Die Geistesgaben (K.Koch)

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Kurt E. Koch

DIE GEISTESGABEN

INHALT

UNAUFHALTSAM DEM ENDE ZU


DIE SCHEIDUNG DER GEISTER
DIE BEWERTUNG DER GEISTESGABEN
DIE FRÜCHTE DES HEILIGEN GEISTES
DER STELLVERTRETER JESU

DIE MEDIALEN GABEN

DIE VIELSEITIGKEIT DER DIENSTAUSRÜSTUNGEN

1. Mit Jesus die Fülle der Gaben

2. Die Weisheit
4. Der Glaube
5. Die Gaben der Heilungen
6. Wunder
7. Weissagungen
8. Die Geisterunterscheidung
9. Das Zungenreden
10. Auslegung der Zungen
11. Die Apostel
12. Die Lehrer
15. Die Liebe

17. Ermahnung





UNAUFHALTSAM DEM ENDE ZU

Aus der Filmwelt
Bei meiner 32. Vortragstour in den Vereinigten Staaten im Frühjahr 1974 wurde in den Großstädten der Film »The Exorcist« (Dämonenaustreiber) gespielt. überall baten mich die Pastoren nicht nur um meine Meinung, sondern organisierten in ihren Kirchen Versammlungen, in denen ich über das Problem der Dämonenaustreibung zu sprechen hatte.  . . .

Es sei vorweggenommen, daß ich diesen Film nicht ansah. Christen sollen sich nicht in diese dämonische Atmosphäre begeben.
Ich habe meine Kenntnis des Films von einem Psychiater, der dreimal diesen Film besuchte, der ihm so viele neue Patienten zugeführt hatte.
Warum wird bei diesem Film von einer dämonischen Atmosphäre gesprochen?
»The Exorcist« ist die Verfilmung eines gleichnamigen Buches von Blatty. Dieser Autor ist Katholik und wuchs in einer von Jesuiten geleiteten Schule auf. Blatty ist zugleich Spiritist. Zwei der Hauptdarsteller sind wirkliche Jesuiten, ehemalige Schulkameraden von Blatty.

Inhalt des Buches wie des Filmes ist eine mysteriöse Erkrankung der zwölfjährigen R. Mac Nell. In Gegenwart des Mädchens bewegen sich schwere Möbel ohne sichtbare Ursache. Ein Priester, der in dieses Spukhaus gerufen wird, kann die Zwölfjährige nicht bändigen. Er wird von ihr durchs Fenster geworfen. Auch der Psychiater weiß sich keinen Rat. Alle Besucher werden von dem besessenen Mädchen nicht nur beschimpft, sondern mit einem grünen übelriechenden Schleim bespuckt. Sie fordert auch Anwesende, sogar ihre eigenen Eltern auf, sich mit ihr intim einzulassen.

Man schöpfte alle Möglichkeiten aus, dem medial veranlagten oder besessenen Mädchen zu helfen. Darum wurde ein Priester gesucht, der im Exorzismus Erfahrung hatte.
Der Pater nahm sich der zwölfjährigen Regan an. Er gebot Satan, sich ihm zu stellen. Das Duell ist für den Pater so anstrengend, daß er einen Herzkollaps erfährt. Ein jüngerer Priester übernimmt seine Aufgabe. Er fordert Satan auf, das Mädchen zu verlassen und dafür seine Seele zu nehmen. Satan geht anscheinend auf dieses Tauschgeschäft ein. Der Erfolg ist, daß der Priester aus dem Fenster springt und im Selbstmord endet.
Das geplagte Mädchen ist damit geheilt. Dieser Schluß des furchtbaren geistlichen Manövers ist unbiblisch wie die ganze Geschichte selbst. Kein Christ kann seine Seele als Opfer für ein anderes Leben geben. Dieses Opfer ist nur möglich durch die Tat Jesu am Kreuz.

Abgesehen von den unbiblischen Vorgängen ist dieser Film vollgepackt mit Gotteslästerungen und Obszönitäten, so daß das bloße Zusehen schon Schuld vor Gott bedeutet.
»Amerika wird vom Satan persönlich geschockt«, schrieb eine Illustrierte. Diese Aussage trifft ins Schwarze. In USA löst ein Horrorfilm den anderen ab.
Denken wir nur an das schauerliche Machwerk Polanskis »Rosemaries Baby«. Ein Mädchen soll vom Satan ein Kind erwartet haben. Es ist also das uralte Problem der incubi und succubae, das ich in meinem Buch »Seelsorge und Okkultismus« von der Seelsorge her dargestellt habe.

Regisseur Polanski hatte die Folgen zu tragen. Seine schwangere Frau Sharon Tate wurde zusammen mit anderen Freunden von dem Satanisten Charles Manson niedergemetzelt. Wer solche Filme dreht, wird von den Dämonen verfolgt oder »abgeschossen«.

Auch die scheußliche Rockoper »Jesus Christ Superstar« liegt auf dieser Ebene. Judas wird verherrlicht und Jesus als Schwächling dargestellt. Auch wird dem Sohn Gottes ein intimes Verhältnis zu Maria Magdalena angedichtet.
Solche Filme und Opern sind die schwarzen Untergangsboten der westlichen Kultur. Die Dämonisierung nimmt auf allen Gebieten zu.

Aus der »Salzgitter Zeitung« vom 23. 11. 74 entnehme ich »Briefe an den Herausgeber«. Diese Briefe sind geschrieben von Pastor Horst Joost und Dr.Ing. Werner Gitt. Darin steht u. a. folgendes: »Eine neue Welle ‑ die Exorzistenwelle mit okkulten Praktiken und Satanskult ‑ rollt. Leider hat nun der Film »Der Exorzist» auch unser Gebiet passiert und wirft tiefe Schlagseiten auf die Menschen, die sich den Film angesehen haben. Manche gingen vielleicht arglos dorthin und kamen zurück ‑ verzweifelt, von Schrecken erfaßt, von Ängsten geplagt, so daß in anderen Städten manche in psychiatrische Kliniken eingeliefert werden mußten . . .«


Von der politischen Bühne

Politisch bin ich nicht interessiert. Ich betrachte das Weltgeschehen nur vom prophetischen Wort der Bibel her.
Es scheint, als ob der Zweite Weltkrieg den Startschuß zur Endzeit im engeren Sinn gegeben hätte.
Das Hauptmerkmal ist das Geschehen um Israel.
Israels Erfüllungszeit ist angebrochen, auch wenn es das selbst nicht merkt. Die Araber und die Palästinenser mögen planen, rüsten und toben. Es wird alles so kommen, wie es im prohetischen Wort vorgezeichnet ist. Ohne es zu wissen, sind die Gegner Israels die Vollzugsorgane der Prophetie. An Israel scheidet sich die Weltpolitik.

Eine militante, weltanschauliche und politische Strömung der Gegenwart ist der Weltkommunismus. Die ideologische Verseuchung und Unterwanderung ist dabei ein wirksamer Weg zur Weltherrschaft. Von Jahr zu Jahr wird der Nährboden für die verlogenen Ideen des Weltkommunismus günstiger. Die Hungerkatastrophen bereiten den Boden für die verheißungsvollen Versprechungen, die willig geglaubt, aber nie erfüllt werden.

Wo der Kommunismus die Herrschaft antritt, werden die Armen noch ärmer, und die Reichen haben ihren Überfluß an die roten Diktatoren abzugeben.
Alle diese Erlebnisse, die sich in den verschiedensten Variationen in der westlichen Welt wiederholen, sind Symptome. Satan ist zum Endkampf gegen den wiederkommenden Herrn angetreten.

Mein Freund Pfr. Richard Wurmbrand ist zur Zeit dabei Karl Marx und sein Werk zu studieren. Er überraschte mich mit einem interessanten Brief. Der Weg von Karl Marx ging über Trier, Berlin, Bonn, Paris, London. Die englische Metropole war der Ort, wo Marx’ persönliche Lebensführung das entscheidende Gepräge bekam. Marx schloß sich in England einem Satanskult an und verschrieb sich mit seinem Blut dem Teufel. Nach dieser Aktion erklärte er:
»Meine Aufgabe ist es, die Menschheit in die Hölle zu reißen. Dort werde ich dann über sie lachen.« Das Ergebnis seiner Recherche hat R. Wurmbrand in seinem Buch Karl Marx und Satan veröffentlicht . . .

Tatsache ist, daß heute ein Drittel der Menschheit marxistisch regiert wird. Ein zweites Drittel steht unter dem Einfluß des gottlosen marxistischen Gedankengutes.
Das ist für mich die Erfüllung des prophetischen Wortes der Bibel. In Offenbarung 6 wird vom roten Reiter berichtet, der unsere Erde nicht nur ideologisch, sondern auch mit dem Blut der Ermordeten rot färben wird. Ich könnte mit Zahlen und Schätzungen aufwarten, was in Rotchina und in Rußland sowie den Vasallenstaaten alles geschehen ist. Die französische Zeitschrift „Figaro“ nannte die Zahl von über 140 Millionen Menschenopfer seit 1917 bis 1978.
Die Aktualität der Bibel, das geistliche Gewicht des prophetischen Wortes nimmt von Jahr zu Jahr zu.
»Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen«, sagt Paulus.

DIE SCHEIDUNG DER GEISTER

Die Offenbarung des Apostels Johannes ist das Buch der Bibel, das am meisten von den endzeitlichen Ereignissen spricht. Ein Merkmal der geistigen und geistlichen Entwicklung vor der Wiederkunft Jesu ist die Ausreifung des Guten und des Bösen. Wir finden darüber in Offenbarung 22, 11 die Aussage: »Wer unrein ist, der sei ferner unrein. Wer heilig ist, der sei fernerhin heilig.«
Wir leben im Jahrhundert der Erweckungen und der Pseudoerweckungen. Diese geistlichen und ungeistlichen Aufbrüche haben mit der erwähnten Ausreifung zu tun.

Die Erweckungen
Der Herr eilt mit seiner Gemeinde. Das ist der Eindruck, den man im 20. Jahrhundert gewinnt.
Auf allen Kontinenten sind vom erhöhten Herrn Leuchtfeuer gesetzt worden, die der Zubereitung der Kinder Gottes dienen sollen. Einige seien genannt.
1905 bis 1908 wurde die großartige Erweckung von Wales geschenkt. In Korea setzte zur gleichen Zeit die koreanische Erweckung ein, die bis heute starke Auswirkungen hat.
1931 wurde in Ruanda (Afrika) ein geistlicher Aufbruch geschenkt, der von vielen freiwilligen Helfern und Evangelisten in die umliegenden Länder getragen wurde. Es war ein Geistesfrühling, wie ihn der dunkle Erdteil bisher noch nicht erlebt hatte.

Hören wir einen ganz kurzen Bericht über diese Erweckung.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Bethelmission, besonders unter ihrem befähigten Missionar D. Ernst Johannsen, in Ruanda Fuß gefaßt. Es bestanden schon elf Stationen, als die deutschen Missionare, durch die Kriegsereignisse bedingt, ausgewiesen wurden. Damit hörte aber die Missionsarbeit nicht auf.
Wenn der Teufel Türen schließt, vermag der Herr große Tore zu öffnen.

Nach dem Krieg ‑ es war 1920 ‑ reisten zwei junge englische Ärzte aus, um in Ruanda eine ärztliche Missionstätigkeit zu beginnen. Beide Männer kamen geistlich aus der Waliser Erweckung und besaßen ein brennendes Herz für die Sache der Mission. Da die belgische Regierung den Ärzten zunächst die Einreise nach Ruanda verweigerte, siedelten sie sich im Kigezi‑Distrikt von Uganda, also vor den Toren Ruandas, an. Sie hatten nur zwei Jahre zu warten, da öffneten ihnen politische Ereignisse den Weg nach Ruanda.
Als Kinder der großen Waliser Erweckung beteten die Missionare von Anfang an um eine Erweckung im Herzen Afrikas. Besondere Gebetsversammlungen wurden veranstaltet, ohne daß sich in den ersten Jahren sichtbare Frucht zeigte. Gegenaktionen von seiten der Zauberer liefen an und hemmten das Werk der Mission.

1931, also nach elf Jahren, kündigten sich die ersten Zeichen der Erweckung an. Sie begann nicht damit, daß die Afrikaner, die in Trunksucht und Unzucht lebten, sich Christus zuwandten. Nein, das Gericht begann zuerst am Hause Gottes. Die Missionsleute wurden von einem Geist der Buße und Reue erfaßt. Sie baten einander und Gott um Vergebung.  . . .

Die Sündenerkenntnis der Weißen und ihre Bußgesinnung wirkte ansteckend auf die Afrikaner. Das beste Beispiel dieser Art ist die Überwindung aller Streitereien im Krankenhaus zu Gahini. Die Pfleger und alles Hilfspersonal waren unzufrieden und lebten in ständigen Reibereien. Anstifter war der Hauptpfleger Yosiya. Da er sich weder von den Missionaren noch von den leitenden Ärzten etwas sagen ließ, brachte man ihn mit einem bekannten Gottesmann zusammen, dem es geschenkt wurde, diesen Unruhestifter zu Jesus zu führen.
Yosiya kam als demütiger Christ zurück, der nun seinerseits von seinen Mitarbeitern viel Spott zu ertragen hatte. Der Angefochtene ließ sich nicht beirren. Sein Wandel war eine lebende Bibel. Sein Zeugnis steckte an. Die ganze afrikanische Belegschaft des Spitals wurde von einem Geist der Buße und einem Hunger nach dem Wort Gottes erfaßt. Sie fanden sich zu Gebetsstunden und zum Bibelstudium zusammen.
Mit diesem wunderbaren Ereignis wurde das Spital in Gahini zu einem Strahlungspunkt. Es entstand eine Laienbewegung, die das Feuer der Erweckung über die Landesgrenzen hinweg weitertrug. Uganda und später Urundi wurden erfaßt.  . . .

Fast zur gleichen Zeit mit der Ruanda‑Uganda-Erweckung schenkte der Herr in Äthiopien unter den Wallamo einen großartigen geistlichen Aufbruch. Von 1936 bis 1941, also mitten im italienisch‑abessinischen Krieg wuchs die Zahl der Christen von 48 auf mehr als 10 000. Und das geschah in der Zeit, da die Missionare außer Landes verjagt worden waren. Ich habe in meinem Buch »Blickfeld Äthiopien» darüber berichtet.

Der zeitlichen Folge nach müssen wir jetzt nach Europa blicken. Die Erweckung auf den Hebriden, nordwestlich von Schottland, sind auf den gaelischen Sprachraum beschränkt.  . . .
Die Erweckung erlebte auf den Hebriden zwei geistliche Wellen, die erste 1949, die zweite 1953.

Parallel zur Hebriden‑Erweckung ereignete sich auf Formosa ein anderes geistliches Geschehen. Eine Frau aus dem Urstamm der Tayal, die ich besuchen konnte, fand Christus. Noch im Alter von 58 Jahren besuchte sie eine Bibelschule. Nach Beendigung ihrer Ausbildung begab sie sich zu ihrem Stamm zurück und ging als Evangelistin von Haus zu Haus. In der Nachkriegszeit entstand aus dieser treuen Arbeit eine starke kirchliche Bewegung, die bis heute anhält. Ein Höhepunkt war, daß in diesem kriegerischen Stamm, der jahrhundertelang dem christlichen Glauben getrotzt hatte, in einem Jahr 5000 Neubekehrte getauft werden konnten.

Ein Ausrufezeichen Gottes sind dann die 25 Jahre von 1950 bis 1975. Man könnte geradezu von geistlichen Vulkanausbrüchen sprechen. Überall in der Welt entstanden geistliche Feuerherde. . . .

In Südindien wurden Vater Daniel, dem geistlichen Erben von Sadhu Sundar Singh, Erweckungen unter Kriminellen und Akademikern, unter den Reichen und unter den Ärmsten geschenkt.

Dem Asbury‑College in Wilmore, Kentucky, wurden dreimal Erweckungen geschenkt. Es ist, als ob der Geist des Gründers über der Entwicklung dieser Schule schweben würde. Nein, es ist kein menschlicher Geist, sondern der Heilige Geist, der in einem Vierteljahrhundert dreimal in starken Bewegungen die Studenten dort erfaßt hat. Ein Stück weit durfte ich es bei meinen zwei Besuchen dort miterleben.

Die Teams von Asbury hatten dann die gleiche Streuwirkung wie die afrikanischen Mannschaften. Sie trugen die Fackel des Evangeliums weiter. Aus dieser Mannschaftsarbeit sei eine besondere Frucht erwähnt. Die St.‑Andrews‑Universität im Staate Michigan wurde mit seinen 2000 Studenten ebenfalls von dem Feuer der Erweckung erfaßt.
Ein bekannter Londoner Theologe sagte mir einmal: »Ob eine Erweckung echt ist oder nicht, zeigt sich daran, daß neue Gemeinden entstehen, und, daß geistlich tote Gemeinden durch Buße und neue Hingabe an Jesus lebendig werden.«

Es muß nun eine andere Erweckung der letzten Jahre erwähnt werden, über die wir nur sporadisch informiert werden. In den von Kommunisten terrorisierten Ländern wie Rotchina, Nordkorea, Rußland und seinen Satellitenstaaten ist seit Jahren ein gewaltiger Hunger nach dem Wort Gottes und der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen entstanden.  . . .

Zu den gewaltigsten Erweckungen gehört die Erweckung auf Timor (Indonesien) mit ihren Ausstrahlungen auf andere indonesische Inseln. In den Jahren 1965 bis 1969 hatte diese Erweckung einen fast apostolischen Charakter. . . .

Chronologisch ist dann die Erweckung auf den Salomon‑Inseln zu nennen. Das Werkzeug, das Gott gebrauchte, ist Muri Thompson von Neuseeland. Nachdem wir schon einige Jahre korrespondiert hatten, trafen wir uns zum erstenmal persönlich bei der Berliner Weltkonferenz für Evangelisation 1966. Das nächste Zusammensein war dann anläßlich meiner Vortragstour auf Neuseeland.
Ihn hat der Herr ausersehen, auf den Salomon‑Inseln ein Feuer zu entfachen.  . . .
Die Pastoren, die Missionare, die Kirchenältesten wurden von einer Welle der Reinigung und Buße erfaßt. Gestohlenes Gut wurde zurückgegeben. Verbrecher stellten sich der Polizei. Alte Feindschaften wurden ausgeräumt und beendet. Die Erweckung war von Krafttaten des Herrn begleitet. . . .
Die Salomon‑Inseln sind das Missionsfeld der Australischen Südseemission, deren Missonsfelder ich teilweise 1963 besucht habe.

Zeitlich folgt dann die kanadische Erweckung. Sie setzte im Oktober 1971 in Saskatoon (Sask) ein. Die Ursprungskirche ist die Ebenezer‑Baptistenkirche meines Freundes Bill McLeod. Der zündende Funke sprang auf viele Kirchen in vielen Städten Kanadas über. Bill hat sich vom Kirchendienst freistellen lassen. Er bereist heute als Evangelist ganz Kanada und die USA.

Zu den jüngsten Erweckungen gehört der geistliche Aufbruch in Thailand. Es liegt mehr als zehn Jahre zurück, da bereiste ich zusammen mit dem Marburger Missionar Pretel Thailand. Ich lernte die Stationen und Missionare der Marburger Mission kennen: Bruder Riemer, Klippel, Schuster, Gagsteiger, aber auch einige Pastoren der Thalkirche durch die Einladung von Bischof Charoon Waichudist.  . . .  Auch Petrus Oktavianus ist treu für Thailand vor dem Thron Gottes gestanden. Um so größer ist jetzt meine Freude, daß in Nordthailand auf den Stationen der Marburger Mission eine Erweckung geschenkt wurde.  . . .

Damit haben wir einen kleinen Rundgang durch die Erweckungsgebiete unseres Jahrhunderts gemacht. Viele kleinere Erweckungen konnten aus Raummangel nicht erwähnt werden. Andere Strömungen, die oft fälschlicherweise Erweckung genannt werden, wurden bewußt nicht genannt.

Was bedeutet die Häufung dieser Erweckungen in unserem Jahrhundert?
. . .  Mit diesen Erweckungen hat der Herr Signale gesetzt ‑ die Signale seiner Wiederkunft, Lichtzeichen zur Orientierung seiner Gemeinde.

Es geht hier nicht darum, alle Merkmale der Erweckungen herauszuarbeiten. In meinen Erweckungsbüchern ist genug davon die Rede. Ein Punkt muß aber festgehalten werden. Die Erweckungen brachten Sündenerkenntnis, Reinigung und Heilsannahme im Glauben. Die bekehrten und wiedergeborenen Christen rangen und beteten um einen Wandel im Licht und um die Zubereitung für den Tag des Herrn.  . . .

Heiliger Geist und fremde Geister

Der verstorbene Gottesmann Walter Michaelis prägte einmal den Ausdruck »Mischgeister«. Man kann diesen Ausdruck falsch und richtig verstehen. Falsch wäre, wenn wir meinten, der Heilige Geist könnte zusammen mit dämonischen Geistern in einem Menschen wohnen. Das ist nicht möglich. Michaelis hat es so auch nicht gemeint.
Nein, dieser Ausdruck bedeutet, daß fremde Geister, manchmal Abgrundgeister, sich als den Heiligen Geist ausgeben. Wir stehen hier wieder einmal vor dem Wort 2. Kor. 11, 14: »Selbst Satan verstellt sich zum Engel des Lichtes.«

Es gibt klassische Beispiele für die Tatsache, daß unheilige Geister in biblischer Tarnung auftreten und die Menschen verführen. Ich will einige nennen.
Im deutschsprachigen Raum haben die Bücher von Jakob Lorber (1880‑1864) viel Verwirrung angerichtet. Der Steiermärker Lorber war nicht nur Mystiker, sondern auch spiritualistisdies Medium.

Im englischen Sprachraum wäre als der bekannteste Mischgeist Harry Edwards zu nennen. Er ist ebenfalls ein spiritualistisches Medium. Er schrieb das Buch »Spiritual Healing« ‑ Geistliche Heilung. Edwards spricht von seinen jenseitigen Führern, seinen Engeln, ohne die er nichts tun könne. Das Verführerische an ihm ist, daß er seine dämonisdie Wirksamkeit fromm verpackt, so daß selbst viele Christen bei ihm Rat und Hilfe suchen.

Im amerikanischen Raum kann Edward Cayce genannt werden. Er entspricht in seinen Theorien Jakob Lorber. Er vertritt, genau wie Lorber, z. B. die Reinkarnation und behauptet genau wie er, seine Kräfte und geistige Durchschau sei göttlichen Ursprungs.

Im französischen Sprachgebiet ist ein katholisches Buch zu nennen, das gegenwärtig große Beachtung und Verbreitung unter frommen Katholiken findet. Ich muß kurz darauf eingehen. Es tut mir dabei leid, daß ich meine katholischen Freunde enttäuschen muß. Das Buch trägt den Titel: »Botschaft der barmherzigen Liebe an die kleinen Seelen«. Als Autorin ist einfach der Vorname Marguerite genannt.
Das Buch mit seinen 500 Seiten enthält neben einigen guten Ansätzen eine Fülle von Phantastereien, wenn nicht gar frommen Spiritismus. Der Inhalt sind mehr als 1000 Dialoge zwischen Jesus oder seiner Mutter Maria mit Marguerite. Die frommen Katholiken glauben tatsächlich, daß hier Jesus direkt mit Marguerite spricht. . . .

Bei diesen vier aus dem christlichen Bereich kommenden Gestalten handelt es sich zwar um Mischgeister. Das bedeutet aber nur, daß Dämonisches oder wie bei dem französischen Buch auch religiös Unbewußtes in frommer Verpackung den Leichtgläubigen serviert werden. Mit dem Heiligen Geist hat das nichts zu tun. Der Heilige Geist mischt nicht. Nur der Diabolos wirft alles durcheinander.  . . . .

Das Mosaik der Zungenbewegung
Alle biblischen, geistlichen Bewegungen sind von Störaktionen begleitet. Die Angriffe kommen oft von den offiziellen Kirchen mit ihrer orthodoxen Kälte. Dann wieder kommt die Opposition von schwarmgeistigen Irrlehrern mit ihrer aufgepeitschten Psyche. Ob man durch dieses Chaos sich widersprechender Meinungen einen gesunden biblischen Weg finden kann?

Bevor ich dieses Kapitel begann, erhielt ich die Zuschrift eines alten Freundes ‑ Pfarrer Fritz Eichin ‑, der mir schrieb: »Hoffentlich hast Du Dein Manuskript einigen Brüdern zu lesen gegeben. Es herrscht ja soviel Verwirrung.«
In der Tat gehe ich unter viel Gebet und großem Herzweh an diese Niederschrift. Ich weiß von vornherein, daß ich den einen zu weich und zu kompromissbereit bin, den andern aber zu hart, zu unbarmherzig.

Das 20. Jahrhundert ist voller Aufruhr. Nicht nur Weltkriege und politischer Radikalismus prägten und prägen es, sondern neben den großen Erweckungen auch irrgeistige Strömungen. Dazu gehört z. B. die moderne Theologie. Rudolf Bultmann hat dafür mehrere Orden und Auszeichnungen erhalten. Dabei hat er nach der Meinung der Gläubigen das Werk der Hölle betrieben. Die Bibel gibt dazu die Begleitmusik in 1. Tim. 4, 1: »In den letzten Zeiten werden etliche vom Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel.«  . . .

Das geistige und religiöse Chaos ist aber auch durch die Heißsporne entstanden, die eine biblische Wahrheit überbetonen. Es ist nicht alles Heiliger Geist, was unter dieser Etikette angeboten wird. Es ist nicht alles Erweckung, was unter diesem Namen läuft.  . . .

In all den Jahren der Nachfolge Jesu ging es mir um eine gesunde biblische Linie, ohne etwas vom Wort Gottes preiszugeben. Nichts dazusetzen und nichts davon abstreichen, sagt Offenb. 22, 18‑19.

Bevor wir zu dem Thema Zungenbewegung eine Rundreise antreten, einige historische Notizen.

Die erste Welle der Zungenbewegung kam 1900 aus einer kleinen Bibelschule Topeka in Kansas, an der Reverend Parham und zwölf Studenten zu der Überzeugung kamen, daß auch im 20. Jahrhundert die Gläubigen das Zungenreden als Erweis ihrer Geistestaufe haben müßten. Dieser Funke sprang über nach Los Angeles und entfachte von dort aus ein Feuer über alle Kontinente. Der Skandinavier Barrat brachte die neuen Impulse nach Norwegen. Der Prediger E. Meyer infizierte Hamburg, Kassel und Großalmerode in Deutschland.
Die daraus entstehenden Tumulte und ungeistlichen Auswüchse veranlaßten die Väter des Gnadauer Verbandes zu der sogenannten Berliner Erklärung am 15. 9. 1909.

Die zweite Welle der Zungenbewegung ging 1959 wieder von Los Angeles aus. Diese Neuauflage hat eine etwas andere Charakteristik. Es entstanden nicht mehr die Tumulte wie in der ersten Bewegung. Ferner besitzt diese zweite Welle eine stärkere Breitenwirkung. Nicht nur die Pfingstgemeinden wurden erfaßt, sondern fast alle kirchlichen Gruppen in den USA. Heute ist die Zungenbewegung auf allen Kontinenten zu finden.

Die dritte Welle kam 1967 abermals von Los Angeles in Gestalt der schon besprochenen Jesus‑People‑Bewegung.

Eine vierte Variation ist die Ausweitung des Begriffes Zungenbewegung in den neuen Begriff charismatische Strömung. Diese jetzt gebrauchte Bezeichnung ist umfassender, weil es in der charismatischen Bewegung nicht nur um das Zungenreden, sondern auch um die Glaubensheilung, Visionen, Prophetie und alle anderen Charismata = Geistesgaben, geht.

Wenn noch einmal die Irrlehre der Entmythologisierungstheologie und die Theologie der Pfingstgemeinden gegenübergestellt werden, dann muß gesagt werden, daß man in den Pfingstgemeinden und ihren verwandten Gruppen viele Kinder Gottes findet, während das im modernisierten Lager unmöglich ist.

Mit diesen vorweggenommenen Abgrenzungen treten wir eine Rundreise über die Kontinente an. Ich bringe nur Originalberichte, keine Zweit-Hand‑Stories.

S a i g o n (Vietnam). Ein amerikanischer Offizier wurde in den Vletnamkämpfen schwer verwundet. Er fühlte sein Ende nahen. Er betete noch inständig für seine Lieben daheim. Als schon die Agonie einzusetzen begann, fing er plötzlich an, in einer ihm fremden Sprache zu beten. Er empfand dabei einen solchen Frieden und Stärkung für seine Seele, daß auch dem Körper neue Kraft zufloß. Dieses Beten in fremder Zunge war die Wende zur Besserung. Er genas und konnte nach den USA zurückkehren.
Zur Vervollständigung sei erwähnt, daß dieser Offizier keiner Gemeinde angehört, in der das Zungenreden geübt wird. Er hat auch nie vorher oder nachher ein solches Erlebnis gehabt.
Der Psychologe wird dieses Erlebnis als einen unterbewußten Vorgang deuten wollen. In Grenzfällen wie Delirium, Narkose, Agonie usw. kann es zu selbständigen Äußerungen des Unterbewußtseins kommen. Selbst wenn die Psychologie hier mit einer immanenten Erklärung aufwarten will, so bleibt der Segen des Erlebnisses dennoch bestehen. Gott kann Natürliches und Übernatürliches zum Heil des Menschen einsetzen.
Ich selbst bewerte dieses Saigon‑Erlebnis als positiv und echt.

S o e (Timor, Indonesien). Es liegt einige Jahre zurück. Ich hielt mich einige Wochen im Zentrum der Erweckung in Soe auf. Mein Zimmer teilte ich mit einem Bruder, der von einer anderen Insel gekommen war. Er ist heute der bekannteste indonesische Evangelist. Er wurde vor einem Jahr in den ostasiatischen Teil des Weltkirchenrates gewählt und war auch Delegierter der Lausanner Weltkonferenz. Er bat mich, seinen Namen nicht zu nennen.
Während unseres Zusammenseins erzählte mir der Bruder, daß er einmal nachts auf den Knien lag, als er plötzlich in einer anderen Sprache betete, die er nicht verstand. Einige Monate später kam er als Evangelist nach Thailand und war erstaunt, daß er dort die Sprache zu hören bekam, in der er zuvor gebetet hatte.
Das Beten in einer fremden Sprache war ein einmaliges Erlebnis in seinem Leben. Er gehört nicht zur Pfingstgemeinde, hat aber in der javanischen Pfingstgemeinde viele Freunde.
Ich bezweifle nicht die Echtheit dieses Erlebnisses, da ich diesen Bruder sehr gut kenne. Ich war in Java, auf Timor, in der Schweiz und in Deutschland mit ihm zusammen. Er ist in seiner Glaubenshaltung nicht unnüchtern.

S c h w e i z (Berngebiet). Bei unserer Rundreise folge ich nicht geographischen Gesichtspunkten. Es ist mir ein großes Anliegen, positive Ereignisse zuerst zu bringen.
In den letzten Jahren startete ich in Indonesien Bibelaktionen. Ich lieferte aus meiner Bibelmission Tausende von Testamenten und Bibeln auf viele indonesische Inseln. Durch die Erweckung ist ein Hunger nach dem Wort Gottes ins Land gezogen. Amos hat von diesem Hunger prophezeit. Er verkündete den Ratschluß Gottes (8, 11):
»Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, Herr, daß ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn zu hören.«
Als ein gläubiger Bruder aus dem Kanton Bern (nicht aus dem Stadtgebiet) das Indonesienbuch gelesen hatte, fühlte er sich gedrungen, 6000 Franken für die Indonesienarbeit zu geben.
Ich kannte die geistliche Ausrichtung des Bruders nicht, war aber angenehm überrascht, als ich hörte, daß er in Thun entweder zu einer Pfingstgemeinde oder zu der verwandten Gruppe der Urchristen gehört.
Eine solche Opferfreudigkeit ist unter den »theologisch Geächteten« keine Seltenheit. Da der Bruder nicht genannt sein will, komme ich dieser Bitte nach.
Es ist schon jahrelang meine Erfahrung, daß Kinder Gottes aus den Pfingstgemeinden oder verwandten Gruppen in ihrer Glaubenshaltung und Gebefreudigkeit ihre Kritiker weit in den Schatten stellen.

L u g a n o (Schweiz). Auf einer ähnlichen Linie liegt die Aktivität einer Pfingstgemeinde in Lugano. Sie fasten an jedem ersten Freitag des Monats für die Märtyrerchristen in den kommunistischen Ländern. Was sie durch das Fasten an Nahrung einsparen, geben die Glieder dieser Pfingstgemeinde zur Unterstützung der von den Kommunisten verfolgten Christen.
Es wäre erfreulich, wenn viele Gemeinden diesem Beispiel folgen würden.
Es darf natürlich nicht verschwiegen werden, daß es sich bei dieser Gemeinde um Menschen handelt, die teilweise das Zungenreden pflegen.

D o r t m u n d. Bleiben wir vorerst noch im deutschsprachigen Raum. Von Zeit zu Zeit bekam ich von einem Gebetskreis aus Dortmund für die Bibelmission eine ansehnliche Spende überwiesen. Ich kannte die Spender nicht.
Bei meiner Vortragswoche 1975 in Herborn kam dann fünfmal ein Pkw mit fünf Leuten aus Dortmund besetzt. Es stellte sich heraus, daß es sich um meine unbekannten Freunde handelte. Ich staunte über ihre Treue. Fünfmal in einer Woche jeden Abend zweimal 100 km, alles zusammen 1000 km, zu fahren, um evangelistischen Vorträgen beizuwohnen. Das war ein Opfer.
Wie staunte ich dann bei dem letzten Besuch, als ich erfuhr, daß sie Glieder einer Ekklesia‑Gemeinde sind. Die Ekklesia‑Gemeinden gehen auf die Tätigkeit von Hermann Zeiß zurück, den ich persönlich sehr gut kannte und in seiner Theologie und Verkündigung aber ablehnte. Er hatte ein Gebahren wie die extremen Pfingstredner an den Tag gelegt.
Diese Dortmunder wissen um meine Einstellung und unterstützen dennoch meine Missionsarbeit. Wenn ich besondere Fürbitte brauche, schreibe ich gewöhnlich verschiedene Gebetskreise an, z. B. den Kreis J. Kuhn in Zürich, oder eben den Dortmunder Kreis H. Röll. Als ich im Frühjahr 1974 in einer schweren Bedrängnis stand, schrieb mir der Dortmunder Kreis zurück: »Wir haben einen Tag im Fasten und Beten für Sie zugebracht.« Ich danke hier diesen Freunden.
Dieses Risiko nehme ich nicht auf mich, daß ich treue Kinder Gottes mit theologischer Kritik zerhacke, nur weil sie meiner Auffassung nach vielleicht auf einer schwärmerischen Linie liegen.
In manchen Ekklesia‑Gemeinden ‑ nicht bei allen – wird ja auch das Zungenreden geschätzt und geübt.

L a n c a s t e r (Pennsylvania, USA). Bei einigen Vorträgen an der Bibelschule von Lancaster wurde ich in der Diskussion von den Schülern nach dem Zungenreden gefragt. Ich erklärte meine Stellung und erwähnte, daß es für mich ein göttliches, menschliches und dämonisches Zungenreden gäbe. Das bedeutet Charisma ‑ Training des Unbewußten ‑ mediale oder gar dämonische Wurzeln.
Nach Beendigung der Diskussion erklärte der Leiter der Bibelschule, er könne mir nicht in allen Punkten beipflichten, da er der Meinung sei, daß die Geistesgaben mit der Bildung des Kanons aufgehört hätten.
Was hier von dem Bibelschulleiter vorgetragen wurde, entspricht der sogenannten Dispensationstheologie. Es gibt kein gutes deutsches Wort für diesen Ausdruck. Die Vertreter dieser theologischen Richtung, die übrigens in den USA und Kanada weit verbreitet ist, glauben, daß mit der Fixierung der ursprünglichen christlichen Bücher zu der Sammlung des Neuen Testamentes auf den Synoden von Jamnia und Joppe (201 n. Chr.) die Geistesgaben aufgehört hätten.
Ein Wahrheitskern steckt in dieser Theologie. Es gibt verschiedene Offenbarungsepochen in der Bibel. Die Zeit Noahs, Abrahams, Moses, der Könige, der Propheten bis zu Johannes dem Täufer, haben alle eine spezielle Charakteristik in der Offenbarung Gottes. So unterscheidet sich auch die apostolische Zeit mit ihrer charismatischen Tätigkeit deutlich von der Epoche danach. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur kann ich mit Tausenden von Gläubigen es nicht akzeptieren, wenn man meint, der Heilige Geist hätte sein Büro in den ersten zwei Jahrhunderten geschlossen. Das gehört mit zum Wesen des Heiligen Geistes, daß er Stellvertreter Christi in seiner Gemeinde ist. Der Paraklet, der uns das Wort lebendig macht, der uns Christus gegenwärtig macht, der Gaben austeilt und die Boten Jesu bevollmächtigt, hat seine Funktion von der Ausgießung am ersten Pfingstfest an bis zur Wiederkunft Jesu.
Auch darin können die Geschwister der Pfingstgemeinden sehen, daß ich nicht so abseits stehe, wie sie vielleicht denken. Es ist mir ja auf meinen Reisen von Pfingstpredigern mehr als einmal gesagt worden, ich hätte nie etwas mit dem Heiligen Geist erlebt.
Zur Einführung in die Dispensationstheologie verweise ich auf das Buch des bekannten amerikanischen Theologen E. W. Bullinger: »The Foundations of Dispensational Truth« ‑ Die Grundlagen der Dispensationstheologie.

M o n t r e a l (Kanada). Wir treten jetzt in das Gebiet des Zungenredens ein, das einen anderen Charakter hat. Bei einer Vortragsreihe in Montreal, eingeladen von Gottfried Amend, kamen drei junge Männer zur seelsorgerlichen Aussprache. Ihr Aussehen war wenig verheißungsvoll. Lange Mähnen und gekleidet wie die Hippies. Sie kamen alle drei gleichzeitig. Trotz des Äußeren spürte ich den Burschen eine gewisse Aufrichtigkeit ab. Es ging um das Zungenreden. Alle drei bekannten, daß sie es übten.
Ich betete innerlich um die Leitung des Heiligen Geistes. Wir sprachen zunächst die Stellen des Neuen Testaments durch, die vom Zungenreden handeln. Ich ging dann auf die Kirchengeschichte und auf die Gegenwart über.
Am Schluß gab ich ihnen folgenden Rat: »Bitte beten Sie in folgender Weise: »Herr Jesus, wenn diese Gabe des Zungenredens nicht von dir ist, nimm sie weg. Ist sie von dir, dann wollen wir sie zu deiner Anbetung gebrauchen.« Ich betete noch mit den drei Besuchern. Dann entließ ich sie und verlor sie zunächst aus den Augen, da ich nach Deutschland zurückreiste.
Ein halbes Jahr später erlebte ich eine ganz große Freude. Alle drei schrieben mir: »Wir haben die Zungengabe verloren. Unsere Haare sind geschnitten. Wir befinden uns alle drei in einer Bibelschule, um uns für das Predigtamt vorzubereiten.«
Diesen Rat, im Gebet um eine Entscheidung des Herrn zu bitten, gab ich schon oft. Ich will einen umgekehrten Fall berichten.

L o s A n g e l e s (Kalifornien). Ich hatte in der First Presbyterian Church of Hollywood einige Vorträge gehabt. Beim nächsten Besuch in Los Angeles erhielt ich einen Anruf von Reverend Blackstone. Er informierte mich darüber, daß eine Gruppe von 23 Zungenrednern die Einheit der Gemeinde zu sprengen drohte. Sie sprachen die anderen Gemeindeglieder an mit dem Hinweis, daß nur der ein vollgültiger Christ sei, der die Geistestaufe empfangen habe. Erweis der Geistestaufe sei die Gabe des Zungenredens. Reverend Blackstone bat mich, seiner Gemeinde behilflich zu sein, weil sie nicht wußte, was sie mit der Gruppe tun sollte.
Wir kamen überein, gemeinsam eine Gebetsstunde dieser Zungenredner zu besuchen, vorausgesetzt, daß wir Zutritt erhielten.
Wir vereinbarten ferner, daß wir sofort still um eine Entscheidung des Herrn beten sollten, wenn die Zungenredner mit ihrem Zungengebet begannen. Von den 23 Gliedern der Gruppe sprachen gewöhnlich 22 in Zungen.
Wir betraten den Kreis. Reverend Blackstone wurde damit empfangen, daß ein junger Mann seiner eigenen Gemeinde fragte: »Reverend Blackstone, wann haben Sie die Taufe mit dem Heiligen Geist empfangen?« Dieser Empfang wirkte natürlich komisch. Reverend Blackstone ist ein gläubiger Christ. Nach einer kurzen biblischen, aber sehr dürftigen Einleitung durch den jungen Mann wurde das Gebet freigegeben. Sofort fing eine Frau an, in Zungen zu beten. Blackstone und ich beteten in unseren Herzen‑ »Herr, wenn diese Gabe von dir ist, segne diese Frau. Ist die Gabe nicht von dir, stoppe diesen Kreis.«
Wir erwarteten also die Entscheidung vom Herrn. Und sie kam. Das Zungengebet stoppte. Niemand mehr im Kreis betete weiter, weder in Zungen noch in englisch. Für uns war das eine Antwort.
Ein Beten, das durch den Geist Gottes gewirkt ist, wird nicht durch die Anwesenheit von zwei gläubigen Christen gestört.

S t u t t g a r t. Petrus Oktavianus sprach auf meine Einladung hin in Stuttgart. Da ein großer Menschenandrang herrschte, mußte der Vortrag in zwei weitere Säle übertragen werden. Es waren etwa 3000 Menschen zusammen.
Nach dem Vortrag forderte Oktavianus zum stillen Gebet auf. Ich saß mit vielen anderen auf dem Podium, weil wir jeden freien Raum ausnützen mußten. Während des stillen Gebets fing ein Mann auf dem Podium plötzlich an, in Zungen zu beten. Ich betete wieder wie in Los Angeles um eine Entscheidung des Herrn. Dann blickte ich auf, um die Reaktion von Oktavianus zu sehen. Er hatte selbst um Klarheit gebetet, wie er mir hinterher erzählte. Auf dem Podium wandte er sich dem Zungenredner zu und gebot ihm im Namen Jesu zu schweigen. Und der Störenfried schwieg.
Nach dem Schluß fragte ich Oktavianus: »Warum hast du Schweigen geboten?« Er antwortete: »Nachdem ich um Klarheit gebetet hatte, wurde mir klar, daß dieses Zungenbeten nicht vom Heiligen Geist gewirkt war, sondern vom Feind.«
Ich sprach aber auch mit dem Zungenredner, der zu mir kam und sich entschuldigte. Er erklärte: »Ich wollte gar nicht in Zungen beten. Aber es kam eine Macht über mich, die mich zwang.«
»Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan«, sagt die Heilige Schrift (1. Kor. 14, 32).
Dieser Zungenredner in Stuttgart war nicht Herr über den Geist, der ihn zwang.
Das Zungenreden hatte in Korinth schon viel Unruhe gestiftet. Heute ist die Ratlosigkeit und Unsicherheit auf diesem Gebiet noch größer.

T o y a m a (Japan). Eines der tragischsten Erlebnisse wurde mir bei meinen Vortragstouren in Japan berichtet.
Toyama ist ein christlicher Konferenzort an der Westküste Japans. Es liegt rund 15 Jahre zurück. Die Ausläufer der zweiten Welle der Zungenbewegung von 1959 erreichten Japan. Viele Christen horchten auf und sahen darin die Antwort auf ihr Beten um eine Erweckung. So fanden sich 18 Missionare verschiedener Missionsgesellschaften in Toyama mit dem Ziel zusammen, um eine Geistestaufe und die Gabe des Zungenredens zu bitten. Es muß erwähnt werden, daß diese 18 Männer zu den besten Missionaren gehörten.
Tagelang verweilten sie im Fasten und Gebet. Da kam es über sie. Zuerst fingen einzelne, dann alle an in Zungen zu beten. Man nennt diese Erfahrung einfach das Toyama‑Erlebnis.
Die »geistgetauften« Missionare kehrten zu ihren Gemeinden zurück und verkündigten: »Ihr habt bisher noch nicht das volle Heil gehabt. Ihr müßt die Geistestaufe und die Gabe des Zungenredens bekommen.«
Die japanischen Christen beugten sich der neuen Lehre nicht. Sie sagten ihren Missionaren: »Ihr seid jetzt schon mehr als zehn Jahre in Japan und habt uns bisher nicht das volle Heil verkündigt. Wer sagt uns, daß ihr es jetzt tut?« Über dieser Ratlosigkeit entstand in diesen Gemeinden eine große Verwirrung. Sie brachen auseinander. Die Gemeinden gingen ein. 15 der Missionare verließen daraufhin ihr Arbeitsfeld und wandten sich einem anderen Beruf zu. Drei von ihnen erkannten, daß sie auf ein falsches Gleis geraten waren. Sie sagten sich von dem Zungenerlebnis los und blieben in ihrer Arbeit. Einer von den dreien, den ich einige Jahre später in Karuizawa (Japan) traf und sprechen konnte, hatte große Mühe, seine Gemeinde weiterzuführen. Er starb, obwohl er erst 46 Jahre alt war.
Das Toyama‑Erlebnis war für die Missionsarbeit eine geistliche Katastrophe. Ich habe schon einige Male dieses Beispiel als Dokumentation benutzt. Glieder der Pfingstgemeinden haben mir dann die Stelle Lukas 11, 11‑13 entgegengehalten: »Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um Brot, der ihm einen Stein dafür biete, und so er um einen Fisch bittet, der ihm eine Schlange für den Fisch biete?«
Die Zungenredner legten dieses Wort so aus: »Wir haben Gott um die Gabe des Zungenredens gebeten, darum gibt er uns keine Schlange.«
Diese Art von Bibelauslegung enthält zwei Fehler. Erstens einmal läßt der Heilige Geist sich nicht zwingen und vorschreiben, was er geben soll. Man kann den Heiligen Geist durch Lauheit betrüben, aber auch durch gesetzliches Zwingen.
Zum anderen bekennt sich der Heilige Geist nicht zur Irrlehre. In der Theologie der Pfingstgemeinden ist eine Reihe von Kurzschlüssen. Der Heilige Geist bekennt sich nur zur biblischen Lehre, nicht zu menschlichen Konstruktionen. Darum kann ein »zwängerisches, treiberisches« Beten wohl eine Schlange statt eines Fisches bekommen.
Ein historisches Beispiel kann das untermauern. Als 1900 die Kunde von der »Zungenerweckung« nach Europa kam, reiste der norwegische Prediger Barrat nach Los Angeles. Er hat 39 Tage lang jeden Tag einige Stunden im Gebet verbracht, und um die Gabe der Zunge gebetet. Zuletzt dehnte er sein Gebet auf zwölf Stunden ununterbrochenes Beten aus. Dann endlich kam es über ihn. Rings um ihn herum fielen Schwarze in Ekstase, wie ich es auch in Haiti erlebte. Barrat wurde von diesem Geist angesteckt und fing an in Zungen zu beten. Diese »Errungenschaft« brachte er dann nach Skandinavien. Von dort kam diese schwärmerische Bewegung nach Deutschland.

K a r u i z a w a (Japan). In Karuizawa bin ich einem lutherischen Pastor aus Kalifornien begegnet, der unsere missionarische Konferenz zu stören versuchte. Die ganze Geschichte kann hier nicht behandelt werden. Sie ist zu lang. Sie ist bereits im Buch »Jesus auf allen Kontinenten«, Seite 34, berichtet.
Dieser lutherische Pfarrer organisierte zu unseren Versammlungen Parallelveranstaltungen und zog etwa 40 Missionare von uns ab.
Hier zeigt sich bereits ein Nebenprodukt der Zungenbewegung: Spaltung, Trennung, Unordnung. Denn um einen Vertreter der Zungenbewegung handelte es sich bei diesem kalifornischen Pastor.
Als unsere Missionare zurückgekehrt waren, berichteten sie: »Der Kalifornier sprach, sang, betete 90 Minuten in Zungen. Es war kein Ausleger da. Niemand wußte, was er eigentlich gesagt hatte. Einer unserer Missionare suchte nach der Versammlung den Pastor auf und fragte ihn, wie man das Zungenreden bekommen könne. Der Kalifornier gab folgende Anweisung: Beten Sie 500‑ oder 800mal ein kurzes Gebet, etwa Lord help me (Herr, hilf mir), dann gewöhnt sich Ihre Zunge daran, und Sie fangen automatisch an, in Zungen zu reden.«
Und das soll vom Heiligen Geist gewirkt sein? Das ist Training des Unbewußten, ein Zungenreden auf menschlicher Basis. Ich halte es sogar für eine Lästerung des Heiligen Geistes.

S t a n w e l l T o p s (NSW Australien). An vielen theologischen Seminaren und Bibelschulen auf allen Kontinenten wurde mir über die Störaktionen der Zungenredner berichtet.
Mein Freund Dr. Les Werry, Leiter der australischen Evangelistenbewegung »Ambassadors for Christ«, hatte die Bibelschule in Stanwell Tops, die jetzt in Katoomba ist, gegründet. Die zweite Welle der Zungenbewegung nach 1960 drang auch in seine Schule ein. Es gab so viele Zersplitterungen und Opposition, daß die Lehrer kaum noch arbeiten konnten.
Dr. Werry entschloß sich nach viel Gebet zu einem radikalen Schnitt. Er schloß die Bibelschule mitten im Semester und erklärte den Studenten: »Ihr könnt euch für das nächste Semester wieder anmelden, wenn ihr einen Fragebogen ausgefüllt habt.« Die Fragen waren so gestellt, daß Dr. Werry alle Zungenredner ausscheiden konnte. Damit wurde seine Schule von diesem Ungeist frei.

A s b u r y (Wilmore, USA). Zweimal war mir der Besuch dieses College möglich. Der Präsident erzählte mir, daß kurz nach dem Beginn der Erweckung ein zungenredender Bruder im College erschien und den Studenten sagte: »Euch fehlt noch die Taufe mit den Heiligen Geist und damit das Zungenreden.« Er wollte auch im College sprechen, was die Schulleitung nicht gestattete. Danach schlich sich dieser Zungenredner in die Schlafräume der Studenten ein und begann dort eine Wühlarbeit. Die verantwortlichen Lehrer hatten ihre Mühe, diesen Eindringling wieder loszuwerden.

S a s k a t o o n (Kanada). In Saskatoon, dem Ausgangspunkt der kanadischen Erweckung, wohnte ich bei Pastor Philipp Grabke. Als die evangelistischen Teams von Saskatoon in die anderen Städte auszogen, war auch Frau Grabke in einer solchen Mannschaft. Als Winnipeg von der Erweckung erfaßt wurde, benötigte man viele seelsorgerlichen Helfer. Nun schlich sich eine zungenredende Frau, ohne von den Leitern einen Auftrag zu haben, in die Gruppe der Seelsorgehelfer ein. Dieser Mietling machte die Neubekehrten durcheinander mit ihrer Forderung: »Solange ihr nicht in Zungen reden könnt, habt ihr nicht die Taufe des Heiligen Geistes empfangen.« Als diese Quertreiberin entdeckt wurde, verbot man ihr die Mitarbeit.
Die leitenden Brüder der kanadischen Erweckung sind entschlossen gegen die Zungenbewegung eingestellt. Ein Pastor, in desssen Kirche die Erweckung begonnen hat, gab mir bei meinem Besuch ein Tonband mit, das von einer zungenredenden Frau aufgenommen worden ist.
Eine Frau fiel in der Gebetsgemeinschaft dauernd in Zungen, ohne daß ein Ausleger dolmetschen konnte. Schließlich baten die Brüder: »Beten Sie in englisch, wir haben ja keinen, der auslegen kann.« Die Frau hielt sich nicht an die Forderung.
Die Brüder einigten sich dann darauf, diesen Geist zu prüfen. Als die Frau wieder in Zungen betete, fragten die Brüder: »Du zungenredender Geist, bekennst du, daß Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist?« Keine Antwort! Die Brüder wiederholten ihre Frage. Wieder kümmerte sich die Frau nicht darum. Dann geboten die Brüder und sagten: »Im Namen Jesu gebieten wir dir, du zungenredender Geist, sage uns die Wahrheit, bekennst du dich zu Christus?« Jetzt kam eine Reaktion, die von den Brüdern kaum erwartet worden war. Aus der Frau schrie es mit Männerstimme: »No, I hate him.« (Nein, ich hasse ihn.) Damit war die Sachlage klar. Es hatte sich bei der Frau um ein dämonisches Zungenreden gehandelt.
Für mich entstand die Frage, ob ich dieses Tonband in meinem Hause behalten oder vernichten soll. Ich verbrannte es.
Gehen wir noch einmal nach Australien.

K a l g o o r l i e (Westaustralien). Nördlich und nordöstlich von Kalgoorlie ist das Gebiet des Wongai‑Stammes. Mein Berichterstatter ist Peter Jamieson, der überall nur der schwarze Peter genannt wird. Er hat die Häuptlingswürde, übt sie aber nicht aus, da er Christ wurde und heute als Evangelist auf Neuseeland arbeitet.
Peter erzählte mir, ihn habe das Zungenreden nie verwirren können. Die sechs Zauberer seines noch heidnischen Stammes sprechen in der spiritistischen Trance alle in Zungen. Als Peter in Sydney zum erstenmal auf Zungenredner stieß, sagte er: »Das ist ja das gleiche, was wir bei unseren Stammeszauberern erleben.«

B r i s b a n e (Australien). Meine Berichterstatterin ist Barbera Sganzerla, in deren Haus ich Gast war. An der Universität in Brisbane fragten mich die Studenten nach dem Zungenreden in den USA und in Europa. Ich stand ihnen Rede und Antwort.
Abends zu Hause erzählte mir Schwester Sganzerla einige Erlebnisse von der Assembly of God in Brisbane. Ein Grieche, der eingewandert war, schloß sich dieser gemäßigten Pfingstrichtung an. Da er noch nicht gut englisch sprechen konnte, betete er in der Gebetsgemeinschaft in seiner griechischen Muttersprache. Nach ihm sprang ein Ausleger auf und dolmetschte in Englisch. Der Grieche erklärte: »Ich habe nicht in Zungen gebetet, sondern in meiner Heimatsprache. Die gegebene Auslegung war falsch.«
Nach diesem unguten Erlebnis schloß er sich einer anderen Pfingstgemeinde an und erlebte dort den gleichen Unfug, daß ein »Ausleger« sein griechisches Beten falsch auslegte.
Der Grieche zog sich auch aus dieser Gemeinde zurück und probierte es mit einer dritten. Zum drittenmal erlebte er diesen Reinfall. Nun war der gläubige Grieche bedient. Er erklärte: »Das sind ja alles Lügner.« Er schloß sich darauf einer Gemeinde an, die keine Zungenredner hatte.
Gehen wir noch nach Haiti und beschließen damit das Mosaik.

P o r t a u  P r i n c e (Haiti). Mein Organisator Dean Hochstetler arrangierte mir in Haiti eine Reihe von Vorträgen. Er selbst kannte nicht die Denomination der einzelnen Gemeinden. Trotz dieses Mißgeschickes kam doch einiges dabei heraus.
Ich sollte unter anderem fünfmal auf einer internationalen Reichgottes ‑Konferenz sprechen. Schon bei der ersten Versammlung merkten wir, daß wir Prediger von Pfingstgemeinden und der Assemblies vor uns hatten. Sie waren von verschiedenen Teilen der Welt nach Haiti gekommen.
Mit dem ersten Vortrag kam ich noch gut über die Runden. Ich sprach über Lukas 9, 1‑2, die dreifache Vollmacht der Jünger Jesu. Es störte mich dann aber die anschließende Gebetsvereinigung. Sie liefen herum, klatschten mit den Händen. Einige fingen mit hoher Stimme zu singen an. Schließlich sanken einige zu Boden und murmelten unverständliche Worte.
Von Vortrag zu Vortrag wurde es schlimmer. Einige Pfingstprediger machten beim Beten Luftsprünge. Hinterher hörte ich, daß sie zu einer Gruppe der Jumping Church (hüpfende Kirche) gehörten. Sie nehmen dafür das Bibelwort in Anspruch, Maleachi 3, 20: »Ihr werdet hüpfen wie die Mastkälber.«
Beim dritten Vortrag fielen einige Frauen und Mädchen in Ekstase und redeten in Zungen. Aber auch die Pfingstprediger beteten in Zungen. Ich erinnere mich gut an einen großen Amerikaner, der in Zungen betete. Er sagte nach seinem Gebet: »Herr, gib du die Auslegung.« Dann sagte er mit übernatürlicher, aber abstoßender Stimme: »I am the living God, I soon return, be ready!« Zu deutsch heißt das: »Ich bin der lebendige Gott. Ich komme bald wieder. Seid bereit!«
Meinem Organisator und mir ging ein kalter Schauder über den Rücken. Wir beteten beide um den Schutz Gottes gegenüber diesem Geist. Dean sagte zu mir: »Sei mir nicht böse. Ich kann keine Versammlung dieser Art mehr besuchen. Da sind ja dämonische Mächte gegenwärtig.«
Im vierten Vortrag war ich dann ohne Dean. Für mich war das auch der letzte. Ich wurde mitten im Vortrag von einem Pfingstprediger unterbrochen, der mich attackierte und schrie: »Ich bezweifle, ob Sie die Taufe mit dem Heiligen Geist erhalten haben.«
Ich konnte nur mit Mühe diesen vierten Vortrag beenden. Zur Gebetsstunde blieb ich nicht mehr, da ich diese Tumulte fürchtete. Ich verließ den Raum und ging zu Fuß zu meinem Hotel zurück.
Am Abend war dann die Schlußversammlung, zu der die meisten Teilnehmer strömten. Ich hatte keine Kraft mehr, mit diesen Abgrundgeistern noch einmal konfrontiert zu werden und blieb einfach weg.

Für meinen Organisator und mich war das eine heilsame Lehre. Es wurde uns dabei wieder demonstriert, wie dämonische Mächte mit dem Etikett des Heiligen Geistes versehen werden.
Zum Glück hatte der Herr in seiner Barmherzigkeit einen Ausgleich für uns bereit. Eine Missionsgesellschaft, die meine Bücher kannte, hörte von meinem Besuch und lud mich sofort ein. In aller Eile wurden die Missionare der Insel eingeladen. Die Gemeinschaft mit den Missionaren gab mir das innere Gleichgewicht wieder zurück.

Das Mosaik der Zungenbewegung muß abgebrochen werden, obwohl mir noch unzählige Beispiele und Erlebnisse zur Verfügung stehen.
Die Gegenargumente zu dieser Sammlung sind mir bekannt. Man kann auf das Prinzip der negativen Auslese hinweisen. Wenn alle guten Beispiele weggelassen und nur negative Erfahrungen berichtet werden, dann entsteht ein einseitiges Bild. In meiner Sammlung ist es nicht so. Ich habe krampfhaft nach guten Beispielen Ausschau gehalten. Die negativen Erlebnisse sind dagegen in einer erdrückenden Überzahl.

Aber selbst die vielen Auswüchse sind noch nicht allein entscheidend, sondern der falsche Geist, der manchmal über ganzen Gemeinden herrscht. Ich erinnere nur an die Gemeinden der »Holy Rollers« und der »Jumping Christians«.
Das eigentliche Problem sind aber nicht die extremen Gruppen, sondern die gemäßigten. Bei den »wilden Gruppen« weiß man ja sofort, woran man ist. Bei den Gemäßigten steht man oft vor der Frage, wie sie zu beurteilen sind.
Aus diesem Grunde bete ich seit Jahren um die Gabe der Geisterunterscheidung und flehe den Herrn an: Bewahre mich vor Fehlurteilen.
Zum Schluß dieses notvollen, aber doch notwendigen Kapitels muß ich wieder etwas Positives sagen.

C h i c a g o (USA). Das Moody‑Bibelinstitut hatte mich zu Vorträgen eingeladen. Es nahmen auch einige Pastoren der Assembly of God (gemäßigte Pfingstrichtung) daran teil. Einer von ihnen lud mich sofort zu Vorträgen in seiner Gemeinde ein. Es war Dale Edwards von Rocky Islands. Ich warnte ihn mit den Worten: »Sie wissen doch durch meine Vorträge, daß ich gegen die Zungenbewegung eingestellt bin, obwohl ich alle Geistesgaben anerkenne.« Er antwortete: »Ich teile Ihre Bedenken. Unsere Gemeinde braucht Ihre Botschaft.« Ich nahm die Einladung an und hielt fünf Vorträge in dieser Gemeinde, die einen durchaus nüchternen und biblischen Eindruck auf mich machte.

B i l l i n g s (Montana, USA). Ein anderer Pastor einer Assembly of God, Dr. Roger, lud mich ebenfalls ein. Wieder nahm ich an. Hier war die geistliche Situation noch klarer. Es war für mich eine Freude, in der Gemeinde von Dr. Roger zu sprechen. Ich würde seine Einladung wieder annehmen.
Man kann also nicht alle Pfingstgemeinden oder ihre verwandten Richtungen in einen Topf werfen.
Nachdem ich auch in Kanada in einigen Assemblies gesprochen hatte, kam dann eine ganze Reihe von Einladungen auf die karibische Inselwelt. Von den furchtbaren Erlebnissen auf Haiti ist schon berichtet worden. Zum Schluß noch eine positive Erfahrung.

T r i n i d a d (W. I.). Eine Vereinigung von Pastoren der Assemblies of God hatte mich nach San Fernando und Umgebung eingeladen. Es handelte sich um die Pastoren Bagoutie, Persad, Foster, Krischna, Beam, Sydney usw. In ihren Gemeinden stellte ich überhaupt nichts vom Zungenreden fest. Sie vertraten auch keine unbiblische Theologie.
Zum Abschluß der Arbeit auf Trinidad war ich dann noch bei einem Pastor einer Pfingstgemeinde in Port of Spain. Er erzählte, daß es in seiner Gemeinde zum Leid der anderen Pastoren kein Zungenreden gäbe. Er drückte sich so aus: »Mir steht das Zungenreden obenan. Meine Kinder spielen manchmal >Kirche< und kamen schon auf die Idee, auch das Zungenreden nachzuahmen. Sie lallen dann etwas Unverständliches.«
Er fuhr dann fort und sagte: »Meine Kollegen machten mir schon Vorwürfe, ich würde ihnen die Arbeit boykottieren, weil ich vom Zungenreden nichts wissen will. Sie wollen mich sogar aus der Pfingstgemeinde ausschließen. Ich gehe aber nicht. Ich bin in einer Pfingstgemeinde aufgewachsen und bleibe darin, auch wenn ich manches der anderen Gemeinden nicht übernehmen kann.«
Wir schieden als Freunde. Zum Abschied sagte er mir: »Wenn Sie wieder nach Port of Spain kommen, besuchen Sie mich bitte, und sprechen Sie in meiner Gemeinde.«
Es gibt also in den Pfingstgemeinden eine Reihe biblisch auserichtete Pastoren. Ich habe 28mal in Gemeinden solcher Pastoren gesprochen.
Die ersten Kapitel dieses Buches bringen zur Frage der Geistesgaben wichtige Erlebnisse.
Der erhöhte Herr müht sich um die Zubereitung seiner Gemeinde. In keinem Jahrhundert gab es an so vielen Punkten der Erde so häufige Erweckungen.
Auch die Macht der Finsternis bietet alles zum Endkampf auf. Sie vernebelt die Fronten. Sie verwirrt die Gemeinden. Sie serviert Dämonisches in frommer Verpackung.
Dieses Chaos, dieses Durcheinander erfordert eine klare Beurteilung und Durchschau. Wir brauchen daher mehr denn je die Gabe der Geisterunterscheidung.

DIE BEWERTUNG DER GEISTESGABEN

Ein historisches Beispiel soll uns zum rechten Verständnis der Geistesgaben führen.
Im Dreißigjährigen Krieg wurden die kleinen Dörfer und die einzelnen Gehöfte oft von den streunenden Soldaten gebrandschatzt. Die Bauern versuchten, sich zu schützen. Sie bauten ihre Häuser hinter Hecken oder hinters Moor und rodeten dort neue Felder. Die Zufahrtswege wurden raffiniert getarnt. Sie befestigten die Zufahrten, markierten sie mit einzeln stehenden Birken oder Weiden und legten Dämme an, so daß etwa 20 bis 30 cm Wasser über die befahrbaren Wege lief. Wer rechts oder links von dem Zufahrtsweg abkam, versank rettungslos im Moor.
Mir ist das zu einem Beispiel für geistliche Zusammenhänge geworden. Nur ein Weg ist sicher. Wer rechts oder links abkommt, versinkt im weglosen nicht tragfähigen Grund.

Die Kalten
Im Blick auf die Geistesgaben ist dieses Abkommen vom Weg in der Kirchengeschichte und in der Gegenwart dauernd zu beobachten.
Die offizielle Kirche kam stets links vom Weg ab. Die Herzen wurden kalt, die Verkündigung kraftlos, die Organisation wurde zur seelenlosen Maschinerie. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Pfarrer der Landeskirche über die Geistesgaben predigen hören.
Nur einmal hörte ich auf der Universität darüber, und zwar von meinem hochverehrten Lehrer Professor Dr. Karl Heim. In seiner Vorlesung über den Korintherbrief behandelte er selbstverständlich auch die Geistesgaben.

Was die Kirche zu wenig hatte, bewerteten die schwarmgeistigen Gruppen zu hoch.
Die echte Erweckung in Wales ist der Gefahr erlegen, daß es nur noch »geistete«. Das eine große Generalthema war der Heilige Geist, sein Werk und seine Gaben.

Die Heißen
Die Pfingstgemeinden der Gegenwart haben auch diese Einseitigkeit. Es sind vor allem die amerikanischen Pfingstler, die sich eine unerhörte Verzerrung der biblischen Botschaft erlauben. Dankbar sei vermerkt, daß die Mülheimer Richtung in Deutschland wohl die gemäßigtste Gruppe ist.  . . .

Die Gesunden
Diesen linken und rechten Irrläufern muß zugerufen werden: »Werdet gesund im Glauben! «
Der Apostel Paulus sagte in 1. Kor. 2, 2: »Ich halte mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte, als Christum den Gekreuzigten.«     . . .

Das zweite, was wir den linken und rechten Irrläufern sagen müssen, ist: Wir haben das Wort Gottes.
Die Heilige Schrift ist entstanden durch die Männer Gottes, die vom Heiligen Geist inspiriert und getrieben waren.

Einige Belegstellen sollen dazu angegeben werden:

1. Kor. 2, 13: »Welches wir auch reden mit Worten, die der Heilige Geist lehrt.«

Joh. 14, 26: »Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird, in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern an alles, das ich euch gesagt habe.«

2. Petr. 2, 21: »Die Männer Gottes haben geschrieben, getrieben vom Heiligen Geist.«

Der Heilige Geist hat sich an das Wort gebunden. Auch seine »freie Wirksamkeit« muß vom Wort her geprüft werden.

Männer Gottes der Gegenwart haben immer die Schriftgebundenheit des Heiligen Geistes betont. Einige sollen genannt werden.

»Auch Frömmigkeit kann zur Sünde führen, wenn sie sich über das Wort Gottes erhebt«, schreibt Hans Brandenburg in seinem Galaterkommentar. (Wuppertaler Studienbibel, Seite 67.)

Dr. Fred Dickason, Dekan der theologischen Fakultät des Moody‑Bibelinstitutes, schreibt in seiner Broschüre »Der Geist der Gnade, Seite 3: »Die vornehmste Rolle des Heiligen Geistes besteht darin, Gottes Willen in der Bibel zu offenbaren.«

Otto Rodenberg schrieb in seinem Buch »Die Gemeinde Jesu Christi und die Bibel«, Seite 90: »Der Heilige Geist, der die Schrift schuf, hat sich aufs engste mit der Schrift verbunden.«

An dieser Stelle empfehle ich herzlich die Broschüre von Dr. Erich Lubahn »Fromme Verführungen«. Er schreibt auf Seite 12 folgendes: »Das geschriebene Wort der Bibel bietet uns die Statik (das unveränderlich Feststehende), der Heilige Geist die Dynamik (das Leben zeugende, erhaltende und fördernde, das den Menschen treffende Wort Gottes). Beides gehört unzertrennlich zusammen. Die Statik ohne die Dynamik führt zur Erstarrung, die Dynamik ohne die Statik führt zu Schwärmerei.« – Das sind Sätze von großer Klarheit und Wahrheit.
Biblische Nüchternheit ist kein Kompromiß, sondern die Voraussetzung eines gesunden Glaubenslebens. Unter‑ und Überbewertung führen stets zu Irrwegen.

DIE FRÜCHTE DES HEILIGEN GEISTES

Zur Bewertung der Geistesgaben gehört wesensmäßig die Frage nach den Geistesfrüchten. Man kann den Satz wagen, daß die Geistesfrüchte für unser Glaubensleben wichtiger sind als die Geistesgaben.
Wir wirken mehr durch das, was wir sind, als durch das, was wir tun. Unsere Gesinnung spricht lauter als unsere Taten.
Das Leben der Christen ist die Bibel der Ungläubigen. Auf dem Gebiet der Früchte gibt es viele Verwechslungen. Es kommt auf das Vorzeichen an, auf die inneren Voraussetzungen unseres Lebens und Handelns.

Die Scheinfrüchte
Vor einigen Jahren hatte ich in einer Kirche in Essen‑West eine Vortragswoche. Der Pastor ließ sich Urlaub geben, damit er meine Vorträge nicht hören mußte. Ich war nur von seinen Ältesten eingeladen.
Der Pastor gehört zu den Modernisten. Sein »Evangelium« heißt soziale Aktivität. Er erklärte zum Beispiel in einer Predigt, wenn es nach ihm ginge, dann würde nur der getauft werden, der mindestens einen sozialen Verpflichtungsschein von drei Monaten vorzuweisen hätte. Er meinte damit, es sollte nur der junge Mensch getauft werden, der etwa drei Monate unentgeltlich in einem Altersheim oder als Diakon in einem Krankenhaus gearbeitet hätte.

Natürlich ist eine solche Tätigkeit gutzuheißen. Sie hat aber nichts mit den Früchten des Heiligen Geistes zu tun. Die Wurzeln zu solchem Handeln liegen im Menschen und nicht in Christus oder dem Heiligen Geist.

Ein noch drastischeres Beispiel erlebte ich in Brasilien. Ich besuchte ein Obdachlosenasyl in Porto Alegre. Nach der Besichtigung kam ich mit der Leiterin in ein ernsthaftes Gespräch. Ich fragte sie, wem dieses Heim angeschlossen oder unterstellt sei. Sie antwortete: »Wir sind Spiritisten Kardecscher Richtung. Wir haben auch Kinderheime, Altersheime, Krankenhäuser, Kulturzentren und Schulen.« ‑ Ich war nicht wenig erstaunt über eine so reiche soziale Arbeit dieser Spiritisten. Darum fragte ich weiter: »Welche Rolle spielt Christus in Ihrem Unternehmen?« Noch größer wurden meine Augen, als sie erklärte: »Jesus ist unser großes Vorbild. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Wir wollen seine Hilfsbereitschaft auch praktizieren.« Da ich den Spiritismus nur zu gut kenne, bohrte ich weiter: »Ist Jesus für Sie und Ihre Freunde nicht der Erlöser, der Heiland, der Sohn Gottes?« ‑ »Nein«, antwortete sie, »er ist nur unser Vorbild. Er war ein großer, sozialdenkender Mensch.«

Damit ist der Unterschied klar herausgestellt. Wenn zwei dasselbe tun, ist es doch nicht dasselbe. Der eine handelt aus sozialer Verantwortung heraus, der andere aus Liebe zu Jesus und zum Nächsten.

In Jesus viele Frucht
In Joh. 15, 5 sagte der Herr: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.«  . . .

Wir hörten bereits aus Joh. 15, 1‑5 und hören es eindeutig in Galater 5, 22: »Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.«
Schriftausleger sagten: »Die eine göttliche Frucht ist die Liebe, die anderen sind nur die Ausstrahlungen.«
Die Liebe ist die erste und höchste Frucht. Sie ist Frucht und zugleich Gabe des Heiligen Geistes. Paulus schreibt in Römer 5, 5: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist.«
Wir dürfen nicht übersehen, daß der Apostel Paulus an den beiden Stellen, wo er von den Geistesgaben spricht, die Liebe an höchster Stelle nennt.
In Römer 12, 6‑8 nennt Paulus die Geistesgaben und erwähnt anschließend in Vers 9 und 10 die Liebe.
In 1. Kor. 12, 31 ermahnt der Apostel: »Strebet nach den besten Gaben, und ich will euch einen noch köstlicheren Weg zeigen.« Danach bringt er das wunderbare Kapitel von der Liebe.

Die Umgestaltung in Sein Bild

Es wurde in der Einleitung dieses Kapitels von den inneren Voraussetzungen unseres Handelns gesprochen. Diese Aussage muß noch etwas beleuchtet werden.
Der Heilige Geist hat ein doppeltes Programmwerk an uns. Er fügt uns in das Heilsgeschehen, in den Leib Jesu ein; danach führt er das begonnene Werk in der Umgestaltung in Jesu Bild weiter.
An Bibelworten kann das deutlich werden. Römer6,4‑5:
»Wir sind mit Jesus begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleich wie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.«

In unserer Bekehrung und Wiedergeburt, in unserer geistlichen Erneuerung werden wir durch das Wirken des Heiligen Geistes in die Wirklichkeit des Todes und der Auferstehung Jesu hineingenommen.
Sind wir einmal eingepflanzt, dann ist der Heilige Geist die heilige Unruhe an uns, der Werkmeister, dessen Ziel es ist, uns in Jesu Bild umzugestalten. Paulus beschreibt diesen Vorgang in 2. Kor. 3, 18:
»Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht. Und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zur andern als vom Herrn, der der Geist ist.«
Der Doppelvorgang der menschlichen Neuschöpfung heißt also: Einpflanzung und Umgestaltung.  . . .
Unsere moralischen Qualitäten sind niemals die Quelle für die Gaben des Heiligen Geistes.

DIE GABEN ALLER GABEN

Es wird heute viel von Gaben geredet, manchmal mehr, als für unser geistliches Leben gut ist.
Wenn wir allzusehr unser Augenmerk auf die Gaben richten, kann der Blick auf den Geber verdunkelt werden.

Wählen wir deshalb als Ausgangspunkt für unsere Untersuchung das Herzstück des Evangeliums, Joh. 3, 16:

»Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.«

Gott gab die höchste Gabe, die er uns zu geben hatte, seinen einzigen Sohn.
Jesus ist die Gabe aller Gaben.
In dieser einen Gabe ist alles beschlossen, was zu unserem ewigen Heil dient. Paulus schreibt in Römer 8, 32:
»Welcher seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken.«

Alles mit IHM, alles durch IHN, alles in IHM.
Wer Jesus im Glauben annimmt, dem öffnet sich ein Leben mit einem unbeschreiblichen Frieden, dem öffnet sich der Himmel schon jetzt auf dieser Erde. Ist nicht der Herr Jesus die höchste Gabe Gottes?

DER STELLVERTRETER JESU

Wer sich über den Stellvertreter Jesu informieren will, der lese in Ruhe und unter Gebet die Kapitel 14‑16 im Johannesevangelium.
In diesen Abschiedsreden hat Jesus seinen Jüngern in Joh. 14, 18 versprochen. »Ich will euch nicht Waisen lassen.«
Zehn Tage nach seiner Himmelfahrt von der Erde hat der erhöhte Herr den Heiligen Geist, den Parakleten, seinen Stellvertreter, gesandt.

Welches ist die vornehmste Aufgabe dieses Stellvertreters?
In Apg. 1, 8 hatte der Herr verheißen:
»Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird und werdet m e i n e Zeugen sein.«

In Joh. 14, 26 hören wir:
»Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in m e i n e m Namen, der wird euch alles lehren.«

Joh. 16, 13‑14 gibt eine weitere Bestätigung: »Wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten  . . . Derselbe wird m i c h verklären, denn von dem M e i n e n wird er es nehmen.«
Die erste und höchste Aufgabe des Heiligen Geistes ist die Verklärung Jesu.

Der Dienst des Stellvertreters
Eine erste tröstliche Aufgabe ist, daß er bei uns bleibt. . . . Nur Menschen, die zerschlagen, angefeindet, am Boden zertreten sind, wissen, was der Trost des Heiligen Geistes bedeutet. Der Psalmist sagt 119, 92: »Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, ich wäre vergangen in meinem Elend.«  . . .
Beachten wir auch hier den Zusammenhang, daß die Tätigkeit des Heiligen Geistes an den Gläubigen aufs engste mit jesus verbunden ist. Das Zentrum muß Zentrum bleiben . . .

Unser Kontakt mit dem Heiligen Geist
Es gibt keinen Weg von uns zu ihm, nur einen Weg von ihm zu uns. Jesus sagte Joh. 3, 8: »Der Wind bläst, wo er will.«

Eine Möglichkeit hat uns der Herr aber gegeben: Wir dürfen darum bitten. In Lukas 11, 13 heißt es:
»Wieviel mehr wird der Vater den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten.« Wie schon erwähnt, bedeutet ein solches Beten aber nicht, daß wir etwas Besonderes vom Heiligen Geist erzwingen dürfen.  . . . Wir dürfen nur darum bitten, daß der Heilige Geist zu uns kommt und von uns Besitz ergreift.

Sein Werk an uns
Das Neue Testament hat verschiedene Ausdrücke für das Werk des Heiligen Geistes an uns. Acht dieser Ausdrücke sollen genannt werden.
1. Joh. 3,3: »Es sei denn, daß jemand von n e u e m geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.«

»Mit der Wiedergeburt, die allein das Werk der Gnade Gottes ist, ist uns auch der Heilige Geist gegeben. Denn niemand kann Jesus einen Herrn heißen ohne den Heiligen Geist.« (1. Kor. 12, 3.)  . . .

Apg. 2, 38: »Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen, so werdet ihr e m p f a n g e n die Gabe des Heiligen Geistes.«

Das Zeugnis des Heiligen Geistes, der sich unserem Geist bezeugt. Röm. 8, 15: »Gottes Geist gibt Z e u g n i s unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind.«

Die Versiegelung durch den Heiligen Geist. Das Werk der Wiedergeburt ist von Gottes Seite her vollkommen und ausreichend. So wie ein neugeborenes Kind schon vollständig entwickelt ist und nur noch zu wachsen hat, so ist die Wiedergeburt ein abgeschlossenes Werk Gottes. Diese Tatsache kommt durch die Versiegelung zum Ausdruck.

Eph. 4, 30: »Betrübet nicht den Heiligen Geist, mit dem ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung.«

Die Stufenlehre
Die amerikanischen Pfingstgemeinden haben aus dem Werk des Heiligen Geistes eine Stufenlehre entwickelt, die etwa so aussieht‑ Bekehrung – Wiedergeburt ‑ Geistestaufe ‑Zungengabe ‑ Sündlosigkeit usw.

Ich habe viele amerikanischen Bücher über das Zungenreden gelesen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher Kühnheit sie das Wort Gottes und die Kirchengeschichte verdrehen.  . . .

Es fehlt hier der Raum, mich in eine ausführliche Diskussion einzulassen. Ich verweise auf drei Bücher:
Erich von Eicken: »Heiliger Geist – Menschengeist ‑ Schwarmgeist«

Schoepwinkel: »Flugfeuer fremden Geistes«

Hermann Haarbeck: »Laß dir an meiner Gnade genügen«.

Wiederholungen der Geisterfüllung?

Kann eine Wiedergeburt wiederholt werden? Nein, so wenig wie ein Kind wieder in den Leib der Mutter zurückgehen und ein zweites Mal geboren werden kann.
Kann eine Wiedergeburt verloren gehen? Hier gehen die Meinungen der amerikanischen und der deutschen Theologen auseinander. Ich halte mich an das Wort Joh. 6, 39:

»Das ist der Wille des Vaters, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern daß ich es auferwecke am jüngsten Tage.«

Können wiedergeborene Christen sündigen und aus der Schule Gottes laufen? Ja.
Gibt es für sie eine Rückkehr zu Jesus? Auch hier sind die Meinungen in den USA und Deutschland geteilt.
Die Amerikaner verweisen auf Hebr. 6, 4‑6 und Hebr. 10, 26‑27. Eine Diskussion darüber sprengt den Rahmen dieses Taschenbuches.

In der Seelsorge lasse ich mich lieber von der Barmherzigkeit als von schwer zu verstehenden Gerichtsworten leiten.

Kann ein Christ die Sünde gegen den Heiligen Geist begehen?
Die Christen, die voller Angst in die Seelsorge kommen und bekennen. »Ich habe die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen«, haben sie mit Bestimmtheit nicht begangen, sonst würden sie sich nicht darum ängstigen. Wer sie wirklich begangen hat, ist geistlich tot und kümmert sich nicht mehr darum.

Diese Frage enthält aber einige Probleme. Ich kenne keinen wiedergeborenen Christen, der die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen hat, obwohl ich genug Abtrünnige kenne.

Um diese Frage der Sünde gegen den Heiligen Geist zu beantworten, müssen wir den Text Mt. 12, 22‑30 behandeln. Jesus heilte einen Mann, indem er seine Dämonen austrieb. Die Pharisäer schauten zu und lästerten: »Dieser treibt die Teufel aus durch Beelzebub, der Teufel Obersten.«
Die Pharisäer haben hier wider besseres Wissen geurteilt. Der jüdische Exorzismus war ihnen wohl bekannt. Sie hatten nie angenommen, daß ein jüdischer Exorzist im Namen des Teufels Austreibungen vornimmt. Bei Jesus konnten und wollten sie es aber nicht anerkennen, weil sie sonst seine Messianität hätten zugeben müssen. Sie haben also nicht nur Jesus gelästert, sondern auch den Heiligen Geist, durch dessen Kraft er die Austreibung vorgenommen hatte.

Wir sind heute nicht in der gleichen Situation. Wir haben ja Jesus nicht mehr sichtbar in unserer Mitte. Eine direkte Lästerung gegen seine Person und seinen Heiligen Geist ist uns also nicht möglich.

Es gibt aber für uns andere Fälle von Lästerung. Ich will es an einem Beispiel aus meiner Seelsorge zeigen. Eine Frau, etwa 45 Jahre alt, kam in die Seelsorge. Sie bekannte, daß sie mit 20 Jahren einen starken Zug des Heiligen Geistes verspürt habe. Anläßlich einer Evangelisation durch den EC wurde ihr Gewissen getroffen. Sie merkte, daß sie sich bekehren müßte. Sie war aber stark mit der Lust der Welt verknüpft. Vor allem ging sie gern zu Tanzveranstaltungen.
Nach einer Abendversammlung fiel sie daheim auf die Knie und betete etwa folgendes: »Herr, ich weiß, daß ich zu dir kommen muß. Lasse mir doch aber meine Jugend. Es reicht doch auch später noch, wenn ich einige Jahre älter bin.«
Sie widerstand dem Ziehen des Heiligen Geistes. Einige Jahre später heiratete sie. Es war vor dem Krieg. Sie kam mit ihrem Mann überein, daß sie erst für ein Häuschen sparen wollten, ehe sie sich Kinder wünschten.
Der Mann wurde im Krieg einberufen und kam nicht zurück. Das Häuschen verlor sie durch die Kriegsereignisse. In all diesem Jammer fing sie nun an, Gott zu suchen. Es gelang ihr nicht. Sie weinte in der Seelsorge und bekannte: »Mit 20 Jahren wehrte ich mich gegen die Bekehrung. Kinder wollten wir zunächst nicht. Nun habe ich den Mann, das Haus verloren und auch die Möglichkeit, Kinder zu bekommen. Wenn ich bete, dann ist es, als ob zwischen Gott und mir eine Kluft wäre. Ich dringe mit meinem Gebet nicht durch.«

Natürlich versuchte ich, der Frau den Weg zu Jesus zu zeigen. Es nützte nichts. Ich konnte ihr nicht helfen. Mir war es unheimlich. Ich fragte mich selbst: War das eine Sünde gegen den Heiligen Geist.

Jahrelanges bewußtes Widerstreben gegen das Ziehen des Heiligen Geistes ist gefährlich.
Die Gnade hat Schranken und Zeit. Wir müssen die Chance wahrnehmen, wenn sie uns gegeben ist.
Wir können mit dem Herrn, seiner Gnade und dem Drängen des Heiligen Geistes nicht spielen.

DIE ENTFALTUNG DER GNADENGABEN

Klärung der Begriffe
In 1. Kor. 12, 1 gebraucht der Apostel den Ausdruck: pneumatika ‑ das bedeutet geistliche Gaben.
Quelle dieser Gaben ist das pneuma ‑ der Heilige Geist. Da der Heilige Geist dem Menschen nur bei seiner Wiedergeburt ‑ und natürlich auch bei späteren Erfüllungen ‑ gegeben wird, kann nur der wiedergeborene Mensch Gaben des Heiligen Geistes haben und entfalten.

In 1. Kor. 12, 4 spricht dann Paulus von den charismata ‑ den Gnadengaben. Charis heißt Gnade. Dieser Ausdruck bedeutet daher, daß Gottes Gnade diese geistlichen Gaben schenkt.

Es besteht also das Recht, daß sowohl von Geistesgaben wie von Gnadengaben gesprochen wird. Da die christlichen Gemeinden heute von einer tausendfältigen Verwirrung heimgesucht sind, ist es häufig angebracht, daß man von der Quelle der geistlichen Gaben spricht, daher heißt der Buchtitel »Geistesgaben«.

Die verschiedenen Quellen der Gaben
Grob genommen ist das Gabenproblem dreischichtig. Es gibt Gaben und Kräfte, die von oben kommen. Sie werden dem gläubigen Menschen von der Heiligen Dreieinigkeit geschenkt.  . . .

Der natürliche Mensch kann keine Gaben des Heiligen Geistes haben, wohl aber natürliches Talent, natürliche, erbmäßig bedingte Gaben. Große Männer wie z.B. Aristoteles, Goethe, Einstein haben fast übermenschliche natürliche Begabungen gehabt. Aber diese Supermenschen hatten nicht die Gaben des Heiligen Geistes.

Wenn solche reich begabten Männer im Glauben den lebendigen Gott akzeptieren, dann erhalten sie zusätzlich Gaben von oben. Ihre natürlichen Talente können außerdem vom Geist Gottes gereinigt und gebraucht werden.
Vielleicht darf ein Beispiel aus dem Gebiet der Musik gebraucht werden. Das musikalische Talent kann zur Ehre Gottes oder zum Dienst der Sünde gebraucht werden. Die Rock‑and‑Roll‑Musik wird z. B. in Rio de Janeiro oder in Bahia in Brasilien von den Macumba‑Spiritisten benützt, um in Ekstase zu geraten, die oft in sexuellen Orgien endet.

Das musikalische Talent kann aber auch in den Dienst Gottes gestellt werden. Ich erinnere an die Passionen von Johann Sebastian Bach oder an den Messias von Händel. Händel hat den Messias in 23 Tagen komponiert, eine unwahrscheinliche Leistung, die nur unter einer höheren Inspiration möglich war.
Händel ließ sich dabei kaum noch Zeit zum Essen und Schlafen. Als er das Werk beendet hatte, fand man ihn weinend in seinem Arbeitszimmer. Es ist ein musikalisches Werk, das die Hörer zur Anbetung stimmt.

Außer den göttlichen und menschlichen Gaben und Begabungen gibt es auch dämonische Gaben, die gerade in unserer Zeit zunehmend die Menschheit verwirren. Zu den dämonischen Gaben, die ihre Quelle in Satan haben, gehören alle magischen und spiritistischen Kräfte. Satan gebärdet sich als der Gegenspieler Gottes und brachte für alle Geistesgaben eine dämonische Gegengabe in die Szene.
Für jede Gabe und jedes Wunder in der Bibel haben wir ein satanisches Gegenwunder. Diese satanischen Gegenwunder werden oft in frommer Verpackung den Menschen angeboten und serviert, so daß viele verführt werden.
Wir haben 2. Kor. 11, 13‑15 zu beachten
»Denn solche falschen Apostel und trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln. Und das ist kein Wunder, denn er selbst, der Satan, verstellt sich zum Engel des Lichtes. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn auch seine Diener sich zu Predigern der Gerechtigkeit verstellen.«

Ohne es zu wollen, wurde es zum Teil meine Lebensaufgabe, diese fromm frisierten satanischen Gaben aufzudecken und vor ihnen zu warnen.
Die Frage ist, ob diese satanischen Gegengaben, ähnlich wie die natürlich ererbten Gaben und Talente, gereinigt und für Gott gebraucht werden können.
Es gibt unerfahrene Theologen die das bejahen. Meine Erfahrung von 45 Jahren in der Seelsorge zeigt, daß das vollkommen unmöglich ist. Man kann von satanischen Kräften nur befreit werden durch Christus, kann sie aber niemals reinigen und für Gottes Reich gebrauchen.
Halten wir also in diesem Kapitel an der Dreischichtung fest: Es gibt Gaben von oben, Gaben von unten und menschliche Gaben.

Die medialen Gaben
Am schwersten ist der Charakter der medialen Gaben zu erkennen. Schon der Ausdruck bereitet einigen Kummer. Er kommt aus dem lateinischen medium ‑ das Mittel.
Dieser Ausdruck wird auch für die spiritistischen Kontaktpersonen benutzt. Ein Medium stellt die Verbindung zwischen unbekannten Kräften, Bereichen, Geistern und uns her. Die Energie, die dabei entfaltet wird, heißt medial.

Die Medialität kann auf dreifache Weise erworben werden:



durch Vererbung
durch magische oder spiritistische Experimente
durch Übertragung.

Okkultes Experimentieren und Übertragung ist Schuld und Belastung zugleich, wenn es manchmal auch aus Unwissenheit geschieht.

Die ererbte Medialität ist ein Späteffekt der Zaubereisünden der Vorfahren. Diese Form der medialen Veranlagung ist oft den Trägern unbewußt. Sie stellt auch zunächst keine Schuld dar, weil z. B. ein Urenkel nicht dafür haftbar zu machen ist, was sein Urgroßvater getrieben hat.
Mediale Vererbungen gehen tatsächlich bis ins vierte Glied und sind damit eine Erfüllung des ersten Gebotes. Wenn sie zwar keine direkte Schuld darstellen, so sind sie doch eine Belastung. Wer diese ererbte Medialität wieder praktiziert, dem wird sie zur Schuld.
Wir müssen hier also folgendes festhalten: Die ererbte Medialität ist keine Schuld, sondern nur eine Belastung. Sie ist nicht dämonisch, bedeutet aber eine offene Tür für dämonische Einflüsse. Die ererbte Medialität wird aber zur dämonischen Belastung, wenn man sie praktiziert. Aus diesem Grunde soll der Christ, der eine solche Vererbung entdeckt, Gott darum bitten, daß er sie wegnimmt und dafür die Kraft des Heiligen Geistes schenkt.
Der Heilige Geist hat mit den Bereichen des Medialen nichts zu tun. Sein Gebiet ist das Pneumatische, das Inspirierte, dem wir uns jetzt zuwenden.

DIE VIELSEITIGKEIT DER DIENSTAUSRÜSTUNGEN

Alle Gaben, die der Heilige Geist schenkt, dienen dem Aufbau der Gemeinde Jesu. Paulus schreibt in 1. Kor. 12, 7:
»In einem jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinsamen Nutzen.«
Petrus gibt die gleiche Mahnung in 1. Petr. 4, 10: »Dienet einander mit der Gabe, die ein jeglicher empfangen hat.«
Wer mit Geistesgaben fromme Protzerei treibt, hat sie bereits verloren.  . . .
Wenn nun einzelne Gaben erwähnt und besprochen werden, so wird einfach den verschiedenen Texten gefolgt, die von den Gaben handeln. Bei den einzelnen Texten werden die Gaben ausgelassen, die im vorangegangenen Text behandelt worden sind. Es handelt sich um folgende Texte: 1. Kor. 12, 7‑11. 1. Kor. 12, 28‑31. Röm. 12, 6‑10. Eph. 4, 11. 1. Petr. 4, 10‑11.

1. Mit Jesus die Fülle der Gaben (pleroma)
Von Jesus, der höchsten aller Gaben, haben wir schon gesprochen. Mit ihm erschließt sich uns der ganze Reichtum des Vaters und des Heiligen Geistes. Wir müssen uns das noch einmal vergegenwärtigen
Joh. 10, 11: »Ich bin gekommen, daß sie das Leben und v o l l e G e n ü g e haben sollen.«
Kol. 2, 9: »In Jesus wohnt die F ü l l e der Gottheit leibhaftig.«
Jer. 31, 14: »Mein Volk soll meiner Gaben die F ü l l e haben.«
Joh. 1, 16: »Von seiner F ü l l e haben wir genommen Gnade um Gnade.«
Alles Sprechen über die Gaben hat unter der Zucht des Heiligen Geistes und mit der Blickrichtung auf Jesus zu erfolgen, sonst verlieren wir die gesunde biblische Linie.

2. Die Weisheit (sophia)
Bei der Weisheit als Geistesgabe handelt es sich nicht um die natürlichen intellektuellen Fähigkeiten des Menschen, sei er noch so hochbegabt. Paulus hat für die Weisheit dieser Welt scharfe Worte gefunden, weil diese menschliche Weisheit sich oft gegen die Weisheit Gottes aufgebläht hat.

In 1. Kor. 1, 19‑21 heißt es:
»Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.«

Röm. 1. 22: »Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.«
Die theologische Ausbildung, sei es an den Universitäten oder an den Seminaren, ist oft diesen Irrweg menschlicher Weisheit gegangen. Theologische Lehrer ohne den Heiligen Geist machen ihre Studenten geistlich unfruchtbar.
Manchmal gebrauchte ich folgendes Bild: »Ein Straßenkehrer mit dem Heiligen Geist holt aus der Bibel mehr heraus als ein Theologe ohne den Heiligen Geist.«
Natürlich sind wir doppelt dankbar, wenn auch ein Theologe den Heiligen Geist hat. Zu diesen Männern gehörte mein schon erwähnter Lehrer Prof. Karl Heim an der Universität Tübingen, der einst als junger Mann unter dem bekannten Evangelisten Elias Schrenk den Weg zu Jesus gefunden hat.
Die vom Heiligen Geist geschenkte Weisheit und Inspiration hat eine andere Ausrichtung. Drei Ausstrahlungen sollen an Hand von biblischen Texten genannt werden: . .
Die Weisheit von oben schafft uns den Zugang zu den verborgenen Ratschlüssen Gottes, beleuchtet uns selbst und wird aktiv in der Seelenrettung.

3. Erkenntnis (gnosis)
Das griechische Wort für Erkenntnis ‑ gnosis – hat in der Geschichte der Theologie keinen guten Klang. Zwei Jahrhunderte waren mit den sogenannten gnostischen Spekulationen erfüllt. Dieses gnosis spukt heute noch als Aeonenlehre in den Köpfen der Allversöhner. Die menschliche Erkenntnis ist zu allen Zeiten nicht im Gehorsam Gottes geblieben, sondern artete stets zu Irrlehren und Irrwegen aus.
Es sind hier ähnliche Dinge zu sagen wie bei der Weisheit. Auch der universalste Menschengeist, die menschlichen »Großhirne« aller Völker, vermögen Gott nicht zu erkennen.
Ohne den Heiligen Geist bleibt es dunkel bei uns, auch wenn es uns gelingt, interstellare Raumfahrzeuge zu bauen und die Grenze unseres Sonnensystems zu überschreiten.
Nur die Erkenntnis, die der Heilige Geist gibt, vermag die Regionen Gottes jenseits aller kosmischen Grenzen zu erreichen. Paulus beschreibt das im Kolosserbrief Kol. 2, 2‑3:
»… zu erkennen das Geheimnis Gottes des Vaters und Christi, in welchen verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis.«  . . .

4. Der Glaube (pistis)
Jeder Christ, der Jesus nachfolgt, praktiziert Glauben. Ohne Glauben gibt es keine Vergebung der Schuld. Ohne Glauben gibt es keine Gewißheit des ewigen Lebens. »Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen.« (Hebr.11,6)

Wenn in der Liste der Geistesgaben der Glaube genannt wird, so ist damit nicht der rechtfertigende Glaube gemeint, den jeder haben muß, der sich nach dem ewigen Leben ausstreckt.

Der Glaube als Geistesgabe ist der wagemutige, der erobernde Glaube, der Berge von Hindernissen versetzt. Viele großen Werke des Reiches Gottes sind durch Männer mit einem wagemutigen Glauben entstanden. Ich erinnere etwa an die Waisenhäuser von Georg Müller in Bristol. Oder rufen wir uns das Leben und Werk von Hudson Taylor ins Gedächtnis zurück, der Millionen von Chinesen den Weg zu Jesus zeigte. Denken wir auch an D. Moody, dessen Werk heute noch Tausenden von Menschen zum Segen wird. Auch der Gründer und der Väter der Chrischonamission in der Schweiz, der Liebenzeller und Marburger Missionen in Deutschland will ich gern gedenken.

Nicht nur große Werke haben ihre Geschichte des Glaubens, auch kleinere Ereignisse können auf der gleichen Linie liegen. Es gibt ja Menschen mit fünf Pfunden, aber auch solche mit weniger Pfunden und kleinerem Radius. Ein solch kleineres Wagnis im Glauben soll berichtet werden.

Es liegt eine Reihe von Jahren zurück. Wolfgang Heiner, der Gründer und Leiter des Missionstrupps »Frohe Botschaft«, und ich kamen überein, in meiner Kreisstadt Karlsruhe eine Evangelisation in größerem Rahmen zu starten. Wir planten, die größte Halle der Stadt, die Schwarzwaldhalle, zu mieten. Die nächste Aufgabe war, die Pfarrer der Stadt für dieses Unternehmen zu gewinnen. Wir baten darum, daß diese Evangelisation neben öffentlicher Werbung auch von den Kanzeln herab angekündigt werden sollte.
Da gab es die erste Störaktion in Gestalt des damaligen Landesbischofs Bender, der sich auf einem Pfarrkonvent in meiner Gegenwart gegen diese geplante Evangelisation aussprach.
Trotz dieser kalten Dusche fuhren wir in unserer Planung fort. Da kam das zweite Hindernis. In einer internen Sitzung aller Mitarbeiter fragte der damalige Dekan der Stadt, Dr. Köhnlein, wer denn für das entstehende Defizit aufkommen würde. Dr. Köhnlein hatte Verständnis für unser Vorhaben. Als Dekan mußte er den Kirchenbezirk gegen eventuelle Rückschläge absichern. Auf seine Frage nach den Finanzen erklärte ich ihm rundheraus: »Wenn es Gottes Wille ist, daß wir diesen Fischzug großen Stils durchführen, dann wird er uns darreichen, was not ist. Ich will aber hinzufügen, daß ich selbst bereit bin, für ein Defizit aufzukommen, selbst wenn ich mein Haus dafür verkaufen müßte.«
Zu meinem Freund Wolfgang Heiner sagte ich hinterher: »Ich werde mein Haus behalten. Wir haben keinen knauserigen Gott. «
Die Evangellsation lief gut an. Wir hatten abends 4000 Menschen in der Halle. Wir planten daher, die Evangelisation über die Karwoche hinaus zu verlängern.
Bei der Bekanntgabe dieser Absicht erhielten wir das Veto von Bischof Bender, der erklärte: »Die Karwoche soll nicht lärmend, sondern still gefeiert werden.« Als ob Evangelisation und Seelengewinnung Lärm wäre.

Wir gaben unseren Verlängerungsplan nicht sofort auf, sondern kämpften um diese dritte Woche. Vor allem denke ich mit großer Dankbarkeit an den jungen Pfarrer Katz zurück, der sich auch vor dem Bischof nicht scheute und uns tatkräftig unterstützte. Er erklärte: »Karlsruhe hat 38 Kanzeln, warum soll nicht in der Karwoche eine 39. Kanzel in der Schwarzwaldhalle bestehen? Wir müssen doch für jede Chance der Verkündigung dankbar sein.« Man ließ uns nicht gewähren. Wir mußten die gesegnete Arbeit abbrechen. Uns blutete schier das Herz.
Es muß nun noch ein Wort über die Finanzen gesagt werden, weil von seiten der Kirche aus darüber Bedenken herrschten. Wir hatten bekannte Evangelisten gerufen. Unter ihnen waren Major Thomas, der Gründer der »Fackelträger«, Anton Schulte, der Gründer des Missionswerkes »Neues Leben«, und Dr. Bergmann, der Champion der deutschen Evangelisten. Sie erhielten ihr Fahrgeld und kein kümmerliches, sondern ein gutes Honorar. Nun war unsere gespannte Erwartung: Geht die Rechnung auf oder nicht? Können wir die hohe Miete der Halle, alle Zeitungsinserate, die hunderttausend Werbezettel und die Hunderte von Plakaten samt Miete der Plakatsäulen bezahlen?

Die Abrechnung ergab: Unkosten DM 39 000. Für die Verhältnisse von 1956 war das eine enorm hohe Summe. Es ist keine Angabe, sondern die Wahrheit: Wolfgang Heiner und ich hatten keine Sekunde Angst vor dem finanziellen Ergebnis. Wir beide wissen aus Erfahrung einiges über die Treue Gottes und die Zuverlässigkeit seiner Verheißungen. Die Opfergelder ergaben DM 43 000, DM 4000 waren übrig. Dafür kaufte sich der Missionstrupp »Frohe Botschaft« einen Lautsprecher für seinen Evangeliumswagen.

Der Glaube, der es mit Jesus gewagt hatte, hatte gewonnen. Dieser Bericht dient nicht der Verherrlichung unseres Glaubens. Wir sind wahrhaftig genug bei anderen Gelegenheiten verzagt und verzweifelt am Boden gelegen. Nein, hier kommt nur das zum Vorschein, was Jesus die Jünger fragte: »Habt ihr je Mangel gehabt?« (Luk. 22, 35) Die Jünger antworteten: »Herr, niemals.« Wollen wir es nicht im Glauben mit diesem Jesus wagen?

Es ist gut, wenn wir in diesem Zusammenhang einmal betend das Glaubenskapitel Hebräer 11 lesen. Das wird uns den Ansporn geben, unsere kleinen und großen Sorgen auf ihn zu werfen, der seine Kinder niemals enttäuscht.

5. Die Gaben der Heilungen (charismata iamaton)
Im Blick auf die Glaubensheilungen herrscht heute unter den Gläubigen viel Unklarheit und Verwirrung.
Zunächst ein Wort gegen die gesetzliche Verengung. Gläubige Christen dürfen selbstverständlich die Hilfe der Ärzte in Anspruch nehmen. Gott hat uns den Verstand gegeben, daß wir ihn gebrauchen. Glaubensheilungen und ärztliche Hilfe sind keine Gegensätze, wie Extremisten manchmal behaupten.
Hinsichtlich der Heilpraktiker ist Vorsicht geboten. Es gibt solche, die okkulte Dinge treiben, natürlich aber auch Männer, die im Rahmen des Natürlichen bleiben und sich keine medialen Grenzüberschreitungen erlauben. Leider gibt es auch Ärzte, die gelegentlich zusätzlich magische Heilmethoden empfehlen. So hörte ich mehrfach in Schleswig‑Holstein, daß Ärzte manchmal Patienten mit Gürtelrose zu Besprechen senden. Es hat mir einmal vor Jahren Propst Schulz von Altona berichtet, daß ein Gemeindeglied von ihm von einem Arzt an einen Besprecher verwiesen wurde.

Die Frage der Glaubensheilung ist durch zwei entgegengesetzte extreme Anschauungen flankiert.
Die strengen Dispensationalisten in den USA und in Kanada sind der Meinung, daß einige Geistesgaben nur zeitlichen Charakter haben und am Ende der apostolischen Zeit aufgehört hätten.
Die heißblütigen Extremisten der andern Seite erklären, daß die sogenannte Zungengabe in gleicher Weise zu finden sei wie in der apostolischen Zeit. Ja viele von diesen Emotionalisten behaupten, daß die Zungengabe der Erweis der Geistestaufe sei.

Wir müssen in der Frage der Glaubensheilung hier dazu Stellung nehmen.
Mehr biblischer Wahrheitsgehalt liegt in der Dispensationstheologie. In der apostolischen Zeit lag das Neue Testament noch nicht vor. Jesus wirkte viele Wunder als Zeichen seiner Messianität. Die Apostel hatten Wunderkräfte und Gaben des Heiligen Geistes als Erweis ihres apostolischen Auftrages. Und nicht nur als göttlicher Ausweis, sondern auch, weil der Jammer des umgebenden Volkes ihnen ans Herz griff.
Von dem Zeitpunkt an, da der neutestamentliche Kanon, das heißt das vollständige Neue Testament vorlag, traten die Wunderkräfte zugunsten des inspirierten Wortes Gottes zurück.
Dieser Rückgang der Geistesgaben kann bereits in der apostolischen Zeit beobachtet werden.

Von der Gabe des Zungenredens hören wir zuletzt im Korintherbrief. In den späteren Briefen des Paulus und Johannes hören wir nichts mehr davon.
Mit der Heilungsgabe ist es ähnlich. In Apg. 19, 11‑12 heißt es: »Gott wirkte nicht geringe Taten durch die Hände des Paulus, so daß sie auch von seiner Haut die Schweißtüchlein und Binden über die Kranken hielten, und die Seuchen von ihnen wichen, und die bösen Geister von ihnen ausfuhren.«
14 Jahre später aber konnte Paulus seine Mitarbeiter nicht mehr heilen. Wir hören das in Phil. 2, 27: »Und er (Epaphroditus) war todkrank.« 2. Tim. 4, 20: »Trophimus aber ließ ich krank in Milet zurück.«
Diese Entwicklung wurde nicht nur von den Dispensationalisten richtig gesehen. An den theologischen Fakultäten der europäischen Universitäten wurde das schon gelehrt, ehe es in den USA eine Dispensationstheologie gab.
Wenn nun aber, wie mir es oft in Nordamerika begegnet ist, von dieser Seite erklärt wird, daß diese »zeitlichen Geistesgaben« in der apostolischen Zeit völlig aufgehört haben, dann kommen wir mit den Ereignissen der Erweckungen und der Tätigkeit der Missionare schwer in Konflikt.
Das andere Extrem, daß wir die Geistesgaben in unserer Zeit in gleicher Stärke und Intensität haben müssen wie im ersten Jahrhundert, ist biblisch nicht zu begründen. ja, es sind daraus viele Irrlehren entstanden, die das Volk Gottes verwirrt haben.

Wir müssen beiden extremen Flanken eine Antwort geben:
Den radikalen Dispensationalisten ist zu sagen: »Wenn wir auch nicht mehr die gleichen Wundergaben der apostolischen Zeit haben, so hat doch der Heilige Geist dennoch sein Büro nicht im ersten Jahrhundert geschlossen. In Einzelfällen, besonders bei Erweckungen, brechen immer wieder Geistesgaben auf. Wir haben den gleichen Gott, die gleichen Verheißungen wie die Apostel, aber nicht den gleichen Auftrag.«
Den heißen Emotionalisten ist zuzurufen: »Bleibet nüchtern und gründet euch auf das voll inspirierte Wort Gottes und nicht auf euer Gefühlsleben. Es gibt Tausende von biblisch ausgerichteten Predigern des Evangeliums heute, die dennoch nicht die Gaben der Heilung und des Zungenredens haben, aber vom Herrn mehr gebraucht werden als die geistlichen Unruhestifter.«
Was beiden entgegengesetzten Lagern zu denken geben muß, sind die Erfahrungen bei den großen Erweckungen. Hier wiederholt sich im Kleinen, was bei der größten aller Erweckungen am ersten Pfingstfest in Jerusalem geschehen ist.
Erweckungen unter den zivilisierten Völkern, die die Bibel haben, sind gewöhnlich nicht von den großen Wundertaten begleitet. Sie haben das Wort Gottes und haben Ärzte für die Kranken. Natürlich gibt es auch hier Gebetserhörungen wie überall bei gläubigen Christen.

Erweckungen unter primitiven Völkern, die keine Bibel haben und auch nicht lesen können, sind gewöhnlich von großen Machttaten des Herrn begleitet.
Das beste Beispiel dafür ist die Erweckung auf Timor. Durch Gottes Güte habe ich große Wunder miterlebt. Die Timor‑Erweckung ist ein Schulbeispiel aus der Planung Gottes. Die Dschungelbewohner haben keine Schulen. Nur die großen Siedlungen wie Kupang, Soe, Atambua und andere haben Schulen. Es gibt Hunderttausende von Timoresen, die nicht lesen und schreiben können. Diesen Analphabeten hat sich Gott in der großen Erweckung ab 1965 durch Wunder geoffenbart. Als die Analphabeten aber lesen gelernt und dann Tausende von Testamenten und Bibeln erhalten hatten, gingen die Wunder rasch zurück.
Wir haben also hier das gleiche Problem wie in der apostolischen Zeit: Die Wunder als Vorläufer, bis das geschriebene, gedruckte, inspirierte Wort Gottes da ist. Das ist jederzeit eine gesunde Entwicklung, wenn die Gläubigen es lernen, sich auf das Wort Gottes und nicht auf ihre Erfahrungen zu verlassen.
Mit einem Blick auf die Gabe der Glaubensheilung darf mit Dankbarkeit berichtet werden, daß im Zusammenhang mit der Timor‑Erweckung Tausende von Wunderheilungen sich ereignet haben. Der Lehrer Ratu Alu auf Timor besaß eine Gabe der Heilung. Er durfte 1964 Tausenden helfen. Leider wurde er hochmütig und verlor die Kraft, die ihm trotz seiner Buße nicht mehr zurückgegeben wurde.

Die ausgesprochenen Heilgaben sind aber sehr selten. Im 19. Jahrhundert hatte Pfarrer Blumhardt in Deutschland eine solche Heilgabe.
In der Gegenwart gibt es einen großen Rumor im Blick auf sogenannte Glaubensheiler. In Wirklichkeit kenne ich kaum einen, der eine wirkliche Heilgabe in der Gegenwart besitzt.
Natürlich gibt es viele Gottesmänner, die in aller Stille nach Jak. 5, 14 handeln und im Glauben Heilungen erleben dürfen. Es ist ein starker Ansporn für das Glaubensleben, zu wissen, daß unser Gott auch im 20. Jahrhundert das Flehen seiner Kinder hört. Jahre hindurch war mir der Schluß von Psalm 91 eine gewaltige Hilfe.
Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen.

Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.

Er ruft mich an, so will ich ihn erhören.

Ich bin bei ihm in der Not.

Ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.

Die Heilungsgabe ist wie andere Geistesgaben großen Verwechslungen ausgesetzt. In Matth. 24, 2 wird im griechischen Grundtext der Ausdruck gebraucht: semeia kai terata ‑ Zeichen und Wunder. Diese Kombination wird ausgerechnet mit der Tätigkeit der falschen Christi und falschen Propheten gebraucht. Man sagt deshalb in der Theologie: Zeichen und Wunder sind ambivalent, doppelwertig. Das heißt, sie können von oben und von unten sein. Heute muß man sogar sagen: Zeichen und Wunder sind trivalent, dreiwertig. Sie können aus drei verschiedenen Quellen kommen, können drei verschiedene Kräfte im Hintergrund haben. Es wurde bereits über die Dreischichtigkeit des Problems gesprochen. Am besten, es wird durch drei Beispiele deutlich gemacht:

a. Bei den Wallamo in Südäthiopien hat ein Christ, der 16 Jahre blind gewesen war, unter dem Gebet und der Handauflegung der Ältesten (Jak. 5. 14) sein Augenlicht wiederbekommen.
Das war eine biblische, eine göttliche Heilung. Ich habe bereits in meinem Buch »Blickfeld Äthiopien« darüber berichtet.

b. Es gibt unter den primitiven Völkern auch eine psychogen bedingte, hysteriforme Erblindung, die durch Suggestion geheilt werden kann. Das ist dann eine Blindenheilung auf menschlicher Basis.

c. Es ist mir durch die Beichte ein Fall der Heilung eines erblindeten Mädchens durch schwarze Magie bekannt. Das ist eine Heilung auf dämonischer Basis.
Damit haben wir wieder die erwähnte Dreitellung: göttlich ‑ menschlich ‑ dämonisch.

Heilungen auf göttlicher Ebene
a. durch eine ausgesprochene Gabe der Heilung (l. Kor. 12, 9),
b. Handauflegung, Salbung und Gebet durch die Ältesten der Gemeinde,
c. schlichtes Gebet unter Benutzung der Verheißungen Gottes.

Heilungen auf mehr oder weniger menschlicher Basis
Suggestionen ‑ Autosuggestionen ‑ Religiöse Suggestionen ‑ Autogenes Training ‑ Heilungsmeditationen ‑ Hypnose ‑ natürlicher Heilmagnetismus

Heilungen mit dämonischem Hintergrund
Weißmagische Heilungen ‑ Schwarzmagische Heilungen ‑ Spiritistische und spiritualistische Heilungen ‑ Fetischistische und psychometrische Heilungen ‑ Okkulte Mentalsuggestion ‑ Okkult unterbaute Hypnose ‑ okkulte Magnetopathie.

Wie verworren und unbiblisch manche Heilungsbewegungen geworden sind, soll an einigen Beispielen klargemacht werden.
Da mich mein Vortragsdienst ausgiebig auf alle Kontinente geführt hat, gewann ich einen Überblick über seltsames Heilsgeschehen. Überall werden gesegnete Taschentücher an Kranke verteilt, damit sie gesund werden. Man beruft sich dabei irrtümlich auf Apg. 19, 12. Da ich in anderen Büchern schon darauf Bezug genommen habe, nur noch folgende Bemerkung: Die Taschentücher haben die gleiche Qualität wie vor 1900 Jahren. Es fehlen nur die vollmächtigen Apostel dazu.
Ein origineller Heilungsvorgang wurde mir in den USA von einem Baptistenprediger berichtet. Der bekannte Heiler Oral Roberts erklärte in einer Versammlung in Florida:
»Ich will heute ein originelles Opfer. Die Diakonen (Ushers) sammeln jetzt alle Taschentücher ein, ganz gleich, ob sie sauber sind oder nicht.«
Das geschah. Dann betete er über den Taschentüchern und bot sie wieder zur Krankenheilung das Stück für einen Quarter (momentan 68 Pfennig) an. Nicht alle Kauflustigen konnten eines kaufen, weil sie nicht ausreichten.

Noch bedenklicher sind andere Methoden des gleichen Heilers. Ich besitze eine Nummer des »Abundant Life« (Überfließendes Leben) mit dem Datum März 1971. Darin findet man eine Gebetsseite mit dem Bild des Herausgebers. In dem Begleittext steht folgende Aufforderung: »Benutze diese Seite als Kontaktpunkt, um dein Wunder von Gott erwarten zu können.« – Diese Heilungsmanöver stehen sehr nahe an der psychometrischen Heilung.
In der gleichen Ausgabe steht die Geschichte, wie ein krankes Mädchen das Buch des gleichen Heilers unter ihr Kopfkissen legte, um geheilt zu werden. Dieser Vorgang liegt in der Nähe der Weißen Magie.

Was hat das alles mit dem Herrn Jesus zu tun? Soll das etwa in irgendeiner Beziehung zu dem Charisma der Heilung stehen? Nein, das hat mit der Bibel nichts zu tun.
Es ist ein notwendiges, aber freudloses Geschäft, so oft auf unbiblische Bewegungen aufmerksam machen zu müssen. Darum soll das Heilungskapitel mit einem positiven Bericht abgeschlossen werden.

Einer meiner Freunde, Dr. theol. Otto Riecker, hat das Buch veröffentlicht: »Ruf aus Indonesien«. Ab Seite 75 berichtet Petrus Oktavianus über ein Heilungserlebnis. Oktavianus ist als der gebildetste und vollmächtigste Evangelist Indonesiens allen westlichen Kritikern wohl bekannt. Ich zitiere:
»Der Herr ist auch ein Herr unseres Leibes. Er heilt unsere Krankheit. Das tut er bis zum heutigen Tag. Ich persönlich habe vom Herrn nicht den Auftrag und die Gabe, Heilung in der Verkündigung in den Vordergrund zu stellen. Nur einmal ist es in meiner ganzen Evangellumsverkündigung geschehen, als ich von Mohammedanern herausgefordert worden war. Ich betete und mußte dem Herrn sagen: >Herr, beweise den Mohammedanern hier durch eine Krankenheilung, daß du der Sohn Gottes bist, daß du ein lebendiger und auferstandener Herr bist.< Ich hatte das vorher nie getan, öffentlich für einen Kranken zu beten. Und doch wagte ich am letzten Tag der Evangelisation zu sagen: >Ihr könnt die Kranken bringen.< Aufgrund meiner Erfahrung hatte ich eigentlich dazu keinen Mut, weil ich keine Gabe dazu habe. Aber der Herr gab mir sichtlich an diesem Tag einen gewichtigen Hinweis und auch die Freiheit, das zu tun.
Was geschah? ‑ An jenem letzten Tag brachten sie die Kranken. Der Herr führte mich, daß nicht ich allein nur das Werkzeug sein würde, um diese Menschen gesund zu machen, sondern wir stellten uns alle gemeinsam in ein Gebet mit hinein, damit die Leute nicht sagten, ich wäre ein großer christlicher Zauberer. Darum haben wir alle, die zu dieser Versammlung da waren, zusammen gebetet. Dann habe ich im Namen der ganzen Gemeinde und im Namen Jesu Christi der Krankheit geboten. An jenem Abend waren es ungefähr 30 kranke Leute, die der Herr von vielerlei Krankheit heilte. Das hat der Herr mir nur einmal in meinem Dienst gegeben, damit in diesem Fall vor den Mohammedanern demonstriert würde, daß Jesus wirklich Gottes Sohn ist.«

6. Wunder (ernergemata dynameon) 1. Kor. 12, 10

Wörtlich übersetzt heißt diese Gabe des Heiligen Geistes: Kraftwirkungen. Es geht hier wiederum nicht um körperliche Kraftäußerungen, sonst wäre jeder Olympiasieger an der Spitze. Nein, hier geht es um die Kraftäußerungen des Heiligen Geistes.
Über den Charakter der Wunder ist theologisch bisher viel diskutiert worden. Ich erinnere nur an die scholastischen Kämpfe zwischen Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury: Liegen die Wunder innerhalb oder außerhalb der Natur?
Die Rationalisten heute, seien es Theologen oder Nichttheologen, leugnen sie ab. Die Orthodoxen lassen zwar grundsätzlich Wunder gelten, bestreiten sie aber, wenn sie wirklich in der Gegenwart damit konfrontiert werden.
Die biblischen Heißsporne dagegen fröhnen gern der Wundersucht.
Zwischen diesen Grenzlinien, der rationalen Ablehnung und des emotionalen Überschwangs, muß ein biblisch gesunder Weg gesucht werden.
Unser Glaube lebt nicht von Wundern und der Wundersucht, sondern vom Wort Gottes. Er lebt aber vom größten aller Wunder, der Menschwerdung des Gottessohnes, er lebt von seiner Kreuzestat, von seiner Auferstehung und von der Gabe seines Heiligen Geistes. Er lebt von der Hoffnung seiner Wiederkunft und dem vollen Heilsratschluß Gottes.
Wir sollen nicht wundergierig sein, dürfen aber auch nicht Gott in den Arm fallen, wenn er Außerordentliches tut.

Lassen wir die Theorie jetzt beiseite. Es war in Westirian, in der ehemaligen Hauptstadt Hollandia (Djajapura). Petrus Oktavianus hielt eine Freiversammlung mit einer Zuhörerschaft von 3000 Menschen. Dunkle Wolken zogen auf. Es drohte ein Tropenregen, bei dem in wenigen Sekunden keine Faser mehr trocken bleibt. Dieser Regen hätte die Versammlung gesprengt. Oktavianus sah darin einen Angriff der Finsternis. Er gebot im Namen Jesu den dunklen Wolken, ihre Last nicht auf die Versammlung abzuladen. Und der Herr bekannte sich zu dem kühnen Glauben. Bei der gleichen Vortragsreihe setzte ein schwerer Sturm ein. Die von den Holländern gebauten Wellblechhäuser veranstalteten mit den losen Dächern einen furchtbaren Spektakel. Die Zuhörer konnten den Redner nicht mehr verstehen. Wieder gebot Oktavianus im Namen Jesu dem Sturm. Und der Sturm legte sich.
Zeugen für diesen Vorfall sind Petrus Oktavianus und der ihn begleitende Missionar Willi Haseloh. Ich habe es aus dem Mund beider gehört.
Dieses Beispiel ist bereits in meinem Buch »Uns, Herr, wirst du Frieden schaffen« berichtet.

7. Weissagungen (propheteia)
An der Zählung der Gaben braucht sich niemand stoßen. Es ist unwichtig, ob wir neun oder mehr Geistesgaben aus den verschiedenen Texten herausfinden. Daß ich auf 24 kam, hängt damit zusammen, daß ich alle in Frage kommenden Texte ausschöpfte und Jesus als die erste und höchste Gabe Gottes erwähnte.
Um nicht von vornherein auf ein falsches Gleis zu kommen, muß grundsätzlich zwischen »Weissagen von oben« und »Wahrsagen von unten« unterschieden werden.
Das Thema Prophetie ist sehr umfangreich. Darum wird hier nur eine Disposition gegeben.

Die Prophetie im Alten Testament
1. Die Propheten haben einen geistigen Durchblick in die Zeitverhältnisse. So erklärte Jeremia dem König, den Fürsten und dem Volk: »Die Babylonier werden unsere Stadt einnehmen. Es ist besser, ihr ergebet euch vorher, um unnötiges Blutvergießen zu sparen.«

2. Die Propheten haben durch Inspiration einen Blick in die Zukunft. Denken wir an die Messiasankündigungen  in Jesaja 42,49,50,53.

3. Die Propheten können durch Inspiration gezielte Angaben für ein persönliches Lebensschicksal machen. So konnte Jeremia dem falschen Propheten Hananja für das laufende Jahr den Tod ankündigen, was auch geschah. (Jeremia 28)

4. Prophet sein konnte auch bedeuten, im Auftrag Gottes verborgene Schuld aufzudecken. So Nathan bei David. (2. Sam. 12)

Die prophetische Gabe im Neuen Testament
1. Prophetisches Reden bedeutet das Wort zur Stunde. So Petrus in Apg. 2, Stephanus in Apg. 7, Paulus in Apg. 17.

2. Prophetisches Reden bedeutet Offenbarung der Zukunft. Die Offenbarung des Johannes ist das gewaltigste prophetische Zukunftswerk.

3. Ein Prophet kann auch zeitlich naheliegende Ereignisse voraussagen. Agabus kündigt die Hungersnot an, die unter Kaiser Claudius eintraf (Apg. 11, 28). Er prophezeit Paulus auch die Verhaftung in Jerusalem (Apg. 21, 10), die eintraf.

4. Der prophetische Durchblick zieht auch verborgene Schuld ans Licht. Petrus und Ananias und Saphira in Apg. 5.

Die prophetische Gabe in der Gegenwart

1. Die prophetische Offenbarung im Blick auf die Heilsgeschichte, die Wiederkunft Jesu und die Endvollendung der Wege hat mit der Bildung des Kanons aufgehört. Alles, was wir im Blick auf die Endgeschichte wissen müssen, ist in der von Gott inspirierten Bibel enthalten. Dieser ganze Wust an »Weissagungen« in extremen Kreisen im Blick auf die Heilsgeschichte hat keine Bedeutung.

2. Gelegentlich kann eine zeitlich begrenzte prophetische Gabe ein Stück naheliegender Zukunft sehen, ohne Wahrsagerei zu sein. Hier ist Vorsicht geboten, weil Wahrsager gewöhnlich ihre satanisch inspirierte Kraft für den Geist Gottes ausgeben. Ein positives Beispiel soll erwähnt werden.

In Südfrankreich war eine Missionskonferenz. In der Gebetsversammlung stand plötzlich ein Bruder auf und erklärte einem anderen Teilnehmer: »Ich sah dich in einem Flugzeug in größter Lebensgefahr. Der Teufel stellte dir nach. Du wurdest aber vom Herrn behütet.« Der gewarnte Bruder antwortete: »Ich habe tatsächlich einen Flug nach London und Irland vor. Bitte betet dafür.«
Sechs Wochen später saß der gewarnte Bruder im Flugzeug. Über England herrschte gutes Flugwetter. Sobald sie die See überflogen, setzte ein furchtbarer Sturm ein.
Bei der Landung in Irland mußte die Maschine zunächst durchstarten. Dann beim zweiten Anflug setzte sie zuerst hart rechts auf, dann links und stoppte dann mit einem Kopfstand. Niemand wurde verletzt.
Die Warnung hatte zur Folge gehabt, daß die Angehörigen des reisenden Missionars und jene Brüder von der Konfrenz für ihn gebetet hatten.

3. Eine dritte Form eines prophetischen Durchblicks in der Gegenwart ist die unbewußte Inspiration eines Verkünders des Evangeliums. Alle gläubigen Evangelisten, Missionare und Pastoren haben es gelegentlich erlebt, daß sie unbewußt in der Verkündigung Dinge sagten, die einen Zuhörer zentral im Gewissen trafen.
Ich konnte das früher, als mein Freund Gottlieb Weiland noch lebte, oft unter seiner Verkündigung erleben. Einmal erzählte er in der Kirche eines Schwarzwalddorfes die Geschichte eines Lehrers. Hinterher kam der Organist, ein Lehrer von Beruf, ganz aufgeregt zu mir und erklärte: »Wie kommt Ihr Freund dazu, meine Geschichte öffentlich in der Kirche zu erzählen?« Ich suchte meinen Freund in der Sakristei auf und fragte ihn: »Gottlieb, wo hast du die Lehrergeschichte her? Der Lehrer draußen sagt, du habest seine Geschichte erzählt.« Gottlieb erwiderte: »Mir kam während der Predigt diese Geschichte nur als Gleichnis, nicht als wirkliches Erlebnis.« Und doch war es die Geschichte des Organisten gewesen.

4. Die prophetische Gabe kann jedes von Gott inspirierte Predigen sein. Jede echte geistgewirkte Verkündigung ist ein Stück Prophetie, die das Gewissen der Hörer erreicht.

8. Die Geisterunterscheidung (diakriseis pneumaton)

Wir treten mit dieser Geistesgabe in ein äußerst notvolles Gebiet ein. Das griechische Wort für Teufel, diabolos, bedeutet Durcheinanderwerfer. In der Tat werden die geistigen und geistlichen Strömungen unserer Tage immer verworrener.

Eine besondere Raffinesse des Erzfeindes ist, daß er Lüge mit Wahrheit mischt. Die Einmischung von biblischen Motiven ist ein wirkungsvoller Köder für die Gläubigen. Hier erfüllt sich 2. Kor. 11, 14, ein Wort, das heute oft zitiert werden muß:
»Satan selbst verstellt sich zum Engel des Lichtes.«

Von allen Geistesgaben habe ich am meisten um die Gabe der Geisterunterscheidung zu bitten, weil es mein besonderer Dienst erfordert. Seit Jahren werde ich aus aller Welt angefragt:
Was halten Sie von der transzendentalen Meditation?
Was halten Sie von Augendiagnose und Akupunktur?
Wie denken Sie über Jakob Lorber?
Wo ist Oral Roberts, Tommy Hicks, Osborn, Wilkerson, Kathryn Kuhlman einzuordnen?
Wie unterscheidet man Geisteskranke und Hysteriker von den Besessenen?
Dürfen wir die Heilkräfte des Spiritisten Harry Edwards und der Besprecher in Anspruch nehmen?
Wie denken Sie über den Film »Der Exorzist«?

Um allen diesen Fragenden persönlich zu antworten, reicht weder die Zeit noch die Kraft.

Alle diese Problemkreise führten dazu, daß ich über diese Fragen Bücher schrieb und auch stets um die Gabe der Geisterunterscheidung betete. Es wäre mir schrecklich, Kinder Gottes mit echten Geisteswirkungen kritisch anzugreifen.
Bevor wir die Frage der Geisterunterscheidung etwas beleuchten, muß zuerst die Rolle des menschlichen Verstandes klargestellt werden.

In dem Buch von Mel Tari steht z. B. der Satz: »Wir wollen den kleinen Computer, den wir im Gehirn haben, auf den Mond schießen und uns im Glauben auf den Herrn verlassen.«
Diese Äußerung ist gut gemeint. Doch generell ist dieser Rat falsch. Gott hat uns mit einem Verstand ausgerüstet, daß wir ihn entwickeln und anwenden.

Paulus gibt in 1. Kor. 14, 20 diesen Hinweis:
»Liebe Brüder, seid dem Verstande nach keine Kinder. Was die Bosheit anbelangt, dürft ihr Kinder sein. Dem Verstande nach seid aber vollkommen.«

Desgleichen gibt er in 1. Thess. 5, 21 den Rat, den Verstand anzuwenden. Er sagt dort: »Prüfet alles!«

Auch der Apostel Johannes schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er 1. Joh. 4, 1 schreibt:
»Glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viel falsche Propheten ausgegangen in die Welt.«

Diese Schriftstellen sagen uns, daß wir die bestmögliche Ausbildung anstreben sollen. Die Bitte um den Heiligen Geist und seine Bevollmächtigung schließt die Tätigkeit des Verstandes nicht aus, sondern ein.

Wer also auf dem Gebiet der Krankenseelsorge oder gar der Seelsorge an Besessenen zu arbeiten hat, sollte nach Möglichkeit sogar eine medizinische Ausbildung haben. Wir müssen in der Lage sein, Geisteskrankheiten, seelische Erkrankungen und Dämonisierungen auseinanderzuhalten. Eine falsche Diagnose kann unheilvolle Auswirkungen haben.

Während ich dies niederschreibe, legt mir der Postbote wieder einen Stoß Briefe auf den Tisch. Darunter ein seelsorgerisches Schreiben. Eine Frau berichtet, wie ein primitiver Seelsorger ihr erklärt habe, sie sei besessen. Aus dem Bericht zu schließen, trifft das gar nicht zu. Ich arbeite nun schon seit Jahrzehnten auf diesem gefährlichen Gebiet und kenne wahrhaftig echte Besessenheitsfälle. Aber noch nie habe ich einem Menschen gesagt, er sei besessen. Ich werde es auch nie tun, weil ich das für gefährlich halte. Ein ratsuchender kranker und belasteter Mensch wird doch durch eine solche Aussage noch mehr belastet. Manchmal könnte ich über solchen naiven Seelsorger geradezu böse werden.

Alle diese erwähnten Punkte sprechen dafür, daß wir unseren vom Schöpfer verliehenen Verstand zurüsten, soweit es nur möglich ist.

Und dennoch reicht auch der bestgeschulte Verstand nicht aus, um geistliche Tatsachen beurteilen zu können. Paulus sagt in 1. Kor. 2, 14‑15:
»Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Nur der geistliche Mensch begreift alles.«

Die fehlende Wiedergeburt und damit die Ausrüstung mit dem Heiligen Geist ist der Grund, daß viele Psychiater dämonisierte Menschen für Hysteriker oder Geisteskranke halten und eine falsche Therapie einleiten.

Es gibt falsche Diagnosen auf beiden Seiten. Psychiater und Theologen können sich irren. Darum brauchen wir zu der bestmöglichen wissenschaftlichen Ausbildung die Gabe des Heiligen Geistes, um die chaotischen Strömungen unserer Zeit beurteilen zu können.

Vor einiger Zeit glaubte ein Prediger mir eine Freude zu machen, wenn er mir die Prophezeiungen einer »neuen Prophetin«, Berta Dudde, zusende. Insgesamt erhielt ich drei Hefte. Sie enthalten direkte Gespräche zwischen Jesus und Berta Dudde im Blick auf seine Wiederkunft. Ich las einige Seiten und schrieb dem Prediger zurück, er möchte mir das nicht mehr zusenden. Diese Gespräche riechen stark nach religiösem Spiritismus und erinnern an Jakob Lorber in Europa und Edgar Cayce in Nordamerika.

Ein schier unlösbares Problem sind gegenwärtig die Heilungsversammlungen von Kathryn Kuhlman. Ich habe Briefe mit begeisterter Zustimmung und solche mit scharfer Ablehnung. Kathryn Kuhlman gehört zu der charismatischen Bewegung, der ich nicht folgen und beipflichten kann. Ich war nur erstaunt, daß die schärfste Kritik aus den Reihen der charismatischen Bewegung kam. Kathryn Kuhlman war im April 1974 auf dem Kongreß in Jerusalem und sprach dort. Ausgerechnet Brüder und Schwestern aus der Pfingstgemeinde haben sie sehr schwer belastet. Ich will auf das Thema hier nicht eingehen.

Eine Tatsache trägt am meisten zur Verwirrung der Gläubigen bei. Es gibt Prediger und schlichte Kinder Gottes, die das Kreuz Jesu, seinen Tod, seine Auferstehung und Himmelfahrt rühmen und zugleich sagen:
»Wir müssen aber mehr haben als das. Wir müssen zur Vollkommenheit gelangen, zum vollen Heilsbesitz ‑ und das geschieht, wenn wir die Gabe des Zungenredens als Erweis der Geistestaufe haben.«
Das ist Irrlehre. Jesus und sein Werk genügt. Wir brauchen keine Zusätze.

Damit kommen wir zu der umstrittensten Geistesgabe.

9. Das Zungenreden (glossa)

. . .  Es kann in diesem kurzen Rahmen nicht die ganze Problematik des Zungenredens aufgerollt werden. Ich habe es bereits getan in meiner Broschüre: »Die moderne Zungenbewegung« – »Strife of Tongues« (englisch) – »Le Conflit des Langues« (französisch).

In der theologischen Diskussion heute ist die Gabe des Zungenredens von zwei Extremen begrenzt, wie schon einmal dargestellt worden ist.

Es gibt Theologen, die erklären, diese Gabe habe es nur im ersten Jahrhundert gegeben. Obwohl ich die Besonderheit der apostolischen Zeit und die Mächtigkeit ihrer Wunder kenne, so teile ich diese Meinung nicht, daß diese Gabe völlig aufgehört hat.

Das andere Extrem ist die häretische Aussage, als müßte jeder Christ, der eine Wiedergeburt erlebt hat, zusätzlich zu dieser Gabe durchdringen. Auch diese Einstellung lehne ich ab, weil sie unbiblisch ist.
Jesus sprach nicht in Zungen. Die 3000, die am ersten Pfingstfest gläubig wurden, sprachen nicht in Zungen. Und Paulus sagt in 1. Kor. 12, 30: »Sprechen sie alle in Zungen? Können sie alle auslegen?« Des Apostels Antwort ist nein, weil die Gläubigen nicht alle die gleichen Gaben haben.

Wir haben in der ganzen Heiligen Schrift keine Anweisung, daß wir diese Gabe suchen sollen.
Nennen wir zunächst die Stellen des Neuen Testaments, die vom Zungenreden sprechen. Es sind: Mk. 16, 17, Apg. 2, Apg. 10, 46, Apg. 19, 6, 1. Kor. 12‑14.

Einige Angaben zu diesen Texten: Mk. 16, 17.
»Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden.«
Der Markustext bringt die Theologen in eine gewisse Unsicherheit. In den älteren Handschriften wie im Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert und im Codex Vaticanus aus der gleichen Zeit fehlt Mk. 16, 9‑20. Desgleichen weisen viele Minuskel-Handschriften diesen Markusschluß nicht auf. Dagegen haben jüngere codices wie der Codex Ephraemi aus dem 5. Jahrhundert und der Codex Bezae Cantabrigiensis aus dem 6. Jahrhundert diesen Markusschluß.
Mir persönlich macht das absolut keine Not. Für Textforschung bin ich offen, aber nicht für Textkritik. Da wir diesen Markusschluß nun einmal in unserer Bibel drin haben, so achte ich, es ist unter der Leitung des Heiligen Geistes geschehen, was wir dankbar zu akzeptieren haben. Dieser Markusschluß atmet den Geist aller vier Evangelien.

Das Ereignis in Apg. 2 kann nicht als die Gabe des Zungenredens angesehen werden. Viele Theologen zwar, wie auch Dr. Dickason vom Moody Bibel Institut, weisen darauf hin, daß in Apg. 2 und in 1. Kor. 12‑14 das gleiche griechische Wort glossa gebraucht wird. Man schließt daraus, daß es sich dann auch um das gleiche Phänomen handelt. Dieser philologische Schluß ist deshalb nicht zwingend, weil die theologische Ausbeute einen anderen Sachverhalt ausweist.
In Apg. 2 haben wir ein Sprachenwunder. Die Apostel konnten den 16 oder 17 in Jerusalem anwesenden Ausländern das Evangelium in deren Sprache verkünden. Ein Dolmetscher war nicht notwendig.

In 1. Kor. 12‑14 haben wir Glossolalie, ein Zungenreden, das niemand verstand, selbst der nicht der es gebrauchte. Hier war ein Dolmetscher oder Ausleger erforderlich.
In Apg. 2 haben wir missionarische Evangeliumsbotschaft. Im Korintherbrief haben wir Gebet in fremder Zunge, Anbetung, Lobpreis Gottes.
In Apg. 10, in der Geschichte vom römischen Offizier Kornelius, hat nach der Heilsannahme die Erfüllung mit dem Geist Gottes und der Verleihung der Zungengabe die Bedeutung, den Judenchristen zu zeigen, daß auch die Heiden zum gleichen Heil berufen sind. Da Petrus in Apg. 10, 47 erklärte: »… die den Heiligen Geist empfangen haben, gleich wie wir «, ist anzunehmen, daß es sich hier nicht um die Glossolalie handelt, sondern um ein ähnliches Ereignis wie in Apg. 2.

Apg. 19 bringt den Bericht, daß Paulus nach Ephesus kommt. Der Apostel merkte, daß mit diesen Christen etwas nicht stimmte. Darum fragte er sie: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, da ihr gläubig wurdet?« Sie erwiesen sich als unwissend, weil sie nur die Verkündigung des Apollos gehört hatten. Als Paulus unter Handauflegung mit ihnen betete, kam der Heilige Geist auf sie. Sie redeten in Zungen und weissagten. Das Wort weissagen, von Luther eingeführt, ist unglücklich gewählt. Im griechischen Grundtext heißt es hier epropheteuon: sie redeten, sie verkündigten prophetisch. Es handelt sich also auch hier nicht um Glossolalie, sondern wieder um den gleichen Vorgang wie in Apg. 2 und 10. ‑ Im übrigen darf diese Stelle nicht mißbraucht werden, wie es oft in den extremen Gruppen geschehen ist. Die Epheser haben eine Übergangssituation. Sie entwickeln sich vom Heidentum zur Bußtaufe des Johannes und dann zum Empfang des Heiligen Geistes. Wir dürfen daraus keine Stufenlehre entwickeln. Die Epheser hatten nichts von Pfingsten gewußt. Wir wissen es und haben es hinter uns.
Alle Stellen der Apostelgeschichte enthalten nicht die Glossolalie, sondern das prophetische Reden in fremder Sprache, das aber ohne Ausleger verständlich war.
Die Situation im Korintherbrief ist verschieden. Vom Sprachenwunder ist hier nicht mehr die Rede. Man kann in 1. Kor. 14 drei Formen des Zungenredens (Glossolalie) herausschälen:
1. 1. Kor. 14, 2: »Wer in Zungen redet, der redet nicht Menschen, sondern Gott.« Es ist eine Gabe der Anbetung und der Verherrlichung der Geheimnisse Gottes.
2. 1. Kor. 14, 5: »Wenn Zungenreden durch einen Ausleger erklärt und gedeutet wird, kann die Gemeinde dadurch gebessert und aufgebaut werden.«
3. 1. Kor. 14, 21‑23: »Zungenreden kann auch ein Zeichen für die Ungläubigen sein. Es bedeutet für sie ein Ärgernis und dient zu ihrer Verstockung.«

Paulus findet positive Worte für die Zungengabe.
Er sagt:
1 . 1. Kor. 14, 18: »Ich rede mehr in Zungen denn ihr alle.«
2. 1. Kor. 14, 39: »Wehret nicht mit Zungen zu reden.«
Da in Korinth über der Zungengabe viel Unordnung und Verwirrung entstanden ist, stellt der Apostel eine Ordnung für den Gebrauch der Zungengabe auf:
1. 1. Kor. 14, 19: Lieber fünf Worte mit dem Verstand als zehntausend in Zungen.
2. Vers 27: Nur zwei oder höchstens drei Zungenredner.
3. Vers 27: Einer nach dem andern.
4. Vers 28: Ohne Ausleger kein Zungenreden.
5. Vers 32: Die Zungengabe muß unter Kontrolle bleiben.
6. Vers 33: Zungenreden darf nicht zur Unordnung werden.
7. Vers 40: Durch das Zungenreden dürfen Ordnung und Anstand nicht verletzt werden.
8. Vers 34‑ Frauen sollen nicht öffentlich in der Gemeinde in Zungen reden.
Da dieses Wort in Vers 34 oft mißdeutet worden ist, muß eine kurze Erläuterung folgen. Das Neue Testament gibt im Blick auf die Frau einige Hinweise.

Der Dienst der Frau wird eingeschränkt:
1. 1. Kor. 14, 34: Kein Zungenreden in der Gemeinde.
2. 1. Tim. 2, 12: Kein Lehramt der Frau. (Einer Frau gestatte ich nicht, daß sie lehre.)
Der Dienst der Frau wird zugelassen:
1. 1. Kor. 11, 5: Frauen können in der Gemeinde beten und prophetisch verkünden (weissagen – propheteuousai).
2. Apg. 21, 9: Die vier Töchter des Evangelisten Philippus verkündigten prophetisch (propheteuousai).
3. Apg. 16, 14‑15: Frauen haben eine dienende Aufgabe.

Die Zungenbewegung in der Gegenwart

Obwohl ich an der biblischen Gabe des Zungenredens festhalte, habe ich zur sogenannten Zungenbewegung ein entschlossenes Nein. Warum?

Es werden alle acht Punkte, die Paulus im Korintherbrief aufstellt, nicht beachtet und eingehalten. Es beten vorwiegend Frauen in Zungen
‑ kein Ausleger ist da, es sind manchmal 20 und mehr Frauen
‑ gelegentlich beten sie auch gleichzeitig
‑ es geht in den extremen Gruppen nicht ehrbar und ordentlich zu
– schließlich erheben sie die Gabe zum Gesetz und zur Richtschnur für die Geistestaufe.

Mit der Zungenbewegung ist dem Teufel ein ungeheurer Einbruch in die Gemeinde Jesu gelungen.

Mein neuestes Beispiel soll erwähnt werden. Es stammt von der Prinz‑Edward‑Insel, einer der kanadischen Ostprovinzen.
Ein gläubiger Pfarrer hielt seine wöchentliche Gebetsstunde. Anwesend waren er, seine Frau und einige Gläubige der Gemeinde. Mitten in der Gebetsstunde fing die Pfarrfrau plötzlich an, in Zungen zu beten. Der Pfarrer erschrak.
Bisher gab es das in seiner Gemeinde nicht. Kaum hatte sie geendet, da setzte eine andere gläubige Frau in Zungen ein. Ein Ausleger war nicht da. Dem Pfarrer wurde es unheimlich. Er brach die Gebetsstunde ab und schickte die Gemeindeglieder heim.

Nach meiner Erfahrung hat sich die Pfarrfrau eine Belastung zugezogen. Sie besitzt sehr viele Fetische, Götzenfiguren, Teufelsfratzen und allerlei kultische Gegenstände vom Missionsfeld. Sie sieht das in ihrer Sammlerfreude als harmlos an und weiß nicht, daß man sich mit kultischen Gegenständen, die der Teufelsanbetung gedient haben, belasten kann. Andere Christen haben den gleichen Eindruck. Auch sie halten die Pfarrfrau für belastet. Es ist eine allgemeine Erfahrung, daß sich das Zungenreden oft in der Nähe der okkulten Belastung und der medialen Fähigkeiten befindet, ja sogar in der Gefolgschaft des Spiritismus.
Inzwischen endete dieser »Zungeneinbruch« in die Gebetsstunde auf tragische Weise. Die Pfarrfrau und die zweite Zungenbeterin haben beide ihren klaren Verstand verloren und befinden sich im Irrenhaus.

Zu den Gaben des Heiligen Geistes ein volles ja. Natürlich haben manche Gaben eine mehr zeitlich begrenzte Bedeutung ‑ ohne ganz aufgehört zu haben ‑, andere behalten ihre Aktualität bis zur Wiederkunft Jesu.

Zu allen menschlich nachgeäfften oder gar dämonisch inspirierten Gaben ein radikales, entschlossenes Nein.

10. Auslegung der Zungen (ermeneia glosson)

Im Blick auf die Auslegung der Zungen habe ich mehr negative als positive Erlebnisse.
Ein Afrikamissionar verbrachte seinen Heimaturlaub in Europa. Er besuchte die Gebetsstunde einer Pfingstgemeinde und hörte plötzlich ein Gebet in dem afrikanischen Dialekt, den er selbst kannte. Das Gebet bestand aus lauter Lästerungen auf die Dreieinigkeit. Der Missionar verließ den Raum, um nicht mitschuldig zu werden. Er wartete draußen das Ende der Versammlung ab und erklärte dem erstaunten Zungenredner, was er gebetet hatte.

Hier liegt also nicht Auslegung durch eine Gabe des Heiligen Geistes vor, sondern Auslegung durch eine verstandesmäßig erlernte Sprache. Das ist also kein Beispiel für die Gabe der Auslegung.

Ein anderes Erlebnis bringt ebensowenig Licht in dieses Problem. Ein bekehrter Judenchrist betete den ersten Psalm in hebräischer Sprache. Ein anderer Teilnehmer, der kein Hebräisch verstand, stand auf und gab »die Auslegung«. Der Hebraist war schockiert. Er erklärte dem »Ausleger« ‑ »Ihre Auslegung war falsch. Es war der Psalm 1 in der Originalsprache der Bibel.«
Mit der Auslegung tappe ich im Dunkel. Ich selbst besaß nie die Gabe und konnte auch eventuelle Auslegungen nicht nachkontrollieren, ob sie stimmten.
Es bleibt aber bestehen, daß es eine Gabe der Auslegung gibt, die gewiß in der apostolischen Zeit reichlich vorhanden war, jetzt aber stark zurückgegangen sein mag. Die Auslegung ist ja nur die Ergänzungsgabe des Zungenredens.

11. Die Apostel (apostoloi) (1. Kor. 12, 28 ‑ 30)
1. Kor. 12 bringt am Schluß des Kapitels noch eine zweite und dritte Aufzählung der Geistesgaben. Wir nehmen die Gaben heraus, die am Anfang des Kapitels noch nicht erwähnt sind.
Unter Apostel versteht man im eigentlichen Sinn des Wortes die Männer, die als Augenzeugen von Jesus selbst zu diesem Amt berufen worden sind. Das Wort kommt aus dem griechischen apostolos Gesandter.
Diese berufenen Boten Jesu wurden für ihren Dienst mit einer dreifachen Vollmacht ausgestattet (Lk. 9, 1‑2):

Die Vollmacht der Verkündigung

Die Vollmacht der Krankenheilung

Die Vollmacht der Dämonenaustreibung

Zur Vollmachtsfrage sind schon viele kritischen Stimmen laut geworden. Sie sagen:
Verkündigung ist die Frage der theologischen Ausbildung. Krankenheilung ist Sache unserer Mediziner. Dämonenaustreibung ist überholt, denn was die Zeit Jesu Besessenheit nannte, ist nur Geisteskrankheit gewesen. Dafür sind heute die Psychiater zuständig.
In diesen Argumenten liegen von Anfang bis Ende Kurzschlüsse, Unkenntnis und fehlende Erfahrung.
Beste Rhetorik, glänzende Kanzelrede ist noch keine Vollmacht, die nur der Heilige Geist gibt.
Die Glaubensheilung liegt auf einer anderen Ebene als die medizinsche Heilbehandlung.
Besessenheit als Geisteskrankheit anzusehen, ist ein verhängnisvoller Fehler, der unseren ungläubigen Psychiatern und modernen Theologen vorbehalten bleibt. Im Neuen Testament sind bereits Dämonisierte und Kranke unterschieden. Nachzulesen ist das in Mt. 4, 24; 8, 16; 10, 1; 10, 8; Mk. 1, 32. Oder blicken wir nur auf die oben angeführte Stelle Lk. 9, 1‑2.
Heilung und Austreibung wird unterschieden. Jesus und seine Jünger waren also keine rückständigen Einfaltspinsel, wie uns aufgeblähte Wissenschaftler glauben machen wollen.
Was die Apostel von ihrem Herrn empfangen haben, gaben sie weiter:
Mk. 16, 20: »Sie aber gingen aus und predigten an allen Orten, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.«
Apg. 19, 11: »Und Gott wirkte nicht geringe Taten durch die Hände des Paulus.«
Außer dem engsten Jüngerkreis haben manchmal auch andere Boten Jesu im Neuen Testament den Namen Apostel erhalten, so z. B. Barnabas in Apg. 14, 14, und Epaphroditus in Phil. 2, 25 (im griechischen Grundtext). Hier ist natürlich nur ihr missionarischer Dienst gemeint, nicht ihre unmittelbare, persönliche Berufung durch Jesus.

In der Missionsgeschichte gab man besonders gesegneten Männern Gottes ehrenhalber den Beinamen »Apostel«. So finden wir in der Geschichte der evangelischen Weltmission von Flachsmeier folgende Bezeichnungen:
Ansgar, Apostel des Nordens; Konstantin und Methodius, Apostel der Slawen (815‑885). Otto von Bamberg, Apostel der Pommern (1060‑1139). Hans Egede, Apostel der Eskimo (1686‑1758).
 Robert Morrison, der Apostel für China (1782‑1839).
 Adoniram Judson, der Apostel von Burma (1788‑1850).

Wie bei allen Geistesgaben, so gibt es auch bei allen Ämtern unechte Vertreter.
Offb. 2, 2: »Sie sagen, sie seien Apostel, und sie sind’s nicht.«

2. Kor. 11, 13: »Falsche Apostel verstellen sich zu Christi Apostel.«

Mt. 7, 15: »Sehet euch vor vor den falschen Propheten.«

1. Joh. 4, 1: »Es sind viele falsche Propheten ausgegangen.«

Mt. 24, 24: »Es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten.«

2. Kor. 11, 26: »… in Gefahr unter falschen Brüdern.«

Es wir nicht nur die Erfahrung des Apostels Paulus, viel unter falschen Brüdern leiden zu müssen. Das ist heute an der Tagesordnung.
Zu erwähnen ist, daß auch manche Sekten heute noch ihren Leitern den Titel »Apostel« zulegen, ohne die geringste Berechtigung zu haben. Es ist nicht nur fromme Phantasterei, sondern entspringt auch einem Lügengeist, wenn in der Neuapostolischen Kirche die Stammapostel als die direkten Nachfolger der Apostel Jesu angesehen werden.

12. Die Lehrer (didaskaloi) 1. Kor. 12, 28
Wenn der Apostel Paulus hier im Korintherbrief von Lehrern spricht, so meint er natürlich nicht das unterrichtende Personal an unseren Schulen.
Wir haben sowohl in Europa als auch in Nordamerika Lehrer, die Kommunisten sind und die Seele der Kinder mit ihrem Atheismus vergiften.
Ich las einmal in einer amerikanischen Kirchenzeitung, daß man in den USA eine Liste von 6000 Lehrern, die offenkundig Kommunisten sind, herausbrachte.
Ich weiß auch um ein Protestschreiben von Billy Graham mit dem Hinweis, daß gläubige Eltern nicht willens sind, ihre Kinder in den staatlichen Schulen von Atheisten verseuchen zu lassen.
In europäischen Ländern, die noch staatlichen Religionsunterricht haben, gibt es dann mit modernistischen Religionslehrern andere Probleme. Gläubige Eltern, die daheim mit ihren Kindern die Bibel lesen, beten und Achtung vor dem Wort Gottes haben, müssen es erleben, daß Kinder vom Religionsunterricht heimkommen und berichten, welche Verwüstungen der Religionslehrer in der Schule anrichtet.
Wenn ein Schullehrer ein wiedergeborener Christ ist, dann ist er ein Lehrer von Gottes Gnaden, der sich im Glauben und Gebet nach einer vom Heiligen Geist gewirkten Lehrgabe ausstrecken darf. Denn der Heilige Geist leitet in alle Wahrheit, offenbart die Zusammenhänge der Schrift und gibt die Ausrüstung und Befähigung zum Lehramt. Und es hat in der Kirchen‑ und Missionsgeschichte Tausende solcher Lehrer gegeben. Der Heilige Geist unterstützt aber nicht die Faulheit. Was wir tun können, nimmt er uns nicht ab.
Paulus hat mit der Angabe der geistgewirkten Lehrfähigkeit natürlich in erster Linie die Bibellehrer im Auge, die die Gemeinde Jesu und ihre Jugend unterrichten.
In den USA und in Kanada hat man die gesegnete Einrichtung, daß nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene vor dem Hauptgottesdienst ihre Sonntagsschule haben. Wir Europäer sind in diesem Stück zu eingebildet und lehnen die Erwachsenen-Sonntagsschule als »Kinderkram« ab. Zu Unrecht. Aus den nordamerikanischen Sonntagsschulen sind viele Missionare hervorgegangen.
Ich will nur ein Beispiel nennen. Miß Mears entfaltete an der First Presbyterian Church of Hollywood eine reiche Sonntagsschultätigkeit. Sie fing in den Dreißigerjahren mit einer schwierigen Mädchengruppe an, die sich Snobs nannte. Schon nach wenigen Wochen kamen 100 Mädchen in ihre Sonntagsschule. Nach drei Jahrzehnten waren die Sonntagsschulgruppen in der Kirche auf 6500 angewachsen. Miß Mears hatte jede Woche 500 Lehrer für die einzelnen Gruppen vorzubereiten. Im Laufe ihres gesegneten Dienstes als Sonntagsschullehrerin entschieden sich 600 junge Menschen für den missionarischen Dienst. Als Billy Graham einmal gefragt wurde, welche Frau ihn geistlich am meisten beeinflußt hatte, antwortete er: »Außer meiner Frau und Mutter war es Miß Mears, die den größten geistlichen Einfluß auf mein Leben gehabt hat.«
Rund 600 Missionare, die heute auf den Missionsfeldern stehen, kommen aus der Sonntagsschule von Miß Mears. Ich habe Miß Mears 1962 getroffen, als ich an der First Presbyterian Church of Hollywood einige Vorträge hielt. Ihre Lebensgeschichte ist in meinem Buch »Unter der Führung Jesu« ab Seite 364 festgehalten.

Es hat auch in Deutschland geisterfüllte Lehrer gegeben. Mein hochverehrter Lehrer Prof. Dr. Karl Heim von der Universität Tübingen wurde schon genannt. Nennen will ich auch Erich Sauer, einst Bibellehrer an der Bibelschule Wiedenest. Seine Bücher sind auch ins Englische übersetzt.
Dankbar erinnere ich mich meines Freundes Fritz Rienecker, der die Wuppertaler Studienbibel begründet hat. Innerhalb dieses Bibelwerkes schätzte ich die Kommentare von Dr. Werner de Boor, auch ein Mann mit einer geistgewirkten Lehrgabe. Prof. Frei von der Theologischen Hochschule in Bethel darf auch nicht vergessen werden.
Der Herr hat sich viele Werkzeuge zubereitet, die nicht alle erwähnt werden können. Ihr Ruhm gehört dem Mann vom Kreuz, der sie errettet und zugerüstet hat für den besonderen Dienst, den der Herr ihnen anvertraut hat.

13. Die Helfer (antilempsis) 1. Kor. 12, 28
Das griechische Wort antilempsis, das von Paulus gebraucht wird, heißt unter anderem Hilfestellung, Beistand.
Helfer sind sehr gefragt und doch schwer zu finden. Eine Engländerin, die mit ihrem Mann in Deutschland unterwegs war, stand winkend an der Autobahn. Ihr Wagen stand auf dem seitlichen Notstreifen. Ihr Mann lag nach einem Herzanfall bewußtlos im Auto. Die Frau versuchte verzweifelt, von jemand mitgenommen zu werden, um eine Ambulanz oder einen Arztwagen zu beschaffen. Sie stand zwei Stunden. Schließlich mußte sie sich zu Fuß auf den Weg machen, um eine Telefonzelle zu finden. Endlich nach drei Stunden hatte sie ihren Mann in einem Krankenhaus. Er war aber auf dem Transport gestorben. Er wäre zu retten gewesen, wenn er in der ersten halben Stunde eine Spritze zur Kreislaufunterstützung bekommen hätte, sagen die Arzte.
Im Dienst der Gemeinde Jesu sind viele Helfer nötig. Kirche ist nicht Einmannsystem. Wie wenige sind aber zum Dienst bereit.
In Kanada sprach ich in einer Baptistengemeinde. Der Pfarrer muß manchmal alle Dienste seiner Gemeinde selbst bestreiten. Seine Frau spielt die Orgel. Er reinigt an den Wochentagen die Kirche. Er bewältigt die Büroarbeit allein. Er ist ein überarbeiteter Mann und sieht stets so erschöpft aus. Wäre das nötig, wenn in der Gemeinde Helfer wären, die eine Gabe zum Helfen haben?
Mir wurde solche Hilfe zuteil. Gläubige in Deutschland und in der Schweiz versenden ehrenamtlich den Rundbrief. Andere stehen mir in der Büroarbeit bei. Meine Frau packte Hunderte von Büchersendungen für die Schriftenmission, ebenso mein Mitarbeiter Martin Rahner aus Lauterbach in Hessen. Eine pensionierte Dame in Hamburg schreibt meine Manuskripte ab. Helfer, die uneigennützlich und selbstlos da einspringen, wo meine nachlassende Kraft nicht mehr ausreicht. – Wie danke ich von Herzen all denen, deren Hände sich regen im Helfen und Beten.
Gebets h e l f e r sind im Reiche Gottes die wichtigsten Helfer. Sie stehen oft unerkannt im Hintergrund. Sie haben gewöhnlich nicht mit großen Titeln und Stellungen aufzuwarten und tun doch einen ganz entscheidenden Dienst, den Thron Gottes anzugehen, um anderen zu helfen.
»Helfen« wird als Geistesgabe kaum erkannt. Und doch müssen wir uns das sagen lassen: Geisterfüllte Herzen helfen anders als soziale Aktivisten. Auf das Motiv kommt es an. Wenn zwei das gleiche tun, ist es immer noch nicht dasselbe.

14. Regierer (kybernesis) 1. Kor. 12,28
Das griechische Wort kybernesis, aus dem sich das Fremdwort Kybernetik entwickelt hat, bedeutet Lenkung, Leitung, Regierung.
Es gibt weltliche und geistliche Regierungen. Man kann es sich bei unseren Politikern kaum vorstellen, daß sie ihr Amt zu regieren aus der Hand Gottes nehmen. Die Wahlkämpfe werden ja oft mit allen Mitteln geführt. Denken wir nur an den Watergate‑Skandal oder an die Ermordung politischer Gegner. Politik ist ein schmutziges Geschäft, das mit Geld, Intrigen, List, Marktschreierei und unter bösen Machtkämpfen geführt wird.
Und doch hat es auch gläubige Politiker gegeben. Einem oder zwei Präsidenten der Vereinigten Staaten des vergangenen Jahrhunderts wird nachgesagt, daß sie gläubige Christen gewesen sind. Auch auf dem englischen Königsthron saßen schon gläubige Menschen. In Kanada war Ernest Manning, Gouverneur von Manitoba, ein aktiver zeugnisfreudiger Christ. 1966 gab er übers Radio durch, alle Christen Kanadas sollten um eine Erweckung beten. Auch Robert Thompson will ich erwähnen, der vor Jahren Führer der Konservativen Partei in Britisch‑Columbien gewesen war. Er ist ein Mann des Gebetes.
In Ostasien wäre Sygman Rhee zu nennen, der als Widerstandskämpfer gegen die Japaner verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurde. Dort bekehrte er sich und wurde zunächst Evangelist der Mitgefangenen. Nach Abzug der Japaner kam er frei und wurde der erste Präsident von Südkorea. Er hat viele Menschen für jesus gewonnen. Für einen ehemaligen Widerstandskämpfer und Präsidenten ist es ungewöhnlich, daß er sein Leben als überzeugter Christ führte.
Auf dem kirchlichen Sektor hat es Bischöfe und andere leitende Männer gegeben, die den christlichen Gemeinden Unheil brachten. Denken wir z. B. an den Spiritisten Bischof Pike oder an den englischen Bischof Robinson, der mit seinem Buch »Honest to God« sich als Modernist auswies. Moderne Theologie und Nachfolge Jesu sind Gegensätze.
Natürlich haben wir auch Bischöfe, die ihr Leben Jesus ausgeliefert haben und ihr verantwortungsvolles Amt täglich neu aus den Händen des Herrn nehmen. Ich will nur einen nennen, den unvergessenen bayerischen Bischof Hermann Bezzel.
Bei meinen englischen Vorträgen in der Eklektik Society erzählte mir mein Freund Richard Bewes, daß sie in England einen gläubigen Bischof haben, der die Evangelikalen sehr fördert.
Am meisten finden wir geisterfüllte, Gott hingegebene Führernaturen in der Kirchengeschichte und Missionsgeschichte. Unsere Reformatoren wären zu nennen. Aber ihr Leben ist schon von Hunderten von Autoren gewürdigt worden.
Aus der Missionsarbeit will ich nur einen Mann erwähnen, dessen Beispiel aber für viele steht. Hudson Taylor. In dem Buch »Hudson Taylors geistliches Geheimnis« (Moody Press) heißt es im Vorwort: »Er war ein Mann mit einem wunderbaren Organisationstalent begabt, mit einer energischen Initiative, einer unermüdlichen Ausdauer und einem erstaunlichen Einfluß auf Menschen. Zugleich besaß er eine kindliche Demut. Wahrhaftig, Hudson Taylor war Gottes auserwähltes Werkzeug.«
Man kann das Volk oder die Kirche regieren mit einem natürlichen Talent und einer angeborenen Organisationsfähigkeit. Man kann aber auch regieren mit einer Weisheit und Gabe, die der Geist Gottes darreicht. Damit wir es nicht vergessen, sei es noch einmal gesagt: Der Heilige Geist kann auch die natürliche Begabung reinigen, heiligen und gebrauchen.

15. Die Liebe (agape) 1. Kor. 13
Mitten in die beiden Kapitel über die Geistesgaben baut der Apostel sein Hohes Lied über die Liebe.
Bei dem Ausdruck Liebe ist die griechische Sprache vielseitiger. Die Griechen unterscheiden eros, philia, agape.
Im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus hatte eros zunächst keine sexuelle Bedeutung. Es war eine schöngeistige Liebe, die später auch platonische Liebe bezeichnet wurde. Sehr bald hat sich die Bedeutung des Wortes aber gewandelt. Schon in der Zeit Jesu verstand man unter eros die geschlechtliche Liebe.
Philia ist die Liebe zu den Eltern, Geschwistern und Freunden. Während das Wort eros im Neuen Testament nicht vorkommt, findet sich das Wort philia 25mal.
Wenn hier unter den Geistesgaben die Liebe genannt wird, so ist agape gemeint. Dieser Begriff kommt als Substantiv und Adjektiv 250mal im Neuen Testament vor.
Es ist nicht von ungefähr, daß die Liebe mitten zwischen den Geistesgaben steht, aber auch unter den Früchten, Galater 5, 22, aufgezählt wird. Die Liebe ist Frucht und Gabe zugleich. Paulus sagt in Römer 5, 5: »Die Liebe ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist.«
All den extremen Gruppen, die die Zungengabe über alles stellen, muß an Hand von 1. Kor. 13 gesagt werden, daß die Zungengabe, aber auch alle Weisheit und Erkenntnis, alle Heilungen und Wunder ohne die Liebe nichts sind.
Das Wort Liebe wird oft falsch verstanden. Sie hat nichts mit süßer Weichlichkeit und falscher Höflichkeit zu tun. Man sagt, Liebe ohne Wahrheit ist keine Liebe. Wahrheit ohne Liebe ist keine Wahrheit.
Ich bereiste schon sehr oft die englisch sprechenden Völker. Der Unterschied zum deutschen Wesen ist offensichtlich. Das englische Sprachgebiet legt mehr Wert auf Höflichkeit als das germanische Sprachgebiet. Das hat seine Vorteile und Nachteile. Der Höfliche kommt besser durchs Leben. Der Nachteil ist, daß der Höfliche mehr Kompromisse machen muß. Nun muß ich eine eigene Beobachtung nennen. Aus Höflichkeit werden in England, den USA, Australien, Kanada Irrlehren viel leichter geschluckt als anderswo. Man wagt Irrlehren nicht entgegenzutreten. Diese Kompromißbereitschaft, Nachgiebigkeit und Höflichkeit wird vom erhöhten Herrn in Offb. 2‑3 gerügt.

Nur als Beispiele seien genannt:
Offbg. 2, 14: »Ich habe wider dich, daß du daselbst hast, die an der Lehre Bileams halten.«
Offbg. 2, 20: »Ich habe wider dich, daß du lässest das Weib Isebel, die da spricht, sie sei eine Prophetin, lehren und verführen … «
Man läßt Irrlehrer falsche Lehren verbreiten und wehrt sich aus Höflichkeit nicht gegen sie. Natürlich errichten wir keine Scheiterhaufen. Irrlehren sollten aber von der Kanzel herunter offen ausgesprochen werden. Das verstößt nicht gegen die Liebe. Im Gegenteil, man versündigt sich gegen unerfahrene Gemeindeglieder, die in ihrer Unkenntnis solchen Irrlehren zum Opfer fallen.
Zur Liebe die Wahrheit, zur Wahrheit die Liebe!
Gehen wir aber in die konkrete Praxis. Bei einer meiner Indientouren kam ich mit einem hochgestellten Inder ins Gespräch. Wir unterhielten uns über die missionarische Hilfe aus dem Westen. Er erklärte: »Die Missionsarbeit ist vorwiegend ins Soziale und Caritative abgerutscht. Es geht nicht mehr um Seelenrettung, sondern um den Bau von Lehrlingsheimen, Krankenhäusern, Schulen und dergleichen. Diese materielle Hilfe ist wichtig, aber nicht das Wesentliche. Hinduisten, Buddhisten können auch Krankenhäuser bauen. Sie können aber niemand zu Jesus führen.«
Dieses Gespräch zeigte mir, daß der Bedeutungswandel der christlichen Kirchen des Westens sich bereits auf dem Missionsfeld abzeichnet. Philanthropische Leibsorge steckt zwar auch im Evangelium, ist aber ein Problem zweiter Ordnung.
Wir sind damit beim springenden Punkt. Man zog früher in der deutschen Theologie gegen das social gospel (das soziale Evangelium) zu Felde. Heute ist unsere eigene Theologie an diesem Punkte angelangt.
»Evangelium praktizieren heißt sozial engagiert sein.« Das ist eine der Parolen, die gut klingt, und doch dem Neuen Testament nicht entspricht.
Wie weit diese irrende Theologie selbst in die gläubigen Kreise hineingreift, soll ein Beispiel zeigen, das mich sehr beschäftigt hat.
Ehe ich Ende September Kanada verließ, legte mein Freund Gottfried Amend ein kanadisches Kirchenblatt vor mich hin. Sein Finger wies auf eine Gruppenaufnahme des Podiums der Lausanner Weltkonferenz vom Sommer 1974.
Darunter stand ein Bericht, daß sich die Führung der Konferenz die Teilnahme der Modernisten und der Pfingstler durch Kompromisse erkauft hatte. Die Pfingstler verlangten die Erklärung, daß Zungen und Heilungen auch für die Gegenwart seien. Die Modernisten, darunter ein australischer Bischof, verlangten, daß in allen Lausanner Verlautbarungen das Wort Hölle nicht enthalten sein dürfe, und daß der Ausdruck Evangelism (Evangelisation) durch den Ausdruck Social Actionism (soziale Aktivität) ersetzt werden müsse. Diese Vereinbarung sollte geheim bleiben, kam aber durch Indiskretion an die Öffentlichkeit.
Ich erwiderte meinem Freund, wenn dieser Bericht stimmen sollte, was ich fast nicht glauben kann, dann kostet das der verantwortlichen Leitung die Vollmacht. Ich habe die Namen absichtlich weggelassen, weil der, dem dieser Kompromiß in die Schuhe geschoben wird, ein Mann ist, den ich schätze, für den ich bete und den alle Welt kennt.
Ganz abgesehen von dem Schock, den dieser Artikel bei mir ausgelöst hat, finden wir auch hier die falsche Definition der Liebe: Soziale Aktivität.
Die Liebe, die der Heilige Geist schenkt, liegt auf einer höheren Ebene. Liebe ohne die Christusbezogenheit, Liebe ohne die Erfüllung mit dem Geist Gottes ist nur gutmeinende menschliche Aktivität.
Wenn unsere Herzen von der Liebe Jesu erfüllt sind, dann regen sich die Hände von selbst. Ich zitiere Luthers Wort: »Der Glaube fragt nicht, was zu tun sei, sondern ist immer am Tun.«
Wer über die Liebe schreibt, tut das immer mit schlechtem Gewissen. Wer ist an der Liebe nicht schuldig geworden? Schon von dieser Sicht aus haben wir in der Ewigkeit nichts aufzuweisen. Was haben wir mit allen Gaben zu bieten, wenn das Fundament »die Liebe, die uns dringt«, nicht in Ordnung ist?
Wir haben Vorbilder der Liebe, angefangen von Jesus, der sich um unsertwillen ans Kreuz schlagen ließ. Wir denken an Tabea (Apg. 9, 36 f.), die den Armen Kleider ohne Entgelt nähte. Franz von Assisi steht uns vor den Augen. Mathilde Wrede, der Engel der Gefangenen. Georg Müller mit seinen zehntausend Waisen. Kagawa, der Bruder der Elenden und Asozialen. Es gäbe eine lange Liste, wollte man alle bekannten und unbekannten jünger Jesu nennen, die im Geiste und in der Liebe ihres Herrn sich für andere aufgeopfert und verzehrt haben. – Stehen wir in dieser Liste?

16. Das Amt (diakonia) Römer 12, 7
Wir verlassen nun die Aufzählung der Geistesgaben, die wir im Korintherbrief finden und wenden uns zu Römer 12. Wir nehmen aus diesem Text nur die Gaben heraus, die noch nicht besprochen worden sind.
In der Luther‑Übersetzung wird das Amt genannt. Im griechischen Text steht das Wort diakonia: Diakonie. Wir befinden uns damit auf einem in der Gegenwart viel diskutierten Gebiet.
Mutterhäuser haben Not damit, Jungschwestern zu finden. junge Mädchen und junge Männer haben keine Bereitschaft zum Dienen. Das freie Leben, der Lebensstandard ist vielen wichtiger, als den Weg des Gehorsams und des Dienens zu gehen.
Die Diakonie hat aber auch andere Probleme. Es liegen mir viele Gespräche mit Diakonissen vor, die unter der Herrschsucht ihrer Oberin leiden. In einem Diakonissenhaus, in dem ich vor vielen Jahren wohnte, sind 20 Schwestern wegen ihrer Oberin davongelaufen.
Das Amt der Diakonie ist der »Geistesgabe des Helfens« verwandt. Darum können wir uns hier kurz fassen.
Das große Vorbild aller Dienenden, ob mit oder ohne Haube, ob mit oder ohne Amt, ist Stephanus. Von ihm sagt die Heilige Schrift:
Apg. 6, 5: »Stephanus, ein Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes.«
Das ist Diakonie, aus dem Heiligen Geist geboren und durch den Heiligen Geist bevollmächtigt. Vom gleichen Mann heißt es:
Apg. 6, 8: »Stephanus aber, voll Glaubens und Kräfte, tat Wunder und große Zeichen.«
Es geht natürlich nicht darum, daß wir durch große Taten und Wunder glänzen. Der verborgene Dienst ohne Anerkennung, um Jesu willen getan, steht vor Gott in gleicher Größenordnung.
Ein Amt, das wir alle haben können, soll in Form eines Beispiels angedeutet werden. Als Louis Harms gestorben war, stellten die, die ihn in den Sarg betteten, fest, daß seine Knie wie Leder waren. Lederknie ‑ woher kamen sie? Louis Harms verbrachte jeden Morgen Stunden im Gebet. Darum gebrauchte ihn der Herr zur Gründung der Hermannsburger Mission und zur Rettung vieler Menschen. Die Gläubigen mit den Lederknien sind die besten Amtsträger im Reiche Gottes, denn die Fürbitte ist die beste Diakonie, die es gibt.

17. Ermahnung (paraklesis) Römer 12, 8
Das griechische Wort für Ermahnung = paraklesis, hat einen größeren Aktionsradius als das deutsche Wort. Parakaleo heißt herbeirufen, zu Hilfe rufen, ermahnen, ermuntern, trösten, bestärken. Das Substantiv paraklesis heißt also in der zweiten Bedeutung Ermahnung, Trost, Zuspruch, Seelsorge. Wir haben in der Bibel wunderbare Partien der Ermahnung. Denken wir etwa an den Abschied des Apostels Paulus von den Ältesten der Gemeinde von Ephesus.
Apg. 20, 28: »So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, welche er durch sein eigen Blut erworben hat.«
Der Apostel Paulus war ein Meister des Ermahnens. Denken wir einmal an seinen Brief an Philemon. Einer meiner verehrten Lehrer, Prof. Dr. Martin Schlunk, sagte uns in der Bibelkunde: »Der Philemonbrief ist ein Kabinettstück der Ermahnung und Seelsorge.«
Das Ermahnen kann aus der Gesetzlichkeit kommen oder aus einem Herzen voller Liebe und Verstehens. Beides habe ich erlebt.
Es gibt alte Brüder und Schwestern, die so von einer tyrannischen, pharisäischen Gesetzlichkeit sind, daß sie ihrer Umwelt das Leben schwermachen. Manche Frauen sind unter der frommen Tyrannei ihres Ehegatten seelisch zerbrochen. Ich habe solche Beichten erlebt.
Ich weiß selbst ein Lied davon zu singen, was gesetzliche Brüder im Reich Gottes anrichten. Auch große Männer sind nicht davon frei geblieben. Denken wir einmal an Johannes Calvin, unter dessen Einfluß der Arzt Dr. Michael Servet auf dem Scheiterhaufen endete, weil er nicht an die Trinität glauben konnte.
Natürlich verabscheuen wir eine solche unbiblische Gesetzlichkeit. Das ist Praxis des Alten Testamentes. Wir können nicht Menschen umbringen, weil sie nicht glauben können. Darin sind wir uns wohl alle einig.
Wie denken wir aber, wenn diese calvinistische Gesetzlichkeit in den USA und in Kanada wieder um sich greift? Ich könnte selbst Beispiele von großen Männern Gottes bringen, will sie aber nicht bloßstellen.
Ohne Namens‑ und Ortsangabe gebe ich einen kurzen Bericht. Es war im Herbst 1974 in Kanada. Mit meinem Freund Gottfried Amend war ich zu Vorträgen unterwegs. An einer Bibelschule erzählte der Direktor folgendes Beispiel: Ein junger Mann meldete sich bei der Bibelschule. Bei der Vorstellung hörte der Direktor, daß er v o r s e i n e r Bekehrung geschieden worden war. Daraufhin wurde seine Aufnahme abgelehnt. Das ist Gesetz und kein Evangelium.
Ein anderes Beispiel erzählte Jack Wyrtzen meinem Freund. Wyrtzen erklärte, daß er einen frommen Freund habe, der die Meinung vertritt, daß ein Ehepartner nach dem Tode des Gatten nicht mehr heiraten solle. ‑ Das ist wiederum gesetzlich und unbiblisch dazu.
Es gibt auch ein Ermahnen aus der Liebe heraus. Das Gesetz schlägt und verwundet den Menschen. Das Evangelium tröstet, verbindet Wunden, heilt. In der Zeit, da ich in schwersten Kämpfen und Anfechtungen stand, habe ich wundervolle Briefe erhalten, die mich in meiner Verzweiflung stärkten. Ich danke an dieser Stelle all diesen unbekannten und bekannten Briefschreibern, vor allem Dr. Gerhard Bergmann.
Zu den griechischen Wörtern parakaleo, paraklesis gehört auch das Substantiv parakletos. Und das ist die Bezeichnung, die Jesus in den Abschiedsreden vom Heiligen Geist gebraucht. Wir finden das in Johannes 14 ‑15.
Joh. 14, 16: »… und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich.«
Joh.. 15, 26: »Wenn der Tröster kommen wird, der wird zeugen von mir.«
Bei all dem wunderbaren Trost, den mir gläubige Menschen vermittelt haben, bleibt doch eine Wahrheit unangetastet bestehen: Nichts und niemand ist mit dem zu vergleichen, was der Heilige Geist für uns tut.
Phil. 1, 19: Der Heilige Geist gibt uns die »Handreichung«, die wir brauchen.
Joh. 6, 63: Der Heilige Geist macht uns das Wort lebendig.
Joh. 16, 14: Der Heilige Geist verklärt uns jesus.
Röm. 8, 26: Der Heilige Geist vertritt uns vor Gottes Thron mit unaussprechlichem Seufzen.
Joh. 14‑16: Der Heilige Geist gibt uns den Zuspruch, die Hilfestellung, die Seelsorge, die wir nötig haben.
Wer den Heiligen Geist als Mahner und Tröster hat, wird geschickt, an anderen das gleiche zu üben.

18. Die Gebefreudigkeit (metadidomi) Röm. 12, 8
Luther übersetzt Röm. 12, 8 auf folgende Weise: »Gibt jemand, so gebe er einfältig.« Das Wort einfältig ist uns kaum noch verständlich. Luther meint, der gebe ohne Reflexion, ohne Selbstbespiegelung, in Redlichkeit. So dürfen wir den griechischen Ausdruck metadidomi en aploteti verstehen.
Man mag darüber erstaunt sein, daß die Gebefreudigkeit eine Geistesgabe sein soll. Wir müssen aber den Textzusammenhang stehen lassen. Die Opferfreudigkeit steht in Römer 12, 6‑9 mitten unter den Geistesgaben. Darum lassen wir es auch so stehen.
Geiz und Gebefreudigkeit habe ich in 40jährigem evangelistischen Dienst in allen Variationen erlebt.
Ich hatte in einer australischen Gemeinde einige Dienste. Das Sonntagsopfer wurde als Beitrag für meine Reisekosten angekündigt. Meine Flugkarte hatte DM 7200,‑ betragen. Die anwesenden Deutschen gaben ein gutes Opfer. Leider habe ich nie einen Cent davon gesehen. Als ich 4 Monate später den Pastor anschrieb, antwortete er mir: »Der Treasurer (Kirchenrechner) hat das Geld gestohlen.«
In Kanada bekam ich einmal für 16 Vorträge 25 Dollar, und meine Flugkarte hatte 900 Dollar betragen. Wenn ich um der Opfer willen auf anderen Kontinenten evangelisiert hätte, wäre ich daheim geblieben.
Das ist die eine Kehrseite. Zum Glück hat der Herr auch andere Jünger. Ich denke an den Farmer John Ballantyne in England. Da er dieses Buch nicht zu lesen bekommt, darf ich ihn ruhig nennen. Eines Tages schrieb er mir, er hätte alle meine englischen Bücher. Er sei dadurch sehr gesegnet worden und wolle nun von dem Segen weitergeben. Er sandte mir für meine Schriftenmission 2mal je DM 600,‑.
Nie Mangel gehabt! Das war das Bekenntnis der Jünger. Das ist auch mein Bekenntnis. Leben und volle Genüge hat der Herr versprochen ‑ und gehalten (Joh. 10, 11). Ich könnte ein dickes Buch über die Versorgung Gottes schreiben. Es gibt aber Menschen, die so etwas mißverstehen. Bei jedem neuen Buch haben sich auch Kritiker gemeldet. Man braucht Ja Demütigungen, sonst würden die Bäume in den Himmel wachsen.
Ich habe nun von passiven Erlebnissen berichtet.
Das gleiche könnte ich auch auf der aktiven Seite berichten. Da ist die Gefahr der Mißverständnisse noch größer. Gesetzliche Gläubige kritisieren Ja gern.
In Sprüche 11, 24 haben wir das treffliche Wort:
»Einer teilt aus und hat immer mehr; ein anderer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer.«
Viele Gläubige haben auch nicht den Segen von Maleachi 3, 10 kennengelernt:
»Bringet den Zehnten ganz in mein Kornhaus, auf daß in meinem Hause Speise sei. Und prüfet mich hierin, ob ich nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herabschütten die Fülle.«
Paulus drückt es mit seinen Worten so aus:
2. Kor. 9, 6: »Wer kärglich sät, wird kärglich ernten; wer da sät im Segen, wird im Segen ernten.«
Es ist die Erfahrung aller Gläubigen, die der Herr vom Geiz befreien konnte: je mehr man dem Herrn anvertraut, desto mehr öffnet er seine Hände gegen uns.
Zur Abrundung dieses kleinen Kapitels ein Beispiel, das ich im Sommer 1974 erlebte. Ein junger Mann, der seinen Namen verschwieg, teilte mir mit, er hätte mein Buch über Indonesien gelesen. Das hätte ihn veranlaßt, mir für die Missionsarbeit 3000 Franken zu senden. Die zweite Frucht des Buches sei, daß er sich nunmehr an einer Schweizer Bibelschule anmelde. Inzwischen sandte er weitere 2000 sfr. für die Bibelmission.

19. Die Barmherzigkeit (eleeo u. eleos Röm. 12, 8
Bei der Beleuchtung der Geistesgaben könnte ein Mißverständnis aufkommen. Von jedem Christen wird Glaube, Liebe, Hilfsbereitschaft, Gebefreudigkeit, Barmherzigkeit erwartet. Es gibt keine Nachfolge Jesu ohne diese Eigenschaften. Es kann aber zu den allgemeinen christlichen Merkmalen noch eine spezielle Geistesgabe hinzutreten.
Wenn hier von der Barmherzigkeit gesprochen wird, so ist damit das Verhältnis Mensch zu Mensch gemeint. Das Üben der Barmherzigkeit hat sein Vorbild und seine Ursache in der Barmherzigkeit, die Gott an uns übt.
Ps. 103, 8: »Barmherzig und gnädig ist der Herr.«
Lk. 1, 50: »Seine Barmherzigkeit währet für und für. «
Eph. 2, 4: »Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit.«

Weil Gott an uns Sündern Barmherzigkeit geübt hat, erwartet er von uns ebenfalls eine barmherzige Gesinnung.
Mt. 9, 13: »Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer.«
Jak. 2, 13: »Es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit geübt hat.«
Mitleid kann man heute noch allgemein unter den Gläubigen finden. Die Barmherzigkeit ist selten geworden.
Es hat jemand das Gleichnis vom barmherzigen Samariter umgedeutet. (Luk. 10). Damals gingen der Priester und der Levit an dem Unglücklichen achtlos vorbei. Heute ist es anders. Der Priester und Levit nehmen einen Prügel und schlagen den Unglücklichen vollends tot.
Um der Wahrhaftigkeit willen muß ich bekennen, daß ich mehr Unbarmherzigkeit unter alten Gläubigen gefunden habe als in der Landeskirche. Manche Gläubige halten die pharisäische Gesetzlichkeit und Unbarmherzigkeit für eine höhere Stufe der Heiligung. Das wäre schnell bewiesen, wenn ich einmal die Briefe veröffentlichen würde, die ich von manchen Gläubigen erhielt.
Um so mehr ist mir ein kostbares Geschenk, daß ich unter Gläubigen solchen begegnet bin, die wirklich eine Geistesgabe der Barmherzigkeit besitzen und sie ausüben. Wie gern würde ich solche Beweise einer barmherzigen Gesinnung in die Öffentlichkeit tragen. Das gäbe ein Buch für sich.

20. Der Evangelist (euangelisthes) Eph. 4, 11
Nach den Stellen 1. Kor. 12 und Römer 12 haben wir jetzt Eph. 4, 11 zu untersuchen. Hier werden die Dienste der Evangelisten und Hirten genannt. Wenden wir uns zunächst der Aufgabe des Evangelisten zu.

Als kleine Einleitung dazu das Erlebnis eines Freundes. In seinem Urlaub war dieser Freund in Schleswig‑Holstein unterwegs. Am Sonntagmorgen hörte er die Glocken, die ihn zum Gottesdienst einluden. Er betrat eine lutherische Kirche. Der lutherische Pfarrer begrüßte ihn als den einzigen Besucher. Die Pfarrfrau war noch als Organistin erschienen. Nach einem kurzen Gespräch, daß es keinen Sinn habe, unter diesen Umständen Gottesdienst abzuhalten, lud der Pastor meinen Freund zu einer Tasse Kaffee und einem Schachspiel ins Pfarrhaus ein.
Einige Jahre später hörte ich, daß einige Pastoren in Schleswig‑Holstein ihre Kirchenleitung gebeten haben, die regulären Gottesdienste zu beenden und Schleswig‑Holstein zum Missionsgebiet zu erklären. Natürlich ging dieser Vorschlag nicht durch.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich selbst einmal. Ein ungläubiger Pfarrer lud mich bei einem besonderen Anlaß ein, die Sonntagspredigt zu übernehmen.
Zum Gottesdienst erschien der Organist und ein altes Ehepaar. Der Pfarrer selbst war auch nicht da. Mir kam hinterher der Gedanke, ob man mir einen Streich spielen wollte. Wie ich erfahren habe, wußten die gläubigen Kreise nichts von meinem Kommen, sonst hätte ich wenigstens die Gläubigen unter der Kanzel gehabt. Angesichts der »Ausblutung dieser Kirche« hielt ich keine Liturgie. Es wurde auch nicht gesungen. Ich stellte mich in die Bankreihe vor das alte Ehepaar und gab den beiden eine biblische Botschaft. Ich habe in meinem vierzigjährigen Dienst nur einmal eine solche Erfahrung gemacht. Wie ich hörte, hat dieser Pfarrer jetzt entweder vom Staat oder von der Kirche eine Auszeichnung erhalten. So war es in einem Kirchenblatt zu lesen. Viele Kirchen sind heute soweit, daß sie keinen Pastor, sondern einen Missionar oder Evangelisten gebrauchen könnten. Packen wir einmal das weite Problem der Evangelisation an. Die Evangelisation ist ja nicht nur der Dienst des Evangelisten allein, sondern auch aller entschiedenen Christen.
Das Neue Testament kennt zur Evangelisation drei Begriffe: euangelion (Evangelium, Mark. 1, 1), euangelizesthai (evangelisieren, Matth. 11, 5), euangelisthes (Evangelist, Eph. 4, 11).

a. Der Begriff Evangelium kommt ursprünglich aus der Kriegssprache und bedeutet Siegesnachricht. Im neutestamentlichen Sprachgebrauch zeigt sich der Bedeutungswandel in Frohbotschaft. Das Kittelsche Wörterbuch sagt: »Will man den Inhalt des Evangeliums mit einem Wort zusammenfassen, so lautet er Jesus Christus.«

b. Evangelisieren heißt demnach nichts anderes, als Jesus Christus verkündigen. In einer Erklärung des anglikanischen erzbischöflichen Evangelisationskomitees heißt es: »Evangelisieren heißt, in der Macht des Heiligen Geistes den Menschen Jesus Christus zu vergegenwärtigen, daß sie an Gott glauben, jesus als ihren Heiland annehmen und ihm als ihrem König in seiner Gemeinde dienen.« Eine treffende Definition bringt auch das Kittelsche Wörterbuch: »Evangelisieren heißt nicht nur reden und predigen, sondern ein Verkünden in Vollmacht und Kraft. Zeichen und Wunder begleiten die Evangeliumsbotschaft. Sie gehören zusammen; denn das Wort ist wirkungskräftig. Die Verkündigung der Gnadenzeit, der Gottesherrschaft, schafft einen in jeder Hinsicht gesunden Zustand. Darum werden körperliche Gebrechen geheilt, wie das Verhältnis des Menschen zu Gott geordnet wird.«

Beachtet muß werden, daß das Tätigkeitswort evangelisieren im Neuen Testament in der medialen, halbpassiven Form steht. Der Evangelisierend handelt nicht in eigener Vollmacht kraft seiner volkstümlichen Beredsamkeit. Routine und Technik der Rede erreichen zwar eine seelische Ankurbelung aber keine Wiedergeburt des Menschen. Wir können Christus und dem Heiligen Geist nicht nachhelfen. Das Wort Gottes und der Heilige Geist sind die Handelnden. Der Evangelist ist nur der ergriffene Träger der Frohbotschaft, das Werkzeug Gottes.

c. Der Begriff Evangelist kommt im Neuen Testament nur dreimal vor: Apg. 21, 8, Eph. 4, 11 und 2. Tim. 4, 5. Es ist schwer, den Dienst des Evangelisten im Neuen Testament gegen den anderer Verkündiger abzugrenzen. Der Bonner Theologe Christlieb sieht im Evangelistenamt eine Ergänzung des Apostelamtes. Als Voraussetzung ihres Dienstes nennt er Heilserfahrung und Bewährung in der Nachfolge Jesu. Als spezifische Gabe verlangt er die volkstümliche, weckende, geistesmächtige, biblische Rede und ein Herz für die geistliche Not des Volkes. In drei Stichworten gesagt, erwarten wir vom Evangelisten eine persönliche Lebensgemeinschaft mit Christus, eine ungebrochene Stellung zum Wort Gottes in klar biblisch‑theologischer Ausrichtung und die Gabe erwecklicher Verkündigung.

d. Ziel der Evangelisation ist der Bau der Gemeinde Jesu Christi in der Besonderheit, daß auch Fernstehende erreicht werden. Es geht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen und sie als Bausteine der Schar der Herausgerufenen (Ekklesia) einzufügen..
Obwohl jeder Christ zum Bekenntnis Jesu Christi aufgerufen ist, bedeutet die evangelistische Befähigung eine ausgesprochene Gabe des Heiligen Geistes. Diese Gabe darf aber nicht für fremde Zwecke, für Sonderlehren und Steckenpferde mißbraucht werden.
Ein kleines Beispiel dazu. Vor Jahren erhielt ich eine Einladung zu einer Vortragswoche in einer großen Kirche. Der betreffende Pfarrer schrieb mir, er wolle ein Gemeindehaus bauen und brauche dazu die Kollekte der Vortragswoche. Für diesen Pfarrer war also die geplante Evangelisation nur ein Kollektenproblem.

21. Hirten (poimen) Eph. 4, 11

Mein Freund Gottlieb Weiland konnte manchmal sagen: »Es gibt Hirten, die sind mehr an der Wolle als am Wohl der Schafe interessiert.« . . .

Der Apostel Petrus wußte von dieser Gefahr der Abhängigkeit, darum schreibt er in 1. Petr. 5, 2: »Weidet die Herde Christi, die euch befohlen ist, und sehet wohl zu, nicht gezwungen, sondern willig, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund.«
Welche Aufgaben hat ein Hirte? Von der beruflichen Seite her gesehen sind es drei Pflichten: Führung, Fürsorge, Schutz.

F ü h r u n g. Der Hirte geht vor seinen Schafen her und treibt sie nicht vor sich her. Er ist immer der Mann an der Spitze.
Auf die geistlichen Funktionen der Reichgottesarbeit übertragen, kann das viele Bedeutungen haben. Der geistliche Hirte soll das große Vorbild seiner Herde sein, im Gebetsleben, in der Opferfreudigkeit, im Schriftstudium, in der Liebe, in der Selbstverleugnung und in vielen anderen Dingen. Wie oft werden aber die geistlichen Hirten von denen in den Schatten gestellt, die ihm anvertraut sind. Das ist Grund zur Selbstbesinnung und Buße.

F ü r s o r g e. Der Hirte hat die Aufgabe, die richtigen Weideplätze für seine Herde zu finden. In der Zeit des Alten Testamentes gab es schon viele Streitigkeiten unter den Hirten. Heute ist die Situation anders. In Europa sind die Weideplätze sehr rar. Es gibt nur noch wenig Herden, und die haben schon Not, zu Weideplätzen zugelassen zu werden.
Auf das geistliche Hirtenamt übertragen, kann das z. B. heißen, daß der Pastor dafür zu sorgen hat, daß seine Gemeinde biblische Kost und keine Irrlehren vorgesetzt bekommt. Auch die geistlichen Weideplätze sind rar geworden. Was man manchmal von den Kanzeln herunter vorgesetzt bekommt, schreit oft zum Himmel. Ich könnte viele Beispiele berichten. Ein markantes Beispiel darf wiedergegeben werden.
Vor Jahren lernte ich Pastor H. H. Harms von der Michaeliskirche in Hamburg kennen. Ich hatte dort eine Vortragsreihe. Als ich nach der Predigt in die Sakristei kam, dankte der Pastor für die Botschaft. Ich war nicht wenig erstaunt darüber, denn ich hatte eine harte Sprache gesprochen. Pastor Harms wurde später Bischof von Oldenburg. Nach einer Visitation sagte er dem Pastor, dessen Arbeit und Predigten er inspiziert hatte, den inhaltsschweren Satz: »Herr Pastor, Sie haben Ihrer Gemeinde das Evangelium vorenthalten.« Wie ist mir dieser Bischof so lieb geworden, daß er einen so klaren Standpunkt gegen die moderne Theologie einnimmt.
Ein Pastor kann seine Herde, seine Gemeinde auf biblische Weideplätze führen, aber auch in die Wüste, Dürre und Irre.

S c h u t z. Man kann nicht über das Hirtenamt sprechen, ohne des Hirten aller Hirten zu gedenken:
Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Man kommt auch bei diesem Thema nicht an dem großen Hirtenlied vorbei, Psalm 23:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele, er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Bei diesem Psalm fällt der Satz auf: »Dein Stecken und Stab trösten mich.« Was soll das bedeuten?
Dieses Bild stammt aus der Zeit, als es im Morgenland noch reißende Tiere gab, die in die Herde einbrachen, Schafe zerrissen und töteten. Zur Abwehr hatte der Hirte einen kräftigen Stecken mit einer Kerbe am Ende. Alle Hirtenjungen übten sich von Jugend auf, in solche Kerben Steine zu stecken, damit zu schleudern und ihr Ziel genau zu treffen. Der Hirtenstab war also für die Schafe beruhigend. Er bedeutete: Der Hirte ist da und beschützt uns.
Im geistlichen Hirtenamt braucht man auch Schutz gegen reißende Wölfe, die in die Herde einbrechen. Jesus warnt vor den reißenden Wölfen in Mt. 7, 15: »Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.«
Es gibt heute in der modernen Theologie wie in den extremen Bewegungen viele Wölfe in Schafskleidern, die die Gemeinden mit ihren Sonderlehren verwirren. Darum hat der Herr ein Wächteramt geschaffen, um seine Gemeinde zu schützen. In Hesekiel 3, 17 heißt es: »Du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel; du sollst aus meinem Munde das Wort hören und sie von meinetwegen warnen.«
Echte Hirten sind Führer, Fürsorger und Beschützer.

22. Haushalter (oikonomos) 1. Petr. 4, 10

In dem Petrustext steht im griechischen Original der Ausdruck oikonomos poikiles charitos theou – Haushalter der mannigfaltigen, der vielseitigen Gnade Gottes.
Es wäre eine lohnende Aufgabe, eine Theologie der Gnade zu schreiben, eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Gnadenerweisungen Gottes. In der scholastischen Theologie hat man mehr über die Gnade nachgedacht als heutzutage. Ich erinnere mich noch gut an eine Vorlesung von Prof. Rückert an der Universität Tübingen über die scholastische Gnadenlehre. Der späteren reformatorischen Lehre am nächsten kam die gratia gratis data ‑ die Gnade, die umsonst gegeben wird.
Wir haben einen Gott, der seine Kinder überschüttet und sie zu Verwaltern, Haushaltern seines Reichtums einsetzt.
Schon zweimal war ich im Tower in London und besah mir die Kronschätze des englischen Königshauses. Diese Kronjuwelen sind alle unter Glas. Niemand kann sie berühren. Es sind starke, wirkungsvolle Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Dazu stehen Wächter in der Nähe, die einen Blick auf die Besucher haben. Man kann sich diese Schätze nur betrachten.
Bei unserem Gott geht es anders zu. Er legt uns diese Schätze in die Hände. Wir dürfen sie in Anspruch nehmen. Welche Schätze sind es?
Jer. 31, 14: Gaben die Fülle
Ps. 16, 11: Freude die Fülle
Mal. 3, 10: Segen die Fülle
Joh. 1, 16: Gnade die Fülle
Röm. 6, 23: Die Gabe Gottes das ewige Leben
Joh. 17,14: Die Gabe seines Wortes
Joh. 17, 22: Die Gabe seiner Herrlichkeit
2. Petr. 1, 4: Die Gabe der allergrößten Verheißungen
So ließe sich die Reihe lange fortsetzen. Die Frage ist nur, was wir damit anfangen. Der Herr teilt seinen Reichtum aus, er vertraut uns die »Pfunde« an, mit denen wir haushalten sollen. Wir sind als seine Verwalter eingesetzt. Wollen wir das Pfund vergraben, wie es der ungetreue Knecht in Luk. 19, 11 f, getan hat? Oder arbeiten wir mit dem, was der Herr uns anvertraut hat?
Wir sind einmal dafür verantwortlich, was wir mit unserer Zeit, unserer Kraft, unserem Geld und Gut angefangen haben. Wir haben Rechenschaft zu geben, wie wir mit dem Wort Gottes, mit den Verheißungen der Bibel umgegangen sind.
Wenn uns das klargeworden ist, dann haben wir unser Leben neu dem Herrn hinzugeben mit allem, was er uns anvertraut hat.
Ich erinnere mich an eine Frau, die sehr ärmlich gekleidet war und auch sehr dürftig lebte. Ich war zweimal in ihrem Haus. Als sie gestorben war, und das Testament eröffnet wurde, staunten die Erben. Sie hatte über 1 Million Franken auf dem Konto. Was hätte sie damit nicht alles zu Lebzeiten tun können. Sie hätte auf eigene Kosten zwei Missionare auf dem Missionsfeld unterhalten können. So aber hat der Vater Staat zuerst einmal einen großen Teil als Erbschaftssteuer kassiert. Diese Frau kann in der Ewigkeit nicht mehr gutmachen, was sie zu Lebzeiten mit ihrem vielen Geld versäumt hat.
Nun dürfen wir aber nicht auf diese Frau herabblicken. Gehen wir mit dem Wort Gottes und seinen Verheißungen nicht ähnlich verantwortungslos um?
Sind wir treue Haushalter oder ungetreue Knechte? Treue Verwaltung des vom Herrn anvertrauten Gutes wird von jedem Christen erwartet und verlangt. Darüber hinaus gibt es eine Fähigkeit und Gabe der Haushalterschaft, die vom Heiligen Geist stammt.
Nehmen wir als Beispiel das Gebetsleben. jeder Christ muß Gebetszeiten und ein Gebetsleben haben, sonst ist er kein Christ. Es gibt aber Kinder Gottes, die einen ausgesprochenen Priesterdienst in der Fürbitte und Anbetung üben. Ich erinnere etwa an Mutter Knies, der Mutter vom Evangeliumssänger Franz Knies, die viele Stunden des Tages, manchmal bis zu sieben oder acht Stunden, dem Gebet widmete. Das läßt sich nicht kopieren. Da liegt ein Stück Berufung und eine ganz große Gnade und Geistesgabe vor. Das war treue Haushalterschaft im Ausnützen der biblischen Möglichkeiten. jeder Tag war für sie »ein Tag der offenen Tür«. Offb. 3, 8: »Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen.«

23. Sprechweise und Redegabe (lalein os logia Theou) 1. Petr. 4,11

Vor einigen Jahren war ich zu einem kurzen Besuch auf Madeira. Mich interessierte die Arbeit der Fischer, wenn sie am Morgen vom Fang heimkamen. Am liebsten beschaute ich mir die Fischsorten der Hochseekutter. Fische waren dabei, die ich vorher noch nirgends gesehen hatte, fast 1 Meter lang, schwarz mit einigen weißen Streifen. Ich fragte nach dem Namen und der Fundstelle. Den Namen im portugiesischen Fischerjargon konnte ich nicht verstehen. Um so mehr fesselte mich der Fundort. Sie holen diese Fische mit einer Stahlseilwinde und speziellen Vorrichtungen aus 2000 m Tiefe herauf. Der Fang lohnt sich. Das Fleisch ist sehr schmackhaft. Ich hatte zwar gewußt, daß Prof. Piccard, der Tiefseeforscher, rund 10 000 in tief in den Philippinograben hinabtauchte. Daß aber Fische aus 2000 m Tiefe heraufgeholt werden, war mir fremd.
Zu diesem Fischererlebnis auf Madeira kam mir ein anderes Bild. Wenn es nur ein Bild wäre, ginge es noch. Nein, es ist grausame Wirklichkeit.
Es gibt gläubige Hochseefischer, die ein satanisches Werk verrichten. Oder tun sie es ihrer Meinung nach im Auftrag Gottes? Was ist damit gemeint?

In Micha 7. 18‑19, heißt es: »Wo ist solch ein Gott wie du bist, der Sünde vergibt, und erläßt die Missetat den übrigen seines Erbteils, der seinen Zorn nicht ewiglich behält; denn er ist barmherzig. Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetat dämpfen und unsere Sünden in die T i e f e n des Meeres werfen.«
Was geschieht nun mit den Sünden, die durch Gottes Barmherzigkeit in die Tiefen des Meeres versenkt worden sind?
Nun, es gibt fromme Tiefseefischer, die holen sie wieder herauf und bringen diese sensationellen Fische auf den Markt, wo sie jeder sehen, kaufen und mitnehmen kann.
Wieviel Herzeleid richten diese frommen Tiefseefischer jenseits und diesseits des Atlantischen Ozeans an. Sie meinen, sie tun Gott einen Dienst damit, wenn sie fischen gehen, dann ihre Waren anbieten und damit die Arbeit eines anderen Boten Jesu zugrunderichten.
Vor einigen Jahren war ich im Hotel Bellevue in Hohfluh‑Hasliberg zur Erholung. Unter den vielen Ansichtskarten und biblischen Spruchkarten war auch eine Karte von Corrie ten Boom ausgelegt. Auf dieser Karte sieht man ein weites Meer. Ein Kreuz steht darüber mit der Inschrift Micha 7, 18‑19. Darunter steht ein Schild: Fischen verboten.

Eine originelle Karte, so echt Corrie. Sie hat damit recht. Nur beachten viele fromme Tiefseefischer dieses Schild nicht.
Wir steuern der Zeit zu, von der Johannes (16, 2) schreibt: »Sie werden euch in den Bann tun. Es kommt aber die Zeit, daß, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran.«
Dieses Buch über die Geistesgaben ist nicht für Weltleute, sondern für die Gläubigen geschrieben. Darum geht es auch hier um die Zungensünden der Frommen und nicht der Ungläubigen.
Der Redestil der Gläubigen steht zwischen Jak. 3, 8 und 1. Petr. 4, 11: »Die Zunge, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes.« – »Wer redet, der rede, als sei es Gottes Wort.«
Wer mag dabei bestehen? Jesus sagte seinen Jüngern Mt. 12, 36:
»Die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben.«
Schon der Prophet Jesaja kennt dieses Problem. Er rief aus: Jes. 6, 5 ‑ »Weh mir, ich vergehe; denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen.«
Wie tröstlich und hoffnungsvoll sind aber die folgenden Verse aus Jes. 6, 6‑7:
»Da flog der Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm und rührte meinen Mund an und sprach: >Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei.«
Brauchen wir nicht alle die Entsündigung unserer Lippen? Ich brauche sie.
Was bisher unter Geistesgabe 23 gesagt wurde, bezieht sich weniger auf eine Redegabe, sondern auf unsere Sprechweise: reden, als sei es Gottes Wort. Das heißt, es handelt sich um die Disziplin unseres Redens, um die Zucht des Heiligen Geistes. Es ist ein Sprechen unter der Kontrolle und Leitung des Heiligen Geistes. Das ist ein passiver Vorgang. Wir sind die vom Heiligen Geist Beherrschten.
Die Redegabe hat natürlich auch eine aktive Seite: die Verkündigung des Evangeliums in Vollmacht. Es ist schon gesagt worden, daß es sich hier nicht um die Rhetorik handelt, die aus einer natürlichen Begabung kommt, sondern um »das Kraft‑Anziehen aus der Höhe«.
Wir haben dafür gute Beispiele in der Bibel. Denken wir an das gewaltige Reden Elias auf dem Karmel 1. Kön. 18, 38, das durch das Feuer Gottes beantwortet wurde.
Erinnern wir uns der Bergpredigt Jesu. An ihrem Schluß Mt. 7, 29 erklärten die Zuhörer: »Er predigte als einer, der Vollmacht hatte.« So heißt es im griechischen Text.
Blicken wir auf das Ende des ersten Märtyrers Stephanus. Lukas berichtet in Apg. 7, 54: »Da sie solches hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie bissen die Zähne zusammen über ihn. «
Es gibt in der Bibel, in der Kirchen‑ und Missionsgeschichte viele bevollmächtigte Zeugen Jesu. Otto Siegfried von Bibra hat darum seinem bekannten Buch den Titel gegeben »Die Bevollmächtigten des Christus«.
Auch die scharfsinnigste und witzigste Rhetorik ist ohne den Heiligen Geist nur Wortgeklingel, unter dem kein geistliches Leben entsteht.

24. Die Gewißheit (pepeismai) Röm. 8, 38, (elegchos) Heb. 11, 1
Der Apostel Paulus bekennt in Römer 8, 38:
»Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.«
Diese Gewißheit ist keine fleischliche Sicherheit, gründend auf unseren moralischen und religiösen Qualitäten. Erinnern wir uns an Mt. 7, 22, wo Menschen auftreten und dem ewigen Richter ihre frommen Leistungen vorhalten, mit denen sie sich einen Eingang in Gottes Reich verschaffen wollen. Es heißt dort:
»Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: >Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan?< Dann werde ich ihnen bekennen: >Ich habe euch noch nie erkannt, weichet alle von mir, ihr Übeltäter!«
Man kann also nach diesem Wort weissagen (prophetisch reden), Teufel austreiben, große Taten tun, heilen, in Zungen reden und vieles mehr ‑ und wird von Jesus als Übeltäter hinausgeworfen.
Diese Gewißheit ist keine Wahnvorstellung eines paranoiden oder religiösen Neurotikers. Wie viele falsche Propheten und religiöse Supermenschen stiften heute Verwirrung und Unruhe in der Gemeinde Jesu. Sie folgen Irrlichtern ihrer eigenen verführten Phantasie und reißen andere mit in den Abgrund.
Diese Gewißheit hat ihren Grund in einer durch den Heiligen Geist gewirkten Wiedergeburt. Diese Gewißheit entsteht durch das testimonium spiritus sancti = das Zeugnis des Heiligen Geistes. Paulus schreibt davon in Römer 8, 16: »Gottes Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind.« Hier ist allein der Heilige Geist der Handelnde und nicht der wiedergeborene Christ.
Mehrmals in meinem Leben kam ich mit dem Werk von Georg Müller in Bristol in England in Berührung. Als 93jähriger legte dieser Gottesmann das Zeugnis ab: »Seit 73 Jahren, seitdem ich mit 20 Jahren Jesus als meinen Heiland gefunden habe, habe ich nie mehr die Gewißheit des Heils und der Gotteskindschaft verloren.«
Gotteskindschaft bedeutet nicht Sündlosigkeit. Wir bleiben sündig bis an unser Lebensende. Aber Kinder Gottes haben Vergebung ihrer Schuld und verlieren nicht das Geschenk, das ihnen der Heilige Geist versiegelt hat.
Das Gewißwerden wird im Hebräerbrief 11, 1 auch elegchos ou blepomenon genannt = ein Überführtwerden von Dingen, die man nicht sieht. Rational erfaßbar ist dieser Vorgang des Gewißwerdens nicht. Es ist ein Geheimnis, das sich nicht begreifen, sondern nur erleben läßt.
Wir beschließen die Liste der 24 Gaben. Es wird wiederholt, daß die Zählung nichts bedeutet. Andere Schriftausleger werden auf andere Ziffern kommen.
Vergessen wir nicht die Gaben aller Gaben: Jesus. Er ist nicht eine Gabe des Heiligen Geistes, sondern die Gabe Gottes. Mit Jesus hat uns der Vater das verlorene Paradies wieder aufgeschlossen. Mit Jesus hat er uns das ewige Leben, das ewige Heil geschenkt und gesichert. Dieser Jesus ist Grund und Ziel unserer ewigen Existenz. In der ewigen Herrlichkeit steht nur der Thron Gottes und der Thron des Lammes (Offb. 22, 1). Der Heilige Geist wird in der Vollendung keinen Thron haben. Der Heilige Geist hat die Aufgabe, den Sohn Gottes zu verherrlichen und zu verklären (Joh. 16, 14). Darum schließen wir uns hier dieser Verherrlichung Jesu an mit Offb. 4, 10‑11:
»Die 24 Ältesten fielen nieder vor dem, der auf dem Stuhl saß, und beteten an den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und warfen ihre Kronen vor den Stuhl und sprachen:
>Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.<«

‑ NICHT AN DEN FUNDAMENTEN RÜTTELN ‑

Die religiösen Strömungen der Gegenwart splittern sich auf in extrovertierte (nach außengerichtete) und introvertierte (nach innen gerichtete) Bewegungen.
Die nach außen gerichteten Strömungen sind lärmvolle Erscheinungen. Massenheilungen ‑ ekstatische Gruppen ‑ spektakuläre Versammlungen.
Tanzen ‑ Händeklatschen ‑ am Boden wälzen, alles Dinge, die ich nicht in Deutschland sah, sondern nur im Ausland. Es sind aber Erscheinungen, wie sie sich im Jahr 1908 und 1909 auch in Deutschland ereigneten.

Allen diesen Strömungen gegenüber ist zu sagen:
Unsere Kirche ist eine Kirche des Wortes und nicht der Ekstase.

Bleiben wir bei dem Fundament, das die Reformatoren neu entdeckt haben:

s o l a  s c r i p t u r a – die Heilige Schrift allein.

Nicht unsere Gefühle, nicht unsere Erfahrungen, so berechtigt sie manchmal sein können, sind die Basis für unser Glaubensleben, sondern die Heilige Schrift.
Die nach innen gerichteten Strömungen mit introvertierter Tendenz sind die Meditationsbewegungen, die in den letzten Jahren vor allem von Indern in der westlichen Welt propagiert werden. Deutschland ist weniger davon betroffen als die USA und Kanada.
Yogi führen in die verschiedenen Meditationsübungen Ostasiens ein. Maharishis lehren die sogenannte transzendentale Meditation. Bei diesen Übungen kann sich der Adept, der Meditationslehrling, einen Guru, einen Führer, erwählen. Häufig wird Buddha gewählt, aber auch andere religiöse Führer. Selbst Jesus kann als Guru dienen, was aber nicht heißt daß er als Sohn Gottes und Erlöser akzeptiert wird. Meditation ist eine stille Angelegenheit. Ihre Verführungskraft ist aber bei den Gebildeten intensiver als der ekstatische Lärm. Satan weiß und versteht es, jeden auf seine Art zu packen.

Diesen introvertierten Meditationsjüngern ist zu sagen:

s o l u s C h r i s t u s = Christus allein,

aber nicht als Guru, sondern als Erlöser und Heiland aller Menschen und unseren Herrn.
Zu den extrovertierten Richtungen gehören auch die sozialen Aktivisten. Geübte Nächstenliebe liegt im Rahmen der biblischen Forderung. Dieses heute von den Modernisten gepredigte soziale Engagement ist aber eine Ersatzreligion. Der Mensch baut sich aus vielen kleinen einzelnen Taten der Nächstenliebe ein Mosaik seiner Himmelstreppe. Diesem falsch verstandenen und unecht motivierten Sozialismus gegenüber ist zu sagen:

s o l a  g r a t i a – durch Gnade allein.

»Aus Gnade seid ihr errettet worden« (Eph. 2, 8), prägt Paulus den Ephesern ein. Rettung wird nicht sozial verdient, sondern von Gott geschenkt. Nach der Errettung kommt die praktische Nächstenliebe von selbst.
Die Mystiker müssen noch erwähnt werden. In New York stieß ich auf eine Gruppe, die mystische Neigungen pflegt. junge Menschen legen sich in einer katholischen Kirche vor dem Altar auf den Rücken. Sie breiten die Hände seitlich aus, um die Kreuzform nachzuahmen. Sie schließen die Augen und denken an den Gekreuzigten. Sie versuchen auf diese Weise, sich in das Kreuzesgeschehen einzufühlen. Sie sind damit ganz in der Nähe unserer klassischen Mystiker Eckehart, Suso, Tauler, die die unio mystica, die mystische Vereinigung mit Gott anstrebten. Diesen in religiösem Kultus, in andächtigem Zeremoniell gefangenen Menschen ist zu sagen:

s o l a f i d e = durch Glauben allein.

Nicht das andächtige Gefühl ist die Brücke zu Gott, sondern der Glaube, mit dem wir das Heilsangebot Gottes erfassen können.
Im Gnadenangebot Gottes, in der Heiligen Schrift, liegt alles, was wir zum Leben und zum Sterben brauchen. Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.« (1.Kor. 1, 30)
Der Heilige Geist vermittelt uns das, macht uns das gegenwartsnah und wirklich. Er ermöglicht die Heilsaneignung im Glauben.

info@horst-koch.de

Hervorhebungen und unwesentliche Kürzungen im Text sind von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im November 2006

 

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