Tempel der Freimaurer (Lerich)

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Konrad Lerich

Der Tempel der Freimaurer

Die Idee des radikalen Internationalismus
Der Freimaurerbund, der mit der Gründung der Londoner Großloge im Jahr 1717 in die Weltgeschichte eintrat, hat sich aus der Werkmaurerei, aus der englischen Steinmetzgilde entwickelt. Die heutige »spekulative« Maurerei, die Geistesmaurerei, ist aus den Steinmetzbruderschaften, den Bauhütten der Werkmaurerei hervorgegangen, von denen sie auch den Grundstock des Brauchtums übernommen hat.

Aus den klösterlichen Brüderschaften der Bauhandwerker waren die Bauhütten entstanden, die von den am Bau beteiligten Steinmetzen als zünftige Vereinigungen gebildet wurden. Die »Loge« als Bauhütte und Mittelpunkt einer Brüderschaft findet sich in der ältesten »Verfassung« der alten Steinmetzen, dem sogenannten Halliwell-Gedicht erstmalig bezeugt, das gegen Ende des 14. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde. Die Mönche als Baukünstler ihrer Klöster und Klosterkirchen schlössen sich in Deutschland, England und Frankreich als erste zu Baubrüderschaften zusammen.

Mischung von geistlichen und weltlichen Mitgliedern
Ihre Bauhütten, die mächtige Kirchen, Kathedralen und Münster errichteten, die oft von vielen Seiten Aufträge erhielten, mußten, um die Arbeiten bewältigen zu können, bald zahlreiche Laienbrüder, Architekten ohne geistliche Weihen und weltliche Steinmetzen in ihren Verband aufnehmen. Der Mischung von geistlichen und weltlichen Mitgliedern in den Klosterhütten folgte in der weiteren Entwicklung die Stiftung rein weltlicher Steinmetzbruderschaften. Der deutsche Dombaumeister Erwin von Steinbach, der Schöpfer des Straßburger Münsters, gründete im Jahre 1275 die erste Laienbruderschaft der Steinmetzen und löste diese damit von den mönchischen Bauvereinigungen los.

Die englischen Baubrüderschaften, Gild of Masons, Company of Freemasons, sollten die unmittelbaren Vorläufer der Geistesmaurerei werden. Schon frühzeitig wurden bei den geistlichen und weltlichen Innungen die Bruderliebe und die Geselligkeit gepflogen. Langsam gestalteten sich »Ordnungen« heraus, ein immer mehr bestimmt geartetes Brauchtum.

Die Zünfte schufen sich einen eigenen Vorstand, häufig auch ein eigenes Vereinshaus. Sie hatten ihre Versammlungen, ihre Kapitel, Pflichten und Eide. Das ganze soziale und gesellschaftliche Leben der Zunftmitglieder spielte sich in der Bauhütte ab, die allmählich zum Symbol der Brüderschaft wurde, in der sich Meister und Gesellen gemeinsam verbanden. Sie war eine Welt im kleinen, in der sich das tägliche Leben infolge seiner Abschließung mit poetischen Formen umkleidete. Da die Steinmetzen häufig den Ort ihrer Betätigung wechselten, traten die verschiedenen Bauhütten miteinander in Verbindung, die Gebräuche tauschten sich aus, näherten sich einander und wurden schließlich gleichmäßige Übung, ein einheitliches Ritual.

Was trägt er unter der Zunge?
Einen sprechenden Beweis dafür, daß die Freimaurerei aus der Werkmaurerei hervorgegangen ist, liefert die Tatsache, daß sich in der Steinmetzordnung die innere Gliederung der späteren »spekulativen« Loge findet. Die Baubrüderschaften kannten bereits Meister, Gesellen und Lehrlinge, und jede der drei Mitgliedsstufen hatte ihr »Geheimnis«: die verschiedenen Erkennungszeichen.

Im Bruderbuch der Breslauer Steinmetzen aus dem Jahr 1707 kann man lesen: »Ich gelobe und verspreche, daß ich den Steinmetzen-Gruß und die Bruderschaft wie auch die Schenk (Handgriff) niemandem eröffnen und sagen will.« Die Erkennungszeichen waren eingeführt worden, um Nichtzünftigen den Eintritt in die Bauhütte unmöglich zu machen. Der Einlaßheischende mußte sich einer Prüfung unterwerfen, bei der er sein Wissen von den vorschriftsmäßigen Zeichen, Worten und Griffen (Handschenk) ausweisen mußte: »Was trägt er unter der Zunge? – Verschwiegenheit! Was trägt er unter seinem Hut? – Zucht und Ehrbarkeit! Warum trägt er einen Stock? – Gott und allen braven Steinhauern zur Ehr‘, mir zum Nutz und Hundsfottern zum Trutz! Warum trägt er einen Schurz? – Allen braven Steinmetzen zur Ehr‘ und mir zum Nutz!«

Die Steinmetzen trugen alle einheitlich Hut, Stock und Schurz; in der späteren »spekulativen« Loge wurde, wie auch heute noch in vielen freimaurerischen Werkstätten, mit aufgesetztem Hut gearbeitet. An Stelle des Stockes trat unter dem Einfluß der adeligen Mitglieder und der eingedrungenen Ritterlegenden der Degen, der in der Gegenwartsmaurerei nur mehr bei bestimmten Ritualen und Zeremonien eine Rolle spielt. Den Schurz jedoch band und bindet der »speculative mason« immer um die Hüften, wenn er das »längliche Viereck«, die Loge betritt. Die hauptsächlichsten Sinnbilder der Freimaurerei, wie Winkelmaß und Zirkel, Senkblei und Wasserwaage, Maßstab und Spitzhammer, stammen neben anderen durchgängig aus der Symbolik der Werkmaurerei.

John Boswell von Auchinleck war der erste Nichtzünftige, von dem es feststeht, daß er in eine Loge von »operative masons«, also in eine Werkmaurerloge, aufgenommen wurde. Das Protokoll der Edinburger Loge »Mary’s Chapel« vom 8. Januar 1600 hält dieses Ereignis ausdrücklich fest. Als in die mönchischen Baubrüderschaften auch Laienmitglieder, nichtgeweihte Steinmetzen aufgenommen werden mußten, wurde für die Werkmaurerei ein neues Stadium vorbereitet: das der Entstehung rein weltlicher Baubrüderschaften aus den geistlichen.

Die Entwicklung der »Königlichen Kunst«
Als Nichtzünftige in die weltlichen Logen der Werkmaurerei aufgenommen wurden, war der Keim zu einer neuen Entwicklung der Maurerverbände gelegt worden, zur Entstehung der Geistesmaurerei, der heutigen Freimaurerei aus der Werkmaurerei. Aus der alten Sloane-Handschrift, die bis zum Jahr 1640 zurückreicht, entnimmt man, daß sich bei den Bauhütten die Sitte eingebürgert hatte, zur Erhöhung der Geselligkeit und Unterhaltung, Gewinnung des Wohlwollens der königlichen Förderer und Mäzene der »Königlichen Kunst«, wie sich die Freimaurerei symbolisch noch heute bezeichnet, und aus Dank Männer, die nicht zum Handwerk gehörten, in die Engbünde aufzunehmen.

Die Entwicklung der modernen Geistesmaurerei, die durch Aufnahme von Laien im handwerklichen Sinn in die Steinmetzbruderschaften ihren Anfang nahm, setzte zuerst in England ein, das dadurch zum Mutterland der Weltfreimaurerei wurde. Die »symbolischen«, von den Werklogen »freien und angenommenen«, also nichtzünftigen Maurer gewannen mit der Zeit in manchen Bauhütten die Mehrzahl. Es entstanden ferner mehrere Logen, deren sämtliche Mitglieder mit der Zunft gar nichts mehr zu tun hatten und sich auch nicht an den Zunftstätten der Bauleute, sondern in Tavernen versammelten.

Der ideelle Unterbau und organisatorische Aufbau des »Tempels der Humanität«, der heutigen Freimaurerei, sollte erst mit der am 24. Juni 1717 gestifteten ersten Großloge der Welt beginnen. An jenem denkwürdigen Tag, dem Tag Johannes des Täufers, des dritten Jahres der Regierung Georgs II., fand in der Londoner Schenke »Goose and Gridiron« (»Zur Gans und zum Bratrost«) eine feierliche Zusammenkunft der »freien und angenommenen« Maurer statt.

Fünf Logen, die sich nach ihren Versammlungsorten »Zur Gans und zum Rost«, »Zur Krone«, »Zum Apfelbaum«, »Zum großen Glas« und »Zur Traube« benannten, gründeten eine gemeinsame Oberbehörde, eine Großloge und wählten deren erstes Direktorium, das keinen Werkmaurer mehr in seinen Reihen sah. Der Keim zur Weltfreimaurerei war gelegt worden.

Die Vereinigung von Männern verschiedenster Berufe zu einem Bund mit Bausymbolen und Baugebräuchen, die Geistes-Maurerei, ist also organisatorisch nicht älter als zwei Jahrhunderte. Die Werkmaurerei wurde von ihr ins »Symbolische« umgesetzt, vergeistigt. Die sittliche Baukunst, die Errichtung eines Tempels der Humanität und der allgemeinen Menschenliebe wurden die Grundideen und Ziele der Freimaurerei. Sie will den Menschen über alle Rassen und Nationen, über alle konfessionellen und sozialen Schranken hinweg zu Weltbürgern erziehen, in den weltbürgerlichen Gemeinden, den Logen, verbrüdern. Deshalb predigt sie absolute Gewissensfreiheit und Toleranz, Pazifismus und bloß »jene Religion, in der alle Menschen übereinstimmen«. So lautet es in den »Alten Pflichten«, den Grundgesetzen, die, von der Großloge von England ausgehend, für die gesamte Maurerei verpflichtend wurden.

Von der Idee aus gesehen wäre die Freimaurerei ein schönstes Beginnen, eine unpolitische Organisation, die zu bekämpfen kein Grund vorläge. Aber schon in den ersten Jahrzehnten ihres Bestandes wurde die Zugehörigkeit zum Logentum ein politisches Bekenntnis, eine politische Weltanschauung. Als Vorkämpferin der liberalistischen Aufklärung wurde die Freimaurerei die Gegenkirche zur katholischen, ein politischer Ausdruck der Religionslosigkeit und Religionsfeindlichkeit. Die absolute Gewissensfreiheit dogmatisierte sich mit innewohnender Folgerichtigkeit über die religiöse Bekenntnislosigkeit zuerst zum philosophischen Atheismus, dann zum marxistischen Gottlosentum. Die Idee der Verbrüderung der Menschen über alle Nationen hinweg politisierte sich im Lauf der Entwicklung zum radikalen) Internationalismus, zum vaterlandslosen Pazifismus, zum Antinationalismus.

Wie wird man nun Freimaurer? Was geht in der Loge vor? Worin besteht die sogenannte »Arbeit« der Freimaurer? Was wollen! die verschiedenen Grade? Was bedeuten die Symbole? Unzählige Bücher sind schon über das Logentum geschrieben worden. Antworten auf vorstehende Fragen in erschöpfender Weise geben sie jedoch alle nicht. Müssen doch diese Antworten die intimsten Geheimnisse der Freimaurerei enthüllen, Geheimnisse, die nur jemand im vollen Umfang kennen kann, der selber als Freimaurer alle Grade bis zum höchsten, dem 33. Grad, durchwandert hat.

In der regulären, sich durch ihre Großlogen und Obersten Räte gegenseitig als »gerecht und vollkommen« anerkennenden Weltfreimaurerei dürfen nur Männer Mitglieder sein. Die »Schwester«, diejenige Frau, die dem Herzen des einzelnen Bruders am nächsten steht, also entweder die Gattin, die Braut, die Verlobte oder auch die leibliche Schwester und Mutter, gilt wohl als mit dem Bund verknüpft, darf aber nicht selbst als ordentliches Mitglied der Loge angehören und den Sitzungen beiwohnen.

Die schwarze oder weiße Kugel
Der Mann, der den Weg zur Loge sucht, zur Mitgliedschaft im Freimaurerbund, wird »Suchender«, »Suchender nach dem
Licht« genannt. Er muß ein
»freier Mann von gutem Rufe
 sein«. Die Freiheit, die Unabhängigkeit des Aufnahmebewerbers, bezieht sich nicht in erster
Linie auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit, die wohl auch genfordert wird, sondern auf die Freiheit von nationalen, religiösen und rassischen »Vorurteilen«. Soll der Wunsch, einer Loge beitreten zu dürfen, Erfolg
 haben, dann ist es am geeignetsten, wenn der Suchende in seinem Bekanntenkreis einen Freimaurer hat, der das Begehren
 vermittelt. Mangels eines solchen Verbindungsmannes kommt es nicht selten vor, daß 
sich Suchende unmittelbar 
schriftlich an das Sekretariat der Großloge eines bestimmten Landes wenden.

Hat eine Loge, entweder durch die Großloge oder durch eines ihrer Mitglieder, erfahren, daß jemand den Wunsch hat, Freimaurer zu werden, so setzt das Vorverfahren ein. Voraussetzung zu diesem ist, daß die Großloge für den Suchenden einen Bürgen bestellt oder daß ein Logenmitglied, dem der Suchende persönlich gut bekannt ist, die Bürgschaft für dessen Würdigkeit übernimmt. Zur Eignung gehört, nach Auffassung der Loge, in erster Linie ein gewisses Maß allgemeiner Bildung und die schon erwähnte Vorurteilslosigkeit. Der Suchende muß, in der freimaurerischen Sprache ausgedrückt, ein »Maurer ohne Schurz«, das heißt, in seinem Sinnen und Trachten schon ein angehender Freimaurer sein, bevor er der Loge beigetreten ist, die ihn nach vollzogener ritueller Aufnahme mit dem Schurz bekleidet.

Verlaufen die Recherchen günstig und kann mit einer »hellleuchtenden« Ballotage (Kugelung) gerechnet werden, dann wird diese, meistens zusammen mit der Ballotage über andere Suchende, für eine bestimmte Logensitzung ausgeschrieben. Sind die Erkundigungen über den Aufnahmebewerber derartig, daß mit seiner sicheren Ablehnung gerechnet, die Kugelung eine »schwarze« werden muß, wird der Bürge beauftragt, seinem Schützling nahezulegen, das Gesuch zurückzuziehen.

In der Sitzung, während der die Kugelung durchgeführt wird, geht die nochmalige Verlesung des Lebens- und Motivenberichts voran. Nach dieser durch den Meister vom Stuhl vorgenommenen Lesung werden die schriftlich niedergelegten Auskünfte über den Suchenden zur Kenntnis gebracht. Der Kugelungsakt selbst vollzieht sich in der Weise, daß stillschweigend, ohne Debatte, jeder Bruder dadurch sein Urteil abgibt, daß er entweder die weiße oder schwarze Kugel im Geheimen abgibt. Wurde keine schwarze Kugel abgegeben, dann ist die Ballotage »helleuchtend«, der Suchende für die Aufnahme würdig.

Drei schwarze Kugeln bedeuten seine Ablehnung. Weniger als drei schwarze Stimmen machen die Ballotage »trübe«. Ein oder zwei absprechende Stimmen müssen beim Meister vom Stuhl begründet werden, der sie dann für gerechtfertigt oder ungerechtfertigt erklärt. Von dieser Entscheidung hängt das weitere maurerische Schicksal des Bewerbers ab.

Im Verlauf einiger Monate hat eine Loge gewöhnlich mehrere Bewerber helleuchtend ballotiert. Wieder für eine bestimmte Logensitzung wird die feierliche rituelle Aufnahme der Kandidaten, deren Eingliederung in die weltumspannende Bruderkette festgesetzt. Die »Arbeit«, die der Aufnahme des Suchenden gilt, ist das bedeutendste Fest im Maurerjahr.

Wegen der ziemlich hohen Kosten der Aufnahmearbeit werden die Kandidaten auch nicht einzeln aufgenommen. Sie müssen nach ihren Vermögensverhältnissen eine Aufnahmegebühr bezahlen, ebenso wie später den laufenden Mitgliedsbeitrag. Doch haben alle Logen für diese materiellen Verpflichtungen Mindestsätze, die einem Mittellosen oder wenig Begüterten die Zugehörigkeit zur Freimaurerei unmöglich machen.

Eine bourgeoise Angelegenheit
Das Logentum – Ausnahmen bestätigen nur die Regel – schließt durch die materiellen Bestimmungen die ärmeren sozialen Schichten von sich aus. Der Großteil der Weltfreimaurerei ist eine durchaus bürgerliche, ja sogar, besser gesagt, bourgeoise Angelegenheit.

Die Kandidaten haben sich, von ihren Bürgen begleitet, in das Logenhaus begeben und dort versammelt. Unterdessen haben sich die Logenmitglieder im festlich ausgeschmückten »länglichen Viereck«, im Logentempel, eingefunden, und es wurde die »Arbeit« durch die drei symbolischen Hammerschläge des Meisters eröffnet. Zu den Suchenden, die sich abseits vom Logentempel befinden, tritt ein »dienender Bruder«, der ihnen mit einem doppelten Flor, einem schwach durchsichtigen und einem gänzlich undurchsichtigen, die Augen verbindet. Nach langen Umwegen wird in einem anderen Raum gehalten, und den Kandidaten wird die Augenbinde abgenommen. Sie befinden sich jetzt in der »dunklen Kammer«, im Vorbereitungsraum.

Die im 18. Jahrhundert üblichen schreckenerregenden Einrichtungsgegenstände sind, dem modernen Geist entsprechend, heute zumeist abgeschafft. Es befindet sich in dem gänzlich schwarz ausgeschlagenen, nur schwach erleuchteten Raum lediglich ein vollständiges Totengerippe, als Sinnbild der Vergänglichkeit. Die dunkle Kammer soll überhaupt den Zustand des Suchenden symbolisieren, sein bisheriges, unerleuchtetes Leben, das nun ein neues werden soll, aus dem Dunkel zum Licht, zum Licht und wahren Leben der Freimaurerei führen soll.

Neben dem Totengerippe steht ein lebender Mensch, schwarz vermummt, mit schwarzer Kapuze, nur die Augen, die durch Schlitze hervorleuchten, lassen die Lebendigkeit der Gestalt erkennen. Der »schreckliche Bruder«, wie er in der Logensprache genannt wird, hält ein blankes Schwert in der rechten Hand.

Die Kandidaten sitzen nun je vor einem Tisch, auf dem sich Schreibpapier und Federzeug befinden. Seltsam ist der Gegensatz des weißen Papiers zu dem völligen Schwarz der Wände, zu dem matten Licht, dem schwarzen Bruder und dem Totengerippe. Ein anderer Bruder tritt ein. Auch von ihm sieht man nur die Augen. Doch er schlägt die Kapuze zurück: Es ist der wichtigste Mann der Aufnahmearbeit, der »vorbereitende Meister«, unter dessen Führung die Kandidaten in die Kette der Freimaurerei eingegliedert werden sollen.

Die letzten und wahren Geheimnisse bleiben verborgen
Er tritt vor die Suchenden, die die ungewissen kommenden Ereignisses zagend, nicht ganz furchtlos erwarten. Er erteilt ihnen eine Frist, innerhalb welcher sie schriftlich auszuführen haben, was sie von der Loge erwarten, was die Loge von ihnen erwarten könne, und wie sie sich, jeder in seinem besonderen Beruf, die Verwirklichung der maurerischen Ideen vorstellen. Die Bekenntnisse der Kandidaten werden vom vorbereitenden Meister der Loge übermittelt und dort verlesen. Noch immer kann gegen einen Bewerber Einspruch erhoben werden, falls die Erklärung desselben ungenügend sind. Es kann ihm der weitere Einweihungsakt vorenthalten werden.

Wieder beraubt die Suchenden die doppelte Binde jeglichen Lichtes. Wieder werden sie auf langen Wegen geführt, diesmal an die Pforte des Tempels. Die oft wirklich ernsten und nicht ungefährlichen Proben der Standhaftigkeit und des Mutes, wie sie im 18. Jahrhundert, vor allem im französischen Logenleben, angewandt wurden, sind in der Gegenwart gänzlich aus dem Ritual gestrichen. Der vorbereitende Meister begehrt durch Klopfen an die Tür für die Suchenden Einlaß in die Loge, aus der ihnen Musik, entgegendringt. Sie werden in den Tempel geleitet und stehen mit verbundenen Augen vor den Geheimnissen, in die sie eingeweiht werden sollen.

Die Musik hört auf. Der Meister vom Stuhl richtet seine Worte an die Kandidaten. Er erklärt ihnen die menschenverbrüdernden Ziele der Freimaurerei, die Ideen der Toleranz und der Gewissensfreiheit, freilich aber nicht jene letzten und wahren Geheimnisse, die sich dem Freimaurer erst im dreißigsten Grad enthüllen, wenn er ein wirklich Erprobter und Auserwählter ist. Er fragt die Suchenden, ob sie mitbauen wollen am Tempel der Humanität, am Tempel der allgemeinen Menschenliebe. Noch sei es Zeit, zurückzutreten, noch bände die Kandidaten kein Gelöbnis.

Es folgen die »drei Reisen« der Suchenden, die das Wandern zum Licht symbolisieren, den Weg versinnbildlichen aus der »dunklen Kammer«, dem Tod, zum »großen Licht«, dem neuen Leben, da ihre Augen entschleiert den geheimnisvollen Innenraum der Loge erblicken. Diese Reisen werden von Musik von rituellen Wechselreden zwischen dem Meister vom Stuhl und den Aufsehern der Loge begleitet. Die Worte und die Musik dringen dem Kandidaten um so tiefer ins Herz, da er verbundenen Auges ist.

Die drei symbolischen Reisen sind vorüber. Der Vorsitzende verweist neuerlich in ausführlicher Rede auf das Wesen der Freimaurerei, auf die Idee der Menschlichkeit, die alle Rassen, Nationen, Konfessionen und sozialen Stände verbrüdern will. Die Kandidaten sind entzückt und beglückt von dem Tugendbund, in den sie aufgenommen werden sollen. Ein zweitesmal richtet «der Stuhlmeister an sie die Frage, ob sie Freimaurer werden wollen; noch immer sei es nicht zu spät, um zurückzutreten.
Nach längeren, vom Ritual vorgeschriebenen Zwiegesprächen, erteilt der Vorsitzende dem vorbereitenden Meister den Befehl: »Bruder vorbereitender Meister, gib dem Suchenden das kleine Licht!«

Der Bund fürs Leben
Hinter jeden Kandidaten ist ein helfender Bruder «getreten und hebt seinem Schützling den undurchdringlichen Flor über die Stirn zurück, so daß der Suchende durch die .etwas durchsichtige Augenbinde die Loge erblickt: Nicht eigentlich schauend, sondern mehr ahnend. Das halbverschleierte Tasten seiner Augen nach den Dingen im Raum umhüllt ihn fast noch mit mehr mystischer Dunkelheit als die frühere völlige Finsternis. Doch nicht lange währen diese Empfindungen, denn wieder fällt die schwere Binde über die Stirn, über die Augen.

Nun werden die Einzuweihenden vor den »Altar« der Loge geführt, dem erhöhten, unter einem Baldachin befindlichen Sitz und Tisch des Meisters vom Stuhl. Zum letzten Mal richtet dieser an sie die Frage, ob sie dem Bund der Freimaurerei einverleibt werden wollen und nimmt ihnen das feierliche Gelöbnis der Verschwiegenheit ab, schließt mit ihnen im Namen des Weltbundes, im Namen der betreffenden Großloge, als der Oberbehörde jener Loge, der sie von nun ab angehören sollen, und kraft seines Amtes als Meister vom Stuhl dieser Loge den Bund fürs Leben.

Die Kandidaten sind nunmehr in die Bruderkette eingegliedert, sind »gerechte und vollkommene« Freimaurer. Aber noch immer mit verbundenen Augen werden sie vom vorbereitenden Meister in die Mitte der Loge geführt, deren räumliche Weite, deren Anordnung der Dinge und Menschen sie noch immer nicht abzuschätzen wissen.

»Bruder vorbereitender Meister, gib den Suchenden das große Licht!« Mit diesen Worten erreicht der Initiationsritus seinen Höhepunkt und Schlußpunkt zugleich, ist der bedeutsamste Augenblick der Einweihungszeremonie für Suchende und Brüder zugleich gekommen. Wieder sind die helfenden Brüder hinter die Männer getreten, die das volle maurerische Licht, symbolisiert durch die Loge, erblicken sollen. Ein rascher Zugriff, beide Binden fallen von den Augen.

Im rauschenden Licht der Festlichkeit erblickt der junge Freimaurer die Loge. Das obere Ende des großen länglichen Vierecks – die Loge ist ein großer rechteckiger Saal – ist der »Osten« der Loge, wo die Sonne aufgeht, das Licht der Freimaurerei ausgestrahlt wird, in welchem der Stuhlmeister seinen Platz hat, umgeben von der stattlichen Runde der Großwürdenträger der Großloge und den jeweils anwesenden hohen maurerischen Persönlichkeiten des Auslandes. Sie alle geben in der Tracht ihrer verschiedenfarbigen und verschieden bestickten Bänder und Schürzen ein prunkendes Bild ab. Sie alle stehen, reichen sich gegenseitig die weißbehandschuhten, vor ihrer Brust gekreuzten Hände – sie stehen in der Kette – und mit ihnen die übrigen Brüder der Loge und der befreundeten Bauhütten, die sich ebenfalls von ihren Sitzreihen an den Längsseiten des Rechtecks erhoben haben.

Die Schwerter senken sich
Am unteren Ende der Loge, dort wo sich der Tempeleingang, flankiert von den beiden Säulen des Tempels, befindet, wird die Kette von den beiden Tempelhütern geschlossen. Alle Brüder sind im Festgewand, in Smoking oder Frack, mit weißer Binde. Sie tragen das blaue Bijou (das Logenabzeichen), am blauen Halsband die Medaillen ihrer Logen und das weiße Schurzfell. Ein Teil der Brüder steht außerhalb der Kette, dicht vor den Neuaufgenommenen. Sie strecken Schwerter waagrecht vor sich hin, gezückt gegen die Herzen der Jüngsten des Bundes. Ein symbolischer Akt, der nötigen Schutz, aber auch mögliche Bestrafung durch die Loge andeutet.

Die Schwerter senken sich. Der Höhepunkt ist vorüber. Die Schwertträger und die Neuaufgenommenen treten ebenfalls in die Kette. Eine feierliche Begrüßungsrede des Meisters vom Stuhl. Dann waltet der vorbereitende Meister seines letzten Amtes, er teilt den jungen Brüdern »Lehrlingen« das Erkennungszeichen, das Erkennungswort und den Erkennungsgriff des ersten Grades Freimaurerei mit. Aus dem Suchenden ist der Lehrling der Loge geworden.

Ist die Freimaurerei eine geheime Gesellschaft? Sie selbst weist natürlich die Behauptung zurück, daß ihr Bestand und Wirken geheim sei: Der Bund der Freimaurer sei vielmehr bloß eine geschlossene Gemeinschaft. Geschlossene oder geheime Gesellschaft? Das Aufwerfen dieser Frage ist eine Ausflucht in rechtliche Begriffsbestimmungen. Die Tatsachen, daß der Freimaurer jeden Grades seine geheimen Erkennungszeichen, Worte und Griffe hat, daß die Mitgliederlisten nicht der Öffentlichkeit bekanntgegeben werden, die rituellen und sonstigen Vorgänge in den Logen nur dem eingeweihten Freimaurer zugänglich sind, stempeln die Freimaurerei über alle juristischen Spitzfindigkeiten hinweg zu einem Geheimbund. Als solcher wurde er auch zu jeder Zeit und an jedem Ort empfunden.

Nach dem Vereinsgesetz der meisten Staaten müssen die alljährlich neugewählten Vorstände der maurerischen Körperschaften, die Namen und Anschriften der verschiedenen Stuhlmeister, deren Stellvertreter, der Schriftführer und der Kassierer bekannt gegeben werden. Aber der Beamtenrat der Loge und der Großbeamtenrat der Großloge besteht aus mehr Funktionären, als der Vereinsbehörde gemeldet werden müssen, und die Meldungen selbst sind schwer oder kaum überprüfbar.

Der Saal der verlorenen Schritte
Es ist heute in der maurerischen Welt üblich, daß jede Loge wöchentlich an einem bestimmen Tag und zwar um 7 Uhr oder halb 8 Uhr abends, zur »Arbeit« zusammentritt. Nach der feierlichen Aufnahme, die gewöhnlich an einem Sonntag abgehalten wurde und von vormittags bis spät nachmittags dauerte, betritt wenige Tage später der junge Freimaurer, das neuaufgenommene Bundesmitglied, der Neophyt, den Tempel, der sich ihm diesmal nicht im Festglanz, sondern im Gewand des Werktages darbietet.

Die Brüder erscheinen zu den normalen Logenzusammenkünften auch nicht im Smoking oder Frack, sondern meist im dunklen Straßenanzug. Sie versammeln sich, den Beginn der Arbeit abwartend, in einem Vorraum des Tempels, im Saal der »verlorenen Schritte«. Die Vorhalle wird deshalb so benannt, weil in sie nicht mit vorgeschriebenen symbolisch geregelten Maurerschritten eingetreten wird, mit denen dann später die Loge selbst betreten werden muß. Es werden zwanglose Gespräche geführt, es darf noch geraucht werden, es herrscht keine Symbolik, kein Ritual im Saal der »verlorenen Schritte«.

Endlich wird die Tür zum eigentlichen Logenraum aufgetan, und der Tempelhüter, einen langen Stab in der Hand, lädt die Brüder ein, auf Geheiß des Meisters vom Stuhl einzutreten. Inzwischen hat jedes Mitglied den Schurz umgebunden und das Bijou umgehängt. Meistens zu zweit treten die Brüder mit den drei symbolischen Schritten des ersten Grades, während sie gleichzeitig die Hand im Zeichen dieser Erkenntnisstufe halten, in das »längliche Viereck« ein.

Die gewöhnliche Logenarbeit findet, damit die Brüder aller Grade daran teilnehmen können, als Lehrlingsarbeit statt. Daher treten auch die Gesellen und die Meister nach Lehrlingsart in die Loge. Die Gradstufe, die das einzelne Mitglied besitzt – soweit es die ersten drei Grade betrifft – ist am Schurz, der aus feinem Glace-Leder besteht, erkenntlich. Der des Lehrlings ist ganz weiß, der des Gesellen blau umrandet, der des Meisters blau umrandet und mit drei blauen Rosetten im weißen Feld. Die Brüder, die Hochgrade besitzen, treten als einfache Meistermaurer auf und sind in ihrer höheren oder höchsten Einweihung gänzlich unkenntlich.

An den Längsseiten der Loge befinden sich die Sitzreihen. In ihnen wird stehend die Eröffnung der Arbeit mitgemacht, die der Stuhlmeister vom Ende des Tempels aus unter erhöhtem Baldachin in Wechselrede mit dem ersten und zweiten Aufseher, die beide ihren Platz am Eingang der Loge haben, durchführt. In der Mitte des Raumes liegt der mit Symbolen durchwirkte Teppich der Loge, den drei hohe Kerzenständer umgeben, die Leuchter der Weisheit, Stärke und Schönheit.

Humanität als Symbol
Der erhöhte Endraum der Bauhütte, auf dem der Meister vom Stuhl seinen Platz hat, Würdenträger der Großloge oder fremder »Oriente«, ferner der Redner und der Schriftführer Sitz nehmen, wird wie schon gesagt der »Osten« genannt: Vom ihm strahlt das Licht der Maurerei aas. Vor dem Meister befindet sich der »Altar« der Loge, auf dem ein Winkelmaß, ein Zirkel und die Bibel liegen. Die Wände und die Decke der »Bauhütte« sind in blauer Farbe gehalten. Der Eingang des Tempels, der »Westen«, ist von zwei Strebepfeilern flankiert, die die Buchstaben J und B tragen, die Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte »Jakin« und Boas«, die Namen der beiden Säulen des salomonischen Tempels, der das Symbol des Tempelbaues der Humanität ist.

Nachdem der Tempelhüter versichert hat, daß die Loge nach außen gehörig »gedeckt« ist und die Arbeit in Ruhe und Sicherheit vorgenommen werden könne, wird mit dem Eröffnungsritual begonnen. Alle Brüder stehen im Erkennungszeichen des ersten Grades, und die beiden Aufseher können dem Meister vom Stuhl melden, daß die Loge auch von innen gehörig gedeckt, also kein Nichtfreimaurer anwesend ist.

Nunmehr erklärt der Vorsitzende, daß die richtige Zeit gekommen sei, die Loge zu »erleuchten«, und es werden die drei hohen Kerzen der Weisheit, Stärke und Schönheit vom Meister und den beiden Aufsehern entzündet: »Weisheit leite den Bau, Stärke führe ihn, Schönheit ziere ihn!« Nach altem Brauch der Freimaurer verkündet schließlich der Meister vom Stuhl unter drei Hammerschlägen, daß die Arbeit eröffnet ist. Alles nimmt Platz.

Dient die Arbeit nicht einem besonderen, vorher bestimmten Zweck, wie der Kugelung von Suchenden, der festlichen Aufnahme solcher (Rezeptionsloge), der Trauer und des Gedenkens an verstorbene Brüder (Trauerloge), der ausdrücklichen Belehrung der Neophyten über die Symbolik und Ritualistik (Instruktionsarbeit), dann werden bestimmte ständige Programmpunkte abgewickelt. Nachdem das Protokoll der letzten Logenarbeit verlesen und genehmigt wurde, bringt der Meister vom Stuhl die verschiedenen jüngsten Erlasse und Mitteilungen, die »Tafeln«, der Großloge und der befreundeten Bauhütten der Versammlung zur Kenntnis.

Der rauhe Stein der Menschlichkeit
Die administrativen und organisatorischen Fragen und Gegenstände geben zu den Debatten und Beschlüssen der Loge Anlaß. Ihnen folgt der eigentliche, der Hauptteil der »Arbeit«: Ein durchschnittlich einstündiger Vortrag eines Bruders der betreffenden Bauhütte oder irgendeiner befreundeten, häufig auch ausländischen Loge. Über alle möglichen Themen werden Vorträge gehalten, die letzten Endes den Zweck haben, in Art freimaurerischer Exerzitien die Geisteshaltung der Mitglieder zu den verschiedensten Fragen nach den ideellen Grundsätzen der Loge zu bestimmen und zu beeinflussen.

Der liberalistische Aufklärungsgeist, der philosophische Relativismus, die Überbekenntlichkeit und Überstaatlichkeit, Humanität und Sozialismus sind das geistige Antlitz der Loge, die Grundlinien einer Weltanschauung, die der einzelne Freimaurer, vor allem der Neophyt, zu seiner eigenen machen soll. Ohne Zwang, kaum merklich vollzieht sich im Jünger der »Königlichen Kunst« durch das allwöchentliche Anhören der immer auf die gleichen Grundsätze abgestimmten Vorträge ein Wandel seiner Standpunkte, er wird, falls er nicht schon vor seiner Aufnahme ein Freimaurer ohne Schurz gewesen ist, unterstützt von seiner inneren Bereitschaft und Geneigtheit mit der Zeit von den Ideen der Loge vollkommen durchsetzt, die Loge nimmt von ihm geistig Besitz.

Er selbst aber glaubt, von der Loge seinerseits ebenso geistig Besitz genommen zu haben: Eine arge Täuschung, die er lange nicht ahnt, denn er ist bei weitem noch kein »Wissender«, wenn er es auch von sich glaubt. Noch immer ist er Lehrling, ist er im ersten Grad, und das volle Wissen über die Maurerei wird erst den höchsten Graden, dem Ritter Kadosch, dem Prinzen des »Königlichen Geheimnisses« und den »Souveränen Generalgroßinspektoren« unverhüllt eröffnet.

Wohl wird der Lehrling in die schönste Symbolik eingeweiht. Er weiß, daß er den »rauhen Stein« seiner Menschlichkeit zu behauen hat, um als kubischer in den Tempelbau der allgemeinen Menschenliebe eingefügt zu werden. Es wird ihm eingeprägt, daß das Winkelmaß das Symbol der Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit ist, als Sinnbild die menschlichen Handlungen nach dem Gesetz der Rechtwinkeligkeit ordnet und richtet. Er lernt, daß der Spitzhammer das eigentliche Lehrlingswerkzeug ist, um den rauhen Stein zu bearbeiten, daß der Zirkel das Symbol der allumfassenden Menschenliebe, der seelischen Einstellung zur Brüderschaft ist, daß Winkelmaß und Zirkel zusammen mit der Bibel die drei »großen Lichter« der Freimaurerei sind, über die Bibel hört er Besonderes.

Die Bibel ist der Freimaurerei nur ein Symbol für die allgemein verpflichtende Sittenlehre: der Bund verlangt ja keinen Bibelglauben. Jeder Bruder kann sich in die Bibel sein eigenes Sittengesetz eingetragen denken. In manchen Logen hegt daher statt der Bibel das sogenannte »weiße« Buch am Altar auf, ein Buch mit lauter leeren Seiten als Symbol der absoluten Undogmatik und Gewissensfreiheit der Freimaurerei.

Die Bibel spricht also keineswegs für eine positive religiöse Einstellung des Bundes. Ebensowenig beweist das Symbol des »Allmächtigen Baumeisters aller Welten, das Gottessymbol der Freimaurerei, eine Religionsbejahung durch die Loge. Abgesehen davon, daß mächtige Großlogen, wie zum Beispiel der Großorient von Frankreich dieses Gottessymbol überhaupt aus ihrer Konstitution gestrichen haben, kann der in keiner Weise festgelegte Inhalt des Begriffes eines »Baumeisters aller Welten« wiederum von jedem Freimaurer beliebig bestimmt werden: auch im Sinn eines materialistischen oder atheistischen Weltbildes.

Der kubische Stein
Mit der Teilnahme an der zehnten Logenarbeit wird der Neophyt stimmberechtigt: er kann bei Beschlüssen, bei Kugelungen mitentscheiden. An Logenarbeiten zweiten Grades, die von Zeit zu Zeit stattfinden, dürfen nur Gesellen und Meister, an solchen dritten Grades nur Meistermaurer teilnehmen. In einer Arbeit zweiten Grades wird auch, wenn ungefähr ein Jahr seit der Aufnahme der Neophyten verstrichen ist, über die »Erhebung« der Lehrlinge in den zweiten, in den Gesellengrad, durch Kugelung beschlossen. Zur Beförderung in den zweiten Grad genügt es, daß der Kandidat den Logenarbeiten nicht unentschuldigt ferngeblieben ist, die Mitgliedsbeiträge in Ordnung entrichtet und sonst kein Bundesgesetz grob verletzt hat.

Im allgemeinen wird jeder Freimaurer innerhalb von drei bis fünf Jahren Meistermaurer, Inhaber des dritten Grades. Die Weiterbildung des Lehrlings im Gesellengrad wird als eine Belohnung für geleistete Arbeit aufgefaßt, daher auch der Ausdruck »Beförderung«.

Das Beförderungsritual in den zweiten Grad ist eines der wenigen dürftigen innerhalb der Freimaurerei. Das Ritual erhebt sich dagegen bei der Erhebung in den Meistergrad zu dramatischer Höhe und zu einer von starken Motiven und Symbolen getragenen Kulthandlung. Im zweiten Grad, in seiner Lehre und seinem Ritus wird das symbolische Wandern zum Licht wie im ersten Grad weiter fortgesetzt. Auch der Kandidat für den Gesellengrad muß, wie der Lehrling, allerdings nur mit leicht verschleierten Augen, im Tempel drei »Reisen«, die symbolischen »Wanderungen«, zur weiteren, volleren Erschauung des Lichts machen. Sein Gesicht ist deshalb nur durch einen leichten Hör bedeckt, weil er ja bereits in das Licht des Tempels als Lehrling eingeweiht wurde.

Durch Mitteilung der Erkennungszeichen, Worte und Griffe des zweiten Grades erhält er schließlich die Erkenntnisstufe des Gesellen. Er ist zum kubischen Stein geworden, den er als Lehrling aus dem rauhen Stein seiner Menschlichkeit erarbeitet hat. Er kann dem Bau des Tempels eingefügt werden.
Der kubische Stein ist das Sinnbild der Gesellen.

Der salomonische Tempel

Die Freimaurerei nimmt gegenüber dem Vereinsgesetz in allen Staaten stillschweigend eine Ausnahmestellung ein. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Vereinstätigkeit geben der Behörde das Recht, in jede Versammlung eines Vereins entweder stichprobeweise oder regelmäßig Polizeifunktionäre zu entsenden, die festzustellen oder zu überwachen haben, ob das Vereinsleben mit den Gesetzen in Einklang steht und wirklich dem gemeldeten Vereinszweck dient. Gegenüber der Freimaurerei wird dieses Recht normalerweise niemals geübt. Die Loge würde auch nie vor einem Nichteingeweihten, einem »Profanen«, eine zeremonielle Arbeit, zum Beispiel die Aufnahme von Suchenden, die Erhebung in den zweiten oder dritten Grad, abhalten. Aber auch die gewöhnliche Logenarbeit mit ihrer rituellen Eröffnung und Schließung wird vor einem Nichtfreimaurer auf keinen Fall abgewickelt.

Die Bauhütten der Großlogen von Wien sahen seit ihrer gesetzlichen Duldung, seit dem Jahr 1919, als sie von dem damaligen sozialdemokratischen Staatssekretär Hanusch die behördliche Genehmigung zu ihrem Wirken «hielten, bis zum Jahr 1934 kein einziges Mal einen Vertreter der Vereinsbehörde bei ihren »Arbeiten«.

Mit dem Jahr 1934 änderte sich das Bild, als die Regierung regelmäßig Betraute der Vereinsbehörde zu den Logenzusammenkünften entsenden ließ. Es setzte ein Überwachungsdienst über das Wirken der österreichischen Freimaurerei ein. Solche Maßnahmen haben zur Folge, daß die Logenarbeit natürlich anders vonstatten geht: alles Ritual wird unterlassen, keine Erkennungszeichen und Erkennungsworte werden gegeben, der Logenabend beschränkt sich auf das Administrative und die entsprechend gestellten Vorträge, Aufnahme und Beförderung in alle Grade können auch »historisch« vorgenommen werden, das heißt ohne jeden Ritus, ohne jede Feierlichkeit, ja selbst nicht einmal in einer Loge, sondern in einer privaten Wohnung.

Lernt man die Rituale der verschiedenen Grade kennen, ihre Symbolik und Esoterik, so kann man höchstens daran die Frage knüpfen, wie sich ernste, »aufgeklärte, vorurteilsfreie« Männer solchen Gebräuchen hingeben, derart weitgehende Zeremonien üben und mitmachen können. Man kann in dieser Frage verschiedener Meinung sein: der eine sieht nur Mummenschanz und Hokuspokus, der andere den Zweck, wirkliche Geheimnisse, wahre Ziele unter Sinnbildern und ritualistischen Handlungen zu verbergen, ein Dritter schließlich mag zugeben, daß man von Symbolen und Riten wirklich gefangengenommen werden kann.
Tatsache ist, daß der freimaurerische Ritus, mit Ausnahme des 30. Grades, nirgends die realpolitischen und kulturellen Ziele, die Außenarbeit der Loge aus den Sinnbildern deutlich durchblicken läßt.

Die Feinde des Friedens
Ist die Freimaurerei eine politische Geheimgesellschaft? Was zwingt die Regierungen so oft, das Logentum als Staat im Staate zu verbieten?

Der Bund leugnete zu jeder Zeit, irgendeine Politik zu betreiben. Nach einem über zweihundertjährigen Bestand des Logentums kann man den Beteuerungen der Freimaurer keinen Glauben mehr schenken. Ist doch die Geschichte der Weltfreimaurerei, ob es sich nun um Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Polen und Griechenland, sämtliche südamerikanische Länder und andere Staaten handelt, einwandfrei als mit der Geschichte der politischen Revolutionen aufs innigste verknüpft erwiesen.

Als das faschistische Italien daranging, dem hochpolitischen Treiben des römischen Großorients ein Ende zu bereiten, die »serpente verde« (»die grüne Schlange«) – wie die Freimaurerei in Italien wegen der grünen Bänder und Schürzen der Brüder des Großorients bezeichnet wurde – auszurotten, hielt Mussolini im Jahr 1932 die berühmt gewordene Rede zu Turin, in der er die Sätze aussprach:

»Für die Freimaurerei ist das Volk nicht dazu da, um ihm in unserer offenen Art entgegenzukommen, für sie ist es nur dazu da, betrogen zu werden, ihm eingebildete Bedürfnisse und trügerische Rechte vorzugaukeln. Sie wären gar nicht abgeneigt, bloß wegen der entgegengesetzten Lehrmeinungen und Prinzipien einen Krieg ins Auge zu fassen, denn niemand ist ein ärgerer Feind des Friedens als jene, die sich öffentlich als Anhänger der Neutralität und des Friedens um jeden Preis bekennen.«

Der Staat im Staate
Von den wenigsten Männern an entscheidenden Staats-, Industrie- und Wirtschaftsstellen, in der Armee und Marine, in der Presse und im Unterrichtswesen weiß die Öffentlichkeit etwas von deren Zugehörigkeit zur Loge. Was sich aber gänzlich im geheimen unkontrollierbar abspielt, sind die Weisungen und Richtlinien, nach denen sich das öffentliche Handeln der führenden und bestimmenden Freimaurer im Staat abwickelt, ist die Freimaurerei als Staat im Staate, die erst, wenn die Gefahr ihres unterirdischen Wirkens aufs höchste gestiegen ist, erkannt und dann, wenn ihre Gegner machtvoll genug sind, verboten wird.

Die Loge fordert von dem Aufnahmebewerber, vom »Suchenden«, daß er nicht aus Neugierde, aus persönlichem Vorteil, zu geschäftlichem Nutzen und politischen Zwecken dem Freimaurerbund beitrete. Nur wenige gibt es, die diese Fragen ebenso innerlich bejahen, wie sie es nach außen hin beteuern. Die Verpflichtung, jeden Bruder zu fördern und zu stützen, ist so lange verständlich und unanfechtbar, als sie sich in gewissen Grenzen hält.

Vielfach wächst sich aber der Protektionismus innerhalb der Freimaurerei zur sogenannten »Geschäftsmaurerei« aus, zur gegenseitigen Förderung im politischen, wirtschaftlichen und literarischen Leben, bei der nicht die persönlichen Werte der Brüder ausschlaggebend sind, sondern bloß die Tatsache, daß sie Freimaurer sind. Viele wurden aber auch darum »Brüder«, weil sie aus Sucht nach Geheimniskrämerei ihr Selbstbewußtsein gesteigert fühlen, ein Glied einer derart geheimen und exklusiven Gesellschaft, eingebildete oder wirkliche Mitwisser der geheimen Ziele und Machinationen des Ordens zu sein.

Wird der Bruder Geselle, der in den Meistergrad erhoben wird, durch diese Erhebung und Beförderung ein wirklich Wissender der »Königlichen Kunst«? Nein! Er lernt nur ein weiteres Stück des freimaurerischen Ritus kennen, das ihm über jenen politischen Innenraum der Loge gar nichts sagt, den erst die Brüder des 30. Grades und darüber hinaus betreten dürfen.

Der Logenraum ist für die Zeremonie der Meistererhebung vollkommen schwarz ausgeschlagen. Die drei in der Mitte des Tempels stehenden hohen Leuchter, die Säulen der Weisheit, Stärke und Schönheit, tragen Becken, in denen je eine freie Flamme lodert, die einzige Beleuchtung des großen Saals. Zwischen den Säulen hegt ein schwarzer offener Sarg. Die Brüder, an ihrer Spitze im »Osten« der Meister vom Stuhl, sind sämtlich im schwarzen, bis zu den Füßen reichenden Talar, die Kapuzen sind vorn übergeschlagen und tragen nur die Schütze für die Augen.

Die zu erhebenden Gesellen, an denen der Ritus vollzogen wird, treten, vom »vorbereitenden« Meister geführt, in die Loge ein. Sie sehen die schwere Düsternis, die vermummten Brüder in schauriger Undeutlichkeit, denn diesmal sind ihnen nicht, wie bei der Einweihung in den Lehrlingsgrad, die Augen verbunden. Diesmal ist nicht ihr Gesicht durch Binden in Finsternis gehüllt, sondern die Dinge und Menschen, die sie als geheimnisvolle Schemen sehen, haben sich in die Farbe der Nacht und des Todes gekleidet.

Ein Teil der verhüllten Gestalten steht in den Sitzreihen, an den Längsseiten des Logenraumes, ein anderer Teil der schwarzen Männer umsteht im Kreis, den Brüdern in den Sitzreihen den Rücken kehrend, die in der Mitte des Tempels befindlichen Flammenträger und den zwischen diesen ruhenden Sarg. Sie umstellen den Sarg derart, daß er den Kandidaten bis zu jenem Zeitpunkt unsichtbar bleibt, wo der dramatische Höhepunkt der Zeremonie einsetzt. Dumpfe Musik, dumpfe Zurufe und rituell vorgeschriebene Wechselreden zwischen dem Vorsitzenden, dem »vorbereitenden« Meister und den beiden Aufsehern begleiten die ganze Kulthandlung.

Die Suche nach dem Leichnam Hirams
Der Meister vom Stuhl erklärt den Kandidaten, warum die Loge in tiefer Trauer ist: Sie beklagt den erschlagenen Meister Hiram Abif. Es soll aber auf »mystischen Reisen« der Leichnam Hirams symbolisch gesucht, gefunden und wiedererweckt werden. Der Redner der Loge erhält den Auftrag, die überlieferte Legende vom Hergang der Ermordung Hirams vorzutragen. In melodramatischer Weise – den Redner begleitet untermalende Orgelmusik – wird erzählt, wie Hiram im Tempel Salomos, mit dessen Erbauung er betraut ist, von neugierigen Gesellen gestellt wird, die von ihm die vorzeitige Einweihung in das Meistergeheimnis fordern, ihm das Meisterwort abverlangen.

Trotz der Bedrohung mit dem Tod bleibt Hiram standhaft. Da versetzt ihm einer der Gesellen einen Schlag vor die Brust, der Hiram straucheln macht. In diesem Augenblick schlägt ihm ein anderer mit dem Spitzhammer auf den Kopf, so daß der Meister tödlich zu Fall kommt. Hiram ist erschlagen, mit ihm das Meisterwort verloren. Die Legende berichtet noch, wie Salomo die Mörder dingfest macht, der Leichnam Hirams gesucht und gefunden wird, die Missetäter die verdiente Strafe erhalten.

Auch die Beförderung in den Meistergrad wird nicht an einem einzelnen Gesellen, sondern gleichzeitig an mehreren vollzogen. Von den Kandidaten ist jedoch einer, völlig ahnungslos, dazu ausersehen, daß an ihm, was die Legende dramatisch von Hirams Tod erzählt, symbolisch vollzogen wird. Bevor der Vortrag der Legende beginnt, hat sich der Kreis der Brüder, die den Sarg umstehen, an dessen Ende geöffnet. Mit dem Rücken zum Sarg wird der eine ausersehene Meisteranwärter gestellt. Vor ihn ist der Meister vom Stuhl getreten.

Die anderen Kandidaten stehen so, daß sie Zeugen der Handlung sind, die nun folgt. Der Redner Best die Legende. Wenn er zu der Stelle gelangt ist, da Hiram den Schlag vor die Brust bekommt, stößt der Meister vom Stuhl den Kandidaten vor die Brust. Wenn dann dem strauchelnden Hiram in der Legende mit dem Spitzhammer der Tod gegeben wird, schlägt der Meister mit dem Hammer – dem Sinnbild und Kleinod des Stuhlmeisters – den Kandidaten leicht auf die Stirn, während ihn mehrere Arme von rückwärts erfassen und in den hinter ihm stehenden Sarg niederreißen. Der Sarg ist mit einem Trauertuch bedeckt. Einer für alle der zu Erhebenden hat symbolisch den Tod, die Erschlagung Hirams, durchgemacht. Der Kreis um den Sarg schließt sich wieder.

Söhne der Witwe Hirams
Der Meister vom Stuhl, einzeln hinter ihm die Brüder Gesellen, die bald die letzte Szene ihrer Beförderung erfahren sollen, vollführen nun die »mystischen Reisen«, sie umwandern dreimal den Kreis der Brüder, die den Sarg umgeben: es wird gemessenen Schrittes symbolisch der Leichnam des erschlagenen Meisters gesucht.

Nach der dritten Wanderung treten der Stuhlmeister, der »vorbereitende« Meister und die beiden Aufseher der Loge – die Brüder um den Sarg machen ihnen Platz – zu dem symbolischen Leichnam. Das Tuch wird vom Sarg gehoben. Die Leiche Hiram Abifs ist gefunden!

Vergeblich versuchen nun die Aufseher und der »vorbereitende« Meister unter vorgeschriebenen Worten den Leichnam zu heben. Schließlich erklärt der Meister vom Stuhl, daß er es seinerseits anstellen wolle, kraft seiner Meisterschaft als Hammerführender der Loge, die Leiche aus dem Sarg zu heben. Die Aufhebung des Toten versinnbildet seine Wiedererweckung zum Leben.

Nicht mit dem Wort, das ja mit Hirams Tod verlorenging, kann die Leiche erweckt werden. Aber Salomo ersetzte das Wort Hirams durch ein anderes bleibendes Wort, das neue Meisterwort, und durch dieses gelingt es dem Meister vom Stuhl, den Kandidaten zu erwecken: Hiram wird dadurch versinnbildlicht dem Leben wiedergegeben, das er in der Nachkommenschaft der Freimaurer weiterlebt: er lebt im Sohne! Die Freimaurer nennen sich darum auch die »Söhne der Witwe« (Hirams).

Das neue Meisterwort wird allen Beförderten, zugleich mit den Erkennungszeichen und dem Meistergriff, mitgeteilt, nachdem die Handlung um den Sarg vorüber ist. Die Einweihung in den dritten Grad schließt mit einem Treuegelöbnis der Neuerhobenen und einem Vortrag des »vorbereitenden« Meisters über die symbolische und esoterische Bedeutung des Meistergrades und der Hirams-Legende.

Das Ritual der Meistererhebung ist die unter Symbolen und Kulthandlungen ausgedrückte Stellungnahme der Freimaurerei zum Problem des Todes. Der zu erhebende Geselle soll die Zusammenhänge von Leben, Tod und Auferstehung versinnbildet durcherleben. Wie er im ersten Grad aus dem Vorbereitungsraum, der »dunklen« Kammer mit dem Totengerippe, durch die drei Reisen zum vollen Licht der Maurerei, symbolisch zu neuem bewußtem Leben, aufsteigt, so soll er durch die drei mystischen Wanderungen bei der Meistererhebung durch den Tod zur Auferstehung gelangen.

Das Mysterium vom Tod und der Auferstehung Gottes wird im freimaurerischen Ritus bewußt ganz ins Menschliche umgedreht. An die Stelle Gottes tritt, um in der Unsterblichkeit durch die Nachkommenschaft der Krone des ewigen Lebens teilhaftig zu werden, ja der Vergottung zugeführt zu werden, die hebräische Sagenperson Hiram Abif, der Baumeister des salomonischen Tempels.

Gehorsam und Verschwiegenheit
Der Ritus und die Lehren der Grade des Lehrlings, Gesellen und Meisters sind aus der jüdisch-biblischen Geschichte herübergeholt. Im Mittelpunkt der »Bausage« der Johannisfreimaurerei stehen die Erbauung des salomonischen Tempels und dessen Baumeister Hiram. König Salomo ist die wichtigste Figur im Gestaltenschatz der »blauen« Loge. Die Errichtung des Tempels der »Humanität« wird durch den salomonischen Tempel versinnbildet. Salomo ist auch für die Freimaurerei das Sinnbild der strafenden und vollziehenden Gerechtigkeit, er führt die Mörder seines Baumeisters der verdienten Strafe zu und sichert die Weiterleitung der »Arbeit« an seinem und dem symbolischen Tempel der Freimaurerei.

Das Geheimnis der Freimaurerei sind die Hochgrade. Aus den verschiedenen, vorzüglich im 18. Jahrhundert in das Logentum eingedrungenen Hochgrad-Riten, jenen Lehrarten, die zu den Erkenntnisstufen des Lehrlings, Gesellen und Meisters noch weitere »höhere« hinzufügen, entstand nach vielen Wirrnissen und Systemstreitigkeiten das in der Gegenwart herrschende Lehrgebäude des »Schottischen Ritus«.

Der »Alte und Angenommene Schottische Ritus vom 33. und letzten Grad«, wie die vollständige Bezeichnung lautet, ist jenes einzige mächtige Hochgradsystem, das die ganze Welt umspannt, überall seine »Obersten Räte«, das sind die verwaltenden und leitenden Oberbehörden, besitzt. Wenn im allgemeinen von Hochgradfreimaurern gesprochen wird, dann sind immer nur Mitglieder dieses Schottischen Ritus gemeint.

Die Hochgrade, vor allem in den romanischen Ländern, waren und sind die Träger jenes hochpolitischen Freimaurertums, das auf die Macht im Staat abzielt. Mussolini wußte nur zu gut, warum er mit dem Logentum des italienischen Großorients und des römischen »Obersten Rates« gänzlich aufräumte. Waren doch die Hochgradfreimaurer seit den Zeiten Mazzinis und Garibaldis, seit den Unabhängigkeits- und Einigungskämpfen des jungen Italien bis zur Herrschaft des Faschismus die unbeschränkten politischen Machthaber gewesen. Die Inhaberschaft des 33. Grades beim römischen Großorient und »Obersten Rates« war mit der Inhaberschaft eines Ministerpostens im Kabinett oder gar der Ministerpräsidentenschaft selbst verknüpft gewesen.

Erst dem Freimaurer des dritten Grades ist es natürlich möglich, in die Hochgrade aufgenommen zu werden. Der Kandidat für den Schottischen Ritus muß zunächst ein vollwertiges Mitglied der gewöhnlichen Loge geworden sein, also die Erkenntnisse des Meistergrades besitzen. Durch die Erhebung in den dritten Grad hat der Drei-Punkte-Bruder auch andere Rechte bekommen. Er ist für die Logenämter wählbar geworden. Er kann in den leitenden Ausschuß der Bauhütte, in den »Beamtenrat« gewählt werden. Dieser setzt sich aus dem Meister vom Stuhl, der als solcher nur ein Logenamt bekleidet und keinen höheren Grad besitzen muß, seinen beiden Stellvertretern, dem Redner, den beiden Aufsehern, dem korrespondierenden und dem protokollierenden Schriftführer, dem Almosenier (Vermögensverwalter), dem Bibliothekar und Tempelhüter zusammen.

Der Almosenier läßt am Ende jeder Logenarbeit den »Sack der Witwe« kreisen, in den jeder Bruder eine Spende für wohltätige Zwecke, zur Unterstützung von Logenmitgliedern oder deren mittellosen Hinterbliebenen (Witwe) gibt. Erst der Meistermaurer besitzt das Recht, mit anderen Brüdern des dritten Grades eine Loge zu gründen, zu »stiften«. Zumindest sind sieben »Meister« für eine Neugründung nötig. Sie müssen vom Großmeister die Erlaubnis zur Abhaltung einer Versammlung »unter freiem Himmel« erhalten. Früher war dies wortwörtlich zu verstehen, heute symbolisiert der »freie Himmel« den Umstand, daß sich die Versammlung nicht unter dem Schutz einer schon bestehenden Loge vollzieht.

In dieser Zusammenkunft wird der künftigen Bauhütte ein Name gegeben, zum Beispiel »Zur Freundschaft«, »Zu den drei Säulen«, »Hiram«, »König Salomos Tempel«, »Archimedes«, »Zum Reißbrett« und viele andere. Auch werden die besonderen Richtlinien der Logenarbeiten, das Programm der Bauhütte festgelegt. Die Großloge erteilt nach Prüfung und Beratung ein Patent, die Arbeitsbewilligung, oder verweigert es. Eine Logengründung ist schließlich erst dann ganz vollzogen, wenn seitens der Großloge, meistens durch den Großmeister selbst, in die neue Bauhütte das maurerische »Licht« eingebracht und die Loge in die Register der Großbehörde eingetragen worden ist.

Apostel Andreas und die rote Farbe
Das Symbol des Meistermaurers ist das Reißbrett, auf dem er seine Entwürfe fertigt, den Arbeiten am Werk den Bauriß gibt. Mit der Meistererhebung findet die Laufbahn des durchschnittlichen Freimaurers, der nicht dazu berufen ist, in die Hochgrade aufgenommen zu werden, ihren Abschluß.

Den Hochgraden des Schottischen Ritus ist traditionell der Apostel Andreas heilig, sie sind die Andreasmaurerei. Hier herrscht die rote Farbe.

Die Logen der Hochgradfreimaurerei werden Ateliers genannt und bearbeiten die Grade vom 4. bis zum 33. Sie unterstehen nicht der Verwaltung und Leitung, der »Jurisdiktion« der Großloge, sondern haben in jedem Staat ihre eigene, selbständige »souveräne« Oberbehörde, den »Suprême Conseil«, den »Obersten Rat«. Die Großloge regiert und verwaltet einzig und allein die Logen der Johannisfreimaurerei, die maurerischen Werkstätten, in denen die Hochgradfreimaurer, in ihren Würden und in ihren Einweihungsstufen den anderen Brüdern gänzlich unbekannt, als einfache Meistermaurer sitzen.

Die Mitglieder des Schottischen Ritus sind aufs strengste verpflichtet, in der Johannisloge niemals anders als im Zeichen des Meistergrades aufzutreten, nur die »Bekleidung« des Meisters zu tragen, niemals die farbenprächtigen Bänder und Schürzen der hohen und höchsten Grade, sie dürfen keinem Bruder, Lehrling, Gesellen oder Meister davon Mitteilung machen, daß sie den Hochgraden angehören. Nicht nur die Lehren und Riten der Schottischen Maurerei, sondern sogar die Namen der Hochgradbrüder bleiben demnach dem Durchschnittsfreimaurer unbekannt.

Die Hochgrade sind das Geheimnis innerhalb des Geheimbundes, ein doppeltes für die »profane« Außenwelt. Da sie die eigentlichen Träger des freimaurerischen Aktivismus, soweit sie den höchsten Graden angehören, die wirklich Eingeweihten, die »Wissenden« sind, besitzen sie die wahre Macht im Orden. In den Leitungen der Logen und Großlogen schalten sie als Brüder dritten Grades, scheinbar als Gleiche unter Gleichen, sind aber ausschlaggebend durch die Kenntnisse, Fähigkeiten und Beziehungen.

Anonymität der Führung
Die anderen Brüder wissen natürlich noch weniger, nach welchen Weisungen des »Obersten Rates« die unerkannten Hochgradbrüder die Logen und Großlogen beeinflussen und lenken. Mehr als einmal hat es sich ereignet, daß sich Logen ziemlich einmütig gegen die unkontrollierbare Vorherrschaft der Hochgradmaurer in ihren Reihen aufgebäumt haben. Immer aber war dieses vergeblich. Die Autonomie der Großloge und ihre Regierung der Logen besteht nur auf dem Papier. In Wahrheit hat der »Oberste Rat« die gesamte Führung des Ordens mitsamt der Großlogen und den Logen inne.

Bei den Beratungen, Beschlüssen und Erlassen der Großloge gehen natürlich die Hochgradbrüder, unter sich einig, im Sinne des »Obersten Rates« vor, so daß die Johannisfreimaurerei nach den Grundsätzen, Aktionen und Zielsetzungen des Schottischen Ritus gelenkt wird, ohne daß sie davon mehr als eine Ahnung hat. Eine wohl einzig dastehende, raffinierte, meisterhaft durchdachte und angelegte Organisation, die den Hochgraden neben der Anonymität der Führung auch die Möglichkeit gibt, sich der Verantwortung für die Leitung zu entziehen.

Wenn ein Bruder des dritten Grades, ein Meistermaurer, den Wunsch besitzt, in die Hochgrade eingeweiht zu werden, von deren Existenz als solcher er nur ganz allgemeine Kenntnisse erhielt, so nützt ihm das Aussprechen dieses Strebens in keiner Weise. Weiß er doch auch nicht, daß man sich nicht für die Hochgrade melden kann wie für die gewöhnliche Maurerei, sondern daß man berufen werden muß. Als Lehrling, meistens auch noch als Geselle, ahnt der Durchschnittsmaurer nicht einmal etwas vom Bestand des Schottischen Ritus.

Ist er als Meistermaurer beflissen, hat er wache Ohren und gute Beobachtung, betreibt er eifrige Lektüre der maurerischen Schriften, dann weiß er natürlich, wenn auch nichts Genaues, vom Bestehen der Hochgrade. Mit diesem grundlegenden Wissen kann er sich auch eine Frage beantworten, die ihn, wenn er kritischen Verstand besitzt, während seiner Maurerschaft immer lebhafter beschäftigen mußte: die Frage, wo und wann fassen die Freimaurer eigentlich jene Beschlüsse, die notwendig sind, daß die Maurerei ihre Prinzipien im öffentlichen Leben durchsetze? Denn in den »Arbeiten« der Johannislogen hörte er doch immer nur Vorträge, nur wenige über das enge Vereinsleben hinausgehende Beschlüsse und Erlässe, machte er bloß solche Abstimmungen und die ritualistischen Vorgänge und Zeremonien mit.

Der Ausdruck »Arbeit« wurde ihm immer mehr und mehr wirklich zu einem Symbol für etwas, das er nicht sah und das ihm darum fehlte: für die »Außenarbeit«, die Verwirklichung der Ideen, die konkrete Verfolgung der kultur-politischen Ziele der Freimaurerei. Mit dem grundsätzlichen Wissen vom Bestehen der Hochgrade beantwortet er sich die Frage nach der tatsächlichen Arbeit dahin, daß diese eben den höheren Erkenntnisstufen vorbehalten sein müssen. Mit dieser Annahme geht er nicht fehl!

Die Weltkette der Hochgrade
Die Beförderung vom ersten bis zum dritten Grad ist nur eine Frage der Zeit, in der sie sich rein automatisch abwickelt. Die Erhebung vom dritten in den vierten Grad ist dagegen eine Frage prinzipieller Würdigkeit und Befähigung. Ein Freimaurer kann zeitlebens im Meistergrad sitzenbleiben, ja, deren Zahl ist weitaus größer als die jener Brüder, die der Einweihung in die vierte Erkenntnisstufe teilhaftig werden, in jenen Grad erhoben werden, mit dem sie in das System des Schottischen Ritus eintreten, in die Weltkette der Hochgrade eingegliedert werden. Mit der Erhebung in den vierten Grad werden sie, wie ihnen das Ritual ausdrücklich sagt, Lehrlinge der Hochgradfreimaurerei, müssen sie, obwohl sie bereits Meister der Johannisloge sind, neuerlich von vorne anfangen. Der vierte Grad beleiht ihnen die Würde des »Geheimen Meisters«.

Die Hochgrade sind auf dem Grundsatz der Auswahl der Fähigsten aufgebaut. Deshalb nützt eine Selbstanmeldung nichts. Hat sich dagegen ein Mitglied in den drei unteren Graden besonderer Tätigkeit befleißigt, Fähigkeiten aufgewiesen, die darauf schließen lassen, daß er berufen ist, Arbeiten über das »längliche Viereck«, über die »blaue« Loge hinaus zu leisten, dann tritt die Perfektionsloge, ohne daß er es weiß, über ihn zu einer Abstimmung zusammen.

In der Perfektionsloge sitzen die fälligen, die würdig befundenen Brüder der verschiedensten Bauhütten eines Landes. Über den Bruder, über dessen Aufnahme abgestimmt werden soll, hat ein Hochgradfreimaurer, der dessen Aktivität im Logenleben verfolgt hat, ausführlich berichtet. Die »Ballotage« vollzieht sich dann im Unterschied zur Johannisloge nicht durch Abgeben von weißen und schwarzen Kugeln, sondern durch mündliche Aussprache und nicht geheime Abstimmung. Es ist Stimmeneinhelligkeit notwendig. Eine einzige Stimme verschließt dem Kandidaten die Tür.

Ist die Abstimmung verneinend ausgefallen, so erfährt der Vorgeschlagene nichts. Weder daß er in Aussicht genommen war, noch daß über seine Beförderung abgestimmt wurde. Waren alle Stimmen der Hochgradbrüder für seine Beförderung, dann wird ein Mitglied der Perfektionsloge beauftragt, mit dem Kandidaten in Fühlung zu treten. Mit dem Meistermaurer wird ein unverbindliches, rein grundsätzliches Gespräch über die Hochgrade geführt, und ganz nebenbei wird er gefragt, ob er für die höheren maurerischen Werkstätten und Tätigkeit Interesse habe.

Der Strick als Sinnbild der Vorurteile
Der betreffende Meister ist fast in jedem Fall über seine Unterhaltung erstaunt, weiß nicht, was mit ihr bezweckt wird, worauf sie hinaus will. Fast immer wird aber auch die Frage nach dem Interesse für die Hochgrade bejaht. Einige Tage später teilt derselbe Hochgradbruder dem Kandidaten mit, daß er zur Aufnahme würdig erkannt wurde und strengstes Stillschweigen über alles bisher Vernommene bewahren müsse.

Das Atelier des »Geheimen Meisters« ist schwarz ausgeschlagen und mit weißen, unregelmäßigen Tupfen, den »Tränen« besät. Auch der vierte Grad steht im Zeichen der Trauer um den erschlagenen Hiram. Die Kandidaten tragen leichte Augenbinden. Sie werden an Stricke, die um den Hals gelegt sind, in die Loge geführt. Der Strick ist das Sinnbild der Vorurteile und der Leidenschaften, von denen die Menschen im Leben hin und her gezerrt werden.

Bei der Erhebung in den vierten Grad werden vier »mystische Reisen« nach dem Licht, nach dem vollen Leben im Geist der Freimaurerei durchgeführt. Stimmen aus dem »Osten«, »Westen«, »Süden« und »Norden« rufen dem Kandidaten Erkenntnissprüche zu, verweisen darauf, daß die Haupttugenden des »Geheimen Meisters« Gehorsam und Verschwiegenheit sein müssen. Im ausdrücklichen Gelöbnis ist dies besonders unterstrichen.

Der »Dreimalmächtigste Meister«, der Vorsitzende, nimmt einen Kranz aus Lorbeer- und Olivenzweigen. Die Kandidaten haben vor dem Altar der Loge, das rechte Knie leicht gebeugt, eine brennende Kerze, das Symbol der Suche nach dem Licht, zu tragen. Jedem einzelnen legt der Vorsitzende den Lorbeer- und Olivenkranz im Vorübergehen auf die Stirn. »Ich kröne euch mit Lorbeer und Oliven!«

Dann greift er zum Schwert, das er waagerecht über die Köpfe der Kandidaten hebt: »Im Namen und unter den Auspizien des Obersten Rates unseres Staates und aller Obersten Räte, die mit uns die Weltkette des Schottischen Ritus bilden, im Auftrag der Souveränen Generalgroßinspektoren dieses Obersten Rates, weihe ich euch und nehme ich euch auf als Brüder Geheime Meister dieser Perfektionsloge.«

Während der Einweihung wurden den Neuerhobenen die Binden von den Augen genommen. Der Strick wird nunmehr auch entfernt. Die Kerzen werden gelöscht.

Die Zusammenkünfte der Hochgradfreimaurer finden in denselben Räumlichkeiten statt, in denen die Logenarbeiten der drei unteren Grade abgehalten werden. Natürlich an anderen Tagen und zu anderen Tageszeiten, die nur den Mitgliedern des Schottischen Ritus bekannt sind.

Die weltumspannende Kette

Der Schottische Ritus will mit seinen verschiedenen Erkenntnisstufen symbolisch die geistige und kulturelle Entwicklung der Menschheit durchwandern. Seine 33 Grade, in welchen die drei Stufen der Johannis-Freimaurerei, die des Lehrlings, Gesellen und Meisters mitgezählt sind, teilt er in drei Perioden, denen die großen Kulturabschnitte der Menschheitsgeschichte, die jüdisch-architektonische, die religiös-christliche und die freiheitlich aufgeklärte Zeit entsprechen sollen. Die Werkstätten vom vierten bis 14. Grad, die sogenannten Perfektions- oder Vervollkommnungslogen, kennzeichnen zusammen mit den drei Graden der blauen Loge die jüdisch-architektonische Periode, denn ihre Rituale wurzeln ausschließlich in biblischen Oberlieferungen, spielen im jüdischen Milieu des Alten Testaments, und in ihrem Mittelpunkt stehen das Bausymbol des salomonischen Tempels und dessen Erbauer Hiram Abif.

Nach der Gradfolge heißen die Würden der vierten bis zu der 14. Erkenntnisstufe: 4. Geheimer Meister; 5. Vollkommener Meister; 6. Geheimer Sekretär; 7. Vorgesetzter und Richter; 8. Intendant der Gebäude; 9. Auserwählter Meister der Neun; 10. Auserwählter Meister der Fünfzehn; 11. Erhabener Auserwählte Ritter; 12. Großmeister-Architekt; 13. Meister des Königlichen Gewölbes; 14. Großer Auserwählter.

Mit Ausnahme der Vereinigten Staaten Nordamerikas, deren zwei »Oberste Räte«, in Washington und Boston, jeden einzelnen dieser Grade in eigenen Logen rituell bearbeiten und erteilen, werden in der übrigen maurerischen Welt nur der schon dargestellte vierte Grad, der des »Geheimen Meisters«, und der 13., der des »Königlichen Gewölbes«, in ihrem vollen Ritual gepflegt. Die anderen Erkenntnisstufen werden mit ihrem Ritus, ihren Erkennungszeichen, Worten und Griffen den Kandidaten bloß »historisch«, das heißt ohne Zeremonie, rein erzählungsweise zur Kenntnis gebracht.

Das Hochgradsystem des Schottischen Ritus ist eine wirklich weltumspannende, straff organisierte Kette. Gegenüber der Behauptung, daß das Logentum eine einheitliche, überstaatliche Weltorganisation sei, weisen die Brüder, um abzuschwächen oder abzuleugnen, gerne auf die oft weltanschaulich, politisch oder national gesondert marschierenden Großlogen der Johannis-Freimaurerei hin. Sie unterstreichen die Tatsachen, daß häufig in einem Staat mehrere maurerische Körperschaften, Oberbehörden der blauen Logen, bestehen, die keineswegs in reinem Frieden und in grundsätzlicher Übereinstimmung zusammenarbeiten. Sie sind aber trotz allem fadenscheinig, weil sie, meist geflissentlich, die Hochgrade übersehen, deren Verhältnis und Zusammenhalt untereinander ganz andere sind. Die symbolische Freimaurerei, die der drei unteren Grade, und ihre Großlogen besitzen nur zwei lose überstaatliche Zusammenhänge. Die eine Dachorganisation, die die maurerischen Großkörperschaften, die Großlogen, zusammenfaßt, ist die »Association Maconnique Internationale«, kurz AMI genannt.

Überstaatlicher Zusammenhang der Hochgradfreimaurerei
AMI hat ihren Zentralsitz, ihre Großkanzlei, in Genf. Dieser Großlogenverband und seine Weltgeschäftsstelle wurde beim Internationalen Konvent im Oktober 1921 auf Initiative des jüdischen Großmeisters der schweizerischen Großloge »Alpine«, Isaac Reverchon, gegründet. Die AMI umfaßt aber keineswegs sämtliche Großlogen der Welt, vielmehr fehlen in ihr die die maurerische Weltmehrheit vertretenden Großlogen von England, Schottland, Irland, der USA und des australischen Staatenbundes.

Der zweite Dachverband der Johannis-Maurerei ist die »Allgemeine Freimaurerliga«. Sie pflegt in ihrem überstaatlichen Wirken die Esperantosprache, wie sie überhaupt aus einer freimaurerischen Esperantistenvereinigung hervorgegangen ist. Offiziell heißt sie in Esperanto »Universala Framasona Ligo«. Die Zentralstelle ihrer über die ganze Welt verstreuten Landesgruppen befindet sich ebenfalls in der Schweiz und zwar in Basel.

Die AFL, wie sie kurz bezeichnet wird, ist im Unterschied zur AMI keine Organisation von Großloge zu Großloge, sondern von Bruder zu Bruder, von Mann zu Mann. Ihr kann jeder reguläre Freimaurer auf der ganzen Welt beitreten. Auch sie ist keine allgemein durchgreifende und wirklich die ganze Erde umspannende Weltkette.

Anders steht es, wie gesagt, um den überstaatlichen Zusammenhang der Hochgradfreimaurerei. Im Jahre 1875 begründeten sämtliche damals bestehenden »Obersten Räte«, die maurerischen Großmächte der Hochgrade, eine Gesamtvereinigung, wieder in der Schweiz, die sogenannte Lausanner Konföderation. In der Verfassung des Weltverbandes sind alle jene Grundsätze niedergelegt, die eine straffe administrative Organisation, einen einheitlichen geistigen Zusammenhalt, ein konkretes Zusammengehen in allen wichtigen Belangen und Aktionen gewährleisten.

Mit der Lausanner Konföderation wurde wirklich jene Weltfreimaurerei ins Leben gerufen, die von den Gegnern der Loge immer wieder behauptet, von den Brüdern selbst jedoch stets, entweder wissentlich oder unwissentlich, abgeleugnet wird. Eine der wichtigsten Bestimmungen der Konföderation ist die, daß in jedem Staat, im Unterschied zu den Großbehörden der Johannis-Freimaurerei, nur eine einzige Großkörperschaft der Schottischen Hochgrade, nur ein einziger »Suprême Conseil« bestehen darf.

Eine einheitliche Symbolik und Esoterik
Eine Ausnahme wurde einzig und allein für die USA, wegen der territorialen und numerischen maurerischen Verhältnisse, vorgesehen. In den Vereinigten Staaten dürfen zwei »Suprêmes Councils« walten, der der »nördlichen Jurisdiktion« in Boston, der der »südlichen Jurisdiktion« in Washington. Letztere ist der älteste »Oberste Rat« der Welt; 1801 gegründet, gilt er als der Mutter-Suprême-Conseil der gesamten Hochgradfreimaurerei.

Der Washingtoner »Oberste Rat« hat nur eine moralische Vormachtstellung, er stellt keineswegs eine Zentralregierung des Schottischen Ritus dar. Der Angelpunkt der Schottischen Weltkette ist die Lausanner Konföderation, in der auch ein einheitlicher Ritus, eine einheitliche Symbolik und Esoterik, vor allem aber eine einheitliche weltanschauliche Prinzipienerklärung für die gesamte rote Maurerei geschaffen wurde. Die kulturaktivistischen, besser gesagt, die kulturkämpferischen romanischen Hochgradfreimaurer, die der liberalrevolutionären und marxistisch-freidenkerischen »Obersten Räte« von Frankreich, Belgien, Spanien, Mexiko, seinerzeit auch von Italien und Ungarn, spielen in der Konföderation die gewichtigste Rolle.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht die Freimaurerei in die Weite und in die Breite, wie sonst nirgends in der Welt, höchstens noch wie im britischen Imperium. Schon die Gründung der USA ist mit der Geschichte der Freimaurerei aufs engste verknüpft.

Der »Vater des Vaterlandes«, der »Columbus des Unabhängigen Staates«, der erste Präsident George Washington, war Freimaurer und legte als erster -seitdem ist dies üblich geworden – auf die Freimaurerbibel den Staatseid ab.

Präsident Roosevelt war Inhaber des 32. Grades und Mitglied der »Holland Lodge Nr. 8« in New York. In seinem Kabinett saßen fünf Brüder. Die öffentlich aufliegenden amtlichen Listen der Mitglieder des Weißens Hauses enthielten hinter jedem Namen des Senators beigefügt die Gradziffer seiner maurerischen Würde.

Die öffentliche Politik ist freimaurerisch
Die Freimaurerei Nordamerikas ist ebenso wie in England eine öffentliche Macht, die Loge muß in diesen Staaten nicht mehr um ihre Vorherrschaft oder gar ihren Bestand kämpfen. Deshalb ist die angelsächsische Maurerei nicht militant, wie das Logentum in jenen Ländern, wo es sich einer starken Gegnerschaft gegenüber sieht. Staatsregime und Politik vollziehen sich in den USA und in England derart ganz im Geist der Freimaurerei, daß die Loge einfach deshalb unpolitisch sein kann, weil die öffentliche Politik eine freimaurerische ist.

Der Hinweis zur Verteidigung des Freimaurertums auf die unpolitische Haltung der Großloge von England oder der Großlogen von Nordamerika ist eine bewußte oder unbewußte Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse, eine Verwechslung der Ursache und Wirkung. Es sei noch erwähnt, daß buchstäblich alles, was in den Vereinigten Staaten und im britischen Inselreich nur irgendwie Rang und Namen besitzt, nur irgendwie an öffentlichen Posten steht, der Bruderkette angehört.

Gleich in den ersten Jahren, nachdem die Freimaurerei durch Washington und seine Mitkämpfer in Nordamerika Fuß gefaßt hatte, nahm die »Königliche Kunst« einen gewaltigen Aufschwung. Auch das Wachsen des Geheimbundes vollzog sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit dem dort herrschenden Tempo.

Die größte Großloge, die New Yorker, zählte 1826 allein bereits 20 000 Mitglieder und 227 Logen, ein Jahr später aber überraschenderweise 1500 Mitglieder und 41 Logen. Was war die Ursache dieses gewaltigen Rückschlages, der sich bei allen anderen Großbehörden der Bundesstaaten in gleich krasser Weise ausdrückte und durch ein Jahrzehnt anhielt?

Die Morgan-Affäre war in die Entwicklung der nordamerikanischen Freimaurerei geplatzt und führte zu den Massenaustritten, zu den schwersten Verfolgungen des Bundes, der bereits auf dem Weg zur vollen Macht war, schlug ihn derart zurück, daß er erst, nachdem Gras über die Sache gewachsen war, wieder seinen Aufstieg bis zur Vorherrschaft von heute nehmen konnte.

Im Jahre 1826 verbreitete sich über William Morgan, der in Batavia im Staate New York lebte, das Gerücht, daß er zusammen mit einem David C. Miller ein Buch über die Freimaurerei herausgeben wolle, in dem alle ihre Lehren, Rituale, Symbole und Erkennungszeichen dargestellt werden sollten. Der Freimaurerei bemächtigte sich gewaltige Aufregung. Zunächst warnten sie Morgan in der Zeitung von Batavia, dem »Spirit of the Times«. Morgan erwiderte, daß das Werk dennoch erscheinen werde.

Der Tempel der maurerischen Humanität
Da beschlossen die Brüder im engsten Kreis eine Handlung, die später gerichtlich nachgewiesen wurde und auch vom »Internationalen Freimaurerlexikon« zugegeben wurde: nämlich Morgan zu entführen und in sicheren Gewahrsam zu bringen. Sie wollten dann wahrscheinlich ihrem Gefangenen seine Pläne ausreden. Tatsächlich wurde Morgan entführt und verschwand.

Immer weitere Kreise der Bevölkerung, zuletzt buchstäblich die gesamte Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten, gerieten unter den ungeheures Aufsehen erregenden Eindruck von dieser Tat der Loge. Die wildesten Gerüchte entstanden: Morgan sei von den Freimaurern erschossen worden, Morgan sei in einer Loge des »Royal Arch«, in einer Loge des 13. Grades, des Königlichen Gewölbes, in deren unterirdisches, von neun hohen Bogen getragenes Tempelgewölbe hinuntergestoßen worden und habe sich dabei das Genick gebrochen. Die Freimaurer behaupteten später wohl, daß Morgan 1831, allerdings in Smyrna, angeblich wieder aufgetaucht sei.

Wie dem auch sei, durch die Morgan-Affäre wurde Antifreimaurerei zum Programm bei den Staats- und Präsidentenwahlen. Das Logentum war wieder einmal in den Mittelpunkt eines Kriminaldramas gerückt worden. Schwer nur konnte es jene Zeiten überstehen, die angefüllt waren mit antifreimaurerischen Konventen, der unermüdlichen Tätigkeit einer im Jahre 1827 entstandenen Anti-Masonic-Party, deren Führer der spätere Präsident Fillmore war, und einer Flut logenfeindlicher Publizistik.

Der wichtigste Grad der Vervollkommnungslogen ist die Erkenntnisstufe des Königlichen Gewölbes, jenes Ateliers des 13. Grades, das dem Bau eines Idealtempels dient, des zweiten Tempelbaues, der an Stelle des salomonischen den der freimaurerischen Humanität setzt. Über allen Wassern der Sintflut soll er stehen, welche die Erde vernichten können: deshalb ruht sein Gewölbe auf neun hohen Strebepfeilern.

Bausymbolik und Bausage der Freimaurerei erreichen im 13. Grad ihren esoterischen Höhepunkt. Mit dem 14. Grad, der letzten Perfektionsloge – an sie schließen sich die Kapitelgrade der Rosenkreuzer an -, hört die architektonische Versinnbildlichung der Freimaurerei auf, der die christlich-religiöse Periode folgt.

Die Beförderung durch die Logen der Perfektion bis an die Schwelle des Kapitels vom 15. Grad erlebt der einzelne Hochgradbruder nur nach Maßgabe seiner erwiesenen Leistungen und Fähigkeiten, nur als Belohnung für seine Aktivität. Es gibt keinen zeitlichen Anspruch auf die Einweihung in die verschiedenen Erkenntnisstufen der Vervollkommnung, die in ihren Lehren und Zeremonien, in ihrer Symbolik und Ritualistik in verschiedenfältigster Weise, farbenprächtig in der Ausschmückung der Logenräumlichkeiten, phantastisch in den Legenden, prunkvoll in den Schürzen und Bändern, immer wieder das Thema vom symbolischen Bau der Freimaurerei abwickeln.

Es geht um ganz reale Pläne
Die Werkstätten des 15. bis 18. Grades sind die Kapitel-Logen, deren Rituale die christlich-religiöse Periode der Menschheitsgeschichte, die Zeit der Kreuzzüge, versinnbildlichen. Die Lehren und Kulthandlungen, die Symbole und Zeremonien der Kapitel kreisen nicht mehr um die Bausage der Freimaurerei, in ihrem Mittelpunkt stehen nicht mehr der Salomonische Tempel und dessen Erbauer, der erschlagene Meister Hiram Abif. Sie knüpfen wohl an jene Ritualistik und Symbolik an, die die Grade ans bis 14 aus der jüdisch-biblischen Geschichte schöpfen, spinnen sie aber nicht mehr fort.

Die Arbeiten der Hochgradfreimaurer, schon der Perfektionslogen (vierter bis 14. Grad), erst recht der Kapitel, finden durchschnittlich nur einmal im Jahr in ritueller, kultischer Weise, in Verbindung mit der Aufnahme, beziehungsweise Beförderung neuer Mitglieder in die betreffende Erkenntnisstufe statt. Alle anderen Zusammenkünfte, die gewöhnlich monatlich abgehalten werden, vollziehen sich ohne Ritus und ohne Zeremonien, die rituelle Eröffnung und Schließung der Arbeit ausgenommen.

Der ehemalige Meister der blauen Loge, der sich früher bei den Sitzungen der Johanniswerkstätte immer fragte, wann und wo denn eigentlich die aktive, kulturelle Außenarbeit der Freimaurerei geleistet werde, gewinnt mit dem Aufrücken in die höheren Grade, über die Vervollkommnungslogen in die Kapitel, die Erkenntnis, daß der Schwerpunkt der positiven konkreten Arbeit in den höheren und höchsten Graden liegt. Wohl wird noch die Innenarbeit, die Arbeit am maurerischen Menschentum des einzelnen Bruders, gepflegt, doch tritt sie gegenüber dem kulturpolitischen Aufgabenkreis in den Hintergrund.
Die Abführung des Ritus ist, wie schon gesagt, auf einmal im Jahr beschränkt. Vorträge als freimaurerische Exerzitien werden nicht mehr oder nur ganz selten über die Geschichte der Symbolik der Hochgrade im Sinn einer Instruktion gehalten. Der Inhalt der Arbeiten sind Debatten und Beschlußfassungen über ganz reale Aktionen, Zielsetzungen und Pläne. Vorzüglich in der romanischen Freimaurerei sind bereits die Kapitel politische Klubs.

Das Kapitel des 18. Grades – wir wählen diese Erkenntnisstufe als Beispiel für die anderen Kapitelgrade, weil sie die höchste ist – tritt deshalb nur allmonatlich zusammen, weil die Ausführung der Beschlüsse und die Durchführung der Aufträge, die die einzelnen Brüder erhalten, für gewöhnlich diese Spanne Zeit brauchen, um dann als geleistet überprüft werden zu können.

Zu normalen Arbeiten versammeln sich die Brüder im Straßenanzug, ohne jede maurerische Bekleidung. Jedes Mitglied kennt das andere, so daß keine Erkennungszeichen gegeben werden müssen, und man nimmt in der Loge zwanglos Platz.

Fremde Besucher, Hochgradbrüder auswärtiger »Oriente« Werden schon in den Vorräumen einer Prüfung über ihre Gradstufe, über die Erkennungszeichen, Worte und Griffe derselben unterzogen. Wie in der blauen Loge der Johannisfreimaurerei die Inhaber von Hochgraden für die Brüder der unteren Erkennungsstufen als solche unerkannt und unkenntlich in der Kette stehen, so sitzen im Kapitel der Ritter vom Rosenkreuz, ebenso für diese in ihrer Einweihung unkenntlich, die Brüder der noch höheren Grade, des 20., des 33. und die Souveränen Generalgroßinspektoren des Obersten Rates.

Das Atelier der Rosenkreuzer ist eine reine Aktionsloge. Die Arbeit eröffnet dem Teilnehmer einen ausschließlich kulturpolitischen Innenraum. Da wird zum Beispiel die Abhaltung einer großen Versammlung beraten, in der die Öffentlichkeit über Zwecke und Ziele der Freimaurerei »aufgeklärt« werden soll, also die Veranstaltung einer sogenannten »Tenue Blanche«, wie sie zum Beispiel der Großorient von Frankreich in allen Teilen des Landes regelmäßig stattfinden läßt. Es werden die Redner bestimmt, und ihnen wird die Ausarbeitung der Themen aufgetragen.

Es wird zum Beispiel die Gründung einer Liga für Menschenrechte beschlossen. Wo immer solche Ligen bestehen, es sind freimaurerische Gründungen. Der Oberste Rat hat schon früher Befehl gegeben, welche Hochgradbrüder in dem leitenden Ausschuß sitzen sollen, und welche Freimaurer ohne Schurz, das heißt Profane (Nichtmitglieder), die aber im Geist der Loge arbeiten, zur Tarnung als Mitfahrer der Liga zu gewinnen sind.

Weiter wird zum Beispiel über die Förderung der Paneuropa-Bewegung diskutiert, es werden dazu nötige Schritte beschlossen, und einzelne Brüder, je nach ihren Fähigkeiten und Ingerenzen, mit den Detailaufgaben betraut, deren Durchführung den beiden Grundgesetzen Gehorsam und Verschwiegenheit unterworfen ist.

Vom »Kapitel >Mozart< im Tale von Wien«, das vom »Suprême Conseil pour la France« eingesetzt wurde, war seinerzeit die paneuropäische Idee ausgegangen, da der Urheber dieser Bewegung, Nikolaus Coudenhove-Kalergi, Mitglied der österreichischen Hochgrade war. Das Kreuz, welches das Wahrzeichen der Paneuropäischen Vereinigung in seinem Kreisfeld trägt, ist in der Symbolik des Rosenkreuzerkapitels vorgebildet.

Es werden im Verlauf der Arbeit diese oder jene Abwehrartikel in der liberalen Presse beschlossen, wer sie zu veranlassen oder selbst zu veröffentlichen habe, es werden Beträge bewilligt zur Unterstützung kulturpolitischer Vereine, die freimaurerische Gründungen sind, ohne daß die Öffentlichkeit etwas davon weiß, oder für Organisationen, die durch personelle Zusammenhänge unter der Führung der Loge stehen, ohne daß die Mehrzahl der Mitglieder es weiß.

Schon das Ritual des Ritters des Degens, des 15. Grades, versinnbildlicht die Geschichte der Kreuzfahrer, und zwar im Licht einer Lehre des Kampfes für die Freiheit und gegen den »Fanatismus«. Der Titel des 16. Grades »Prinz von Jerusalem« deutet mit sich selbst auf die Kreuzzugmotive hin, die seine Symbolik und Kulthandlung tragen. Ebenso ist dies mit dem 17. Grad der Fall, dem »Ritter vom Osten und Westen«, der den Austausch von Okzident und Orient durch die Kreuzzüge symbolisch bearbeitet.

Symbolischer Austausch von Okzident und Orient
Der letzte und höchste Kapitelgrad, der 18., der des »Ritters vom Rosenkreuz« hat keinen unmittelbaren historischen Zusammenhang mit den alten Gold- und Rosenkreuzern. Es bestehen zwar Rosenkreuzer-Theorien, die eine direkte Verknüpfung zwischen Freimaurerei und Rosenkreuzertum behaupten, starke rosenkreuzerische Einflüsse auf das Freimaurertum im 18. Jahrhundert zu beweisen suchen. Ein unmittelbarer Zusammenhang besteht darin, daß der Schottische Ritus in die vielgestaltige Ritualistik seiner 33 Grade, in seine Hierarchie zahlreiche frühere Hochgradsysteme, an denen das Logentum des 18. Jahrhunderts so reich war, in sich aufgenommen und verarbeitet hat.

Im Zug des Aufbaues seines Systems tat er dies auch mit den rosenkreuzerischen Freimaurerriten, wenn auch kein historisches Verhältnis zwischen seinem Orden und dem der wirklichen Rosenkreuzer bestand. Wie der Schottische Ritus ein Ideengut des Rosenkreuzertums in ganz eigener Geistigkeit geschaffen hat, geht am klarsten aus einer der stärksten Kulthandlungen und zweifellos auch einer der schönsten der Freimaurerei hervor, aus dem Initiationsritus des Kapitels der Rosenkreuzer.

Die Aufnahme in das Rosenkreuzerkapitel vollzieht sich in zwei Logen. Zuerst ist der Schauplatz ein vollkommen schwarzer, düster erleuchteter Tempel. Der zweite Teil des Ritus ist in eine flammend rote, strahlend erleuchtete Loge verlegt. Die Kandidaten, die »Ritter vom Osten und Westen«, werden sehenden Auges vom vorbereitenden Meister in die schwarze Loge geführt.

Das Feuer wird die Natur erneuern
Die Gradlegende deutet noch einmal auf die Trauer um den erschlagenen Meister Hiram hin und auf das Meisterwort, das mit der Ermordung Hirams verloren ging. Der »weise Meister« als Vorsitzender und die Brüder des Kapitels vollführen drei symbolische Reisen, Rundgänge durch die Loge, wobei sie zuerst das verdüsterte Licht auf der Säule des Glaubens, dann auf der der Liebe, zuletzt auf der der Hoffnung verlöschen: Glaube, Liebe und Hoffnung sind erstorben!

Die Ritter vom Rosenkreuz verlassen den nunmehr vollkommen finsteren Tempel, indem die Ritter vom Osten und Westen zurückbleiben. Erst nach geraumer Zeit werden sie in den Vorbereitungsraum außerhalb des Tempels zurückgeleitet. Dort erteilt ihnen der vorbereitende Meister, der »Experte«, eine Instruktion über die Geschichte der Symbolik des Rosenkreuzertums. Hiernach werden ihnen die Augen mit einem undurchsichtigen Flor verbunden. Sie werden vor das eigentliche Kapitel der Prinzen oder Ritter vom Rosenkreuz geleitet.

Die Kulthandlung beginnt mit der Frage des »weisen Meisters«, ob die Kandidaten das verlorene Wort gesucht und gefunden hätten. An ihrer Stelle erzählt der vorbereitende Meister die Legende ihres mühsamen Suchens, und daß ihnen, als sie schon vollkommen hoffnungslos und erschöpft zusammengesunken waren, plötzlich eine geheimnisvolle Stimme ein Wort zugeraunt habe. Sie hätten dieses aufgeschrieben, in eine goldene Kapsel gelegt und überbrächten es nun dem Chef des Kapitels, damit er überprüfe, ob das Wort wirklich das verlorene der Freimaurerei sei.

Der »weise Meister« öffnet die Kapsel, schlägt im bestimmten Rhythmus siebenmal mit dem Hammer auf dem Altar der Loge und buchstabiert: I.N.R.I.! Er erklärt kraft seiner Einweihung als Meister des Kapitels, daß dieses Wort das richtige sei, doch bedeute es nicht: Jesus Nazarenus, Rex Judaeorum, wie es das Christentum lehre, sondern: Igne Natura Renovatur Integra, das heißt, durch das Feuer wird die Natur zu Reinheit und Lauterkeit erneuert!

Die Auslegung spielt unverkennbar in den mystischen und alchemistischen Gedankenkreis der alten Gold- und Rosenkreuzer hinüber. Bevor die zu Befördernden als Belohnung für die Auffindung des verlorenen Wortes das volle Licht des Rosenkreuzerkapitels erschauen dürfen, spielt sich eine kurze Symbolhandlung ab. Der vorbereitende Meister tritt vor den Altar. Er trägt eine rote Rose in der Hand. Der »weise Meister« ergreift ein kleines Kreuz und legt es dem Experten auf die Schulter: »Was würdest du tun, Bruder Ritter vom Rosenkreuz, wenn ich dir als irrender Mensch ein Leid, ein Kreuz auferlegen würde?«
Der vorbereitende Meister reicht dem Vorsitzenden die Blume: »Meine Antwort würde die Rose sein.«

Die Kandidaten legen das Gelöbnis ab, die Binden fallen von den Augen, sie sehen die flammend rote, blendend erleuchtete Loge. Alle Brüder tragen ein rotes, breites Ordensband, in das, umrankt von Dornen, eine silberne Rose und ein schwarzsamtenes Kreuz eingewirkt sind. Am Ende des Ordensbandes hängt das »Kleinod« des Kapitels; zwischen einem weitgeöffneten Zirkel ein goldener Pelikan, der sich mit seinem Schnabel die Brust aufreißt, um mit seinem Herzblut die hungernden Jungen zu nähren. Das Symbol der Aufopferung bis zum Letzten!

Das Liebesmahl der Kapitelbrüder
Vor dem weisen Meister steht ein siebenarmiger Kerzenleuchter. Die Säulen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung tragen jetzt Becken, aus denen Weihrauch emporsteigt. Hinter dem Meister hält der Fahnenträger das große seidene Banner des Kapitels über den Altar geneigt. Die Brüder stehen im Erkennungszeichen und alle tragen Schwerter. Eine lange, schmale Tafel wird in die Mitte der Loge getragen. Sie ist mit weißem Linnen bedeckt. Auf ihr steht ein Kelch mit Wein, eine Schüssel mit Broten und eine schwelende Räucherpfanne.

Die Ritter vom Rosenkreuz erhalten lange, übermannshohe Stöcke, die Stäbe des »guten Hirten«. Sie treten um den Tisch herum. Der Meister ergreift den Kelch, trinkt aus demselben, und nun wandert das Gefäß von Ritter zu Ritter. Dieselbe Verbrüderungshandlung geschieht hernach mit dem Brechen und Reichen der Brote.

Dieser Kult ist das Agapé, das Liebesmahl der Kapitelbrüder, die freimaurerische Wiedergabe des christlichen Abendmahles. In seiner Zeremonie haben die christlich-religiösen Kapitelrituale ihren Höhepunkt erlangt. Bevor die Arbeit geschlossen wird und die Prinzen vom Rosenkreuz, auf die Stäbe des guten Hirten gestützt, aus dem Tempel hinauswandern, um in der Welt zu wirken, was ihnen im Kapitel gelehrt wurde, erklärt der weise Meister den Neuaufgenommenen, daß die Rosenkreuzer die guten Hirten des Volkes sein wollen, die Kämpfer für die Freiheit der Völker und deren Versöhnung untereinander. Die Johannisfreimaurerei schlage Brücken von Mensch zu Mensch, die Hochgradfreimaurerei des 18. Grades Brücken von Volk zu Volk.

Zum Abschied treten die Brüder paarweise zueinander und geben sich gegenseitig in einer Umarmung, ins Ohr flüsternd, die Erkennungsworte.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Mit der Aufnahme in das Ateliers des 19. Grades beginnt für den Hochgradfreimaurer der Weg zur »vollen Einweihung«, die sich im 30. Grad vollzieht. Die maurerischen Werkstätten vom 19. bis 30. heißen die Areopage, benannt nach dem altgriechischen Gerichtshof zu Athen. Sie bilden zusammen die dritte Periode der Erkenntnisstufen des Schottischen Ritus, der in der Menschheitsgeschichte das Zeitalter der Aufklärung und Gewissensfreiheit und die Zukunft der Menschheit, die durch den Sieg der Freimaurerei beherrscht werden soll, entsprechen. In den Riten und der Symbolik der Areopaglogen offenbaren sich in steigendem Maß die kulturpolitischen Doktrinen der Freimaurerei, um durch ihre völlige Enthüllung im 30. Grad den Inhaber dieser Erkenntnisstufe wirklich zu einem »Wissenden«, zu einem »Eingeweihten« der »Königlichen Kunst« zu machen.

Die Lehren der Areopage der roten Maurerei zeigen deutlich auf, worauf die Loge in ihren eigentlichen und letzten Zielen hinaus will: auf den Kampf gegen die »Vorurteile«. »Vorurteile« im Geiste der Loge sind das Bekenntnis zum Vaterland, zur eigenen Nation, das Bekenntnis zur angestammten Religion, zu einer bestimmten Konfession, das Bekenntnis zur Verteidigung des eigenen Landes und der eigenen Nation, das Bekenntnis zur Gemeinschaft seines eigenen Volkes.

Die Hochgradfreimaurerei hebt diese Vorurteile auf und setzt an ihre Stelle den vaterlandslosen Antinationalismus, die kulturelle und politische Überstaatlichkeit, die religionslose Gewissensfreiheit, die kulturelle und politische Überbekenntlichkeit, die im marxistischen Gottlosentum ihre aktivistische Ausprägung findet, den absoluten Pazifismus um seiner selbst willen, der mit dem Antinationalismus ursächlich verknüpft ist, das Bekenntnis zur Volksherrschaft, zur Herrschaft des marxistischen Sozialismus mit seiner Devise »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, die zuerst Wahlspruch des französischen Logentums war, um dann Leitspruch der internationalen Hochgradfreimaurerei überhaupt zu werden.

Schon der 19. Grad, der des »Groß-Pontifex«, der erste Areopag, lehrt wie alle übrigen, unter gewissen symbolischen Begriffen und im freimaurerischen Geist auszulegenden Worten den Kampf gegen alle nationalen und religiösen Werte, Gesetze, Ordnungen und Autoritäten. Er lehrt den Kampf gegen »Unwissenheit«, »Aberglaube«, »Dogmatik« und »Fanatismus« in jeder Form.

Der »Großmeister aller symbolischen Logen«, der 20. Grad, bedeutet esoterisch das Streben des Hochgradfreimaurers zur höchsten »Meisterschaft«. Exoterisch bedeutet er, daß bereits diese Erkenntnisstufe über die ganze Johannisfreimaurerei souverän ist.

Jede einzelne Religion überwinden
Der 21. Grad gibt die Würde des »Noachiten oder preußischen Ritters«. Seine Lehre preist die von den Ideen der Freimaurerei gelenkte Volksherrschaft, verwirft die Despotie der Massen, die auf die völlige Anarchie ausgeht.
Der »Ritter der königlichen Axt«, der Inhaber des nächstfolgenden Grades, verpflichtet sich, für das Los der arbeitenden Klassen zu kämpfen, die Massen unter die Führung des Logentums zu bringen.

Der 23. und 24. Grad, der »Chef des Tabernakels« und der »Prinz des Tabernakels«, müssen die Volksrechte zu erkennen und nach außen hin zu vertreten trachten.

Der »Ritter der ehernen Schlange«, der Eingeweihte des nächst höheren Areopages, übernimmt die Verpflichtung zur Heilung der sozialen Schäden in der menschlichen Gemeinschaft. Ihm folgt der »Prinz der Gnade«, der jede einzelne Religion zu überwinden hat, indem er die in allen Religionen enthaltenen Wahrheiten zu einer Überreligion zusammenfaßt.

Der »Ritterkommandeur des Tempels« und der »Ritter der Sonne«, der 27. und 28. Grad, haben bereits alle Stadien religiöser Zweifel hinter sich und stehen auf der Stufe einer über alle »Dogmatik«, alle »Vorurteile« erhabenen Ethik und Weltanschauung.

Der Würdenträger des 29. Grades, des letzten Areopages vor der völligen Einweihung, der »Großschotte des heiligen Andreas«, gelobt alle freimaurerischen Grundsätze und Pflichten zum Wohl der Menschheit im kulturellen und sozialen Sinne zu verwirklichen.

Geistige Zersetzung und kulturelle Unterhöhlung
Diese Grade, deren symbolische Begriffe und rituellen Sinnbilder immer deutlicher, wenn auch durch schöne, gleißnerische Worte verbrämt, das geistige Antlitz der Freimaurerei erkennen lassen, werden – wenige Ausnahme bestätigen nur die Regel – im allgemeinen innerhalb des Schottischen Ritus in eigenen Logen mit ihren eigenen Kulthandlungen nicht gepflegt. Sie werden bloß »historisch« durch mündliche Mitteilung und Ausbeutung den aufsteigenden Kandidaten verliehen. Einzig und allein der 28. Grad, der des »Ritters der Sonne«, wird mit seinem vollen Brauchtum geübt, und es arbeiten in den verschiedenen Staaten besondere Areopage dieser Erkenntnisstufe.

Nicht zu jeder Zeit konnte und wollte die Freimaurerei ihre Grundsätze und Ziele im Machtkampf des politischen Alltags, im Machtkampf der Parteien und Regierungen verfolgen und der Verwirklichung näher bringen. Oft vermied sie es mit Absicht und Einsicht, auf diese Art von Tag zu Tag und auf kurze Sicht Fortschritt, Politik und Weltgeschichte zu machen.

Die großangelegten Pläne, die die Meister der »königlichen Kunst« mit Winkelmaß und Zirkel auf dem Reißbrett vorgezeichnet haben, ihre weitgesteckten Ziele, verlangten vielmehr sehr häufig einen ungleich weiteren Horizont, eine Arbeit auf lange Sicht, forderten, durch eine andere Art Politik, die Menschheit mit den Ideen der Freimaurerei zu durchsetzen. Ein Geheimbund kann auf zweierlei Art Politik betreiben: Entweder dadurch, daß seine Organisation, nach außen hin Partei, die Mehrheit in den gesetzgebenden und regierenden Körperschaften des Staates zu erlangen und durch diese Einflüsse unmittelbar Kultur und Politik zu beherrschen und zu lenken trachtet.

Eine Organisation kann aber ruhig auf eine Herrschaft als Partei in der unmittelbaren Gegenwart verzichten, wenn sie ihre Ideen in der Weise wirksam sein läßt, daß diese in geistiger Infektion die Massen immer mehr und mehr durchsetzen und im Verlauf von Jahren und Jahrzehnten jenen Zeitgeist vorbereiten und voraus schaffen, aus dem dann naturnotwendig ganz bestimmte Parteien, ganz bestimmte Gesetze, Ideen und kulturelle Komplexe hervorgehen müssen.

Die Politik der schleichenden Infektion, die der unauffälligen Durchdringung des ahnungslosen Volkes durch die Ideen einer lautlos wirkenden Geheimorganisation, die Politik der Prägung eines Zeitgeistes, der einmal die
Herrschaft, aber dann auf allen Gebieten, an sich zu reißen vermag, war zumeist die Politik der Schottischen Hochgrade. Durch diese Methoden brachte die. Freimaurerei Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte in den meisten Belangen geistig in ihren Besitz: das Zeitalter der religionsfeindlichen Aufklärung, das des revolutionären Liberalismus, Marxismus und Bolschewismus.

Der freimaurerische Geist beherrscht auch heute noch die Weltmeinungen, trotz des ihm feindlichen, in manchen Staaten zur Macht gelangten autoritären Staatsgedankens. Der freimaurerische Geist grassiert nach wie vor durch seine willens- und gedankenbestimmenden Begriffe und Schlagworte, Ideen und Phrasen gerade in den Köpfen jener intellektuellen Schichten, die die Geschicke des Staates auf mehr oder weniger wichtigen Posten bewußt oder unbewußt beeinflussen.

Die Presse ist in vielen Ländern ein restloses Werkzeug des freimaurerischen Geistes. Nicht darin besteht die Gefahr einer Herrschaft des Freimaurertums, daß soundso viele maßgebende Persönlichkeiten Mitglieder der Loge sind, sondern dadurch, daß der freimaurerische Geist in seiner Ideologie durch Journalistik und Literatur, durch Unterricht und Volksbildung gerade die Intelligenz, die der Loge organisatorisch ferne steht, geistig gefangengenommen hat. Die geistige Zersetzungs- und kulturelle Unterhöhlungsarbeit ist die bewußte Politik der Hochgrade, ist die bewußte »Arbeit« der Areopage des Schottischen Ritus.

Das »Blaubuch der Weltfreimaurerei« (Wien, 1933) enthält einen Aufsatz »Die rote Maurerei«, der mit wenig Aufwand von Worten einen ernsten Einblick in die organisatorischen und disziplinaren Grundsätze des Schottischen Hochgradsystems gewährt. Danach qualifizieren sich aus der Bruderkette der Johannisfreimaurerei für die Arbeiten des Schottischen Ritus jene Brüder von selbst, die über die interne Logenarbeit hinaus gewillt und befähigt sind, als aktive Experten für bestimmte freimaurerische Arbeiten in der Öffentlichkeit und oft über die Landesgrenzen hinaus organisatorisch zu wirken.

Die freimauerische
Weltkette
Soll den freimaurerischen Ideen und Prinzipien zur Durchsetzung verholfen werden, denn bedarf es eben eines Hinausgehens über den Wirkungskreis der symbolischen Logen. Da einzugreifen und eine systematische interlogäre Zusammenfassung gewillter und befähigter Kräfte zu schaffen, fällt dem Schottischen Ritus zu, der zäh und optimistisch an der Verwirklichung seiner maurerischen Hochziele arbeitet. Die Organisation des Schottischen Ritus ist zur Verfolgung und Erreichung seiner weitgesteckten Pläne sehr geeignet. Das tatsächliche Bestehen einer freimaurerischen Weltkette durch ihn ist im Gegensatz zu den sich oft aus dogmatischen, politischen und kulturellen Gründen vielfach gegenseitig befehdenden Großlogen der grundlegende Vorteil für die erfolgreiche Tätigkeit der Hochgrade.

Der Schottische Ritus mit seinen 36 Obersten Räten (Suprêmes Conseils) ist für die gesamte Hochgradwelt eine gleiche Lehrart, eine gleiche Arbeitsweise, also eine einheitliche freimaurerische Front. Im Zusammenhang mit der Auswahl arbeitsfreudiger Kräfte, durch Berufungen und Beziehungen befähigter Experten steht die große Durchschlagkraft der kleinen, aber aktiven Mitgliederzahl.

Das Prinzip der Diszipliniertheit, der gesteigerten Arbeitsleistung und Systematik wird mit der möglichen Einschränkung des Zeitaufwandes für Verwaltung und
vereinsmäßige Förmlichkeiten verbunden. Der Schottische Ritus ist überdies ein »Passepartout« zu allen bezüglichen freimaurerischen Werkstätten der Welt und gibt so größten Aktionsradius. Der Schottische Ritus tritt in jeder Weltsituation aus der reinen Beschaulichkeit der unteren Grade heraus, geht zur Organisierung aktiven Angriffes oder tätiger Abwehr in den jeweiligen Aufgaben seiner Kulturaktivität über.

Bruderschaft über Freund und Feind
Als die wirksamsten Mittel zur Erreichung seiner Ziele erkennt er: Planmäßige Aufklärung im freimaurerischen Sinn, insbesondere Einflußnahme auf die Kreise der Volkserziehung und Volksbildung, wie auf die Jugend selbst; Unterstützung möglichst aller profanen Organisationen und Aktionen, deren Ideen und Ziele mit denen des Freimaurerbundes gleichlinig sind; fortlaufende intensive Orientierung der Bruderschaft über Freund und Feind, planmäßige Anleitung zu bestimmten Arbeitsleistungen in allen Belangen des Weltbundes.

Der Schottische Ritus sagt von sich, daß er durch seine vereinigten Mittel und Kräfte, durch seine Weltverbundenheit und die daraus sich ergebenden Einflüsse und weitverzweigten Beziehungen, sowie durch seine latente Aktionsbereitschaft Besonderes leisten könne und müsse.

Der 30. Grad ist die eigentliche Spitze des ritualistischen Lehrgebäudes der roten Maurerei. Mit ihm erhält der Freimaurer die »volle Einweihung«, wird er ein wirklich »Wissender« der »Königlichen Kunst«, ein »höchsterleuchteter Bruder«. Die Inhaberschaft des 30. Grades verleiht die Würde eines »Ritters Kadosch« oder, wie sie auch heißt, eines »Ritters vom weißen und schwarzen Adler«.

An Stelle Hiram Abifs, des Erbauers des salomonischen Tempels, dessen Ermordung in der Johannisfreimaurerei als rituelle Legende eine große Rolle spielt, tritt in den Areopagen, in den Werkstätten vom 19. bis zum 30. Grad, der letzte Templergroßmeister Jakob de Molay, der auf Befehl König Philipps des Schönen von Frankreich und Papst Clemens V. am 3. März 1314 am Scheiterhaufen den Tod fand. Die Geschichte der Tempelherren, des Templerordens (1118 bis 1314) hatte im 18. Jahrhundert auf eine Reihe freimaurerischer Lehrarten starken Einfluß, obwohl auch zwischen Freimaurerei und Templertum kein direkter historischer Zusammenhang nachweisbar ist.

Wie aber der Schottische Hochgradritus schon die Kapitellogen des Rosenkreuzertum in seine Hierarchie, allerdings zu gänzlich neuer Ausdeutung übernahm, so tat er dies auch in seinen Areopaglogen mit dem Templertum. Die Hinrichtung des Molays findet in der Kulthandlung des 30. Grades, im Initiationsritus eine realistische Darstellung.

Der Lehrgehalt des Ritter-Kadosch-Grades symbolisiert den Untergang des Templertums durch die geistige und weltliche Gewalt, an deren Stelle der Sieg der Gewissensfreiheit gesetzt wird. Dadurch, daß der Kadosch-Ritter durch alle Erkenntnisstufen, durch alle die Menschheitsgeschichte symbolisierenden Grade hindurchgegangen ist, in den Kapiteln alle »Vorurteile« kennen und überwinden gelernt hat, ist er zu dieser Freiheit des Gewissens befähigt.

Geistige Rache und Vergeltung
Der realistische Ritus des 30. Grades enthüllt dem Kandidaten zum ersten Mal unzweideutig die eigentlichen Ziele der Freimaurerei: Rache und Vergeltung an den Gewalten, die am Tod de Molays schuldig sind, die dem Sieg der absoluten Gewissensfreiheit und damit der Freimaurerei als Feinde gegenüberstehen; Rache und Vergeltung an der geistlichen und weltlichen Gewalt, an Thron und Altar. Die Anschauungen über die Vergeltung der Freimaurer haben zu den Gedanken an blutige, physische Rache geführt. Geistige Rache und Vergeltung, politischer und kultureller Kampf mit dem Gegner der Freimaurerei, politische und kulturelle Auseinandersetzung mit den Autoritäten von Thron und Altar sind zumindest der Sinn des Kadosch-Grades des Schottischen Ritus.

Die Aufnahmezeremonie in diese Erkenntnisstufe enthält eine deutliche rituelle Handlung des Kandidaten. Wenn der Großkanzler, das ist der Redner des Areopages, in melodramatischer Weise die Schilderung der Hinrichtung de Molays verliest, muß der Aufnahmebewerber gegen drei Objekte, die auf dem Altar der Loge vor dem Vorsitzenden, dem Großkommandeur, liegen, symbolisch Degenstiche führen: Gegen die Tiara als Sinnbild des Papsttums und überhaupt der geistlichen Gewalt, gegen die Königskrone als Sinnbild der weltlichen Macht und gegen eine dritte Krone, die Bürgerkrone, als Sinnbild der Despotie der Massen und der Willkür überhaupt.

Noch einer starken symbolischen Handlung muß sich der in den 30. Grad aufzunehmende Hochgradfreimaurer unterziehen: Er muß die drei Säulen der Maurerei, die ihm vom 1. Grad an bis zum 29. als die Grundpfeiler des Bundes, seiner Organisation und Idee heilig waren, mit eigener Hand umstürzen. Die Worte des Rituals deuten diesen Akt dahin, daß der nunmehr in die letzten Geheimnisse der Loge eingeweihte Ritter Kadosch die völlige Vorurteilslosigkeit erlangt habe, die unbedingte geistige Freiheit, so zwar, daß er sogar über alle bisherigen Grundsätze und Ideen der Freimaurerei hinausschreitet zum Kampf für den Fortschritt, gegen jegliche dogmatische Autorität, über die Prinzipien der Weisheit, Stärke und Schönheit hinaus, die ja nur die Pfeiler und Stützen jener Maurerei sind, über die sich der Kadosch-Ritter durch das Wissen der vollen Einweihung erhoben hat.

Seit der Gründung der Großloge von England, im Jahre 1717, gab es fast keine politische Revolution, die nicht unter ideeller oder personeller Führung der Loge gestanden wäre. Große Partien der Weltgeschichte sind eigentlich erst nach Aufdeckung der freimaurerischen Hintergründe ganz zu verstehen und sind erst dann ganz durchleuchtet. In den liberalistischen und marxistischen Revolutionen haben die Doktrinen und Prinzipien der Kadosch-Ritter ihre praktische Auswirkung gefunden.

Die Fürsten der Maurerei
Wir gelangen zur Spitze der Hierarchie des Schottischen Ritus, zu den Ateliers des 31., 32. und 33. Grades, deren Würdenträger, die »höchsterleuchteten« Brüder, mit einem antimaurerischen Ausdruck die »Fürsten der Maurerei« genannt werden. Die Werkstätten des 31. und 32. Grades heißen Konsistorium. Das Atelier des 33. Grades ist der Conseil Suprême, der mit dem Obersten Rat, dem Suprême Conseil, nicht verwechselt werden darf.

In der Gradloge heißen die »höchsterleuchteten Brüder«, die »volleingeweihten«, wirklich »wissenden« Maurer Großinspektor – Inquisitor – Kommandeur, Fürst des königlichen Geheimnisses und Souveräner General-Großinspekteur. Der ritualistische Höhe- und Schlußpunkt des Schottischen Hochgradsystems ist die Kulthandlung und Lehrsymbolik des 30. Grads des Ritters Kadosch.

Im 31. bis zum 33., dem letzten Grad, sind die ritualistischen Zeremonien auf ein Mindestmaß eingeschränkt: In den meisten Ländern beschränkt sich das Aufnahmeverfahren auf das Ablegen gewichtiger, der höchsten Ordensverpflichtung entsprechender Eide. Die Inhaber des 33. Grades werden mit einem goldenen, die Insignien dieses Grades tragenden Ordensring vermählt. Da diese hierarchischen Höchstgrade fast kein Ritual besitzen, werden sie auch die Verwaltungsgrade genannt.

Aus den Mitgliedern des 33. Grades, den Brüdern des Conseil Suprême, werden in letzter Auswahl jene Ordensobern gewählt, die den Suprême Conseil, den Obersten Rat, die leitende und verwaltende Zentralleitung des Bundes in einem Staat bilden. Nicht alle Freimaurer des 33. Grades sind also zugleich Mitglied der obersten Ordensleitung, sondern nur jene, die als Aktivmitglieder in den Obersten Rat hinaufgenommen werden. Der Oberste Rat ist nicht etwa als ein 34. Grad anzusehen, aber er ist die höchste und letzte Instanz des Ordens, der gegenüber alle Hochgradmaurer zu Gehorsam verpflichtet sind. Der Oberste Rat darf nicht mehr als höchstens 33 Mitglieder zählen.

Von der Mutterloge der Weltfreimaurerei, der englischen Großbehörde ausgehend, wurden die »Alten Pflichten« das Grundgesetz des gesamten Geheimbundes. Aus dem ersten und zweiten Hauptstück, »Von Gott und der Religion« und »Von der bürgerlichen Obrigkeit« handelnd, geht die Stellungnahme des Logentums zur Kirche und Staat unzweideutig hervor, wenn auch die Sprache eine höchst zweideutige ist, die so recht den völligen Relativismus der freimaurerischen Geisteshaltung zum Ausdruck bringt.

Im Hauptstück, das von der Religion handelt, heißt es, daß »der Maurer durch einen Beruf verbunden ist, dem Sittengesetz zu gehorchen, und daß er, wenn er seine Kunst recht versteht, weder ein dummer Gottesleugner noch ein Wüstling ohne Religion sein werde«.

Die Religion der Humanität
Bücher sind darüber geschrieben worden, ob diese »Alte Pflicht« ein positives Bekenntnis der Freimaurerei zur Religion beinhalte oder nicht. Der maurerische Geist legt dieses Grundgesetz dahin aus, daß ein Logenbruder wohl niemals ein dummer Gottesleugner oder ein Wüstling ohne Religion sein sollte, daß aber nichts dawidersteht, ein vernünftiger Gottesleugner, ein philosophischer oder politischer Atheist und ein moralischer Mensch ohne Religion, ein Anhänger der rein positiven »Religion« der Humanität, das heißt der religionslosen Diesseitskultur, zu sein. Deshalb können marxistische Gottlose, ja sogar Führer des Freidenkertums, Gegner jeglichen Kirchenglaubens und überhaupt aller Religionen den Logen ohne weiteres angehören.

Nach dem Vorbild des französischen Großorients haben manche Großlogen den Gottesglauben und das Gottessymbol des »Allmächtigen Baumeisters aller Welten« überhaupt aus ihrer Konstitution gestrichen. Auf dem Konvent von 1877 beseitigte der Grand Orient de France den Gottesglauben aus seiner Verfassung und setzte an seine Stelle die Formel: »Die Freimaurerei hat zu Grundsätzen die unbedingte Gewissensfreiheit und die menschliche Solidarität«.

Die Lausanner Konföderation der Obersten Räte des Schottischen Ritus sieht für die Hochgrade einheitlich das Symbol des »Baumeisters aller Welten« vor. Dieser Gottesbegriff wurde aber nur festgelegt, um ein für allemal dieser Streitfrage die Spitze abzubrechen. Es ist keine Blasphemie, von diesem freimaurerischen Gottesbegriff zu sagen, daß er einer bloßen Ehrenmitgliederschaft im Hochgradlogentum gleichkommt.

Ebenso zweideutig und doch auch nicht minder eindeutig sprechen sich die »Alten Pflichten« über das Verhältnis der Freimaurerei zum Staat aus. Im betreffenden Hauptstück heißt es: »Der Maurer ist ein friedfertiger Untertan der bürgerlichen Gewalt und muß sich nie in Meuterei oder Verschwörung gegen den Frieden und die Wohlfahrt der Nation einlassen. Sollte ein Bruder ein Empörer gegen den Staat sein, so muß er in seiner Empörung nicht bestärkt werden, obgleich er als ein unglücklicher Mann zu bemitleiden ist, ja, wird er keines anderen Verbrechens überführt, so kann sie ihn doch nicht aus der Loge stoßen, und sein Verhältnis zu derselben bleibt unverletzlich.«

Klar spricht dieses Grundgesetz aus, daß Empörung wider den Staat in den Augen der Loge keineswegs jenes höchste Verbrechen ist, das den Ausschluß des Logenmitgliedes aus der Bruderkette bedingt. Für die Loge gilt nur eine Empörung, nicht die gegen den Staat, sondern die gegen die Orden selbst. Ist der Bund doch letzten Endes auch dem Staat gegenüber souverän, ein Staat im Staate, der seine eigene Gesetzgebung und eigene Gerichtsbarkeit hat.

Das britische Empire ein Logenwerk
Im Zusammenhang mit der politischen oder revolutionären Tätigkeit eines einzelnen prominenten Freimaurerbruders bedient sich die Loge, um sich zu salvieren, gerne der Ausflucht, daß das betreffende Mitglied in seiner politischen Betätigung als Privatmann handle, wofür die Loge nicht zur Verantwortung zu ziehen sei, womit die Loge in keinerlei Verbindung gebracht werden dürfe.

In manchen Fällen mag ja ein solcher Sachverhalt vorliegen, aber die Loge bedient sich dieser Ausflucht notorisch und stets auch dann, wenn hinter den kulturellen oder politischen Aktionen einzelner ihrer Mitglieder direkt Logeninteressen und Logenbeschlüsse stehen. Durch diese Sophistik versucht die freimaurerische Geschichtsschreibung unentwegt bis heute darauf einen direkten Anteil des Bundes an bedeutenden politischen Geschehnissen abzuleugnen.

Sie gesteht wohl einzelne Freimaurer als entscheidende Mitspieler ein, läßt aber zwischen deren politische Betätigung und Zugehörigkeit zum Freimaurerbund kein Ursache- und Wirkungsverhältnis gelten. Und dennoch ist die Freimaurerei mit ganz außerordentlichen weltgeschichtlichen Ereignissen auf diese Weise innig verknüpft, daß entweder das Logentum als Organisation oder der freimaurerische Geist, die freimaurerischen weltanschaulichen Prinzipien als Spiritus rector dahinterstanden.

Am wenigsten lassen sich einzelne Stadien in der Geschichte Englands herausgreifen, die vom Willen und Geist der Loge besonders beherrscht wurden, denn die englische Geschichte ist seit dem Gründungsjahr der Londoner Großloge fast zugleich eine Geschichte der englischen Freimaurerei. Es kommt nahe an die historische Wahrheit heran, wenn ein englischer Schriftsteller erklärt hat, daß die Größe des britischen Imperiums ein Werk des englischen Logentums ist.

Nirgendwo sonst ging die Freimaurerei derart, von allem Anfang an, in die Weite und Breite, wie in den angelsächsischen Staaten, im britischen Inselreich, allen seinen Kolonien und Dominien und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Von den gegenwärtig mehreren Millionen Freimaurern auf der ganzen Erde, machen die angelsächsischen Brüder fast zwei Drittel aus.

Die Großlogen von England, Schottland und Irland, die von der Mitte des 18. Jahrhunderts an alle überseeischen Gebiete des Imperiums bis in die entlegensten Winkel freimaurerisch beackerten, sind im Drei-Insel-Reich ein nicht mehr hinwegzudenkender Machtfaktor von größter Tragweite. Fast alle maßgebenden Persönlichkeiten der Wirtschaft, des Handels und der Industrie, des Unterrichts, der Presse und der Politik, der Armee, Marine und der Regierung sind Logenbrüder. Einzelne Namen herauszugreifen ist gänzlich müßig.

Freimaurerische Gottesdienste in der Hochkirche
Seit dem Jahr 1737, als zum ersten Mal ein Peer von England, und zwar Friedrich Ludwig, Prinz von Wales, Großmeister geworden war, steht das englische Logentum unter dem Protektorat des englischen Königshauses. König Edward VII. war einer der mächtigsten Freimaurer seiner Zeit. Die Erzbischöfe und Bischöfe der anglikanischen Kirche gehören zum Großteil dem Beamtenrat der Großloge von England an. Freimaurerische Gottesdienste in den Kathedralen der Hochkirche sind keine Seltenheit.

Die Freimaurerei konnte sich in Großbritannien deshalb so ins Ungeheure entfalten, weil sie jederzeit ohne Gegnerschaft dastand. Ihre demokratische, konservativ-liberale Grundeinstellung hat das kulturelle Leben des Reiches vollständig durchdrungen. Die führenden Politiker der Labour-Party gehören einer speziellen Londoner Loge an, der »New Welcome Lodge 5139«. Sie ist die Parlamentsloge der Unterhausmitglieder der Arbeiterpartei. Ihre Gründung erfolgte 1929 und erregte großes Aufsehen, da der Kongreß der Trade Unions den Gewerkschaftsführern ursprünglich den Beitritt zur Freimaurerei untersagt hatte.

Eine charakteristische Einrichtung, nur in der englischen und amerikanischen Logenwelt anzutreffen, sind die sogenannten Berufslogen, die »Class-Lodges«, in denen sich nur Mitglieder einer ganz bestimmten Berufsschicht vereinigen. So gibt es Bauhütten, in denen nur Bibliophile oder nur Elektriker, nur Flieger oder nur Magistratsbeamte von London, und wiederum solche Logen, in denen nur Juden oder nur anglikanische Geistliche Mitglieder sind.

Die englische Freimaurerei ist stark caritativ tätig, gibt Summen für den Bau und die Erhaltung von Spitälern, Alters- und Jugendheimen, Erziehungseinrichtungen aus, die nur von den Wolkenkratzern an Wohltätigkeit der Großlogen in den USA überboten werden. Bei den freimaurerischen Grundsteinlegungen, an denen fast immer das ganze Königshaus teilnimmt, erscheinen die Brüder mit allem ihrem freimaurerischen Prunk in den Straßen der Städte.

Wie schon ausgeführt, sind die » Suprêmes Conseils« (Obersten Räte) jeweils in ihrem Staat, und zwar überall auf der Erde, die höchsten leitenden und verwaltenden Oberbehörden der Hochgrade des Schottischen Ritus und damit mittelbar auch der Johannislogen. Ihr organisatorischer Dachverband, ihre Weltvereinigung, die auch durch eine weltanschauliche Prinzipienerklärung zusammengehalten wird und einen einheitlichen Ritus, eine einheitliche Symbolik und überhaupt eine einheitliche freimaurerische Weltfront darstellt, ist die 1875 von sämtlichen damals bestehenden Obersten Räten gegründete »Konföderation« von Lausanne.

Der »Oberste Rat«
Alle seit diesem Jahr neugegründeten Supremes Conseils müssen der Lausanner Vereinigung angeschlossen werden, deren Satzungen und Ordenskonstitutionen annehmen, um von den übrigen Schottischen Großmächten als »gerecht und vollkommen«, als »regulär« bezeichnet und anerkannt zu werden.

Der Oberste Rat stellt ebenso wie die leitende Behörde der Johannisfreimaurerei, die Großloge, bloß eine Art Ministerkollegium dar, das bei der Großloge aus den Großbeamten, beim Obersten Rat aus den Souveränen Generalgroßinspektoren gebildet wird. Der Chef des Obersten Rates heißt »Sehr mächtiger Souveräner Großkommandeur«. Ihm zur Seite stehen, ähnlich wie bei der Johannisgroßloge, sein Stellvertreter der Generalgroßsekretär (äußere Angelegenheiten), der Großkanzler (innere Angelegenheiten), der Großredner, der Großsiegelbewahrer, die beiden Großaufseher und der Großschatzmeister.

In den Obersten Räten hat die Aktivistik der Freimaurerei ihre reinste und restlose Verkörperung gefunden, ist die Exoterik vollständig an Stelle der Esoterik, die Außenarbeit vollständig an Stelle der Innenarbeit getreten. Sie sind die eigentlichen und innersten Aktionszentren des Weltlogentums.

Die Freimaurerei ist durch ihre
Grundideen der Toleranz, das ist
der Überbekenntlichkeit, des Internationalismus, das ist der
Übervolklichkeit, und überhaupt durch ihre Stellungnahme
zu allen irdischen und überirdischen Werten dem völligen Relativismus verschworen. Eine
derartige, aufs absolut Relative
gestellte Geisteshaltung kann
niemals Wesen erzeugen, sondern nur Unwesen treiben. Eine
derartig, schon der Theorie nach
ohne Charakter bestehende
Weltanschauung kann auch im
Praktischen nur einen Handel
und Wandel ohne Charakter mit
sich bringen. Doch ist die
Loge um alle diese Fragen bei weitem nicht besorgt: Geht es ihr doch
in erster und letzter Linie um die Verfolgung ihrer machtpolitischen Ziele.

Zur Person
Dr. Konrad Lerich, geboren 1899, war vom Jahr 1922 bis 1932 Mitglied des Freimaurerbundes, in dem er die höchsten Grade und Ämter erwarb. Er war Inhaber des 33. und letzten Grades, Aktivmitglied des Obersten Rates für Österreich, Großbeamter der Großloge von Wien, Vorstandsmitglied der »Allgemeinen Freimaurer-Liga« Basel und Meister vom Stuhl der Hochgradloge »Voltaire«.

Aus dem Buch DER NAMENLOSE KRIEG, herausgegeben von Ekkehard Franke-Gricksch, Verlag Diagnosen, Leonberg, 1989.

Entnommen von Horst Koch, Herborn, im April 2015. – www.horst-koch.de – info@horst-koch.de

 

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