Der Umsturz der Werte

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Der Umsturz der Werte

 

Ursache und Zukunftsfolgen der Moralrevolution

Von Prof. Dr. Dr Georg Huntemann

 

Im Prozeß der Auflösung 

Es war einmal ein christliches Abendland. In diesem christlichen Abendland galten die in der Bibel geoffenbarten Gebote Gottes als absoluter Maßstab, als ein für die ganze Gesellschaft verpflichtendes Ethos. Dieses christliche Abendland war kein Ort moralischer Vollkommenheit. In diesem christlichen Abendland wurden grausame Kriege geführt, Menschen unterdrückt, ausgebeutet und verfolgt. In diesem christlichen Abendland wurde gegen die Gebote Gottes gelebt und gehandelt. Aber niemals, bis in die Neuzeit hinein und dann zunächst nur am Rande, in den Köpfen einiger revolutionärer Philosophen, wurde das biblische Ethos als solches in Frage gestellt. Die Gebote Gottes waren nicht wegzudiskutierende Maßstäbe des Lebens, sie stellten vielmehr ihrerseits das Tun und Treiben der Gesellschaft in Frage. Der unangefochtene Anspruch eines absoluten, eben biblisch offenbarten Ethos, war eine Kraft, die aus jedem Dilemma wieder zur Verantwortung rief, die das Böse als Böses und Schuld als Schuld offenbarte. Es gab diese letzte Instanz endgültiger Werte, die in der Unordnung zur Ordnung und in der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit rufen konnte. Solange das Gebot Gottes als unfehlbare Autorität galt, solange konnte unsere europäische Gesellschaft durch eine permanente Reformation immer wieder zum ursprünglichen Gehorsam zurückgerufen werden.

Unsere gegenwärtige Situation ist die Auflösung dieser Werte nicht in dem Sinne, daß wir gegen das herkömmliche Ethos leben, sondern daß wir es grundsätzlich verneinen. Diese unheimliche, radikale Verneinung ist neu, wir sind ihre Zeugen, obgleich erstaunlich wenig Bürger in unseren europäischen Ländern sich dieser unverhohlenen, veröffentlichten Zerstörung biblischer Werte bewußt sind. Dem Zusammenbruch der Werte steht der »Abendländer», hilflos gegenüber, weil er gewissenlos geworden ist.

Wo und wie zeigt sich der Zerfall der Werte?

Hierzu einige Beispiele:

Eine ausdrücklich unter Gottes Gebot gestellte Ordnung ist die Familie. Das fünfte Gebot »Du sollst Vater und Mutter ehren» schützt eine Lebensordnung, die nach biblischem Verständnis wichtiger ist als der Staat. Die Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes zeigt, bevor es die Nation, den Staat oder die Gesellschaft gab, war die Familie: Bevor Israel war, war Abraham.

Vater und Mutter stehen in der unmittelbaren Verantwortung vor Gott für ihre Kinder. Aus dieser Verantwortung empfangen sie ihre Autorität, d. h. die Vollmacht, das Leben ihrer Kinder nach Gottes Gebot zu leiten. Diese gottesunrnittelbare Autorität und Ordnung der Familie war seit je ein Bollwerk gegen die Verabsolutierung des Staates. Diese Autorität der Familie, ihre von Gott gesetzte Ordnung wird heute verneint. Abrahams und Noahs Autorität beruhte auf dem Vertrauen zur Autorität Gottes – deswegen konnte Noah die Sintflut überleben und Abraham der Urvater eines Gottesvolkes werden. Sie setzten ihre Autorität nicht aus sich selbst, sondern empfingen sie von Gott, weil sie auf das Wort Gottes hörten. Der Kampf gegen die Autorität der Familie verneint, daß überhaupt Autorität von Gott empfangen und vor Gott verantwortet werden soll.

Die Verneinung der Autorität der Familie ist aber auch die Verneinung der Freiheit der Familie, sie bedeutet (und will dies auch bewußt) die Auflösung der Familie. Der Familie übergeordnet wird heute die Gesellschaft. Eltern haben nicht mehr die „elterliche Gewalt“ (Vollmacht im Sinne einer Gott gegenüber zu verantwortenden, weil von ihm empfangenen Autorität), sondern nur noch ein «Sorgerecht«, das sie in der Verantwortung nun nicht mehr gegenüber Gott, sondern gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen.
Das Wort Gott, Name oder Inhalt der Gebote, überhaupt ein absolutes Ethos, das man anerkennt, weil man es kennt, weil es in Worte gegeben ist, sind aus allen Texten, die heute Regeln menschlichen Zusammenlebens vorschreiben, verschwunden. Diese Gesellschaft verlangt (vgl. den Zweiten Familienbericht des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit von 1975), gegen noch geltendes Recht (wie ausdrücklich in diesem Bericht zugestanden wird), »daß die Eltern der einsichtsfähigen Kinder nach Möglichkeit Rücksicht nehmen und bei Maßnahmen im Rahmen des Sorgerechtes durch verständnisvolle Aussprache eine Einigung mit dem Kinde anstreben«. Was ist unter dieser «Einigung« zu verstehen? Auf alle Fälle müssen die Regeln dieser Einigung dem »sozialen und gesellschaftlichen Wandel« angepaßt sein. Diesem Zweck soll die Wissenschaft dienen.
Aber »da sich die gesellschaftliche Realität im Zeitablauf ständig wandelt und auch die politischen Maßnahmen Veränderungsprozessen unterliegen, kann dieser Erkenntnisprozeß zu keinem Zeitpunkt als abgeschlossen angesehen werden».
Was also in einer Familie verbindlich zu geschehen hat, sagt eine sich fortwährend ändernde Gesellschaft mit einer sich ebenfalls fortwährend ändernden Erkenntnis der Wissenschaft. Alles ist und bleibt für alle Zeiten im Fluß, heute so, morgen anders. Heute kann die geforderte Einigung mit dem Kinde darin bestehen, daß dem Kind Recht auf sexuelle Selbstverwirklichung mit Zurverfügungstellung des elterlichen Schlafzimmers eingeräumt wird, und morgen kann dieser Anspruch auf geschlechtliche Verwirklichung die Zulassung homosexueller Praktiken bedeuten, und übermorgen kann sie die Erfüllung des Anspruches auf geschlechtlichen Verkehr mit eigenen Eltern einfordern, denn Homophilie und Inzest (geschlechtlicher Verkehr mit Blutsverwandten) sind durchaus keine verurteilten Werte mehr in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

Man möchte hoffen und wünschen, daß solche Ansprüche auf Selbstverwirklichung doch wohl übertrieben sind und den Realitäten nicht entsprechen und auch nicht entsprechen werden. Die Realität ist aber nun einmal, daß ein vierzehnjähriger Schüler 1979 in Bonn anläßlich einer Feier zum »Jahre des Kindes«, in Gegenwart des damaligen Bundespräsidenten Scheel und der Ministerin Huber öffentlich folgende Forderung nach Selbstverwirklichung bekundete:
»Ich bin ein sexuelles Wesen und will diese Sexualität auch voll ausleben – mit Erwachsenen, mit Vierzehnjährigen, mit Sechzehnjährigen, mit Achtzehnjährigen, mit Jungen und Mädchen, mit Männern und mit Frauen; es ist egal, welches Geschlecht und wie alt. Liebe brauche ich mehr als alles andere, aber gerade Liebe bekomme ich keine, weil andere Sachen angeblich wichtiger sind – wie Schule, Lernen, Studieren, Geld verdienen. Deshalb darf ich meine Gefühle nicht ausleben, deshalb gibt es Gesetze, die mich zwingen, sechs Stunden am Tage irgendeinen Mist zu lernen; da mache ich nicht mehr mit, ich lerne nur noch die Sachen, die ich lernen will, ich werde nur noch nach meinen Gefühlen leben, ich werde versuchen, frei zu sein, und ihr werdet versuchen, frei zu sein, und ihr werdet versuchen, mich totzuschlagen, werdet mich auslachen und mich für verrückt erklären, nur um nicht über eure eigene Kaputtheit nachzudenken. Ich brauche euch nicht! Ich finde, in Familien ist es so gut wie unmöglich, daß die Kinder frei leben, und daß sie lernen, ihre Wünsche zu artikulieren und auszuleben. In der Familie lernt das Kind nur eins: Zu gehorchen und seine Wünsche zu unterdrücken. Das soll man aber nicht tun; nur wer sich einmal gegen seinen Vater wehrt, der gehorcht auch später vielleicht seinen Lehrern nicht und noch später seinem Chef nicht. Für solche Kinder gibt es dann die staatlichen Erziehungsheime. Diese Gefängnisse sind zur Zeit die einzige Alternative zur Familie. Auf die Idee, daß wir selbst am besten wissen, was gut für uns ist, kommt keiner. Entweder werden wir von unseren Eltern bevormundet oder vom Staat. Was wir wollen, ist scheinbar egal, wir sollen vergessen, was wir wollen.«
(Zitiert von Christa Meves in »Godesberger Resolution. Beiträge, Proteste«. Bremer Studienhefte, Bd. 4,1980, S. 10.)

Die Gesellschaft – wir werden noch auf die Bedeutung dieses neuen Abgottes zu sprechen kommen – ist allmächtig und allwissend. Sie selbst kennt keine abloluten Maßstäbe, da sie – wie selbst zugegeben wird – im ständigen Fluß der Veränderungen lebt und mit ihr Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Richtig und Falsch. Je weniger Autorität bei der Familie, umso mehr Macht hat die Gesellschaft. Alle Macht der Gesellschaft – das ist das äußere, sichtbare Kennzeichen einer Moralrevolution, die an jedem Verstoß gegen jedes einzelne der Zehn Gebote nachgewiesen werden kann.

Moralrevolution ist Entautorisierung des biblischen Gebotes zum Zwecke der Autorisierung des Kollektivs

Das Gebot »Du sollst nicht stehlen« schützt die von Gott gesetzte Ordnung des Eigentums. Eigentum ist nicht der Gesellschaft, sondern der Familie zugeordnet. Das biblische Gesetz schützt nicht nur das Eigentum, sondern in der mosaischen Ordnung des Sabbat und Jubeljahres soll jeder – auch wenn er sein Eigentum schuldhaft verloren hat – wieder zu seinem Eigentum kommen können. Die Verproletarisierung der Gesellschaft soll nicht sein. Gottes ist die Erde, er hat sie dem Menschen anvertraut – nicht der Gesellschaft, sondern dem einzelnen. Dieser soll zum Bilde Gottes geschaffen in freier, persönlicher Entfaltung seine schöpferischen Kräfte in dem ihm eigenen, d. h. ihm zugeeigneten Schöpfungsbereich, durch sein personales Tätigsein entfalten.

In einem gigantischen Prozeß technokratischer und gesellschaftlicher Revolution spielt sich ein ebenso gigantischer Prozeß der Enteignung des einzelnen ab. Wie weit im industriellen Mammutismus überhaupt noch Eigentum praktizierbar bleibt, ist eine Frage – ob wir aber Eigentum als Gottesgebot und damit als Ziel gesellschaftlichen Lebens trotz aller Widerstände technokratischer Lebensgestaltung bezeugen, zum Sinn und zur Aufgabe eines personalen und freiheitlichen Daseins erheben wollen, ist die andere Frage.

Diese Frage wurde in der Moralrevolution mit Nein beantwortet und praktiziert. Inflation und steuerliche Konfiskation, industrielle Expansion und Konzentration treiben die Enteignung des Lebens mit eskalierender Geschwindigkeit voran. Die Monopolstellung des Staates in Verwaltung, Bildung und Wirtschaft weitet sich immer mehr aus: Nur im Sozialismus vollendet sich die Demokratie – das ist das Grundpostulat der gesellschaftlichen Moralrevolution.

Die Fundamentaldemokratisierung der Wirtschaft hat die totale Disparatheit von Einzelverantwortung und Eigentum zum Ziel. Das Postulat Mitbestimmung erstreckt sich dabei nicht nur auf die wirtschaftliche Produktion (vgl. Herbert Marcuse »Repressive Toleranz», 1969, S. 121), sondern auch auf die geistige Tätigkeit, wenn die Aufhebung des Tendenzschutzes verlangt wird und Mitbestimmung in letzter Konsequenz die private Meinungsäußerung in Wort, Bild, Ton und Schrift aufheben will mit dem Ziel, daß eben nicht der einzelne, sondern nur das Kollektiv »schöpferisch» sein darf. In dieser letzten Konsequenz hätte die Sekretärin, die eine Doktorarbeit mit der Schreibmaschine schreibt, das Mitbestimmungsrecht über den geistigen Inhalt. Wissenschaftliche Arbeit soll der Gruppe zugeordnet werden. Das sind keine gegenstandslosen Ängste, sondern klipp und klar ausgesprochene Zielsetzungen politisch aktiver Sozialrevolutionäre. So schreibt Fritz Vilmar (in «Strategien der Demokratisierung», Bd. 1, 1973):

»Die Revolution hat schon begonnen. Orthodoxe Linke halten immer noch Ausschau nach Opas Revolution als einer, die hereinbrechen soll, wie ein grandioses Gewitter … Der vom autoritären Vater, Lehrer, Fernsehen und Pfarrer vorgeprägte Sechzehnjährige wird in der Disziplinierung und Leistungskontrolle des Kapitals, die in Gestalt seines Meisters oder Bürochefs ihm begegnet, keine besonders fragwürdige, gar menschenunwürdige Herrschaft empfinden.
Daher gilt auch umgekehrt: Bröckeln die autoritären Strukturen in Familie und Schule, Universität und Kirche, Verwaltung und Massenmedien ab, so wird die Aufrechterhaltung eben dieser Strukturen im Zentralsystem der profiterzeugenden Arbeitswelt immer schwieriger.«
Durch eine «multifrontale Transformationspraxis», d. h. durch die Praxis an vielen Fronten (Familie, Schule, Massenmedien, Arbeitswelt) soll die Revolution aller Lebensbereiche im Sinne einer Fundamentaldemokratisierung verwirklicht werden.

Anscheinend geht der Kampf gegen Profitsucht, Kapitalismus und Ausbeutung – im Kern aber wird die totale Vergesellschaftung jeden menschlichen Tätigseins gewollt und mit einer von der Mehrheit der Bevölkerung gar nicht verstandenen Strategie Zug um Zug verwirklicht:

»Du bist nichts, dein Volk ist alles« war ein Schlagwort des Nationalsozialismus.  –  Du bist nichts, die Gesellschaft ist alles, ist das Leitwort der modernen Moral-Gesellschaftsrevolution.

In der nationalsozialistischen Ideologie (erinnert sei an das Schlagwort »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«) herrschte im Prinzip eine eigentumsfeindliche, die Gesellschaft (damals sagte man Nation) dem einzelnen überordnende totalitäre Tendenz. Der Antisemitismus stellte sich auch – nicht nur – als Feind des Kapitalismus dar, wobei mit dem Schlagwort »jüdischer Kapitalismus« Kapitalismus und Judentum miteinander identifiziert wurden. Wie sich diese grauenhafte Linie – dem einzelnen bewußt oder unbewußt – fortsetzt, zeigt ein Ausspruch der Terroristin Ulrike Meinhoff, die um die Wende der sechziger und siebziger Jahre ein neues, trauriges Kapitel deutscher Geschichte aufschlug:

»Dort sind sechs Millionen Juden für das, was sie waren, getötet und auf den Misthaufen geworfen worden: Geldjuden … Die Deutschen waren Antisemiten, darum unterstützen sie jetzt die RAF. Sie haben das noch nicht erkannt, weil sie vom Faschismus und vom Judenmord noch nicht losgesprochen worden sind. Und man hat ihnen noch nicht gesagt, daß der Antisemitismus in Wahrheit der Haß gegen den Kapitalismus ist« (Bei Bernhard Henry Levy, Das Testament Gottes. Der Mensch im Kampf gegen Gewalt und ldeologie, 1980, S. 22. Levy zitiert hier nach der Frankfurter Allgemeinen vom 15. Dezember 1972.)

An Beispielen aus den Schöpfungsordnungsbereichen Familie und Eigentum sind nun – aber auch wirklich nur beispielhaft – einige wertumstürzende Faktoren aufgezeigt worden. Die Beispiele zum Gebot »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten«, könnten vor allem aus dem Bereich der Massenmedien entnommen werden, die Tag für Tag ein Bild über die Wirklichkeit aufrichten, das eben Wirklichkeit nicht übermittelt, sondern entstellt. In diesem Zusammenhang hat ein klassischer Vertreter der sogenannten moralrevolutionierenden kritischen Theorie, Herbert Marcuse (»Die Gesellschaftssicht des sowjetischen Marxismus«, 1957 deutsche Ausgabe 1974) die Theorie aufgestellt, daß die Lüge die Wahrheit des zukünftigen Sozialismus bewahren kann. Er verteidigt damit die Propaganda des Sowjetkommunismus und dessen Diskrepanz zwischen Illusion und Realität. Er meint, die Theorie dieses Kommunismus sei zwar unwissenschaftlich irrational und verlogen, aber die Illusion solle das Verhalten der Bürger anleiten, und die Lüge entfalte schließlich die Idee des Sozialismus. Die selektive Methode moderner Massenmedien, nämlich durch Tendenz geleitet, jeweils Ausschnitte aus Wirklichkeitsbereichen zu vermitteln, wird hiermit genauso gerechtfertigt wie die totale Ent- und Verstellung von Wirklichkeitsgehalten, wenn nur die Lüge den zukünftigen Sozialismus bewahrt.

Wird die ethische Ordnung einer Gesellschaft zerstört, dann wird über kurz oder lang die Rechtssprechung mit einer Veränderung des geschriebenen Rechtes folgen. Das ist die letzte und furchtbarste Konsequenz: Aus dem Rechtsstaat wird ein Unrechtsstaat. Dazu ein Beispiel, das für viele andere gelten kann. Der Strafrechtler Eberhard Schmidthäuser schrieb schon 1970 in seinem »Strafrecht allgemeiner Teil», 1970, S. 27, daß das Rechtsgut nicht als absolut gelte, sondern abhänge vom Urteil des Gemeinwesens: »Nur soweit etwas in einem Gemeinwesen für wertvoll erachtet, also als gut anerkannt wird und geistig lebendig ist, kann eine Mißachtung dieses Gutes und damit ein Verbrechen vorliegen.»

Entscheidend für die Beurteilung über Gut und Böse, Recht und Unrecht ist nicht eine absolute Moral: »Maßgebend ist also die allgemeine Moral, verstanden im Sinne derjenigen ethischen Werte, deren Anerkennung im Bereich unserer Kultur beim Erwachsenen regelmäßig vorausgesetzt werden darf. Wenn ein Verhalten nur innerhalb einer kleinen Gruppe aufgrund ihrer besonderen Gruppenmoral als verwerflich erlebt wird, so bleibt auch der Verbrechenscharakter des Verhaltens streng genommen auf diese Gruppe beschränkt. Die sogenannte pluralistische Gesellschaft, die eine Vielzahl unterschiedlicher Werthaltungen in sich aufnimmt, beruht auf wechselseitiger Toleranz. So darf auch die Verbrechenskennzeichnung nicht Ausdruck von Intoleranz sein.»

Strafrecht orientiert sich also nicht mehr nach dem offenbarten Gesetz Gottes oder nach dem als unwandelbar angesehenen Naturrecht des Menschen, sondern nach den wechselnden Verhaltensweisen eines sich wandelnden Kollektivs. Da die Gesellschaft permanent in einem tiefgreifenden Wandel ist, wächst die Unsicherheit und damit die Flut der Gesetze, die für eine jeweils neue Situation mit einer neuen Verordnung Regulative schaffen müssen. Die Inflation des Geldes meldet den steigenden Wertverlust des Geldes. Die Inflation der Gesetze meldet den Rechtsverlust einer Gesellschaft. Unsicherheit der Währung und Unsicherheit des Rechtes zeigen aber immer die Auflösung einer Gesellschaft. Gesetzesflut bedeutet Rechtsunsicherheit, weil die Unfähigkeit, Recht überhaupt einzusehen, zwangsläufig auswuchern muß.

Das Rechtsgefühl verkommt. Die Unbestimmtheit der zu erwartenden Gesetze, ihre Willkürlichkeit angesichts einer sich verändernden Gesellschaft produzieren Rechtsunsicherheit. Gleichzeitig aber wird jeder in dieser Gesellschaft schuldig. Weil er die Gesetze nicht mehr übersieht, muß jeder Bürger damit rechnen, gegen Gesetze, die er gar nicht kennt, permanent zu verstoßen. So wird jeder zu einem Angeklagten und die Gesellschaft zu einer Gesellschaft von Angeklagten. Angst, Unmündigkeit, schlechtes Gewissen, Furcht vor Funktionären und »Rechtsunlust» – diese Elemente betreiben die Auflösung eines Staatswesens, an dessen Ende nur die Diktatur – als Gipfel willkürlicher Machtausübung – die Funktionsfähigkeit eines Gemeinwesens «retten» kann.

Christliche Existenz gibt es schon heute nur noch in einer nach modernen Maßstäben zu beurteilenden Randgruppenmoral, denn wer – um nur ein Beispiel zu nennen – die Ehe als Gebot Gottes wertet und ihre Auflösung als Schuld, der setzt Schuldprinzip gegen Zerrüttungsprinzip – und moderne Rechtspflege hat ja gerade dieses Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip aufgehoben. Die Sprache des Rechts ist so sehr »christentumsverfremdend» geworden, daß beispielsweise Homosexualität nicht mehr in einen Zusammenhang gebracht wird mit »Schuld» oder «abnorm», »unmoralisch» oder »sittenwidrig», sondern einfach als »anderes Verhalten« eingestuft wird.

Am Ende einer solchen, biblisches Ethos zerstörenden Moralrevolution, steht schließlich das Verbot der Bibel, denn nach den Regeln einer »repressiven Toleranz« muß, was sich selbst absolut setzt, von einer werterelativierenden Gesellschaft als friedestörend verneint werden.

 

Die Doktrin der Moralrevolution

Die letzte Ursache der Auflösung des biblischen Ethos für unsere Gesellschaft liegt in der Gottesverlorenheit gegenwärtigen Menschseins. Glaube an Gott und Gottes Gebote sind untrennbar – es gibt kein Gebot ohne den Gebieter. Wir werden diesen unauflösbaren Zusammenhang, der nur von der Bibel her zu verstehen ist, noch weiter bedenken.

Zunächst müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die gegenwärtige Moralrevolution eine klare, begrifflich faßbare Doktrin hat. Die Revolution der Moral hat ihre Strategie und ihre Strategen – eine Armee von Professoren, Lehrern, Soziologen und Journalisten. Sie alle haben direkt oder indirekt ihre geistigen Väter in der sogenannten »kritischen Theorie«, die mit dem Schlagwort »Frankfurter Schule« – sei es zu Recht oder zu Unrecht – bekannt wurde und mit Namen wie Adorno, Horkheimer, Marcuse und Habermas verbunden ist. Diese sogenannte «Frankfurter Schule« oder »kritische Theorie» versteht sich nicht als ein Philosophenclub unter anderen, sondern als faß- und sichtbarer Gipfel eines Eisberges aus dem gewaltigen Untergrund des Umsturzes aller Werte.

Die Begriffswelt der kritischen Theorie, wie sie sich unter anderem in der Frankfurter Schule darstellt, ist mittlerweile schon so bekannt und regiert unsere Universitäten, Schulen und Massenmedien bereits in einem solchen Maße, daß eine zusammenfassende Darstellung dieser intellektuellen Repräsentation gegenwärtiger Moralrevolution genügt.

1. In der Absicht, über die Natur herrschend zu werden, ist der Mensch – so meint die kritische Theorie, selbst in Herrschaft hineingeraten. Herrschaftsdenken ist instrumentales, technokratisches Denken im Willen zur Macht. Durch diesen Willen zur Macht wurden Herrschaftsstrukturen geschaffen, in denen der Mensch über den Menschen herrscht. Die Geschichte ist – nach dem Verständnis dieser Philosophie – nach dem Verlust eines glücklichausgesöhnten Lebens mit der Natur zur Geschichte eines Irrweges der Macht geworden, der in den Gaskammern von Auschwitz sein vorläufiges Ende gefunden hat. Auch zweitausendjährige Geschichte christlichen Abendlandes sind zweitausend Jahre eines Herrschaftssystems innerhalb dieses beklemmenden Irrweges von der Steinschleuder bis zum Holocaust.

2. Jegliche Art von Herrschaft und damit auch jegliche Form von Autoritätsanspruch muß – so fordert die kritische Theorie – verneint werden. Das heteronome, etwa durch ein Gebot, durch ein »du sollst« an den Menschen herangetragenes Ethos, ist schon Herrschaftsanspruch und deswegen zu verneinen. Spontanes und kreatives, fröhliches und glückspendendes Denken und Fühlen, Seele, Trieb, Herz und Kopf sind durch die in Fleisch und Blut eingegangenen Herrschaftsstrukturen kaputt gemacht worden. Analytisches Denken und Sprechen, also daß es Subjekt und Objekt in einem Satz gibt, daß es Haupt- und Zeitwörter gibt, daß einige Worte groß und andere klein geschrieben werden, zeigt den Triumph von Herrschaftsstrukturen, die durch eine moderne Pädagogik (vgl. Ganzheitsmethode, Kleinschriftsystem usw. usw.) schnellstens überwunden werden müssen. Die »Beherrschung« der Sexualität, Gehorsam gegenüber Eltern, Scham, Ehrfurcht und Tabu sind Beispiele für – so meinen die Moralrevolutionäre – Unterdrückungsmechanismen in menschlicher Selbstverfremdung. Der archaische Urstand, der als Idylle einer Herrschaftslosigkeit verstanden wird, muß auch der Endzustand der Geschichte werden. Der Kampf gegen die Repression ist Kampf gegen Autorität und gegen die Unterdrückung der Lust. Autoritätslos und lustbetont soll der Mensch leben, um die Freiheit wiederzugewinnen, die er in einer Geschichte verloren hat, die durch sukzessive Unterdrückung und Verdrängung von Lust ihren traurigen Lauf nahm (Marcuse).

3. Auch Personsein, als Individuum leben, bedeutet durch Herrschaftsstruktur entstelltes, dem wirklichen Dasein entfremdetes Leben. Theodor W. Adorno fordert (in seiner «Negativen Dialektik« 1966, S. 272) die Auflösung des Subjektes, »die opferlose Nichtidentität«. Human sind Menschen nach seiner Meinung nur dort, »wo sie nicht als Person agieren und gar als solche sich setzen; das Diffuse der Natur, darin sie nicht Person sind, ähnelt der Lineatur eines intelligiblen Wesens, jenes Selbst, das vom Ich erlöst wäre … » Die «opferlose Nichtidentität» oder die repressionsfreie Identität meinen ein Leben, das frei wird von der Herrschaftsstruktur des Willens, der Triebunterdrückung, der Qual, anders sein zu wollen als die anderen, weil man eben «selbst» sein will.

Jürgen Habermas erwartet (in seiner «Rekonstruktion des historischen Materialismus« 1976) am Ende der Hochreligionen, zu denen für ihn natürlich auch das Christentum zählt, eine neue kollektive Identität: Nach der Auflösung herkömmlicher, herrschaftsstrukturierter Gruppen wie Familie, Staat, Nation wird der personfreie Mensch ganz in die Gruppe, also in das Kollektiv aufgehen. Die Identität hat dann in der Gruppe keine festen Inhalte mehr, Rollen und Normen sind beliebig austauschbar, die Hausfrau wird Kauffrau, der Kaufmann wird Hausmann, der Vater wird Mutter und die Mutter wird Vater – bis zu der Grenze, die die Natur selbst (wohl zum Ärger dieser Moralrevolutionäre) gesetzt hat. Das eigene, individuell geprägte Personsein wird aufgehoben, alles was der einzelne tun darf, sollen Funktionsbezüge der Gruppe sein. Ohne die Gruppe, die ihm austauschbare Funktionen zuweist, ist er nichts, in und mit der Gruppe ist er alles. Die gruppendynamischen Experimente, vor allem das in ihnen praktizierte Rollenspiel, sollen die Person »verflüssigen«, »entsteinern» und letztlich aufheben. Wenn ein Kind zum Beispiel Gott spielt, wird Gott eine darstellbare und austauschbare Funktion. Die Funktion Gott ist übernehmbar, Gott ist dann eine Funktion, aber Gott selbst als Gott, eben als der »ich bin, der ich bin» ist nicht mehr. Kinder haben wohl zu allen Zeiten sich durch Spiel in Rollen eingeübt – aber doch so, um in die Ordnung hineinzufinden, die ihnen als absolute Ordnungen vorgegeben waren. Die gruppendynamischen Experimente wollen aber die Austauschbarkeit der Rollen. Nicht das Personprägende, das sich Einfinden in eine ein für allemal gültige Lebensordnung ist entscheidend, sondern das Gegenteil soll bewirkt werden: Die totale Austauschbarkeit von Funktionen nicht nur im Spiel, sondern immer wieder, so oft und so viel es die Gruppe will.

In diesem Zusammenhang ist von der »Reziprozität der Rollen«, die Rede. Dieser Ausdruck meint, daß Gruppenerwartung und Rolle einander entsprechen müssen. Der einzelne verantwortet sich der Gruppe, sie überträgt ihm die immer neuen, jeweils nur «vorläufigen», immer wieder auszuwechselnden Verhaltensweisen. Dadurch bleibt ausgeschlossen, daß sich Individualität bildet. Die Identität des einzelnen mit sich selbst soll es nicht geben, sondern nur die Identität des einzelnen mit der Gruppe. Du bist nichts, die Gruppe (das Kollektiv) ist alles.

4. Herkömmliche Autorität soll zerstört werden – die neue Autorität ist die Gruppe oder das Kollektiv. Das Kollektiv setzt Ethos aus sich. Das Ethos entsteht erst durch die Diskussion in der Gruppe. Voraussetzung für diese Diskussion ist der herrschaftsfreie Raum. Diskutieren darf nur, der nicht unter einem »herrschaftslegitimierenden Weltbild», steht. Ein herrschaftslegitimierendes Weltbild hat aber nach Meinung der Sozialrevolutionäre der christliche Glaube. Wer Gott als den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde bekennt, steht unter einem herrschaftslegitimierenden Weltbild, muß also außerhalb des Diskurs der Gruppe bleiben, die Ethos »macht«. Natürlich sind keinerlei ethische Maßstäbe erlaubt – wer an diesem Diskurs teilnimmt, darf »nichts mitbringen«. Herkömmliches Ethos muß an der Tür abgegeben werden, denn die Kriterien in der Unterscheidung zwischen Gut (gleich gesellschaftlich adäquat) und Böse (gleich gesellschaftsfeindlich) werden ja erst im Prozeß der Diskussion entfaltet. Es geht in diesem Diskurs der herrschaftsfreien Gruppe nicht um »die Idee der Wahrheit«, das wäre ja wieder Herrschaftsstruktur, sondern um den »Konsensus« (man spricht deswegen von einer Konsensusethik der kritischen Theorie) der Gruppe.
Der Konsensus ist die Einigung einer Gruppe durch Diskussion darüber, welche Verhaltensregeln für das Zusammenleben jeweils für eine bestimmte Zeit aufgestellt werden sollen. Denn auch die Gruppe kommt zu keinem endgültigen, sondern immer nur zu einem vorläufigen Ergebnis durch den jeweiligen Konsensus. Der Diskurs ist unendlich, er setzt immer wieder einen neuen Konsensus, der immer wieder in Frage gestellt wird und den immer wieder neuen Diskurs fordert. Die unendliche Diskussion in der Gruppe ist also der neue Gott, der neue Gebote gibt, der immer wieder andere Gott, der immer wieder andere Gebote setzt.

5. Das Absolute (wie in der Bibel offenbart) darf es also nicht geben – alles ist in einem stetigen Fluß. Aus biblischer Sicht ist das ein Rückfall in das Heidentum. Wechselhafte Schicksale und der Natur unterworfene Götter, die nach Paulus (1. Kor. 10) Nichtse im Sinne aggressiver Dämonen sind, die zerstören wollen was ist, kehren zurück! Die kritische Theorie verneint den Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, der unwandelbar ist, den Felsen Israels, der dem, was nicht ist, ruft, daß es sei. Durch die Strategie des «Konfliktes» und der »Hinterfragung« wird der Anspruch des Absoluten destruiert. Vor allem wird die Konfliktstrategie und Hinterfragung gegen ein sich absolut verstehendes Ordnungsethos eingesetzt. Durch die Hinterfragung soll herauskommen, daß alle absoluten Werte und Ordnungen durch Herrschaftswillen und Lustverdrängungen motiviert sind: Ehe und Familie sind motiviert durch den Machtwillen des Vaters, der Glaube an den gnädigen Gott im Zusammenhang mit Sündenbewußtsein ist motiviert durch den Ödipuskomplex.

Die Strategie der Hinterfragung darf nicht als eine Interview-Technik verkannt werden (die es übrigens auch gibt und die häufig genug – geschickt angewandt – politische und religiöse Positionen auf hintergründige Emotionen reduzieren will), sie ist die Art und Weise einer Darstellung von Überzeugungen in Massenmedien und Schulbüchern, durch die Werte wie Gott, Staat, Glaube, Familie, Kirche, Scham und alle Gebote in Frage gestellt werden dadurch, daß eben diese Werte (übrigens hier analog dem Marxismus) als jeweiliger Überbau gesellschaftlicher Verhältnisse, die grundsätzlich überholbar sein müssen, madig gemacht werden.

6. Die Konfliktstrategie ist das andere, ebenfalls strategische Element der Zerstörung herkömmlicher, biblisch bezeugter Ordnung. Die – nach der Meinung der kritischen Theorie  – durch herrschaftslegitimierende, repressive Weltbilder entstandenen Lebensordnungen wie Ehe, Familie, eigentumgorientierte Wirtschaft müssen in ihrem Konflikt mit dem eigentlichen, lustbetonten, sich nach Gruppengeborgenheit sehnenden Bedürfnissen aufgezeigt werden. Arbeitswelt, Ehe, Familie, Geschichte usw., also alle herkömrnlichen Werte und Ordnungen werden nur im Konflikt dargestellt. Die Welt überhaupt ist kaputt und muß als kaputte Welt vorgestellt werden. Es gibt keine glückliche Ehe, sondern nur die kaputte Ehe; es gibt keine Geborgenheit in der Familie, sondern es gibt nur Unterdrückung in der Familie, die unter dem Herrschaftswillen des Vaters dahinsiecht.

Der Massenmedienkonsument sieht also nur noch eine ruinierte, im zerstörerischen Konflikt aller Ordnungen sich dahinschleppende Umwelt. Der Konflikt soll die Ordnungen aber eben nicht als gestörte Ordnungen heilen, sondern als unmögliche Herrschaftsstrukturen verneinen. Abgesehen von dieser Konfliktstrategie als Darstellung in der Massenmedienpolitik werden Konflikte real in die Gesellschaft hineingetragen. Auch hier waltet die Leninsche Erkenntnis, daß der dialektische Widerspruch in einer Gesellschaft um jeden Preis in einen revolutionären Prozeß eingehen muß. Konflikte lösen einen dialektischen Prozeß aus, durch den bestehende Lebensordnungen kaputt gemacht werden.

Kleine Anlässe alltäglicher und zunächst völlig unkomplizierter Art werden zum Konflikt aufgebaut, wie der Streit um ein Schauspiel  oder Jugendhaus, um leerstehende Wohnungen, um Protest gegen einen politisch unbeliebten Redner. Der Konflikt schafft revolutionäres Bewußtsein, das zur Aktion gegen bestehende Autorität motivieren soll. Hinterfragung und Konflikt sind für die junge Generation schon so sehr zu einem Bestandteil ihres Lebensstiles geworden – sie sind bereits so sehr indoktriniert – daß sie gar nicht hören oder sehen können, ohne das Gehörte und Gesehene zu unterfragen und als Konflikt zu erleben. Der Konflikt wird schließlich in jede Lebenssituation hineinprojiziert. Selbstzerstörung als Klassenkampf in allen Bereichen unserer Gesellschaft ist in voller Entfaltung ohne daß die Strategie dieser Zerstörung in ihrer heimlich unheimlichen Untergründigkeit eingesehen und erkannt wird.

 

Ohne Gebieter kein Gebot

Wer heute als Funktionär Gesellschaft repräsentiert, eben Wirtschaft, Schule und Medien funktionieren läßt, hat keine Grundsätze und darf sie nicht haben, denn »Anpassung« und nicht »überzeugt sein«, lautet die Forderung der Gruppe. Nicht Charakter, sondern Charakterlosigkeit ist gefragt. Persönlichkeit kann eine Gruppe nicht ertragen, an die Stelle der Persönlichkeit tritt der Funktionär. Der »Funktionär« ist die passende und damit klassische Bezeichnung für die Wirklichkeit der gegenwärtig Herrschenden, weil sie ja Personalität aufgegeben haben und sich gern »verflüssigen« lassen, um sich ganz und gar der Gruppe einzufügen. Diese verflüssigten, damit austauschbaren und zu verfunktionierenden Gestalten sind die Herren unserer Zeit. Ohne die Gruppe, ohne Partei, Elternrat, Betriebsrat, Gewerkschaft – also ohne Verpolitisierung aller Lebensbereiche wären sie sinn  und arbeitslos. Sie sind pausenlos tätig – aber völlig unschöpferisch. Ihr Feind ist das Feste, Grundsätzliche und Unwandelbare. Sie betreiben den Weg des Uferlosen im Kollektivieren. Sie sind perfekt – und das ist ihr Sinn und Wert – im Herstellen des Konsensus einer Gruppe. Ihre Gabe, die sie so mächtig macht, ist ihre Fähigkeit, zu sensibilisieren, was die Gruppe will.

Das setzt totale Anpassungsfähigkeit mit der Bereitschaft, charakterlos zu agieren, voraus. Ihre totale, charakterlose und Werte abschwörende, in jedem Fall auch gewissenlose Anpassungsfähigkeit um jeden Preis, ihre Hingabe an jede Situation und jedes Verlangen der Gruppe kann als Kastration oder Prostitution der Personalität vom biblischen Personverständnis her beurteilt werden. Sie sind nie ansprechbar oder in Verantwortung zu nehmen, sie sind immer durch die Gruppe, mit der sie sich identifizieren, gedeckt. Sie selbst bleiben anonym und damit für Verantwortung unfaßbar. Das «Regime der Manager», in einem der großen, fast prophetischen Analysen unserer Zeit von J. Burnham 1948 vorausgesagt (»Das Regime der Manager«, 1948), strebt in lautloser Revolution seiner Totalität entgegen. Diese Revolution des Kollektivismus ist eine brutale Herausforderung des biblischen Personalismus. Person kommt von personare: durchrufen! Personsein lebt vom Anruf Gottes, von diesem einen, klaren Ruf, der nicht aus uns, sondern über uns kommt: »Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott!« Person ist frei,-  weil Gott frei ist, ist alles erlaubt, nur der Wille Gottes regiert. Die Person ist nicht der Gruppe, der Natur, den Schicksalsmächten, den Göttern, den Halbgötter Diktatoren unterworfen. Der von Gott Angerufene ist nur ihm, seinem Gebot, seinem Anruf gegenüber verantwortlich.

Bernard Henry Levy (Das Testament Gottes. Der Mensch im Kampf gegen Gewalt und Ideologie) beschreibt den Einbruch dieses Rufes in die Welt des Heidentums durch die urchristliche Mission wie folgt:

»Massen von Gläubigen hatten plötzlich die alte Kreisbahn verlassen und stimmten nun den Siegesgesang einer von ihrer ontologischen und uralten Versklavung entbundenen Menschheit an. Auf einmal entsteht eine Welt voller heldenhafter Freiheiten, die die Kunde von der glorreichen und strahlenden Prophezeiung von einem Ende der Welt zum anderen verbreitet. Wenn Gott existiert, ist alles erlaubt, und so vor allem sich als Wesen aus Fleisch und Elend, doch auch mit dem Schmuck einer Geistigkeit, in den Mittelpunkt des Universums und seiner Gesetze zu setzen.
Die Fresken der Katakomben haben uns die Erinnerung an diese großen erstaunlichen Figuren bewahrt, die damals mit vor Entzückung geweiteten Augen aus den Tiefen der heidnischen Finsternis auftauchten.«

Heidentum bedeutet Unfreiheit, Diktatur des unwiderstehlichen und unbegreiflichen Schicksals, heißt unterworfen sein dem Kreislauf der Mächte der Natur, Verfallenheit an Todesmächte, Diktatur der Pharaonen und Cäsaren, die sich als Halbgötter nur auf sich berufen und verantwortungslos ihrer Willkür leben.

Das nachchristliche Heidentum will in diese anonyme, grauenhaftwillkürliche, gottverlassene Sklaverei zurückführen.

Nur biblische Offenbarung kann das Ungeheuerliche dieser in unserer Mitte aufsteigenden neuheidnischen Kollektivmenschheit aussagen. In der Offenbarung des Johannes (Kap. 13, Verse 1 5) heißt es:

»Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufkommen, das zehn Hörner und sieben Köpfe hatte und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen gotteslästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war ähnlich einem Panther und seine Füße waren wie die eines Bären und sein Rachen wie der Rachen eines Löwen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. Und ich sah einen seiner Köpfe wie zum Tode getroffen, und seine Todeswunde wurde geheilt. Und die ganze Erde sah staunend dem Tier nach, und sie betete den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gegeben hatte und beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich, und wer vermag mit ihm Krieg zu führen?«

Ohne auf die einzelnen Aussagen dieses Gesichtes einzugehen, erkennen wir in diesem Ungeheuer, das alle grausamen Züge der vier Tiere der Vision Daniels (Daniel 7) in sich vereinigt, das wiedererstarkende, ins Ungeheuerliche sich steigernde nachchristliche Heidentum – eben das Tier, das (wie es in Offenb. 17, 8 beschrieben wird) »war und nicht ist und da sein wird».

Das Tier kommt aus der Tiefe. Aus dem Völkermeer steigt es langsam auf, es ist der sich allmählich zum Antichristentum steigernde Aufbruch des Kollektivs. Diese Macht wird von Paulus (2. Thess. 2, 3ff.) als »Sohn des Verderbens», gesehen, »der sich widersetzt und erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum genannt wird, so daß er sich im Tempel Gottes setzt, in dem er von sich vorgibt, er sei Gott».

Tempel ist in der Redeweise des Apostels zumeist die Gemeinde Christi, so daß wir in einem vertiefenden und erweiterten Sinne erfahren, daß die Macht des Bösen auch in der Gemeinde Christi aufsteht – es geht um den Krieg mit den Heiligen! Über den Widerchristen schreibt der Apostel Johannes »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie gehören nicht zu uns« (1. Joh. 2,19).

In diesen Aussagebereichen ist die gegenwärtige Moralrevolution in ihren zwei Wesenselementen angesprochen worden. Die sich absolut setzende Kollektivierung menschlicher Verhaltensweisen nach den zwingenden Regeln des Kollektivs und dann der schamlos lästernde Atheismus.

Der Tempel, die Gemeinde Gottes, wird umfunktioniert zum Kollektiv. Eine interpretierende Theologie wird Namen wie Gott, Christus und Heil stehen lassen – aber Gott ist dann jeweils – wie Paul Tillich es schon formulierte – in der Tiefe, Christus wird »Symbol« einer von der Herrschaftsstruktur befreiten Gesellschaft, seine Erlösung wird zum Klassenkampf und das Heil findet sich in der anonymen Geborgenheit des Kollektivs.

Das »Widersetzen«, und »Erheben« über alles – womit Paulus antichristliche Macht charakterisiert – stellt Ehrfurchtslosigkeit, Schamlosigkeit und Gewissenlosigkeit dar. Wenn sogenannte Verhaltensnormen im Diskurs erarbeitet werden, ist das Gewissen ein Feind dieses Trainings. Das Gewissen setzt allerdings nicht – wie der alte, bürgerliche Liberalismus meinte – Werte aus sich selbst, das Gewissen ist auch nicht eine Fundgrube für Werte in den Untergeschossen des menschlichen Herzens, sondern das Gewissen im Sinne der Bibel als Syneidesis ist ein Mitwissen mit dem Willen Gottes, durch Anhören des Wortes Gottes.

Gewissen ist Bund mit Gott unter dem Wort (1.Petr. 2, 21), Gewissen meldet den Ruf Gottes und läßt uns so seinen Willen erkennen. Nicht durch Diskurs, sondern durch Erkenntnis des Gotteswillens unter dem Wort und die Erfahrung dieses Willens Gottes im Gewissen wird Ethos, das Gott geboten hat, gelebt. In diesem Gewissen erfährt der Gläubige die unmittelbare Verantwortung vor Gott ohne menschliche Zwischengebote.

Im Gewissen wird das Wort und Gebot der Schrift zur persönlichen Aneignung. Hier empfangen wir die Gewissheit unseres Handelns, nicht in äußerer Befolgung toter Werke, nicht als äußere Gesetzlichkeit, sondern (Hebr. 9,14) »unser Gewissen reinigt von den toten Werken«! Und im Glauben haben wir ein »gutes Gewissen,« (1.Tim. 1, 19), weil das Vertrauen in die Versöhnung Christi die Befreiung von Schuld gibt. Schuld wird nicht wegerklärt oder verdrängt, sondern sie wird bekannt und vergeben. Vergebung bedeutet doch nicht so tun, »als ob nichts geschehen wäre« und als ob ein Gruppenbruder Jesu alles versteht und verzeiht! Versöhnung ist Versöhnung durch Christus – nicht die Wegerklärung des Bösen, sondern das Wegleiden am Kreuz. Die moderne Theologie, die den Versöhnungstod am Kreuz als Ausdruck zeitgebundener Opfervorstellungen relativiert und damit weginterpretiert, leugnet entweder die Gnade oder sie verneint die absolute und unbedingte Scheidung zwischen Gut und Böse, sie ist entweder gnaden- oder sittenlos.

Die Schuld vor aller anderen Schuld und das Unheil vor allem anderen Unheil ist, das Böse gut zu nennen: »Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis machen, die bitter zu süß und süß zu bitter machen» (Jes. 5, 20).   Adams Sünde war, daß er «erkennen», im hebräischen Sprachsinne bestimmen wollte, was gut oder böse ist. Menschliche Selbstsetzung des Ethos ist Ursünde gegen Gott. Ethos kann weder rational noch emotional gesetzt und begründet werden. Ethos ist unbegründbares Gebot Gottes, das nur im Gehorsam gelebt werden kann. Gebot und Glauben an den Gebieter sind untrennbar.

Die Scheidung zwischen Gut und Böse ist nicht Tun des Menschen, sondern Wort Gottes. »Der Weg Gottes zum Menschen, ein rohes Zerreißen des Himmels …«  »…von oben, aus der Mitte der Blitze, im dichten Gewölk kommt Jahweh im Exodus zu einem unbeweglichen, an die Grenzen der Berge gebundenen Volk.« (Levy a. a. O. 294.)

Der Gebieter gebietet. Er gebietet durch das Gesetz, dieses Gesetz ist der Bund mit denen, die es in ihrem Gewissen wahrnehmen. Bund schließen meint im hebräischen Sprachsinn auch »Bund brechen« in dem Sinne, daß, wer den Bund mit Gott eingeht, den Bund mit den Göttern bricht, »es ist der Bund über andere Bünde, eine zweite Arche, die an den Bögen festmacht, mit denen die Menschen spontan ihr höheres Dasein sichern» (Levy a. a. O. 296).

Es gibt keine Perspektive zum Nächsten ohne die Perspektive zum Himmel. Im biblischen Bund wird der Nächste nicht geliebt, weil er liebenswert und sympathisch ist, sondern weil Gott es gebietet, und Gott gebietet es, weil er den Menschen geschaffen hat. Nicht aneinander halten wir uns fest, sondern die Arche unseres Menschseins ist am Felsen Gottes festgebunden – dieser Bund rettet unser Leben. Durch Gottes Gebot ist »die Wahrheit nun einmal in zwei geteilt: Und nicht mehr zwischen rechts und links, der Rechten der Mörder und der Linken der Opfer zu unterscheiden, ist in diesem Sinne das größte Verbrechen der Ethik» (Levy a. a. O. 302). – Dieses Verbrechen gegen die Ethik begeht gegenwärtige Moralrevolution.

 

Was ist zu erwarten, was soll geschehen?

Der Sohn des Verderbens, der sich »erhebt über alles, was Gott und Heiligtum genannt wird« (2. Thess. 2) und das Tier aus dem Meer (Offenb. 13) sind endzeitliche Gestalten. Der Antichrist war immer, und das Tier gottverlorener heidnischer Macht war auch schon immer.

Aber die Entfaltung zur totalitären Macht wird erst in der Endzeit, vor der zweiten Ankunft Christi auf dieser Erde geschehen. Die Bibel kennt keinen ethischen Evolutionismus in dem Sinne, daß es ein sittliches Fortschreiten der Menschheit zu herrlichen Höhen der Vollkommenheit gäbe. Die moderne, erst in diesem Jahrhundert zur Entfaltung gekommene Verhaltensforschung, die an die Stelle des Ethos das gesellschaftlich zu regulierende wertneutrale Verhalten gesetzt hat, geht aber von diesem Evolutionskonzept aus: Eine fortschreitende, Staat, Wirtschaft, Familie und Schule integrierende Gesellschaft wird sich dem vollkommenen Zustand, eben einem alles integrierenden spannungslosen Kollektiv nähern. Nicht zuletzt auch aus diesem Optimismus versteht sich der Elan gegenwärtiger Moralrevolution.

Für die Bibel wird in endzeitlicher Geschichte keine Vollkommnung, sondern ein Zerfall des Ethos zu erwarten sein. Die Qualität der Auflösung biblischer Norm schlägt dann um in die Quantitäten aggressiver Feindlichkeit gegen das biblische Ethos und gegen christlichen Glauben überhaupt. Wenn keine tiefgreifende Umkehr zur biblischen Offenbarung geschieht, dann deuten alle Zeichen gegenwärtiger Moralrevolution darauf hin, daß wir in diese von der biblischen Prophetie verkündigten Phase der Endzeit bereits eingetreten sind. In der unter dem biblischen Wort lebenden christlichen Gemeinde wächst das Bewußtsein für diese endzeitliche Phase auf dem Wege des Gottesvolkes.

Diese Erkenntnis aber darf nicht zu einem quasi eschatologischen Pessimismus führen: Weil die Schatten der Endzeit auf unsere Gegenwart fallen, hätten wir nur noch still zu halten. Resignation in diesem Sinne ist unbiblisch, ganz und gar gegen das Vertrauen in Gottes Macht und gegen die Hoffnung, die nach der Aussage des Apostels eben nicht zuschanden wird. Resignation heißt mangelnde Zuversicht, ist Zeichen der Glaubenskrise.

Biblische Verkündigung braucht nicht die Bestätigung der Gesellschaft, um sich als »gesellschaftlich relevant« auszuweisen. Das Zeugnis der Bibel kann auch aus der Einsamkeit in die Welt tauber Ohren gesprochen werden.

Zu dem Propheten Ezechiel wurde gesagt:

»Zu den Kindern mit frechem Antlitz und verstockten Herzen will ich dich senden, und du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr! Mögen sie dann hören, oder mögen sie es lassen – denn sie sind ein widerspenstiges Geschlecht – sie sollen erkennen, daß ein Prophet unter ihnen aufgetreten ist. Du aber Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihnen und erschrick nicht vor ihren Worten, wenn Disteln und Dornen um dich sind und du unter Skorpionen wohnst. Fürchte dich nicht vor ihren Worten und erschrick nicht vor ihrem Angesicht; denn sie sind ein widerspenstiges Geschlecht. Rede zu ihnen meine Worte, mögen sie nun hören oder mögen sie es lassen… (Ezechiel 2, 4 7.)

Gering unter Christen ist heute die Bereitschaft, die Herausforderung der Moralrevolution überhaupt zu sehen, noch geringer ist der Wille, auf die Herausforderung zu antworten! Auch sich selbst als gläubig verstehende Gemeinden beschreiten einen Rückzug aus den Problemen der Welt, der im Egoismus eines Religionskonsums seine erste und in der Feigheit zum Zeugnis seine zweite Ursache hat. Verkündigung und Kampf mit der Macht des Bösen sind einander zugeordnet. Wir können den Versuchten, Verlorenen und Angefochtenen nicht helfen, wenn wir ihre Herausforderung, mit der sie täglich in der uns umgebenden Welt indoktriniert und konfrontiert werden, nicht auch zu unserer Herausforderung machen.

«Das Wort ward Fleisch«, sagt der Prolog im Johannesevangelium und meint, daß Christus in die Herausforderung dieser Welt und damit auch in die Feindschaft dieser Welt eingegangen ist. Christus hat unsere Feindschaft gegen Gott durchlitten. Verkündigung in der Nachfolge Christi wird aber für die Gemeinde bedeuten, daß sie auch in die Herausforderung unserer Zeit – eben in das Fleisch eingeht, sie durchleidet und die biblische Antwort, eben das Licht in der Finsternis, das Heil in der Heillosigkeit  l e b t.

Evangelisation, die auf diese Weise die Herausforderung der Moralrevolution als ein zerstörendes, lebens  und menschenfeindliches Element gegenwärtigen Gotteshasses aufgreift, nenne ich Konfrontationsevangelisation. Sie ist für die Gemeinde Christi eine bis heute kaum oder gar nicht angenommene Aufgabe, aber ein Gebot der Stunde, weil wir der Welt das Evangelium schuldig sind.

Dabei müssen wir erkennen:

Die Moralrevolution macht deutlich, daß der Kampf zwischen Glaube und Unglaube der Kernprozeß hinter allen offenbaren und nicht offenbaren Umwälzungen gegenwärtiger Gesellschaftsveränderung ist. In diesem Prozeß gibt es keine Neutralität, sondern nur die Unterscheidung zwischen Gott und Göttern, Leben und Tod, Heil und Unheil, Christus und den Dämonen.

Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Dezember 2007

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