Römer 13 (Huntemann)

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Georg Huntemann

Vollmacht und Macht

– Auszug aus dem Buch DER VERLORENE MAßSTAB – Gottes Gebot im Chaos dieser Zeit – , Seiten 157 bis 165. Aus aktuellem Anlaß eingestellt und leicht gekürzt von Horst Koch. 10. März 2021 –

Zur Auslegung von Römer 13

Das Reich Gottes ereignet sich in der Welt, aber es ist nicht von der Welt (Joh. 18,36). Christus spricht zu Pilatus, dem Repräsentanten weltlicher Macht: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt …«

Die weltliche, also politische Macht, in welcher Gestalt sie auch auftritt, kann niemals kongruent sein mit dem Reiche Gottes. Durch welche Vollmacht aber existiert nun die weltliche Macht, ist sie durch Christus aufgehoben? Muß sie abgeschafft oder überwunden werden? Soll an die Stelle der weltlichen nunmehr die geistliche Macht treten, oder soll sich die Gemeinde aus der weltlichen Macht völlig zurückziehen?

Dieser Fragenbereich wird vom Zeugnis des Neuen Testamentes so beantwortet, daß es weltliche Gewalt geben muß und wird, solange diese Welt besteht, also bis zur Wiederkunft Christi. In Römer 13 wird vom Christen, also vom Bürger des Gottesreiches, verlangt, daß er den »vorgesetzten Obrigkeiten« untertan sei, denn — so folgert der Apostel — »es gibt keine Obrigkeit außer von Gott, die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt.
Somit widersteht der, welcher sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes …« (Röm.13,1), »denn Gottes Dienerin ist sie, eine Rächerin zum Zorngericht für den, der das Böse verübt. Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein um des Zornes, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb entrichtet ihr ja auch Steuern. Denn sie sind Diener Gottes, die eben hierzu beständig tätig sind« (Röm.13,4-7).

Die Frage, die sich nun angesichts dieser Aussagen des Apostels sofort stellt, lautet: Ist hiermit unbedingt jeder Staat, gleichgültig welchen Charakters, als Gottes Wille mit den daraus vom Apostel aufgezählten Verpflichtungen zu verstehen? 

Der Staat, in dem dieses Kapitel 13 des Römerbriefes geschrieben wurde, war der römische Staat. Zwischen 58 und 60 war Paulus in der Gefangenschaft zu Cäsarea, dort berief er sich auf den Cäsar, auf die höchste Staatsgewalt des römischen Imperiums, und wurde aufgrund dieser Appellation zur Gerichtsverhandlung nach Rom gebracht. Der Kaiser, an den Paulus appellierte, war kein anderer als Domitius Claudius Nero. Dieser regierte von 54 bis 68 und war durch die Ermordung seines Vorgängers im Amt, des Tiberius Claudius Cäsar, die von Neros unheimlicher Mutter Agrippina inszeniert wurde, zu seiner »Schwertgewalt« gekommen. 

Die Zustände in diesem Imperium, insbesondere seit Caligula (er regierte von 37 bis 41), der mit der Weihe eines Augustustempels den Kaiserkult in die Höhe trieb und sich selbst als Inkarnation des Jupiter verehren ließ, waren ein Hohn auf alles, was man heute unter Rechtsstaatlichkeit versteht.  . . .

In der antiken Sklavengesellschaft, in der die Freien eine Minderheit waren, wurden Menschen zum Vergnügen des römischen Pöbels in den Tod gejagt. Schon Augustus ließ im Zirkus Gefangene aus den eroberten Provinzen seines Imperiums zu Tode quälen.  . . .

In dieser grausamen Sklavengesellschaft wurden Sklaven wie Haustiere behandelt  . . .  Auch auf die Freien fanden die Gesetze keine gleiche Anwendung. Bekanntlich gibt es nur in der Heiligen Schrift die Gleichheit vor dem Gesetz. In der sogenannten Rechtsordnung des römischen Imperiums gab es diese Gleichheit nicht.  . . .

Diese kurzen Erinnerungen an die »Zustände des alten Rom«, an deren Christengemeinde das 13. Kapitel des Römerbriefes geschrieben wurde, werfen die Frage auf, ob Paulus wirklich diesen Staat gemeint habe, gegenüber dessen Obrigkeit er die Christen zum Gehorsam aufrief. 

Mit Ja wird diese Frage von vielen Ethikern beantwortet: Einfach jede Obrigkeit sei von Gott und müsse im Sinne von Römer 13 respektiert werden, gleichgültig, ob es sich um das Regiment eines Nero, Hitler, Pol Pot oder Stalin handele.  . . .

Bevor wir die Frage beantworten, ob das Leitwort von Römer 13, nämlich exousia identisch ist mit jeder existierenden Obrigkeit, wäre zu untersuchen, was exousia eigentlich bedeutet. Die Diskussion über die Bedeutung von exousia ist durch den Baseler Neutestamentler Oskar Cullmann um die Mitte dieses Jahrhunderts wieder sehr lebhaft in Gang gebracht worden.
Oskar Cullmann verstand unter den exousiai von Römer 13 Engelmächte. Jede Staatsgewalt sei ausführendes Organ von Engelmächten. »Durch ihre Unterwerfung unter Christus haben die unsichtbaren Mächte vielmehr ihren bösen Charakter gerade verloren und stehen nun auch unter und in Christi Herrschaft, solange sie ihm untertan sind und sich nicht aus dem Dienstverhältnis zu emanzipieren suchen.«.  . . .

Dem Staat von Römer 13 gebührt demnach nicht deshalb Gehorsam, weil er Staat, sondern nur, weil er in das Heilsgeschehen einbezogen sei, weil die exousiai durch Christus gebunden seien, also letztlich in seiner Verfügungsgewalt stünden. . . .

Diese Auffassung von Römer 13 durch Oskar Cullmann ist aber doch wohl als eine Überinterpretation von exousiai zu verstehen, und Cullmann hat in diesem Unternehmen gerade auch unter seinen Kollegen der Neutestamentlichen Wissenschaft mehr Widerspruch als Zustimmung geerntet.  . . .

Unverständlich ist allerdings des Optimisten Cullmann so positive Beurteilung des Staates, der ja immer mehr oder weniger an der Leine Gottes sei — und das schrieb der Baseler Theologe auf dem Höhepunkt des letzten Weltkrieges, gleichsam einen Steinwurf weit von einem totalitären Staat entfernt. Dieser Cullmannsche Optimismus eignet sich in gleicher Weise zur Anpassung an ein totalitäres System wie auch als Instrument zu einer Theologie der Befreiung oder Revolution. Die formale Unbestimmtheit seiner Theologie läßt da viele Möglichkeiten offen.

Aber wie sollen wir nun die exousiai in Römer 13 verstehen?

Exousia ist keine wertneutrale Bezeichnung von Macht schlechthin. Exousia bedeutet Macht als Vollmacht, Befugnis und Verfügungsrecht. Exousia als Einzahl ist Vollmacht, »Amt« in der Vollmacht, exousiai (also die Mehrzahl) meint vornehmlich die Träger und Ausübenden dieser Vollmacht — und das können auch Engelmächte sein!
Jesus gebietet aus dieser Vollmacht über die Macht des Bösen (Luk. 4,36), und er predigt wie einer, der Vollmacht hat (Matth. 7,29), und diese Vollmacht kann er auf die Jünger übertragen (Mark. 3,15; Luk. 10,19). Immer geht es hier um das Leitwort exousia. Auch die Sündenvergebung Jesu stammt aus dieser Vollmacht, die Gott gegeben hat (Mark. 2,5). Christus hat (Matth. 28,18) alle Macht als »Vollmacht« erhalten, denn der Auferstandene sitzt zur Rechten Gottes.

Macht muß doch wohl im Blick auf Römer 13 bevollmächtigte Macht sein.

Bevollmächtigte Macht ist sie aber nur, wenn sie Gottes Dienerin, und das heißt doch Dienerin seiner Gerechtigkeit ist.
Genauso sagt es ja auch Kapitel 13 des Römerbriefes: Wo die bevollmächtigte Macht ist, da ist sie von Gott — und nur von Gott. Diese und eben nur diese zwischen Gut und Böse unterscheidende exousia, die Gottes Ordnung wahrt (13,2), die »Gottes Dienerin« ist und »Rächerin zur Strafe« (13,4)
— nur dieser Macht ist der Christ »um des Gewissens willen« (13,5) den Gehorsam schuldig. Einer anderen, nicht bevollmächtigten Macht ist er aber eben nicht zum Gehorsam verpflichtet.

In exousia liegt ein »Sein und ein Soll«, beide müssen kongruent sein!
Nur der nach biblischem nomos orientierte Rechtsstaat ist der bevollmächtigte Staat. Weil die Kirche das Gesetz Gottes verkündigt (das Gesetz Gottes kann ja nicht durch natürliche Erkenntnis erkannt werden), muß der rechtmäßige Staat die Predigt der Kirche als öffentliche Predigt akzeptieren. 
Daran wird man letztendlich erkennen, ob der Staat ein Rechtsstaat ist oder nicht. Denn der bevollmächtigte Staat wird ganz und gar mit aller Hingebung und Leidenschaft die Predigt des Gesetzes durch die Kirche vernehmen wollen um seiner Vollmacht und Würde willen. Der römische Staat zur Zeit des Apostels Paulus, der die Kirche verfolgte und die Ideologie der Cäsarenanbetung betrieb, war kein bevollmächtigter Staat im Sinne von Römer 13. Eher war dieser römische Staat eine Erfüllung der Vision von Daniel 7 — ein grausames Ungeheuer.

Die Appellation des Apostels Paulus an den Kaiser Nero unter dem römischen Beamten Festus ist nicht als Anerkennung des römischen Staates im Sinne von Römer 13, sondern als strategische Ausschöpfung spärlicher noch vorhandener Rechtsformen zu verstehen. Denn auch der Unrechtsstaat lebt von der erhaltenden allgemeinen Gnade Gottes, deren Spuren der Christ erkennen, wahren und für sich nutzen soll und kann. Christen haben den römisch-heidnischen Staat nicht gebilligt, sondern sie haben ihn geduldet und erduldet und versucht, in und mit ihm zu leben, vor allem aber mit dem zu leben, was Gottes allgemeine und bewahrende Gnade ihnen an Resten von Gerechtigkeit übrig ließ.

Von den Reformatoren hat keiner so wie der Reformator Schottlands, John Knox, Römer 13 im Sinne des Zueinander von Macht und Vollmacht verstanden.

In einer Privatdebatte vor der Generalsynode von Schottland 1564 bekannte Knox:
»Und nun, mein Herr, was jenes Wort des Apostels betrifft, so sage ich, daß das Wort Gewalt in jener Stelle nicht von den ungerechten Befehlen der Menschen zu verstehen ist, sondern von der gerechten Gewalt, womit Gott seine Obrigkeit ausgerüstet hat, die Laster zu züchtigen und die Tugenden zu schützen. Wenn zum Beispiel es jemand wagen würde, den Händen eines gesetzlichen Richters einen Mörder, Ehebrecher oder anderen Übeltäter, der nach Gottes Gesetz den Tod verdient hat, zu entreißen, derselbe würde der Ordnung Gottes widerstreben und über sich selbst die Strafe und Verdammnis bringen, weil er das Schwert Gottes verhindert hat, den Schuldigen zu treffen. Aber so ist es nicht, wenn die Menschen in der Furcht Gottes sich der Wut und blinden Raserei der Fürsten widersetzen, denn dann widersetzen sie sich nicht Gott, sondern dem Teufel, welcher das Schwert und die Obrigkeit Gottes mißbraucht.«

Bereits in der dramatischen Begegnung mit Maria Stuart von 1561, in der die schottische Königin unter Erinnerung an Römer 13 John Knox in den Untertanen-Gehorsam zwingen wollte, hatte der Reformator das Recht des Widerstandes gegen eine nicht bevollmächtigte Tyrannei ausgesprochen, und 1567 in einem weiteren Gespräch mit Maria Stuart hatte Knox noch einmal ausdrücklich wiederholt: 
»Wenn die Personen das nicht erfüllen, was Gott mit der Einsetzung der Obrigkeit im Sinne gehabt, sondern dagegen handeln«, dann sei nicht nur passiver Widerstand, sondern aktiver Aufstand mit der Bestrafung der sich verfehlenden Obrigkeit geboten.

Die Kirche hat eine politische Aufgabe. Diese besteht in der Verkündigung der Gerechtigkeit Gottes, wie sie durch das geoffenbarte Gesetz Gottes in der Schrift ausgesprochen ist. Sie wird zu allen großen und kleinen, inneren und äußeren Geschehnissen der Gesellschaft die Gerechtigkeit Gottes verkündigen, sie wird aber niemals in politischer Macht selbst handeln. Ihre schwere Verantwortung ist die Verkündigung, nicht aber die konkrete politische Entscheidung und Handlung, denn die ist nun eben nach dem Willen Gottes nicht dem geistlichen, sondern dem weltlichen Regiment zugewiesen. Wer es z.B. als Pastor sich nicht verwehren kann, politisch unmittelbar und aktiv zu entscheiden und zu handeln, der soll sein Amt der Verkündigung konsequenterweise gegen das Amt des handelnden Politikers eintauschen. 

Heute ist wichtig die Verkündigung der Gerechtigkeit Gottes. Das sogenannte christliche Abendland ist das Ereignis dieses Rechtsstaates deswegen gewesen, weil immer wieder eine um ihre Freiheit kämpfende und siegende Kirche die Gerechtigkeit Gottes predigen konnte und predigen durfte. Endzeitlich laufen Zerfall der Kirche und Auflösung des Rechtsstaates nebeneinander. In dieser letzten Phase ist nicht der Kampf, sondern nur noch die Geduld der Heiligen gefordert (Offb. 13,10), denn dann kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.

Soweit Dr. Dr. G. Huntemann. Die Betonungen im Text sind von mir. Horst Koch, im März 2021

info@horst-koch.de

 

 

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