Wiederkunft Jesu – P.B.

image_pdfimage_print

Peter Beyerhaus

Christi Wiederkunft – unsere gemeinsame Hoffnung

Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten, und seiner Herrschaft wird kein Ende sein.  –  Das bezeugen Christen aller Konfessionen gemeinsam im Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis.

Gott hat in seiner prophetischen Offenbarung der verlorenen Menschheit eine herrliche Verheißung gegeben: Er will allen, die an seinen ihnen zum Erlöser gesandten Sohn glauben, in ihm das ewige Leben schenken (Joh 3,16) und sie einladen zur Teilnahme an seinem Freudenreich. In Jesus Christus ist es schon geheimnisvoll gekommen (Lk 14,16), und es wird dereinst bei seiner Wiederkunft sichtbar aufgerichtet werden wird. Diese Hoffnung soll in der evangelistischen Verkündigung allen bedrückten Hörern eine echte Zukunft eröffnen und in der Gemeindepredigt und Seelsorge entmutigte Glieder aufrichten.

Wir sind der Überzeugung, dass gerade heute die Bezeugung dieser Hoffnung wichtiger ist denn je, weil viele Menschen sie verloren haben oder sich falsche Hoffnungen machen.

Einführung: Zukunftsängste und Zukunftshoffnung

Unsere Zusammenkunft geschah im Bewusstsein darum, dass sich die Welt gegenwärtig in einer umfassenden geschichtlichen Krise befindet. Diese zeigt sich in mehreren Bereichen gleichzeitig und bedroht ernstlich die Zukunft der Menschheit. Akut betroffen wurden wir Mitte des Jahres 2008 von dem zunächst in den USA auftretenden Bankenkollaps, der sich dann in einem Domino-Effekt über alle Kontinente ausbreitete und zu einer Weltwirtschaftskrise verschärfte.

In mehreren Ländern, von denen einige mit neu erworbenen Atomwaffen drohen, verstärken sich die politischen Spannungen. – Auch in bisher wohl geordneten Ländern wird das soziale Netzwerk so belastet, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und das Rentensystem nicht mehr gesichert ist.

Das universale Problem, das nationale Regierungen, internationale Organisationen wie die UN und die EU sowie Nicht-Regierungs-Organisationen – einschließlich der Kirchen und ökumenischen Verbände – mit wachsender Dringlichkeit beschäftigt, ist die – zwar von manchen Experten bezweifelte1– Bedrohung unserer Umwelt durch eine menschlich verursachte globale Klimakatastrophe. Internationale Konferenzen auf höchster Ebene werden anberaumt, und doch gehen die Teilnehmer am Ende ohne effektive Ergebnisse auseinander. Ökologische Bewegungen klagen über die Halbheit gefasster Beschlüsse und fragen, inwieweit überhaupt ein ernstlicher Wille da sei, die Zerstörung der Umwelt aufzuhalten.

Die politischen Verantwortungsträger in den beteiligten Staaten besitzen nur eine sehr begrenzte Macht, für diese Probleme durchgreifende Lösungen zu finden bzw. sie durchzusetzen. Darum erschallt die Forderung nach einer zu bildenden Weltregierung immer lauter.

An der Heiligen Schrift orientierte Christen nehmen die ökologischen Warnungen ernst, zumal diese z T. auch aus der biblischen Prophetie begründbar sind (z. B. Jes 24; 51,6; Mt 24,29; Lk 21,24-28). – Zugleich stellen sie allerdings im Blick auf die Weissagung vom kommenden antichristlichen Weltreich (Johannesoffenbarung Kap. 13 und 17) die besorgte Frage, welche Kräfte solche Pläne zur Schaffung einer Weltregierung treiben, was die eigentlichen Motive sind, und wer denn dereinst die Macht einer solchen mit Monopolen ausgestatteten Institution kontrollieren könne?

Auf geistigem Gebiet stehen wir angesichts des Werteverfalls in einer umfassenden Kulturkrise. Diese äußert sich besonders auch auf moralischer Ebene in der z. T. ideologisch geplanten und gesetzgebend sogar unterstützten Auflösung der Schöpfungsordnung von Ehe und Familie.

So erleben wir eine Verunsicherung auf allen Ebenen. Sie löst bei zahlreichen betroffenen Gruppen und Individuen, u. a. durch die wachsende Arbeitslosigkeit, Zukunftsängste hinsichtlich ihrer Existenzbedingungen aus. Wir stehen in einem Umbruch, der anstelle von bisher verbreitetem Fortschrittsoptimismus das Ende menschlicher Machbarkeit der Zukunft erkennen lässt. Vorahnungen einer drohenden Apokalypse bewegen die Gemüter und spiegeln sich – sogar unter diesem Namen (!) – in Filmen, Romanen und ekstatisierender Musik. Erstaunlich häufig erscheint das Wort „Erlösung“ in der modernen Literatur, so dass man geradezu von einem „Schreien nach Erlösung“ (Hermann Hesse) sprechen kann.

Diese Situation veranlasst zahlreiche Christen, ihr Augenmerk auf die biblischen Endzeitprophetien zu richten. Sie suchen authentische Auskunft über deren ihnen oft unklare Bedeutung. Aber misslicherweise werden sie in ihrer Suche von der Universitäts-Theologie2 und der kirchlichen Verkündigung weitgehend alleingelassen. Denn diese haben sich selber seit langer Zeit kaum noch realistisch damit beschäftigt, sei es unter dem Einfluss bibelkritischen Zweifels an deren Zuverlässigkeit, sei es aufgrund eigener Teilhabe an dem neuzeitlichen humanistischen Zukunftsoptimismus. Sie erliegen damit leicht der Versuchung, philosophisch oder ideologisch beeinflusste Entwürfe an die Stelle der echt biblischen Endzeitschau zu setzen. Diese Situation ist existenzbedrohend. Schon vor Jahrzehnten stellte der namhafte Theologe Emil Brunner (1889-1966) fest: „Eine Kirche, die nichts über das Zukünftig-Ewige zu sagen hat, hat überhaupt nichts zu sagen, sie ist bankrott.“3

Dazu kommt, dass es gerade unter betont bibeltreuen Christen im Blick auf die Eschatologie Sonderströmungen und -meinungen gibt. Ihre Wirkung ist kirchenspaltend; sie untergräbt die den Christen gemeinsam gebotene Erwartung der Wiederkunft ihres Herrn.

Dieser alarmierende Gesamtbefund war für die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften (abgk. IKBG) ein Anlass mehr, erstmalig die Botschaft von der Wiederkunft Christi zum Zentralthema eines Bekenntnis-Kongresses zu machen, zumal eine endzeitliche Ausrichtung seit der Gründung des Theologischen Konvents Bekennender Gemeinschaften im Jahre 1969 schon immer unsere Studien und Verlautbarungen gekennzeichnet hat. Wir beschlossen nunmehr, uns in einem Wort der Orientierung, der Ermutigung und der Warnung an die Gemeinden und Kirchenleitungen zu wenden.

Unser Wort sprechen wir als Vertreter der drei großen Konfessionen gemeinsam. Sein Ziel ist ein dreifaches:

Erstens möchte es dazu dienen, in allen Kirchen und christlichen Gemeinschaften eine Glaubenshaltung zu wecken und zu fördern, die ihren Auftrieb und ihre einende Kraft aus der Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn und aus deren Gewissheit gewinnt.

Zweitens möchte es aufzeigen, dass die in den prophetischen Schriften angekündigten Ereignisse der Endzeit und die in ihr auftretenden Personen ihre Vorausschattung schon in der Gegenwart finden, ist doch seit der Auferstehung Jesu Christi von den Toten die ganze Geschichte endzeitlich geprägt.

Drittens möchten wir aufrufen zur wachsamen Vorbereitung auf das Ende, und dies angesichts sowohl des auch von Jesus selber angekündigten Weltgerichtes als auch seiner Einladung in sein allen an ihn Glaubenden bereitetes Freudenreich.

  1. Die biblische Botschaft von der Wiederkunft Jesu Christi
  2. Das Zeugnis des Alten und Neuen Testaments öffnet den Blick für die Geschichte und ihr Ziel

Die Lehre vom Wiedererscheinen Jesu Christi setzt ein Denken in Zeitabläufen voraus. Schöpfer der Zeit und Herr der Geschichte ist der Dreieinige Gott. Er lenkt die Welt- und die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zu deren Untergang nach Seinem Plan (Jes 44,24ff; Eph 1,11): Anfang und Ende liegen in seinen Händen. Nichts geschieht rein zufällig (Mt 10,29). Vielmehr hat Er alles sinnvoll in sein Geschichtswalten einbeschlossen (Jes 45,6b-7). Sogar das durch den Sündenfall hereingebrochene, uns unbegreifliche Böse muss letztlich Ihm dienen.

Auch jede persönliche Lebensgeschichte ist in Gottes Plan einbezogen (Ps 73,24). Dies zu wissen, kann gerade angesichts der endzeitlichen Wirren zu einer kräftigen Stärkung auf dem Weg werden.

Die Mitte und den großen Wendepunkt der Geschichte bilden die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth, sein Heilswerk am Kreuz und in der Auferstehung sowie seine Erhöhung zur Rechten des Vaters (Gal 4,4; Hebr 10,5-9). Von dorther übt er durch den von ihm gesandten Heiligen Geist unsichtbar seine messianische Herrschaft aus (Ps 110,1; Hebr 1,3), bis er bei seiner Wiederkunft auch sichtbar das Reich Gottes in Macht und Herrlichkeit errichten wird.

Die ganze biblische Botschaft zielt auf dieses gewaltige Ereignis: Jesus Christus wird wiederkommen, um Gericht zu halten und sein am Kreuz grundlegend vollbrachtes Erlösungswerk zu vollenden (2Thess 1,6-10; Hebr 9,27f). Dieses Ereignis wird am Ende der Geschichte eintreten und von daher „eschatologischer“ Art sein – das griechische eschaton heißt: „Ende“ – und so auch endgültigen Charakter tragen.

Der Weltversöhnung wird dann die Weltvollendung folgen.4 Die jetzige weltgeschichtliche Epoche – der „alte Äon“ – wird jedoch nicht in organischer Entwicklung in die kommende Weltzeit – den „neuen Äon“ – übergehen. Vielmehr liegt zwischen beiden ein großer Bruch weltgeschichtlichen und kosmischen Ausmaßes (2Petr 3,12f). Dieser Umbruch wird durch die „Parusie“, d. h. das zweite Kommen Jesu (wörtlich: „Anwesenheit“) markiert. Das Evangelium trägt also eschatologischen Charakter: Der Weg zum Neuen geht durch das Gericht über das Alte (2Petr 3,7).

  1. Die neutestamentliche Eschatologie enthält folgende Kernpunkte

► Die Heilsgeschichte – im Kürzel „Schöpfung – Fall – Erlösung – Vollendung“ ist die sich schrittweise vollziehende Aufrichtung des Reiches bzw. der Herrschaft Christi. Diese umfasst in einem dreifachen Advent die Vergangenheit in Jesu erstem Kommen, die Gegenwart im gnadenhaften Wirken des Erhöhten in seiner Kirche und durch sie sowie die Zukunft bei seiner Rückkehr. Theologisch sprechen wir von erfüllter, sich erfüllender und futurischer Eschatologie und unterscheiden das regnum gratiae (Reich der Gnade) vom regnum gloriae (Reich der Herrlichkeit).

► Die Weltgeschichte verläuft in der Auseinandersetzung zwischen der Herrschaft Christi und der des Teufels. Dieser (auch Satan = Widersacher genannt) ist als „Fürst dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30;16,11), jedoch nicht gleich mächtig.. Jesus Christus hat ihn durch sein Sterben am Kreuz bereits grundsätzlich besiegt, um fortan die Weltgeschichte als ihr souveräner Herr zu lenken (Joh 12,31; Off 5,1-6). Eine letzte Entmachtung Satans steht jedoch noch aus (Off 12,9.12). Dem entsprechend wird die Menschheitsgeschichte einen doppelten Ausgang finden: Völliges Abtun der Herrschaft des Widersachers Gottes und Durchsetzung der Herrschaft Christi (Off 19,6f). Beides wird sich im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi vollziehen.  

► Während ihrer gesamten Geschichte muss die Gemeinde Jesu Christi beständig auf der Hut bleiben; denn der Antichrist5 ist schon jetzt zugegen: im Wirken seines Geistes und im Auftreten seiner Vorläufer und Wegbereiter, falscher Propheten und Christusgestalten (2Thess 2,7a; 1Joh 4,3; 2,18).

► Gegen Ende der Geschichte wird die Herrschaft des Bösen zur vollen Ausreifung kommen (2Tim 3,1ff), – so, wie sich ein Ausreifen des Bösen bei einzelnen Personen schon jetzt beobachten lässt (2Tim 3,13). Nach Offenbarung 20,3b stellt sich die intensivierte Machtentfaltung Satans dar als ein kurzzeitiges Befreitsein von seinen Fesseln, die ihm seit Golgatha angelegt sind.

► Der Wiederkunft Christi wird das Aufsteigen und die zeitweilige (Dan 7,25; 12,7) Weltherrschaft des durch den „Drachen“, das ist Satan, bevollmächtigten (Off 13,2b) Antichristen6 vorangehen (Daniel Kap. 7;8;11;12; 2Thess 2,3ff; Off 13 und 17,9-17). Die biblischen Schriften nennen ihn auch das „Tier aus dem Meer“ (Off 13,1) und den „Menschen der Gesetzlosigkeit“ (so wörtlich in 2Thess 2,3). Sein Reich wird gekennzeichnet sein durch Einheit und Frieden, auch unter den Religionen, wozu entscheidend das Wirken des Falschen Propheten und dessen Wunder beitragen wird. Beide gemeinsam werden eine weltweite Verfolgung über die glaubenstreue Gemeinde bringen (Matth 24,21f; Off 13,15). Das ist die „Große Trübsal“ 7, die viele bereits in Jeremia 30,7 angekündigt sehen. Jesus sagt von ihr: „Denn es wird eine so große Not kommen, wie es noch nie eine gegeben hat, seit die Welt besteht, und wie es auch keine mehr geben wird. Und wenn jene Zeit nicht verkürzt würde, dann würde kein Mensch gerettet; doch um der Auserwählten willen wird jene Zeit verkürzt werden“ (Mt 24,21f).

Es kennzeichnet die neutestamentlicher Eschatologie, dass die in ihr eröffneten erschreckenden Aussichten stets verbunden sind mit Zusagen des unerschütterlichen Liebeswaltens Gottes und seiner durchtragenden Macht. So wird im Sendschreiben an die Gemeinde zu Philadelphia       (Off 3,10) diese Drangsal die „Stunde der Versuchung (griech. peirasmoV) genannt, „die über die ganze Erde kommen soll“. Vor (gemeint ist „in“) ihr aber wird der erhöhte Christus sie bewahren; er sagt dies selber zu. Diese Zusage gilt sowohl in innergeschichtlicher wie in endgeschichtlicher Beziehung. Die sechste Bitte des Vaterunsers spricht ebenfalls von der göttlichen Abwendung der Versuchung (peirasmoV); auch sie ist in ihrem tiefsten Sinn sicher eschatologisch – und das heißt, nach ihrem am Ende weltweiten Ausmaß hin – zu verstehen.

► Die endzeitliche Gemeinde wird zeitweilig (in Off 12,14 sind die gleichen Zeitbestimmungen wie in Dan 7,25 und 12,7 gegeben) einen geistlichen Beistand finden durch das unerschrockene Auftreten der zwei Zeugen (Off 11,3-12)[i] , die dem „Tier aus dem Abgrund“ vollmächtig widerstehen und durch ihre von Wundern beglaubigte prophetische Bußpredigt in der ganzen Welt Gehör finden werden. Am Ende ihrer Wirksamkeit werden die beiden Zeugen zu Märtyrern werden. Aber „nach den dreieinhalb Tagen“ werden sie vom Geist Gottes wiederbelebt und in den Himmel auffahren. – Nach Meinung einiger Kirchenväter wird das Auftreten der beiden Zeugen die Bekehrung des jüdischen Volkes einleiten. Ein endzeitliches wiederherstellendes Wirken des erneut gesandten Elija verheißt auch – von Jesus bestätigt (Mt17, 1) – der Prophet Maleachi (3,23f). Für unsere Gegenwart bedeutet die Weissagung über die zwei Zeugen8, dass die martyriumsbereite Bezeugung des Sieges Christi auf seine Feinde einen unwiderstehlichen Eindruck macht.

Die standhaft bleibende Gemeinde wird also dem Antichrist nicht schutzlos ausgeliefert sein; vielmehr darf sie auf die rettende Durchhilfe Gottes vertrauen. Er wird ihr nach Offenbarung 12,14-16 eine Zufluchtstätte „in der Wüste“ geben. Diese ist sicher nicht geographisch zu verstehen, sondern geistlich. (Man könnte auch an eine Existenz als „Untergrundkirche“ denken, wie sie in China zur Zeit der maoistischen Verfolgung in Gestalt der Hauskirchenbewegung entstand und dabei sogar ein erstaunliches Wachstum erfuhr).

► Der Auseinandersetzung der endzeitlichen Gemeinde mit dem Antichrist ist nicht allein eine irdische. Vielmehr bildet sie Teil des gewaltigen Krieges zwischen dem Reich Gottes und dem des Teufels, der gleichzeitig in innerer Verbundenheit auf zwei Ebenen tobt. Im Himmel kämpft der „Drache“ mit seinen dämonischen Engeln gegen das Heer des Erzengels Michael (Off 12,7), in dem die ecclesia militans, die streitende Kirche – wie schon das alttestamentliche Gottesvolk (Dan 10,13.21) – einen machtvollen Beistand hat. Sein Sieg wird auch der der Märtyrergemeinde sein. Im Blick darauf heißt es in der Johannesoffenbarung Kap. 12, 11:  

„Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und Zeugnis; sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod.“

► Zur Zeit des Antichristen wird es zu einer Pervertierung von Kultur und Religion kommen, die sich in der Abscheu erweckenden Gestalt der Babylonischen Hure personifiziert (Offenbarung Kap 17 und 18) und mit dem Antichristen (zunächst) eng verbunden ist. Sie ist das Gegenbild der wahren Kirche, der Brautgemeinde Jesu Christi, und wird diese tödlich verfolgen (Off 17,6).  

► Am Ende der jetzigen und am Anfang der kommenden Geschichtsepoche wird Jesus Christus leiblich und universal sichtbar mit seinen Engeln und Heiligen, besonders den Märtyrern, wiederkommen. Dann wird er sich mit seiner ihm getreu gebliebenen irdischen Gemeinde – auch ihren schon verstorbenen und nun als erste auferweckten Gliedern – vereinen (Mk 13,26; 1Thess 4,15-18), um ihr Anteil an seinem Reich der Herrlichkeit (regnum gloriae) zu geben (Mt 24,29-31).

Die Wiederkunft Jesu Christi, auch „Parusie“ genannt, bildet das zentrale eschatologische Ereignis. Alles andere endzeitliche Geschehen ist eng mit ihm verbunden, ursächlich, wesensmäßig und final. Darum bricht eine Leugnung oder symbolische Umdeutung der Parusie dem Evangelium seine heilsgeschichtliche Spitze ab, oder sie verfälscht es zu einer innerweltlichen Ideologie.

► Schon die alttestamentlichen Propheten haben das machtvolle Erscheinen Gottes bzw. seines Messias als das gewaltige Ereignis am Ende der Geschichte vorausgesehen. Sie sprachen davon als dem TAG DES HERRN (hebr. Jom Jahweh), den sie als einen Tag des Zornes Gottes und zugleich einen Tag des Heils schilderten. (z. B. Jes 2,12; 13,6.13; Am 5,18; Ez 20,2; Mal 3, 2.19.23).

► Dass die Wiederkunft Jesu einmal als Realgeschehen eintreten wird, läßt die ungeordnete, von Machtmissbrauch bestimmte Jetztzeit leichter durchstehen. Zudem gibt sie der Evangelisation und Mission einen besonderen Auftrieb. Christus hält demnach seine volle Machtentfaltung zurück, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich jetzt freiwillig ihm unterzuordnen, wo er ja bereits unsichtbar in die Weltherrschaft Gottes eingesetzt und an ihr beteiligt ist. (Kol 1,17f). Noch gewährt Gott seiner geliebten Menschheit und seiner Kirche eine Gnadenfrist, die dazu bestimmt ist, zur Buße zu führen (Röm 2,4).

► Beim Erscheinen Jesu wird die gegenwärtige geistliche Verblendung des ungläubig gebliebenen ersterwählten Volkes Israel (2Kor 3,6-18) aufgehoben und „ganz Israel“ (d.h. sein die endzeitlichen Schrecknisse überlebender Rest) errettet werden (Röm 11,25), indem es in Jesus von Nazareth seinen Messias erkennen und sich zu ihm bekehren wird. Dann wird die Gemeinde des Alten Bundes mit der durch die Völkermission weltweit gesammelten Gemeinde des Neuen Bundes vereinigt werden (vgl. Off 15,3). Davon sind gewaltige Folgen, „Leben aus dem Tod“, zu erwarten (Röm 11,25-27.15).

Nach Offenbarung 20,7-10 (sowie schon Sach 12 und 14,1-5) soll das geschehen, wenn am Ende der Geschichte sich die Völker zu einem letzten Sturm auf Jerusalem verbünden werden. In der Erfahrung seiner Ohnmacht und Preisgabe seitens aller politischer Verbündeter wird Israel seine Erlösung aus allen seinen Nöten, den geistlichen und den politischen, allein von seinem schließlich sichtbar erscheinenden Messias erfahren (Röm 11,25-29). Die endzeitliche Errettung Israels von seinen Feinden, verbunden mit der endgültigen Tilgung seiner Sünden, im Zusammenhang mit dem Erscheinen des Messias vom Himmel her wird auch im Buch Jesaja vorausgesehen (. Jes 59,17-20).

EXKURS           

Die alttestamentlichen Heilsverheißungen an ein bekehrtes Israel sind so irdisch konkret, dass zahlreiche pietistische Bibelausleger und Gemeinschaften in den prophetischen Bildern ein messianisch orientiertes Israel zum Heil und zur Vollendung des Missionsauftrages im Hoffnungsblick haben. Einige von ihnen glauben, dass dies im „Tausendjährigen Reich“ (Off 20,1-6) geschehen werde:

Die satanische Macht wird gebunden, und Christus herrscht mit seiner himmlischen Gemeinde aus dem Unsichtbaren. Das ganze erlöste Israel werde seinen einst Abraham gegebenen universalen Segensauftrag (1Mo 12,2) in vollem Umfang wahrnehmen können und nach Jesaja 66,19ff zum Missionsvolk der Endzeit9 werden. Die Menschheit werde sich noch vor dem absoluten Ende der Geschichte eines „Weltsabbats“ erfreuen. Die prophetische Vision von dem vom Zionsberg ausgehenden Völkerfrieden (Jes 2,2-5; Mi 4, 1-4) wird so „in den letzten Tagen“ real in Erfüllung gehen.

Verschiedene Auslegungsbemühungen von Offenbarung 20,4-10 10finden sich durch die Kirchengeschichte. unter den Evangelikalen in Amerika gibt es im Blick auf das Wann des Millenniums unterschiedliche Richtungen mit oft leidenschaftlichen Auseinandersetzungen untereinander.

Die Konfessionskirchen (katholische, orthodoxe und evangelische) hingegen lehnen in ihren Bekenntnisschriften die Vorstellung von einem der Wiederkunft Christi vorausgehenden tausend Jahre währenden Zwischenreich auf Erden, den sog. „Chiliasmus“, ab. Sie vertreten unter Rückbezug auf den Kirchenvater Augustinus (354-430)11 die Sicht, dass damit die Geschichtsepoche gemeint sei, die der Beendigung der Christenverfolgung durch die römischen Cäsaren folgte. In ihr wurde ja das Christentum nunmehr zur herrschenden Religion des Abendlandes. Nach dieser Einschätzung scheint sich jetzt diese Epoche dem Ende zu nähern, in der der Teufel noch einmal für eine kurze Zeit freigelassen wird; vgl. Off 20,3. Danach aber wird (ohne Zwischenreich) der wiederkommende Christus seine ewige Herrschaft auf einer erneuten Erde und in einem erneuten Himmel aufrichten.

► Christus wird alle Toten auferwecken, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Verdammnis (Joh 5,28f). Darüber wird in dem von ihm gehaltenen Jüngsten Gericht entschieden werden (Mt 25,31-33).

► Jesus Christus wird seine ihm bei seiner Auferstehung übertragene universale Königsherrschaft über Himmel und Erde (Mt 28,16) nun auch sichtbar, in Macht und Herrlichkeit, aufrichten. Er wird herrschen, bis ihm der Vater alle seine Feinde unterworfen hat. Darum wird seine Wiederkunft ein siegreiches Kampfgeschehen sein. In diesem werden nacheinander die menschliche Sünde, der Antichrist mit seinem Gefolge, der Teufel und durch die Totenauferweckung als letzter Feind auch der Tod abgetan werden (1Kor 15,25f).

► Dann wird der Sohn Gottes das von ihm vollständig aufgerichtete Reich seinem Vater übergeben und sich ihm in vollendetem Gehorsam selber unterwerfen (1Kor 15,28).

► Alle Kriege werden dem ewigen Frieden weichen (Jes 2,4). Jesus Christus wird selber der Friede sein (Mi 5,4). Das wird das Ende der jetzigen Schöpfung im Sinne ihrer Verwandlung zum neuen Himmel und zur neuen Erde (Off 21,1-2) sein. Alle Völker werden den Gott Israels und Vater Jesu Christi als alleinigen Gott bekennen und Ihm die Ehre geben (Hab 2,14 und Sach 14; Phil 2,9-11).

► Die heilige Stadt, das himmlische Jerusalem wird herabkommen (Off 21,2), und die Scheidewand zwischen Diesseits und Jenseits wird aufgehoben werden. Gott selbst wird sichtbar bei den Erlösten wohnen, sie durch die Fülle paradiesischer Früchte erfreuen und alles Leid abtun. „Keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ werden mehr sein (Off 21,-4), und die im irdischen Leben viele quälende Frage nach der Gerechtigkeit seines Handels, die Theodizee, wird endgültig beantwortet werden.

Zwischen der ersten und der neuen Schöpfung gibt es also sowohl Verbindendes als auch Trennendes. Indem hier die Kernpunkte neutestamentlicher Eschatologie etwas ausführlich aufgeführt sind, soll damit eine Orientierung über die das Endgeschehen ausmachende Hauptereignisse gegeben sein. Ihre zeitliche Reihenfolge ist damit nicht zwingend auch gegeben, zumal sie ihre Vorausdarstellung auch schon in Ereignissen der Gegenwart finden.

Im Mittelpunkt der endzeitlichen Ereignisse steht die Person Jesu Christi; unsere Erwartungshaltung gilt vor allem Ihm. Hervor tritt dabei auch, dass seine Parusie ein Ereignis ist, das sehr ernste Aspekte hat. Dies ist in seiner Heiligkeit begründet.

Zugleich aber will es aber zu großer Freude erwecken. Denn Jesu Wiederkunft bringt die Vollendung des durch ihn erwirkten Heils. Im Blick darauf schreibt der Apostel Petrus: „So wird (eurem Glauben) Lob, Herrlichkeit und Ehre zuteil bei der Offenbarung Jesu Christi, Ihn habt ihr nicht gesehen und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil“ (1Petrus 1,7b-9).

  1. Die Aktualität der Mahnung Jesu, auf die Zeichen der Zeit zu achten
  2. Die Gefahr der Verführung

Als die Jünger Jesu ihn nach dem Zeitpunkt für das Ende der Geschichte und dem Zeichen seiner Wiederkunft fragen, beginnt er seine Antwort mit einer – vielleicht unerwarteten – Warnung: „Sehet zu, dass Euch niemand verführe!“ (Mt 24,4f). Offensichtlich wird gerade die Wieder-kunftserwartung der Christen für Verführer aller Art zum Anlass, sie vom wahren Ziel auf ein falsches zu lenken. Sie sind letztlich zu verstehen als die Handlanger einer personalen globalen Verführungsmacht (Off 12,9). Das stellt die Glaubenstreue auf eine harte Probe und veranlasst uns, wachsam zu sein und die Geister zu prüfen (Mk 13,23).

  1. Gegebene Hilfen zum Erkennen der Zeit

Weil Christen berufen sind, einen Wandel zu führen, der Gottes Plan mit der Welt entspricht, sollen sie aufmerksame Beobachter der Geschichte sein und sich um deren Deutung im Lichte der biblischen Endzeitprophetie bemühen (vgl. Lk 12,56). Zu diesem Zweck gibt Jesus seiner ihn erwartenden Gemeinde Vorzeichen, die eine biblische Zeitanalyse erleichtern (Mt 24,7ff; Mk 13,3ff; Lk 21,7ff). Er nennt dabei sowohl bedrohliche als auch die Hoffnung stärkende Zeichen. Das warnt uns vor oberflächlichem Geschichtsoptimismus sowie allen Fortschrittsideologien und Utopien.

 

  1. Bedrohliche Vorzeichen

Katastrophen in Natur und Politik begleiten die gesamte Menschheitsgeschichte, werden sich aber in der Endzeit in ihren Ausmaßen steigern, ja sie tun dies durch Fernsehen übertragen erschreckend vor unseren Augen Erdbeben12 und Hungersnöte, Kriege und Kriegsdrohungen. Auch die atomare Bedrohung sowie der weltweite Terrorismus – bis zu Kämpfen um die Beherrschung des Informationsnetzes – sind hier schon mit einbegriffen. Dazu gesellen sich gefährliche Ideologien, d. h. Ersatzreligionen ohne Gottesbezug, wie der Nationalismus, Marxismus, Feminismus und ein Liberalismus, der seiner eigenen Beliebigkeit folgt. Letzterer führt auch zu einem hemmungslosen Gewinnstreben wie zur Korruption im Weltfinanzhandel.

Geistes- und kulturgeschichtlich ist nach Jesus mit einem Überhandnehmen der Anomia, wörtlich „Gesetzlosigkeit“, zu rechnen, der Missachtung und Außerkraftsetzung der göttlichen Ordnungen und Gebote (Mt 24,12). Eine solche erleben wir heute im sexuellen Libertinismus und der programmatischen, gar staatlich legalisierten Nivellierung der die Ehe und Familie begründenden polaren Ergänzung der beiden Geschlechter. Das geschieht aggressiv durch die Homo-Bewegung und in der Gender-Ideologie.12 Furchtbar ist die faktisch von allen Parteien in allen Ländern legalisierte, ja sogar finanziell geförderte (!) Abtreibung ungeborener Kinder13, dem zahlenmäßig größten Massenmord seit Menschengedenken.

Die nominell noch christliche Bevölkerungsmehrheit verhält sich gegenüber diesem massiven ethischen Verfall gleichgültig oder billigt ihn sogar – als dem Leitbild der Selbstverwirklichung entsprechend. Dieses Leitbild aber führt zu dem von Jesus vorhergesagten Erkalten der Liebe „bei vielen“ (Mt 24,12). Sie bildet Teil eines Glaubensabfalls umfassenden Ausmaßes (2Thess 2,3; 1Tim 4,1), der in eine universale religiöse Hinwendung zum Antichristen einmündet (Off 13,7f). Eine solche Apostasie liegt unübersehbar im neuzeitlichen Säkularismus, (d. h. der Verweltlichung) insbesondere der westlichen Welt, wie auch im sog. Postmodernismus vor.

Die sich ausbreitende Anomia macht auch vor den Pforten der Kirchen nicht halt und wird zur geistlichen Bedrohung von innen her.14 Hier werden die Warnungen Jesu vor den falschen

Propheten und dem „unheilvollen Greuel“ „am heiligen Ort“ (Mt 24,24.15) akut. Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind Auflösungserscheinungen in Theologie, Dogmatik, Ethik und gottesdienstlicher Praxis zu beobachten. Ihnen zu widerstehen wurden Bekennende Gemeinschaften bzw. Sammlungen glaubenstreuer Christen gebildet.[ii]

Die christliche Verkündigung ist heute besonders betroffen durch eine ideologisch betriebene Bibelkritik und die Leugnung der Heilsuniversalität Jesu Christi. Das führt zu einem Religions-Pluralismus sowohl in der Theologie[iii] wie im Volksglauben, dem Eindringen synkretistischer Bewegungen wie New Age sowie der Praktizierung hinduistischer und buddhistischer Meditationsformen, sogar in Klöstern und Kommunitäten. – Schriftgebundene Theologie und Frömmigkeit werden häufig als „Fundamentalismus“ diskreditiert. Der tibetanische „Gottkönig“ Dalai Lama wird auf Kirchentagen als Hoffnungsträger umjubelt und von theologischen Fakultäten geehrt. Ein falsches Toleranzverständnis leitet zu einem weltanschaulichen Relativismus, verschüttet das Fragen nach der universal gültigen Wahrheit und blockiert die missionarisch-evangelistische Verkündigung. Auch gilt die nach Römer 1,16 uns primär aufgetragene Mission an Israel nunmehr als verwerfliche Gestalt des Antisemitismus und wird von manchen Kirchenleitungen öffentlich für abgeschafft erklärt. Durch solches Verschweigen des messianischen Zeugnisses wird die Zusammengehörigkeit von Liebe und Wahrheit aufgelöst.

Den Antichristen nennt Paulus, als Verkörperung der Gesetzlosigkeit, den „Menschen der Anomia“ (2Thess 2,3). Ein in der Johannesoffenbarung angekündigtes Kennzeichen seines kommenden Weltreichs ist eine die bisherigen politischen, kulturellen und religiösen Gegensätze überbrückende, gegenüber dem Christusglauben strikt intolerante Einheitsideologie (Off 17,13). Mit deren Hilfe setzt er seine Ziele auf spirituellem Wege durch. Eine solche begegnet uns schon heute in der Forderung nach inhaltlicher Toleranz gegenüber allen Religionen und Lebensstilen sowie „political correctness“ im gesellschaftlichen Umgang und in öffentlichen Meinungsäußerungen. In deren Namen könnte dereinst jede Infragestellung vorherrschender Überzeugungen, Moralvorstellungen und eines entsprechenden Lebensstils mit der Todesstrafe geahndet werden (Off 13,15).

Das bedeutet zugleich auch Anpassung an etablierte Weltanschauungen und Zurückweichen vor den Machtansprüchen totalitärer Ideologien und Religionen. Gestern war das der Marxismus. Heute ist es der sich rapide ausbreitende Islam. Diesem wird bescheinigt, er sei eine Religion des Friedens. Übersehen wird, dass es nach dem Koran die Pflicht aller Muslime ist, sich aktiv für die universale Aufrichtung der Scharia, des theokratischen Gesetzes Allahs, einzusetzen [iv] – gegebenenfalls mit Feuer und Schwert – und auch die Tatsache, dass in vielen Suren christentums-feindliche Äußerungen erscheinen! Da, wo der Islam bereits staatlich etablierte Mehrheitsreligion geworden ist, duldet man das Ausüben des christlichen Glaubens nur beschränkt oder gar nicht. In vielen islamischen Ländern ist Mission untersagt, und ein Christuszeugnis ist nur im Rahmen von diakonischen Einrichtungen und Entwicklungshilfe möglich.

Zu Christus bekehrte Muslime werden häufig von ihren Familien ausgeschlossen oder von Staats wegen grausam verfolgt. Generell ist die jährliche Anzahl der Märtyrer weltweit im Vergleich zu früheren Jahrhunderten erheblich gestiegen. Wir deuten das nicht nur als eine Parallelentwicklung zum Wachstum der Christenheit bzw. zum Weltbevölkerungswachstum, sondern auch als eine der von Jesus und den Aposteln vorhergesagten Entwicklungen der Endzeit (Off 2,10; 17,6; siehe auch Off 6,9-11).

  1. Die Hoffnung stärkende Zeichen

Neben diesen Abfallerscheinungen und Zeichen des ausreifenden Bösen nennt Jesus in seiner eschatologischen Ölbergrede jedoch auch zwei sehr ermutigende Zeichen. Das eine ist die Verheißung an seine bis ans Ende standhaft im Glauben ausharrenden Nachfolger, dass sie selig werden sollen (Mt 24,22, vgl. 1Petr 1,5.9), im Glauben und in der Vollmacht bewahrt in allen Versuchungen und Bedrohungen (1Petr 1,5; 4,14), gestärkt zum Bekennen gerade in der letzten Versuchungsstunde (Off 3,8 und 10). Die „kleine Herde“ braucht sich also, auch wenn es zum Blut-zeugnis kommt, nicht zu fürchten; denn es hat dem Vater gefallen, ihr das Reich (Gottes) zu geben (Lk 12,32). Das ist es, was in der Ewigkeitsperspektive betrachtet allein zählt (vgl. 2Kor 4,17f); auch beschränkt Gott die Leidenszeit der Gemeinde auf Erden zeitlich (Off 2,10).

Das zweite ermutigende Vorzeichen des Endes und zugleich Neuanfangs bei der Wiederkunft Jesu ist die weltweite Verkündung des Evangeliums (Mt 24,14; Mk 13,10; Apg 1,8). Sie kann und wird auch durch die größten Widerstände nicht aufgehalten und zum Schweigen gebracht werden (vgl. Lk 21,12-15). In der Tat erleben wir gerade heute eine bislang nie erreichte Ausbreitung der Völkermission. Es gibt keine von der Christusbotschaft unerreichten bzw. unerreichbaren Gebiete und Völker mehr. Die einheimischen Kirchen sind gewachsen – manche von ihnen gerade unter Verfolgung, wie z. B. schon in der Hauskirchenbewegung während der Diktatur Mao Tse-tungs in Rotchina und in der Gegenwart vor allem in islamisch beherrschten Ländern. Die Kirchen der Zweidrittelwelt stellen heute einen Hauptteil der Missionskräfte, und viele neue Gemeinden sind gegründet worden.

Vielfach im Zusammenhang damit stehen kirchliche Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen mit ihrem Erleben einer neuen Segnung mit der Kraft des Heiligen Geistes, wie sie schon im Alten Testament durch die Propheten, besonders Joel (Kap. 3,1f), für die Endzeit angekündigt worden ist, – wobei allerdings die grundlegende Erfüllung schon am Pfingstfest geschah (Apg 2,16ff). Geistliche Aufbrüche und Gemeinschaften haben z. T. konfessionsübergreifend zur Verlebendigung der Gemeinden und deren Missionsbewusstsein geführt. Andererseits lehrt uns im Blick auf die vermeintliche Erfüllung der alttestamentlichen Spätregenprophezeiung (Joel 2,23) in gegenwärtigen Aufbrüchen Jesus selber wie auch die geschichtliche Erfahrung mit schwarmgeistigen Erscheinungen, dass es gerade hier notwendig ist, sorgfältig die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind (Mt 24,24; 1Joh 4,1f.). Bei Joel ist die von ihm geschaute Ausgießung des Geistes Gottes in erster Linie auf das alttestamentliche Israel bezogen, begreift aber „alles Fleisch“ ein (Ez 36,27) und hat ihre Mitte im Heilsgeschehen durch Christus (Joel 3,1 u. 5; vgl. Röm 10,12f).

Damit kommen wir zu einem vierten bedeutungsvollen Anzeichen für die Wiederkunft Jesu: Es ist die Sammlung des ersterwählten Gottesvolkes der Juden in dem ihnen verheißenen Land der Väter sowie eine dieser physischen Wiederherstellung Israels (5Mo 4,20; Hos 3,4) folgende geistliche Auferweckung (vgl. Ez 37,11-14). Seit Ende der 1960er Jahre lässt sich eine solche wahrnehmen in der Entstehung judenchristlicher Gemeinden in Israel, noch stärker in Amerika und auch in Deutschland, wo viele der Gläubigen aus dem russischen Sprachraum kommen. Es gibt unter den Juden ein zunehmendes Interesse am Messias. Die Bedeutung dieser Bewegung darf nicht aufgrund eines fehlgeleiteten Philosemitismus abschätzig beurteilt werden, als wäre der Glaube an Jesus als Messias ein Verrat am Judentum. Vielmehr beweist sie gegen alle Kritik die Berechtigung des Christuszeugnisses für Israel und die Juden gerade heute.           

  1. Unkenntnis der biblischen Endzeitprophetie und falscher Umgang mit ihr

Endzeitprophetie in der Bibel ist das, was Gott durch Beauftragte über die Vollendung von Schöpfung und Geschichte und seines Erlösungswerkes für die Menschheit verbindlich offenbart hat. Sie ist dafür bestimmt, dass wir uns darauf einstellen, mit seinem Plan Schritt halten und darin seine Gemeinschaft suchen. Ihr Sinn ist also, wie der aller biblischen Prophetie, ein praktisch seelsorgerlicher.

Ursachen und Folgen mangelnden eschatologischen Durchblicks

Dass in der kirchlichen Verkündigung und im Glaubensbewusstsein der meisten Christen heute die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi nur eine geringe Rolle spielt, hat mehrere Gründe. Die wohl einfachste Ursache für die schon seit Ende des ersten Jahrhunderts nachlassende eschatologische Naherwartung (2Petr 3,3-7) ist die, dass viele mit dem langen Zeitraum der Abwesenheit Christi – die er selbst im Gleichnis von den anvertrauten Zentnern vorhergesagt hat (Mt 25,19) – nicht gerechnet haben und in ihrem Warten auf ihn erlahmt sind.

  1. Das rationalistische Ausscheiden der transzendenten Wirklichkeit[v]

hat sich verhängnisvoll in der Bibelauslegung der liberalen Theologie ausgewirkt. Den Tiefpunkt brachte das Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns. Erklärte dieser doch schon 1941: „Erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden ‚Menschensohnes‘ …“ Die Parusie-Erwartung der Urgemeinde sei schon dadurch widerlegt worden, dass Jesus nicht, wie seinen Jüngern angekündigt, noch zu ihren Lebzeiten zurückkehrte, sondern die Weltgeschichte weiterging und, „wie jeder Zurechnungsfähige“ zugebe, auch in Zukunft weitergehen werde.[vi]

Die theologische Entmythologisierung der Endzeitprophetie führt jedoch unausweichlich zu einem Geschichtsverständnis ohne Ewigkeitsbezug.

Unter solchem Einfluss zieht sich modernes Christentum im Denken und Handeln in die Diesseitigkeit zurück, indem es die sinnenfällige Welt als die einzige Wirklichkeit betrachtet und sich auch der Realität des Gerichts nicht stellt (2Petr 3,5f).

  1. Fortschrittgläubigkeit und eigenmächtige Zukunftsplanung

Da, wo die eschatologische Realerwartung aufgegeben wird, wird die Zukunftsorientierung durch den Glauben an die schier grenzenlose Fortentwicklung der Menschheit und einen von Philosophien und Ideologien verbreiteten, zeitgeistig orientierten Zukunftsoptimismus ersetzt. Biblische Begriffe bekommen eine veränderte inhaltliche Füllung: Das kommende Reich Gottes wird zur Chiffre für utopische Visionen mannigfacher Art, wie sich aus den Verlautbarungen und Aktionsprogrammen des Weltkirchenrates seit den sechziger Jahren aufweisen lässt.[vii] Ebenfalls seit dieser Zeit traten Befreiungstheologien sozial- bzw. kulturrevolutionärer Art wie auch der theologische Feminismus auf. Die biblische Hoffnung auf den wiederkommenden Gottmenschen Jesus Christus wird hier pervertiert zur Erwartung eines „neuen Menschen“[viii], den es aus eigenen Kräften zu schaffen gelte.

  1. Nützlichkeitsdenken und Sinnenfreude

Da, wo man auf eine bestimmte Zukunftserwartung als existenzbestimmendes Leitbild verzichtet, tritt bei den ernster Veranlagten an seine Stelle ein verantwortliches, aber rein diesseitig ausgerichtetes Handeln auf pragmatischer Grundlage. Menschen leichteren Gemüts suchen ihren Lebensinhalt allein im ästhetischem Genuss oder – wie die vorsintflutliche Generation bzw. wie zur Zeit Lots – in oberflächlichen, lediglich von leiblichen Bedürfnissen geleiteten Vergnügungen nach dem Motto: „Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot“ (1Kor 15,32b; Lk 17,26-30; Mt 24,37ff).

  1. Fatalistische Geisteshaltung

Zahlreichen Menschen, die durch tiefe Leiderfahrungen geprägt worden sind, verfallen in klaglose Ergebenheit in ihr Schicksal. Dem kommen bestimmte Richtungen moderner Philosophie wie der nihilistische Existentialismus (Sartre, Heidegger) oder auch das Angebot asiatisch-mystischer Religionen entgegen. Diese vertreten nicht wie das Christentum ein lineares, zielbestimmtes Geschichtsverständnis, sondern ein zyklische Weltbild. Es ist von der Vorstellung einer beständigen Wiederkehr des immer Gleichen bestimmt sowie von der Lehre, dass jeder Mensch unentrinnbar das Karma, d. h. die Vergeltung seiner bösen Taten aus einer früheren Inkarnation, tragen und abarbeiten müsse.

Eine fatalistische Geisteshaltung kann sich auch in ein christliches Gewand kleiden. Sie liegt dort vor, wo bei Christen die Furcht vor den endzeitlichen Gegebenheiten, zumal dem Antichristentum, überwiegt und die Konzentration auf die Ausreifung des Bösen (vgl. Off 2,24) die Freude auf den Wiederkommenden und die Einsatzfreudigkeit für sein Evangelium lähmt.

  1. Religionsphilosophische Spiritualisierung der Endzeitprophetie

Schon die Apostel und frühchristlichen Missionare wurden mit einer sublimen Unterwanderung ihrer jungen Gemeinden konfrontiert, die von Anhängern einer religionsphilosophischen Heilslehre (wahrscheinlich persischen Ursprungs) betrieben wurde, der sogenannten Gnosis.[ix] Die Gnostiker vertraten ein Weltbild, in welchem es nur eine geistige Wirklichkeit gab, der gegenüber die physische Substanz zweitrangig, weil nur eine Sinnestäuschung sei. Diese gelte es durch „Erkenntnis“ zu überwinden (1Tim 6,20). Von solcher Voraussetzung her unterzogen sie den Schöpfungsglauben und das Geschichtsverständnis der Bibel einer radikalen Abwertung. Konsequenterweise leugneten sie auch die persönliche, geistleibliche Wiederkunft Christi. An die Stelle der Hoffnung auf ein Leben in der neuen Schöpfung trat hier das Bemühen um die Befreiung des immateriellen Seelenfunken aus der materiellen Gefangenschaft und sein Einfließen in eine alles umgreifende übersinnliche Wirklichkeit.(vgl. Kol 3,18 und 23). Diese gnostischen Vorstellungen sind in esoterischen Strömungen in der gesamten Kirchengeschichte immer wieder einmal aufgetaucht und sind für die Letztzeit als ausgesprochen einflussreich und Glaubensabfall bewirkend angekündigt (1Tim 4,1ff). Deutlich neo-gnostischen Charakter tragen die Anthroposophie Rudolf Steiners[x] und deren scheinchristliche Gestalt in der „Christengemeinschaft“[xi]. – Mildere Formen gnostisierenden Denkens begegnen uns auch in der neuprotestantischen Bewusstseinstheologie seit Schleiermacher. Hier wird der heilsgeschichtliche Realismus der Bibel spiritualisiert zu mystischer Gefühlsreligion und idealistischer Ethik.

Die biblische Antwort gegen die fälschlich so genannte Erkenntnis (1Tim 6,20b) lautet: „In ihm“ – Jesus Christus – „sind alle Schätze der Weisheit [sophia] und Erkenntnis [Gnosis] verborgen“ (Kol 2,3). Der Zirkel um die Brennpunkte Weltanfang und Weltende ist nicht aufzusprengen: Die protologische (urgeschichtliche) und eschatologische (endgeschichtliche) Christusoffenbarung ist die wahre heilsgeschichtlich-trinitarische Gnosis gegen alle sonstigen Ansprüche unter diesem Namen, seien sie religiöser oder (schein)wissenschaftlicher Art. Christlicher Mischglaube im Banne der Urknall-Evolutions-Gnosis – getarnt als „Wissenschaft“– ist ein grandioses Ränkespiel des Widersachers!

  1. Sektiererische Eschatologien

 

In allen kirchengeschichtlichen Epochen hat es Bewegungen gegeben, die, wie z. B. die „Zeugen Jehovas“, im Kontrast zur Hintanstellung der Wiederkunftserwartung gerade die eschatologichen Partien in den biblischen Schriften eifrig studierten. Doch gaben sie diesen abwegige, ja abstruse Auslegungen. In manchen Fällen waren solche das Produkt vermeintlicher Visionen und Offenbarungserlebnisse ihrer Gründerpersönlichkeiten. In Extremfällen kann das soweit gehen, dass der Sektenführer (z.B. Sun Myung Moon) sich sogar als den wiedergekommenen Christus ausgibt.

 

 

[xii]

Häufig begegnende Kennzeichen schwärmerischer Eschatologie, auch in milderer religions-psyhologischer und -soziologischer Gestalt, sind

  1. Gefährliches Übersehen von Matthäus 24,36.42-44 im Berechnen eines „Endzeitfahrplans“.
  2. Frömmelnde Verfremdungen der Wiederkunftserwartung: Rückzug aus der Gesellschaft, sozialethische Passivität durch Weltflucht, bei manchen Gruppen jedoch durch einen aufdringlichen missionarischen bzw. propagandistischen Aktivismus kompensiert.
  3. Pseudocharismatische Ankündigung endzeitlicher regionaler oder universaler Geistausgießungen mit der Folge von Zeichen und Wundern, die für einen sog. Power Evangelism eingesetzt werden.
  4. Einheitsschwärmereien im Sammeln der „Heiligen der letzten Tage“ aus allen christlichen Gemeinschaften und Konfessionen, ohne Ernstnehmen der Wahrheitsfrage.
  5. Lehre einer Vorentrückung der Auserwählten aller Kirchen schon vor der sog. großen Trübsal und der universal sichtbaren Wiederkunft Jesu (vgl. 2Thess 2,1-8!). Die verhängnisvolle Folge ist ein Nachlassen von Wachsamkeit und Leidensbereitschaft von Christen, weil sie irrtümlich (vgl. Mt 24,21-28!) meinen, sie würden das Kommen des Antichristen nicht selber erleben und bräuchten auch nicht vor dem Richterstuhl Christi zu erscheinen.
  6. Separatismus und Spaltungen als angebliche endzeitliche Forderung an alle wahrhaft Gläubigen – unter missbräuchlicher Berufung auf Offenbarung 18,4: „Gehet aus ihr hinaus, mein Volk“, damit ihr an ihren [der Hure Babylon = Großkirchen] Sünden keinen Anteil habt …“.

Die biblische Rede von der Endzeit ist im Laufe vieler Jahrhunderte einer Vielzahl von Verständnissen und leider auch Missverständnissen ausgesetzt gewesen. Das liegt daran, dass die biblische Prophetie nicht in Lehrsätzen, sondern vielfach in Bildern und Symbolen erscheit, die bisweilen schwer zu deuten sind. Hier ist es hilfreich, zu wissen, dass es nach den Worten Jesu der besondere Dienst des Heiligen Geistes ist, das zu verkünden, was zukünftig ist, und dabei in alle Wahrheit zu leiten (Joh 16,13). Als Dritte Person des Dreifaltigen Gottes ist dieser wie schon ge-genwärtig ganz auf die Zweite Person, Jesus Christus, den Wiederkehrenden, bezogen.

 

III. Kirchliches Leben und Handeln in der Erwartung der Wiederkunft Jesu

 

  1. Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn – Kennzeichen urchristlichen Glaubens

Jesu Verheißung seiner Wiederkunft war ihm so wichtig, dass er seine Jünger anwies, ihr ganzes Leben und Wirken darauf auszurichten: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (Mt 24,42). Die Urgemeinde hat ihn ernst genommen. Das zeigt sich auch darin, dass sie jeden ihrer Gottesdienste mit dem sehnsüchtigen Gebetsruf beschloss: Maranata! = Herr komme! (1Kor 16,22; Off 22,20) Dieser war zugleich ein Bekenntnis: „Unser Herr kommt!“

Christlicher Glaube ist nur dort echt biblisch, wo er in der Tat ganz von dieser brennenden Wiederkunftserwartung durchdrungen ist. Das äußert sich im Gebetsleben, in der Heiligung des Lebens sowie im evangelistischen Eifer, sowohl beim einzelnen Christen als auch in der Gemeinde als ganzer (2Petr 3,11f; 1Joh 3,3). Das war in allen bedeutsamen Epochen der Fall. Besonders die geistlichen Erweckungsbewegungen, zumal die Neuaufbrüche zur Weltmission, waren vom Blick auf das Ende bestimmt; kennzeichnend für sie war stets eine „heilige Ungeduld“ (2Petr 3,12a).

Eine gesunde Erwartungshaltung verzichtet getreu der Weisung Jesu auf spekulative Endzeitberechnungen (Mt 24,42; 25;13; Apg 1,7). Sie vollzieht sich statt dessen im Ausführen der Aufgaben, die Jesus seinen Jüngern für die Zeit vor seinem Kommen anvertraut hat (Mt 25,14ff;   Lk 12,41-48). Die Gnade Gottes, die ihnen durch Jesus Christus zuteil geworden ist, hilft zu einem bewussten Leben in der Gegenwart unter seiner Zucht und in gleichzeitiger Ausrichtung auf ihn und sein Kommen: . „Die Gnade … erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“ (Tit 2,11-13)

Biblische Wiederkunftserwartung ist von der Spannung zwischen zwei gegensätzlich erscheinenden Elementen gekennzeichnet: bangem Bewusstsein um das bevorstehende Weltgericht über alle Menschen zum einen – jubelnder Vorfreude auf die Vereinigung mit dem Herrn zum an-deren. Eindrücklich bringt Paul Gerhardt das in seinem Adventslied: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir“ zum Ausdruck:
„Er kommt zum Weltgerichte, zum Fluch dem, der ihm flucht, mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht.“

Der auf den wiederkommenden Herrn Wartende bedarf des Heiligen Geistes und einer nüchternen Ausdauer inmitten einer Zeit auch des Glaubensabfalls (Mt 25,1-13; auch Lk 12,35f).

Zu beidem will Christus selbst uns nach seiner Zusage verhelfen.

  1. Die Ausrichtung des geistlichen Lebens jedes Christen auf die Wiederkunft Christi

Das Bewusstsein vom nahenden Weltende und glorreichen Erscheinen des Herrn ermutigt und verpflichtet jeden Christen dazu,

  1. sich selber mit der Frage zu prüfen: Wenn Christus heute wiederkommen würde, um von mir Rechenschaft zu fordern, wie stünde ich da vor ihm? Bin ich darauf vorbereitet?
  2. wachsam zu sein im Blick auf äußere Verführungen und innere Versuchungen sowie auf ein Verfallen in einen rein diesseitigen Lebensstil, bestimmt durch Vergnügungen oder auch Sorgen, wovor Jesus seine Jünger im Blick auf sein unerwartetes Wiederkommen warnt (Lk21,34).
  3. die beständige Lebensgemeinschaft mit Christus), zu pflegen in Vorfreude auf deren himmlische Fortsetzung, wie diese in zahlreichen auf die Ewigkeit gerichteten Chorälen zum Ausdruck kommt (z. B. in EG Nr. 150: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“).
  4. recht umzugehen mit den ihm von Gott verliehenen Talenten von Zeit, Begabung und Besitz (Lk 12,13-21; Eph 5,15);
  5. eifrig zu sein im evangelistischen Zeugnis – angefangen in der eigenen Familie – und zugleich den Dienst von Missionaren und einheimischen Kirchen in anderen Ländern durch Fürbitte und Opfer zu unterstützen;
  6. in echter Weltverantwortung sich für die Linderung der sozialen Nöte der Menschheit einzusetzen und unter Hinweis auf das kommende Weltgericht allen Beugungen des Rechtes in der Gesellschaft unerschrocken entgegenzutreten.
  7. sich rechtzeitig auf den eigenen Tod vorzubereiten, in dem für den Einzelnen das Kommen des Herrn persönlich vorweggenommen wird (Siehe Teil IV);
  8. sich bereitzuhalten für ein möglicherweise ihn erwartendes Martyrium;
  9. auch im Leiden der Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde (2Petr 3,13) gewiss zu werden, durch treues Pflegen der geschwisterlichen Gemeinschaft, des Bibellesens und des Gebets.

 

  1. Die entsprechende Aufgabe kirchlicher Hirten und Lehrer

Angesichts der Verkümmerung eschatologischer Hoffnung in den Gemeinden sowie deren Verwirrung durch falsche Vorstellungen und Lehren muss es ein zentrales Anliegen der geistlichen Verantwortungsträger sein, sie neu und verstärkt auf die biblisch-heilsgeschichtliche Zukunftsschau auszurichten. Es geht dabei darum,  

  1. die Gewissheit der Wiederkunft und auch Christi gegen ihre Bestreitung zu stärken und angesichts ihrer zeitlichen Unberechenbarkeit zur Bereitschaft für ihn zu mahnen (Mk 13,33);
  2. in Verkündigung, Unterweisung und Seelsorge die authentische biblische Lehre über die Letzten Dinge zu vermitteln;
  3. die diakritische Aufgabe wahrzunehmen, die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind;
  4. die biblisch orientierte Prophetie so zu aktualisieren, dass sie als Botschaft in unsere Zeit hinein vernommen wird. Dabei muss zugleich die verbreitete Willkür abgewiesen werden, in der auf Kanzeln eigene politische Überzeugungen als „Wahrnehmung des prophetischen Auftrages der Kirche“ vorgetragen werden. Häufig ist das auch seitens des Weltkirchenrat (ÖRK) zur Rechtfertigung fragwürdiger Verlautbarungen und Aktionsprogramme geschehen;
  5. in den Predigten die Gemeinden aufzurütteln im Blick auf Christi Wiederkunft zum Weltgericht sowie selbstsichere Christen zur Buße und zum Stärken geistlich nachlassender Mitchristen aufzurufen (Off 3,2f). Gilt es doch, ihrer Anpassung an das zeitgeistige Empfinden und Verhalten der modernen Gesellschaft entgegenzutreten sowie die sich ausbreitende Nichtbeachtung der Heiligkeit Gottes zugunsten einer einlullenden Versicherung seiner grenzenlosen Güte aufzudecken;
  6. anderseits, ihnen die Botschaft von Jesu Wiederkunft als einen Aufruf zur Freude zu verkündigen, die ihre Anschauung gewinnt aus den prophetischen Schilderungen besonders in den letzten beiden Kapiteln der Bibel, Offenbarung 21 und 22;
  7. in Abwehr drohender Resignation hinsichtlich der betrüblichen Zustände in Kirche und Gesellschaft ermutigende Anweisung zum verantwortlichen Handeln zu geben „Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme!“ (Lk 19,13). In der Kraft des Heiligen Geistes können Christen dem überhand nehmenden Bösen standhalten. Die Vorfreude auf die Aufrichtung des Reiches Christi in Macht und Herrlichkeit setzt Kräfte frei! Gemeinde hat Zukunft; denn sie besitzt eine bleibende Hoffnung und ein klares Ziel.
  8. Gleichzeitig gilt es, bekennende Christen auf das uns von Jesus angekündigte endzeitliche Leiden seiner ihm getreuen Gemeinde vorzubereiten. Das betrifft insbesondere auch die Zurüstung von Missionaren, die in gefährliche Gebiete ausreisen.
  9. Gerade angesichts solchen unausweichlichen Martyriums ist die Verkündigung der Wiederkunft Jesu eine Trostbotschaft (Off 21,4). Sie ruft uns auf, nicht „wie Kaninchen verängstigt auf die Pythonschlange zu starren“, sondern nach oben zu schauen! Die Mut machende Losung lautet:

Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat! – (Christus siegt, regiert und herrscht!)

  1. Bibel- und bekenntnistreue Prediger nehmen die Aufgabe ernst, bei den Gemeindegliedern ein eschatologisches Bewusstsein zu wecken und zu stärken. Sie orientieren sich dabei an dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Matth 25, 1-13) sowie an der urchristlichen Beschreibung der Gemeinde als „Braut Christi“, die sich für ihre bevorstehende Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam schmückt (Joh 3,29; Eph 5,25-27; Off 21,29. Das hat auch in kirchlichen Chorälen seinen festen Platz gefunden (so in dem klassischen Lied von Philipp Nicolai: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, besonders V. 2).

 

  1. Die Begegnung des Christen mit dem kommenden Christus im Sterben

Nur wenige Menschen werden noch in ihrem irdischen Leben die Wiederkunft Jesu Christi in Macht und Herrlichkeit erfahren; die meisten werden schon zuvor durch ihren persönlichen Tod in die Ewigkeit abberufen. Das erfuhren schon die ersten Christen in den apostolischen Gemeinden, was sie angesichts ihrer Naherwartung der Wiederkunft des Herrn in eine Glaubensanfechtung brachte. Paulus setzt sich mit diesem Problem in seinen beiden Briefen an die Thessalonicher seelsorgerlich auseinander und gibt darauf eine lehrhafte Antwort, eingeleitet durch den tröstenden Zuspruch (1Thess 4,13): „Brüder, wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“ Das macht deutlich, dass Christen freilich ein ganz anderes Verhältnis zum Tod haben als andere Menschen, die ihre Hoffnung nicht teilen.

Eine biblisch verankerte Lehre von der Bedeutung des Todes lässt sich in folgenden zehn Grundaussagen zusammenfassen.

  1. Für Christen hat durch Christi stellvertretenden Tod und seine Auferstehung das Sterben seinen Schrecken verloren (1Kor 15,55)

In biblischer Sicht ist der ursprünglich von Gott nicht gewollte Tod des Menschen als Ahndung seiner Sünde in die Welt gekommen (1Mo 3,19; Rö 5,12-14). Zu unterscheiden sind der geistliche, der leibliche und der ewige Tod. Der erste besteht in der schuldhaften Trennung der Lebensgemeinschaft mit Gott, der zweite ist das Ende des irdischen Lebens, der dritte schließlich ist die ewige Gottesferne von Seele und Leib in der Verdammnis.

Der Tod ist die Wirkung des über die Sünde und den Sünder entbrannten Zornes des heiligen Gottes (Ps 90,7-9). Als Folge der Zurückweisung seiner immer wieder werbenden Liebe zum Menschen gibt Gott den Sünder schließlich der Wirklichkeit preis, die er durch seine Sünde „angerichtet“ hat. Die durch die Sünde erfolgte Trennung von Gott wird, wenn sie nicht getilgt wird, mit dem Tode eine ewige, und im Wissen darum besteht der eigentliche Schrecken des Sterbenmüssens. – Freilich ist eine kreatürliche Todesangst auch dadurch bedingt, dass wir, wie Paulus schreibt, „nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde.“ (2Kor 5,4)

In seinem unschuldigen Leiden und Sterben am Kreuz aber hat Jesus Christus unsere Schuld gesühnt und die von uns verdiente ewige Todesstrafe auf sich genommen. Durch seine Auferstehung hat er die sündige Welt grundlegend vom Bann des Todes befreit. Als „Erstgeborener von vielen Brüdern“ (Rö 8,29; 1Kor 15,20.23) hat er das ewige Leben nicht nur für sich selber ererbt, sondern für alle, die seine Heilsgabe glaubend empfangen. Darum brauchen diejenigen, die in ihrer Wiedergeburt zu Gliedern am Leibe Christi geworden sind, den leiblichen Tod nicht mehr zu fürchten. Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).

  1. Christen sollen sich beizeiten auf das Ende ihres irdischen Lebens einstellen (Ps 90,12)

Auch nach der Erlösungstat Jesu Christi stehen weiterhin alle Menschen – mit Ausnahme der letzten Generation, welche die Wiederkunft Christi noch erleben wird – unter dem Verhängnis, dereinst den leiblichen Tod als Ende ihres irdischen Lebens zu erleiden. Es kommt für uns darauf an, in welchem Verhältnis gegenüber Gott wir uns in der Todesstunde (bzw. beim bleibenden Bewusstseinsverlust) befinden werden: in ungetrübter Gemeinschaft mit Christus (im soge-nannten „Gnaden-Stand“) oder schuldhaft (im Stande unbereuter und unvergebener Sünde) getrennt von ihm. Je nach dem wird er nach Eintritt des Todes als Richter sein Urteil über uns sprechen (Hebr 9,27). Da aber niemand die Stunde seines eigenen Todes, ebensowenig wie die der Wiederkunft Christi, kennt, gilt es für jeden Menschen, sich rechtzeitig auf diesen entscheidenden Augenblick vorzubereiten.

  1. Die vor dem Tode getroffene Glaubensentscheidung für oder gegen Jesus Christus wird im Augenblick des Todes endgültig (Hebr 9,27)

Der zentrale Sinn der uns geschenkten Zeitspanne zwischen Geburt und Tod ist der, im Glaubensgehorsam der im Evangelium an uns ergehenden Einladung zu folgen und in der Nachfolge Jesu seine Rettungsmacht von Sünde, Zorn Gottes, Tod und Teufel zu erfahren.

So können wir einerseits schon hier ewiges Leben in Ihm empfangen. Jesus verheißt (Joh 5,24): „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“

Andererseits räumt uns das Wort Gottes eine Möglichkeit, eine hier verweigerte oder rückgängig gemachte Glaubensentscheidung noch nach dem Tode zu treffen, nicht ein. Hier gilt es, das Wort in Hebräer 9,2 ernst zu nehmen: „Es ist den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht“ (Luther-Ü.). Wie Jesus im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19 ff, besonders V. 29-31) nachdrücklich deutlich macht, werden den Menschen im Wirkungsbereich des verkündigten Wortes Gottes genügend Möglichkeiten geboten, Gottes erbarmende Liebe zu Lebzeiten zu empfangen und darauf zu antworten. Wer jedoch in der Verkündigung des Evangeliums vom Heiligen Geist erfasst wird und das ihm angebotene Heil eindeutig und definitiv abehnt, kann nach dem Zeugnis der Schrift nicht mit einer Heilschance nach dem Tod rechnen.

Auf wen dies konkret zutrifft, vermag allerdings kein Mensch von außen zu beurteilen, sondern allein Gott als der ewige Richter, der das Verborgene des Herzens sieht (1Sam 16,7; Mt 6,6).

Auf jeden Fall sind alle Spekulationen wie die der Anthroposophen auf eine weitere Aufwärtsentwicklung der Seele nach dem Tode oder eine Reinkarnation abzuweisen.

  1. Beim Sterben verlässt die Seele des Menschen ihren Leib und geht an den ihr von Gott bestimmten Ort – im Warten auf die leibliche Auferweckung (Ps 17,15 )

Die Schriften des Alten Testaments entwickeln noch nicht die in drei Wesensaspekte: Leib, Seele und Geist entfaltete Sicht vom Menschen, wie wir sie im Neuen Testament finden. Dem Begriff „Seele“ entspricht im Hebräischen am ehesten das Wort Herz.[xiii] Mit dem Herzenswillen kann der Mensch wider oder mit Gott sein. Auch Bilder vom Totenreich und eine Auferstehungshoffnung kennt das Alte Testament (z. B. Ps 71,20;115,17f; Jes 25,8; Hos 6,2). Nach dem Zeugnis des Alten und des Neuen Testamentes ist der Mensch ein aus einem materiellen, sterblichen Leibe und einer geistigen, unsterblichen Seele zusammengesetztes Wesen. Vereinzelte Bibelstellen, die ein dreigliedriges, aus Geist, Seele und Leib bestehendes Menschenbild vorauszusetzen scheinen (z. B. 1Thess 5,23), sind so zu verstehen, dass die menschliche Seele – im Unterschied zur animalischen – eine geisthafte, nämlich auf Gemeinschaft mit Gott und den Empfang der Gabe des Heiligen Geistes angelegte ist (1Kor 2,11a; Röm 8,16). Weil dieser Gottesbezug das Sein des Menschen ausmacht, ist seine Geistseele im Unterschied zum erdhaften Leibe prinzipiell unsterblich. – Vom heidnisch-philosophischen Glauben an eine Seelenwanderung (Reinkarnation) sowie der Göttlichkeit des Seelenkerns ist freilich die christliche Auferstehungshoffnung mit Läuterung im Endgericht wesensverschieden.

Die in der Theologiegeschichte erst spät [xiv] aufgekommene, aber unter modernen Theologen verbreitete Lehrmeinung vom „Ganztod“[xv] also seiner Leib und Seele gemeinsam auslöschenden Wirkung, hat deutliche Aussagen der Heiligen Schrift gegen sich; – siehe den Ausspruch Jesu in Matthäus 10,28 und in Lukas 12,4 („Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können ….“. Ebenso steht sie im Widerspruch zur gemeinsamen Überzeugung aller christlicher Bekenntnistraditionen. – Die im orthodoxen Luthertum vertretene Sicht kommt deutlich zum Ausdruck in dem ergreifenden Liedvers von Martin Schalling (1532-1608), mit dem Johann Sebastian Bach seine Johannes-Passion ausklingen lässt:

„Ach Herr, laß dein’ lieb’ Engelein / an meinem End die Seele mein / in Abrahams Schoß tragen. Der Leib in seim Schlafkämmerlein / gar sanft ohn einge Qual und Pein / ruh bis zum Jüngsten Tage. Alsdann vom Tod erwecke mich, / dass meine Augen sehen dich/ in aller Freud, o Gottessohn, / mein Heiland und mein Gnadenthron. Herr Jesu Christ, erhöre mich! / Ich will dich preisen ewiglich.“

Im irdischen bzw. zeitlichen Tode erfolgt also die Trennung der Seele von ihrer stofflichen Hülle, dem Leib, – der bei Christen die Würde eines „Tempels des Heiligen Geistes“ (1Kor 6,19 und schon 3,16) trägt. In 2. Korinther 5,1-8 vergleicht Paulus den Leib mit einer vorübergehenden Zeltwohnung, die er im Tode verlassen werde. Die Seele bleibt leibfrei, bis Christus bei seiner Wiederkunft alle verstorbenen Menschen aus ihren Gräbern auferwecken wird, ihren zerfallenen erdhaften Leib zu einem mit dem Aussehen des irdischen Leibes übereinstimmenden geistlich verklärten schaffen und dabei mit ihrer Seele vereinigen wird (1Kor 15.35-49).

Schon vorher gibt es einen Zwischenzustand, der für die Gläubigen und die im Unglauben Gestorbenen ein sehr unterschiedlicher ist. Für beide ist er schon eine gewisse Vorwegnahme ihres ewigen Geschickes: Die Ersteren dürfen schon unmittelbar nach dem Tod dem sie persönlich zu sich rufenden Heiland begegnen und von nun an „in Abrahams Schoß“ geborgen Gott schauen (visio beatifica); für Letztere gibt es nur ein „die Erwartung des furchtbaren Gerichts“ (Hebr 10,27). und ein bereits unmittelbar nach dem Tode erfolgendes Hinabfahren der Seele in die Finsternis.

Das gemeinchristliche Bekenntnis lautet: „Christus ist hinabgestiegen in das Reich des Todes“ (1Petr 3,19f; 4,6). Manche Ausleger verstehen das so, dass Jesus somit Heiland auch für diejenigen wurde, die in ihrer Lebenszeit kein Evangelium bezeugt bekamen. Gottes Gerechtigkeit und Liebe erfordern zwar nicht die All-Versöhnung, aber die All-Kunde mit Entscheidungsfreiheit. Das Christuswirken im Reich des Todes bleibt für uns ein Geheimnis, unserem letzten Urteil entzogen.

  1. Jeder Mensch, auch der Christ, muss nach dem Tode vor den Richterstuhl Christi treten (2Kor 5,10)[xvi]

Gott der Schöpfer hat dem Menschen das Leben gegeben, damit er als sein irdischer Statthalter je nach seiner Begabung und Platzanweisung Ihm diene und Frucht für die Ewigkeit hervorbringe (Röm 7,4; Phil 1,9-11). Wir sind für alles, was wir tun oder unterlassen, Gott verantwortlich und müssen ihm am Ende unseres Lebens dafür Rechenschaft ablegen. Dabei wird jedes Wort und jede Tat von ihm, dem Allgegenwärtigen, beobachtet, gewogen und am Jüngsten Tage offenbar gemacht werden (Mt 12,36f; Off 20,12). Man beachte, dass bei der Stelle in der Johannesoffenbarung zwischen den Büchern, in denen die Werke der Menschen aufgeschrieben sind, und dem „anderen Buch“, dem Buch des Lebens unterschieden wird! Die Sünden, die der Mensch zu Lebzeiten aufrichtig bereut und die ihm von Gott vergeben wurden, werden beim Gericht keine Rolle mehr spielen, lediglich die bis zum Eintritt des Todes unbereuten und folglich unvergebenen Sünden.

Dabei ist das persönliche Gericht, das über jeden einzelnen Menschen gleich nach seinem Tode ergeht, von dem allgemeinen Weltgericht, das der Neuen Schöpfung unmittelbar vorangehen wird, (jedenfalls nach orthodoxer und katholischer Lehre) sachlich zu unterscheiden. Beide sind dem wiederkommenden Christus anvertraut. In manchen Kreisen ist eine (sich auf Joh 5,24 berufende) Verharmlosung verbreitet, als ob für die Christen aufgrund der schon im irdischen Leben empfangenen Sündenvergebung das Gericht entfalle. Dagegen aber lehrt das Neue Testament eindeutig, dass wir alle vor dem Richterstuhl Gottes bzw. Christi erscheinen müssen und jeder von uns für sich selbst Rechenschaft geben muss, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse (Apg. 17,31; Röm 2,16; 14,10; 2Kor 5,10; Joh 5,29; Eph 6,8). Richtig ist, dass die grundlegende Entscheidung über das ewige Leben oder die ewige Verdammnis für die Glaubenden schon mit ihrer Wiedergeburt und dem bis ans Lebensende bewahrten Glauben gefallen ist; das ist der Sinn von Johannes 5,24 sowie der folgenden Verse 28-29. Aber ein Gericht über ihre guten oder bösen Taten wird Christus auch über die Christen halten und das Maß ihres himmlischen Lohnes danach bemessen. Das kann auch für Christen eine sehr schmerzliche Erkenntnis bedeuten.

Diesen Gedanken nimmt die Römisch-Katholische Kirche (unter Berufung auf 1Kor 3,12-15) auf in ihrer Lehre vom Purgatorium (Reinigungsort oder Fegefeuer), in dem die prinzipiell gerettete Seele geläutert und von vor dem Tode ungesühnten Sündenstrafen befreit werden soll, bevor sie die Seligkeit ungetrübt genießen darf. Demzufolge gelange die Seele im Augenblick des Todes entweder unmittelbar in den Himmel, weil an ihr nichts ist, was gereinigt werden muss, oder die Seele komme zunächst noch in das Fegfeuer, weil sie noch gereinigt werden muss, oder die Seele steige sogleich in die Hölle hinab, wo sie mit dem Ausschluss von der Gottesgemeinschaft bestraft und mit ewigen Qualen gepeinigt wird, weil sich der Dahingeschiedene im Augenblick des Todes im Stande der Todsünde befand, die er nicht bereut hatte. Entsprechendes lehrte die im Westen noch geeinte Kirche lange vor der Reformation auf dem 2. Konzil von Lyon 1274, durch Papst Benedikt XII. im Jahre 1336 und im Konzil von Florenz 1439 und seitdem bis zum Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahre 2005. Aus der Lehre über das Fegfeuer ergibt sich katholischerseits die Praxis des Gebetes und der Darbringung des Messopfers für die Verstorbe-nen sowie die fürbittweise Zuwendung des Ablasses aus dem Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen.

Die orthodoxen Kirchen beten zwar für die Verstorbenen, um ihnen nach dem Tode Hilfe zuteil werden zu lassen, erklären aber nicht, wie das Gebet wirkt.

Die Orthodoxen und Evangelischen Kirchen lehnen die Lehre vom Purgatorium mit der damit verbundenen Praxis des Ablasses ab; aber an der Unausweichlichkeit des Gerichtes nach Werken halten auch sie fest, und der Gedanke einer Läuterung findet sich auch in manchen evangelischen Frömmigkeitstraditionen (z. B. im Württembergischen Pietismus bei Friedrich Oetinger und Michael Hahn). Darum sollte im ökumenischen Gespräch über dieses Thema neu nachgedacht werden.

 

  1. Durch die in der Wiedergeburt aus Wasser und Geist geschehene Einverleibung in Christus dürfen Christen in der Hoffnung sterben, ewig bei Ihm zu sein.

Die im Glauben angeeignete Taufe ist – nach Paulus (Röm 6,3-11) ein Sterben mit Christus. Paulus kann deshalb (in Kol 3,3 u.a.) sogar sagen: „Ihr seid gestorben“ – , und aus der damit eingegangenen persönlichen Schicksalsgemeinschaft folgt die Gewissheit, dass wir auch in der Auferste-hung ihm gleich sein und mit ihm auf ewig leben werden. Dadurch gewinnt die Unsterblichkeit der Seele und die damit verbundene Erhaltung der Individualität über den Tod hinaus eine neue Dimension. Christen dürfen dessen gewiss sein, dass weder Tod noch Leben uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn (Röm 8,38f). Jesus versprach dem neben ihm gekreuzigten und an ihn gläubig gewordenen Schächer: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das nimmt für Christen dem Tod seine Macht, wissen sie doch, dass die Lebensgemeinschaft mit Christus unzerreißbar ist (2Tim 1,10). Diese Gemeinschaft wird mit dem Tod aus ihrer bisherigen Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit treten und aus der sich aufgrund der Neigung zum Bösen ergebenden Unsicherheit in die bleibende Sicherheit.

Aus diesem Grunde können fest im Glauben gegründete Christen sich auf ihr Sterben sogar freuen und wie Paulus Lust haben, abzuscheiden und bei Christus zu sein. (Phil 1,23). Das ist grundlegend für das christliche Verständnis des Todes und für den Umgang mit der Aussicht, eines Tages, vielleicht schon bald, sterben zu müssen. Mit dem Lieddichter[xvii] können sie getrost bekennen: „Christus ist mein Leben; Sterben ist mein Gewinn“, und mit Fritz Rienecker bezeugen: Das Schönste kommt noch!

  1. Nach der leiblichen Auferweckung der in Christus Heimgegangenen wird Er sie die Freuden des Paradieses erfahren lassen und ihnen Anteil an seinem Reiche geben (Jak 2,5)

Das, was sich bei gläubigen Christen schon beim Sterben anbruchsweise vollzieht, wird seine Vollendung am Tage ihrer Auferstehung finden. Aufgrund der Auferweckung des Leibes in verklärter Gestalt (1Kor 15,40-45) wird die eschatologische Freude eine ganzheitliche, leib-seelische sein. In unserm neuen Leben in der zukünftigen Welt dürfen wir Christus, ja den Dreifaltigen Gott mit unsern leiblichen Augen schauen (Mt 5,8; Off 21,3). Mehr noch: Der Evan-gelist Johannes schreibt: „Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1Joh 3,2). Dies ist die beseligende Gottesschau der Geretteten. „Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich, so wie Er heilig ist.“ (1Joh 3,3)

Dazu gehört auch die Einreihung in den himmlischen Chor der Engel und Heiligen und das Einstimmen in ihren unaufhörlichen Lobgesang. Auch dürfen wir dann die uns verheißenen Freuden des Paradieses (Off 22,2f) sinnenhaft genießen. Darüber hinaus hat Jesus seinen Jüngern verheißen, dass sie an seinem sichtbar gewordenen Reich in Macht und Herrlichkeit an seiner Herrschaft als Mitregenten Anteil nehmen dürfen (Lk 22,30; 1Kor 6,3). Dabei wird durch die apostolische Lehrentfaltung klar, dass dem Herrschen dort ein Mitleiden mit Christus hier und ein geduldiges Durchstehen widriger Lebensumstände vorausgehen, wie sie sich aufgrund der Christusnachfolge ergeben, (Röm 8,17; 2Tim 2,12a).

  1. Christliche Angehörige werden nach Möglichkeit den Sterbenden durch tröstende Begleitung den Übergang aus dem irdischen in das künftige Leben erleichtern

Im Lichte des Gesagten erkennen wir, dass die Sterbestunde eines Christen die wichtigste seines gesamten Lebens ist, darf er doch nun hinübergehen aus der Zeit in die Ewigkeit, aus dem leiblichen Getrenntsein von Christus in die sichtbare Gemeinschaft mit ihm. Nicht der düstere „Sensenmann“ tritt in das Sterbezimmer des Christen, sondern der leuchtend wiederkommende, über die Macht des Tod triumphierende Christus. Darum ist der selige Tod eines Christen – auch wenn er nach menschlichem Urteil zu früh eintreten oder sich sogar unter Qualen vollziehen mag – letztlich nicht als Tragik zu beurteilen; im Gegenteil darf er als Vollendung verstanden werden. Das gibt dieser Abschiedsstunde eine besondere Weihe und sollte dementsprechend von den Angehörigen als eine solche gestaltet werden.

Dazu sollte ihnen in Kliniken der erforderliche Rahmen eingeräumt werden. Idealer ist es freilich, wenn das Sterben in der vertrauten häuslichen Umgebung geschehen kann.

Widerstanden werden sollte der zeitgenössischen Tendenz, den Tod als etwas Peinliches zu verdrängen und zu tabuisieren oder den Sterbenden gar in einen Nebenraum abzuschieben und ihn sich dort durch Verabreichung von Betäubungsdrogen allein seinem Schicksal zu überlassen.[xviii] Es gehört zu den positiven Entwicklungen unserer Zeit, dass die Hospizbewegung sich darum bemüht, dem Tode seine Würde wiederzugeben und dem Sterbenden liebevolle menschliche Zuwendung und seelsorgerliche Hilfe zukommen zu lassen.

  1. Die Aufgabe der Kirche ist es, in der Gestaltung der Sterbeseelsorge und der Bestattung sowohl die biblische Hoffnung als auch die biblische Mahnung eindeutig zum Ausdruck zu bringen

Seelsorge an Sterbenden ist eine der vornehmsten Aufgabe der Kirche. Keine medizinische oder psychiatrische Instanz kann sie ihr abnehmen, auch wenn diese Erkenntnis in Seniorenheimen und Krankenhäusern heute nicht mehr allgemein vorausgesetzt werden kann. Unter Umständen muss sich der Seelsorger die Wahrnehmung seiner besonderen Pflicht erkämpfen.

Ein Problem dabei besteht allerdings darin, dass viele Pfarrer aufgrund ihrer Prägung durch die moderne kritische Theologie in ihren biblischen Überzeugungen hinsichtlich des Verhältnisses von Zeit und Ewigkeit, Diesseits und Überwelt und damit der prophetischen Hoffnung verunsichert sind. Das zeigt sich in einer häufig zu beobachtenden Umwandlung der Krankenseelsorge in einen rein mitmenschlichen Zuspruch wie auch in einer Beschränkung der Bestattungspredigt auf die Würdigung der Lebensleistung des Verstorbenen sowie die Ermutigung der trauernden Hinterbliebenen zur dankbaren Erinnerung. Der Schwund der biblischen Hoffnung zeigt sich auch in Todesanzeigen und in den Inschriften (bzw. deren Fehlen) von Grabsteinen. Hier gilt es, sich bei den von bewusst christlichen Hinterbliebenen gestalteten Zeugnissen ein positives Vorbild zu nehmen.

Es darf uns Christen nicht nur um einen sanften Tod gehen. Vielmehr sollen wir uns aufgrund der göttlichen Offenbarung dessen bewusst werden, dass es darum geht, dass der Christ „selig“ stirbt, d.h. in der Gewissheit der Sündenvergebung durch Christus, nicht etwa durch unbereinigte Schuld belastet. Das ist der eigentliche Sinn des Gebetsverses: „Mein Gott, ich bitt durch Jesu Blut: Mach’s nur mit meinem Ende gut!“ (EG 530). Daher muss es den Seelsorgern und den Angehörigen ein Herzensanliegen sein, Sterbende nicht nur zu beruhigen, sondern ihnen durch Gebet, Sakrament und Zuspruch zu einem seligen Sterben zu verhelfen. Es gilt, erneut die „ars bene moriendi“, die Kunst des rechten Sterbens, zu erlernen.

Der Seelsorger soll sich also darum bemühen, durch Besuche bei ihrem Tode entgegengehenden Gemeindegliedern sie auf diesen Abschied und Übergang geistlich vorzubereiten. Das geschieht durch biblische Stärkung ihrer Glaubenszuversicht und in vielen Fällen durch die wiederbeleben-de Erinnerung an den vielleicht verschütteten Kinderglauben. Das Krankenabendmahl sollte besonders bei Todgeweihten wieder die Regel werden. Darüber hinaus kann auch die in der Katholischen und der Orthodoxen Kirche noch übliche Krankensalbung (glücklicherweise nicht mehr „letzte Ölung“ genannt) in evangelischen Gemeinden eingeführt werden,[xix] eine Hilfe, die von vielen christlichen Familien heute dankbar angenommen wird.

In vielen evangelischen Gemeinden war bis vor wenigen Jahrzehnten die häusliche „Aussegnung der Verstorbenen“ auf dem Wege zum Friedhof noch üblich[xx] und findet mancherorts heute wieder Eingang, soweit der Tod nicht – wie in der Mehrzahl der Fälle – in der Klinik eintritt. Aber auch dort kann in Absprache der Familie mit dem Pfarrer eine Aussegnung auf dem Sterbebett geschehen.

Der Beerdigungsgottesdienst wird angesichts des erlittenen Verlustes stets eine Trauerfeier sein.[xxi]Aber die Trauer soll dabei weder das einzige noch das überragende Element bilden. Vielmehr gilt es, in Predigt, Bekenntnis, Lied und Gebet über dem Sarge des verstorbenen Christen den Sieg des auferstandenen Jesus Christus über den Tod auszurufen. Es ist erfreulich und sinnvoll, wenn – wie mancherorts üblich – die ganze Trauergemeinde am Ende den Osterchoral singt:

„Christ ist erstanden von der Marter alle, des soll’n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein, Kyrieleis!“

Die christliche Bestattungsfeier ist eine hervorragende volksmissionarische Gelegenheit. Sie kann ihre Verlängerung finden auch in einer entsprechenden Inschrift und Verzierung des Grabsteins.

Im Zusammenhang mit der christlichen Beerdigung gibt es auch evangelischerseits die Möglichkeit der Feier der Heiligen Abendmahles (Eucharistie) im Gottesdienst. Diese Praxis entspricht dem in der Katholischen Kirche üblichen Requiem . Da, wo die in evangelischen Kreisen leider weithin unbekannte sakramentale Ausgestaltung angeboten wird, wird sie erfahrungsgemäß auch hier als besonders tröstend empfunden. Sie ist in der Lutherischen Bestattungsagende ausdrücklich vorgesehen. Der Zusammenhang von irdischer Gemeinde und der Gemeinde der Vollendeten wird hier besonders deutlich.

  1. In Christus gibt es eine Gemeinschaft zwischen den Gliedern der kämpfenden Kirche auf Erden mit denen der triumphierenden Kirche im Himmel (Hebr 12,22f)

Nicht nur die Gemeinschaft zwischen Christus und dem Christgläubigen bleibt bei dessen Tode ununterbrochen. Ebensowenig zerreißt dieser das Band zwischen dem Heimgerufenen und seiner Gemeinde, in der er seine erweiterte geistliche Familie besaß. Darum werden die Ortgemeinde als ganze – soweit sie den Verstorbenen kannte – wie seine erreichbaren Mitchristen und Mitstreiter an anderen Orten sich bemühen, ihm sein letztes irdisches Geleit zu geben. Sie bringen damit zugleich ihre Dankbarkeit für erfahrene Gemeinschaft und ihre bleibende Verbundenheit mit ihm zum Ausdruck. Um diese aufrichtig zu bezeugen, ist es sinnvoll, dass mancherorts in das Beerdigungsritual auch eine Bitte um gegenseitige Vergebung, bzw. deren Zusage, angesichts unbereinigter Verletzungen eingefügt wird. So kann dieser letzte Abschied in der Gewissheit des Versöhntseins im Sinne von Matthäus 5,23f geschehen.

Die auch durch den Tod hindurch erhalten bleibende Gemeinschaft der Heiligen betrifft auch das Verhältnis zwischen der noch auf Erden weilenden kämpfenden Kirche (ecclesia militans) und der schon im Himmel mit Christus vereinten Kirche (ecclesia triumphans) [xxii]. – Weil beide [xxiii] organische Teile des einen Leibes Christi, seines Hauptes bilden, geht die den Leib wie ein Blutkreis durchströmende Kraft des Heiligen Geistes durch sie alle und hält sie in lebendiger, wenn auch unsichtbarer Verbindung miteinander. (1Kor 12,12f.). Beide Seiten der einen Kirche haben gemeinsam Anteil am Bau des Reiches Gottes schon jetzt auf Erden und dereinst in kosmischer Universalität.

In der eucharistischen Gegenwart Christi wird die ganze Kirche mitsamt der „oberen“ mit gegenwärtig. Darum bricht gerade in dieser zentralen Feier die Freude der dereinstigen Mahlgemeinschaft (Lk 22,18) in die hier gottesdienstlich versammelte Gemeinde ein. Das wird in dem nach den Einsetzungsworten gesprochenen (bzw. gesungenen ) Lobpreis der Gemeinde deutlich:

„Deinen Tod, o Herr, verkünden wir; deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Wir Christen sind umgeben von der Wolke der Zeugen (Hebr 12,1), d. h. der uns ein inspirierendes Vorbild gebenden Väter und Mütter im Glauben. In diesem Sinne können wir sie als Selige und Heilige im besonderen Sinne betrachten: als die, die Teil gewannen an der ersten Auferstehung und Priester Gottes und Christi sind und mit ihm regieren (Off 20,6). Darum geschieht unser Aufblick zu ihnen nicht nur in historischer Bewunderung oder in moralischer Sicht als Vorbild, sondern im Bewusstsein um ihre fürbittende Anteilnahme an unserm Kämpfen und Leiden (Off 6,9-11). Unsererseits stehen wir in Gemeinschaft mit „der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind … und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten“, die mit uns versammelt sind um Jesus, den Mittler des neuen Bundes (Hebr 12,23f). Besonders bei jeder Feier der Eucharistie, des heiligen Abendmahls, sind sie um uns herum gegenwärtig, und wir stimmen ein in ihren himmlischen Lobgesang. Ihr jeweiliger Todestag gilt katholischerseits als ihr „Geburtstag für den Himmel“, der von den Gläubigen auf Erden als Festtag begangen wird und bei der die bereits vollendeten Schwestern und Brüder Jesu Christi verehrt werden.

  1. Einung der Kirchen und geistlichen Gemeinschaften in gemeinsamer Erwartung des wiederkommenden Herrn
  2. Bekenntnis-Ökumene im Zeichen der biblischen Parusie-Verkündigung

Wir Christen sind geistlich verbunden durch unsere gemeinsame biblischen Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, aber auch durch unsere gemeinsame Bedrohung in der gegenwärtigen Menschheitskrise. Angesichts eines heutigen ideologisch begründeten Hasses gegen Gott und seine Schöpfungsordnung gilt es, uns ganz neu auf die Einheit seiner Kirche zu besinnen und ihre Einung zu suchen[xxiv]. – So wird gerade das Wissen um das nahende Geschichtsendes zum Anstoß für die Bildung einer Bekenntnis-Ökumene, der die IKBG mit ihren Bekenntnis-Kongressen – zuletzt konzentriert dem in Bad Gandersheim – den Weg zu bereiten sucht.

Das Bekenntnis zur Hoffnung auf die Parusie Jesu Christi eint; denn die biblische Wiederkunftshoffnung ist ursprüngliches Gemeingut aller Konfessionen und sie gehört zentral zu ihrer Glaubensbasis. Wir Christen sind zu einer gemeinsamen Hoffnung berufen (Eph 4,4). Jesus hat vor seinem Tode in seinem hohepriesterlichen Gebet seinen Vater für seine Jünger darum gebeten, „dass sie „vollendet sein“ sollen „in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich“ (Joh 17,23). Auch ermahnen uns die Apostel, die brüderliche Einheit in der Liebe zu suchen und zu wahren ( Eph 4, 1-7; 1Joh 2,10; 3,11f.21). So bilden das Liebesgebot Jesu und sein Sendungsauftrag sowie grundlegend die Lehre von der Kirche als dem einen Leib Christi (1Kor12,12 ff; Eph 4,1-7) und dem Tempel, der auf dem Fundament der Apostel und Propheten errichtet ist, wobei Jesus Christus selbst der Schlussstein ist (Eph 2,19-22), entscheidende Beweggründe, für die Einung der Kirchen in der Wahrheit einzutreten.

Dies ist um so wichtiger, als es auch einen falschen Ökumenismus gibt. Dieser verfolgt unter Zurückstellung der Wahrheitsfrage das utopische Ziel eines künftigen Zusammenschlusses aller Kirchen und auch Religionen, um dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einheitsstreben eine spirituelle Grundlage zu geben. Hier geht es weniger um das Heil in Christus als um die Sicherung und Förderung von politischem Frieden, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Integrität. Mitunter wird das auch als „Vision“ – oder gar verräterisch als „utopische Vision“ –bezeichnet. Das verlockt die Kirche unvermeidlich in die Abhängigkeit politischer Organisationen und ideologischer Bewegungen. Das Alarmierende ist, dass bei einer entsprechenden spirituellen Grundlage ein solcher Ökumenismus eine Vorreiterrolle für den kommenden antichristlichen Globalismus spielt und diesen als Gegenbild zur wahren Ökumene vorbereitet.

So gilt es also, diakritisch wahres und falsches Einigungsbemühen zu unterscheiden.[xxv]39 Das setzt zugleich ein gemeinsames Verständnis für das Wesen der Kirche und ihre geist-leibliche Einheit überhaupt voraus.

 

  1. Die biblische Schau der Kirche

Die Kirche Jesu Christi ist eine; denn Christus ist das eine Haupt des einen Leibes; sie ist das Eigentumsvolk Gottes – bestehend aus Gliedern Israels und der Völker (Eph 1,22f; 4,15; Apg 20,28; 1Petr 2,9). Er hat in der Sammlung seiner Jünger im Bekenntnis zu Ihm als Messias und Sohn Gottes den Kern der einen Gemeinde geschaffen. Ihr hat er die Verheißung gegeben, dass „die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen“ werden (Mt 16,18). Das ist besonders gesagt im Blick auf ihre universale Heilssendung, die vor Jesu Wiederkunft vollendet werden soll (Mt 24,14; 28,20). Diese kann nur auf dem im Christusbekenntnis des Petrus gelegten Fundament sowie in enger Gemeinschaft der Christen untereinander ausgeführt werden. Hoffnungsziel des Einswerdens ist, wie Jesus betet und was nur Er selber durch seinen Heiligen Geist bewirken kann, „damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).

Die Verheißung ihrer Unbesiegbarkeit ist – jedenfalls in evangelischer Sicht – nicht einer einzelnen Konfession als solcher und ihr ausschließlich oder einer Vielfalt verschiedener und voneinander getrennter Kirchen gegeben. Vielmehr gilt sie der Kirche als ganzer. Nach Epheser 2,20-22 ist diese Gesamtkirche der heilige Tempel in dem Herrn, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. Darum gilt es, die in ihm gegebene christozentrische (Eph 4,16) Einigkeit im Geist „durch den Frieden, der euch zusammenhält“ zu bewahren (Eph 4,4-6), was durch eine lebendige Weiterführung und -gestaltung geschieht.

In den getrennten Konfessionen wurden oft einige Aspekte der biblischen Heilswahrheit einseitig hervorgehoben, andere hingegen übergangen. Die Offenheit für die andere Konfession vermag auch bei dieser geistlich wertvolle Elemente zu erkennen und aufzunehmen, auch solche Erkenntnisse, die bei der eigenen Konfession etwa verloren gegangen oder in den Hintergrund gerückt worden sind. Das Wissen um die Zusammengehörigkeit wächst im Verlauf des gegenseitigen Austausches der Einsichten und Erkenntnisse sowie des Dienstes aneinander mit den jeweils zugeteilten Gnadengaben und in deren gemeinsamem Einsatz. Dadurch kommt es in der Kirche Christi geschichtlich dazu, dass wir „zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.“ Eph 4,13). – Gingen bislang die getrennten Kirchen ihre eigenen Wege, so will der Heilige Geist sie offenbar gerade in unserer Generation zur beschleunigten Erfüllung dieses Ziels zusammenführen.

 

  1. Die gegebene Einheit der Kirche tröstet und beunruhigt zugleich

Glaubenstreue Christen und Gemeinden werden derzeitig durch Abfallerscheinungen in fast allen Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften und durch Angriffe von außen angefochten. In ihrem biblisch-theologischen Minderheitsstatus kommen sie sich zuweilen wie auf verlorenem Posten vor. Die Besinnung auf die uns alle verbindende geistliche Einheit wirkt hier stärkend und tröstend. Erkennen wir doch, dass die gleichen Leiden, wie wir sie erleben, den Brüdern und Schwestern in der ganzen Welt auferlegt werden (1Petr 5,9).

Aber angesichts unserer tatsächlichen geschichtlichen Trennungen beunruhigt die im hohepriesterlichen Gebet Jesu erbetene Einheit seiner Jünger (Joh 17,20) zugleich. Zank mit sich bringendes Zertrenntsein von Christen aufgrund eigener Selbstverabsolutierung (so nach 1Kor 1,11f) erweckt nämlich den Eindruck, als ob Christus, ihr Herr, selber zertrennt sei (1Kor 1,13). Jesus Christus wird jedoch als der Eine, in seiner Persönlichkeit in sich Unzertrennte wiedererscheinen. Das zeigt auch das biblisch gerade im Rahmen des Parusie-Geschehens entfaltete Bild von Bräutigam und Braut (Off 22,20): Nur in ihrem Einssein bezeugen Christen wirklich die Liebe Gottes in Christus, und die Liebe zu Ihm und den Geschwistern ist es, die den Bräutigam der Kirche zurückerwartet.

„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,35).

Es geht heute in einer endzeitlich bestimmten welt- und kirchengeschichtlichen Situation darum, dass sich alle bekennenden Christen und kirchlichen Gemeinschaften zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst zusammenfinden. Das erfordert ganz konkret-greifbare Schritte des Zusammenfindens und Zusammenwirkens. Auf diese Weise gewinnt in wachsendem Maße zugleich die geistlich vorgegebene eine, heilige, katholische (allumfassende) und apostolische Kirche immer wahrnehmbarer auch sichtbare Gestalt. Darum ruft die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften auf zur Bildung einer Christozentrisch-trinitarischen Bekenntnis-Ökumene.

  1. Schritte auf dem Wege zur Einung

Die IKBG bildet ein Internationales und Interkonfessionelles Christliches Netzwerk (ICN), um Informationen zu vermitteln, einander im Leiden für Christus zu trösten und im tätigen Warten auf seine Wiederkunft zu ermutigen. Es ist dazu angelegt, selber weiter ausgebaut und intensiviert zu werden, und anerkennt und fördert entsprechende Initiativen anderer.

Es gilt heute, über die historischen konfessionellen Abgrenzungen hinweg

► uns im Widerstand gegen endzeitliche Verführung und Glaubensabfall zu einen;

► uns gemeinsam zu distanzieren von falschen synkretistischen und ideologischen Einheitsbestrebungen;

► einzustehen für die wahre Einheit, im Unterscheiden des Gegenübers von „Braut“ und „Hure“, und im Einssein zu wachsen, indem ein Glied dem andern, auch durch den Einsatz gemeinsam empfangener Gnadengaben, „kräftig Handreichung tut nach seinem Maße“ (Eph 4,16, Luther-Ü);

► uns zu verbinden im gemeinsamen missionarischen Zeugnis, „damit“ – wie Jesus betet – die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).

 

  1. Jesu Testament für seine Kirche

Bekenntnis-ökumenische Einung geschieht im Gehorsam gegen Jesu letzten Willen, wie er ihn in seinem hohepriesterlichen Gebet beim Abschied von seinen Jüngern in Johannes 17,20-24 aussprach.

Christliche und kirchliche Einung in der Wahrheit ist ein Werk des Heiligen Geistes. Darin erfüllt sich für die getrennte Christenheit Jesu Verheißung, mit der er allerdings in erster Linie die Zusammengehörigkeit von juden- und heidenchristlicher Gemeinde im Auge hatte:

„dann wird es nur e i n e Herde geben und e i n e n Hirten“ (Joh 10,16).

Gott der Vater wacht darüber, dass es zu solcher Einung kommt, und schafft sie in der Einheit der drei göttlichen Personen in der schrittweisen Vollendung seines Plans. Das wird sich erweisen im gemeinsamen Lob der erlösten Menschheit vor dem Thron Gottes.

Ausblick

Gläubige aller Konfessionen haben guten Grund, der Wiederkunft ihres Herrn freudig entgegenzusehen, der sie in die Gemeinschaft des Dreieinigen Gottes berufen hat. Gemeinsam dürfen wir uns auf die Wiederkunft Christi freuen, ist die von Ihm gegründete Kirche doch als ganze sein Leib und seine ihn erwartende Braut.

Die Lebendigkeit und Echtheit biblischer Wiederkunftshoffnung ist ein wichtiger Erweis der Glaubenstreue eines Christen und einer kirchlichen Gemeinschaft. Die Einigkeit in ihrer biblischen Wiederkunftserwartung wiederum hat eine große Bedeutung für das Streben nach der Einigung der Christenheit. Denn sie führt dazu, dass sich heute bisher getrennte kirchliche Gemeinschaften zusammentun zur gemeinsamen Erfüllung des Missionsauftrags Jesu. Vereint möchten sie sich darum bemühen, die sich von Gott rufen lassende Menschheit bleibend für ihn zurückzugewinnen. Gerade im Blick auf das missionarische Ziel zeigt sich auch hier der Heilige Geist als der, der Einheit will und schafft. Denn es sind der Geist und die eine Braut, die gemeinsam das zu Jesus Christus und seinem Evangelium einladende „Komm!“ sprechen (Off 22,17).

In der heutigen Zeit sind alle Konfessionen gleichermaßen durch verführerische antichristliche Geistesmächte bedroht. Viele erleiden in zahlreichen Ländern Christenverfolgungen durch ideologisch oder religiös totalitäre Regime. Das gemahnt uns, über traditionelle Abgrenzungen hinweg uns geistlich zu einigen und unseren Blick voller Hoffnung gemeinsam auf den kommenden Herrn und Erlöser zu richten. Denn die Verführung wie die Verfolgung der Christenheit sind auch dazu von Gott zugelassen, dass der Glaube der Christenheit um so echter hervortrete (1Petr 1,6f). Beide brauchen uns nicht zu verängstigen; denn sie sind ja zugleich Vorzeichen der anbrechenden Erfüllung Seines Heilsplanes. Angesichts dieser Situation fordert Jesus seine angefochtenen Jünger ermutigend auf:
„…erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28).

Die Zuverlässigkeit der Verheißung Jesu von seiner Wiederkunft bewährt sich gerade zu Zeiten der Anfechtung und Bedrängnis. Der ihm getreuen Gemeinde Philadelphia verheißt er als der Erhöhte in seiner durch Johannes vermittelten Offenbarung (Kap. 3,10-11 nach Luther Ü.):

„Weil du bewahrt hast das Wort vom standhaften Warten auf mich, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, die zu versuchen, die auf Erden wohnen.
Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“

Für die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften:
Prof. Dr. Peter P. J. Beyerhaus DD.  Gomaringen Kr. Tübingen 1. Februar 2010

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

 

 

 

 

 

 

 

 

.

.

 

           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

image_pdfimage_print