68er Revolte (J.Kraus)

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Thomas Gottfried

Entmündigung, Gehirnwäsche, Intoleranz, Repression

Josef Kraus entmythologisiert die 68er

(Buchauszug von Th. Gottfried)

„Als man das Jahr 1968 schrieb, startete ich in die Abiturklasse. ‚Ho-Ho-Ho- Tschi-Minh‘ skandierten wir ebenso, wie uns ‚Sit-ins‘ vertraut waren. Wir ahmten beides nach – unideologisch, nur des Krawalls wegen. Wir waren eine aufmüpfige Abiturklasse und haben uns Dinge erlaubt, die ich später als Chef eines Gymnasiums nicht tolerieren konnte. Aber wir waren keine Linken.“ (S. 174)

Wer den Deutschlands bekanntesten außerparlamentarischen Bildungspolitiker mit seinen unzähligen Talkshowauftritten, Fachartikeln, Kommentaren und Bestsellern (u.a. „Spaßpädagogik – Sackgassen deutscher Schulpolitik [1998]“, „Helikoptereltern [2013]“, „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ [2017]) kennt, wird von diesem autobiographischen Bekenntnis nicht wirklich überrascht sein.
Ein Krawallmacher ist Josef Kraus auch heute noch, wenn es gegen Bildungsabbau, mediale Gesinnungsdiktatur, Moralisierung und wahrheitswidrige Simplifizierungen geht. Der gelernte Gymnasiallehrer, Diplompsychologe, langjährige Oberstudiendirektor eines bayerischen Gymnasiums sowie über 30 Jahre ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes legt schonungslos und mit einer beeindruckenden Fülle eindeutiger Fakten offen, daß die 68er-Bewegung in ihrer positiven Bedeutung für die gesellschaftliche und politische Entwicklung der Bundesrepublik heillos überschätzt wird und ihre negativen Langzeitfolgen dagegen völlig unterbelichtet sind.

Sein neuestes Werk
Josef Kraus: 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften, Manuscriptum-Verlag, Lüdinghausen/Berlin, 189 Seiten

schließt eine Lücke und ist deshalb ein überfälliger Beitrag zu einer differenzierten Betrachtung dieses Phänomens in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte. Im Eingangskapitel beleuchtet der Autor die bestenfalls ambivalente Bewertung der 68er im Spiegel neuerer Publikationen. Bei aller Leidenschaft und klaren Positionierung wird deutlich, daß Kraus – wie in seinen bisherigen Publikationen eindrucksvoll nachgewiesen – vom ersten Kapitel an zur sachlichen Differenzierung fähig ist. Seine Untersuchung ist keine Polemik, sondern ein durch glasklare Argumentation und eine Vielzahl an Tatsachenbeweisen überzeugendes, fachlich fundiertes Werk, das gerade deshalb lehrreich und unterhaltsam zu lesen ist.

Bevor sich der Autor im Hauptteil und Herzstück seines Buches den ideologischen und realen (5. Kapitel, S. 45-85) sowie den pädagogischen Hinterlassenschaften (6. Kapitel, S. 86-115) zuwendet, führt er zunächst den Nachweis, daß die 68er im Kern nicht einmal den Begriff „Bewegung“ verdienen, sondern eine höchst relative, regional diversifizierte und inhaltlich substanzlose Zeiterscheinung darstellen, deren Langzeitfolgen aber bis heute nachwirken.

Kraus stützt sich hierbei auf die Erkenntnis des Historikers Norbert Frei, der den „transnationalen Charakter“ von „1968“ nachgewiesen hat.
Dieser massiven, geopolitisch ausgeprägten Relativierung schließt sich der Autor mit seiner ebenso pointierten wie fundierten Einschätzung an: „Sonderlich originell war an den 68ern nichts. Sie schmückten sich mit fremden Federn. Sie waren Trittbrettfahrer oder bestenfalls Verstärker“ (S. 11).

Als Vorläufer werden gesellschaftskritische und oppositionelle Strömungen aus der USA aufgewiesen, wie sie im Kontext des „Vietnam-Krieges“, der Studentenbewegungen und vor allem der „Black-Power“- und „Hippie“-Bewegung entstanden sind; hinzu kamen studentische und gewerkschaftliche Initiativen in Frankreich. In Deutschland war vor allem die Kritik an der Westbindung ein zentraler äußerer Anlaß dafür, daß sich auf der ideologischen Basis des Marxismus eine Protestbewegung formieren konnte, deren linke Protagonisten ein sozialistisches Gesamtdeutschland anstrebten. Kraus übernimmt hierbei die Einschätzung von Jürgen Habermas, daß die „Studentenbewegung … ihre Erfolge der phantasiereichen Erfindung neuer Demonstrationstechniken“ verdanke, und führt gegen das Narrativ, die 68er hätten zu mehr Toleranz beigetragen, die Einschätzung von Arnold Gehlen an, es handle sich hierbei um die Toleranz eines „Nihilismus des Geltenlassens von schlechthin Allem“.

Damit habe sich das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik nach links verschoben, was bis in unsere Tage in der Debatte um einen vermeintlichen Rechtsruck spürbar sei. Es ist eine große Stärke dieses Buches, die langfristigen Folgewirkungen der 68er herauszuarbeiten, hinter die es kein Zurück mehr zu geben scheint. Ursache dafür ist eine nachhaltige Umerziehung, wie sie sich in Denk- und Sprechverboten, einer medial verstärkten Gesinnungsdiktatur und dem Faschismusvorwurf unterwirft, was auf unbequeme Wahrheiten und gesellschaftliche Entwicklungen verweist, und sei der Vertreter einer solchen Kritik dem Rechtsextremismus noch so fernstehend.

In der historischen und soziologischen Forschung wird meist übersehen, daß die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sowie die Liberalisierung der Gesellschaft von früher ansetzenden und weit stärkeren Triebkräften initiiert und vorangetrieben wurde als von der diffusen Zeiterscheinung der 68er. Als „Wutobjekte und Auslöser der Revolte“ (S. 21) sieht Josef Kraus gesellschaftliche und politische Gegebenheiten der 68er Jahre (u.a. „Ostermärsche“, zeitweiliger Aufstieg der NPD, Wirtschaftswunder und Rezession, Große Koalition, Notstandsgesetze, Gründung der KPD), was die These von der sich als Selbstzweck generierten Protestbewegung ohne fundierte gesellschaftspolitische Ideale stützt. So lassen sich die konkreten Ergebnisse dieser Bewegung sachlich begründet unter der Überschrift „Aktionismus und Anarchismus“ (S. 25) zusammenfassen, wobei der Weg zur RAF nicht weit war, was sowohl durch eine ausgeprägte Gewaltaffinität von Teilen der 68er als auch durch die Beheimatung von RAF- Sympathisanten in der Kultur- und Literaturszene bedingt war.

Wie bereits erwähnt, liegt den 68ern kein geschlossenes weltanschauliches Konzept oder gar eine gesellschaftspolitische Philosophie mit bestimmten Idealen zugrunde. Dennoch gelingt es dem Autor sehr überzeugend, einige geistesgeschichtliche Versatzstücke zu charakterisieren, die sich als Elemente einer diffusen ideologischen Mixtur nachweisen lassen: Es sind vorwiegend Anti-Ideologien wie etwa Kommunismus, Feminismus und Ökologismus mit meist totalitären, kollektivistischen und nihilistischen Grundtendenzen. Wenn man überhaupt von einem Menschenbild der 68er sprechen kann, so liegen dessen Wurzeln in der egalitären und naturalistischen Anthropologie Rousseaus, die das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit ebenso ignoriert wie die für komplexe Gesellschaften überlebensnotwendige Bedeutung von Leistungs- und Verantwortungseliten. So konnte sich die Pädagogik der erzieherischen Askese entwickeln, die das Kind letztendlich einem natürlichen Entwicklungsprozeß über- und es damit allein läßt.

Die damit verbundene Überforderung, sich in der zivilisierten Welt souverän und verantwortungsbewußt zu bewegen, paart sich mit einer egozentrischen und vulgären Variante von Hedonismus, der weder zu Empathie noch gesellschaftlicher Mitgestaltung fähig ist. Auf diesem ideologischen Boden kann nur die Destruktion bewährter Sozialformen wie der Familie sowie die sich selbst genügende Kritik an der Gesellschaft wachsen. Ein gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Fortschritt wird damit ebenso verhindert wie die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen in eben diesen Bereichen. Schließlich erkennt Kraus in den dekonstruktiven Theorien des US- amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859-1952) den Ausgangspunkt für philosophische Strömungen, die sich in der Annahme eines genetisch angelegten deutschen Irrationalismus bündeln lassen, wie er ebenfalls einen Nährboden für die 68er bildet.

Eine erste direkte Antwort auf die mit dem Buchtitel gelieferte These über die mit den 68ern einhergehende bis heute wirksame Umerziehung gibt das 5. Kapi- tel (S. 45-85). Der Autor beschreibt darin Fehlentwicklungen in fast allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen, wie sie bis heute greifbar sind:
Das grundlegende kommunikative Paradigma bildet die „Political correctness“, in der sich linke Definitionsdiktatur mit Denk- und Sprechverboten verknüpft, die fundierte Kritik an bestimmten Fehlentwicklungen verhindern, indem die Faschismuskeule geschwungen wird, die jeden trifft, der Wahrheiten ausspricht, die sich nicht mit dem allumfassenden (Pseudo-)Toleranzideal vereinbaren lassen; aktuellstes Beispiel sind skeptische Rückfragen an eine Migrationspolitik a la Merkelscher Willkommenskultur, die in Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft im Sinne eines Kolonialismus 2.04 etablieren will. Entintellektualisierung, Realitätsignoranz und Schweigespirale sind Instrumente, die die 68er im Rahmen ihrer Demonstrationsideologie entwickelt und perfektioniert haben.

Kraus konstatiert eine „repressive linke Toleranz“ (S. 50), die im Ergebnis aber selektiv ist, weil die Toleranz nur dann gefordert und geübt wird, wenn es sich um Denk-, Sprech- und Verhaltensweisen im Legitimationsrahmen linker Geisteshaltung handelt. Zu den Hinterlassenschaften gehört auch die Indoktrination von „politisch korrekten“ Feindbildern, wozu alle Repräsentanten patriotischer, nationaler und wertkonservativer Grundhaltung zählen, die ungeprüft mit dem Attribut „rechts“ belegt werden. „Rechts“ und „demokratisch“ ist für die 68er und ihre Nachfahren nicht denkbar.
Die politische Mitte bildet für sie den gerade noch tolerablen Rand des demokratischen Spektrums – alles, was rechts davon ist, ist für Linke per se populistisch, radikal, extremistisch oder (neo)faschistisch. In diesem Sinne trifft die nüchterne Diagnose von Josef Kraus ins Schwarze und erklärt die sich in den letzten Jahren massiv verschärfende politische Polarisie- rung: „Große Teile der veröffentlichten Meinung sind zu einem volkspädagogischen Meinungs- und Toleranzzwang geworden.“ (S. 56). Historische Wahrheiten, wie sie etwa von Seiten eines kritischen Anti-Kommunismus geäußert werden, werden dagegen ignoriert.

Der Genderismus ist eine weitere ideologische Hinterlassenschaft der 68er, der sich in der Dekonstruktion der bürgerlichen Familie, einer Gender-Linguistik, die in ihren schlimmsten Auswüchsen wieder langsam zurückgedrängt zu werden scheint, und in der Bildungspolitik ihren fatalen Niederschlag gefunden und zu einer weitgehenden Desorientierung in der Familien- und Sexualerziehung geführt hat. Darüber hinaus zeitigen nach Kraus die 68er ihren nachhaltigen Einfluß auf die gesamtgesellschaftliche Stimmungslage auch die „Methode Ge- hirnwäsche 2.0“ (S. 72), die sich in medial verstärkten Verhaltenskodizes wie etwa Ökologismus, Wellnesskult oder dem Zwang zu einem bestimmten Eß- oder Gesundheitsverhalten zeigt.

All diesen Trends entspricht ein in sich paradoxes Verständnis vom Staat, der als Religionsäquivalent fungiert, in seiner ihm zugeschriebenen Allmacht eine Pseu- dosakralisierung erfährt und mit unrealistischen Vorstellungen über die Ermögli- chung von Gerechtigkeit im selben Maße überfordert ist, wie der Bürger ent- mündigt und strukturell in die Verantwortungslosigkeit entlassen wird. Dieser „linke Humanitarismus“ (S.78) zeigt sich aktuell in einer ebenso naiven wie verantwortungslosen Migrationspolitik, wie sie die Bundeskanzlerin seit 2015 betreibt und bisher nur in Nuancen korrigiert hat.

Kraus faßt seine Ausführungen zu den ideologischen und realen Hinterlassen- schaften in der Kategorie „Entgrenzungen“ (S. 81) zusammen, die er in den Bereichen „Territorialität“, „Sexualität und Fortpflanzung“, „Lebensphasen“, „Unterscheidung von Privatem und Öffentlichkeit“, Arbeit und Freizeit, „Er- wachsene und Kinder“ sowie „Bildungspolitik und Schulpädagogik“ erkennt. Im letztgenannten Themenfeld vermag Josef Kraus aufgrund seiner jahrzehntelan- gen Erfahrungen in besonders überzeugender Weise aktuelle Degenerationser- scheinungen kausal im Wirken der 68er mit zu verankern.

Ausgangspunkt der bildungspolitischen und schulpädagogischen Darstellung ist die These, daß Bildung als „Transmissionsriemen linker Utopien“ (S. 86) in- strumentalisiert wird. Damit hat linke Pädagogik „mehr Schaden als Nutzen gebracht“ (S. 86). Diese Gesamtbilanz läßt sich an folgenden Phänomenen veri- fizieren, die mittlerweile auch von progressiven oder linken Bildungspolitikern nicht mehr geleugnet werden können: Die enorme Expansion des Bildungswe- sens hat in qualitativer Hinsicht zu einem Ausverkauf der Lerninhalte sowie zu einer Inflation vermeintlich höherer Bildungsabschlüsse geführt, um das ideolo- gische Ziel zu erreichen, möglichst vielen Menschen ein Abschlußzertifikat zu verleihen, das gesellschaftlichen Aufstieg und materiellen Wohlstand verspricht. Im Zuge dessen fand und findet ein substantieller und struktureller „Bildungsab- bau“ (S. 89) statt, den der Autor faktenreich entfaltet und als solchen begründet. Geistiger Hintergrund hierfür ist ein „pädagogischer Egalitarismus“ (S. 92), wie er sich in der bis heute wiederkehrenden Forderung nach einer Einheitsschule zeigt, obwohl mittlerweile selbst die empirische Bildungsforschung das Versa- gen aller Gesamtschulexperimente zweifelsfrei nachgewiesen hat.

Einebnung von Individualität, Geringschätzung der Leistung, Ignoranz notwen- diger Differenzierung und Mißachtung der Eigenverantwortung passen zur Vor- stellung vom „Erziehungsstaat“ (S. 95), der die Schule als Reparaturbetrieb der Gesellschaft und Entmachtungsinstanz der Familie strukturell überfordert. Damit einhergehen „No-Education und Spaßpädagogik“ (S.97) sowie „Machbarkeits- wahn und Quotenrausch“ (S. 101). In dieser Hinsicht sind auch an sich konservative Bildungspolitiker in der empirischen Wende all jenen auf den Leim gegan- gen, die im Gefolge der Schulleistungsstudien wie IGLU oder PISA in der Sammlung von Daten den Stein der Weisen zur Lösung pädagogischer Herausforderungen zu finden glaubten.

5 Bildungspolitik konzentriert sich vor allem auf den „Outcome“, was eine Verschiebung von den Inhalten zu den Kompetenzen als Dreh- und Angelpunkt von Lehrplänen zur Folge hat. Auch diese inhaltliche Entkernung muß als Erbe der 68er gesehen werden, wobei heute die Gefahr besteht, daß Schüler als homines oeconomici auf ihre Rolle als willfährige Kon- sumenten reduziert werden – eine Vorstellung, die sicher nicht in der Intention der 68er selbst liegt; insofern frißt auch diese Revolution ihre Kinder. So ergibt sich im Bereich von Bildung und Erziehung eine „educational correctness“, die mit der Tabuisierung von Worten (wie etwa Autorität, Begabung, Disziplin, Strafe) auch die entsprechenden Begriffe auslöschen will. Ehrbare Widerstands- bewegungen gegen diese dekadenten Entwicklungen konnten bei allen positiven Bemühungen aber leider nicht zu einer Trendwende von Bildungsabbau und Nivellierung führen.

Besonders spannend ist für alle an Zeitgeschichte interessierten Leser das 7. Kapitel (S. 116-138), in dem sich Kraus als exzellenter Kenner gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher „Vollender und Quereinsteiger“ (S. 116) der 68er erweist. Ausgehend von einer Darstellung von Sozialdemokratie und Grünen als Sammelbecken vieler Alt-68er weist der Autor den Einfluß der 68er in den Medien nach, in denen „Meinungssoldaten“ (Martin Walser) in Gefälligkeitskartellen wirken, die die öffentliche Debatte über gesinnungsdiktatorische und moralisierende Beiträge massiv steuern. Der berühmte Marsch durch die Institutionen ist bei fast allen Alt-68ern gelungen und dient noch heute den sich als links gerierenden Berufspolitikern als erfolgversprechendes Karrieremuster. So gehen „Linke und ‚Kapitalisten‘ Hand in Hand“ (S. 122), was sich im Bereich der Pädagogik wiederum in einem „flachen Ökonomismus“ (S. 123) und „einem technizistischen Verständnis von Bildung“ (ebd.) artikuliert. Auch dies ist ein Beispiel für das Phänomen inhaltlicher Entleerung und weltanschaulicher Entgrenzung.

Josef Kraus dekliniert dieses Desiderat am Beispiel der Frage nach der nationalen Identität durch, deren Offenheit, ja Tabuisierung im Kontext der internationalen Flüchtlingskrise in dramatischer Weise sichtbar geworden ist.
In einem tiefenpsychologischen Ansatz diagnostiziert der Diplompsychologe die Gruppe der „Nationalallergiker“ (S. 124), die aufgrund einer Angstneurose durch ein Scheitern im Umgang mit der Frage nach der deutschen Schuld an einer Auflösung des deutschen Nationalstaats mitwirken und die Kernkategorie „Volk“ umdefinieren. In Verbindung damit stehen die bis heute von der Linken nicht akzeptierte Wiedervereinigung Deutschlands als nationale Errungenschaft sowie „antideutsche Gehässigkeiten“ (S. 128), die zusammen mit einer notori- schen Infragestellung der nationalen Identität zu einer Verunsicherung und Tabuisierung einer weltoffenen und zugleich selbstsicheren Vergewisserung dessen führen, was „deutsch“ sei. Mit besonderer Leidenschaft widmet sich Kraus in diesem Zusammenhang anläßlich der Migrationspolitik und ihrer vielschichtigen politischen Konsequenzen dem Phänomen „Merkel“, die als Quereinsteigerin in ihrem politischen Selbstverständnis und ihrem auf reine Machtpolitik konzentrierten Amtsverständnis von den Hinterlassenschaften der 68er profitierend seit 2005 ihre persönliche Karriere aufgebaut und gesichert hat. Die damit verbunde- ne Ideologie des situationsethisch motivierten politischen Pragmatismus erweist sich zunehmend als gefährlich für den inneren Frieden und die wachsende Distanz der Bürger von staatlichen Organen und deren obersten Repräsentanten.

Im vorletzten Kapitel (S. 139-159) des analytischen Teils seiner Arbeit unter- sucht Kraus das vielschichtige, schizophrene, paradoxe und doch auf den ideolo- gischen Kernvoraussetzungen basierende Verhältnis der Linken zum Islam. Aus aktuellem weltpolitischem Anlaß wird an diesem Beispiel in exemplarischer Weise deutlich, unter welchen Voraussetzungen die Linke in der Tradition der 68er agiert und welch krude Intentionen sie dabei verfolgt. Die Ignoranz bzw. Immunisierung gegen Glaubensinhalte und Werte, die mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht vereinbar sind, zeigt sich im Verhältnis der Linken zum Islam im Sinne einer Glaubenslehre in besonders drastischer Weise. Im Dienst an der Vorstellung von einer multikulturellen Weltgesellschaft werden für die Linke in der Tradition der 68er plötzlich alle Praktiken und Wertsetzungen außer Kraft gesetzt, die noch vor 50 Jahren in der damaligen Gesellschaft mit Vehemenz kritisiert wurden – vor allem die Mißachtung von Grund- und Menschenrechten wie etwa die Ungleichbehandlung von Mann und Frau.
Abschließend stellt Kraus die berechtigte Frage , ob sich die christlichen Kirchen nicht zu sehr von ihrem Kerngeschäft der Glaubensverkündigung abgewandt und im selben Maße verstärkt in die Rolle von Moralagenturen begeben haben. Ohne die Legitimation der Kirchen für Stellungnahmen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen der Zeit zu leugnen, erkennt der Autor doch im realen, tagesaktuellen Handeln kirchlicher Amtsträger einen Trend zur Politisierung und damit Instrumentalisierung zur konkreten Lösung politischer Herausforderungen, die nicht selten auch von einem linksliberalen Stil im Sinne der 68er geprägt ist.

Nach dieser vielschichtigen, vertieften und umfassenden Analyse der Hinterlassenschaften der 68er legt Josef Kraus im letzten inhaltlichen Abschnitt seines Buches offen, welche Intentionen ihn als Herzensanliegen bei diesem Projekt antreiben. Dabei zieht er zunächst eine Summe der bisherigen Überlegungen in ihren Auswirkungen auf heute und stellt nüchtern fest: „Deutschland und Europa … sind bedroht vom Nachlassen biologischer Vitalität, von einem überdehnten Toleranzverständnis, vom Werterelativismus, von Selbstzweifeln, ja von Selbsthaß, und dem Irrglauben, ein Bürokratie-Wasserkopf könne Identität vermitteln“ (S. 172).

Kraus fordert das Bekenntnis zu einer europäischen Leitkultur, die Desorientierung und Verunsicherung beseitigen und den Menschen als Kompaß dienen könne. Dabei gilt es, die von den 68ern relativierten, tabuisierten und teilweise verschütteten Traditionen als Legitimationsgrundlagen der Bürger- und Menschenrechte zu revitalisieren, um den Herausforderungen in einer globalisierten Weltgesellschaft in humaner, friedlicher und die Grundlagen der Schöpfung bewahrenden Weise gerecht werden zu können: „Europäischer Geist zeigt sich in der Trias aus Ratio, Libertas und Humanitas. Er zeigt sich in einer ‚Ökumene‘ aus Judentum, griechischer und römischer Antike sowie Christentum.“ (S. 173).

Josef Kraus ist mit seiner differenzierten, fundierten Abrechnung mit den 68ern ein überfälliger Beitrag zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte gelungen. Die jüngsten Vorkommnisse in Chemnitz können – bei aller Erschütterung, die sie bei allen aufrechten Demokraten hervorrufen – als Veranschaulichung und Mahnung verstanden werden, sich jenseits aller ideologischen Verirrungen, wie sie den Hinterlassenschaften der 68er inhärent sind, endlich wieder auf die großen Traditionen zu besinnen, ohne die Frieden, Freiheit und Humanität im europäischen Kontext nicht durchsetzbar sind.

Die Hervorhebungen sind von mir. Horst Koch, im November 2020

info@horst-koch.de

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