Rick Warren

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Leben mit Vision…?

 

Warum wir Rick Warrens Bestseller ernstnehmen müssen

Wilfried Plock, Hünfeld

1. Wir müssen dieses Buch wegen seines außergewöhnlichen Erfolgs ernst nehmen

»Leben mit Vision«  war ein Bestseller, bevor es erschien. Als noch keine Seite gedruckt war, lagen 500.000 Vorbestellungen vor. Versehen mit Empfehlungen von den höchsten evangelikalen Autoritäten Amerikas (Billy Graham, Bruce Wilkinson, Max Lucado etc.) erklomm es im Handumdrehen die Hitlisten der Verlage. Geschrieben wurde der Verkaufsschlager von dem Baptistenpastor Rick Warren, der im Jahre 1980 die Saddleback-Gemeinde gründete. Saddleback gilt zusammen mit Willow Creek (Bill Hybels) als eine der am schnellsten wachsenden Gemeinden Nordamerikas.
Die hohe Auflage von Warrens Megabestseller kommt u. a. dadurch zustande, dass ganze Gemeinden das Buch in Kleingruppen lesen – manche Christen benutzen ihn sogar statt der Bibel in ihrer Stillen Zeit. Im deutschen Sprachraum wurden bereits weit über 100.000 Exemplare verkauft und weltweit mehr 30 Millionen (Stand: Februar 2006). In den ersten zwei Jahren nach Erscheinen gingen 11 Millionen Stück über die Ladentische, im Schnitt mehr als 15.000 pro Tag. Das sind fast unglaubliche Zahlen. Selbst auf Flughäfen und in der Supermarktkette Walmart ging »Leben mit Vision« palettenweise ins Land. Es wurde damit zu dem am schnellsten verbreiteten Buch mit nicht-fiktivem Inhalt der Geschichte. Dazu leistete sicherlich auch der leichte, gut verständliche Schreibstil seinen Beitrag. »Leben mit Vision« ist nicht nur ein Buch – in manchen Teilen der Welt ist es zu einer Bewegung geworden.

Es wäre nun allerdings viel zu kurz gegriffen, wenn wir die Erfolgsstory dieser Publikation allein seiner brillanten Vermarktungsstrategie zuschreiben würden. Vielmehr trifft »Leben mit Vision« auf eine Gesellschaft, die keine letzte Antwort auf die Sinnfrage des Menschen hat. Jean-Paul Satre, Ernest Hemingway und andere Existenzialisten des 20. Jahrhunderts lehrten vollmundig, dass es keinen universalen Sinn geben könne. Stattdessen müsse jeder Mensch selbst seinem Leben Sinn geben. Der Materialismus ließ und lässt ebenfalls eine innere Leere zurück. Ein schickes Auto, ein schönes Haus und mehrmalige Urlaubsreisen pro Jahr erfüllen das Herz nicht wirklich. Aufrichtige Zeitgenossen erkennen das und suchen nach Sinn.
In dieses geistig-geistliche Vakuum stößt nun »Leben mit Vision«. Da kommt endlich einer und gibt seinen Lesern ein Lebenskonzept. Dass es christlich ist, erregt in den USA weniger Anstoß als bei uns. Wenn der Autor dann noch selbst in seiner Biographie den amerikanischen Traum verkörpert – vom Tellerwäscher zum Millionär oder von Null zur Megakirche – dann ist Erfolg vorprogrammiert. So hat Rick Warren ein Buch vorgelegt, das mit einer Mischung aus wenig Theologie und jeder Menge praktischer Lebenshilfe das Lebensgefühl des postmodernen Menschen trifft. Wir tun gut daran, den Erfolg seines Buches in dieser weiten Perspektive zu sehen.

2. Wir müssen dieses Buch wegen seiner guten Aussagen ernst nehmen

Die Schwäche von »Leben mit Vision« besteht weniger in dem, was Rick Warren sagt, als mehr in dem, was er nicht sagt. Und er sagt unzweifelhaft viel Gutes und Wahres. Wir müssen in unserer Beurteilung fair bleiben.
»Leben mit Vision« beschreibt eine 40tägige Reise, um den Sinn des Lebens zu entdecken. Der Leser wird vom Autor aufgefordert, sich jeden Tag ein Kapitel des Buches vorzunehmen und dabei Antwort auf die alles überragende Frage zu finden: »Wozu lebe ich?« Die ersten sieben Kapitel dienen quasi als Hinführung. Vom 8. Tag an gibt Warren dann fünf große Antworten auf die Sinnfrage des Menschen. Auf S. 301-302 finden wir eine gute Zusammenfassung seiner Aussagen:
– »Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen«: Sie wurden zu Gottes Freude geschaffen, deshalb ist es ihr Lebensziel, Gott durch Anbetung zu lieben.
– »Liebe deinen nächsten wie dich selbst«: Sie wurden für den Dienst geschaffen, deshalb ist es Ihr Lebensziel, Liebe für andere durch Ihren Dienst an Ihnen zu zeigen.
– »Geht hin und macht zu Jüngern«: Sie wurden für einen Auftrag geschaffen, deshalb ist es Ihr Lebensziel, Gottes Botschaft durch Evangelisation weiterzugeben.
– »Tauft sie auf den Namen…«: Sie wurden als Teil von Gottes Familie geschaffen, deshalb ist es ihr Lebensziel, sich mit der Gemeinde durch Gemeinschaft zu identifizieren.
– »Lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe…«: Sie wurden erschaffen, um wie Jesus zu werden, deshalb ist es Ihr Lebensziel, durch Nachfolge geistlich zu reifen.
Auch der sorgfältigste Leser wird mit Warren in vielem übereinstimmen können. Wir greifen ein paar Beispiele heraus. Der 24. Tag trägt die Überschrift »Verändert durch Wahrheit«. Der Autor beschreibt dort in feiner Weise die Wirkkraft des Wortes Gottes: »Die Bibel ist viel mehr als ein Handbuch für Dogmen. Gottes Wort schafft Leben, weckt den Glauben, ruft Veränderung hervor, bringt Freude, überwindet widrige Umstände, erschreckt den Teufel, wirkt Wunder, heilt Verletzungen, bildet den Charakter, verändert Umstände, gibt Hoffnung, setzt Kräfte frei, besiegt Versuchungen, reinigt unsere Gedanken, lässt Dinge entstehen und bringt uns ewiges Leben.« 
Gut ist auch, dass Warren der Bibel die höchste Autorität zubilligt, »auch wenn Ihr Verstand oder Ihre Gefühle dagegen sprechen«.  Als Pastor der »Südlichen Baptisten« (Southern Baptists) bekennt er sich ohnehin zur Irrtumslosigkeit der Schrift. Über die Art und Weise, wie er sie interpretiert, werden wir unter 3. noch nachdenken müssen.
Rick Warren gibt mehr als 1200 Bibelverse wieder und befürwortet gründliches systematisches Bibelstudium: »Die Bibel ist dafür gedacht, Versweise, Kapitelweise und Bücherweise studiert zu werden«.  Leider müssen wir hier einschränkend erwähnen, dass viele dieser Zitate aus den freien Bibel-Übertragungen »Hoffnung für alle« und »Gute Nachricht« stammen und dass Warren fast immer ohne jegliche Exegese und Berücksichtigung des Kontexts zitiert.
Auch die Teile 3-5 des Buches enthalten ausgezeichnete Kapitel, über sich jeder aufrichtige Christ nur von Herzen freuen kann. Was Warren zum Beispiel in Teil 3 über die Umgestaltung in das Bild Jesu schreibt, hätte genauso aus der Feder von William MacDonald oder John MacArthur kommen können. Wegen dieser wahren und hilfreichen Aussagen sollten wir »Leben mit Vision« unbedingt ernst nehmen.

3. Wir müssen dieses Buch als Anfrage an die Art unserer Evangeliumspräsentation ernst nehmen

Nun können und dürfen wir in diesem Aufsatz nicht verschweigen, dass »Leben mit Vision« eine problematische Seite hat, und wir werden beide Seiten am Ende auf die Schalenwaage legen. Da entsteht zuallererst die Frage: An welche Adresse ist dieses Buch eigentlich gerichtet?
Zunächst könnte man den Eindruck gewinnen: an Nichtchristen; der Autor konzipierte es, um Menschen für den Herrn zu gewinnen. Aber beim Weiterlesen fragt man sich allen Ernstes: wie konnten sich durch die Lektüre von »Leben mit Vision« Tausende bekehren? Oder ist »Leben mit Vision« doch an die Adresse von Christen gerichtet? Der Autor scheint diese Frage bewusst offen zu lassen. Das wäre jedoch weder redlich noch geistlich. Es entstünde ein »hermeneutischer Mischmasch«.
Die Darlegung des Evangeliums im ersten Teil des Buches ist ausgesprochen mager, oberflächlich und mangelhaft. Nur ein einziges Mal spricht Warren von der Verantwortung vor Gott. Zwei oder dreimal werden Himmel und Hölle erwähnt. Die Sündhaftigkeit und völlige Verderbnis des Menschen wird ebenfalls unzulänglich ausgeführt. Rick Warren setzt beim »Kunden« an, und der Kunde mag keine schlechten Nachrichten. In seinem früheren Bestseller »Kirche mit Vision«  schreibt er: »Es gibt genügend schlechte Nachrichten auf der Welt, deshalb sind das Letzte, was die Menschen hören müssen, wenn sie in die Gemeinde kommen, noch mehr schlechte Nachrichten«.
An dieser entscheidenden Stelle des Buches, an der die suchenden Leser zu Christus geführt werden sollen, erwarten wir eine klare Präsentation des Evangeliums und wir möchten auch schwarz auf weiß lesen, wie der Mensch in Buße und Glauben zu antworten hat. Doch zentrale biblische Begriffe wie »Heiligkeit Gottes« oder »Bekehrung« kommen überhaupt nicht vor! Und was noch schwerer wiegt: der Begriff und Vorgang der Umkehr fehlt völlig. Warren spricht lediglich vom »Glauben«. Gott hat aber vor die Erlangung des rettenden Glaubens die biblische Buße gesetzt (Mt 4,17; Mk 6,12; Lk 13,3.5; Apg 2,38; 17,30; 26,20 etc.). Den Grund für Jesu Sterben am Kreuz und die ewigen Konsequenzen der Sünde kann der nichtgläubige Leser ebenfalls nur erahnen. Darf man ein solches »Evangelium light« oder »Soft-Gospel« überhaupt noch Evangelium nennen?
Die absolute Schwachstelle des Buches finden wir auf S. 57. Warren versucht dort, den verlorenen Leser zur Errettung zu führen. Aber der einzige wirklich evangelistische Satz lautet: »Glauben Sie, dass Gott Sie für eine Beziehung zu seinem Sohn Jesus Christus geschaffen hat, der am Kreuz für Sie gestorben ist«. Schließlich wird der Leser einfach aufgefordert, das Gebet zu sprechen, das seine Ewigkeit verändern soll: »Jesus, ich glaube an dich und ich möchte, dass du Teil meines Lebens wirst«. Ein anderer Rezensent schreibt dazu: »Teil meines Lebens? Mehr nicht? Mein Arbeitskollege, mein Hund und mein Auto sind auch Teil meines Lebens«. 
Das Fatalste daran ist, dass der Autor den großen Rest seines Buches von der prekären Annahme ausgeht, dass der Leser nun bekehrt ist, obwohl Warren das Evangelium nur vage erklärt und keine Buße gefordert hat: »Wenn Sie dieses Gebet ernsthaft gesprochen haben, herzlichen Glückwunsch! Herzlich willkommen in der Familie Gottes«.
Es tut mir leid, aber so oberflächlich dürfen wir das Evangelium nicht präsentieren – weder in der Verkündigung, noch im persönlichen Gespräch. Wenn wir es doch tun, dann gibt es vielleicht (Schein)Bekehrungen durch ein Übergabegebet, aber nicht Bekehrungen durch die Kraft Gottes. Wir wissen wohl, dass der lebendige Gott souverän ist. Zum Glück kann er auch durch unvollkommene Predigten oder Bücher Menschen zu sich ziehen. Aber dass der Höchste auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, erlaubt uns nicht, bewusst solche krummen Zeilen zu fabrizieren.
Genau an dieser Stelle hat uns also der Boom um »Leben mit Vision« etwas Wichtiges zu sagen. Wir müssen der Versuchung widerstehen, die Botschaft vom Kreuz gesellschaftsfähig zu machen. Das rettende Evangelium muss in vollständiger, verständlicher und klarer Form verkündigt werden. Der Hörer oder Leser muss zunächst die Heiligkeit Gottes vor Augen gestellt bekommen. Der Gott der Bibel ist so heilig, dass sogar die Engel in seiner Gegenwart ihr Angesicht bedeckten (Jes 6,2). Der verlorene Mensch muss wissen, dass der Zorn Gottes über ihm steht (Röm 1,18ff). Vor diesem dunklen Hintergrund kann das Evangelium vom stellvertretenden Sühnetod Christ taghell aufstrahlen. Jetzt kann dem Sünder der gekreuzigte Christus vor Augen gemalt werden (Gal 3,1). Seelen, die in ihrem Gewissen erschrocken und in ihrem Innersten von Gottes Geist überführt sind, werden dann zu ihrem Erretter gezogen. Dem Suchenden muss überdies klar gesagt werden, was er zu tun hat: von seinem falschen Weg umkehren und an den Herrn und Heiland Jesus Christus glauben.

Die Art und Weise der Präsentation des Evangeliums hat weitreichende Auswirkungen. Die Fische wollen nämlich später mit der gleichen Nahrung gefüttert werden, mit der sie geködert wurden. Hier konstatieren wir eine weitere eklatante Schwäche von »Leben mit Vision«. Am Anfang des Buches verspricht der Schreiber seinen Lesern: »Diese neue Perspektive wird Ihnen helfen, Stress zu verringern, leichter Entscheidungen zu fällen, zufriedener zu leben, und sie wird Sie vor allem auf die Ewigkeit vorbereiten«.  Es ist beim besten Willen nicht vorstellbar, dass der Apostel Paulus seine Verkündigung mit solchen Schalmeien eingeleitet hätte. Schlimmer noch. Solche Versprechungen leiten den Leser von Anfang an auf ein falsches Gleis. Wie soll man jenen Leuten später beibringen, dass die Nachfolge Jesu Christi ungemein schwer, angefochten und entbehrungsreich sein kann? (Mt 16,24-26; Luk 14,25ff; Joh 15,18-22; Apg 14,22; 2Tim 2,3)
Rick Warren ist nicht fehlerfrei, und wir sind es auch nicht. Darum wollen wir die schwerwiegenden Defizite von »Leben mit Vision« als Anfrage an unsere eigene Darbietung des Evangeliums verstehen. An dieser Stelle ist absolute Ausrichtung an den biblischen Vorgaben gefordert. Das gilt sowohl für den Inhalt als auch für die Weitergabe der kostbaren Botschaft.

4. Wir müssen dieses Buch auch als Zeichen einer endzeitlichen Unterwanderung der Gemeinde ernst nehmen

»Leben mit Vision« erklomm mühelos die weltlichen Bücherhitlisten der »New York Times« und des »Wall Street Journal«. Das ist auf den ersten Blick erfreulich. Aber können wir uns vorstellen, dass ein Buch wie »Jesus unser Schicksal« von Wilhelm Busch an der Spitze der Bücherhitlisten von »Spiegel« oder »Focus« stehen würde? Niemals, völlig undenkbar. Darum halten wir dafür, dass an dieser Stelle die ganze Erosion unserer Zeit sichtbar wird. Ein fragwürdiges Buch wie »Leben mit Vision« hätte noch vor 20 Jahren niemals einen solchen Erfolg haben können. Amerika ist zwar nicht Deutschland, aber der Herr Jesus Christus warnte einmal seine Jünger: »Wehe, wenn alle Menschen wohl von euch reden …« (Lk 6,26). Das sollte uns ein wenig zu denken geben.

Man kann ein Buch nicht von seinem Autor trennen. Rick Warren ist neben Bill Hybels (Willow Creek) einer der Hauptvertreter der sogenannten »besucherfreundlichen Bewegung«, die wiederum einen Unterarm der weltweiten Gemeindewachstumsbewegung darstellt. Erstere setzt ganz gezielt Marketingtechniken und Wirtschaftsstrategien als Methoden des Gemeindebaus ein. Die Philosophie des Pragmatismus (Zweckmäßigkeitsdenken) bestimmt offen oder verdeckt die Vorgehensweise. Man verfolgt das Ziel, die Gottesdienste für die nichtgläubigen Besucher so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu werden oft Talks, Theater und Multimedia-Präsentationen eingesetzt. Inhaltlich geht dieser Trend oft auf Kosten der biblischen Klarheit. Solche Themen wie Sünde, Buße, Gottes Zorn und ewige Verdammnis werden kurz abgehandelt oder gar ganz weggelassen. Wir beobachten diese rasant zunehmende Unterwanderung der Gemeinden mit Psychologie, Entertainment und Managementtechniken mit großer Sorge. Es mag sein, dass sich die Verantwortlichen dieser Entwicklung gar nicht bewusst sind, wie stark Rick Warren von der »kundenorientierten Philosophie« geprägt ist.
Das Evangelium Jesu Christi darf jedoch nicht mit Marketingmethoden an den Mann gebracht werden. In einem Artikel des Magazins »Forbes«  beschreibt der Herausgeber »Kirche mit Vision«, den anderen Bestseller Warrens, »als das beste Buch über Unternehmertum, Geschäft und Kapitalanlage, das ich seit langem gelesen habe«.  Er fährt fort: »Was immer sie auch über <diesen Pastor> oder seinen Glauben denken, er hat da draußen ein klares Verbraucherbedürfnis erkannt«. Dann gibt er eine kurze Zusammenfassung des Buches, wobei er »Gemeinde« durch »Geschäft« ersetzt, um zu zeigen, dass die gleichen Managementprinzipien, die im Moment Megagemeinden erzeugen, ebenso in der Geschäftswelt funktionieren. Ironischerweise zitiert er mit Rick Warren einen Pastor, der sich seine Philosophie wiederum von erfolgreichen weltlichen Unternehmen ausgeliehen hat. Beide Seiten gehen von der Annahme aus, dass was immer in der Geschäftswelt funktioniert, automatisch auf die Gemeinde übertragbar sei, und umgekehrt.
Diese zunehmenden Einflüsse von Soziologie, Psychologie, Marketing und Wirtschaftsstrategien in den christlichen Gemeinden – von all dem ist auch »Leben mit Vision« nicht frei – deuten wir als ein echtes Zeichen der (End)Zeit.
Wir werden auch Rick Warrens weitere Entwicklung genau beobachten müssen. Am 17. April 2005 feierte er mit ca. 30.000 Freunden den 25. Geburtstag der Saddlback-Kirche. Bei dieser Gelegenheit verkündete er in einem Stadion in Los Angeles seine neuen Pläne: Der Baptistenpastor möchte bis 2020 eine Milliarde Mitarbeiter mobilisieren, um mit ihnen eine neue Weltreformation einzuleiten und die großen globalen Nöte wie Armut, Krankheit, geistliche Leere etc. zu bekämpfen. Warrens gute Motive in Ehren – aber auf welche Schriftaussagen gründet er eigentlich seine »bescheidenen« Pläne? Und welches Verständnis des »Reiches Gottes« liegt hier zu Grunde?

Schlussbewertung

Nathan Busenitz kommt in John MacArthurs Buch »Fool’s Gold?« (in Deutsch: »Es ist nicht alles Gold was glänzt«) zu folgender Einschätzung: »“Leben mit Vision“ ist nicht direkt Irrlehre. Tatsächlich stellt es viele biblische Konzepte auf den Leuchter, wie die Bedeutung von Anbetung, Gemeinschaft, geistlichem Wachstum, geistlichem Dienst und Evangelisation. Darum schätzen so viele dieses Buch. Gleichzeitig scheint aber sein Ansatz typisch für bestimmte zeitgenössische evangelikale Trends zu sein – leicht, wohlfühlend und verwässert. Unserer Meinung nach geht es mit der Schrift zu leichtfertig um, sein lehrmäßiger Rahmen ist zu oberflächlich, seine selbstgestrickten Versprechungen zu hochtrabend und seine Nähe zu anderen marktorientierten Produkten zu groß, um ignoriert zu werden.«
Diese Beurteilung ist völlig zutreffend. Nach den »Willow-Wellen« erreichen uns nun immer mehr die Ausläufer von Saddleback. Wir betrachten diese Entwicklung mit ernster Sorge und empfehlen daher die Bücher von Rick Warren weder Nichtchristen noch Gläubigen. Wenn überhaupt, dann müssen sie mit großer Vorsicht und mit dem Geist der Unterscheidung gelesen werden. Nach unserem Dafürhalten sollte »Leben mit Vision« schon gar nicht in Gruppen oder ganzen Gemeinden eingesetzt werden. Die Risiken und Nebenwirkungen sind einfach viel zu stark.
Das Verwunderliche – eigentlich der Skandal – an »Leben mit Vision« ist nicht sein Inhalt, auch nicht seine astronomische Auflagenhöhe, sondern die durchblickslose uneingeschränkte Aufnahme des Buches in den christlichen Gemeinden, ja sogar bei namhaften, uns nahestehenden evangelikalen Leitern. Ist diesen Brüdern nicht bewusst, welche Türen sie da öffnen? Können sie das in ihrem Dienst als Hirten wirklich verantworten?
General William Booth, der Gründer der Heilsarmee, sagte einmal: »Die größte Gefahr des 20. Jahrhunderts wird eine Religion ohne den Heiligen Geist, ein Christentum ohne Christus, eine Vergebung ohne Buße, ein Heil ohne Wiedergeburt und ein Himmel ohne Hölle sein«. Wir fürchten, dass »Leben mit Vision« seinen Teil dazu beitragen wird. Möge uns Gott, der HERR, gnädig ansehen und wieder neu den Geist der Unterscheidung schenken.

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