Der Rote Himmel (China)

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Leslie T. Lyall

DER ROTE HIMMEL

– China und die Christen nach der Kulturrevolution –

Inhalt

DER ROTE HIMMEL
Das Scheitern des »großen Sprungs« – Erneuerung durch Arbeit ‑ Die Kulturrevolution – Die »Roten Garden«

EINE KIRCHE GEHT IN DEN SCHATTEN
Die Verehrung Maos ‑ Die gefesselte Kirche ‑ Die politische Kirche ‑ Die übrigbleibende Kirche – Hat die Gemeinde in China überlebt?

 

– Vorwort von H. Koch. Warum heute noch über Maos Kulturrevolution? Weil sich heute wieder leise ungeheure Zeiten der Verführung, und in manchen Ländern der Verfolgung, abzeichnen. Die heutige Verhetzung und Verführung unserer Jugend ist so ungeheuerlich, dass vor dem Schlimmsten gewarnt werden muss. Ausserdem ist der Kommunismus mit seiner Hauptsäule, dem Atheismus, nicht tot.
Zudem ist das Geschichtswissen über vergangene Greuel, das Dritte Reich ausgenommen, der heutigen Jugend total unbekannt. Chinas dunkle Jahre sollen uns eine Warnung sein, auch vor hier Möglichem. Das gilt besonders den Christen aller Konfessionen.
Der Beitrag wurde stark gekürzt, auch die Hervorhebungen sind von mir.
Horst Koch, Herborn, im Januar 2020 –

 

Der Rote Himmel

Bringt der Kommunismus den »Himmel auf Erden«, die neue Welt?
Die »Mao‑Bibel«, der Katechismus der 800 Millionen, kennt nur ein Thema: Weltrevolution.
Und das Feuer dieser Revolution brennt in allen Erdteilen.
Es ergreift die Jugend Europas und begeistert sie: »Wir bauen die neue Welt!«

Der religiöse Charakter der roten Revolution ist unverkennbar. Sie kann direkt als Fälschung des Christentums bezeichnet werden. Das Evangelium von Jesus Christus ist die revolutionärste Botschaft, die Menschen und Verhältnisse ändert. Hier liegt das große Versagen der Christen. Sie sind kaum diejenigen, die eine Welt auf den Kopf stellen. Aber von den Kommunisten kann man das behaupten.
Es ist notwendig, daß sich das zerfallende, etablierte Christentum, das dem des Neuen Testaments kaum entspricht, mit der Herausforderung des Kommunismus auseinandersetzt. Die chinesische Revolution ist eine kritische Frage an unser eigenes Christsein:
Wo ist bei uns noch etwas zu spüren von der Dynamik des Glaubens?
Wo sind die Bauleute einer neuen Welt? – Nur da, wo Jesus Christus das Fundament, der Grundstein ist.
Der totalitären Macht des Kommunismus ist keine Ideologie ‑ auch keine westliche ‑ entgegenzusetzen. Die Lösung heißt auch nicht Antikommunismus. Es gibt nur eins, was dieser Macht gewachsen ist: die totale Nachfolge Jesu.

Die Christen sind heute gefordert wie noch nie. Dabei geht es nicht in erster Linie um eine Revolution der Verhältnisse, sondern um eine Revolution der Herzen. Es geht um den neuen Menschen, den Christus schafft. Und von diesen neuen Menschen sollte etwas ausgehen in eine in Unordnung geratene Welt (Matth. 5,13‑16).

1. KAPITEL   DAS NEUE CHINA

1965 war ein Schicksalsjahr für Mao Tse‑tung.
Sieben Jahre waren vergangen, seit der »große Sprung vorwärts« mit viel Propaganda auf dem Parteikongreß im Mai 1958 angekündigt wurde. Dem waren sofort die ersten Versuchskommunen gefolgt. Sie sollten das Sprungbrett für den großen Sprung des wirtschaftlichen Fortschritts werden. Für diesen Versuch nahm das Volk alle Kräfte zusammen.
Aber der eingeschlagene Weg war nicht leicht. Der Aufstand von 1959 in Tibet, der mit dem Tod von fünfundsechzigtausend Tibetanern rücksichtslos unterdrückt wurde, wirft finstere Schatten darauf. Ein Jahr später wandten die Sowjetunion und die osteuropäischen Länder China den Rücken und machten seine Versuche mit den Kommunen lächerlich.  . . .

Das Scheitern des „großen Sprungs«
1960 sahen sich die chinesischen Führer der unleugbaren Wirklichkeit gegenübergestellt, daß sie versagt hatten. Ihre Landwirtschaftspolitik war völlig gescheitert. Schreckliche Berichte über Hungersnöte in einigen Gebieten und der bedrohliche Mangel an Lebensmitteln zerschlugen ihren früheren Optimismus. Rot orientierte Beamte, die von doppelten Getreideerträgen berichtet hatten, gaben den Betrug zu.  . . .

Es war ein sehr, sehr harter Winter für China. Überschwemmungen, Dürre und Insektenplagen hoben den Mißerfolg noch mehr hervor. Die eigentliche Schuld an der schrecklichen Situation trug jedoch das totale Versagen der Regierung und ihrer Wirtschaftspolitik. Freunde und Verwandte der hungernden Bevölkerung auf dem Festland halfen in großem Ausmaß. Annähernd zwölf Millionen Lebensmittelpakete wurden 1961 und fast ebenso viele im folgenden Jahr von Hongkong aus verschickt.  . . .

Revisionismus
Die Katastrophe war vor allem ein Schlag für das persönliche Ansehen des Vorsitzenden Mao. »Er war ein Gott, der versagt hatte.« Die Mao‑Mystik war zerbrochen. . . .

Verteidigungsminister Marschall Peng Teh‑huai, der sich 1959 auf der Luschan‑Konferenz der Kommunistischen Partei gegen Mao, die Kommunen und ganz besonders gegen den »großen Sprung vorwärts« gewandt hatte und deswegen entlassen worden war, konnte jetzt sagen: »Ich habe es euch vorhergesagt!«  . . .
Mao hatte den Ruf des Unfehlbaren verscherzt, und Teile der Öffentlichkeit, die ihm feindlich gesinnt waren, fuhren fort, an «revisionstischen« Ansichten festzuhalten. Der verärgerte Vorsitzende legte ganz besonders nach 1962 zunehmende Ungeduld mit diesen Intellektuellen an den Tag.  . . .

Erneuerung durch Arbeit
1957 trat ein Gesetz in Kraft, das den Landaufenthalt der Intellektuellen forderte. 1960 wurden Millionen Studenten auf die ländlichen Kommunen geschickt, um bei der Überwindung der Krise in der landwirtschaftlichen Produktion zu helfen. 1963 strömten wieder Zehntausende von Beamten, Intellektuellen und Studenten in die ländlichen Gebiete, um eine persönliche Erneuerung ihrer Einstellung und Zielsetzung zu erfahren, während sie landwirtschaftliche Arbeit leisteten. 1965 waren es vierzig Millionen Jugendliche und Intellektuelle, die gegen ihren Willen in der Landwirtschaft beschäftigt wurden.  . . .

Verrat der Revolution
Trotz der immer neuen «Berichtigungsaktionen« hielt jedoch der Einfluß der Mao‑Gegner im Zentralkomitee der Partei an. Wiederholt mißlang es Mao, die Gesamtkontrolle über den Parteiapparat, die er so sehr anstrebte, zu gewinnen. Noch nie dagewesene, einschneidende Maßnahmen waren nötig, um die Zukunft der chinesischen Revolution zu sichern.  . . . Deutlich zeichnete sich eine Krise ab, hauptsächlich wegen der Erhaltung von Maos Auslegung des Marxismus in der Zukunft.  . . .  . . .

Die Kulturrevolution
Als sich im Herbst die Bäume um sein Haus rot und golden färbten, berief Mao eine Geheimsitzung des Zentralkomitees der Partei ein, wobei er die normale Parteimaschine übersprang. In aller Eile stellte er Sonderausschüsse als Rahmen für den Beginn eines neuen, turbulenten Kapitels in der Geschichte Chinas auf, ein Kapitel voll großer Gefahren für China selbst und für die ganze Welt.
Nachdem alles andere fehlgeschlagen war, stand der Vorsitzende nun kurz vor seinem letzten Glücksspiel, der «Großen Proletarischen Kulturrevolution«.  . . .
Am 10. November ließ Mao von Schanghai aus den «Aufruf zur Großen Proletarischen Kulturrevolution« ergehen, die die Menschen bis an das Innerste ihrer Seele berühren sollte«.  . . .

Die Mao‑Anhänger stürzten sich nun in Wortgefechte gegen die «konservativen« Beamten der alten Linie, die sich gegen jegliche Straffung und Radikallsierung der Innenpolitik stellten. Aber ihr Bemühen war umsonst. Mao war sich der Oppositionsstärke, der er gegenüberstand, voll bewußt. Er hatte daher die begeisterte, revolutionäre Jugend als Vorspann eingeplant, um die Welle des intellektuellen Revisionismus einzudämmen, die Intellektuellen von allen bürgerlichen Tendenzen zu säubern und die Gegenrevolution innerhalb der Partei zu besiegen.

Nach seiner Rückkehr nach Peking führte Mao am 16. Mai den Vorsitz bei der Zusammenkunft des Zentralkomitees . . .
Zwei Tage später gewannen die Mao‑Anhänger die Kontrolle über die nationale Volkszeitung wieder zurück, säuberten das Parteikomitee von Peking von 165 Prominenten, alles ältere Mitglieder, und enthoben Peng Chen und Wu Han aller Partei‑ und Regierungsposten. Das war der erste Schritt zur Säuberung des gesamten Parteiapparats, die sich zuletzt auf die ganze Nation und auf alle Ebenen erstreckte.

Den Studenten der Universität von Peking wurde die Ehre erteilt, «die erste Gewehrsalve in der «Großen Proletarischen Kulturrevolution« abzufeuern. Die protestierenden Studenten waren fest zur Reformierung der Ausbildungs – methoden entschlossen. Sie kritisierten den Präsidenten der Universität, bis sie sich seiner Entlassung versichert hatten. Danach leiteten sie eine großangelegte Säuberungsaktion unter der Universitätsverwaltung und den Intellektuellen ein. Der neue Erziehungs- und Studienplan räumte Maos Schriften den Hauptplatz ein. Es wurden fünfunddreißig Millionen Ausgaben seiner ausgewählten Werke gedruckt, um sie an die Massen zu verteilen.
„Wir brauchen keinen Verstand. Unsere Köpfe sind bewaffnet mit den Gedanken Mao Tse‑tungs!« war ein Schlachtruf, der den antiintellektuellen Charakter der neuen Aktivität kennzeichnete.

Die Prawda brachte dazu folgenden Kommentar: «Die Rote Garde« hat die Lektion begriffen, daß der Hauptfeind Mao Tse‑tungs derjenige ist, der zu denken versucht!«

Am 16. Juni wurden alle Universitäten und Schulen angewiesen, für sechs Monate zu schließen, damit die Studenten an der Kulturrevolution teilnehmen konnten. ‑ Fast zwei Jahre gingen vorbei, bevor sie wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehrten.  . . .

Kampf mit Plakaten
Ein Hauptpunkt der Revolution war von Anfang an die öffentliche Debatte in Form von großen Plakaten, die Angriffe und Gegenangriffe enthielten und die neuesten Parolen ausgaben. Riesige Mengen roten Papiers und Fluten von Tinte wurden verbraucht, um die «Revisionisten« mit beißenden Worten öffentlich anzuprangern. Das war eine Art der Kriegsführung, bei der die chinesischen Pinsel mächtiger als Waffen waren.  . . .

Das ganze Unternehmen war in der Tat eine umfassende ideologische Säuberungsaktion, vor der nichts und niemand sicher war. Im November wurde sogar Liu Schao‑tschi, der Vorsitzende der Republik, ein Opfer der öffentlichen Angriffe.
Diese «führende Parteipersönlichkeit, die den kapitalistischen Weg einschlug«, verschrie man als den »Chruschtschow der Chinesen« und klagte ihn an, den geliebten Führer und Vorsitzenden Mao unaufhörlich angegriffen zu haben. Er wurde außerdem beschuldigt, eine Reihe von schwerwiegenden Verbrechen gegen die Partei und das Volk begangen zu haben und der Anstifter der Juli/August‑Aufstände in Südchina gewesen zu sein. Auch der Generalsekretär der Partei, Marschall Teng Hsiao‑ping, wurde angeklagt. In Wirklichkeit bestanden die Verbrechen des Vorsitzenden Liu Schao‑tschi und des Marschall Peng aus wiederholten Versuchen, Mao von den überspanntesten seiner Vorhaben abzubringen.

Die »Roten Garden«
Während der drückend heißen Tage im August 1966 versetzten neun turbulente Zusammenkünfte der neu gegründeten «Roten Garden« sogar das mittlerweile schon längst gegen Massenzusammenkünfte abgestumpfte Peking in Erstaunen. Vierzehn Millionen Jugendliche marschierten am Tien‑An‑Men (Tor des himmlischen Friedens) der alten Verbotenen Stadt vorbei, in der einst die Kaiser lebten und regierten.
Jetzt stand Mao dort mit Marschall Lin Piao . . . um dem Vorbeimarsch zuzusehen. Die jungen Menschen verehrten Mao als ihren Helden.

Sein Bild blickte milde von jedem nur erdenklichen Ort auf achthundert Millionen Menschen herab. Postkarten und Kalender ohne Maos Bild waren eine Seltenheit.  . . .
Maos Vergötterung war praktisch vollständig. Ehrerbietig verneigten sich alle vor seinen Bildern. «Wir lieben unsere große Partei und unseren großen Vorsitzenden Mao!« verkündeten die allgegenwärtigen Plakate.
Der »Hung weiping«, der Armbinden mit Maos Unterschrift und Mao‑Knöpfe an den blauen Uniformen trug, war das neue Instrument des Vorsitzenden, um die Revolution unter das Volk zu tragen, seine auserwählten Nachfolger, die nun Kampferfahrung in der Revolution sammeln sollten. Sie waren dazu bestimmt, den Parteiapparat zu ersetzen, zu dem Mao kein Vertrauen mehr hatte.

Das »Rote Buch«
Das »Rote Buch« mit Auszügen aus den Gedanken Mao Tse-tungs wird wie ein heiliges Buch behandelt. Man trägt es bei sich, liest es als erstes am Morgen und als letztes am Abend, entweder allein oder in Gruppen. Die Parolen werden dabei auswendig gelernt und auf jede Tätigkeit während des Tages angewandt.  . . .

Der Bildersturm
Die Kulturrevolution richtete sich gegen »vier alte Dinge«: alte Bräuche, alte Gewohnheiten, alte Kultur und alte Denkweise.
Am meisten setzten sich die Jugendlichen der »Roten Garden« mit fanatischem Eifer ein, um das neue Ziel zu verwirklichen. Sie waren vom Unterricht und vom Studium befreit und aufgehetzt worden, «Revolution zu machen«.

Jetzt herrschte der Pöbel. In Peking wurde Menschen, die westliche Kleidung trugen, befohlen, einfache Kleider anzuziehen. Mädchen, die ihr Haar im «Honkong‑Stil« trugen, wurden angeprangert und Taxis als «Wohlstandsluxus« erklärt, Privathäuser gestürmt und alle überflüssigen oder gar mondänen Möbel auf die Straße geworfen. Gewalttätigkeiten waren in der Tagesordnung und die überlieferte Ehrfurcht vor dem Alter abgeschaft.

Ältere Menschen mußten öffentliche Demütigungen hinnehmen. Sie wurden oftmals völlig nackt durch die Straßen getrieben.  . . .
Das war nur eine Art der Schändung. Soweit es ihnen erlaubt war, zerstörten die «Roten Garden« jedes Kunstwerk griechischer, römischer und chinesischer «Wohlstandskultur«. . . . Museen waren für die Öffentlichkeit geschlossen. . . . Kirchen wurden geschlossen und die Kirchenführer mißhandelt und gedemütigt, Bibeln und religiöse Bücher beschlagnahmt und zerstört.

Bald dehnten sich die Aktionen, Beleidigungen und die Zerstörungswut der «Roten Garden« über ganz China aus. Einhundert Millionen Jugendliche stürzten sich in eine ideologische Raserei, wie eine tosende Welle, die über Tausende von Meilen hinwegfegt, eine Art Schreckgespenst eines Kinderkreuzzuges gegen Religion, gegen Chinas kulturelles Erbe und ganz besonders gegen alle Verdächtigen einer gegen Mao gerichteten Strömung.

Grausamkeiten nahmen zu, als diese überheblichen Jugendlichen sich überall hinbegaben. Ausgerüstet mit Freifahrtscheinen und vom Reisefieber besessen, zerstörten sie sämtliche Verbindungswege und das normale Leben der Nation.  . . .
Nach der öffentlichen Anprangerung des Vorsitzenden Liu Schao‑tschi im November breiteten sich die Massenaktionen gegen die Parteiführung im Dezember auf Fabriken und ländliche Kommunen aus. Sogar der Kultusminister wurde durch die Straßen geschleift und andere führende Persönlichkeiten der Partei eingesperrt. Die Geschichte bietet keine Parallele einer solchen offiziell unterstützten Gesetzlosigkeit und einer derart massiven Machtdemonstration der Studenten.

Der Mensch nach Maos Vorstellung
Was sollte mit der Kulturrevolution erreicht werden? In der Volkszeitung vom 8. Juni 1967 hieß es:
«Wir kritisieren die alte Welt, das alte Ausbeutungssystem, die Gelehrten und die Behörden der Wohlstandsgesellschaft. Als Folge der Kritik taucht eine neue Ära am Horizont auf, in der die siebenhundert Millionen Chinas zu einem Volk der Weisheit werden!«

Schon Karl Marx hatte von einer neuen Gesellschaft und einer besseren Menschheit geträumt, in der sich selbst die menschliche Natur wandelt. Das große Ziel der Kulturrevolution war daher die Umgestaltung des Menschen durch die Schaffung eines neuartigen Menschen, das Entstehen eines kommunistischen Menschen der Zukunft.  . . .

Sein großes Ziel bestand daher in einer neuen Volkskultur, einer neuen Ethik und einem neuen persönlichen Glauben, der auf Mao gegründet ist, kurzum in einer neuen Pseudoreligion.  . . .

Jetzt haben sich drei Ziele der Kulturrevolution herauskristallisiert: Sie stellte im Grunde genommen den ideologischen Kampf gegen die Wirtschaftspolitik der Revisionisten dar.
Zweitens war sie der Kampf um die Führung und die Bestimmung des weiteren Verlaufs der Revolution und drittens eine Jugendbewegung mit dem puritanischen Wunsch, die menschliche Natur zu erneuern, indem man sie von allem falschen Denken, allen Wünschen und Bräuchen säubert. Aber wo lag der Fehler?

Parteigeist
Das Erstaunlichste an der chinesischen Lage nach der Kulturrevolution war das verwirrende Zunehmen des Parteigeistes. Kein Tag verging in den Anfangsmonaten des Jahres 1968 ohne verschiedene Zeitungsdiskussionen über die große politische Erscheinung des Massenparteigeistes. Ohne Zweifel war der Vorsitzende Mao selbst zutiefst erstaunt über die tiefen Risse, die die Kulturrevolution auf dem Gebilde des politischen Lebens in China hinterlassen hatte.
Mao‑Anhänger hatten 1966 die ersten «Roten Garden« gegründet. Es waren meist unzufriedene studentische Aktivisten, die es darauf angelegt hatten, an der Säuberung des Parteiapparates von maofeindlichen Funktionären teilzunehmen. Im Lauf des Jahres aber bildeten sich immer mehr Gruppen, bis sie nahezu alle Studenten der Hochschulen und Universitäten umfaßten.

Aber trotz des gemeinsamen Zieles kam es innerhalb der Gruppen zu Rivalitäten, die von Zeit zu Zeit in Gewalttätigkeiten ausarteten. Enttäuscht darüber, daß es ihnen mißlungen war, die ältesten Parteivertreter abzusetzen, erteilten die Mao‑Anhänger in Peking den Massen die Vollmacht, ihre direkten Vorgesetzten zu stürzen und selbst die «Macht zu ergreifen«.  . . .

Als sich die Kulturrevolution Anfang 1967 auf die Bauernhöfe und Fabriken ausdehnte, übernahmen die Revolutionsrebellen mit Gewalt die Macht in der Partei und der Stadtverwaltung während der sogenannten «Januar‑Revolution«. Arbeiter, die die Vorteile des «Ökonomismus« genossen hatten, fürchteten um ihr Leben, wenn dieser von der Lehre Maos abgelöst würde. So formierten auch sie sich zu Gruppen, um den eigenmächtigen «Roten Garden« Widerstand leisten zu können. Die Arbeitsdisziplin brach zusammen, und große Streiks und Sabotage der Inustrie waren das Ergebnis.

In Schanghai waren der Hafen und die Eisenbahn stillgelegt. Die Dinge gerieten außer Kontrolle. Es wurde öffentlich vor der Gefahr der Gesetzlosigkeit gewarnt. In verschiedenen Gebieten brachen Kämpfe aus. In Nanking starben über fünfzig Menschen bei Zusammenstößen und Hunderte wurden verletzt. Der normale Regierungsapparat konnte mit den zahllosen streitenden «Massenorganisationen« nicht mehr zusammenarbeiten. Kurz nach Beginn der Belagerung der Sowjetischen Botschaft am 26. Januar (war nicht Rußland die giftige Quelle des Revisionismus?) entschied sich der Vorsitzende Mao widerstrebend, die Volksbefreiungsarmee zu verpflichten.

Dann gab er seine acht Punkte umfassende Vorschrift heraus.
Diese Entscheidung, die der Kulturrevolution den Anstrich einer spontanen Massenbewegung nahm, war nicht sehr populär. Vom Januar 1967 an spielte die Volksbefreiungsarmee jedoch eine zunehmend wichtige Rolle. Die «Massenorganisationen« begannen, sich jetzt nach Verbündeten unter den anderen Gruppen umzusehen.  . . .

Die Regierung sah sich zunehmend einem Chaos gegenüber. Die etwas vorsichtigeren Führer in Peking überredeten daher den «Steuermann« Mao, sein Schiff in ruhigere Gewässer zu lenken. Befehle ergingen, die Parteikämpfe zu unterlassen, und den «Roten Garden« wurde befohlen , in ihre Lehr‑ und Klassenzimmer zurückzukehren, um Maos Werke und die Kulturrevolution zu studieren. Aber es dauerte bis zum Frühjahr 1968, bevor die meisten Grundschüler und die Hälfte der Mittelschüler wieder an ihren Lernpulten saßen.
Vielleicht hatte Mao das Gefühl, die meisten Ziele des Feldzuges erreicht zu haben.  . . .

«Drei‑Wege‑Allianzen«
Die Roten Garden« setzten sich größtenteils aus jugendlichen und unerfahrenen Mitgliedern zusammen, aber die Entfesselung ihrer Kräfte als Masse war explosiv und letzten Endes äußerst gefährlich. Ihre Gewalttätigkeiten und der anschwellende, sich gegenseitig vernichtende Kampf hatten die Wirtschaft zerrüttet und schienen eine zweite Katastrophe innerhalb des «großen Sprung vorwärts« heraufzubeschwören. Die Frühjahrsaussaat war behindert und die Ernte erneut gefährdet.

Da nahmen angesehene Persönlichkeiten in der Hauptstadt allen Mut zusammen und fingen an, den Extremismus der «Roten Garde« zu verdammen und das Land vor den Gefahren der Gesetzlosigkeit zu warnen. Diese Versuche zur Einschränkung der Ausschreitungen wurden von neuen Gruppen unternommen, die sich auf «Drei‑Wege‑Allianzen« aufbauten. Ihr gehörten die Revolutionsmassen (Rote Garde usw.), die Revolutionskader (die alten legalen Parteivertreter) und die Armee an. Sogar die Volkszeitung tadelte übereifrige Mao‑Anhänger ihrer «linksorientierten Irrtümer« wegen.

Um die Ordnung wiederherzustellen sah sich Mao gezwungen, sich wieder der Volksbefreiungsarmee, der einzigen zusammenhaltenden Kraft, die im Lande noch übrig war, zuzuwenden. . . .  Tschu En‑lai, der Mann zwischen der extremen Linken und der extremen Rechten, trat mächtiger denn je als Hauptfigur in dem Versuch auf, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln und die Wirtschaft wieder funktionsfähig zu machen.

Die Ernüchterung
Es war jedoch leichter gewesen, die Flammen zu entzünden, als sie wieder zu ersticken. . . .
Das zwang Mao im September zu einer Reise durch das ganze Land, um das Ende der Parteikämpfe zu sichern. Die Studenten kümmerten sich nicht um die früheren Anweisungen, und die meisten Universitäten und Schulen blieben geschlossen. Es war eine zu große Demütigung für sie, ihre wiedereingestellten Lehrer, die sie als Revisionisten verschrien hatten, zu akzeptieren.

Der tote Punkt war da. Entmutigt durch ihre Unfähigkeit, die revolutionären Ziele durchzuführen, enttäuscht über den Erfolg gemäßigter Gruppen in Peking und verärgert, weil sie allmählich zur Seite gedrängt wurden, verspürten die «Roten Garden« keine Lust, in ihre Unterrichtsräume zurückzukehren.

Parteigeist und der Zusammenbruch der Ordnung durch das Gesetz hatten in Verbrechen, Sittenlosigkeit und Wuchergeschäfte ausgeartet. Der Schwarzhandel blühte, wie es seit 1949 nicht mehr der Fall gewesen war. Es wird gesagt, Ministerpräsident Tschu En‑lai habe sich beklagt, daß sich viele Studenten vom Kampf abwendeten, sich dem «Nichtstun und dem Pokerspiel widmeten und ein liederliches Leben führten«.
Das sind die Gammler und «Hippies« Chinas: teilnahmslos, ernüchtert und mit zerstörter Hoffnung, jemals ein höheres Amt zu erreichen. Die große Disziplin und die öffentliche Sittenstrenge früherer Jahre befanden sich im Schwinden.  . . .  . . .

Revolutionskomitees
In den ersten vier Monaten des Jahres 1968 bildeten vierzehn andere Provinzen Revolutionskomitees. Doch fehlte diesen in Wirklichkeit jegliche Übereinstimmung untereinander. Ende März wurde der Führungsstab der Armee «gesäubert«, als sich der Parteigeist auf die Armee ausdehnte. Im Frühjahr loderte das schwelende Feuer von neuem auf, und Gewalttätigkeiten, die weit über die des Jahres 1967 hinausgingen, brachen im ganzen Land aus. . . .

Im Mai brachen im ganzen Land ernsthafte Gewalttätigkeiten der Parteien aus mit den grausamsten Zügen in Kwangsi. Wuchow wurde von einem Großbrand zerstört, und das Blutvergießen nahm erschreckende Ausmaße an. Grausiger Beweis für die ganze Welt waren Tausende von gefesselten und verstümmelten Körpern, die den Perlfluß hinuntertrieben und von denen einige in Hongkong herausgefischt wurden.

Die allgemeine Unterbrechung der Zugverbindungen wirkte sich in Linchow am schlimmsten aus. Dort stapelten sich die Lieferungen nach Vietnam. Überall traten große Verzögerungen beim Transport von Kohle und anderen wichtigen Gütern für die Industrie auf. Die chinesische Wirtschaft wies zunehmende Zeichen der Überbelastung auf als Folge der Zerrüttung des normalen Lebens, zu der noch die schlimmsten Überschwemmungen des Jahrhunderts im Süden Chinas kamen.

Unfähig, das Problem der Gründung von Revolutionskomitees mit Hilfe der örtlichen Massen zu lösen, trafen Vertreter aus Fukien, Kwangsi, Jünnan, Tibet und Sinkiang im August in Peking zusammen, um über eine Regelung der Angelegenheit zu verhandeln. Am 13. August akzeptierte Jünnan ein Revolutionskomitee. Zwei Tage später versammelte man Männer, Frauen und Kinder, um mit einem Marsch durch die Straßen der Hauptstadt einen weiteren großen Sieg des Führers Mao zu feiern. Trotz heftiger Gegenwehr der heimatlichen Bevölkerung folgte Fukien am 19. August diesem Beispiel. Am 26. rief Kwangsi sein eigenes Revolutionskomitee ins Leben, und am 6, September wurden Revolutionskomitees in den beiden letzten Provinzen Tibet und Sinkiang gebildet. Peking feierte wieder, und der Rundfunk rühmte das Ereignis als «endgültigen Sieg der Kulturrevolution«.

Trotzdem ging der Parteikampf unvermindert weiter. Diesmal wurde jedoch nicht mehr um Politik, sondern um Macht gekämpft. Politische Angriffe von außen und Streitigkeiten von innen hinderten die Revolutionskomitees, sich Ansehen und Autorität zu verschaffen. Der Vorsitzende Mao sah sich gezwungen, seinen Wunschtraum von Massenaktivisten zu verschieben und sich mit der starken Unterstützung der Volksbefreiungsarmee der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung zu widmen.

Mit Hilfe der Kulturrevolution mag es ihm zwar gelungen sein, die Hauptelemente innerhalb der Parteihierarchie, die er für seine Ziele für äußerst gefährlich hielt, auszusondern und zu vernichten. Aber die grundlegenden Unterschiede zwischen der Gedankenschulung der «Roten« und der «Experten« bleiben bestehen.
Soll politischen Theorien oder praktischer Politik und technischer Leistungsfähigkeit der Vorrang gegeben werden? Diese Debatte wird noch lange Zeit anhalten und gewiß Anlaß für neue Streitigkeiten und endlose Säuberungsaktionen geben.

Liberalisierung
Nach fünfzigjähriger kommunistischer Tyrannisierung brodelt es in der ganzen kommunistischen Welt vor Unzufriedenheit.  . . .

Die Maske ist gefallen und das wahre Gesicht des Kommunismus offenbar geworden. Wo aber werden die Kommunisten bei ihrem Vormarsch zur Weltherrschaft als nächstes zuschlagen?

In Europa oder im Vorderen Orient?

Doch die Gezeiten wechseln. Achtundsechzig russische Schriftsteller und Intellektuelle verdammten heimlich den Verrat ihres eigenen Landes. Für die junge Weltgeneration heißt es: «Demokratischer Sozialismus ‑ ja! Tyrannischer Kommunismus nein!« Die Männer im Kreml sind Männer, die sich fürchten.

. . .  Die Frage, ob die «Revolution« sich langsam einem Wendepunkt nähert, steht sicherlich noch weit offen.  . . .

Der Psalmist beschreibt sehr anschaulich (Psalm 2) die letzte Erhebung des Menschen gegen Gott:
«Die Herrscher beraten miteinander gegen den Herrn, um sich seiner göttlichen Herrschaft zu entledigen. Aber der alleinige Herrscher der Welt blickt von seinem Thron auf die lächerliche und doch so tragische Haltung des rebellierenden Menschen herab und vereitelt seine Pläne. Denn Gott hat dem auferstandenen Herrn das Gericht über die Völker und die Königsherrschaft über die Welt gegeben. . . .«!

2. Kapitel

EINE KIRCHE GEHT IN DEN SCHATTEN

1967 blieben in ganz China die Weihnachtsglocken stumm. Es war kein Platz für das Christuskind in irgendeiner kommunistischen Herberge. Kirchengebäude, aus denen einst Choräle und «Der Messias« schallten, waren mit Brettern vernagelt oder dienten den «Roten Garden« als Schulen und Hallen.
Scharlachrote Plakate schmückten die Wände.
Das war das Werk von Jugendlichen, die nie einen christlichen Missionar aus Übersee zu Gesicht bekommen hatten und glaubten, Christus sei nur irgendein berühmter Jude. Die «Jesus‑Religion« wie die «Buddha-Religion«, «Tao‑Religion«, «Konfuzius‑Religion« und «Hui-Religion« (Islam) waren eines der vier alten Dinge«, die verschwinden mußten. So hatte es der Vorsitzende Mao Tse‑tung angeordnet. Daraufhin wurden die Kirchen geschlossen, religiöse Symbole entfernt und die Häuser der Christen systematisch nach Bibeln und christlicher Literatur durchwühlt, einige sogar mehrere Male. Was man dabei fand, wurde verbrannt.
«Wenn die Grundfesten zerstört werden«, fragte David, «was kann der Gerechte dann tun?« David gibt dazu selbst die Antwort: «Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, der Thron des Herrn ist im Himmel!«

Die Verehrung Maos
Der Thron des Vorsitzenden Mao steht in Peking. Seine Worte ersetzen die Heilige Schrift. Lin Piao, Maos Nachfolger, drückt sich in seinem Vorwort zum «Roten Buch« so aus: «Wenn die Massen einmal Mao Tse‑tungs Gedanken begriffen haben, werden sie zu einer unerschöpflichen Kraftquelle und zu einer geistigen Atombombe von unbegrenzter Macht.«

Die Militärmusik schmettert die Botschaft der gegenwärtigen Nationalhymne «Der Osten erglüht« mehrmals am Tage aus jedem Radio:
«Vom Osten her erstrahlt die Sonne,

in China erscheint Mao Tse‑tung.

Er wirkt für die Wohlfahrt des Volkes.

Er ist des Volkes großer Erlöser.

Die Kommunistische Partei ist gleich der Sonne.

Wo immer ihr Schein, da ist Licht.

Wohin die Kommunistische Partei auch geht,

da wird befreites Volk.«

Die Städte waren mit roten Plakaten überschwemmt . . . China wurde das ganze Jahr über zu einem roten Meer. Tag für Tag übertönten die lauten Rufe: «Lang lebe der Vorsitzende Mao!« den Verkehrslärm, als Gruppen von «Roten Garden« und Jugendlichen mit dem Bild ihres Heldengottes durch die Straßen marschierten.  . . .

Die verstörte Kirche
Schon über zwanzig Jahre sind seit der Machtergreifung des Kommunismus vergangen. Die ersten zehn Jahre waren für die Kirche ein Schock. Zunächst unvorbereitet, furchtsam, umworben und verwirrt von einem noch nie dagewesenen gönnerhaften Benehmen der Regierung, sah sich die christliche Kirche nun völlig durcheinandergebracht der ausgeklügelten Taktik der kommunistischen Regierung gegenübergestellt.

Einige führende Männer der Kirche benutzten das Wort der Bibel: «Seid untertan aller Obrigkeit, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott!«, um ihre Haltung zu rechtfertigen; denn , «die Obrigkeiten sind von Gott eingesetzt!«
Andere rechtfertigten mit der Schrift ihre Haltung des passiven Widerstandes und bekannten sich mit den Worten:
«Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen!« zur Einstellung der verfolgten ersten Gemeinde. Einige wählten aus Gewissensgründen das Gefängnis oder den Tod. Andere anerkannten reinen Gewissens die Zuständigkeit der Regierung und setzten den Dienst in ihren Kirchen mit Einschränkungen fort.
Männer aller theologischen Richtungen fanden sich plötzlich auf beiden Seiten des Zaunes. Katholiken mußten für ihre Überzeugung zweifellos mehr leiden als ihre protestantischen Mitbürger.

Die gefesselte Kirche
Bei der Gründung der ersten Kommune 1958 war die christliche Kirche schon eine Kirche in Fesseln, obwohl ihre Führer nicht aufhörten, gegen die neu gefundene «Freiheit« zu protestieren. Befreit von aller missionarischen «Kontrolle« aus dem Ausland, befand sie sich nun um so fester in der Hand des Staates.
Bekannten Christen immer noch ihre Liebe zur Kirche, so wurden sie aufgefordert, die Vaterlandsliebe an die erste Stelle zu setzen: «Liebe das Vaterland, so liebst du die Kirche!« lautete die Parole. Wo die Christen einst gejubelt hatten:
«Übergebt euer Herz Christus!«, nötigte man sie jetzt, «ihr Herz der Partei zu ergeben«. Vorher bestanden sie auf der Wirklichkeit der sichtbaren Dinge, und nun war diese Welt alles, was zählte. Soziale Verbesserungen ersetzten die geistliche Erneuerung. Materialismus trat an die Stelle des Idealismus. Marxistischer Realismus verdrängte das Wissen, aus einer anderen Welt zu sein. Der gegenwärtige Himmel versprach mehr als der zukünftige.

Die machtvolle Propagandamaschine mit ihrer großen Überzeugungskraft faßte die Sache des Kommunismus in glaubwürdige Worte. Den Kindern erklärte man in der Schule alles in rosigen Bildern. Populäre Lieder gaben dem Kommunismus einen anziehenden Charakter. Theater, Kino und Ballett hoben die Helden der Revolution in den Himmel. Der Rundfunk trug den Imperialistenhaß, wobei ganz besonders die USA gemeint waren, in jedes Haus. 1959 schlossen sich die Fernsehsender in Peking, Schanghai, Kanton und Hankow der Kampagne an. Selbst Eisenbahnreisen brachten keine Befreiung von Marschmusik und endlosen Propagandareden, die unaufhörlich aus den Lautsprechern eines jeden Zuges tönten. Von Zeit zu Zeit gingen Propagandisten singend, tanzend und den Vorsitzenden Mao preisend durch die Wagen.

Die schwindende Kirche
Zwar überlebte die christliche Kirche, aber nur unter großen Einschränkungen. Die Zahl der Gemeinden in größeren Städten ging drastisch zurück, und es blieben nur wenige andere Städte die mehr als eine Gemeinde haben durften. Die übermäßigen Kirchengebäude wurden für andere Zwecke verwendet. Das mußte zwangsläufig zu einem gewissen Maß an Vereinigung unter den protestantischen Kirchen führen, was auch bezweckt werden sollte.

Soziale und politische Tätigkeiten, die auf Sonntage angesetzt wurden, machten den regelmäßigen Kirchenbesuche für die Mehrzahl der Christen und ganz besonders die Jugendlichen unter ihnen fast unmöglich. Volle achtzig Prozent der ordinierten Pfarrer waren überflüssig. Man schickte sie daher in Fabriken und auf Bauernhöfe zur Arbeit. Die öffentliche Brandmarkung bestimmter Pfarrer als «Rechtsler« und «Reaktionäre« durch andere Pfarrer in der einzigen Kirchenzeitschrift «Tien Feng« führte bei vielen zum Selbstmord.

Sechs australische kirchliche Vertreter bereisten China im Juli 1959, dem ersten Jahr des «großen Sprung vorwärts«. Im Gegensatz zu der wahren Situation gaben sie einen begeisterten Bericht über das, was ihnen zu sehen erlaubt worden war und was sie von gutinstruierten Kirchensprechern zu hören bekommen hatten. Andere ausländische Besucher täuschte man auf ähnliche Weise.

Offene Opposition gegen die «Patriotische Drei-Selbst‑Bewegung« gab es nicht mehr, und die verschiedenen Zweige der christlichen Kirche waren unter einen Hut gebracht.
Die protestantische Organisation, die vom Büro für Religiöse Angelegenheiten unterstützt wird, heißt «Drei‑Selbst‑Bewegung«. «Drei‑Selbst« bedeutet, daß sich diese Kirche selbst verwaltet, selbst gestaltet und selbst entfaltet. Damit hatte man das Ziel ausländischer Missionare für die chinesische Kirche neu verdreht. Dieses Schlagwort bedeutete nun den Bruch aller Finanz‑ und Verwaltungsverbindungen zur Missionsbewegung und den fremden «imperialistischen« Ländern.

Die politische Kirche
Y. T. Wu, der frühere CVJM‑Generalsekretär und Hauptfigur der neuen Bewegung, gab einen begeisterten Bericht über den Fortschritt der Kirche im ersten «großen Jahrzehnt« der kommunistischen Herrschaft nach der Entledigung der imperialistischen Fesseln.
Auf dem zweiten Nationalen Volkskongreß 1960 sprach er über die Notwendigkeit der Selbstreform unter den Christen. Die christliche Presse folgte dem Beispiel der nationalen Presse, indem sie die Hölle des früheren Regimes mit dem Himmel der neuen Gesellschaft verglich. Und auch die heftige Verleumdung der Missionare als Agenten des Imperialismus ging weiter.

Fräulein Gerde Büge hatte Gelegenheit, Westchina noch einmal zu besuchen und mit ein paar alten Freunden zusammenzutreffen. Was sie vorfand, war eine erschreckende Minderheit der Christen. Sie war erstaunt, daß die Arbeit der Kirchen inmitten der großangelegten nationalen Bemühungen, dem Wirtschaftsstandard der Welt durch den «großen Sprung vorwärts« gleichzukommen, überhaupt überlebt hatte. Sie hörte von Pastoren, die in Gurkenfabriken, in der Milchwirtschaft, in Ziegeleien und in der Landwirtschaft beschäftigt waren.
Einige von ihnen waren jedoch von der Bevölkerung zu ihren örtlichen Vertretern ernannt worden.  . . .

Im Januar 1960 berief die «Drei‑Selbst‑Bewegung« die zweite nationale Konferenz nach Schanghai ein. Dreihundertneunzehn Delegierte aus allen Teilen Chinas nahmen daran teil und wählten ein neues Nationalkomitee von hundertfünfundvierzig Mitgliedern.
Der stellvertretende Vorsitzende, Dr. Wu Yi‑fang, berichtete, daß mit der Sprengung des «gegenrevolutionären Rings«, angeführt von Wang Ming‑tao und Watchman Nee, die meisten reaktionären Kräfte aus der Kirche vertrieben wurden. Obwohl jede Ausübung der Religion umgestaltet wurde, um die sozialistische Produktion nicht zu beeinträchtigen, bezeichnete Dr. Wu die Behauptung, daß die christliche Kirche als Ergebnis des «Großen Sprung vorwärts« einen schweren Schlag erlitten habe, als imperialistische Verleumdung. Die Christen und das andere chinesische Volk atmeten dieselbe Luft. Nicht die Kirche, sondern der Imperialismus habe einen tödlichen Schlag erhalten.

Der Ton der Konferenz ließ klar erkennen, daß sie sich nicht so sehr damit befaßte, wie die Kirche ihr Zeugnis in eine kommunistische Gesellschaft hineintragen sollte. Es lag ihr vielmehr daran, sich mit ihrer Funktion als politische Einrichtung zu beschäftigen.  . . .

Die Verunglimpfung von Missionaren dauerte auch 1961 noch an. Dabei lag die besondere Betonung auf der Art und Weise, wie die Missionare Sonntags-schulen mißbraucht hätten, um die Gedanken der Kinder mit dem Imperialismus zu vergiften. Christen wurden warnend darauf hingewiesen, daß der missionarische Imperialismus immer noch verbrecherische Sabotage gegen das neue China sei.  . . .

Die übrigbleibende Kirche
Die Kritik der Kirchenzeitung «Tien Feng« an gewissen Landgemeinden in Schantung und Tschekiang läßt vermuten, daß sie ein sehr lebendiges Zeugnis aufrecht erhielten. Folgender Brief von 1961 beschreibt das Gemeindeleben in einigen nördlichen Provinzen zu diesem Zeitpunkt:

«Es ist unmöglich, all meine Erlebnisse in einem kurzen Brief zusammenzufassen. Aber Gott wirkt immer noch auf wunderbare Weise. Wir müssen Gott preisen und ihm für seine gnädige Bewahrung danken. In früheren Zeiten baute die Gemeinde auf Sand, jetzt ist sie auf Fels gegründet. Gott macht keine Fehler. Ich war dankbar, Brüder zu finden, die fest im Glauben stehen…«

In Schanghai wurde die China‑Bibel‑Gesellschaft aus ihren Räumen vertrieben. Sie setzte ihre Arbeit trotzdem in der Moore‑Gedächtniskirche fort. Der Verkauf und die Verbreitung von Bibelstellen ging stark zurück.  . . .  Um eine stille Zeit zu haben, ließen die jungen an der Universität ihr Frühstück ausfallen, oder sie lasen ihre Bibel nachts im Schein einer Straßenlaterne.

Sitzungsberichte des «Drei‑Selbst‑Bewegung«‑Ausschusses vom August 1962 lassen deutlich erkennen, daß die Kirche als Beweis für ihre Solidarität mit dem chinesischen Volk immer mehr in politische Aktivität verwickelt wurde. Kirchenabgeordnete, die man zu verschiedenen Konferenzen ins Ausland geschickt hatte, nutzten die Gelegenheit, um die chinesische Regierung zu rühmen. Andere jedoch, wie Markus Cheng und Francis Wei, mußten die übelsten Verleumdungen über sich ergehen lassen, als sie die Regierung angriffen.

1962 erreichten die Welt immer weniger zuverlässige Nachrichten über die chinesische Kirche. Aber ein chinesischer Reporter, der am 3. Dezember 1962 einen Bericht in der «Hongkong Tiger Standard« veröffentlichte, der auf Aussagen von Flüchtlingen beruhte, schrieb von einem Rückgang des Gottesdienstbesuchs. Da der Gottesdienst so formell und voreingenommen ist, treffen sich Christen, laut Bericht, privat in kleinen Hauskreisen. Sie riskieren damit, wegen Verstoßes gegen ein Gesetz, das Privatversammlungen verbot, eingesperrt zu werden. 1958 waren alle Zusammenkünfte außer Sonntagmorgen-gottesdienste verboten worden; also auch Kindergottesdienst, Frauen- und Bibelstunden.

Aber es gelang nicht, das Licht christlichen Zeugnisses zu ersticken.

Die verurteilte Kirche
Ein Artikel in der «Tien Feng« vom März 1963 war überschrieben: «Haltet das Banner des Antiimperialismus und Patriotismus hoch und erfüllt unsere jetzigen Aufgaben!«  . . .

Ein Jahr später begann die Presse, umfassende Angriffe gegen sämtliche Religionen zu veröffentlichen. Menschen in kirchlichen Diensten wurden angeklagt, ihre Opposition gegen die Regierung unter dem Mantel der Religion zu verbergen, eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit darzustellen, kein Vertrauen zur Politik und den Plänen der Regierung zu haben, dem Einfluß des Imperialismus zu erliegen und eine Machtentfaltung der Religion zu beabsichtigen. «Die Religion ist unser Feind!« «Die Religion ist schuldig!« «Bildet eine geschlossene Front gegen die Religion!«  . . .

Die verfolgte Kirche
1966 kam der große Schlag: Der Großangriff gegen die Religion hatte schließlich begonnen. Mit ungeheurer Energie fiel die Kulturrevolution über die alten Kulturen her. Alle Religionen mußten ohne Ausnahme die Schändung ihrer Gottesdienstorte, ihrer Tempel, Altäre, Moscheen, Heiligtümer und Kirchen über sich ergehen lassen.

In Lhasa tobte die Zerstörungswut, und auch der historische Tempel des Konfuzius in Schantung wurde erheblich beschädigt. Die Lage aller Christen war zum erstenmal seit 1949 wieder bedrohlich. Im August wurde die römisch‑katholische Südkathedrale in Peking beschlagnahmt und ihre religiösen Symbole durch rote Fahnen, Banner, Statuen oder Bilder von Mao und durch die unvermeidlichen roten Plakate ersetzt. Acht Nonnen des Heiligen‑Herz‑Klosters vertrieb man aus China. Eine von ihnen starb an den Folgen ihrer Behandlung. Römisch-katholische und protestantische Kirchen wurden geschlossen und Bibeln, Meßbücher und Gebetbücher auf den Straßen verbrannt.

Der Haß der Roten Garden« gegen die Bibel kam immer zum Vorschein. Sie verbrannten alle, die sie finden konnten, vor Kirchentoren oder in öffentlichen Parks.

Pastor Wongs Geschichte ist nur eine von vielen. Er versah den Dienst in einer glaubensstarken Gemeinde, als die Roten Garden« in seine Stadt kamen. Nachdem sie sich den Pastor und die Gemeinde als «Volksfeinde« ausgesucht hatten, tobten sie rücksichtslos durch das Kirchengebäude und verwandelten es in ein Schlachtfeld. Danach befahlen sie dem Pastor und seiner Frau, alle Bibeln und Gesangbücher auf die Straße zu tragen. Sie mußten niederknien und alles verbrennen. Dann trieb man sie aus ihrem Haus. Jeder, der versuchte, ihnen zu helfen, wurde als «feindlicher Hund« gebrandmarkt.
Herr und Frau Wong nahmen schließlich Stellungen als Arbeiter an, die ihnen kaum das Notwendigste zum Leben einbrachten. War Pastor Wong auch das Predigen verboten, so pries er doch mit seinem Leben unaufhörlich den Herrn Christus.

Gewalttätigkeiten gegen die Kirchen setzten sich auch im April fort. Kaum ein Pfarrer blieb verschont. Die Kirchen in Kanton, Swatow und Schanghai wurden bis Mitte Sommer gesäubert. Darauf folgten Nanking, Peking und andere Großstädte. Die «Drei‑Selbst‑Bewegung« wich den «Roten Garden« aus.

Säuberungsaktionen und fanatische Christenverfolgung gingen Hand in Hand. Viele von ihnen mußten in der Gosse niederknien, wo sie verhöhnt und angespuckt wurden. Anderen schnitt man so die Haare, daß nur noch ein Kreuz als «schmachvolle Kennzeichnung« übrigblieb. Wieder andere zwang man, durch die Stadt zu marschieren als «religiöse, schlechte Elemente«, und die Menge verspottete sie.
Einem Pfarrer, der in einer Fabrik arbeitete, hängte man ein Plakat um, auf dem zu lesen war: «Ich bin ein Lügner und Verräter!« Er wurde gezwungen, diese Worte zum Vergnügen seiner Arbeitsgenossen immer wieder herzusagen. Eine Frau, die im Gemeindedienst stand, erhielt brutale Schläge ins Gesicht. Das Haus einer achtzigjährigen Frau wurde durchstöbert und ihre Bibel zerrissen. Um sie zu verspotten, versuchte man sie zu der Aussage zu zwingen: Es gibt weder Gott noch Christus!« Darauf antwortete sie: «Wie könnte ich so etwas sagen, nachdem ich seit vierzig Jahren an ihn glaube!«

Viele Pastoren brachen zusammen und nahmen sich das Leben. Ein christliches Ehepaar aus Schanghai brandmarkte man als Kapitalisten, vermutlich ihrer früheren Universitätsausbildung wegen, und trieb sie dazu, Gift zu nehmen. In Peking nahmen sich zwei Arzte während der Terrorherrschaft das Leben.
Bischof K. H. Ting von Tschekiang, ein loyaler Regierungsanhänger, verschwand im September aus dem öffentlichen Leben. Bischof Michael Tschang aus Fukien und seine beiden Weihbischöfe steckte man in ein Schulungslager. Auch Dr. James Ting, der Methodistenführer, wurde nach öffentlichen Demütigungen dorthin gebracht.

So war 1966 das erste Jahr seit dem Einzug des Christentums China, in dem Weihnachten außer in der Britischen Botschaft in Peking und den Büros des britischen Geschäftsträgers in Shanghai nirgends gefeiert wurde. Beide Gebäude waren 1967 das Angriffsziel der «Roten Garden«. Dabei verletzte der Pöbel den Geschäftsträger in Schanghai (P. M. Hewitt) ernsthaft.

Herr und Frau Liu haben sechs Kinder. 1961 gelang es Frau Liu, China mit den Kindern zu verlassen, aber Herr Liu erhielt keine Ausreiseerlaubnis. Seine Frau hatte ihn schon mehrmals besucht. Als sie aber das letztemal kam, war ihm seine hübsche Wohnung von den «Roten Garden« weggenommen worden. Er bewohnte ein einziges Zimmer, in dem sie flüstern mußten, damit man sie nicht belauschen konnte. Es war ihm gelungen, seine Bibel im Feuerholz versteckt zu halten, aber sie hatten keine Möglichkeit, laut darin zu lesen oder miteinander zu beten. Um allein zu sein, ging das Ehepaar im Park spazieren. Dieser war aber so überfüllt mit Leuten, daß sie keinen ungestörten Platz zum Beten finden konnten ‑ bis es zu regnen anfing. Bald lag der Park verlassen da, und die Lius waren, wenn auch durchnäßt, allein. Im Regenguß hielten sich die beiden an den Händen und sangen ein altes Lied, das sie einmal auswendig gelernt hatten:
«Trotz aller Trübsal, die ich habe,

trotz aller Dornen, die meine Füße zerstechen,
bleibt der Gedanke überaus lieblich:

Du denkst ja, Herr, an mich.«

Die aufgelöste Kirche
An Ostern 1967 war die Liquidierung der organisierten Kirche in China vollzogen, wie folgende Auszüge andeuten. Schreiben eines Christen aus Kanton vom November 1967:
«Nun gibt es in Kanton weder Gott noch Buddha. Im letzten Jahr nahm ich gelegentlich an einigen Gottesdiensten teil, aber was ich dort hörte, war alles andere als christliche Botschaft. Jetzt sind alle Kirchen in der Stadt geschlossen. Alle, die im Gemeindedienst standen, hat man eingesperrt, kahlgeschoren und durch die Stadt getrieben. An den Kirchen kleben große Schriftrollen, auf denen geschrieben steht: ,Hängt Gott!’

Bibelworte kann man hier nicht hören. Es ist deshalb natürlich sehr schwer, vom Heiligen Geist geführt zu werden. Wie ich Euch beneide! Ihr könnt Eure Bibel oft lesen, zusammenkommen und das Wort hören.
Meine Lage ist wirklich entmutigend. . . . Betet, daß der Herr mir gnädig sei, und hofft, daß Ihr mir helfen könnt, auf dem Weg des Kreuzes weiterzugehen.«  . . .

Die hoffnungsvolle Kirche
Wie sieht die Zukunft der Religion in China aus?  . . .

Jemand, der Verbindung zu Christen in China hat, schrieb: «Die Kirche ist stärker als vor zehn Jahren, wenn auch nicht nach außen hin und in sichtbaren Organisationen, sondern im Glauben und in seiner Ausübung . . .«  . . .

3. KAPITEL   BITTERE LEKTIONEN

Die Verfassung Chinas enthält wie die der Sowjetunion eine Klausel, die dem Volk Glaubensfreiheit zusichert. Die chinesischen Kommunisten machten mit dieser Zusicherung Propaganda, als sie 1949 die Macht an sich rissen. Christen und Andersgläubigen wurde versichert, sie hätten für die Freiheit ihrer Religionsausübung nichts zu befürchten.   . . .

Ministerpräsident Tschu En‑Lai erklärte, daß die Volksregierung keinen Streit mit der Kirche als solche habe. Die Kritik beziehe sich nur auf die Art und Weise, in der die Kirche von imperialistischen Missionaren ausgebeutet und die Christen von imperialistischen Denkweisen vergiftet worden seien. Wenn sich die Kirche ihrer konstitutionellen Freiheit erfreuen wolle, müsse sie zuerst einmal «das Haus säubern«, d. h., sich der Missionare und ihres schädlichen Einflusses entledigen und die Führung der Partei anerkennen.  . . .

Als die Missionare China verließen, blieb die Kirche verwirrt und ihre Führung in sich gespalten zurück.  . . .  Die große Mehrheit der Führer schlug daher die offizielle Richtung ein.

Aber es gab auch einige wie Watchman Nee und Wang Mingtao, die nicht bereit waren, den Köder zu schlucken.
Wang Ming‑tao, Pastor der größten Gemeinde in Peking und ein einflußreicher Mann im ganzen Land, unterzog das als «imperialistische Gift« bezeichnete Denken einer genauen Prüfung. Dabei fand er heraus, daß es einige wichtige und grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens waren, und er äußerte dies auch in der Öffentlichkeit.  . . .

Wang glaubte an die Autorität der Heiligen Schrift und daran, daß sich die Politik jener Männer mit der Zeit als verkehrt herausstellen würde. Deshalb weigerte er sich, sich auf Gedeih und Verderb mit der Drei‑Selbst‑Bewegung zu verbinden, und nahm außerdem eine entschlossene Haltung gegen die Zusammenarbeit mit der Regierung ein, zu der sich die meisten Kirchenführer des Landes bekannt hatten.

Wang Ming‑tao wurde 1955 ins Gefängnis gesperrt, um lebenslänglich für das Festhalten an seinen Grundsätzen zu büßen. Seine Gemeinde wurde aufgelöst. (Nach zwölfjährigem Aufenthalt in einem Pekinger Gefängnis, brachte man den 68jährigen Pastor 1968 in ein Arbeitslager nach Tatung, Nordschansi.)

Viele, die Wangs Ansichten teilten, verschwanden wie er im Gefängnis. Die Kirche der Drei‑Selbst-Bewegung« funktionierte jedoch noch weitere zehn Jahre, wenn die Zahl ihrer Mitglieder auch sehr zurückging. Patriotismus wurde zu ihrem Hauptanliegen.
Um ihn unter den Christen zu fördern, stellte die Regierung Gelder für die Schulung der Geistlichen zur Verfügung. Die Predigten waren in ihrem Ton immer politischer gehalten, während biblische Lehren über das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi nicht berührt wurden. Diese Atmosphäre führte bei vielen Christen zur Ernüchterung, und sie begannen, frohe wahre Gemeinschaft in nichtöffentlichen Hauszusammenkünften zu suchen.

Es blieb der Kulturrevolution überlassen, die Maske des Kommunismus abzureißen und ihn als erbitterten Gegner der Religion zu entlarven. Alle Kirchen, ungeachtet welcher Zugehörigkeit, wurden geschlossen. Auch die sklavisch ergebenen Anhänger der Regierung fanden sich zu ihrer Enttäuschung im Gefängnis oder in Arbeitslagern.

Diese tragische Geschichte von Männern, die leiden mußten wegen ihrer ablehnenden Haltung der Drei‑Selbst‑Bewegung« gegenüber, aber auch trotz ihres untergebenen Festhaltens an der Parteilinie und der Führung der Drei‑Selbst‑Bewegung«, fordert eine gründliche Durchleuchtung. Sie enthält wichtige Lektionen für die übrige Welt.

Was war die Drei‑Selbst‑Bewegung« wirklich?
Eine echte, christliche Kirche oder eine Verzerrung wahren Christentums?
Ein spontaner Ausdruck christlicher Überzeugung oder eine von den Kommunisten verpaßte Zwangsjacke?
Waren ihre Führer freie Vertreter oder Strohmänner?
Was brachte sie in den zehn erkauften Jahren nach der Gefangenschaft Watchman Nees und Wang Ming‑taos zustande?

Von Anfang an gingen die Meinungen ausländischer Beobachter darüber auseinander.  . . .  . . .
Die Drei‑Selbst‑Bewegung erhob große Ansprüche für sich selbst. Ein Artikel in der Kirchenzeitung »Tien Feng« vom 10. Oktober 1959 feiert den »zehnjährigen Kampf gegen den Imperialismus und für die Liebe zu unserem Land«. Er schildert die Kirche von 1947 als Werkzeug der Missionare für private und imperialistische Zwecke. Dann gibt er einen Überblick über die Leistungen der Kirche seit dieser Zeit. Die Ablehnung des Manifestes durch die Missionare und seine Begrüßung durch vierhunderttausend Christen. Die Bloßstellung der Religionsmanipulationen des Imperialismus durch die allgemeine Anklagepraxis im Jahre 1951.
Die »Sozialistische Erziehungsbewegung« habe sich als wirksam herausgestellt bei der Umformung der christlichen Denkweise und der Vorbereitung auf den großen Sprung vorwärts«.

Christliche Paraden schlossen in vielen Städten als Teil der Feierlichkeiten das «Große Jahrzehnt« ab. Immer wieder hoben Sprecher der Kirche ihre «neugewonnene Freiheit« von der imperialistischen Herrschaft hervor. Sie wiederholten solche Phrasen wie »nackte imperialistische Aggression«, »imperialistische Anwendung der Missionsarbeit« und »Gift des imperialistischen Denkens«, wobei sie sich auf die Mission allgemein bezogen. Missionare bezeichneten sie als »bibellesende Wölfe«.  . . .

. . . Wang Ming‑tao war es trotz seines großen Leidens wenigstens erspart geblieben, an der Demütigung der letzten Enttäuschung und dem Mißerfolg der fünfzehnjährigen Bemühungen, die Kirche durch zweifelhafte Kompromisse zu erhalten, beteiligt zu sein.
Dieses bittere Kapitel der Kirchengeschichte lehrt uns zwei Dinge: Erstens, daß es immer richtig ist, fest auf den biblischen Grundsätzen zu beharren, ungeachtet der persönlichen Kosten. Es ist für einen Christen niemals richtig, seine Taten von reiner Zweckmäßigkeit bestimmen zu lassen. Gott wurde sicher mehr verehrt durch Wangs tapfere Haltung und die Gefangenschaft Nees und vieler anderer als durch die Einwilligung in angeblich notwendige Schritte, mit dem Ziel, die Kirche überhaupt funktionsfähig erhalten zu wollen.

Zweitens, daß es falsch ist, den kommunistischen Erklärungen und der Propaganda über Religionsfreiheit Glauben zu schenken.   . . .

 

  • ANHANG – . . .

Mao Tse‑tung (geboren 1893)

stammt aus Hunan in China. 1911 war er von einem Hügel aus Zeuge der Nationalistischen Revolution in Tschangscha und verschrieb sein Leben der Revolution.
Nach fünfjähriger guter Ausbildung wurde er Bibliothekarsassistent an der Universität von Peking. Er begann, sich für den Marxismus zu interessieren. Während er in Hunan Studentenzeitschriften herausgab, wurde er überzeugter Marxist.
Bald nach der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas, 1921, erhielt Mao die Vollmacht, die Bauern seiner Heimatprovinz zu organisieren. Er unterstützte den Nord‑Marsch zum Jangtse-Fluß im Jahre 1926/27 und war in Tschangscha dabei, als es zum Bruch zwischen den Kommunisten und Tschiangkaischek und den Nationalisten kam.
Er führte den Herbstaufstand in Hunan an, erntete aber nur Kritik für seinen Mißerfolg. 1931 war er in den blutigen, erbarmungslosen Machtkampf verwickelt. Dabei begann er auch, seine Partisanenkriegstheorien vorzubringen, die sich auf die Taktiken von Sun Tsu (500 v. Chr) gründeten. Während der Einkreisung der Kuomintang in Kiangsi büßte er einen Teil seiner Autorität wieder ein, war aber einer der Helden des «Langen Marsches« von Kiangsi in Südchina nach Jenan, Schensi, im Norden Chinas im Jahre 1934/35.

Im folgenden Jahr gewann er die Kontrolle über den kommunistischen Parteiapparat und gab Ende desselben Jahres seine Zustimmung zur Entführung Tschiangkaischeks. Daraus folgte eine antijapanische Koalition mit den Kuomintang, die im September 1937 zum Ausbruch des Chinesisch ‑ Japanischen Krieges führte.
In den Jahren 1938 ‑ 1940 gelangen Mao seine größten literarischen Leistungen. Zur selben Zeit hatten auch seine Partisanenkriegstheorien Erfolg gegen die japanische Armee. 1942‑44 erreichte es Mao, die marxistischen Theorien und Praktiken in einer der ersten Säuberungsaktionen Chinas durchzusetzen. Dadurch erlangte er die Unabhängigkeit der Chinesen von Moskau.

1945 wurden die Gedanken Maos beim siebten Kongreß der Kommunistischen Partei Chinas zur offiziellen Richtlinie der Partei in den Nachkriegsjahren erklärt. Der Mao‑Kult begann zu blühen. In der Zwischenzeit trafen Mao Tse‑tung und Stalin ein Abkommen über ihre Politik. Als sich die japanische Armee dann ergab, fühlten sich die kommunistischen Armeen stark genug, die Kapitulation anzunehmen. Die nationalistischen Streitkräfte befanden sich ja weit weg von diesem Schauplatz im Westen Chinas.

Mao traf nun mit Tschiangkaischek in Tschungking zusammen, um mit ihm die weitere Entwicklung zu besprechen. Diese Gespräche verliefen jedoch erfolglos und führten zum erneuten Ausbruch des Bürgerkrieges.
In dessen Verlauf errangen die schwächeren, aber besser organisierten, idealistischen Streitkräfte der Kommunisten den Sieg über die zahlenmäßig überlegene Armee der anderen mit ihrer schwachen Kampfmoral und ihrer unzulänglichen Führung.
Nach der Besetzung ganz Chinas und dem Rückzug der nationalchinesischen Regierung nach Formosa hielten die Kommunisten im September 1949 die erste Zusammenkunft ihres «Politisch‑Konsultativen Volksrats« ab. Am 1. Oktober rief der Vorsitzende Mao Tse‑tung vom Tien‑An‑Tor« der Verbotenen Stadt in Peking die Gründung der Volksrepublik China aus. Im Dezember desselben Jahres traf Mao mit Stalin zusammen, um einen Freundschaftspakt abzuschließen.  . . .

Maos berühmter Ausspruch verdient es, in vollem Wortlaut wiedergegeben zu werden:
«Politische Macht kommt aus Gewehrläufen. Die zentrale Aufgabe und die höchste Form der Revolution ist die bewaffnete Machtergreifung, ist die Lösung des Problems durch den Krieg. Nur mit Waffengewalt kann die ganze Welt umgewandelt werden!«  . . .

Um dem Schwinden seiner Autorität entgegenzuwirken, plante Mao 1965 die Große Sozialistische Kulturrevolution.
Ein Jahr später ließ er dann den revolutionären Kräften der Jugend Chinas, den Roten Garden, freien Lauf.  . . .
1967 und 1968 waren Jahre des Aufruhrs.  . . .   . . .

 

Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Januar 2009

Weitere Beiträge auf meiner Internetseite zum Thema Kommunismus und Christentum:
1. Atheismus – ein Weg? – von Pfr. Richard Wurmbrand
2. Das blutbeschmutzte Evangelium – R. Wurmbrand
3. Warum bin ich Revolutionär? – R. Wurmbrand
4. Christus wird siegen, was immer geschieht – R. Wurmbrand
5. Zerstörte Jahre (China) –
6. Der Weltkommunismus – Kurt E. Koch

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info@horst-koch.de

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