Politische Prophetie (Huntemann)

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Politische Prophetie der planetarischen Revolution der Wendezeit

Prof. Dr. Dr. G. Huntemann

– Vortrag  im Rahmen des Jubiläum-Kongresses >20 Jahre F.E.T.A. Basel< im Stadt Casino Basel, am 6. 10. 1990 –

 

Die an der F.E.T.A. Basel gelehrte Ethik ist

1. eine Offenbarungsethik. Das heißt, wir stellen uns in der Unterscheidung zwischen Gut und Böse unter das unfehlbare Wort Gottes.
2. eine Ordnungsethik. Die Gebote beinhalten Ordnungen. Diese gelten nicht nur für die Christen, sondern für alle Völker auf diesem Planeten. Es sind Ordnungen Gottes.
3. eine Verantwortungsethik. Die Gebote sind vom Gebieter und dürfen von ihm nicht gelöst werden. Wir stehen in der Verantwortung gegenüber lebendigen Gott. Deswegen sind wir auch nicht «gesetzlich».

Ethik in diesem Sinne zu lehren ist heute ganz und gar außergewöhnlich. Offenbarungsethik, Ordnungsethik und Verantwortungsethik haben wir an den offiziellen theologischen Fakultäten nicht mehr. Eine solche Ethik steht darum in der Konfrontation mit der zeitgenössischen modernen Theologie, die dieses biblische Ethos relativiert, es der Situation, der jeweiligen Lage, den jeweiligen Umständen anpassen will und die sich um einen Konsens mit der gesellschaftlichen Entwicklung bemüht. Sie ist also gleichzeitig Situations- und Konsensus Ethik. Wer sich heute   sei es in der Rede oder in Schriften – als Ordnungsethiker darstellt, der gerät in Konfrontation   nicht nur mit dem Zeitgeist, sondern auch mit der heterodoxen Ethik einer ebenso heterodoxen (andersgläubigen) protestantischen Theologie. Dabei ist das biblische Ethos in sich die lebenserhaltende Aufgabe, damit wir auf diesem Planeten überleben können. Die Möglichkeit menschlichen Überlebens auf diesem bald übervölkerte¬n Planeten hängt davon ab, daß diese Generation anerkennt: Es gibt eine absolute unantastbare, für alle Zeiten unveränderliche, den Menschen offenbar gewordene Gerechtigkeit Gottes, der sich alle Völker zu allen Zeiten unterwerfen müssen.

Nach der biblischen Überlieferung ist es die Gestalt des Noah, die die Sintflut, die erste große Katastrophe der Menschheit, überlebt hat. Mit diesem Noah, dem Urvater der nachsintflutlichen Gesellschaft, hat Gott einen Bund geschlossen. «Siehe, ich errichte meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen nach euch.» Vornehmlich die talmudische Halacha hat den Inhalt der Gebote, die diesem Bunde für alle Menschen zugrunde liegen, herausgearbeitet, und sie ist dabei auf sieben Gebote gekommen.

Diese sieben noachidischen Gebote
  gebieten die Ehrfurcht vor dem geborenen und ungeborenen Leben;
  sie schützen das Eigentum;
  sie gebieten die Ehrfurcht auch vor dem Leben eines Tieres;
  sie untersagen die Verwandtenehe und die Hurerei;
  sie gehen davon aus, daß Gott nicht gelästert wird.
  Abgötterei ist verboten, und
  es wird die Einsetzung einer Gerichtsbarkeit verlangt.
Dieses Verständnis des noachidischen Gebotes entspricht etwa dem, was die katholische Theologie das Naturrecht, die reformatorische Ethik die Schöpfungs  oder Erhaltungsordnungen nennt. Durch die Uroffenbarung Gottes in diesen sieben Urgeboten sind nicht nur die Christen, sondern ist ausdrücklich die gesamte Menschheit in die Pflicht genommen. Denn nach biblischer Überlieferung stammen alle Menschen von Noah ab. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Heiden, Christen und Juden. Die sieben noachidischen Gebote sind die Basis der Humanität.

Die Zehn Gebote – oder wie die Juden sagen, die Zehn Worte – in der Offenbarung am Sinai sind noch einmal eine Präzisierung, eine Erinnerung an dieses alle Menschen verpflichtende Urgebot. Auch wenn diese Gebote zunächst nur zum Volke Israel am Sinai gesprochen wurden, sind sie doch verpflichtend für alle Völker auf dieser Erde, auch dann, wenn sie in den bestimmten heilsgeschichtlichen Rahmen der Geschichte Israels hineingestellt sind.

Eindeutig wird bei der Übermittlung der Gebote durch Mose ausgesagt, daß Ungerechtigkeit, also ein Leben gegen diese Gebote, sich selbst straft. Ungerechtigkeit wird heimgesucht an den Kindern im dritten und vierten Glied. Die Folgen der Abkehr von Gottes Gebot bedeuten die Zerstörung der Gerechtigkeit, nicht nur im Leben des einzelnen, sondern in der Gesellschaft überhaupt. Es gibt eine vergeltende Gerechtigkeit, es gibt eine Rache Gottes im persönlichen wie im politischen Leben der Völker. So wahr es eine Gerechtigkeit gibt, so wahr gibt es eine Rache Gottes. Man muß das auch einmal sagen, weil wir heute in einer sentimentalen Liebesethik leben. Wer sich gegen das Gebot Gottes erhebt, geht zugrunde.

Diese Zehn Gebote Gottes aber sind nicht gegen den Menschen, sondern für den Menschen. Sie schützen die Ordnungen, ohne die der Mensch nicht existieren kann. Er kann nicht ohne Ruhe leben. Er kann nicht leben, ohne daß er Vater und Mutter ehrt. Er kann nicht leben ohne die Ehrfurcht vor dem Leben. In der Ehe, die dem modernen Menschen heute manchmal so totlangweilig ist, hat er Anteil an der Schöpfungslust Gottes. Persönliches Eigentum ist die Voraussetzung für persönliche Freiheit und für schöpferisches Handeln des Menschen überhaupt. Lebt man gegen das persönliche Eigentum, richtet man die Gesellschaft zugrunde. Das persönliche Eigentum steht nicht in der Verantwortung vor dem Kollektiv, sondern in der unmittelbaren Verantwortung vor dem lebendigen und gebietenden Gott. Was ich habe und tue, verantworte ich nicht vor der Gesellschaft, sondern vor Gott. Eine Gesellschaft kann nicht ohne Wahrheit, Wahrhaftigkeit und ohne die ausdrückliche Verneinung der Abgötterei und des Götzendienstes leben.
Ohne Gebieter keine Gebote und ohne Gebote kein Gebieter. Das Leben in der Gerechtigkeit setzt die Ehrfurcht vor der Gerechtigkeit Gottes voraus.

Schon in den noachidischen Geboten zeigt sich, daß Gerechtigkeit auf Erden ohne Ehrfurcht vor dem einen Gott im Himmel nicht zu haben ist. Die Verneinung Gottes in den Ideologien Europas oder die Pervertierung Gottes im Götzendienst anderer Völker zerstört die Gerechtigkeit, die allein die Basis ist für menschliches Zusammenleben in Freiheit, Gerechtigkeit und Lebensfreude.

Wir haben jetzt auf das Alte Testament gehört. Ist die Situation durch die erste Ankunft Jesu Christi nicht anders geworden? Hat Christus nicht die «Härte» alttestamentlicher Gerechtigkeit abgeschafft? Ist nicht die Liebe an die Stelle der Gebote getreten, wie die «Liebes Ethiker» der modernistischen Theologie zu behaupten nicht müde werden?

Ein tödlicher Irrtum wäre es anzunehmen, daß durch Christus und die Apostel das Gesetz des Alten Testamentes abgeschafft worden wäre! Die Zeremonialgesetze  oder wie der Talmud sagt, der «Zaun um Israel» gelten darum nicht für Christen, weil sie für Christen in Christus erfüllt sind! Aber die Gebote der Gerechtigkeit, vor allem die «Zehn Worte», haben unverändert ihre Bedeutung und werden sie bis zum Ende dieser Welt behalten. Denn so sagt Jesus: «Meint nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen bis alles geschehen ist.»

«Aber», sagt der Modernismus – und zwar nicht nur in der Kirche, nicht nur in der Theologie, sondern der Modernismus allgemein – «ist nicht die Liebe wichtiger als das Gebot Gottes?!» Auch hier ist die Aussage des Neuen Testamentes eindeutig. Der Apostel Paulus schreibt: «Das Endziel des Gebotes aber ist: Liebe aus reinem Herzen, aus reinem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.» Der Sinn der Gebote ist für den Apostel Paulus also die Liebe aus reinem Herzen. Gebote und Liebe stehen nicht in einem Gegensatz, sondern in einem Zueinander, so wie der Apostel Johannes sagt: «Und dies ist die Liebe, daß wir nach seinen Geboten wandeln, und dies ist das Gebot, das ihr von Anfang an gehört habt, daß ihr darin wandeln sollt.»

So wie man zwischen Liebe und Verliebtheit unterscheiden muß, so auch zwischen Liebe und Sentimentalität. Die wahre christliche Liebe ist nicht gegen das Gebot, sondern sie ist die Erfüllung des Gebotes. Liebe gegen das Gebot ist nicht Liebe, sondern religiöse Selbstverwirklichung, die sich als Liebe deklariert!

Von Dietrich Bonhoeffer haben wir die Unterscheidung zwischen teurer und billiger Gnade. Billige Gnade bedeutet, daß wir die Liebe der Vergebung ungefragt und ungebeten als «Mantel der Liebe» über alle Ungerechtigkeit hinwerfen, auch über die Sünde, und dabei sagen: «Die Liebe erkennt die Sünde gar nicht mehr.» Wir sind so «high» vor Liebe, daß wir die Sünde gar nicht mehr sehen! Diese billige Gnade ruiniert christliche Substanz. Denn da gibt es keine Vergebung mehr, sondern sie ist Freibrief für pure Willkür.

Die teure Gnade ist die Vergebung für den bußfertigen Sünder, also für den, der weiß und bekennt, daß er gegen Gottes Gebot und gegen seine Gerechtigkeit gelebt hat und darum der Vergebung bedarf. Das gilt für mich jeden Tag.

So wahr wir von der Gerechtigkeit Gottes reden, so wahr reden wir auch von unserer Sünde. Wenn wir jedoch von der Sünde reden, die wir bekennen und die unser Leben beschattet so wissen wir: In diesem Bekenntnis schließen wir die billige Gnade aus. Aber billige Gnade ist da, wo man nicht zur Umkehr bereit ist, wo man alles für erlaubt hält, alles Liebe nennt.
Ein Beispiel: Es ist kein Zeichen von Liebe gegenüber gescheiterten Existenzen, wenn wir in den Städten Europas rechtsfreie Räume haben, wo Chaoten leben, die sich gegen Recht und Ordnung erheben und ungestraft davonkommen. Sondern das ist entweder Auflehnung gegen das Gebot oder die Angst einer Regierung, für das Gebot zu kämpfen.
«Wer das Chaos nicht von Anfang an abwehrt, wird sein Opfer!» Dietrich Bonhoeffer hat diese Mahnung ausgesprochen. Darum betreiben jene Politiker, die sich auf die «christliche Liebe» berufen und dem Chaos aus Feigheit nicht wehren, den Bankrott einer Gesellschaft!
Dietrich Bonhoeffer sagt zum Zueinander von Gebot, Liebe und Christus¬nachfolge: Die Gebote Gottes zeigen die Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn Christus der Herr sein soll, und die Kirche hat die Welt an diese Grenzen zu erinnern. Und zur Nachfolge Jesu sagt er, daß gesetzlose Bindung an die Person Jesu Christi nicht «Nachfolge» heißen darf. In der Gemeinschaft Jesu kann nur der Täter des Gesetzes bleiben.
Vor dem Bankrott, dem Chaos der Auflösung von Recht und Ordnung, stehen wir heute. Das ist die planetarische Situation.
Bereits in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts hat der jüdische Religionsphilosoph Hans Joachim Schoeps, dessen Assistent ich für kurze Zeit in Erlangen war, die gegenwärtige Kultur, in der wir heute leben, planetarisch als baalistisch bezeichnet. Die Baalim sind Naturgottheiten, die von den Propheten des Alten Testamentes erbittert bekämpft wurden. Das Huren unter den Bäumen und an den Steinen, gegen das die Propheten wetterten, meinte die kultische Prostitution, die emotionale Vereinigung mit den Naturgottheiten und der Natur, um Fruchtbarkeit des Lebens durch magische Praktiken zu erlangen. Gottheit und Natur werden eins! Die Naturmythologie Kanaans war damit die brutalste Herausforderung des biblischen Monotheismus, die man sich überhaupt denken konnte. In der Ekstase, der Ausschaltung des Bewußtseins und des Willens («der willenlose Mensch»), im Rausch, im Zerfließen der Person, die ja Imago Dei ist, sind diese Naturgottheiten angebetet worden. Gott stand nicht mehr als Schöpfer über der Natur, sondern war naturmythologisch in das Geschick der Natur verflochten!

Wir blicken zurück: Waren nicht alle Ideologien des 20. Jh. baalistisch, weil sie die Natur zum Letztgültigen erhoben haben? Nicht nur der Biologismus der nationalsozialistischen Ideologie, sondern auch der historische dialektische Materialismus eines Marx und Engels sahen in den überseh  und überschaubaren Prozessen der Materie das Letztgültige und Endgültige überhaupt. Materie kommt von lat. mater, d. h. Mutter. So wurde die «Mutter Erde», der Mensch und Gott in gleicher Weise unterworfen waren, zur eigentlichen Göttin. Ihr wurde nun in der Begrifflichkeit der modernen Welt Anbetung gezollt. Alle großen Väter der Ideologien des 20. Jahrhundert in Europa von Marx bis Stalin und von Nietzsche bis Hitler verneinten den Gott der Bibel und glaubten an Leben und Materie. Das waren die Götter, die angebetet wurden. Diese 2. Hälfte des 20. Jh. ist – planetarisch gesehen – übersät von den Ruinen und Trümmern, die dieser Baalismus zurückgelassen hat.

Der Baalismus war der Erzfeind der Propheten. Es war dies eine grundsätzliche Auseinandersetzung. Aber entscheidend ist, daß neben den Baalim der Moloch verehrt wurde, neben dem «Lebenstrieb» der «Todestrieb», der Moloch, dessen Kult die Propheten ebenfalls erbittert bekämpften. Bezeichnenderweise wurden dem Gotte Moloch Kinder geopfert. Um glücklich zu sein, um so etwas wie ein Paradies auf Erden zu haben, meinten die Heiden in Kanaan und die Abtrünnigen des alttestamentlichen Gottesvolkes, den Göttern Kanaans Kinderopfer bringen zu müssen! Kein Glück ohne Opfer, kein Paradies auf Erden, ohne den Götzen Menschenopfer zu bringen! Neben dem naturalistischen Emotionalismus der Baals Kultur wütete der Zerstörungstrieb des Molochismus   noch heute, mitten unter uns, in unserer gegenwärtigen planetarischen Gesellschaft!

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die jährliche weltweite Abtreibung auf 30 Millionen! Etwa zwischen 200 000 und 300 000 Abtreibungen finden pro Jahr in der Bundesrepublik Deutschland (ohne die wiedervereinigten Ostgebiete) statt! Jede vierte der jährlich weltweit 30 Millionen Abtreibungen geschieht in der Sowjetunion. Die Moskauer Nachrichten errechneten in diesem Jahr sechs  bis zehnmal mehr Aborte in der UdSSR als in den «kapitalistischen» Staaten, und die Tendenz ist steigend.
Aber bevor wir auf die sozialistischen Länder mit Steinen werfen, sollten wir bedenken, daß die Freigabe der Abtreibung für alle Länder der Europäischen Gemeinschaft vom Europa Parlament in Straßburg mit der Einführung der Fristenregelung gefordert wird. Mit 147 Ja Stimmen gegen nur 60 Nein-Stimmen bei 12 Enthaltungen wurde im Frühjahr dieses Jahres vom Europa-Parlament in Straßburg der dringende Wunsch nach einer Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs verabschiedet.

Was sagen die Christenmenschen dazu? Wenn ich auf die großen Kirchen sehe, so muß ich sagen, sie sind in einer substanzbedrohenden Identitätskrise. Wir rufen es nun seit 20 Jahren in die Welt und müssen es noch weiter rufen: Die sogenannte historische Kritik an der Bibel, die selektive Art und Weise, die Heilige Schrift so zu lesen, wie man sie gebrauchen kann, bedeutet – in allen Konfessionen – permanente Grundlagenkrise des Christentums! An der F.E.T.A. Basel sind wir davon ausgegangen, daß wir diese selektive historische Kritik an der Bibel nicht wollen und auch nicht   in der Konsequenz davon – die Kritik am biblischen Ethos!
Wenn man seine Identität verliert – wie die großen christlichen Konfessionskirchen – so versucht man, sich anzupassen, man spielt eine Rolle. Dieser Trend der Anpassung geht durch alle Konfessionen hindurch, ist also eine planetarische Wirklichkeit.
Was bedeutet das aber ganz besonders in diesem Augenblick? Wie oben schon gesagt, stammt «Materie» von dem lat. mater, «Mutter». Es geht heute ganz entscheidend darum: Aus Gott-Vater soll Gott Mutter werden. Das hat für das Ethos und die Ethik unerhörte Konsequenzen.
Ich sehe das biblische Ethos und die Reflexion über das biblische Ethos, die wir Ethik nennen, unzertrennbar verbunden mit dem Glauben an den Vatergott.

Wir sind damit nicht nur inmitten der Diagnose angesichts der planetarischen Situation angelangt, sondern auch inmitten der Problemstellung der Ethik an der Freien Evangelisch Theologischen Akademie Basel. Wie, in welcher Art und Weise werden wir gegenwärtig herausgefordert?
Aktuell für die Ethik ist, daß Gott nicht Schöpfer der Natur sein soll, sondern daß er – entsprechend zur Naturmythologie der kanaanäischen Heidenvölker – mit der Natur verflochten wird.

Ich will dies konkretisieren: Gott und Natur sind eins, Mensch und Natur sind eins. Das bedeutet, zum Leib Christi, also zur Gemeinde des Herrn, sollen nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere gehören. So haben wir inzwischen Tiergottesdienste, in denen gepredigt wird, daß die Tiere «die geringsten Brüder und Schwestern sind».

Das bedeutet auch praktisch, daß in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik ein protestantischer Pfarrer zwei Katzen taufte. Bei der Feier wies der Theologe darauf hin, daß Mensch und Tier in der Schöpfung Gottes Geschwister seien. Lange Zeit habe man gemeint, nur der Mensch sei ein Ebenbild Gottes. Inzwischen reife jedoch die Erkenntnis, daß auch Tiere und Pflanzen Kinder Gottes sind.
Alles ist nur der eine große Strom des Lebens. Gott ist die Natur, die Natur ist Gott, die Menschen wie die Tiere, die Tiere wie die Menschen. Das ist die deutliche Tendenz. Bei Kirchentagen und dergleichen kann man dies beobachten.

Während 1988 in Brasilien mehr als drei Mio. Schwangerschaften abgebrochen wurden (bei 2,7 Mio. Geburten), bemühen sich viele Theologen gar nicht so sehr um den Kampf gegen die Tötung ungeborenen Menschenlebens, sondern um den Nachweis, daß im Grunde Tier und Mensch zum gleichen «Strom des Lebens» und auch zur Kirche gehören.
Man sagt doch, die Christen hätten mit ihrem Verständnis des Vater Gottes, mit ihrer Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung die Natur und vor allem die nichtmenschlichen Lebewesen unterdrückt. Heute entsteht eine Art theologischer Befreiungsbewegung für Tiere.

Als wir vor 20 Jahren an der F.E.T.A. Basel begannen, hatten wir es allgemein mit der Befreiungsbewegung des Menschen zu tun. Heute, nach 20 Jahren, haben wir es mit Befreiungsbewegungen für Tiere zu tun!
Natürlich ist die Achtung vor dem Tier im Alten Testament ausdrücklich geboten, so daß auch die Tiere geschützt und in die Sabbatruhe einbezogen werden. Ich sehe in der talmudischen und hallachischen Praxis des Umgangs mit dem Tier Ehrfurcht vor dem Leben überhaupt.

Doch heute wird Natur neben Gott gestellt. Gott ist die Natur und die Natur ist Gott. Es wird das besondere Verständnis des Menschen in der Schöpfung verraten. Im Jahre 1990 stehe ich als Ethiker der Freien Evangelisch-Theologischen Akademie Basel vor der Aufgabe, den Menschen in Basel angesichts der Herausforderung einer modernistischen Theologie zu sagen, daß der Mensch kein Tier ist.
Gegen die Begegnung mit Gott in Glaube, Liebe und Hoffnung, in Gnade und Gerechtigkeit kam der Modernismus zu dieser Befreiungsbewegung für Tiere, weil er das Emotionale, das Triebhafte, die Vitalität, die Natur als solche vergötzt.

Das ist ganz klar Rückfall ins naturmythologische Heidentum. Nicht nur wir bekehren die Heiden, sondern die Heiden bekehren uns. Menschliches Leben, das mit tierischem Leben praktisch auf eine Stufe gestellt wird, verliert seine besondere Bedeutung, seine besondere Hochachtung und gerät in Gefahr, verachtet, mißhandelt und schließlich sogar grundlos getötet zu werden: siehe Schwangerschaftsabbruch! Das ist der Bankrott der Humanität!
Lesen Sie Theologen wie Franz Alt, Hanna Wolf, Christa Mulak, Karl Herbst, Eugen Drewermann, die wachsenden Einfluß haben bis hinein in die Medien! Dann werden Sie sich fragen, ob wir nicht schon bald am Anfang einer psychoterroristischen Juden  und Christenverfolgung stehen. Denn alle, die an Himmel und Erde, an Gott und Vater, an Rache und Gerechtigkeit Gottes, an ein Gericht und an die Wiederkunft Christi glauben, werden doch angeklagt, Feinde des Menschengeschlechts und Verursacher alles Bösen in der menschlichen Seele zu sein.
Es hat die «feministische» matriarchalistische Bessermach-Theologie für mich als Ethiker unerhörte Bedeutung. Was mich provoziert, ist dies:

1. Sie sagen doch, der Gott vom Sinai sei ein eifersüchtiger, tyrannischer, rachsüchtiger Stammesgott. Er sei auf das Mannsein fixiert und nicht auf das ganzheitliche Menschsein.

2. Dieser Jahwe Gott des Alten Testamentes sei ursprünglich ein Mörder einer Muttergottheit. Er habe die emotionale kommunistische Glücksgefühl-Gesellschaft vernichtet. Er sei ein Gott, der uns krank mache.

3. Für das böse Patriarchat, für den Mord an der Ur-Muttergottheit, seien Juden- und Christentum verantwortlich.
Das heißt in der Konsequenz für den Ethiker: Keine Gebote und Verbote, sondern ein Eintauchen in die Emotionalität, in die Vitalität. Die Wohlfühlgesellschaft mache uns glücklich. Böse ist, was die Emotionalität hemmt, gut ist, was ihr freie Bahn schafft.

Daraus entstehen Utopien, mit denen wir es im nächsten Jahrtausend zu tun haben werden. Der befreiende Aufstand der Emotionalität gegen Bewußtheit und Individualität, für das Weggeschwemmtwerden in der Libido, hinein in die Drogenszene, in den Zwang der Rauschkultur: das ist der Baalismus! Das ist die planetarische Situation, in der wir langfristig leben.
Die Auswirkungen dieses Abfalls auf die Ethik sind unübersehbar.

Nun werden einige sagen: Ist das nicht alles etwas düster? Gehört nicht auch zu unserer planetarischen Situation der Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie und der Welt des sozialen Realismus? Kommt nun um die Jahrtausendwende nicht das «Paradies der sozialen Marktwirtschaft» und damit das üppige Glück über alle Menschen von Wladiwostok bis San Francisco?

Ich zitiere Solschenizyn, einen Nicht Theologen, zu dieser Situation. Er sagt: «Die Uhr des Kommunismus ist abgelaufen, der Betonbau aber noch nicht eingestürzt. Wir laufen Gefahr, anstelle der Befreiung von seinen Trümmern zerquetscht zu werden.» Diese Trümmer in der Abgötterei zerfallener Ideologien werden nicht durch die Jauche der baalistischen Massen- und Popkultur beseitigt, durch den primitiven Trubel von Gewalt und Pornographie, «der Flut von billigen Gefühlen und niedrigen Gedanken» (Michail Gorbatschow in Prestroika, 1987). Mit welcher ethischen Kraft wollen wir der Trümmerwelt dieses zusammenbrechenden «realen Sozialismus» oder des Kommunismus begegnen? Bringen wir Freiheit oder Werte-Anarchie?

Tiefe Spuren hat die Ideologie des realen Sozialismus in der Gesellschaft der DDR beispielsweise hinterlassen. Das Institut für Demoskopie in Allensbach hat in der Bundesrepublik und der DDR die Frage gestellt: «Wie wichtig ist Gott in Ihrem Leben?» Auf diese Frage antworteten in der Bundesrepublik 10 % der Befragten, daß ihnen Gott in ihrem Leben unwichtig sei; in der DDR aber 42 %! Zwei Drittel der 16,6 Mio. DDR Bewohner haben keine Bindung an die Kirche. In den 40 Jahren kommunistischer Geschichte ist die Mitgliedszahl in der Evangelischen Kirche von 90 % auf 25 % der Bevölkerung geschrumpft. Nach vertraulichen Mitteilungen ist die geistliche und geistige Lage in diesen so noch bestehenden Evangelischen Kirchen in der DDR katastrophal. Das Interesse an geistlichen Jugendversammlungen hat weiterhin nachgelassen. Nach Angaben der thüringischen Kirchensteuerstellen sind die Austritte in den ersten drei Monaten dieses Jahres im Vergleich zum 1. Quartal 1989 um 60 % gestiegen. Die geistige Revolution des Herbstes 1989 ist nicht aus einer biblisch reformatorischen oder christlichen oder geistlichen Erweckung heraus geschehen.
Mit dem Jubelruf vom 1. Juli 1990 («D-Mark, D-Mark, Halleluja!») und der Anerkennung der Fristenlösung für den Schwangerschaftsabbruch im heutigen östlichen Teil Deutschlands ist kein guter Grundstein in der Wiedervereinigung im Sinne noachidischer Rechtsstaatlichkeit gelegt worden.

Der Revolution gegen die Gebote Gottes, dem Zerfall des biblischen Ethos, der Zerstörung der Gerechtigkeit wird auch von bekehrten und wiedergeborenen evangelischen Christen kaum Widerstand entgegengesetzt. Man lebt hier in einer Zwei-Welten Ideologie. Da ist auf der einen Seite die böse Welt, die der Endzeit entgegengeht, um die es sich nicht mehr lohnt, sie in Ordnung zu bringen. Das Heil wird allzu häufig nur auf die eigene Person oder auf den engsten Lebenskreis der Gemeinde bezogen. Mehr oder weniger sondert man sich von der Welt ab. Die Welt hält man für irreparabel. Daß es auch eine Verkündigung des Gesetzes geben muß, wird nicht erkannt und bekannt. Das Gesetz Gottes tritt zurück. Es hat vielleicht noch Bedeutung für die persönliche Lebensgestaltung, aber nicht mehr als das politische Wort an die ganze Gesellschaft.

Dabei ist doch offensichtlich in der Verkündigung Jesu Jüngerschaft als Salz der Erde verstanden worden, wobei deutlich wird, daß Jüngerschaft den Auftrag hat, im Sinne der noachidischen Gebote und im Sinne der «Zehn Worte» bewahrend, heilend und helfend in die menschliche Gesellschaft hineinzuwirken. Jesus spricht von der Stadt auf dem Berge, die alle Menschen erleuchten soll, und vergleicht sie mit der Gemeinde. Und die Propheten predigen von dem Berg Zion, auf den alle Völker blicken sollen, um Orientierung für ihr gesellschaftliches Leben zu gewinnen. Evangelisation im Sinne vieler Evangelikaler geht oft zu einseitig davon aus, den Einzelnen durch Bekehrung und Wiedergeburt zu ändern. Wenn man Konfrontation, das Gesetz und die Gerechtigkeit Gottes verkündigt, wird man als «fleischlich» abqualifiziert. Das stört die gute Stimmung im Evangelisationszelt. So haben weitgehend die Evangelikalen versagt.
Bringt die «Wendezeit», in der wir jetzt leben, das Ende des christlichen Ethos in Europa? Stehen wir davor? Ich bitte Sie, gewisse Beruhigungsphasen, die wir gegenwärtig haben, nicht zu überschätzen.

Immerhin bezeichnen sich 65 % der 320 Mio. Einwohner der Europäischen Gemeinschaft als religiös. Die Religiösität der Belgier, der Deutschen, der Luxemburger und Spanier entspricht dabei nach der Umfrage etwa dem Durchschnitt, während die Bewohner Großbritanniens mit 58 % an der Kippe liegen. Am wenigsten gläubig sind die Franzosen mit 50 % und die Niederländer und Dänen, die mit jeweils 48 % ganz unten liegen. Die Schweiz kommt nicht vor, weil sie nicht zur EG gehört. In dieser Umfrage, die die EG Kommission in Auftrag gegeben hatte, bezeichnen sich 20 % der EG Bürger als nicht gläubig, 6 % als entschiedene Atheisten und 5 % der Befragten wollten sich nicht festlegen. Der höchste Anteil von Atheisten mit 40 % wurde traditionsgemäß in Frankreich ermittelt. In der Europäischen Gemeinschaft blieben die Katholiken mit 62 % in der Mehrheit, der Anteil der Protestanten liegt bei 21 %.

Zunächst einmal auf die europäische Gesellschaft gesehen leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft. Das heißt aber aus der Sicht eines Ethikers, daß neben Gott die Abgötter stehen. Neben den christlichen Werten und Geboten toben die Unwerte eines neo europäischen Nihilismus, der sich   wie eben dargestellt   als Baalismus und Molochismus realisiert. Wird wieder eine Erweckung kommen?
Auf diese Frage antwortet die französische Zeitung Le Monde am 1. 4. 1990: «Ein Europa, das die einstigen christlichen Werte als Grundlage des Denkens wiedererwecken möchte, könnte dies nur um den Preis eines harten Konflikts mit der modernen Gesellschaft tun. Anstatt von einer utopisch-neuchristlichen Welt zu träumen, wäre es klüger, wenn die christliche Botschaft in Übereinstimmung mit der pluralistischen Gesellschaft Europas gebracht würde.»
Diesen Konflikt will ich! Ich wollte ihn in der Bekenntnisbewegung «Kein anderes Evangelium», ich wollte ihn in der «kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis» und ich will ihn hier. Wie Le Monde sagt, könnte Christliches nur um den Preis eines harten Konflikts mit der modernen Gesellschaft möglich sein. Das will ich!

Nur um den Preis eines harten Kampfes könnte es zu einer Erweckung biblischer Werte kommen. Aber gerade von diesem Kampf sehen wir wenig. Man fragt sich, ob ein gewisser Typ des sich «evangelikal» verstehenden Christen das will. Ziehen wir uns in uns selbst zurück? Sind wir nicht allzusehr bereit, den Wunsch zu erfüllen, den Le Monde ausspricht: daß wir uns der pluralistischen Gesellschaft mit der einen Hälfte anpassen und mit der anderen Hälfte eben als halbe Christen existieren, also als jene, die auf zwei Hüften tanzen? Wäre das aber nicht der Weg, vor dem die Propheten vor allem gewarnt haben, daß man auf zwei Hüften tanzt?

Die Propheten des Alten Testamentes waren Gerichtsprediger. Sie bekämpften die falschen beruhigenden Friedenspropheten, weil eben kein Friede sein kann, wo dem Gebieter der Gebote keine Ehre gegeben wird. Amos sagt: Der Tag des Herrn ist nicht ein Tag der Wonne, sondern ein Tag des Gerichtes. Und die alttestamentlichen Propheten sahen ihre Aufgabe darin, das Volk daran zu erinnern, daß der Abfall von Gottes Gebot immer Untergang bedeutet. Und das sagen wir an der F.E.T.A. Basel heute genau so.

Nun meinen natürlich viele: Leben wir nicht ganz gut? Wir haben Demokratie, wir haben Wohlstand, wir haben Freiheit, wir haben soziale Unterstützung. Die Frage ist aber: Wie lange werden wir das noch haben? Der Aufstand gegen die Gebote Gottes ruiniert die Basis unseres Lebens.

Ein Beispiel: Familien gehen kaputt. Es gibt politische Parteien, die offen in ihrem Parteiprogramm bekunden, daß Ehe und Familie jeweils nur eine zeitlich beschränkte Ausdrucksform menschlichen Zusammenlebens sei.
In der Bundesrepublik Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden: 1 Mio. Ehescheidungen pro Jahr, 3 Mio. leben in Partnerschaften. Man schätzt, daß wir um das Jahr 2000 85 % von geschiedenen Ehen haben werden. Und ich habe beobachtet, daß auch bei den Frommen der Wille zu Ehe und Familie abnimmt. Ehe und Familie sind nämlich nicht nur Lust, sondern auch Pflicht. In Kinderkrippen und Kindergärten werden wir groß. Aber in «Alterskrippen» müssen wir hinfort auch alt werden oder sterben. An die Stelle der Familie tritt das Kollektiv. Am Anfang, bei der Kinderkrippe, steht die kollektive Betreuung, – sie wird auch am Ende des Lebens bei der «Alterskrippe» stehen! Obwohl 90 % aller alten Menschen sich wünschten, in der Familie zu sterben, geht der Trend angesichts der Zerstörung der Familie dahin, daß alte Menschen in Zukunft wohl nur noch in kollektiver Betreuung, im «öffentlichen Dienst» sterben können: Sterben am Fließband! Das ist die Rache Gottes für alle, die sich gegen das Gebot erhoben haben: Du sollst Vater und Mutter ehren!, und die die Familie ruiniert haben.

Ich bin 32 Jahre lang Pastor gewesen und habe Hausbesuche, «Alterskrippen» Besuche und Altersheimbesuche genug gemacht, um zu wissen, was das bedeutet. Die Zerstörung der Familie, des Eigentums, des ungeborenen Lebens und vielleicht auch bald des alten Lebens: das sind die düsteren Wolken, die am Horizont der planetarischen Zukunft auftauchen.

Halten wir fest: Leben gegen den Gebieter zerstört das Gebot, die Zerstörung der Gebote ruiniert die Humanität!
So tritt die Gesellschaft a  n die Stelle des einen Gottes. Die Konsequenz ist die Vergesellschaftung. Hieß es einst: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! so sagt man heute: Warte, bis deine Nummer aufgerufen wird!

Der Kommunismus ist nicht tot, sondern im Westen, in der Vergesellschaftung unseres Lebens, baut er sich neu auf.
Bevor wir an das Letzte der endzeitlichen Katastrophe denken (Christus kommt wieder zum Gericht), möchte ich uns an die vorletzte Aufgabe der politischen Ethik erinnern.

Wir erschrecken, wenn wir von politischer Predigt hören. Politische Predigt ist für uns immer irgend etwas links. Es geht aber nicht darum, ob politisch gepredigt wird, sondern wie politisch gepredigt wird. Wir müssen uns als rechtgläubige bibeltreue Christen mehr politisch engagieren und aus unserem Heilsegoismus herausbrechen.

Es geht um den Schutz des Lebens, auch des ungeborenen und des alten Lebens. Und es geht darum, daß wir gegen die Lästerung des Namens Gottes kämpfen. (Es ist biblisches Ethos in einer bewußt atheistischen Gesellschaft nicht möglich.) Es geht um die Bewahrung der Familie. Es geht um die Wahrheit in den Massenmedien. Es geht darum, daß wir uns immer dagegen zu wehren haben, daß das Kollektiv über das Individuum gesetzt wird. Es geht um das individuelle Eigentum. Es geht um den Schutz des Lebens. Es geht darum, daß wir niemals rechtsfreie Räume dulden, wie etwa in Süditalien, wo jedes Jahr etwa 1000 Menschen umgebracht werden.
Man überlege, was die Kapitulation des Staates vor dem Unrecht für den einfachen Menschen bedeutet. Wenn der einfache Mensch sieht, daß ein Rechtsstaat vor dem Unrecht kapituliert, wird sein Zweifel am Rechtsstaat in Angst verwandelt. Wo man Diebstählen und Vergewaltigungen mehr oder weniger hilflos und tatenlos zusieht, verliert der Bürger sein Vertrauen in das Recht. Wo aber das Vertrauen ins Recht verloren geht, steht das Chaos vor der Tür. Ich wiederhole noch einmal den Ausspruch Dietrich Bonhoeffers, daß derjenige, der dem Chaos nicht von Anfang an entgegentritt, schließlich sein Opfer wird.

Das Letzte ist Ihnen klar. Mir als Ethiker geht es darum, daß wir uns, bevor das Letzte in der Wiederkunft Christi eintritt, dem Vorletzten in der Aufgabe für diese Gesellschaft widmen. Es kommt schon die Nacht, da keiner mehr wirken kann. Aber noch ist Tag.

Jesus sagt: Heil euch, die ihr Hunger und Durst habt nach der Gerechtigkeit, denn ihr sollt satt werden. Heil euch, die ihr um der Gerechtigkeit willen verfolgt werdet, denn das Himmelreich ist euer. Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.

Das ist die Herausforderung für uns Evangelikale, daß wir uns hier mehr einsetzen und dafür mehr kämpfen, daß wir nicht nur unsertwegen, sondern auch der Gerechtigkeit wegen leiden. Wer der Gerechtigkeit lebt, wer Gerechtigkeit und Liebe ausstrahlt, hat Teil am messianischen Leiden und Sterben, aber auch am Auferstehen Christi, der wird in einen Prozeß einbezogen, der zum Leben geht. Wenn ihr als alte Menschen nicht dereinst mit der Sinnfrage konfrontiert werden wollt, in dem Sinne, daß ihr sagt: «Was hat mein Leben gebracht?», dann müßt ihr jetzt anfangen, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, – wo auch immer.
Ich schließe mit einem Wort Dietrich Bonhoeffers: «Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders, als diesen Segen weitergeben; ja er muß dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann diese Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.»

Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Dezember 2007 

info@horst-koch.de

 

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