Welterlösung (E.Sauer)

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Erich Sauer

DAS MORGENROT DER WELTERLÖSUNG

– Ein Gang durch die alttestamentliche Offenbarungsgeschichte –

Erster Teil:   Die Grundlagen der biblischen Offenbarungsgeschichte
Zweiter Teil: Die Uroffenbarung
Dritter Teil:   Die vorlaufende Heilsoffenbarung

-Leicht gekürzt; auch die Hervorhebungen sind von mir. Horst Koch, Herborn, 2014 –

 

Vorwort

… Es ist eine wirklich geniale Schau, die Erich Sauer geschenkt wurde. Weltgeschichte und Geschichte der Völker auf der Erde sieht er völlig eingebettet in wie auch gelenkt durch die Heilsgeschichte. Den verborgenen Heilsplan Gottes spürt er auf und arbeitet ihn heraus mit dem Ziel, die gesamte vorchristliche Heilsgeschichte als eine Hinführung der Menschheit zum Welterlöser einsichtig zu machen. Diese Schau zeigt, wie das Volk Israel in und mit dem Heilsplan seine offenbarungsgeschichtliche, die Völkerwelt ihre staats- und kulturgeschichtliche Vorbereitung erfährt. Das Alte Testament ist Verheißung und Erwartung, das Neue Testament Erfüllung und Vollendung des göttlichen Plans der gesamten Geschichte.

Erich Sauer löst die Fragen der Heilsgeschichte von ihrem König, Jesus Christus, aus. Die Bibel, als Urkunde dieser Geschichte, ist ihm ein einheitliches Ganzes, das sie als eine planmäßig voranschreitende, prophetisch-geschichtliche Entfaltung bezeugt. . . .

Als Leiter der Bibelschule Wiedenest war Erich Sauer ein hervorragender theologischer Lehrer. Erfüllt von ehrfurchtsvoller Anbetung gegenüber Gott, dem Vater, und von glühender Liebe zu Gott, dem Sohn, und von demütigem Horchen auf Gott, den Heiligen Geist, hat er gelehrt und geschrieben. . . .

Den Weg zu diesem Ziel dem heutigen Menschen verständlich zu machen, ist der Wunsch Erich Sauers. Wie Israel im Kleinen, so ist die Menschheit im Großen ein Volk, dessen Herz immer den Irrweg will. So ist es kein Wunder, daß alle Abschnitte der Menschheitsgeschichte mit einem göttlichen Gericht enden:

Der Zeitabschnitt des Paradieses mit der Austreibung aus dem Garten.
Der Zeitabschnitt der Freiheitsprobe mit dem Gericht durch die Sintflut.
Der Zeitabschnitt nach Noah mit Babel und der Verwirrung der Völkerwelt.
Der Zeitabschnitt des Gesetzes mit der Zerstreuung der Juden.
Der Zeitabschnitt der Gemeinde mit der antichristlichen Trübsal.
Der Zeitabschnitt des Milleniums mit Vernichtung und endgültigem Untergang.

Eine solche Gliederung der Geschichte Gottes mit den Menschen ist kennzeichnend für die Art, wie Sauer die Schrift vom Alten Testament her auslegt.  . . .
Hans Rohrbach, Mainz, April 1976

 

Erster Teil: Die Grundlagen der biblischen Offenbarungsgeschichte:

  1. Kapitel: Die vorweltliche Ewigkeit
    2. Kapitel: Die Weltschöpfung
    3. Kapitel: Der Ursprung des Bösen

Zweiter Teil: Die Uroffenbarung

  1. Kapitel: Die paradiesische Berufsbestimmung der Menschheit
    2. Kapitel: Sünde und Gnade
    3. Kapitel: Das Frührot des Heils
    4. Kapitel: Zwei Menschheitswege
    5. Kapitel: Naturbund und Weltgeschichte (Der  Bund Gottes mit Noah)
    6. Kapitel: Das heilsgeschichtliche Rassenprogramm (Der Segen Noahs)
    7. Kapitel: Das babylonische Menschheitsgericht

Dritter Teil: Die vorlaufende Heilsoffenbarung

A. Das Verheißungsfundament des Evangeliums
B. Das Geheimnis des Volkes Israel
C. Warum gab Gott das mosaische Gesetz?
D. Das Gotteszeugnis der Prophetie
E. Die Heilszubereitung der Völkerwelt

 

Einleitung

Weltschöpfung, Welterlösung, Weltvollendung – wie drei hochragende Rätselzeichen stehen diese Worte in der Geistesgeschichte der Menschheit da. Noch nie ist ein Volk achtlos an ihnen vorübergegangen. Gerade die Größten aller Zeiten waren bestrebt, sie zu deuten.

Bunt und widerspruchsvoll waren seit alters die Antworten. System auf System ist ersonnen, Weltbild auf Weltbild gefolgt. Auf den Trümmern des einen baute der andere sein Geistesgebäude auf, und auch heute noch ringt die Menschheit um sie mit aller Kraft ihrer Gedanken.

Und doch ist die Antwort schon da! Gott selbst hat sie deutlich gegeben. Seine ewigen Gedanken sind keineswegs bloße „Ideen“, sondern schöpferische Taten, die sich zugleich unmittelbar in alle Geschichte hinein stellen, sich tief mit ihr verweben und „in, mit und unter“ aller Geschichte sich wirksam erweisen. „Die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte Gottes“ (Raabe).

Aber die Antwort, die Gott gibt, ist er selber: Sein eigenes Sein in der Person seines Sohnes. Als das ewige WORT ist der Sohn die Zentralsonne aller Gottesoffenbarung im gesamten Universum.

– Aus Gott geht alles hervor; hier enthüllt sich der Urgrund der Vergangenheit, das Wesen der Weltschöpfung (Kol. 1,16; Joh. 1,3).
– Durch Gott wird alles vollbracht; dies deutet die Frage der Gegenwart, Has Werden einer Welterlösung (Röm. 11,36).
– Zu Gott strebt alles zurück; hier zeigt sich das Ziel aller Zukunft, das Werden aller Weltvollendung (1. Kor. 15,28).

So ist Gott der HErr, geoffenbart in Christo, der Fels aller Zeiten, ist lebendige Urgrund alles Seins.

Aber das ewige Wort offenbarte sich durch das gesprochene Wort, und das gesprochene Wort ward zum geschriebenen, und das geschriebene wurde zur Bibel. So ist denn die Bibel der Schlüssel zum Weltgeschehen, das Buch der Menschheit, das Buch der Geschichte.

Von ihrem Verstehen hängt darum alles ab. Ohne sie sind wir Tastende in einem lichtleeren, verfinsterten Kerker. Wem aber die Bibel aufgeht, dem geht die Sonne auf und mit ihr der Himmel und all sein Glanz. Sein Pfad wird erhellt, sein Leben wird licht; die Zeit wird verklärt, das Göttliche siegt.  – Erich Sauer

 

Erster Teil

Die Grundlagen der biblischen Offenbarungsgeschichte

1. Kapitel: Die vorweltliche Ewigkeit

Gott ist der einige, ewig absolute Geist (Joh. 4,24). Geistigkeit, Einheit und Ewigkeit gehören zu dem Kern seines Wesens, und er selbst ist der Inbegriff alles höchsten, vollkommensten Lebens. Als solcher aber ist er zugleich wirklichste Wirklichkeit, wollendes Ich, bewußte Persönlichkeit, ja ewige Überpersönlichkeit, und alle endlichen Deutungsversuche seines unendlichen Seins durch den menschlichen Geist sind ewig vergeblich.

Gottes„beweise“ kann es darum nicht geben. Auch die Schrift läßt sich gar nicht erst darauf ein. Denn der Gottesgedanke sprengt alle menschlichen Denkmittel, und schon der bloße Versuch einer staubgeborenen Kreatur, Gott (!!) „beweisen“ zu wollen, ist nichts als kindische Selbstüberschätzung, ja maßlose Vermessenheit kleingeistigen Größenwahns. Gott ist als Gott der Ewige und Unendliche und als solcher nimmermehr Denkproblem menschlicher Maulwurfsspekulation.

Dennoch haben die sogenannten „Gottesbeweise“ ihren nicht zu unterschätzenden Wert. Selbst für Kant hatten der teleologische und der Moralbeweis ihre Bedeutung. Sie beweisen die Vernunftgemäßheit des Gottesglaubens und machen die sichtbare Welt zum Zeugen und Sinnbild der ewigen. Sie zwingen den denkenden Geist zu einem letzten, unausweichlichen Entweder-Oder: Entweder unser Denken beruht auf einer sinnlosen Einbildung, oder aber: Gott existiert, und dann ist es der Ausdruck einer allumfassenden Wirklichkeit.

Gott muß da sein – dies ist das Zeugnis der allgemeinen Natur

– als der allverursachende Urgrund der Welt; dies fordert der Blick in die Vergangenheit, die Frage nach der Ursache, dem Woher alles Seienden,

– als der schönheitsvoll kunstreiche Baumeister der Welt; dies fordert der Blick in die Gegenwart, die Erkenntnis der Ordnung, des Wie? alles Seienden

– als der planvoll zweckgebende Zielsetzer der Welt; dies fordert der Blick in die Zukunft, die Frage nach dem Sinn, dem Wozu? alles Seienden.

Und ferner: Gott muß da sein – dies ist das Zeugnis der menschlichen Seele

– als die höchste Idee des Verstandes; denn wie könnte gerade der höchste Gedanke wesenlos sein?

– als der oberste Gesetzgeber des Willens (bzw. Gewissens); denn wie kann das sittliche Gesetz ohne Gesetzgeber entstanden Sein?

– als der einzige Glückseligmacher des Gefühls; denn warum findet die Seele keine Ruhe, bis daß sie ruht in Gott?

So zeugt denn von seinem Dasein alles auf Erden: die Welt um uns und in uns, das Außer- und Innermenschliche. Ohne ihn ist die Welt nur ein „alles verschlingendes Grab“, ein „ewig wiederkäuendes Ungeheuer“ (Goethe), ein Riesenorganismus, der zwar bis ins Kleinste und Winzigste unfaßbar genau und zweckmäßig eingerichtet ist, selber aber als Großes und Ganzes die Ziellosigkeit und Zwecklosigkeitgeradezu zum Motto hat. Ohne ihn ist aller Wert in der Welt nur wesenlose Einbildung, und der Urgrund alles Sinnvollen ist ewig das Sinnlose. Nein, angesichts des Vorhandenseins unübersehbarer Weisheit im gesamten Universum ist der Gott leugnende Unglaube nur eine gedankenlose Phrase, eine gehirnleere, stumpfsinnige Geistlosigkeit. Nur „die Toren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott“ (Ps. 14,1).

Gott ist Liebe (1. Joh. 4,16). Liebe ist der Urgrund seines Lebens, der innerste Quellpunkt, aus dem sich sein Wesen ewig heraussetzt, das schöpferische Zentrum, das all sein Wirken und Walten erzeugt.

Liebe aber ist Dreieinheit. Schon Augustinus sagt: „Wenn Gott die Liebe ist, dann muß in ihm ein Liebender, ein Geliebter und ein Geist der Liebe sein; denn es ist keine Liebe denkbar ohne einen Liebenden und einen Geliebten.“

So weit gelangt, tastend, das menschliche Denken. Daß aber diesen drei Grundbegriffen der Gottesidee auch tatsächlich drei Personen der Gottheit entsprechen, das vermag nur die Offenbarung des ewigen Gottes selber kundzutun. Der Vater ist der aus sich seiende, der Sohn der zu sich gelangende, der Geist der sich in sich bewegende Gott. Der Vater ist der Liebende, der Sohn der Geliebte, der Heilige Geist der Geist der Liebe.

Drei göttliche Personen und doch e i n Gott, Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater und doch freiwillige Unterordnung unter ihn, Ursache aller Ursachen und doch selber unverursacht – wahrlich, hier sind Geheimnisse über Geheimnisse. Hier steht der endliche Geist ewig vor dem Rätsel des Unendlichen. Selbst bis in endlose Ewigkeit gelangt raumzeitliches Denken niemals in die Sphäre der Überräumlichkeit und Überzeitlichkeit Gottes hinein. Denn Gleiches wird nur von Gleichem erkannt, also Gott nur durch Gott.

Was tat Gott vor Grundlegung der Welt?

Gar verschieden ist diese Frage beantwortet worden. Die einen haben schon ihre Berechtigung abgelehnt (Luther); die andern haben versucht, sie philosophisch zu deuten (Origenes). Die Bibel geht einen vermittelnden Weg, indem sie Verhüllung und Enthüllung zugleich bringt und, in göttlicher Herablassung, ihre Mitteilungen über das Ewige in die Formen geschöpflichen, raum-zeitlichen Denkens einkleidet (z. B. Jes. 43,10).

In diesem Sinne gibt sie uns hier eine siebenfache Antwort:

  1. Gott hat vor Grundlegung der Erdwelt die Engel und Sterne geschaffen. Darum spricht er zu dem nichtigen Menschen: „Wo warst du, als ich die Erde gründete?… Wer hat ihren Eckstein gelegt, während die Morgensterne allesamt laut frohlockten und alle Gottessöhne jauchzten?“ (Hiob 38,7)
  2. Gott hat vor Grundlegung der Gesamtwelt in ewigem Liebesverkehr mit seinem Sohne gestanden. Schon „v o r seinen Werken von jeher“ besaß er die ewige Weisheit (Spr. 8,22; 23), das Wort, das dann später in Christo erschien (Joh 1,14). Schon damals „im Anfang“ war dieses Wort „zu Gott hin“, stand ewig mit ihm in hinstrebendem Gemeinschaftsverkehr (Joh. 1,2). Und der Vater liebte den Sohn, der hernach auf Erden bezeugt: „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh. 17,24). „Und nun verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir schon besessen habe, ehe die Welt war“ (Joh  17,5). So war denn der Sohn beim Vater
    das ewige Wort (Joh. 1,1; 2),
    die ewige Weisheit (Spr. 8,22; 23),
    der ewig Geliebte (Joh. 17,24),
    der ewig Herrliche (Joh. 17,5).
  3. Gott hat vor Grundlegung der Welt den Heilsrat für die einzelnen beschlossen. Darum hat er ihre Namen schon von Anbeginn der Welt in das Lebensbuch des Lammes geschrieben (Off. 13,8), ja, hat sie in Liebe schon vor aller Schöpfung zur Sohnschaft und Heiligkeit bestimmt (Eph. 1,4). Damit aber hat er ihnen auch das Leben schon „vor ewigen Zeiten“ verheißen (Tit. 1,2), und, vom Gesichtspunkt der Überzeitlichkeit Gottes aus, ist uns somit seine Gnade schon „vor den Zeiten der Zeitalter“ geschenkt (2. Tim. 1,9).
  4. Gott hat vor Grundlegung der Welt den Heilsschluss der Gemeinde gefasst. Der Wunderbau des „Leibes“ war schon von Ewigkeit her vom Erlöser beschlossen. Schon „von den Äonen her“ war darum auch das Christusgeheimnis verborgen in Gott, „daß die aus den Nationen Miterben seien und Mitteilhaber seiner Verheißung in Christo Jesu durch das Evangelium“ (Eph. 3,9; 6).
  5. Gott hat von Grundlegung der Welt an den Seinen das Reich bereitet. Darum wird einst der König zu denen zu seiner Rechten sagen: „Ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an“ (Matth. 25,34).
  6. Gott hat vor Grundlegung der Welt seinen Sohn zum Mittler des Heilsratschlusses ersehen. Christus ist der Mittler der Weltschöpfung, (Off. 3,14; Joh 1,3). – Er ist der Mittler der Welterhaltung (Hebr. 1,3; Kol. 1,17). – Er ist der Mittler der Welterlösung (Kol. 1,19). – Er ist der Herr des Weltgerichts (Joh. 5,22).
  7. Der Sohn war aber schon von Ewigkeit her zum Erlösungswerk willig. Darum war sein späteres Sterben am Kreuz ein Selbstopfer für Gott „durch den ewigen Geist“ (Hebr. 9,14), das heißt, durch den ewigen Geist Gottes, in dem Christus auch sonst alle seine Taten vollzog und in dem er zuletzt auch seine Selbsthingabe in den Tod — obwohl in der Zeit ausgeführt — dennoch als eine überzeitliche Tat dem Vater darbrachte (vgl. Hebr. 13,20).

So steht hinter allem Zeitverlauf Ewigkeitsgeschichte. Die Unendlichkeit fließt hinein in die Zeit, wie die Zeit einst wieder einmünden soll in die Ewigkeit. Dabei ersieht der Vater, nach ewigem Plan, den Sohn als Erlöser zuvor und beschließt, ihn als höchste „Gabe“ (2. Kor. 9,15) in die zu errettende Welt zu „senden“ (Gal. 4,4); zugleich aber bestimmt er, nach demselben ewigen Plan, ihm, als dem Mittler des Heils, die Schar der Erlösten zum „Erbe“ (Eph. 1,4).

Die geschichtliche Entfaltung dieses ewigen, innergöttlichen Erlösungsratschlusses sind dann die Bundesschließungen und Testamente Gottes an die Menschheit, deren Ziel der „ewige Bund“ ist, den das Blut des Gottessohnes eingeweiht hat (Hebr. 13, 20). „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast“ (Joh. 17,24).

Aber nicht zur Befriedigung neugierigen Vorwitzes stehen alle diese gewaltigen Worte in der Schrift, auch nicht nur zur lehrhaften Vervollständigung unseres heilsgeschichtlichen Weltbildes, sondern um uns die Größe der göttlichen Liebe zu zeigen. Schon vor allen Zeitaltern hat sich der Höchste mit deiner und meiner Verherrlichung beschäftigt! Ehe noch das Meer wütete und wallete, ehe die Erde gebaut und ihre Grundfesten eingesenkt wurden, ja ehe jene Morgensterne jubelten und jene Gottessöhne jauchzten: da hat Gott, der Allmächtige, schon an mich gedacht! An mich, den Erdenwurm, der ich ihm mit all meinen Sünden so viel Mühe und Arbeit gemacht habe, an mich, er, der Gott der Urzeit! Wahrlich, das sind Tiefen, die nie zu ergründen sind und die zu beschreiben jedes Menschen Herz und Wort versagt. Hier können wir uns nur niederbeugen und anbeten und IHM unser Leben zu Füßen legen.

 

2. Kapitel: Die Weltschöpfung

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Mit dem Wort seiner Macht rief er Sonnen- und Sternensysteme hervor. „Er sprach: Da geschah es; er gebot: Da stand es da!“ (Ps. 33,9).

I. Der Ursprung der Weltschöpfung

Warum Gott überhaupt eine Welt schuf, vermag niemand zu sagen. Als der absolut „selige Gott“ (1. Tim. 1,11) ist er um seiner selbst willen da, genügt ewig sich selbst und bedarf nicht eines anderen, der für ihn da wäre. Wohl ist er die Liebe, und Liebe braucht wesensnotwendig einen Geliebten, ein anderes Ich, auf das sie sich liebend erstreckt. Aber dies andere Ich war in Gott schon ewig vorhanden. Im Sohne gelangte die göttliche Liebe schon anfangs- und endlos zu völliger Entfaltung und restloser Befriedigung. „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh. 17, 24). Darum ist das einzige, was hier gesagt werden kann, dies: Gott hat die Welt geschaffen, weil er sie schaffen wollte. Sicher ist zwar sein Wollen und seine Freiheit nicht unbeherrschte Willkür, so daß auch der Schöpfungsentschluß aus ewigen, innergöttlichen Gründen hervorgegangen sein muß; aber welche diese sind, hat uns Gott nicht geoffenbart, und damit müssen wir uns bescheiden (Röm. 11,33; 34).

II. Der Zweck der Weltschöpfung

Deutlicher ist in der Schrift die Frage beantwortet, wozu Gott die Welt schuf.

  1. Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Alles, was Gott tut, hat ewig ihn selber zum Ziel, es geschieht „um seines Namens willen“ (Ps. 23,3), „zum Preise seiner Herrlichkeit“ (Eph. 1,6), „auf daß Gott alles sei in allen“ (1. Kor. 15,28). Denn weil Gott, kraft seiner Vollkommenheit, stets das Höchste wollen muß, und selber, infolge seiner Göttlichkeit, der Höchste ist, muß er stets den Inhalt seines eigenen Wesens zum Ziel seines Wollens haben. Darum muß auch sein Werk so eingerichtet sein, daß es zu i h m hin sei und in i h m sein Ziel habe. Der Zweck der Weltschöpfung muß also in der Entfaltung, Darstellung und Offenbarung der Herrlichkeit Gottes bestehen. (Röm. 1,16; Hebr. 1,2).
  2. Offenbarung der Liebe Gottes. Dieser Selbstverklärungsplan Gottes muß aber ein vollkommener sein und sich darum in doppelter Weise entfalten. Nicht nur seine Allmacht und Allwissenheit, sondern auch seine Gerechtigkeit, Liebe und Wahrhaftigkeit müssen in die Erscheinung treten. Ersteres kann zwar schon im Räumlichen geschehen, das heißt im Mineralreich, Pflanzen- und Tierreich; letzteres aber erfordert die Schaffung sittlich freier Persönlichkeiten, also ein Geistesreich innerhalb der Kreatur. Da aber gerade das Heilige das eigentlich Wesenhafte an Gott ist, muß auch in seinem Weltplan im Sittlichen der höhere Zweck des Stofflichen liegen, und der Hauptgrund des ganzen Schaffens einer Welt muß die Verklärung der sittlichen Eigenschaften Gottes als des Heiligen, Seligen und Weisen in der Schöpfung sittlich freier Persönlichkeiten sein.

Das Wesen eines solchen Geisteslebens und überhaupt das Wesen aller wahren Sittlichkeit ist aber nicht etwa nur sachliche Gesetzesausführung und bloße, rein rechtliche Freiheit von Sünde und Schuld, sondern personhaft organische Anteilnahme an dem sittlichen Leben der Gottheit selbst. Denn Gott, als der oberste Gesetzgeber, hat die sittliche Weltordnung nach seinem Wesen bestimmt, und er ist Liebe, vollkommenste Liebe (1. Joh. 4,16). Darum muß auch die sittliche Bestimmung der freien Kreatur eine Bestimmung zur Liebe sein, und der oberste Endzweck der Weltschöpfung muß in der Selbstentfaltung und Selbsterklärung Gottes als des Vollkommenen, Heiligen und Liebenden durch Aufrichtung einer Lebens- und Liebesgemeinschaft zwischen Schöpfer und Schöpfung bestehen. Das aber heißt: Gott hat die Welt ins Dasein gerufen, um sie lieben zu können, und auf daß sie ihn wiederliebe. (vgl. Röm. 8,17).

III. Die Größe der Weltschöpfung

  1. Die Heerschar der Sterne. Unermeßlich und weltenweit ist der Gesichtskreis der Bibel. Sie redet nicht nur von Erde und Zeit, sondern vor allem von Himmel und Ewigkeit, und die obere Welt beschreibt sie als eine Vielheit himmlischer Sphären. „Die Himmel und aller Himmel Himmel mögen dich nicht fassen“ (1. Kön. 8,27). Weit davon entfernt, in der kleinen Erde etwa „die Welt“ zu sehen, die den mathematischen  Mittelpunkt und Hauptinhalt  der ganzen Schöpfung ausmache, sind ihr die Völker vielmehr wie ein Sandkorn, das in der Waagschale bleibt (Jes. 40,15). „Wenn ich anschaue den Himmel, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du bereitest: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, und der Erdensohn, daß du ihn beachtest?“ (Ps. 8,4).

Schon die Größe unserer eigenen Erde übersteigt alles Denken. Sämtliche Menschenbauten der Welt, alle Schiffe, Städte und Dörfer, würden, zusammengenommen, noch nicht einmal drei Kubikmeilen ausmachen. Die Erde aber hat über 2600 Millionen solcher Kubikmeilen! Und doch ist sie selber im Wirbel der Gestirne nur ein astronomisches Atom, nur ein winziges Stäubchen im Sonnenozean des Weltalls! Allein schon im riesigen Glutball der Sonne hätte sie über eine Million mal Platz; und wollte ein Schnellzug ohne Unterbrechung in rasender Fahrt von hier bis zur Sonne gelangen, so brauchte er über 168 Jahre dazu.

Die Sonne selber aber ist auch nur ein Stern inmitten einer gewaltigen, kugelförmigen Gruppe von 400 Sternen, und hier sind die Entfernungen noch unermeßlicher. Allein bis zu unserer allernächsten Nachbarsonne, dem Fixstern Alpha Centauri, braucht das Licht, das doch in einer einzigen Sekunde siebenmal die Länge des ganzen Erdäquators fliegt, mehr als vier Jahre! Und zum Stern 61 im Schwan, unserem drittnächsten Fixsternnachbar, müßte der schnellste Eisenbahnzug der Welt 80 Millionen Jahre fahren. Und doch stehen die Sterne in einem solchen Sonnensternhaufen, verglichen mit den sternlosen Abgründen des eigentlichen Weltraums, noch ungemein eng beieinander! Das beweist schon dem sternunkundigen, nächtlichen Wanderer das dicht Nebeneinander-Gedrängtsein der diamantartig blitzenden Lichtpünktlein im Sternbild der Plejaden, unweit des Orion, die einen ähnlichen Sternhaufen bilden, wie der „unsrige“. Wie funkelt hier Stern neben Stern! Ja, die photographische Platte zeigt hier auf einer Fläche des Himmels, die nicht größer ist als die Mondscheibe, 1681 Sterne und in der weiteren Umgebung noch ungefähr 5000 andere! Und doch sind diese geradezu zu nichts zusammenschrumpfenden Entfernungen zwischen den einzelnen Sternen Milliarden und Abermilliarden von Kilometern! Und daneben – beginnt erst der „Welt“-raum!

Was müssen aber das erst für Strecken sein, die hinter und zwischen solchen Sterngruppeninseln liegen, bis wir endlich zu dem eigentlichen Hauptring der Milchstraßenspirale gelangen, die mit ihrem hundertmillionenfachen „Sternenstaub“ das Auge des Erdenbewohners entzückt! Und dann folgen, nach weiteren, unermeßlichen Fernen, noch andere Milchstraßensysteme, wie das Andromeda-Weltall mit seinen unzähligen Sonnen oder gar der unergründliche Spiralnebel H 156 im Sternbild des Großen Löwen, dessen Entfernung man auf über 500 000 Lichtjahre schätzt. …

Das Ganze aber ist der die gesamte Schöpfung umspannende Weltrahmen der Heilsgeschichte. „Der HErr hat seinen Thron in den Himmeln errichtet, und sein Königtum herrscht über das All“ (Ps. 103,19). Erst im Zusammenhang mit der Sternenwelt wird uns der Umfang des göttlichen Heilsrates bewußt. Darum: Stellen wir die Heilsgeschichte der Bibel in den Flammengoldgrund ihrer Weltall-Übergeschichte. Erst dann wird auch ihr Mittel- und Brennpunkt, das Kreuz von Golgatha, richtig gewürdigt. „Hebet zur Höhe eure Augen empor und sehet: wer hat diese da geschaffen? Er, der ihr Heer herausführt nach der Zahl, der sie alle mit Namen ruft“ (Jes. 40,26).

  1. Die Heerschar der Engel. Aber wozu diese Welten im Ätherraum? Hat Gott etwa Gefallen am toten Stoff? Ist er nicht der Gott der Lebendigen? Kann etwa unbeseelter Stoff ihn, den Herrn alles Lebens, lobpreisen? Oder ist nicht vielmehr das Sternenall Gottes weltweit mit persönlichem Leben erfüllt?

In der Tat: Wenn nur unsere kleine Erde, dieses Stäublein im Sonnenwirbel des Weltalls, organisches Leben trüge, dann stünden ihr Millionen von toten Gestirnkolossen sinnlos gegenüber. Dann wäre das ungeheure All eine grenzenlose Wüste, in der nur auf der winzigen Erde die einsame Blume des Lebens blühte. Dann wäre der Feuerglanz der Millionen von Sonnen, die doch nichts beleuchteten, nur ein sinnloses Feuerwerk im toten Weltraum!

Ganz anders redet die prophetisch-apostolische Weltanschauung der Schrift. Sie weiß von Thronen und Herrschaften, von Fürstentümern und Gewalten (Kol. 1,16), von Gottessöhnen und Morgensternen (Hiob 38, 7), von der Heerschar der Höhe in der Höhe (Jes. 24,21), von Cherubim und Seraphim, von Erzengeln und Engeln (Jud. 9; Off. 5,11; 12, 7). Und diese alle nennt sie mit dem selben Wort „Heerschar des Himmels“ wie auch die Sterne!

Schon diese Zusammenschau gibt uns ein Ahnen einer tieferen Beziehung. Denn wie könnten anders die „Morgensterne“ jubeln und gleichzeitig, zusammen mit den „Gottessöhnen“, jauchzen (Hiob 38, 7)? Wie könnte das Sternenall Gottes den Schöpfer anbeten? Wird der Staub ihn preisen? Wird er seine Wahrheit verkünden? Aber „du bist, der da ist, du, HErr, allein!  Du hast die Himmel gemacht, der Himmel Himmel und all ihr Heer, die Erde und alles, was darauf ist… Und du machst dies alles lebendig, und das Heer des Himmels betet dich an!“ (Nah. 9,6). Und wie könnte anders der Psalmist im gleichen Zusammenhang mit den Engeln auch die Sterne zur Lobpreisung Gottes auffordern?

Lobet den HErrn von den Himmeln her,
Lobet ihn in den Höhen!
Lobet ihn, alle seine Engel,
Lobet ihn, alle seine Heerscharen!
Lobet ihn, Sonne und Mond
Lobet ihn, alle ihr leuchtenden Sterne!“  (Ps. 148,1-3.)

Nein, dies alles ist mehr als nur dichterischer Schwung! Es beweist uns für Engel und Sterne eine nicht nur redebildlich vergleichende, sondern tatsächliche Beziehung, eine Beziehung, die uns im einzelnen allerdings noch undurchschaubar ist. Dies eine jedoch erkennen wir jetzt schon: Die Engel nehmen in ungezählten Heerscharen Luk. 2,13), teils einzeln (Apg. 5,19), teils in organisierten Körperschaften (Off. 12,7; Kol. 1,16) an der menschlichen Heilsgeschichte teil. …

  1. Der Thron Gottes. Und doch! Alles „Sichtbare ist vergänglich“, nur „das Unsichtbare ist ewig“ (2. Kor. 4,18). Die Sterne aber sind sichtbar und werden darum „vergehen“.  „Sie werden alle veralten wie ein Gewand, und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen“ (Ps. 102,27; Hebr. 1,12). Die ewige Welt Gottes muß darum noch höher sein, weit über den Sternen, im Unsichtbaren über allem Sichtbaren.

Dort ist der Thron Gottes, dort die Wohnstätten der Engel, dort das himmlische Jerusalem, welches unser aller Mutter ist (Gal. 4,26). Dorthin wurde auch Christus „über alle Himmel“ erhöht (Eph. 4,10) und ist nun zur Rechten des Vaters „höher als die Himmel geworden“ (Hebr. 7, 26). Dort wohnt der Allerhöchste als der Lichtquell aller Welten, und von ihm strahlt alles Leben in die Schöpfung hinaus (Apg. 17,28).

Der Gedanke an eine solche Thronhöhe im Weltall muß dem nachdenkenden Geist bald einleuchten. Die gesamte Schöpfung ist beherrscht von dem Gesetz der Steigerung. Wohl ist Gott allgegenwärtig und durchdringt mit seinem Leben die ganze Kreatur (Apg. 17, 28; Kol. 1,17). Dies schließt aber nicht aus, daß es über allen Gefilden des Lichts noch einen besonderen Lichtgipfel gibt, in dem sich seine Herrlichkeit am vollkommensten entfaltet. Schon im Stein blitzt ein Abglanz des göttlichen Gedankens auf, noch schöner in der Rose, noch ergreifender im Lied der Nachtigall, noch geistiger im Menschenauge; und unter den Menschen: welch Stufenunterschied zwischen dem geringsten und elendesten, bis hin zu dem Schönsten der Menschenkinder, in welchem die Fülle der Gottheit wohnt! So gibt es auch auf Erden Wüsten und Einöden mit keinem Bewohner, unwirtliche Gegenden mit nur wenigen, fruchtbare mit vielen, schöne Gegenden mit der höchsten, irdischen Lebensfülle. Ebenso in den himmlischen Räumen; es gibt kleine und große Sterne, kalte und heiße, finstere und strahlende; es gibt geführte und führende Planeten und Sonnen, Abgründe des Raums und Sonnenfamilien; und so gibt es auch über dem allen einen Zentralpunkt des Weltalls, einen Ort unmittelbarster Gottesgegenwart, eine Stätte konzentriertester Lichtherrlichkeit, eben den Thron Gottes.

Aber das Licht, in dem ER wohnt, ist höher als alles Sichtbare; es ist anders als aller Sonnen und Sterne Glanz. Es ist unerschaubar dem irdischen Auge; es ist unzugänglich, allem Diesseitigen entrückt (2. Kor. 12,4).

Nur die Engel im Himmel können es schauen (Matth. 18,10), nur die Geister der Vollendeten im ewigen Licht (Matth. 5,8; 1. Joh. 3,2; Off. 22,4), nur die Reinen und Heiligen, gleichwie er selber der Reine ist (1. Joh. 3,2).

Darum kann es hienieden vom Himmlischen nur Bildersprache geben. Auch das „Oben“-sein des Ewigen ist nicht rein räumlich zu verstehen (Ps. 139). Es ist die sinnhafte Veranschaulichung der Jenseitigkeit des Göttlichen. Es ist die raumsymbolische Darstellung der Erhabenheit des Überräumlichen. …

Wir aber beugen uns nieder und beten ihn an und sagen mit den Schlußworten der „Weltharmonie“ des Kopernikus:

„Groß ist unser HErr und groß seine Macht
Und seiner Weisheit kein Ende.
Preiset ihn, Sonne, Mond und Planeten,
In welcher Sprache auch immer ein Loblied erklingen mag.
Und du, meine Seele, singe die Ehre des HErrn dein Leben lang! Amen.“

 

3. Kapitel  Der Ursprung des Bösen

In diese Welt, die zum Höchsten bestimmt war, die der Schöpfer dazu berufen hatte, ein Gefäß seiner Herrlichkeitsoffenbarung zu werden, ist ein Riss eingetreten. Die zusammenklingende Harmonie der Sphären ist durch einen grellen Mißton zerstört. Die Sünde ist aufgetreten und hat sich Gottes heilig liebenden Selbstverklärungsplänen frevelnd entgegengestellt. Durch die Sünde der Menschheit ist hier unten die Erde verheert (1. Mose 3, 17; Röm. 8, 20), und in der Himmelswelt droben hat sich, wie die Versuchungsgeschichte der Bibel voraussetzt, schon vor dem Fall der ersten Menschen ein Sündenfall unter den Engeln ereignet (1. Mose 3, 1‑7; 2, 15).

Wie dies jedoch möglich war und warum Gott es zuließ, vermag niemand zu sagen. Der Ursprung des Bösen bleibt ewig ein Geheimnis. Auch die wenigen Andeutungen, die die Schrift darüber gibt, führen über ein Ahnen nicht hinaus.

1. Satan vor dem Fall

Gottes weltenumspannender Schöpfungsstaat ist, wie es scheint, in eine Anzahl von Provinzen eingeteilt, deren stoffliche und geistige Organisation je einem bestimmten Engelfürsten, gleichsam als Statthalter Gottes, anvertraut ist. So gibt es Engel für Kinder (Matth. 18, 10), für Erwachsene (Apg. 12, 15), für ganze Länder und Nationen, wie Persien (Dan. 10, 13), Griechenland (Dan. 10, 20), Israel (Dan. 10, 21; 12, 1). Dies setzt voraus, daß es ‑ sowohl in der Welt des Lichtes als auch in der Welt der Finsternis ‑ Engelorganisationen gibt, die, je nach der Größe des betreffenden Gebietes, nach verschieden hohen Rangstufen in gewisse Herrschaftsbezirke eingesetzt sind. In der Tat spricht Paulus von „Thronen, Herrschaften, Fürstentümern und Gewalten“ nicht nur in der sichtbaren, sondern auch in der unsichtbaren Welt (Kol. 1, 16; Eph. 1, 21).

Solch ein besonderer Fürst Gottes muß auch Satan vor seinem Fall gewesen sein. Aus seiner Machtstellung, die er noch in der jetzigen Zeit innehat, ist zu schließen, daß ihm ‑ jedenfalls vor seinem Fall ‑ ein gewaltiges Gebiet zur Beherrschung rechtmäßig übergeben worden war, und die Tatsache, daß er gerade auf der Erde wirkt, legt den Gedanken nahe, dies Gebiet sei die Erde und die sie umgebende Luft‑ bzw. Ätherregion gewesen.

Dies findet nun auch wirklich im Worte Gottes seine Bestätigung. Der HErr Jesus selbst bezeichnet Satan als den Fürsten der Welt (Joh. 14, 30). Paulus nennt ihn den „Fürsten über die Mächte der Luft“. Als Satan in der Versuchung dem HErrn alle Reiche dieser Erde anbot und dabei sagte: „Dir will ich diese ganze Macht mit ihrer Herrlichkeit geben; denn mir ist sie verliehen worden, und ich kann sie geben, wem ich will“, hat der HErr diese Vollmacht auch insofern anerkannt, als er es dem Teufel nicht bestritt, gegenwärtig über die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit verfügen zu können (Matth. 4, 8‑10). Und wenn es in der Offenbarung in bezug auf die Endzeit der gegenwärtigen Haushaltung heißt: „Die Herrschaft über die Welt ist an unsern HErrn und seinen Gesalbten gekommen, und er wird als König in alle Ewigkeit herrschen“ (Off. 11, 15 vgl. 19, 6), so liegt in diesen Worten ebenfalls das Zeugnis, daß das Reich der Welt bis zu jenem Augenblick unter der Botmäßigkeit eines andern, eben des „Fürsten dieser Welt“, steht. Nun verstehen wir auch, warum der Erzengel Michael bei seinem Streit mit dem Teufel um den Leib des Mose nicht wagte, ein lästerndes Urteil über ihn auszusprechen, sondern nur sagte: „Der HErr strafe dich“ (Jud.9). Ja, selbst noch nach Golgatha und Pfingsten dauert das Obrigkeitsverhältnis Satans über seinen Weltbezirk fort; denn noch im Zeitalter der Gemeinde bezeugt der Apostel Johannes: „Die ganze Welt liegt im Argen“ (1.Joh.5,19), und Paulus spricht verschiedentlich von der „Obrigkeit“ Satans (Apg.26,18; Kol.1,13; Eph.2,2), wobei er sich desselben Wortes bedient, mit dem er im Römerbrief die menschlichen Behörden bezeichnet (gr. exousia Röm.13,1), und somit zum Ausdruck bringt, daß auch die Herrschaft Satans geradezu ein Reich ist (vgl. Matth.12,26).

II. Der Sündenfall Satans

So muß denn einmal in der vorgeschichtlichen Ewigkeit ein Augenblick eingetreten sein, in dem dieser Weltfürst Gottes dem Höchsten seine Lehnspflicht aufkündigte und somit aus einem „Lucifer“, einem „Lichtträger“ der göttlichen Herrlichkeit, ein „Widersacher“ Gottes (hebr. „Satan“) *und „Verleumder“ seiner Heiligen (gr. „diabolos“ = Teufel) wurde. Von da an geht ein gewaltiger Riss durch den Kosmos, und ein organisiertes Gegenreich des Bösen steht dem Weltenstaat Gottes gegenüber (Matth.12, 26). Satan als Herrscher hat wiederum Fürsten und Gewalthaber unter sich (Dan. 10, 13; 20; Eph. 6, 12), und die Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Reich Gottes ist fortan das Thema und der Grundinhalt der in der Heiligen Schrift angedeuteten Weltall‑Übergeschichte.

Den Fall dieses gewaltigen Lichtfürsten scheint die Schilderung des gestürzten Königs von Babel bei Jesaja bildhaft mit im Auge zu haben. „O, wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzgestirn, Sohn der Morgenröte! … Du dachtest in deinem Sinn: ,In den Himmel will ich hinaufsteigen, hoch über den Sternen will ich meinen Thron aufrichten ‑, will mich dem Höchsten gleich machen. Nun aber bist du ins Totenreich hinabgestürzt, in den tiefsten Winkel der Unterwelt“ (Jes. 14, 12‑15). Auch Hesekiel entlehnt, wie es scheint, seine Bilder für die Beschreibung des Falles von Tyrus jenem vorgeschichtlichen Urereignis: „Der du das Bild der Vollkommenheit warst, voll von Weisheit und vollkommen an Schönheit, du warst ein gesalbter Cherub, der da schirmt . . . Unsträflich warst du in all deinem Tun von dem Tage deiner Erschaffung an, bis Verschuldung an dir gefunden wurde. Dein Sinn war hochfahrend geworden infolge deiner Schönheit. Du hattest deine Weisheit außer acht gelassen um deines Glanzes willen“ (Hes. 28, 12‑15).

Im allgemeinen aber spricht die Heilige Schrift fast gar nicht von diesem Fall Satans, in direkter Weise sogar niemals. Sie will, als die Urkunde des Heils, dem Menschen, prophetisch‑geschichtlich, den Weg zur Erlösung zeigen, ihm aber nicht, philosophisch, das System einer Welt- oder Ewigkeitsanschauung geben; denn wenn sie das wollte, würde kein Mensch sie verstehen. Darum redet sie auch über den Ursprung des Bösen nur hintergrundartig, in gelegentlichen, bildhaften Andeutungen, niemals aber in direkten Belehrungen und nirgends in zusammenhängender, unverhüllter Form. „Das Geheimnis ist des HErrn“ (5. Mose 29, 29).

In jedem Fall aber ist der Glaube an die Existenz eines persönlichen Teufels der Glaube Jesu und seiner Apostel (Matth. 4, 1‑10; 12, 27; Luk. 10, 18; Röm. 16, 20; 2. Kor. 11, 14; Off. 12, 7‑9; 20, 2; 10). Wer diesen urchristlichen Glauben nicht teilt, kann unmöglich Jesus und seine Apostel verstehen. Der moderne Mensch steht der Teufelsidee jedoch meist schon deshalb von vornherein ablehnend gegenüber, weil er dabei fast immer sofort an die populär‑schauerliche und albern‑groteske Teufelsvorstellung des Mittelalters denkt. In Wahrheit aber ist Satan ein mit höchster Intelligenz begabtes, zwar gefallenes, aber nichtsdestoweniger überaus machtvolles Geistwesen, dessen Existenz philosophisch in keinerlei Weise angreifbar ist.

III. Ursünde und Weltgestalt

Mit dem Fall Satans muß aber auch, wie der organische Zusammenhang von Geist und Natur und die spätere Ähnlichkeit des menschlichen Sündenfalls ‑ nur diese in kleinerem Umfange ‑ beweisen (1. Mose 3, 18), ein Sturz seines Herrschaftsgebietes verbunden gewesen sein. Welt‑ und Erdkatastrophen traten ein als Gegenwirkungen der Gerechtigkeit Gottes gegen diese kosmische Revolution. Die Schöpfung wurde der Eitelkeit unterstellt (Röm. 8, 20). Alles einzelne entzieht sich unserer Kenntnis. Nur dies ist gewiß, daß Tod und Verderben in der Pflanzen‑ und Tierwelt schon lange vor dem Menschengeschlecht seit undenklichen Urzeiten auf der Erde gewütet haben. Dies beweisen die geologischen Schichten und die Entwicklungsphasen der vorweltlichen Tierwelt auf das deutlichste. Die unter uns liegenden Erdschichten sind geradezu ein ungeheures Leichenfeld, das von seinem steinernen Acker umschlossen ist.

Damit stimmt auch das Zeugnis des Alten Testaments überein. Denn die darin berichtete Beauftragung des Menschen, den Paradiesesgarten nicht nur zu bebauen, sondern zu bewahren, sowie die Tatsache seiner Versuchung durch eine gottfeindliche Gegenmacht lassen schon im Alten Testament erkennen, daß das Böse nicht erstmalig im Menschen, sondern schon vor ihm in einem anderen Geschöpf vorhanden gewesen ist, daß also schon vor der Zeit des Menschen, vor seinem Fall und der damit zusammenhängenden Verfluchung des Ackers, ein Riss und eine Disharmonie in der Schöpfung bestanden hat.

Es hat gotterleuchtete Männer in alter und neuerer Zeit gegeben, die in diesem Zusammenhang die Vermutung ausgesprochen haben, das Sechstagewerk von 1. Mose 1 sei eigentlich ein Wiederherstellungswerk, nicht aber die erstmalige Erschaffung der Erde gewesen, und der Mensch habe ursprünglich die Aufgabe gehabt, als Diener des HErrn und Herrscher der Schöpfung in sittlicher Auseinandersetzung mit Satan, die äußerlich wiederhergestellte Erde ‑ durch Ausbreitung seines Geschlechts und seiner Herrschaft auf ihr ‑ für Gott zurückzugewinnen. Die geologischen Perioden seien dann entweder vor dem Sechstagewerk gewesen und die Tage selbst seien als buchstäbliche Vierundzwanzigstundentage aufzufassen, oder aber die Tage von 1.Mose 1 seien als Perioden zu deuten und mit den geologischen Entwicklungszeiten der Erdgeschichte gleichzusetzen. Auf diese Weise sei es dann auch möglich, eine Vermittlung zwischen der biblischen und den modern naturphilosophischen Weltentstehungslehren zu finden.

Andere wiederum glauben, daß das Ganze ein einheitlicher, fortgesetzter Zusammenhang sei ‑ ohne eine besondere, dazwischen geschaltete Vollzerstörung und Wiederherstellung der Erde ‑, ein einziger, in unübersehbare Schöpfungsperioden eingeteilter, ungeheurer Werdegang. In diesem sei es dann auf irgendeine Weise ‑ die die Naturwissenschaft erforschen mag ‑ unter göttlicher Leitung und, wie es scheine, seit dem Fall Luzifers, auch nicht ohne satanische Querwirkungen ‑ zu einer allmählichen Steigerung der Lebensformen gekommen. Zuletzt sei der Mensch, ohne Abstammungszusammenhang mit der Tierwelt, auf den Schauplatz des Weltgeschehens gestellt worden, um dann ‑ von dem eigens für ihn angelegten Paradiesesgarten aus ‑ seine irdische Laufbahn zu beginnen.

Auf keinen Fall jedoch kann es hier ein absolut festes Wissen geben. Denn eben dies Urereignis, da das Böse in die Welt trat und die ursprünglich reine und gute Schöpfung Gottes in Unordnung brachte, ist ja gerade die alles verheerende, unser eigenes Sein verwirrende, übergeschichtliche Urgegebenheit, in der wir selber stehen und die unser ganzes gegenwärtiges Dasein in allen seinen Erscheinungsformen, auch in seinem Denken, mitbedingt. Wir können uns daher weder zeitlich noch sachlich von ihr eine zureichende Vorstellung machen, sondern haben lediglich die Pflicht, uns gewissensmäßig und verantwortlich mit der Tatsachenwucht dieses Geheimnisses auseinanderzusetzen.

Im übrigen gilt es, auf alles weitere Fragen zu verzichten und den Mut zu haben, unsere Unwissenheit offen zu bekennen, aber auch die Demut, einzusehen, daß irdisches Denken das Weltall‑Übergeschichtliche niemals zu erfassen vermag und daß unser Verstand oft nur deshalb die Ewigkeitsdinge als widerspruchsvoll ansieht, weil er ‑ sündhaft gefallen und gebunden, wie er nun einmal ist ‑ sich selbst im Widerspruch zu den Gesetzen der anderen Welt befindet. Es gibt eben nichts Irrationaleres als den Rationalismus.

Wer in Gottes Geheimnisse hineinschauen will, muß mit dem dreifachen Schmuck von Demut, Ehrfurcht und Glauben geziert sein, und wo diese sich finden, kann die Seele alles Nichtgeoffenbarte in Ruhe dem Höchsten überlassen (Röm. 11, 33; Hiob 38, 4‑7). Erst in der Ewigkeit werden alle Fragen gelöst sein. Erst dann, wenn der HErr kommt, werden alle Schleier verschwinden (1. Kor. 13, 9‑12). Bis dahin sind wir Harrende.

 

Zweiter Teil

Die Uroffenbarung

1. Kapitel: Die paradiesische Berufsbestimmung der Menschheit

Auf die Erde setzt Gott den Menschen. In Eden pflanzte er jenen wundersamen Garten, der seines Besitzers Wonne und Lust sein sollte. Das Paradies war der Anfang der Wege Gottes mit der menschlichen Schöpfung. Es war

1. die Heimat eines unbeschreiblichen Glücks,
2. der Ausgangspunkt einer wundervollen Aufgabe,
3. Der Schauplatz eines gewaltigen Konflikts,
4. Die Stätte eines tragischen Zusammenbruchs  und ist fortan
5. Das Sehnsuchtsziel einer wartenden Menschheit.

I. Die Heimat eines unbeschreiblichen Glücks

Majestätisch waltete der Herr der irdischen Schöpfung im Garten, und alles Werk seiner Hände geriet. Die Blumen blühten so schön, wie sie hernach nie wieder ein menschliches Auge gesehen, und die Bäume trugen die herrlichste Frucht. Im Pflanzen- und Tierreich waltete ein wunderbar himmlischer Friedenshauch, und – vor allem – Gott selbst, der Schöpfer des Alls, verkehrte mit den Menschen in ungetrübter Weise und gab ihnen den Genuß seiner beseligenden Gegenwart (1. Mose 3,8). Aber nicht nur zum Genießen hatte Gott den Menschen in das Paradies gesetzt; er sollte auch wirken und Frucht bringen; und so wurde der Garten für ihn

II. Der Ausgangspunkt einer wunderbaren Aufgabe

1. Der Mensch als Persönlichkeit

Gott, Welt und Mensch sind der dreifache Grundinhalt alles Bestehenden. Sie zu erkennen, ist Aufgabe unserer Vernunft. Ein dreifaches Bewußtsein ist darum dem Menschen verliehen: das Gottes-, das Welt- und das Ichbewußtsein, und in entsprechender Weise hat ihm der Schöpfer auch die Organe gegeben, die ihn zu diesem dreieinheitlichen Bewußtseinsinhalt befähigen.

Die Welt erkennt der Mensch durch die Sinne, deren Träger der stoffliche Leib ist. Durch die Leiblichkeit gelangen wir zum Welt- oder Sinnenbewußtsein.

Das Ich erkennen wir durch die Seele.  Denn der Mensch ist weit mehr als nur wahrnehmendes Glied der äußeren Natur: er ist wollendes Selbst und eigene Persönlichkeit. Gerade dies aber wird ihm durch sein Inneres gezeigt, und so gelangt er durch die Seele zum Selbst– oder Ichbewußtsein.

Und damit er sich schließlich zum Schöpfer erhebe, gab Gott ihm den Geist. Durch ihn gelangt er zum Gottesbewußtsein.

So ist der Mensch eine Dreiheit in der Einheit, und sein unsichtbares Inneres besteht aus zwei wohl zu unterscheidenden Substanzen; ist doch das Wort Gottes imstande, durchzudringen „bis zur Scheidung von Seele und Geist“ (Hebr. 4,12) und bezeugt doch der Apostel: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz, samt Seele und Leib müsse bewahret werden unsträflich auf die Zukunft unseres HErrn Jesu Christi“ (1. Thess. 5,23 vgl. Luk. 1,46).

Hierbei ist „Geist“ derjenige Teil unserer Persönlichkeit, der als das höhere Bewußtsein auf das Göttliche und Übersinnliche gerichtet ist, während „Seele“ der niedere Bestandteil unseres Inneren ist, der auf das Irdische und Geschöpfliche Bezug nimmt. Die Seele erreicht – und zwar auch nur mit Hilfe des Geistes – lediglich das Ichbewußtsein, der Geist aber das Gottesbewußtsein.

Der Leib aber soll sein, nach der Schrift:

Tempel des Heiligen Geistes (1. Kor. 6,10),
Schlachtopfer wahren Gottesdienstes (Röm. 12,1),
Werkzeug der Gerechtigkeit (Röm. 6,13),
Mittel zur Verherrlichung Gottes (1. Kor. 6,20),
Samenkorn zu verklärter Geistleiblichkeit (1. Kor. 15,43-47).

Von dieser Dreieinheit der menschlichen Persönlichkeit ist die mosaische Stiftshütte ein Gleichnis. „In derselben Figur ist ein Christenmensch abgemalt. Sein Geist ist Sanctum Sanctorum, das Allerheiligste, Gottes Wohnung, im finsteren Glauben ohne Licht; denn er glaubt, das er nicht siehet noch fühlet noch begreift. Seine Seele ist Sanctum, das Heilige; da sind sieben Lichter; das ist allerlei Verstand, Unterschied, Wissen und Erkenntnis der leiblichen, sichtlichen Dinge. Sein Körper ist Atrium, der Vorhof; der ist jedermann offenbar, daß man sehen kann, was er tut und wie er lebt“ (Luther). So entsprechen sich im Wesen des Menschen

Weltbewußtsein, Ichbewußtsein, Gottesbewußtsein,
Leib, Seele und Geist,
Vorhof, Heiliges und Allerheiligstes.

Vom Allerheiligsten aber, vom Geist aus, regiert Gott über Seele und Leib. Hier ruht, im Gewissen verwahrt, gleichsam wie in der Lade des Bundes, das unabänderliche, göttliche Gesetz. Hier ist die eigentliche Offenbarungsstätte des Höchsten in uns, so wie Gott in der Stiftshütte über den Cherubim wohnte. Und wie damals die Wolke der Herrlichkeit, die Schechina, über dem Gnadenthron schwebte, also bringt diese Innewohnung des göttlichen Geistes in unserem Geiste auch uns das Bewußtsein von Frieden und Freude (Röm. 8,16). Denn der Thron Gottes in uns ist kein Richterstuhl, sondern ein Gnadenthron, und das Zepter seiner Herrschaft ist Heil. So dürfen wir nun, jener Stiftshütte gleich, als Wanderzelt Gottes durch die Weltwüste gehen, bis wir dereinst ans Ziel gelangen, zur Ewigkeit hin, zum himmlischen Kanaan (vgl. 2. Kor. 5, 1-4).

Bei einer solchen Bestimmung des Menschen begreifen wir nun auch, daß das Wort Gottes gerade im Bericht über seine Erschaffung – als der Krone der Schöpfung – sich zum allerersten Male zu dichterischem Jubelgesang erhebt. Die Form der hebräischen Poesie ist der Gedankenreim, der Gleichlauf der Glieder und Verse. Da feiert denn nun die Heilige Schrift die Erschaffung des dreieinheitlichen Menschen – diese wunderbare Tat  des  dreieinigen Gottes – in dichterischem Schwung, durch einen dreifachen Reim, ein dreifaches Gott schuf:

„Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde;
nach dem Bilde Gottes schuf er ihn;
als Mann und Weib schuf er sie“ (1. Mose 1, 27).

2. Der Mensch als Bild Gottes

Nicht darin aber besteht recht eigentlich die Gottesbildlichkeit des Menschen, daß er, als aus Geist, Seele und Leib bestehend, eine Dreiheit in der Einheit ist und somit das dreieinige Wesen seines Schöpfers widerspiegelt, auch nicht in erster Linie darin, daß sein Leib schon im voraus nach dem verklärten Auferstehungsleibe des Sohnes Gottes gebildet ist, der, kraft der Überzeitlichkeit Gottes, schon ewig als Urbild im Geiste des Schöpfers gegenwärtig gewesen war (Phil. 3,21), sondern darin, daß er, als ein geistiges und sittliches Wesen, die inneren Eigenschaften Gottes geschöpflich zum Ausdruck bringt.

  1. a) Die Ausrüstung. Gott selbst ist das Urbild. Geistigkeit, Freiheit und Seligkeit bilden die drei Grundbestimmungen seines heilig liebenden Wesens. Diese nun sollten im Menschen abbildartig verklärt werden. Darum rüstete ihn Gott mit den drei Kräften seines geistigen und seelischen Inneren aus. Er gab ihm Willen, Verstand und Gefühl. Damit er der Freiheit der heiligen Liebe teilhaftig sein könne, verlieh er ihm den Willen; damit er in wahrer Erkenntnis die göttliche Geistigkeit widerspiegele, den Verstand, und damit er der göttlichen Seligkeit sich erfreue, das Gefühl.
  2. b) Die Heiligung. In entsprechender Weise wird darum auch im Neuen Testament das Ziel aller Heiligung beschrieben. Hinsichtlich des geistlichen Denkvermögens heißt es, daß wir den neuen Menschen angezogen haben, „der zur vollen Erkenntnis erneuert wird nach dem ,Bilde‘ dessen, der ihn erschaffen hat“ (Kol. 3,10). In bezug auf den sittlichen Zustand des Willens wird gesagt, daß der neue Mensch „nach Gottes ,Bild‘ geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Reinheit“ (Eph. 4,24). Und was schließlich das jubelnde Erleben der Herrlichkeit Gottes betrifft, das, mit der gesamten Persönlichkeit – ihrem Denken und Wollen – zugleich auch die Freude des Gefühls in sich einschließt, so lesen wir: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des HErrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bilde von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als durch den HErrn, den Geist“ (2. Kor. 3,18).
  3. c) Der Mittler. Aber alle diese drei Strahlen werden zusammengefaßt in dem einen, in dem Bilde Jesu Christi, des Sohnes Gottes, unseres HErrn; „denn die, welche er zuvor erkannt hat, die hat er auch dazu Vorausbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleich zu werden: Dieser sollte der Erstgeborene sein unter vielen Brüdern“ (Rom. 8,29). Das Bild des Vaters ist niemand anders als der eingeborene Sohn (Kol. 1,15; Hebr. 1,3) In diesem Bilde schuf Gott den Menschen zu seinem Darum gelangt in uns das Bild des Vaters im Bilde des Sohnes zur Ausgestaltung. Im Sohne sind wir zu Söhnen bestimmt. Darin besteht unsere Gottesbildlichkeit (1. Kor. 1,9; 1. Joh. 3,2). Christus, der geschichtliche Heilsmittelpunkt, ist zugleich das „urbildliche Weltziel“.

Aber nicht nur in sittlicher Weise ist Gleichgestaltung mit Christo das Endziel der Erlösung, sondern auch geistleiblich. So ist auch Christus mit einem verklärten Menschenleibe in die Herrlichkeit eingegangen (Joh. 20,14-29; Apg. 1,11; Phil. 3,21), und so erwarten wir ihn auch als Heiland vom Himmel zurück, als den, „der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit“ (Phil. 3,21). Denn „der erste Mensch ist von der Erde, von Staub, der zweite Mensch ist vom Himmel. Und wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen. Und wie wir das Bild dessen von Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen“ (1. Kor 15,47).

  1. d) Das Endziel. Dann aber, wenn diese Geistleiblichkeit kommt, wird das Ziel alles Heils in vollendeter Weise erreicht sein. Als Wahrheit, Gerechtigkeit und Friede wird sich das innere Wesen des Reiches Gottes entfalten (Röm. 14,17), und Herrlichkeit wird sein in allen denen, die da erwachen im Bilde ihres Gottes. In der Heiligkeit ihres Wollens, der Weisheit ihres Erkennens und der Seligkeit ihres Fühlens offenbart sich dann vollkommen die Freiheit und Geistigkeit und Seligkeit ihres Schöpfers, und ihre drei Seelenkräfte werden auf ewig zu einer geschöpflich-dreieinheitlichen Verklärung der dreieinigen Seinsbestimmtheiten des ewigen Gottes.

Zu diesem allem aber tritt noch etwas Besonderes hinzu. Gott hatte offenbar bei der Menschenschöpfung nicht nur den Gedanken, daß ihn dieser, gleich den Engeln des Himmels, als reines und glückliches Wesen verherrliche, sondern, indem er ihm die Erde als Herrschaftsgebiet übergab, erteilte er ihm auch eine spezielle Aufgabe zu, die sich auf diesen seinen Wohnsitz erstreckte.

3. Der Mensch als Beherrscher der Erde

„Seid fruchtbar und mehret euch, bevölkert die Erde und macht sie euch Untertan und herrschet“ (1. Mose 1,28). In diesen Worten ist deutlich die Königsbestimmung des Menschengeschlechts ausgesprochen. Die Befähigung dazu ist der menschliche Geist, der sich vor allem im Worte bekundet.

  1. a) Der Anfang. Was ist ein Wort? — Ein Schall, ein Laut, ein Ton, der aus unserem Munde hervorgeht! Aber noch mehr! Ein Träger einer Regung des Geistes, ein Kundgebungsorgan der Vernunft, ein Zeichen und Lautsymbol einer Tätigkeit der Seele. Nur durch die Gabe des Geistes und Wortes wird der Mensch erst zum Menschen. Erst so empfängt er die Möglichkeit innerer Entwicklung.

Mit dem Wort begann Adam im Paradiese die Vollziehung seiner Königsgewalt. Gott selbst brachte ihm gleich zu Beginn, noch vor der Erschaffung des Weibes, die Tiere der Luft und der Erde, damit er – ihr Wesen durchschauend – sie mit passendem Namen benenne (1. Mose 2,20), und so wird der „König“ sofort schon am Anfang vom Schöpfer gekrönt, und die Sprache wird geistig das „Zepter der Menschheit“.

  1. b) Der Inhalt. Nun aber war die Erde – jedenfalls die außerparadiesische – ein Gebiet, das trotz seiner Erschaffung und Überwaltung durch den Höchsten, noch nicht restlos sein Endziel erreicht hatte. Ja, es scheint, daß der Zustand der Disharmonie, der mit dem Fall Satans über die Erdwelt hereingebrochen war (Rom. 8, 20; 21),“) in der außerparadiesischen Erde zur Zeit der Menschenschöpfung durchaus noch weiterbestand. Jedenfalls deutet die biblische Urgeschichte an, daß die Erde an sich, trotz des göttlichen Neuanfangs, der mit der Erschaffung des Menschen einsetzte, dem Wirken dämonischer Mächte noch nicht grundsätzlich entzogen worden war. Dies beweist das Gebot Gottes an den Menschen, den Paradiesesgarten nicht nur zu bebauen, sondern zu bewahren, sowie die Tatsache seiner Versuchung durch eine gottfeindliche, auf der Erde auftretende, sich eines Tieres bedienende Gegenmacht. Außerdem: Wenn die Erde überall eine Stätte des Lebens und höchster Vollkommenheit gewesen wäre, so hätte es ja überhaupt keines Paradieses bedurft! Offenbar aber stand der erstgeschaffene Mensch, seiner Anlage und Bestimmung nach, hoch über der Erde, und darum mußte für ihn auch ein besonderer Bezirk zubereitet werden, damit er eine Wohnstätte  habe,  die dem Adel seiner Stellung  und der Hoheit seiner Berufung entsprach. Die Pflanzung des Paradiesesgartens ist somit, vom biblischen Standpunkt aus betrachtet, ein Zeugnis von dem Unvollkommenheits-charakter der außerparadiesischen Erde.

Dann aber bedeutet die Ausbreitung der Erdenherrschaft des Menschen, sofern er Gott untertan blieb, ein stufenweises Hineinziehen alles Irdischen in den Bereich der sittlichen Weltzwecke, ein wachstümliches In-Anspruch-Nehmen der Erde für Gott und damit ein fortschreitendes Weiterführen der Schöpfung zur Erlösung und Vollendung. Das Paradies war somit der feste Punkt, von dem aus die Emporhebung der Natur in den Bereich des Geistes ihren Anfang nehmen sollte. Es war von Gott dazu gesetzt, damit von da aus die ganze Erde zum Paradiese werde. Der Garten ist das Allerheiligste, Eden das Heilige, die ganze Erde ringsum Vorhof. Das Ziel ist, daß sie ganz in das verherrlichte Gleiche jenes Allerheiligsten verklärt werde. Hierbei galt Adam selbst nicht nur als Einzelperson, sondern zugleich auch als Stammvater und organischer Vertreter seiner gesamten, schon damals grundsätzlich „in“ ihm mitgeschauten Nachkommenschaft (1. Kor. 15,22; Röm. 5,12—21). Darum heißt es auch zuerst: „Seid fruchtbar und mehret euch und bevölkert die Erde“ und erst hinterher: „Und machet sie euch untertan und herrschet“ (1. Mose 1,28). So ist denn der Paradiesesgarten Anfang und Ende, Ausgang und Ziel, Basis, Programm und Muster der Gesamtaufgabe der Menschheit auf Erden.

Dies alles aber konnte nur dadurch erreicht werden, daß der Mensch in eine sittliche Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Bösen gestellt wurde. Nur in einem Kampf konnte er „siegen“; nur so konnte er die Krone des „Überwinders“ erlangen. Andererseits aber wollte auch Satan, dieser Widersacher Gottes, das Werk seines Feindes, den rein und gut erschaffenen Menschen, nicht unangetastet sein lassen. Damit aber war sofort schon zu Anfang ein hochbedeutsamer Kampf eröffnet, und das Paradies wird

 

III. Der Schauplatz eines gewaltigen Konflikts

Es tritt, mit diesem seinem geheimnisvollen Hintergrund, in den kosmischen Rahmen der Weltall-Übergeschichte ein. Hinter dem Paradies steht das Sternenall Gottes und die größte Revolution, die es je gegeben hat: der Kampf zwischen Satan und Gott.

Der Gegenstand der Versuchung wird, dem Grundsatz der Entwicklung gemäß, dem noch kindlichen Verständnis der jungen Menschheit angepaßt; daher das Verbot, von der Frucht eines Baumes zu essen. Durch das Nichtessen von seiner Frucht, d. h. durch den Sieg in der Versuchung, sollte Adams sittliches Bewußtsein durch Betätigung seiner Wahlfreiheit zur Machtfreiheit gelangen, und damit sollte sich zugleich sein Herrscherdienst für die Erde auswirken. Jeder Sieg in der Versuchung hätte sein Innenleben ausgereift und vertieft. Immer mehr hätte er das Gute erkannt und das Böse durchschaut und wäre wachstümlich aus dem Stande der Kindesunschuld in den Stand der Mannesreife einer sieghaften Heiligkeit mit einer gottähnlichen Erkenntnis von Gut und Böse gelangt. „Adams Altar und Predigtstuhl ist gewesen dieser Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses, von welchem er Gott pflichtigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen und ihm danken sollte, und so Adam nicht gefallen wäre, so wäre dieser Baum gleich wie ein gemeiner Tempel und Hauptkirche gewesen“ (Luther). So war denn der Baum ein Zeichen der Herrschaft Gottes über den Menschen und der Unterwerfung des Menschen unter Gott. Auch im Verbot wollte Gott weit mehr geben als nehmen. In doppelter Weise hatte der Erkenntnisbaum demnach einen göttlichen Zweck; er war das Mittel in der Hand Gottes zur Erziehung des Menschen und dadurch zur Verklärung der Erde.

Dann aber kam die Sünde. In Eden verlor der Mensch sein Eden, und das Paradies, dieser Wohnort von Wonne und Lieblichkeit, wurde

IV. Die Stätte eines tragischen Zusammenbruchs

Die Schlange hatte dem Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse verheißen, und in verzerrter Form hat sie auch Wort gehalten. Doch anstatt das Böse von der freien Höhe des Guten aus zu erkennen, erkannten sie nun das Gute von dem fernen Abgrund des Bösen aus. Nach Gottes Plan hatte der Mensch durch den Sieg in der Versuchung erkennen sollen, was gut ist und böse wäre; durch die Sünde aber erkannte er hernach, was böse ist und gut gewesen wäre. Und weil er am Erkenntnisbaum frevelnd gesündigt hatte, mußte er nun auch vom Lebensbaum abgeschnitten werden (1. Mose 3,22). Der Tod hielt seinen Einzug in das Menschengeschlecht, und im Paradiese begann die Hölle des Menschen.

Doch nie konnte der Mensch seitdem seine Heimat vergessen. Vom verlorenen Paradies haben alle Völker gesungen und hoffend nach seiner Wiederkehr ausgeschaut. Das Paradies ist darum

V. Das Sehnsuchtsziel einer wartenden Menschheit

Und in der Tat, ihr Hoffen wird nicht enttäuscht werden. Die Endgeschichte wird wieder zur Urgeschichte sich wenden, und wie es im Anfang der alten Erde ein irdisches Paradies gab, so wird es dereinst auf der neuen Erde ein himmlisches Paradies geben (Off. 22, 1-5). Auch nach dem Fall ließ der HErr die hohe Berufung der Menschheit bestehen. Auch jetzt noch bleibt ewig die Verklärung der Erde an die Vollendung des Menschen gebunden. Darum „wartet das sehnsüchtige Harren der Schöpfung auf die Offenbarung der Söhne Gottes“ (Röm. 8,19).

In Christo gelangt dann einst die Menschheit an ihr seliges Ziel. Er erschien auf der Erde und vollbrachte sein Werk. Er erniedrigte sich selbst und ging an das Kreuz und trug dort die Sünden der Menschen. Doch dann stieg er auf in den Himmel empor und sitzt nun zur Rechten des Vaters, bis er einst den Tag herbeiführen wird, an dem er die Seinen sich selbst und dem Vater verherrlicht darstellen wird (Eph. 5,27; Hebr. 2,13).

Doch als Menschensohn hat er das Werk, das der Vater ihm gab, hier vollbracht. Als Mensch trug er hier die Krone der Dornen, die der unerlöste, unter dem Fluch stehende Acker ihm bot; und als Mensch wird er darum auch einst, als das Haupt seines Leibes, über denselben – doch dann den erlösten, vom Fluche befreiten – Acker regieren (Eph. 1,22). Der göttliche Erlöser ward Mensch und erlöste als solcher den menschlichen Beherrscher der Erde, verband ihn dann mit sich zu ewig untrennbarer Einheit und bewirkte also zugleich die Erlösung der Erde. Das ist der Weg, den die Gnade gefunden. So bleibt denn die alte Bestimmung der Menschheit bestehen, und doch wird sie gänzlich mit neuem Inhalt erfüllt. In Christo als ihrem Haupte gelangt die Menschheit ans Ziel ihrer Bestimmung. Er ist. als der „letzte Adam“ (1. Kor. 15,45; Röm. 5,12-21), für sie Mittelpunkt, Krone und Stern.

Aber gerade dies gehört mit zu den tiefsten Geheimnissen des Gnadenrats Gottes, daß er, zur Erreichung seiner großen, weltumspannenden Ziele, den Menschen auch da nicht beiseitegesetzt hat, wo sich dieser, durch Sünde und Fall, seiner hohen Bestimmung als unwert erwiesen. „Unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes“ (Röm. 11,29). So klingt es gleichsam, wie bei Israel im Kleinen, so hier im Großen, durch Sünde und Unheil, Verderben und Rettung hindurch. Die Vollendung der Schöpfung soll dennoch mit dem Menschen verknüpft sein. Mag ihre Entwicklung nun auch andere Wege gehen, als es ohne einen menschlichen Sündenfall gewesen wäre: das Endziel bleibt dennoch bestehen. Und weil dieses der Weg und das Ziel Gottes bleibt – daß der Mensch der Segenskanal für die Schöpfung wird -, kann es ein Werfen des Teufels in den Feuersee und einen neuen Himmel und eine neue Erde auch erst nach dem Großen Weißen Thron, d. h. nach dem Abschluß der geoffenbarten menschlichen Erlösungsgeschichte geben (Off. 21 und 22 vgl. Off. 20,11—15).

 

2. Kapitel: Sünde und Gnade

Groß war der Mensch in seinem Fall. Noch größer war Gott in seinem Erbarmen (Rom. 5,20). Auch dem Sünder gegenüber blieb die göttliche Liebe bestehen (Joh. 3,16).

Trotzdem brachte der Sündenfall eine Veränderung aller Weltverhältnisse mit sich. Neue Grundsätze wurden erforderlich, die von nun an die ganze Geschichte der Menschheit beherrschten.

I. Der Grundsatz der Erlösung

Ohne Fall wäre das menschliche Werden ein allmählicher Aufstieg gewesen. Es hätte wohl eine Heilsgeschichte, aber keine Erlösungsgeschichte gegeben. Alles wäre geradlinige Aufwärtsentwicklung gewesen. Nun aber trat an die Stelle der Entwicklungsfähigkeit des Menschen die Möglichkeit und Notwendigkeit seiner Erlösung. Hinfort handelt es sich nicht mehr um Evolution der in ihm ruhenden Kräfte, sondern um Revolutionen des Geistes in göttlichen Liebes- und Neuschöpfungstaten. Die heilsgeschichtliche Bedeutung des Sündenfalls liegt also in der Umwandlung des entscheidenden Grundprinzips aller Menschheitsentwicklung.

In der Tat, der Mensch war nicht hoffnungslos gefallen. Er blieb erlösbar, und Gott wurde ihm zum Erlöser. Zwei Tatsachen begründen diese Möglichkeit. Der Mensch hatte die Sünde nicht selber erfunden. Sein Fall hatte nicht darin bestanden, daß er von innen heraus, von sich aus, nur auf Grund völlig eigener Inspirationen gehandelt hatte, sondern auf Grund einer Versuchung von außen. Sonst wäre er allerdings ein selbsteigener Urgrund der Sünde und damit ein Teufel geworden. Und wie er das Böse weder vor noch in seinem Fall produziert hatte, so hatte er nach seinem Fall sich mit ihm auch nicht identifiziert. Sogleich empfand er die Sünde als etwas ihm Fremdes und machte einen Unterschied zwischen sich und dem Bösen. Dies beweist sein sofortiges Schamgefühl und das Bedecken seiner Blöße durch Feigenblätter (1. Mose 3, 7; 10).

Wohl war dieser erste Versuch zur Überwindung des Bösen vergeblich: aber er war doch ein unverkennbarer Beweis, daß der Mensch nicht in Schamlosigkeit und Gemeinheit untergehen wollte, daß er sein Gewissen, gegen das er gehandelt, nun nicht noch mit Bewußtsein ertötete. Damit aber werden jene Feigenblätter geradezu eine Verkörperung und ein Symbol seiner Flucht vor dem Bösen, und das Schamgefühl wird eine noch unbewußte Abwehr des Fleischesdienstes im Gefühl der Schuld und Ohnmacht und somit die erste Gegenwirkung gegen die Macht der Sünde, indem der Mensch, da er das Böse nicht zu überwinden vermag, ihm doch wenigstens zu entfliehen sucht.)

II. Der Grundsatz der göttlichen Selbstrechtfertigung

Aber die Sünde macht blind, und der Mensch kann sein Verderben nicht einsehen (Eph. 4,18; Off. 3,17). Er glaubt an das Gute in sich und vergöttlicht sein eigenes Wesen (2. Thess. 2,3; 4). „Die Menschheit ist die Gottheit von unten gesehen.“ Solange er das glaubt, wird er niemals die Erlösung ergreifen (Matth. 9,12).

Darum muß er Gelegenheit bekommen, seine Kraft nach allen Seiten hin zu versuchen, um letzten Endes dann doch zur Erkenntnis seiner Ohnmacht zu gelangen. Der menschliche Zusammenbruch muß die göttliche Methode des Wiederaufbaus werden Daher die vielen Jahrtausende im Heilsplan und die Vielgestaltigkeit der Offenbarungsgeschichte in Zeitaltern und Äonen Hierbei hat jede Periode des Heilsplans notwendig zugleich die Offenbarung des menschlichen Versagens zum Ziel, und die buntschillernde Verschiedenartigkeit und Stufenmäßigkeit des Ganzen hat darin mit ihren erzieherischen Grund, daß jede dieser Haushaltungen den Bankrott des natürlichen Menschen von einer anderen Seite aus darlegen soll. So werden schließlich alle Seelenkräfte des einzelnen und alle Gesellschaftsformen der Gesamtheit als unzureichend erwiesen, und Gottes Heilsplan in Christo erscheint nicht nur als der einzige, sondern geradezu als der einzig mögliche und notwendige. Damit aber steht Gott vor seiner ganzen Schöpfung im Himmel und auf Erden als gerechtfertigt da, daß er gerade diesen Heilsweg bestimmte. Die Heilsgeschichte wird somit zu einer geschichtlichen Selbstrechtfertigung Gottes*) und der Offenbarungsverlauf  zu  seinem  eigenen   Notwendigkeitsbeweis.  Wie geschrieben steht: „Auf daß du (Gott) gerechtfertigt seiest mit deinem Richterspruch und als Sieger dastehest, wenn man mit dir rechtet“ (Röm. 3,4).

III. Der Grundsatz des menschlichen Zusammenbruchs

In der Tat, restloser konnte der Mensch seinen Absturz nicht zeigen, als er getan hat und noch tun wird.

Gibt Gott ihm die Selbstbestimmung, so gerät er in Zügellosigkeit: – im Zeitabschnitt der Freiheitsprobe.
Gibt Gott ihm die Obrigkeit, so betreibt er Unterdrückung: – im Zeitabschnitt hinter Noah.
Gibt Gott ihm die Verheißung, so versinkt er in Unglauben: – im Zeitabschnitt der Patriarchen und der Folgezeit.
Zeigt Gott ihm seine Ungerechtigkeit, so versteigt er sich in Selbstgerechtigkeit: – im Zeitabschnitt des Gesetzes.
Gibt Gott ihm den Christus, so erwählt er sich den Antichrist: – im Zeitabschnitt des Evangeliums.
Gibt Gott ihm den König, so folgt er dem Rebellen: – im Zeitabschnitt des Tausendjährigen Reiches.

So ist der Mensch dauernd in Auflehnung gegen Gott und — wie Israel im Kleinen — so ist die Menschheit im Großen ein Volk, „dessen Herz immer den Irrweg will“ (Ps. 95,10). Kein Wunder, daß darum alle Haushaltungen mit göttlichem Gericht enden:

Der Zeitabschnitt des Paradieses – mit der Austreibung aus dem Garten;
Der Zeitabschnitt der Freiheitsprobe – mit dem Flutgericht;
Der Zeitabschnitt hinter Noah – mit Babel und der Beiseitesetzung der Völkerwelt;
Der Zeitabschnitt des Gesetzes – mit der Zerstreuung der Juden;
Der Zeitabschnitt der Gemeinde – mit der antichristlichen Trübsal;
Der Zeitabschnitt des Herrlichkeitsreiches – mit Vernichtung und flammendem Untergang (Off. 20,9).

Aber dann, wenn alle nur erdenkbaren Möglichkeiten erschöpft sind und das Weltreich alle seine Kräfte zerarbeitet hat, wird das Gottesreich triumphierend erscheinen (Off. 11,15), und im neuen Himmel und auf der neuen Erde wird Gerechtigkeit ewiglich wohnen (2. Petr. 3,13).

IV.  Der Grundsatz  des heiligen„Überrests“

Sollte aber dieses Endziel erreicht werden können, so durften die dazwischenliegenden Gerichtskatastrophen niemals totale sein. Sonst wäre der Zusammenhang des Kommenden mit dem Vergangenen verloren gewesen, und das neu in Erscheinung Getretene wäre ein Selbständiges und Anderes geworden, nicht aber die Fortsetzung und Weiterführung des Bisherigen. Das aber hätte nichts anderes bedeutet als die unverhüllte Bankrott-Erklärung Gottes vor aller Welt, daß alle seine bisherigen Erziehungsgrundsätze mit der Menschheit zusammengebrochen seien.

Darum mußte stets ein „Überrest“ aus den Gerichten gerettet werden (Jes. 10,21; 22; 11,11; Hes. 5,1-4. 1. Kön. 19,18; Röm. 1, 1—10), um somit die Grundlage für die Weiterentwicklung zu werden. Mitten im Todesgericht mußte stets über dem Bösen immer wieder ein Neuleben begründet werden. Nur so konnte die Einheit des Ganzen bewahrt und die Zukunft organisch mit der Vergangenheit und Gegenwart verbunden werden.

Dies ist die Bedeutung der Frommen in der Welt. Sie sind der Träger jedes Neuanfangs im Gericht und damit der gesamten Einheit des Heilsplans. Erst durch die „kleine Herde“ empfängt die große Heilsgeschichte ihre feste Geschlossenheit und ihren organischen Zusammenhang. Erst sie, die Geringen der Welt, sind die menschliche Grundlage für die Durchführbarkeit der Erlösung. Ohne sie würde jede Offenbarungsgeschichte in Stücke zerfallen. Scheinbar ein entbehrlicher Faktor im Weltgeschehen, sind gerade sie „der große Mitarbeiter Gottes, durch den die Welt in ihrem Fortbestand und in ihrem letzten Wesen bestimmt wird. Ihr Wandel mit Gott rettet die Zukunft der Welt“. Damit aber werden gerade sie zu den Trägern der Geschichte überhaupt und, in der Schrift, zu den Trägern der Weltchronologie.

So ziehen sich durch alle Zeitalter diese zwei Linien hindurch: das Heranreifen der großen „Welt“ zum Wettersturm des Gerichts und die Zubereitung der „kleinen Herde“ zur Herausrettung aus Elend und Not.

Wie ein Felsen im Meer steht dieses Volk in der Völkerwelt da. Auch die Pforten des Totenreichs werden es nicht überwinden (Matth. 16,18); denn mit seinem Bestand steht und fällt alle Hoffnung der Welt, und hinter aller Hoffnung steht ewig die Bundestreue des Erlösers.

Mag darum auch immer wieder die Eiche der Weltkultur durch die Axt des Gottesgerichts gefällt werden müssen: immer wieder bleibt dennoch dieser „Wurzelstock“ übrig, der „heilige Same“, aus dem neues Leben ersprießt (Jes. 6,13 vgl. 11,1), die „kleine Herde“, die das ewige Reich empfängt (Luk. 12,32). So flammt aus der Nacht des Gerichts immer wieder das Frührot des jungen Tages hervor, und in den Wetterwolken des Zornes erscheint strahlend der Regenbogen des göttlichen Erlösers (vgl. 1. Mose 9,13).

V. Der Grundsatz des Zweiten vor dem Ersten

Aber dazu erwählt sich Gott stets das Geringe (1. Kor. 1,26; 27). Nur so wird der eitle Selbstruhm des Sünders zerstört. Darum ist es auch geradezu ein durchgehender Grundzug der ganzen Geschichte der Erlösung, daß Gott immer wieder den Jüngeren dem Älteren voranstellt, das Kleinere vor das Größere setzt und das Zweite vor dem Ersten erwählt:

nicht Kain, sondern Abel und dessen Ersatz Seth,
nicht Japhet, sondern Sem,
nicht Ismael, sondern Isaak,
nicht Esau, sondern Jakob,
nicht Aaron, sondern Mose (2. Mose 7,7),
nicht Eliab, sondern David (1. Sam. 16,6-13),
nicht der erste König, sondern der zweite,
nicht der Alte Bund, sondern der Neue (Hebr. 8,13),
nicht Israel, sondern die Gemeinde.

So nimmt Gott immer wieder „das Erste hinweg, auf daß er das Zweite aufrichte“ (Hebr. 10, 9). Er erwählt sich das Schwache der Welt, auf daß er das Starke zu Schanden mache (1. Kor. 1,27). Er beruft sich die Letzten und macht sie zu Ersten, und die Ersten werden die Letzten sein (Matth. 19,30). Und dies alles geschieht, „auf daß sich vor ihm kein Fleisch rühme“, sondern: „Wer sich rühmt, der rühme sich des HErrn“ (1. Kor, 1,29; 31).

VI. Der Grundsatz der fortlaufenden Reformation

Und doch! Was geschah? Aus den begnadeten Anfängen von Leben und Kraft ging stets ein Geschlecht voller Abfall hervor. Was die Väter im Glauben errungen, war meist bei den Kindern in der dritten Generation schon verloren (Richter 2,7), und das zum Babel gewordene Jerusalem mußte schließlich – genau wie die einstige „Welt“ – dem Gericht des Verderbens verfallen.

Sollte aber dennoch der göttliche Plan nicht versagen, so mußte notwendig innerhalb dieses verflachten, inzwischen groß gewordenen Kreises – dessen Väter die Träger einer früheren Reformation gewesen waren – nunmehr ein neuer und kleinerer Kreis berufen werden, der jetzt der Träger der Offenbarung wurde, so daß nun in ihnen die Reformation der Vergangenheit gleichsam eine neue Reformation erlebte. Und da sich dies im Verlauf der Zeit immer wieder vollzieht, ist die ganze Geschichte der Erlösung geradezu von dem Grundsatz einer fortlaufenden Reformation beherrscht.

VII. Der Grundsatz des heilsgeschichtlichen Fortschritts

Aber göttlicher Neuanfang ist nie bloße Rückkehr zum Alten. In jeder aus dem Zusammenbruch herausgeborenen Reformation lag zugleich ein keimhaftes Lebensprogramm für die Zukunft. Offenbarung und Entwicklung sind durchaus keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Auch im Bereiche der Bibel gibt es einen Aufstieg vom Niederen zum Höheren, aus der Dämmerung zur Klarheit (Matth. 13,16; 1. Petr. 1,10; Joh. 16,12). In Abram erkor sich Gott eine Einzelperson; in Jakob erwuchs eine Familie; am Sinai wurde diese zum Volk. Jetzt sammelt sich Gott ein übernationales Volk aus allen Völkern (Apg. 15, 14); im kommenden Gottesreich wird es eine universale Völkergemeinschaft sein (Jes. 2,2-4; Jes. 19,25), und zuletzt wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben (Off. 21,1).

Aber dies alles ist Gottes Werk, kein menschlicher „Fortschritt“, kein Aufstieg der Geschöpfe aus der Tiefe in die Höhe, sondern eine Herablassung des Schöpfers aus der Höhe in die Tiefe; keine Entwicklung menschlicher Kräfte bis zur Entfaltung höchster, idealer Humanität, sondern eine Hinführung zu göttlichen Ewigkeitszielen, durch mächtige Taten göttlichen Eingreifens in Liebe und Kraft. So wird denn durch göttliches Tun von oben nach unten das irdische Sein von unten nach oben geführt, bis zuletzt Gottes Herrlichkeit im Geschöpflichen erscheint und alles Irdische im Himmlischen verklärt ist (Matth. 27,51; Joh. 3,13).

 

3. Kapitel: Das Frührot des Heils

Einem sonnigen Morgen hatte der Anfang der Menschheit geglichen. Aus der Ewigkeit kommend, hatte die Zeit das Glück gleichsam in Händen getragen. Im Paradiesessegen hatte Gott Himmel und Erde vereint.

Doch dann kam die Sünde. Wie ein nachtschwarzer Gewittersturm brach sie verheerend herein und vertrieb all diesen Morgenglanz aus der Geschichte der Zeit. Fortan stand die Erde unter dem Schatten des Todes.

Folgenschwer war auch das göttliche Gericht. Der Mensch hatte in seinem Ungehorsam das Königsein Gottes verneint und den Herrscher des Alls von dem Thron seines Herzens gestoßen. Sünde ist Aufruhr gegen Gott, Empörung gegen den Höchsten, Rebellion des geschöpflichen Einzelwillens gegen die göttliche Weltordnung. Nun trat das menschliche Ich an die Stelle des abgesetzten Gottes und wurde der König auf dem Thron. Nach Gottes Plan hatte der Mensch gewissermaßen ein geistlicher Kopernikaner sein sollen, der, gleich einem Punkt auf der Kreislinie, von Gott als seiner Sonne und seinem Mittelpunkt abhängt. Anstatt dessen war er nun in den Irrtum des ptolemäischen Systems gefallen und stellt sein eigenes Ich in den Mittelpunkt seines Lebens, um den sich fortan alles andere, Gott und Welt, drehen müsse. Darum hat ihn auch Gott an sein Ich hingegeben. Nun ist der Mensch gänzlich gefangen unter seinem Ich. Er erwartet sein Glück, seine Erlösung von seinem Ich. Er rechtfertigt sein Ich. Er rühmt sein Ich, und alle seine Gedanken kreisen um sein Ich.

Und zu dem Ich gesellt sich die Welt, die der Mensch in seiner Verblendung Gott vorgezogen hatte. Mit dem Ich besteigt gleichzeitig die Welt in ihm den Thron, und Gott gibt den Menschen auch hin an die Welt. Und da das Ich und die Welt nicht imstande sind, den leeren Platz Gottes in ihm auszufüllen, setzt dieser rasende Hunger der Menschenseele ein, der sie selbst zerquält, der Hunger nach Ichgeltung und Welt, nach Besitz und Genuß. Gerade dieser maßlose, unersättliche Hunger ist immer wieder ein Beweis, daß einst Gott das Menschenherz befriedigt hatte, daß das Menschenherz auf Gott angelegt ist.“

Auch im einzelnen verhängt Gott über den Sünder das Gericht.

Das Weib wurde gerade in ihrem höchsten Beruf, im Mutter- und Weibsein, erfaßt (1. Mose 3,16). Ihr kleinerer Kreis von Familie und Haus stand fortan unter dem Druck von allerlei Nöten.

Den Mann traf die Strafe in seinem männlichen Beruf, in dem größeren Umkreis seiner Arbeit und seines Broterwerbs (1. Mose 3,17). In dem Mann aber wurde zugleich der menschliche Beruf an sich betroffen, da ja Adam, als Haupt auch des Weibes, zugleich der Vertreter des Allgemein-Menschlichen war. Mühsal der Arbeit, Krankheit, Leiden und Tod sind von nun an das traurige Los aller Menschen. Mit dem Augenblick des Sündigens (1. Mose 2,17!) war der geistliche Tod und mit ihm auch – unter dem göttlichen Gericht – das Aufhören der leiblichen Todeslosigkeit eingetreten. Nachdem sich der Geist von seinem Zentrum, Gott, losgesagt hatte, rissen sich nun auch, infolge des Strafurteils Gottes, die leiblichen und seelischen Lebenskräfte von ihrem Zentrum, dem Geiste, los, und das Ende dieser Trennung von Leib, Seele und Geist ist der leibliche Tod (Röm. 6,23). Fortan ist das „Leben“ nur ein allmähliches Sterben, und die Geburt ist der Anfang des Todes.

Da aber Adam, als der Stammvater der Menschheit, zugleich auch ihr organischer Stellvertreter war, setzte sich Tod und Verderben auch auf alle seine Nachkommen, auf das ganze, von ihm stammende Menschengeschlecht fort. Der Fall war universal (Röm. 5,12-21; 1. Kor. 15,21).

Infolge der geistseelisch-leiblichen Fortpflanzung der Menschheit besteht ein geheimnisvoller, organischer Zusammenhang zwischen jedem einzelnen und der gesamten menschlichen Art, und dadurch mit Adam als dem Stammvater und Urbild des Ganzen. Jeder einzelne ist ein Teil seiner Vorfahren  und ein Teil   seiner Nachkommen,   ein Durchgangspunkt des Blutstroms seiner Eltern und Ahnen. „Die Seele alles Fleisches ist im Blute“ (3. Mose 17,11; 14; Apg. 17,26).

Daher die Betonung der Stammbäume in der Schrift (z. B. 1. Mose 5; 1. Chr. 1-9) und die Bedeutung der Vererbungsgesetze in Familie und Volk. Daher auch die artgemäßen Gleichheiten und Verschiedenheiten der Nationen und Rassen und der gleichartige und dennoch unterschiedliche Erbgrund des Denkens und Empfindens von Volk zu Volk, das heißt, von Seele zu Seele. Daher auch die Übertragung der Unvollkommenheiten und Charakterfehler der Ahnen, das Weitergehen des Bösen von Generation zu Generation, das radikale, zentrale, totale Verderben aller, die Wurzelkrankheit der Menschenseele, das Verlorensein jedes einzelnen, das Vergiftetsein des Gesamtorganismus, das heißt, die Erbsünde. „Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer“ (Ps. 14, 3 vgl. Ps. 51, 7; Joh. 3, 6; 1. Mose 8, 21 vgl. Hebr. 7,9).

Die Gesamtheit aller natürlichen Menschen bildet eben einen rassisch gegliederten Organismus, und jeder einzelne ist – schon durch seine bloße Geburt – unentrinnbar ein Glied desselben. Er ist „in“ Adam (1. Kor. 15,22). Die Menschheit ist nicht eine bloße Zusammenzählungssumme vieler getrennter Einzelpersönlichkeiten, sondern ein einziger, ungeheurer „Leib“, der, seinem Ursprung und Wesen nach, nur den einen, ins Milliardenfache vermehrten und differenzierten Stammvater Adam darstellt. Daher auch die Allumfassenheit des Falls und die Ausnahmslosigkeit der Sünde (Röm. 5,12; 3,10—12; 23); daher auch die Notwendigkeit der Wiedergeburt jedes einzelnen (Joh. 3,3) und der Menschwerdung Christi als des Heilands und Erlösers (Röm. 5,12—21).

Die Natur. Indem aber Adam durch seinen Ungehorsam die Herrschaft des Schöpfers über sich verneint hatte, hatte er zugleich auch seine eigene Herrschaft über die Schöpfung zerrüttet. Zwar blieb seine Herrschaft als solche bestehen — denn der Herrscherberuf des Menschen gehört mit zu seinem unverlierbaren Gottesbild —;s) aber die Ausübung und Steigerung dieser Herrschaft stürzt den gottgelösten Menschen in immer neue Nöte. Was ihm zum Segen werden sollte, wird ihm zum Verderben,‘) und gerade aus der Höhe seiner Berufung ergibt sich ein desto tieferer Sturz.

Und noch mehr. Auch die irdische Schöpfung in sich wird betroffen. „Ist das Haupt bei Gott, so sind es die Glieder auch. Fällt die Krone der Schöpfung in den Staub, so werden auch die Untertanen mit in den Sturz hineingerissen“ (A. Köberle). Dies fordert der organische Zusammenhang von Geist und Natur. Aus ihm folgt, beim Eintritt des Falls, eine „Verklammerung von geistiger und leiblich-irdischer Not, von innerem und äußerem Schaden, von Weltschuld und Weltleid, von Menschheitssünde und seufzender Kreatur“. Aus der Pflanzenwelt hatte der Gegenstand der Versuchung, aus der Tierwelt das Werkzeug des Versucher gestammt. So bleiben sie nun beide, das Pflanzen- und Tierreich, um des Menschen willen gebannt (1. Mose 3,17), und die Schöpfung, die durch den Menschen ihrer Erlösung und Vollendung hatte entgegengeführt werden sollen, bleibt weiterhin der Nichtigkeit unterworfen. So bietet sie noch heute jenen rätselhaften Zwitterzustand dar, der in seinem Widerstreit von Glück und Unglück, Weisheit und Unvernunft, Zweckmäßigkeit und Zerrüttung sowohl den Gottesglauben wie auch die Gottesleugnung unmöglich zu machen scheint.

Wir wissen, daß die ganze Schöpfung zusammen seufzt und in Geburtswehen liegt bis jetzt“ (Röm  8,22). Was aber soll sie denn gebären? — Den neuen Himmel und die neue Erde.

Aber gerade der Erde Leid dient mit zur Erlösung des Menschen. Denn gerade dadurch, daß sie ihm das nicht bieten kann, was er von ihr erwartet, löst sie ihn selber von seinen falschen Hoffnungen und nährt seine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese. So sollen seine Enttäuschungen am Irdischen den Menschen frei zu machen helfen für das“ Verlangen nach dem Himmlischen, damit er am Ende das Bekenntnis ablegen kann: „Siehe, zum Heile ward mir bitteres Leid“ (Jes. 38,17).

Das Gericht über die Schlange. Am deutlichsten zeigt sich das Frührot des Heils in dem Urteilsspruch über die Schlange (1. Mose 3,15). Hier beweist das Urevangelium, wie die durch das Dunkel des Zornes hindurchstrahlende Gnade den Fluch über die Schlange zur Verheißung für den Menschen gestaltet hat. In dem Augenblick, wo der Sünder, auf das Strafurteil wartend, als Angeklagter vor Gott stand, konnte ihm natürlich keine unmittelbare Verheißung gegeben werden. Dennoch mußte ihm, dem Hörenden und Zitternden, das Gerichtsurteil des Verderbens über seinen Verderber zum Hoffnungsstrahl für ihn selber werden. Zwar war also die Vorderseite des Urevangeliums Gericht; aber die Rückseite bedeutete Verheißung für die Menschheit.

Zunächst ist jedoch der Sinn der Weissagung noch dunkel; denn wenn Satan durch die Schlange dargestellt war, so konnte der Schlangen-„same“ doch nichts anderes sein als die Gesamtheit aller dämonischen und menschlichen Wesen, die, als gottfeindliche „Otternbrut“ (Matth. 3, 7; 12,34; 23,33), auf der Seite des Teufels stehen würden – also nicht ein einzelner, sondern eine Vielheit von Wesen. Dann aber forderte die Harmonie der gleichlaufenden Gegenüberstellung, daß auch der Weibessame nicht nur eine Einzelperson, sondern ebenfalls eine Vielheit von Nachkommen sei, nämlich die Gesamtheit aller derer, die sich gläubig auf den Boden der dem Weibe gegebenen Verheißung stellen würden. Nur indirekt konnten die ersten Menschen ahnen, daß auch die Nachkommenschaft des Weibes dereinst in einer Einzelpersönlichkeit gipfeln würde; denn wenn es in dem Schlußsatz der Weissagung heißt, daß der Weibessame nicht nur dem Schlangensamen, sondern geradezu dessen Haupt, der Schlange selbst, den Kopf zertreten werde, so ließ sich daraus unter Umständen die Erkenntnis gewinnen, daß auch er selbst einst in einem Haupt, einer Einzelperson, seinen Gipfelpunkt erreichen werde.

Erst heute sehen wir, rückwärts schauend und belehrt durch die Auslegung späterer Weissagungen (bes. Jes. 7,14; Matth. 1,21-23; Micha 5, 2; Gal. 4,4), daß Gott hier zum ersten Male von Christo, seinem Sohne, gesprochen hat. Dieser ist, als der Mittelpunkt der Menschheit, zugleich Zentrum des Weibessamens. Erst von hier aus verstehen wir auch, warum Gott nicht von einem Mannessamen, sondern von einem Weibessamen gesprochen hat (vgl. Matth. 1,18), und gleichzeitig eröffnet dies Weissagungswort vom Fersenstich und vom Kopfzertreten jene wundersame Reihe von göttlichen Aussprüchen, welche die für Christus bestimmten Leiden und seine darauffolgenden Verherrlichungen im voraus bezeugten (1. Petr. 1,11).

So ist gleich das erste Verheißungswort das umfassendste und allertiefste. Die ganze Heilsgeschichte ist in ihm verborgen. Allgemein, unbestimmt, dunkel, wie die Urzeit, der es angehört, liegt es an der Schwelle des verlorenen Paradieses. Erst spät beginnt in der Prophetie seine Lösung anzudämmern. Aber erst der Sohn der Maria, der Jungfrau, der für uns alle den Fersenstich der Schlange erduldete, um ihr den Kopf zu zertreten für uns alle: erst er hat dies für alle Heiligen und Propheten schwere Rätsel gelöst, indem er es erfüllt hat. Erst der Höhepunkt der Verheißung – der Immanuel selber – hat den Inhalt der Verheißung ans Licht gestellt. Erst das Neue Testament ist der Schlüssel zu dieser Hieroglyphe des Alten Testaments; erst das Evangelium ist die Auslegung des Urevangeliums.

Auf diese erste Ankündigung der Erlösung folgte alsbald

Die Bekleidung der Menschen mit Tierfellen. Zum ersten Mal tritt ein blutiger Tod eines unschuldigen Wesens zugunsten des gefallenen Menschen ein.  Der Grundsatz des Opfers wird aufgerichtet (1. Mose 3,21) Und wie die unzureichenden Feigenblätter Ausdruck und Anfang aller menschlichen Selbsterlösungsversuche gewesen waren, so sind nun die dem göttlichen Wort glaubenden und daraufhin von Gott selbst um den Preis eines unschuldig vergossenen Blutes bekleideten ersten Menschen das Urbild aller derer, die sich im Glauben an das Opfer des Lammes Gottes haben umhüllen lassen mit den Gewändern des Heils und dem Schmuck ewiger Reinheit und Heiligkeit (Kol. 3,12; Gal. 3, 27). Damit aber wird jene Bekleidung am Anfang der Menschheitsgeschichte eine sinnbildliche Weissagung auf die Mitte der Heilsgeschichte, auf das Kreuz von Golgatha, und zugleich ein Hinweis auf das selige Ende, wenn Gott einst seine Erwählten bekleidet haben wird mit dem neuen Auferstehungsleibe (Phil. 3,20; 2. Kor. 5,2) und dem hochzeitlichen Kleid der Verherrlichung (Off. 19,8).

Die Austreibung aus dem Paradiese. Aber nur außerhalb des Paradieses konnte der Mensch sein Paradies wiederfinden. Denn Sünde ist Trennung von Gott. Gott aber ist der Urquell alles Lebens. Also ist Sünde Trennung vom Leben, das heißt geist-seelisch-leiblicher Tod (Röm. 6,23).

Soll aber dennoch eine Erlösung bewirkt werden können, so muß die Sünde eine Sühnung finden, und diese muß, um der Gerechtigkeit willen, der Schuld entsprechen, also ebenfalls in der Trennung vom Schöpfer und Leben, das heißt im Tode bestehen (Hebr. 9, 22). Nur so kann das wahre Leben wiederhergestellt werden. Die Erlösung muß darin bestehen, daß der Tod, dieser große Feind des Menschen, zum Mittel seiner Errettung gemacht wird (4. Mose 21,6; 9; Joh. 3,14). Nur durch den Tod kann dem Tode der „Tod“ bereitet werden.

Dann aber muß ein Sterben in der Menschheit überhaupt möglich sein, und auch daher die Notwendigkeit einer Austreibung aus dem Paradiese (1. Mose 3,13). Ein weiteres Verbleiben im Paradiese und eine fortgesetzte Verjüngung seiner äußeren Lebenskraft hätte für den Menschen nichts anderes bedeutet als die Verewigung seiner Sünde, seine Verurteilung zur Unerlösbarkeit und damit ein nie aufhörendes Verderben. Eine leibliche Unsterblichkeit des Sünders wäre ein ewiges Sterben seiner Seele und das Paradies eine Hölle geworden. Darum ist die Ausweisung aus dem Garten positiv in ihrem Ziel. In allem Nehmen war Gott am Geben. Er überwies den Sünder dem leiblichen Tode, um ihn aus dem ewigen Tode zu retten.

So hatte sich dreifach die Tür des Paradieses geschlossen, im Gericht über den Mann, das Weib und die Schöpfung; aber dreifach hatte sich auch das Tor der Erlösung geöffnet:

als Verheißung des Heils – im Urevangelium,
als Vorausschattung des Heils – in der neuen Bekleidung der ersten Menschen und
als Ermöglichung des Heils – in ihrer Ausweisung aus dem Paradiese.

 

4. Kapitel: Zwei Menschheitswege

Der neue Zeitabschnitt trug ein besonderes Gepräge. Sein Hauptzweck war, offenbar zu machen, was die Sünde in der Menschennatur eigentlich bewirkt hatte. Darum war er von drei leitenden Grundsätzen beherrscht; er vollzog sich

  1. ohne besondere grundsätzliche Befehlseinrichtungen Gottes (lies 1. Mose 3,14-19),
  2. in Beschränkung der Offenbarung auf das Zeugnis von Natur, Gewissen und Geschichte und
  3. ohne irdische Kontroll- bzw. Strafinstitutionen
für den Sünder für den Fall seines Ungehorsams.

In der Paradieseszeit hatte es Verbot und Gebot gegeben (1. Mose 2,16). Dasselbe war in allen späteren Haushaltungen der Fall. Nur hier in der Zeit zwischen Adam und Noah, als der einzigen derartigen Periode im gesamten göttlichen Heilsplan, hatte die Menschheit grundsätzliche Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollte. Keine Obrigkeit und keine Regierungsgewalt waren von Gott eingesetzt, um den Sünder in der Selbstoffenbarung seiner Schlechtigkeit einzuschränken. Der Mensch sollte eben ungehinderte Gelegenheit bekommen, zu zeigen, was er leisten konnte, und zu offenbaren, was er werden würde, wenn er sich frei entwickelte. Damit aber wird dieser zweite Zeitabschnitt des Heilsplans zum Zeitabschnitt der menschlichen Selbstbestimmung. Das Ende aber ist – die Sintflut!

Schöpfer der vorsintflutlichen Kultur ist Kain. Zugleich ist er Urbild der ganzen, aus ihm hervorkommenden Menschheitsgeschichte, sofern diese sich in Loslösung von Gott und in innerer Gemeinschaftslosigkeit in bezug auf den Höchsten entwickelt.

I. Kains geistig-religiöse Natur

Kain war nicht ein Vertreter religiöser Gleichgültigkeit. Er brachte vielmehr Gott ein Opfer dar, – aber er ergrimmte vor Neid, als er Abels, aber nicht seine Gabe anerkannt sah. Und er war, weil ihm die innere Frömmigkeit fehlte, trotz seines äußeren Gottesdienstes, der erste Mensch, der aus dem Bösen war (1. Joh. 3,12).

Und aus der falschen Gesinnung des Opfernden ergab sich von selbst ein falscher Inhalt seines Opfers. Während Abel sein Bestes brachte (1. Mose 4,4), opferte Kain kein Erstlingsopfer, sondern ein Irgend-Etwas, das er gerade fand. Und während Abel ein blutiges Opfer darbrachte und damit die Todeswürdigkeit seiner Sünde anerkannte, (Im Hinblick auf die göttliche Einsetzung des Opfers bei der Bekleidung der ersten Menschen mit Tierfellen) die nur durch das stellvertretende Sterben eines unschuldigen Opfers vor Gott zugedeckt werden konnte, brachte Kain einen lediglichen Ausdruck seiner Abhängigkeit und Dankbezeugung dar und als diesen noch dazu ein selbsterarbeitetes Erzeugnis der eigenen Kraft. Damit aber wird er zum Vorbild aller derer, die es wagen, dem Heiligtum Gottes ohne Blutvergießen zu nahen (Hebr. 9,22), die sich wohl als ein abhängiges Geschöpf, nicht aber als todeswürdigen Sünder bekennen.

Und von nun an gehen diese zwei „Wege“ durch die Menschheit hindurch:

auf der einen Seite der Weg Kains (Jud. 11): die fleischliche Religiosität und die ungebeugte Selbsterlösung, das Vertrauen auf sich selbst und die Verwerfung der Stellvertretung, – dieser Idealismus der eigenen Kraft, diese Theologie des ersten Mörders, dieser ,,Glaube“ des Schlangensamens (vgl. Jak. 2,19);

auf der andern Seite aber der Weg Abels: die demütige Anerkennung der Todeswürdigkeit der Sünde, das Vertrauen des Schuldigen auf das von Gott selbst gestellte Opfer, das Erdulden von Verfolgung um des ewigen Zieles willen, die Erwartung des Triumphes der Gotteserlösung des Weibessamens.

Das Ende aber wird umgekehrt dem Anfang entsprechen: die Linie des getöteten Abel wird zum ewigen Leben gelangen (Hebr. 11,40); aber Kains Weg wird untergehen. Die höchste Vollendung von Abel ist Christus und in ihm die Menschwerdung des heiligen Gottes; die höchste Verstiegenheit Kains aber ist der Antichrist und in ihm die Selbstvergottung des fluchbeladenen Sünders (2. Thess. 2,4). Darum endet der Weg des einen im himmlischen Jerusalem (Hebr. 12,22), der des andern aber im Feuersee (Off. 19,20).

Und wie der erste „Krieg“ in der Menschheit gleichsam ein Religionskrieg gewesen war (1. Mose 4), so wird es – vor wie nach dem irdischen Gottesreich der Endzeit – auch der letzte sein (Off. 16,16; 19,19 – Off. 20,8). Dann aber wird sich das göttliche Dulden erheben zu frohlockender Siegesgewalt, und Abels Glaube wird triumphieren über Kains Religion.

II. Kains politisch-kulturelle Bedeutung

Mit seinem Grundsatz der Selbsterlösung wurde Kain der Anfänger aller gottfernen Menschheitsentwicklung. Er, der nach dem göttlichen Strafurteil „unstet und flüchtig“ sein sollte (1. Mose 4,12), stemmt sich nun eigenwillig gegen den Fluch und wird, in trotzigstem Widerspruch gegen das göttliche Wort, sogar der aller erste Mensch, der eine feste Niederlassung, eine „Stadt“, baut (1. Mose 4,17).

Damit ist die Grundrichtung aller ferneren Menschheitsentwicklung, sofern sie von Gott wegführt, gegeben: Überwindung des Fluches auf dem Wege gottgelöster Kultur, Zurückgewinnung des Paradieses ohne das Erlebnis der Erlösung, Zusammenballung der Fleischeskraft ohne Anerkennung der Gottesherrschaft und also Selbsterlösung der Menschheit unter Ausschaltung der Gottheit.

Bezeichnend hierfür ist schon der Name dieser ersten menschlichen Stadt: „Henoch“, „Einweihung“, Neuanfang, Umstellung alles Bisherigen, Neubeginn eines eigenherrlichen, gegen Gott revoltierenden, gemeinschaftlichen Kulturlebens (1. Mose 4,17).

Damit aber tritt diese erste Stadt in Gegensatz zum Urevangelium. Beide sind Neuanfang nach dem Zusammenbruch. Aber dort war es der Neubeginn Gottes auf dem Wege der Erlösung; hier ist es der Neuanfang der Menschheit auf dem Wege Gott ausschaltenden Fortschritts.

An sich sind Kulturerrungenschaften nichts Widergöttliches, sondern gehören mit zum Paradiesesadel der Menschheit. Erfindungen und Entdeckungen, Wissenschaften und Künste, Verfeinerung und Veredelung, kurz, das Vorwärtsschreiten des Menschengeistes sind durchaus Gottes Wille. Sie sind Besitzergreifung der Erde durch das Königsgeschlecht der Menschheit (1. Mose 1,28), gottgeordneter Herrscherdienst zum Segen der Erdwelt. Und nur völliges Mißverstehen einfachster Offenbarungsgesetze ist imstande, der Heiligen Schrift rückschrittliche Denkart und Kulturfeindschaft vorzuwerfen. Nein, was die Bibel ablehnt, und was das „Kainitische“ ist, ist nicht die Kultur an sich, sondern die Gottentfremdung von Millionen ihrer Vertreter, die Unwahrheit religiösen Scheinwesens, die Rücksichtslosigkeit gegen den Nächsten, der Geist des Hochmuts und der Rebellion, kurz, der Aufruhr gegen den Höchsten.

Und wie Trotz das kainitische Wesen nach Oben, zu Gott hin, kennzeichnete, so Unterdrückung und Gewalttat nach Unten, zur Mitmenschheit, hin. Damit aber wird Kain, der Brudermörder, zum ersten Vertreter des Religionskrieges und Krieges überhaupt, zum Urtypus aller Tyrannen der Welt, zum Vater alles Massenmordgeistes aller brutalen Barbarei. Darum ist seine Stadt auch der erste Grundstein aller sich von Gott lossagenden Weltreiche, sofern in ihnen der Geist des Tieres herrscht (vgl. Dan. 7, 2-8; 8,3-7; Off. 13,1).

III. Die herrschenden Grundzüge der kainitischen Kulturwelt

„Gleichwie die Tage Noahs waren, also wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein“ (Matth. 24,37). Wie im Heilsplan die göttlichen Grundsätze, einem Kreislauf gleich, am Ende zum Anfang zurückkehren, so entsprechen auch in der Geschichte der Kultur die letzten Perioden den ersten. Darum ist die Erforschung jener alten Vergangenheit zugleich eine Botschaft für die spätere Zeit, und insonderheit ist die kainitische Kulturwelt das keimhafte Urbild für die Weltlage der Endzeit.

Dies ist sie durch ihre folgenden sechs Grundzüge:

  1. Schneller Fortschritt in allen mechanischen
Künsten. Die entscheidende Geistesrichtung der vorsintflutlichen
Menschheit war der Versuch, das verlorene Paradies gleichsam durch ein
künstliches zu ersetzen. Schneller als bei den Sethiten vollzog sich der
„Aufstieg“ bei den Kainiten. Durch Kain
kam das seßhafte Leben und der Städtebau auf, durch Jabal die Nomadenkultur. Tubalkain wurde
der Vater der Schmiedekunst und Jubal der Schöpfer
der Musik. Alle drei letzteren waren Söhne Lamechs. So waren bald alle
drei Hauptstände der menschlichen Gesellschaft entstanden, der Nährstand, Wehrstand und Lehrstand, der Gewerbetreibende, Krieger und
Geistesarbeiter. Als Metallarbeiter wurde Tubalkain der Begründer der „Industrie“, und Jubal wurde der Schöpfer aller Entspannungs- und Vergeistigungsversuche in Kunst und Musik. Lamech aber, sein Vater, wurde der erste Vertreter der Dichtkunst.
  2. Große Zunahme der Bevölkerung. „Die Menschen
begannen sich zu mehren“ (1. Mose 6,1). Schon Kain kann -zweifellos in höherem Alter – eine „Stadt“ bauen (1. Mose 4,17). Dies ist um so weniger erstaunlich, als die Lebenskraft der jungen Menschheit im Anfang sehr stark gewesen sein muß. Auch muß die Zahl der Kinder – bei dem langen Leben der Eltern – viel größer gewesen sein als später und, aus demselben Grunde, müssen auch viele Generationen gleichzeitig nebeneinander gelebt haben.
  3. Nichtbeachtung des göttlichen Ehegesetzes. Von Kains Nachkommenschaft werden drei Frauen erwähnt, während dies im Geschlechtsregister Seths bei keiner einzigen der Fall ist. Die Namen dieser drei kainitischen Frauen sind Ada („Schmuck“, „Morgen“ oder „Schönheit“), Zilla (die „Schattige“, vielleicht wegen ihres reichen, sie verschattenden Haares) und Naama („Lieblichkeit“). Ihre Erwähnung bei den Kainiten deutet darauf hin, daß dort die Frauen stärker hervortraten als bei den Sethiten, und daß äußere Schönheit und sinnliche Anziehungskraft die Haupteigenschaften waren, die man an ihnen schätzte. Lamech aber schließlich, der Siebente von Kain, übertrat ganz unverblümt das ursprüngliche Ehegesetz“) und wurde der erste Vertreter der Vielweiberei.
  4. Zurückweisung der Bußpredigt des Glaubens.
Dennoch sandte Gott Zeugen in diese abtrünnige Welt mit dem Mahnruf
zur Buße und Umkehr.  Aber auf diese hörte man nicht. Man achtete

    – weder in den Tagen des Enos auf den Zusammenschluß der Frommen zu gemeinsamer Anbetung Jahwes des HErrn als des Bundesgottes und Erlösers (1. Mose 4,26),
    – noch in den Tagen des Henoch auf die Warnung dieses Propheten vor dem kommenden Weltgericht (Judas 14; 1. Mose 5,21; Hebr. 11,5),
     – auch nicht auf Lamech, den Sethiten, der auf den verheißenen „Tröster“ und „Ruhebringer“ (hebr. „Noah“) wartete (1. Mose 5,29),
     – und ebensowenig auf Noah, den „Prediger der Gerechtigkeit“, der 120 Jahre lang wider sie zeugte (1. Mose 6,3; 2. Petr. 2,5). Im  Gegenteil, auch die Sethiten wurden allmählich vom Zeitgeist überwältigt, und so kam es zuletzt zu einer allgemeinen

  5. Verbindung des bekennenden Gottesvolkes mit
der Welt. Die Kainiten werden darum, seit Lamech, nicht weiter als
getrennter Stamm aufgeführt (1. Mose 4); und in der bald kommenden
Sintflut gehen sie alle – die Sethiten genau so wie die Kainiten – zugrunde. Nur Noah, der Zehnte von Adam, und seine drei Söhne werden
mit ihren Frauen gerettet (1. Petr. 3,20).

Und doch war diese ganze, dem Untergang geweihte Welt des Eigenruhms voll

  1. Selbstverherrlichung der Menschheit. Während
in Henoch, dem Siebenten (Jud. 14), die sethitische Frömmigkeit ihre
Höhe erreichte, war Lamech, der Siebente, der verkörperte Gipfel kainitischer Rebellion.  In ihm ist die Reihe der Kainiten an das selbstherrliche Ziel ihrer Entwicklung gelangt, und darum ist er auch im biblischen Bericht der Abschluß der kainitischen Urgeschichte. An sich sind Kulturerrungenschaften nichts Widergöttliches; aber hier diente alles zur Übertäubung des Gewissens.

Lamechs Lied ist „ein Triumphgesang auf die Erfindung des Schwertes“ (1. Mose 4, 23; 24). Mit einer Mordtat begann, mit einem Mordliede schließt die Geschichte der Kainiten. Im siebenten Gliede ist alles vergessen; mit Musik, Gesellschaft, Üppigkeit und Pracht wird alles übertäubt. Der Fluch der Einsamkeit ist in Stadtleben, der Fluch der Unstetigkeit in Wanderlust, das böse Gewissen in Heldenmut verwandelt, der die Erinnerung an den Fluch des Ahnherrn nur zur Unterlage seines eigenen, gotteslästerlichen Selbstgefühls macht (1. Mose 4,24). So ist alles Lust und Herrlichkeit, umschlungen und gekrönt von der Blume menschlichen Witzes und der schaffenden Seelenkräfte: der Dichtkunst.

Zuletzt aber blieb der Höchste seine Antwort nicht schuldig, und seine Antwort war – das Gericht. Nach über anderthalb Jahrtausenden göttlicher Geduld, in der zehnten Generation – zehn ist die Zahl der Vollständigkeit und des Abschlusses einer vollendeten Entwicklung – vernichtete die Sintflut die gottentfremdete, sündige Menschheit.

 

5. Kapitel: Naturbund und Weltgeschichte (Der Bund Gottes mit Noah)

Die Sintflut war beendet. Die „damalige Welt“ war dahin (2. Petr. 3,6).  Eine neue Menschheitsperiode begann. Gleich im Anfang wurden die Richtlinien für die Zukunft gegeben. Der Bund Gottes mit Noah bildet die Grundlage aller kommenden Natur-, Menschheits- und Heilsgeschichte.

I. Die Naturordnung

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,21; 9,11). Eigenartig ist die Begründung: „Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.“ Also das, was soeben noch Grund für die Vernichtung gewesen war, wird nunmehr zum Hauptgrund für die Verschonung. Jetzt begann, nach der Flut, die Zeit der göttlichen Geduld (vgl. Apg. 14,15; 17,30), und mit Noah, dem Ruhebringer, setzte für die sündige Menschheit eine Jahrtausende lange Periode der „Ruhe“ vom göttlichen Zorn ein.

Zugleich wird dem Menschen sein Königsrecht über die Erde bestätigt.

II. Die Herrschaftsordnung

Aber jetzt ist sein Verhältnis zur Natur, besonders zur Tierwelt, nicht mehr das ursprünglich harmonische, sondern eine Beziehung mit Unterdrückung und Widerstreit. Im Paradiese hatte die geistige Majestät des irdischen Königs das Tier gewissermaßen magisch gebunden: nun aber ist es eine Herrschaft mit Furchtwirkung auf der einen und Scheu auf der andern Seite (1. Mose 9,2). Und dazu paßt auch das sicher schon früher von den Menschen sich selbst angemaßte, ihnen aber erst jetzt von Gott zugebilligte Recht, Tiere zu töten und sie – ausgenommen ihr Blut – zur Nahrung zu verwenden (1. Mose 9,2-5).

Mit dieser Herrschaft des Menschen über die Natur verbindet sich auch ein Herrschaftsrecht des Menschen über Menschen.

III. Die bürgerliche Ordnung

„Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder durch Menschen vergossen werden“ (1. Mose 9,6). Damit wird für den Mörder die Todesstrafe eingeführt. Dies aber schließt die Kontrolle des einzelnen durch die Gesamtheit und die Einsetzung öffentlicher Gerichte in sich und bedeutet nichts Geringeres als die Einführung obrigkeitlicher Gewalten und damit die Grundlegung aller späteren Staatenbildung (Röm. 13,1-6; 1. Petr. 2,13-17). Wenn aber die Todesstrafe des Mörders mit der Gottesbildlichkeit des Ermordeten begründet wird (1 Mose 9,6), so zeigt dies, daß die Ausübung der Justiz auf der Grundlage des menschlichen Gottesbildes und folglich des geistigen und geistlichen Adels der Menschheit erfolgen solle, daß somit die Obrigkeit nicht auf brutaler Gewalt, sondern auf der Anerkennung des göttlichen Naturrechts in der menschlichen Gesellschaft beruhen müsse. Nur so wird sie Vertreterin des Rechts und Dienerin Gottes zum Wohl ihrer Untertanen (Röm. 13,4).

Diese Einsetzung menschlicher Obrigkeit war aber zugleich eine notwendige Ergänzung zu der Verschonung der Menschheit vor nochmaligem Flutgericht. Denn wenn Gott, mit Rücksicht auf die angeborene Sündhaftigkeit des Menschen, hinfort kein Vertilgungsgericht mehr wie die Flut über ihn kommen lassen wollte, so mußte er dem Überhandnehmen der Sünde durch Einführung von Ordnung und Recht einen Damm setzen und somit den Grund legen zu einer geordneten, bürgerlichen und staatlichen Entwicklung. So aber gehören Naturordnung und bürgerliche Ordnung zusammen. Möglich jedoch wurden sie erst durch das Vierte:

IV. Die Heilsordnung

„Noah baute Jahwe (Jehova) einen Altar und opferte Brandopfer auf dem Altar; und Jahwe sprach in seinem Herzen: „Nicht mehr will ich hinfort den Erdboden verfluchen um des Menschen willen“ (1. Mose 8,20). Unverkennbar ist hier der Zusammenhang zwischen Opfer und Naturbund gegeben, und zwar so, daß das Opfer die Grundlage des Naturbundes ist.

Drei Dinge sind vor allem zu beachten: der Name Jahwe (Jehova), der Altar und das Brandopfer. „Jahwe“ ist der Bundesname des Höchsten, der Name des Gottes der Heilsgeschichte und Erlösung. Zu ihm müssen sich die Herzen der Frommen erheben. Zum Himmel, zur Höhe müssen ihre Opfer und Gebete emporsteigen, wenn sie vor seinen Thron gelangen sollen.

Um den Opfern diese Richtung nach oben zu geben, werden von nun an auf Erden erhöhte Stätten und Altäre errichtet, von denen aus sie im Feuer himmelwärts aufsteigensollen. Zwar ist die Gegenwart Gottes überall und nicht durch die Grenzen eines Oben und Unten beschränkt (Ps. 139); aber in der Sprache der Anbetung wird die Jenseitigkeit Gottes symbolisch durch raumhafte Vorstellungen veranschaulicht, das geistig Überlegene durch das räumliche Höherliegen, das Überzeitliche und Überräumliche durch das sinnhafte Oberräumliche. So wird denn an dieser Stelle zum ersten Male in der Bibel ein Altar erwähnt und das Opfer olah, d. h. das Aufsteigende, genannt. Die reinen Opfertiere selbst aber weisen – wie alle Opfer von Anbeginn der Welt – auf das eine Opfer von Golgatha hin, das Lamm ohne Fehl und ohne Flecken (1. Petr. 1,19), das in Wahrheit die Grundlage aller Bewahrung und Errettung der Welt ist.

Am deutlichsten aber leuchtet die Verbindung von Naturordnung und Heilsordnung in dem Bundeszeichen auf, das der HErr, zum Symbol seiner Gottestreue, in die Wolken gesetzt hat: dem Regenbogen.

V. Das Bundeszeichen

Der Regenbogen ist der farbige Glanz der hervorbrechenden Sonne auf der abziehenden Wolkennacht, der Triumph der Sonne über die Fluten. Einer Himmelsbrücke gleich verbindet er die obere Welt mit der unteren, und siebenfach erstrahlend – mit dem Grün des Smaragds als der Farbe des Lebens – bezeugt er den Bund zwischen Schöpfer und Schöpfung. Aufleuchtend auf dunklem Grund veranschaulicht er den Sieg der göttlichen Liebe über den finster-feurigen Zorn; entstanden aus der Wirkung der Sonne auf das dunkle Gewölk versinnbildlicht er die Willigkeit des Himmlischen, das Irdische zu durchwirken; ausgespannt zwischen Himmel und Erde verkündet er Frieden zwischen Gott und den Menschen, den ganzen Gesichtskreis überspannend bezeugt er die allumfassende Allgemeinheit des Gnadenbundes.

Damit aber wird er zum Sinnbild des Heils und der Erlösung und erscheint als solcher am Thron des HErrn als des Führers der Heilsgeschichte (Hes. 1,28; Off. 4,3). Und wie wir hienieden stets nur einen halben Bogen in den Wolken erblicken – ein Sinnbild zugleich aller Unvollkommenheit unseres jetzigen Erlösungserlebens (1. Kor. 13,9-12; 1. Joh. 3,2) -, so werden wir einst, rings um den Thron, den vollen Bogen erkennen und die Treue des Bundesgottes in Vollendung und Herrlichkeit preisen (Hes. 1,28; Off. 4,3). So aber wird der Regenbogen zum Natursymbol unserer ewigen Errettung.

So ist beim Regenbogen alles ein Sinnbild:

– die Entstehungszeit – denn er entsteht bei der Wiederkehr der Sonne (Hes. 1,28);
– die Entstehungsart – denn er erstrahlt als Verklärung der Finsternis durch das Licht (1. Mose 9,14);
– die Siebenzahl der Farben – denn sieben ist die Zahl des Bundes (z. B. 3. Mose 16,14)
– die Vorherrschaft des Grün – denn Grün ist die Farbe des Lebens (Off. 4,3)
– die Bogenform – denn er versinnbildlicht die Verbindung zwischen Schöpfer und Schöpfung (1. Mose 9,12-17);
– die weite Umspannung des Gesichtskreises – denn er zeigt die Allumfassenheit des Gnadenbundes (1. Mose 9,12;
– die ewig-himmlische Kreisform – denn so wird er zum Sinnbild der göttlichen Vollkommenheit (Hes. 1,28; Off. 4,3).

 

6. Kapitel: Das heilsgeschichtliche Rassenprogramm für die Völkerwelt (Der Segen Noahs)

Noahs Segen über Japhet und Sem und sein Fluch über Kanaan, den Sohn Hams, ist das nächste Ereignis von heilsgeschichtlicher Bedeutung. Während aber der Bund Gottes mit Noah die Grundlage der folgenden Natur-, Welt- und Heilsgeschichte war, ist sein Segen und Fluch ihr prophetischer Grundriß und ihr heilsgeschichtliches Rassenprogramm.

I. Die Verfluchung und Segenlosigkeit der Hamiten

„Verflucht sei Kanaan; er sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern“ (1. Mose 9,25). Hier wird, aus Anlaß der schändlichen Sünde Hams (Vers 22—24), in Kanaan, seinem Sohne, als ihrem Ahnherrn, die Stammesgruppe der Kanaaniter verflucht und überhaupt die hamitische Rasse der Segenlosigkeit einheimgegeben.

In schicksalsschwerster Weise hat die Weltgeschichte dieser Prophetie entsprochen. Die Kanaaniter wurden in Palästina durch die semitischen Juden, besonders durch Josua (Jos. 9,21—27; Richter 1,28 bis 30) und Salomo (1. Kön. 9,20; 21) unterjocht und in Syrien und Nordafrika als „Phönizier“ und „Karthager“ von den japhetitischen Persern, Griechen und Römern besiegt. Die anderen Hamiten aber, denen zwar nicht der Fluch, wohl aber die Segenlosigkeit mit auf den Weg gegeben war, haben – nach anfänglichen Gegenentwicklungen – immer wieder unter dem Joch der Unterdrückung zu seufzen gehabt, besonders die Neger, letztere namentlich in Amerika seit der Einführung der Sklaverei. (Erst nach dem Nordamerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) wurde in den Vereinigten Staaten die Sklaverei abgeschafft. Doch herrscht sie noch heute in großen Teilen Innerafrikas, besonders in den mohammedanischen Staaten).

II. Das geistliche Erlösungsmittlertum der Semiten

Anders erging es Sem. Ihm wurde der herrlichste Segen zuteil. „Gepriesen sei Jahwe, der Gott Sems“ (1. Mose 9,26). Diese Form der Lobpreisung, die den Segen als Lobpreis des segnenden Gottes ausspricht, hat ihren Grund in der Höhe und Überschwenglichkeit der semitischen Verheißung.

“Jahwe“ (Jehova) ist “Sems Gott“ — das heißt: Die semitische Rasse
ist der Träger seiner besonderen Offenbarung. Für Japhet ist Gott
“Elohim“ der Schöpfer, Erhalter und Weltherr (1. Mose 9,27); für Sem
aber ist er “Jahwe“, der Bundesgott und Erlöser. Damit aber wird
Sem der Kanal seiner besonderen Erlösungsgnade, und
in seinem Geschlecht ist fortan die Verheißung des geistlichen Heils
konzentriert.

In Christo ist dann dieser Segen zur Vollendung gebracht. Denn er, der Erlöser, stammt als “Sohn Davids“ durch Abraham von Sem (Luk. 3, 36); wie er selbst im Johannesevangelium gesagt hat: “Das Heil kommt von den Juden“ (Joh. 4,22), und wie auch sein größter Apostel bezeugt: Der “edle Ölbaum“ des Gottesreiches ist “ihr“ Ölbaum (Röm. 11,24 vgl. Eph. 2,11-22; 3,6; Gal. 3,9). So aber ruht der Gottestempel des Christentums auf dem Felsenfundament der den alttestamentlichen Gottespropheten gegebenen Offenbarung (Matth. 5,17; 18; Joh. 10,35b; Apg. 24,14; 26,22), und in Christo ist Sems Segen zum Weltevangelium geworden.

III. Die politische und geistige Weltherrschaft der Japhetiten (Indogermanen)

Japhets Segen besteht aus drei Teilen.

  1. „Ausbreitung gebe Gott dem Ausbreiter“ (1. Mose 9,27). Damit ist Japhet, dem Vater der Meder und Griechen und folglich auch der Perser und Römer und überhaupt aller Indogermanen, eine besondere räumliche und geistige Ausbreitung zugesichert. Das aber heißt: Nach dem Zeugnis der alttestamentlichen Prophetie ist politische und geistige Weltherrschaft das namentliche Vorrecht der Indogermanen. Sie sind die Herrscherrasse in der Weltpolitik. So bestimmt es das prophetische Rassenprogramm.

In überwältigender Weise hat die Weltgeschichte dazu die Erfüllung gebracht. Zunächst allerdings verlief sie in umgekehrter Reihenfolge; denn der sündige Mensch ist in dauernder Auflehnung gegen Gott.

Nicht Japhetiten, sondern Hamiten und Semiten waren im alten Orient Jahrtausende hindurch die herrschenden Kulturvölker. Im Nillande waren es die hamitischen Ägypter, und am Euphrat und Tigris (in Akkad und Sinear, Babel und Ninive) errichtete – nach einer in Sumer vorangegangenen Kulturschöpfung – Nimrod der Kuschit, also ein Vertreter der hamitischen Rasse, die in Kanaan „Knecht aller Knechte“ sein sollte, als Erster sogar ein Weltreich (Babel – 1. Mose 10,8—12), und in ihm gewann die Rasse der Knechtschaft geradezu die Herrschaft. Auch später, als die Macht der Hamiten zurückging und anderen zuteil wurde, waren es immer noch nicht sofort Japhetiten, sondern, nach dem Zeugnis der Geschichte und der Schrift, erst Semiten, die die unmittelbaren Erben ihrer Weltherrschaft wurden.

Im Nillande blieben die hamitischen Ägypter, in Mesopotamien wurden die semitischen Elamiter (1. Mose 14) und die Babylonier (um 1900) die Herren. Dann gelangten in Babel die Kassiten und in Ägypten die Hyksos zur Macht (um 1750). In Vorderasien folgten die Assyrer (um 1750—612) und die Neubabylonier, letztere besonders unter Nebukadnezar. Aber dies alles waren Semiten bzw. Hamiten, und schon waren fast zwei Jahrtausende vergangen, seit Noah seine Weissagungen gesprochen hatte (um 2350 v. Chr.), und noch immer waren seine Völkerprophetien nicht vollständig erfüllt.

Da endlich schlug die entscheidende Stunde der Japhetiten. Unter Kores dem Perser traten die Indogermanen mit sieghafter Kraft auf den Plan. Das semitische Babylon fiel (538); Belsazar wurde erschlagen, und die Japhetiten waren die Herren des Orients. Nie ist es seitdem einem hamitischen oder semitischen Volke gelungen, die indogermanische Weltherrschaft zu brechen. Die Eroberung Babels und der Sieg des Indogermanen Kores (des Hirten des HErrn Jes. 45,1) über Belsazar den Semiten, sowie die schlichten Worte des Buches Daniel: „In derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet“ (Dan. 5,30) umspannen ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung: den Zusammenbruch der hamitisch-semitischen Weltherrschaft und die Aufrichtung des arisch-japhetitischen Weltregiments.

Fortan trugen die Indogermanen die Palme der Kultur; und wie sie geographisch und staatlich die Erde beherrschten, so auch geistig und kulturell. Während Sems Segen in höchster Zusammenfassung aller geistlichen und heilsgeschichtlichen Kräfte bestand, war Japhets Segen die umfassendste Ausdehnung aller geistigen und weltgeschichtlichen Kräfte. Der Segen des einen war himmlisches Licht, der Segen des andern war irdische Herrlichkeit.

Ihre Blüte verdankten die indogermanischen Völker dem Idealismus ihrer Gesinnung: die Griechen ihrem Streben nach Schönheit und Wahrheit, die Römer ihrer Ehrfurcht vor Ordnung und Recht und die Germanen ihrem Festhalten an Freiheit und Treue. Durch dies alles wurden sie geistig die Führer der Menschheit und die Förderer aller höheren Kultur.

Aber auch geistlich sollte Japhet zum Segen gelangen. Darum heißt es:

  1. „Und er wohne in den Zelten Sems“ (1. Mose 9,27). Da Sem gerade soeben als der Kanal der Offenbarung bezeichnet worden war, kann das Wohnen in seinen Zelten nichts anderes bedeuten als die Anteilnahme an seinem Glauben und die Aufnahme der Japhetiten in die Gemeinschaft seines geistlichen Heils.

In der Tat, weniger zu hamitischen als vornehmlich zu japhetitischen Völkern ist das Segensgut Sems im Evangelium gelangt (Gal. 3,14).

Grundlegender Anfang dazu war das Traumgesicht des Petrus in Joppe (Apg. 10), das die Hinwegnahme der Zwischenwand zwischen Juden und Heiden, die am Kreuze schon grundsätzlich vollzogen worden war (Eph. 2,14), nun auch geschichtlich an dem Römer Kornelius zur Durchführung brachte; und so durfte gerade ein Japhetit als Erster aus den Nationen, ohne Anschluß an das nationale Israel, was das volle Heil betrifft, eingehen in die Zelte Sems.

Richtungweisender Wendepunkt wurde dann weiter jenes andere Gesicht des Paulus, in dem er in Troas einen mazedonischen Mann sah, der ihm zurief: Komm herüber und hilf uns! (Apg. 16,9). Wer weiß, wie die Welt- und Kirchengeschichte verlaufen wäre, wenn damals der große Apostel, statt nach Westen, nach Osten, nach Indien oder China gesandt worden wäre! Aber gerade dies ist die unvergleichliche Bedeutung jenes Traumgesichts in Troas, daß mit ihm die Stunde für die Überbringung der Heilsbotschaft nach Europa geschlagen hatte, so daß nunmehr das japhetitische Europa zur Hochburg der Himmelreichsbotschaft bestimmt worden war, – und jene nächtliche Stunde von Troas wurde die Stunde des geistlichen Sonnenaufgangs für die abendländische Völkerwelt.

  1. „Und Kanaan sei sein Knecht“ (1. Mose 9,27). Gigantisch ist um die Erfüllung dieser Prophetie gerungen worden.

Zu den Nachkommen Kanaans gehören die Phönizier und Sidonier (1. Mose 10,15). Sie sind gleichsam die Normannen des Altertums. Ihr Küstenstrich im Nordosten von Palästina glich, dichtbevölkert, einer ununterbrochenen Stadt. So begannen sie, schon um 1200, teils aus Abenteurerlust, teils aus Handelsinteressen, auswärtige Kolonien zu gründen, besonders im westlichen Mittelmeer. Dort blühte in Nordafrika bald das aristokratisch-kapitalistische Karthago (Neustadt) auf.

Zur selben Zeit entwickelte sich in Italien der römische Staat. Ein Zusammenstoß war unvermeidlich. Er mußte mit der Vernichtung des einen oder des andern Rivalen enden.

Der erste Krieg führte zur Eroberung Siziliens durch die Römer (264-241 v. Chr.). Der zweite wurde bis aufs äußerste dramatisch (218 bis 201). Denn als die Karthager, unter der Führung des heldenhaften Hannibal, über die Alpen in Italien einbrachen und in glänzenden Siegen am Ticinus und an der Trebia (218), am Trasimenischen See und vor allem bei Cannä (216) die Römerheere vernichteten und Hannibal schon vor den Toren der Stadt Rom erwartet wurde, da sah es allerdings so aus, als sollte das alte Prophetenwort: „Kanaan sei dein Knecht“, das durch Kores erfüllt worden war (538), nun doch noch zuschanden gemacht werden; denn eine Besiegung der japhetitischen Römer durch die phönizischen Karthager hätte nichts anderes bedeutet als die Aufrichtung eines hamitischen Weltreichs.

Endlich aber fiel die Entscheidung. Bei Zama (südlich von Karthago) stießen die Heere zusammen (202), und Publius Cornelius Scipio, der Römer, blieb Sieger. Hätte Hannibal gesiegt, dann wäre vielleicht niemals ein römisches Weltreich entstanden. Zugleich aber war in dem Gegensatz Hannibal-Scipio der Rassenzusammenprall Semito-Hamitismus und Japhetismus verkörpert. Denn semitisch war bei den Karthagern die Sprache, Religion und Kultur, hamitisch ihre Rasse und ihr Blut. Mit ihrer Besiegung war die politische Rassenrivalität für immer entschieden. Daran konnten auch später nach Jahrhunderten weder der Hunnensturm (375-453 n. Chr.) noch der Arabersturm (711-732), weder der Mongolensturm (Schlacht bei Liegnitz, 1241), noch die Türkenkriege (Eroberung Konstantinopels, 1453), Schlacht bei Mohács (Ungarn, 1526), Belagerung Wiens (1683) etwas ändern.

Mit Nimrod begann, mit Hannibal endete das Drama der hamitischen Weltmacht, und Scipios Sieg besiegelte endgültig das Werk des Kores: die Aufrichtung der Weltherrschaft der japhetitischen Rasse. So hat die Weltgeschichte in einzigartiger Weise der Prophetie recht gegeben. Alle Gegenentwicklungen der Menschen waren zurückgeschlagen, und Gott hatte recht behalten. Noah aber war sein Völkerprophet gewesen.

Die Namen seiner Söhne waren zu Symbolen und Wahrzeichen für die Zukunft geworden. Die Nachkommen von Ham (Hitze) bewohnten die heißen Länder; die Söhne von Japhet (Ausbreitung) breiteten sich über die Erde aus, und die Geschlechter von Kanaan (Der Unterwürfige) mußten sich Japhet und Sem unterwerfen. Aber in der Linie von Sem (Der Name) wurde der Name und das Wesen des Erlösers geoffenbart, und in Jesus Christus, dem HErrn, der den Namen über alle Namen trägt (Phil. 2,9), wird der Name des Vaters nun auf ewig verherrlicht (Joh. 12,28; 17,6).

 

7. Kapitel: Das babylonische Menschheitsgericht

Über der Menschheit lastet das babylonische Gericht. Alle Geistes- und Kulturgeschichte steht unter dem Zeichen dieser zerschmetternden Urkatastrophe. Vergeblich ringt die Welt gegen sie, ihren Bann mit eigener Kraft zu überwinden.

I. Die urgeschichtliche Menschheitszersplitterung

Drei Beweggründe führten nach der Schrift zum babylonischen Turmbau: Trotz, Vereinigungswille und Ruhmsucht. Dreifach ist darum auch das göttliche Gericht: Der nach oben stürmende Trotz wurde durch das Herniederfahren des HErrn, der Wille zur Vereinigung durch die Zerstreuung und Zersplitterung und der ruhmsüchtige Ehrgeiz durch den Namen der Schande gerichtet. Fortan ist gerade die Stadt, durch die man sich einen Namen machen wollte (1. Mose 11, 4) ein Symbol der Niederlage; und Babel, die Stadt der Zermengung,  ist schon als bloßer Ortsname ein Beweis für die Zwecklosigkeit aller Rebellion gegen Gott.

II. Die sprachgeschichtliche Bewußtseinsverwirrung

Die Verwirrung der Sprachen ist zunächst etwas Vierfaches: eine Verwirrung von Wörterbuch, Grammatik, Aussprache und Ausdrucksweise (Phraseologie), und in diesem Sinne gibt es heute ungefähr eintausend Sprachen und Hauptdialekte. Aber sie ist doch noch mehr.

Ganz gleich, welches die Ursprache gewesen sein mag, ob ‑ wie die Rabbinen und Kirchenväter meinten ‑ das Hebräische oder das Syrische oder ‑ was wohl das allein Richtige ist ‑ keine der uns überlieferten alten Sprachen: In jedem Fall ist die Gemeinsamkeit der Sprache mit einer starken Einheitlichkeit des Geisteslebens verbunden gewesen. Denn da die Sprache die lautliche Versinnlichung des Geistigen ist, muß auch das Geistige aller Menschen so lange in besonderem Sinne einheitlich gewesen sein, als noch der Ausdruck dieses Geistigen, die Sprache, einheitlich war. Die Sprachenverwirrung war also zugleich eine Verwirrung der geistigen Grundanschauungen der Menschheit, indem durch eine Machtwirkung Gottes auf den menschlichen Geist, an Stelle der ursprünglichen Einheit, eine vielfache Zersplitterung des Denkens, Empfindens und Vorstellens eingesetzt wurde. So aber wird die Sprachenverwirrung zugleich eine Verwirrung des Bewußtseins.

Die ursprüngliche Sprache, in der Adam im Paradiese alle Tiere benannte (1. Mose 2, 20), war gleichsam ein großer Spiegel gewesen, in dem sich die ganze Natur getreulich widergespiegelt hatte. Nun aber zerbrach Gott diesen Spiegel, und jedes Volk erhielt nur eine Scherbe davon, das eine eine größere, das andere eine kleinere, und nun sieht jedes Volk nur ein Etwas von dem Ganzen, nimmermehr aber das Ganze selbst. Deshalb weichen auch die Auffassungen der Nationen hinsichtlich Religion und Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Geschichte so stark voneinander ab, ja steigern sich oft bis zu gegenseitigem Widerspruch.

Dies alles mußte jedoch noch mehr Folgen nach sich ziehen. Mit der Zerrüttung des Weltbewußtseins verband sich eine weitere Zerrüttung des Gottesbewußtseins.

III. Die religionsgeschichtliche Glaubensentartung

Am Anfang der Menschheit steht der Glaube an den einen Gott da, der sich in dreifacher Weise offenbart: in Natur (Röm. 1, 19), Gewissen (Röm. 2, 12‑15) und Geschichte (1. Mose 1‑11). Das spätere Heidentum ist dann eine Verkehrung dieses seines dreifachen Ursprungs: Verzerrung der Erinnerung an die Uroffenbarung, Mißdeutung der Naturoffenbarung (Röm. 1, 23) und unklarer Seelenkonflikt mit der Gewissensoffenbarung ‑ das sind die drei Grundelemente aller heidnischen Religion.

Dennoch aber blieb die göttliche Einwirkung auf die Menschheit durch die allgemeine Offenbarung bestehen. Gott hält den Menschen wie ein starker Magnet. „Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns“ (Apg. 17, 27). Gott sucht den Menschen, um in ihm selber ein Suchen zu wecken, ein Suchen nach ihm, wie die Mutter die Seele ihres Kindes sucht, damit es sie wieder suche, „daß sie den HErrn suchen sollten, ob sie ihn fühlen und finden möchten“ (Apg. 17, 27). Daher ‑ von Gott selbst gewirkt ‑ das auffallend große Fragen und Suchen in der Völkerwelt, auch unter den Heiden. Aber das ist das Tragische, daß dies Suchen der Menschen von Satan, dem großen Betrüger, auf eine falsche Spur abgelenkt wird. Fortan ist der Mensch auf der Suche nach Gott und doch zugleich auf der Flucht vor ihm. Er will ihn haben und stößt ihn von sich; er sucht seine Segnungen und meidet seine Nähe; er will nichts von ihm wissen und kann doch nicht los von ihm.

Die menschliche Urwurzel dieser ganzen religiösen Zwiespältigkeit ist, nach der Belehrung des Apostels Paulus, die Undankbarkeit. Denn „obwohl sie wußten, daß ein Gott ist, haben sie ihn nicht gepriesen als einen Gott, noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert“ (Römer 1, 21). Im einzelnen aber sind es besonders die folgenden Elemente, die ‑ unter dämonischer Irreführung ‑ diese Umwertung aller Werte auf dem Gebiet des religiösen Lebens hervorgebracht haben.

Zunächst die Beobachtung des Traumes. Denn da handelt ein Etwas, das sich bewegte, hörte und sah, auch wenn alle Glieder des Leibes in Untätigkeit waren. Da erschienen auch Tote, ebenfalls handelnd, und bewiesen damit ihre geist‑artige Weiterexistenz.

Dann ferner die Beobachtung des Todes. Denn war es nicht hier diese „Seele“, dieses Unsichtbare, Innere, das nun mit dem letzten Hauch atemartig, luftartig den Körper verließ? Und dann wurde der Tote so still! Ist dies nicht ein Beweis, daß es keine Bewegung gibt, ohne das Wollen eines inneren Ich, einer innewohnenden wirksamen Atemseele?

In der Natur aber draußen ist alles voll Bewegung: in den Pflanzen und Tieren, im Lauf der Gestirne, im majestätischen Gewitter, im Dahinbrausen der Ströme. im geheimnisvollen Magneten und im Feuerfunken des angeschlagenen Steines! Ist dies alles nicht ein deutliches, überwältigendes Zeugnis von dem Dasein und Innewohnen gewaltiger Wesen, die in allen diesen Bewegungen um uns herum wirksam sind? ‑ So aber wird die Natur von Geistern beseelt gedacht, und die animistische Weltanschauung ist entstanden (lat. Anima=Seele).

Da aber der Mensch keine andere Seele kannte als nur die seine, ist die Ausstattung dieser Naturgeister mit den Eigenschaften der Menschenseele nur das durchaus Folgerichtige, und da es sich ferner bei den Naturgeistern ‑ entsprechend der Wucht ihrer Elemente ‑ nur um Wesen gesteigerter Lebensform handeln konnte, mußten ihnen auch diese menschlichen Eigenschaften in gesteigertem Maße zugeschrieben werden. Dadurch jedoch entstand notwendig eine Verbindung von Dämon und Held, wobei das Dämonische durch das Menschliche ins Personhafte und das Heldische durch das Dämonische ins Übermenschliche gesteigert wurde. Dies ist aber das Wesen des heidnischen Gottbegriffes.

Hier nun setzt die religionsbildende Kraft der menschlichen Sprache ein. Denn es ist eine Eigentümlichkeit des menschlichen Geistes, unwillkürlich und oft unbewußt das Stoffliche und Geistige nebeneinander zu stellen und beide gegenseitig ineinander hineinzutragen. So vermenschlicht die Sprache das Außermenschliche und redet von einer lachenden Sonne, einem freundlichen Zimmer, einem munteren Bach; und umgekehrt überträgt sie das Außermenschliche in das Menschliche und spricht von einer kalten Lieblosigkeit, einem sonnigen Charakter oder einer strahlenden Freude.

Solange der Mensch nun an der Bildhaftigkeit dieser sprachlichen Vergleiche festhält, besteht keine Gefahr, im Gegenteil, sogar eine Bereicherung seines Geistes. Im Augenblick aber, wo er, verfinstert durch die Sünde (Eph. 4,18) und irregeleitet durch dämonische Mächte, von dieser phantasievollen Umkleidung des Wirklichen mit Bildern fortschreitet zum Glauben an die Wirklichkeit dieser Bilder selbst, ist auch von dieser Seite aus eine neue Welt naturvergötternder Vorstellungen am Entstehen, und die Sprache reiht sich ein unter die Haupttriebkräfte heidnischer Religionsbildung.

Von Bedeutung ist hierbei auch das grammatische Geschlecht; denn in manchen Fällen war gerade dies das Entscheidende, ob man sich eine Gottheit männlich oder weiblich dachte.

Dies alles beweist, daß von einem eigentlichen, national gearteten Heidentum vor der Sprachenverwirrung nicht die Rede sein kann. Mögen einzelne, naturvergötternde Ideen schon vor dem babylonischen Gericht vorhanden gewesen sein: Das eigentliche, national geartete Heidentum selbst hat erst mit der Zersplitterung der Menschheit in getrennte Nationen seinen Anfang genommen (vgl. 5. Mose 4,19; Röm. 1,18‑32).

Dies alles aber geschah zugleich unter dämonischer Mitwirkung. Denn die Götter der Heiden sind keine leere Einbildung. Apollo und Diana, Aphrodite und Istar und wie sie alle heißen, sind, nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, keine bloßen gedanklichen Personifikationen von Naturkräften oder reine Idealgebilde irrender, naturvergötternder Phantasie, sondern in ihrem Hintergrund sind irgendwie wirklich vorhandene, dämonische Geistmächte, die sich auf dem Wege okkulter Inspirationen, in national geartetem, mythologischem Gewande ‑ teils in lichtvoll‑poetischer, teils schauerlich‑düsterer Einkleidung ‑ den einzelnen Völkern offenbarten. Sonst hätte der große Völkerapostel auch nicht aus jener Wahrsagerin in Philippi einen Python‑Geist unter ausdrücklicher Berufung auf den Namen des HErrn Jesu, austreiben können (Apg. 16,18); und ebensowenig hätte er von den außerisraelitischen Religionen sagen können, daß die Heiden das Opfer, das sie darbringen, den bösen Geistern darbringen (1. Kor. 10, 20). So aber beruht das gesamte Heidentum nicht nur auf Irrtum und Trug, sondern zugleich mit auf spiritistischer Grundlage.

Durch dies alles wird der Heide, unter dämonischer Beeinflussung, der Schöpfer seiner Götter. Der Verschiedenartigkeit des Nationalcharakters entspricht auch eine Verschiedenartigkeit der religiösen Grundstimmungen:

– Der Grieche sagt: „Mensch, erkenne dich selbst“
– Der Römer sagt: „Mensch, beherrsche dich selbst“
– Der Chinese sagt: „Mensch, bessere dich selbst“
– Der Buddhist sagt: „Mensch, vernichte dich selbst“
– Der Brahmane sagt: „Mensch, versenke dich selbst“
– Der Mohammedaner sagt: „Mensch, beuge dich selbst“

– Aber Christus sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“
– und  in ihm sagt der Christ: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“ (Phil. 4, 13).

In den heidnischen Religionen drückt sich seine Gottlosigkeit aus, denn Religion ist die Sünde, nämlich die Sünde gegen das erste Gebot, die Vertauschung Gottes mit den Götzen!

Dies Ganze ist der Irrweg von Milliarden von Menschen! Jahrtausende hindurch hat er die Menschheit beherrscht. „Indem sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“ (Röm. 1, 22). Damit aber wird das babylonische Menschheitsgericht zu einem Gericht von ungeheuerster Auswirkung. Denn die mit der Zersplitterung der Menschheit und der Beiseitesetzung der Völkerwelt verbundene Bewußtseinsverwirrung hatte eine Religionsverwirrung zur Folge, die die Sprachenverwirrung an Bedeutung noch weit übertraf.

IV. Die weltgeschichtliche Völkerspannung

Von nun an ist die Weltgeschichte ein Ringen zwischen zwei Kräften: der Mittelpunktsziehkraft der Weltreiche  und der Mittelpunktsfliehkraft der einzelnen Völker, und zwar so, daß immer wieder die Mittelpunktsziehkraft der Welteroberer zuschanden gemacht wird durch die Mittelpunktsfliehkraft der einzelnen Nationen. Die bedeutsamste Form dieser Auseinandersetzung ist der Krieg, und darum werden Kriege und Kriegsgeschrei sein, bis daß der HErr kommt (Matth. 24, 6).

Zugleich aber wird all dieser Widerstreit der Geschichtskräfte von dem obersten Geschichtsherrn überwaltet (Jes. 45,1), und dadurch wird die Völkergeschichte ein Völkergericht. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist Schande der Nationen“ (Spr. 14, 34). „Alle Epochen, in denen der Glaube herrscht, sind glänzend und fruchtbar“ (Goethe); aber sittlich morsche Kulturen gehen unfehlbar zugrunde.

Das Maß des Gesegnetwerdens der Völker hängt zu großem Teil  ab von dem Grad ihrer Beachtung der göttlichen Schöpfungs‑ und Geschichtsordnungen (Jer. 18, 7). Völker sind Organismen (Hos. 11, 1) und werden darum als Einheit zur Verantwortung gezogen. Sie leben ein einheitliches Leben durch Generationen hindurch. Darum werden auch die Nachkommen zu Trägern des Gerichts oder des Segens der Taten ihrer Vorfahren (z. B. Hes. 35, 5). Nur durch dies alles erklärt sich die dramatische Spannung des Ganzen und das Auf und Nieder der Kulturen im Wirbel der Reiche und Rassen.

So sind göttliche Schöpfungs‑, Geschichts‑ und Erhaltungsordnungen:

– die Ehe und Familie als Urzelle des Ganzen,
– die Stände (1. Petr. 2, 13; Eph. 6, 5‑9; Kol. 3, 22; 1. Kor. 7, 20),
– die Obrigkeit (Röm. 13,1‑6; 1. Petr. 2, 13) seit Noah (l. Mose 9, 6),
– die Gemeinsamkeit des Blutes (Röm. 9,3) und der Geschichte, der Geistigkeit und Sprache, der Bildung und Sitte,
– ferner Autorität (1. Petr. 2, 17; Röm. 13, 7) und Gehorsam (Röm. 13,5),
– Volksgemeinschaft und Rechtspflege, letztere mit Todesstrafe (1. Mose 9, 6; Röm. 13, 4),
– gottgegebene Grenzen (Apg. 17, 26),
– Liebe zur Heimat und zum eigenen Volk (Röm. 9, 3),
– Achtung vor anderen Völkern.

V. Das heilsgeschichtliche Erlösungsziel

Dennoch bedeutet die Sprachenverwirrung nicht, daß Gott etwa gegen jede Vereinigung des Menschengeschlechts sei. Im Gegenteil, die innigste, geistliche, umfassendste Gemeinschaft der Menschen ist geradezu sein Ziel (Micha 4, 1‑4).

Aber die Einheit, die er will, hat ihn selber zum Mittelpunkt, ist „in Christo“ seinem Sohne (Eph. 1, 10; Joh. 10, 16; 17, 21), den er zum König bestimmt hat (Ps. 2, 6; Sach. 14, 9).

Der Mensch aber wollte eine Entthronung des Schöpfers, um selber die Regierung in die Hand zu nehmen; und gerade diese Zusammenballung der fleischlichen Kraft war ein Bollwerk gegen die Durchführung der Erlösung. Darum mußte sie fallen und der „zerstreuende Arm Gottes“ sich offenbaren. Auf dem Wege der Zerstörung der dämonischen, fleischlichen Einheit sollte die wahre, göttliche, geistliche Einheit bewirkt werden. Die Aufhebung des Universalismus der Uroffenbarung hatte darum die desto sicherere Erreichung des End‑Universalismus zum Ziel, und deshalb ist auch das babylonische Gericht ‑ eine Gnade.

VI. Der endgeschichtliche Gottestriumph

Aber die Menschheit kämpft dauernd gegen den göttlichen Plan. Der Geist des besiegten, rebellischen Babel wirkt auch in den folgenden Jahrtausenden fort; ja am Ende der Zeit wird er sogar scheinbar sein Ziel erreicht haben und triumphieren, und der Antichrist wird das Werk Nimrods vollenden (Off. 13, 7; 8).

Die Geschichte der Stadt Babel hat

ihr Vorzeichen ‑ in der Stadt Kains (1. Mose 4, 17),
ihr Sinnbild  ‑ im Turmbau (1. Mose 11),
ihren Hauptanfang ‑ in Nebukadnezar (Dan. 2, 38),
ihren Fortgang ‑ in der Weltgeschichte (Dan. 2 u. Kap. 7),
ihre Vollendung ‑ im Antichristentum (Off. 13 u. Kap. 17),
ihr Ende  ‑ im Triumph Christi (Off. 18 u. 19).

Denn nach dem Antichristen wird Christus erscheinen und den Sieg gewinnen (Off. 19, 11‑21); und über die Hure (Off. 14, 8; 17,1‑18), das gen Himmel hinaufstürmende Babylon, wird die Braut triumphieren (Off. 21, 9), die vom Himmel herabgekommene Gottesstadt, das neue Jerusalem.

 

Dritter Teil: Die vorlaufende Heilsoffenbarung

A. Das Verheißungsfundament des Evangeliums

1. Kapitel: Der Heilsumfang des Alten Testaments

Das babylonische Gericht hatte die Uroffenbarung abgeschlossen. Mit Abraham begann eine vollständig neue Zeit. Er, der Stammvater Israels, ist zugleich der Vater aller Gläubigen (Röm. 4,11). Der Segen, den die aus den Nationen Gewonnenen in der Folgezeit empfangen sollen, ist durchaus Segen Abrahams (Gal. 3,14). Auch die Gemeinde der Gegenwart (Röm. 15,27; Eph. 3,6; 2,11-19; Röm. 11, 24), ja, selbst das Reich Gottes der Zukunft (Luk. 1, 72), bis hinein in das Neue Jerusalem (Off. 21,12 vgl. Hebr. 11,16), ruhen auf abrahamitischem Verheißungsboden. Mit Abraham beginnt also die eigentliche Heilsoffenbarung. Alles Vorangegangene war Einleitung und Vorbereitung.

Abraham war nicht der erste Gläubige. Abel, Henoch und Noah waren vor ihm, Melchisedek zu seiner eigenen Zeit Männer des Glaubens gewesen (Hebr. 11,4-7; 1. Mose 14,18). Darum liegt das Besondere an seinem Glauben nicht in seiner Tatsache, sondern in seiner Art. Der Glaube aller früheren war meist auf sie selbst oder ihre nähere Umgebung beschränkt gewesen, Abrahams Glaube dagegen hatte über ihn hinausgehende Wirkungen. Es war ein Glaube von heilsgeschichtlicher Bedeutung, ein Zukunftsglaube. Abraham ergriff die Verheißung nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine leibliche und geistliche Nachkommenschaft. Dadurch wurde er der Vater aller Gläubigen (Röm. 4,11), der erste Empfänger der in besonderem Sinne auf Christus hinführenden Bundesoffenbarung, der heiligen Wurzel, die den edlen Ölbaum des Gottesreiches trägt (Röm. 11,16—24).

I. Der Ausgangspunkt

Im babylonischen Aufruhr hatte die Menschheit versucht, in gemeinsamer Kraft sich dem Höchsten zu widersetzen. Darum mußte ihrer widergöttlichen, himmelstürmenden Vereinigung eine göttliche, den Himmel erst wahrhaft öffnende Absonderung und Trennung entgegengestellt werden (Apg. 14,16). Dies geschah in der Berufung Abrahams. Sie ist also der heilsgeschichtliche Gegensatz zum Turmbau und zugleich dessen notwendige Folge.

II. Die Grundlage

  1. Gottes Freiheit. Daß Gott aber gerade Abraham erwählte und nicht irgendeinen anderen Gläubigen seiner Zeit – etwa Melchisedek (1. Mose 14,18) – war durchaus eine Handlung seiner freien Herrschaft. Er ist der HErr und Gebieter auf dem Weltenthron und verteilt die Figuren auf dem Schachbrett der Menschheitsgeschichte, wie er will (Röm. 9, 20). So zwingt er zwar die Gläubigen nicht zum Glauben und die Ungläubigen nicht zum Unglauben, sondern läßt jedem seine Freiheit und Selbstbestimmung (vgl. Matth. 23,37; Off. 22,17). Aber aus der Zahl der Bösen erwählt er sich einzelne Böse (z. B. den Pharao von Ägypten: Röm. 9,17), um an ihnen ein besonderes Beispiel seiner Gerichtsmacht zu erweisen; und aus der Zahl der Gläubigen erwählt er sich einzelne Gläubige, um sie zu besonderen Trägern heilsgeschichtlicher Aufgaben zu machen (vgl. 1. Kor. 12,4—11; 30). In diesem Sinne wurde auch Abraham berufen. Er war gleichsam eine Amtsperson, ein Träger der Vorbereitung des Heilsmittlertums.
  2. Gottes Gnade. Hierbei aber gründete sich Israels Erwählung nicht etwa auf besondere, spätere Vorzüge dieses Volkes. Im Gegenteil, der Gott, der zur ersten Verkündigerin der Auferstehung Maria Magdalena, die einst von Dämonen Besessene (Mark. 16,9; Joh. 20,11-18). und zum ersten Zeugen des Neuen Testaments Matthäus den Zöllner bestimmte (Matth. 9,9), der sich stets zu dem Niederen und Geringen herabläßt (1. Petr. 5,5; Luk. 1,52), hat das Volk Israel, was seinen Charakter betrifft, durchaus als einen Dornbusch gekennzeichnet (2. Mose 3,2; 3; Micha 7,4) und, was seine Zahl betrifft, schon im Alten Testament gesagt: „Nicht weil euer mehr wären als aller Völker, hat Jahwe sich euch zugeneigt und euch erwählt; denn ihr seid das geringste unter allen Völkern“ (5. Mose 7,7). Die Erwählung Israels gehört also mit zur Knechtsgestalt der göttlichen Offenbarung. Nirgends im Alten Testament handelt es sich um Anerkennung und Rassenverherrlichung des unwiedergeborenen Juden. Im Gegenteil, gerade das Alte Testament ist voll von glühenden Gerichtsworten des heilig zürnenden Gottes über das abtrünnige Israel.

Auserwähltes Volk (1. Chron. 16,13; 2. Mose 19,5; Am. 3,2; Ps. 147,19) heißt, im Sinne des Alten Testaments, nicht auserlesen gutes Volk (vgl. Jes. 1,4; Röm. 2,24), auch nicht, zu ausbeuterischer Weltknechtung politisch zuvorbestimmtes Herrschervolk, sondern einfach zum heilsgeschichtlichen Dienst abgesondertes Volk. Und gerade hier hat der Jude in der furchtbarsten Weise versagt (1. Thess. 2,15). Nicht Judenverherrlichung ist bei dem Ganzen das Ziel (Hes. 36,22; 23; 32), sondern Selbstverherrlichung der Gnade und Heiligkeit Gottes als des Gottes der Juden und Nichtjuden (Ps. 115,1; Jes. 44,23; Röm. 3,29).

  1. Gottes Ehre. Gerade dies ist offenbar immer wieder die Meinung der Heiligen Schrift, daß der Jude an geistlicher Empfänglichkeit gar oft vom Nichtjuden übertroffen worden ist: an Glauben durch den Hauptmann von Kapernaum, einen Römer (Matth. 8,10), an Liebe durch den barmherzigen Samariter (Luk. 10,25—37), an opferbereitem Streben nach wahrer Weisheit durch die Königin von Reicharabien (Matth. 12,42), an Bußfertigkeit durch die Leute von Ninive, also Assyrer (Matth. 12,41). „Viele Witwen“, sagt Christus, „waren in Israel zu Elias Zeiten, und zu deren keiner ward Elias gesandt denn allein gen Sarepta der Sidonier zu einer Witwe; und viele Aussätzige waren in Israel zu des Propheten Elisa Zeiten, und deren keiner ward gereinigt, denn allein Naeman der Syrer“ (Luk. 4, 25). „Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, wie bei euch geschehen sind, sie hätten vorzeiten in Sack und Asche Buße getan… Und du, Kapernaum, . . . so zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, sie stünde noch heutigentags“ (Matth. 11,21). Und in Jesaja sagt Gott vom Volk Israel als seinem „Knecht“: „Wer ist blind, wenn nicht mein Knecht, und taub wie mein Bote, den ich sende? Wer ist so blind wie mein Vertrauter, und so blind wie der Knecht des HErrn?“ (Jes. 42, 19). Fragen wir aber nach dem Grund, warum Gott trotz alledem gerade diese Wahl traf, so lautet die Antwort, daß sich vor ihm kein Fleisch rühmen soll, sondern „wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (1. Kor. 1,27-31). Je trauriger das Material, desto größer – bei gleicher Kunstleistung – die Ehre des Meisters.

So hat Gott von all den Sonnen und Sternen des Weltraums die winzige Erde erwählt und auf dieser das kleine Land Kanaan und in ihm das Volk Israel, das „geringste“ aller Völker (5. Mose 7,7), in Israel aber die Stadt Bethlehem, die zu gering war, um unter die Tausende von Juda gerechnet zu werden (Micha 5,1), in Bethlehem selbst aber – die Krippe. Und von der Krippe ging es dann weiter bis an das Kreuz! So erwählt sich Gott stets das Geringe: zum ersten Zeugen des Neuen Testaments Matthäus den Zöllner, zur ersten Verkündigerin der Auferstehung Maria Magdalena, die einst Besessene (Joh. 20,11-18), zum hervorragendsten Apostel – Paulus, den „ersten“ aller Sünder (1. Tim. 1,15). Gerade die Erwählung des Geringen ist die Methode der göttlichen Ehre.

  1. Gottes Weisheit. Dazu kommt noch ein Grund, der in der Erziehungsweisheit Gottes in bezug auf das ganze Menschengeschlecht liegt. An Israels Geschichte, als einem „widerspenstigen“ Geschlecht (Apg. 7,51), sollte allen Völkern der Welt die Furchtbarkeit der Sünde, aber auch die Herrlichkeit der Erlösung gezeigt werden, der Ernst der zerbrechenden Gerichte, aber auch die Tiefe der vergebenden Gnade (Ps. 102,14-16). Dadurch aber wird Israels Geschichte zum Anschauungsunterricht, damit die Nationen der Erde erkennen sollen, was Gericht und was Gnade ist (Jes. 52,10).
  2. Gottes Gerechtigkeit. Bei dem allem aber blieb Gottes Handeln gerecht. Israel wurde in keiner Weise vorgezogen. Denn seinen höheren Vorrechten (Röm. 9,4) entsprach eine größere Verantwortlichkeit. Rechte und Pflichten hielten sich die Waage. Stellung verpflichtet (vgl. Luk. 12,48; 1. Petr. 1,17). Bei keinem Volk aber sind die Sünden so heimgesucht worden wie bei den Juden (vgl. 5. Mose 28, 64). Bei Israel ist eben alles gesteigert: die Vorrechtstellung und das Gericht, der Segen und der Fluch. Und zwar ist gerade seine Erwählung der Grund zu ganz besonderer Strenge: „Euch allein habe ich aus allen Geschlechtern der Erde erwählt. Darum will ich euch für alle eure Verschuldungen büßen lassen“ (Amos 3,2)!

III. Die Durchführung

Nach außen hin aber bedeutete die neue Offenbarungsbeschränkung nicht, daß Gott etwa jeglichen Zusammenhang mit der beiseitegesetzten Völkerwelt abschnitt. Im Gegenteil, auch den Nationen blieb noch eine fünffache göttliche Selbstbezeugung:

  1. Die Zeichensprache der Natur. Denn an den Werken der Schöpfung wird seit Anbeginn der Welt Gottes „ewige Macht und Göttlichkeit“ mit dem geistigen Auge wahrgenommen (Röm. 1,19).
  2. Die Gewissenssprache der Seele. Denn auch die Heiden, „die kein Gesetz haben“, sind sich selbst ein Gesetz, „indem ihr Gewissen mitzeugt und ihre Gedanken sich untereinander anklagen oder auch entschuldigen“ (Röm. 2,14).
  3. Die Geistessprache edler Weisheit. Denn auch in der Heidenwelt findet sich so viel Edles und Tiefes, daß es geradezu auf eine Art Erkenntniswirken der göttlichen Weisheit im menschlichen Geist zurückgeführt werden kann; so bei Sokrates, Plato, Laotse, Zarathustra und überhaupt bei so vielen Dichtern und Denkern der Nationen. Mit Recht sprachen darum schon die Kirchenväter von den „Samenkörnern des Wortes“ in der heidnischen Welt. Und dazu kommen noch, neben den sittlichen Schöpfungsanlagen des Menschen, gewisse allgemein moralische Resterinnerungen der Völker aus der Uroffenbarung.
  4. Die gebietende Sprache der Obrigkeit. Die menschliche Regierungsgewalt ist „Gottes Dienerin“ (Röm. 13,4), von Gott Selbst eingesetzte Geschichtsordnung seit dem Bunde mit Noah (1. Mose 9,6). Ohne obrigkeitliche Gewalt würde die menschliche Gesellschaft bald vom Bösen überflutet werden und in absolute Teufelei und religiösgeistig-sittliche Barbarei versinken. In der Obrigkeit aber hält Gott seine bewahrende Hand ausgestreckt. Er steht hinter der Obrigkeit und wirkt durch sie. Die Herrscher der Erde sind seine Werkzeuge. Darum bezeugt im Worte Gottes die ewige „Weisheit“ sogar selber von sich: „Durch mich üben die Könige ihr Herrscheramt aus und erlassen die Regenten gerechte Verordnungen. Durch mich herrschen die Herrscher und die Fürsten auf Erden“ (Spr. 8,14-16).
  5. Die Tatensprache der Weltgeschichte. Auch nach der Erwählung Abrahams und Israels blieb die Geschichtsführung der Völkerwelt durch Gott unverändert bestehen. Er lenkt die Herzen der Könige wie Wasserbäche (Spr. 21,1). Er erweckt Hadad von Edom (1. Kön. 11,14) und Reson von Damaskus (1. Kön. 11,23), Tiglatpileser von Assur (1. Chron. 5,26) und Kores den Perser (Esra 1,1), ja nennt letzteren – den großen Indogermanen – schon im Alten Testament geradezu seinen „Gesalbten“, vor dem er „einherzieht“, um Nationen vor ihm niederzuwerfen, um Israels seines Knechtes willen (Jes. 45,1-7; Jer. 51,11). Und zu Babel spricht er: „Du bist mein Hammer, meine Kriegswaffe; durch dich zerschmettere ich die Heiden und zerstöre die Königreiche“ (Jer. 51,20). Und schließlich über die äußere Geschichtsführung Israels sagt er: „Seid ihr, Kinder Israel, mir nicht gleich wie die Mohren? Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaphthor und die Syrer aus Kir?“ (Amos 9,7.) Die Beiseitesetzung der Völkerwelt war also keineswegs eine Entgöttlichung der Geschichte. Auch als der Gott Abrahams und Israels blieb Gott durchaus der Gott der Nationen (Röm. 3,29).

Die Weltgeschichte ist das Baugerüst der Heilsgeschichte. Nicht nur die Offenbarung hat eine Geschichte, sondern die Geschichte ist eine Offenbarung. Sie ist nicht nur Werk, sondern anregendes Wort Gottes. Sie ist Macht-, Gnaden- und Gerichtsbereich des völkerregierenden Weltenherrn.

IV. Das Ziel

In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde (1. Mose 12,3). Hier wird gleich am Anfang der Endzweck genannt. Die mit Abraham beginnende Offenbarungsbegrenzung war nur die göttliche Methode der Unbegrenztheit des Heils. Gott wandte sein Heil von der Völkerwelt ab, um es ihr desto gewisser verklären zu können. Dies ist der Sinn und die Seele des Alten Testaments! Darum ist es geradezu voll von Heilsweissagungen auch für die Gesamtmenschheit, besonders bei Jesaja. Von allen Büchern der vor-christlichen Welt ist das Alte Testament das völkerumspannendste. Es hat, als das einzige Schrifttum des alten Orients, den Gedanken der Einheit des Menschengeschlechts und die Hoffnung auf eine einheitliche Bewegung der Menschheit zu einem gemeinsamen Ziel.

 

2. Kapitel: Die überragende Herrlichkeit des Abrahamsbundes

Abraham wurde Freund Gottes genannt (Jes. 41,8; Jak. 2,23).

Abraham ist der Vater aller Gläubigen (Römer 4,11). Als solcher ist er nicht nur der Anfang, sondern auch das Urbild aller Glaubenserfahrung. Heilsgeschichtlich sind es vor allem vier Hauptgrundsätze, die mit ihm neu deutlich in die Offenbarungsgeschichte eingeführt werden:

die Bedingungslosigkeit des Heils – in Rechtfertigung und Verherrlichung,
der Urgrund des Heils – die Auferweckungskraft Gottes,
der Mittler des Heils – der kommende Same,
das Endziel des Heils – die himmlische Stadt.

I. Die Bedingungslosigkeit des Heils

Nicht eigentlich der Auszug aus Ur in Chaldäa (1. Mose 12) war der bedeutsamste Tag in Abrahams Leben, sondern, fast zehn Jahre später, jene Offenbarung in der Sternennacht, in der Gott mit dem Patriarchen den Glaubensbund schloß (1. Mose 15,5; 18). Damals war es, als Abraham das göttliche Rechtfertigungsurteil empfing, und wo überhaupt in der Heilsgeschichte zum allerersten Male deutlich von der Rechtfertigung eines Sünders die Rede ist (1. Mose 15,6; Röm. 4, 2—5).

  1. Die Rechtfertigung. Hier ist aber gerade der Zeitpunkt das Entscheidende. Denn: „Wann ist der Glaube dem Abraham zur Gerechtigkeit angerechnet worden? Vor oder nach seiner Beschneidung?“ (Römer 4,10.)

Die Antwort lautet: Zum mindesten 13 Jahre vor der Beschneidung. Denn der Beschneidungsbund wurde erst eingesetzt, als Abraham schon 99 Jahre alt war (1. Mose 17,1-14); der Glaubensbund aber und die Rechtfertigung fanden schon vor Ismaels Geburt, also vor seinem 86. Lebensjahre, statt (1. Mose 16, bes. V. 16 vgl. Kap. 17,1). Demnach war Abraham schon 13 Jahre lang gerechtfertigt, ehe er beschnitten wurde.

Auf dieser Reihenfolge baut Paulus im Römerbrief seinen ganzen, berühmten Schriftbeweis von der Rechtfertigung allein durch den Glauben auf (Römer 4). Für Abraham selbst hätte es, menschlich gesprochen, ja bedeutungslos sein können, ob er die Beschneidung vor oder nach seiner Rechtfertigung empfing Gott aber beabsichtigte gerade mit dieser Aufeinanderfolge einen prophetischen Zweck. Denn Abraham sollte gerade durch sie der Vater auch aller derer werden, die ohne Beschneidung, allein durch den Glauben, gerechtfertigt werden würden. Das aber war nur möglich, wenn er auch selbst schon als Unbeschnittener die Rechtfertigung empfing. Darum ist die Reihenfolge der beiden Bundesschließungen in seinem Leben nicht gleichgültig, sondern heilsgeschichtliche Prophetie. Gerade durch sie wurde offenbar, daß die Beschneidung nicht Voraussetzung, sondern nur Siegel für die Glaubensgerechtigkeit sein könne (Röm. 4,11). Ein Siegel aber setzt man nur unter ein fertiges Dokument. Also muß die Rechtfertigung Abrahams schon vorher etwas Abgeschlossenes gewesen sein.

Daraus aber folgt, daß, um die Rechtfertigung zu erlangen, nun auch später die unbeschnittenen Heiden nicht etwa erst beschnitten zu werden brauchen, sondern daß umgekehrt gerade die Beschnittenen den Glauben des noch unbeschnittenen Abram haben müssen! Um in den Tempel des Heils zu gelangen, müssen die Heiden nicht etwa erst durch den Vorraum der Juden hindurch – d. h. durch das Gesetz -, sondern die Juden müssen durch das Vorzimmer des Glaubens hindurch, den Abram sozusagen schon als „Heide“ gehabt hatte!

Damit ist die Bedingungslosigkeit des Heils und der Gnadencharakter der Erlösung als eines freien Geschenkes an den reinen Glauben klargestellt und der Beweis erbracht, daß das Evangelium des Gemeindezeitalters im Abrahamsbund vorausgeschattet ist, daß also der Neue Bund die Fortsetzung und Verklärung des Abrahamsbundes ist (Gal. 3, 9; 14; Röm. 4) und folglich, seinem Wesen nach, älter als der mit Mose beginnende Alte Bund.

  1. Die Verherrlichung. Zugleich aber war mit der Rechtfertigung auch die Zusicherung des Erbbesitzes verbunden.  „Ich bin der HErr, der dich aus Ur in Chaldäa hat auswandern lassen, um dir dieses Land zum Besitz zu geben“ (1. Mose 15, 7). Mit der Gerechterklärung, diesem Anfang des neuen Lebens, empfing der Patriarch also gleichzeitig das Erbe, das Ziel des neuen Lebens (vgl. Hebr. 11,8-10).
  2. Das Bundeszeichen. So ist es von höchster Bedeutung für das Verständnis der Heilsgeschichte, in Abrahams Leben zwei Bundesschließungen zu unterscheiden: den grundlegenden Glaubensbund von 1. Mose 15 und den hinzugefügten Beschneidungsbund von 1. Mose 17. Beide werden als Bund bezeichnet (1. Mose 15,18 — 1. Mose 17,9; 10; 11), und zwischen beiden liegen zum mindesten 13 Jahre. Der erste ist der ewig gültige Gnadenbund, bedingungslos dem „Heiden“ Abram gegeben; der andere ist der vorläufige (Gal. 5,2) Bestätigungsbund (1. Mose 17, 7), als „Siegel“ dem „gerechtfertigten“ Abraham verordnet. Der erste aber ist der entscheidende; die Gnade ist der Anfang; und insofern ist 1. Mose 15 das grundlegendste Kapitel des ganzen Alten Testaments.

Der Verheißungsbund enthält zwei Zusagen, die beide in sich doppelt sind, mit je einem Bundeszeichen. Die eine ist die Zusage der Nachkommenschaft und gestaltet sich zur Rechtfertigung; ihr Bundeszeichen ist der Sternenhimmel (Vers 1—6). Die andere ist die Zusicherung des Landes und weist hin auf die Verherrlichung; ihr Zeichen ist das Bundesopfer (Vers 7—21). Majestätisch und erhaben ist das eine, geheimnisvoll und düster das andere.

Die Opfer sind geteilt; die Sonne geht unter; tiefer Schlaf fällt auf Abram. Schrecken, dichte Finsternis und Beängstigung erfüllen seine Seele. Raubvögel stürzen sich auf die Opfer herab; doch Abram verscheucht sie. Zuletzt aber fährt der HErr durch die Opferstücke hindurch, und zwar in rauchendem Ofen und feuriger Fackel, und der Bund ist geschlossen. Dies ist die heilsgeschichtlich bedeutsamste Bundesschließung des Alten Testaments (1.Mose 15,9-18).

Aber warum dies so Düstere beim Gnadenbunde, dieses Dunkel und Grauen bei der Verheißung des Lichts, die Raubvögel, der rauchende Ofen, die Feuerfackel?

Die Opfer sind Israel. Was ihnen geschieht, ist ein Vorbild auf die nationalen Geschicke dieses Volkes. Und diese sind düster, voller Schrecken und Finsternis (5. Mose 28,15—68). Darum findet auch die Bundesschließung selber durch einen rauchenden Ofen und eine feurige Fackel statt.

Die Raubvögel sind die Nationen, besonders die Ägypter (Vers 13 bis 16). Aber Abram verscheucht sie; denn um der „heiligen Wurzel“ willen wird Israel Bewahrung und Erhaltung zuteil (Röm. 11,16; 24) Ihr könnt uns nicht segnen; denn ein Fluch liegt auf uns. Ihr könnt uns nicht fluchen; denn ein Segen liegt auf uns.“

Das Hindurchschreiten durch die geteilt sich gegenüberliegenden zwei Reihen von Opferstücken aber bedeutet die Ausfüllung der „Lücke“ zwischen den zwei Bundesschließenden, die Verschmelzung ihrer Zweiheit zur Einheit und also den Bundesvollzug selber. Daß aber der HErr allein hindurchschreitet (Vers 17) und nicht etwa auch Abraham hinterher, bedeutet, daß der Bund ein reines Geschenk der göttlichen Gnade ist, daß der Mensch nicht dabei mitwirkend ist, sondern daß Gott allein alles tut (Matth. 16,26; Röm. 3,24; Phil. 2,13).

II. Der Urgrund des Heils

Aber nicht nur das Opfer, sondern auch der Sieg des Opfers gehört zur Vermittlung der Erlösung. „Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel“ (1. Kor. 15,17). Darum ist die Auferweckungskraft Gottes mit der entscheidende Urgrund des Heils.

Gerade hier aber zeigt sich von neuem die Geistesverbindung zwischen dem jetzigen Zeitalter und dem Abrahamsbund. Denn beide haben ihren Höhepunkt in dem Glauben, daß Gott aus dem Tode Leben zu schaffen vermag. Eine wesenhafte Unterschiedlichkeit besteht allerdings, indem Abrahams Glaube vorwärts auf etwas noch zu Vollbringendes schaute, während unser Glaube rückwärts auf etwas schon Vollbrachtes blickt, und indem Abrahams Glaube dies Gotteswunder in der Schöpfungsordnung erwartete – in bezug auf einen gewöhnlichen, sterblichen Menschen -, während unser Glaube es als in der Erlösungsordnung geschehen bekennt – in bezug auf den Sohn Gottes selber, unsern auferstandenen Heiland und HErrn.

Zweimal, bei der Geburt und der Opferung Isaaks, tritt dies in Abrahams Leben besonders hervor, und zwar so, daß das Zweite die Steigerung und Verklärung des Ersten ist.

  1. Die Geburt Isaaks. Zielbewusst wurde Abrahams Glaube
auf diese Höhepunkte hin erzogen. Hier liegt der eigentliche Grund,
warum er so lange — bis zu seinem hundertsten (!) Lebensjahre (1. Mose
17,17) — auf seinen Erben warten mußte. Erst mußte das Absterben (Hebr. 11,12) eingetreten sein, bevor
das neue Leben geboren werden konnte. Nur auf dieser Grundlage
konnte Abrahams Glaube Auferstehungsglaube werden. Nur so konnte
er lernen, an den zu glauben, „der die Toten lebendig macht und das
Nichtseiende ruft, als wäre es schon da“(Röm. 4,17). Dahin aber mußte
er gelangen, da er, als der Vater aller Gläubigen, auch das Urbild aller
Gläubigen sein sollte, und da der Heilsglaube aller Zeiten mit der Auferstehung Jesu Christi steht und fällt (1. Kor. 15,17-19).

So liegt in der Lebensführung des Patriarchen geradezu etwas Prophetisches – das Warten auf den Samen war ja die Hauptsache in seinem Leben (Röm. 4,17).

Noch deutlicher tritt dieser Glaube bei der Opferung seines Sohnes hervor (1. Mose 22).

  1. Die Opferung Isaaks. Glaube ist Wachstum in Gott hinein. Darum bedarf er einer fortschreitenden Erziehung. Immer mehr
muß er vom Irdischen gelöst und ans Himmlische gebunden werden. In
diesem Sinne finden sich in Abrahams Leben vier, sich steigernde Proben.
Die höchste war die von Morija.

Zuerst war es der Auszug aus Ur, die Trennung von Vaterhaus und Verwandtschaft; das aber heißt, – da die Familie von Abram götzendienerisch war (Jos. 24,2): Trennung von der Welt (1. Mose 12).

Dann kam die Scheidung von Lot, diesem zwar „Gerechten“ (2. Pet. 2,7), aber doch weltlich Gesinnten (1. Mose 19). Das bedeutet: Loslösung von allem Halben und Lauen, also: Trennung von allem Weltförmigen (1. Mose 13).

Das Dritte war die Fortsendung von Ismael, diesem Sohn seiner menschlich-eigenen Kraft, also: Scheidung von Seele und Geist (Hebr. 4,12) und Trennung von allen Plänen frommer Selbsthilfe (1. Mose 21).

Das Letzte war die Opferung von Isaak, diesem ihm von Gott selbst geschenkten Samen der Verheißung. Auch die Segnungen, die der Höchste ihm gab, gibt der Glaube dem Geber zurück; also: Trennung auch von den göttlichen Gaben (1. Mose 22). Der Anbeter nimmt die Krone, die er von dem König empfangen hat, und legt sie ihm wieder zurück vor seinen Thron (Off. 4,10) und spricht: „Dem Lamme die Segnungen“ (vgl. Off. 7,12).

Damit aber wird klar, daß der so viel angefeindete Bericht von der Opferung Isaaks nicht etwa nur irgendein Kapitel im Alten Testament ist, sondern der Höhepunkt im Leben des Patriarchen selbst und – da dieser die Wurzel der Erlösungsoffenbarung ist – der prophetisch-symbolische Höhepunkt in dem Verheißungsfundament des Evangeliums überhaupt.

In der Tat, einzigartig ist der Opferbegriff, der gerade hier gelehrt wird. Weit davon entfernt, auf der Stufe der kanaanitisch-phönizischen, semitischen, indischen, aztekischen oder sonstigen Menschenopfer zu stehen, unterscheidet sich das Opfer von Morija von ihnen allen zum mindesten durch einen dreifachen Gegensatz:

Erstens: Die Seele des Opfers. Nicht die Form, sondern das Herz ist die Hauptsache. Abraham hatte Gott Isaak geopfert (Hebr. 11,17) und doch nicht getötet. Der äußere Vollzug war sogar geradezu von Gott selbst verhindert worden (1. Mose 22,12)! Damit aber war der Grundsatz proklamiert: Nicht die äußere Ausführung macht das Opfer zum Opfer, sondern die Gesinnung des Herzens, nicht die Darbringung der „Gabe“, sondern die „Hingabe“ der Seele. Das aber ist ein ganz verinnerlichter und geistiger Opferbegriff, der hier zum allerersten Male in der Heilsgeschichte hervortritt. Gerade für diesen vergeistigten Opfergedanken haben sich dann später die Propheten des Alten Testaments, im Kampf gegen jüdische Veräußerlichung, immer wieder mit Geistesmacht eingesetzt (Jes. 1,10-15; 66,3; Jer. 6,20; Hos. 6,6; Amos 5,21; 22; Micha 6,6-8; Ps. 40,7-9).

Zweitens: Der Sieg des Opfers. Nicht der Tod, sondern das Leben ist das Endziel des wahren Opfers. Wohl mußte der Befehl, den einzigen Träger der Verheißung zu opfern, dem Patriarchen zunächst widerspruchsvoll erscheinen. Denn wie sollten nun die Verheißungen Gottes erfüllt werden können, die doch an keinen andern als nur eben diesen Isaak geknüpft worden waren? Hier schien eine Spannung zwischen Befehl Gottes und Treue Gottes vorzuliegen, die geradezu unerträglich war. Dennoch aber blieb – da Gott nimmermehr lügen kann – dem sinnenden Glauben auch hier eine Lösung: Entweder Gott wird sich an Stelle des zu opfernden Isaak ein Tieropfer ersehen (1. Mose 22, 7), oder aber er wird, falls er es wirklich bis zur Tötung des Eingeborenen kommen lassen sollte, ihn, den Träger der Verheißung, wieder zum Leben erwecken! (Hebr. 11,19). Er fordert ein Brandopfer; er verlangt unter Umständen, daß der mit dem Messer geschlachtete Isaak durch das Feuer zu Asche verbrannt wird! Aber um seiner Treue und Verheißungen willen muß er dann diesen selben, zu Asche verbrannten Isaak wieder aus dem Tode zum Leben erwecken! Und gerade bis zu diesem letzten Höhepunkt schien es auf Morija kommen zu sollen (1. Mose 22,9)!

Das ist die Glaubenskühnheit Abrahams. So bezeugt es die Schrift. Er urteilte, gerade bei der Opferung seines Sohnes, „daß Gott auch aus den Toten zu erwecken vermöge“ (Hebr. 11,19)! Darum sagte er auch beim Hinaufgang zu seinen Knechten: „Wenn wir angebetet haben, so wollen wir (nicht ich) wieder zu euch kommen“ (1. Mose 22,5).

Der Glaube versöhnt die Gegensätze, und Abrahams Glaube wurde durch diese Prüfung zum Vorbild auf den neutestamentlichen Auferstehungsglauben geadelt. Darin aber ist er von neuem ein Vorbild auf unsern Glauben; denn im Opfer des HErrn gehört die Auferstehung unzertrennbar zum Kreuz.

Drittens: Das Ziel aber von Morija ist Golgatha. Nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft gab diesem Opfer seinen allerhöchsten Wert. Deshalb fand es auch gerade auf Morija statt, wo später der Tempel stand, wo auf dem Brandopferaltar alle auf Christum hinweisenden Opfer dargebracht wurden und wo in der Todesstunde von Golgatha der Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten zerriß (Mark. 15,38). Damit aber wird Isaak zum Vorbild auf Christum und Abraham zum Vorbild auf Gott den Vater, und der Höhepunkt im Heilsfundament des Alten Testaments wird zur symbolischen Prophetie auf den Mittelpunkt aller Testamente und Bundesschließungen Gottes, das Kreuz von Golgatha.

So kündet das Opfer von Morija drei große Heilswahrheiten der biblischen Opferidee:

  1. Die Geistigkeit des Opfers.
    2. Die Auferstehung des Opfers.
    3. Die Erfüllung des Opfers in Christo. Die letzte aber ist die größte von ihnen allen.

III. Der Mittler des Heils

  1. Abraham und Christus. Von• Abrahams langem, 175jährigem Leben (1. Mose 25,7) wissen wir außerordentlich wenig. Fast alles handelt von dem erwarteten Samen. Aber gerade dies ist hochbedeutsam. Zwar war von dem kommenden Erlöser schon vor Abraham die Rede gewesen: vom Schlangenzertreter (1. Mose 3,15), vom Ruhebringer (1. Mose 5,29) und von dem HErrn, dem Gott Sems (1. Mose 9,26). Aber dies alles geschah in sehr verhüllter Form und außerordentlich selten – nach der biblischen Zeitrechnung nur diese dreimal in einem Verlauf von last 2500 Jahren!

Jetzt aber, bei Abraham, wird die Erwartung des Samens zum alles beherrschenden Hauptgedanken (Gal. 3,16) und steht nun zum allerersten Male im Vordergrund des gesamten heilsgeschichtlichen Geschehens. So sehr ist der Same der Mittelpunkt im Leben des Patriarchen, daß sich seine in der Bibel niedergelegte Geschichte fast gar nicht mit seiner Person selbst, sondern fast ausschließlich mit seiner Erwartung des verheißenen Erben beschäftigt! Man denke nur an die erste Verheißung des Samens (1. Mose 12), die Bundesschließung, die Geburt Ismaels, des falschen Samens, den Beschneidungsbund und die Verheißung an den Neunundneunzigjährigen, den Besuch der drei Männer, die Austreibung Ismaels, die Opferung Isaaks und die Brautwerbung Rebekkas (1. Mose Kap. 15 bis 24).

Der Lebenszweck des Patriarchen lag eben nicht in ihm selber, sondern in dem kommenden Heilsvermittler. Abraham ist um Christi willen da.

Christus lebte vor ihm (Joh. 8,58),
Christus lebte in ihm (1. Petr. 1,11 vgl. 1. Mose 20,7),
Christus lebte nach ihm und schwebte ihm vor (Joh. 8,56).

Darum war auch das Schauen des Tages des Messias der Höhepunkt seines Lebens. Nie lesen wir im Alten Testament, daß Abraham frohlockt habe.) Aber im Neuen Testament spricht der HErr Jesus davon. Und was war der Grund dieses jauchzenden Jubelrufs des Patriarchen? Der HErr sagt: „Abraham, euer Vater, jubelte darüber, daß er meinen Tag sehen sollte; und er h a t ihn auch gesehen und sich darüber gefreut“ (Joh. 8,56). So ist Abrahams Glaube im Blick auf den kommenden Erlöser zum Frohlocken gelangt; und der gleiche Jubel wird auch allen wahren Abrahamssöhnen zuteil (1. Petr. 1,8).

Für Abraham selbst aber ist der Erlöser ein Vielfaches:

der Urgrund seines Wesens (Joh. 8,58),
der Zweck seines Lebens (Gal. 3,16),
der Inhalt seines Strebens (1. Mose 15,3),
die Kraft seines Dienens (1. Petr. 1,11 vgl. 1. Mose 20,7),
der Kanal seines Segens (Gal. 3,14),
das Ziel seines Hoffens (Joh. 8,56),
der Gegenstand seines Frohlockens (Joh. 8,56).

  1. Der „Engel des Herrn“. Diese Heilsbedeutung des Abrahamsbundes ist auch der Grund, warum gerade jetzt zum allerersten Male in der Erlösungsgeschichte der Engel des HErrn auftritt. Dieser ist kein Geringerer als der Sohn Gottes selbst, das Wort (Joh. 1,1; Off. 19,13; Spr. 8,22—31), das dann später in Christo erschien (Joh. 1,14). Daß er aber gerade jetzt, in der Patriarchenzeit, zum ersten Male unter diesem Namen und in dieser Offenbarungsform auftrat, hat seinen Grund darin, daß eben diese Patriarchenzeit die Grundlage der Heilsoffenbarung ist, der eigentliche Anfang einer bestimmteren Vermittlung seiner eigenen Menschwerdung. Da kann es nichts Passenderes geben, als daß gerade jetzt das Ziel dieser Menschwerdung, der Sohn Gottes selbst, in erstmalig angedeuteter Selbstunterscheidung von Gott, in der Heilsgeschichte auftritt. Dem Vater des „Samens“ (Gal. 3,16) erscheint der Same selbst als Bote (Hebr. 3,1) und Engel des Herrn (1. Mose 22,11); und von nun an durchzieht das ganze Alte Testament eine organische Weiterentwicklung dieser verhüllten Selbstoffenbarung des Sohnes:

vom Engel des HErrn (1. Mose 16,7)
bis zum Engel des Angesichts (Jes. 63,9; 2. Mose 33,14; 2. Mose 23,20),
bis zum Engel des Bundes (Mal. 3,1),
ja, bis zum HErrn selbst, der da plötzlich zu seinem Tempel kommt (Mal. 3,1).

IV. Das Ziel des Heils

In Christo gelangt endlich der Glaube an sein Ziel, den Himmel und die himmlische Stadt. So auch Abraham. Er lebte als Fremdling in dem verheißenen Lande und „wohnte in Zelten samt Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; denn er wartete auf die Stadt, die die festen Grundmauern hat, deren Baumeister Gott ist“ (Hebr. 11,9).

„Jerusalem droben, von Golde erbaut“ (Off. 21,21) ist fortan das Ziel aller Sehnsucht des Glaubens. Das himmlische Zion ist unser aller „Mutter“ (Gal. 4,26; Hebr. 12,22), die zukünftige und bleibende Wohnstadt aller Zeltbewohner des Glaubens (Hebr. 13,14).

Hienieden ein Fremdling — dort oben ein Bürger;
hier unten ein Zelt (1. Mose 12,8; 13,18) — dort oben die Stadt;
hier unten  der Altar  (1, Mose 12,8; 21,33) — dort oben das Angesicht Gottes, das Essen und Trinken in seinem Reiche (Matth. 8,11).  –  Das ist die himmlische Berufung des Abrahamsbundes.

V. Der Zeitabschnitt der Patriarchen

In wunderbarer Weise hat sich der Abrahamsbund entfaltet, zunächst im Leben des Patriarchen selbst, dann aber auch in seinen leiblichen und geistlichen Nachkommen.

  1. Die Entwicklungsstufen im Leben Abrahams. Im Glaubensleben Abrahams sind deutlich fünf Stufen zu unterscheiden, deren Anfänge stets durch göttliche Offenbarungen von epochemachender Bedeutung gekennzeichnet sind.

Das erste Stadium beginnt mit dem Auszug aus Ur in Chaldäa und der Einwanderung in das Land der Verheißung. Es steht in besonderem Maße unter dem Gesichtspunkt der Berufung.

Das zweite beginnt mit dem Glaubensbund und der Gerechterklärung und der Besiegelung des Glaubens durch das Bundesopfer. Es steht unter dem besonderen Zeichen der Rechtfertigung.

Dann kommt, nach 13jährigem Warten – als der göttlichen Antwort auf Abrahams Übereilung mit Hagar und Ismaeldas dritte Stadium.  Dieses beginnt mit der Namensumnennung aus Abram (Hoher Vater) in Abraham (Vater der Menge), sowie mit der Einsetzung des Beschneidungsbundes und der Weihe des Patriarchen zu Hingabe und Heiligung. – (Die Beschneidung ist zwar kein Mittel zur Rechtfertigung (Röm. 4,9-12) oder Heiligung (Gal. 5,2-12), wohl aber ein Sinnbild der Heiligung, und zwar insonderheit des Grundsatzes der Dahingabe des eigenen, sündlichen Wesens in den Tod, des „Abgeschnittenwerdens“ des gottfernen Lebens und all seiner Triebe. Darum ist die „nicht mit Händen geschehene Beschneidung“ das „Ausziehen des Leibes des Fleisches“, d. h. das Mitgekreuzigtsein mit Christo (Kol. 2,11, vgl. Röm. 6,2-4).

Hieran schließt sich das vierte Stadium an, die Hauptprüfung und Bewährung in der Dahingabe seines Sohnes auf Morija, und zuletzt konnte so, nach dieser höchsten Erprobung seines Glaubens,

das fünfte Stadium eintreten: die Ruhe und Feier, der Lebensabend und die Vollendung (1. Mose 23 bis 25,10).

  1. Die Bundesübertragungen. Der Bund Gottes mit Abraham blieb die Grundlage auch für die folgenden zwei Patriarchen. Denn wenn bei Isaak und Jakob wiederum von einem Bunde geredet wird, so ist dies nicht etwa ein anderer, neuer Bund, sondern einfach die Bestätigung, Aufrechterhaltung und Übertragung desselben abrahamitischen Bundes auf neue Träger (1. Mose 26,3; 28,13; 35,12). Darum sagt Gott auch zu Isaak: „Ich werde den Eid aufrechterhalten, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe“ (1. Mose 26,3), und dem Jakob offenbart er sich in Bethel durchaus als der Gott Abrahams und der Gott Isaaks (1. Mose 28,13).

Solche Bundesübertragungen waren nötig, weil Isaak ja noch den Ismael und die Kinder der Ketura (1. Mose 25,1-4) zu Geschwistern hatte, wie auch Jakob noch den Esau zum Bruder hatte. Darum mußte immer erst noch durch besondere göttliche Zusage festgestellt werden, wer von diesen allen der Träger des abrahamitischen Bundes werden sollte. Von Jakob ab war dies jedoch nicht mehr nötig, weil von seinen Kindern niemand mehr vom Segen ausgeschlossen war. Darum hören von dann an auch die Bundesübertragungen folgerichtig auf.

Im ganzen hat Abraham drei Arten von Nachkommen:

  1. rein leibliche: Ismael, die Kinder der Ketura (bes. Midian, 1. Mose 25,1-4) und Esau (Edom);
  2. leibliche und geistliche: Isaak, Jakob und Israel und
  3. rein geistliche: Die Gläubigen aus allen Nationen (Röm. 4,11; 12; Gal. 3,14).

So erfüllt sich dreifach die ihm gegebene Verheißung, daß seine Nachkommen sein sollen wie „die Sterne des Himmels“ (1. Mose 15,5; Hebr. 11,12), und Abraham wurde beides:
– sowohl Stammvater einer Menge von Völkern (1. Mose 17,5), dies geschah durch seine leibliche und leiblich-geistliche Nachkommenschaft,
– als auch Segenskanal für alle Geschlechter der Erde (1. Mose 12,3) – dies erfüllt sich in Christo und dem geistlichen Segen der Erlösung (Gal. 3,14).

  1. Die Bundesträger. Abraham, Isaak, Jakob und Joseph sind die führenden Persönlichkeiten im Zeitabschnitt der patriarchalischen Glaubensverheißung. Ihnen allen ist gemeinsam der Glaube und  der Verheißungsbund. Dennoch erstrahlt dies Gemeinsame bei einem jeden von ihnen in verschiedenem Glänze.

Abraham ist der suchende und findende Glaube. Er sucht erst das Land, dann den Erben und schließlich die himmlische Stadt (1. Mose 12,1; 15,3; Hebr. 11,10).

Isaak ist der duldende und ruhende Glaube. Er duldet auf Morija (1. Mose 22), verzichtet auf seine Brunnen, um Streit mit seinen Feinden zu vermeiden (1. Mose 26,15—17; 20—22) und macht keine so großen Reisen wie Abraham, Jakob und Joseph.

Jakob ist der dienende und fruchtbringende Glaube. Obwohl menschlich viel „unsympathischer“ als sein Bruder Esau, wird er doch, um seines Verheißungsglaubens willen, seinem ungläubigen Bruder vorangestellt und gelangt nach jahrelangem Dienen zu großer Vermehrung und Fruchtbarkeit (1. Mose 29 u. 30).

Joseph schließlich ist der leidende und triumphierende Glaube – in seiner Erniedrigung wie auch in seiner Erhöhung ein prophetisches Vorbild auf Christum.

Alle vier zusammen aber zeigen, gerade in dieser Reihenfolge, das Gesetz des Wachstums des Glaubens. Der Glaube beginnt mit dem Suchen und Finden. Er soll zum Triumphieren verklärt werden. Aber dazwischen liegt das Dulden und Dienen und, im Dienen, das Fruchtbringen.

So ist die Aufeinanderfolge der vier Patriarchen von tiefster Bedeutung. Wir müssen mit Abraham beginnen, um dann, durch Isaaks und Jakobs Erfahrung hindurch, zum Leiden und Siegen des Joseph zu gelangen Damit aber wird die Geschichte der Glaubenspatriarchen zur Geschichte aller Glaubenserfahrung überhaupt, und so wie jene mit Joseph als dem Vorbild auf Christus zum Abschluß gelangte, so hat diese in Christo, dem Lebendigen, selber ihr Ziel.

Zu Christus die Heilsgeschichte unmittelbar hinzuführen, ist die Aufgabe des nun folgenden Zeitabschnitts des Gesetzes.

 

B. Das Geheimnis des Volkes Israel

3. Kapitel: Israels Berufung und Dienstauftrag

In Abraham – das gnädige, schöpferische Walten des Gottes, der das Nichtseiende ruft, als sei es schon da (Röm. 4,17),
in Isaak – Leben aus den Toten (Hebr. 11,19).
in Jakob – unverdiente Gnade und herrlicher Ausgang; der Mann Gottes erscheint, der aus dem Ränkeschmied (Jakob) den Gotteshelden (Israel)  macht,  –  das ist Israels Entstehen.

Auf Israels Berufung ist alles bei diesem Volk eingestellt:

I. Israels Aufgabe

Israels Aufgabe war eine doppelte. Es sollte der Empfänger der Gottesoffenbarung und das Absteigequartier für den Welterlöser werden und dadurch die Geburtsstätte für die christliche Gemeinde (Joh. 4,22 vgl. Röm. 11,16-24). Es sollte aber auch die Wege bahnen in die Völkerwelt und als Zeuge und Missionar Gottes an die Nationen der Kanal für die Heilsoffenbarung sein zum Zweck der Vorbereitung des Weltevangeliums.

Beide Aufgaben widersprechen einander auf den ersten Blick und setzen scheinbar Unvereinbares voraus; und doch sind sie beide in Israel durchaus vereinigt. Um die Heimat des Messias und die Geburtsstätte des Christentums zu werden, mußte Israel ein in sich abgeschlossenes Volk sein, abgesondert von allen Heiden, als das Volk der Offenbarung, das allein den lebendigen Gott kennt, weil er ihm seinen Willen im Gesetz kundgetan hat.
Andererseits mußte es unter den Heiden verbreitet sein, mitten unter ihnen wohnend, um dem Christentum die Wege zu bahnen.

Erst diese Erkenntnis des zwei-einheitlichen Gegensatzes von Absonderung und Weltweite ist der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte Israels. Ohne sie bleibt alles unklar.

Am schärfsten zeigt sich diese Spannung auf dem Höhepunkt seiner Berufung: in der Erlöserverheißung.

II. Israels Messiaserwartung

Hier ist absolute Ausdehnung, Durchbrechung aller Begrenztheit: der Messias ist Heiland der Welt (Mal. 1,11; Joh. 4,42). Die Menschheit ist eine Familie mit nur einem Ursprung und einem Ziel. Alle Völker der Erde sind, mit Israel, Teilhaber der Erlösung. Und wie Israel, offenbarungsgeschichtlich, Gottes erstgeborener Sohn ist (2. Mose 4,22), so werden auch sie dereinst alle Söhne Gottes werden (Jes. 25,6). Mit diesen Gedanken umspannt die israelitische Prophetie den weltweitesten Rahmen, den überhaupt das Altertum kennt.

Und doch! Gerade hier zeigt sich die absoluteste Konzentration. Denn dieser Erlöser der Welt ist ein Mann (1. Tim. 2,5), ein Nachkomme Davids, ein Heiland! (Apg. 4,12.) Und das Gewaltigste ist, daß die Weltgeschichte ihr Ja zu dieser Erwartung gesprochen hat!

Jesus von Nazareth, der Eine, der Sohn Gottes, wird von Millionen von Menschen als HErr und Erlöser gepriesen, und sein Geistesgut wird gerade von führenden Völkern der Menschheitskultur als das sie führende Ideal für Charakter und Sittlichkeit anerkannt! Warum aber findet sich diese Erwartung nicht auch bei den Römern oder Griechen, sondern nur in der Offenbarung an das „geringste“ der Völker? (5. Mose 7,7.) War sie Vielleicht etwa reines Erzeugnis politischen Hochgefühls oder gar krankhaft gesteigerter Nationalismus? Warum aber ist er dann gerade als Erfüllung dieser Weissagung auch tatsächlich erschienen und wirklich, als der Heiland der Welt, das „Panier der Völker“ geworden?! (Jes. 11,10; Röm. 15,12.) Etwa aus Zufall? Nein, hier gibt es nur eine vernunftgemäße Antwort:
Die Bibel ist Wahrheit! Die Weltgeschichte ist ihr Zeuge! Die Erfüllung ist der Beweis der Prophetie!

Diesem doppelt gespannten Zielpunkt von höchster Zusammenfassung und weltweitester Ausdehnung entgegenzugehen, war der Sinn aller israelitischen Geschichte. Darum ist alles bei diesem Volke darauf angelegt, diesen zwei zusammengehörigen und doch entgegengesetzten Forderungen gerecht zu werden.

III. Israels Anlage

Kein Volk ist so auf Besonderheit und doch zugleich Weltweite angelegt wie der Jude. Keines ist so national und doch zugleich so universalistisch wie er. Keines bewahrt so zähe seine Eigenart und bleibt loch mitten unter anderen Völkern so in sich zusammenhängend; und dennoch versteht keines es wiederum auch so, sich überall anzuschmiegen und den Verhältnissen anzupassen wie der Jude. Der Jude bürgert sich an allen Orten ein, weiß überall Raum für sich zu gewinnen und bleibt doch überall – Jude.

Dieser zwei-einheitlichen Spannung von Weltabsonderung und Weltverbundenheit entsprach auch das Land Palästina.

IV. Israels Land

Palästina ist ein abgeschlossenes Land, inselartig gelegen, einem Garten gleich, eingezäunt durch Gebirge, Wüsten und Wasser (Jes. 5,1). Hafenlos ist seine Küste; kein Fluß führt ins Innere, und wie eine trennende Mauer ist das sonst so völkerverbindende Meer. Feindliche Nachbarn umgeben es, sperren es ab nach allen Seiten, und fern sind die Mittelpunkte der Völkerkultur.

Und dennoch ist es der Mittelpunkt der Erde (Hes. 38,12), die Brücke zwischen den Herrenvölkern der altorientalischen Welt, da gelegen, wo sich drei Erdteile am nächsten berühren, wo die zwei Staatengruppen der alten Geschichte, die des Morgenlandes und des Abend-Landes, sich am meisten nahe kommen. Von hier aus gehen die Wege nach allen Seiten, und leicht sind die Hauptländer der Nationen zu erreichen. Kein Wunder darum, daß die Babylonier-Assyrer und die Ägypter immer wieder um den Besitz dieser Brücke gerungen haben.

Kein Wunder darum auch vor allem, daß gerade diese Lage die günstigste war, als es sich darum handelte, das Evangelium in alle Welt hinauszutragen. „Das ist Jerusalem. Mitten unter die Völker habe ich es gestellt und Länder rings um es her“ (Hes. 5,5). So aber entspricht das Land ganz und gar der Berufung seiner Bewohner. Die Spannung zwischen Absonderung und Weltweite zeigt sich bei ihm als geographische Abgeschlossenheit und zentrale Lage. 

4. Kapitel: Israels Abfall und Krisenweg

Israel ist Gottes Bundesvolk (Amos 3,2), abgesondert zum Zweck der Verbreitung der Heilsbotschaft in der Völkerwelt. Diesem großen, zwei-einheitlichen Ziel seiner Berufung entsprechen auch die Führungen Gottes in seiner Geschichte.

I. Israels Erziehung

  1. Göttliche Erziehung zur Absonderung (1900—586) „Gehe aus deinem Vaterlande und deiner Freundschaft“ – mit diesem Befehl Gottes an Abram beginnt die israelitische Geschichte. Sie beginnt also mit Aussonderung, und jahrhundertelang gehen alle Wege Gottes mit Israel dahin, es auszusondern, es abzuschließen, seinen Volkscharakter zu befestigen.

Der „Zaun“ des Gesetzes (Eph. 2,14), das palästinensische Judentum, das hebräische Alte Testament und der Tempel in Jerusalem – das sind die vier Hauptzeugen dieser Erziehung des Volkes.“

Dann aber, nach anderthalb Jahrtausenden, wendet es sich; und von nun an zielt – wiederum Jahrhunderte hindurch – alles darauf ab, Israel unter die Völker zu zerstreuen. Den Wendepunkt bildet die babylonische Gefangenschaft (606-536).

  1. Göttliche Erziehung zur Weltweite. Von der babylonischen Gefangenschaft an tritt
    – neben das palästinensische Judentum das Judentum der Zerstreuung, die Diaspora (Apg. 2,5-11);
    – neben den Tempel die Synagoge, mehr der Lehre als dem Opferdienst gewidmet, aber in allen Städten und Ländern
    neue Mittelpunkte jüdischen Lebens schaffend;
    – neben das hebräische Alte Testament die griechische Übersetzung, die Septuaginta, dazu bestimmt, nicht nur
    den Juden der Zerstreuung, sondern auch den Heiden Gesetz und Propheten und die Töne davidischer Psalmen zu
      bringen.

Das palästinensische Judentum mit dem Tempel und dem hebräischen Alten Testament war eine im höchsten Maße zentralisierende Macht; dort hatten auch all die unzähligen, in der Heidenwelt lebenden Judengemeinden ihren Schwerpunkt. Die Diaspora dagegen mit der Synagoge und der Septuaginta war eine sich ausdehnende Macht; durch sie wurde Israel ein Bote Gottes und Missionar in der Heidenwelt.

Und doch! Was geschah? In allem ist Israel dem Plan Gottes entgegen.

II. Israels Versagen

  1. Von der Gesetzgebung bis zur babylonischen
Gefangenschaft (1500-586) war Israels Hauptsünde der Götzendienst (2. Mose 32; Richt. 2,17; 2. Kön. 16,3). Das aber heißt: Gerade in der Periode, in der alles göttliche Erziehen auf Absonderung und Trennung von den Weltvölkern
hinausging, betrieb Israel abgöttische Gemeinschaft mit ihnen. Der göttlichen
Abgeschlossenheit setzte es fleischliche Aufgeschlossenheit, der heiligen Liebe die abtrünnige „Hurerei“ entgegen (Hos. 1-3; Jes. 1,21). Darum
lautet Gottes Urteil, nach jahrhundertelanger Geduld, über das sündige
Jerusalem: „Zu meinem Grimm ist mir diese Stadt
gewesen, so
daß ich sie von meinem Angesicht hinwegtun will“ (Jer. 32,31).

Nebukadnezar kam. Jerusalem wurde zerstört und das Reich Juda in die Gefangenschaft weggeführt (586). Doch dann geschah das jüdische Wunder. In Babel wird Israel von Babel geheilt. Gerade Babel, „die Mutter aller Hurerei und Abgötterei“ (Off. 17,5), wird die Heilanstalt für das hurerische Volk. Gerade hier wird das jüdische Volk vom babylonischen Götzenwesen befreit, und mit neuen Zielen kehrte der gläubige Überrest Israels aus der Gefangenschaft zurück.  –  Aber dann ging Israel den umgekehrten Irrweg.

  1. Von der babylonischen Gefangenschaft an
liefen alle Wege Gottes mit Israel darauf hinaus, es für seine weltweite Völkermission vorzubereiten. Aber was tat das Volk jetzt? Es sonderte sich ab, und in hochmütiger Selbstüberhebung verachtete es die Heiden als unreine „Hunde“! Besonders unter der Führung der Pharisäer erreichte diese fleischliche Betonung der Vorrechtstellung ihren Höhepunkt. Jetzt setzte Israel – genau umgekehrt wie vorher – dem göttlichen Universalismus einen selbstgerechten Nationalismus, der Völkermission die Volkszentralisierung entgegen; und wie es vordem, als Gott die Absonderung gewollt hatte, die Verbindung betrieb, so pflegte es nunmehr, als Gott die Verbindung wollte, die Absonderung. So waren sie ein Volk, allezeit halsstarrig und widerstrebend (Apg. 7,51).

Den Höhepunkt seiner Sünde aber erreicht Israel zur Zeit Christi. In dreifacher Steigerung – in der Ablehnung der Botschaft vom Himmelreich (Matth. 23,37), in der Ermordung des Messias auf Golgatha (Apg 7,52) und in der Zurückweisung des Zeugnisses von der Auferstehung Apg. 4,2; 21; Apg. 7,51; 13,46; Apg. 28, 25-28) – begeht Israel die Sünde aller Sünden: die Verwerfung des Sohnes Gottes. Und fortan steht es unter dem göttlichen Gericht.

III. Israels Niedergang

Abwärts ging Israels Weg. In drei großen Stufen vollzog sich sein Niedergang. Zuerst hatte das Volk

  1. Die direkte Gottesherrschaft: Von Mose bis Samuel (1500-1100). Am Sinai zum „Volke“ geboren, hatte die Nachkommenschaft Abrahams Gott selbst zum König. „Ihr sollt mir ein Königtum von Priestern und eine heilige Nation sein“ (2. Mose 19,5). Mose, Josua und die vierzehn Richter bis Samuel einschließlich waren nichts anderes als jeweilig Beauftragte des HErrn zur Durchführung bestimmter Einzelaufgaben. Ein irdisches Königtum gab es nicht. Gideon lehnte es ausdrücklich ab, und der einzige, der es aufrichtete – Abimelech, sein Sohn – tat es im Widerspruch zu Gott und ging elend zugrunde (Richter 9).

Die irdischen Organe des himmlischen Königs waren die Propheten (5. Mose 18,15), die Priester (5. Mose 33, 8-11) und die Helden bzw. Richter. Eine ständige, äußere Zentralregierung hatte man nicht, wohl aber einen Zentralaltar; denn die Einheit des Volkes lag in seiner Abstammung und in seinem Glauben; und die Stiftshütte in Silo war der sichtbare Ausdruck dieser Einheit (Jos. 18,1; 10; 19,51; 1. Sam. 1,3; 4,3).

Aber diese ganze Verfassung konnte nur in einem gottergebenen Volke Frucht bringen. Im andern Fall mußte sie sich gleichsam als „königslose“ Zeit auswirken. Und gerade so war es bei Israel (Richt. 18,1; 19,1; 21,25). Daher schließlich der Wunsch nach einem sichtbaren König (1. Sam. 8).

Damit aber begann die zweite Periode:

  1. Die indirekte Gottesherrschaft: Von Saul bis Zedekia (1100—586). Nur widerstrebend gewährte der HErr die Bitte. Denn vom Gesichtspunkt des Königtums Gottes aus war ein irdisches Königtum ein Rückschritt, ja geradezu eine „Verwerfung“ des HErrn (1. Sam. 8,7). Dennoch hielt Gott an seinem Königsrecht fest. Noch Jahrhunderte später wird er von den Propheten und Psalmsängern als der wahre „König“ Israels gepriesen. „Der HErr ist unser Richter, der HErr unser Feldherr, der HErr unser König“ (Jes. 33,22; Jer. 10,10, Ps. 2,6 u. a.).

Daraus  aber ergab sich die eigenartige Stellung des israelitischen „Königs“. Da der eigentliche König der HErr ist, sind die irdischen Könige nur Vizekönige, weshalb auch die Wahl nicht (demokratische) Volkswahl war, sondern allein in Gottes Hand ruhte (5. Mose 17,15), der sie durch Prophetenmund verkünden ließ (1. Kön. 19,16). Dem Volk selbst stand nur das Recht der „Einsetzung“, das heißt, der öffentlichen Anerkennung zu (1. Sam. 11,15). Der König war darum ganz und gar König „von Gottes Gnaden“. Und da ferner das geistliche Amt in Israel dem himmlischen Könige näherstand als das weltliche, standen die Propheten in Israel, reichsgottesgeschichtlich, über den Königen und waren deren Berater, Gewissen, Auge, Ohr, Wächter und Kontrolle.

Aber auch innerhalb dieser an sich schon viel niederen Gottesherrschaftsperiode ging es mit Israel bergab, und zwar wieder in drei Unterstufen. Zuerst hatten sie

das Einheitsreich. unter den drei Königen Saul, David und Salomo (1050—950); dann, seit der Reichsteilung

das Doppelreich, das gespaltene Israel-Juda (bis zur assyrischen Gefangenschaft, 722), und schließlich nur noch

das Restreich Juda, die südlichen zwei Stämme (722—586). Mit deren letztem Könige Zedekia zerbrach endlich das sichtbare Königtum überhaupt, und von da an hatte Israel nur noch das letzte:

  1. Die außer Kraft gesetzte Gottesherrschaft: Von 586 v. Chr. bis zur Aufrichtung des Messiasreiches. Mit Nebukadnezar begannen die Zeiten der Heiden (Luk. 21,24). Seit der Zerstörung Jerusalems stand Israel unter der Herrschaft der Weltvölker. … Die Römer waren die Herren des Landes. Zuletzt aber wurde Israel sogar außer Landes verwiesen und irrt seitdem, infolge des Strafgerichts Gottes, nach dem Zeugnis des Alten Testaments selber, als verachteter Fremdling unter den Völkern umher. … Mose weissagte: „Du wirst unter jenen Völkern zu keiner Ruhe kommen, und für deine Fußsohle wird es keine Stätte der Rast geben, sondern der HErr wird dir dort ein immer zitterndes Herz und eine geängstigte Seele geben. … (5. Mose 28, 65). Und der HErr selbst spricht: „Wie ein Feind habe ich dich geschlagen mit grausamer Züchtigung wegen der Größe deiner Schuld. .. Wegen der Menge deiner Sünden habe ich dir dies Leid angetan“ (Jer. 30,14). So aber wird das jüdische Volk zum abschreckenden Beispiel des Unglücks für alle Reiche der Erde.

Und doch! „Gottes Gnadengaben und Berufung sind unbereubar.“ (Röm. 11.29.) Die „Feinde“ bleiben dennoch „Geliebte“. Die „Wurzel“ ist heilig (Röm. 11,16), und um Abrahams willen (Jes. 41,8; 5. Mose 7,8) hält Gott auch im Gericht an seinen Verheißungen fest: „Selbst auch dann, wenn sie in dem Lande ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht verwerfen und meinen Bund mit ihnen zu brechen; denn ich bin Jahwe, ihr Gott“ (3. Mose 26,44).

IV. Israels Bewahrung

In drei großen Hauptnotzeiten erlebt Israel Gottes Bewahrung: im ägyptischen, assyrisch-babylonischen und römischen Exil.

  1. Die ägyptische Not (um 1500 v. Chr.) war Schmach Christi (Hebr. 11,26). Was der Pharao tat, war, ohne daß er es wusste, ein Kampf der Schlange gegen den Weibessamen (1. Mose 3,15). Denn mit der Ausrottung der Juden wäre das Kommen des Erlösers unmöglich gemacht worden, da die Verheißung vom Weibessamen und Schlangenzertreter seit Abraham gerade an dies Volk gebunden war (Joh. 4,22; Gal. 3,16). So steht gleich zu Anfang der jüdischen Entwicklung hinter aller Volksgeschichte die Reichsgeschichte. Israel litt in Ägypten um des Messias willen; und der Hebräerbrief bezeugt durch den Ausdruck „Schmach Christi“, daß der Prophet Mose schon damals diesen übergeschichtlichen Hintergrund auch möglicherweise in etwa geahnt hat.

Gott aber führte das Volk mit erhobener Hand aus dem „eisernen Schmelzofen“ Ägyptens heraus (5. Mose 4.20).

  1. Die assyrisch-babylonische Not (722 ff. und 606—536) war Schmach der Sünde (2. Kön. 17,7). Die Gefangenschaft kam, weil die Kinder Israel götzendienerisch gehurt (Hos. 1—3; Hes. 16 u. 23), sich mit „Greueln“ beladen (Hes. 8,13), das Land „mit Gewalttat erfüllt“ (Hes. 8.17) und sich also zu „gar nichts mehr tauglich“ gemacht hatten “ Jer. 13,7). Und daß es gerade siebenzig Jahre waren, hing mit der Zahl der in den vorangegangenen Jahrhunderten nicht beachteten Sabbatjahre zusammen (2. Chron. 36,21 vgl. 3. Mose 26,34). Dann aber berief sich Gott gerade in Babel – außer Daniel – den Propheten Hesekiel; und in Kores, dem gewaltigen Kriegshelden, dem Begründer der persischen Weltherrschaft, schenkte er ihnen den lang ersehnten Befreier (Jes. 45,1-7; Esra 1,1-4; 5,13).
  2. Die römische Not war und ist Schmach für die Sünde aller Sünden, die Verwerfung des Messias. Darum ist sie auch die längste (5. Mose 28,49-68). Sie beginnt mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 und endet erst mit der Aufrichtung des Messiasreiches bei der Wiederkunft Christi. Denn das römische Reich währt, prophetisch, bis an das Ende der Welt (Dan. 2 u. 7). „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (Matth. 27, 25.) Dieses von ihnen selbst gesprochene Wort steht wie ein flammendes Wahrzeichen des Gerichts über dieser Jahrtausende langen Geschichte. „Israel muß ja verstummen, wenn man es heute fragt: „Sage mir doch: Wie kann es nur sein, daß der Ewige die Väter nur siebzig Jahre aus ihrem Lande in die Gefangenschaft nach Babel geschickt hat um all der Greuel und Abgötterei willen, womit sie Jahrhunderte hindurch das heilige Land verunreinigt hatten;  – und nun ist Israel schon über 1800 Jahre versprengt unter alle Völker, und Jerusalem, des großen Königs Stadt, ist von den Heiden zertreten bis auf diesen Tag?! Was ist denn die große und schreckliche Blutschuld, die euch immer noch fernhält von den friedlichen Wohnungen im Lande der Väter? – Aber Israel will es ja nicht wissen!“ –

Und doch ist gerade seine Messiasverfehlung die Urwurzel seines Unglücks. Der Kreuzeshaß der jüdischen Seele hat sie zum „quälenden Stachel in der Welt“ gemacht. Fortan steht das jüdische Volk unter dem „Fluch der Kreuzesflucht“. „Daher die Rastlosigkeit und Friedlosigkeit des ewigen Juden, weil er mit der Gestalt Jesu Christi innerlich niemals fertig geworden ist. Die Flucht vor dem Kreuz hat ihn zum heimatlosen Flüchtling in der Welt gemacht. Die Empörung gegen das Kreuz hat ihn zum Anführer aller Empörung gegen Gott auf Erden werden lassen“ (A. Köberle).

Aber auch hier ist gerade der Fortbestand des jüdischen Volkes ein Haupträtsel der Geschichte. Die Gesetze, die das Werden vieler anderer Völker beherrschen, sind zum Teil geschichtsphilosophisch erklärbar.

Aber Israels Entwicklung spottet aller Erklärung. Denn Israel ist, trotz allem, Jahwes Volk, und der HErr, sein Gott, ist ein verborgener Gott (Jes. 45,15). Jeder Jude ist ein wandelndes Geheimnis.

V. Israels Hoffnung

In der Tat, „wenn nach dem Zeugnis der Prophetie (Jes, 53) Jesu Anrecht, der wahre Messias zu sein, erst durch Leiden und Verwerfung besiegelt werden musste, dann kann Israels Anspruch auf eben diesen Messias durch solche Verwerfung nimmermehr aufgehoben werden. Vielmehr wird der HErr alle seine Versprechungen an Abraham und David einlösen; und dann wird der „Jakob“ in einen „Israel“, der „Dornstrauch“ (2. Mose 3,2) in einen fruchtbringenden „Feigenbaum“ (Hos. 9,10) umgewandelt werden (vgl. Jes. 55,13). Und wie Israel jetzt ein gesteigerter Fluch ist, so wird es vereinst noch vielmehr ein gesteigerter Segen sein (Sach. 8,13). „Wo die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überschwenglicher geworden“ (Röm. 5,20). Und wie im Verlauf der Geschichte alle Rassen der Welt an Israels Gericht mitgewirkt haben – die Hamiten im ägyptischen, die Semiten im assyrisch-babylonischen und die Japhetiten im römischen Exil -, so werden sie dereinst im Herrlichkeitsreich alle zusammen, gemeinsam mit Israel, gesegnet werden (Jes. 2,2; 19, 24). „O Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürlich seine Wege! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Röm. 11, 35).

 

C. Warum gab Gott das mosaische Gesetz?

5. Kapitel: Der Sinn des Gesetzes

Warum kam Christus nicht schon zur Abrahamzeit ? Sagt uns das Neue Testament nicht klar, daß es beim Heil allein auf den Glauben ankommt? Und war nicht der Glaube in Abraham schon da, und zwar sogar schon in sehr entwickeltem Maße? Die Bedingungslosigkeit der Gnade, die Rechtfertigung, das Opfer, die Auferstehung, der Messias, die himmlische Stadt? Ist da eine Gesetzesperiode von 1500 Jahren nicht überflüssig und geradezu ein Rückschritt?

Dort unmittelbar inniges Glaubensleben – hier äußerlich mittelbare Formen; dort ruhig erhabene Schlichtheit – hier kaum zu übersehende Kompliziertheit; dort Vorwalten des Wortes und der Verheißung – hier Vorherrschaft der Forderung und des Symbols.

Aber das Schlichte ist doch edler als das Komplizierte, und das Wort ist doch unmittelbarer als das Symbol; die Verheißung ist doch schöpferischer als das Gebot und die Innerlichkeit höher als die Form!

Und dennoch gab Gott das Gesetz so majestätisch mit Donnern und Blitzen (2. Mose 19,16; Hebr. 12, 18)! Und dennoch ließ er die im Schatten des Todes dahinschmachtende Menschheit noch anderthalb Jahrtausende auf das Kommen des Erlösers warten. Hierfür muß es gewichtige Gründe geben. Welche aber sind diese?

Die Antwort der Schrift ist, daß der Hauptsinn des Gesetzes in der Ausgestaltung der Erlösererwartung durch Offenbarmachung der menschlichen Sündhaftigkeit bestehe, und daß dadurch das Gesetz ein Zuchtmeister auf Christum sei, und zwar auf ihn als den Heiland der Sünder (Gal. 3,19). Um aber diese seine Aufgabe zu erfüllen, tritt es in eine besondere Beziehung zu Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Es ist

im Hinblick auf die Vergangenheit – eine Hinzufügung,
im Hinblick auf die Zukunft – eine Einschaltung,
im Hinblick auf seine Gegenwart – eine Unterweisung.

I. Das Gesetz als Hinzufügung

Nicht etwa beiseitegesetzt hat es den Abrahamsbund und ist an seine Stelle getreten, sondern ergänzt hat es ihn. Es wurde hinzugefügt (Röm. 5,20). Bei aller Bedeutung darum, die das mosaische Gesetz hat, kommt ihm dennoch keine grundlegende Bedeutung zu. Grundlegend sind für Israels Geschichte allein die Verheißungen des Abrahamsbundes. Darum geht auch Paulus in seiner Rechtfertigungslehre nicht auf Mose, sondern auf Abraham zurück (Röm.4; Gal.3,9).

Dennoch war diese Hinzufügung nötig. Denn bei aller Erhabenheit und Tiefe des Abrahamsbundes fehlte ihm doch die genügende Betonung der Sünde. In dieser noch gar zu geringen Entfaltung der menschlichen Verlorenheit und Unfähigkeit zur Selbsterlösung lag seine Hauptunvollständigkeit; und doch ist gerade ihre Erkenntnis die wichtigste Voraussetzung für das Erleben von Golgatha! Darum mußte er ergänzt werden, und das geschah durch das Gesetz.

Fortan zerfällt die gesamte vorchristliche Heilsoffenbarung in zwei Hauptabschnitte: den Verheißungsbund und den Bund des Gesetzes. In jenem steht das Positive, in diesem das Negative im Vordergrund. Bei Abraham ist es der Segen, bei Mose der Fluch, bei Abraham das Leben, bei Mose der Tod (2. Kor. 3,6). Der Mosesbund gipfelt in der Kreuzigung Gal. 2,19; 3,13), der Abrahamsbund in der Auferstehung (Hebr. 11, 19).

Aber sie beide gehören zusammen. Denn der Sünder soll erlöst werden, und dazu ist Erneuerung und Wiedergeburt nötig. Wiedergeburt aber hat menschliche Bekehrung zur Voraussetzung, und Bekehrung ist zweierlei: Abkehr und Hinkehr, ein Nein zu sich selbst und ein Ja zu Gott, eben Buße und Glauben.

Jahrhunderte hindurch spricht Gott das Wort Glaube in die Heilsgeschichte hinein – das ist der Sinn des Abrahamsbundes. Er ist eine zwei Jahrtausende lang währende Erziehung zum Glauben. Und Jahrhunderte hindurch spricht Gott das Wort Buße in die Heilsgeschichte hinein – das ist der Sinn des mosaischen Gesetzes.

II. Das Gesetz als Einschaltung

Es wurde hinzugefügt, „bis daß“ der Same käme, auf den sich die Verheißung bezieht (Gal. 3,19). Dieses bis zeigt an, daß das Gesetz nur etwas Vorübergehendes ist, das zu dem Samen in einem nur vorbereitenden Verhältnis steht, in ihm selber sein Ziel hat und mit seinem Kommen verschwindet. „Christus ist des Gesetzes Ende“ (Röm. 10,4). Darum sprach schon Jeremia in der Zeit des alten Bundes von dem Kommen eines neuen (Jer. 31,31), und David weissagte ein ewiges Priestertum des Messias. „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks“ (Ps. 110,4).

III. Das Gesetz als Unterweisung

In bezug auf seine eigene, damalige Gegenwart ist das Gesetz Zaun, Zügel, Regel, Riegel und Spiegel.

Nach außen hin ist es der Zaun, der Israel von den Weltvölkern nennt (Eph. 2,14; 15). Das Gesetz ist nicht allen Menschen, sondern nur Israel gegeben. „Er verkündete Jakob sein Wort, Israel seine Satzungen und Rechte. Keiner andern Nation hat er also getan“ (Ps. 147,19). Der Sabbat ist das Zeichen zwischen Gott und Israel (2. Mose 31, 13; 16; 17; Hes. 20,12; 20). Die Nationen aber haben „kein Gesetz“ (Röm. 2,14). Schon dies allein widerlegt alle Hineintragung des Gesetzes n das gegenwärtige Völkerevangelium der Gnade, wie gesetzliche Heiligung, Sabbatfeier, alttestamentliche Gottesdienstformen, besonderer Priesterstand, Priestergewänder, Weihrauch usw. Das mosaische Gesetz war niemals der Völkerwelt gegeben sondern nur Israel.

Nach innen hin ist es ein Spiegel. „Durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm. 3,20). Dies ist seine eigentliche Hauptaufgabe. So ist das Gesetz ein Geschenk des erlösenden Gottes.

 

6. Kapitel: Der Todesweg des Gesetzes

,,Der Buchstabe tötet“ (2. Kor. 3,6).

Das Gesetz ist ein Organismus und darum eine unteilbare Einheit. „So jemand das ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist’s ganz schuldig“ (Jak. 2,10; Gal. 3,10).

Falsch ist darum jede Unterscheidung eines Moralgesetzes und eines Zeremonialgesetzes, weil dadurch der Eindruck entsteht, als gäbe es zwei Gesetze, von denen das eine – etwa das Zeremonialgesetz – im Werk Christi erfüllt sein könnte, das andere aber nicht.

Dennoch ist das Gesetz, wie jeder Organismus, in Glieder einteilbar; und in diesem Sinne hat es drei gliedhafte Gruppen von Verordnungen: Die Sittenbestimmungen, die Gottesdienstbestimmungen und die Sozialbestimungen. Von diesen haben besonders die ersten zwei heilsgeschichtliche Bedeutung.

Durch Gesetz wird Erkenntnis bewirkt (Röm. 3,20), und zwar:

  1. Erkenntnis der Sünde – als Zielverfehlung, Übertretung, Empörung.
    2. Selbsterkenntnis des Sünders – seine Sündhaftigkeit, Kraftlosigkeit, Verlorenheit.

I. Erkenntnis der Sünde

Diese verläuft in drei Stufen. Die Sünde ist:

  1. Zielverfehlung. (Das neutestamentliche Wort für „Sünde“ (grch. hamartia) bedeutet ursprünglich Zielverfehlung). In   absolutem Sinne gibt es Sünde nur gegen Gott. „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt“ (Ps. 51,6). Aber der Sünder ist blind, sein Gewissen ist trughaft, und er erkennt nicht das göttliche Ideal. Darum muß es ihm durch Offenbarung kundgetan werden. Dies geschieht durch das Gesetz. Es ist die auf der Schaubühne der Weltgeschichte als Musterbeispiel gegebene Kundgebung des göttlichen Willens für das moralische Verhalten der Menschen. Erst so wird offenbar, was Zielverfehlung ist. Aber die Sünde ist mehr. Sie muß schonungslos entlarvt werden. Sie ist
  2. Ungehorsam, Übertretung, Gesetzlosigkeit (Hebr. 2,2; 1. Joh. 3,4). Darum darf das Gesetz das Ideal nicht nur beschreiben, sondern muß es vorschreiben, muß es fordern, muß gebieten, muß verlangen, daß der Mensch es erfüllt, muß eben „Gesetz“ werden.

Damit aber wird der Charakter der Sünde gesteigert. Denn wo es keine Grenzlinie gibt, kann man auch nicht von Grenzüberschreitung reden. „Wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung“ (Röm. 4,15). So bezog sich das Gesetz zwar nicht auf das Vorhandensein der Sünde, wohl aber auf ihre Zurechnungsmöglichkeit. „Sünde wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz da ist“ (Röm. 5,13). Das Gesetz machte die Sünde zwar nicht; aber es machte die Sünde zur Übertretung.

Aber noch schärfer steigert sich der Kampf. Die Sünde wird als

  1. Empörung entlarvt. Denn durch das bloße Vorhandensein des Gesetzes fühlt sich das Böse gereizt, nun erst recht sich zu äußern. Am Verbot entbrennt die Begierde. Die Sünde wird zur Lust und zur Tat, und die Sünde äußert sich in Sünden (Röm. 7,5). So ist das Gesetz die Kraft der Sünde, die das Böse von innen nach außen treibt (1. Kor. 15,56).

Aber gerade darin kommt die Sünde dem Gesetz gleichsam zu Hilfe. Denn nun hat das Gesetz auch vermehrte Gelegenheit, seinen Dienst als Aufdecker der Sünde zu vollführen. Je mehr also die Sünde gegen das Gesetz sündigt, desto mehr sündigt sie, in ungewolltem Dienst für das Gesetz, gegen sich selbst; und so wird durch das Gesetz jeder Ausbruch des Bösen in den Dienst des Guten gestellt, und Satan muß gegen sich selbst arbeiten.

Das aber hat die Sünde nicht gewollt! Sie hat das göttliche Gesetz als Handhabe mißbrauchen wollen, den Menschen in um so größeres Elend zu stürzen! Nicht nur die menschliche Schwachheit, sondern geradezu „das Gebot, das mir zum Leben gegeben war, dasselbe erwies sich mir zum Tode; denn die Sünde, durch das Gebot Anlaß nehmend,  betrog mich und tötete mich durch dasselbe … Gereichte mir nun das Gute zum Tode? Das sei ferne! Sondern die Sünde,… indem sie durch das Gute mir den Tod bewirkte“ (Röm. 7,10-13).

Aber gerade hier erweist sich die Oberregierung Gottes in ganz besonders sieghafter Weise. Denn nun wird das Wesen der Sünde erst recht entlarvt: sie ist Empörung gegen Gott, Feindschaft gegen den Höchsten, Revolutionär im Reich des Geistes!

Gott aber hat das alles zugelassen, und indem also das Böse versuchte, das Gute sich dienstbar zu machen (Röm. 7,13), hat umgekehrt das Gute das Böse in seinen Dienst gestellt, und Gottes Geduld führte für die Sünde nur zu verschärftem Gericht.

II. Selbsterkenntnis des Sünders

Aber noch dunkler wird der Weg, der zum Ziele führt. Indem das Gesetz das Schuldige der Sünde offenbart, zeigt es zugleich die Schuld des Sünders. Die Sünde ist ja nicht „eine“, sondern „seine“ Schuld, und Tat und Täter gehören zusammen. Erst dadurch wird die Botschaft des Gesetzes persönlich. Als Erstes wird

  1. Die Sündhaftigkeit des Sünders offenbar, und mit der
Erkenntnis der Todschuld verschwindet der Lebensgenuß. Das Gesetz
hat, bei gleicher Tat, die Verantwortlichkeit des Täters ungeheuer gesteigert. Es hat dadurch den Sünder unter den „Fluch“ gestellt (5. Mose
27,26; Gal. 3,10). „Das Gesetz bewirkt Zorn“ (Röm. 4,15).

Damit aber hat das Leben für ihn aufgehört, überhaupt noch „Leben“ zu sein. „Als ich noch ohne Gesetz war, da .lebte‘ ich; als aber das Gebot kam, lebte die Sünde auf; für mich aber kam — der Tod“ (Rom. 7,9; 10). Nun bleibt für die Seele nur noch ein unheilvolles Ahnen, ein furchtvolles Erwarten des gerechten Gerichts. Das Gesetz, der „Buchstabe“, hat „getötet“ (2. Kor. 3,6) und, obwohl „heilig“ in seinem Charakter, „gerecht“ in seinem Urteil und „heilsam“ in seiner Absicht (Rom. 7,12), hat es sich dennoch als „Dienst des Todes und der Verdammnis“ erwiesen (2. Kor. 3,7; 9). Es hat den Todeszustand des Sünders bewirkt, ohne ihn zu verschulden.

  1. Die Kraftlosigkeit des Sünders. Doch da erwacht in dem Menschen das „Wollen“ (Röm. 7,18), sein besseres Ich, die „Vernunft“.

Der Sieg scheint leicht. Das Gute „liegt nahe bei“ (Röm. 7,18). Und doch! Das Ergebnis ist – dauernde Niederlage. Zuletzt begreift sich der Mensch selber nicht mehr. „Mein ganzes Tun ist mir unbegreiflich“ (Röm. 7,15). Er erkennt: nicht er hat seine Handeln zu bestimmen, sondern die in ihm wohnende Sünde. Er ist nicht Herr in seinem eigenen Hause (Röm. 7,17). Er ist innerlich zerrissen – denn was er will, das tut er nicht, und was er nicht will, das tut er; er ist unfähig zu allem Guten (Apg. 15, 10).  Auch die Sünde ist ein „Gesetz“, und er, der Mensch, ist ihr Sklave. In dem Festungskrieg um die Stadt „Menschenseele“, der zwischen den beiden geistigen Reichen „Gesetz Gottes“ und „Gesetz der Sünde“ geführt wird, gelingt es stets dem „Gesetz in den Gliedern“ den Sieg davonzutragen über das „Gesetz der Vernunft“. So wird die Seele stets für die Sünde erobert, und dies geschieht derartig zwangsläufig, daß dieser Sieg selber wiederum als „Gesetz“ bezeichnet werden muß (Röm. 7,21). Das „Gesetz Moses“ aber kann nicht helfen (Röm. 8,3), sondern nur, wie ein Spiegel, das Chaos beleuchten. So aber entsteht in dem Menschen die Erkenntnis seiner

  1. Verlorenheit. Seine Hoffnung verzweifelt und seine Verzweiflung hofft, und, an allem Inneren zuschanden geworden, blickt er nach oben und ruft: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ (Röm. 7,24.)

Das war es aber gerade, was das Gesetz gewollt hatte: die Erkenntnis der Notwendigkeit, Heiligkeit und Göttlichkeit eines Erlösers. Mit seinem Kommen kann es darum verschwinden. Christus ist, als das Ziel des Gesetzes, zugleich auch sein Ende (Röm. 10,4).

So folgt aus dem alttestamentlichen Zweck des Gesetzes die neutestamentliche Freiheit (Röm. 7; Gal. 3). Der furchtbare Sterbensweg, den das Gesetz den Sünder geführt hatte, war in Christo zugleich auch ein Sterben des Sünders in bezug auf das Gesetz, „Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben“ (Gal. 2,19; vgl. Röm. 7,1-6; Kol. 2,20). Das Gesetz hatte den Sünder abwärts geführt bis zur Verzweiflung, zum Todesgefühl; aber gerade dadurch hat es ihn aufwärts geführt zur Lebensergreifung. Jetzt, nach der Höllenfahrt der Selbsterkenntnis, kann die Himmelfahrt der Heils- und Christuserkenntnis beginnen. Von ihm des genaueren zu zeugen – das war der Zweck der Bestimmungen des Gottesdienstes.

 

7. Kapitel: Der Lebensweg des Gesetzes

Darstellung des Reichsgottesverhältnisses zwischen Israel und Gott und Sachweissagung auf das Werk Christi – das war der zweifache Sinn des israelitischen Gottesdienstes. Das eine ist seine sinnbildliche, das andere seine vorbildliche Bedeutung.

Ein Sinnbild ist eine sichtbare Hülle eines Unsichtbaren, eine stoffliche Einkleidung einer höheren Wahrheit, ein Ausdruck eines Geistigen und Übersinnlichen.

Ein Vorbild (Typus) ist ein prophetisches Sinnbild, eine Person, Sache, Einrichtung oder Begebenheit, die auf Christum und sein Erlösungswerk hinweist.

Das Sinnbild gilt also seiner Gegenwart, ist rein alttestamentlich und bezieht sich auf Israel; das Vorbild redet von Christus, zeigt hin auf die Zukunft und ist messianische Prophetie. Das Sinnbild bleibt im Gesetz; das Vorbild schaut auf die Gnade; es ist ein Stück Evangelium im Alten Bunde, ein Stück Neues Testament mitten im Alten Testament.

Auf diese Weise offenbart der alttestamentliche Gottesdienst ein Doppeltes:

  1.  sinnbildlich: die alttestamentliche Gottesgemeinschaft,
    II. vorbildlich:  die neutestamentliche Gottesgemeinschaft, und zwar von letzterer:
  2. a) durch die Opfer – die neutestamentliche Heilsgrundlage,
  3. b) durch die Stiftshütte – das neutestamentliche Heilsweltbild, den neutestamentlichen Heilsmittler, die
    neutestamentliche Heilsgemeinschaft.

Diese seine Aufgabe vollführt er durch die Erfüllung von vier Gruppen bildhafter Bestimmungen:

  1. Die Stätte des Gottesdienstes: Allerheiligstes, Heiliges, Vorhof,
    2. Die Personen des Gottesdienstes: Hoherpriester, Priester, Leviten,
    3. Die Handlungen des Gottesdienstes: Opfer, Reinigungsvorschriften, religiöse Gebräuche,
    4. Die Zeiten des Gottesdienstes: Sabbat, sieben Hauptfeste, Sabbatjahr und Halljahr.

A. Die alttestamentliche  Gottesgemeinschaft

Durch dieses vierfache Band vereinigt sich der HErr mit seinem Volke. Die Sittenbestimmungen hatten den Abstand gezeigt, der zwischen dem Heiligen und dem Sünder besteht; der Hauptzweck des Gottesdienstes aber war die Gemeinschaft. Zwar war auch in den Opfern ein alljährliches Erinnern an die Sünde (Hebr. 10,3), dennoch war gerade ihr Hauptsinn eine gewisse Vergebung von Sünden (3. Mose 4, 20; 5,10),7) und, als deren Folge, ein dementsprechender Verkehr mit dem Höchsten.

Die Grundidee des mosaischen Opferdienstes ist also nicht nur Sühnung, sondern Versöhnung, nicht bloße Vergeltung durch richterliche Gerechtigkeit, sondern verhältnismäßige Wiederaufnahme des Gemeinschaftsverkehrs durch erlösende Liebe. Diese Versöhnung aber ermöglicht das mosaische Opfer durch Zudecken der Sünde. Hinwegnehmen zwar kann es sie nicht; denn „unmöglich kann das Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen“ (Hebr. 10,4) – das vermag allein das Opfer Christi (Hebr. 9,26). Aber, im Hinblick auf Golgatha, die geschehenen Sünden zudecken, das war ihre Aufgabe und, infolge ihrer Beziehung auf das Kreuz, ihre Kraft.

So besaß denn vor Golgatha die Gesamtmenschheit nur die Nachsicht
Gottes (Röm. 3,25; Israel dagegen hatte,  aufgrund
seiner Opfer, eine gewisse Vergebung von Sünden und eine verhältnismäßige Gottesgemeinschaft. Darum jubeln (Ps. 32,11; 33,1; 68,4) schon im Alten Testament die Propheten und Psalmsänger über die Segnungen des Gesetzes. Ihnen war das Gesetz nicht nur Aufdeckung und Schuld, sondern
 Herzensfreude (Ps. 19,8) und Glückseligkeit 
(Ps. 32.1).

„Erkenntnis der Sünde“, sagt Paulus (Röm. 3,20). – Von „Krönung mit Gnade“ spricht David (Ps. 103,4).
„Der Buchstabe tötet“, sagt der Apostel (2. Kor. 3.6). – „Das Gesetz ist erquickend“, sagt der Psalmist (Ps. 19,8).
„Ich elender Mensch!“ heißt’s im Römerbrief (Röm. 7,24). – „Glückselig der Mann!“ sagt der Psalter (Ps. 1,1; 32,1).
Vom „Fluch“ spricht der ehemalige Pharisäer (Gal. 3,13). – „Der HErr segne dich!“ sagt der Hohepriester (4.Mo. 6,24).

Und doch reden sie beide von dem selben Gesetz! Und doch haben sie alle beide recht! Denn das Gesetz ist wie eine Magnetnadel mit ihren zwei Polen: ein Zeiger auf Christum als das außer ihm liegende Ziel und doch zugleich in sich selber eine Einheit von zwei Gegensätzen: in den Sittenbestimmungen liebende Heiligkeit, im Gottesdienst heilige Liebe; in den Moralgesetzen der Abstand, in den Zeremonialgesetzen die Gemeinschaft; in den Verhaltungsmaßregeln das Bindende, in den Priesteranordnungen das Befreiende; dort die Herrschaft, hier die Erlösung; dort Sühne, hier Versöhnung. Kurz: die Moralgesetze sind Gerichtshalle und Königspalast; die Zeremonialgesetze sind Tempel.

Und doch gehören sie beide zusammen, wie die Pole des Magneten. Denn es gibt nur ein Gesetz Israels (Jak. 2,10) mit nur einem Mittler, Mose, und nur einem Ziel, Christus.

Dieser aber bringt die Erfüllung von beidem: in bezug auf die Moralgesetze die Gnade, die Vergebung der Sünden, in bezug auf die Zeremonialgesetze die Wahrheit, das Wesenhafte statt der Schatten (Kol. 2, 17; Hebr. 10,1). So ist „das Gesetz durch Mose gegeben; aber die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden“ (Joh. 1,17).

Dies alles aber beweist, daß es durchaus falsch wäre, das Alte Testament nur als überwundene Vorstufe zum Neuen aufzufassen. Auch die alttestamentlichen Heiligen hatten ein gewaltiges Glaubensgut, das das Alte Testament unmittelbar in sich selber trug. „Der Heilige Geist war des Gesetzes verborgene Seele“ (vgl. 1. Petr. 1,11; Hebr. 3,7; 2. Mose 31,3). Nur dadurch konnte auch der Psalter der alttestamentlichen Gemeinde das Gesangbuch des neutestamentlichen Urchristentums werden (1. Kor. 14,15; 26; Eph. 5,19; Kol. 3,16). Das Alte Testament ist eben beides: vom Ziel aus gesehen, untergeordnet unter das Neue, und doch in sich selbständig. Das Alte Testament ist ohne das Neue ein Gebäude ohne Spitze; das Neue ist ohne das Alte ein in der Luft stehendes Haus.

Das Neue ist im Alten verhüllt, aber doch schon enthalten; dis Alte ist im Neuen enthüllt und zugleich herrlich entfaltet. Altes und Neues Testament ist ein und dasselbe und doch jedes anders.

B. Das neutestamentliche Heil im Alten Testament

Die entscheidende Grundaussage des Alten Testaments ist: Der HErr, dein Gott, ist ein einiger Gott. Im Gegensatz zu den vielgötterischen Religionen des Alten Orients, besonders Ägyptens und Mesopotamiens, und des klassischen Altertums, besonders Griechenlands und Roms, strahlt diese Erkenntnis im Leuchtkreis der alttestamentlichen Gottesoffenbarung immer heller auf. Zugleich wird an dieser Stelle, mit der Endlichkeit und Sündhaftigkeit der gefallenen Menschennatur voller Ernst gemacht. Gott ist der Ewige, und wir sind die Zeitlichen. Er ist der Heilige, und wir sind die Sünder. Er ist der Lebendige, und wir sind die Todverfallenen. Soll aber dennoch eine Verbindung zwischen Ihm und uns stattfinden, so muß er selbst ganz von sich aus, durch eine Setzung von der Ewigkeit her, an irgendeiner Stelle in der raumzeitlichen Welt diese Verbindung herstellen.

Dies geschieht in der alttestamentlichen Bundesschließung. Fortan ist an Verbindungspunkt da, auf dem die Gottheit mit der Menschheit zusammenkommt (2. Mose 25,22), eine Sinnmitte des Weltgeschehens, die aller Geschichte erst Lebensbestand und Ziel gibt, ein Zeit-Ewigkeits-Schnittpunkt, an dem der Sünder in die Gegenwart des Heiligen tritt. Dieser aber muß, soll der Sünder hier nicht vernichtet werden, vor allem ein Doppeltes in sich bergen, einen Abbruch des Alten und eine Einführung des Neuen, Vergebung und Neubeherrschung, Versöhnung und Führung oder, alttestamentlich ausgedrückt, Deckung und Weisung, Kapporeth und Thora, Versöhnungsdeckel und Gesetzestafeln. Diese beiden waren darum auch mit der Bundeslade, diesem symbolischen Zentralgerät des alttestamentlichen Gottesdienstes, auf das wesenhafteste verbunden (2. Mose 25, 17; Hebr. 9,4).

„Dieser Mittelpunkt, den das Weltgeschehen damit bekommen hat, ist ein wandernder Punkt, der mit dem Fortgang der Geschichte weitergeht. Er wandert mit Israel, solange es ein Nomadenvolk ist, durch die Wüste. Er läßt sich dann, nachdem Israel ansässig geworden ist, im Tempel nieder. Dann aber tritt an die Stelle des steinernen Tempels das „geistliche Haus“ der Gemeinde, das aus „lebendigen Steinen“ aufgebaut ist (1. Petr. 2,5). So geht der lebendige Mittelpunkt, die Sinnmitte des Weltgeschehens, durch die Geschichte. Christus bleibt bei seiner Gemeinde bis an der Welt Ende“ (Karl Heim).

Damit aber wird klar, daß diese ganze Entwicklung ein einziger, großer Zusammenhang ist, eine einzige, von Anfang bis zu Ende hindurchgehende, göttliche Versöhnungstat. Die Christusoffenbarung ist die Vollendung dessen, was mit dem Abrahamsbund begann. Darum heißt Jesus auch der Christus, das heißt der vom Alten Testament geweissagte, von Israel erwartete, schon unter diesem Namen von den Propheten des Alten Bundes, beschriebene, gottgegebene Gesalbte (Ps. 2,2; 1. Sam. 2,10; Dan. 9,25).

Aus dieser Einheit des jahrtausendelangen Zusammenhangs folgt, daß Gott schon in der alttestamentlichen Zeit gewisse Vorausdarstellungen des kommenden Heils geben konnte, die auf Christum und sein Erlösungswerk hinzielten. So ist die eherne Schlange ein Vorbild auf das Kreuz (Joh. 3,14), der Prophet Jona auf die Auferstehung (Matth. 12,40), das Manna in der Wüste auf Christus als das Lebensbrot (Joh. 6, 31).

Ja noch mehr. In den alttestamentlichen Opfern war das Werk Christi sogar schon zu ihrer Zeit geradezu wirksam. Sie waren sinnbildliche Handlungen mit tatsächlicher Heilswirkung, nicht nur Vorausdarstellung, sondern Herstellung einer gewissen Gemeinschaft mit Heiligen, nicht nur Symbol, sondern Sakrament (3. Mose 4,31).

Dabei hatte jedoch keine dieser Priesterhandlungen ihren Wert in sich selber. Sie empfingen alle ihre Kraft nur von dem einen Opfer von Golgatha. Sie waren kraftlos und doch wirksam, unvermögend und doch Segen spendend. Jesus Christus hat dann durch seinen Opfertod am Kreuz alle diese „Wechsel“ des Alten Testaments vollwertig „gedeckt“.

I. Das mosaische Opfer

Die Haupthandlung des israelitischen Gottesdienstes ist das Opfer. Seine Grundidee besteht aus vier Haupterfordernissen:

  1. Die Fehlerlosigkeit des Opfers weist hin auf die Heiligkeit des HErrn Jesu. Seine Freiheit von der (Erb-)Sünde durch seine wunderbare Geehrt und seine Freiheit von allen (Tat-)Sünden durch seinen heiligen * iz&A (1. Petr. 1,19).
  2. Die durch die Handauflegung ausgedrückte Einswerdung des Opfers mit dem Opfernden weist hin auf die Schuldübernahme durch den HErrn Jesus. In der Tat, schon am Jordan, als Christus, der Sündlose, sich der „Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ unterwarf, vollzog er die sinnbildliche Bereitschaftserklärung, den Platz des Sünders einzunehmen, mit ihm eins zu werden und die Sünden der Menschheit zu tragen (Matth. 3,14), eine sinnbildliche Bereitschaftserklärung, die er am Kreuz dann geschichtlich zur Ausführung brachte (1.Petr. 2,24).
  3. Die Straferduldung erlitt Christus auf Golgatha, und so wird die
Tötung des Opfers eine Weissagung auf das Kreuz (Hebr. 9,13; 14). 
„Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (Hebr. 9,22).

So beziehen sich diese drei ersten Erfordernisse des Opfers auf das Werk Christi auf Erden, auf den „Christus für uns“, der in den Tagen seines Fleisches die Heilserwerbung vollbracht hat (Hebr. 5,1-9).

Aber das Erworbene muß zugeeignet werden, und dies geschieht nur durch den Glauben und die sich daraus ergebende, organische Einswerdung des Schuldners mit dem Bürgen (Joh. 6,53). Darum muß der „Christus für uns“ auch „Christus in uns“ sein, und zu seinem Priestertum auf Erden muß sein himmlisches Priestertum hinzutreten. Gerade diese organische Einswerdung aber war durch

  1. Die Opfermahlzeit vorgeschattet. So sagt auch Christus: „Werdet
ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut,
so habt ihr kein Leben in euch“ (Joh. 6,53-57). Daher die Menschbleibung Christi in seiner leiblichen Auferstehung; daher die Sendung
seines Geistes zum Zweck des Einswerdens mit seinen Erlösten; daher
die Notwendigkeit der Wiedergeburt des einzelnen und der organischen
Gemeinschaft zwischen dem Haupt und den Gliedern.

So umfaßt das mosaische Opfer das ganze Werk Christi: von der Geburt bis zur Taufe, von der Taufe bis zum Kreuz und bis zur Auferstehung und Geistessendung, ja bis zu seinem ewigen Hohenpriestertum nach der Weise Melchisedeks.

II. Die Stiftshütte

Israel hatte hintereinander drei Hauptstätten des Gottesdienstes: die Stiftshütte Moses in der Wüste und in Silo (1. Sam. 1,3; 1500—1000), den Tempel Salomos auf Morija (1. Kön. 6,1; 1000—586) und den Tempel Serubabels seit der Rückkehr aus der Gefangenschaft (Esra 3—6), ausgebaut durch Herodes (Joh. 2,20; (536) 521 v. Chr. bis 70 n. Chr.). Alle drei gingen im wesentlichen auf denselben Bauplan zurück (2. Mose 25) und hatten denselben heilsgeschichtlichen Sinn. Die Aufgabe der Stiftshütte war zunächst

1. Ein Abbild des Weltalls

zu sein, und zwar vom Gesichtspunkt des Reiches Gottes aus. Dies wird besonders klar an dem Gang des Hohenpriesters in das Allerheiligste am Großen Versöhnungstage, in Verbindung mit seiner neutestamentlichen Erfüllung in Christo (3. Mose 16; Hebr. 9,23).

Die Geräte der Stiftshütte waren „Abbilder der Dinge in den Himmeln“ (Hebr. 9, 23). Christus aber ist nach Golgatha „nicht in ein von Menschenhänden hergestelltes Heiligtum eingegangen, das nur ein Abbild des eigentlichen Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt, uns zum Heil, vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen“. Das aber heißt: das irdische Heiligtum ist ein Abbild des Himmels; und wie der aaronitische Hohepriester am Versöhnungstage mit dem Blute vom Brandopferaltar des Vorhofs, durch das Heilige hindurch, in das Allerheiligste eintrat (3. Mose 16,11), so ist Christus, der Priester nach der Ordnung Melchisedeks, mit seinem eigenen Blute vom „ehernen Altar“, von Golgatha, von der Erde hinweg, „durch die Himmel hindurch-geschritten“ (Hebr. 4,14), um dann im „Allerheiligsten“ des Weltalls, „über allen Himmeln“ (Hebr. 7, 26; Eph. 4,10), vor dem „Gnadenthron“ Gottes zu erscheinen (vgl. Hebr. 4,16).

So ist der Vorhof die Erde, wo Golgatha war; das Heilige ist der Himmel und das Allerheiligste der Thron Gottes.

Auf Erden will Gott zweierlei: Die Rechtfertigung und Heiligung der Erlösten. Darum standen im Vorhof zwei Geräte: der Brandopferaltar und das Reinigungsbecken.

Im Himmel ist das Leben und das Licht und die Anbetung des ewigen inmitten himmlischer Geister. Davon zeugen der Schaubrottisch Brot des Lebens: vgl. Joh. 6,48) und der Leuchter sowie der Rauchaltar Tgl. Ps. 141,2; Off. 8,3) und die Cherubimfiguren ringsum in Decke und Vorhang (2. Mose 26,1).

Aber über allen Himmeln ist der Thron Gottes selbst. Dort ist das Gesetz, das das Weltall regiert, gleichwie die Tafeln des Gesetzes sich im Allerheiligsten befanden. Dort ist auch die Gnade, die die Sünden vergibt und den Herrschaftsthron Gottes zu einem Gnadenstuhl macht (2. Mose 25,17 Luth.; Hebr. 4,16), und dort ist, über allem, die Lichtherrlichkeit Gottes, die, wie die Wolke der Schechina, alles andere überstrahlt (2. Mose 40,34; 1.Tim. 6,16).

Aber alle seine Liebespläne vollführt Gott in Christus, und darum wird die Stiftshütte zugleich ein Hinweis auf ihn, das heißt

2. Ein Vorbild auf den Welterlöser

In der Tat, in Christus, das Fleisch gewordene Wort, sind alle ihre Vorbilder erfüllt. Er ist

– unsere Rechtfertigung — Brandopferaltar (1. Kor. 1,30),
– unsere Heiligung — Reinigungsbecken (1. Kor. 1,30).
– ist er unser Licht — der siebenarmige Leuchter (Joh. 8,12)
–  unser Brot des Lebens — der Schaubrottisch (Joh. 6,48) und
– unser betender Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

In ihm aber werden auch wir selber ihm gleichgestaltet (1. Joh. 3,2), und so wird die Stiftshütte zugleich

3. Ein Vorbild auf den Heilsweg und die Heilsgemeinschaft

Die Gläubigen sind:

– nach unten hin — gerechtfertigt von der Finsternismacht  der Sünde (Brandopferaltar);
– nach innen hin — geheiligt  durch die Waschung mit  seinem Worte (Reinigungsbecken, Eph. 5,26);
– nach außen hin — leuchtend mit dem Licht seines Zeugnisses (Leuchter, Off. 1,12; 2,5 vgl. Sach. 4);
– nach oben hin — betend mit dem Rauchwerk der Anbetung (Goldener Altar, Off. 8, 3; Ps. 141,2);
– nach allen Seiten hin — gekräftigt durch das Lebensbrot des Himmels (Schaubrottisch, Joh. 6,48);
– nach vorwärts hin — eilend, um vor seinem Thron zu erscheinen (Bundeslade).

Durch dies alles wird der israelitische Gottesdienst eine großartige Weissagung auf das Ziel.

Das Überragende des Neutestamentlichen

Aber in dem allem übertrifft die Erfüllung alle Vorbilder noch bei weitem (Matth. 13,16):

1. Im Alten Bunde galt schon ein Teil für das Ganze:

– ein Zwölftes für zwölf Zwölftel — beim Priesterstamm Levi (4. Mose 8,16—19 statt 2. Mose 19,6),
– ein Zehntel für zehn Zehntel — bei der Abgabe des Zehnten fl Mose 27,30),
– ein Siebentel für sieben Siebentel — bei der Heiligung des Sabbats QL Mose 20,8—11).

Im Neuen Bunde aber ist das Ganze da:

– nicht ein Priesterstamm, sondern ein Priestervolk (1. Petr. 2,5);
– nicht der Zehnte, sondern alles (Kol. 3,17);
– nicht ein Tag, sondern die Woche (Kol.2,16) und mit der Woche das Jahr, das Leben, und mit der Zeit die Ewigkeit.

  1. Im Alten Bunde war nur der Schatten da; im Neuen aber ist der Körper gekommen (Kol. 2,17; Hebr. 10,1).
  2. Im Alten Bunde gab es Zugeständnisse „um der Herzenshärtigkeit willen“ (Matth. 19,8), besonders Blutrache (Jos. 20), Vielweiberei (1. Mose 30; 5. Mose 21,15; 1. Kön. 11,1-3), Sklaventum (3. Mose 25,44) und Prozesse (2. Mose 21,24; Matth. 5,38). Im Neuen Bunde aber heißt es majestätisch: Ich aber sage euch! (Matth. 5,22).
  3. Im Alten Bunde waren es viele Opfer, allein amtliche alljährlich 1273 (nach 4. Mose 28 u. 29)! Von Christus aber heißt es; „Mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden“ (Hebr. 10,14).

So ist Christus die Erfüllung von allem, was das Gesetz in sich schließt.

 

D. Das Gotteszeugnis der Prophetie

8. Kapitel: Die Propheten Gottes

(Die prophetischen Namen)

Gesetz und Verheißung — das sind die beiden Hauptsäulen der alttestamentlichen Offenbarung. Das eine ist das Königliche, das andere das Prophetische. Das Bindeglied zwischen beiden ist der Tempel. Der Priesterdienst ist Gesetz und Verheißung zugleich.

So entfalten sich diese zwei zu einer heilsgeschichtlichen Dreieinheit, und damit wird die ganze Geschichte Israels zu einer Hinführung auf den Messias, der – als der dreifach Gesalbte – Prophet, Priester und König zugleich ist.

Darum hatte Israel auch drei theokratisch führende Stände:

Die Fürsten (Könige, Richter und Älteste) waren die politischen Führer des Volkes; die Priester und Propheten bezogen sich auf das Innere und Ewige. Hierbei waren die Priester die ständigen Hüter der schriftlich niedergelegten Gottesoffenbarung (vgl Hebr. 7,16), während die Propheten die Träger der sich fortsetzenden Gottesoffenbarung waren (1. Sam. 10,12).

Vier Namen sind die Hauptbezeichnungen der alttestamentlichen Propheten. Sie zeigen uns zugleich, wie die Menschen beschaffen sein müssen, die Gott als seine Zeugen gebrauchen will:

  1. Propheten sind „Sprecher“. Sie sind Dolmetscher, Ausleger, „Mund“ (Jer. 15,19) Gottes. Der Geist des HErrn „treibt“ die Propheten (2. Petr. 1,21), legt seine Worte in ihren Mund (5. Mose 18,18; Jer. 1,9), redet durch sie (2. Sam. 23,2). Darum heißt es auch über 3000 mal im Alten Testament, dieser Bibel des HErrn Jesu und seiner Apostel: „So spricht der HErr!“
  2. Propheten sind „Seher“.  Sie müssen erst ihre Botschaft geschaut haben, ehe sie sie weitergeben können (Jes. 30, 10). Darum heißt diese ganz allgemein Gesicht (so bei Jesaja Kap. 1,1). Verschieden sind hierbei die Formen der prophetischen Schau.
  3. a) Die Wahrnehmung durch den äußeren Der Prophet bleibt
im Leibe (vgl. 2. Kor. 12,2); er ist nicht im Geiste (vgl. Off. 1,10). Er hört und sieht mit seinen körperlichen Sinnen (4. Mose 12,8): Mose sieht und hört am feurigen Busch (2. Mose 3); Samuel hört, aber sieht nicht (1. Sam. 3); Daniel sieht, aber hört nicht (Dan. 5,25); Abraham sieht und hört (1. Mose 18).
  4. b) Die Wahrnehmung durch den inneren Sinn. Der Prophet ist im Geiste (Off. 1,10), in der Verzückung (Ekstase). Nach außen hin ist er verschlossenen, nach innen hin geöffneten Auges (4. Mose 24,3; 15). Durch inneres Schauen empfängt er die Bildoffenbarung (Vision), zu der er jedoch oft einer Erklärung bedarf (Amos 7,7; 8,2; Sach. 1,9; 4,4; Dan. 8,15); durch inneres Hören gelangt er zur Wortoffenbarung, die ihm die Erkenntnis mehr direkt vermittelt.
  5. c) Die Wahrnehmung durch bloße Steigerung des natürlichen Geisteslebens. Hier steigert Gott entweder die Träume und macht sie zu Vermittlern göttlicher Botschaften (z.B. bei Pharao, Nebukadnezar, Joseph), oder er steigert die Tätigkeit des Verstandes und erhebt seine Rede zu begeisterter Höhe, z. B. bei den Lobgesängen der Hanna (1. Sam. 2), der Maria (Luk. 1), des Zacharias (Luk. 1). Das eine ist das Mittelglied zwischen dem natürlichen Traumleben und der inneren Bild-Offenbarung, das andere die Zwischenstufe zwischen der Predigt und der inneren Wort

So hat Gott vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Propheten geredet (Hebr. 1,1); aber das Grundthema war immer das gleiche: die liebende Heiligkeit des HErrn und ihre sieghafte Verklärung in dieser Welt durch Gericht und Gnade bis hin zur Vollendung.

Von besonderer Bedeutung ist hierbei das „Gesetz der prophetischen Perspektive“. Für die Himmelswelt besteht nicht die Schranke der Zeit. Vor den Augen des Ewigen ist alles Gegenwart. Bei seinem Austritt aus der Sphäre des Zeitlichen in die Sphäre des Göttlichen tritt darum der Prophet zugleich ein in die Sphäre des Überzeitlichen und steht nun als „Sprecher“ des Ewigen königlich über allem Zeitbegriff. So kann er zwar die Zukunft als zukünftig ansehen (z.B. Jes. 9,6), aber im selben Satz zugleich auch als gegenwärtig (V.5b), ja sogar als vergangen (V.5a; bes. Jes. 53).

So entsteht die prophetische Perspektive. Ereignisse der näheren und ferneren Zukunft rücken zusammen wie die Gipfel der Berge für den Wanderer im Hochland. Judas Rückkehr aus Babel und Israels Sammlung in der Endzeit (Jes. 49,8-12; 43,5-7; 27,12), Christi Kommen in Niedrigkeit und sein Erscheinen in Herrlichkeit (Jes. 61,1-3) werden in einemBilde zusammengeschaut; denn das erste ist das Vorbild des anderen, und das zweite ist die Vollendung des ersten. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür ist Jesajas Weissagung vom kommenden Hall- und Jubeljahr (Jes. 61,1-3), bei deren Verlesung der HErr in der Synagoge in Nazareth mitten im Satz abbrach, weil die Prophetie unvermittelt im selben Satz vom ersten zum zweiten Kommen des Messias übergegangen war und der HErr nur von seinem ersten Kommen reden wollte (Luk. 4,18; 19). – Ein anderes Beispiel ist Mal. 3,1-4.

Daß aber zum mindesten zwei Jahrtausende dazwischenliegen, wird nirgends gesagt; ja, als die Propheten über die „Zeiten und Zeitpunkte nachforschten“, wurde ihnen sogar durch eine besondere Offenbarung ihr Nichtverstehen dahin verständlich gemacht, daß sie dies gar nicht zu wissen brauchten; denn sie täten ihren Dienst nicht für sich selbst, sondern für die Geschlechter eines kommenden Zeitalters (1. Petr. 1,10-12).

So sehen die Propheten die „Gipfel“ und sie erkennen auch deutlich, daß „Täler“ dazwischenliegen; aber wie „breit“ diese sind und was sie im einzelnen in sich bergen, erkennen sie nicht. Sie verstehen, daß die „Leiden“ des Messias den „Herrlichkeiten“ vorangehen müssen (1. Petr. 1,11; Luk. 24,25; 26), daß also eine „Zwischenzeit“ beide voneinander trennt; aber wie lange diese Zwischenzeit währt und was sie des genaueren bedeutet – den Bau der Gemeinde -, das bleibt ihnen ein „Geheimnis“ (Eph. 3,2-10; Kol. 1,26; Röm. 16, 25; Matth. 13,17). Sie weissagen von der Endzeit, vom Reich des Messias, vom neuen Himmel und der neuen Erde (Jes. 65,17; 66,22); aber daß das messianische Reich aus zwei Abschnitten besteht, aus tausend Jahren auf der alten (Off. 20,2; 4-7) und aus Ewigkeiten auf der neuen Erde (Off. 21,1; 22,5), und daß Weltgericht, Weltuntergang und Verklärung dazwischenliegen (Off. 20,9-15) – das sehen sie nicht. Darum schildern sie die neue Erde mit den Farben des Herrlichkeitsreiches der alten (Jes. 65,17; besonders V. 20 „Tod“), und das Bild des Tausendjährigen Reiches fließt mit dem Bild der Vollendung in eins zusammen.

So sagt denn der HErr Jesus zu seinen Jüngern: „Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten haben begehrt zu sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen…, aber selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören“ (Matth. 13,17).

  1. Propheten sind „Wächter“. Als Menschen der Geschichte reden sie in geschichtlich bedingter Form zu Menschen der Geschichte. Als Glieder ihrer Gegenwart wenden sie sich, von ihrer Zeitlage ausgehend, an ihre Zeitgenossen. Darum sind sie zugleich auch die Warner des Volkes, die Mahner der Nation (Hes. 3,17), und als solche seine Hüter und Hirten“ (Sach. 10,2).
  2. Propheten sind „Menschen Gottes“ (1. Tim. 6,11). Sie sind gottgeweihte Persönlichkeiten, „heilige Männer“ (2. Petr. 1,21). Sie sind aber auch selbsteigene Persönlichkeiten; denn Gott will nicht Beiseitesetzung, sondern Verklärung, nicht Ausschaltung, sondern In-Dienst-Stellung des menschlichen Wesens, nicht Sklaven, sondern Freunde, nicht Medien, sondern eben „Menschen“.

So haben wir die ländliche Bildersprache des Hirten Amos (Am. 7, 14: 2,13; 3,4), die Völkerprophetien des Ministers Daniel (Kap. 2; 4; Ji S; 11), die Aufforderung zum Tempelbau durch den Priester Sacharja, die Schilderung des zukünftigen Priesterdienstes ebenfalls durch einen Priester, den Propheten Hesekiel (Hes. 1,3 vgl. Kap. 40-48). Und was das Charaktermäßige betrifft, so haben wir den Donnerstil der Choleriker Amos und Jesaja, den Klageton des melancholischen Hosea oder Jeremia, den Psalmstil des poetischen Habakuk (Kap. 3).

So trägt jeder Prophet „den Stempel seiner Zeit als Mensch, gleichwie er den Stempel seines Gottes als Prophet trägt… Verschieden sind die Stimmfarbe und die Stimmkraft der einzelnen; aber ihr Chor bildet eine wunderbare Harmonie; denn der Komponist ist nur einer.

9. Kapitel: Die prophetische Botschaft

Erkenntnis- und Kraftquelle aller Prophetie ist der „Geist Christi“ 1. Petr. 1,11). Christus ist nicht nur Inhalt und Ziel, sondern auch Urheber aller Weissagung. In den Propheten redet Christus als Logos über sich selbst. Der Logos spricht von der Person und dem Werk des Messias. Die Propheten redeten „im Namen des zukünftigen Christus“.

In drei Hauptkreisen vollzieht sich im einzelnen die Ausübung ihres
 Berufs:

  1. Beleuchtung der Vergangenheit, besonders als Geschichtsschreibung,
    2. Beurteilung   der  Gegenwart,  besonders  als Mahnung  und Bußruf,
    3. Vorhersagung der Zukunft, besonders als Warnung und Trost, und zwar:
  2. a) Gericht über Israel,
    b) Gericht über die Weltvölker,
    c) Bekehrung Israels,
    d) Bekehrung der Weltvölker,
    e) Der Messias und sein Reich.

I. Beleuchtung der Vergangenheit

Als „Sprecher“ und „Mund“ Gottes schlechthin sind die Propheten nicht nur Vorhersager der Zukunft, sondern zugleich auch Hervorsager des göttlichen Urteils über Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtsschreibung im Lichte Gottes ist darum eine ihrer wesentlichen Hauptaufgaben. So schrieben Samuel, Nathan und Gad eine Chronik des Lebens Davids (1. Chron. 29,29). Die Fortsetzung schrieben Ahia von Silo  und Jeddi  der Seher (2. Chron. 9,29).  Semaja war Chronist bei Rehabeam (2. Chron.12,15) und Jehu bei Josaphat (2.Chron.20,34). So stehen auch die Geschichtsbücher des Alten Testaments in der hebräischen Bibel nicht als Gruppe für sich da, sondern mit Recht unter den Propheten.

Aber die israelitische Geschichtsschreibung ist besonderer Art. Sie ist weniger theoretische Geschichtsdarstellung als praktische Geschichtslehre.Die Bilder der Vergangenheit sollen Spiegelbilder für die Gegenwart werden. Die Schreiber sind frei von jeder nationalistischen Geschichtsfärbung. Rücksichtslos werden auch bei den größten Nationalhelden die Fehler und Sünden genannt. Sie bringen weder verhimmelnde Heiligenlegenden noch vergötternde Heldenverehrung. Auch der „Held“ ist für sie nur ein Werkzeug in der Hand Gottes (z. B. Kores der Indogermane: Jes. 45,1). Sie sind freimütig genug, bei den Schlechten das Gute zu nennen, und ehrlich genug, bei den Guten das Schlechte nicht zu verschweigen. So sollen die Nachkommen aus der Geschichte der Vorfahren lernen, und der Bericht über das Gestern soll ein Appell an das Heute sein (z. B. 2. Kön. 17, 7-23). Geschichte ist in der Bibel eben lebendige Geschichte, nicht nur ein Geschehen, das abgeschlossen in der Vergangenheit liegt, sondern ein göttliches Tun, das fortwährend in der Gegenwart zu uns kommt.

II. Beurteilung der Gegenwart

Weit davon entfernt, ein Produkt des jüdischen Geistes zu sein, kämpft das Alte Testament gerade gegen die jüdische Art! Schonungslos geißeln die Propheten die Sünden des Volkes (Jes. 58): Habsucht und Raffgier, Übervorteilung und Wuchergeist, Ausbeutung der Armen, Unterdrückung der Witwen und Waisen, Bestechung vor Gericht, Geschäftsbetrügereien mit falschen Gewichten, Hochmut und Modestolz, Abgötterei und Ausländerei, Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit.

Das Volk nennen sie abtrünnig (Jer. 3,8; 11), sein Rauchwerk ein Greuel (Jes. 1,13), seine Schlachtopfer Menschenmord (Jes. 66,3). Sein Herz nennen sie steinern (Hes. 36,26), seine Hände voll Blut (Jes. 1,15), seine Zunge voll Otterngift (Ps. 140).

Jerusalem ist eine Hure (Jes. 1,21; Hes. 16; 23; Hos. 1—3); das Volk ist Gomorra (Jes. 1,10; Hes. 16,46), seine Führer Verführer (Jes. 9,15). Seine Fürsten sind Aufrührer und Diebsgenossen (Jes. 1,23).

„Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Rechtschaffenste schlimmer als eine Dornhecke“, sagt Micha (7,4 vgl. 2. Mose 3,2), und Jesaja verkündigt dem jüdischen Volk seiner Zeit: „Wehe dem sündigen Geschlecht, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von Missetätern, den entarteten Kindern!“ (Jes. 1,4.) Zuletzt aber, nach jahrhundertelanger Geduld, sagt Jahwe, der Gott des Alten Testaments, über Jerusalem: „Zu meinem Zorn und zu meinem Grimm ist mir diese Stadt gewesen von dem Tage an, da man sie gebaut hat, bis auf diesen Tag“ (Jer. 32,31).

So stehen die Propheten wie „eiserne Säulen“ da, wie Menschen mit Stirnen aus „Diamant, härter als Kieselstein“ (Hes. 3,8; 9). Sie rufen nicht: „Friede! Friede!“, wenn doch kein Friede ist (Jer. 6,14; Hes. 13,10).

Und doch lieben sie brennend ihr Volk und waren in Wahrheit die besten Patrioten (vgl. Römer 9,1—3). Aber gerade darum schwiegen sie nicht zu seinen Sünden, auch wenn es ihnen selber das Herze zerriß (Jer. 4,19). Sie waren eben keine Lügenpropheten. Nicht Beruf, sondern Berufung war ihr Dienst. Sie hatten nicht die Botschaft, sondern die Botschaft hatte sie! „Wehe mir, wenn ich nicht verkündige“ (1. Kor. 9,16). Und obwohl sie die wahren Patrioten waren, galten sie der Masse als volksfremd, nicht jüdisch genug, als Schwarzseher, Vaterlandsfeinde (1. Kön. 21,20) und Verräter (Jer. 37,13; 14).

Das sind die israelitischen Propheten. Nur grundstürzender Irrtum ist imstande, mit der Ablehnung der jüdischen Unart, auch ihr Werk, das Alte Testament, zu verwerfen! Nicht das Alte Testament, sondern der Talmud ist das Produkt des jüdischen Geistes! Das Alte Testament ist das Erzeugnis des Heiligen Geistes (1. Petr. 1,11; 2. Petr. 1,21; Hebr. 3,7)! Zwischen diesen beiden aber besteht eine Kluft wie die zwischen Jesus und den Pharisäern. Nicht durch, sondern trotz Israel wird der HErr einst triumphieren. Das Alte Testament aber ist nicht das Buch jüdischer Nationalreligion, sondern das Buch Gottes und seiner Offenbarung im Kampf gegen diese Religion.

Jüdisch-talmudische Pharisäermoral und Altes Testament sind nicht ein und dasselbe! Vielleicht aber hat sich Gott gerade deshalb dieses Volk auserwählt, weil er so auf dem Hintergrund seiner Gottfeindlichkeit (Apg. 7,51) den Ernst seiner zerbrechenden Gerichte und die Tiefe seiner vergebenden Gnade nun erst recht veranschaulichen konnte.

Denn Anschauungsunterricht ist Israels Werdegang, gegeben auf der offenen Bühne der Weltgeschichte, ein Warnungsbeispiel für alle Nationen, ein Spiegel für jeden einzelnen (1. Kor. 10,11). „Seien wir doch keine Pharisäer! Hurer und Ehebrecher, Feiglinge und Lügner, Meineidige und Mörder hat es nicht nur im jüdischen Volk gegeben. Es gab sie zu allen Zeiten in allen Völkern, und es wird sie auch in Zukunft noch geben. Das Alte Testament aber will weder das Buch nur der jüdischen Geschichte noch eine Sammlung frommer und moralischer Erzählungen sein, sondern das Zeugnis des Heiligen Geistes von der Sünde der Menschen – aller Menschen! – und von der Gnade Gottes, der dem bußfertigen Sünder vergibt. Es will uns zu unserm eigenen Heil sagen, wie Feiglinge und Lügner, Mörder und Sünder allzumal auf den Anruf Gottes hin ein neues Leben in den Wegen Gottes anfingen“ (Heitmüller).

Das ist gerade der Sinn auch der anstößigen Geschichten im Alten Testament; und gerade die prophetische Rücksichtslosigkeit seiner Berichte zeigt die Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit des Ganzen! Die Bibel ist eben gerade deshalb das Buch der Menschheit.

III. Vorhersagung der Zukunft

  1. Gericht über Israel. Ohne Buße kein Heil! Ohne Zusammenbruch des einzelnen kein Aufbruch der Nation! „Wehe dem
sündigen Geschlecht, dem schuldbeladenen Volk (Jes. 1,4). „Israel hat das Gute verworfen! Der Feind verfolge es!“
 (Hos. 8,3.)

„Vernichtung“ (Jes. 1,28; Hos. 4,6), „Zertretung“ (Jes. 5,5), „Zerschmetterung“ durch die Weltvölker (Jes. 30,14), Verheerung durch Naturkatastrophen (Joel 1,2-12; Am. 4,9), „Wegwerfung“ von Gottes Angesicht (Jer. 6,30; 7,15; 32,31) – das ist das unselige Los der abtrünnigen Juden. So sagen es die Propheten des Alten Testaments! Verhundertfachen ließen sich die Beweise. Untergang des Staates (Jer. 25), Schande über den einzelnen (Jer. 29,18), Verachtung seitens der Nationen (Jer. 24,9; 25,18; 26,6), Zorn Gottes wie loderndes Feuer (Jer. 4,8), sein Grimm wie eine Wasserflut (Hos. 5,10), – und das alles doch erst das Vorspiel des eigentlichen „Tages des Herrn“! (Joel 2.) — So weissagen die Propheten wider das jüdische Volk. „Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Worte sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte!“ (Jes. 8,20.)

  1. Gericht über die Weltvölker. Aber auch die Völkerwelt steht unter dem Zorn. Gewalttat und Beutegier (Hab. 2,8), Blutvergießen (Nah. 3,1) und Raubtiernatur (Jes. 27), Selbstüberhebung und Vergottung der eigenen Kraft (Jes. 10,12; 14,13; Jer. 50,31), Haß gegen Israel und Verachtung des HErrn (Amos 1,11; Jes. 10,5; 47,6; Jer. 48,27) — das alles macht die Völkerwelt reif zum Gericht. Irrwahn sind ihre Religionen, Nichtigkeiten ihre Götzen, von Sünde durchsetzt all ihr Tun (Ps. 14,2). Und dennoch behaupten sie kühn, ihr Glaube sei besser als die Verehrung des HErrn.

Darum lautet der Ausspruch des HErrn: „Bei der Stadt, die nach meinem Namen genannt ist, fange ich mit dem Strafgericht an; und ihr solltet leer, ausgehen? Nein, das Schwert biete ich auf wider alle Bewohner der Erde“ (Jer. 25,29).

„Wehe über Assur!“, diesen „feurigen Drachen“! (Jes. 14, 29). Das Schwert über Ägypten, dieses Ungeheuer im Nil (Jes. 27,1). Grube und Strick über Moab, diesen Prahler! (Jes. 16,6). „Nimm diesen Becher voll Zornweins aus meiner Hand und laß alle Völker daraus trinken, zu denen ich dich sende“ (Jer. 25,15). Ammon soll zur Kameltrift (Hes. 25,5) und Tyrus zum nackten Felsen werden (Hes. 26,4). Elam soll sterben und Edom eine „Totenstille“ sein (Jes. 21,11; 63, 1—6). Und Babel vor allem soll auf ewig wie Sodom und Gomorra werden (Jes. 13,19; 20; Jer. 50,40). – So sind die Propheten zugleich Völkerpropheten, und das Alte Testament ist ein Warnungssignal an die Welt.

  1. Bekehrung Israels. „Doch nicht bleibt Finsternis dem Lande, welches Bedrängnis hat“ (Jes. 9,1). Durch Gericht soll Zion erlöst werden (Jes. 1,27). Der Überrest wird umkehren (Jer. 24,7) und, durch die Erscheinung des Messias, ein erneuertes Volk werden (Jes. 11,9; 4,3).

In überwältigender Fülle schildern die Propheten dies kommende Heil. An Hunderten von Stellen reden sie davon. Aber stets bezieht sich ihre Heilsweissagung auf das umgewandelte und erneuerte Israel; dem unbekehrten, noch im Lande weilenden oder wegen seiner Sünden unter die Völker zerstreuten, ausbeuterischen Fersenhalter Jakob gibt das Alte Testament nicht eine einzige Zusage von Herrschaft und Segen.

Dann aber, wenn der Messias erscheint, wird Israel in Palästina (Jer. 16,15) seine große, nationale Buße (Sach. 12,10; Off. 1,7) und geistliche Wiedergeburt erleben – nicht aus den Kräften seines eigenen Volkstums heraus, sondern von Jesus von Nazareth her! Und dann wird das jüdische Wunder geschehen; und das jetzt noch so unreine und unheilige Volk wird so heilig, so rein, so umgewandelt sein, daß alles, selbst das Kleinste, dem HErrn geweiht ist. „An jenem Tage wird auf den Schellen der Rosse stehen: „Heilig dem Herrn“, und jeder Kochtopf in Juda wird dem HErrn der Heerscharen heilig sein“ (Sach. 14, 20). So verbindet sich dann mit der geistlich-nationalen Auferstehung Israels aus den Toten (Hes. 37,1-14) seine kommende Heiligkeit, und mit der Heiligkeit Segen (Jes. 60,18) und mit dem Segen Gottes Herrlichkeit (Jes. 40,5).

  1. Bekehrung der Weltvölker. Aber auch die Völker sollen gesegnet werden. Denn Gott ist nicht nur der Juden Gott, sondern auch der Gott der Nationen (Römer 3,29). Die israelitische Prophetie sieht in der Völkerwelt eine Familie, und alle Nationen sind Mitteilhaber des messianischen Heils. Darum wird der HErr einst „den Schleier vernichten, der alle Völker verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist“ (Jes. 25,7). Dann werden die Völker als Völker sich bekehren (Jer. 3,17; Sach. 8,20; Micha 4,2; Jes. 42,4), und zum ersten Male in der Geschichte wird es christliche Nationen im Sinne der Heiligen Schrift geben. (Das gegenwärtige Zeitalter – von Pfingsten bis zur Wiederkunft Christi – hat nicht die Christianisierung der Rassen zum Ziel, sondern die Herausrufung einzelner aus allen Völkern und dadurch die Bildung der Gemeinde aus Juden und Heiden (Apg. 15,14). „An jenem Tage wird für den HErrn ein Altar mitten im Lande Ägypten stehen und eine Denksäule nahe an seiner Grenze für den HErrn; und die Ägypter werden dem HErrn im Verein mit den Assyrern dienen. Und der HErr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: „Gesegnet bist du Ägypten, mein Volk, und du Assur, meiner Hände Werk, und du Israel, mein Erbteil!“ (Jes. 19,19).

In der Tat, hier bietet die israelitische Prophetie ihr Äußerstes; denn es ist nicht Einverleibung der sich bekehrenden Heiden in das erneuerte, israelitische Gottesvolk, was hier erhofft wird, sondern ein Bruderbund Israels und der Völker auf der Grundlage der Gleichberechtigung.

Und in Maleachi spricht Gott: „Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang soll mein Name herrlich werden unter den Heiden; und an allen Orten soll meinem Namen geräuchert und reines Speisopfer geopfert werden; denn mein Name soll herrlich werden unter den Heiden“ (Mal. 1,11). Damit aber weissagt der alttestamentliche Prophet – nur mit alttestamentlichen Farben – die neutestamentliche Wahrheit, die Jesus der Samariterin sagt: daß der Vater nicht nur an dieser oder jener Stätte, sondern an allen Orten der Welt Anbetung empfangen soll in Geist und Wahrheit (Joh. 4,24). So werden denn Israel in seinem Lande (Sach. 10,10) und die Völker in ihren Ländern die geistliche, göttliche Wiedergeburt erleben, und der HErr wird als Gottkönig über die ganze Erde herrschen, und Gerechtigkeit und Friede wird die Gesamtmenschheit regieren.

  1. Der Messias und sein Reich. Die Bekehrung Israels und der Weltvölker wird aber bewirkt durch das Erscheinen des Messias. Er ist die Krone und der Glanzstern aller Prophetie. „Die Propheten sind die Sterne und der Mond; aber Christus ist die Sonne“ (Luther). Von ihm „zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg. 10,43). Christus ist das Thema des Alten Testaments. So hat er es selber gesagt (Joh. 5,39; Luk. 24,25). So bezeugt es sein größter Apostel (1. Kor. 15,3; 4; Apg. 26,22). Erst von dem König der Schrift aus kann das Zeugnis seiner vorausgesandten Herolde verstanden werden. Erst von dem Neuen Testament aus löst sich die Frage nach dem Alten Testament.

 

10. Kapitel: Die Messiasprophetie

Christus ist durch das Alte Testament im Kommen begriffen. „Das Alte Testament ist Morgendämmerung und Morgenrot. Das Morgenrot gehört zur Sonne. So gehört das Alte Testament zu Jesus Christus“ (E. Brunner). Das Alte Testament sagt, was der Christus ist, das Neue sagt, wer er ist, und zwar so, daß offenbar wird: nur der kennt Jesus, der ihn als den Christus erkennt, und nur der weiß, wer der Christus ist, der da weiß, daß er Jesus ist. So entsprechen die beiden Testamente den beiden Hauptnamen des Erlösers, das Alte seinem Berufsnamen Christus, das Neue seinem Eigennamen Jesus; aber beide sind von einem Geiste durchhaucht und deuten einander.

Allumfassend ist darum auch das Messiasbild der alttestamentlichen Prophetie. Sie schildert:

I. Die Person des Messias.

Seine Menschheit nach Familie, Ort, Zeit.
Seine Gottheit (diese in verhüllter Form).

II. Das Werk des Messias.

Sein Kommen in Niedrigkeit.
Sein Kommen in Herrlichkeit.

I. Die Person des Messias

Christus ist schon vor seiner Menschwerdung das Zentrum der Heilsgeschichte. Seine alttestamentliche Vorausdarstellung ist zugleich Selbstdarstellung; denn der „Geist Christi“ war in den Propheten (1. Petr. 1,11). Schon die vorchristliche Offenbarungsgeschichte ist „Geschichte Christi“.

  1. Seine Menschheit. Zielbewusst im Lauf der Jahrhunderte voranschreitend, schildert die alttestamentliche Weissagung die Menschheit des Erlösers in konzentrischen Lichtkreisen, einer sich nach oben hin verjüngenden Pyramide gleich. Zunächst
  2. a) Die Familie. Der Welterlöser stammt

aus der Menschheit, ist „Weibessame“ (1. Mose 3,15) – so heißt es zur Zeit Adams und Evas (um 4300);
von allen Rassen der Menschheit aus Sems Geschlecht (1. Mose 9,26) – so prophezeit Noah (um 2300);
von allen Semiten aus Abrahams Samen (1. Mose 12) – so sagt ihm Gott selbst um 1900;
von allen Nationen, die von Abraham stammen, aus Israel – (um 1850 vgl. 1. Mose 26,3; 28,13);
von allen Israeliten aus dem Königsstamm Juda  – so heißt es um 1800 (1. Mose 49,10).

Dann steht die Spezialisierung der Verheißung einige Jahrhunderte hindurch still. Wohl schreibt Mose um 1500 sein fünfteiliges Werk, weissagt auch von dem Kommen eines Propheten wie er (5. Mose 18,15 vgl. Apg. 3,22), und vor allem sind Stiftshütte und Opfereinrichtungen Vorbilder auf Christum als den Priester (bes. 2. Mose 25-31; Joh. 5,46); aber weiterführen tut er die Zugipfelung der Verheißung nicht. Ebenso bleibt Bileam, der heidnische Seher, sein Zeitgenosse, mit seiner Weissagung von dem kommenden König durchaus innerhalb des Rahmens des allgemeinen Israels stehen: „Ich sehe ihn, doch nicht schon jetzt; ich schaue ihn, doch nicht in der Nähe: es geht ein Stern aus Jakob auf, und ein Herrscherstab erhebt sich aus Israel“ (4. Mose 24,17).

Erst mit Nathan, dem Propheten der Davidszeit (um 1050), also 700 Jahre später, hebt die Spezialisierung der Prophetie von neuem an. Inzwischen war aber das israelitische Königtum entstanden (mit Saul); und dies war, vom Gesichtspunkt der Königsherrschaft Gottes aus, ein Rückschritt, ein Zugeständnis an die „Herzenshärtigkeit“ der Menschen. Aber der Plan Gottes kann nicht durch menschliche Querwirkungen vereitelt werden.

Aus Israel sollte der gott-menschliche Messiaskönig kommen. Irgendein Israelit mußte darum sein Ahnherr sein. Daß dies aber gerade ein König sein müsse, war in keiner Weise notwendig. Jede beliebige Privatperson aus dem Stamm Juda konnte zum Vorfahren des Messias erwählt werden.

Nachdem aber nun einmal das Königtum da war, bestand die Oberregierung Gottes darin, daß Gott einen gläubigen Träger der Krone zum Ahnherrn des Messias erwählte. Durch Nathans Weissagung an David wurden die messianischen Verheißungen, innerhalb des Königsstammes Juda, auf ihn, den gekrönten Sohn Isais, übertragen (vgl. Jes. 11,1). Von nun an ist der Messias Sohn Davids (vgl. Off. 5,5).

Von den zahlreichen Söhnen Davids (2. Sam. 5,13) wurden namentlich zwei die Träger des messianischen Segens: Salomo und Nathan, beides Söhne der Bathseba (1.Chron. 3,5). Von Salomo stammt Joseph ab, der rechtliche „Vater“ des HErrn Jesu (Matth. 1,6; 16), von Nathan die Jungfrau Maria, seine eigentliche Mutter (Luk. 3,23; 31).

Das irdische Königtum ging später zugrunde. Mit Zedekia verlor das Davidische Geschlecht seine Krone (2. Chron. 36,11—20). Aber das Reich und die Macht und die Herrlichkeit blieben dennoch mit David verbunden (Jes. 55,3); und in der Endzeit wird Christus, gerade als David, sein Volk und die Völkerwelt weiden (Hes. 37,24; 25; Hos. 3,5; Jer. 23,5). „Mein Knecht David soll ihr Fürst sein für immer!“ (Off. 22,16.)

  1. b) Der Ort. Mit der Nathans-Weissagung an David war die Frage nach der Familie des Messias abschließend beantwortet worden. Aber noch war die Frage nach dem Ort und der Zeit nicht geklärt. Obwohl von einem Nachkommen des heldenhaften Kaleb gegründet, tritt Bethlehem-Ephrata in den Jahrhunderten vor David in der Geschichte Israels doch nur sehr unrühmlich hervor, und zwar in Verbindung mit Götzendienst (Richt. 17, 7), Unsittlichkeit, Bruderkrieg (Richt. 19) und Hungersnot (Ruth. 1,1). Aber gerade aus dieser Stadt erwählte sich Gott, der sich stets zu dem Geringen herabneigt, den Ahnherrn des Messias; und so wurde Bethlehem-Ephrata, als Stadt Davids, der Ort, in dem Christus der HErr geboren werden sollte (Micha 5,1; Luk. 2,11).

Aber noch genauer wurde die Prophetie. Fast zweihundert Jahre, nachdem Micha den Ort geweissagt hatte (um 725), verkündete Daniel um 536

  1. c) Die Zeit. Dies geschah in der Weissagung von den siebenzig Jahrwochen, genauer gesagt, den 69 Jahrwochen vor dem Anbruch der 70. Damit aber erreicht die Zugipfelung der Prophetie ihren Höhepunkt und zugleich ihren Abschluß.

„So wisse nun und merke: Von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, daß Jerusalem soll wiederum gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Fürsten,11) sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen, so werden die Gassen und Mauern wieder gebaut werden, wiewohl in kümmerlicher Zeit; und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden und nichts mehr sein“ (Dan, 9,25; 26).

Die 70 Wochen (Siebenheiten) sind je sieben Jahre. Dies begriff ein Israelit wie Daniel sehr leicht; galt doch, nach dem mosaischen Gesetz, jedes siebente Jahr als ein Sabbatjahr (3. Mose 25,4). Also umspannen die 7+62=69 Jahrwochen bis „auf den Gesalbten (den Messias) den Fürsten“ 483 Jahre.

Ihr Anfang ist der Ausgang des Befehls, die Stadt Jerusalem wieder zu bauen (Vers 25). Hiermit kann nicht der Erlaß des Kores gemeint sein (536); denn dieser bezog sich vornehmlich auf den Wiederaufbau des Tempels (2. Chron. 36,23; Esra 1,1; 5,13), eine Aufgabe, die durch den Fürsten Serubabel, den Hohenpriester Josua und die Propheten Haggai und Sacharja bis zum Jahre 516 ausgeführt wurde. Den eigentlichen Wiederaufbau der Stadt vollführten erst, einige Jahrzehnte später, der Priester Esra, der Statthalter Nehemia und der Prophet Maleachi.

Ihre Tätigkeit setzte ein mit dem auch die politische Neuorganisierung Palästinas betreffenden Erlaß des persischen Königs Artaxerxes im siebenten Jahre seiner Regierung (465-424), also im Jahre 457 (Esra 7,25). Der Beginn der Tätigkeit Esras ist also der Anfang der siebenzig Jahrperioden.

Rechnen wir nun zu diesem Jahre 457 die geweissagten 69 Jahrwochen. d.h. 483 Jahre hinzu, so kommen wir in das Jahr 26/27 nach Christi Geburt, also genau in das Jahr, in dem Christus, nach Luk, 3,1, kurz hinter Johannes dem Täufer, mit der Himmelreichsbotschaft begann! Denn als der HErr auftrat, war er ungefähr 30 Jahre alt, und da Herodes der Große seine Geburt noch miterlebt hat (Matth. 2), selber aber schon im Jahre 749 der Stadt Rom, also 4 vor Chr. Geb., gestorben ist, muß der HErr schon vier oder fünf Jahre vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung geboren worden sein, war also buchstäblich beim Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit, im Jahre 26/27, etwa dreißig Jahre alt.

So hat auch hier die Erfüllung in überraschendster Weise die Weissagung bestätigt; und indem die alttestamentliche Messiasprophetie die Menschheit des Erlösers nach Familie, Ort und Zeit genau bestimmt hatte, hat sie sich gleichzeitig als ein vollkommenes, göttliches Gemälde erwiesen.

  1. Die prophetische Vorausahnung der Gottheit des Messias. Aber auch die Gottheit des Messias ist im Alten Testament – wenn auch nur verhüllt und in Bildern  – angedeutet. Zuerst am verhältnismäßig deutlichsten in der Nathansweissagung: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein“ (1. Chron. 17,13). Sich darauf gründend, nennt David in Psalm 110 seinen Sohn seinen „Herrn“ (Matth. 22,44), und der vorbildliche David legt, gleichsam vom Throne herabgestiegen, seine Krone zu den Füßen dessen nieder, der, sitzend zur Rechten des HErrn, der eigentliche, wahre David ist (Hos. 3,5). Weiterhin sagt derselbe Psalmist: „Der HErr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget“ (Ps. 2,12), ein Wort, welches das Neue Testament auf die Auferstehung Jesu bezieht (Apg. 13,33), die ja sein Versetztwerden aus dem Leben in Knechtsgestalt in das Leben der Erhöhung war und also seine „Zeugung“ in sein königliches Dasein.

Auf die Gottheit des Messias weist ferner bildhaft auch Jesaja hin, indem er den „Wurzelzweig Isais“ (Jes. 11,1) als „Zemach (Sproß) des Herrn“ (Jes. 4,2) bezeichnet und als „Wunderbar-Rat, Kraft-Held, Ewig-Vater, Friedefürst“ (Jes. 9, 6). Für Micha ist er der „HErr, dessen Ausgang von Anfang und Ewigkeit her gewesen ist“ (Micha 5,1), für Jeremia „der HErr unsere Gerechtigkeit“ (Jer. 23,5) und für Maleachi „der HErr, den ihr sucht“ und „der Engel des Bundes, des ihr begehret“ (Mal. 3).

II. Das Werk des Messias

Wie die Person des Messias von den Propheten unter einem harmonischen Gegensatz geschaut worden war, so auch sein Werk. Dort war es der Gegensatz zwischen Gottheit und Menschheit, hier zwischen Niedrigkeit und Hoheit. Die Leiden, die auf Christum kommen sollten und die Herrlichkeiten danach – das ist der zweifache Grundinhalt aller ihrer Weissagung (1. Petr. 1,11).

  1. Christi Kommen in Niedrigkeit. In einem geradezu großartigen Kleingemälde schildert sie sein erstes Kommen, diesen dunklen Untergrund seiner strahlenden Königsherrlichkeit.

Sein Geborenwerden in Bethlehem: Micha 5,1; Matth. 2, 1;
Sein Auftreten in Galiläa: Jes. 8,23-9,6; Matth. 4,14;
Seine Sanftmut und Zartheit: Jes. 42,2; Matth. 12,17-21;
Seine Wunder und Krankenheilungen: Jes. 53,4; Matth. 8, 17;
Seinen Einzug in Jerusalem: Sach. 9,9; Matth. 21, 5;
Die Wut seiner Feinde: Ps. 2,1-4; Apg. 4, 25-28;
Sein Verlassenwerden durch seine Freunde: Sach. 13,7; Matth. 26,31;
Sein Verratenwerden um 30 Silberlinge: Sach. 11,12; Matth. 26,15;
Sein Durchbohrtsein am Kreuz: Ps. 22,17; 18; Joh. 20,25-27;
Sein Getränktwerden mit Essig: Ps. 69,22; Matth. 27,34;
Seinen Schmerzensruf in der Not: Ps. 22,2; Matth. 27,46;
Seinen Siegesruf: „Es ist vollbracht!“ Ps. 22,32; Joh. 19, 30;
Das Nichtzerbrechen seiner Gebeine: 2. Mose 12,46; Ps. 34,21;
Den Speerstich der Legionäre: Sach. 12,10; Joh. 19,37;
Das Loswerfen um sein Gewand: Ps. 22,19; Matth. 27,35;
Seine Auferstehung am dritten Tage: Ps. 16,10; Apg. 2, 25-31; Hos. 6,2;
Seine Auffahrt in den Himmel: Ps. 110,1; Apg. 2, 34.

Durch dies alles ist er der leidende und triumphierende Gottesknecht, der, als der Stellvertreter der Sünder, die Erlösung vollbringt und also Jesaja 53, diese wunderbarste Weissagung des Alten Testaments, erfüllt (Apg. 8,32).

  1. Christi Kommen in Herrlichkeit. Aber auch das zweite Kommen des HErrn wird in lebendigster Farbenpracht geschildert. Hierbei schauen die Propheten das erste und zweite Kommen Christi oft in einem Bilde zusammen.

Gekrönt mit der gold-silbernen Doppelkrone des melchisedekschen Königs- und Priestertums, herrscht der Messias in Gerechtigkeit und siebenfacher Geistesfülle über sein Reich (Jes. 11,2).

– Bekehrung und Vereinigung Israels (Hes. 37,15-22),
– Erneuerung der Nationen (Zeph. 3,9),
– Friede unter den Völkern (Micha 4,3),
– Segnungen der Natur (Jes. 11,6; Hos. 2,23),
– erhöhter Glanz von Sonne und Mond (Jes. 30,26)  –  das sind einige der Herrlichkeiten dieses goldenen Zeitalters.

So gleicht das Alte Testament einem gestirnten Nachthimmel gleichwie das Neue einem sonnenhellen Tage, „und ist kein Wort im Neuen Testament, das nicht hinter sich sehe in das Alte, darinnen es zuvor vorkundigt ist (Luther).

III. Das Schweigen Gottes

Die Propheten hatten geredet. Fast 4000 Jahre lang hatte Gott sich geoffenbart, zuerst in der Menschheit, dann besonders in Israel. Namentlich seit Mose hatte es eine ununterbrochene Kette prophetischer Botschaften gegeben.

Dann plötzlich mit Maleachi verstummt die Prophetie. Gott zieht sich in seine Himmelshöhe zurück und – schweigt -, schweigt 400 Jahre! -, schweigt und harrt. –

Und die Menschheit hier unten im Tränental muß noch weiter fast ein halbes Jahrtausend auf den verheißenen Erlöser warten! Und doch ist schon alles gesagt, was vor dem Erscheinen des Weltheilands zu sagen war! Die alttestamentliche Gottesoffenbarung ist schon vierhundert Jahre vor Christi Geburt abgeschlossen und fertig!

Wozu da noch diese Schule der Sehnsucht für die Gläubigen in diese so lange Zwischenzeit zwischen Maleachi und Johannes dem Täufer?  Warum kam Christus nicht schon zur Zeit Maleachis?

Die Antwort liegt darin, daß das Evangelium nicht nur offenbarungsgeschichtlich, sondern auch welt– und kulturgeschichtlich vorbereitet werden musste. Und gerade dies geschah in der Zwischenzeit zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, besonders durch Alexander den Großen, den Hellenismus und das Römerreich. Damit aber treten die Weltreiche unter den Gesichtspunkt der Heilsvorbereitung, und der offenbarungsgeschichtlich schweigende Gott ist zugleich der weltgeschichtlich handelnde Gott.

Hier ist es besonders das Buch Daniel, welches die Nacht dieses halben Jahrtausends erleuchtet.

Zwei lange, offenbarungslose Zeiten kennt die Heilsgeschichte der Bibel: die Zeit zwischen Maleachi und Johannes dem Täufer und die Zeit zwischen Christus und dem kommenden Gottesreich. Die erste währte 400 Jahre; die zweite währt jetzt schon fast 2000 Jahre. Beides sind „Zeiten der Nationen“ (Luk. 21,24).

Die Leuchte der ersten ist der Völkerprophet Daniel, der Leitstern der letzteren ist die Offenbarung Johannes. Das Buch Daniel wurde den Heiligen des Alten Bundes gegeben beim Eintritt in die Nacht zwischen der ersten Zerstörung Jerusalems (586 v. Chr.) und dem ersten Erscheinen des HErrn. Die Offenbarung Johannes wurde den Heiligen des Neuen Bundes gegeben beim Eintritt in die Nacht zwischen der zweiten Zerstörung Jerusalems (70 nach Chr.) und dem zweiten Erscheinen des HErrn. So gehören sie denn beide zusammen: das eine ist das Gegenstück des andern, und das zweite ist die Vollendung des ersten.

 

E.  Die Heilszubereitung der Völkerwelt

11. Kapitel: Die „Zeiten der Nationen“  (Die vier Weltreiche Daniels)

„Die Völker sind wie das brausende Meer, wie brandende Wogen, die im Aufruhr tosen“ (vgl. Jes. 17,13).

Mit Nebukadnezar (586) begannen die Zeiten der Nationen (Luk. 21, 24), das heißt, die Zeiten, in denen Israel in die Hände der Weltmächte hingegeben ist. Sie werden erst enden mit der Aufrichtung des sichtbaren Gottesreiches.

Nebukadnezar und Daniel wurden gewürdigt, die Gesamtentfaltung der Weltmächte in universal-historischer Prophetie zu schauen, doch beide von verschiedenen Gesichtspunkten aus, entsprechend ihrer Stellung im Heilsplan.

Nebukadnezar, der heidnische Herrscher, sieht die Außenseite der Weltgeschichte, ihr Menschenantlitz, ihren organischen Zusammenhang, das Großartige, Heldische, Imponierende an ihr: das menschliche Kolossalstandbild „von außerordentlichem Glanz“ (Dan. 2,31), und das Reich Gottes erscheint ihm nur wie ein „Stein“ von dem Berge   (Dan. 2, 34; 44).

Daniel, der Staatsminister, aber geheiligte Seher zugleich, schaut die Innenseite der Geschichte, ihre untermenschliche Raubtiernatur (Dan. 7. 4-7), ihre disharmonische Zerrissenheit in dem Widerstreit der Völker untereinander (Dan. 8,4), das „Gottlästernde“ in ihr; und das Reich Gottes ist ihm das Reich des Menschensohnes“ (Dan. 7,13), das heißt, das Reich, in dem zum ersten Male auf der Erde eine Herrschaft wahren Menschentums im Sinne der Heiligen Schrift aufgerichtet werden wird.

Das erste Reich war eine Einheit (Babylonien, ein Haupt), das zweite eine Zweiheit (Medo-Persien, Brust und zwei Arme), das dritte eine Vierheit (die vier griechischen Diadochenstaaten, der Pardel mit vier Hörnern), das vierte wird eine Zehn-Einheit sein (das endgeschichtliche vierte Weltreich, zehn Zehen, zehn Hörner, die aber durch den Antichristen zu einer Gesamteinheit verbunden sein werden). Zuletzt aber, wenn Christus erscheint, wird dies alles zu einer Vielheit von Trümmern (Dan. 2,35; Off. 16,16; 19,11-18; Matth. 21,44), und dann wird der HErr, als der eigentliche Menschheitsmonarch, alle Völker und Rassen unter einem Haupt, ihm selber, zu einer wahren Einheit zusammenbringen (Eph. 1,10; Sach. 14,9).

Ostwestlich ist der Entwicklungsgang der Geschichte, dem Sonnenlauf gleich – mit der Nacht abschließend. „Abwärts“, von Gott weg, geht Sünde und Welt. Vom Gold geht’s zum Silber, vom Silber zum Kupfer, vom Kupfer zum Eisen, und auf tönernen Füßen steht Nebukadnezars Koloß.

Das Ende ist Zusammenbruch. Das Riesenstandbild wird  zermalmt, und die Herrschaft der „Tiere“ wird weggenommen. Aber dann geht, mitten in der tiefsten Nacht, plötzlich die Sonne auf. Der Menschensohn richtet, vom Himmel her kommend (Dan. 7,13; Matth. 26,64), das Reich wahren Menschentums auf. Der „Stein“ wird zum „Berge“ und erfüllt die ganze Erde, und „das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel werden dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben“ (Dan. 7,27).

Vom 8. bis 6. Jahrhundert vor Christi Geburt war es „Frühlingszeit“ in der Völkerwelt. Kein anderer Zeitabschnitt der vorchristlichen Weltgeschichte ist für die Gestaltung des geistigen Lebens der Menschheit von so grundlegender Bedeutung geworden.  Geradezu eine Woge von Inspiration ging über die gesamte Kulturwelt dahin. In Ostasien lebten Konfuzius und Laotse, die größten Chinesen, in Südasien Buddha, der einflußreichste Inder, in Persien Zarathustra, der Prophet der Religion des Kores. In Westasien war die Hochblüte der israelitischen Prophetie unter Jesaja. Jeremia, Hesekiel und Daniel, und in Griechenland das erste Aufkeimen der Philosophie (Tales, Heraklit, Pythagoras, Sokrates), und die Blütezeit der klassischen Dichtkunst (Sophokles, Euripides, Äschylos).

Politisch aber brausten die Frühlingsstürme. Noch 650 stand Ninive da, und der Großkönig von Assur war der Herr Vorderasiens. Doch 612 fiel Ninive, und von nun an rollten die Ereignisse förmlich dahin. Das Neubabylonische Reich wurde schon nach wenigen Jahrzehnten durch Kores gestürzt (538). Dessen Reich brachte Alexander der Große zu Fall (333), und auch Alexanders Reich zerfiel gleich nach seinem Tode in vier Teilstaaten (301). Das Erbe des Ganzen aber übernahmen die Römer. Erst mit dem Römischen Reich trat für einige Jahrhunderte „Sturmstille“ ein.

I. Das Neubabylonische Weltreich: 612—538

„Du bist das goldene Haupt“, so deutet Daniel das Standbild für Nebukadnezar. Von den vier Tieren, die er selbst geschaut, entspricht das erste diesem Königreich. Das Neubabylonische Reich ist der Löwe mit Adlersflügeln (Dan. 7,4). Denn was das Gold unter den Metallen und das Haupt unter den Gliedern ist, das ist der Löwe unter den Tieren der Erde und der Adler unter den Tieren in der Luft, und das Neubabylonische Reich vereinigte löwenstarke Königsmacht mit adlerartiger Schnelligkeit und Raubtiernatur. Es bestand ziemlich genau 70 Jahre und fiel zeitlich fast mit der babylonischen Gefangenschaft der Juden (606—536) zusammen. Mit seiner Zerstörung wurde die Weissagung Jeremias erfüllt: „Der HErr hat die Wut der Könige von Medien erweckt; denn sein Absehen ist wider Babylon gerichtet, um es zu vernichten; denn die Rache des HErrn ist da, die Rache für seinen Tempel!“ (Jer. 51,11; Jes. 13,17). Zugleich aber brach mit dem Fall Babylons die gesamte Weltherrschaft der semitischen Rasse für immer zusammen (538).

II. Das Medo-Persische Weltreich: 538 – 333

Kores, der Anführer der Indogermanen, wird von dem Alten Testament geradezu einzigartig begrüßt. Er ist der einzige Kriegsheld der Völkergeschichte, der schon Jahrhunderte vor seiner Geburt von der israelitischen Prophetie mit Namen genannt wird (von Jesaja, ungefähr 200 Jahre vor Kores selbst: Jes. 44,28; 45,1). Der HErr hat ihn, um Israels seines Knechtes willen, bei der Rechten ergriffen, um Völker vor ihm niederzuwerfen, und spricht zu ihm: „Ich selbst will vor dir herziehen und das Unwegsame ebnen, damit du erkennest, daß ich, der Herr bin, der Gott Israels“ (Jes. 45, 3). So begrüßt das Alte Testament den Begründer der arischen Weltherrschaft.

Die Meder und Perser waren Brudervölker; doch standen die Perser zunächst unter der Oberhoheit der Meder. Da vollzog der persische Prinz Kurusch von Ansan (Cyrus, Kores) gegen den Mederkönig Astyages um 559 einen Umsturz, und von nun an war das medische Reich persisch geworden.

Mit gewaltiger Stoßkraft stürmte das Perserreich voran. „Ich sah, wie der Widder nach Westen, nach Norden und nach Süden stieß“ (Dan. 8,4). Bezeichnend ist, daß der Osten nicht genannt wird; denn in der Tat haben die Perserkönige keine Eroberungszüge nach Indien unternommen. Gegen Griechenland allerdings waren seine Unternehmungen erfolglos, und hierin lag der Keim seines späteren Untergangs.

III. Das Griechisch-Mazedonische Weltreich: 333 v. Chr. und Folgezeit

Den Zusammenbruch des Perserreiches bewirkte, nach 206 jährigem Bestehen (538—332), Alexander von Mazedonien, der Sohn König Philipps. Sein Reich ist der kupferne Bauch und die Lenden im Standbild Nebukadnezars, der Panther mit den vier Flügeln und den vier Köpfen im Traumgesicht Daniels (Dan. 7,6), und er selbst ist das „große Horn“ des Ziegenbocks, der von Westen herkommend den persischen „Widder“ zu Fall bringt (Dan. 8,5—7; 21).

Der Siegeszug Alexanders ist das gewaltigste Schauspiel des Altertums. Mit rasender Geschwindigkeit, einem vierfach geflügelten Leoparden gleich (Dan. 7,6), stürmte Alexander gegen den minder beweglichen Widder, den plumpen persischen Bär. In unvergleichlichen Siegen am Granikus (in Westkleinasien, 334), bei Issus (in 333) und bei Gaugamela (bei Ninive, 331) vernichtete der jugendliche Kriegsheld die riesenhaften Heere des schwachen Darius Codomannus. Nach knapp dreijährigem Kampfe war der fünfundzwanzigiähnge Jüngling der Herr des zweitausendjährigen Orients.

Dann aber kam in das gewaltige Schauspiel die Tragik. Auf der Höhe seiner Macht, in der Blüte seiner Jahre, mit 32 Jahren, starb Alexander in der Weltstadt Babylon, nach einem Gelage, an einem hitzigen Fieber, ohne Thronerben eines plötzlichen Todes (323). Das „Horn“ wurde „zerbrochen“ (Dan. 8,8; 22). „Ein Heldenkönig wird auftreten und über ein großes Reich herrschen und alles ausführen, was ihm beliebt. Doch kaum ist er aufgetreten, so wird sein Reich zerfallen“ (Dan. 11,3).

So erfüllte sich buchstäblich im Jahre 301 durch die Schlacht bei Ipsus (Phrygien) die Weissagung Daniels aus dem 6. Jahrhundert (Dan. 7,1; 6; 8,1): „Der Ziegenbock wurde überaus groß; aber als er am stärksten war, brach das große Horn ab, und vier andere ansehnliche Hörner wuchsen an seiner Stelle hervor nach den vier Himmelsgegenden“ (Dan. 8,8). …

Hier kam es schon nach wenigen Jahrzehnten zu jenem gewaltigen Zusammenstoß zwischen Weltkultur und Offenbarung, der in den Namen Antiochos Epiphanes und Judas Makkabäus verkörpert ist.

Aus einem der vier Hörner des Ziegenbocks, die an der Stelle des abgebrochenen Alexander-Horns emporgewachsen waren, ging ein besonders „kleines Horn“ hervor. „Ein König wird auftreten, frechen Angesichts und ein Meister in Ränken. Seine Macht wird bedeutend sein; er wird außerordentliches Unheil anrichten; er wird Mächtige und auch das Volk der Heiligen ins Verderben stürzen“ (Dan. 8,24).

Gemeint ist Antiochus IV. Epiphanes, der achte König des Nordens (175-164). Dieser war nach der Besiegung seines Vaters Antiochus III. durch die Römer (190) 13 Jahre lang als Geisel in Rom, und war von den römisch-griechischen Ideen durchdrungen. Seit 168, als ihm die Römer die Eroberung Ägyptens untersagt hatten (Dan. 11,30), wollte er eine religiös-politische Verschmelzung aller Teile seines Reiches durchführen. Dabei stieß er nur in Palästina auf Widerstand. Nur um diesen dennoch zu brechen und die Parole: ein König, ein Reich, eine Kultur durchzuführen, verfolgte er die jahwegläubigen Juden. Sein eigentliches Ziel hierbei war die Einführung der griechischen Kultur in das Judentum, verbunden mit der Verehrung des olympischen Zeus.

Darum verbot er die Beschneidung und den Tempelgottesdienst (Dan. 8,11), untersagte die Feier der Sabbate und Feste, ließ die heiligen Schriften einziehen, zerreißen und verbrennen und diejenigen töten, bei denen man solche fand (Dan. 11,33). Darum raubte er aus dem Tempel den mit Goldplatten belegten Rauchaltar, den goldenen Leuchter und den Schaubrottisch und den Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten (169). Darum zwang er auch die Bevölkerung, Schweinefleisch zu essen, ja ließ am 25. Kislew (ungefähr Dezember) 168, am Jahresfest des olympischen Zeus, einen diesem Gott geweihten Götzenaltar auf dem Brandopferaltar zu Jerusalem aufstellen (1 Makk. 1,20-24; 41-64), diesen „Greuel der Verwüstung“ an heiliger Stätte, auf den der HErr Jesus als auf eine vorbildliche Prophetie für die Zukunft in seiner Ölbergsrede hinweist (Matth. 24,15 vgl. Dan. 11,31; 9,27; 12,11). Durch dies alles aber wurde er zum Typus dessen, den der Apostel Johannes den Antichristen nennt. Darum wird er auch in der Prophetie als das „kleine Horn“ des dritten Weltreiches dargestellt (Dan. 8,9; 23), so wie dieser das „kleine Horn“ des vierten Weltreiches ist (Dan. 7,8; 20f).

Gegen diese Kulturvergewaltigung des Offenbarungsglaubens erhoben sich die Freiheitshelden des Makkabäeraufstandes (168—141). „Das Volk derer, die ihren Gott kennen, wird sich stark erweisen und danach handeln“ (Dan. 11,32). Nach heldenhaftem Ringen gewannen sie die Religionsfreiheit zurück (165) und schließlich sogar die politische Selbständigkeit (141). Dennoch zeigte gerade die Geschichte ihres Gegners, daß inzwischen eine neue Zeit für die Völkerwelt angebrochen war, eine neue, dem Orient bisher fremde Macht: Rom.

IV. Das Römische Weltreich: 201 (133) v. Chr. — Wiederkunft Christi

Das Aufkommen einer abendländischen Weltmacht und den Zusammenbruch des semitisch-assyrischen Orients hatte schon Bileam, der Zeitgenosse Moses, in der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christi Geburt geweissagt: „Wehe! Wer wird am Leben bleiben, wenn Gott dies eintreten läßt? Denn Schiffe kommen von den Kittäern (d. h. Zypern) her; die demütigen Assur und demütigen Eber (1. Mose 10,21); aber auch er wird dem Untergang verfallen“ (4. Mose 24, 23). Dies wurde, nach 1200 Jahren, im Römerreich erfüllt.

Klein wie ein Weizenkorn am Anfang – die Herrin der Völker vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang in der Blüte: das ist Roms Entwicklung. Noch in den Tagen der Gründung des Perserreiches ein kleines Städtchen in Mittelitalien, das der griechische Geschichtsschreiber Herodot nicht einmal erwähnt, war Rom in den Tagen des HErrn Jesu „die gemeinsame Stadt“, „die Versammlung des Erdkreises“.

Den Antrieb zu seiner Entwicklung bekam Rom von Griechenland her. Die Römer selbst wären wohl niemals imstande gewesen, eine eigene, höhere, künstlerische und philosophische Kulturschöpfung ins Dasein zu rufen. Ihre Stärke lag vornehmlich im Militärischen und Staatlich-Juristischen. In Manneszucht und Hingabe an den Staat leisteten sie Unvergleichliches; aber selbst in den Zeiten ihrer höchsten Machtfülle blieben sie innerlich Halbbarbaren. Dies beweist schon das rohe Amphitheater, diese scheußliche Vergnügungsstätte römischer Brutalität. Das römische Reich war eben wie aus Erz und aus Eisen (Dan. 2,40). Es entsprach den Beinen im Monarchienbild Nebukadnezars (Dan. 2,33) und dem vierten „Tier“ in dem Nachtgesicht Daniels,10) „schrecklich und furchtbar und außerordentlich stark; es hatte gewaltige Zähne von Eisen, fraß und zermalmte und zertrat, was übrig blieb, mit seinen Füßen“ (Dan. 7,7).

Ursprünglich ein kleiner Bauernschaftsstaat, trieb ihn, bei wachsender Bevölkerungszahl, der Landhunger fast notwendig zu Eroberungen. Nach siegreichen Kriegen gegen gleichartige Nachbarn war Rom um 300 italische Großmacht. Damit war der Eintritt in die Weltpolitik unumgängliche Folge, und gleichzeitig war die Rivalität mit Karthago, dem Italien gegenüber liegenden Mittelmeernachbarn, von selbst gegeben. Mit der Niederringung dieses gefährlichsten Gegners (201) war Rom unumstritten westmittelländische Vormacht; und geradezu zwangsläufig war ein Eingreifen Roms in den Orient unvermeidlich.

Hier aber ging es nun „wie zerschmetterndes Eisen“ (Dan. 2,40) Schlag auf Schlag. Schon nach vier Jahren war Mazedonien gebrochen (197), nach weiteren sieben Jahren Syrien. 146 wurde Nordafrika „Provinz“, im gleichen Jahre auch Griechenland. 133 wurde Spanien erobert. So hatte sich die Weissagung Daniels erfüllt „Es wird die ganze Erde verschlingen und sie zertreten“ (Dan. 7, 23). Mit dem Ganzen aber hatte Rom die Erbschaft Alexanders übernommen und war seit 146 die alles beherrschende Ost-West-Mittelländische Welt-Militärrepublik geworden.

Doch nun kam die Zeit der Gärung. Der Aufstieg war ein zu gewaltiger gewesen. Ein Revolutionszeitalter mußte folgen (133 bis 31). „Möchte es dem Himmel gefallen, daß ich ein Lügner wäre; aber ich sehe Rom, das stolze Rom, fallen als ein Opfer seines Glücks“ (Propertius, 1. Jahrh. v. Chr.).

Mit der Ausbreitung der Römerherrschaft war Rom zum Mittelpunkt der Welt geworden. Alle Schätze der Nationen strömten in den herrschenden Kreisen zusammen. Die Folge war sinnloser Luxus, wüsteste Verschwendung und Bestechung. Schon um 190, als der junge Antiochus Epiphanes in Rom weilte, war ein Prozeß gegen nicht weniger als 10 000 Personen im Gange, die der Mehrzahl nach mit dem Tode bestraft werden mußten. Mit seiner Welteroberung grub sich das republikanische Rom selber sein Grab. Der römische Staat war ursprünglich ein Bauernstaat gewesen. Doch seitdem er Mittelmeer-Weltmacht geworden war, änderte sich alles. Um die Herrschaft über das riesige Reich zusammenzuhalten, war man gezwungen, ein großes Bürgerheer zu halten. Da aber in der langen Militärzeit dem Kleinbauern Haus und Hof verdarb, verkaufte er es an die reicheren Grundbesitzer. So entstand das Großagrariertum mit seinen Riesengütern, die man durch Sklaven bewirtschaften ließ. Der Mittelstand ging zugrunde. Die bäuerliche Landbevölkerung wurde in die Großstädte getrieben, und der große Gegensatz Kapitalismus und Proletariat war entstanden. Da infolge der Ausleerung der Landbezirke das bisherige Aushebungssystem nicht mehr möglich war, griff man zum Söldnersystem.

Blind waren die Soldaten dem anwerbenden Feldherrn ergeben. Entscheidend für sie war, wer sie am meisten zu Raub und Beute führte und ihnen den höchsten Sold versprach. Die Persönlichkeit des einzelnen Demagogen wurde ausschlaggebend. Aus dem Hervortreten der verschiedenen ehrgeizigen Führerpersönlichkeiten folgten die Bürgerkriege, welche mehr als einhundert Jahre lang den römischen Staat zerwühlten (133—31 v. Chr.) und aus den Bürgerkriegen ging endlich die Allein-Herrschaft, das Kaisertum der Zeit Christi, hervor. Damit war Rom in sein sechstes Stadium eingetreten: es war Welt-Militär-Monarchie geworden (ab 31 v. Chr.).

Einzigartig ist diese Entwicklung, ohne jegliche Parallele in der Weltgeschichte. Das vierte Tier „war von allen anderen Tieren verschieden“ (Dan. 7,7). Geradezu zwangsläufig folgte bei ihm eins aus dem andern. Der Wille des Weltenlenkers waltete über Roms Geschichte wie mit schicksalhafter Macht. Rom mußte das werden, was es geworden ist, um Christi willen. Sie mußten das Sammelbecken der Menschheitskultur schaffen zur Vorbereitung der Verkündigung des Menschheitsevangeliums.

 

12. Kapitel: Die Fülle der Zeit

Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn (Gal. 4,4).

Wir stehen im Jahre 323. Wie ein fliegender Pardel (Dan. 7,6) hatte Alexander das Perserreich, den kraftlos gewordenen Bären (Dan. 7,5) und Widder, zu Boden gerannt. Im Frühjahr 334 hatte er mit nur 35000 Mann seinen Siegeszug unternommen; im Herbst 331 lag das Perserreich in Trümmern. Schon richtete Alexander seine Blicke nach Westen. Da raffte ihn plötzlich in Babylon im Gartenpalast Nebukadnezars der Tod hinweg (Dan. 11,3). Das „große Horn war zerbrochen“, sein Reich fiel auseinander (Dan. 8,8;22).

Dennoch ist Alexander von bleibender welt- und heilsgeschichtlicher Bedeutung. Denn nicht zufrieden damit, das Morgen- und Abendland nur politisch und militärisch erobert zu haben, bestand sein Plan vielmehr gerade darin, sie auch kulturell zu verschmelzen und gleichsam zu einer einzigen Nation zu verbinden.

30000 Perser drillte er nach griechisch-mazedonischen Militärregeln. Die griechische Sprache führte er als Weltverkehrssprache ein. Griechische Theater, Schulen und Sportplätze wurden fast überall im Alten Orient errichtet, und mit ihnen zogen griechischer Geist und griechische Denkart immer mehr in den Orient ein.

Umgekehrt nahm Alexander persische Sitten in das Griechentum hinüber. Am königlichen Hofe wurden orientalische Trachten und persisches Zeremoniell, namentlich Königsverehrung, eingeführt. Alexander selbst heiratete die Fürstentochter Roxane, die „Perle des Morgenlandes“. Seinem Beispiel folgten 80 seiner Generäle sowie 10000 seiner mazedonischen Soldaten, die dafür, mit reichen Hochzeitsgeschenken versehen, im persischen Susa (Einstiger Wohnsitz der Königin Esther) ein fünftägiges, glänzendes Vermählungsfest feierten.

So entstand eine Kulturverbindung zwischen Morgen- und Abendland, der sogenannte Hellenismus; und auch in dieser Hinsicht glich Alexanders Reich dem Panther der danielischen Vision; denn der prächtigen Buntheit des Pantherfells entsprach nun die farbenreiche Mischung der europäischen und orientalischen Kultur.

Der Hellenismus ist also das Erzeugnis einer bewussten Politik. Er ist die persönliche Kulturschöpfung Alexanders. Gerade darin besteht seine für alle Zeiten unvergleichliche Bedeutung. Das hat auch das Volksbewußtsein angedeutet, indem es Alexander, als dem Ersten aller Sterblichen, den Beinamen „Der Große“ verlieh.

Alexanders Reich zerfiel gleich nach seinem Tode; aber sein eigentliches Lebenswerk blieb bestehen. Später, besonders seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert, traten die Römer sein Erbe an. Das Eigenartige aber ist, daß sie nicht etwa, wie man erwarten müsste, die Romanisierungspolitik in den Vordergrund ihrer Kulturarbeit stellten, sondern durchaus die Hellenisierung der Welt fortsetzten. So wurde das Römerreich zu einem verhältnismäßig einheitlichen Sammelbecken hellenistischer Kulturen. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang erstreckte es sich, von den Gewässern des Nils bis hinauf an die Ufer des Tyne an der schottischen Grenze, von der Meerenge von Gibraltar bis an das Hochland von Iran. Und doch! Obwohl die Römer militärisch und staatlich die Herren der Welt waren, wurden sie kulturell von den ihnen geistig und philosophisch weit überlegenen Griechen überwunden.

So entstand die Umwelt des Urchristentums, die Fülle der Zeit. Sie ist charakterisiert durch folgende sechs Grundzüge:

Welt- Zentralisation,
Welt- Kultureinheit,
Welt- Handel und Welt-Verkehr,
Welt- Friede,
Welt- Entsittlichung,
Welt- Religionsmischung.

I. Weltzentralisation

Der Römer kannte nichts Höheres als den Staat. Das Ideal seiner Männlichkeit bestand in der Hingabe an ihn. Diener des „ewigen Roms“ zu sein, war das höchste Ziel seines Ehrgeizes. Daher das Aufgehen des Menschen im Bürger.

Verkörpert wurde diese Staatsidee in ihrer Spitze, im Kaiser. Er war der einigende Gipfel des Ganzen, der „erste Bürger des Staates“. Daher auch die hohe Bedeutung der Kaiserverehrung. Sie war der religiöse Ausdruck der im Kaisertum geschauten, politischen Staatseinheit, und sie war die religiöse Anerkennung der Einheit des Weltreiches, die eigentliche Staatsreligion, und daher auch der einzige, religiöse Zwang des in Glaubensfragen sonst so sehr toleranten Römerreiches. Der Kaiser galt als der „Gott und Allheiland des menschlichen Lebens“ (so schon Cäsar), der „Gott aus Gott“ (Augustus), „Gottessohn“ (Augustus), „Herr und Gott“ (Domitian), „Hoherpriester“, „Heiland der Welt“ (Augustus, Claudius, Nero), , König der Könige“. Seine Erlasse hießen „Evangelien“ (Augustus), seine Briefe „heilige Schriften“. Durch dies Ganze wurde ein Zusammenprall mit dem Urchristentum unvermeidlich und zum Hauptgrund der Christenverfolgungen. Gleichzeitig wurde das Kaisertum des ersten Jahrhunderts ein Vorbild auf das Antichristentum der Endzeit – das erste „Tier“ mit den „Namen der Lästerung“ auf seinen mit Diademen geschmückten Häuptern (Off. 13,1).

Vom Cäsar in Rom aus gehen die Befehle nach allen Seiten. Ein Wille regiert die ganze Mittelmeerwelt. Auch der himmlische Königssohn wurde römischer Reichsuntertan (Matth. 22,21). Und doch steht auch dieser Wille unter dem Willen des Höchsten. Von der Zentrale der Mittelmeerwelt geht ein rein politischer Befehl aus (der Schätzungsbefehl des Kaisers Augustus, Luk. 2,1); aber letzten Endes ist er doch nur ein Mittel in der Hand des Herrn aller Herren, um ein altes Weissagungswort im Lande Juda in Erfüllung zu bringen, das kleine Städtchen Bethlehem-Ephrata, die Stadt Davids. Wie berührt sich doch hier das Große und das Kleine und in dem Kleinen das Allergrößte!

II. Weltkultureinheit

Es hat räumlich ausgedehntere Reiche gegeben als das römische, Reiche von größerer Seelenzahl; aber nie wieder hat es in der Geschichte ein Reich gegeben, das so alle Kulturvölker seiner Zeit in sich vereinigt hätte. Es war ein gewaltiges Ineinanderfließen der Kulturen, ein großartiger Verschmelzungsprozeß, der durch die Hellenisierung und Romanisierung des Orients und die Orientalisierung des Abendlandes zustande kam.

  1. Die drei Hauptströmungen. Im wesentlichen war der Hellenismus des Römerreiches ein Zusammenfluss von drei Hauptströmungen: dem Griechentum mit seiner Kunst, Wissenschaft und Philosophie, dem Römertum mit seinem Militär-, Staats- und Rechtsleben und dem Orientalentum mit seinen Religionen und Geheimkulten. Damit war, zwar noch kein lebendiger, organischer Universalismus geschaffen – dieser scheiterte schon daran, daß dem Altertum, abgesehen von der stoischen Philosophie, im allgemeinen der Begriff der „Menschheit“ fehlte -; aber es war doch das Bewusstsein sehr vieler zum Weltbewußtsein erweitert und die Welt für den Universalismus der Heilsbotschaft Christi vorbereitet.
  2. Das Weltmissionsgriechisch. Von noch größerer Bedeutung war die Einheit der Weltverkehrssprache. Denn trotz des Fortbestehens der Volkssprachen wurde das Griechische doch so in der ganzen Welt verstanden, daß man es schlechthin „die Allgemeine“ (Sprache, griech. Koine) nannte. Damit aber fiel für die bald auftretende, urchristliche Mission eine der Hauptschwierigkeiten — das Sprachenlernen — weg, und der Siegeslauf des Evangeliums konnte mehr als doppelt so schnell vorwärts gehen, als es sonst möglich gewesen wäre. Und so wurde durch diese ganze Entwicklung das Weltgriechisch der Kaiserzeit, unter Gottes Fügung, dazu vorbereitet, das Weltmissionsgriechisch des Neuen Testaments zu werden.

III. Welthandel und Weltverkehr

  1. Der Weltverkehr. Auf dem Marktplatz jeder Stadt stand ein Meilenstein, der die Entfernung von Rom angab. Auf dem Markt des „ewigen Roms“ selbst, als dem Mittelpunkt der Welt, stand – von Augustus errichtet – ein goldener Meilenstein, der die Hauptstadt als das Herz dieses riesigen Völkerorganismus bezeichnete. Zwischen Alexandria und Kleinasien bestand tägliche Schiffsverbindung. In 4 Tagen fuhr man von Spanien, in 2 Tagen von Afrika nach Rom-Ostia.

Ohne diesen großartigen Weltverkehr wäre die rasche Missionstätigkeit des Urchristentums undenkbar gewesen. Besonders der Seeverkehr war für sie bedeutsam; denn die urchristliche Mission war zu großem Teil Hafenstadt-Mission, besonders bei Paulus. Aber auch die Landverbindungen waren von größter Bedeutung. Selbst die entferntesten Länder waren durch Straßen und Brücken geöffnet. Ein schon damals ziemlich vollendetes, durch Mauern und Kastelle geschütztes Netz wohl gebauter Straßen verbreitete sich über das ganze Reich. „Alle Wege führen nach Rom.“ Auf diesen kaiserlichen Heeres- und Poststraßen wanderten dann später die Boten des Evangeliums, der Welt die frohe Kunde bringend von dem erschienenen Erlöser. Allein Paulus ist im ganzen zu Wasser und zu Lande über 25000 Kilometer gereist.

  1. Die jüdische Diaspora. An dem Weltverkehr beteiligten sich naturgemäß auch die Juden. Viele von diesem, noch im vierten vorchristlichen Jahrhundert im Westen fast völlig unbekannten Volk siedelten sich außerhalb Palästinas an. So entstand die Diaspora (Zerstreuung). Schon Alexander der Große hatte in das von ihm erbaute Alexandrien 10 000 Juden gezogen; der König Ptolemäus Lagi und seine Nachfolger siedelten dort sogar über 100 000 Juden an. In der Apostelzeit wohnten in Rom ungefähr 50 000 Juden. Am stärksten waren sie in Babylonien und Ostsyrien vertreten; in Ägypten machten sie ein Achtel der ganzen Bevölkerung, in Alexandrien, der Hauptstadt, sogar fast die Hälfte aus. (vgl. Apg. 2,9).
  2. Das Proselytentum. Durch das Diasporajudentum fing Israel an, in der Völkerwelt bekannt zu werden. Auch seine Religion trat den Heiden entgegen. Manche fühlten sich von dem schlichten Glauben an den einen Gott angezogen, und die Juden selbst trieben Mission unter ihnen. Die Gewonnenen nannte man Hinzugekommene (griech. Proselyten; Gottesfürchtige, Apg. 8,26-40). Ein voller Proselyt wurde durch Beschneidung und Untertauchtaufe in das Judentum aufgenommen.

An das Diasporajudentum knüpfte auch Paulus überall an (Apg. 13, 5; 14,1; 17,1; 18,4; 19,8 u.a.). Ohne die schlichte Synagoge oder die jüdische Gebetsstätte (Proseuche; Apg. 16,13) ist die missionarische Praxis des Apostels kaum denkbar. Damit aber hat der seit Alexander dem Großen aufgekommene Weltverkehr die Grundlage für eine der allerwichtigsten Hauptmethoden der ersten christlichen Missionstätigkeit geschaffen.

  1. Der paulinische Weltmissionsausgangspunkt. Dem durch den Weltverkehr geschaffenen Diasporajudentum verdankt Paulus indirekt sogar sein Missions-Ostmittelmeerzentrum. Waren es doch bekehrte Diasporajuden aus Cypern und Cyrene, durch deren Dienst die Christengemeinde in Antiochien entstand (Apg. 11,20), während die Palästinajuden, aus Mangel an lebendigem Kontakt und Verständnis für die Heidenwelt, das Evangelium nur an Juden und Vollproselyten herantrugen (Apg. 15,1-6). Das Antiochien des Paulus, ein Luxus- und Sündenzentrum der alten Welt, hier wurden die Jünger Jesu zum ersten Male Christen genannt (Apg. 11,26)!
  2. Die Weltmissionsbibel. Die außerhalb Palästinas lebenden Juden verlernten bald die hebräisch-aramäische Sprache, weil sie in hellenistischem Sprachgebiet lebten. Nach einigen Generationen machte sich für die Synagogengottesdienste darum das Bedürfnis einer griechischen Übersetzung der jüdischen Bibel bemerkbar. Im Verlauf mehrerer Jahrzehnte entstand denn auch wirklich eine solche. Diese Septuaginta nun wurde ein gewaltiges Mittel in der Hand Gottes, um das Werk der urchristlichen Verkündigung zu fördern. Durch sie wurde das Heidentum mit dem jüdischen Offenbarungsglauben bekannt. Sie haben Paulus und die anderen urchristlichen Missionare auf ihren Reisen dauernd benutzt; ja, die neutestamentlichen Schreiber geben fast alle ihre Zitate aus dem Alten Testament nach ihr. So wurde diese ursprünglich jüdische Übersetzung zur Weltmissionsbibel des Urchristentums, weshalb sie auch später, im zweiten Jahrhundert, von den Juden, aus Opposition gegen das Christentum, nicht mehr benutzt, ja sogar gehasst wurde.

Grundlegend für die Blüte des Verkehrs war der

IV. Weltfriede

Dieser war eine besondere Frucht des Cäsarentums. Seitdem die Römer die Herren des Erdkreises waren, verstummten die Leidenschaften der Völker immer mehr. Der viel gerühmte Römische Friede (Pax Romana) kehrte ein. Wenn auch die Zeit des Augustus nicht völlig frei von Kriegen war, so konnte endlich dennoch der Janustempel in Rom, der Tempel des Kriegsgottes, nach über 200jähriger, ununterbrochener Kriegszeit, seit 236 v. Chr., im Jahre 29 v. Chr. geschlossen werden. Was aber Krieg oder Friede unter den Völkern für die Weltmission bedeutet, davon legt jede Missionsgeschichte Zeugnis ab. So wurden auch hier die Wege für das Evangelium gebahnt.

V. Welt-Entsittlichung

Sittlich aber trug diese ganze Kulturwelt den Todeskeim in sich. Die Ströme von Gold, die, besonders seit Hannibals Besiegung (202), in die Welthauptstadt flossen, führten zu einem derartigen Luxus, daß Schmutz und Gemeinheit bald in der frechsten Weise ihr Haupt erhoben. Am meisten waren Aristokratie und Proletariat verkommen. Nach den Schilderungen eines Tacitus, Sueton und Juvenal können wir uns die Gesunkenheit der damaligen Geburts- und Beamtenaristokratie nicht schlimm genug vorstellen. Prasserei und Schlemmerei, Bestechung und Giftmorde, Gemeinheit und Unsittlichkeit, Unzucht und Ausschweifungen waren an der Tagesordnung, besonders in der Mitte des ersten Jahrhunderts. Genau so gesunken waren die untersten Schichten. Arbeitslos verkam das Proletariat in den hellenistischen Großstädten. „Panem et circenses!“ Brot und Spiele! das war ihre Forderung an die Herrscher. Am Tage stand man untätig herum; am Abend ging man in das Amphitheater, diese scheußliche Vergnügungsstätte römischer Brutalität. So massenhaft war der Andrang zu den Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und vorgeführten Seeschlachten, daß die Kaiser Vespasian und Titus in Rom das riesige Amphitheatrum Flavium, das heutige Kolosseum, erbauen ließen, welches 54 000 Sitzplätze hatte und bei dessen Einweihung in 120tägigen Schauspielen nicht weniger als 12 000 Tiere und 10 000 Gladiatoren ihr Leben einbüßten.

Anders war es im Mittelstand. Hier bezeugen die Papyri doch noch viel Anstand und Sitte, inniges Familienleben und starke Religiosität. Allerdings war der Glaube an die Götter Griechenlands sowie an die italischen Gottheiten dahin; dafür aber wandte sich die Masse des Volkes den orientalischen Gottheiten zu, die damals in großer Zahl aus dem Fernen Osten vordrangen.

VI. Weltreligionsmischung

ist darum der letzte, entscheidende Hauptcharakterzug der römischen Kaiserzeit. Aus Ägypten, Persien, Babylonien und Kleinasien drangen orientalische Religionsgemeinschaften missionierend vor und bildeten religiöse Geheimgenossenschaften, die sogenannten Mysteriengesellschaften. Aus Ägypten kam die Verehrung der Isis und des Osiris (Serapis); aus Persien drang der Mithraskult vor, besonders im Heere. Ihm zur Seite stand der kleinasiatische Kybele-Kult mit dem Attisdienst. Aus dem Orient war auch die Kaiserverehrung gekommen.

Und nun gab es eine Götter- und Götzenwanderung vom Orient her, eine Vermischung und Verschmelzung der Religionen und Kulte, wie sie geradezu einzigartig in der Menschheitsgeschichte dasteht. Staatsgötter, griechische Götter, Götter des Orients, Mischreligion und Mysterien flossen immer mehr zu einem einzigen Hauptstrom zusammen. Das Morgenland eroberte religiös das Abendland. Rom wurde eine „Verehrerin aller Gottheiten“, oft schauerlich fratzenhafter, sinnlos verworrener Ungebilde krankhafter Phantasie. Die ganze Mittelmeerwelt glich einem riesigen Mischkessel. Ein unvergleichliches, west-östliches Religionschaos war entstanden. Die Religionen des Altertums machten geistig bankrott. Gerade darin aber offenbarten sie die Überwaltung des heilsvorbereitenden Erlösergottes.

  1. Göttergleichungen. Durch den Weltverkehr und die Völkervermischung seit Alexander dem Großen lernten die Völker einander kennen, auch wechselseitig ihren Glauben und Götterdienst. Da tauchte nun selbstverständlich die Frage auf: Wer von ihnen allen hat recht? Die Perser sagten, Ahura-Mazda sei der höchste Gott, die Griechen: Zeus, die Römer: Jupiter, die Babylonier: Marduk, die Ägypter: Ammon von Theben! Aber wie, wenn sie nun alle zugleich recht hätten? Wenn dies alles bei den einzelnen Völkern nur stets verschiedene Namen für ein und dieselbe Gottheit wären, wenn Ahuramazda = Zeus = Jupiter = Marduk = Ammon wäre, und ebenso bei den andern Gottheiten? So aber kommt es jetzt zu zahllosen internationalen Göttergleichungen, und mit der Verschmelzung der Göttergestalten tritt auch allmählich ein Zusammenfließen ihrer Verehrungsformen ein.

Damit aber entsteht auch in Religionsfragen der erste Ansatz zu einer Übereinstimmung der Völker, und das bisherige Landesschema – daß ein Gott an der Spitze aller andern Götter steht – fängt an, zu einem ähnlich gebauten Universalschema zu werden. An der Spitze des Ganzen denkt man sich immer mehr eine allgemeine Hauptgottheit, von der alle andern Götter nur Offenbarungsweisen und Einzelerscheinungen seien.  Und so beginnt, über dem ganzen Heidentum der Kaiserzeit ein mehr oder minder erkennbarer Eingottglaube zu schweben, der, bei all seiner Verschwommenheit, dennoch eine Ahnung wird von dem einen, wahren, unbekannten Gott Himmels und der Erde, den nun bald die Boten des Evangeliums der Völkerwelt verkündeten (vgl. Apg. 17,23).

  1. Orientalische Geheimreligionen. Noch wichtiger als diese Göttergleichungen wurde die gerade jetzt hervortretende Missionstätigkeit der orientalischen Religionen. Schon daß diese Religionen vom Orient her kamen, war hochbedeutsam. Denn vom Orient kam auch das Christentum. Da hatte dieser Ursprung für die Leute der damaligen Welt durchaus nichts Befremdliches mehr an sich. Sie waren es gewöhnt, orientalische Missionare in das Abendland kommen zu sehen und ihrer Botschaft Gehör zu schenken.

Weiterhin war es die gleichartige Grundidee der meisten dieser orientalischen Religionen: der Glaube an einen sterbenden und wieder zum Leben gelangenden Naturgott, zu dem man durch Vergötterung des Verwelkens und Wiederauflebens der Pflanzenwelt oder des Aufgehens und Untergehens von Sonne, Mond und Sternen gelangt war. Und obwohl dieser Glaube auf einer total anderen Grundlage aufgebaut war als das Christentum — nämlich auf der Vergötterung der Natur und insonderheit der Ausdeutung ihres Werdens und Vergehens am Himmel und auf Erden — nicht aber, wie das Evangelium, auf der wirklichen Offenbarung Gottes und den geschichtlichen Tatsachen des buchstäblichen Sterbens und Auferstehens des Erlösers (1.Kor. 15,13—19) —, so wurde dennoch, durch all jene Naturreligionen, das Heidentum mit darauf vorbereitet, die Botschaft von Jesu Tode am Kreuz und seiner Auferstehung zu vernehmen.

Die Hauptsache aber war, daß alle diese Religionen Erlösungsreligionen waren und damit der Trauerstimmung und Jenseitssehnsucht entgegenkamen, die – wie jede morsche Überkultur – auch die römische Kaiserzeit durchzogen. In den Mithrasmysterien steigerte sich diese Weltscheu direkt zu selbstmörderischen Bußübungen.

  1. Erlösungssehnsucht. Daß aber ein solches Erlösungsbedürfnis gerade jetzt erwachte, hatte seine Ursache in der gerade jetzt durch Welteroberung, Weltverkehr und Weltentsittlichung bewirkten, tief eingreifenden Umwandlung der ganzen praktischen Lebensanschauung des Altertums. Gerade hier erkennen wir am tiefsten, daß die Heidenwelt für die Botschaft des Evangeliums vorbereitet war, daß die „Fülle der Zeit“ da war.

Das Altertum ist auf das Diesseits eingestellt. Die sichtbare Welt ist die Wirklichkeit, das Jenseits nur Schattenwelt; und im Diesseitigen geht sein Zug nicht nach innen, sondern nach außen. „Daher der Sinn für die Architektur und die Plastik, der Sinn für das Dekorative, die Bühnenlust, Schaustellungen aller Art, Prozessionen und Triumphzüge. Daher auch das Aufgehen des Menschen im Bürger.

Jetzt aber wird alles anders. Die große Umwandlung, die sich jetzt vollzieht, ist die Wendung von außen nach innen, vom Diesseits zum Jenseits. Vor allem waren es die Eroberung der Mittelmeerwelt durch Rom, das Verprassen der gewonnenen Schätze durch das Siegervolk, Ungerechtigkeit und Erpressung in den Provinzen, Materialismus und Entsittlichung in den oberen und unteren Schichten, Welthandel und Weltverkehr, welche schließlich naturgemäß eine Reaktion gegen all diesen äußeren Glanz und Tand hervorrufen mußten und ein Gefühl der Enttäuschung und Leere in den Herzen zum mindesten derer, die für das Edle und Wahre doch noch nicht ganz abgestumpft waren. Ist aber das Glück nicht im Diesseits zu finden, so richten sich die Blicke ganz von selbst um so sehnsüchtiger auf das Jenseits; und dieses ist nun nicht mehr jene finstere, freudlose Schattenwelt von früher, sondern umgekehrt, das Leben auf Erden ist Schatten, und dort ist das eigentliche, wahre Sein. Jetzt redet man immer mehr von dem Leibe als dem „Kerker“ der Seele, und der Tod wird als Befreiung gepriesen, als „Geburtstag der Ewigkeit“, wie Seneca (Stoischer Philosoph, Lehrer Neros, Bruder Gallions – Apg. 18,12) sagt!

Und mit dieser Wendung vom Diesseits zum Jenseits verbindet sich die Wendung von außen nach innen. Das Diesseitige war ja das Sichtbare, und das hatte versagt. Darum richtet sich der Blick mit dem Jenseitigen zugleich auf das Unsichtbare, und mit dem Unsichtbaren auf das Innere und mit dem Inneren in das eigene Herz; und das, was dort im Verborgenen schon immer vorhanden gewesen war, der innere Zwiespalt der Menschenseele, der Konflikt zwischen Gut und Böse, wird jetzt noch genauer geschaut und gar oft zum Gegenstand trüber Selbstbetrachtung. Das Sündenbewußtsein erwacht. Besonders im zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhundert, nach den Orgien der ersten Kaiserzeit, kommt geradezu eine Art „Bußtagsstimmung“ über die Mittelmeerwelt.

Mit der Wendung zum Unsichtbaren und Inneren aber verbindet sich der Zug zum Übersinnlichen, Geheimnisvollen und Mystischen; und das Gefühl des Enttäuschtseins in all dem bisher Erlebten muß diesem Mystischen den Charakter des Trübsinnigen und Melancholischen geben und beides unter Umständen bis zu Weltscheu und Weltflucht, bis zu Büßungen und Kasteiungen, ja bis zu Selbstpeinigungen und freiwilligen Selbstverstümmelungen steigern. Und das alles nur, um den Frieden der Seele zu gewinnen!

Darum auch die Hinwendung von Zehntausenden von Menschen zu den Göttern des Morgenlandes. Denn diese versprachen den Menschen die ersehnte Erlösung.

Lebenshemmung und Tod sollten im Dasein des einzelnen überwunden werden; und das schienen die orientalischen Religionen zu bringen; denn gerade die östlichen Götter waren nicht nur die Vergöttlichung des Sterbens und Vergehens in der Natur, sondern auch der sieghaften Überwindung des Todes und des aus dem Tode neu erstehenden Lebens. Und der Mensch ist doch Glied dieses selben, vergehenden und immer wieder erstehenden Naturganzen. Darum muß seine Erlösung in dem Anschluß an das Weltgesetz bestehen; das aber heißt — im Sinne der heidnischen Naturvergötterung — in der mystischen Vereinigung mit dem sterbenden und wiederauflebenden Naturgott.

Das Alte muß „sterben“ – daher die Bußübungen, Kasteiungen und Selbstpeinigungen; und das Neue muß „aufleben“ – daher die heiligen Mahlzeiten, die mystischen Grade, die Taufen (Taurobolien), die geheimnisvollen Weihen. Überwindung des Todes, Wiedergeburt, Unsterblichkeit, ewige Seligkeit – das sind die Heilsgüter, auf die die orientalischen Geheimreligionen hinzielen. In aeternum renatus – „Auf ewig wiedergeboren“ – so meinen es Weihinschriften und Grabsteine der Verehrer des persischen Gottes Mithras. „Seid getrost, ihr Frommen; denn da der Gott gerettet ist, so wird auch euch aus Nöten Rettung werden.“ So sagt es eine Formel der kleinasiatischen Attisreligion.

  1. Die Erwartung der Völkerwelt. Dabei aber ist noch in weiten Kreisen die Ahnung verbreitet, daß bald die volle Erlösung anbrechen werde, und „auch in dieser Hinsicht richten sich die Blicke nach Osten. Von dort soll die Hilfe kommen. Oft kleiden sich die Ahnungen in ein heidnisches Gewand. Der Kreislauf der Zeiten, so heißt es, ist vollendet. Auf das Goldene Zeitalter ist das Silberne, auf dieses das Eiserne gefolgt. Nun ist auch dieses am Ablaufen. Dann wird der Kreislauf von neuem beginnen. Saturn wird abermals das Regiment übernehmen und das Goldene Zeitalter wird wiederkehren.

Teilweise aber tragen die Ahnungen auch jüdische Färbung, und man erkennt deutlich ihren Ursprung in der Weissagung Israels. Sueton und Tacitus berichten beide von einem weit verbreiteten Gerücht, der Orient werde mächtig werden, und von den Juden werde eine gewaltige Bewegung ausgehen. Überaus merkwürdig klingen diese Ahnungen in dem vierten Hirtenlied des Römers Virgil. Dort besingt der Dichter ein Kind, welches das Goldene Zeitalter zurückbringen wird. Vom Himmel steigt der Knabe hernieder. Dann waltet Friede auf Erden. Ohne Mühe spendet das Land seine Gaben. Die Rinder fürchten sich nicht mehr vor dem Löwen; dem Pflugstier wird das Joch abgenommen, und der Winzer arbeitet nicht mehr im Schweiße seines Angesichts. Das ist aber nichts anderes als die Weissagung Jesajas vom kommenden Friedensreich (9,6; 11,6)! Und – in der Völkerwelt draußen tönt, deutlich vernehmbar, das Echo der messianischen Prophetie. –

Da aber klingt, von Osten her kommend, vom Sonnenaufgang her, aus schlichter Zeugen Mund, immer stärker und stärker werdend, die weltüberwindende Kunde:

Der Versühner der Menschheit,
der Allheiland der Sünder,
der bewusst von Israel Erwartete,
die unbewußte Sehnsucht der Völkerwelt:

Christ ist erschienen!

So ist die ganze vorchristliche Heilsgeschichte eine Hinführung der Menschheit zum Welterlöser: das Volk Israel wurde offenbarungsgeschichtlich, die Völkerwelt staats- und kulturgeschichtlich vorbereitet. Das Alte Testament ist Verheißung und Erwartung, das Neue ist Erfüllung und Vollendung. Das Alte ist Aufmarsch zum Gotteskampf, das Neue ist Triumph des Gekreuzigten. Das Alte ist Morgenrot, das Neue ist Sonnenaufgang und ewige Tageshöhe.

 

Zusammengestellt von Horst Koch, Herborn, im Jahre 2014

 

Weitere Beiträge von Erich Sauer auf meiner Webseite:

Der Triumph des Gekreuzigten
In der Kampfbahn des Glaubens
Es geht um den Ewigen Siegeskranz
Gott, Menschheit, Ewigkeit
El triunfo del crucificado (spanisch)

www.horst-koch.de   –   info@horst-koch.de

 

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