Unser Leben nach dem Tode

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Kurt E. Koch

  

UNSER LEBEN NACH DEM TODE

 

Bei einer Evangelisation in Wildeshausen (Oldenburg) zeigte mir der dortige Pfarrer die Gräberfelder der jüngeren Steinzeit (5000‑2000 v. Chr.). Es handelt sich um die Kleinenkneter Steine. Findlinge sind in Rechteckform in den Boden gegraben und von flachen Findlingen über­deckt. In diesem großen Rechteck, das etwa 30 Meter lang ist, wurden die Toten in Reihen beigesetzt und mit Stein­waffen versorgt. Vermutlich dachten sich die Lebenden, daß die Toten im Jenseits sich durch die Jagd ernähren müßten. Wir stoßen hier also auf eine Jenseitshoffnung der frühzeitlichen Menschen.

Fünf Kilometer von diesen Steinzeitgräbern entfernt sind rund 270 Gräberhügel aus der Eisenzeit (ab 1000 v. Chr.), das sogenannte Pestruper Gräberfeld. Diese Gräber weisen als Funde eiserne Werkzeuge auf. Auch in dieser Epoche der vorchristlichen Zeit dachte man an das Fortleben der Menschen.

Bei verschiedenen Jugendfreizeiten in Obertraun und Hallstadt in Österreich ließ ich mir die Gräberfunde die­ser Gegend erklären. Es handelt sich hier um die so­genannte Hallstädter Kultur aus der Zeit 1000‑400 v. Chr. Die Toten dieser Epoche wurden in Hockerstellung bei­gesetzt. Die kleinen Gräber wiesen Tongefäße und Bronze ­und Eisenwaffen gemischt auf. Auch hier war der Ge­danke an ein Fortleben des Menschen die Ursache dieser Grabbeigaben.

Was wir hier auf europäischem Boden vorfinden, ent­decken wir in der gleichen Weise auch auf anderen Erdteilen. Die Pyramiden in Ägypten enthalten die Totenkammern der Pharaonen. Bei allen Bestattungen sowohl er Könige als auch der einfachen Leute legte man Geräte und Nahrungsmittel bei, um den Verstorbenen in der anderen Welt zu helfen.

Die Ruinen der Inkakultur zeigen wiederum einen ähn­lichen Sachverhalt im Blick auf den Totenkult. Man hat bis jetzt noch kein Volk entdeckt, das nicht in irgendeiner Form an ein Weiterleben nach dem Tode gedacht hat. Es ist den Menschen geradezu angeboren oder ins Herz gegeben, daß sie sich mit der Existenz des Menschen nach dem Tode befassen.

Wir nehmen daher das Problem auf und behandeln es aus der Sicht der Heiligen Schrift.

I. DIE EWIGKEITSHOFFNUNG IM ALTEN TESTAMENT

1. Die Jenseitsschau im Alten Testament ist zunächst noch unklar. Das Sterben ist eine düstere Angelegenheit. Der Leib wird zur Asche, die Seele fährt in das Toten­reich. Der Ausdruck dafür heißt im Hebräischen scheol, wörtlich übersetzt: Tiefe. In der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, in der Septuaginta, wird das Wort Hades dafür gebraucht. Die Lutherübersetzung Hölle ist missverständlich. Das Totenreich ist nicht mit der Hölle gleichzusetzen.

Nach dem Weltbild des Alten Testamentes stellte man sich das Weltgebäude in drei Stockwerken vor. Die Erde schwimmt als Scheibe auf dem Urmeer. Darüber wölbt sich der Himmel, unter der Erde befindet sich die Unterwelt.

Für die Männer des Alten Bundes ist das Totenreich das Land der Finsternis und des Dunkels. Hiob (10, 20‑22) klagt darüber, daß er in das Land des Dunkels fahren soll. Die ganze Unheimlichkeit des Totenreiches wird in Psalm 88 deutlich. Es heißt dort: „Ich liege unter den Toten verlassen wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand abgesondert sind. Wirst du unter den Toten Wunder tun? Mögen denn deine Wunder in der Finsternis erkannt wer­den?“ Auch der König Hiskia trauert: „Nun muß ich zu der Hölle Pforten fahren in der Mitte meines Lebens“ (Jes. 38,10).

2. Früh fällt ein Lichtstrahl in dieses Dunkel. Die Angst und Verzweiflung weicht der aufsteigenden Hoffnung, zu den Vätern versammelt zu werden. So heißt es von Isaak in 1. Mos. 35,29: „Er starb und ward versammelt zu seinem Volk.“ In Richter 2,10 wird berichtet: „Da auch alle, die zu der Zeit gelebt hatten, zu ihren Vätern versammelt wurden.“ Die Erwartung bricht sich Bahn, daß es nach dem Tode hinauf und nicht hinab geht. Auf dieser Linie liegen auch die Entrückungen von Henoch und Elia. Die Zuversicht wird lebendig, daß es empor und nicht hinunter geht im Gegensatz zur Rotte Korahs (4. Mos. 16, 33), die lebendig hinunterstürzte in das Totenreich.

3. Noch stärker tritt die Jenseitshoffnung bei den Pro­pheten hervor. Jesaja prophezeit (25, 8): „Er wird den Tod verschlingen ewiglich.“ Hesekiel weissagt (37,12): „Siehe, ich will eure Gräber auftun und will euch aus denselben herausholen.“ Daniel (12, 2) spricht endlich die Auferstehungshoffnung eindeutig aus: „Viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger Schmach und Schande.“

Wir haben damit im Alten Testament eine aufsteigende Linie der Ewigkeitshoffnung in drei Etappen. Zuerst besteht nur das Wissen um den düsteren Ort des Toten­reiches. Dann leuchtet die Morgenröte der Ewigkeitshoffnung auf. Die Gerechten werden zu den Vätern an einen himmlischen Ort geleitet. Die Gottlosen kommen in das dunkle Totenreich. Zuletzt erhebt sich das Alte Testament zu der vollen Höhe der Auferstehungshoffnung in den Schriften der Propheten. Das Neue Testament führt diese Linie zu immer größerer Klarheit weiter.

II. DIE EWIGKEITSHOFFNUNG IM NEUEN TESTAMENT

1. Bevor wir in das Gedankengut des Neuen Testamen­tes im Blick auf die Ewigkeitshoffnung eingehen, müssen wir uns zunächst von zwei Irrwegen distanzieren, die die Auferstehungshoffnung flankieren.

a) Der griechische Philosoph P l a t o (400 v. Chr.) lehrte, daß der Leib der Kerker der Seele darstelle. Beim Tod des Menschen wird der Leib in die Erde gesenkt und löst sich zur Erde auf. Die Seele trennt sich vom Leib und geht zurück in den Urgrund. Plato lehrte also die Unsterblich­keit der Seele und steht damit nicht allein.

Der I d e a l i s m u s hat in einer gewissen Abwandlung diese platonische Auffassung übernommen. Man glaubt an eine Unsterblichkeit der Seele auf Grund eines unendlichen Wertes der Menschenseele. Die katholische Kirche vertritt ebenfalls derartige Vorstellungen. Gegenüber dieser Unsterblichkeit der Seele spricht das Neue Testa­ment von der Auferstehung.

b) Das andere Extrem, das heute von vielen Theologen vertreten wird, ist die Seelenvernichtungslehre. In diesem Lager wird vom Ganzheitstod geredet. Der Mensch würde bei seinem Sterben nach Leib, Seele und Geist völ­lig vernichtet werden und müßte dann warten bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag.

Das Neue Testament hat mit diesen beiden Irrwegen nichts zu tun. Seine Anschauungen sind viel reicher und vielseitiger als diese beiden Verkümmerungen. Den Pla­tonikern und den Idealisten ist zu sagen, daß die Menschenseele nicht ihren Wert aus sich selbst hat, sondern nur von Christus her und auch nur durch Christus ihre Weiterexistenz besitzt. Den Anhängern der Gesamttod­auffassung können viele Schriftbeweise entgegengestellt werden. Aus Raummangel werden nur einige angeführt.

Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus zeigt Jesus die weitere Existenz dieser beiden Männer. In Matth.10, 28 sagt der Herr: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten.“
In Joh. 8, 56 sagt Jesus: „Abraham sah meinen Tag.“ Dem Schächer zur Rechten verheißt Jesus (Luk. 23, 43): „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Im Blick auf diese Schächerstelle hat man verschiedene Klimm­züge unternommen, sie umzudeuten. Die einen sagen, das Komma müßte versetzt werden: „Wahrlich ich sage dir heute, du wirst mit mir im Paradiese sein.“ Das ist eine Textverstümmelung, auf die wir nicht eingehen brauchen.

Der zweite Einwand hat schon viel mehr Ge­wicht. Man weist darauf hin, daß der menschliche Zeitbegriff abhängig ist von Raum und Zeit. In der Ewigkeit ist unser irdischer Zeitbegriff aufgehoben. Dort liegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einer Ebene. Es herrscht also Synchronizität. Wir Menschen würden alle gleichzeitig in der Ewigkeit ankommen. Dieser Ein­wand hat eine gewisse Berechtigung. Ohne Zweifel gibt es in der Ewigkeit andere Zeiteinheiten als auf der Erde. Wir denken dabei nicht nur an den Psalm 90, 4, wo es heißt: „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag“, sondern auch an die noch deutlichere Stelle Offb.10, 6: „Es wird hinfort keine Zeit mehr sein.“
Die Frage ist nun aber, ob Jesus im irdischen Zeitbegriff oder im ewigkeitlichen Zeit­begriff das Wort zu dem Schächer gesagt hat. Diese Frage ist tatsächlich eindeutig zu klären. Jesus hat den Himmel und die Ewigkeit verlassen, ist Mensch geworden und da­mit in unsere Niedrigkeit hineingestiegen. Ein Zeichen seiner Niedrigkeit ist auch, daß er sich des irdischen und menschlichen Zeitbegriffes bedient. Dafür liegen viele Zeugnisse vor. In Matth.17, 23 sagt der Herr seinen Jüngern, daß er am dritten Tag auferstehen wird. Selbst seine Todfeinde bestätigen diese Aussage (Matth. 27, 63).

2. Wir müssen nach dem Befund des Neuen Testamen­tes an einer Weiterexistenz der menschlichen Person festhalten. Die Frage ist nur: welcher Teil des Menschen über­dauert das Sterben und wechselt in die Ewigkeit hinüber?
Stephanus (Apg. 7, 58) betete: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ Bei der Auferweckung des Töchterlein von Jairus (Luk. 8,55) heißt es: „Und ihr Geist kam wieder.“ Jesus ruft am Kreuz aus (Luk. 23, 46): „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Hier wird also in allen Fällen vom Geist geredet.
Bei der Wiederbelebung des Eutychus (Apg. 20,10) sagt Paulus: „Seine Seele ist in ihm.“ Den Jüngern sagt der Herr in Matth. 10,28, die Seele kann nicht getötet werden. Das Neue Testament ist also in dieser Frage nicht einheitlich. Einmal wird gesagt, daß der Geist und dann die Seele eine weitere Existenz erlebt. Professor Thielicke sagt, das todüberdauernde Subjekt schwanke zwischen Psyche und Pneuma (Seele und Geist).

3. Wenn aber der Mensch in seinem Wesenskern oder seinem persönlichen Bewußtsein die Todesschranke über­schreitet, in welchen jenseitigen Behausungen oder Daseinsformen lebt er weiter? Das Neue Testament unterscheidet im wesentlichen vier Räume: Himmel, Paradies, Totenreich, Hölle.

Vorweg sei gesagt, daß es sich hier nicht um Räumlich­keiten irdischer oder kosmischer Art handelt, sondern um Zustandsformen. Bildlich gesprochen, wir haben Totenreich und Hölle also nicht etwa im Kern der Erde zu suchen und Himmel und Paradies vielleicht auf irgend­welchen Planeten oder Fixsternen, sondern es geht hier um die unsichtbare Welt, die mit der sichtbaren Welt ver­schlungen ist. Gottesmänner, die einen prophetischen Blick hatten, sagten manchesmal, das Totenreich mit all seinen Toten ist um uns. Wir sehen es nur nicht.

Was ist über diese vier jenseitigen, unsichtbaren Zu­standsformen zu sagen?

a) Der H i m m e l. Das menschliche Raumdenken läßt uns hier im Stich. Paulus spricht in 2. Kor. 12, 2 vom drit­ten Himmel, in den er entrückt war. Der Lufthimmel der Erde und der kosmische Himmel des Universums sind mit dem biblischen Himmel, dem Gotteshimmel nicht gleichzusetzen. Bei der Tempelweihe (1. Kor. 8, 27) sagt Salomo: „Siehe, alle Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.“
Der biblische Himmel ist der Raum der göttlichen Majestät und Herrlichkeit. In diesen Gotteshimmel werden einst nach dem großen Weltgericht die vollendeten Gerechten aufgenommen werden. Dieser Himmel ist der zukünftige Raum der Seligen, wenn alle Gerichte zu Ende geführt sind.

b) Die H ö l l e. Dem Ort der Seligen entsprechend gibt es einen Ort der Unseligen, der Verlorenen, der Verdammten und der finsteren Geister. Wir Menschen der Gegenwart sind in unseren Anschauungen so verwässert, daß wir gar nicht mehr den Mut aufbringen, von der Hölle zu reden. Das hängt damit zusammen, daß wir vor dem heiligen Gott nicht mehr erschrecken. Lernen wir einmal hinhören, was das Neue Testament von der Hölle sagt:

Matth. 5, 22: „Wer zu seinem Bruder sagt: du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig.“
Matth. 25, 41: „Gehet hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“
Mark. 9, 44: „Da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht.“
2. Petr. 2, 4: „Gott hat sie mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen.“
Offb.19,20: Und das Tier und der falsche Prophet wurden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.“
Offb. 21, 8: „Der Verzagten, Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauberer, Abgöttischen und Lüg­ner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt.“

Sind das nicht Worte, die uns mit Schrecken erfüllen können? Wenn wir nur das zuletzt zitierte Bibelwort beachten, müssen wir uns da nicht fragen, wer noch durch­kommt? Wir haben es verlernt, was der Hebräerbrief (10, 31) sagt: „Schrecklich ist’s, in die Hände des leben­digen Gottes zu fallen.“

Die Christenheit ist in doppelter Weise schuldig ge­worden. Wir haben den Himmel und die Hölle entleert. Der protestantische Himmel ist seiner Herrlichkeit be­raubt, so daß es niemand mehr hinzieht. Die Hölle ist ihrer Furchtbarkeit entkleidet und bagatellisiert oder wegtheologisiert worden, so daß sich niemand mehr fürchtet. Manchmal ahnen die Seelsorger an Sterbebetten etwas von der Herrlichkeit des Himmels oder von der Furchtbarkeit der Hölle.

Ich möchte auf das Sterben eines gläubigen Mannes in der Kriegsgefangenschaft hinweisen. An seinem Todestag sagte er morgens zu seinen Kameraden: „Heute Mittag um 3 Uhr werde ich bei dem Herrn sein.“ Seine Kameraden hielten abwechslungsweise Wache an seinem Lager. Mit­tags zur angegebenen Stunde richtete sich der Sterbende auf und sah mit überirdischen strahlenden Augen auf­wärts. Mit dem Ruf: „Er kommt“ sank er zurück und war bei seinem Herrn.

Ein zweites Sterben soll uns, den anderen Hinweis geben. Seit Jahren verfolge ich in der Seelsorge in der Schweiz die dämonische Auswirkung eines berüchtigten Be­sprechers aus dem Toggenburg. Sein Sterben war ent­setzlich. Wochenlang kämpfte, tobte und schrie er. Zu­letzt lag er unter dem Bett und brüllte, daß die Nachbarn es hörten: „So helft mir doch! Die schwarzen Kerle kom­men und binden mich mit Ketten. Sie reißen mich in den Abgrund. So helft mir doch!“ Er verkrampfte sich um die Füße seine Bettes und war nicht mehr unter dem Bett hervorzubringen. In dieser Verzweiflung ging er in die Ewigkeit.

Wir müssen uns jedoch darüber klar sein, daß der Mensch bei seinem Tode nicht sofort in den Himmel oder in die Hölle kommt, sondern erst in das Zwischenreich, die Warteräume, und zwar entweder in das Paradies oder Totenreich. Das Paradies ist der Warteraum der Gläu­bigen, das Totenreich ist der Warteraum der ungläubig Verstorbenen.

c) Das P a r a d i e s. Im Neuen Testament kommt das Wort Paradies dreimal vor: beim Schächer am Kreuz (Luk. 23, 43, dann in 2. Kor. 12, 4 ‑ dort sagt Paulus, daß er entrückt war bis ins Paradies ‑ und in Offb. 2, 7, wo berichtet wird, daß die Überwinder vom Baum des Lebens im Paradies essen.

In Luk.16 wird berichtet, daß Lazarus in Abrahams Schoß kam. Dieser Ausdruck bedeutet wohl das gleiche wie Paradies. Alle, die auf Erden in echter Weise gottes­fürchtig waren und Jesus nachfolgten, kommen nach dem Sterben in das Paradies.

d) Das T o t e n r e i c h. Der Warteraum der ungläubig Verstorbenen ist das Totenreich. Vom reichen Mann (Luk.16) wird ausgesagt, er war im Totenreich und in der Qual und litt große Pein.

Wir erhalten in dem schon mehrfach erwähnten Gleich­nis in Luk.16 eine großartige Illustration zum Paradies und zum Totenreich. Für Lazarus in Abrahams Schoß war die Zeit der Angst, der Schmerzen, des Darbens vorbei. Vergangen all die tausend Nöte und Sorgen seines be­schwerlichen Lebens! Eingebettet in den Frieden Gottes! Alles überwunden! Warum kam dieser arme Kerl ins Paradies? Weil er arm war und es auf Erden so schwer hatte? Nein! Er war mit seinem Namen Gott bekannt. Lazarus heißt Gotthilf. Er war ein Mann, der seine Hilfe in Gott suchte. Und darum gehörte er zu denen, die bei ihrem Namen gerufen waren. Wir erinnern uns an Jesaja 43,1: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Er gehörte zu denen, deren Name im Himmel angeschrieben war (Luk. 10, 20).

Warum kam der reiche Mann in das Totenreich? Weil er reich gewesen war? Nein! Weil er ein Verächter des Wortes Gottes war und sich dagegen auflehnte. Woher wissen wir das? Zunächst aus seiner Namenlosigkeit. Nie­mand weiß, wie er geheißen hat. Der Prophet Jeremia sagt (17,13): „Der Abtrünnigen Name müsse in den Sand geschrieben sein.“ Der Name im Sand bedeutet: vom Wind verweht. Wir wissen von der Gottlosigkeit des reichen Mannes auch durch seine Verachtung der Heiligen Schrift. Als Abraham ihn auf Moses und die Propheten hinwies, machte er eine schnoddrige, abweisende Bemerkung: „Ach was, die Propheten, die sind doch nicht up to date – gegenwartsnah!“ Es war also kein Wunder, daß dieser Verächter im Totenreich landete.

Unsere Theologen sagen, daß die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus nur eine allegorische (sinnbildliche) Darstellung sei, bei der es nur auf den scopus (Blickpunkt, Ziel) ankäme. Daß es auf das Ziel des Textes ankommt, ist klar. Das heißt aber nicht, daß die Rahmenerzählung in ihren Einzelheiten falsch wäre. Das zeigen alle anderen Gleichnisse Jesu auch, daß sie völlig wirklichkeitsnah und ewigkeitstreu sind. Das Fazit dieser Rahmenerzählung sagt uns: wer seine Hilfe beim lebendigen Gott sucht und den Herrn fürchtet, wessen Name im Himmel angeschrieben ist, der kommt nach seinem Sterben ins Paradies. Wer Gott verachtet und sich gegen die Heilige Schrift auflehnt, kommt nach seinem Sterben in das dunkle Totenreich. Wir dürfen das nicht übersehen. Die Kinder Gottes gehen ihrer Geborgenheit im Paradies entgegen, die Gottesverächter enden in Qual und Pein, in Feuers‑ und Gewissensnot.

4. Wir sind damit bei der Ausdeutung des Gleichnisses noch lange nicht zu Ende. Eine Frage, die uns brennend interessiert, ist, ob es im Totenreich noch R e t t u n g s m ö g l i c h k e i t e n gibt. Wie bei allen biblischen Wahr­heiten müssen wir uns auch hier gegen zwei extreme Rich­tungen abgrenzen.

Zunächst ein Wort zur A l l v e r s ö h n u n g. Diese Lehre bedeutet, daß alle Menschen selig werden und zuletzt auch der Teufel.

Es wird in diesen Reihen gesagt: Gericht bedeutet nicht hinrichten, sondern herrichten, und Gott ist nicht der große Kaputtmacher, sondern der große Erhalter. Ferner sei die ewige Verdammnis nicht auszudenken. Die Seligkeit der Gläubigen wäre geschmä­lert bei dem Gedanken, daß der größere Teil der Mensch­heit verloren geht. Schon die Art dieser Formulierungen zeigt, daß hier menschliche Spekulationen im Vorder­grund stehen. Vor allem zeigt aber die Geschichte der Allversöhnungslehre, daß hier kein christliches Gedanken­gut, sondern ein heidnisches Gewächs vorliegt. Wenn man will, kann man die sog. Allversöhnungslehre schon in Spu­ren der indischen Philosophie der vorchristlichen Zeit entdecken. Wenn der verstorbene Mensch im Lauf von Jahrtausenden viele Reinkarnationen (Wiederverkörpe­rungen) erlebt und das Ziel dabei die sittliche Höherentwicklung ist, so finden wir damit schon Grundgedanken der Allversöhnung. Wenn im Parsismus, 300 v. Chr., der Gott des Lichtes gegen den Gott der Finsternis solange kämpft, bis das Licht alles überflutet, so finden wir wie­derum verborgene Anzeichen dieser Allerfüllung mit dem Licht und der sogenannten apokastasis hapanton (Wieder­herstellung des Alls). Dann taucht die Allversöhnungs­lehre in der Aeonenlehre der Gnosis auf (Sekte des ersten christlichen Jahrhunderts). Wir finden dann die Weiter­entwicklung der Allversöhnungslehre beim Kirchenvater Origines (354 n. Chr.). Dann nahm der Theologe Duns Scotus die Lehre wieder auf. In der nachreformatorischen Theologie finden wir Spuren bei Schleiermacher. Eine starke Ausprägung findet die Allversöhnungslehre bei unseren gemütvollen Schwaben Oetinger und Michel Hahn, im 20. Jahrhundert dann bei Pfarrer Böhmerle und seinen Nachfolgern, bei Adolf Heller u. a.

Bei einer Studentenfreizeit kam ich mit Professor Thie­licke über die Allversöhnungslehre ins Gespräch. Er meinte, durch diese Irrlehre würde dem Evangelium die Spitze abgebrochen werden. Die evangelistische Praxis zeigt, daß die Allversöhnungslehre gewöhnlich den Wil­len zur Mission, den Sinn für Evangelisation und die Freude an der Jugendarbeit abwürgt. Man hat das Ge­fühl, daß hier ein Schuß aus dem Hinterhalt erfolgt.

In unserem Gleichnis Luk. 16 sagt Abraham dem reichen Mann: zwischen euch und uns ist eine große Kluft befestigt. Einen Austausch und eine Überbrückung gibt es nicht. Dieses Wort aus dem Mund Jesu ist uns in der Frage der Allversöhnungslehre richtungweisend. Selbstverständ­lich wird zugegeben, daß bei Paulus kleine Ansätze zu solchen Vorstellungen vorliegen. Der große bayrische Theologe Hermann Bezzel mahnt uns aber: „Wo Gott uns einen kleinen Türspalt geöffnet hat, dürfen wir nicht Flügeltüren aufmachen.“ Wie sich diese Gedankengänge in der Verkündigung auswirkten, erlebte ich an einem 17 jährigen Mädchen in Baden, die dem Wort Gottes gegenüber sehr widerstrebend war. Mit großer Mühe brachte sie ihre Mutter in den biblischen Vortrag eines Allversöhners, der prompt diese Gedankengänge dar­stellte. Das Mädchen erwiderte dann ihrer bekümmerten Mutter: „Da hast du es ja nun gehört, daß ich auch noch selig werde.“ Es ist einfach verfrüht, wenn man in unserem Aeon, in dem es um die Rettung gottferner Menschen geht, durch derartige Spekulationen die Evan­gelisation von innen her aushöhlt.

b) Das andere Extrem ist die Meinung, daß es nach dem Tode im Totenreich keine Möglichkeiten mehr gäbe, daß Menschen gerettet werden. Wir können doch nicht ein­fach die Millionen und Milliarden von Menschen, die in ihrem Leben nichts von Christus gehört haben, abschrei­ben. Es wäre mit der Gerechtigkeit Gottes nicht zu ver­einbaren, daß auf der einen Seite alles Heil in Christus beschlossen liegt (Apg. 4,12), und auf der anderen Seite Millionen von Menschen, die nichts von Christus hören konnten, verlorengehen.

Diesen beiden Irrwegen gegenüber müssen wir uns vom Neuen Testament sagen lassen, daß auch den Toten das Evangelium verkündigt worden ist und wahrschein­lich auch dauernd verkündigt werden wird. Zunächst wissen wir davon, daß Jesus den Geistern im Gefängnis gepredigt hat (1. Petr. 3,19; 1. Petr. 4, 6). Die weitere Frage ist, ob Jesus diese ganze Verkündigung im Toten­reich selber wahrnimmt oder nicht auch seine Boten und Zeugen aller Zeiten dafür einsetzt. Ob wir nicht dafür auch den Missionsbefehl Mark. 16,15 in Anspruch neh­men dürfen: „Predigt das Evangelium aller Kreatur.“ Dieser Auftrag ist offensichtlich nicht erfüllt. Die Missionsgesellschaften setzten ja erst im 19. Jahrhundert mit ihren Feldzügen in aller Welt ein, und vorher sind Mil­lionen von Menschen ohne Christus gestorben. Ob der Herr nicht seinen Boten nach ihrem Abscheiden auch den Auftrag im Totenreich erteilt, wie er es selber getan hat? Ich bin nicht der einzige, der mit dieser Möglichkeit rechnet.

Vielleicht ist es aufschlußreich, in diesem Zusammen­hang von einer Vision des bekannten Gottesmannes und Evangelisten Samuel Keller zu berichten. Nicht lange vor seinem Tod bat Samuel Keller den Herrn, er möchte ihm doch zeigen, wie es bei seinem Sterben und nach seinem Tod zugehen würde. Auf diese Bitte hin schenkte ihm der Herr eine Vision. Er erlebte sein eigenes Sterben. Er selbst war mit seinem Bewußtsein von seinem Leichnam distan­ziert. Er sah, wie seine Frau und Kinder sich weinend um seinen Sarg drängten. Er wollte sie vom Sarg wegschieben mit der Bemerkung: Trauert doch nicht um mich, ich lebe ja.“ Er griff aber ins Leere, denn er hatte keine Masse mehr an sich. Fast zwei Tage war er in der Nähe seines Leichnams. Dann wurde er von einem weißen Boten ab­geholt. Mit einer großen Geschwindigkeit ging es durch weite Räume. Plötzlich waren sie in einem düsteren Schattenreich. Der Bote erklärte ihm, das wäre der Ein­gang zum Totenreich. Jeder Mann Gottes, der stirbt, dürfte mit Genehmigung des Herrn einen Fischzug im Totenreich halten und dort das Evangelium verkündigen. Samuel Keller wurde von seinem Führer in das Totenreich geleitet. Er verkündigte Tausenden von Menschen die frohe Botschaft. Einige drängten sich zu ihm, die meisten aber lehnten ab oder waren teilnahmslos. Als der Auftrag im Totenreich beendet war, sagte ihm sein Führer, er dürfte diejenigen, die sich fürs Evangelium entschieden hätten, mit herausnehmen. Einige schlossen sich Keller an. Dann geleitete ihn der Führer an ein großes, lichtes Tor und sagte: „Hier beginnt das Paradies.“ Die Tore öffneten sich, und Christus nahm seinen Jünger in Emp­fang. Danach wachte Samuel Keller aus seiner Vision auf und dankte für dieses Erlebnis.

Samuel Keller war in seiner ganzen Verkündigung und in seinem Glaubensleben ein sehr nüchterner Mann, jeg­lichen Spekulationen abhold. Da diese Vision in den Rah­men biblischer Vorstellungen hineinpaßt, dürfen wir sie wohl als echt anerkennen. Vielleicht war es vor allem dieses Erlebnis, das Samuel Keller zu der Aussage ver­anlaßte: „Die Haupternte ist drüben! Hier ist die Kriegs­schule und Ausbildung der Soldaten, die größten Schlach­ten werden erst drüben geschlagen.“

Bekannt ist auch das Abschiedswort von Pfarrer Blum­hardt. In seiner Todesstunde war eines seiner letzten Worte: „Der Heiland wird mich auch drüben noch mit einem Dienst beauftragen.“

 

III. DIE AUFERSTEHUNG

Wenn das Paradies und das Totenreich Warteräume sind, ist die nächste Frage, wie lange der Aufenthalt hier dauert. Der Sinn der Warteräume ist, daß die Wartezeit einmal beendet wird. Welches Ereignis wird hier den Schlußpunkt setzen? Das Neue Testament sagt: die Auf­erstehung.

Vielleicht kommen wir nun bei unserem Denken in einen Konflikt. Ist die geist‑seelische Weiterexistenz des Menschen nach seinem Tod nicht ein Gegensatz zur Auf­erstehung? Nein. Paulus sagt 1. Kor. 15, 44: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ Es war der schwäbische Theologe Oetinger, der einmal sagte: „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Um diese neue Leiblichkeit geht es bei der Auferstehung.

Das Neue Testament unterscheidet verschiedene Etap­pen der Auferstehung. Wir betreten dabei heißumkämpften Boden. Der Pietismus hat an dieser Stelle vielfach anders gedacht, als es in den lutherischen Bekenntnis­schriften festgelegt ist. Es geht jetzt aber nicht um die Bewältigung theologischer Streitfragen, sondern um die Feststellung, was das Neue Testament in schlichter Weise aussagt. Es sind im wesentlichen drei Schriftstellen, die von der Auferstehungsordnung sprechen. Wer sich für diese Fragen interessiert, der sei auf die Bücher von dem gesegneten Bibellehrer Erich Sauer hingewiesen. Die meisten Theologen gehen diesen Fragen aus dem Weg, weil die reformatorischen Väter ihr damnant qui docent (Verdammungsurteil) ausgesprochen haben. Die Refor­matoren haben in der Abwehr schwarmgeistiger Strö­mungen sich auf das Wesentliche zurückgezogen und in manchen Stücken vielleicht zu scharf und zu hart geschos­sen. Die drei Schriftbelege stehen: 1. Kor. 15, 23; 1. Thess. 4,15 ff; Offb. 20, 4‑7.

1. In meiner Tübinger Studentenzeit hörte ich die Vor­lesungen von Prof. Karl Heim über den Korintherbrief. Die Stelle 1. Kor. 15, 23 war gegenüber der herkömm­lichen Exegese (Auslegung) in gewissem Sinn revolutionierend. Heim übersetzte den Vers in folgender Weise: „Ein jeglicher (wird lebendig gemacht werden) in seiner Ordnung: der Erstling Christus; danach, die Christo angehören, wenn er kommen wird, danach der Rest.“ Heim erklärte, daß die Auferstehung in drei Etappen vor sich gehen würde: „Christus als der Erste, danach seine Gemeinde, danach der Rest der Menschheit.“ Wir könn­ten hier sagen, die zweite Etappe ist die Auferstehung derer, die im Paradies warten, die dritte Etappe ist die Auferstehung derer, die im Totenreich warten.

2. Paulus schreibt in 1. Thess. 4,15 ff, daß bei der Wie­derkunft des Herrn die Toten in Christo zuerst auferstehen werden. Das ist die erste Auferstehung derer, die als Jünger Jesu im Paradies gewartet haben. Diese Auferstandenen werden mit den lebenden Gläubigen dem Herrn entgegengerückt werden in den Wolken. Das ist die Entrückung der Gemeinde.

Weil in diesem Abschnitt die Rede ist „von denen, die da schlafen“, muß das kurz erläutert werden. Das Neue Testament spricht manchesmal vom Schlaf. Gemeint ist dabei nicht, daß die Verstorbenen in einem bewußtlosen Zustand auf die Auferstehung warten müßten. Das Be­wußtsein und die Personenhaftigkeit ist ja mit dem Tod nicht ausgelöscht, wie wir bereits gehört haben. Daß es sich hier nur um einen bildhaften Ausdruck des Sterbens handelt, sehen wir am besten an dem Pauluswort 1. Kor. 15, 20, wo es heißt: „Christus, der Erstling unter denen, die da schlafen.“

3. Die umstrittenste Stelle ist Offb. 20, 4‑7. Es wird aus­gesagt, daß die Toten in Christus die erste Auferstehung erleben und danach mit Christus tausend Jahre regieren. Diese Mitregentschaft wird sowohl in Vers 4 als auch in Vers 6 erwähnt. Die anderen Toten, also die dritte Etappe nach Karl Heim, werden erst nach diesem 1000-jährigen Reich ihre Auferstehung erleben.

Es ist eine Verkürzung des Evangeliums, wenn man um schwarmgeistiger Exzesse willen diese drei klaren Schrift­belange einfach übersieht oder beiseite schiebt. Es war doch Luther, der beim Reichstag zu Worms im April 1521 den Vorwurf brachte, daß es erwiesen ist, daß auch die Konzilien sich geirrt haben. Wir haben auch heute noch die Tatsache, daß die katholische Kirche ihren Gläubigen vorschreibt, wie sie die Bibel zu verstehen haben. So will sie z. B. die Virginität (Jungfräulichkeit) der Maria vor und nach der Geburt Jesu damit beweisen, daß die Fa­milie des Joseph von Nazareth wegerklärt wird, obwohl Matth.13, 55 die Brüder Jesu mit Namen nennt. In der evangelischen Kirche verbieten es die Bekenntnisschriften, von der ersten und zweiten Auferstehung und vom Frie­densreich zu reden. Kaum ein Theologe wagt es, diese Schranken zu durchbrechen, obwohl wir die Heilige Schrift höher zu stellen haben als die Erklärungen unserer Väter. Paul le Seur hat den Mut aufgebracht, in seinem Buch „Nach dem Sterben“ diese Schranken einmal zu über­springen. Man gibt damit allerdings seine theologische Salonfähigkeit auf.

IV. DER DREIFACHE TOD

Wir müssen uns nun über den biblischen Todesbegriff Gedanken machen. Es wird in der Heiligen Schrift ein dreifacher Todeszustand unterschieden.

1. Der  l e i b l i c h e  T o d. In diesem Stück sind wir uns am schnellsten einig. Daß alle Menschen dem leiblichen Tod unterworfen sind, haben wir täglich vor Augen. Bei unserer Geburt werden wir in Marsch gesetzt. Ohne daß wir es wissen, hält der unheimliche Begleiter mit dem Stundenglas mit uns Schritt. Unsere tägliche Existenz ist erfüllt vom Kampf gegen den leiblichen Tod. Essen und Trinken, Krankheit und Gesundung sind Abwehr gegen das unvermeidliche Los. Unser tägliches Bedrohtsein ist der Ausdruck dafür, daß der Mensch vom Schöpfer ab­gefallen ist. Paulus sagt (Röm. 6, 23): „Der Tod ist der Sünde Sold.“ Weil wir alle gesündigt haben, ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen.

Hin geht die Zeit, her kommt der Tod!
Ach wie geschwinde und behände
kann kommen meine Todesnot.
Mein Gott, ich bitt‘ durch Christi Blut:
Mach’s nur mit meinem Ende gut!

2. Die zweite Todesform ist der g e i s t l i c h e T o d. Wer ist geistlich tot? Etwa nur der Heide, der nichts von Christus weiß? Nein. Das wäre eine grobe Vereinfachung. Geistlich tot ist jeder, der keine Wiedergeburt durch den Heiligen Geist erlebt hat (Joh. 3, 3;  2. Kor. 5,17). Was verstehen wir unter der Wiedergeburt? Ist sie einfach mit der Kindertaufe gleichzusetzen? Das wäre wieder eine grobe Vereinfachung. Sind nicht 95 Prozent aller Deut­schen getauft? Sind nicht die meisten der Spötter und Lästerer getauft?

Geistlich leben­dig ist nur der, der eine geistliche Auferstehung erlebt hat. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk.15, 24) sagt der Vater: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Der verlorene Sohn hat durch seine Umkehr, durch sein Schuldbekenntnis und seine Wieder­annahme beim Vater den geistlichen Todeszustand über­winden dürfen.

Im Blick auf die geistliche Auferstehung oder die Wie­dergeburt des Menschen leben die meisten der Christen in einer großen Vernebelung. Für die geistliche Auf­erstehung gibt es keinen frommen Ersatz, nicht ein kirch­liches Amt, nicht die moralische An­ständigkeit, nicht die christliche Tradition, so wertvoll das alles ist. Die geistliche Auferstehung ist ein Schöp­fungsakt des Heiligen Geistes am Menschen. Adolf Schlat­ter sagte einmal: „Es gibt zwei sich scheidende Arten von Leben: das leibliche Leben, das in der Geburt seinen An­fang nimmt; und das geistliche Leben, das in der Wieder­geburt seinen Anfang nimmt.“

Das geistliche Leben mündet in das ewige Leben,
der geistliche Tod mündet in den ewigen Tod.

3. Damit sind wir bei der dritten Todesform, dem e w i g e n T o d. In Offb. 20, 6 wird er auch „der andere Tod“ genannt. Dieser ewige Tod beginnt erst nach dem großen Weltgericht. Wer ohne Buße und in völliger Verhärtung gestorben ist, kommt ins Totenreich. Wenn er dort auch vom Evangelium nicht erreicht wird und da­nach beim großen Weltgericht nicht durchkommt, endet er im ewigen Tod. So wie ich als Mensch nicht in der Lage bin, die Herrlichkeit des Himmels zu schildern, so bin ich auch nicht imstande, die Schrecken des Feuersees darzu­stellen.

V. DIE GERICHTE GOTTES

1. Wir haben in der Bibel Strafgerichte. Die Sintflut war ein Gericht über die unbußfertige, alte Welt. Die Plagen in Ägypten waren ein Gericht über Pharao und sein Volk. Die kupferfarbenen Schlangen, deren giftigen Biß 23 000 Menschen erlagen, waren ein Strafgericht für das lüsterne Volk. Die Bibel und das Leben sind voll von derartigen Gerichten.

2. Die Opferung des Gottessohnes am Kreuz auf Golga­tha ist ein Gericht über die Sünde der Menschheit. Das Kreuz ist das doppelte Zeichen, das Symbol, daß Gott nein sagt zur Sünde des Menschen und ja sagt zum Menschen selbst.

3. Wer in seinem Leben eine Gottesbegegnung erlebt hat und Gott recht gibt über sich selbst, der erlebt das große Gericht der Gnade. Der Dichter spricht dieses Be­kenntnis aus:

Nun was du Herr erduldet,
Ist alles meine Last.
Ich hab‘ es selbst verschuldet,
Was du getragen hast.
Schau her, hier steh‘ ich Armer,
Der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer
Den Anblick deiner Gnad‘.

Solche Gottesbegegnungen hatten etwa David, wenn wir an seine Bußpsalmen denken, vor allem Psalm 32 und 51; Petrus im Boot (Luk. 5); Zachäus in Jericho (Luk.19) und Saul von Tarsus vor Damaskus (Apg. 9).

4. Diesem großen Gericht über unsere Person, bei dem wir unseren völligen Bankrott erleben und die Verzweiflung uns zu Boden wirft, folgt dann das tägliche Gericht in der Nachfolge Jesu. Luther sagt in der ersten These: „Wenn unser Herr und Meister spricht ’Tut Buße!’ so will er, daß unser ganzes Leben Buße sei.“ Der treue Jünger Jesu wird täglich durch das Wort Gottes und durch den Heiligen Geist in das Gericht hineingezogen.

5. Diesen Gerichten in der Geschichte der Vergangen­heit und in unserer Lebensführung in der Gegenwart folgen dann zwei Gerichte in der Zukunft.

Erich Sauer, der begnadete Bibellehrer mit einem pro­phetischen Blick hat eine Bücherreihe geschrieben:
„Das Morgenrot der Welterlösung“,
„Der Triumph des Ge­kreuzigten“,
„Vom Adel des Menschen“.

Er schreibt, daß die Jünger Jesu nur ein Gemeindegericht zu erwarten haben. Sie kommen nicht in das letzte große Weltgericht, da es ja beim letzten großen Weltgericht nur um die An­nahme oder Verwerfung derer geht, die im Totenreich haben warten müssen. Die Frage der Errettung ist ja bei den Jüngern Jesu durch die Gnade Gottes bereits entschieden. Als Schriftbeleg wäre zu nennen Joh. 5, 24:
„Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat dass ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurch­gedrungen.“
Zum Gemeindegericht gehört auch die Stelle 1. Kor. 3,12‑15. Dieser Abschnitt spricht davon, daß unser Lebenswerk geprüft wird, welches Baumaterial wir auf den Grund Jesus Christus gebaut haben. Um die eigentliche Errettung geht es in diesem Abschnitt nicht, sondern nur um den Lohn. Das sagt der Vers 15 aus:
„Er selbst aber wird errettet werden als einer, der durchs Feuer gegangen ist.“
Die Stelle 2. Kor. 5,10:
„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf daß ein jeglicher empfange nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse“ steht dieser Aussage vom Gemeindegericht und Weltgericht nicht entgegen, da dieser Vers die Aufgliederung ja nicht vornimmt und nur aussagt, daß wir alle einmal in das Gericht hinein müssen, um den Lohn unserer Taten zu erhalten. Diese Stelle kann sich sowohl auf das Gemeindegericht als auch auf das Weltgericht beziehen. Der stärkere Akzent liegt aber auch hier auf dem Gemeindegericht, weil Paulus in dem ganzen Abschnitt von den Gläubigen redet und sagt (V. 9): „Darum fleißigen wir uns auch, wir sind daheim oder wallen, daß wir ihm wohl gefallen.“

Zur Frage des Gemeindegerichts erhielt ich einmal von Wilhelm Busch ein ausgezeichnetes Gleichnis. Ich war bei ihm zu einer Evangelisation in der Essener Altstadt. Bei einer Rundfahrt durch Essen zeigte er mir die ausgebrannte Synagoge. Im November 1938 wurden im Zuge der Judenverfolgungen durch die Nationalsozialisten alle Synagogen angesteckt. Die Synagoge brannte aus. Ihre mächtigen Mauern und auch das aus Natursteinen gewölbte Dach blieben stehen. Während des Krieges erlebte nun Essen viele Fliegerangriffe. Einmal brannte der ganze Stadtteil, in der die Synagoge steht. Die Leute flüchteten sich zu Tausenden in das massive Gewölbe der ausgebrannten Synagoge und hatten dort Schutz. Wilhelm Busch sagte dazu: „So ist es mit den Christen. Wenn einmal das Feuer des Gerichtes Gottes über unser Leben hinweggegangen ist, dann bleibt uns das Feuer des letzten Weltgerichtes erspart.“ Dieses Beispiel aus dem Mund von Wilhelm Busch werde ich wohl mein Lebtag nicht mehr vergessen. Es trifft den Kern der Sache.

6. Ein großes, umfassendes Gericht ist dann das Welt­gericht Offb. 20,11‑15. Die Erde und das Meer geben ihre Toten heraus. Weil in diesem Abschnitt im Zusammen­hang mit Erde und Meer auch das Totenreich genannt wird, ist wiederum der Schluß möglich, daß das Toten­reich um uns Lebende herum ist. Wir haben nur kein Organ dafür. In diesem letzten Weltgericht werden ohne Zweifel noch einmal Menschen gerettet werden.

Wir können nicht anders, als mit dem Lobgesang des Paulus zu schließen (Röm. 11, 33‑36):

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber ge­wesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wiedervergolten? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

 

VI. FRAGEN UND ANTWORTEN

1. Dürfen wir für Tote beten?

Weder das Alte noch das Neue Testament enthält eine Stelle, die sich mit der Fürbitte für die Toten befaßt. Lediglich die Apokryphen (2. Makk.12, 44) sprechen davon.

Luther meinte, man dürfe einmal oder zweimal nach dem Abscheiden unserer Lieben für sie beten und solle dann die Fürbitte einstellen. Fast alle bekann­ten Seelsorger raten in ähnlicher Weise. Die Toten sind unserer Fürsorge entzogen. Intensives Beten für die Toten kann zur Schwermut führen.

2. Warum läßt die katholische Kirche Totenmessen lesen?

Luther weist in seiner Schrift vom Jahr 1522 „Wider den Mißbrauch der römischen Messe“ nach, daß die Totenmesse spiritistischen Ursprungs ist. Auf Grund vieler Totenerscheinungen von verstorbenen Mön­chen, die um eine Messe baten, hätte Gregor der Große die Einführung der Totenmesse betrieben und durchgeführt.

3. Können Verstorbene für Lebende beten?

Das Beispiel des reichen Mannes in Luk. 16 zeigt uns, daß eine solche Fürbitte möglich ist. Wenn der gottlose Mann für seine Brüder bittet, wieviel mehr werden gläubig Verstorbene für ihre zurückgeblie­benen Angehörigen beten.

4. Können Verstorbene sich erkennen?

Nach dem Gleichnis vorn reichen Mann und dem armen Lazarus müssen wir das bejahen. Vor allem werden Menschen, die nach ihrem Tod in die gleichen Bereiche kommen, sich erkennen.

5. Können Menschen aus dem Totenreich noch gerettet werden?

Aus dem Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift muß diese Möglichkeit bestehen. In dem Totenreich sind ja auch Heiden, die nie etwas von Christus ge­hört haben. Christus ist auch hinuntergefahren in die „untersten Örter der Erde“ (Eph. 4, 9) und hat den Toten das Evangelium verkündigt (1. Petr. 4, 6).

6. Gibt die Heilige Schrift Anhaltspunkte, daß alle Menschen gerettet werden?

Nein! Die Anhänger der Allversöhnungslehre, vor allem in den Kreisen des schwäbischen Pietismus, sind allerdings der Meinung, daß nach langen Gerichten in der Ewigkeit alle Menschen gerettet werden und zuletzt der Teufel auch. Jesus hat diese Gedanken nirgends geäußert.

7. Dürfen Gläubige in der Ewigkeit mit den Männern der Bibel sprechen?

Warum nicht? Sollte sich Lazarus nicht mit Abraham unterhalten haben? Sollte Jesus ohne ein Wort den Schächer zur Rechten in das Paradies eingeführt haben?

8. Wird es einer gläubigen Mutter nicht die Seligkeit belasten, wenn sie weiß, daß ihre Kinder verlorengegangen sind?

Gottes Barmherzigkeit wird dafür sorgen, daß die Freude am Herrn der Seligen nicht getrübt wird. Die fleischlichen Bande der Familie und der Ehe sind dort ohnehin gelöst. Es gibt nur noch die Bande der großen Gottesfamilie, die mit ihrem Herrn verbun­den ist.

9. Wird die irdische Liebe in der Ewigkeit ihr Ende finden?

Was an der irdischen Liebe aus der Sünde stammte und aus unserer irdischen Leiblichkeit, wird drüben weggenommen sein. Was an unserer Liebe aus dem Urgrund aller Liebe, aus Gott, stammt, wird drüben seine Vollendung finden. Menschen, die sich in echter Weise liebten, werden drüben auch eine besondere Stellung zueinander haben. Aber alle Liebe wird auf Christus zielen, der sein wird alles in allen.

10. Wird es in der Ewigkeit Unterschiede in der Herrlichkeit geben?

Ja! Zwei Männer sind von Gott ausersehen, zur Rechten und zur Linken Jesu zu sitzen (Matth. 20, 23). 24 Älteste sind bestimmt, ihren Platz um den Thron der Herrlichkeit zu haben (Offb. 5, 8). Es gibt Gläu­bige, die der ersten Auferstehung gewürdigt sind, und die mit Christus regieren (Offb. 20, 6).

11. Wird es im Himmel nicht langweilig sein?

Diese Frage stammt aus dem Unglauben und aus menschlicher Kurzsichtigkeit. Paulus sagt (1. Kor. 2,9): „Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn liebhaben.“

Ohne Zweifel wird in der Ewigkeit der Anbetung im Geist und in der Wahrheit die meiste Zeit ein­geräumt sein, darüber hinaus wird der Herr viele Aufgaben für uns haben und uns zu immer größerer Klarheit und Herrlichkeit führen.

12. Wird das Los der Verdammten nicht die Seligkeit stören?

Auch diese Frage stammt aus menschlichen Denk­maßstäben, die drüben ihre Gültigkeit und Kraft verloren haben. Was wir jetzt noch nicht verstehen, wollen wir alles getrost dem Herrn überlassen, der alles recht machen wird. Am Ende der Schöpfung wird es wie am Anfang heißen: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut“ (1. Mos. 1, 31).

 

DER REICHE MANN UND DER ARME LAZARUS

Luk. 16, 19‑31

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür vol­ler Schwären und begehrte sich zu sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen; doch kamen die Hunde und leckten ihm seine Schwären.
Es begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und ward begraben.
Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.
Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dage­gen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet und du wirst ge­peinigt.
Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß die da wollten von hinnen hinabfahren zu euch, könn­ten nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren.
Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, daß er ihnen bezeuge, auf daß sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
Abraham sprach zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten, laß sie dieselben hören.
Er aber sprach: Nein, Vater Abraham! sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.
Er sprach zu ihm: Hö­ren sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glau­ben, wenn jemand von den Toten aufstünde.

Aus der Broschüre von Pfr. Dr. Kurt Koch UNSER LEBEN NACH DEM TODE

Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Juni 2005

www.horst-koch.de

info@horst-koch.de

 

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