist mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur alleinbestimmenden Kraft geworden und hat für Deutschland unter anderem die territoriale Verstümmelung, die Teilung des Rumpfgebietes und dessen Anschluß an verschiedene Besatzungskulturen mit sich gebracht.
Die Lehre von den Chancen der »Stunde Null» gehört wohl zu den sakrosanktesten aller liberalen Dogmen.  . . .

 Washington und Lenin sind ungleich mehr Gestalten der Geschichte des heutigen Deutschlands als Bismarck und Friedrich der Große.
Die besatzungsgeschichtlichen Ursprünge unserer Gegenwart sind tabu, und in den von Bonn und Ostberlin aus verwalteten Teilen Deutschlands wird mit gleichem Eifer an der Legende der autonomen Entstehung deutscher Nachkriegsstaaten gearbeitet. . . .
Man malte in zahlreichen Schriften über die Entstehung der politischen Parteien nach 1945 das anheimelnde Bild politischer Biedermänner, die frei versammelt – wie weiland die Eidgenossen auf dem Rütli – schworen, die heimatlichen Fluren zu säubern und eine alt junge Demokratie zu errichten. Theodor Heuss und Carlo Schmid gelang ohne Zweifel die meisterhafte Verkörperung der wiederbelebten 1848er-Demokratie. …
Margret Boveri hat ein mal festgestellt, daß sich in der amerikanischen Geschichte Perioden von etwa einem halben Menschenalter Dauer ablösen, in denen jeweils ein (übersteigerter) Liberalismus oder ein (übersteigerter) Konservativismus tonangebend sei. Auf die Epoche des Liberalismus unter Roosevelt (1933-1945) folgte die des Konservativismus vom republikanischen Wahlsieg im November 1946 bis zum demokratisch-liberalen Wahlsieg im November 1958. Seither ist Amerika in einen neuen Abschnitt des Liberalismus eingetreten, der, falls alles säuberlich nach der vorgesehenen Ordnung gehen sollte, bis etwa 1970 dauern müßte. Da es das höchste Glück der Deutschen geworden ist, aus zweiter Hand leben zu dürfen, ist mit einer Übernahme des amerikanischen Rhythmus bei uns zu rechnen.

Teil 1 Von der democracy zur Demokratie

Künder des neuen Menschen
Soldaten waren noch immer die besten Missionare. Die arabischen Reiter brachten den Koran, die spanischen Tercios das Christentum und die Rotarmisten den Sozialismus. Auch die amerikanischen G.I.´s mühten sich redlich mit einer Mission ab. Sie waren in der kaum beneidenswerten Lage einer Schauspielertruppe, die bereits auf den Brettern steht, während die Intendanz sich noch nicht über das aufzuführende Stück einig ist. Das Glück der Stunde war jedoch den G.I’s hold. Was auch immer sie vorbrachten, wurde beifällig aufgenommen. Sie begannen zu spüren, daß es weniger der Inhalt einer Botschaft ist, der zählt, als die Machtstellung, die der Missionar einnimmt oder die man ihm zuschreibt. Und die Machtstellung der amerikanischen Besatzung war recht augenfällig. Der Berichterstatter des »Army Talk«, Julian Bach, schrieb: »In Amerikas Deutschland geschieht, was uns paßt. Paßt es uns, daß die Deutschen verhungern, werden sie verhungern. Paßt es uns, daß sie Aluminiumfabriken in die Luft sprengen, werden sie Aluminiumfabriken in die Luft sprengen. Paßt es uns, daß sie Thomas Jefferson lesen und Mickey Mouse anschauen, werden sie Thomas Jefferson lesen und Mickey Mouse anschauen.« Die G.I.’s ließen die Deutschen hungern, Aluminiumfabriken in die Luft sprengen, Jefferson lesen, Mickey Mouse anschauen und vergaßen nicht, sie zu demokratisieren (to democratize).
Wenn die amerikanischen Soldaten von »democracy« sprachen, beriefen sie sich weniger auf den alliierten Demokratiebegriff des Potsdamer Abkommens als auf den amerikanischen »way of life«, der auch der »democratic way of life« sei.  . . .

Die »Schlacht um Amerika«
. . . Die »Schlacht um Amerika« – die Umstimmung der amerikanischen Öffentlichkeit zugunsten eines Kriegseintritts – war Roosevelts größte Stunde. Der Präsident hatte gelernt, Öffentlichkeit im Kongreß zu vermeiden. Er brachte jeweils nur jene interventionistischen Vorlagen im Kongreß ein, die nach dem augenblicklichen Stand der Debatte für und wider die Intervention Aussicht auf Annahme hatten. Wenn das Echo auf eine neue Vorlage unbestimmt war, ließ er einen Versuchsballon steigen, der ihm ermöglichte, bei auftretendem Widerstand die vorgesehene Maßnahme zurückzuziehen oder im Geheimen durchzuführen. Roosevelt bediente sich erstmalig der neuen Methoden der Massenbeeinflussung, die der Regierung ermöglichen, mit den Bürgern so umzugehen wie große Firmen mit ihren Kunden. 1935 hatte Dr. George Gallup die Techniken der Meinungsbefragung entwickelt, auf die Roosevelt jetzt sein Vorgehen ausrichtete. Das neuartige Medium des Rundfunks wurde von ihm durch »fireside chats« ebenso als Führungsmittel ausgebaut, wie die regelmäßigen Pressekonferenzen. Roosevelt, der noch 1936 die Mehrheit der Presse gegen sich gehabt hatte, hatte gelernt, daß er durch Liefern oder Vorenthalten von Informationen den beruflichen Werdegang der einzelnen Journalisten bestimmen konnte – ganz gleich, wie der Kurs der Zeitung war.  . . .

Den Interventionisten standen die Isolationisten gegenüber, die sich um das Komitee »America First« scharten. . . . In ihnen verkörperte sich das Mißtrauen des Mittleren Westens gegen den Mißbrauch der wirtschaftlichen und militärischen Kraft der Vereinigten Staaten für Ziele, die mehr internationalen als national-amerikanischen Einstellungen entsprangen. . . . Der Punkt, an dem sich Isolationisten und Interventionisten schieden, war die Frage, ob die Politik der Errichtung einer moralischen Weltordnung dienen oder nur nationale Interessen verteidigen sollte.

Eine einflußreiche Gruppe unter Expräsident Hoover trat zwar für eine begrenzte Hilfe an England und Frankreich ein, um so das aus den Fugen geratene Gleichgewicht in Europa wiederherzustellen und einen Ausgleichsfrieden zu ermöglichen. Aber gerade der Frieden war es ja, den Roosevelt unter allen Umständen zu verhindern suchte. Denn der Frieden stand der einen Welt und ihrer moralischen Ordnung im Wege.  . . .

Nach einer Wahl sieht in der repräsentativen Demokratie alles anders aus als vor ihr, und dem Wahlsieg Roosevelts folgte nicht die Erfüllung des Wahlversprechens des Präsidenten, daß er Amerika aus dem Krieg heraushalten wolle, sondern jene Radikalisierung des Interventionismus. Die dramatische Darbietung der europäischen Kriegsereignisse lief auf hohen Touren. »Nazi-Germany« wurde allgemein durch einen alles zermalmenden Schaftstiefel repräsentiert. Selig Adler schreibt in seiner Geschichte des Isolationismus: »1940 war es für die Amerikaner schwierig geworden, Augen und Ohren gegen die Opfer Hitlers zu verschließen, die von den Anschlagsäulen und aus Zeitungsanzeigen blickten, die der Postbote in das Haus trug, die im Kino auf die Leinwand projiziert wurden und im Rundfunk an die Stelle der Reklamesendungen traten. Amerika sang: >There will be bluebirds over the white cliffs of Dover!<«

Doch nicht allein aus Europa dräuten Gefahren, auch Amerika sollte von einer Fünften Kolonne von Naziagenten durchsetzt sein. In der zunehmenden Radikalisierung der interventionistischen Bewegung wurden die Isolationisten als »Transmissionsriemen« des Nazismus und Agenten der Fünften Kolonne hingestellt. In dieser Rufmord-Kampagne traten Elemente in den Vordergrund, die den radikalen Interventionisten kaum große Freude machten, von den gemäßigten ganz zu schweigen. Ein Musterbeispiel des Fanatismus ist die vielgelesene Schrift von Michael Sayers und Albert E. Kahn »Sabotage! The Secret War Against America«, die die Isolationisten der psychologischen Sabotage beschuldigte und eine Atmosphäre des Terrors hervorrief. Zu wessen Gunsten, stellte sich heraus, als das Autorenpaar 1946 prompt mit einer Schrift wider »Die große Verschwörung gegen Rußland« auf den Plan trat.

In die Interventionsbewegung flossen kräftige Ströme europäischer Ideologien ein. Eine bezeichnende Rolle spielte hierbei das »Committee on Europe«, aus dem 1940 der Ausschuß der 15 hervorging. Die 15, von denen ein jeder eine Art intellektueller Berühmtheit war, hielten vom 24.-26. Mai 1940 in Atlantic City einen Kongreß ab, dessen Manifest unter dem Titel »The City of Man« veröffentlicht wurde.

Die Errichtung der Weltdemokratie die die 15 planten, war ein offen chiliastisches Unternehmen. »In einer Epoche der Apokalypse fordern wir ein Millenium.« Die 15 vertraten alle möglichen geistigen Traditionen, außer jenen, die in der »Hauptströmung« des amerikanischen Denkens standen. Unter ihnen befanden sich Ideologen, die den Faschismus schon vorweggenommen hatten und dann bei dessen massenhaftem Auftreten abgefallen waren, wie Thomas Mann und sein Schwiegersohn Giuseppe Borgese, ein ehemaliger italienischer Propagandachef im Ersten Weltkrieg, Van Wyck Brooks, der führende amerikanische Literaturhistoriker und Sozialist, Gaetano Salvemini, die italienische »Schwiegermutter der Revolution«, Reinhold Niebuhr, der Herausgeber des Organs der amerikanischen Sozialisten »The World Tomorrow« und fŭhrende lutherische Theologe, der »nicht nur radikal, sondern auch tief religiös war« und Lewis Mumford, der Prophet des heraufdämmernden, von den Fesseln der neurotischen Stadt befreiten Übermenschen. Für diese Männer war Adolf Hitler ein heilsgeschichtliches Ereignis (wenn auch in säkularisierter Form). Wie der Antichrist am Vorabend der Wiederkehr Christi und der Aufrichtung der endgültigen Gottesherrschaft alle Übel der Welt noch einmal in sich zusammenfaßt, so war Adolf Hitler für sie eine Verkörperung alles Bösen, nach dessen Überwindung nicht die Rückkehr zur gestörten alten Ordnung stehen konnte, sondern nur die endgültige Errichtung des (säkularisierten) Reiches Gottes, der City of Man.

Die apokalyptische Deutung der Zeitgeschichte hätte geringe Resonanz gefunden, wenn sie sich auf die Einwandererquartiere von New York und den Kreis der 15 beschränkt hätte. Strebte sie das amerikanische Indigenat (Heimatrecht) an, mußte sie aus dem biblischen »Fundamentalismus« des Getreidegürtels aufsteigen. So wurde denn der amerikanische Vizepräsident (1940-44) Henry Agard Wallace (geb. 1888) aus Iowa zum Propheten des »Jahrhunderts des Kleinen Mannes« gekürt. . . .

Am 8. Mai 1942 hielt Wallace vor dem Verein Freie Welt in New York eine Rede, die von »PM« zur Gettysburg-Adresse des Liberalismus hochgelobt wurde. »Das Volk auf seinem chiliastischen und revolutionären Marsch zur Manifestation der Würde, die in der menschlichen Seele liegt, hält als an seinem Credo an den vier Freiheiten fest, die Präsident Roosevelt verkündete . . .  Die Revolution des Volkes ist auf dem Marsch, und der Teufel und alle seine Engel können sie nicht überwinden, denn auf der Seite des Volkes steht der Herr.«

Als Wallace in der Rede Hitler siebenmal als den Satan bezeichnete, glaubten die PM-Liberalen, mitten in der Volkstradition des Bibelgürtels zu stehen. Der mißglückte Anlauf jedoch, den Wallace auf die amerikanische Präsidentschaft nahm, erwies, daß die Anhängerschaft, die sich um ihn scharte, sich auf eben jene liberalen Kreise beschränkte, die mit seiner Hilfe ins Volk vorstoßen wollten.

F.D.R.
Der Konflikt, der auf Amerika zuzukommen schien, war Roosevelt wie auf den Leib geschrieben. Er schwankte keinen Moment und war jederzeit fest überzeugt, für die Erhaltung der moralischen Weltordnung zu kämpfen. Seine Überzeugung war um so fester gegründet, als er keineswegs immer dieser moralischen Weltordnung angehangen hatte, wie auch Amerika zeitweise im Sozialdarwinismus seine nationale Philosophie gesehen hatte. Als stellvertretender Marineminister schrieb er 1914 die Erschütterung seines Vorgesetzten Josephus Daniels über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs dessen »Glauben an die menschliche Natur, die Zivilisation und ähnlichen idealistischen Unsinn« zu. Er war für frischfröhliche Aggression in Mexiko, Japan und anderswo, empfahl wärmstens den von seinem Onkel Theodore Roosevelt in die Requisitenkammer der amerikanischen Außenpolitik aufgenommenen »großen Stock« und war der Mann der »big navy«, eine Art amerikanischer Tirpitz. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht empfahl er, da diese »gegen Anarchie und Bolschewismus, Klassenhaß und Snobismus« stehe und »Disziplin, gute Kameradschaft, Ordnung und einen verstärkten Amerikanismus« herbeiführe.

Die Nachkriegswelle des Wilsonianismus ließ ihn stutzen. Die langen Jahre auf dem Krankenlager schenkten ihm einen neuen Glauben, ebenjenen Glauben, den er anderthalb Jahrzehnte zuvor verspottet hatte. Er glaubte nun, daß es eine einheitliche, allgemeingültige Moral gebe, nach der sich die Einzelmenschen ebenso wie die Staaten zu richten hätten. Gut sei, wer die Moralgesetze befolge, böse, wer sie in den Wind schlage. Das Verhältnis von Gut und Böse bestimmte sich für Roosevelt nach der Formel »90 : 10«. 90 % der Völker waren für den Frieden, 10 % für den Krieg. 90 % der Journalisten hielten sich an die vom Präsidenten für seine Pressekonferenzen aufgestellten Spielregeln, 10 % nicht. 90 % der Geschäftsleute folgten dem im Spanischen Bürgerkrieg erlassenen moralischen Embargo, 10 % ließen sich vom Gewinnstreben leiten. 90 % der Menschen sind gut. Richtig angeleitet, handeln sie gut. Sie zum Fortschritt der Zivilisation zu führen, ist ein pädagogisches Problem, »denn die hervorragendste Aufgabe des Staatsmanns ist zu erziehen«. 10 % hingegen sind verstockt. Für sie ist der »große Stock« da.

Wenn Roosevelt Deutschland, Italien und Japan vorwarf, »vom brutalen Zynismus, von der gottlosen Verachtung des Menschengeschlechtes« beherrscht zu sein, so warf er ihnen die absichtliche Verletzung der allgemein gültigen Moralgesetze vor. Diese absichtliche Verletzung war böse. Und mit dem Bösen gibt es kein Paktieren. Das Kriegsziel stand für Roosevelt fest, noch ehe ein Krieg begonnen hatte. »Wir kämpfen, um die Welt von den alten Übeln, von den alten Krankheiten zu säubern.«

Die Bundesgenossen, die Schulter an Schulter mit den Vereinigten Staaten einer neuen Welt entgegenmarschierten, konnten nicht böse sein. Roosevelt hielt sie, auch wenn er an ihnen noch den einen oder anderen Makel erblickte, für erziehbar und beeinflußbar. Man konnte mit Geduld und Gottvertrauen dem Augenblick entgegensehen, in dem Churchill seine Kolonien und Stalin seine kämpferischen Gottlosen fahren lassen werde. Denn im Grunde ihrer Seelen waren sie beide gut und nicht verstockt. Roosevelt war der festen Überzeugung, daß Wandlung durch Annäherung erfolge. Sicher sah er anfangs die moralische Weltordnung in Volk und Regierung von Großbritannien und USA verkörpert. Die moralische Weltordnung war somit auch eine christliche und angelsächsische. Die Erweiterung der Kriegskoalition durch die Sowjetunion und China war für Roosevelt eine Herausforderung, aus den neuen und weniger christlichen Bundesgenossen Mitträger der moralischen Weltordnung zu machen. Roosevelt erkannte sehr wohl die Grenzen, die einer Bevormundung der Sowjetunion gesetzt waren. Als Realpolitiker, der an das Prinzip des Gebens und Nehmens glaubte, entwickelte er Rußland gegenüber die Politik des »Noblesse oblige«, die das ideale Ziel der Erstellung der neuen Weltordnung mit dem realen Prinzip des Interessenausgleichs verband. Roosevelt glaubte durch Konzessionen auf der Ebene der Interessen in Stalin jenes Vertrauen zu erwecken, das ihn auf der Ebene der moralischen Weltordnung zur Zusammenarbeit verpflichten mußte. Stalin ging auch auf diese Politik ein. Die Auflösung der Komintern (Juni 1943) und die Erlaubnis zur Wahl eines Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche (September 1943) gab er, um territorialen Gewinn und Förderung sowjetischer Interessen zu nehmen.

Aus der einen Moral angelsächsisch-christlicher Wurzel ging die moralische Einheit der Welt hervor, deren organisatorisches Spiegelbild auf der zwischenstaatlichen Ebene den Namen der Kriegskoalition der Vereinten Nationen (United Nations) übernahm. Roosevelt war überzeugt, daß die Sonderrolle der Vereinigten Staaten darin bestünde, daß ihnen die moralische Führung der Welt zustehe, die durch die wirtschaftliche und militärische nur ergänzt werde. Seien die Vereinigten Staaten nicht die einzige Nation, die eine territorialen Ambitionen und keine alten Feindschaften habe? Würden sich ihnen – und nur ihnen – nicht die übrigen Staaten voller Vertrauen anschließen, (sofern sie nicht böswillig seien)?  . . .

Wenn Amerika sich für die moralische Einheit der Welt verantwortlich fühle, so müsse es sich auch vor Augen führen, daß deren organisatorische Verwirklichung unter den gegebenen Machtverhältnissen nur durch die Zusammenarbeit der vier Großmächte zu erreichen sei. Die konkrete Vertretung der Moralgesetze forderte den Zusammenhalt der Großmächte, für den Opfer zu bringen durchaus moralisch war.

Den Böswilligen (10 %) gegenüber war jedoch, was den Großmächten gegenüber moralisch war, eindeutig unmoralisch. Ihnen gegenüber hätten die vier Großmächte die Rolle eines »Sheriff« zu übernehmen, der dafür zu sorgen habe, daß kein Staat das Recht in die eigene Faust nehme. Alle Staaten außer Großbritannien, den USA, der Sowjetunion und China seien zu entwaffnen. Würde einer der entwaffneten Staaten Ansätze der Böswilligkeit zeigen, so solle er vorerst blockiert werden. Helfe das nicht, so wäre die Bombardierung durch die Luftstreitkräfte der Großmächte einzuleiten.  . . .

Die Verschwörung der Deutschen
In der »Schlacht um Amеrika« hatte sich eine neue politische Nomenklatur durchgesetzt. Waren die Liberalen der alten Tage die Progressiven der Agrarstaaten gewesen, die den Kampf des alten Amerika der Vorbürgerkriegszeit gegen Wall-Street, europäische Einflüsse und die industrielle Ostküste führten, so speisten sich die neuen Liberalen gerade aus diesen europäischen Einflüssen. Der Kernmythos der Fortschrittlichen etwa, der der Verschwörung (conspiracy), wanderte über die Fronten. Die Populisten der 90er Jahre hatten an eine »Verschwörung« der Bankiers geglaubt. Diese hätten sich in den Besitz der Verfügungsgewalt über den Geldumlauf gesetzt, den sie so regelten, daß sie das Land je nach ihrem augenblicklichen Interesse in Inflation oder Deflation stürzten.
Das Netz der Geldmächte sei international und hätte sein Zentrum in London. Ihr Symbol sei das (ausländische) Gold, das gegen das (inländische) Silber bevorzugt werde. Die monetäre Verschwörungstheorie der Populisten bediente sich, wie jede Verschwörungstheorie, einer entschlüsselnden Geschichtsschreibung. Einzelne Ereignisse, Zitate oder Dokumente ergeben mit dem Schlüssel des Wissens um die Verschwörung gelesen einen neuen Sinn, aus dem dann die weitestgehenden Folgerungen gezogen werden können.

Immer wenn sich die politische Wirklichkeit nicht nach den moralischen Erwartungen richtet und Emotionen das Festhalten um jeden Preis an diesen Erwartungen gebieten, liefert die Verschwörungstheorie einen einleuchtenden Schlüssel für den enttäuschenden Lauf der Dinge. Die radikalen Liberalen der 30er Jahre waren in der amerikanischen Innenpolitik im Kampf gegen Kartelle und Trusts gescheitert. Als die Welle der militärischen Expansion Amerikas sie in sämtliche Erdteile spülte, trugen sie die Bitterkeit der erlittenen Niederlage und deren Erklärung aus Verschwörungen mit sich. Opfer der weltweiten Verschwörungen sei jedoch nicht mehr die amerikanische Bevölkerung, sondern die Weltzivilisation. Ziel einer weltweiten Verschwörung war nicht mehr der »Griff in die Tasche des Bürgers«, der noch von der Antitrustbewegung gegeißelt wurde, sondern der »Griff zur Weltmacht«, wie ihn die Deutschen ansetzten. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß verrat die amerikanische Anklage unter Justice Robert Jackson den Anklagepunkt 1 – Gemeinsamer Plan oder Verschwörung. Im Abschnitt IV der Anklageschrift lesen wir, daß die Angeklagten fortan mit dem Sammelnamen »Nazi-Verschwörer« bezeichnet würden.

Es ist nicht weiter überraschend, daß die Lehre von der Naziverschwörung schnell in den Hintergrund trat. Das völlige Erlöschen des Nationalsozialismus und seiner Partei ließ diese auch als lohnende Gegner verschwinden. Um so üppiger wuchsen dafür die Verschwörungstheorien, in denen die Nationalsozialisten als braune Marionetten, die an Fäden tanzten, welche von hintergründigen Mächten gezogen wurden.

Die wichtigsten Verschwörungslehren waren die über die Junker, die Industriellen, den Generalstab, die Geopolitiker und die deutschen Philosophen:

1. »The Junkers« als Verschwörer waren beim Durchschnittsamerikaner besonders populär, da dieser sich unter ihnen durch die Assoziation mit junk – Müll etwas Konkretes vorstellen konnte. Die Junker hätten in Deutschland die Regierungen gestellt, die Verwaltungen kontrolliert, die Weimarer Republik sabotiert, Freikorps gebildet und endlich Hitler in den Sattel gesetzt. In den Samurai, den »Junkern des Ostens«, fanden sie ihr gleich kriegerisches Pendant. Preußen galt als der Junkerstaat, wobei es niemanden interessiere, daß es in der Weimarer Zeit die Hausmacht der Sozialdemokraten gewesen war. Die Verschwörung der Junker sollte durch die Auflösung Preußens (Kontrollratsgesetz Nr. 46: »Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist …«) und die von den Amerikanern geplante und den Russen durchgeführte Bodenreform beendet werden.

2. Auch die »Verschwörung des deutschen Generalstabs ist ein Evergreen aus der Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges. Nach dem stellvertretenden amerikanischen Außenminister und außenpolitischen Vertrauten Roosevelts Sumner Welles sei der Generalstab »ein nur halb sichtbarer Orden«, der sich der langfristigen Vorausplanung von Kriegen weihe, während die angelsächsische Politik immer nur auf bereits eingetretene Ereignisse reagiert habe und somit dem Generalstab unterlegen gewesen sei. Der Generalstab habe zwar den »Hitlerismus als sein Werkzeug benützt«, den Krieg jedoch frühzeitig verloren gegeben und alle Kraft auf die Vorbereitung des Dritten Weltkrieges konzentriert. …

3. War die Junker-Verschwörung eine Marotte, so hatte die weitverbreitete Lehre von der Verschwörung der Industriellen eine sehr brisante innenpolitische Note. Wurden die deutschen Kartelle »entlarvt«, so stellte sich unmittelbar die Frage: »Was ist mit den amerikanischen Trusts?« Damit diese Frage auch richtig verstanden wurde, war das Zusammenspiel amerikanischer und deutscher Industrieller eines der Lieblingsthemen der Liberalen vor, während und nach dem Kriege. War in den 30er Jahren argumentiert worden, daß die Industrie um der Rüstungsgewinne willen Amerika in den ersten Weltkrieg verwickelt habe, so wurde in den 40er Jahren mit gleicher Überzeugung behauptet, daß die Industrie aufgrund ihrer Kartellabsprachen das Entstehen des für Kriegszwecke nötigen Produktionsvolumens verhindert habe. Überall dort, wo vor Kriegsbeginn ein Kartell gewesen sei, sei nach Kriegsbeginn eine Produktionslücke aufgetreten.
Im Glauben, daß das Dritte Reich ein Kind der industriellen Monopole sei, trafen sich Kommunisten und radikalliberale Trustbuster. In den Konsequenzen, die man aus dieser wichtigsten Verschwörungstheorie zog, spiegelt sich darum auch der jeweilige Stand des amerikanisch-sowjetischen Verhältnisses. Die Dekartellisierung, die Industriellenprozesse (Krupp, Flick, IG-Farben) und die Wirtschaftspolitik der Direktive JCS 1067 waren Ölzweige, die der Sowjetunion entgegengehalten wurden. …

5. Von geringerer aktueller Bedeutung war die Lehre von der Verschwörung der deutschen Philosophen. Zur Bewältigung der Gegenwart gehört, daß man politisches Mißgeschick auf geistige Fehleinstellungen zurückführt. Schon für die französische Revolution waren die enzyklopädistischen Philosophen oder die bayerischen Illuminaten haftbar gemacht worden. Die Lehre von der Verschwörung des aufklärerischen Ordens der Illuminaten, der vom Ingolstädter Prof. Weißhaupt und dem bekannten Herrn von Knigge gelenkt wurde, war bis nach Neu-England gewandert. … Da der Beitrag der Deutschen zur Philosophiegeschichte nicht gering ist, so war auch die Suche nach deutscher philosophischer Kriminalität besonders ergiebig. Schon im Ersten Weltkrieg hatte der Kriegsbeitrag der alliierten und assoziierten Philosophen in der systematischen Belastung beinahe sämtlicher deutschen Philosophen seit Kant bestanden. John Dewey, Amerikas nationaler Philosoph, war 1915 mit seinem Buch »German Philosophy and German Politics« vorangeschritten. Er brauchte 1942 die Schrift für die Neuauflage kaum mehr zu aktualisieren.
Andere dehnten den Radius aus, indem sie Luther oder Leibniz auf die Anklagebank setzten. Neben diesen saß eine bunte Schar alldeutscher und völkischer Autoren der Jahrhundertwende, die in keinem Lexikon zu finden sind. Selbst dem Spezialkenner fällt es schwer, diese Gewährsleute der philosophischen Verschwörung ausfindig zu machen, zumal ihre Namen meist durch eifriges Tradieren verstümmelt aufgeführt wurden. …

Wenn so viele Verschwörungen zwischen den Grenzpfählen eines Landes ausgebrütet wurden, das kleiner war als Texas, mußte der Schluß gezogen werden, daß alle diese Verschwörungen nur Teilaspekte einer großen Verschwörung seien, die mit dem Volk gegeben war. Das deutsche Volk verschwöre sich seit Jahrhunderten gegen die Zivilisation. Bauer und Junker, Bürger und Fürst seien alle in diese Verschwörung verstrickt. Tief drang Paul Winkler, (The Thousand Years Conspiracy, secret Germany behind the mask. New York 1943) in die Geschichte ein. Wo andere den Mann im Braunhemd in Bismarck, Fichte, Turnvater Jahn oder Luther wiedererkannten, entlarvte Winkler Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen als den ersten Nazi.

In dem wohl meistgelesenen Buch über Deutschland, Louis Nizers »What to do with Germany?« (Harry S. Truman: »Jeder Amerikaner sollte es lesen«) erfährt die deutsche Geschichte folgende bündige Darstellung:
»Die Deutschen zerschlugen die lateinische Zivilisation in der Schlacht von Adrianopel (378) … Sie machten Krieg zu ihrem Beruf. Wo sie hintraten, starb die Kultur ab. Sie plünderten Paris, Arras, Reims, Amiens, Tours, Bordeaux und Dutzende anderer Städte, die in späteren Generationen von ihren kriminellen Nachfahren wiederholt heimgesucht wurden … Vier Jahrhunderte nach Adrianopel setzte Karl der Große die deutsche Tradition fort … Er versuchte, die Welt zu erobern, ein Refrain, der seitdem mit wahnsinniger und zerstörender Ausdauer durch die deutsche Existenz lief. Er führte jedes Jahr einen Krieg … die Deutschen folgten ihm mit der fanatischen Ergebenheit für die gleichen Prinzipien, die sie anleiteten, in unserer Generation dem Kaiser oder Hitler zu folgen … Im 12. Jahrhundert war der Führer ein anderer, aber das monotone Programm das gleiche. Da war es Friedrich Barbarossa, der den Frieden erdolchte. Die einzige Frage war, ob Italiener oder Slawen unterjocht werden sollten. Er wählte die Slawen und führte gegen sie mit fürchterlicher Brutalität Krieg. Nach dem Sieg verbot er den Gebrauch der einheimischen slawischen Sprachen und erließ strenge Verordnungen gegen die Juden. Durch das 14. Jahrhundert läuft der rote Faden deutscher Infamie  . . .

Die Lehre von der Welteroberung begann organisatorische Formen anzunehmen. Der Hansebund organisierte alle Deutschen in allen anderen Ländern aufgrund der Lehre, daß ihre Loyalität weiter den deutschen Führern galt. Die auslandsdeutsche 5. Kolonne von Hitlers Regime ist nur die erweiterte Kopie eines alten deutschen Kunstgriffs … Während des dreißigjährigen Krieges war die Brutalität der Deutschen im Kriege unvermindert. Sie überrannten Böhmen und verfolgten das tschechische Volk mit einer Wildheit, die nur von den Legionen der Nazis übertroffen wurde. Tausende von Geiseln wurden erschossen. Folter und Terror, die allgegenwärtigen Begleiter des deutschen Programms, gingen Hand in Hand… Führer, die die deutsche Kriegslust verkörperten, fehlten nie: der Große Kurfürst, der Soldatenkönig, den man als einen der widerlichsten Rüpel, die je lebten, beschrieben hat, Friedrich der Große, der jede Freiheit, die unter seinen Gefolgsleuten existierte, zerstörte und Preußen in eine militärische Autokratie umformte, deren einziges Ziel Krieg und Eroberung war… Der Nazismus ist keine neue Theorie, die aus den Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrags oder aus wirtschaftlicher Not entstanden ist. Er ist ein Ausdruck der deutschen Aspirationen, die in allen Jahrhunderten ihren Ausdruck fanden.«

Nizers Buch machte die verworrene deutsche Frage mit einem Schlage klar und durchsichtig. Der Leser Präsident Roosevelt, verteilte es an seine Kabinettsmitglieder; General Eisenhower versandte 100 000 Exemplare und ließ alle Offiziere seines Stabes Aufsätze über das Buch schreiben.

Des Kleinholzmachens war kein Ende. Doch sollte der allzu augenfällige Wuttanz mit der historischen Axt niemand dazu verleiten, Nizers historisches Gemälde der Kriegsspychose zuzuschreiben. Ihm liegt ein festumrissenes Deutschlandbild zugrunde, das ebenso zur Basis wilder Spekulationen wie feinsinniger Analysen werden kann. Ob es vor offenen Mäulern oder verkniffenen Lippen gepredigt wird, mag sich in Wortwahl und Beweisduktus niederschlagen, die Substanz berührt es nicht. Der Stock, aus dem die feurigen Blüten der amerikanischen Kriegspropaganda entsprossen sind, ist nie beseitigt worden. Seit einigen Jahren beginnt er wieder kräftig zu treiben, und der Tag ist abzusehen, an dem er wieder in voller Blüte stehen wird.

Der Grundton, auf den das Deutschlandbild der Kriegspropagandisten gestimmt war, war die Annahme, daß die Deutschen eine negative Sonderrolle in der Weltgeschichte spielten, die sich in ihrer Philosophie, ihrer Politik und ihrem Volkscharakter Ausdruck verschaffe. Wenn Deutschland der Träger einer Abirrung vom Hauptstrom der Weltzivilisation ist, dann muß es weltanschauungslogisch auch eine solche Weltzivilisation geben. Der Antigermanismus , der da glaubt, daß der deutsche Charakter negative Besonderheiten besitzt, die ihn zum dauernden Brutbett von Verschwörungen gegen die Zivilisation machen, bedingt weltanschauungslogisch den Panhumanismus, der eine Formel für die ideologische und organisatorische Zusammenfassung aller Völker in einer Weltgesellschaft oder einem Weltstaat anbietet.

Auf die Diagnose folgte die Therapie. War der Nationalsozialismus nur der zeitgemäße Ausdruck dauernder Aspirationen des deutschen Volkes, so mußte dafür gesorgt werden, daß diesem Volk für alle Zeiten die Möglichkeit genommen wurde, den Gang der Weltgeschichte zu beeinflussen – es mußte ausgeschaltet werden.
Diese Ausschaltung konnte auf verschiedene Weise vorgenommen werden. Unter anderem ist die biologische Ausschaltung des deutschen Volkes vorgeschlagen worden. In seinem noch vor dem amerikanische Kriegseintritt verfaßten Buch »Germany must perish« fordert Theodore N. Kaufman die Sterilisierung aller Deutschen in zeugungsfähigem Alter. Die sterilisierten Deutschen sollten dann auf die Nachbarvölker verteilt werden und bis zu ihrem Tode deren Sprachen sprechen.
In einer ähnlichen kanadischen Schrift wird das Programm auf die Formel »No Germany, there fore no more German wars« gebracht. Ein anderer Weg der biologischen Ausschaltung wurde in Harvard ausgearbeitet. Die deutschen Männer sollten als Zwangsarbeiter auf die Nachbarvölker verteilt werden und in ihrer Freizeit diese Völker biologisch auffrischen und mit den martialischen Eigenschaften der Deutschen versehen.

Eine weitere Form der Ausschaltung war die militärische. Durch eine vollkommene Entwaffnung, wie sie sämtliche Deutschland-Pläne vorsahen, sollten die Deutschen daran gehindert werden, eine Machtrolle in der Weltpolitik zu spielen. Neben der militärischen Entwaffnung, die keine Gegner fand, spielte die wirtschaftliche Entwaffnung die entscheidende Rolle. Weil die militärische Kraft einer Nation auf ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten beruhte, wie die Umwandlung der amerikanischen Friedenswirtschaft in eine außerordentlich leistungsfähige Kriegswirtschaft gerade bewiesen hatte, sollten alle industriellen Anlagen beseitigt werden, deren Umwandlung für Kriegszwecke möglich sei. Da der Erfindungsgeist jedoch aus Notlagen Vorteile zu ziehen vermag, sei vor allem die deutsche Forschung auszuschalten. Aneignung der deutschen Patente, Fortführung der Wissenschaftler, Verbot oder Kontrolle von Laboratorien und Instituten sowie die Kulturhoheit der Länder waren mögliche Wege zur Ausschaltung der Wissenschaft.

Neben der militärischen war vor allem auch die politische Ausschaltung Deutschlands durch seine Aufteilung in verschiedene Einzelstaaten im Gespräch. In unbestimmter Form waren alle Alliierten für die Teilung Deutschlands eingetreten. Zu konkreten Beschlüssen kam es in der Teilungsfrage jedoch nicht, da über die Form der Teilung keine Einigkeit erzielt werden konnte. Churchill und der amerikanische Außenminister Hull dachten daran, im Süden des zu teilenden Reiches ein neues lebensfähiges Staatsgebilde entstehen zu lassen, etwa in Gestalt einer Donaukonföderation (Bayern + Österreich + Ungarn mit Südtirol und einem Zugang zur Adria). Stalin dagegen war mehr an einem Machtvakuum im russischen Vorfeld interessiert und hatte zudem für Ungarn ganz andere Pläne. Strittig unter den Befürwortern der Teilung war auch die Frage, wie man ein späteres Wiederzusammenwachsen der Teile verhindern konnte. Für Roosevelt waren Teilungsfragen nur Teilfragen. Er war der staatsmännische Exponent der Position, die sich aus dem Zusammenspiel von Antigermanismus und Panhumanismus ergab. Das sicherste Mittel zur Ausschaltung Deutschlands war die Errichtung der Weltgesellschaft, die die Machtmittel dieser Erde bei den verbündeten Großmächten monopolisierte. Die Niederhaltung Deutschlands war nach Roosevelt eine Funktion des guten Zusammenwirkens der »vier Polizisten.«

Der die Öffentlichkeit in den letzten Kriegsjahren stark beschäftigende Streit, ob man Deutschland einen »harten« oder einen »weichen« Frieden verschreiben sollte, war im wesentlichen ein Streit der antigermanischen Richtung mit den Vertretern der Lehre von den »zwei Deutschland«. Das Regime der Nazi sei, behaupteten die letzteren, die Diktatur des einen (schlechten) über das andere (gute) Deutschland. Ein Karthago aus Deutschland zu machen, würde dem anderen »guten« Deutschland jede Chance nehmen. Die Sprecher der »Zwei-Deutschland-Theorie«, die sich unter der Leitung des Theologen Reinhold Niebuhr in der Organisation »American Friends of German Freedom« (später »Association for a Democratic Germany«) vereinten, waren meist emigrierte Sozialisten (auch religiöse Sozialisten) und deren amerikanische Freunde. Sie sahen im alliierten Sieg die Gelegenheit, das andere Deutschland in den Sattel zu setzen, reiten werde es schon können.

Durch Strukturreformen sei das schlechte Deutschland zu entmachten – durch Bodenreform die Junker, durch Besitzreform die Industriellen, durch Universitätsreform die falschen Philosophen, durch Verwaltungsreform die reaktionäre Bürokratie und der deutschnationale Richterstand -, dann werde sich das andere Deutschland schon von selbst in der richtigen Richtung entwickeln. Die Sozialisten, die für das andere Deutschland fochten, hatten dem alten demokratischen Glauben an das Volk noch nicht abgeschworen. Das Volk – die überwältigende Mehrheit – sei gegen Hitler, die Emigranten die freien Sprecher der zeitweise am Sprechen verhinderten Deutschen. Ein Volksaufstand könne jeden Tag den Beweis erbringen, daß dem so sei. Als der 20. Juli einen größeren Umsturzversuch brachte, war es jedoch – leider – der falsche Aufstand, und man wartete weiter auf den richtigen.

Dar Vertrauen auf die Majorität verblich immer mehr, aber der Glaube an die anderen Deutschen (wenn ihre Zahl auch nicht groß sei) blieb. Dorothy Thompson schrieb mit einem Unterton der Verzweiflung: »Nun, und wenn es nur noch zehn Deutsche mit einer einwandfreien Vergangenheit gibt, die mit uns in einem solchen Programm eins sind, dann wollen wir diese zehn Deutschen akzeptieren. Anzunehmen, daß es überhaupt keine Deutschen gibt, denen man trauen kann, hieße politisch die völlige Niederlage zugestehen.« Das Vertrauen in das Volk war zum Vertrauen in einige geschrumpft.

Der Amerikaner ist ein geselliger Mensch, der sich mit seinesgleichen bei den Rotariern, den Elks oder dem Ku-Klux-Klan- vereint. Kein Wunder, daß auch die antigermanischen Eiferer ihre Gesellschaft gründeten. Die Gesellschaft nannte sich »Society for the Prevention of World War III«, weil sie meinte, Maßnahmen gegen Deutschland anraten zu sollen, die es hinderten, nach den ersten beiden auch noch einen Dritten Weltkrieg zu beginnen. Es sind die gleichen Worte, die auch über dem Morgenthau-Plan stehen. Zum Vorsitzenden wurde der Kriminalschriftsteller Rex Stout gewählt. Stout, 1886 in Indiana in eine Quäker-Familie geboren, durchlief eine amerikanische Karriere in vielerlei Berufen und Beschäftigungen, bis er genügend Geld verdient hatte, um nach Paris überzusiedeln und sich dem psychologischen Roman widmen zu können. Doch die Wirtschaftskrise vernichtete seine Ersparnisse, und er ging mit großem Erfolg zur Kriminalschriftstellerei über, in der er mit seinem Bier und Orchideen liebenden Nero Wolfe Epoche machte. Das Abkommen von München veranlaßte ihn, der gelegentlich in der kommunistischen Zeitschrift »Masses« politisiert hatte, sich ganz der politischen Publizistik zuzuwenden. Er war in zahllosen Organisationen, wie dem »Writers War Board« (der Vereinigung der Kriegspropagandaschriftsteller), dem »Council of Democracy«, dem »Freedom House« tätig und galt als einer der einflußreichsten Stimmungsmacher.
Seine Spezialität war die Haßpropaganda, wie etwa aus dem Titel seines bekannten Artikels in der New York Times »Wir werden hassen – oder wir werden verlieren« hervorging, der von Ilja Ehrenburgs Beitrag »Haß ist Rußlands Munition« sekundiert wurde. Um Rex Stout herum gruppierte sich eine stattliche Zahl von Brüdern und Schwestern im Hasse. Vom Rest der Propagandisten des I. Weltkrieges, wie dem ehemaligen Botschafter in Berlin Gerard, der seine Erlebnisse unter dem Titel »Face to face with Kaiserismus« beschrieben hatte, über die antideutschen Journalisten wie Mowrer und William S. Shirer (»They are all guilty – punish them«) bis zu solchen Weltverbesserern wie Lewis Mumford war in den Reihen der Gesellschaft alles versammelt, was im Antigermanismus Rang und Namen hatte.

What to do with Germany?
Die Geschichte der amerikanischen Deutschlandplanung im Zweiten Weltkrieg ist die traurige Geschichte, wie Sachverstand und politische Verantwortung die Waffen strecken gegenüber dem ideologischen Fanatismus einer kleinen Gruppe, die sich gedeckt vom Sperrfeuer der »öffentlichen Meinung« frei zu entfalten vermag.
Nach einem kurzen Kräftemessen entglitt das politische Steuer den Händen des für die militärischen Aspekte der Deutschlandplanung zuständigen Kriegsministeriums und des für die zivilen Aspekte der Planung zuständigen Außenministeriums und geriet in den Griff jener Behörden, in denen sich die Liberalen verschanzt hatten, des Finanzministeriums unter Morgenthau, der Verwaltung für Außenwirtschaft (Foreign Economic Administration) unter Leo T. Crowley und des Amtes für Kriegsnachrichten (Office of War Information) unter Elmer Davis. Vom September 1944 ab war die Deutschlandplanung im Dreibehördenrahmen zwischen Kriegsministerium, Außenministerium und Finanzministerium abzusprechen. Das Finanzministerium, das für die Deutschlandplanung im Grunde so wenig zuständig war wie andere nicht beteiligte Ministerien, wurde von Roosevelt in seiner Eigenschaft als Sprecher des liberalen Antigermanismus eingeschaltet. Senat und Repräsentantenhaus waren durch Roosevelts System des persönlichen Regiments bei der amerikanischen Nachkriegsplanung ohne Einfluß. Das Kriegsministerium war in sich gespalten, da sich die Civil Affairs Division (Leiter: General Hilldring) dem liberalen Antigermanismus angeschlossen hatte, während der zuständige stellvertretende Kriegsminister John McCloy eine nicht ganz durchsichtige, vermittelnde Position einnahm. Das Außenministerium allein konnte dem Ansturm der Antigermanen nicht standhalten, deren durchschlagendstes Argument war, daß sie den neuen Geist der Vereinten Nationen repräsentierten, während das Außenministerium lediglich das veraltete amerikanische Nationalinteresse verrat.

Roosevelt entzog die Außenpolitik dem Einflußbereich des Kongresses, indem er Erklärungen und Protokolle unterzeichnete, Verwaltungsabkommen schloß und so völkerrechtliche Verträge, die der Genehmigung des Kongresses bedurft hätten, vermied. Eine dieser Erklärungen ist die der Vereinten Nationen, die am Neujahrstag 1942 von Roosevelt, Churchill, Litwinow und Sung unterzeichnet wurde. Die Unterzeichner stellten fest, daß sie in gemeinsamem Kampf gegen einen wilden und brutalen Feind stünden, dessen vollständige Niederlage für die Bewahrung der Menschenrechte und der Gerechtigkeit grundlegend sei. Sie verpflichteten sich, ihre ganze Kraft in diesem Kampf einzusetzen und keinen Separatfrieden zu schließen. Im übrigen beriefen sie sich auf die vielstrapazierte Atlantic-Charta. Als Churchill im Weißen Haus gerade in der Badewanne saß, wurde er von Roosevelt gefragt, ob man die Kriegskoalition nicht die der Vereinten Nationen nennen könne. Churchill brummte seine Zustimmung, die Vereinten Nationen traten ins Leben.

Einen Tag nach der Unterzeichnung im Weißen Haus durch die vier Großmächte, durften die übrigen neugebackenen Vereinten Nationen ihre Unterschriften im Büro von Adolf Berle im Außenministerium abliefern. Es war ein wenig ansehnlicher Troß, der sich aus den britischen Dominien, 8 Exilregierungen und 9 mittelamerikanischen Satelliten der Vereinigten Staaten zusammensetzte. Daß der Tag der Vereinten Nationen am 14. Juni, dem Tag der amerikanischen Flagge, begangen wurde, galt als gutes Omen dafür, daß die neue, etwas gemischte Koalition dem amerikanischen Geist entsprechen würde. Man war der Überzeugung, daß eine (entsprechend ausgewählte) amerikanische Tradition in die neue und eine Welt hinüberleiten werde.
Für den ersten »Tag der Vereinten Nationen« sprach Roosevelt demnach über den Rundfunk das folgende Gebet: 

»Gott der Freien, wir geloben heute unser Herz und unser Leben der Sache der gesamten Freien Menschheit. Unsere Erde ist nur ein kleiner Stern im großen Universum. Aber wir können, so wir wollen, aus ihr einen Planeten machen, der unbelästigt ist vom Kriege, verschont ist von Hunger und Furcht, ungespalten ist durch die sinnlosen Unterscheidungen von Rasse, Hautfarbe und Theorie. Der Geist des Menschen ist erwacht, und die Seele des Menschen ist vorangeschritten. Gib uns das Geschick und den Mut, die Welt von der Unterdrückung und der alten gemeinen Lehre, daß die Starken die Schwachen aufessen müssen, weil sie stark sind, zu säubern. Schenke uns einen gemeinsamen Glauben, daß der Mensch Brot und Frieden, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, Freiheit und Sicherheit, Gelegenheit und die gleiche Chance, sein Bestes zu tun, nicht nur in unserem Land, sondern in der ganzen Welt, kennenlernen wird. Und in diesem Glauben laßt uns marschieren, auf die saubere Welt zu, die unsere Hände schaffen können. Amen.«

Die Architekten dieser neuen sauberen Welt waren nicht übermäßig besorgt, daß die Mitarbeit der Sowjetunion ihr geplantes Gebäude zum Einsturz bringen könnte. Näher und bedenklicher waren für sie die architektonischen Gefahren, die sich aus dem eigenen Lager erhoben. Eifersüchtig wurden Versuche beobachtet, an eine politische Planung, insbesondere eine Deutschlandplanung, heranzugehen, die nicht vom neues Geist der Vereinten Nationen inspiriert waren. Man war gewappnet, daß von der Diplomatie und der militärischen Führung auf der einen, von der Industrie auf der anderen Seite Quertreibereien zu erwarten seien, und Wachsamkeit war das Gebot der Stunde. …
Im Frühjahr 1943 ließ er im Kriegsministerium eine Abteilung für Zivilangelegenheiten errichten, deren Leiter Generalmajor John Hilldring als Stadtkommandant im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg einige unliebsame Erfahrungen gesammelt hatte.

In dieser Zivilabteilung ging es sehr zivil zu. An den Schlüsselstellen saßen neben den die Kompetenzen der Abteilung löwenhaft verteidigenden Rechtsanwälten Männer, die die politischen Visionen des Liberalismus teilten. Unter ihnen war John Boettiger, Roosevelts Schwiegersohn, dessen Frau Anna ständigen Umgang mit ihrem Vater hatte. Die in deutschen Fragen treibende Kraft der Abteilung war der Oberst David Marcus. Marcus war der »starke Mann« der extrem liberalen und Roosevelt persönlich treu ergebenen Stadtverwaltung der »Fusionisten« von New York. Marcus‘ Tätigkeit ist in Dunkel gehüllt. Die einzige Biographie über ihn ist ein Heldenbuch für Kinder im Alter von 6-10 Jahren. In einem Nachruf in der »Saturday Evening Post« wurde Marcus‘ Karriere folgendermaßen skizziert: »Nach Dienst mit seiner Division im Pazifik wurde er nach Washington zur Dienstleistung im Stab von General Marshall zurückgesandt und dort mit einer Reihe von Sonderaufträgen betraut, die Präsident Roosevelt auf ihn aufmerksam machten. Er begleitete Roosevelt später nach Jalta und Teheran und war mit Truman in Potsdam…
Er löste einige der wichtigsten Aufgaben hinter verschlossenen Türen, wobei er häufig direkt an das Weiße Haus berichtete. Er half mit, die Kapitulationsurkunden zu entwerfen, die Italiener und Deutsche unterzeichneten. Er arbeitete das Programm für die Militärregierung in den besetzten Gebieten aus und ging selbst an Ort und Stelle, um zu sehen, daß es auch ausgeführt wurde.« Marcus, der bei Kriegsende die Planungsabteilung der Civil Affairs Division leitete, war in der Nachkriegszeit erst im Stab des Militärgouverneurs in Deutschland, dann im Stab von MacArthur in Japan, ab Juni 1946 wieder in Washington, diesmal als Leiter der Abteilung für Kriegsverbrechen. Im April 1947, als das Ende der liberalen Phase der amerikanischen Politik sich deutlich abzeichnete, trat er aus der Armee aus und eröffnete ein Anwaltsbüro in der Fifth Avenue. Aber auch hier hielt es den ruhelosen Geist nicht lange. Er trat unter einem falschen Namen in die israelische Armee ein und fiel am 11. Juni 1948 vor den Toren Jerusalems.
Die Planung des Vorgehens der Armee bei der Besatzung war Sache der Civil Affairs Division in Washington. …
Anfang 1944 waren die Absolventen der Schulen von Charlottesville und Fort Custer in England eingetroffen. 2000 künftige Angehörige der Militärregierung wurden in der neuerbauten Kadettenanstalt von Shrivenham zusammengefaßt. Über die Grundsätze der Besatzungspolitik gab es kaum Vorschriften, und einige mehr naive Offiziere gingen sogar so weit, diese aus dem Text der Atlantic‑Charta zu entwickeln. Das zusammenfassende »Handbook for Military Government« lag im August 1944 nach drei Umarbeitungen druckfertig vor, als Henry Morgenthau als liberaler Deus ex machina in London erschien, die geleistete Arbeit annullierte und dafür sorgte, daß die Besatzungsplanung an den Pulsschlag des amerikanischen Liberalismus und der antigermanischen Ideologie angeschlossen wurde.
Nicht nur von seiten des Pentagon, auch von seiten des State Department witterten die Liberalen Gefahr. Die »gestreiften Hosen« der Diplomaten wurden von ihnen im gleichen Maße als Fremdkörper in der amerikanischen Demokratie angesehen wie der »brass« (Messing der Rangabzeichen) der Generale. Militär und Diplomatie schienen Rudimente des europäischen Zeitalters der Machtpolitik, deren Aussterben im Zeitalter der friedlichen Harmonie und Gesinnungspolitik man entgegensehen konnte. …

Inzwischen hatte die liberale Öffentlichkeit den »Fall Darlan« zu einem Testfall für die Behandlung außenpolitischer Fragen aufgebaut. Darlan, ein ehemaliger Minister der Vichy-Regierung, war in Nordafrika zu den Alliierten übergegangen. Diese bedienten sich seiner Dienste. Die Öffentlichkeit sah darin ein Paktieren mit dem Faschismus. Der »Fall Darlan« wurde zwar mit mäßiger Eleganz durch die Ermordung des Generals (am 24. 12. 1942) geregelt, die aufgeputschte Öffentlichkeit wollte aber ein für allemal festgelegt wissen, daß mit »Faschisten« nicht verhandelt werden dürfe. …

An der Stätte des Wirkens Darlans forderte Roosevelt zum Abschluß der Konferenz von Casablanca vor der Presse am 24. Januar 1943 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands, Italiens und Japans. Die Form der Beendigung des Krieges durch bedingungslose Kapitulation ging nach dem Wortlaut der Erklärung Roosevelts aus dem Kriegsziel der totalen Ausschaltung der militärischen Macht der genannten Staaten hervor. Ob Roosevelt die Forderung improvisiert habe (Churchill), ob bereits beim Mittagessen am 23. 1. darüber gesprochen worden sei (Elliott Roosevelt) oder ob schon Monate zuvor die Formel in interministeriellen Besprechungen aufgetaucht sei (Herbert Feis), ob das Ziel der Erklärung war, einen Sonderfrieden zwischen der Sowjetunion und Deutschland zu verhindern oder den Widerstandswillen in den von den Achsenmächten besetzten Ländern zu fördern, ist umstritten. Unumstritten ist die Wirkung der Formel. …

Die Erklärung von Casablanca war eine Erklärung des totalen Krieges bis zum totalen Sieg, die alle Brücken abbrach und das diplomatische Spiel zum Erliegen brachte. …
Was nach der bedingungslosen Kapitulation mit Deutschland zu geschehen habe, interessierte die amerikanische Öffentlichkeit mehr als die Regierung. Diese hielt dafür, daß die Zukunft Deutschlands im Rahmen der Nachkriegsordnung zu sehen sei. Ein Kriegsziel, über das ohne weiteres Einigkeit bestand, war die militärische Ausschaltung Deutschlands durch seine vollständige Entwaffnung. Roosevelt und Molotow hatten am 1. 1. 1942 ihr Einvernehmen in diesem Punkte festgestellt. Aus der Entwaffnung, die Roosevelt ja für alle Staaten außer den vier Großmächten vorgesehen hatte, folgte die Vernichtung der politischen Existenz Deutschlands, das sein Schicksal jedoch mit allen anderen Nichtgroßmächten teilte. Der Streit zwischen den Anhängern des »harten« und des »weichen« Friedens ging um die Frage, ob und in welchem Maße auch die zivile Existenz Deutschlands zu vernichten sei.
Roosevelts Nachkriegskonzeption war nicht unbestritten. Seine Vorstellung der Viermächte-Treuhänderschaft über die Welt und die Vorstellung seines Außenministers Hull einer Erneuerung des Völkerbundes zwischen gleichberechtigten Staaten waren nur schwer auf einen Nenner zu bringen. …

Im Sommer 1943 erzwang Hull den Rücktritt seines Stellvertreters Welles, der über den Kopf des Ministers hinweg Roosevelts private Außenpolitik gemacht hatte. Als Roosevelt Welles daraufhin als seinen persönlichen Vertreter zur Moskauer Außenministerkonferenz entsenden wollte, bestieg der greise Hull zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug und flog im Oktober 1943 nach Moskau. Hier gewann er die vorläufige sowjetische Unterstützung seines Konzepts einer Weltorganisation, basierend »auf der souveränen Gleichheit aller friedliebenden Staaten«, gegen das Treuhänderschafts-Konzept Roosevelts. Hull legte Molotow auch ein Deutschland-Memorandum vor, das zwei Beamte des Außenministeriums vorbereitet hatten. Molotow berichtete, daß Stalin »begeistert« sei. Im Laufe der Verhandlungen stellte es sich jedoch heraus, daß die Vorschläge des Memorandums (Bedingungslose Kapitulation, Besetzung durch die drei Mächte, restlose Entwaffnung, Auflösung der NSDAP) von den Russen als Minimum-Programm betrachtet wurden. …
So begann das westlicherseits mangelhaft koordinierte Spiel um das Tranchieren des deutschen Bratens, dessen erste Moskauer Scheiben mit der Abtrennung Ostpreußens auf den sowjetischen Teller und mit der Abtrennung Österreichs und dessen Behandlung als »befreites Gebiet« zwischen die Teller fielen.

Was mit Restdeutschland zu geschehen habe…
… Moskau war durch die Kriegführung voll in Anspruch genommen und zögerte seine Anweisungen oft monatelang hinaus. In Washington hatte sich die Deutschlandpolitik im verschlungenen Kräftespiel der verschiedenen Strömungen in und außerhalb der Regierung verfangen, und Abwarten war für Roosevelt die innenpolitisch beste Lösung.

Das Ergebnis der anderthalbjährigen Sitzungen waren mehrere Kapitulationsurkunden, die Zoneneinteilung und die Errichtung des Kontrollrats für Deutschland. Die Kapitulationsurkunde sollte eine juristische Fassung der Erklärung von Casablanca sein. Es stellte sich heraus, daß eine Rooseveltsche Erklärung in juristische Terminologie zu fassen, gar nicht so einfach war, da der »neue« Geist schlecht in das »alte« Völkerrecht paßte. Die Engländer als die Fußkranken der neuen Weltordnung wollten eine genaue Abgrenzung der Rechte der Besatzungsmächte, die Amerikaner forderten ein generelles »mandate for change«, während die Russen vor allem an der Zerschlagung der deutschen Wehrmacht und der Überführung der gesamten deutschen Armee in die Gefangenschaft interessiert waren. Alles andere würde man schon späterhin regeln.

Es kam zu einem Kompromißdokument, das die Zustimmung der vier Regierungen fand, nur daß es, wie sich im Frühjahr 1945 herausstellte, nicht brauchbar war, da es eine deutsche Zivilregierung als Kapitulationsunterzeichner voraussetzte. Man machte sich daher an die Abfassung eines neuen Dokuments, das denn auch prompt vier Tage nach der deutschen Kapitulation fertig wurde. In dieser »Erklärung über die Niederlage Deutschlands und die Übernahme der obersten Gewalt in Deutschland« sollten die vier Oberkommandierenden von sich aus die Kapitulation Deutschlands erklären. Doch die Zeit hatte gedrängt und Eisenhower nicht länger gewartet. Er ließ nach Abstimmung mit den Russen eine militärische Kapitulationsurkunde ausarbeiten, der auf Drängen Winants noch ein allgemeiner Ermächtigungsparagraph eingefügt wurde. Eisenhowers Urkunde wurde am 7. und 8. Mai in Reims und Berlin von den Vertretern der Wehrmacht unterzeichnet, während die Erklärung des Londoner Viermächteausschusses (inzwischen war im November 1944 auch der französische Botschafter hinzugekommen) am 5. Juni 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst von den vier Oberkommandierenden unterfertigt wurde.

Die anderen Londoner Ergebnisse waren nicht viel glückhafter. In der Zoneneinteilung (September 1944) wurde (unbeabsichtigt) die Magna Charta der Teilung Deutschlands nebst permanenter Berlinkrise erarbeitet, und was aus dem Kontrollrat geworden ist (November 1944), ist allgemein bekannt. Der amerikanische Botschafter in London, John Winant, war kein Karrierediplomat, sondern der zu Roosevelt übergelaufene ehemalige republikanische Gouverneur New Hampshires. Sein britischer Kollege Strang schildert ihn als »eine sich selbst marternde Seele.« Winant war eine zeitgemäße Kopie seines Meisters Roosevelt, mit dem er über den Marine‑Code unter Umgehung des Außenministeriums direkte Verbindung hielt. Er glaubte mit Roosevelt, daß man sich auf menschlicher Basis mit den Russen verständigen müsse. Als Botschafter Murphy ihn darauf hinwies, daß die westlichen Zugangsrechte nach Berlin vertraglich gesichert werden sollten, sagte er, daß das Zonenabkommen nicht umgestoßen werden dürfe, da es nur zustande gekommen sei, weil er und Botschafter Gusew so gute Freunde geworden seien. Er glaubte daran, daß man in Berlin und anderswo sein Geschick in die Hände der Russen legen sollte, diese würden sich durch Annäherung wandeln. Sie würden das ihnen erwiesene Vertrauen und die nach dem Ende des diplomatischen Zeitalters herrschende Arglosigkeit zu schätzen wissen und sich ‑ noblesse oblige ‑ bei dem Aufbau der neuen Weltordnung kooperativ erweisen. Winant überlebte den Zusammenbruch dieser neuen Ordnung nicht. Er setzte 1947 seinem Leben ein Ende.

Die Stunde Morgenthaus
Der Rahmen der so folgereichen Londoner Vereinbarungen mußte so oder so mit einem Inhalt gefüllt werden. Die Zonen waren festgelegt, wobei der Streit zwischen den Engländern und Amerikanern bis zum September 1944 darum gegangen war, wer die südliche und wer die nördliche Zone in Westdeutschland erhalten sollte. Was in der Zone getan und welche Politik im Kontrollrat verfolgt werden solle, war damit aber noch nicht ausgemacht. Die Londoner Planung der anglo‑amerikanischen German Country Unit in Eisenhowers Hauptquartier konnte die Beendigung der Richtungskämpfe in Washington nicht abwarten. Sie brauchte handliche Richtlinien für die einmarschierenden Truppen. Im Sommer 1944 lag ein zusammenfassendes Handbuch über die Besetzung Deutschlands druckfertig vor. 
Da traf in London der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau jr. ein. Auf dem Flug nach London hatte ihm (nach Morgenthaus eigener Darstellung) sein engster Mitarbeiter Harry Dexter White ein Memorandum des Außenministeriums zur Frage deutscher Reparationen als Reiselektüre vorgelegt. Morgenthau schrieb: »Ich lehnte mich zurück, um es zu lesen, erst mit Interesse, dann mit Zweifel, schließlich mit entschiedenstem Widerspruch.« Und Morgenthau beschloß, sich in die deutsche Frage einzuschalten.

Die Einschaltung Morgenthaus war nicht so zufällig, wie er es darstellte. Er selbst war von Anfang an für einen scharfen Kurs in der Deutschlandpolitik empfänglich gewesen. Das Netz jedoch, auf dem von nun an die unter seinem Namen laufende Endlösung der deutschen Frage vertreten werden sollte, war von Harry Dexter White aufgebaut worden. Ob White ein Agent der Sowjetunion war oder nicht, ist nie eindeutig geklärt worden. Außer jedem Zweifel steht jedoch, daß White im Ministerium ein Netz von persönlichen Vertrauten und Zuträgern aufbaute, das ihm zur Verfolgung seiner persönlichen Politik diente. Zwei dieser Vertrauten waren Oberst Bernard Bernstein, Leiter der Finanzabteilung der SHAEF Civil Affairs Division, der White über die Planungen in Eisenhowers Hauptquartier, und L. C. Aarons, Finanzberater von Botschafter Winant, der ihn über die Arbeiten der Europäischen Beratungskommission auf dem Laufenden hielt.

Morgenthau will nach einem Besuch bei Eisenhower auf die Idee gekommen sein »Warum sollte man Deutschland nicht überwiegend zu einer Nation von Kleinbauern machen?«.
Als langjähriger Herausgeber einer landwirtschaftlichen Fachzeitschrift glaubte er zu wissen, »daß Menschen, die dem Boden nahe sind, dazu tendieren, ein ruhiges und friedvolles Leben zu führen.« Doch Morgenthaus Deutschlandpolitik war kaum so plötzlich entstanden, wie er glauben machen wollte. Denn schon fünf Tage nach dem Besuch bei Eisenhower konnten er und Harry Dexter White an einem heißen August‑Tag auf dem Rasen vor einem englischen Landhaus Winant, dessen Mitarbeitern Penrose und Mosely, sowie dem ungebeten anwesenden Oberst Bernstein einen detaillierten Deutschlandplan vortragen. Mosely widersprach heftig und wies nach, daß das Ergebnis von Morgenthaus Plan die Kontrolle Europas durch die Sowjetunion sein würde.. Doch dieses Argument wirkte bei Morgenthau und den Seinen nicht so durchschlagend, wie Mosely meinte. Moselys Einwurf, daß die Vereinigten Staaten nicht zwei Weltkriege geführt hätten, um Deutschland und mit ihm Europa den Sowjetrussen zu unterwerfen, galt ihnen vielmehr als ein Beweis des machtpolitischen Unverständnisses für die sich anbahnende moralische Weltordnung.

Morgenthau informierte sich weiter. Eden zeigte ihm das Protokoll der Teheraner Konferenz (Nov./Dez. 1943) der großen Drei, aus dem hervorging, daß Roosevelt an eine deutsche Teilung dachte, während Stalin umfangreiche Reparationen und die Entindustrialisierung Deutschlands befürwortete. Am 17. August flog Morgenthau nach Washington zurück. Er vergewisserte sich erst, was der Außenminister Hull über die Deutschlandfrage dachte. Dieser erzählte, daß er niemals die Protokolle der Teheraner Konferenz gesehen habe, daß man ihm nicht mitteile, was in der Spitzenplanung vorgehe und daß ihm bedeutet worden sei, die Deutschlandplanung sei Sache der Armee, nicht des Außenministeriums. Morgenthau ging dann zu Roosevelt, der sich dahingehend äußerte, man müsse »tough« sein, nicht nur mit den Nazis, sondern auch mit dem deutschen Volke. Nachdem Morgenthau so festgestellt hatte, daß er auf dem erwünschten Wege war, setzte er einen Ausschuß des Finanzministeriums aus Harry Dexter White, Ansel Luxford und John W. Pehle ein, die einen neuen Deutschlandplan ausarbeiten sollten, der Roosevelts und Stalins Teheraner Anregungen verschmolz.

Als Morgenthau eine Woche später, am 25. August, wieder Roosevelt aufsuchte, zog er das »Handbook for Military Government in Germany«, das wie andere amtliche Dokumente von Whites Vertrauensmännern Bernstein und Aarons nach Washington gebracht worden war, hervor. Morgenthau hatte einen Auszug der »weichen Stellen« dabei. Roosevelt ließ den Kriegsminister Stimson und den stellvertretenden Marineminister Forrestal kommen und bemerkte, daß er gerade über das Handbuch der SHAEF gehört habe. Es wäre zu »weich«. Die Deutschen dürften den niedrigsten Lebensstandard eines der von ihnen besetzten Länder nicht überschreiten. Seine Stellungnahme unterstrich er durch ein Memorandum, das mit den Worten »Das sogenannte Handbuch ist ziemlich schlecht« begann. Der Kern der Argumentation Roosevelts war, daß dem deutschen Volk als Ganzem beigebracht werden müsse, daß es sich in eine gesetzlose Konspiration gegen die Würde der modernen Zivilisation eingelassen habe.

Der Ausschuß des Finanzministeriums unter White hatte am 2. September 1944 seinen Plan fertiggestellt und legte ihn den Vertretern des Außen‑ und Kriegsministeriums vor. Der Plan unterschied sich nur in einem Punkt von dem späteren Morgenthau‑Plan. Das Ruhrgebiet sollte nicht entindustrialisiert, sondern nur von Deutschland abgetrennt werden. Der Morgenthau‑Plan ist die Grundlage aller weiteren Deutschlandplanung. Wenn der Verfasser der eingehendsten deutschen Untersuchung über die amerikanische Deutschlandplanung schreibt, daß es die Planung eines Außenseiters sei, der die langjährigen Arbeiten der Fachleute vom Tische fegte, verkennt er die Natur der persönlichen Regierung von Franklin D. Roosevelt. Roosevelts Anordnung an Außen‑ und Kriegsminister, daß sie einen »harten« Deutschlandplan ausarbeiten sollten, anderenfalls sie bei der Deutschlandplanung übergangen würden, entspricht eher dem Wesen dieses Regimes. Der Morgenthau‑Plan war die ausgereifte Deutschland‑Konzeption des New‑Deal-Liberalismus. …

Ein Kabinettsausschuß unter Harry Hopkins erhielt die Aufgabe, eine Deutschlandpolitik auf der neuen Basis auszuarbeiten. Am 6. September beriet er mit Roosevelt und Morgenthau. Dieser benutzte die Gelegenheit, im Gegensatz zum White‑Plan die Zerstörung der Ruhr‑Industrie zu fordern. Es bleibt offen, ob der Unterschied zwischen White und Morgenthau darin bestand, daß White der sowjetischen Politik näher stand und das Ruhrgebiet der Sowjetunion erhalten wollte, während Morgenthau den reinen Antigermanismus vertrat. Roosevelt erklärte, daß man das Ruhrgebiet eigentlich für Großbritannien erhalten müsse. Morgenthau griff einige Tage später das Argument auf und meinte, daß gerade die Zerstörung des Ruhrgebietes die britische Wirtschaft stützen würde, da sie so die deutschen Märkte übernehmen könne. Roosevelt meinte jetzt, es sei das erste Mal, daß jemand behaupte, die Zerstörung der deutschen Wirtschaft nütze Europa. »Alle Wirtschaftler leugnen es. Ich aber stimme zu«, soll er laut Morgenthau gesagt haben. Eine Einigkeit der verschiedenen Ministerien war nicht zu erzielen.

Roosevelt fuhr (wie gewöhnlich ohne seinen Außenminister) nach Quebec, wo er am 12. September Churchill traf. Kaum angekommen, schickte er Morgenthau ein Telegramm, er solle kommen. Morgenthau kam und hatte am 15. September Roosevelts und Churchills Unterschrift auf einem Plan mit 14 Punkten erlangt. Die an Wilsons 14 Punkte erinnernden 14 Punkte des Morgenthau‑Planes (»Program to prevent Germany from starting a World War III«) sehen den baldigen Abzug der amerikanischen und britischen Truppen aus Deutschland und die Durchführung der geplanten Maßnahmen durch russische, französische und sonstige kontinentaleuropäische Truppen vor. Deutschland sei nach dem Verlust einiger Gebiete im Osten und Westen in einen süddeutschen und norddeutschen Staat zu teilen. Ein großer Teil Westdeutschlands, mit dem Ruhrgebiet als Kern, sei einer den Vereinten Nationen zu unterstellenden Zone einzuverleiben, in der sämtliche industriellen Ausrüstungen zu zerstören oder zu demontieren seien. Der wesentliche Gedanke des Planes ist, daß die Aufrechterhaltung der deutschen Wirtschaft (nach Durchführung der Demontagen) nicht die Aufgabe der Militärregierung, sondern des deutschen Volkes sei. Durch scharfe Restriktionen des Außenhandels und des Kapitalimportes sei die Wiederrichtung einer für militärische Zwecke verwendbaren Industrie zu unterbinden. Aber das Elend verwalten sollten die Deutschen in eigener Regie. Es ist der Grundgedanke der auf diesem Programm fußenden »Chaos‑Schule«, daß die Alliierten ihre Sicherungsmaßnahmen ergreifen sollten, daß aber die Folgen für die deutsche Bevölkerung sie nichts angingen. Daher sieht der Morgenthau‑Plan auch keine Reparationen aus der laufenden Produktion oder durch Geldzahlungen vor, da diese Leistungen ja eine funktionierende Wirtschaft voraussetzen würden. Doch der Morgenthau‑Plan hat noch eine andere Seite: die Nichtintervention in die deutsche Wirtschaft (Punkt 8 und 9) soll begleitet werden durch die Intervention in das Bildungswesen, die Presse, den Rundfunk (Punkt 6). Der (negative) Verzicht auf wirtschaftliche Lenkung, der zur völligen Verelendung führen mußte, sollte durch die (positive) seelische Lenkung ergänzt werden, die auch noch Elend vergoldet. …

Der Morgenthau‑Plan wurde von Roosevelt und Churchill nicht in einem Zeitpunkt unterzeichnet, der ein ruhiges Ausreifen gestattet hätte. Er fiel vielmehr in die große politische Krise des Zweiten Weltkriegs, die Entscheidungen von dauernder Wirkung herbeiführte.
Die Alliierten unter der Führung Eisenhowers standen vor Aachen. Montgomery war der Ansicht, daß bei einem energischen Durchstoß die Besetzung des Ruhrgebietes und evtl. der Durchbruch nach Berlin glücken konnten. Eisenhower bremste ab, und niemand hat je bestritten, daß er ein guter Interpret des in Washington herrschenden Meinungsgleichgewichts war. Die Rote Armee überschwemmte im Osten Teile von Finnland, Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien. Die dramatischen Ereignisse des Aufstandes in Warschau, bei dem die amerikanischen Beobachter zu bemerken begannen, daß die Russen nicht so sehr für den gemeinsamen Sieg, als für die Expansion des auf die militärische Macht der Sowjetunion gestützten Kommunismus kämpften, bahnten einen Stimmungsumschwung an. Der Rausch der Hoffnung auf das Entstehen einer neuen Welt ebbte ab. Die antigermanischen und panhumanistischen Konstrukteure der neuen Welt begannen zu spüren, daß ihre Herrschaft nicht ewig dauern würde. Es war der letzte Zeitpunkt gekommen, wo auf der Flut der Kriegspsychose politische Beute in den Hafen gebracht werden konnte.

Als der Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches täglich erfolgen konnte, gelang es dem Finanzministerium, einen vorläufigen Deutschlandplan im Dreiministerienausschuß durchzusetzen, der den Ideen Morgenthaus folgte. Da Roosevelt und Churchill den Plan des Finanzministeriums in Quebec unterzeichnet hatten, schien den übrigen Ministerien ein weiterer Widerstand sinnlos. Oberst David Marcus von der Civil Affairs Division des Kriegsministeriums setzte den Morgenthau‑Plan in eine Direktive für den Oberkommandierenden der amerikanischen Besatzungstruppen um. Die Vertreter des Finanzministeriums stimmten begeistert zu. Am 22. September, nur eine Woche nach der Unterzeichnung (oder Paraphierung) von Quebec, fand unter Leitung von Harry Hopkins eine ganztägige Sitzung im Amtszimmer von McCloy im Pentagon statt. Die Vertreter des Finanzminieriums erklärten, daß der vorliegende Entwurf die Zustimmung Roosevelts habe. Die übrigen Minister gaben ihren Widerstand auf und unterzeichneten. Es war die erste Fassung jener Direktive JCS 1067, die in ihrer sechsten Fassung die Grundlage der amerikanischen Deutschlandpolitik bis zum Sommer 1947 war, die in ergänzter Form im Potsdamer Abkommen der drei Mächte Sowjetunion, Großbritannien und USA als Basis der gemeinsamen Deutschlandpolitik anerkannt wurde und die für diejenigen, die behaupten, daß das Potsdamer Abkommen noch gültig ist, die Grundlage für den heutigen Status Deutschlands bildet.

Kaum war die Tinte der Unterschriften auf der vorläufigen Direktive getrocknet, ging Morgenthau daran, diese auch den Engländern aufzunötigen. Er war über Whites Gewährsleute Bernstein und Aarons in den Besitz eines britischen Deutschlandplanes vom September 1944 gekommen. Er verfaßte eine Entgegnung, in der er den Briten vorschlug, sich ihrerseits der vorläufigen Direktive vom 22. September 1944 anzuschließen. Er kritisierte vor allem, daß der britische Plan ungenügende Vorkehrungen

1. für die Zerstörung der deutschen Schwerindustrie und Kontrollen gegen eine Reindustrialisierung,
2. territoriale Abtrennungen vom Reich, besonders die des Ruhrgebiets,

3. Teilung Deutschlands,

4. Dezentralisierung,
5. Wiedergutmachung und Reparationen,

6. Aufbau des deutschen Erziehungswesens,

7. Bodenreform,
8. Bestrafung der Kriegsverbrecher enthielt.



Er hatte als nahestehenden Adressaten den Berater Churchills Lord Cherwell. Die Engländer überlegten, ob die von Morgenthau geführten Kreditverhandlungen ohne ihre Zustimmung zu seiner Deutschlandpolitik zum Erfolg zu führen seien.
Während Morgenthau versuchte, seinen Plan durch englische Unterstützung zu untermauern, war das Ganze in die Öffentlichkeit gedrungen. Jemand hatte am 21. September dem liberalen Journalisten Drew Pearson, der davon lebte und heute noch lebt, wöchentlich Indiskretionen einem auf Kulissenblicke wartenden Publikum zu bieten, eingeweiht.
Aus dem Morgenthau‑Plan wurde das Schlagwort »Ackerbau und Weideland« herausgepickt und eine eifrige Diskussion begonnen, bei der die Gegner dieses Schlagwortes überwogen. Roosevelt, der vor den Wahlen stand, nahm an, daß die Vertreter maximaler Schärfe in der Deutschlandpolitik auf jeden Fall für ihn stimmen würden, während die Stimmen derjenigen, die von geringeren Hassgefühlen geleitet waren, von beiden Kandidaten umstritten sein würden. Er begann, sich aus der Sache herauszuziehen. Seinem Kriegsminister erklärte er, er wisse nicht, wie seine Unterschrift unter den Morgenthau‑Plan gekommen sei, er müsse ohne viel Nachdenken unterzeichnet haben.
Morgenthau hatte ihm schon immer dazu gedient, Projekte probeweise zu vertreten, von denen und deren Urheber Roosevelt sich im Ernstfalle distanzieren konnte. Morgenthau, so meinte der Präsident jetzt, »had pulled a boner«. Roosevelt wandte sich allerdings nicht einer anderen Deutschlandpolitik zu, sondern bis auf weiteres keiner. Am 20. Oktober schrieb er an Hull, daß keine Eile in der Deutschlandplanung geboten sei und er es überhaupt nicht für nötig halte, »detaillierte Pläne für ein Land, das wir noch nicht besetzt haben«, zu machen. Und auf die Anfrage des neuen Außenministers Stettinius weigerte er sich Ende November ausdrücklich, den amerikanischen Vertretern im European Advisory Council irgendwelche Anweisungen über die zukünftige Behandlung Deutschlands zukommen zu lassen.

Auch wenn es in der Planungsspitze zu einem vollständigen politischen Stillstand kam, mußte auf den unteren Ebenen doch weiter an der Vorbereitung der Besetzung Deutschlands gearbeitet werden. Die German Country Unit hatte das Verbot ihres Handbuches nicht überlebt. Sie wurde im August 1944 aufgelöst, um Rußland nicht den Verdacht zu liefern, daß England und Amerika in Deutschland gemeinsame Politik machen würden. …

Bernstein flog im Januar 1945 nach Washington, um die Deutschlandplanung (im Morgenthauschen Sinne) nach dem Stillstand der Winter‑ und Wahlmonate wieder anzukurbeln. Am 23. März 1945 wurde als letzte Zusammenfassung der amerikanischen Deutschlandpolitik vor Potsdam ein Policy-Memorandum vom interministeriellen Ausschuß mit den Unterschriften von Morgenthau und White (Finanzen), McCloy und Hilldring (Krieg), Grew, Clayton und Matthews (Äußeres) und Coe (Foreign Economic Administration) Roosevelt überreicht, der es mit seiner Unterschrift versah. Das Memorandum, Roosevelts Testament in der Deutschland-Politik, trägt alle Kennzeichen der Morgenthau‑Schule: »Deutschlands rücksichtslose Kriegführung und der fanatische Widerstand der Nazis haben Deutschlands Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht.«
Diesem Chaos solle von der Besatzungsmacht nicht Einhalt geboten werden. Sie solle sich nur mit dem Zweck einmischen, Hungersnöte und solche Epidemien und Unruhen zu verhindern, die die Besatzungsstreitkräfte gefährden würden. Auch die Zahlung von Reparationen sei kein Grund für die Aufrechterhaltung der deutschen Wirtschaft und dürfe keinesfalls als Entschuldigung für die Erhaltung einer Schwerindustrie oder die Gewährung von Krediten an Deutschland verwendet werden.

Von Jalta nach Potsdam
In Jalta mußte die Entscheidung fallen. Viel Zeit war im Februar 1945 nicht mehr zu verlieren, da der Krieg sich dem Ende zuneigte. Sollte die Kriegskoalition zum Fundament der neuen Weltordnung gemacht werden, dann war der letzte Moment gekommen, abzuschließen. Roosevelt war entschlossen, sein Lebenswerk zu retten. Stalin sparte nicht mit freundlichen Trinksprüchen. Er verlieh Roosevelt nicht zu Unrecht den Ehrentitel eines »Schmieds der Anti‑Hitler-Koalition.« …
Roosevelt wollte unverzüglich eine Weltordnung errichten, während er über deutsche oder polnische Fragen jedes Abkommen zu vermeiden suchte. Er stand nicht nur vor der Aufgabe, Stalin, sondern auch den amerikanischen Kongreß zum Beitritt zur Weltorganisation zu überreden. Er mußte darauf achten, daß die Opposition gegen Einzelabmachungen, die er in Jalta traf, nicht einen Widerstand gegen Amerikas Beitritt zur Weltorganisation hervorrief. Stalin wiederum legte Wert darauf, daß seine künftige Politik nicht durch die Weltorganisation präjudiziert wurde. Es ging ihm um die Sicherung seines Herrschaftsbestandes. Die Konferenz von Jalta war ein Erfolg. Roosevelt und Stalin erreichten, was sie wollten ‑ Roosevelt hatte die Hindernisse aus dem Weg geräumt, die der Gründung der Organisation der Vereinten Nationen im Wege standen, denn Stalin verzichtete großmütig auf die von ihm geforderten 16 Sitze in der Vollversammlung der Vereinten Nationen für die 16 Gliedstaaten der Sowjetunion und begnügte sich mit zwei zusätzlichen Sitzen für die Ukraine und Weißrussland, die besondere Verdienste im Kampf mit Deutschland erworben hätten. …
Der heikelste Gegenstand der Jalta‑Konferenz war nicht die deutsche, sondern die polnische Frage. Diese zehrte an den Nerven des Zukunftsplaners wie des Parteipolitikers Roosevelt. Der Parteipolitiker mußte mit der Stimmung der polnischen Minderheit in Amerika, die ihn bisher unterstützt hatte, rechnen. Dem Zukunftsplaner bereitete es Kopfzerbrechen, daß die Art und Weise, in der die Sowjets mit Rumänien umsprangen, zwar als gerechte Strafe für faschistische Missetaten interpretiert werden konnte, daß aber Polen nicht zu den zu bestrafenden Missetätern zu zählen war. Daß sich die Sowjetunion mehr nach geographischen als nach moralischen Gesichtspunkten richtete, konnte dem Amateurgeographen Roosevelt nicht entgehen. …

Die Deutschlandfrage war, wie Stalin bald feststellte, in Jalta noch nicht spruchreif. Das Verrücken der polnischen Grenzen auf der einen Seite mußte ein Verrücken auf der anderen Seite nach sich ziehen. Mit Ostpreußen war nicht mehr gedient. Nun war Roosevelt bereit, bis zur Oder zu gehen. Stalin nahm dankend, was er bekam ‑ um den Rest würde er das nächste Mal bitten. Stalin legte die alten Aufteilungspläne auf den Konferenztisch. Churchill und Roosevelt trugen jedoch zur Diskussion nur ein schlechtes Gewissen bei. …

Jubilierend verließen die Amerikaner die Konferenz von Jalta. Hopkins schrieb: »Wir glaubten im Herzen wirklich, ein neuer Tag sei angebrochen, der Tag, den wir alle seit Jahren ersehnt hatten. Wir waren absolut überzeugt, den ersten großen Friedenssieg gewonnen zu haben.« In der Tat, die weitere Zusammenarbeit mit den Russen war gesichert, zu welchen Bedingungen, war da nicht so wichtig. In Jalta wurden die Weichen gestellt, in Potsdam fuhr der Zug.
Vom 17. Juli bis zum 1. August 1945 fand in dem dem deutschen Kronprinzen gehörenden Schloß Cäcilienhof ohne Einwilligung des Besitzers die »Berliner Konferenz« statt. Es war ein eigenartiger Triumph Stalins, in der deutschen Hauptstadt als Gastgeber auftreten zu können. …

Truman hatte das Zustandekommen der Konferenz nicht billig erkauft. Gegen den Willen Churchills ordnete er den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Thüringen, Sachsen, Sachsen‑Anhalt an. Churchill klang das wie ein »Totengeläut«. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als in Mecklenburg nachzuziehen. Die höfliche Vorlieferung für die Potsdamer Konferenz war die Freimachung eines Territoriums, auf dem die Russen ihre Deutsche Demokratische Republik errichten lassen konnten. Denn ein Blick auf die Karte zeigt, daß der Frontverlauf vom Juni 1945 die russische Besatzungszone halbiert hatte. …

Das »Potsdamer Abkommen«, das aus dem Protokoll der Potsdamer Konferenz besteht und nicht ratifiziert wurde, behandelt Deutschland in den Abschnitten
III (Deutschland ‑ Politische und wirtschaftliche Grundsätze),
IV (Reparationen aus Deutschland),
V (Die deutsche Kriegs‑ und Handelsflotte),
VI (Stadt Königsberg und das anliegende Gebiet),
VII (Kriegsverbrecher),
IX (Polen) und
XIII (Ordnungsmäßige Überführung deutscher Bevölkerungsteile). … …

Teil 2: Die Charakterwäsche


Im psychologischen Zeitalter
Die Psychoanalyse war in Wien konzipiert, in Zürich klinisch erprobt worden, in den Vereinigten Staaten setzte sie sich in Herz und Hirn von Millionen fest. Wenn eine einzelne Geistesströmung für die amerikanische Kultur repräsentativ ist, so ist es die psychoanalytische. In Europa wurde die Psychoanalyse nach einigen Ausbruchsversuchen in den (deshalb?) »Goldenen Zwanziger Jahren« von den Psychiatern unter festen Verschluß genommen. In Amerika hat sie längst alle Zunftschranken durchbrochen und sich in Wissenschaft und Leben als erste Kulturmacht etabliert. Wenn kürzlich eine UNESCO‑Schrift lehrte: »Die Psychoanalyse ist nicht nur eine Therapie für Menschen, die an seelischen Störungen leiden, sondern auch eine umfassende allgemeine Theorie der Persönlichkeit, die sich auf den gesunden und kranken Geist gleichermaßen anwenden läßt« (Marie Jahoda), so gilt dergleichen in Amerika als Selbstverständlichkeit. Der Psychoanalytiker schaut der amerikanischen Mutter über die Schulter (Child Guidance Clinics), er wird alarmiert, wenn bei einem Kind schulische Leistung und I. Q. (durch Test festgestellter Intelligenz‑Quotient) voneinander abweichen, er regelt den sexuellen Haushalt der Teenager und die Berufswahl der Twens.

Zehntausende von Social Workers sorgen als Laien‑Psychoanalytiker für die Verbreitung der neuen Doktrin in den einkommensschwachen Volksschichten. Spitzenverdiener legen sich dagegen auf die Couch eines Mitglieds der exklusiven American Psychoanalytical Society. Auf dem Broadway wird kaum ein Stück aufgeführt, das nicht die eine oder andere psychoanalytische Doktrin verarbeitet. Und die Autoren können sicher sein, daß das Publikum weiß, worum es sich handelt.

Die Psychoanalyse hätte in Amerika kaum mit so viel Begeisterung rechnen können, wäre der Boden nicht durch eine Bewegung vorbereitet worden, die das Interesse für geistige Krankheit und geistige Gesundheit in die weitesten Kreise trug. Die Mental‑Health‑Bewegung (früher Mental Hygiene ‑ Psychohygiene) wurde von einem Jura‑Studenten namens Clifford Beers gegründet. Beers war in verschiedenen staatlichen Irrenanstalten interniert gewesen. Nach einer jahrelangen tiefen Depression geriet er in einen euphorischen Zustand und brachte seine begeisterten Ideen zu Papier. Er faßte den Plan einer Reform der Irrenanstalten. Wie die ansteckenden Krankheiten durch Vorbeugung (Impfung) bekämpft worden seien, so müsse man auch den Geisteskrankheiten vorbeugen. Für diese Vorbeugung prägte Beers‘ Berater, der Common-Sense‑Psychiater Adolf Meyer, den Namen Psychohygiene (Mental Hygiene). Beers veröffentlichte 1908 seine Autobiographie »A Mind That Found Itself « (1945 erschien die 25. Auflage), der Eisenbahnmagnat Henry Phipps gab das Geld, und die »Connecticut Society for Mental Hygiene« nahm 1909 ihre Arbeit auf. Die Bewegung setzte sich in Amerika allmählich durch und wurde im Kielwasser der amerikanischen Expansion nach 1941 über den ganzen Erdball verbreitet. 1947 verabschiedete der Kongreß einen Mental Health Act, der der Bewegung staatliche Anerkennung und die Verfügung über umfangreiche Gelder sicherte. In diesem und dem folgenden Jahr fanden große internationale Kongresse in Paris und London statt. 1948 wurde die »World Federation for Mental Health«, in der Gesellschaften aus 42 Ländern zusammengefaßt wurden, gegründet. Die UNESCO-Ideologie speist sich nicht zuletzt aus der Mental‑Health‑Bewegung. Die Mental-Health‑Bewegung, die in der Medizin eine ähnliche Rolle spielt wie »Reader’s Digest« auf dem Zeitschriftenmarkt sieht laut Encyclopedia Americana die geistige Gesundheit in einer »gesunden Einstellung des Individuums gegenüber sich selbst und der Umgebung, in der es lebt, so daß es ein Maximum der Selbsterfüllung erreicht«.

Das psychoanalytische Zeitalter begann in Pearl Harbour. »Während der Depression«, heißt es in einer 1964 zusammengestellten Anthologie über Psychoanalyse und gegenwärtige amerikanische Kultur, »glaubten wir nicht, aus irgendeiner Form der Psychoanalyse ernstliche soziale Folgerungen ziehen zu müssen. Wir taten sie als Spielzeug reicher Leute ab.« Der Aufstieg der Psychoanalyse von einem Luxusartikel der High Society zur bestimmenden Sozialmacht hinterließ in der Lehre Freuds ihre Spuren. Diese paßte sich nicht nur der menschlichen Szenerie der Vereinigten Staaten dynamisch an, sondern nahm auch den sozial‑missionarischen Geist der Mental-Health‑Bewegung in sich auf.

Von den Neo‑Freudianern wurde zwischen einem Kern allen Menschen gemeinsamer Bedürfnisse, etwa Hunger, und den übrigen von der kulturellen Umwelt abhängigen Trieben unterschieden. »Jene Triebe«, so lehrte Erich Fromm, »welche die Unterschiede im Charakter der Menschen ausmachen, wie Liebe, Haß, Machtgier, Unterwürfigkeitsdrang, Sinnenfreude und Sinnenfurcht, sind dem Gesellschaftsprozeß unterworfen und resultieren aus ihm.« …
Unter den Wortführern der neofreudianischen Richtung, die in Amerika die Stationen der Entwicklung des Dritten Reiches beantworteten, waren Erich Fromm (geb. 1900), der wandlungsreiche Modephilosoph, Karen Horney (1885-1952), die Mutter der Schauspielerin Brigitte Horney, und Harry Stack Sullivan (1892‑1949), der in psychiatrischen Fachkreisen angesehene Praktiker. Die neofreudianische Gruppe begann um 1936 mit der kulturanthropologischen Schule des Ethnologen Franz Boas (1858‑1942) ‑ vor allem Edward Sapir (1884‑1939), Ruth Benedict (1887 bis 1948) und Margaret Mead (geb. 1901) – zusammenzuarbeiten…

Die Kulturanthropologen hatten die »Verschiedenheit und die Gleichheit der kulturellen Umwelt und deren Konsequenzen für das menschliche Verhalten« zu ihrem Thema gemacht. Aus dem ethnologischen Material, das sich beim Studium primitiver Stämme ansammelte, versuchten sie, »auf den Geist einer Kultur, ihre Konfiguration, d. h. ihre Gestalt« (Franz Boas) zu schließen und umgekehrt das ethnologische Material von der Gestalt her zu deuten. Bei den Stämmen verschiedener Naturvölker suchten die Kulturanthropologen nach kontrastierenden Eigenschaften, um zu beweisen, daß diese Eigenschaften nicht aus der Rasse, sondern aus der kulturellen Umwelt zu erklären waren und sich mit dem »kulturellen Wechsel« (cultural change) auch änderten. …

Ähnliche Studien betrieb Ruth Benedict bei amerikanischen Indianerstämmen. Der Zuni in Neumexiko versuche jedes Rennen zu verlieren und habe eine höllische Angst, ein Amt zu übernehmen. Wenn ein solches zu vergeben sei, dann müsse ein Zuni mit Gewalt zur Übernahme gezwungen werden. Diese Erkenntnisse waren geeignet, aus ihnen einen praktischen Nutzen zu ziehen. Was lag näher, als aus den kriegerischen Deutschen Zuni zu machen, da die menschliche Natur ja wandelbar ist? In der Tat wandten sich die Kulturanthropologen mit Kriegsbeginn von den Primitiven ab und im amtlichen Auftrag den modernen Nationen zu, wobei Ruth Benedict die Japaner und Margaret Mead die Europäer vornahm …

Das Zusammenfließen von Kulturanthropologie, neofreudianischer Psychiatrie und der Psychohygiene führte zu einer neuen Bewegung für die Integration der Wissenschaften, die sich mit den menschlichen Beziehungen befassen. Die Bewegung wurde durch die Gründung der »Washington School of Psychiatry« institutionalisiert. Diese stand unter der Leitung des Neo‑Freudianers Harry Stack Sullivan (1892‑1949). Nach langjähriger psychiatrischer Praxis an staatlichen Anstalten hatte er sich als einer der meistverdienenden Psychiater in New York niedergelassen, um dort seinen Lebensabend mit Forschungen zu verbringen. »Aber der Tod eines seiner Mitarbeiter und das Abkommen von München (über den Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich d. V.) änderten seine Pläne. Nach den Ereignissen vom September 1938 schien es Dr. Sullivan klar, daß Forschung weniger wesentlich war als die Formulierung einer praktischen Psychiatrie für den nationalen Ernstfall (den Krieg ), der nicht mehr vermeidbar war. Er kehrte nach dem Süden zurück. In Washington gründete er die auf gelbes Papier gedruckte Zeitschrift »Psychiatrie ‑ Zeitschrift für die Biologie und Pathologie zwischenmenschlicher Beziehungen« und trat in eine enge Arbeitsgemeinschaft mit den Instanzen, die die psychologische Kriegführung (im Sinne der Propaganda und im Sinne der Änderung der Psychologie der Besiegten) vorbereiteten. Aus der psychoanalytischen Theorie wurde in wenigen Jahren eine politische Praxis eigener Art.

Die Psychoanalyse wird politisiert
Die Politisierung der Psychoanalyse kam nicht von ungefähr, sondern aus Frankfurt am Main. Dort hatte 1930 Max Horkheimer das Institut für Sozialforschung übernommen. Das Institut war auf sozialdemokratisches Betreiben nach dem Ersten Weltkrieg gegründet worden. Horkheimer löste es nach Eintreten der Wirtschaftskrise vom musealen Sozialismus und machte es mit seiner sozialphilosophischen Fragestellung im Dreieck Marx-Hegel‑Freud zu dem unter den Studenten als »Marxtempel« bekannten Magneten der linksintellektuellen Jugend.

Die jungen Dozenten und Assistenten, die sich um das Institut scharten, sollten später beinahe alle bekannt werden. Es waren Friedrich Pollock (1894‑1964), Theodor Adorno (geb. 1903), Herbert Marcuse (geb. 1898), Erich Fromm (geb. 1900) und Leo Löwenthal (geb. 1900), denen auch Walter Benjamin nahe stand. Der Ausdruck Sozialforschung wies darauf hin, daß das Objekt der Untersuchungen des Instituts zwar die Gesellschaft war, der Umfang der Untersuchungen jedoch nicht durch die Grenzen der Fachsoziologie eingeschränkt werden sollte. Die letzten Jahre des Dahinsiechens der Weimarer Republik gaben die erregende Kulisse für das Entstehen der »kritischen Theorie«, die den »historischen Verlauf der gegenwärtigen Epoche begreifen« sollte. Bildeten die Kommunisten den willensmäßigen, die Sozialdemokraten den gefühlsmäßigen Flügel der Revolution von links, so standen die Sozialforscher im verstandesmäßigen Zentrum. Das Scheitern der linken Revolution war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Flügel miteinander verstritten waren und das Zentrum so in der Luft hing. 1933 wurde das Frankfurter Institut wegen »staatsfeindlicher Umtriebe« geschlossen. Doch Horkheimer hatte vorgebaut, das Institut wurde in New York an der Columbia‑Universität weitergeführt.

Bereits im Vorwort der »Zeitschrift für Sozialforschung« wurde die Förderung der Sozialpsychologie versprochen, wobei zum ersten Male die Psychoanalyse in ein sozialpsychologisches System einzubauen sei. Vor allem Erich Fromm, ein gebürtiger Frankfurter, förderte die Synthese von Marx und Freud. …
Was dem roten Frankfurt recht war, war dem roten Wien billig. … Einer der heute führenden amerikanischen Soziologen, Paul F. Lazarsfeld, berichtete über seinen Wiener Werdegang. … Damals sei das Wort umgegangen, daß die heraufziehende Revolution Nationalökonomen gebraucht habe, daß die siegreiche Revolution sich auf Ingenieure stütze und die gescheiterte Revolution Sozialpsychologen hervorbringe.

Auch in Wien fand eine Verschmelzung von Soziologie und Psychologie statt, einerseits im Werk des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, andererseits im Umkreis des Psychologenehepaares Karl und Charlotte Bühler. Wilhelm Reich (geb. 1897) war in Wien Freuds erster Assistent (1922‑1928) gewesen. Sein Versuch, die Psychoanalyse mit kommunistischen klassenkämpferischen Parolen zu verschmelzen, hatte ihn jedoch Freud entfremdet, der schon bei Mussolinis »Marsch auf Rom« auf den Vorwurf, weder rot noch schwarz zu sein, geantwortet hatte: »Nein, man sollte fleischfarben sein.«

In den Jahren der deutschen Krise entwickelte Reich seine eigene »sex‑ökonomische« Lehre. Reich ordnete die politischen Hauptströmungen den drei Schichten des menschlichen Charakters zu. Die oberste Schicht sei die Schicht der Kooperation, der Vernunft, der Rücksichtnahme; die unterste Schicht sei die der schöpferischen Triebe, denen alle geistigen und künstlerischen Leistungen entsprängen, die unterste Schicht könne sich jedoch nicht mit der obersten durchdringen, da sie durch eine mittlere Schicht abgeleitet werde, in der alle Egoismen, Sadismen, Selbstsucht und Brutalität zu Hause seien. Der obersten Schicht sei der Liberalismus zuzuordnen, der untersten die revolutionäre Linke, der mittleren der Faschismus. Denn man könne die Zeitgeschichte nicht begreifen, wenn man den Faschismus für eine politische Idee halte, die mit politischen Mitteln an die Macht dränge. »Der Faschismus ist nur der politisch organisierte Ausdruck der durchschnittlichen menschlichen Charakterstruktur.«

In diesem charakterologischen Sinn ist >Faschismus< die grundlegende emotionelle Haltung des Menschen in der autoritären Gesellschaft, die die Gesellschaft der Gegenwart überhaupt sei. Es sei daher widersinnig, den Faschismus aus dem deutschen oder japanischen Volkscharakter abzuleiten. Seine charakter‑analytischen Erfahrungen hätten Reich gezeigt, »daß es heute nicht ein einziges Individuum gibt, das nicht Elemente faschistischen Fühlens und Wollens in sich trägt«. »Der Faschismus als politische Bewegung unterscheidet sich von anderen reaktionären Parteien dadurch, daß er von den Massen des Volkes unterstützt wird.« »Faschismus ist auf einer Religiosität aufgebaut, die aus einer sexuellen Perversion stammt; er ändert den masochistischen Charakter der alten patriarchalischen Religionen in eine sadistische Religion.«

Wer den Faschismus bekämpfen wolle, müsse davon ausgehen, daß die »zentrale reaktionäre Keimzelle« die Familie sei. »Da die autoritäre Gesellschaft sich durch die Familie reproduziert, folgt, daß die politische Reaktion die autoritäre Familie als Basis des Staates und der Zivilisation verteidigt«. Kern der autoritären Familie sei eine Mutter‑Fixierung. »Die Mutter ist die Heimat des Kindes und die Familie die Nation en miniature.« Daher seien »metaphysisches, individualistisches und familiäres Verhalten nur verschiedene Aspekte der Sex‑Negation«. Die autoritäre Familie lösche die Frau und die Kinder als Geschlechtswesen aus, indem sie die Frau in der Mutter‑Funktion aufgehen lasse und die Sexualität der Kinder unterdrücke. Demgegenüber sei die sexualkulturelle Revolution auch das politische Heilmittel. 


Der autoritäre Charakter
Der Erfolg der Psychoanalyse beim Publikum beruhte nicht zuletzt auf den Reizen des Spiels mit analytischen Charakterlehren. Seit Freuds erster einschlägiger Studie »Charakter und Analerotik« (1918) wurden die Charaktere aus den Entwicklungsstufen der frühkindlichen Sexualität abgeleitet. Freuds Schüler Karl Abraham etwa unterschied zwischen oralen, analen, phallischen, urethralen und genitalen Charakteren. Erich Fromm machte mit der Politisierung der Charakterlehre Epoche. Die gesellschaftsgeschichtliche Gesamtschau lehrte ihn, daß sich der Mensch zunehmend auf die Freiheit hin entwickle. Die primären Bindungen, wie sie das Kind an die Mutter, den Wilden an die Natur und Sippe, den mittelalterlichen Menschen an Kirche, Stand und Zunft bänden, gingen zunehmend verloren. Der Mensch würde freier, aber auch einsamer. Der Einsamkeit versuche er in die sekundären Bindungen zu entfliehen. Er strebe die Symbiose, das Zusammenleben mit einem anderen an.
Nehme diese Symbiose die masochistische Form an, so führe sie zur Unterordnung, zum Versuch des Individuums, »Teil eines größeren, mächtigeren Ganzen außerhalb des eigenen Ichs zu werden, in ihm unterzutauchen und darin aufzugehen. Diese Macht kann ein Mensch, eine Institution, kann Gott, Volk, Gewissen oder eine Zwangsidee sein.« Nehme die Symbiose die sadistische Form an, so führe sie zum Versuch, sich etwas unterzuordnen. »Das Streben nach Macht ist die charakteristischste Äußerung des Sadismus.«  . . .

Da jedoch Sadismus und Masochismus gemeinhin als bestimmte sexuelle Perversionen und nicht als Charakterzüge (moralischer Sadismus und moralischer Masochismus) verstanden werden, sei es angezeigt, den sado-masochistischen Charakter in den »autoritären Charakter« umzutaufen. Ein sado‑masochistischer Charakter sei immer durch seine positive Einstellung zur Autorität zu erkennen. Er bewundere die Autorität und sei bestrebt, sich ihr zu unterwerfen. Gleichzeitig wolle er jedoch selber Autorität sein und andere sich gefügig machen.

Die Lehre vom autoritären Charakter bot den Schlüssel zur »Psychologie des Nazismus«. Fromm lehrte, ökonomische und psychologische Ursachen seien bei der Entstehung des Nationalsozialismus verbunden gewesen wie Kette und Schuß. Das deutsche Kleinbürgertum habe schon immer einen sadomasochistischen Charakter gehabt, der durch »Verehrung des Starken, Haß auf den Schwachen, Engherzigkeit, Feindseligkeit, Sparsamkeit bis zum Geiz« gekennzeichnet sei. Solange Thron und Altar jedoch noch unerschüttert waren, »genügte die Unterwerfung und Untertänigkeit unter die vorhandenen Autoritäten für seinen masochistischen Bedarf«.
Der Sturz der alten Ordnung 1918 habe es seelisch, die Inflation ökonomisch entwurzelt.
Aber »anstatt seine wirtschaftliche und soziale Lage klar ins Auge zu fassen, begann der Mittelstand, sein Schicksal in dem der Nation zu spiegeln«. Er projizierte seine eigene Inferiorität auf die Nation und begann den Kampf gegen Versailles«.  . . .

Als der American Jewish Congress die Lehre vom autoritären Charakter übernahm, wuchs dieser beträchtliche Resonanz zu. Im Mai 1944 hatte der American Jewish Congress eine Tagung einberufen, die eine wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen des rassischen Vorurteils ausarbeiten sollte. Aus der Tagung entstand eine Abteilung des American Jewish Congress für wissenschaftliche Forschung, deren Leitung Max Horkheimer übertragen wurde. Auf die Frage, warum in der Arbeit die Aspekte des Vorurteils betont würden, gab es folgende Antwort: »Unser Ziel ist, das Vorurteil zu erklären, um bei seiner Ausrottung zu helfen. Ausrottung meint Umerziehung, die wissenschaftlich geplant wird«.

Ziel der mit großem Aufwand betriebenen Untersuchung war die Aufdeckung »potentiell-faschistischer Individuen«. In ihrer Jugend werden die autoritären Persönlichkeiten häufig »durch einen strengen Vater oder durch Mangel an Liebe überhaupt gebrochen und wiederholen, um überhaupt seelisch weiterleben zu können, ihrerseits, was ihnen selbst einmal widerfuhr«. So klar der autoritäre Charakter beschrieben ist, so unklar ist der nichtautoritäre Charakter, der schillert wie die große Koalition der Alliierten des Zweiten Weltkrieges.
Der nichtautoritäre Charakter ist ‑ gleich der alliierten Koalition ‑ durch die Negation gekennzeichnet. »Wirklich freie Menschen wären demnach bloß die, welche vorweg den Einflüssen Widerstand leisten, die zum Vorurteil prädisponieren.« Durch stetige Anstrengungen müsse man sich aus dem Sumpf des Vorurteils in die lichten Höhen der Vorurteilslosigkeit erheben und andere durch »sachlich aufklärende Broschüren, die Mitwirkung von Funk und Film, die Bearbeitung der wissenschaftlichen Resultate für den Schulgebrauch nachziehen.« Wo die Frankfurter Geschichte zu machen begannen, konnten die Wiener nicht zurückbleiben.  . . .

Wie die Lehre von der deutschen Verschwörung zur Praxis der (biologischen, militärischen, wirtschaftlichen oder politischen) Ausschaltung Deutschlands führte, so führte die Lehre von der »autoritären Persönlichkeit« zur Praxis der Umerziehung der Deutschen.

Kurt Lewin (1890‑1947), ein ehemals Berliner Gestaltpsychologe, hat den Prozeß der Umerziehung folgendermaßen dargestellt: Man müsse, wenn man den einen oder anderen Aspekt einer Kultur ändern wolle, beachten, daß alle Aspekte einer Kultur miteinander verbunden seien. »Um stabil zu sein, muß ein Kulturwechsel alle Aspekte des nationalen Lebens durchdringen«.  . . .

Man habe entdeckt, daß das Denken innerhalb einer Gruppe mit der Form der Machtverteilung in dieser Gruppe zusammenhänge. Nach dem Ersten Weltkrieg hätte man das übersehen und eine unblutige Revolution gemacht, die alsbald den reaktionären Kräften ein Comeback ermöglicht habe. Daher sei die »restlose Zerstörung« der Kräfte, die das alte Gleichgewicht aufrechterhielten, die erste Aufgabe der Umerziehung. Wer Mord und Totschlag ablehne, weil er »Chaos« vermeiden wolle, der werde die Wiederherstellung des alten Gleichgewichts mitverschulden. Doch »Hand in Hand mit der Zerstörung der Kräfte, die das alte Gleichgewicht aufrechterhielten, muß die Einrichtung (oder Befreiung) der Kräfte zu einem neuen Gleichgewicht einhergehen«. Es komme dann darauf an, das neue Gleichgewicht durch Selbstregulierung permanent zu machen. Die Phase der Umerziehung (re‑education) müsse in der Phase der Selbstumerziehung (self re‑education) fortgesetzt werden.

Der gesamte Umerziehungsprozeß durchlaufe demnach drei Phasen. Erst müsse die »fluidity« (Flüssigkeit der Verhältnisse) hergestellt werden, die den Wechsel ermögliche. Dann müsse der Wechsel selbst durchgeführt werden. Schließlich müsse das neue Gleichgewicht durch Selbstregulierung permanent gemacht werden. Für die erste Phase lagen Pläne vor, wie der von James Warburg, daß alliierte Truppen einen Ring um Deutschland legen, eine künstliche Inflation in Gang setzen und abwarten sollten, bis durch Mord und Totschlag die »Fluidität« hergestellt sei. Die Kernthese der Morgenthauschule, daß die Alliierten keine Verantwortung für die deutsche Wirtschaft übernehmen dürften, wird erst durch die Fluiditätslehre voll verständlich.

Wie aber soll der Wechsel selbst durchgeführt werden? Hier glaubt Lewin, daß ein »ständiger Wechsel der Methoden der Führung wahrscheinlich der schnellste Weg ist, die kulturelle Atmosphäre in der Gruppe zu ändern…«.

Woher aber solle man die neue Führungsschicht nehmen? Die Reaktionäre (»Gestapo und Junker«) würde man liquidieren. Die laissez‑faire‑Demokraten von Weimar seien völlig unbrauchbar. Aber sozialpsychologische Experimente hätten ja gezeigt, daß sich autokratische Führer in demokratische verwandeln ließen. Der bevorstehende deutsche Zusammenbruch werde einen guten Teil der autokratischen Führungsschicht zum Verzweifeln bringen und ihre Abkehr bewirken. Das wäre der richtige Augenblick, denn »es ist leichter, autokratische Führer zu demokratischen zu machen als laissez‑faire‑Demokraten und saturierte Halbdemokraten«. … Der chancenreichste Weg der Umerziehung sei aber, das Individuum dort zu erfassen, wo es am leichtesten zu formen sei, nämlich »das Individuum als Mitglied der Gruppe«.

Wo die Psychologie ihren Kriegsbeitrag leistete, konnte die Psychiatrie nicht zurückbleiben. 1943 vertrat der New Yorker Professor Richard M. Brickner unter dem Titel »Ist Deutschland unheilbar?« den psychiatrischen Gesichtspunkt. Der Schlüssel zur deutschen Frage, meint Brickner, liege nicht im Büro der politischen Experten, sondern im Sprechzimmer des Arztes. Deutschland sei ein Patient. Es leide an Paranoia, der Wahnkrankheit. Das heiße nicht, daß jeder Deutsche paranoid sei, sondern nur, daß die vorherrschende Richtung paranoid sei und den nichtparanoiden Zeitgenossen zwinge, sich anzupassen. Aus der Diagnose folge die Therapie. Man müsse einen unbegrenzten Zeitraum verstreichen zu lassen, ohne einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. In diesem Zeitraum könne der Patient Deutschland einer Behandlung unterzogen werden. Der geeignetste Zeitpunkt für den Beginn der Behandlung sei der Tag nach dem Zusammenbruch, da dann die deutsche Seele am empfänglichsten sei.  . . .

Die Theorie der Umerziehung (re‑education) steht der Theorie der Ausschaltung gegenüber. Während die Ausschaltungstheorien einen gleichartigen deutschen Volkscharakter annehmen, der nicht geändert, aber durch geeignete Maßnahmen (biologische, militärische, wirtschaftliche und psychologische Entwaffnung) gehindert werden könne, Schaden zu stiften, nimmt die Umerziehungstheorie die Möglichkeit einer Änderung an. Die Umerziehungslehre steht etwa in der Mitte zwischen den Lehren der Strukturreform und der Ausschaltung. Mit den Strukturreformern glauben die Umerzieher nicht an die ewige Sonderrolle der Deutschen .  . . .


Psychologische Kriegsführung
Chef der psychologischen Kriegführung unter Eisenhower war der General Robert A. McClure, Eisenhowers Propagandaberater. … Deutsche Emigranten wurden nur in untergeordneten Stellungen verwendet. Es mag überraschen, daß die psychologische Kriegführung unter Eisenhower nicht durch Psychologen betrieben wurde. …
Da es Aufgabe der psychologischen Kriegführung ist, die Kampfmoral des Gegners zu schwächen und in seinen Reihen Uneinigkeit zu stiften, ließ sich der antigermanische Slogan »alle Deutschen sind gleich« als Arbeitshypothese nicht verwenden. Vielmehr mußten die Deutschen, um einen Teil von ihnen gegen den anderen auszuspielen, in Kategorien unterteilt werden. Die grundlegende Einteilung, die von dem amerikanischen Soziologen Edward A. Shils ausgearbeitet wurde, war die nach dem Grade des Nazismus. …
Der Einmarsch in Deutschland hätte eigentlich das Ende der psychologischen Kriegführung bringen müssen. Doch die Psycho-Krieger waren (wie die Wirtschaftskrieger) der Ansicht, daß der psychologische Krieg (wie der wirtschaftliche) nie zuende geht.

Die Abteilung für psychologische Kriegführung wurde in Abteilung für Informationskontrolle umgetauft und nahm (weiterhin unter General McClure) ihren Sitz in Bad Homburg, von wo sie im Frühjahr 1946 nach Berlin verlagert wurde. Die Abteilung für Informationskontrolle war eine der Abteilungen der Militärregierung, und die Übernahme der psychologischen Kriegführung in den Apparat der Militärregierung ging nicht ohne Reibungen vor sich, da General McClure der Meinung war, daß die Militärregierung den Deutschen sagen solle, was sie zu tun hätten, während der stellvertretende Militärgouverneur General Clay der Meinung war, daß die Militärregierung den Deutschen sagen solle, was sie nicht zu tun hätten, und ihnen das übrige selbst überlassen könne.  . . .

Chaos – Strukturreform – Charakterreform
Nach der Ausschaltung der Armee aus der Deutschandpolitik waren alle Zufälligkeiten, die aus der Einstellung einzelner Kommandeure entsprangen, beseitigt. Die Besatzungspolitik konnte einheitlich ‑ und in ständiger Berührung mit der amerikanischen Tagesmeinung ‑ durchgeführt werden. Clay und OMGUS waren eine große Clearingstelle, in der die verschiedenen Auffassungen in der deutschen Frage bereinigt, mit einander verknüpft und in eine gesetzgeberische und verwaltende Tätigkeit überführt wurden. Reformer und Konservative waren in OMGUS gleich vertreten. Unter den Reformern lassen sich drei Gruppen unterscheiden.

Die erste Gruppe wurde allgemein mit Morgenthau in Verbindung gebracht. Mit mehr Recht könnte sie nach Harry Dexter White genannt werden, der die Gedanken, die dem Morgenthauplan zugrunde lagen, ausgearbeitet hatte. Der Grundgedanke war, daß für ein schwaches Deutschland in einem starken Europa gesorgt werden müsse. Die industrielle Ausschaltung Deutschlands würde dessen Nachbarn nicht hemmen, sondern fördern. Von der deutschen wirtschaftlichen Dominanz befreit, würden diese wirtschaftlich aufblühen und die ausgefallene deutsche Produktion schnell wettmachen. Die Demontage der deutschen Industrie und ihre Wiederaufstellung in den Nachbarländern werde diesen Prozeß fördern. Was aus Deutschland werden sollte, war den Vertretern dieser Schule gleichgültig. Ihr Ziel war die Stärkung der Nachbarn Deutschlands.

Die Maßnahmen, die sie befürworteten, waren negativer Natur und führten zur Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, zur Zerrüttung der deutschen Finanzen und zur Zerrüttung der deutschen Gesellschaft. Die Argumente, mit der diese Maßnahmen begründet wurden, waren stets Hinweise auf die deutsche Gefahr oder auf die deutsche Schuld. Die Schwäche der Richtung war das Fehlen einer Antwort auf die Frage nach der zukünftigen Rolle Deutschlands, was die Gegner veranlaßte, zu behaupten, sie wolle Deutschland in ein Chaos stürzen. In der Armeesprache wurde die Gruppe die der „Morgenthauboys“, „Termiten“, „Chaosboys“ genannt. „Morgenthau“ war ein Hinweis auf den höchstgestellten Vertreter der Richtung, „Termiten“ war ein Hinweis auf die New‑Deal‑ Vergangenheit der Gruppe und „Chaos“ zitierte das Schlagwort der Gegner. Der Hauptvertreter der Gruppe war Eisenhowers Finanzberater Bernard Bernstein, ehemaliger Leiter der Rechtsabteilung des Finanzministeriums. Du Bois berichtet von ihm: „Kurz bevor die Alliierten in Deutschland einmarschierten, sammelte er unter seinem Kommando eine Gruppe von Infanteristen, die früher im Finanzministerium angestellt waren, um nach den Geschäftspapieren und der Geschichte jeder wichtigen Firma auf dem Kontinent zu suchen.“ Die „Geschichte“ spielte insofern eine Rolle, als für diese Gruppe das kriminelle Verhalten der Wirtschaftsführer eine fixe, aus der amerikanischen Geschichte zu erklärende Idee war. Im November 1945 wurde Bernstein nach einer Auseinandersetzung, die sich auf die gegen die Schweiz zwecks Auslieferung dortiger deutscher Vermögenswerte zu treffenden Maßnahmen bezog, entlassen. Auch der Leiter der Dekartellisierungsabteilung Russel Nixon ging. Ein großer Teil der anderen Morgenthauboys folgte. Stark waren die Einflüsse dieser Richtung nach wie vor in der Dekartellisierungsabteilung und in der Rechtsabteilung der Militärregierung.

Die zweite Gruppe war die der Strukturreformer. Sie wollte nicht die konsequente Schwächung Deutschlands, sondern die soziale Umwälzung. Diese Politik war in amerikanischen Denktraditionen weniger verankert als die Richtung der „Chaosboys“. Schon in der Kriegspropaganda war die „Zwei‑Deutschland‑Theorie“ vornehmlich von deutschen Immigranten und einheimischen, aber doch europäisch orientierten Sozialisten vertreten worden. Auch jetzt waren die Anhänger dieser Gruppe vornehmlich auf die Durchsetzung der Pläne der Sozialisten Deutschlands angewiesen, denen sie bestenfalls Schützenhilfe leisten konnten. Stärker vertreten waren sie in der Abteilung für Arbeitseinsatz, der anfangs unter der Leitung von David A. Morse stand. Morse, ein stellvertretender Arbeitsminister, war schon Chef der Abteilung für Arbeitseinsatz in Italien gewesen. Als Anhänger der CIO und des Zusammenschlusses mit dem kommunistisch geführten Weltgewerkschaftsbund wurde er von der AFL scharf angegriffen. Er stellte eine Reihe weit links gerichteter Männer wie Wheeler, Snyder, Courtney in der Abteilung für Arbeitseinsatz an. Auch in der Erziehungsabteilung waren die auf Strukturreform gerichteten Bestrebungen stark vertreten, vor allem durch Absolventen von Dewey’s Columbia Teachers School. Das Feld für die Strukturreform war ein weites: Bodenreform, Reform der Betriebsverfassung, Schulreform, Universitätsreform, Entnazifizierung, Verwaltungsreform. Doch den einzelnen Reformversuchen fehlte untereinander (im Gegensatz zur Sowjetzone) der Zusammenhang.

In der biographischen Skizze über den Strukturreformer Franz Neumann, den Verfasser der einschlägigen Deutung des Dritten Reiches „Behemoth“, lesen wir: „Während seiner Tätigkeit in der amerikanischen Nachrichtenorganisation OSS und später dem Außenministerium (1942‑1946) wandte Neumann seine in seinen Studien gewonnenen Einsichten auf die Analyse und Vorausnahme der deutschen Entwicklung an. Er widmete seine größten Anstrengungen den Plänen für eine Demokratisierung Deutschlands, die die Fehler der Weimarer Republik vermeiden sollte. Er versuchte nachzuweisen, daß die Denazifizierung mehr als eine Säuberung des Personals und eine Abschaffung der Nazi‑Gesetzgebung sein müßte ‑ daß sie dem Faschismus an die Wurzeln gehen müsse, indem sie die wirtschaftlichen Grundlagen der antidemokratischen Politik der deutschen Industrie beseitigen müsse.
Neumann sah, daß die Anstrengungen, dieses Ziel zu erreichen, scheiterten, aber er arbeitete weiter, um die wahrhaft demokratischen Kräfte in Deutschland in dem engen Feld, das für ihn noch frei war, zu stärken. Als amerikanischer Verbindungsmann zur Freien Universität in Berlin trug er erheblich bei zum Entstehen des Instituts für Politische Wissenschaft in Berlin“.

Die Charakterreformer hatten nichts anderes im Sinne als den langfristigen Umbau des deutschen Charakters. So klar für sie die langfristigen Perspektiven hervortraten, so unentschlossen waren sie bei den kurzfristigen Maßnahmen. Einerseits war für die Entwicklung des gewünschten Charakters ein gewisser Wohlstand willkommen, andererseits mußte sichergestellt werden, daß eine Erholung Deutschlands nicht seine Remilitarisierung bedeutete. Ein den Chaos‑Boys nahestehender Beobachter (Ambruster) schrieb über einen der Charakterreformer, Saul K. Padover:
„Professor Padover legte in einer World‑Peaceways‑Sendung am 10. Dezember 1945 dar, daß wir die deutsche Gesinnung ummodeln müssten (und gab zu, daß dies Jahrzehnte dauern würde). Er schloß mit einer Warnung, daß es gefährlich sei, wenn wir die IG Farben bestrafen und ihre Fabriken zerstören würden. Mit der Zerstörung von Fabriken ist nichts zu erreichen, schloß der Professor. Dann reiste er eilends ab, um seinen Dienstgeschäften in Deutschland nachzugehen. Einige Monate später, nachdem er Zeuge der verstohlenen Wiederbelebung des deutschen Kriegspotentials unter der Maske einer Friedenswirtschaft geworden war, wechselte er seine Ansichten. Am 9. September 1946 wies er glänzend die Notwendigkeit nach, das Reich seiner industriellen Macht zu berauben, um, wie er sagte, ans ihm einen wehrlosen Riesen, der niemanden ängstigt, zu machen“.

Entnazifizierung mit Strick
Die beiden Aufgaben, die Molotow in Paris für die zukünftige deutsche Regierung gestellt hatte, die Ausrottung der Reste des Faschismus und die Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber den Alliierten, waren auch die Ziele der amerikanischen Politik. Die Ausrottung der Reste des Faschismus sollte durch eine Beseitigung nationalsozialistischer Symbole, Gesetze und Literatur, sowie durch die Aburteilung von Personen und Personengruppen, die als Träger der nationalsozialistischen Politik betrachtet wurden, bewerkstelligt werden.

Die Aburteilung nahm die beiden Formen der Kriegsverbrecher (Naziverbrecher) ‑ Prozesse und der Entnazifizierung an. Anläßlich des Besuches des amerikanischen Außenministers Hull in Moskau (1943) wurde vereinbart, daß Verbrechen, die an einem bestimmten Ort stattgefunden hatten, an diesem abgeurteilt werden sollten (Auslieferung) und solche, die keinen bestimmten Ort hatten, von einem internationalen (interalliierten) Gericht zu ahnden seien. Der einzige solche Prozeß war der Nürnberger Hauptkriegsverbrecher‑Prozeß vom 20. Februar 1946 – 1. Oktober 1946.

Die Kriegsverbrecherprozesse stützten sich auf eine Reihe alliierter Deklarationen. Schon vor Kriegseintritt hatte Roosevelt eine Deklaration gegen die Hinrichtung von Geiseln erlassen. Churchill unterstützte diese Deklaration und nannte die Vergeltung für solche Vergehen gegen das Kriegsrecht ein erstrangiges Kriegsziel. Im Januar 1942 tagten Vertreter von neun Exilregierungen in London in Anwesenheit des damaligen amerikanischen Botschafters (und späteren Nürnberger Richters) Biddle und forderten die Abteilung von Kriegsverbrechen noch mit dem Argument, daß „um Racheakte der Bevölkerung als Reaktion gegen die Gewaltakte zu vermeiden und um den Gerechtigkeitssinn der zivilisierten Welt zu befriedigen“, ordnungsgemäße Verfahren notwendig seien.
1943 kam es dann zur Moskauer Deklaration, die von Stalin, Roosevelt und Churchill unterzeichnet wurde und festlegte, wer Kriegsverbrechen ahnden würde, aber nicht wie Kriegsverbrechen geahndet würden. Hitler, Mussolini, Tojo und ihre „Erzkomplizen“ sollten nach einem kurzen standrechtlichen Verfahren hingerichtet werden. Ein Prozeß würde ihnen nur noch eine Propagandamöglichkeit geben. Auch von englischer Seite wurde noch bis zum Sommer 1945 vertreten, daß die Achsenführer ‑ in Analogie zum Verfahren gegen Napoleon ‑ durch eine gemeinsame politische Entscheidung (joint decision) der Alliierten gerichtet würden und nicht nach einem juristischen Verfahren.

Doch schon Ende 1943 hatte die Sowjetunion durch ein Militärgericht der 4. Ukrainischen Front einen Musterprozeß, den Charkower Prozeß „über die von den deutschfaschistischen Eindringlingen in der Stadt Charkow und Umgehung während der zeitweisen Okkupation verübten Greueltaten“ durchgeführt. Der Prozeß endete mit dem öffentlichen Aufhängen der Angeklagten. Nach Vorbesprechungen auf der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen traten gleichzeitig mit der Potsdamer Konferenz Vertreter der vier Besatzungsmächte in London zusammen und verabschiedeten am 8. August 1945 ein „Abkommen über die Verfolgung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse“. In den Londoner Verhandlungen wurde ein neues Recht geschaffen, und zwar von Männern, die gleichzeitig in Nürnberg Hauptankläger waren (Maxwell‑Fyfe und Jackson).

Das neue Recht war eine interessante Mischung sowjetischer und angelsächsischer Rechtsauffassungen. Die Sowjets traten dafür ein, daß die verbrecherische Tätigkeit der Angeklagten schon erwiesen sei und nur noch das Ausmaß der Beteiligung jedes einzelnen zu beurteilen bliebe. Es sollten die Verbrechen der Deutschen verfolgt werden und nicht Verbrechen allgemein, die andere auch begehen konnten.
Hier setzte sich die amerikanische Auffassung durch, daß für Nürnberg ein neues Recht zu schaffen sei, das künftig auch auf andere als deutsche Verbrechen angewendet werden könnte. Ein weiterer amerikanischer Rechtsbeitrag bestand darin, den ursprünglichen Kern einer Anklage wegen Vergehen gegen das Kriegsrecht und die Kriegsbräuche durch die Anklage von Verbrechen gegen die „Menschlichkeit“ zu erweitern. Vor allem sollten aber auch Verbrechen gegen den Frieden geahndet werden. Der Angriffskrieg (aggressive war) wurde für verbrecherisch erklärt. Der Begriff eines Verbrechens gegen den Frieden wurde von Jackson aus einer Arbeit des sowjetischen Professors Trainin „Verantwortlichkeit des Hitlerismus im strafrechtlichen Sinn“ übernommen und konnte eine nachträgliche Rechtfertigung des neutralitätsrechtlich keinesfalls zulässigen Verhaltens der USA vor Kriegseintritt liefern. Nicht unbeeinflußt von der sowjetischen Rechtsauffassung steuerte Jackson auf das Recht eines neuen Zeitalters zu, wobei er feststellte, man dürfe nicht gestatten, „daß die Rechtslage kompliziert wird durch Legalismen, die im Zeitalter des Imperialismus entwickelt worden sind, um Kriege respektabel zu machen“.

Das Londoner Abkommen führte vier Gruppen von Verbrechen auf.
1. Verschwörung gegen den Frieden

2. Verbrechen gegen den Frieden
3. Kriegsverbrechen

4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Sinn und Ziel des in London geschaffenen und in Nürnberg praktizierten Rechtes wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, daß es sich um New‑Deal‑Recht handelt.
Sowohl der amerikanische Richter in Nürnberg (Biddle) wie der Hauptkläger und Schöpfer des Londoner Abkommens (Jackson) waren führende New‑Deal-Juristen. Der Lebenslauf von Robert Houghwout Jackson ist das Muster einer New‑Deal‑Karriere. Jackson (1892‑1954) war ein junger demokratischer Anwalt im Staat New York. Mit Roosevelts Übernahme der Präsidentschaft ging er in den Staatsdienst. Zunächst war er in der Rechtsabteilung von Morgenthaus Finanzministerium, wo er gegen die Vertreter des abtretenden republikanischen Regimes schauprozeßartig aufgezogene Verfolgungen einleitete. Sein Hauptopfer war der langjährige Finanzminister mehrerer republikanischer Regierungen, der Multimillionär und Stifter der Washingtoner National Gallery, Andrew Mellon. Dann wendete er sich gegen die amerikanischen Finanzkreise, die in den Ivar‑Kreuger‑Skandal verwickelt waren. Vom Finanzministerium ging er in die Antitrust‑Abteilung des Justizministeriums, die Hochburg der liberalen Jungtürken, als deren Leiter. Von dort holte ihn Roosevelt, damit er als Justizminister die juristische Rechtfertigung der Interventionspolitik lieferte.
Jackson war maßgeblich an der wertenden Unterscheidung der Kriegsparteien als Angreifer und Angegriffene beteiligt. Später machte ihn Roosevelt zum Mitglied des Obersten Gerichtshofes. Dann kamen die Tage von Nürnberg, wo ihn das Schicksal der anderen New‑Deal‑Größen ereilte. Er erwachte eines Morgens und merkte, daß er ein Mann von Gestern war. Die zunehmende Kritik in Amerika an der Beteiligung eines Richters des Obersten Gerichtshofes an der fragwürdigen Nürnberger Viermächtejustiz führte zu seiner Abberufung und Ersetzung durch den minder prominenten, radikal‑liberalen Telford Taylor.

Zu den Neuschöpfungen des Londoner Abkommens gehörte der Begriff der verbrecherischen Organisation. Das Gericht konnte eine Organisation für verbrecherisch erklären, worauf jeder Staat, der das Londoner Abkommen unterzeichnete, das Recht besaß, Mitglieder der betreffenden Organisation vor Gericht zu stellen und mit allen Strafen (einschließlich Todesstrafe) zu belegen, wobei das zu bestrafende Verbrechen die Mitgliedschaft in der verbrecherischen Organisation sein sollte. Das Gericht erklärte: „Eine kriminelle Organisation ist analog einer kriminellen Verschwörung, insofern das Wesen beider die Zusammenarbeit zu kriminellen Zwecken ist.“
Zu verbrecherischen Organisationen wurden das Führungskorps der NSDAP von den Mitgliedern der Reichsleitung bis herunter zu den Mitgliedern der Ortsgruppenleitungen, SD und SS erklärt. Die Organisationsverbrechen waren Verbrechen einer Verschwörung, daher wurde nicht die bloße Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation für strafbar erklärt, sondern der freiwillige Eintritt und das Verbleiben in ihr bei Wissen um den verbrecherischen Zweck. Diesen Zweck, nicht jedoch einzelne Vergehen gekannt zu haben, stellte ein Verbrechen dar. Das Gesetz Nr. 10 des Kontrollrates schränkte den Begriff der Teilnahme an der Verschwörung etwas ein und nannte neben Tätern und Gehilfen auch Zustimmende und mit der Planung oder Ausführung der Verbrechen irgendwie Verbundene als Teilnehmer.

Neben den Organisationsverbrechen waren die „Verbrechen gegen den Frieden“ zu verfolgen. Aufschlußreich wirkt schon die Liste der wegen Verbrechen gegen den Frieden Angeklagten. Es waren alle Angeklagten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses, 12 Direktoren der Firma Krupp, 23 Direktoren der IG Farben, 17 Diplomaten, 14 Mitglieder des Oberkommandos der Wehrmacht und Hermann Röchling (in der französischen Zone).
Industrielle, Generalstäbler und Diplomaten hatten sich gegen den Frieden verschworen, ganz wie es der New‑Deal‑Mythologie entsprach. Es ist klar, daß sich Urteile über Verbrechen gegen den Frieden auf erschöpfende historische Untersuchungen der Ursachen des Krieges hätte stützen müssen, Untersuchungen, die methodologische Schwierigkeiten ohne Zahl aufgeworfen hätten. Aus der verschwörungstheoretischen Literatur hatte die amerikanische Anklage, die in Nürnberg für die Verbrechen gegen den Frieden zuständig war, jedoch die entschlüsselnde Geschichtsschreibung mitgebracht. Einzelne Ereignisse wurden im Lichte der großen Pläne und Absichten der Verschwörer gesehen und dienten zugleich als Beweis für deren Absichten und Verschwörungen. Methodische Vorfragen entfielen. Die Anklage entwickelte eine Verschwörungsgeschichte, in der die einzelne Handlung eines Angeklagten dann einen Stellenwert besaß.

Wenn der französische Richter die Verknüpfung von Angriffskrieg und verbrecherischer Verschwörung eine „interessante, aber etwas romanhafte Konstruktion“ nannte, so übersah er die ideologische Tradition des neuen, von Jackson vertretenen Rechtes. Es war keine ad hoc‑Konstruktion, sondern ein juristischer Niederschlag des Glaubens an eine Welt machtfreier Harmonie und der verbrecherischen Verschwörung gegen das Entstehen dieser Welt. Die Differenz zwischen der New‑Deal‑Jurisprudenz und der sowjetischen Jurisprudenz lag daran, daß die New Dealer das neue Recht auch dem amerikanischen Staate überordnen, während die sowjetischen Juristen es an den Grenzen des sowjetischen Machtbereichs zum Stehen bringen wollten. Die Richter der Nürnberger Verfahren entschlossen sich zu einem Kompromiß zwischen herkömmlichem und neuem Recht. So wurden die Direktoren von IG Farben nicht wegen eines Angriffskrieges, sondern wegen Sklaven‑Arbeit und wegen Plünderung verurteilt, und auch im Hauptkriegsverbrecherprozeß wurde kein Urteil wegen Verschwörung allein, sondern nur im Zusammenhang mit anderen Anklagepunkten gefällt.

Einen interessanten Blick hinter die Kulissen der Nürnbergerjustiz gibt der Bericht des Hauptklägers des Nürnberger IG‑Farben Prozesses (1948), Josiah E. Du Bois. Du Bois war ein Beamter der Rechtsabteilung des Finanzministeriums, dessen Vorgesetzter Bernard Bernstein ihn auf die IG Farben angesetzt hatte, um die Beschlagnahme von IG‑Farben‑Vermögen in Nord‑ und Südamerika zu erwirken. Er war Mitglied der Reparationsmission von Edward Pauley gewesen, deren Ziel es war, die Wirtschaft der ehemals besetzten Länder durch jene Industrien wiederaufzubauen, die der Kriegswirtschaft der Achsenmächte gedient hatten. Vor seiner Abreise nach Deutschland im Januar 1947 holte er sich die Rückendeckung von Bernard Bernstein und David Marcus, der damals die Kriegsverbrechenabteilung im Armeeministerium leitete. Marcus erklärte ihm, sein Ministerium sei zwar gegen eine Anklage wegen Führung eines Angriffskrieges gegen IG Farben, wenn er jedoch in Nürnberg eine solche Anklage erhebe, werde Marcus dafür sorgen, daß in Amerika niemand dazwischentrete.

In Berlin machte Du Bois seinen Antrittsbesuch bei Clay.
„Wir kamen bald in ein Gespräch über das Thema, über das ich seit 1944 predigte. Deutschland wieder als industrielles Herz Europas aufzubauen, besonders wenn es von jenen Industriellen kontrolliert würde, die dazu beigetragen hatten, Europa in den Krieg zu stürzen, würde uns unsere besten europäischen Freunde entfremden.
Clay antwortete, das Problem sei, Deutschland industriell stark genug zu machen, um eine gesunde Wirtschaft zu unterhalten, aber nicht zu gestatten, daß diese Wirtschaft den deutschen Kreisen, die immer noch fanatisch militaristisch gesinnt seien, diene.“ Du Bois erklärte, daß bislang noch wenig getan worden sei, um die Furcht der europäischen Völker davor, daß Deutschland wieder beherrschende Militärmacht werde, zu zerstreuen. Der IG‑Farben‑Prozeß solle eben jene Garantie geben, daß die Amerikaner gegen die Wiedererrichtung der Macht der aggressiven Industriellen stünden. Clay meinte, er stimme damit überein, habe aber einige Fragen, die zum gegebenen Zeitpunkt geklärt werden müßten. Vor allem aber sei er dagegen, daß Generäle wegen Verbrechen gegen den Frieden angeklagt würden. „Wenn wir den nächsten Krieg verlieren, wäre es ein Präzedenzfall, um amerikanische Generäle vor Gericht zu ziehen.“ „Nur wenn diese amerikanischen Generäle sich verschwören, um einen Angriff auf wehrlose Nachbarn zu unternehmen“, antwortete Du Bois.

In Nürnberg traf Du Bois auf die Amerikanerin Belle Mayer. Sie hatte unter Du Bois im Finanzministerium gearbeitet. „Sie war es, die General Telford Taylor vorgeschlagen hatte, daß ich die Anklage im IG‑Farben‑Prozeß übernehmen solle.“ Auch die übrigen Vertreter der Anklage entpuppten sich als radikale Liberale bis auf einen Tschechen, von dem niemand wußte, wie er nach Nürnberg kam, Jan Charmatz. „Er trinkt nicht, er raucht nicht, er wird nicht intim, er redet ausschließlich über die Arbeit. Ohne ihn wäre die Anklage wegen Angriffskrieges nicht möglich.“ Die Richter dagegen standen nicht auf der Höhe der Anklage. Sie stammten aus der amerikanischen Provinz, und es war eine Sisyphusarbeit, ihnen den ideologischen Kontext der Anklage erläutern zu müssen, da ja das liberale Denkgebäude nie ganz Allgemeingut des amerikanischen Volkes geworden war.
Am 11. April 1949 wurde das letzte Urteil in Nürnberg im Wilhelmstraßen‑Prozeß gegen die Angehörigen des Auswärtigen Amtes gesprochen. Es war höchste Zeit, da sich die Hohe Kommission bald Gedanken machen mußte, wie sie die Verurteilten wieder los werden könne. 1951 wurde von McCloy eine weitgehende Amnestie erlassen. Seither schläft das Nürnberger Recht, wie das Potsdamer Abkommen, einen Dornröschenschlaf und harrt des Tages, da ein roter Prinz kommen wird, um es wachzuküssen.

Entnazifizierung ohne Strick
Am 5. März 1946 wurde im Münchner Rathaus von den Ministerpräsidenten der drei Länder der amerikanischen Besatzungszone das „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ unterzeichnet. Es wurden nach Art. 4 „zur gerechten Beurteilung der Verantwortung und zur Heranziehung zu Sühnemaßnahmen folgende Gruppen gebildet:
1. Hauptschuldige

2. Belastete

3. Minderbelastete

4. Mitläufer

5. Entlastete.

Die Regierung Wilhelm Hoegner war zu Entnazifizierungszwecken gebildet worden. Die führenden Männer konnten darauf hinweisen, daß sie schon vor 20 Jahren einen Entnazifizierungsversuch gemacht hatten. Hoegner hatte nach dem Hitlerputsch 1923 einen Untersuchungsausschuß im Bayerischen Landtag beantragt. Sein Nachfolger Ehard war der Staatsanwalt im Hitler‑Prozeß gewesen. Der Polizeioffizier, der an der Feldherrnhalle den Feuerbefehl gegeben hatte, wurde Chef der Bayerischen Landespolizei. Antihitlerischer ging es nicht als in Bayern. Und doch stammte der eigentliche Vater des Entnazifizierungsgesetzes ausgerechnet aus Berlin. Der amerikanische Oberstleutnant Fritz Oppenheimer, ein ehemaliger Berliner Rechtsanwalt, war derjenige, der dafür sorgte, daß auch dieses deutsche Gesetz so entstand, wie deutsche Gesetze damals eben zustande kamen.

Während in Italien die ordentlichen Gerichte entfaschistizierten (ein Richter unterzeichnete in einer einzigen Woche Todesurteile erst von Faschisten gegen Partisanen, dann von Partisanen gegen Faschisten), wurde jetzt in Deutschland eine eigenständige politische Justiz mit prozeßähnlichem Verfahren eingeführt. Es hieß daher auch nicht Gericht, sondern Spruchkammer; nicht Angeklagter, sondern Betroffener, nicht Strafe, sondern Sühne, Ermittler hieß derjenige, der herumging, um die Nachbarn über den Betroffenen auszuhorchen.

Die Vorsitzenden der Spruchkammern brauchten nicht Juristen zu sein, nur die Vorsitzenden der Berufungskammern. An der Spitze des Entnazifizierungsapparates standen Befreiungsminister, die in der amerikanischen Zone der SPD angehörten. Das Säuberungsgesetz der Länder unterschied sich von den vorhergehenden amerikanischen Entnazifizierungen dadurch, daß bei der Einstufung der Betroffenen nicht die formale Belastung durch die Mitgliedschaft in dieser oder jener Organisation maßgebend sein, sondern das Gesamtbild des Betroffenen einer gesinnungspolitischen Wertung unterzogen werden sollte. Die Entnazifizierung wurde, da die hauptberuflichen Nationalsozialisten in Lagern festgehalten wurden, zum Nürnberg des kleinen Mannes. Was als großer Fall aufgezogen wurde, war Nürnberger Nachlese: es waren die Verfahren gegen die Freigesprochenen von Nürnberg und die Frauen der Verurteilten.

Zur Entnazifizierung haben sich alle Strömungen der liberalen Deutschlandpolitik in Amerika bekannt. Die Vertreter der antigermanischen Richtung, die in Deutschland eine „Chaos‑Politik“ förderten, sahen in der Entnazifizierung ein Mittel, möglichst große Teile der deutschen Bevölkerung unter Anklage zu stellen und insbesondere die geistig und wirtschaftlich führenden Schichten zu lähmen. Die Vertreter der „Zwei‑Deutschland“‑Lehre, die die Strukturreform befürworteten, sahen in der Entnazifizierung ein Mittel, die Gegner dieser Reformen, die Vertreter des „reaktionären“ Deutschland auszuschalten. Die Anhänger der Charakterreform schließlich sahen in ihr einen vorläufigen Damm, der die zarten Pflanzen der neuen Gesinnung in ihrem Keimen und Sprießen sichern sollte, damit sie nicht von den alten Gesinnungen fortgeschwemmt würden. Alle liberalen Strömungen sind in die Entnazifizierungsgesetzgebung eingegangen. …

Im Rahmen der Militärregierung durch die Armee sollten Denazifizierungsmaßnahmen die militärische Sicherheit fördern. Die Amerikaner rechneten nach Kriegsende mit umfangreichen Widerstandsbewegungen, die von „Nazis“ getragen würden. Die durch den „automatischen Arrest“ herbeigeführte Inhaftierung bestimmter Gruppen sollte solchen Widerstandsbewegungen vorbeugen. Eine Folge der Betrachtung der Entnazifizierung als Sicherungsmaßnahme war, daß die Entnazifizierung in der Militärregierung der Abteilung Öffentliche Sicherheit unterstellt war. Die Furcht vor Verschwörungen ist (auch bei den Engländern) nie erloschen, wie die Verhaftungsaktionen von der „Operation Selection Board“ im Februar 1947 bis zur Aktion Naumann 1953 erwiesen. Hinzu kam die laufende Aufdeckung neuer „Werwolfaktionen“ durch mehr den Sensationen als der Wahrheit zugewandten Journalisten, unter denen sich Erika Mann durch eine besonders blühende Phantasie hervortat. Ziel dieser Berichterstattung über immer neue Nazi‑Verschwörungen war es, die Militärregierung zu drastischen Repressalien zu veranlassen.

Die aus Sicherheitserwägungen durchgeführte Entnazifizierung verlor ihre Dringlichkeit, als die amerikanischen Truppen bemerkten, daß von nationalsozialistischer Seite kein Widerstand mehr zu erwarten war. Die Armeekommandanten meldeten im Sommer und Herbst 1945 mehrmals, daß die Entnazifizierung nunmehr abgeschlossen sei. In der Tat war, wenn man als „Nazi“ diejenigen bezeichnen wollte, die den Partei‑ und Staatsapparat gebildet hatten, die Entnazifizierung insofern abgeschlossen, als sich dieser Personenkreis in automatischem Arrest befand. Doch die Armee hatte den Stellenwert der Entnazifizierung in der liberalen Deutschlandpolitik verkannt.

Bernard Bernstein kurbelte sie durch zwei Denkschriften erneut an.
Die Direktive JCS 1067 unterwarf der Entnazifizierung alle mehr als nur nominellen Mitglieder der NSDAP, dazu die aktiven Anhänger des Nazismus oder Militarismus und alle anderen den Zielen der Alliierten feindlichen Personen. Die Liste der Verdächtigen wurde im CROW‑CASS (Central Register of War Criminals and Security Suspects) erfaßt. Die Definitionen hatten weniger tatsächliche Mitgliedschaft als Gesinnungsmerkmale zum Anlaß der Entnazifizierung gemacht. Sie hatten die Entnazifizierung zudem zu einem willkürlich zu handhabenden Mittel gegen jeden beliebigen Deutschen gemacht, da ja natürlich jeder denkende Deutsche (mit ganz verschwindenden Ausnahmen) den damaligen Zielen der Alliierten feindlich sein mußte.
Die Amerikaner zogen aus dieser Situation auch die Konsequenz, indem sie die gesamte Bevölkerung (mit Ausnahme der Kinder) entnazifizierten. Ein 133 Fragen umfassender Fragebogen wurde in 13 Millionen Exemplaren ausgegeben. Wer eine wichtige Stelle bekleiden wollte, dessen Fragebogen mußte überprüft worden sein. Das Gesetz Nr. 8 bestimmte, daß niemand, dessen Fragebogen nicht überprüft war, einen privaten Betrieb leiten oder dessen Eigentümer sein dürfe.  . . .  . . .

 

Teil 4 Die Wiederkehr Roosevelts


Bundesrepublik im Abstieg
Harry S. Truman (1945‑1952) war unter den Nachfolgern Roosevelts der einzige, dessen Stern nicht im Kometenschweif des Schmiedes der amerikanisch‑sowjetischen Allianz aufging. Der Vizepräsident Truman wurde vom revoltierenden demokratischen Parteiapparat Roosevelt 1944 für seine vierte Präsidentschaft aufgenötigt.  . . .

Dwight D. Eisenhower (1953‑1960) war noch 1941 ein unbekannter Oberstleutnant ‑ zwei Jahre später wurde er zum Oberkommandierenden der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Europa ernannt. Er hatte in wenigen Monaten durch eine Blitzkarriere zahlreiche rangältere Generäle überrundet. . .

John F. Kennedy (1961‑1963) wurde (als Ersatz für seinen gefallenen Bruder) von seinem Vater Joseph Kennedy zum Kandidaten der Familie für die Präsidentschaft bestimmt. Er hätte niemals kandidieren können, wenn sein Vater nicht in der Demokratischen Partei eine Schlüsselstellung eingenommen hätte, die er der Tatsache verdankte, daß er einer der wenigen Geschäftsleute gewesen war, die Roosevelt von Anfang an unterstützt hatten. …

Lyndon B. Johnson (ab 1963) war ein weißer (d. h. liberaler) Rabe unter den reaktionären, aber für die Demokratische Partei wichtigen Südstaatlern. So erhielt er jede Protektion, die Roosevelt zu vergeben in der Lage war. In der Lebensgeschichte aller Nachfolger Trumans spukt der Geist des verblichenen Roosevelts, der sich in ihrer Deutschlandpolitik stets aufs Neue zu manifestieren droht. In Roosevelts Weltsystem war Deutschland der Platz eines alliierten Kondominiums minderen Rechtes und minderen Lebensstandards zugewiesen worden. Dreimal täglich Suppe sei genügend, damit die Deutschen Leib und Seele zusammenhielten. Die dem Aufstieg auf einen steilen Berg (dem Berg der Läuterung Dantes?) vergleichbaren Anstrengungen der Vergangenheitsbewältigung und moralischen Prüfung unter alliierter Aufsicht würden so beschwerlich, daß die Deutschen zu erschöpft sein würden, um noch ein Gewehr zu tragen. Der Friede beruhe auf dem Zusammenwirken der drei (oder vier oder fünf) Großmächte. Die anglo‑amerikanisch‑sowjetisch e Kriegsallianz bilde auch das Fundament der Friedensordnung, da sie in Krieg und Frieden die gleichen moralischen Prinzipien verkörpere.

Als Roosevelt nicht lange nach dem Antritt seiner vierten Präsidentschaft starb, zerfiel die innenpolitische Kräftegruppierung, die seine Politik getragen hatte und die durch Roosevelt persönlich zusammengehalten worden war. Aus dem System der Roosevelt’schen Weltpolitik herausgelöst, ergaben deren einzelne Elemente keinen Sinn mehr. Sie wurden Stück für Stück in Zweifel gezogen. Auch Roosevelts Deutschlandpolitik mußte einer Revision unterzogen werden. Die Isolierung Deutschlands und die Verhängung von Strafe und Bewährung für Verfehlungen gegen jene Moral, die in Politik und Privatleben ein und dieselbe sei, mußte jenen, die in der Politik etwas anderes als einfach eine Unterabteilung der Moral sahen, als eine allzu kostspielige Rache erscheinen. Da sich nach Roosevelts Tod die Maßstäbe geändert hatten, schienen die alten Berechnungen nicht zu stimmen.

Und doch war Roosevelts System nicht endgültig begraben. 15 Jahre nach seinem Tode war durch die waffentechnische Entwicklung eine Situation heraufbeschworen worden, in der das Zusammenwirken der gleichen drei (oder vier oder fünf) Großmächte, die sich gemäß Roosevelts System nach Entwaffnung der übrigen Staaten in die Weltherrschaft teilen sollten, sich wegen der Gefahr der atomaren Selbstvernichtung beinahe von selbst wiederaufdrängte. Die gleichen Großmächte begannen ‑ diesmal in ihrer Eigenschaft als Atommächte ‑ den Abstand, den sie in Jalta durch ihren Löwenanteil bei dem Kriegseinsatz gerechtfertigt hatten, gegenüber der Restwelt wiederherzustellen. Daß die machtpolitisch richtungspolitischen und intellektuellen Bestandteile von Roosevelts System zusammenhingen, erwies sich, als mit dem neuen Konzert der Groß‑ und Atommächte auch die lange versunken geglaubten Begleitideen der alliierten Kriegskoalition wiederauftauchten, nicht zuletzt ihre Ideen über Deutschland.

Wirkte sich das neue Klima, das in vielem das alte aus den Tagen Roosevelts war, rund um den Globus in einer Linksverschiebung aus, so glich sich die politische Stimmung in Deutschland eher den Bildern abstrakter Maler an. Die Erklärung ist nicht weit zu suchen. Hatte das Roosevelt’sche System für jede andere Nation Vorteile und Nachteile bereitgehalten, so sah es für Deutschland (und Japan) von allen Vorteilen ab. Wollte man trotzdem mit dabei sein, waren vielfache Lautstärke und beinahe surrealistische Argumentationen von Nöten. Als mit 20jähriger Verspätung der Chorus der deutschen „Spätsieger“ in das Konzert der alliierten Kriegspropaganda einfiel, klang es wie bei Stockhausen. In unterschwelliger Dialektik verbanden sich nationale Räusche und nationaler Ekel. Ein Gefühlssturm erhob sich, der die deutsche Politik von neuem in eine Flut von Aversionen, Erwartungen und Verblendungen stürzte, sie vom nüchternen Grund des Möglichen losriß und sie das Gebot der Selbsterhaltung zugunsten des Triumphs des Moralischen verachten lehrte. Die Bundesrepublik, das Land, das aus der Flut des Roosevelt’schen Moralismus aufgetaucht war, drohte wieder ‑ und mit Lust ‑ in der gleichen Flut zu versinken.

Die Nachkriegsgeschichte wird heute zum Problem. In Westdeutschland hat man sich über Fahrtrichtung und Stationen der Nachkriegsgeschichte bewußt wenig Gedanken gemacht, da man einer geschichtlichen Einordnung (die ja auch den eigenen Sitzplatz mitumfassen müßte) auszuweichen bestrebt war. Die „Zeitgeschichte“, über die man soviel redete, blieb Geschichte des „Dritten Reiches“. Die Grausamkeiten der Nationalsozialisten waren das Alibi, das einem 20 Jahre später das Nachdenken ersparen sollte. Was gefolgt war, interessierte nicht, es hatte keinen volkspädagogischen Nutzwert. Die Periodisierung der Nachkriegsgeschichte wurde bei uns vom Volksmund vorgenommen. Er spricht von der Zeit vor und nach der „Währung“. Der Stichtag der Währungsreform vom 21. Juni 1948 ist in der Tat ein einprägsames Datum, da er alle Westdeutschen gleichmäßig erreichte. Das Kriegsende hingegen hatte sich in eine Reihe militärischer, lokaler und höchstpersönlicher Kapitulationen (deren eine Alfred Andersch in den „Kirschen der Freiheit“ schilderte) aufgelöst, hinter denen der 8. Mai 1945 zurücktrat. Der 21. Juni 1948 ist das einzige einprägsame Datum der Nachkriegsgeschichte geblieben.

So überdeutlich die Währungsreform ins Auge fällt, so sehr ist sie ein Glied in einer Kette von Ereignissen, die von der Schaffung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (1946), der Errichtung der Frankfurter Institutionen und Parlamente (1947), dem Auftrag zur Errichtung der Bundesrepublik (1948), der Aufnahme der Arbeit von Bundesregierung und Bundestag (1949), zur Revision des Besatzungsstaates (195 1), dem Ende der Besatzung (195 5), dem Beitritt der Bundesregierung zur NATO (1955) und der Unterzeichnung der Römischen Verträge (1957) führt. Alle diese Ereignisse können auf einer ansteigenden Linie, die aus der Entmachtung und Diskriminierung zur Selbstbehauptung, Souveränität und Gleichberechtigung, aus der Fremdherrschaft zur Selbstherrschaft führt, eingezeichnet werden.

Auf diese ansteigende Linie der deutschen Politik fiel der Schatten der Teilung Deutschlands, ein Schatten, der nicht durch irgendwelche deutsche Politiker in Ost oder West, sondern durch die vom Kontrollrat am 30. Juni 1940 angeordnete Schließung der Zonengrenzen in die deutsche Geschichte eingezeichnet wurde. Den westdeutschen Politikern der Nachkriegsjahre ging es mit Recht um die Wiedererlangung des Grundrechts des Staates ‑ der Souveränität ‑ ohne die keine Politik, sondern nur Auftragsverwaltung durch schwächliche Protektoratsregierungen möglich ist. Es waren zwei Wege denkbar, auf denen man zur Souveränität gelangen konnte.

Den einen schlugen Konrad Adenauer und in der SPD Ernst Reuter ein. Es war der Weg der kleinen und der großen Schritte. Adenauer und Reuter gingen davon aus, daß die Souveränität in der Hand der Alliierten lag. Durch Ausnützen günstiger Momente und erhebliche Konzessionen für den Augenblick versuchten sie, sie Stück für Stück wiederzugewinnen. Der andere Weg war der Kurt Schumachers. Er ging davon aus, daß die Souveränität nach wie vor beim deutschen Volk lag und nur zeitweise von den Alliierten usurpiert worden war. Sie sei von den Alliierten einzufordern als ein Recht, an dem nicht herumgehandelt werden dürfe. Auf beiden Wegen war die deutsche Teilung ein Mittel, um später zur Souveränität des ganzen Deutschland zu kommen.
Die Wiedervereinigung bildete den imaginären Schlußpunkt in Verlängerung des eingeschlagenen Weges. Für Adenauer und Reuter sollten sich der Souveränitätszuwachs und die Stärkung der Bundesrepublik in einer wachsenden Handlungsfreiheit auszahlen, die unter Ausnutzung der gegebenen, schnell wechselnden Situationen auch einmal der deutschen Politik die Chance geben würde, ihr Ziel mit Erfolg zu vertreten. Für Schumacher war die deutsche Einheit ein unverlierbares staatliches Grundrecht, das solange von den Alliierten einzufordern war, bis diese vom rechtswidrigen Vorenthalten der Einheit Abstand nahmen. Der Status quo der Kontrollratsherrschaft ‑ das war allen klar ‑ würde sich nie zur deutschen Selbstherrschaft, sondern nur zu einer anderen Form der interalliierten oder internationalen Fremdherrschaft weiterentwickeln. Nicht Adenauer oder Schumacher, Kapitalismus oder Sozialismus, bildeten die Alternativen der deutschen Nachkriegspolitik, sondern Adenauer‑Schumacher auf der einen Seite und jene Länder‑, Partei‑ oder Gesinnungspolitiker auf der anderen Seite, die sich 1946 im Status quo der Fremdherrschaft einzurichten wünschten (und ihn 1964 von neuem preisen). Wer allerdings der Meinung war (und ist), daß Deutschland das Recht auf Souveränität verwirkte und sich von den moralischen Brosamen zu nähren hat, die von alliierten Tischen fallen, daß es auf Bewährung zu leben und zuvörderst seine Schuld zu bewältigen hat, der muß den Weg der ersten Nachkriegsjahre als Irrweg verdammen.

Konnten die markanten Ereignisse in der Geschichte der Bundesrepublik bis etwa 1956 in eine ansteigende Kurve eingetragen werden, die auf volle Souveränität, auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung hinstrebte, so fehlen seit 1957 entsprechende Daten. Die Kurve scheint ihren Anstieg abzubrechen, sich zu wenden und in einer absteigenden Linie ihre Bahn fortzusetzen. Andere Ereignisse und andere Daten treten hervor, die Verzichte auf Souveränität, auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung einschließen und die auf ein Wiedereinlenken in ein weltpolitisches System, wie es Franklin Delano Roosevelt vorschwebte, hindeuten.

Bei der Rückkehr in die Ära Roosevelt stellte sich heraus, daß eine Reihe völkerrechtlicher, staatsrechtlicher und politisch‑gesinnungsmäßiger Ausformungen dieser Ära durch den Ost‑West‑Konflikt zwar überlagert, aber nicht beseitigt worden waren. Überall sind – jahrelang nicht beachtet ‑ Relikte des Ausnahmerechtes gegen die Besiegten des Zweiten Weltkrieges (und dessen Ausdeutungen in Gesinnungen) vorhanden. Sie brauchen nur reaktiviert zu werden. Die Sowjetunion hat diese Relikte die ganze Nachkriegszeit hindurch weiterentwickelt und zur konsequenten Basis ihrer Deutschlandpolitik gemacht. Sie kann daher der westlichen, aus sich ständig wandelndem Stückwerk bestehenden Deutschlandpolitik‑ eine östliche Deutschlandpolitik entgegenstellen, die durch die durchdachte Verknüpfung ihrer Teilstücke weit über die russischen Grenzen hinaus werbend wirkt. Die Antikommunisten haben diese Deutschlandpolitik zurückgewiesen, weil sie den kommunistischen Stempel trug, die Liberalen haben sie verspottet, weil ihr Sprachgewand nicht den von ihnen gesetzten stilistischen Maßstäben genügte. Nach der Herkunft und dem Zusammenhang hat keiner von beiden gefragt.

Das heute noch gültige Ausnahmerecht gegen die Besiegten des Zweiten Weltkrieges beginnt mit der Charta der Vereinten Nationen. Nach Art. 53 und Art. 107 sollen die Bestimmungen der Charta nicht auf Maßnahmen anwendbar sein, die von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs gegen die Besiegten getroffen werden. So konnte anläßlich der Berliner Blockade 1948 gegen einen Antrag der Vereinigten Staaten auf Aufnahme der Berlinfrage in die Tagesordnung der Vereinten Nationen von der Sowjetunion mit Berufung auf Art. 107 der UNO‑Satzung eingewandt werden, daß die Zuständigkeit der Vereinten Nationen dort zuende gehe, wo Maßnahmen gegen ehemalige Feindstaaten des Zweiten Weltkrieges getroffen würden.

Als ein CDU‑Abgeordneter im Sommer 1964 davon erfuhr und im Bundestag anfragte, was es mit diesen Artikeln auf sich habe und was die Bundesregierung unternommen habe, um sie beseitigen zu lassen, antwortete Staatssekretär Prof. Dr. Carstens im Namen der Bundesregierung, daß die deutsche Diplomatie sich nicht gedrängt gefühlt habe, etwas zu unternehmen, da die Artikel durch die Umstände überholt seien und nicht mehr angewandt würden. Verwunderlich, warum sie dann nicht beseitigt werden können. Worauf der Staatssekretär anspielte, ist, daß sich die westlichen Alliierten im Friedensvertrag mit Japan 1951 verpflichtet haben, sich auch Japan gegenüber von den Grundsätzen des Art. 2 der UNO-Satzung, der die Gleichberechtigung der Staaten festlegt, leiten zu lassen. Die drei Westmächte gaben später bei der Londoner Konferenz am 3. Oktober 1954 eine ähnliche Versicherung gegenüber der Bundesrepublik zu Protokoll. Nur haben weder die Westmächte gegenüber den südosteuropäischen Verbündeten der Sowjetunion, noch Rußland und China gegenüber Deutschland und Japan eine solche Verzichterklärung abgegeben. Die Bestimmungen, die ein dauerndes Ausnahmerecht gegenüber den Besiegten festlegen, sind nur im Gedächtnis deutscher Diplomaten beseitigt. Die Sowjetunion hat die Ausnahmebestimmungen gegen die Besiegten des Zweiten Weltkriegs stets gepflegt und sorgsam aufrechterhalten.

Der Art. 53 der UNO‑Satzung hat das Ziel, „die Wiederaufnahme der Angriffspolitik der Besiegten zu verhindern“. Wenn die Sowjetunion durch Zitieren dieser Bestimmung den von ihr 1955 geschlossenen Warschauer Pakt, einen Militärpakt, der sie mit den Staaten ihres Einflußbereiches verbindet, mit der UNO‑Satzung in Übereinstimmung brachte, so handelte es sich nicht, wie vielfach angenommen, um eine polemische Formel, die die aus der Bundesrepublik drohenden Gefahren an die Wand malen sollte, um so die Bündnispartner leichter vor den eigenen Wagen zu spannen, sondern um eine Berufung auf eine internationale Ordnung, der die Vereinigten Staaten einmal zugestimmt hatten und von der abzurücken der Sowjetunion nicht zum Vorteil gereicht.

„Wiederaufnahme der Angriffspolitik“ ist ein Urteil, das über Maßnahmen einer Wiederbewaffnung, bestimmte Waffenausrüstungen deutscher Truppen, über Paktbeitritte und bloße Gesinnungsäußerungen gleichermaßen gefällt werden kann.

Es ist die Schwäche des Adenauerschen Weges der schrittweisen Wiedergewinnung der Souveränität, daß das politische System der Ausnahmebestimmungen gegen die Besiegten des Zweiten Weltkriegs dadurch „überholt“ wurde, daß man es durch stillschweigendes Einverständnis mit den westlichen Bündnispartnern für überholt gelten ließ. Einverständnis setzt beiderseitiges Wohlwollen voraus. Lockert sich das Wohlwollen, muß es durch Geschenke wiedererworben werden. Adenauer unterscheidet sich vom Reiter über den Bodensee dadurch, daß er nicht ganz ans Ufer gelangt ist.

Auch in einer ganzen Reihe weiterer Verträge, die von kommunistischen Staaten geschlossen wurden, wird die Berufung auf die UNO‑Satzung mit Bestimmungen gegen die Bundesrepublik logisch gekoppelt. Der polnisch‑sowjetische Vertrag vom 8, April 1965, der den von 1945 nach 20jähriger Laufzeit ersetzte und Polen und die Sowjetunion zu einer gemeinsamen Deutschlandpolitik verpflichtet, bezieht sich in seiner Präambel auf die UNO‑Satzung und darauf, „daß der westdeutsche Militarismus die Sicherheit in Europa bedroht“. In Art. 5 verpflichten sich die beiden vertragschließenden Parteien, „alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um die Gefahr einer Aggression von Seiten der westdeutschen Kräfte des Militarismus und der Revanche oder von Seiten irgendeines Staates, der mit diesen Kräften ein Bündnis abschließen würde, zu beseitigen“. Die Sowjetunion und Polen berufen sich auf das politische System von 1945, das sie nie verlassen haben. Die Amerikaner beginnen zu entdecken, daß dieses System für sie auch erhebliche Vorteile brachte. De Gaulle ruft immer wieder zur Abkehr von Jalta und zur Errichtung eines neuen Gleichgewichtes auf. Nur die deutsche Politik nimmt die großen Tendenzen der Zeit, auch dort wo sie der Hauptbetroffene ist, nicht zur Kenntnis. Es ist eine Berufskrankheit der Juristen, die Augenblickslage in allen ihren Details scharf zu erfassen, ohne dabei die großen Tendenzen zu sehen, die in sie hineingeführt haben und wieder aus ihr herausführen. Das für die Bundesverwaltung charakteristische „Juristenmonopol“ läßt die Bundesrepublik im Abstieg immer weiter voranschreiten, ohne daß sie dessen gewahr wird.

Die starke Festung Singapur
Voller Stolz und Vertrauen blickte das britische Weltreich auf die unbezwingbare Festung Singapur. Schwere Geschütze beherrschten den Hafen und den Sandstrand der Insel, um jeden landenden Feind zurückzuschlagen. Nach dem Ausbruch der britisch‑japanichen Feindseligkeiten 1941 konnte das britische Oberkommando verkünden, daß die Festung Singapur auf alle Eventualitäten vorbereitet sei. Am 31. Januar 1942 erschienen japanische Truppen vor der Festung, am 15. Februar kapitulierte der britische Oberbefehlshaber Generalleutnant Percival vor Generalleutnant Yamashita und ging an der Spitze von 130.000 britischen Soldaten in die japanische Gefangenschaft. Was war geschehen. Die Japaner waren nicht ‑ wie vorgesehen ‑ am Sandstrand gelandet, sondern durch die Dschungel Malayas vorgerückt, hatten an der unbefestigten Nordseite der Insel den nur wenige hundert Meter breiten Meeresarm überschritten und die Verteidigungsstellungen der Briten von hinten aufgerollt. Es stellte sich heraus, daß die Festung Singapur gar keine Festung war, sondern lediglich ein Hafenschutz. Premierminister Churchill sagte: „Ich hätte es wissen müssen. Meine Berater hätten es wissen müssen. Man hätte es mir sagen müssen. Ich hätte fragen müssen.“

Die starke Festung Singapur der deutschen Rechtsordnung heißt „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“. Die Väter des Grundgesetzes in Herrenchiemsee und Bonn standen noch unter dem Eindruck von Adolf Hitlers Machtergreifung. Sie versuchten, eine konstitutionelle Festung zu errichten, die einer Wiederholung dieser Machtergreifung trotzen konnte. Die Machtergreifung Adolf Hitlers war nach den Vorstellungen der ersten Nachkriegsjahre durch ein Zusammentreffen verfassungstechnischer Schwächen des Weimarer Verfassungswerkes, des „antidemokratischen“ Verhaltens bestimmter Gruppen und des irregeleiteten Volkswillens verursacht worden. Die verfassungstechnischen Schwächen von Weimar sollten eliminiert werden, indem die Regierung durch das konstruktive Mißtrauensvotum gestärkt wurde, das ihren Sturz nur nach der Erstellung einer neuen Majorität zuließ (Art. (67); indem der Bundespräsident entmachtet und ihm vor allem das nach der Weimarer Verfassung zustehende Notverordnungsrecht genommen wurde; indem einige kleinere verfassungstechnische Verbesserungen vorgenommen wurden, wie die, daß die Majorität des Bundestages ein Wahlgesetz beschließen konnte, das durch seine 5 % Klausel ihr lästige Konkurrenz vom Hals schaffen sollte.

Gegen das „antidemokratische“ Verhalten bestimmter Gruppen wurde fortifiziert, indem bestimmte Grundrechte bei Mißbrauch verwirkt (Art. 18) und bestimmte Parteien verfassungswidrig sein sollten (Art. 21). Gegen den irregeleiteten Volkswillen wurden die stärksten Bastionen errichtet: kein Volksbegehren, kein Volksentscheid, (mit Ausnahme der Frage der territorialen Neugliederung der Länder nach Art. 29), keine Wahl des Bundespräsidenten durch das Volk, nicht einmal die Möglichkeit der Meinungsäußerung des Volkes zum Grundgesetz selber. Es ist anzunehmen, daß die Festung Grundgesetz jedem Angriff standhält ‑ sollte der Feind sich aus der vorgesehenen Richtung nähern. Doch das Grundgesetz hat auch eine Nordseite. So gut formuliert die Grundrechte sind, die das Individuum vor den Eingriffen des Staates schützen sollen, so schwach entwickelt sind die Grundrechte, die diesem Staat selber zukommen: das Recht auf Selbsterhaltung, innere und äußere Souveränität, das Recht auf Verteidigung, freie Entwicklung usw. Das hat natürlich seinen Grund. Das Grundgesetz ist nicht aus einer Souveränitätserklärung des deutschen Volkes entstanden, sondern durch eine schrittweise Ablösung von Besatzungsrechten durch deren freiwillige Übertragung an deutsche Instanzen. Als das Grundgesetz in Kraft trat, wurde die Bundesrepublik nach außen durch die drei westalliierten Hohen Kommissare vertreten, die auch nach innen durch ihre Verfügung über den Notstand das letzte Wort sprachen. Seither hat die Bundesrepublik Schritte auf die Souveränität hin getan, die mit Verpflichtungen, sich „mit der Gemeinschaft der freien Nationen völlig zu verbinden“ (Art. 3 des Deutschlandvertrages), gekoppelt waren. Auch die Verfügung über den Notstand soll den deutschen Instanzen übertragen werden, sobald die gesetzlichen Grundlagen geschaffen sind, die die deutschen Behörden instand setzen einer ernstlichen Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu begegnen“ (Art. 5). Diese gesetzlichen Grundlagen sind nur durch die Zweidrittelmehrheiten von Bundestag und Bundesrat zu erstellen, die bisher nicht zusammenkamen. Das Verhalten gegenüber der Notstandsgesetzgebung zeigt, was man bei uns von den Grundrechten des Staates hält.

Ist die Nordseite des Grundgesetzes der mangelnde Selbsterhaltungswille des Staates? Von einer Wiedergewinnung und energischen Behauptung der Souveränität ist im Grundgesetz nicht die Rede, dagegen viel vom Verzicht auf Hoheitsrechte. Der Bund kann durch Gesetz Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen übertragen (Art. 24). Er kann sich zur Wahrung des Friedens einem System kollektiver Sicherheit einordnen und dabei in eine Beschränkung seiner Hoheitsrechte einwilligen, um eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa und zwischen den Völkern der Welt herbeizuführen und zu sichern (Art. 24). Nach Art. 25 gehen die allgemeinen Regeln des Völkerrechts allem anderen Recht vor. Nach Art. 26 sind Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, verfassungswidrig.

Sicherlich, alle diese Artikel lassen sich im Rahmen eines westlichen Bündnisses interpretieren, sowie in den 50er Jahren dem Grundgesetz der Rang „einer grundsätzlichen Stellungnahme in einem über die ganze Welt reichenden Gegensatze“ (Ulrich Scheuner), nämlich dem zwischen „totalitären Staatsregimen“ auf der einen, „demokratischen Ländern“ auf der anderen Seite zugeschrieben wurde. Aber sie lassen sich eben nicht nur im Rahmen eines westlichen Bündnisses auslegen, sondern auch im Rahmen einer durch die Siegerkoalition auferlegten „Friedensordnung“, ja sogar im Rahmen eines russisch dominierten Systems. Was Handlungen, die das friedliche Zusammenleben der Völker stören (Art. 16) sind, darüber haben die Russen sehr bestimmte Vorstellungen. Es ist kein Zufall, daß eben jene Kommunisten, deren Partei aufgrund des Grundgesetzes verboten wurde, beinahe nur lobende Worte für das Verfassungswerk finden.

Carlo Schmid stellte fest: „Unser Grundgesetz verzichtet darauf, die Souveränität zu stabilisieren wie einen Rocher de bronze, es macht im Gegenteil die Abtretung von Hoheitsrechten an internationale Organe leichter als irgendeine andere Verfassung der Welt.“ Schmid gab als Grund an: „Unser Volk beweist, daß es entschlossen ist, mit einer Tradition, die nicht nur eine deutsche, sondern eine europäische Tradition gewesen ist, zu brechen, die in einer ungehemmten Entfaltung der Macht des Nationalstaates den eigentlichen Beweger der Geschichte sah.“ An die Stelle des Nationalstaates konnte ein westliches Bündnissystem treten, aber nicht nur ein westliches Bündnissystem. …

Die außenpolitische Abhängigkeit von den Alliierten, die mit der Verfügung über den Notstand der oberste Schiedsrichter in innenpolitischen Auseinandersetzungen blieben, die Entschärfung der ideologischen Formationen von rechts und links, die unter der Besatzung gleichermaßen zur Aussichtslosigkeit verurteilt waren, und die durch die Identifikation von Parlamentsmehrheit und stärkster Schutzmacht herbeigeführte Unantastbarkeit des Regierungsblocks verstärkte die im Grundgesetz definierte Ordnung derartig, daß über ihre Tragfähigkeit nach Wegfall des westlichen Korsetts schwer Voraussagen gemacht werden konnten. …

Das Volk galt im demokratischen Zeitalter, dem Zeitalter eines Mazzini etwa, als Basis der Verfassung. Da es die Verfassung schuf, konnte es sie auch wieder umstoßen. Es waren aus dem Volke aufsteigende Bewegungen, die die Rechtsordnungen umformten und denen die Politiker ihre Existenz verdankten. Ein guter Politiker hatte sein Ohr an den „grass‑roots“, wo sich nicht nur die Volksmeinung bildete, sondern sich mit ihr entschied, ob der Politiker aufsteigen oder fallen sollte. Der Politiker fällte die Entscheidungen, aber mit ständigem Blick auf das Volk.

Die Demokratie hat sich im Weltmaßstab durchgesetzt, aber sie hat sich fast zu Tode gesiegt. An die Stelle des Glaubens an das Volk ist allenthalben die Überzeugung von der Notwendigkeit seiner Lenkung getreten. Die politischen Systeme unserer Tage unterscheiden sich dadurch voneinander, welche Mittel sie zur Lenkung des Volkes einsetzen. Auch in der Bundesrepublik ist das Volk nicht nur durch das Grundgesetz „mediatisiert“ (Werner Weber), sondern darüber hinaus durch die Beherrscher der Massenmedien als unzurechnungsfähig unter Kuratel gestellt worden. Die letzte Instanz, die im demokratischen Zeitalter das Volk war, ist heute eine autonome öffentliche Meinung und vor allem die „Weltöffentlichkeit“.

Das Verhältnis zur Schutzmacht Amerika bewirkte in den 50er Jahren, daß die Bundesrepublik vor den Nachstellungen der Weltöffentlichkeit geschützt blieb. Die Amerikaner bedeuteten, daß Angriffe gegen die Bundesrepublik, seien sie propagandistischer oder militärischer Natur, Angriffe auf sie selber seien. Mit der Bundesrepublik legte sich darum nur an, wer sich mit Amerika anlegen wollte. Kennedy und sein intellektueller Stab begannen zu differenzieren. Nicht jeder propagandistische Angriff gegen die Bundesrepublik war fürderhin auch ein Angriff gegen Amerika. Die Nordseite der Festung Singapur wurde für propagandistisches Feuer freigegeben.

Das Fanal von Korea
1950 stellte sich heraus, daß dem Westen weniger mit deutschen Geschichtsbroschüren, als mit deutscher wirtschaftlicher und militärischer Stärke gedient war. Der Ost‑West‑Konflikt entbrannte in voller Schärfe. Wo immer die Soldaten der UdSSR und der USA aufeinandergestoßen waren, in Deutschland, Österreich und Korea, hatten die USA die Demarkationslinie zwischen West und Ost vorgeschlagen und die Russen sie angenommen. Daraus konnte man schließen, daß die Russen verständigungswillig waren, oder daß die Amerikaner ihnen mehr überließen, als sie erwartet hatten. Während in Deutschland die „Zonengrenze“ entlang der westlichen Verwaltungsgrenzen von Mecklenburg, Sachsen‑Anhalt und Thüringen gelegt wurde, hielten sich die Planer im Washingtoner Pentagon nicht lange mit koreanischen Verwaltungsgrenzen auf, sondern ließen die Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrades laufen. Im Juni 1945 hatten sich Harry Hopkins und Josef Stalin auf eine gemeinsame Verwaltung Koreas geeinigt. Auf der Moskauer Außenministerkonferenz vom Dezember 1945 wurde eine gemischte Kommission ins Leben gerufen, die die Schaffung einer einheitlichen Regierung für ganz Korea vorbereiten sollte. Die Kommission trat im März 1946 zusammen und löste sich nach 6 Wochen wieder auf. Im August 1948 wurde die Republik von Korea im Süden des Landes, im September 1948 die Demokratische Volksrepublik von Korea im Norden des Landes gegründet. Die amerikanischen und russischen Truppen wurden zurückgezogen. Am Sonntag, den 24. Juni 1950, erfuhr Präsident Truman während des Weekends, daß nordkoreanische Truppen in Südkorea einmarschierten. Im Verlaufe der nächsten Woche entschloß sich Truman nach und nach zur vollen Intervention mit amerikanischen Truppen. Die Motive des nordkoreanischen Vorgehens sind nicht ganz geklärt. Im Januar 1950 hatte Außenminister Acheson in einer Rede die Gebiete aufgezählt, auf die ein Angriff von den Vereinigten Staaten als Angriff auf sich selber gewertet würden. Korea und Formosa waren nicht darunter. Von amerikanischer Seite wurde behauptet, daß zwischen der Rede und dem Angriff die Zahl der nordkoreanischen Divisionen von 4 auf 13 erhöht wurde. Es sei wahrscheinlich, daß Stalin den Angriff in der Erwartung anordnete, daß die Amerikaner sich nicht einmischen würden.

In eben jener letzten Juniwoche 1950, in der Truman sich zur vollen Intervention in Korea entschloß, tagte in Berlin der Kongreß für kulturelle Freiheit. Dieser Kongreß hatte seine Wurzeln in den verwickelten Richtungs‑ und Gewissenskämpfen der amerikanischen „Roten Dekade“, in der sich der Übergang vom alten zum neuen Liberalismus vollzog. Im Frühjahr 1939 war unter Beteiligung führender Philosophen wie John Dewey und Sidney Hook ein Komitee für Kulturelle Freiheit gegründet worden, das feststellte, daß die totalitäre Idee bereits in Deutschland, Italien, Rußland, Japan und Spanien inthronisiert sei, die intellektuelle und kreative Unabhängigkeit unterdrücke und Kunst, Wissenschaft und Erziehung zu Lakaien der Staatsphilosophien mache. Unter den Aufruf des Kommittees wurden 150 Unterschriften gesammelt. Prompt kam ein Gegenaufruf von 400 Intellektuellen, die gegen die „phantastische Lüge, daß die UdSSR und die totalitären Staaten im Grunde gleich seien“ schärfstens protestierten. Die verworrenen Linien des Liberalismus werden deutlich, wenn man liest, daß unter dem ersten Aufruf der Name Thomas Manns, unter dem zweiten der seines Sohnes Klaus Mann steht. Eine erste Welle der Ablehnung des russischen Kommunismus war unter den Liberalen noch vor dem deutsch‑sowjetischen Pakt durch Stalins Schauprozesse hervorgerufen worden. Als sich während des Krieges die amerikanische gute Gesellschaft auf die Seite der Sowjetunion stellte, Oma Starotsin feierte, die GPU mit dem FBI verglich und fand, daß russische Generäle guten Sekretären der YMCA ähnelten, verblieb nur ein kleines Häufchen von Exkommunisten und Trotzkisten, das bei der Ablehnung der Sowjetunion verharrte.

Der Ost‑Westkonflikt machte aus den einstigen Außenseitern die Helden des Tages. 1949 wurden unter Leitung von Sidney Hook die Antitotalitären von 1939 erneut gesammelt. Nach dem Kongreß der Intellektuellen für den Frieden in Wroclaw‑Breslau (August 1948) und dem Weltfriedenskongreß in Paris (April 1949) schien es, als ob es einer mächtigen, unter dem Protektorat von Albert Einstein, Pablo Picasso, Thomas Mann und Ilja Ehrenburg stehenden Friedensbewegung gelingen würde, die liberalen und antifaschistischen Intellektuellen vor den sowjetischen Wagen zu spannen. Der Berliner Kongreß sollte zeigen, daß es zweierlei Intellektuelle gab und daß es auch möglich sei, den antisowjetischen Teil der liberalen Intelligenz politisch zu mobilisieren. Das Protektorat über diesen Versuch nahmen fünf philosophische Generäle des antitotalitären Heerhaufens: Benedetto Croce, John Dewey, Karl Jaspers, Jacques Maritain und Bertrand Russell.

„Auch die Wahrheit bedarf der Propaganda“, meinte Karl Jaspers in seinem Grußwort zum Berliner Kongreß, doch die Propaganda fiel so aus, daß sie der Wahrheit nicht sehr bekam. Als der ungarische Ex‑Kommunist Arthur Koestler zur Aktion anfeuerte und rief: „Wir sind in diese Stadt nicht gekommen, um nach einer abstrakten Wahrheit zu suchen. Wir kamen, um ein Kampfbündnis zu schließen. Es geht hier nicht um relative Unterschiede, es geht um Leben und Tod“, als er alle diejenigen, die sich nicht so zum Kampf stellten, wie er es in seiner kommunistischen Zeit erwarten durfte, als „Halbjungfrauen der Demokratie“ einstufte, da spalteten sich die in Berlin versammelten antitotalitären Liberalen erneut in Propagandisten und Wahrheitssucher. …
War es wenig angebracht, den hartgesottenen Exkommunisten des „Kongresses für kulturelle Freiheit“ die Gretchenfrage nach ihrer Religion zu stellen, obwohl der Kongreßbericht darauf verwiesen hatte, daß der im „Calvinismus wurzelnde Personalismus“ stark vertreten gewesen sei, so mobilisierte die „Moralische Aufrüstung“ 1 (1 die christlichen Kräfte gegen den Kommunismus. Paul Hoffmann, der Marshall‑Plan‑Administrator, nannte sie „das ideologische Gegenstück zum Marshallplan“. Nach dem ersten Weltkrieg war der amerikanische lutherische Pfarrer Frank Buchman in den Bannkreis der Erweckungsbewegung geraten. Er beschloß, sein Leben in den Dienst der Lebensänderung zu stellen. Diese Lebensänderung hatte anfangs keine Beziehung zur Politik. Aber 1938 formte Buchman die von ihm gegründete Oxford‑Bewegung („lt’s not an Institution ‑ It’s not a point of view; ‑ lt Starts a revolution ‑ By starting one in you“) unter dem Eindruck der Ideologien des Kommunismus und Nationalismus in die nunmehr politische Moralische Aufrüstung (MRA) um. Filme, Schauspiele, Bücher, Fulltimers, ein Hotelkomplex in Caux am Genfer See sorgten für die Verbreitung der vier unbedingten Maßstäbe der absoluten Ehrlichkeit, absoluten Reinheit, absoluten Selbstlosigkeit, absoluten Liebe. Die eingesetzten Geldmittel waren beträchtlich, und die Publikationen der Moralischen Aufrüstung konnten in Millionen‑Auflagen verschickt werden.

Der Erfolg der „Moralischen Aufrüstung“ war nicht nur dem Einsatz von Geldmitteln zu verdanken, sondern auch der die „Lebensänderung“ beabsichtigenden, außerordentlich geschickten Verknüpfung von politischer Einstellung und Lebensgeschichte. Die universale „Antwort“, die die Moralische Aufrüstung gab, war die Anwendung der gleichen Prinzipien in Privatleben und Politik. Das MRA‑Schauspiel „Der vergessene Faktor“ gab zu verstehen, daß sich alle Differenzen durch Teamwork lösen ließen, zuhause am Frühstückstisch, im öffentlichen Leben am Konferenztisch. So wie sich der Kommunist der Selbstreinigung in der Prozedur der Kritik und Selbstkritik unterzog, so breitete der Aufrüstler beflügelt durch die mit ihm sympathisierende Gruppe sein Leben aus, bekannte seine Schuld und gelobte Besserung. „In diesem Frühjahr hörte ich von Dr. Erwin Stein, dem Kultusminister von Hessen, wie die MRA dort arbeitet. Er führte aus, wie sie mit den amerikanischen und britischen Stellen der Bizone zusammenarbeiten, um das gefährliche geistige Vakuum auszufüllen. Mit der Mithilfe von General Clay wurden im letzten Sommer 150 Deutsche ausgesucht und zu der MRA‑Tagung in die Schweiz zur Ausbildung geschickt. Alliierte Dienststellen sagten aus, daß sie bei ihrer Rückkehr beschwingt waren durch neue Perspektiven, williger, die Fehler der Vergangenheit zuzugeben und in der Zukunft anders aufzubauen. Sie setzten sich zusammen und schrieben eine Broschüre (über die Demokratie mit dem Titel: Es muß alles anders werden. Stein glaubt, daß dies das bisher wirksamste Mittel war, um den Samen der wahren Demokratie unter der deutschen Bevölkerung zu säen.“

Während der Kommunismus das soziale Schuldgefühl, das darin bestand, daß jeder Kommunist irgendwann und irgendwo einmal ungenügendes Klassenbewußtsein an den Tag gelegt hatte, zur Lenkung des Einzelnen ausnützte, versuchte die Moralische Aufrüstung das moralische Schuldgefühl einzusetzen. An den vier Maßstäben der absoluten Ehrlichkeit, der absoluten Reinheit, der absoluten Selbstlosigkeit und absoluten Liebe gemessen, mußte ein jeder beim Rückblick auf sein Leben Schuld empfinden und den Antrieb, durch „neues“ Handeln und innere Wandlung diese Schuld zu überwinden. Und doch unterschied sich die Moralische Aufrüstung von der späteren Vergangenheitsbewältigung insofern, als sie die Schuldgefühle aller gleichermaßen wecken wollte, während sich letztere im Sinne von Roosevelts antigermanischem Moralgefälle auf die Schuldgefühle der Deutschen beschränkt.
Die Äquidistanz von Nationalismus und Kommunismus wurde in der Lehre vom „Totalitarismus“ zu einem wissenschaftlichen System ausgebaut. Der Ausgangspunkt dieser Lehre war wissenschaftlich nicht unbedenklich, da er nicht in allgemeinen Begriffen lag, sondern in den jeweiligen Erfordernissen der amerikanischen Außenpolitik. Totalitär war, wer gerade in Amerika als Gegner angesehen wurde. Die Sowjetunion war bis 1941 totalitär, nach 1941 nicht mehr, ab 1948 wieder. Ähnlich erging es Japan, Deutschland, Spanien, China, Italien und anderen Staaten. Die Wissenschaft mit den augenfälligsten politischen Nutzanwendungen hat in längerer Sicht selten eine starke Position, da sie für kurzfristige politische Pressionen am anfälligsten ist. …

Aus dem Dilemma des Antitotalitarismus wurde die Lösung der „Zeitgeschichte“ geboren. Zeitgeschichte war ursprünglich nicht viel anderes als Gegenwartsgeschichte, eine Disziplin, die durch den täglich anschwellenden Strom von Materialien über laufende politische Vorgänge zur dokumentarischen Notwendigkeit wurde. Aber das Interesse an der Zeitgeschichte war das einer engagierten Wissenschaft.

Es sollte eine Deutung der Gegenwart durch Historiker vorgenommen werden, was insofern etwas Mißliches hat, als die Berufskrankheit der Historiker die mangelnde Begriffsschärfe ist.
So fühlten sich denn die Historiker in die von deutscher Seite während des Krieges begangenen Grausamkeiten ein und gelangten zu emotioneilen Postulaten. Da die Einfühlung („Betroffensein“ sei das Kriterium der Zeitgeschichte) im Gegensatz zum begrifflichen Denken nicht alle möglichen Argumente prüfen und einen systematischen Zusammenhang unter ihnen herstellen muß, war sie auch von den Schwierigkeiten, die die jeweiligen amerikanisch‑russischen Beziehungen dem als System auftretenden Antitotalitarismus stellten, befreit. Zwar war die antitotalitäre Frontstellung bei der Entstehung der Zeitgeschichte maßgebend, denn Rothfels verkündete: „Nur wer zuerst vor der eigenen Türe kehrt, erwirbt sich das Recht, kritisch umherzuschauen“, d. h. die Abrechnung mit ihrer Vergangenheit ist für die Deutschen die Legitimation, sich im antikommunistischen Sinne zu betätigen. Aber die zeitgeschichtlichen Emotionen konnten sich natürlich aus dem antitotalitären Zusammenhang lösen und Eigenleben gewinnen.

Die Gegenwelle
Der Antitotalitarismus, der sich anfangs unter das Protektorat liberaler Philosophen gestellt hatte, war auch ein Versuch, der im Jahre 1950 mächtig anschwellenden Gegenwelle gegen alles, wofür die Ära Roosevelt gestanden hatte, vorzubeugen. 1949 war das Jahr gewesen, in dem die Vereinigten Staaten die schwersten Niederlagen ihrer Geschichte hinnehmen mußten. Am 23. September 1949 gab Präsident Truman in einer Pressekonferenz bekannt, daß die Sowjetunion über die Atombombe verfüge. Im August 1949 veröffentlichte der Außenminister Dean Acheson ein Weißbuch, das kundtat, China sei in kommunistische Hände gefallen und Tschiang Kai‑schek ‑ daran schuld. Alle Versuche abschwächend zu erläutern, daß die sowjetische Atombombe noch kein Beweis sei, daß die Russen Atombomben in Serienproduktion herstellen konnten und daß die chinesischen Kommunisten nicht den russischen glichen, sondern vor allem Agrarreformer seien, fruchteten nichts. Die Unzufriedenheit, die sich unter der Bevölkerung verbreitete, führte zu einer Grundwelle des Antikommunismus. Für die amerikanischen Politiker hieß es nun, auf dieser Welle zu schwimmen oder unterzugehen.

Als China in kommunistische Hände gefallen war, als Rußland die Atombombe besaß, da stellte der Mann auf der Straße die Frage, wie es so weit kommen konnte. Hatte nicht Roosevelts Politik den Kommunisten China, die Atombombe und halb Europa dazu in die Hände gespielt? Was war es, das Roosevelt mit den Russen in Jalta vereinbart hatte? Waren nicht die Kommunisten in den amerikanischen Regierungsapparat eingesickert. War eine kommunistische Verschwörung in den Regierungsämtern das Krebsgeschwür, das Amerika zu politischem Siechtum verurteilten. Die Antworten auf diese Fragen spalteten Amerika in zwei Lager. Wie durch ein Brennglas sammelten sich alle diese Fragen im Fall eines Mannes, Alger Hiss (geb. 1904). Hiss war Harvard‑Jurist, Frankfurter Schüler und zwei Jahre in der Redaktion der „Harvard Law Review“ gewesen. 1929 wurde er Sekretär von Justice Oliver Wendell Holmes, einem berühmten Mitglied des Obersten Gerichtshofes. Nach kurzer juristischer Privatpraxis trat er mit Roosevelts Machtübernahme in den Regierungsdienst ein. Er war in Wallaces Landwirtschaftsministerium, Rechtsberater des Nye‑Ausschusses, der die Ursachen des amerikanischen Kriegseintrittes 1917 erforschte, im Justizministerium. 1936 trat er in das Außenministerium ein, als Referent des stellvertretenden Außenministers Francis B. Sayre, einem Schwiegersohn von Woodrow Wilson. Während des Krieges nahm er eine Schlüsselstellung in der Nachkriegsplanung ein. Er war Sekretär der amerikanischen Delegation zur Wirtschaftskonferenz von Bretton Woods, 1944, bei der Harry Dexter White die beherrschende Rolle spielte, er begleitete Roosevelt nach Jalta, er war Generalsekretär der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco. Im Dezember 1946 wurde er zum Präsidenten der Carnegie‑Stiftung für Internationalen Frieden gewählt. jetzt stand er vor dem Kongreßausschuß, der „unamerikanische Handlungen“ zu untersuchen hatte.

Der amerikanische Kongreß hat im Jahre 1938 diesen Ausschuß (House Unamerican Activities Committee ‑ HUAC) geschaffen, um einen anderen Ausschuß zu ersetzen, der sich vor allem mit der Untersuchung deutscher Propagandatätigkeit in den Vereinigten Staaten befaßt hatte. Der Vorsitzende des neuen Ausschusses, Martin Dies, nahm neben der faschistischen Tätigkeit vor allem auch die kommunistische Tätigkeit unter die Lupe und machte sich so zum bestgehaßten Mann der amerikanischen Linken. Anfang 1945 war der Ausschuß reorganisiert und zu einem ständigen Ausschuß gemacht worden, da der Kongreß fürchtete, daß andernfalls die vom Ausschuß gesammelten Akten in der Kongreßbibliothek des Erzliberalen Archibald McLeish verschwinden und der Vernichtung anheimfallen würden.

Im Sommer 1948 war von diesem Ausschuß ein früherer Kommunist, Whittacker Chambers, Mitherausgeber der „Time“, verhört worden. Dieser hatte einige einflußreiche Beamte (Lee Pressman, Nathan Wirt, John Abt, Alger Hiss) als Mitglieder einer kommunistischen Zelle benannt. Alle Genannten waren inzwischen aus dem Regierungsdienst ausgeschieden. Alger Hiss erschien vor dem Ausschuß und leugnete jede kommunistische Tätigkeit ab. Doch Ende 1948 holte der „Zeuge“ Chambers ein Bündel Papiere bei einem Neffen ab, die er 1937 nach Ende seiner kommunistischen Aktivität hinterlegt hatte. Er fand Mikrofilme und Photokopien geheimer Regierungsakten und handschriftliche Notizen von Alger Hiss und Harry Dexter White vor. Der Fall wurde neu aufgenommen. Hiss wurde wegen Meineids bei seiner Aussage vor dem Kongreßausschuß vor einem öffentlichen Gericht angeklagt. Im Herbst 1949 und im Winter 1949/1950 waren aller Augen auf den sensationellen Prozeß gegen Hiss gerichtet.

Am 20. Januar 1950 wurde Alger Hiss wegen Meineids zur Höchststrafe von 5 Jahren Gefängnis verurteilt, am 3. Februar 1950 gab die britische Regierung bekannt, daß der führende Atomwissenschaftler Klaus Fuchs gestanden habe, im Dienste der sowjetischen Atomspionage tätig gewesen zu sein. Wenige Tage später hatte der Senator Joseph McCarthy in Wheeling (West Virginia) eine Rede zu halten. Er sagte: „Der Grund dafür, daß wir uns in einer Lage befinden, in der wir handlungsunfähig sind, liegt nicht darin, daß unser einziger mächtiger potentieller Feind Truppen ausgesandt hat, um an unseren Küsten zu landen, sondern er liegt in den verräterischen Handlungen derjenigen, denen unsere Nation nur Wohltaten erwiesen hat“. McCarthy verschwieg nicht, wer von ihm gemeint war. Er deutete auf eine Liste, die er in der Hand hielt, und auf der eine größere Zahl von Mitgliedern der Kommunistischen Partei verzeichnet waren, die noch im State Departement tätig seien. Es setzte ein Kampf um die Vita jedes Verdächtigen ein. Die Episode des McCarthysmus schlug Amerika in seinen Bann. . . .

Mit elementarer Wucht brach sich aus der Bevölkerung aufsteigend eine Grundwelle Bahn, die Roosevelt und seinem System die radikale Absage erteilte. In dieser Grundwelle liegen die emotionalen Wurzeln des amerikanischen Konservatismus. … Die amerikanisch‑sowjetische Allianz hatte 1945 im Weltmaßstab eine Verfolgung der Rechten eingeleitet. Die „demokratischen Kräfte“, die in den amerikanisch‑russischen Verlautbarungen ständig zitiert wurden, setzten sich aus Kommunisten, Sozialisten und dem linken Flügel der bürgerlichen Parteien zusammen. Was rechts davon stand, war ostraziert. …
Auch in Deutschland spiegelten sich diese Macht Verschiebungen im Weltmaßstab wieder. Die (antifaschistische) Mitte‑Links-Politik wurde unter der Bezeichnung Blockpolitik zur russisch gelenkten Entwicklungsform in der sowjetischen Besatzungszone. In Westdeutschland hatte sie ihr Pendant in der hessischen Verfassungsfront (CDU + SPD + KPD) und jenen Regierungen, in denen die KPD mitvertreten war. Das Ausscheiden der kommunistischen Minister 1947 führte zum (antitotalitären) Zentrumsblock. Die Gründung der Bundesrepublik stand bereits im Zeichen der Gegenwelle und des aufkommenden Antikommunismus. Dieser hatte in Deutschland seine eigenständigen, nicht von der Militärregierung manipulierten Quellen. Der frühzeitig als Widerstand gegen die Accessoires des Mitte‑Links‑Blocks, wie Sozialismus, Reformen aller Lebensbereiche, „Humanismus“, auftretende Antikommunismus fand in Konrad Adenauer seinen Sprecher. Doch die Militärregierung hielt auf Ordnung. 1947 wurde etwa ein bayerischer Landrat abgesetzt, weil er in einer Rede den Ausdruck „rote Flut“ verwendet hatte. Über die Verweisung der SPD 1947 in die Opposition und den Bürgerblock CDU + FDP führte eine anhaltende Entwicklungslinie zur Bonner Koalition aus CDU + FDP + DP, wobei die Aufnahme der Deutschen Partei (mit ausgesprochen konservativem Programm) stellvertretend für die Rehabilitierung der gesamten Rechten stand.

Für das politische Klima in Deutschland ist die Stellungnahme zum Politiker Thomas Mann ein gutes Barometer, da Mann den bürgerlichen Antifaschismus wohl am reinsten verkörperte. Hatte man in der Mitte‑Links‑Epoche die Ausbürgerung Thomas Manns als „geistige Majestätsbeleidigung“ apostrophiert, so erschien jetzt zu seinem 75. Geburtstag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Juni 1950 ein Geburtstagsartikel von Gerhard Nebel, in dem es hieß, Mann sei ein „Exponent einer bis zur Dummheit gehenden Abneigung gegen Deutschland“, der getrieben werde von der „Vernichtungslust in Form von moralischen Urteilen“. Sein Haß sei „weltgeschichtlich nicht mehr aktuell“, er gelte einer untergegangenen Gestalt des globalen Bürgerkrieges … Der Clan Mann sei eine Giftzisterne geworden und es tröste nur, daß die Zahl derer, die aus ihr schöpften, immer geringer werde.

Doch nicht nur der zentralen Gestalt des antifaschistischen Flügels wurde die Absage erteilt, auch der bekannteste antitotalitäre Journalist Hans Habe („Neue Zeitung“) wurde unter der Überschrift „Heraus aus Deutschland mit dem Schuft“, von Henri Nannen („Stern“) mit folgenden Worten gefeiert: „Es war nichts als galliger Speichel, der aus diesem Maule troff, ob es nun darum ging, aus Herrn Remer eine neue deutsche Weltgefahr zu konstruieren, in Ägypten eine faschistische Verschwörung deutscher Generale zu entdecken oder das Vorleben jedes Menschen zu begeifern, der im Dritten Reich irgendwie einen Türsteherposten bekleidet hatte.“

Auch auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung und Publizistik begann sich das Bild rasch zu differenzieren. Es war ein „Nachholbedarf“ entstanden, der die von 1945‑49 unterdrückten Aspekte in das geschichtliche Bild einzuzeichnen versuchte. Das Kulturleben wurde durch die Namen dreier Dichter und Philosophen beherrscht (Ernst Jünger, Martin Heidegger und Gottfried Benn), für die in den ersten Nachkriegsjahren ein „literarisches Nürnberg“ gefordert worden war. An die Stelle der Anklage trat der Wunsch zu erfahren, wie es gewesen ist. Memoiren, kriegsgeschichtliche Studien und politische Publikationen gemäßigt‑bürgerlichen Charakters beherrschten den Büchermarkt. Salomons Rückblick auf die Epoche des „Fragebogens“ wurde zum Bestseller. Die minderen Teufel des antigermanischen Kosmos fanden ihre Fürsprecher: Preußen in Hans‑Joachim Schoeps, die Rechtsintellektuellen der Weimarer Zeit in Armin Mohler, der Generalstab in Walter Görlitz. Eine umfangreiche Literatur begann sich mit der Geschichte und Gegenwart Osteuropas zu befassen. Übersetzungen amerikanischer Werke zeigten, daß man dort die Welt nicht nur durch die liberale Brille betrachtete.

Das Wendejahr 1959
Das Jahr 1959 begann mit einem Amerikabesuch von Mikojan, der Eisenhower den Eindruck vermittelte, daß “mehr Besuche und Austausche uns helfen können, einander zu verstehen.“ Zur Erläuterung sandten die Russen am 10. Januar eine Note, in der sie meinten, die „Staaten, die während des Krieges erfolgreich eine enge Zusammenarbeit schufen, können jetzt eine gemeinsame Sprache finden, um eine friedliche Regelung mit Deutschland zu verwirklichen“. Wie diese Verwirklichung aussehen sollte, war einem beigefügten Friedensvertragsentwurf zu entnehmen.
Der Entwurf versuchte einerseits, durch Herstellung der deutschen Souveränität und internationaler Gleichberechtigung eine Normalisierung der Lage herbeizuführen, aber anderseits die deutsche Teilung, den deutschen Gebietsstand von 1959 und die Neutralisierung Deutschlands als Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu fixieren.  . . .

Von eigenartiger Doppelbödigkeit sind im Entwurf die Bestimmungen, die die innere Ordnung in Deutschland festlegen. Die Grundfreiheiten und Menschenrechte seien zu garantieren, niemand dürfe diskriminiert werden, vor allem nicht, wer sich im Krieg zugunsten der Alliierten betätigte oder nach dem Kriege Handlungen beging, die auf gemeinsamen Beschlüssen der Alliierten oder Anordnungen, die auf Grund dieser Beschlüsse ergingen, fußten. Damit wäre eventuell ein politisches Handeln straffrei, das sich auf die von den Russen in Berufung auf die Beschlüsse von Potsdam angeordneten Maßnahmen stützte, während ein politisches Handeln, das auf die westliche, von Potsdam abweichende Politik sich bettete, strafbar sein könnte. Alle Parteien seien zuzulassen, nicht jedoch die NSDAP und ihre Gliederungen, sowie „ähnliche“ Organisationen, insbesondere revanchistische Organisationen, die die Gebietsregelungen des Friedensvertrags angriffen. Zu untersagen sei alle „wie auch immer geartete Propaganda“ in dieser Richtung. Aufzulösen seien alle Organisationen, die eine feindliche Propaganda gegen eine der alliierten Mächte trieben.  . . .

Das Jahr 1959 unterwarf zum ersten Male die antikommunistische Bündnispolitik und die antitotalitäre politische Philosophie der Bundesrepublik einer ernsten Belastungsprobe. Es war ungewiß, wie die Deutschen auf die Herausforderung, die ihnen die Weltlage stellte, antworten würden. Sie antworteten mit einem panischen Ausbruch ins Irrationale. Eine Frage war gestellt, die Antwort überstieg die Kräfte, es blieb der Kopfsprung aus dem offenen Fenster, genannt „Bewältigung der Vergangenheit“.
Schon die Krise um die Nachfolge des Bundespräsidenten Heuss im Frühsommer 1959 hatte nicht nur zu leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen der veröffentlichten Meinung und der liberalen Öffentlichkeit gegen Bundeskanzler Adenauer geführt, sondern auch innerhalb der CDU eine Fraktion ans Tageslicht treten lassen, die unter dem Abgeordneten Bucerius (Zeit ‑ Stern) und dem neoliberalen Professor Böhm von einem Kanzlerwechsel sprach, aber einen Wechsel der Politik meinte.

Der Durchbruch des Irrationalen auf breiter Front folgte in den Weihnachtstagen 1959. Anlaß war, daß zwei Burschen an die Außenmauer der Kölner Synagoge antisemitische Parolen angeschmiert hatten. Der Vorfall wäre einige Jahre früher mit Seife und Wasser bereinigt worden ‑ jetzt genügte er, um einen Gefühlssturm ohnegleichen zu entfachen. Eine Stampede von Politikern und Verbänden setzte ein, die sich alle von dem Vorfall als erste distanzieren wollten. Die Suche nach Hintermännern begann. Die Bundesregierung stand dem irrationalen Phänomen der antiantisemitischen Gefühlsausbrüche von Anfang 1960 hilflos gegenüber. . .
Als beredter Sprecher für die verstummte Hüterin der deutschen Interessen fungierte nun ein Kind der Charakterreformer, die 1949 gegründete Deutsche Presse‑Agentur (dpa). Die institutionalisierte Umerziehung konnte bei dem An‑ und Abdrehen von Publizitätskampagnen nach Belieben verfahren und der öffentlichen Interessen spotten.

Die Judenverfolgungen Hitlers hatten in den letzten Kriegsjahren eines der stärksten Argumente für die Durchführung der antigermanischen Maßnahmen gebildet. Die antisemitischen Gefühlsausbrüche weckten alte Erinnerungen und lenkten die Gedanken in die letzten Rooseveltjahre zurück. Je lauter sich die deutsche Öffentlichkeit von den beiden Kölner Schmierern distanzierte, desto weniger wurde ihr abgenommen, daß sich in Deutschland und der Welt etwas geändert habe.

Die Gefühlswelle, die vom Kölner Synagogen‑Zwischenfall ausgelöst wurde, ebbte nicht ab. Sie wurde zwar nicht von der Bundesregierung, aber von den Ländern und der Gewalt der Meinung aufgenommen und institutionalisiert. Die „Bewältigung der Vergangenheit“, wie die Gefühlswelle nach ihrer Institutionalisierung hieß, wurde vor allem durch die Ständige Konferenz der Kultusminister gelenkt. Am 11. Februar 1960 gab die Konferenz neue Richtlinien für die Behandlung der jüngsten Vergangenheit im Geschichtsunterricht heraus.
Die politische Bildung auf allen Ebenen wurde forciert. Waren 1949 im Zuge der Ablösung der Strukturreform durch die Gesinnungsreform einige politische Lehrstühle errichtet worden, so wurden jetzt an allen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen Lehrstühle für Politische Wissenschaften errichtet. Der Gesinnungsausweis wurde zur wissenschaftlichen Qualifikation.

Mit deutscher Pünktlichkeit hatten die Länder‑Justizminister beinahe auf den Tag genau mit dem liberalen Wahlsieg in Amerika und Chruschtschows Berlin‑Ultimatum in Ludwigsburg eine Zentralstelle errichtet, die dafür sorgte, daß beinahe zehn Jahre nach dem Ende der alliierten Prozeßwelle eine neue der deutschen Länder in Gang kam. Des Rätsels Lösung für die Aktivität der Länder ist nicht weit zu suchen. Die Länder standen dem Bund nicht im Sinne der Gewaltenteilung als Länder gegenüber, sondern im Sinne des Parteienstaates als Machtzentren anderer Parteicouleur.
Während die SPD 1947 in der Zentrale (dem Frankfurter Wirtschaftsrat) in die Opposition gegangen war, hielt sie sich in den Filialen an der Macht. Der Kurswechsel, der auf den liberalen Wahlsieg in den Vereinigten Staaten im November 1958 zurückgeht, führte in der Zentrale zu krisenhaften Erscheinungen. Die Filialen blühten auf. Die Aufgabe der Prozeßwelle wurde von Fritz Bauer, dem Generalstaatsanwalt von Hessen, folgendermaßen charakterisiert: „Die Prozesse sind ein exemplarischer Teil der seit 1945 viel erörterten re‑education. Die zivilisierte Menschheit ist einige Jahrtausende alt, vorher waren wir Affen. Wenn wir uns nicht in die Luft sprengen, liegen noch Millionen Jahre vor uns. Die Naziprozesse sollen ein Meilenstein dieser Entwicklung sein, sie zeigen uns, wie nahe wir noch dem Affenstadium sind und wie dünn die Haut der Zivilisation war und ist. Sie wollen zeigen, was Menschsein in Wahrheit bedeuten sollte, und was wir zu lernen haben, wie schwer es auch fällt, den Angeklagten und vielen anderen.“  –  Wohl nie ist einer Justiz eine seltsamere Aufgabe übertragen worden.

Die Machtergreifung des neuen Liberalismus folgte in der Kampagne gegen den Bundesvertriebenenminister Oberländer, der sein Amt von 1953‑1960 bekleidet hatte. Die Kampagne begann mit der Beschuldigung der „Isvestija“, daß Oberländer als Angehöriger des Bataillons „Nachtigall“ an den kurz nach Kriegsbeginn in Lemberg verübten Morden (an denen sowohl die Russen, wie die Bevölkerung, wie die Einsatzgruppe C des SD partizipiert hatten), die Verantwortung trage. Die Kampagne wurde von dem nur in Hessen nicht verbotenen VVN (Verband der Verfolgten des Nationalsozialismus), aus dem die meisten nichtkommunistischen Mitglieder ausgeschieden waren, aufgegriffen und mit einer Anzeige an die Ludwigsburger Zentralstelle wegen Mordes an 3.000 Juden weitergegeben. Die Kampagne, die ersatzweise für die Beschuldigung der Lemberger Morde alle Aspekte von Oberländers Leben durchforschte und von der allgemeinen Beschuldigung ehemalig nationalsozialistischer Gesinnung bis zu weiteren Morden im Kaukasus fortschritt, konzentrierte sich schließlich in einem allgemeinen Charakterverdacht. Die DDR setzte alle Mittel ein, um mit Braunbuch, Film („Mord in Lemberg“) und einem Prozeß, in dem Oberländer zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde, das Feuer am Kochen zu halten.
Obwohl die Auseinandersetzung mit der gerichtlichen Klärung der Haltlosigkeit der Anschuldigungen und der Rehabilitierung Oberländers durch den Bundestag (auch mit den SPD‑Stimmen) endete, gelang es, den Sturz Oberländers herbeizuführen. Es war das erste Mal, daß ein einzelner Minister aus dem Kabinett „herausgeschossen“ wurde.

Der Sturz Oberländers soll, wie Ziesel unwidersprochen behauptete, dadurch herbeigeführt worden sein, daß ein namhafter SPD‑Abgeordneter Adenauer androhte, daß man eine Kampagne gegen Oberländer in Gang setzen werde, die ihn, wenn nicht des Judenmordes, so doch des Antisemitismus beschuldigte. Die Möglichkeit zu dieser Kampagne bot ein Zeitungsbericht aus dem Dritten Reich, der über einen Vortrag referierte, in dem sich Oberländer lobend über die antisemitische Haltung der Landbevölkerung geäußert habe. Die Pointe ist, daß aus dem Zusammenhang hervorgeht, daß der Journalist an Stelle von antibolschewistisch antisemitisch gesetzt hatte. In der Tat war der Sturz Oberländers der endgültige Sturz des Antikommunismus. Der DDR‑Propagandachef Albert Norden zog mit Recht das Resümee: „Die Entwicklung des Falles Oberländer unterstreicht, daß im Kampf gegen die Verderber Deutschlands das Gesetz des Handelns an die DDR übergegangen ist.“ Der SPD‑Pressedienst formulierte etwas anders, wenn er meinte, daß es sich um einen „Sieg des Moralischen in der Politik“ gehandelt habe.

Die Ära der „Moralpolitik und politischen Moral“ (Die Zeit) begann in Deutschland zu dämmern. Moralpolitik hätte innerhalb gewisser Grenzen für Deutschland förderlich sein können, da Moral eine Waffe der Schwachen ist. Eine Moral, wie sie sich im Heimatrecht, im Selbstbestimmungsrecht, im Recht der kleinen Staaten gegenüber den Weltmächten niederschlug, hätte innerhalb der deutschen Politik eine positive Rolle spielen und diese in eine Weltströmung hineinstellen können, die den deutschen Interessen nicht widersprach. Die Moral, die die Moralpolitiker jedoch meinten, war die des Franklin D. Roosevelt in neuem Gewande. Sie akzeptierte das Moralgefälle zwischen den guten Weltmächten und den bösen Aggressorstaaten, vor allem Deutschland. Die Moral der Vergangenheitsbewältigung führte unter Anerkennung der Ordnung von Jalta zum Versuch, den Nachweis zu erbringen, daß sich die Bundesrepublik in permanenter Selbstreinigung und Wandlung in dieses System hineinzufügen habe.

Die Kampagne gegen Oberländer wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht durch den Kölner Synagogenzwischenfall und die durch ihn hervorgerufene Bundestagsdebatte eine Gefühlswelle hervorgerufen worden wäre, die dazu führte, daß, wie eine amerikanische Dissertation über „The Nazi ’Past’ in the Communist Cause“ schreibt, „das Zusammenspiel der engagierten Kräfte einen in so groteskem Ausmaß irrationalen Charakter annahm, daß die Normen der politischen Gerechtigkeit an einigen Punkten in der Anti‑Oberländer‑Kampagne nicht mehr die Grenzen der sinnvollen Auseinandersetzung der Parteien absteckten.“ Es war die Auseinandersetzung um ein Symbol, die stets schärfere Formen annimmt als die Auseinandersetzung um eine Sache, da ein Zurückweichen und das Zugeständnis des Irrtums als Aufgabe der eigenen Gesinnung gewertet wird.

War das Jahr 1960 durch den Oberländer‑Prozeß charakterisiert, so das Jahr 1961 durch den Eichmann‑Prozeß. Er verlegte die Vergangenheitsbewältigung auf die internationale Ebene. 500 Korrespondenten aus 40 Ländern wohnten der Eröffnung im April 196l bei. In Jerusalem tauchten die bekannten, zehn Jahre in Vergessenheit geratenen Namen der antigermanischen Periode wieder auf. Telford Taylor (Sword and Swastica) und Ira Hirschmann (The Embers Still Burn) waren unter den Korrespondenten in Jerusalem.
1960 war das Jahr, in dem der schärfste Vertreter des Antigermanismus William S. Shirer mit Massenauflagen seines Buches über den Aufstieg und Fall des Dritten Reiches wieder in das öffentliche Bewußtsein trat und Louis Nizer erneut zum Bestsellerautor wurde. Auch der aus Nürnberg bekannte Ankläger Kempner sah seine Stunde wiedergekommen. Daß die Gefühlswelle des Eichmannprozesses nicht über der Bundesrepublik (via Staatssekretär Globke) hereinbrach, konnte anscheinend nur durch geheime Waffenlieferungen an Israel, die Anfang 1965 den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den arabischen Ländern im Gefolge hatten, abgewendet werden.

Wenn der „Fall Oberländer“ sich (scheinbar) aus der zu bewältigenden Vergangenheit ergab, so fehlte auf den ersten Blick im „Fall Strauß“ die Vergangenheitskomponente völlig. Franz Josef Strauß (geb. 1915) war in keiner Weise mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen. Weder sein Studium der alten Sprachen, noch sein Kriegsdienst in der Flak lieferten einschlägige Hinweise. Nach 1945 war er auf der ersten Landesversammlung der CSU in Bamberg aufgetreten und hatte als Repräsentant der Kriegsgeneration gegen die Aufnahme von alten, aus der Weimarer Zeit stammenden Richtungsstreitigkeiten votiert.

Und doch ist der „Fall Strauß“ nur auf dem Hintergrund der durch Charakterwandlung herbeizuführenden Vergangenheitsbewältigung zu verstehen. Die Kampagne gegen Strauß begann Anfang 1959 mit einer Erklärung von Waldemar von Knöringen, die ihn zum Feind Nr. 1 der SPD abstempelte. Knöringen, der Schöngeist der SPD, war auf die Idee verfallen, die SPD‑Politik auf modernen psychologischen Erkenntnissen aufzubauen. Diese legten die Aufstellung von personifizierten Leitbildern nahe, in denen sich die zu wünschenden und die zu verdammenden Charaktereigenschaften der Deutschen verkörperten. Das positive Leitbild (Carlo Schmid) mißriet, das negative jedoch (Franz Josef Strauß) war ein voller Erfolg.

Die Kampagne kulminierte in der Spiegel‑Affäre. Die Geschäftsräume des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ wurden am 26. Oktober 1962 zu nächtlicher Stunde wegen Verdachts des vorsätzlichen Landesverrats und der aktiven Bestechung von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Einige Redakteure wurden verhaftet. Den Grund lieferte ein Artikel „Bedingt abwehrbereit“, der die NATO‑Übung Fallex 61 behandelte. Da es sich dabei um eine militärische Frage handelte und der Spiegel Strauß pausenlos persönlich attackiert hatte, vermutete man, daß der Bundesverteidigungsminister hinter der ganzen Aktion stand und einen unbequemen Gegner mundtot machen wolle. Aus dem „Fall Spiegel“ wurde unverzüglich ein „Fall Strauß“.

Die vor dem Hamburger Untersuchungsgefängnis aufziehenden Demonstranten, die „Augstein raus und hinein mit Strauß“ riefen, formulierten die Alternative zweier Leitbilder (nur daß an die Stelle Carlo Schmids Rudolf Augstein getreten war). Die Debatten über Pressefreiheit, Geheimnisverrat, parlamentarische Sitten und ministerielle Zuständigkeiten waren nur Vorwand, um die Herrschaft eines Charaktertyps über den anderen zu fordern. Der Gestalt von Franz Josef Strauß wurden jene Charakterzüge zugeschrieben, die für den „autoritären Charakter“ bezeichnend waren. Aus Fromms Charakterlehre ist erinnerlich, daß für die sadistische Komponente dieses Charakters das Streben nach Macht, für die masochistische Komponente der mangelnde Freiheitsdrang und die mangelnde Achtung für die Freiheit anderer bezeichnend sein sollen. Beides wurde bei Strauß diagnostiziert. Ihm gegenüber traten als nicht‑autoritärer, liberaler Charakter „Der Spiegel“ und sein Herausgeber.

Es kam zur Regierungskrise. Die FDP‑Minister traten zurück‑, und das vierte Adenauer‑Kabinett war gestürzt. Gegen Strauß wurde nach intensivem Suchen ein Telephongespräch über die Fahndung nach einem in Spanien befindlichen „Spiegel“‑Redakteur als geeigneter Hebel gefunden. Er verlor sein Ministeramt. Die Spiegelkrise hat nicht nur die Auflage des Nachrichtenmagazins gewaltig gesteigert, sondern auch den Kampf der Leitbilder eindeutig entschieden. Der Liberalismus hat sich in ihr in den politischen Sattel geschwungen und versucht sich seither in den eigenartigsten Dressurkünsten.

Vergangenheitsbewältigung
Die amtliche Darstellung der Bundesregierung präzisiert: „Am 24. Dezember 1959 gegen 23 Uhr wurde auf dem in Köln am Hansaring errichteten Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus mit der Inschrift: ’Hier ruhen sieben Opfer der Gestapo. Dieses Mal erinnert an Deutschlands schandvollste Zeit 1933‑1945’ der zweite Satz mit schwarzer Lackfarbe überschmiert. In derselben Nacht, am 25. Dezember 1959, gegen 2.30 Uhr wurde die Synagoge in Köln, Roonstraße, durch folgende Aufschriften besudelt: die Außenmauer des Grundstücks durch die Parolen ’Juden raus’ und ’Deutsche fordern: Juden raus‘; die Wand und ein Eingang zur Synagoge durch Hakenkreuze und durch Überschmieren der Inschrift ’Synagogengemeinde Köln’; die Innenseite des Toreingangs zur Synagoge durch ein Hakenkreuz sowie durch Überstreichen der Hausglockentafel und des Türgriffs. Zu diesen Schmierereien wurde weiße und rote Lackfarbe benutzt.“ Die beiden mitternächtlichen Täter ‑ sie waren wegen fortgesetzten Betrugs und Autodiebstahls bereits vorbestraft ‑ wurden Anfang Februar 1960 wegen „Beschädigung öffentlicher Sachen“ zu 14 bzw. 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Man hat von ihnen seither nichts mehr gehört. Die Tat jedoch löste eine weltweite Kampagne aus, die eine Identifizierung der Bundesrepublik mit dem 1945 untergegangenen „Dritten Reich“ zum Inhalt und teilweise auch zum Ziel hatte.
Der Verfasser, der sich zu diesem Zeitpunkt in Indien aufhielt, war nach der Lektüre der dortigen Presse im Zweifel, ob die Nationalsozialisten in der Bundesrepublik kurz vor der Machtergreifung stünden oder die Macht schon ergriffen hätten. Die Auslandsberichterstattung der indischen Presse basierte damals fast ausschließlich auf britischen Quellen.

Am 18. Februar 1960 mußte Bundesinnenminister Schröder im Bundestag erklären: „Wir stellen uns ernsthaft die Frage, ob wir den nach 1945, insbesondere seit der Bildung der Bundesrepublik 1949 eingeschlagenen neuen Weg ohne Beeinträchtigung fortsetzen können Die Bundesregierung sah sich plötzlich für Dinge haften, die sie weder veranlaßt hatte noch irgendwie beeinflussen konnte. Mit höchst unzulänglichen Mitteln versuchte sie sich der propagandistischen Sturzflut, die über die Bundesrepublik hereinbrach, entgegenzustemmen. Schröder sagte im Bundestag: „Wir werden heute nicht von neuem vor die persönlichen Entscheidungen der Jahre 1933 bis 1945 gestellt, sondern wir haben 15 Jahre eines konsequent anderen Weges hinter uns … Unter uns kann es und darf es nicht den Maßstab wirklichen oder angeblichen Versagens gegenüber dem totalitären Nationalsozialismus geben, der alle unter sein kaudinisches Joch gezwungen hat, sondern nur einen einzigen Prüfstein: den entschlossenen Willen, den seit 15 Jahren verfolgten neuen Weg unbeirrt fortzusetzen.“

Schröder hatte natürlich seine staatspolitische Rechnung ohne den publizistischen Wirt im deutschen Hause gemacht, und seine Mahnung verhallte wie der Kommentar eines Provinzblattes. Hingegen kam die Erklärung des Bundestagsvizepräsidenten Carlo Schmid dem vom Wirt Erwünschten schon ziemlich nahe.
Zwar, meinte Schmid, habe die Pressekampagne dazu geführt, daß eine Reihe von Halbstarken ähnliche Taten wie die in Köln begangen hätten, was mancherorts bedauert würde: „Vielleicht ist dies aber gut: es gibt Lagen, in denen man die schlafenden Höllenhunde wecken muß, um an ihrem Gebell innezuwerden, wie nahe die Hölle noch ist.“
Wenn ein Mao eine „Hundert‑Blumen-Kampagne“ einleiten kann, die die Parteifeinde hervorlockt, um sie dann desto besser zerschmettern zu können, so wollte Carlo Schmid nur „innewerden“. Ihm ging es um die Demonstration, daß es „unter der Schwelle des Bewußtseins noch unaufgeräumte Unratecken gibt“. Allerdings definiert die Aufgabe der Aufräumung von Unratecken unter der Schwelle des Bewußtseins das Wesen des Staates neu, dessen nunmehriger tiefenpädagogischer Beruf sich mit dem alten der Gewährleistung der Rechtsgemeinschaft und deren Schutz gegen Angriffe, auch von außen, nicht vereinbaren läßt. Der Konflikt zwischen den Staatsaufgaben wurde von Carlo Schmid auch gesehen und einseitig entschieden, wenn er denjenigen ein „Versagen“ vorwarf, die die Vorgänge „nicht unter dem Aspekt der Moral, sondern unter dem Gesichtswinkel des möglichen Schadens betrachten, den die Bundesrepublik erlitten haben mag“. Neben den beiden diametral einander gegenüberstehenden Äußerungen, die auf eine vollkommen verschiedene Auffassung über die Aufgaben des Staatswesens zurückgehen, druckte die amtliche Publikation noch ein beinahe rührendes Zeugnis des Verkennens der Situation ab.
Bundespräsident Lübke sagte: „Wenn die Weltpresse die deutschen Gegenaktionen, die sich auf eine geschlossene Volksmeinung stützen, ebenso breit in der Öffentlichkeit behandelt hätte wie die einzelnen Schändungen, so wäre das Gesamtbild für Deutschland günstiger.“
Man konnte aus „moralischen“ Gründen bewußt politische Risiken eingehen, man konnte versuchen, diese Risiken zu begrenzen, aber man konnte nun wirklich nicht an den Gerechtigkeitssinn der „Weltpresse“ appellieren. Der Topos „Nazi Germany“ erfüllte eine ganz bestimmte, nüchtern kalkulierte Funktion bei dem Versuch, mit den Russen ins politische Geschäft zu kommen. Hitler war der Katalysator der russisch‑amerikanischen Allianz im Zweiten Weltkrieg gewesen. Warum sollte er nicht den gleichen Dienst ein zweites Mal leisten?

Interessant an der Erklärung Carlo Schmids ist, daß er sich über die Struktur der Massenmedien nicht im klaren war. Er spricht an einer Stelle von „Wochenschau“ (also Kino) und „Zeitung“, an anderer Stelle von der „Presse“, die „viel Aufhebens von diesem Schmutze“ gemacht habe, und verkennt völlig, daß zum Zeitpunkt des Kölner Ereignisses die Schwelle zum Fernsehzeitalter überschritten war. Die Erhebung des Zeigefingers begann auch mit einer Fernsehansprache des nordrhein‑westfälischen Innenministers Dufhues am ersten Weihnachtsfeiertag. Die Sendezeit konnte kaum günstiger liegen, da die Zahl der Fernsehempfänger sich gerade so vermehrt hatte, daß man von einer allgemeinen Verbreitung sprechen konnte, und der Weihnachtsfeiertag der Tag des großen Ausprobierens war. Es ist kein Zufall, daß der Durchbruch der Kampagne durch Ausnutzung eines optischen (Hakenkreuz) und nicht eines akustischen Anlasses gelang. Die Kölner Hakenkreuzschmiererei und die durch sie ausgelöste weltweite Kampagne ist das erste große telekausale politische Ereignis, dem im folgenden Jahr das noch bedeutendere der Wahl des Präsidenten John F. Kennedy folgen sollte.

Die Weihnachten 1959 anlaufende Agitation gab einer Kampagne den offiziösen Stempel, die in privaten Bereichen schon einige Jahre zuvor Fuß gefaßt hatte. Sie trug den recht kuriosen Namen „Bewältigung der Vergangenheit“.
Der Name stammt aus dem Mekka der Gesprächspilger, den Evangelischen Akademien. 1955 war er erstmals von Erich Müller‑Gangloff auf eine Einladung zu einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin gesetzt worden, im Oktober 1955 Thema einer Tagung der Grenzakademie Sankelmark, dann am 20. Juli 1956 als „Hitler oder die unbewältigte Vergangenheit“ Thema einer Tagung in Berlin. Er tauchte auf dem siebenten Evangelischen Kirchentag des gleichen Jahres in Diskussionsbeiträgen auf und verbreitete sich wie ein Buschfeuer.
Theodor W. Adorno gab im Herbst 1959 folgende Exegese: „Die narzißtischen Triebregungen der einzelnen, denen die verhärtete Welt immer weniger Befriedigung verspricht und die doch ungemindert fortbestehen, solange die Zivilisation ihnen sonst soviel versagt, finden Ersatzbefriedigung in der Identifikation mit dem Ganzen. Dieser kollektive Narzißmus ist durch den Zusammenbruch des Hitlerregimes aufs schwerste geschädigt worden. Seine Schädigung ereignete sich im Bereich der bloßen Tatsächlichkeit, ohne daß die einzelnen sie sich bewußt gemacht hätten und dadurch mit ihr fertig geworden wären. Das ist der sozialpsychologisch zutreffende Sinn der Rede von der unbewältigten Vergangenheit.“
Die Vergangenheitsbewältigung ist die Anwendung sozialpsychologischer Erkenntnisse in einer Massentherapie, die eine krankhafte Einstellung der Deutschen (Sozialpathologie) durch Bewußtmachung ihrer „Vergangenheit“ zum Verschwinden bringen will. Die Deutschen hätten den Nationalsozialismus im allgemeinen, „Hitler ‑ das gesamtdeutsche Trauma“ (Gert Kalow) im speziellen verdrängt und leisteten Widerstand, wenn man sie mit dieser Vergangenheit, also mit sich selber, konfrontierte. Hitler werde eingekapselt, mit bösen Etiketten versehen, abgelehnt. Dadurch sei die Vergangenheit aber keineswegs bewältigt, sondern eben unbewältigt, da die gebotene „Trauerarbeit“ (Alexander Mitscherlich) verhindert werde.

Wenn die Assimilation Hitlers und seine fortschreitende seelische Überwindung in das Zentrum einer Sozialreligion gerückt wird, ordnen sich alle Gegenstände um den Glaubenshauptgegenstand herum an. Alles und jedes ist entweder Trauerarbeit oder Flucht vor ihr. Schließlich tritt an die Stelle des Kalten Krieges der neue Ost‑West‑Konflikt der verschiedenen Aufarbeitungssysteme: „Während es für den Christen selbstverständlich ist, daß die Abkehr von diesem Gestern nur im Gegenüber zur bewußten Erinnerung erfolgen kann, ist für den Marxisten mit dem Eintritt in die Welt des Sozialismus jede Verbindlichkeit von gestern her erloschen“ (Erich Müller‑Gangloff. Dieser Gedanke kann dahingehend entwickelt werden, daß ein innerdeutscher Ost‑West‑Ausgleich, der nicht notwendig eine staatliche Wiedervereinigung bedeutet, dadurch erreicht werden kann, daß sich östlicher Marxismus und westliche Bewältigung vermählen. Mancher „Dialog“ steuert deutlich in diese Richtung. …

Für die Trauerarbeit ist Voraussetzung, daß Hitler nicht sterben darf. Für die weltpolitische Situation war er schon 1944 tot, es ging nur noch um sein Erbe. Damit öffnet sich eine Schere zwischen den vermeintlichen psychologischen und therapeutischen Erfordernissen und der sich aus der politischen Weltkonstellation ergebenden Gegenwartssituation. …

Der Bewältigung der Vergangenheit liegt ein geschlossenes System eines geistigen Kreislaufs zugrunde. Ein moralisches Postulat wird in der Gegenwart aufgestellt. Aufgrund dieses Postulats werden das „Dritte Reich“ und die deutsche Geschichte gedeutet. Aus der so gedeuteten Geschichte werden Lehren für die Gegenwart gezogen, die zu verschärften moralischen Postulaten und damit zu erneut rigoroseren Deutungen der Vergangenheit führen, und so weiter, immer im Kreis herum, bis eines Tages das auf sich selbst bezogene Gebilde am Fels der Realität zerschellt. Die moralische Eskalation kann auf Inhalte weitgehend verzichten. Die Verwendung der Geschichte des „Dritten Reiches“ in der Trauerarbeit hat eine Begegnung mit Geschichte nicht in ihrem Gefolge, im Gegenteil. Hans Buchheim, der über ein Jahrzehnt im „Institut für Zeitgeschichte“ tätig war, kommt zum Schluß: „Alles in allem muß man also leider feststellen, daß mit zunehmendem zeitlichem Abstand vom Dritten Reich die Vorstellungen über jene Zeit nicht etwa zutreffender werden, sondern vielmehr immer abwegiger.“ Es grassiere eine spekulative Betrachungsweise, die „Geschichte nur als Stoff benutzt, an dem sie ein Prinzip demonstrieren kann“.

Die Betrachtung des Dritten Reiches durch die Älteren sei völlig unreflektiert, nur durch persönliche Eindrücke bestimmt, die der jüngeren nur reflektiert. „Die Jüngeren halten eine differenzierende Betrachtungsweise von vorne herein für apologetisch und unmoralisch, weil für ihre Begriffe die Moralität des Urteils in dem Maße zunimmt, in dem alle Aspekte eines Problems auf einen Aspekt konzentriert werden“. Der Aspekt, auf den alle Aspekte des Dritten Reiches konzentriert werden, ist nach Buchheim der Aspekt des Verbrechens, zusammengefaßt im Symbolbegriff Auschwitz. Vom Aspekt des Verbrechens wird ein Dispens des politischen Denkens abgeleitet, der jede nüchterne Erwägung in der Gegenwart und jede Einbeziehung des Selbstinteresses schon als Ansatz zum Verbrechen wertet. …

Der Verfasser besitzt eine von Werner Hilgemann herausgegebene Schulwandkarte, die auf vier Quadratmetern mit Judensternen, SS‑Fähnchen, Wachtürmen und Galgen bedeckt ist, ihr Titel: „Deutschland unter der Hitlerdiktatur 1933‑1945.“ (Verlag J. Perthes, 1963). Als 1960 das propagandistische Gewitter über der Bundesrepublik losbrach, war ein Blitzableiter vonnöten. Die Schulen waren aufgrund der bestehenden staatlichen Schulhoheit der Ort, wo ohne Störung der Rechtsordnung, die bei einer zweiten Entnazifizierung unvermeidbar gewesen wäre, bewältigt werden konnte. Schon am Januar 1960 setzten nach dem Bericht der Bundesregierung die „systematischen Belehrungen in den Schulen“ ein. Eine Flut von Anweisungen folgte. Am 29. September 1960 kam die „Rahmenvereinbarung“ der Kultusministerkonferenz in Saarbrücken zustande, die in den Oberstufen der Schulen das Fach „Gemeinschaftskunde“ einführte und den Geschichtsunterricht in ihm aufgehen ließ. An die Stelle des chronologischen Geschichtsunterrichts trat der „exemplarische“, der den Stoff benutzte, um an ihm ein Prinzip zu demonstrieren. Die demonstrationsstudentische Bewegung von 1967/68 ist nicht von ungefähr antihistorisch. In der Antifestschrift zum 150 jährigen Jubiläum der Universität Bonn, „150 Jahre Klassenuniversität“, schreibt Bernd Pauly:
„Uns scheint, es würde niemandem auffallen, wenn die Geschichtswissenschaft über Nacht abgeschafft würde. Dort, wo sie gesellschaftliche Effizienz haben soll, an den höheren Schulen, wird sie als autonomes Unterrichtsfach mehr und mehr zurückgedrängt, denn es leuchtet selbst Kultusministern ein, daß die lichtsuchende Jugend kanonisierter Plattheiten über Bismarck und andere füglich entraten kann“.

In der Einführung des Faches „Gemeinschaftskunde“ sahen seine Promotoren eine „große neue Aufgabe“, nämlich „die Erziehung des (auch) politischen Menschen, der die Erinnerung bewahrt und aus ihr handelt“ (Felix Messerschmid). Sie glaubten allen Ernstes, mit ihrem Unternehmen einen Beitrag zur geistigen Verteidigung des Westens zu leisten, zu der Karl Dietrich Erdmann auf dem Historikerkongreß von Duisburg 1962 in flammenden Worten aufrief. Eine völlig unübersehbare Literatur über Didaktik und Systematik des politischen Unterrichts ergoß sich über die Pädagogen. Es war vorauszuberechnen, daß etwa im Jahre 1968 zum ersten Mal seit 1945 eine politisch gereifte und demokratisch gebildete Abiturientengeneration in die Universitäten einrücken würde. Tatsächlich wurde diese Generation auch als „erste hoffnungsvolle Generation unseres Volkes“ (Müller‑Gangloff) begrüßt. Wenn Messerschmid das Erziehungsziel des Bewahrens der Erinnerung und des Handelns aus ihr aufstellte, übersah er, daß die Jugend ja nicht die Messerschmidschen Erinnerungen bewahren konnte, sondern nur die ihres eigenen Erlebniskreises, und der wurde durch eiertanzende Studienräte gebildet, die als politische Doktrin eine reichlich stümperhafte Rationalisierung von Erlebnissen anderer zu verkünden hatten.

Welche Rolle konnte die „unbewältigte Vergangenheit“ als Bildungserlebnis bei einer Generation spielen, die nach dem Krieg geboren und nun z.B. von Pfarrer Franz von Hammerstein vor die Frage gestellt wurde: „Was würden wir tun, wenn man uns zum Selektieren auf die Rampe in Auschwitz‑Birkenau stellte, oder wenn wir als Soldaten die grauenhaften Geiselerschießungen beobachteten?“ Die Antwort mußte, da Auschwitz in unerreichbare Ferne gerückt war, in dem Wurf von Frischeiern auf lebende Staatsmänner, Love‑Ins in Rektoratsräumen und der Auffassung bestehen, daß die ganze Gesellschaft in Verbrechen verstrickt sei. Die bewältigende Generation glaubte, es sich schuldig zu sein, die Jugend in einen Prozeß der Sühne einzubeziehen:
„Man kann stellvertretend für die Väter sühnen, ähnlich wie die Väter oft für ihre Kinder siihnen müssen. Sühne ist nicht identisch mit Strafe verbüßen, sondern bedeutet, die Strafe als gerecht akzeptieren. Worin besteht eigentlich die Strafe? Einzelne werden bestraft, wenn die Gesetze, die Justiz, dazu zwingen. Das deutsche Volk wurde unter anderem bestraft durch die Wegnahme von Ostpreußen, Schlesien und Pommern, durch die Vertreibung der dortigen Bevölkerung sowie durch die Teilung. Diese Strafen haben nach 1945 mehr oder wenige Schuldige ‑ von Unschuldigen sollte man für die damalige Generation nicht reden ‑ getroffen, und gerade etwa die Teilung trifft auch Unschuldige heute. Welche Strafen uns ein künftiger Friedensvertrag etwa noch auferlegt, wissen wir nicht.“

Die religiöse Aufladung der profanen Geschichte, die Ersetzung des persönlichen Gottes durch den Geschichtslenker, der sich im Zeitgeschehen offenbart und sein Gericht durch die Weltmächte vollzieht, ist in der geschichtlichen Dimension des Christentums, aus der nach Löwith die säkulare Geschichtsphilosophie hervorging, angelegt, so daß der Sühneprotestantismus ‑ auch im Katholizismus kommen Parallelen auf ‑ manchen innerkirchlichen Ansatzpunkt hatte. Politische Differenzen bekamen dadurch kirchensprengende Wirkung.
Die Vergangenheitsbewältigung hat auch Wissenschaftsgeschichte geschrieben und die Fragestellungen, Terminologien und Antworten einer ganzen Reihe von Fächern ‑ von der Psychiatrie bis zur Staatsrechtslehre ‑ beeinflußt. Als Beispiel einer Anwendungsmöglichkeit der Vergangenheitsbewältigung sei das Gebiet der Außenpolitik herausgegriffen. Die auf die Außenpolitik angewandte Vergangenheitsbewältigung hatte, wie die dritte außerparlamentarische Bewegung „Kampf dem Atomtod“, ihren Ausgangspunkt im Göttinger Memorandum der 18 Physiker. In vertraulichen Erörterungen am Dienstsitz von Bischof Hermann Kunst, Militärbischof, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche bei der Bundesregierung und Exponent des Kirchenliberalismus, wurden weitere Aktionen nach Art des Göttinger Memorandums konzipiert. Ein „Tübinger Memorandum“ wurde im Herbst 1961 an die Abgeordneten des neuen Bundestages verschickt und mit ihnen erörtert. Unter den Unterzeichnern (Becker, Bismarck, Heisenberg, Howe, Picht, Raiser, Weizsäcker) befanden sich noch zwei Physiker. Die Federführung war jedoch eindeutig an den Tübinger Juristen Prof. Ludwig Raiser übergegangen.
Während das Göttinger Memorandum sich nicht in der Lage sah, einen politischen Rat zu erteilen, und nur die Nichtbeteiligung der Physiker an der atomaren Forschung zu militärischen Zwecken kundtat, weiß die neue Denkschrift‑Bewegung genau, was zu tun ist, und versucht, die politischen Instanzen unter Druck zu setzen, indem sie vorgibt, sie durch Aufhebung des Drucks zum Handeln zu befreien. Der Kernsatz des Memorandums lautet:
„Die deutsche Position in der gegenwärtigen Krise wurde dadurch geschwächt, daß wir an Ansprüchen festgehalten haben, die auch bei unserem Verbündeten keine Zustimmung finden. Wir sagen nichts Neues, wenn wir die Ansicht aussprechen, daß zwar Freiheit der in Berlin lebenden Menschen ein von der ganzen Welt anerkanntes Recht ist, daß aber das nationale Anliegen der Wiedervereinigung in Freiheit heute nicht durchgesetzt werden kann, und daß wir den Souveränitätsanspruch auf die Gebiete jenseits der Oder‑Neiße werden verloren geben müssen.“

Das Tübinger Memorandum brachte Anschauungen zu Papier, die an keinem Punkte über das hinausgingen, was in den Kreisen der Kennedy‑Administration umlief und was von jenen, welche die deutsche Politik den amerikanischen Vorstellungen der KennedyBerater anpassen wollten (z. B. „Die Zeit“), angestrebt wurde. …

Die eigentliche Sensation des Memorandums war jedoch sein theologischer Hintergrund. Diese Sensation steigerte sich noch, als der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands eine „Kammer für öffentliche Verantwortung“ unter dem Vorsitz von Prof. Ludwig Raiser und der Geschäftsführung von Oberkirchenrat Erwin Wilkens beauftragte, eine Ost‑Denkschrift auszuarbeiten, die den Titel trug „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“. Die Denkschrift wurde im Oktober 1965, wieder nach der Wahl eines neuen Bundestages, veröffentlicht und führte sofort zu einer lebhaften Debatte, die nach einem halben Jahr schon 40 selbständige Schriften zutage gefördert hatte und heute noch anhält. Die Bielefelder These der Kirchlichen Bruderschaften, daß der Verzicht auf die Ostgebiete eine Erkenntnis sei, zu der „das Evangelium die politische Vernunft“ befreit habe, wurde in der Ost‑Denkschrift nicht mit diesen Worten formuliert, aber stand doch derart im Hintergrund, daß die an Verschlüsselungen gewohnten Zeitgenossen zu Recht stutzig wurden. …

In harten Grabenkämpfen um jeden Punkt der Denkschrift schälte sich nach und nach heraus, daß die einzelnen Punkte nur die Schale um einen theologisch‑politischen Kern waren, der als „Ja zum Gericht Gottes“, zur Konsequenz der Annahme jeder Forderung und Zumutung der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs führte. … Die Sühnetheologen mußten in den ihnen Widersprechenden den „alt‑bösen Feind“ wittern, der ein verstocktes Nein zum Gericht Gottes sagt. Sie waren daher auch maßgeblich an einer Kampagne beteiligt, die in einer umfangreichen Literatur einem „Nationalismus“ den Garaus zu machen suchte, dem zunehmend alle satanischen Züge des Bösen angeschminkt wurden. Der Kampf gegen Nation, Nationalgefühl, Nationalismus ist seit den Illuminaten und bis hin zum Internationalismus der Sozialdemokratie eine Unterströmung der Linken gewesen. Doch handelt es sich bei dem Bewältigungs‑Anti‑Nationalismus nicht um einfache Anknüpfung an diese Tradition, sondern um eine sehr spezifische Abwandlung. Das geht schon daraus hervor, daß die gleichen Kreise, die in Deutschland in der Bekämpfung des Begriffes der Nation den hauptsächlichen Inhalt der Politik sehen, in Österreich mit gleichem Elan diesen Begriff einführen wollen. Sie rufen diesseits von Inn und Salzach „Fort mit der Nation“ und jenseits von Inn und Salzach „Her mit der Nation“.

Umerziehung und Politische Kultur
Politische Kultur (Political Culture) ist der Name eines Ende der fünfziger Jahre an der Universität Princeton entwickelten Forschungskonzeptes amerikanischer Sozialwissenschaftler, das als Spätzünder in der Schlußphase der bundesdeutschen Teilrepublik die öffentliche Diskussion prägte. Die späte, bei „seiner ursprünglichen Rezipierung aus dem Amerikanischen kaum zu ahnende Blüte“ wurde dem Fernsehpublikum verdeutlicht, als in der viel beachteten Bundestagsdebatte über den konstruktiven Mißtrauensantrag gegen Helmut Schmidt Redner der SPD (Helmut Schmidt, Willy Brandt) wie der FDP (Gerhard R. Baum, Hildegard Hamm-Brücher) davor warnten, daß der Regierungswechsel die „Politische Kultur“ gefährde. Politische Kultur war in Bonn auf Spielregeln, politischen Stil, ungeschriebene Gesetze im Gegen‑ und Miteinander der Berufspolitiker verkürzt worden, während in Amerika sich die Political‑Culture‑Forschung mit der Gesamtbevölkerung befaßte. Das von Gabriel A. Almond, dem „Founding Father“, seinen namhaften Jüngern Sidney Verba und Lucian W. Pye und einigen anderen entwickelte Forschungskonzept versuchte politisch relevante subjektive Faktoren wie Wertüberzeugungen, Einstellungen, Verhaltensweisen mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung zu erfassen und zu vergleichen. In Deutschland wurde daraus unter Verzicht auf die komparative Zielsetzung ein feuilletongerechter Modeartikel, der klangstark Sinnführungskompetenz belegen sollte. Wer zwischen einem normativen Gebrauch bei Politikern, Leitartiklern und Fernsehkommentatoren, die häufig den Mangel oder den Verfall der Politischen Kultur beklagen und einen „nicht von vornherein wertenden, also deskriptiven und analytischen“ Gebrauch in der Sozialwissenschaft unterscheidet, kennt anscheinend seine Pappenheimer nicht. Wir finden unter den Autoren der Politischen Kultur so manche Politikwissenschaftler, die durch normative Überzeugtheiten und entsprechenden volksmissionarischen Drall bekannt sind. Martin Greiffenhagen, Kurt Sontheimer, Wilhelm Weidenfeld, Wilfried Röhrich, Iring Fetscher, Fritz Stern, Christian Graf Krockow, Lord Ralf Dahrendorf e tutti quanti. Die politische Kultur der Bundesrepublik wird hier an der Norm eines nicht näher untersuchten westlichen (de facto) anglo‑amerikanischen Vorbilds gemessen. Das Auftauchen des Paradigmas Politische Kultur in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hilft eine Lücke zu schließen, die sich durch das Verblassen der antikapitalistischen, antiautoritären, antiimperialistischen Faszinationen der 68er Bewegung nach der Tendenzwende von 1973/74 ergeben hatte.

Das Fachorgan der Politologen „Politische Vierteljahresschrift“ brachte 1981 ein ganzes PVS‑Forum Politische Kultur, in dem ein heftiger Streit zwischen westlich orientierten Veränderern und nicht minder westlich orientierten Bewahrern entbrannte, der im folgenden Jahr auf einem Symposion „Politische Kultur“ an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing fortgesetzt wurde. Hier wurde die Politische Kultur sogar als ein Orwellsches Konzept angeprangert. Es handelt sich eher um ein Konzept der Re‑education. Sowohl strukturell als auch personell läßt sich eine starke Verbindungslinie erkennen. Gabriel A. Almond, ein 1938 in Chicago an der Hochburg der behavioristischen Schule der politischen Wissenschaften promovierter Sozialwissenschaftler, arbeitete von Gründung (1942) an im amerikanischen Kriegspropagandaamt, beteiligte sich dann im Kriegsministerium am „U.S. Strategic Bombing Survey“, der mit neuesten sozialwissenschaftlichen Methoden die moralischen Wirkungen der Flächenbombardierungen maximieren sollte. 1949 trat Almond erstmals literarisch hervor ‑ mit einem Buch über die Demokratisierung der Deutschen („The Struggle for Democracy in Germany“). Mit dem Koreakrieg wandte sich Almond der anderen Bedrohung der von ihm anvisierten „neuen politischen Weltkultur“ zu. …

1965 erschien die von Almond und Verba herausgegebene“Zehn‑Länder‑Studie“ „Political Culture and Political Development“. Katalysator der Political‑Culture‑Forschung sind nach Almond die neuen Techniken der Meinungsbefragung. Mit ihnen schließt er vier Traditionslinien (klassisches politisches Denken, moderne politische Wissenschaft, Sozialpsychologie, Psychoanthropologie) zu einem Forschungskonzept zusammen. Gleichwohl enthält „Civic Culture“ Argumentationsketten, die empirisch weder verifiziert noch falsifiziert werden können. … Politische Eliten müßten jedoch an den „demokratischen Mythos“ glauben, daß Bürger auf die Politik Einfluß nehmen könnten.

Deutschland war in den 60er und 70er Jahren kein Mittelpunktthema und kein Anlaß für besondere Besorgnisse. Dennoch spielt es in der Political‑Culture‑Forschung eine wichtige Rolle. Die psychopolitische Sicht war ursprünglich auf Deutschland gerichtet gewesen. Verba schreibt: „Viele der klassischen Werke über die nichtpolitischen Wurzeln politischer Haltungen wurden von Männern geschrieben, die die Fragen beantworten wollten, die der deutsche Nationalsozialismus aufgeworfen hat. Man denkt dabei sofort an Adorno, Horkheimer, Lewin und Fromm und die Nachkriegsstudien über den deutschen politischen Charakter“.
Das konzeptionelle Umfeld der Re-education der Deutschen war Ausgangspunkt der Political‑Culture‑Forschung. In ihr zeichnet sich nicht nur ein Wandel des Deutschland‑Bildes ab, sondern auch ein Wandel der deutschen Wirklichkeit, soweit sie mit einem sozialwissenschaftlichen Raster einzufangen ist. Re-education und Politische Kultur sind jedoch nicht nur durch eine psychopolitische Traditionslinie verbunden, sondern auch durch eine der empirischen Sozialforschung. …
Die Umfragen der ersten Jahre spiegeln den Fehlschlag der „kleinen“ Umerziehung wider. Die Deutschen hatten zwar den Nationalsozialismus hinter sich gelassen, „aber sie nehmen die meisten Muster demokratischen Verhaltens, die die Militärregierung fördert, nicht an“. Unter der Hohen Kommission verschieben sich die Wertungen: „Die Bundesrepublik war nicht die Musterdemokratie, die sich die amerikanischen Besatzer ursprünglich erhofft hatten, aber es war eine populäre, stabile und effektive Demokratie in einem formalen Sinne. Ihre Stärke gab der Bundesrepublik den Atemraum, der notwendig ist, um einige weniger formale Aspekte der Demokratie zu entwickeln, wie soziale Gerechtigkeit und Gleichheit.“ …
1959 war das Jahr, in dem Almond/Verba die Befragung für ihre „Fünf‑Länder‑Studie“ durchführen ließen. In der Studie wird Deutschland eher schlecht benotet: „In Deutschland hält eine passive Untertanen‑Einstellung an…“ Zwei Jahre später verschiebt sich in der „Zehn‑Länder‑Studie“ von Pye/Verba der Akzent. „Passivität, Pragmatismus, Distanziertheit, legalistischer Formalismus führen dazu, daß die Deutschen sich dem Radikalismus verschließen, ohne zu einer demokratischen Partizipation überzugehen“
Das aber bringt immerhin den Faktor Zeit, der der Weimarer Demokratie fehlte, „um das politische System durch das Schaffen von Haltungen zu durchdringen, die für die demokratische Partizipation von Nutzen sind.“
1980 kamen Almond/Verba auf ihre „Fünf‑Länder-Studie“ zurück. Sie veröffentlichten „The Civic Culture revisited“, einen Sammelband, in dem neben Stellungnahmen verschiedener Autoren die fünf Länder jeweils durch einen neuen Bearbeitet unter die Lupe genommen werden. Für Deutschland handelt es sich um David P. Conradt. Laut Conradt hat jetzt anscheinend der Faktor Zeit gegriffen. Inzwischen habe sich jeder einzelne Aspekt, der 1963 in der Almond/Verba‑Studie aufgeführt worden sei, verändert. „Die Entwicklungen seit 1959 unterstreichen das Ausmaß des kulturellen Wechsels in Deutschland.“ Ja, die Deutschen überrunden in manchen Aspekten die anglo‑amerikanischen Vorbilder. Zwischen 1959 und 1978 ist der Prozentsatz der Deutschen, der auf die politischen Institutionen des Landes stolz ist, von 7 % auf 31 % gewachsen, von 1951 bis 1976 der Prozentsatz, der meint, daß es nicht zu einer Wiedervereinigung kommen werde, von 28 % auf 65 % gewachsen ‑ Verfassungspatrioten, wohin man auch blickt.

Doch während Deutschland zum Inbegriff einer stabilen Demokratie geworden ist, haben sich neue Fragen ergeben. Jetzt stellt sich die Frage, ob die liberale Demokratie für die partizipatorischen Bedürfnisse und politischen Anforderungen einer Bevölkerung, die nicht länger in den demokratischen Kinderschuhen steckt, adäquat sei.

In einer künftigen Demokratiekrise habe die Bundesrepublik jedoch die gleichen Chancen wie die anderen westlichen Demokratien. Almonds Frage, warum in der Krise der 30er und 40er Jahre die angelsächsischen Demokratien sich durchwurstelten, die deutsche jedoch zusammenbrach, ist beantwortet ‑ nicht auf dem Papier, sondern in der politisch‑kulturellen Wirklichkeit. Die „traumatische“ Vergangenheit spielt keine Rolle mehr, der Traum vom „deutschen Sonderweg“ ist für die Politische Kultur‑Forschung ein für allemal ausgeträumt, die Umerziehung der Deutschen ist ‑ 1980 ‑ erfolgreich abgeschlossen.

Kürzungen und die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Das vollständige Buch CHARAKTERWÄSCHE ist unter www.amazon.de erhältlich. – Horst Koch, Herborn, im Dezember 2008

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