Mann u. Frau in christl. Sicht

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Werner Neuer

 

MANN UND FRAU IN CHRISTLICHER SICHT

 

I.    Zur Aktualität des Themas
II.   Die Unterscheidung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit der Geschlechter
III.  Die Wesensverschiedenheit der Geschlechter und die Ganzheit des Menschen
IV.  Die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau
V.   Die biblische Sicht von Mann und Frau
VI.  Die biblische Sicht von Mann und Frau in der Kirchengeschichte
VII. Die bleibende Gültigkeit der biblischen Sicht von Mann und Frau
VIII.Die Dringlichkeit der Verwirklichung der biblischen Sicht von Mann und Frau
IX.  Zusammenfassende Thesen und Schlußfolgerungen

– Der folgende Text wurde von mir leicht gekürzt. Horst Koch, Herborn, im September 2010 –

Vorwort

Die Frage nach der Stellung von Mann und Frau gehört zu den umstrittensten Themen der Gegenwart. Immer mehr Menschen sind der Auffassung, daß die traditionellen Vorstellungen über die Geschlechter einer vollständigen Revision unterzogen werden müssen. Die jahrtausendelang weithin unangefochtene Überzeugung, daß Mann und Frau sich in ihrer natürlichen Eigenart grundlegend unterscheiden und deshalb verschiedenartige Aufgaben zu erfüllen haben, stößt vielfach auf energischen Widerspruch.

Der Protest gegen die traditionellen Auffassungen über die Geschlechter macht auch vor der Heiligen Schrift nicht halt und hat längst die Christenheit erfaßt. Die biblische Sicht von Mann und Frau gilt vielen als zeitbedingt und veraltet und wird nicht mehr als verbindlicher Maßstab für das Leben der Gläubigen anerkannt. Selbst Christen, welche die Autorität der Bibel ernst nehmen, haben häufig Schwierigkeiten, die biblische Schau der Geschlechter anzunehmen oder auch nur zu verstehen.

Die vorliegende Untersuchung ist keine fachtheologische Studie. Dazu hätte es einer wesentlich gründlicheren Darstellung bedurft. Das Buch will vielmehr eine allgemeinverständliche und doch theologisch fundierte Orientierung für einen größeren Leser­kreis von Christen bieten.

Gomaringen, im Advent 1980,  Werner Neuer

 

I. Zur Aktualität des Themas

1. Die Herausforderung des Feminismus

Die Frage nach Wesen und Aufgabe von Mann und Frau gehört zu den uralten Menschheitsfragen, die immer aktuell sind. Es kann daher nicht verwundern, daß bereits das Neue Testament die Stellung von Mann und Frau mit großer Aufmerksamkeit und bemerkenswerter Grundsätzlichkeit behandelt. Die Frage nach der christlichen Sicht von Mann und Frau ist so alt wie das Christentum. Trotzdem läßt sich sagen, daß sich diese Frage in unserem Jahrhundert in besonderer Weise verschärft hat, da die biblische Verhältnisbestimmung der Geschlechter und mit ihr überhaupt die traditionellen Formen der Zuordnung von Mann und Frau einer radikalen Infragestellung unterzogen werden, wie sie die Geschichte in dieser Weise bisher nicht gekannt hat.

Am deutlichsten wird diese Infragestellung in der Bewegung des Feminismus sichtbar, die sich seit den sechziger Jahren bemüht, sämtliche noch vorhandenen Formen tatsächlicher oder vermeintlicher Unterdrückung der Frau im gesellschaftlichen und privaten Bereich zu beseitigen und dadurch die völlige Emanzipation der Frau zu ermöglichen. Aber auch außerhalb der feministischen Bewegung wurde in den letzten Jahren in zunehmendem Maße Kritik an der traditionellen Stellung der Geschlechter laut. Die heutige Bewegung des Feminismus steht in der langen Tradition neuzeitlicher Frauenbewegungen, die seit dem vorigen Jahrhundert in Europa bestehen und deren Ansätze bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Trotzdem darf der gegenwärtige Feminismus nicht einfach als heutige Form der zu Beginn unseres Jahrhunderts vorhandenen Frauenbewegungen angesehen werden. Während die Frauenbewegungen vor dem 1. Weltkrieg in erster Linie an der politisch-rechtlichen Gleichstellung der Frau interessiert waren (Frauenwahlrecht, Recht auf Bildung und Berufsausübung u. a.), und dabei vielfach ‑ jedenfalls in Deutschland ‑ verhältnismäßig konservative Vorstellungen über die Eigenart und Aufgabe der Geschlechter hatten, zielt die gegenwärtige feministische Bewegung mehr oder weniger auf die völlige Zerstörung der traditionellen Vorstellung von Mannsein und Frausein.

Wir wollen im folgenden wenigstens kurz auf grundlegende Überzeugungen und Ziele des heutigen Feminismus eingehen, ohne eine genauere Analyse dieser in sich keineswegs einheitlichen Geistesströmung geben zu wollen. Ein solcher Überblick ist für unsere Untersuchung insofern wichtig, als gewisse Grundanschauungen zunehmend Einfluß auf die Gesellschaft gewinnen.

Die wohl wichtigste ideologische Wegbereiterin des heutigen Feminismus ist Simone de Beauvoir, deren Buch „Das andere Geschlecht“ grundlegende Bedeutung für die Frauenbewegung erhielt. Simone de Beauvoir, die jahrzehntelang ohne Eheschließung mit dem existentialistischen Philosophen Jean‑Paul Sartre zusammenlebte, bestreitet jede Art von naturgegebenen „Wesensverschiedenheiten“ zwischen Mann und Frau. Die bislang in der Geschichte hervorgetretenen Unterschiede der Geschlechter beruhen ihrer Ansicht nach einzig und allein auf gesellschaftlichen Bedingungen, welche die Unterdrückung der Frau durch den Mann ermöglichen. Sie faßt ihre Überzeugung in die prägnante These: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Die seit Jahrtausenden immer wieder neu gestellte Frage nach dem vorgegebenen Wesen der Geschlechter gilt für sie daher als erledigt. Sie propagiert als Zukunftsideal den Menschen jenseits des Mann- und Frauseins.

Es ist unschwer zu erkennen, daß Simone de Beauvoirs Buch mehr ist als ein Plädoyer für die Beseitigung aller politischen und gesellschaftlichen Benachteiligungen der Frau. Was sie propagiert, ist vielmehr eine Kulturrevolution, wie sie radikaler kaum gedacht werden kann, eine Kulturrevolution, die alles in Frage stellt, was sich in der Geschichte der Menschheit an Überzeugungen, Traditionen und Gewohnheiten im Zusammenleben der Geschlechter herausgebildet hat. Diese über politisch­rechtliche Forderungen hinausgehende kulturrevolutionäre Ausrichtung ihrer Überzeugungen wurde von der neueren feministischen Bewegung aufgenommen und weiterentwickelt.

Eine der radikalsten Veröffentlichungen des Feminismus ist Shulamit Firestones „Frauenbewegung und sexuelle Revolution“. Das Buch propagiert die Vernichtung der „geschlechtsspezifischen Klassengesellschaft“, die vollständige Beseitigung der Geschlechtsunterschiede. Sie verlangt die Auflösung der Familie und die Erziehung der Kinder durch Gruppen statt der Eltern.  . . .

In Deutschland ist Alice Schwarzer mit ihrem Buch „Der kleine Unterschied“ und der Gründung der Frauenzeitschrift „Emma“ als wohl bislang populärste Vertreterin des deutschen Feminismus hervorgetreten. Auch sie kritisiert nicht nur rechtlich‑politische Formen tatsächlicher oder vermeintlicher Unterdrückung der Frau, sondern sieht bereits in der zur Norm erhobenen sexuellen Vereinigung von Mann und Frau eine Weise der Unterdrückung. Für den Geschlechtsverkehr spricht ihrer Ansicht nach „nichts bei den Frauen, viel bei den Männern“. Sie plädiert statt dessen ‑ wie übrigens viele Vertreterinnen des Feminismus ‑ für homosexuelle Betätigung der Frau. Auch bei Alice Schwarzer ist also der Emanzipationsgedanke verknüpft mit einem Angriff auf naturgegebene Grundlagen des Menschseins.

Es würde zu weit führen, die Entwürfe von Simone de Beauvoir und Shulamit Firestone oder die Überzeugungen von Alice Schwarzer hier einer näheren Untersuchung zu unterziehen. Auch ein Überblick über die fast nicht mehr überschaubare feministische Literatur ist hier weder möglich noch nötig. Es sollte nur kurz gezeigt werden, mit welcher Radikalität heute alle überkommenen Vorstellungen von Mannsein und Frausein in Frage gestellt werden. …

Diese Auffassung steht freilich in völligem Gegensatz zur bislang in der Menschheitsgeschichte herrschenden Überzeugung, daß die Geschlechter in ihrem Wesen grundverschieden sind. Zwar wurde der Inhalt dieser Verschiedenartigkeit in den verschiedenen Zeiten und Kulturen unterschiedlich aufgefaßt, daß aber eine solche Wesensverschiedenheit besteht, galt als unbestritten. Es lassen sich nämlich weltweit Überzeugungen und Verhaltensmuster feststellen, welche die fundamentale Verschiedenheit der Geschlechter zum Ausdruck bringen und in allen bisher untersuchten Kulturen auftreten. …

Der Feminismus ist ein unübersehbares Zeichen für die weitverbreitete Unsicherheit über Wesen und Auftrag der Geschlechter. Insofern stellt er eine Herausforderung dar, der sich jeder verantwortlich lebende Mensch, gerade auch der Christ, stellen muß.

2. Kirche und Feminismus

Auch innerhalb von Kirche und Theologie hat sich ein „Feminismus“ gebildet, der die Emanzipation der Frau als eine Forderung des Evangeliums darstellt. Dieser Forderung sei in Kirche und Theologie nur unzulänglich Raum gegeben worden. Dies habe eine unter der Vorherrschaft von Männern stehende Kirche und eine einseitig an „männlichen“ Denkweisen orientierte Theologie zur Folge. Der innerkirchliche Feminismus arbeitet deshalb auf eine möglichst große Einflußnahme der Frauen auf die Leitungspositionen der Kirche hin und auf eine Revision der „männlich“ geprägten Theologie. Eine grundlegende Forderung ist dabei die Zulassung der Frau zum gemeindeleitenden Pfarramt bzw. zum Priestertum. Ein Ausschluß der Frau vom Pfarrdienst wird als eine dem Evangelium widersprechende Diskriminierung angesehen. Die feministische Theologie bemüht sich um eine Neuorientierung der Exegese, welche die Aufwertung der Frau in der Bibel stärker herausarbeiten soll und um eine Neuorientierung der Dogmatik, die sogar die Revision des traditionellen Gottesbegriffs mit einschließt: Die überlieferte Vorstellung von Gott als Vater soll ergänzt werden durch die Vorstellung Gottes als Mutter. Die feministische Theologie zielt deshalb auch auf eine feministische Frömmigkeit ab, welche Gott als Vater und Mutter anbetet.

Der theologische Feminismus führt auch zu einer neuen Form der Bibelkritik: Alle biblischen Stellen, die eine Unterordnung der Frau unter den Mann zum Inhalt haben, sind als zeitbedingt zurückzuweisen zugunsten jener Stellen, die eine völlige Gleichstellung der Geschlechter aussprechen. Ziel ist ein sogenannter „nicht‑sexistischer Gebrauch“ der Heiligen Schrift, der frei ist von jeder Form der Diskriminierung der Frau.

Dieser kurze Einblick in Eigenart und Zielsetzung der feministischen Theologie mag als Einführung zunächst genügen, da wir im Laufe dieser Untersuchung uns immer wieder mit ihr auseinandersetzen werden. Ähnlich wie der außerkirchliche Feminismus stellt der theologische Feminismus etwas völlig Neues dar. Würde er sich durchsetzen, hätte dies eine Revolutionierung der christlichen Theologie, Kirche und Frömmigkeit zur Folge, die in scharfem Kontrast zur bisherigen Tradition stünde, so uneinheitlich diese im einzelnen auch war.

Entstanden ist die feministische Theologie in den USA, wo sie inzwischen auch eine stattliche Zahl von Veröffentlichungen aufweist. Ihr Einfluß auf die dortige kirchliche Situation ist bereits beträchtlich: Der amerikanische Nationalrat der Kirchen, dem immerhin 32 protestantische und orthodoxe Kirchen angehören, hat ‑ beeinflußt von der feministischen Theologie ‑ den Beschluß gefaßt, in einer revidierten Bibelübersetzung männliche Bezeichnungen und Fürwörter auf ein Mindestmaß zu beschrän­ken, um den angeblichen „Sexismus“ in der Bibel auszumerzen. Jesus soll nicht mehr „Sohn Gottes“, sondern „Kind Gottes“ genannt und Gott möglichst nicht mehr mit männlichen Pronomen bezeichnet werden. …

Der theologische Feminismus ist eine Herausforderung an Theologie und Kirche, denn er stellt Fragen, die an die Substanz der zweitausendjährigen Überlieferung der Christenheit gehen. Er führt in verschärfter Form die Diskussion weiter, die sich in den evangelischen Kirchen der letzten zwanzig Jahre im Zusammenhang mit der Zulassung der Frau zum Pfarramt ergeben hat. Schon hier stellte sich die Frage, inwieweit die biblische Zuordnung der Geschlechter heute noch für die Christenheit Gültigkeit besitzt. Diese Frage besaß Aktualität, längst bevor es eine feministische Theologie gab, und sie besitzt Aktualität auch für jene Christen, die aus biblischen Gründen die feministische Theologie ablehnen.

3. Die Notwendigkeit einer christlichen Antwort

Die beiden ersten Kapitel haben gezeigt, wie dringend eine christliche Antwort auf die Frage nach Wesen und Aufgabe der Geschlechter ist. . . . Wenn der Wille Gottes im grundlegenden Verhältnis von Mann und Frau unberücksichtigt bleibt, hat dies schwerste Folgen für das Leben und die Praxis des Menschen,«selbst dann, wenn er in anderen Bereichen Gott gehorsam ist. Die christliche Sicht der Geschlechter muß auf dem Willen Gottes für Mann und Frau gegründet sein und darf nicht eigenmächtiger Überlegung entspringen. Dies bedeutet, daß das christliche Bild von Mann und Frau von der Bibel als gültiger Norm christlicher Theologie auszugehen hat. Deshalb steht im Zentrum dieses Buches die Untersuchung dessen, was die Heilige Schrift über die Zuordnung von Mann und Frau sagt (siehe V.). Da die Bibel auch situationsbezogene und zeitbedingte Aussagen enthält, muß darüber hinaus geprüft werden, ob und inwieweit die biblischen Sätze über Mann und Frau noch heute gültige Wahrheit aussprechen (siehe VII.).

Eine christliche Sicht der Geschlechter tut gut daran, nicht nur von den ‑ allerdings ausschlaggebenden ‑ biblischen Texten auszugehen, sondern auch das Erfahrungswissen über Mann und Frau heranzuziehen. Dies ist bei unserem Thema umso notwendiger, weil durch den Feminismus eine über das Körperliche hinausgehende Wesensverschiedenheit der Geschlechter bestritten wird. Wir werden deshalb auch die von wissenschaftlichen Forschungen festgestellte Unterschiedlichkeit von Mann und Frau in unsere Untersuchung miteinbeziehen (siehe IV.).

Die vorliegende Studie spricht eine Vielfalt von Fragen und Gesichtspunkten an. Es soll jedoch ausdrücklich betont werden, daß trotz der Vielzahl der angesprochenen Aspekte das Schwergewicht unserer Untersuchung auf der Frage nach einer theologischen Sicht von Mann und Frau liegt. Die folgenden Ausführungen sind deshalb nicht in erster Linie als Antwort auf die Fragen des Feminismus zu verstehen, sondern als Antwort auf die Frage, was der Wille Gottes für die Geschlechter in der heutigen Situation ist. Die entscheidende Frage ist für den Christen nie, ob er den ideologischen Anfragen seiner Zeit eine befriedigende Antwort erteilen kann, sondern ob er dem Willen Gottes für seine Zeit gehorsam ist. Der Christ ist in jeder Hinsicht befreit vom Diktat des Zeitgeistes und allein gebunden an den Gehorsam gegenüber Gott. Die christliche Sicht von Mann und Frau muß deshalb keineswegs auf alle vom Feminismus aufgeworfenen Fragen eine ausdrückliche Antwort geben. Es genügt vielmehr, wenn sie Gottes Aufgaben für die Geschlechter in verständlicher und gegenwartsnaher Weise deutlich macht. 

II. Die Unterscheidung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit der Geschlechter

Die Unterscheidung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit der Geschlechter ist eine Grundvoraussetzung der christlichen Sicht von Mann und Frau, ohne die sie nicht verstanden werden kann. Wir werden bei unserer Untersuchung der biblischen Texte zwar nicht begrifflich, aber sachlich ständig auf diese Unterscheidung stoßen. Aber auch wenn man von den biblischen Texten absieht, muß man um der Sache willen streng zwischen Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit unterscheiden. Das Fehlen einer solchen Unterscheidung hat bei der Diskussion um Wesen und Aufgaben der Geschlechter schon viel Unheil angerichtet und führt zu schwerwiegenden Fehlurteilen.

Die christliche Sicht der Geschlechter geht davon aus, daß Mann und Frau in jeder Hinsicht gleichwertige Geschöpfe Gottes, aber in ihrem Wesen grundlegend verschieden sind und deshalb auch unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen haben. Die wesenhafte Verschiedenheit von Mann und Frau bedeutet, daß die Geschlechter sich nicht nur körperlich unterscheiden, sondern auch geistig‑seelisch. Die Annahme einer Geist, Seele und Leib umfassenden Verschiedenartigkeit der Geschlechter ist zwar unaufgebbarer Bestandteil einer christlichen Sicht von Mann und Frau, aber keineswegs eine spezifisch christliche Überzeugung.

Wir werden in Teil III und IV sehen, daß diese Annahme unabhängig von der Religion oder Weltanschauung des Menschen auf der Erfahrung und wissenschaftlichen Beobachtung der Geschlechter beruht.  . . .

Die Annahme der Gleichwertigkeit von Mann und Frau gilt heute ‑ jedenfalls im christlichen Kulturbereich ‑ als selbstverständlich. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich bis ins 20. Jahrhundert hinein die Überzeugung von der Minderwertigkeit der Frau hartnäckig gehalten hat. Die europäische Geistesgeschichte ist ‑ von den Griechen angefangen bis hin zu Kant, Nietzsche und Schopenhauer ‑ voll von frauenfeindlichen Äußerungen.  . . .

Sicher ist jedenfalls, daß die praktische Geringschätzung der Frau auch heute noch weitverbreitet ist. Es sei nur erinnert an die in vielen Ehen geübte Unterdrückung der Frau durch die despotische Herrschaft des Ehemannes, an die Degradierung der Frau zum Sexualobjekt in vielen Filmen und Illustrierten, in Werbung, Literatur, in den Erzeugnissen der Pornographie und in der erschreckend hohen Zahl von Vergewaltigungen.

Mit der Unterscheidung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit der Geschlechter haben wir bereits ein erstes Kriterium erhalten, um Wahrheit und Unwahrheit des Feminismus einschätzen zu können: Der Feminismus neigt dazu, die (tatsächliche) Gleichwertigkeit von Mann und Frau mit ihrer (nicht den Tatsachen entspre­chenden) Gleichartigkeit zu verwechseln. Das Recht der feministischen Bewegung besteht darin, jeder theoretischen und praktischen Abwertung der Frau im privaten, gesellschaftlichen und politischen Bereich entgegenzutreten. Soweit der Feminismus dies wirklich in ethisch vertretbarer Form tut, kann man ihn nur bejahen. Das Unrecht des Feminismus besteht aber darin, daß er eine geschlechtsspezifische Verteilung der Aufgaben von Mann und Frau ablehnt. Dahinter steht eine grundsätzlich falsche Sicht der Geschlechter, die den Feminismus zwangsläufig zu unrealistischen und daher faktisch zerstörerischen Folgerungen führt.

Eine christliche Sicht von Mann und Frau hat die Aufgabe, das Wahrheitsmoment des Feminismus entschlossen zu vertreten und seine unwahren Voraussetzungen zu korrigieren, um auf diese Weise eine echte Befreiung von Mann und Frau zu ihrer gottgewollten geschöpflichen Bestimmung zu ermöglichen.

III. Die Wesensverschiedenheit der Geschlechter und die Ganzheit des Menschen

Während sich die Überzeugung von der Gleichwertigkeit der Geschlechter erfreulicherweise heute weitgehend durchgesetzt hat, wenngleich die Praxis dem leider noch oft genug widerspricht, ist die Auffassung von der Wesensverschiedenheit der Geschlechter gerade in der Gegenwart sehr umstritten. Daß Mann und Frau sich körperlich unterscheiden, ist so offenkundig, daß es keiner weiteren Erörterung bedarf; daß sie sich aber auch geistig‑seelisch grundlegend voneinander unterscheiden, wird heute nicht nur von radikalen Feministinnen, sondern auch von vielen anderen Zeitgenossen in Zweifel gezogen. Man bezweifelt, daß es ein erkennbares „Wesen des Mannes“ oder ein „Wesen der Frau“ gibt, welches das ganze Leben in charakteristischer Weise bestimmt. Geschlechtlichkeit wird als rein körperliche Eigenart des Menschen verstanden, die in keiner Beziehung zu seinem geistig‑seelischen Leben steht.

Diese Auffassung erweist sich bei näherer Prüfung jedoch als unhaltbar, da sie der Ganzheitlichkeit des Menschen widerspricht. Der Mensch ist eine Ganzheit und Einheit von Leib und Geistseele, was keine Aufspaltung in einen geschlechtlichen Körper und eine geschlechtslose Psyche Zuläßt. Diese untrennbare Einheit von Innerem und Äußerem, von Geistseele und Körper ist eine Tatsache, die der Mensch tagtäglich erfährt, die von der Wissenschaft bestätigt und von der Bibel bezeugt wird.

Leib und Seele stehen in einer ganz engen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Da Geistseele und Körper eine untrennbare Einheit bilden, ist Mannsein und Frausein etwas, was den ganzen Menschen kennzeichnet und nicht nur seinen Leib. Der Mensch existiert nur als Mann oder Frau. Er kann sein Mannsein oder Frausein nie verleugnen. Der Mensch hat nicht nur einen männlichen oder weiblichen Körper, sondern er ist Mann oder Frau. Die Geschlechtlichkeit ist also nicht nur eine Eigenschaft des Menschen neben anderen Eigenschaften, sondern ein Sein, welches sein gesamtes Verhalten bestimmt. Es ist daher nicht richtig, wenn man das Wesen des Menschen von seiner Geschlechtlichkeit trennt und den Menschen als wesenhaft ungeschlechtliches Vernunftwesen betrachtet, dem das Geschlecht als zwar wichtige, aber nicht zu seinem Wesen gehörige Äußerlichkeit zukommt, welche nur um der Arterhaltung willen notwendig ist.

E. Metzke hat mit Recht darauf verwiesen, daß die gesamte abendländische Philosophie zur Auffassung neigt, daß „Bestimmung und wahres Wesen des Menschen … mit dem Geschlechtsunterschied nichts zu tun … haben.“ Diese Auffassung ist auch heute noch von großem Einfluß. Sie hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, daß die Sexualität als etwas Tierisches abgewertet wurde, das der eigentlich geistigen Bestimmung des Menschen hinderlich sei und deshalb entweder bloß als notwendiges Übel hinzunehmen oder aber ganz abzulehnen sei. Leider ist auch die Geschichte der Christenheit nicht frei von derartigen Tendenzen. Es ist gerade für die Stellung zur menschlichen Sexualität entscheidend, daß die Geschlechtlichkeit als wesenhaftes Merkmal des Menschen aufgefaßt wird, das sein ganzes Dasein bestimmt. Denn dann ist es nicht mehr möglich, das Sexualleben als Gegensatz zum angeblich geschlechtslosen geistig‑seelischen Leben aufzufassen und als minderwertig einzustufen.

Wie sehr die Geschlechtlichkeit auch den geistig‑seelischen Bereich des Menschen umfaßt, läßt sich sehr schön an der gegenseitigen Anziehung der Geschlechter veranschaulichen. Bei jeder gesunden Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau beruht das Angezogenwerden vom anderen und das Begehren des anderen nicht nur auf dem Sexualtrieb, sondern auch auf der erotischen Faszination durch das geistig‑seelische Anderssein des Geliebten. Der Liebende begehrt den anderen als ganzen Menschen, er verlangt danach, vollständige Lebensgemeinschaft nicht nur in leiblicher, sondern auch in geistig‑seelischer Hinsicht zu haben.  . . .

Wir können also als Ergebnis festhalten, daß die Geschlechtlichkeit den ganzen Menschen umfaßt und zu seinem Wesen gehört. Der Leib und die Geistseele des Menschen bilden eine Einheit und lassen sich nicht in einen geschlechtlichen Bereich (Körper) und einen ungeschlechtlichen Bereich (Geist) aufteilen. Vielmehr ist der Mensch als Ganzes ein geschlechtliches Wesen.

Das hier skizzierte ganzheitliche Verständnis der menschlichen Geschlechtlichkeit steht im schroffen Gegensatz zum heute weitverbreiteten Rollendenken, das die üblichen geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen als bloße „Rollen“ deutet, welche die Gesellschaft dem Mann und der Frau zuteilt.   . . .

Das Rollendenken ist ein einseitig soziologisches Denken, das die Bedeutung der Gesellschaft überschätzt und die Bedeutung der Schöpfungswirklichkeit verkennt. Es ist ein typisches Produkt der Überbetonung der vom Menschen gemachten Geschichte auf Kosten der den Menschen Grenzen setzenden Natur. Dieser Überbetonung der Geschichte ‑ wie sie besonders handgreiflich im Marxismus zutage tritt ‑ liegt eine Überschätzung des vom Menschen Machbaren und eine Unterschätzung der von Gott dem Menschen durch die Natur gesetzten Schranken zugrunde.

 

IV. Die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau

 

Vorbemerkung

Jede Darstellung der Geschlechtsunterschiede birgt die Gefahr in sich, daß die Verschiedenartigkeit der Geschlechter derart in den Vordergrund rückt, daß die Gemeinsamkeiten von Mann und Frau in unzulässiger Weise zurücktreten. Bevor wir uns den Unterschieden zwischen den Geschlechtern zuwenden, muß deshalb betont werden, daß die Gemeinsamkeit von Mann und Frau viel größer ist als ihre Verschiedenartigkeit. Denn beide haben das Menschsein gemeinsam, wenngleich sie es in unterschiedlicher Weise verwirklichen. Mannsein und Frausein sind nur eine je verschiedene Ausformung des beiden gleichermaßen zukommenden menschlichen Wesens. Die folgenden Ausführungen werden gründlich mißverstanden, wenn dies übersehen wird.

 

1. Die leiblichen Unterschiede der Geschlechter

Wir beginnen unsere Darstellung der Verschiedenartigkeit von Mann und Frau ganz bewußt mit einer Schilderung der körperlichen Geschlechtsunterschiede, da an ihnen die Verschiedenartigkeit der Geschlechter besonders zutage tritt. Dabei geht es uns nicht um eine bloße Aufzählung der leiblichen Unterschiede, son­dern um die Frage, inwieweit in der körperlichen Verschiedenheit die seelische Eigenart der Geschlechter bzw. die Verschiedenheit ihrer Aufgaben zum Ausdruck kommt. Zu diesem Vorgehen berechtigt uns die schon gewonnene Erkenntnis, daß der Mensch eine Einheit aus Leib und (Geist‑) Seele ist. Das bedeutet nämlich, daß im Leib die seelische Eigenart des Menschen in irgendeiner Form zeichenhaft in Erscheinung tritt. Mit Recht stellt der Mediziner Josef Rötzer fest: „Wenn man den Menschen als eine Leib‑Seele‑Einheit sieht, so ergibt sich eigentlich zwingend, daß das Psychische sich im Physischen präfiguriert. Wenn Leib und Seele nur zwei Aspekte einer und derselben Wesenheit sind, muß jeder Aspekt für sich Wesentliches über das Ganze aussagen können.“  Die menschliche Leib‑Seele‑Einheit hat zur Folge, daß das geistige Wesen des Menschen in seiner leiblichen Erscheinung zum Ausdruck kommt!  . . .

Ein solches Verständnis des menschlichen Körpers widerspricht freilich der heute weitverbreiteten Sicht, daß der Leib des Menschen nichts weiter als ein hochentwickelter Säugetierleib ist. Eine derartige Betrachtung verkennt die Tatsache, daß die einzigartige Geistnatur des Menschen, die ihn fundamental von der Tierwelt unterscheidet, ihren Ausdruck auch im menschlichen Körper findet, so daß auch der Leib des Menschen ‑ trotz mancher unbestreitbaren Ähnlichkeit sich in charakteristischer Weise von dem aller Säugetiere unterscheidet. Eines der vielen Beispiele, die man hier als Beleg anführen könnte, ist der menschliche Kehlkopf, zu dem es keinerlei Parallele im Tierreich gibt: Nur der menschliche Kehlkopf ist in der Lage, Sprechen zu ermöglichen, und damit dem Geist des Menschen zur Entfaltung und Kommunikation zu verhelfen. Wir sehen also, daß der Körper des Menschen Ausdruck und Werkzeug seiner Geistseele ist und ihr die Möglichkeit verschafft, sich zu betätigen und zu entfalten.   . . .

Wir können zusammenfassend sagen, daß der Körperbau des Mannes geeigneter ist zum Umgestalten der Umwelt, während die körperliche Beschaffenheit der Frau ihre größere Begabung zum Ausgestalten und Pflegen einer geschlossenen Umwelt „der nahen und nächsten Dinge“ zum Ausdruck bringt.  . . .

Das sich an die geschlechtliche Begegnung anschließende Geschehen zeigt eine ähnliche Polarität von männlicher Aktivität und weiblicher Passivität: Die männlichen Samenzellen umschwirren mit großer Beweglichkeit das ruhende weibliche Ei, bis eine dieser Zellen in das Ei eindringt und es befruchtet. Vorher lag das Leben, das im weiblichen Schoß durch die Befruchtung erweckt wird, gleichsam im Schlummer; erst durch das Eindringen der männlichen Samenzelle wird es erweckt und zur Entfaltung gebracht. Die Aktivität des Mannes bzw. seiner Samenzelle und das mehr passive Verhalten der Frau bzw. ihrer Eizelle bei der Befruchtung dürfen allerdings nicht verdunkeln, daß beide Geschlechter gleichermaßen zur Gestaltung und erblich bestimmten Eigenart des neu entstandenen Lebens beitragen.

Wenn wir oben der männlichen Aktivität beim Begattungsakt die weibliche Passivität gegenübergestellt haben, so war dies nur eine ungefähre Kennzeichnung dessen, was bei der geschlechtlichen Vereinigung geschieht. Denn das Verhalten des Mannes läßt sich zwar sachgemäß als Aktivität bezeichnen, das Verhalten der Frau aber ist mit dem Begriff Passivität nicht ganz zutreffend beschrieben, denn auch sie ist an der leiblichen Vereinigung nicht als untätiges Gegenüber, sondern als liebender, sich hingebender und somit aktiver Partner beteiligt. Es ist daher begrifflich genauer, das Verhalten der Frau als empfangend (rezeptiv) zu bezeichnen.  . . .

Die genannten physiologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern machen zur Genüge deutlich, wie sehr die Geschlechtlichkeit die ganze Leiblichkeit des Menschen in vielfältiger Weise bestimmt. Die Totalität der leiblichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigt zeichenhaft die Totalität ihrer geistig‑see­lischen Verschiedenartigkeit an, der wir uns im nächsten Kapitel widmen wollen.

Unsere Ausführungen über die totale Geschlechtsbestimmtheit des Menschen bedürfen freilich einer wesentlichen Einschränkung: Jeder Mensch besitzt in gewissem Umfang geschlechtsspezifische Merkmale des anderen Geschlechts. Dies gilt in biologischer wie in geistig‑seelischer Hinsicht. Insofern gibt es weder den „totalen Mann“ noch die „totale Frau“. Diese Erkenntnis sollte uns davor bewahren, einer wirklichkeitsfernen Vorstellung von Männlichkeit bzw. Weiblichkeit zu huldigen und die vorhandenen Unterschiede zwischen Mann und Frau als absoluten Gegensatz mißzuverstehen.

 

2. Die geistig‑seelischen Unterschiede der Geschlechter

Das vorangegangene Kapitel über die Leibesunterschiede von Mann und Frau hat bereits eine ganze Reihe von geistig‑seelischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zur Sprache gebracht. Die Leib‑Seele‑Einheit des Menschen beinhaltet, daß der ganze Mensch von seinem Geschlecht bestimmt ist. In der Tat bestätigen umfangreiche Untersuchungen, daß es bemerkenswerte Unterschiede in der geistigen und psychischen Eigenart der Geschlechter gibt.  . . .

Die mehr schöpferische und die mehr empfangende Eigenart des geistigen Lebens bei Mann und Frau ist von tiefer Bedeutung für die menschliche Kultur. Die Dichterin Gertrud von le Fort sieht gerade in dem Empfangen der geistigen Kulturleistungen die besondere und unersetzliche Aufgabe der Frau. Die Frau ist für sie „Bewahrerin und Pflegerin der geistigen Werte“, während sie im Mann den Schöpfer der Kultur sieht, welcher der Frau als „Empfangende“ seines Werkes notwendig bedarf: „Geben ohne Empfangen würde ins Leere fallen! Kultur will nicht nur geschaffen, sie will auch getragen, sie will auch gehegt, sie will auch wie ein Kind geliebt sein.“ Die Frau ist in besonderem Maße dazu befähigt, „sich dienend und verstehend dem Vorhandenen zuzu­wenden und Beziehungen zwischen dem Vorgegebenen und den Menschen zu vermitteln “ (Reidick), d. h. die geistigen Werte den Menschen nahezubringen.

Diese Verbindung geistiger Inhalte mit dem konkreten menschlichen Leben verwirklicht die Frau in besonderem Maße als Mutter gegenüber ihrem Kind: „Die Mutter, die dem Kind die ersten Laute der Sprache lehrt . . ., die ihm die ersten Lieder seines Volkes vorsingt, ihm seine Märchen erzählt, sie stellt auch in des Kindes Leben den ersten und weithin entscheidenden Kulturfaktor dar, den frühesten Einfluß seines geistigen Lebens. Er ist von unermeßlicher Bedeutung nicht nur für das Kind, sondern auch für die Kultur“ (G. von le Fort). Das geistige Schaffen des Mannes läßt sich als eine geistige „Vaterschaft“ in Analogie zu seiner leiblichen Vaterschaft verstehen. Dies wird im deutschen Sprachgebrauch angedeutet, wenn beispielsweise Wernher von Braun als „Vater“ der Weltraumfahrt oder Sacharow als „Vater“ der russischen Wasserstoffbombe bezeichnet werden. Umgekehrt stellt das empfangende, bewahrende und mit dem Leben verbindende Geistesleben der Frau einen Teil ihrer geistigen Mutterschaft in Entsprechung ihrer biologischen Mutterschaft dar. Vaterschaft und Mutterschaft sind also Wesensmerkmale von Mann und Frau, die nicht nur ihr leibliches, sondern auch ihr geistiges Leben bestimmen.  . . .

Die größere Empfindsamkeit der Frau bewirkt im Umgang mit Personen ein besonderes Maß an Einfühlungsvermögen in deren Eigenart und Bedürfnisse. Die Frau läßt sich daher mit gewissem Recht als „Psychologin von Natur“ (Kampmann) bezeichnen. „Sie fühlt und errät, wo der Mann oft noch tastet und irrt“ (Croner). Bereits bei jungen Mädchen zeigt sich, daß das „Erleben der fremden Seele . . . viel feiner und ausgeprägter als beim Knaben“ ist (Croner).

Das besondere Einfühlungsvermögen der Frau bewährt sich in unübertrefflicher Weise in ihrem Muttersein. Max Scheler weist darauf hin, daß die in der Schwangerschaft entstandene „vitalpsychische Einheit zwischen Mutter und Kind durch die organische Ablösung der Leiber noch nicht ganz zerrissen ist“ und die Mutter „so etwas wie ein organisches Zeichensystem für den kindlichen Lebensablauf mit sich“ herumträgt, „das sie auf eine tiefere Art und Weise wissen läßt um ihr Kind, als es einem anderen zugänglich ist.“ So wie sich der Körper der Frau in staunenswerter Weise an die Bedürfnisse des Säuglings anpaßt, indem er soviel Muttermilch produziert wie das Kind benötigt, so paßt sich auch die Seele der Frau in einzigartiger Weise den Bedürfnissen des Kindes an. Die besondere Einfühlungsgabe der Frau steht also in ganz enger Beziehung zu ihrer mütterlichen Aufgabe, sie ist ein Merkmal ihrer, wesenhaften Mütterlichkeit, die sie auch zu bestätigen und zu entfalten vermag, wenn ihr eigene Kinder versagt bleiben.  . . .

Die besondere Pflegebereitschaft der Frau wird unterstützt durch ihre ‑ ebenfalls schon im Mädchenalter feststellbare ‑ größere Anpassungsfähigkeit. Diese ist im Grunde nichts anderes als eine Folge des besonderen weiblichen Einfühlungsvermögens: Aus der Einfühlung in die Bedürfnisse anderer Menschen entsteht die Fähigkeit, sich ihnen in angemessener Weise anzupassen.  . . .

Unsere Darstellung der geistig‑seelischen Geschlechtsunterschiede hat gezeigt, wie sehr die Geschlechter nicht nur in ihrem leiblichen Dasein, sondern gerade auch in ihrem geistig‑seelischen Leben sich charakteristisch voneinander unterscheiden. Im folgenden Kapitel wollen wir versuchen, das bisher Gesagte in eine zusammenfassende Gesamtschau überzuführen, die das verschiedenartige Weltverhältnis der Geschlechter zum Inhalt hat.

 

3. Der verschiedene Weltbezug der Geschlechter

Mannsein und Frausein ist mehr als nur die Summe von bestimmten geschlechtseigentümlichen Eigenschaften. Wir müssen deshalb versuchen, eine Gesamtschau zu entwickeln, in die sich die einzelnen geschlechtsbedingten Eigenschaften leiblich‑seelischer Art einordnen lassen.

Der von uns gesuchte übergreifende Gesichtspunkt, von dem her die verschiedenen Einzelunterschiede zwischen den Geschlechtern verstanden werden können, liegt in dem verschiedenartigen Weltbezug von Mann und Frau: Der Mann hat ein engeres Verhältnis zur Welt der Sachen (und Sachverhalte), während die Frau eine engere Beziehung zur Welt der Personen besitzt.

Die engere Beziehung des Mannes zur Sachwelt zeigt sich in seiner gesamten leiblich‑seelischen Konstitution, wie wir sie in den beiden vorangegangenen Kapiteln geschildert haben: Der Körper des Mannes ist angelegt auf die praktische Umgestaltung und Veränderung der Umwelt (vgl. unsere Ausführungen über das Skelett und die Muskulatur des Mannes). Seine gegenüber der Frau ausgeprägtere Fähigkeit zum abstrakten und räumlichen Denken zielt auf eine erkennende Durchdringung der Sachwelt, welche die geistige Grundlage für deren praktische Umgestaltung ist.

Während der Körper der Frau in starkem Umfang auf Gebären und Aufzucht der Nachkommenschaft ausgerichtet ist, besteht die leibliche Ausrichtung des Mannes auf Nachkommen nur in der Befähigung zum zwar alles entscheidenden, aber nur kurzen Moment der Zeugung. Der Schwerpunkt des männlichen Daseins liegt offensichtlich nicht auf der personalen Aufgabe der Heranziehung der Nachkommenschaft. Auch das geistige Schöpfertum des Mannes, das sich in besonders auffälliger Weise in den genialen Werken der Geistes‑ und Kunstgeschichte und den Pioniertaten der Wissenschaft äußert, zeigt das im Vergleich zur Frau ausgeprägtere Verhältnis des Mannes zur Welt der Sachen und Sachverhalte.

Die gegenüber dem Mann ausgeprägtere Beziehung der Frau zur Welt der Personen äußert sich in ihrem ganzen leib‑seelischen Dasein: Ihr Körper ist weniger für die Umgestaltung der Umwelt als für die hegende und pflegende Ausgestaltung ihrer Umgebung geeignet, die für das Wohlbefinden und das Geborgenheitsbedürfnis des Menschen von entscheidender Bedeutung ist.  . . .

 

4. Die relative Unabhängigkeit der Geschlechterunterschiede von der Umwelt

Die geistig‑seelischen Geschlechtsunterschiede sind so offenkundig und durch so viele wissenschaftliche Untersuchungen (und nicht zuletzt Alltagserfahrungen) gesichert, daß kein ernstzunehmender Mensch sie bestreiten kann. Es wird allerdings (gerade von feministischer Seite) immer wieder behauptet, daß die feststellbaren Geschlechtsunterschiede im geistig‑seelischen Bereich überwiegend durch die Gesellschaft bedingt sind. Wir wollen deshalb die Frage nach der Bedeutung von Umwelt und Erziehung für die Unterschiede von Mann und Frau untersuchen.

Die ausschließliche Rückführung der seelischen Geschlechtsunterschiede auf die gesellschaftliche Umweltscheitert schon an der Leib‑Seele‑Einheit des Menschen. Denn wenn der Mensch wirklich eine Einheit aus Leib und Seele bildet, ist es unmöglich, dem geschlechtlich bestimmten Körper eine ganz und gar ungeschlechtliche Psyche zuzuordnen. Vielmehr muß schon aufgrund der psychosomatischen Einheit des Menschen eine geschlechtlich bestimmte Geistseele angenommen werden. Da aber die geschlechtliche Eigenart des menschlichen Leibes nicht oder kaum abhängig ist von der Umwelt, darf man auch auf eine Psyche schließen, die wenigstens in bestimmten Grenzen von der Umwelt unabhängig ist. Das Geistes‑ und Seelenleben des Menschen hat allerdings in gewissem Umfang ein Eigenleben gegenüber der praktisch kaum beeinflußbaren Eigenart des Körpers. Die relative Eigenständigkeit der Geistseele beruht auf ihrer Fähigkeit zur Selbstbestimmung (Freiheit), zum eigenen Denken, Wollen und Handeln. Diese Möglichkeit der freiheitlichen Selbstbestimmung macht gerade die Besonderheit des Menschen gegenüber der Tierwelt aus.

Die menschliche Freiheit schließt sogar die Möglichkeit ein, daß der Mensch gegen seine Natur zu denken und zu handeln vermag und ein Dualismus von Leib und Seele entsteht. Aber diese Möglichkeit ist begrenzt, da der Mensch an seinen Leib gebunden ist und nur bis zu einem gewissen Grad im Widerspruch zu ihm leben kann. Für die Geschlechtlichkeit des Menschen bedeutet alldies, daß der Mensch die Freiheit besitzt, in gewissen Grenzen gegen seine geschlechtlich bestimmte leib‑seelische Eigenart zu leben und zu handeln. Es gibt also die Möglichkeit, daß etwa ein Mann sich bewußt unmännlich oder eine Frau sich bewußt unweiblich verhält.

Perversionen wie die Homosexualität sind ein trauriger Beweis dafür, wie der Mensch seine Geschlechtlichkeit verleugnen und verfehlen kann. Auf die Kulturen angewendet heißt das, daß Kulturen möglich sind, welche die geschlechtliche Eigenart von Mann und Frau zur Entfaltung bringen, und solche, die sie unterdrücken.  . . .

Dieser Freiheitsspielraum ist allerdings nicht unbegrenzt. Wenn die Geschlechter nämlich ihre anlagebedingte männliche oder weibliche Eigenart verleugnen und unterdrücken, lehnen sie sich gegen ihr Wesen und ihre Bestimmung auf und verfehlen ihre Geschlechtlichkeit. In diesem Fall kann man und muß man von Degeneration sprechen. Es kommt also alles darauf an, daß das Leben des Menschen in Übereinstimmung mit seinen geschlechtsspezifischen Anlagen bleibt, denn nur dann verwaltet er in der rechten Weise die ihm eigene Geschlechtlichkeit und lebt seiner männlichen oder weiblichen Wesensart gemäß.  . . .

Der Amerikaner Steven Goldberg hat in einer gründlichen, nach den Worten der berühmten Anthropologin Margaret Mead „überzeugenden“ Untersu­chung nachgewiesen, daß weltweit weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart eine Gesellschaft existiert hat, in der nicht die überwältigende Mehrheit der Schlüsselpositionen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft von Männern besetzt wurde. Mit anderen Worten und entgegen der Überzeugung vieler Feministinnen ist nirgendwo und nirgendwann eine matriarchalische (d. h. von Frauen geleitete) Gesellschaftsordnung nachweisbar. Goldberg weist ferner nach, daß in allen Gesellschaften der Vergangenheit und Gegenwart die allgemeine Überzeugung herrschend war bzw. ist, daß der Mann in Ehe, Familie und Gesellschaft die Führungs‑ und Autoritätsstellung einzunehmen hat.  . . .

Goldbergs Nachweis von universal verbreiteten geschlechtsspezifischen Erwartungen und Verhaltensmustern ist eine völkerkundliche Bestätigung der These, daß nicht die Umwelt, sondern angeborene Anlagen in erster Linie für die im Erscheinungsbild der Geschlechter zutage tretenden Unterschiede verantwortlich sind.

Wir können als Ergebnis dieses Kapitels also feststellen, daß der Vorrang der Anlage vor dem Milieu aufgrund der Leib‑Seele‑Einheit des Menschen, aufgrund der Gehirn‑, Vererbungs- ­und Hormonforschung, aufgrund der Verhaltensforschung und der Ergebnisse der Ethnologie als gesichert angesehen werden muß. Wesentliche Abweichungen vom geschlechtsspezifischen Verhalten der Geschlechter werden hinreichend erklärt durch die Fähigkeit des Menschen, gegen sein Wesen und seine Bestimmung zu leben.

Aus all dem ergibt sich die für die Erziehungspraxis entscheidende Folgerung, daß jede Erziehung, welche die geschlechtsbedingte Eigenart von Mann und Frau außer acht läßt oder zu nivellieren versucht, gegen die menschliche Natur gerichtet ist und sich zwangsläufig für den Menschen zerstörerisch auswirken muß. Es ist unschwer zu erkennen, daß damit die feministische Emanzipationsbewegung in ihrem Lebensnerv getroffen ist, denn sie steht und fällt mit der Überzeugung, daß die Geschlechter sich nicht durch ein den ganzen Menschen bestimmendes Wesen unterscheiden, sondern nur durch gewisse Leibesunterschiede, die keine oder nur geringfügige Auswirkungen auf die Psyche haben.

 

5. Theologische Folgerungen

Wir beschränken uns ganz bewußt auf eine nur kurze theologische Stellungnahme zu den Ergebnissen unserer Analyse der Geschlechtsunterschiede, da der Schwerpunkt unserer Untersuchung auf dem biblischen Befund und seinen Konsequenzen für die Gegenwart liegt. Der letzte Maßstab für die Überzeugung und das Verhalten der Christen können nie wissenschaftliche Forschungen sein, die unter dem Vorbehalt jederzeit möglicher Revision stehen; der letzte Maßstab ist vielmehr die Heilige Schrift, die als Offenbarungsurkunde Gottes tiefere Wahrheiten erschließt, als es jede noch so solide menschliche Wissenschaft vermag. Damit soll keiner Geringschätzung der Wissenschaft das Wort geredet werden, wie sie christlicher Hochmut immer wieder propagiert hat, denn echte Wissenschaft vermag dem Glaubenden zu einer tieferen Erfassung der geoffenbarten göttlichen Wahrheiten zu verhelfen. Wir werden im weiteren Verlauf unserer Untersuchung sehen, wie gut sich die biblische Schau der Geschlechter und die wissenschaftliche Sicht von Mann und Frau ergänzen und gegenseitig bestätigen.

Die erste wesentliche Folgerung des Christen aus der wissenschaftlich festgestellten Verschiedenartigkeit der Geschlechter ist die, daß Gott Mann und Frau verschieden geschaffen hat, weil er eine verschiedene Absicht mit ihnen verfolgt. Denn die Eigenart der Geschlechter ist nicht das zufällige Resultat blinder Evolutionsvorgänge, sondern Ergebnis eines bewußten Schöpfungsaktes Gottes. Alles, was Gott ins Dasein ruft, also auch die Geschlechtlichkeit des Menschen, entspringt einer tiefen Absicht Gottes und dient zu seiner Verherrlichung.  . . .

Der Mensch ist von Gott zu einem schöpfungsgemäßen Leben berufen. Wenn er gegen Gottes Schöpfung aufbegehrt, zerstört er sich selbst. In einer Zeit schlimmster Verirrungen auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit sind Christen beauftragt, vorzuleben, wie Mannsein und Frausein im Sinne Gottes zu einer Quelle tiefsten Glücks werden.

An dem christusgläubigen Mann soll man sehen, daß es eine Freude ist, Mann zu sein, und an den Christinnen soll sichtbar werden, was es heißt, mit Freuden Frau zu sein. Der Heilige Geist will uns dazu verhelfen.  . .

Wir wollen den großen Abschnitt über die Verschiedenartigkeit der Geschlechter nicht beschließen, ohne etwas über die Grenzen unseres Wissens von Mann und Frau zu sagen. So reich und fundiert unsere Erkenntnisse über die Geschlechtsunterschiede auch sein mögen, die christliche Sicht der Geschlechter weiß darum, daß uns eine vollständige rationale Erfassung des Mannseins und Frauseins verwehrt ist: Gottes Weisheit, die in allen seinen Werken aufleuchtet, ist immer größer als das, was wir begrenzte Menschen von ihr zu erfassen vermögen. Auch über Mann und Frau liegt ein tiefes Geheimnis, das uns zur staunenden Anbetung treibt. All unser Wissen über die Geschlechter bleibt notwendig Stückwerk (vgl. 1. Kor 13,9).

 

 

V. Die biblische Sicht von Mann und Frau

 

A. Mann und Frau im Alten Testament

 

1. Mann und Frau in 1. Mose 1 ‑ 3

Vorbemerkung

1. Mose 1‑3 sind die grundlegendsten Kapitel über Mann und Frau im Alten Testament. Sie bilden auch für die neutestamentliche Sicht der Geschlechter eine unerläßliche Voraussetzung, die von der Christusoffenbarung ausdrücklich bestätigt und vertieft wird. Wegen der überragenden Bedeutung der ersten Kapitel der Bibel für das Neue Testament wollen wir unsere Darstellung der alttestamentlichen Sicht von Mann und Frau ganz auf 1. Mo 1‑3 konzentrieren (Kap. 1) und die Aussagen des übrigen Alten Testaments nur kurz skizzieren (Kap. 2). Als Leitfaden für die Untersuchung der biblischen Texte über die Geschlechter dienen uns drei Grundgedanken, nämlich die Bejahung der Geschlechtlichkeit, die Überzeugung von der Gleichwertigkeit der Geschlechter und die Annahme der Verschiedenartigkeit von Mann und Frau.

Bevor wir mit der Untersuchung von 1. Mo 1‑3 beginnen, sind einige Hinweise zum Charakter und zur Auslegung dieser Kapitel unerläßlich.

1. Mo 1 bis 2,4 ist der Bericht von der Erschaffung der Welt, 1. Mo 2 stellt die Erschaffung des Menschen dar und 1. Mo 3 schildert den Sündenfall des Menschen. Alle drei Kapitel sind in poetischer Sprache abgefaßt. Der Versuch mancher Ausleger, zwischen 1. Mo 1 und den beiden folgenden Kapiteln einen wesentlichen theologischen Unterschied oder gar Gegensatz herauszuarbeiten, ist nicht überzeugend. Wir werden bei unserer Untersuchung von 1. Mo 1‑3 feststellen, daß 1. Mo 1 und die beiden folgenden Kapitel in ihrer Sicht von Mann und Frau in wesentli­chen Punkten übereinstimmen und sich in fruchtbarer Weise ergänzen.

Dabei ist von entscheidender Bedeutung, daß wir 1. Mo 1‑3 unter einem doppelten Aspekt sehen: Einerseits berichten die Kapitel von etwas in der Vergangenheit Geschehenem (z. B. Schöpfung und Fall des Menschen), andererseits machen sie Aussagen über unsere Gegenwart (z. B. die Wirklichkeit des Menschen und der Sünde). In dem, was sich im Sündenfall des ersten Menschenpaares ereignete, spiegelt sich auch die Gefährdung und Sünde des heute lebenden Menschen wider. Die Sündenfallgeschichte ist daher sowohl Bericht über ein vergangenes urgeschichtliches Ereignis als auch Illustration und Spiegel der gegenwärtigen menschlichen Sündhaftigkeit. Deshalb werden in 1. Mo 2 nicht nur Aussagen über die Zuordnung von Adam und Eva gemacht, sondern gleichzeitig grundsätzliche Aussagen über Mann und Frau, die beanspruchen, auch für die Gegenwart volle Gültigkeit zu besitzen. Dieses Ineinander von geschichtlichem Tatsachenbericht ‑ der freilich nicht als protokollarisch genauer Geschichtsbericht mißverstanden werden darf ‑ und Wesensaussage über die gegenwärtige Wirklichkeit durchzieht die ganze Erzählung von der Erschaffung des Menschen und dem Sündenfall.

Ein schönes Beispiel ist der Wechsel vom Bericht über Vergangenes zur grundsätzlichen Aussage über den Menschen in 1. Mo 2,23. 1. Mo 2,23 schildert das Erstaunen Adams beim ersten Anblick Evas. 1. Mo 2,24 folgert daraus die heute noch gültige Wahrheit: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein.“ Unmittelbar anschließend wird der Bericht über Adam und Eva fortgesetzt: „Und sie waren beide nackt . . .“ Dieses Beispiel zeigt anschaulich die Verquickung von Vergangenheits- und Gegenwartsaussage.

In unserer Analyse von 1. Mo 1‑3 wollen wir uns bemühen, diesem Ineinander von historischer und bleibend gültiger Wahrheit in den Texten gerecht zu werden. Der Schwerpunkt wird freilich auf der Frage nach den heute noch geltenden grundsätzlichen Aussagen über Mann und Frau liegen.

 

a. Die Bejahung der Geschlechtlichkeit

Der Bericht über die Erschaffung der Welt in 1. Mo 1 findet seinen Höhepunkt in der Erschaffung des Menschen: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau“ (V 27). Dieser Vers bejaht die menschliche Geschlechtlichkeit als von Anfang an gegeben, und zwar als von Gott gewolltes Merkmal des Menschen. Gott schuf den Menschen nicht als ungeschlechtlichen Geist, sondern als Mann und Frau. Die Aussage von Vers 27 erhält durch den Vers 31 noch zusätzlich Gewicht: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Mannsein und Frausein stehen also unter dem uneingeschränkten Wohlgefallen Gottes, sie sind in Gottes Augen „sehr gut“ und müssen deshalb auch vom Menschen als „sehr gut“ akzeptiert werden. In Vers 28 wird zudem die leibliche Seite der menschlichen Geschlechtlichkeit unter Gottes besonderen Segen gestellt. ­„Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde . . .“ Die Nachkommenschaft als Ziel menschlicher Sexualität ist Frucht göttlichen Segens und Verwirklichung von Gottes Plan.

1. Mo 1 ist frei von allen Formen der Leibfeindlichkeit, die den Körper als das „Tierische“ am Menschen geringschätzt oder gar als „Gefängnis“ seiner Seele (Platon) verachtet. Die Bejahung der menschlichen Geschlechtlichkeit, Leiblichkeit und Sexualität ist so vorbehaltlos, daß sie nicht mehr übertroffen werden kann. Denn was könnte von den Geschlechtern Größeres gesagt werden, als daß sie die Verwirklichung sehr guter Gedanken Gottes sind? Der Alttestamentler Claus Schedl sagt deshalb völlig zu Recht: „Wenn je ein volles Ja zur geschlechtlichen Wirklichkeit gesprochen wurde, dann im Schöpfungsbericht.“ – Leider zeigt die Geschichte der Christenheit zur Genüge, wie wenig selbstverständlich das volle Ja zur Geschlechtlichkeit in 1. Mo 1 unter Christen oft war.  . . .

 

b. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter

Die ersten Kapitel der Heiligen Schrift sind von der Überzeugung getragen, daß die Geschlechter vor Gott gleichwertig sind. Ein besonders eindrückliches Zeugnis für die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ist 1. Mo 1,27: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Mann und Frau wird hier die Würde zugestanden, Abbild Gottes zu sein. Kein Geschlecht erhält einen Vorzug, der es gegenüber dem anderen wertvoller macht. Mit 1. Mo 1,27 ist die Gleichwertigkeit der Geschlechter betont: beide zusammen erst stellen die Gattung Mensch dar. . . .

1. Mo 1,27 ist das für alle Zeiten gültige biblische Nein zur Abwertung der Frau, in welcher Gestalt diese auch auftreten mag. Die Frau besitzt die volle Würde der Ebenbildlichkeit mit Gott. Man könnte den ersten Teil von Vers 27 auch mit den Worten umschreiben: „Und Gott schuf Mann und Frau zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er sie.“  . . .

Worin besteht nun aber der genaue Inhalt der Gottebenbildlichkeit? Einen wichtigen Hinweis zur Beantwortung dieser Frage gibt uns der Zusammenhang von 1. Mo 1,27: In Vers 28 beauftragt Gott den Menschen mit der Herrschaft über die ganze Schöpfung: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel im Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott und Herrschaft über die Schöpfung stehen also offensichtlich in innerem Zusammenhang: Der Mensch bildet das Herrsein Gottes ab, indem er selber Herr über die Erde ist. Damit ist freilich nicht gesagt, daß die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott identisch ist mit seiner Herrschaft über die Schöpfung, sie ist vielmehr deren Voraussetzung. Weil der Mensch Abbild Gottes ist, ist er dazu befähigt und ermächtigt, über die Erde zu herrschen.  . . .

Wenn die Ebenbildlichkeit mit Gott Voraussetzung des menschlichen Herrschaftsauftrages ist, liegt es nahe, sie auf die menschliche Geistseele zu beziehen, also auf seine Fähigkeit zum bewußten Denken, Wollen und Handeln, welche die notwendige Voraussetzung seiner Herrschaft über die Schöpfung darstellt. Für sie läßt sich auch der einleuchtende Gedanke anführen, daß der Mensch gerade durch seinen Geist, durch sein Personsein Gottes Personalität abbildet und sich von der Tierwelt qualitativ unterscheidet: Gottes Personhaftigkeit, die sich in seinem Denken, Wollen und Handeln äußert, hat ihr Abbild im personenhaften Denken, Wollen und Han­deln des Menschen. Außerdem erscheint der Gedanke als abwegig, daß der Mensch durch seinen materiellen Leib Gottes völlig immaterielles Sein abzubilden vermag.

Trotzdem ist diese Deutung nicht voll befriedigend. Schon A. Dillmann hat in seinem Kommentar darauf hingewiesen, daß man den menschlichen Geist nicht derart von seinem Körper trennen kann, wie es die angeführte Auslegung tut: „Sofern dieses geistige Wesen des Menschen auch seiner äußeren Erscheinung den Adel und die Würde (schöne Gestalt, aufrechte Stellung, gebietende Haltung . . . ) verleiht, welche ihn vor allen irdischen Geschöpfen auszeichnen, ist seine leibliche Gestalt, der Ausdruck und das Werkzeug seines Geistes, von seinem geistigen Wesen nicht zu trennen“. In 1. Mo 1,27 wird eben nicht die menschliche Geistseele, ‑ sondern der Mensch als Bild Gottes bezeichnet ‑ zumal es für den Begriff „Geistseele“ im Hebräischen keine genaue Entsprechung gibt (am ehesten entspräche ihm der Begriff leb, Herz). Der Begriff Mensch (adam) aber meint im Hebräischen immer den ganzen Menschen, der als Ganzer Geschöpf Gottes ist und ohne Leiblichkeit gar nicht gedacht werden kann.  . . .

Dies hat Konsequenzen für unsere eingangs gestellte Frage, ob die Gottebenbildlichkeit des Menschen auch auf seine Geschlechtlichkeit bezogen werden darf. Da die Geschlechtlichkeit den ganzen Menschen umfaßt, liegt es nahe, auch sie in seine Ebenbildlichkeit mit Gott einzubeziehen, zumal in 1. Mo 1,27 ausdrücklich von Mannsein und Frausein die Rede ist. Man wird allerdings sehr behutsam vorgehen müssen bei der Beantwortung der Frage, in welcher Weise Mann und Frau Gott abbilden. Denn zum einen sagt unser Text darüber nichts aus, und zum anderen besagt die Tatsache, daß der ganze Mensch Gott abbildet, noch keineswegs, daß der Mensch Gott in allem abbildet. Der Mensch ist ja nicht nur Abbild Gottes, sondern auch Geschöpf Gottes und insofern viel enger mit der Schöpfung verbunden als mit dem Schöpfer. So sehr auch sein Leib zur Gottebenbildlichkeit gehört, indem er menschliches Leben, Denken und Handeln ermöglicht, so wenig ist deshalb die materielle Daseinsform des menschlichen Körpers Abbild Gottes, denn Gottes Dasein ist frei von jeder Gebundenheit an einen materiellen Leib.

Wir müssen deshalb immer fragen, in welcher Hinsicht der Mensch Gott abbildet und in welcher Hinsicht nicht, in welcher Weise die menschliche Geschlechtlichkeit Abbild Gottes ist und in welcher Weise nicht. Mit dieser Fragestellung haben wir freilich längst den Bereich der Exegese unseres Textes verlassen und den Bereich systematisch‑theologischer Durchdringung beschritten.  . . .

Das gleichwertige Gegenüber der Geschlechter wird durch den folgenden Vers noch unterstrichen: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch“ (V. 24). Das „Ein‑Fleisch‑Werden“ drückt die gleichwertige partnerschaftliche Verbundenheit von Mann und Frau aus, ihre personale Gemeinschaft, zu der sowohl die körperliche wie die geistige Gemeinschaft von Mann und Frau, das gegenseitige Helfen bei der Arbeit, das gegenseitige Verstehen, die Freude aneinander, das Ausruhen aneinander gehört. 1. Mo 2,24 ist frei von jeglicher Geringschätzung der Frau. So köstlich ist sie offenbar dem Manne, daß er sein Köstlichstes, seine Sippe, um ihretwillen verläßt. Der Vers 24 kann in seiner Tragweite nur dann hinreichend verstanden werden, wenn man ihn auf dem Hintergrund der alttestamentlichen Hochschätzung der Eltern und der Familie sieht. Die Frau erhält hier einen höheren Stellenwert als der bei den Israeliten so geachtete Familienverband des Mannes!

Nur zwischen Mann und Frau ist das „Ein-Fleisch‑Werden“ als vollkommenste und innigste Form menschlicher Gemeinschaft möglich. Es ist offenkundig, daß 1. Mo 2,24 auf die Einehe zielt: Ausdrücklich ist nur von einem Mann und einer Frau die Rede, die ein Fleisch werden. Auch wenn der Vers nicht direkt von der Ehe als lebenslanger Institution spricht, so steht doch außer Frage, daß sich sein Wortlaut nicht mit der (frauenfeindlichen) Polygamie verträgt, sondern nur auf die Einehe beziehen läßt. – Diese wenigen Hinweise mögen genügen, um zu zeigen, wie sehr auch 1. Mo 2 von jeder Minderbewertung der Frau frei ist.

 

c. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter

1. Mo 1‑3 bezeugt, daß Wesen, Stellung und Aufgabe der Geschlechter sich fundamental unterscheiden. In 1. Mo 1 wird betont, daß Gott den Menschen als Mann und als Frau geschaffen hat (V 27), ohne daß eine nähere Aussage darüber gemacht wird, worin die Verschiedenartigkeit der Geschlechter besteht. Daß aber die Geschlechtlichkeit in dem grundlegenden Vers über die Gottebenbildlichkeit des Menschen besonders erwähnt wird, ist ein Hinweis, daß 1. Mo 1 Mannsein und Frausein nicht als zweitrangig, sondern als wichtiges Merkmal des Menschen ansieht. In 1. Mo 2 und 3 wird dann im einzelnen erläutert, worin die wesenhafte Verschiedenheit der Geschlechter besteht. – Im folgenden wollen wir versuchen herauszuarbeiten, welche Wahrheiten in 1. Mo 2 und 3 über die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau angesprochen sind.

Ein schönes Zeugnis für die Verschiedenartigkeit der Geschlechter ist 1. Mo 2,18: „Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ Der Vers spricht in markanter Weise die Hilfsbedürftigkeit des Mannes aus, in der er sich ohne das Gegenüber der Frau befindet.  . . .

Mit der Frau ist die „Hilfe“ da, die den Mann gerade da ergänzt, wo er die Ergänzung braucht. Es ist eine Verkürzung des Textes, wenn man bei dem Begriff „Hilfe“ nur an den Vorgang der Zeugung denkt, bei dem der Mann auf das Empfangen, Austragen und Gebären der Frau angewiesen ist. Dillmann macht mit Recht darauf aufmerksam, daß in Vers 18 von Fortpflanzung überhaupt nicht die Rede ist. So wie in 1. Mo 2,24 das Ein Fleisch‑Werden nicht nur das sexuelle Einswerden, sondern überhaupt die umfassende personale Gemeinschaft zwischen Mann und Frau meint, so bezeichnet der Begriff „Hilfe“, den Luther sachlich zutreffend als „Gehilfin“ übersetzt hat, die umfassende Hilfe, die der Mann im leiblichen und im geistig‑seelischen Leben durch die Frau erfährt.  . . .

Die Wesensverschiedenheit von Mann und Frau wird in 1. Mo 2 auch an der verschiedenen Weise der Erschaffung des Menschen durch Gott deutlich: Der Mann wird aus „Erde“ gebildet (V 7), die Frau dagegen aus der „Rippe des Mannes“ geschaffen (V 21 f.). Die unterschiedliche Art der Erschaffung von Mann und Frau steht in innerem Zusammenhang zu ihren verschiedenartigen Aufgaben, die sie nach 1. Mo 2 und 3 in der Schöpfung haben: Der Mann wird aus „Ackererde“ gebildet, deren Bearbeitung und Bebauung ihm von Gott anvertraut ist (l. Mo 2,15; 3,17), die Frau dagegen aus der „Rippe des Mannes“ geschaffen, dessen Gehilfin zu sein, die ihr von Gott gesetzte Lebensaufgabe ist (l. Mo 2,18). Aufgabe und Bestimmung der Geschlechter sind in 1. Mo 2 und 3 ebenso grundverschieden wie die Weise ihrer Erschaffung durch Gott, welche in einer inneren Beziehung zu ihrer Lebensaufgabe steht.  . . .

Der Mann besitzt von Gott her die Gabe und Aufgabe, die Welt geistig zu erfassen und praktisch umzugestalten. Das Untertanmachen der Welt, der Schöpfungsauftrag des Menschen nach 1. Mo 1,28, besteht nicht nur in ihrer praktischen Dienstbarmachung für den Menschen, sondern auch in ihrer geistigen „Unterwerfung“. Im Benennen der Tiere verwirklicht Adam also einen Teil des Schöpfungsauftrages, sich die Erde untertan zu machen (l. Mo 1,28). Gott will Adam nicht nur die geistige Erfassung seiner Umwelt ermöglichen, sondern auch zu der Selbsterkenntnis führen, daß er der Frau als Hilfe bedarf. Deshalb schließt der Bericht über die Namengebung der Tiere mit dem Satz: „Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach“ (V 20 b). Durch die Erkenntnis der Tierwelt lernt Adam, daß seinem Alleinsein und seiner Hilfsbedürftigkeit nicht durch ein nichtmenschliches Wesen abgeholfen werden kann.

Wie sehr Adam von Gott beauftragt ist, seine Umwelt geistig zu erfassen, zeigt sich aber nicht nur am Auftrag zur Namengebung der Tiere, sondern auch an seiner Reaktion auf die Erschaffung der Frau: Sein staunender Ausruf ist nicht nur eine freudige Gefühlsäußerung, sondern auch eine geistige Erfassung des Wesens von Mann und Frau: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin heißen, denn vom Mann ist sie genommen“ (2,23).

Es ist bemerkenswert, daß auch hier der Mann die neue Situation geistig erfaßt, und nicht etwa Gott selber die Frau dem Mann vorstellt oder die Frau sich selbst dem Mann vorstellen läßt. Es ist auch kein Zufall, daß Gott dem Mann (und nicht der Frau) das Verbot mitteilt, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen (2,16 f.). Wir sehen an all dem, daß Gott den Mann in besonderer Weise mit der Aufgabe betraut, die Welt geistig zu erschließen. Auch 1. Mo 2 und 3 bezeugen also in ihrer Weise den psychologisch feststellbaren größeren Bezug des Mannes zur Welt der Sachen und Sachverhalte.

Der größere Personenbezug der Frau wird auch an der zweiten Aufgabe sichtbar, die in 1. Mo 2 und 3 der Frau neben ihrer Bestimmung, Gehilfin des Mannes zu sein, zugewiesen ist: In 1. Mo 3,16 wird die Mutterschaft als weitere wesentliche Aufgabe der Frau sichtbar. Zwar geht es in diesem Vers um die Verhängung des göttlichen Strafurteils über die Frau aufgrund des Sündenfalls und nicht um die Formulierung von Aufgaben für sie. Der Vers setzt aber ihre mütterliche Aufgabe als selbstverständlich voraus, so wie das Strafwort über den Mann in 1. Mo 3,17 dessen Aufgabe des Nahrungserwerbs voraussetzt. Beide Geschlechter sollen durch das göttliche Strafurteil in ihrer zentralen Lebensaufgabe getroffen werden. Gehilfin des Mannes sein und Muttersein sind also nach 1. Mo 2 und 3 die zentralen Aufgaben der Frau. Beides macht den stärkeren Personenbezug der Frau sichtbar. Dabei ist bemerkenswert, daß als erstrangige Aufgabe der Frau nicht die Mutterschaft genannt wird, sondern das Leben als Gefährtin des Mannes!

Durch 1. Mo 2 und 3 fällt neues Licht auf den in 1. Mo 1,28 formulierten Schöpfungsauftrag an den Menschen, sich fortzupflanzen und die Erde untertan zu machen. Zwar wird dieser Auftrag Mann und Frau gegeben, wie aus dem Wortlaut von 1. Mo 1,28 klar hervorgeht, die Erfüllung dieses Auftrages obliegt den Ge­schlechtern aber in je verschiedener Weise, wie wir in 1. Mo 2 und 3 erfahren: Während die Frau durch ihre Mutterschaft stärker als der Mann mit der Aufgabe der Fortpflanzung und allem, was damit zusammenhängt, betraut ist, ist dem Mann in besonderer Weise das Untertanmachen der Erde anvertraut, wie in 1. Mo 2 an seiner Bebauungsaufgabe und der Namengebung der Tierwelt sichtbar wird.

So erfüllen Mann und Frau gemeinsam den göttlichen Schöpfungsauftrag, aber so, daß jeder in einer seiner geschlechtlichen Eigenart angemessenen Weise zu seiner Erfüllung beiträgt.  . . .

Zum Schluß wollen wir noch die verschiedene Stellung der Geschlechter zueinander aufzeigen, wie sie in 1. Mo 2 und 3 sichtbar wird.  . . .

Die Sündenfallgeschichte ist von bleibender Bedeutung für uns, wenn es darum geht, die besonderen Gefährdungen von Mann und Frau zu erkennen. Sie ist eine unüberhörbare Warnung vor den Gefahren, wenn die Frau die religiöse Führung an sich reißt, die Gott dem Mann aufgetragen hat: Das Unglück Evas beginnt damit, daß sie sich aus der geistlichen Führung ihres Mannes herausbegibt und sich ohne ihn auf ein Zwiegespräch mit der Schlange einläßt (l. Mo 3, 1‑5). Die Sündenfallgeschichte besteht nämlich aus zwei deutlich voneinander geschiedenen Szenen.

In der ersten Szene findet das Gespräch zwischen der Frau und der Schlange statt (l. Mo 3, 1‑5). Vom Mann ist dabei mit keinem Wort die Rede. Seine Abwesenheit ist offensichtlich vorausgesetzt, denn es heißt ausdrücklich: „Die Schlange sprach zur Frau.“ Die erste Szene schafft die inneren Vorbedingungen bei der Frau, um im gegebenen Fall Gottes Verbot zu übertreten. Erst in der zweiten Szene, in der von der Schlange nicht mehr die Rede ist, gewinnt Eva direkt Lust, vom Baum der Erkenntnis zu essen: „Und die Frau sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte“ (l. Mo 3,6). Im Gespräch mit der Schlange wurde die Saat gelegt für die Übertretung von Gottes Gebot, jetzt geht die Saat auf, und Eva gibt der Verlockung nach: „Und sie nahm von der Frucht und aß“. Vor dem Gespräch mit der Schlange be­stand keinerlei Anreiz, das göttliche Gebot zu mißachten. Jetzt aber, nach dem Gespräch, ist die Lockung da. Der Text setzt die Gegenwart der Schlange nicht mehr voraus, wohl aber (im Gegensatz zur ersten Szene) die Anwesenheit des Mannes: „Und sie gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.“ In beiden Szenen ist Eva diejenige, welche die Initiative ergreift, während Adam den Eindruck eines passiven Statisten erweckt, der sich willig der Führung seiner Frau überläßt: „Sie gab ihrem Mann auch davon, und er aß.“ Es ist offenkundig, daß die Frau beim Sündenfall über ihren Mann herrscht und anstatt ihm Gehilfin zu sein, im Sinne Gottes zu leben, ihn zum Bösen verführt. Es ist daher ganz richtig, wenn Edith Stein feststellt, daß die Frau „in der Verführung des Mannes sich über ihn erhob“.

Gerade darin weist Gott nach dem Sündenfall die Frau zurecht, indem er sie ausdrücklich der Herrschaft des Mannes unterstellt: „. . . er aber soll über dich herrschen“ (l. Mo 3,16).  . . .

In der Sündenfallgeschichte zeigt sich, daß die Frau sich und den Mann durch ihren Herrschaftsanspruch zutiefst gefährdet. Die Wahrung der gottgewollten Geschlechterordnung, wie sie in 1. Mo 2 zutage tritt, ist für beide Geschlechter ein Schutz vor dem Bösen. Die Umkehrung dieser Ordnung aber bedeutet für beide eine Preisgabe an das Böse und die damit verbundenen zerstörerischen Folgen.

Die Sündenfallgeschichte wirft von daher neues Licht auf die göttliche Zuordnung der Geschlechter: Die gottgewollte Unterordnung der Frau hat nichts zu tun mit einer Unterdrückung der Frau durch den Mann, sondern ist eine wohltätige Lebens‑ und Schutzordnung, die Mann und Frau vor der Zerstörungsmacht des Bösen bewahrt. Die Frau gerät in höchste Gefahr, wenn sie sich aus dieser Schutzordnung herausbegibt. Die Sündenfallgeschichte zeichnet die Frau als ein besonders schutzbedürftiges Wesen, das in besonderer Weise für satanische Verführung offen ist: Es ist nämlich, wie viele Ausleger bemerkt haben, kein Zufall, daß die Schlange sich gerade an die Frau wendet. Gerhard von Rad sieht in der Verführung der Frau durch die Schlange und die aus ihr entstandene Verführung des Mannes durch die Frau angedeutet, daß die Frau „den dunklen Lockungen und Geheimnissen, die unser umschränktes Leben umlagern, unmittelbarer gegenübersteht als der Mann. In der Geschichte des Jahweglaubens haben gerade die Frauen immer wieder einen Hang zu dunklen Afterkulten gezeigt“.

Eine solche Deutung entspringt keineswegs exegetischer Willkür. Es gibt sowohl im Alten Testament (vgl. 2. Mo 22,17; 1. Sam 28,7‑25) als auch aus der Völkerkunde ernstzunehmende Hinweise dafür, daß Frauen eine größere Offenheit für den okkulten Bereich besitzen als Männer. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, daß die Frau im Vergleich zum Mann eine größere Empfänglichkeit (Rezeptivität), d. h. aber auch eine größere Beeinflußbarkeit durch Einflüsse der Umwelt besitzt. Diese wertneutrale Eigenart der Frau, die sich im Bösen wie im Guten zeigt, macht sich „die Schlange“ zunutze. Am Anfang der Unheilsgeschichte der Menschheit steht die mißbrauchte Empfänglichkeit der Frau. Auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte wird Gott die Empfänglichkeit der Frau dazu benutzen, die Menschwerdung seines Sohnes zu ermöglichen: Das empfangsbereite „Mir geschehe, wie Du gesagt hast“ (Lk 1,38) der Maria bringt der ganzen Menschheit das Heil, so wie die mißbrauchte Empfänglichkeit Evas der ganzen Menschheit Unheil brachte.

Die größere Empfänglichkeit und leichtere Beeinflußbarkeit der Frau, die sich die Schlange zunutze macht, zeigt ihre besondere Schutzbedürftigkeit an, in deren Dienst ihre Unterordnung unter den Mann steht. Die Überordnung des Mannes über die Frau in 1. Mo 2 ist also eine Segensordnung, die dem Wohl der Frau dient. Sie ist eine hilfreiche Lebensordnung für beide Geschlechter. Die Sündenfallgeschichte zeigt, daß ein Umsturz dieser Ordnung für beide Geschlechter in der Katastrophe endet.

 

2. Mann und Frau im übrigen Alten Testament

a. Die Bejahung der Geschlechtlichkeit

Die Bejahung der Geschlechtlichkeit und Leiblichkeit des Menschen findet sich nicht nur in 1. Mo 1‑3, sondern bildet ein charakteristisches Kennzeichen des gesamten Alten Testamentes. Es ist nicht möglich, hier die Vielzahl von Texten aufzuführen, die dies belegen. Wir müssen uns daher auf einige wenige Stellen beschränken. Ein beredtes Zeugnis für das volle Ja zur menschlichen Geschlechtlichkeit und Sexualität ist beispielsweise Sprüche 5,18‑19: „Deine Quelle sei gesegnet! Freue dich der Frau deiner Jugend! Die liebliche Hinde, die anmutige Gemse, ihre Brüste mögen dich allezeit berauschen,‑ in ihrer Liebe sei trunken immerfort.“ Diese Stelle zeugt von einer solch freudigen Bejahung der Geschlechtlichkeit, daß mancher Leser vermutlich überrascht sein wird, ein solches Wort überhaupt in der Bibel zu finden. Ein Höhepunkt in der alttestamentlichen Bejahung des Geschlechtlichen ist das Hohe Lied, das in unübertrefflicher Weise die Schönheit und Freude der Liebe zwischen Mann und Frau schildert.  . . .

Selbst im Prediger Salomonis, wo so viel von der Mühseligkeit und Nichtigkeit des menschlichen Daseins gesprochen wird, heißt es: „Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, alle Tage deines flüchtigen Lebens, die er dir unter der Sonne gegeben hat“ (9,6). Die hier ausgesprochene Bejahung ehelicher Liebe hat sogar Niederschlag in der Gesetzgebung Israels gefunden: Nach 5. Mo 24,5 ist der Ehemann ein Jahr lang gesetzlich befreit vom Kriegsdienst und ähnlichen Diensten, „damit er fröhlich sei mit seiner Frau, die er genommen hat.“  –  Die genannten Stellen mögen genügen, um die das ganze Alte Testament kennzeichnende Bejahung des Geschlechtlichen zu dokumentieren.

 

b. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter

Das Wissen um die Gleichwertigkeit der Geschlechter tritt an vielen Stellen des Alten Testamentes zutage.  . . . Das gleiche gilt für jene Bestimmung, die das Schlagen oder Verfluchen der Mutter genauso mit dem Tode bestraft wie das Schlagen oder Verfluchen des Vaters (2. Mo 21,15‑17. 3. Mo 20,9). Dies ist um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, daß das Schlagen oder Verfluchen der Mutter im babylonischen Recht straffrei blieb. Nach alttestamentlichem Denken haben Vater und Mutter das gleicheAnrecht auf Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam seitens der Kinder . . . Einen Gradunterschied gibt es hier nicht. Dies wird auch am 5. Gebot des Dekalogs deutlich: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird“ (2. Mo 20,12; vgl. 5. Mo 5,16).

Die alttestamentliche Hochachtung vor der Frau wird auch an der Tatsache sichtbar, daß von den im Alten Testament berichteten Namengebungen der Kinder 28 durch die Mutter und nur 18 durch den Vater erfolgen. All dies zeigt die hohe Wertschätzung, die der Frau als Mutter entgegengebracht wird. Hinzu kommt die auffallende Hochschätzung der Ehefrau. Der Hymnus auf die tüchtige Frau in Sprüche 31 ist bezeichnend: „Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. . .  Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist gütige Weisung . . . Ihre Söhne stehen auf und preisen sie, ihr Mann lobt sie . . . eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll man loben“ (31,10‑12.26.28.30).

Auch in religiöser Hinsicht wird im Alten Testament eine Gleichwertigkeit der Geschlechter deutlich. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen erleben persönliche Gotteserfahrungen (vgl. Ri 13,3 ff.; 1. Mo 16,7 ff.; 21,17) und Gebetserhörungen (vgl. 1. Mo 25,21; 1. Sam 1, 18‑20), nehmen an so wichtigen Ereignissen teil wie der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem (2. Sam 6,5.15.19) und dem Gottesdienst des Esra nach der Rückkehr aus dem Exil, beteiligen sich an den Kulthandlungen und religiösen Feierlichkeiten, vor allem an der häuslichen Passahfeier (2. Mo 12,3 ff.), und bei der Darbringung von Opfern (Ri 13,23). Frauen dürfen wie Männer bei Jahwe schwören (vgl. Rt 1, 17) und das Gelübde eines Gottgeweihten (Nasiräer) ablegen (vgl. 4. Mo 6,2). Das Gesetz gilt grundsätzlich für beide Geschlechter (vgl. 5. Mo 29,8 f.).  . . .

Auch die prophetische Berufung ist keineswegs dem Mann vorbehalten: Das Alte Testament berichtet von bedeutenden Prophetinnen wie Mirjam (2. Mo 15,20), Debora (Ri 4,4; 5,7), Hulda (2. Kön 22,14) und Noadja (Neh 6,14). Diese Hinweise mögen genügen, um zu zeigen, daß die Ebenbürtigkeit der Geschlechter bei den Israeliten im natürlichen wie auch im religiösen Bereich Anerkennung fand. – Allerdings muß an dieser Stelle einschränkend darauf hingewiesen werden, daß es im Alten Testament auch eine Reihe von Stellen gibt, die eine Geringerbewertung und Benachteiligung der Frau zum Ausdruck bringen.

 

e. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter

Das Alte Testament setzt die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau als selbstverständlich voraus. Dies zeigt sich im religiösen wie im natürlichen Bereich. Beispielsweise waren die Frauen im Gegensatz zu den Männern nicht verpflichtet, an den drei großen Festen Israels zum Heiligtum zu wallfahren (vgl. 2. Mo 23,17; 34,23; 5. Mo 16,16 f.). Der bedeutsamste Unterschied zwischen Mann und Frau in religiöser Hinsicht bestand aber darin, daß das Priesteramt, das nicht nur im Opferdienst, sondern auch in der autorisierten Gesetzesauslegung bestand (vgl. 3. Mo 10,11), im Gegensatz zur Praxis der orientalischen Umwelt nur dem Mann vorbehalten war (vgl. 2. Mo 28 f.; 3. Mo 8 f.). Dies entspricht ganz der in 1. Mo 2 und 3 sichtbar werdenden geistlichen Führungsstellung des Mannes, die wir bei unserer Untersuchung feststellen konnten.

Auch im natürlichen Bereich hat man in Israel dem Mann die Führungsaufgabe zugestanden. Der Mann war verpflichtet, für den Schutz des Gemeinwesens einzutreten und für den Lebenserhalt und den Schutz von Frau und Familie zu sorgen (vgl. J es 4, 1). Die Frau dagegen hatte die Leitung des Hauswesens inne. Bei der Kindererziehung, die gemeinsam von Vater und Mutter ausgeübt wurde, waren ihr vornehmlich die Kleinkinder und Töchter anvertraut, während der Mann stärker bei den älteren Kindern und vor allem bei den Söhnen in den Vordergrund trat. Der Mann galt allgemein als Haupt der Familie, als derjenige, der die letzte Entscheidungsgewalt innehatte (vgl. 2. Mo 21,3.22; 5. Mo 24,1‑4). Seine Überordnung über die Frau kam in der Anrede „adon“, d. h. „Herr“ (vgl. 1. Mo 18,12; Ri 19,26f.) zum Ausdruck, mit der ihn seine Frau anredete.   . . .

Man wird zusammenfassend sagen können, daß im alttestamentlichen Israel die verschiedenartigen Aufgaben von Mann und Frau, wie sie in 1. Mo 2 und 3 umschrieben werden (der Mann als Führer und Ernährer der Frau, die Frau als Gefährtin des Mannes und als Mutter), als für den religiösen und natürlichen Bereich gültig angesehen wurden. Allerdings entsprach die gesellschaftliche Praxis im alten Israel keineswegs der Zuordnung der Geschlechter von 1. Mo 2. Die dort ausgesprochene Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit der Frau als Gefährtin des Mannes wurde – obwohl ihr im rechtlichen Bereich Rechnung getragen wurde ‑ durch eine soziale Minderbewertung und Benachteiligung der Frau faktisch teilweise außer Kraft gesetzt.

 

d. Die Unterdrückung der Frau

Die Hochschätzung der Frau im Alten Testament wird beeinträchtigt durch Gesetzesbestimmungen und Traditionen, die auf eine Unterdrückung der Frau hinauslaufen und ihr die Ebenbürtigkeit verweigern. Rechtlich gilt der Mann als „Besitzer“ der Frau (vgl. 2. Mo 21,3.22; 5. Mo 24,4) und die Frau als „Besitz“ des Mannes (l. Mo 20,3). Der Bräutigam hatte an den Brautvater ein Heiratsgeld zu zahlen (l. Mo 34,12; 1. Sam 18,25), mit dessen Erstattung die „Verlobung“ besiegelt wurde und der Rechtsanspruch des Bräutigams in Kraft trat. Das hebräische Wort für „verloben“ bedeutet daher eigentlich „rechtlich zu eigen gewinnen.“ Die auf die Verlobung folgende „Heirat“ war dementsprechend ein Akt des „In‑Besitz-Nehmens“ der Frau durch den Mann (vgl. 5. Mo 21,13; 24, 1). Wenngleich all dies nicht überbewertet werden darf, da andere Gesetzesbestimmungen die Würde der Frau als Person festhalten, so liegt es doch auf der Hand, daß eine derartige sachrechtliche Einstufung der Frau im völligen Widerspruch steht zu ihrer Wertschätzung als ebenbürtiger Gefährtin des Mannes in 1. Mo 2. Das gleiche gilt für die in Israel gesetzlich erlaubte Polygamie (vgl. 3. Mo 18,18; 5. Mo 21,15). Sie widerspricht eindeutig 1. Mo 2,24, wo von einem Mann und einer Frau als Partnern in der gottgewollten Geschlechtsgemeinschaft die Rede ist. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß auch im alttestamentlichen Israel die Einehe die normale Form des geschlechtlichen Zusammenlebens war.

Ein weiteres Beispiel für die rechtliche Benachteiligung der Frau sind die Ehescheidungs- ­und Ehebruchbestimmungen: Während dem Mann unter bestimmten Bedingungen die Scheidung zugestanden wird (vgl. 5. Mo 24,1), gab es für die Frau kein Scheidungsrecht. Während beim Mann Ehebruch erst dann vorlag, wenn er mit einer verheirateten oder verlobten Israelitin Geschlechtsverkehr hatte (vgl. 5. Mo 22,22‑29), galt für die Ehefrau jede sexuelle Beziehung außerhalb ihrer Ehe als Ehebruch. Der Mann konnte also die eigene Ehe gar nicht brechen, sondern nur eine fremde. Auch im Erbrecht war die Frau benachteiligt: „Man weiß nichts von einem Erbrecht der Töchter in Israel, falls Söhne da waren“ (Hick).

All diese Beispiele zeigen, daß die Minderbewertung und Benachteiligung der Frau im Alten Testament noch nicht vollständig überwunden ist. Trotzdem wird man angesichts der vielen alttesta­mentlichen Zeugnisse für die Hochschätzung der Frau dem Alttestamentler Döller zustimmen müssen, der am Schluß seiner ausführlichen Arbeit über die Stellung der Frau im Alten Testament zu dem Ergebnis kommt: „Ohne Zweifel hat die Frau bei den Israeliten eine Stellung eingenommen, wie bei wenigen anderen Völkern.“

 

 

B. Mann und Frau im Neuen Testament

1. Mann und Frau bei Jesus

a. Die Bejahung der Geschlechtlichkeit

In der Verkündigung Jesu kommt ein vorbehaltloses Ja zur menschlichen Geschlechtlichkeit zum Ausdruck. Wir sehen dies am deutlichsten an Mt 19,3‑9, wo Jesus die in 1. Mo 1 und 2 ausgesprochene Bejahung der Geschlechtlichkeit ausdrücklich aufnimmt. Jesus antwortet dort auf die Frage, ob ein Mann seine Frau aus jedem beliebigen Grund entlassen darf. Er beginnt seine Antwort mit dem Verweis auf 1. Mo 1,27 und 1. Mo 2,24: „Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer sie von Anfang an als Mann und Frau geschaffen und gesagt hat: Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein?“ (Mt 19,4).

Die Geschlechtlichkeit ist also ursprünglichste Schöpfungsabsicht Gottes. In Mt 19,5 macht Jesus vollends deutlich, daß er keinen androgynen Urzustand des Menschen kennt: Indem er 1. Mo 2,24, wo die menschliche Zweigeschlechtlichkeit unzwei­deutig ausgesprochen ist, unmittelbar mit 1. Mo 1,27 (Mt 19,4) verknüpft, bringt er zum Ausdruck, daß auch 1. Mo 1,27 von der Polarität der Geschlechter und nicht vom doppelgeschlechtlichen Urmenschen spricht. Jesus unterstreicht also in Mt 19,4 f. mit Nachdruck, daß die menschliche Geschlechtlichkeit einschließlich der sexuellen Vereinigung von Mann und Frau (V. 5) Gottes gutem Schöpferwillen entspricht. Von daher ist es verständlich, daß Jesu gesamte Verkündigung völlig frei ist von jeder Mißachtung oder Geringschätzung der Geschlechtlichkeit. Dies kannnicht überraschen, denn bereits Jesu Menschwerdung schließt die uneingeschränkte Bejahung der Geschlechtlichkeit ein: Indem Jesus als Mann auf Erden erscheint, ist das Mannsein als gottgewollte Schöpfungswirklichkeit bestätigt, und indem Jesus von einer Frau geboren wird, zeigt sich, daß auch das Frausein Gottes Wohlgefallen hat.

Die Einstellung Jesu zur Geschlechtlichkeit entspricht ganz der alttestamentlichen Bejahung des Geschlechtlichen. Allerdings wiederholt Jesus nicht einfach nur die alttestamentliche Sicht, sondern führt einen neuen Gesichtspunkt ein: Jesus spricht in Mt 19,11 ff. von der Möglichkeit einer Ehelosigkeit um Gottes willen. Eine derartige Möglichkeit ist dem alttestamentlichen Denken fremd. Das Alte Testament setzt es als selbstverständlich voraus, daß die Bejahung des Geschlechtlichen auch die Ausübung der Sexualität in der Ehe mit einschließt. Ehelosigkeit erscheint als schmachvoll (vgl. Jes 4, 1) und schöpfungswidrig (vgl. 1. Mo 1,28)  . . . Beim Propheten Jeremia zeigt sich allerdings auch die Möglichkeit der Ehelosigkeit aufgrund göttlicher Berufung (Jer 16,1 ff.), ohne daß damit die Einschätzung des ehelosen Lebens als schmerzliche Entsagung überwunden ist (vgl. Jer 15,17 f.). Während die Ehelosigkeit Jeremias noch unter dem negativen Vorzeichen der zu erwartenden Leiden des kommenden Gottesgerichts steht (vgl. Jer 16,3 ff.), spricht Jesus von der Ehelosigkeit als positiver Möglichkeit zur Förderung der Herrschaft Gottes. Die von Jesus in Mt 19, 10 ff angesprochene Ehelosigkeit ist „ein freiwilliger Verzicht, der sich wegen Gottes Herrschaft, im Dienst Gottes als notwendig erweist“ (Schniewind), ein Verzicht, bei dem Gott zum Wollen auch das Vollbringen schenkt.  . . .

Für Jesu Stellung gegenüber der Geschlechtlichkeit ist noch Mt 22,23‑33 von großer Bedeutung. Jesus geht dort auf die Frage ein, was aus den Geschlechtern in der kommenden Welt Gottes wird. Zum besseren Verständnis zitieren wir den für uns wichtigen Teil im Wortlaut: „An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm, welche sagen, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn jemand ohne Kinder stirbt, soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen schaffen. Es waren aber bei uns sieben Brüder. Und der erste starb, nachdem er geheiratet hatte; und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Ebenso auch der zweite und der dritte bis zum siebenten. Zuletzt aber von allen starb die Frau. Welchem nun von den sieben wird sie in der Auferstehung als Frau angehören? Sie haben sie ja alle gehabt. Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes. Denn in der Auferstehung heiraten sie nicht und werden nicht verheiratet, sondern sie sind wie Engel“ (Mt 22,23‑30). Der Schöpfungsauftrag zur Fortpflanzung des Menschen (l. Mo 1,28) gilt also nur für die erste Schöpfung Gottes, nicht für die eschatologische Vollendung der Welt.  . . .

 

b. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter

Jesus hat durch sein Leben und durch seine Verkündigung in eindrucksvoller Weise Zeugnis von der Gleichwertigkeit der Geschlechter abgelegt. Sein Verhalten gegenüber Frauen ist so einzigartig, daß es in schroffem Gegensatz zu der frauenfeindlichen Praxis des zeitgenössischen Judentums steht. Bevor wir auf den Umgang Jesu mit Frauen näher eingehen, wollen wir kurz die Stellung der Frau im Judentum der neutestamentlichen Zeit beleuchten, da erst auf diesem Hintergrund das Außergewöhnliche an der Haltung Jesu klar hervortritt.

Die Stellung der Frau im Judentum zur Zeit Jesu

Die Stellung der Frau im Judentum zur Zeit Jesu ist weit ungünstiger als in alttestamentlicher Zeit. Während das Alte Testament beachtliche Zeugnisse für die Gleichwertigkeit der Geschlechter und die Hochschätzung der Frau enthält, hat sich im spätjüdischen Rabbinat eine offenkundige Minderbewertung der Frau durchgesetzt, die stellenweise geradezu als Frauenverachtung bezeichnet werden muß. So schreibt z. B. der jüdische Schriftsteller Josephus (37‑100 n. Chr.), daß die Frau „in jeder Beziehung geringeren Wertes als der Mann“ ist. Einer der Rabbinen prägte den Satz: „Wohl dem…. dessen Kinder männliche, und weh dem, dessen Kinder weibliche sind.“ Rabbi Jehuda sagte um 150 n. Chr.: „Drei Lobsprüche muß man an jedem Tag sprechen: Gepriesen sei Jahwe, daß er mich nicht als Heiden erschaffen hat; … gepriesen sei er, daß er mich nicht als Weib erschaffen hat; … gepriesen sei er, daß er mich nicht als Ungebildeten erschaffen hat . . . “ Die Frauen wurden von dem Rabbinen mit den geringschätzig beurteilten Kindern und den Sklaven auf eine Stufe gestellt. Die Minderbewertung der Frau zeigte sich auch in der rabbinischen Deutung der Sündenfallgeschichte: Eva wird als die Hauptschuldige hingestellt, die über die ganze Menschheit Verderben brachte.

Die angeführten Belege, die noch bedeutend vermehrt werden könnten, geben einen Eindruck von der verbreiteten Geringschätzung der Frau im damaligen Judentum. Diese Geringschätzung trat auch im gesellschaftli­chen und religiösen Leben zutage. Rabbi Jose ben Jochanan aus Jerusalem (um 150 v. Chr.) gab die Anweisung: „Sprich nicht viel mit dem Weib. Spätere Spruchweisheit fügte diesem Spruch hinzu: „Gilt dies schon vom eigenen Weib, dann um so mehr vom Weib des Nächsten. Demgemäß sagen die Weisen: Wer mit dem Weib viel redet, fügt sich selber Schaden zu …“ In diesen Warnungen vor dem Gespräch mit der Frau spiegelt sich die Tendenz des Judentums z.Z. Jesu wider, die Frau vom öffentlichen Leben fernzuhalten. Diese Zurückdrängung der Frau aus der Öffentlichkeit ging in Jerusalem so weit, daß die vornehme, gesetzesstrenge Jungfrau „vor ihrer Heirat das Haus möglichst überhaupt nicht zu verlassen“ pflegte, „die verheiratete Frau nur mit durch die Haartracht verhülltem Gesicht“ (Jeremias). Eine derartige Abgeschlossenheit der Frau findet sich im Alten Testament nicht.

Auch in religiöser Hinsicht wirkte sich diese Tendenz zur Abschirmung der Frau aus. Die Frauen durften den Tempel nur bis zu dem Frauenvorhof betreten, sie durften keine Opfer bringen, sie zählten nicht mit, wenn festgestellt werden sollte, ob die für einen Synagogengottesdienst notwendige Mindestzahl der Teilnehmer anwesend war, sie waren in den Synagogen von den Männern getrennt.  . . .

Trotz der zweifellos vorhandenen Benachteiligung der Frau im Judentum zur Zeit Jesu muß allerdings vor einer Überzeichnung dieser Diskriminierungstendenzen gewarnt werden. In wohltuendem Gegensatz zum römischen und griechischen Heidentum der Zeitenwende gab es bei den Juden keine Ehemüdigkeit. Die Ehe galt als Pflicht, der sich keiner entziehen durfte. So sagte z. B. Rabbi Eliezer ben Hyrkanos: „Jeder, der die Fortpflanzung nicht übt, gleicht einem, der Blut vergießt.“ Die Erhaltung der Ehe, die im Judentum ja überwiegend als Einehe bestand, war ein wichtiger Schutz für die Frau. Mit der Wertschätzung der Ehe verband sich zum Teil auch eine ausgesprochene Hochschät­zung der Frau als Gattin und eine allgemein anerkannte Ehrung der Frau als Mutter. Man findet bei den Rabbinen öfters die „Mahnung, daß der Mann seine Frau lieben und ehren soll“, „daß die Frau des Mannes Glück und Leben, sein Reichtum und seine Krone ist“ (Strack‑Billerbeck). – Doch die positiven rabbinischen Äußerungen über die Frau beziehen sich alle auf die verheiratete Frau, nicht auf die Frau schlechthin.  . . .

Jesu Verhalten gegenüber Frauen ist frei von der im damaligen Judentum verbreiteten Mißachtung der Frau. Er bricht ganz bewußt mit der jüdischen Sitte, wenn er beispielsweise ein langes Gespräch mit der Samariterin führt (Joh 4). Wie außergewöhnlich sich Jesus hier verhielt, zeigte die Reaktion seiner Jünger: „Seine Jünger . . . verwunderten sich darüber, daß er mit einer Frau redete“ (V.37). Am Inhalt des Gesprächs mit der Samariterin wird auch sichtbar, wie ernst Jesus die Frauen nahm: Jesus würdigt diese in sittlichem Verruf stehende Frau, ihr seine Sendung und Messianität zu offenbaren (V. 21‑26). Jesus hat deutlich zu erkennen gegeben, daß die Frau vor Gott den gleichen Wert besitzt wie der Mann. Im Gegensatz zur Praxis der jüdischen Gesetzeslehrer hat er Frauen in seinem Gefolge gehabt, die dadurch an seiner Lehre und Verkündigung ebenso Anteil nehmen konnten wie an seinem außergewöhnlichen Wirken. Jesus hat es begrüßt, wenn Frauen wie seine Jünger an seiner Lehrunterweisung teilnahmen (vgl. Lk 10,38‑42). Seine Verkündigung bevorzugte nicht das eine Geschlecht vor dem anderen, sondern galt allen ohne Vorbehalt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, denn ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir . . .“ (Mt 11,28). Die Gleichnisreden Jesu enthalten auffallend viele Beispiele aus der Lebenswelt der Frau (vgl. Mt 13,33; 24,41; Lk 15,8‑10; 18,1‑8; Mk 12,41‑44) und unterscheiden sich wohltuend von den rabbinischen Gleichnissen und Wundergeschichten . . ., in denen nur selten von einer Frau die Rede ist, und dann auch noch öfters im üblen Sinn.

Die Verkündigung Jesu ist völlig frei von jeder Form der offenen oder versteckten Mißachtung der Frau, wie sie die rabbinische Überlieferung weithin kennzeichnet. Jesus bricht beispielsweise mit der moralischen Höherbewertung des Mannes im Judentum seiner Zeit: Anstatt die Männer im Sinne der rabbinischen Mahnungen vor der gefährlichen Verführung durch die Frauen zu warnen, warnt er vor der männlichen Neigung zur Verführung der Frauen (Mt 5,27‑30). Damit entzieht er der rabbinischen Tendenz, die Frau als ein ‑ im Vergleich zum Mann ‑ moralisch minderwertiges Wesen darzustellen, jede Grundlage. Statt vor der Gefährlichkeit der Frau zu warnen, betont er die Herzensbosheit des Menschen, die beide Geschlechter gleichermaßen betrifft.

Jesus greift nicht nur die moralische Höherbewertung des Mannes im Judentum seiner Zeit an (Mt 5,27‑30), sondern auch die juristische Höherbewertung des Mannes: In Mk 10,1‑12 verurteilt er jede Form von Ehescheidung trotz der alttestamentlichen Scheidungserlaubnis (vgl. 5. Mo 24,1) und schützt die Frau dadurch vor der willkürlichen Entlassung durch den Mann. Beiden Geschlechtern schärft er die Unauflöslichkeit der Ehe als gültigen Gotteswillen ein. Jesus gibt an dieser Stelle indirekt auch klar zu erkennen, daß sich die Polygamie nicht mit seinem Eheverständnis verträgt, das ganz auf 1. Mo 2,24 basiert, wo von einem Mann und einer Frau die Rede ist.

Mit der Forderung der unauflöslichen Einehe schützt er die Frau vor der Entwürdigung und Entwertung, die mit der jüdischen Scheidungspraxis und juristisch legitimierten Polygamie immer verbunden war. Indem Jesus beide Geschlechter zur lebenslangen Treue ohne Scheidungsmöglichkeit verpflichtete, setzte er sich in Gegensatz zu allen Rechtsordnungen der Antike, die dem Mann hinsichtlich der ehelichen Treue alle eine größere Freiheit zubilligten als der Frau!  . . .

Mit der Forderung von Liebe und Selbstlosigkeitzeigt Jesus den einzigen Weg, der die durch die Sünde entstellte Beziehung der Geschlechter zu heilen vermag. Je­sus hat in beispielhafter Weise vorgelebt, wie sich die von ihm geforderte selbstlose Liebe verwirklicht. Seine barmherzige und heilende Liebe ‑ und nicht etwa eine bloße Theorie über die Gleichwertigkeit der Geschlechter ‑ ist die tiefste Ursache für sein einzigartiges Verhalten Frauen gegenüber. Jesus nahm die Frauen nicht nur grundsätzlich als Menschen ernst, die den gleichen Wert wie die Männer besitzen, sondern wandte sich darüber hinaus in beispielloser Weise den leidenden und sittlich verachteten Frauen zu. Die Frauen dürfen genauso wie die Männer die Heilungsmacht Jesu erfahren (vgl. Mk 1,29‑31; 5,25‑34; Mt 9,18; Lk 8,2; 13,10‑17).  . . .

Jesus scheut sich auch nicht, in seiner Verkündigung auf das geistliche Vorbild von Frauen hinzuweisen: Er rühmt das Gottvertrauen der Witwe, die ihr ganzes Geld in den Gotteskasten des Tempels einlegt (Mk 12,41), er staunt über den Glauben der heidnischen Syrophönizierin (Mt 15,21), er rühmt die Wahrheitssuche der Königin von Saba zur Zeit Salomos (Mt 12,41) und stellt die unermüdlich bittende Witwe den. Jüngern als Vorbild hin (Lk 18,1‑8). Es ist nicht verwunderlich, daß die Frauen auf die Zuwendung Jesu mit großem Vertrauen und Liebe reagieren. Dabei muß Jesus die Frauen immer wieder vor der Verständnislosigkeit der Männer schützen: Er verteidigt bei der Salbung in Bethanien die Frau, die sein Haupt mit kostbarem Öl salbt, gegen die Angriffe seiner Jünger (Mt 26,6). Er stellt sich hinter jene verrufene Frau, die aus dankbarer Liebe seine Füße mit Myrrhenöl salbt, obwohl er damit den Unwillen seines Gastgebers erweckt. Jesus weist seine Jünger zurecht, als sie die Frauen barsch zurück.weisen, die ihre Kinder zu ihm bringen wollen (Mt 19,13). Er läßt es zu, daß von ihm geheilte Frauen sich seinem Gefolge anschließen (Lk 8,1) und nimmt gerne die Gastfreundschaft (Lk 10,38‑42) oder Dienstleistungen von Frauen in Anspruch (Mt 27,55).

Jesu einzigartige Zuwendung zu den Frauen wurde von diesen mit einer Gegenliebe und Treue beantwortet, die für die Jünger beschämend war: Während die Jünger nach Jesu Verhaftung alle flohen (Mt 26,56 par) und bei seiner Kreuzigung nur noch Johannes anwesend war (Joh 19,26), finden sich in den letzten Stunden seines Lebens einige seiner Nachfolgerinnen in seiner Nähe oder wenigstens in Sichtweite (Joh 19,25). Die Treue dieser Frauen überdauerte sogar seinen Tod. Sie brachen am Ostermorgen auf, um Jesu Leichnam zu salben (Mt 28,1), und wurden so die ersten Zeugen der Auferstehung (Mk 16,4‑8), gewürdigt, als erste den Auferstandenen zu sehen (Joh 20,11‑18).

So hat also nicht nur der irdische Jesus, sondern auch der auferstandene Christus in machtvoller Weise demonstriert, daß mit seinem Kommen eine neue Zeit für die Frauen angebrochen ist. In Jesus ist Gottes Wertschätzung der Frau als ebenbürtiger Gefährtin des Mannes in einer Klarheit zutagegetreten, die auch die im Alten Testament sich noch findende Tendenz zur Minderbewertung der Frau endgültig hinter sich läßt.

 

c. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter

So entschlossen Jesus ‑ unbekümmert um die Meinung seiner Zeitgenossen ‑ in Wort und Tat die Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit der Geschlechter proklamiert hat, so entschieden hat er auch an ihrer Verschiedenartigkeit festgehalten. Die Evangelien lassen keinen Zweifel daran, daß Jesus eine unterschiedliche Stellung und verschiedenartige Aufgabe von Mann und Frau vorausgesetzt hat. Ein anschaulicher Beleg dafür ist seine eigene Wirksamkeit, die eine ganz verschiedene Beauftragung der Geschlechter im Dienst für Gott erkennen läßt. Es ist auffällig, daß Jesus nur Männer in den Kreis der zwölf Apostel berufen hat (Mk 3,13‑19 par). Das gilt auch für die Aussendung der siebzig Jünger (Lk 10, 1‑16). Bei Jesu letztem Mahl vor der Kreuzigung durften nur die Apostel anwesend sein (vgl. Mt 26,17‑20 par), obwohl doch einige Frauen aus dem Gefolge Jesu, darunter seine eigene Mutter, sich in Jerusalem befanden.306

Nimmt man die Tatsache hinzu, daß Jesu letztes Mahl nach dem Zeugnis der Synoptiker ein Passahmahl war (vgl. Mt 26,17‑19 par; Lk 22,15), an dem normalerweise Frauen und Kinder teilnahmen, dann ist die Beschränkung der Teilnehmer auf den Zwölferkreis um so auffallender. Da Jesus bei dieser Gelegenheit die Feier des Abendmahles als ständig zu wiederholende Handlung der Kirche einsetzt (vgl. Lk 22,19; 1. Kor 11,24‑26), liegt die Schlußfolgerung des schwedischen Exegeten B. Gärtner nahe.: „Diese Grenzziehung beim letzten Mahle muß … eine ganz bestimmte Bedeutung gehabt haben, nämlich daß die Apostel das Mysterium handhaben sollen, das ihnen während des Mahles überlassen worden ist.“ Die ausschließliche Berufung von Männern in den Zwölferkreis und Jesu Verhalten beim letzten Mahl mit den Jüngern stehen in einem inneren Zusammenhang: Jesus hat die geistliche Führungsaufgabe in seiner Gemeinde offensichtlich Männern übertragen. Dem entspricht es, wenn er als Auferstandener Männern (nämlich den Jüngern) den Auftrag zur weltweiten Evangelisationspredigt und Lehrunterweisung erteilt (Mt 28,16‑20; Mk 16,14; Joh 20,21 ff.).

Daß Jesus nur Männer in das Apostelamt berufen hat, kann weder als Zufall noch als gedankenlose Anpassung an die einseitig männlich orientierten Vorstellungen seiner Zeit gedeutet werden. Die Jüngerberufung Jesu war vielmehr eine ganz bewußte Handlung. In Mk 3,13 heißt es ausdrücklich: Jesus rief zu sich, „welche er wollte“. In Lk 6,12 wird berichtet, daß dieser Akt der Erwählung die Frucht einer einsamen Gebetsnacht Jesu war. Der Entschluß Jesu, nur Männer in das Apostelamt zu berufen, war also das Resultat einer intensiven geistlichen Prüfung im Gebet.

Der französische Neutestamentler Albert Descamps macht mit Recht geltend, daß Jesus „die notwendige Freiheit besessen“ hätte, „um wagen zu können, die Predigt vom Reiche Gottes Frauen anzuvertrauen, wenn er dies gewollt hätte und wenn er der Meinung gewesen wäre, daß dies im Plan Gottes lag.“ Offensichtlich ging Jesus davon aus, daß Gott die Leitung und Führung seiner Gemeinde Männern übertragen wollte. Es ist unschwer zu erkennen, daß Jesus hier ganz im Sinne von 1. Mo 2 dachte und handelte, denn auch dort ist dem Mann die geistliche Führungsaufgabe aufgetragen. In der Tat lassen die Evangelien erkennen, daß Jesus 1. Mo 1 und 2 als gültige Offenbarung von Gottes Schöpfungswillen anerkannt und in seiner Verkündigung vorausgesetzt hat: In Mt 19,4 ff. par beruft er sich in der Frage der Ehescheidung gegen die Tora (5. Mo 24, 1) auf 1. Mo 1 und 2 als ursprüngliche Schöpfungsordnung, die es zu verwirklichen gilt, weil mit ihm die Gottesherrschaft angebrochen ist. Jesu Verkündigung zielt also auf die Verwirklichung des ursprünglichen Schöpferwillens, wie er in 1. Mo 1 und 2 ausgesprochen ist. Von diesem Hintergrund her versteht es sich von selbst, daß Jesus keine Frauen in das Apostolat berufen konnte, weil dies im Widerspruch zur göttlichen Schöpfungsordnung gestanden hätte. Jesus wußte, daß Gott die Frau als Gehilfin des Mannes erschaffen hat. Damit ist die Grundlage für die Stellung beider Geschlechter zueinander von selber gegeben. Dem Manne ist die führende Rolle zugedacht, der Frau jene einer Stütze und Hilfe des Mannes. Das brauchte Jesus nicht eigens zu betonen, da die schöpfungsbedingte Unterordnung der Frau den israelitischen Gemeinden hinlänglich bekannt war.

Dies zeigt sich nicht nur an der ausschließlichen Berufung von Männern zum Apostolat, sondern auch am Dienst, den Frauen im Gefolge Jesu ausübten: Lk 8,2 f. erwähnt Frauen, die dem Jüngerkreis Jesu „mit ihrem Vermögen dienten.“ Das griechische Wort für „dienen“ steht hier im Imperfekt, was auf eine ständige Aufgabe der Frauen hindeutet. Es bezeichnet „die ganz persönlich einem anderen erwiesene Dienstleistung“ (Beyer), die sowohl das tägliche Aufwarten bei Tisch als auch allgemein die Sorge für den Unterhalt umfaßt. Die Frauen im Gefolge Jesu sahen ihre Aufgabe darin, im Sinne von 1. Mo 2,18 „Gehilfinnen“ Jesu und seiner Jünger zu sein, um so deren geistliche Wirksamkeit zu unterstützen. Es gibt in den Evangelien keine einzige Stelle, die darauf hinweist, daß die Frauen im Gefolge Jesu auch mit Verkündigungsaufgaben betraut waren.

In diesem Zusammenhang fällt auf, daß das betont frauenfreundliche Lukasevangelium das Wort „Jünger“ ausdrücklich auf die männlichen Jünger Jesu beschränkt, obwohl der Ruf in die Nachfolge beiden Geschlechtern gilt. Die Frauen im Gefolge Jesu werden also auch begrifflich von dem eigentlichen Jüngerkreis unterschieden. Im Unterschied zu den Jüngern wurden sie offenbar nicht in besonderer Weise berufen. Die Begründung ihres Dienstes liegt vielmehr – nach Lk 8,2 – allein in der erfahrenen Heilung von der Macht der Dämonen und der Krankheit. Wir sehen an all dem, daß Jesus nicht nur die Gleichwertigkeit der Geschlechter in Wort und Tat zum Ausdruck brachte, sondern auch die Eigenart von Mann und Frau im Sinne von 1. Mo 2 berücksichtigte. Die Frauen im Umkreis Jesu empfanden ihren Ausschluß vom Apostolat und Verkündigungsdienst gewiß nicht als Diskriminierung, da sie dankbar die Gewißheit hatten, vom Erlöser als gleichwertig geachtet zu sein.  . . .

Gleichzeitig wendet Jesus sich gegen jede Entartung der Leitungsaufgabe des Mannes zur männlichen Despotie, indem er das alttestamentlich‑jüdische Recht des Mannes, seine Ehefrau unter Umständen zu entlassen, aufhebt. Die Willkürherrschaft des Mannes über die Frau überwindet Jesus, indem er beide Geschlechter zur bedingungslosen gegenseiten Liebe und zur Lebenshingabe an Gott verpflichtet und die dazu nötige Kraft verheißt. Die Gottesherrschaft ist das Ende aller egoistisch entstellten Herrschaft des Mannes über die Frau. Unter der Herrschaft Gottes gibt es zwar noch ‑ wie man an Jesus sieht ‑ Über‑ und Unterordnung, Führung des Mannes und Geführtwerden der Frau. Aber aus der Willkürherrschaft des Mannes wird eine Regentschaft der Liebe, eine demütige Leitung, die ganz als Dienst verstanden werden muß (vgl. Mk 9,35).

 

 

2. Mann und Frau bei Paulus

Methodische Vorbemerkung

Die folgenden Ausführungen setzen die Echtheit aller dem Apostel Paulus zugeschriebenen Briefe voraus. Zwar wurden in der Forschung teilweise ernstzunehmende Gründe gegen die Echtheit der Pastoralbriefe (l. u. 2. Tim; Tit), des Epheser‑, Kolosser‑ und 2. Thessalonicherbriefes vorgebracht, aber diese Gründe sind keineswegs zwingend. Unsere Kenntnis der Entstehungsweise antiker Briefe (oft starke Beeinflussung des Briefinhalts durch Sekretäre) und historische Erwägungen erlauben es, an der Echtheit aller Paulusbriefe festzuhalten.

 

a. Die Bejahung der Geschlechtlichkeit

Der Apostel Paulus ist wohl der biblische Autor, dem man am häufigsten leibfeindliche und sexualfeindliche Auffassungen zugeschrieben hat. Eine nähere Untersuchung seiner Briefe führt allerdings zu einem anderen Resultat: Es findet sich bei Paulus kein einziges Wort, das den Leib als solchen bzw. die Sexualität verächtlich macht oder als minderwertig einstuft.

Die Stellung des Paulus zu Leiblichkeit und Sexualität muß ganz vom Hintergrund seines Schöpfungsdenkens her verstanden werden. Paulus gibt in seinen Briefen klar zu erkennen, daß er die gesamte Schöpfung Gottes vorbehaltlos bejaht. Am prägnantesten ist seine Haltung in 1. Tim 4,4 a formuliert: „Alles von Gott Geschaffene ist gut.“ Dieses grundsätzliche Ja zur Schöpfung bestimmt die Stellungnahme des Apostels zur Frage des Götzenopferfleisches in Röm 14, wo er betont, „daß nichts an und für sich unrein ist“ (V. 14), seine Stellungnahme gegen die asketischen Tendenzen in der Gemeinde von Kolossä (Kol 2,16 ff.) und seine Stellung zur Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit des Menschen. Auch das paulinische Verständnis der christlichen Freiheit ist nur verständlich, wenn man es auf dem Hintergrund seiner uneingeschränkten Bejahung der Schöpfung sieht. In 1. Kor 3,22 f. ruft Paulus aus, daß der „Kosmos“ (V. 22) den Christen zur Verfügung steht: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christi aber ist Gottes.“ Der Glaubende besitzt die Freiheit, alles Geschaffene in den Dienst Gottes zu stellen und zu seiner Verherrlichung zu gebrauchen.

Angesichts dieser vorbehaltlosen Bejahung der Schöpfung versteht es sich von selbst, daß Paulus auch den Leib und die Geschlechtlichkeit ohne Einschränkung bejaht. In 1. Kor 6,19 f. bezeichnet er sogar den Leib der Gläubigen als „Tempel“ des Heiligen Geistes (V. 19), der zur Verherrlichung Gottes dienen soll (V. 20). Eine größere Wertschätzung kann man dem menschlichen Leib nicht mehr entgegenbringen. Der Körper des Menschen ist hier nicht ‑ wie in manchen anderen Religionen ‑ etwas zu Bekämpfendes und Gottwidriges, sondern dazu bestimmt, Wohnung des lebendigen Gottes zu sein. Wie weit ist diese Hochschätzung des Leibes doch entfernt von der platonischen Auffassung, im Körper nur das „Gefängnis“ der Seele zu sehen! Paulus konnte schon deshalb keiner spiritualistischen Leibfeindlichkeit huldigen, weil er darum wußte, daß in Jesus Christus Gott selber in leiblicher Gestalt erschienen ist (vgl. Röm 1,3; 8,3; 9,5; Phil 2,7; Eph 2,14; Kol 1,22; 1. Tim 3,16).

Paulus war freilich von einer Vergottung des Leibes ebensoweit entfernt wie von seiner Verteufelung. Er wußte, daß der Körper aufgrund der menschlichen Sündhaftigkeit zu einer Gefahrenquelle werden kann, ohne daß damit sein Charakter als gute Schöpfung Gottes in Frage gestellt ist. In diesem Sinne sind all jene Stellen zu verstehen, in denen Paulus eine enge Beziehung zwischen Leiblichkeit und Sündersein des Menschen zum Ausdruck bringt (vgl. Röm 6,6; 7,18‑23; Gal 5,24). Paulus weiß, daß nur der dem Gehorsam Gottes unterstellte Leib zur Verherrlichung Gottes dient, da er sonst zum Werkzeug der Sünde wird. Deshalb fordert er dazu auf, die „Leiber als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer“ darzubringen (Röm 12, 1). Erst durch Glaube und Gehorsam wird aus dem Leib als Werkzeug der Sünde ein „Tempel“ des Heiligen Geistes (l. Kor 6,19). Dies besagt freilich nicht, daß der Leib als solcher sündhaft ist, solange der Mensch nicht an Jesus glaubt. Vielmehr ist der menschliche Körper eine gute Schöpfung Gottes, die aber entweder auf sündhafte oder Gott wohlgefällige Weise eingesetzt wird. Es ist daher ein schwerwiegendes Mißverständnis, wenn aus den Stellen, in denen Paulus den Zusammenhang von Leiblichkeit und Sündhaftigkeit des Menschen schildert, auf eine prinzipielle Leibfeindlichkeit des Apostels geschlossen wird.  . . .

Aus dieser Bejahung des Leibes ergibt sich mit Notwendigkeit die Bejahung von Geschlechtlichkeit und Sexualität. Das eindrucksvollste Zeugnis für das Ja des Paulus zur menschlichen Sexualität findet sich in 1. Kor 7. Dieses Kapitel widerspricht allen Thesen, die dem Apostel eine Verachtung der Sexualität unterschieben. In 1. Kor 7,3‑5 verpflichtet Paulus beide Ehegatten dazu, grundsätzlich jederzeit zur ehelichen Gemeinschaft bereit zu sein. Paulus wendet sich an dieser Stelle bewußt gegen asketische Bestrebungen in Korinth, die offenbar aus einer Geringschätzung der Sexualität kamen. Demgegenüber betont Paulus, daß die sexuelle Gemeinschaft in der Ehe nicht nur eine Möglichkeit ist, die auch beiseitegeschoben werden kann, sondern eine in der Liebe begründete Pflicht.

Sexuelle Enthaltsamkeit in der Ehe ist nach V. 5 nur dann geistlich gerechtfertigt, wenn sie zeitlich begrenzt ist und auf dem Einverständnis beider Partner beruht. Denn für Paulus ist die Sexualität eine Gabe Gottes, die nicht ungestraft verleugnet werden kann. In V. 9 warnt er deshalb ausdrücklich vor einer selbstgewählten Ehelosigkeit, die die eigene Fähigkeit zur Enthaltsamkeit überschätzt. Der lebenslange Verzicht auf Ehe und Sexualität ist für ihn nicht erzwingbar, sondern eine Gnadengabe (V. 7), die dem einen geschenkt wird, dem anderen nicht.

Auch die Ehe ist für ihn eine Gnadengabe (V. 7), nicht etwa ein notwendiges Übel, wie man ihm immer wieder unterstellt hat. Die Wertung der Ehe als Gnadengabe Gottes ist ein Beweis für die paulinische Hochschätzung von Ehe, Geschlechtlichkeit und Sexualität des Menschen.

b. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter

Man hat Paulus nicht nur Leibfeindlichkeit, sondern auch immer wieder Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Durch seine Minderbewertung der Frau sei er ‑ so sagt man ‑ in einen Gegensatz zu Jesus geraten, der jeder Form von Abwertung der Frau in Wort und Tat entgegengetreten ist. Während Jesus mit den patriarchalischen Vorstellungen seiner Zeit gebrochen habe, sei Paulus in das die Frau abwertende jüdische Denken zurückgefallen.

Eine sorgfältige Untersuchung der paulinischen Briefe zeigt jedoch, daß sich diese Sicht nicht halten läßt. Der Apostel gibt mehrfach klar zu erkennen, daß er im Sinne Jesu an der Gleichwertigkeit von Mann und Frau festhält. Paulus hat seine Überzeugung von der Ebenbürtigkeit der Geschlechter in großartiger Weise zum Ausdruck gebracht, wenn er Gal 3,27 f. schreibt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen. Da gibt es nun weder Juden noch Griechen, weder Knecht noch Freien, weder Mann noch Frau. Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“

Dieses Wort zeigt, daß in der Gemeinde Jesu keinerlei Wertunterschiede zwischen den Völkern, den verschiedenen Gesellschaftsgruppen und den Geschlechtern bestehen, da „alle eine Einheit in Christus Jesus sind.“ Die Minderbewertung der Heiden durch die Juden, der Sklaven durch die Freien und der Frauen durch die Männer ist im Lichte der Christusoffenbarung ohne jede Berechtigung. Paulus sagt damit keineswegs, daß all die genannten Unterschiede in der Gemeinde Jesu einfach ausgelöscht sind oder keinerlei Bedeutung mehr für die Gestaltung des Gemeindelebens besitzen. Denn es ist für Paulus selbstverständlich, daß die Unterschiede in völkischer, gesellschaftlicher und geschlechtlicher Hinsicht auch unter den Christusgläubigen fortbestehen. Paulus hat keiner Nivellierung der natürlichen oder gesellschaftlichen Unterschiede das Wort geredet. Er hat nicht versucht, die Judenchristen von der Beobachtung der Thora abzuhalten oder die Heidenchristen zur Einhaltung des mosaischen Gesetzes aufzufordern; er hat nicht die Aufhebung der Sklaverei unter Christen gefordert (vgl. Philemon), und er hat durchaus die Verschiedenartigkeit der Geschlechter bei der Gestaltung des Gemeindelebens anerkannt (vgl. 1 Kor 11 und 14). Und doch betont er in Gal 3,28 die völlige Gleichheit aller Gläubigen „in Christus“. Wie ist diese scheinbare Diskrepanz zu verstehen, daß Paulus einerseits den angeführten Unterschieden noch eine Bedeutung innerhalb der Gemeinde Jesu zugesteht, und daß er andererseits die Aufhebung dieser Unterschiede „in Christus“ feststellt? Einige Ausleger wollten darin einen Widerspruch bei Paulus sehen, der angeblich aus seiner in Gal 3,28 ausgesprochenen Erkenntnis noch nicht alle nötigen Konsequenzen gezogen habe.

Das Verständnis dieser Stelle hängt ganz davon ab, wie die Formel „in Christus“ zu verstehen ist. Der Ausdruck „in Christus“ findet sich recht häufig in den paulinischen Briefen und bezeichnet das neue Leben, das dem an Jesus Christus Glaubenden geschenkt wird: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“ (2. Kor 5,17).

„In Christus“ empfängt der Mensch Rettung aus der Verlorenheit (2. Tim 2,10), Vergebung der Sünden (Eph 4,32; Rom 8, 1), freien Zutritt zu Gott (Eph 3,11), Wiedergeburt (l. Kor 4,15; 2. Kor 5,17; Eph 2,10.13), Auferstehung von den Toten (l. Kor 15,22; 1. Thess 4,16) und ewiges Leben (Röm 6,23; 2. Tim 1,1). Der Ausdruck „in Christus“ bezeichnet aber nicht nur das neue Sein, das dem einzelnen Christen persönlich zuteil wird, sondern auch das neue Sein der gesamten Gemeinde Jesu: „Wir vielen sind in Christus ein Leib“ (Röm 12,5 a).

All das zeigt, daß die Formel „in Christus“ den … objektiven Heilsstand der Gemeinde umschreibt. Gal 3,28 meint also, daß in bezug auf das ewige Heil alle Menschen, ob Männer oder Frauen, vor Gott gleich sind und jedem der Zugang zur Gotteskindschaft durch den Glauben an Jesus offensteht (vgl. Gal 3,20). Paulus steht hier in völliger Übereinstimmung mit Jesus, der auch beiden Geschlechtern vorbehaltlos den Anteil an der Gottesherrschaft angeboten hat. Die religiöse Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie Jesus und Paulus vertreten haben, läßt keine Höherbewertung des einen Geschlechts vor dem anderen zu. Die Gleichheit von Mann und Frau in bezug auf das Heil bedeutet freilich weder bei Jesus noch bei Paulus, daß die Eigenart der Geschlechter für den Bau des Reiches Gottes bzw. der Gemeinde bedeutungslos ist. Wenn es in Gal 3,28 heißt, daß Juden und Griechen, Männer und Frauen, alle „einer in Christus“ sind, dann ist somit die grundlegende „Einheit“ angesprochen, die alle Glaubenden umschließt und in der allen gemeinsamen Verbundenheit mit Christus besteht. Es ist aber keine „Einerleiheit“ gemeint, bei der die geschöpfliche Verschiedenartigkeit der Menschen einschließlich ihrer Geschlechtlichkeit eingeebnet wird. Paulus hat in 1. Kor 12 mit dem Bild des „Leibes Christi“ ein für allemal klargemacht, daß die Gemeinde Jesu als Leib Christi wohl eine Einheit darstellt, daß aber diese Einheit verschiedene Glieder mit verschie­denartigen Aufgaben umfaßt. Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn er in Gal 3,28 einerseits die Aufhebung aller geschöpflichen Unterschiede unter den Menschen vor Gott (hinsichtlich des Heils) bezeugt und andererseits die fortbestehende Bedeutung der schöpfungsmäßigen Unterschiede für das Zusammenleben der Menschen in der Gemeinde Jesu betont. Paulus verbindet das Wissen um die völlige Gleichwertigkeit von Mann und Frau (Gal 3,28) ohne Widerspruch mit dem Wissen um die schöpfungsmäßige Verschiedenartigkeit der Geschlechter.

Die in Gal 3,28 ausgesprochene Gleichwertigkeit von Mann und Frau bestimmt das gesamte paulinische Denken. Nirgendwo macht der Apostel einen Unterschied zwischen den Geschlechtern, wenn es um Fragen des Glaubens oder Heils oder der ethischen Maßstäbe geht. Angebot und Anspruch des Evangeliums gelten gleichermaßen für Männer wie für Frauen. Ein schönes Beispiel für die Gleichwertigkeit der Geschlechter bei Paulus ist 1. Kor 7, wo er wie Jesus beiden Geschlechtern die Ehescheidung untersagt (V. 10‑ 13), der Frau in der Ehe das gleiche Recht auf die sexuelle Vereinigung zugesteht wie dem Mann (V. 1‑5) und zu erkennen gibt, daß der ungläubige Ehepartner durch die Frau genauso „geheiligt“ ist wie durch den Mann (V. 14). An diesen Ausführungen wird deutlich, wie sehr Paulus in der Frau einen ebenbürtigen Partner sieht, der den gleichen Anspruch auf Liebeszuwendung und Hingabe besitzt wie der Mann.

Die Überzeugung des Paulus von der Gleichwertigkeit der Geschlechter hat auch seinen Umgang mit den Menschen bestimmt. Sein Verhalten ist völlig frei von irgendeiner Minderbewertung oder Geringschätzung der Frau. Ein Zeugnis dafür ist die Grußliste am Schluß des Römerbriefes (Röm 16,3‑15): die erste von 28 Personen, die Paulus grüßen läßt, ist eine Frau (V. 3), nämlich Prisca (auch Priscilla genannt), die zusammen mit ihrem Mann, dem judenchristlichen Zeltmacher Aquila, zu den engsten Freunden des Apostels gehörte. Daß Paulus hier ‑ ähnlich wie der besonders frauenfreundliche Lukas ‑ Prisca noch vor ihrem Ehemann nennt, beweist die besondere Wertschätzung, die er dieser Frau entgegenbrachte. Er rühmt sie und ihren Mann, weil sie ihm unter Einsatz ihres Lebens das Leben gerettet haben. In V. 12 läßt Paulus die „geliebte Persis“ grüßen, „die viel gearbeitet hat im Herrn.“ Auch diese Stelle zeigt die Hochachtung des Paulus vor Frauen, die ein vorbildliches Christenleben führen. Dabei ist für ihn die gesellschaftliche Stellung der Frauen gleichgültig: Es ist gut möglich, daß es sich bei der „geliebten Persis“ um eine Skla­vin gehandelt hat, da „Persis ein typischer Sklavenname“ (Michel) ist. Im gleichen Vers rühmt Paulus die Mutter des Rufus, die auch seine Mutter geworden ist, weil sie sich seiner „mit einer wahrhaft mütterlichen Liebe und Fürsorglichkeit angenommen hat“ (Haller). In 2. Tim 1,5 verweist Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus auf den vorbildlichen Glauben seiner Mutter und Großmutter (vgl. 3,15). Auch in anderen Briefen läßt er Frauen grüßen (Phlm 2) oder hebt sie lobend hervor (Phil 4,2.3; 2. Tim 4,19).

Wie ernst Paulus die Frauen nahm, zeigt auch die Tatsache, daß er sich von einer Frau bewegen ließ, wenigstens zeitweise von seinem geistlichen Grundsatz abzurücken, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen (vgl. 1. Kor 9,1‑18; 1. Thess 2,9; 2. Thess 3,8): Der Pupurhändlerin Lydia gelingt es, den Apostel zur einer Ausnahme zu bewegen (vgl. Apg 16,15; 2. Kor 11,9).

All diese Stellen weisen darauf hin, daß Paulus die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, die in seinen Briefen zum Ausdruck kommt, auch in seinem praktischen Verhalten gewahrt hat. Von einer frauenfeindlichen Haltung ist weder in den Briefen noch im Leben des Apostels irgend etwas zu spüren.

 

e. Die Verschiedenartigkeit der Geschlechter

Der Apostel Paulus weiß nicht nur um die Gleichwertigkeit, sondern auch um die verschiedenartige Stellung und Aufgabe der Geschlechter. Grundlegend für seine Zuordnung von Mann und Frau ist 1. Kor 11,3: „Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ‑ist Christi Haupt.“ Paulus spricht hier von einer vierfachen Stufenordnung: Gott ‑ Christus ‑ Mann ‑ Frau.

Der griechische Begriff kephalä (Haupt) drückt ein Unterordnungsverhältnis aus, er „meint den, der über dem anderen in dem Sinne steht, daß er sein Sein begründet“ (Schlier). So wie Christus aus dem Vater ist und ihm untergeordnet für ihn lebt, so lebt die Frau „seinsmäßig, ihrer Natur nach aus dem Mann und um des Mannes willen“ (Schlier) als ihm untergeordnete Gefährtin (vgl. 1. Kor 11,8 f.). Die vierfache Stufenordnung von 1. Kor 11,3 findet sich bei Paulus immer wieder: Sowohl von der Unterordnung Jesu unter den Vater (vgl. Phil 2,8; Röm 5,19; 1. Kor 15,26‑28) als auch von der Unterordnung der Frau unter den Mann (Eph 5,22 ff.; Kol 3,18; Tit 2,5) ist mehrfach die Rede. Es ist bemerkenswert, daß Paulus in 1. Kor 11,3 das Unterordnungsverhältnis zwischen Mann und Frau mit dem Unterordnungsverhältnis zwischen Gott‑Vater und Jesus Christus vergleicht.

Dieser Vergleich macht nämlich deutlich, daß die von Paulus gemeinte Unterordnung der Frau unter den Mann nicht im geringsten etwas zu tun hat mit einer Minderbewertung oder Unterdrückung der Frau, er zeigt vielmehr, daß es sich um eine Über- und Unterordnung gleichwertiger Personen handelt! Denn es wäre absurd, aus der Unterordnung Jesu unter den Vater zu folgern, daß Jesus einen geringeren „Wert“ besäße als Gott‑Vater, wo er doch nach der Überzeugung des Apostels im uneingeschränkten Sinne Gott ist (vgl. Röm 9,5; 2. Kor 12,8; Phil 2,6 f.; Kol 1, 15 ff .; 2,2 f. 9 f.; Tit 2,13). Insofern widerlegt 1. Kor 11,3 die Behauptung, Paulus habe die in Gal 3,28 ausgedrückte Gleichwertigkeit der Geschlechter durch seine Betonung der Vorordnung des Mannes zurückgenommen. Paulus sah vielmehr am Beispiel der Trinität (Dreieinigkeit), daß Gleichwertigkeit nicht im Gegensatz zu einer Über‑ und Unterordnung stehen muß. Gleichzeitig wird an der Trinität sichtbar, in welcher Weise der Mann seine gottgewollte Überordnung über die Frau zu verwirklichen hat und in welcher Weise nicht: Da seine „Haupt“‑Stellung ihr Vorbild im „Haupt“‑Sein Gott‑Vaters über Jesus Christus hat, ist dem Mann jede Legitimation zur Willkürherrschaft über die Frau genommen. So wie Gottes Herrschaft über den Sohn eine Regentschaft der unbedingten Liebe ist, die das Beste des Sohnes will, so soll auch die Führungsstellung des Mannes eine selbstlose Regentschaft der Liebe sein, die allein auf das Wohl der Frau bedacht ist.

Der Frau ist aber damit nicht nur die empfangende Haltung zugedacht, sich die Führung und Liebe des Mannes gefallen zu lassen, denn am Verhältnis zwischen Jesus und dem Vater wird die Gegenseitigkeit der Liebe und das völlige Einswerden in der Gemeinschaft in einer unvergleichlichen Schönheit sichtbar. So ist auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau nicht nur durch die Über- und Unterordnung bestimmt, sondern auch durch das gegenseitige Lieben und Geliebtwerden, durch das Ein‑Fleisch‑Werden in der völligen Gemeinschaft.

Es liegt auf der Hand, daß die Beziehung zwischen Mann und Frau nur ein sehr schwaches Abbild der trinitarischen Liebe Gottes sein kann. Aber daß die Geschlechter gewürdigt werden, die Herrlichkeit des innergöttlichen Lebens auf Erden abzubilden, ist ein eindrucksvoller Beweis für die einzigartige Größe des Menschen unter den Geschöpfen. 1. Kor 11,3 vertieft unser Wissen um die Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau: Nicht nur der einzelne Mensch ist Abbild des Schöpfers, sondern auch die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau ist ein Abbild Gottes, indem beide gemeinsam die trinitarische Liebesgemeinschaft widerspiegeln. All dies läßt erkennen, daß die Unterordnung der Frau unter den Mann nichts zu tun hat mit irgendeiner Form von Entehrung oder Mißachtung der Frau. Werner Meyer schreibt dazu in seinem Korintherbriefkommentar: „. . . in der liebenden Unterordnung der Frau unter den Mann spiegelt sich die innertrinitarische Herrlichkeit des Verhältnisses vom Sohn zum Vater. Könnte Größeres von der Frau gesagt werden?“

Die in 1. Kor 11,3 ausgesprochene Überzeugung vom „Haupt“‑Sein des Mannes bestimmt das Denken des Paulus sowohl hinsichtlich der Stellung und Aufgaben der Geschlechter in der Gemeinde als auch in der Ehe. Wir wollen im folgenden die paulinische Sicht für beide Bereiche nacheinander untersuchen.

 

Mann und Frau in der Gemeinde

Wenn Paulus auf die verschiedene Stellung der Geschlechter in der Gemeinde zu sprechen kommt, verfolgt er immer ein Ziel: Er will, daß die gottgewollte Stellung des Mannes als Haupt der Frau im gesamten Gemeindeleben zum Ausdruck kommt und die Verschiedenartigkeit der Geschlechter nicht nivelliert wird. Von diesem Hintergrund her müssen die vielfach mißverstandenen oder unverstandenen Äußerungen des Paulus zur Stellung der Frau in der Gemeinde verstanden werden.

Einer dieser umstrittenen Texte ist 1. Kor 11,3‑16. Paulus fordert hier die Frauen dazu auf, daß sie beim Beten und prophetischen Reden ein Kopftuch tragen, während die Männer mit unverhülltem Haupt beten sollen. Für den heutigen Leser mag es unverständlich erscheinen, warum Paulus soviel Wert auf eine scheinbar geringfügige Äußerlichkeit legt. Wir wollen einige wichtige Hinweise zum Verständnis geben, ohne auf alle exegetischen Einzelfragen eingehen zu können.

1) Der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis dieses Textes liegt im Eingangsvers des Abschnitts: „Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist das Haupt der Frau; Gott aber ist Christi Haupt“ (V. 3). Paulus geht es darum, daß die Stellung des Mannes als Haupt der Frau und der Frau als untergeordneter Gehilfin des Mannes (vgl. V. 9) auch äußerlich in der Gemeinde zum Ausdruck kommt. Die in den christlichen Gemeinden jener Zeit allgemein übliche (vgl. V. 16) Sitte der Kopfbedeckungder Frau diente dazu,die gottgewollte Vorordnung des Mannes zu versinnbildlichen. Paulus ist also gründlich mißverstanden, wenn man ihm unterstellt, es ginge ihm bloß um das kleinliche Festhalten an einer bestehenden Sitte.  Der Apostel kämpft also nicht in erster Linie für eine Sitte, sondern für die Beachtung der göttlichen Zuordnung der Geschlechter.

Die korinthischen Frauen lehnten sich, indem sie das Kopftuch ablegten, gegen ihre gottgewollte Unterordnung auf und proklamierten eine Gleichstellung mit dem Mann, die der Schöpfungsordnung widersprach. Der scheinbar so kleinliche Kampf des Paulus für das Kopftuch der Frau ist also im Grunde ein theologisch höchst gewichtiger Kampf gegen die Verwischung der Unterschiede der Geschlechter und die Auflehnung der Korintherinnen gegen ihre schöpfungsgemäße Stellung als Frau.

2) Es ist deshalb verfehlt, aus dem zeitbedingten Charakter der Sitte des Kopftuchtragens zu folgern, daß der ganze Abschnitt 1. Kor 11, 3‑16 zeitbedingt und damit für uns heute überholt sei. Paulus verteidigt in diesem Text überzeitlich gültige Offenbarungswahrheiten, die nicht nur in 1. Mo 2 sondern auch bei Jesus selber sichtbar werden (vgl. die Unterordnung Jesu unter den Vater in Joh 4,34 u. a. und die von Jesus festgehaltene Vorordnung des Mannes bei der Berufung ausschließlich männlicher Apostel). Ob die von Paulus verteidigte urchristliche Sitte der Kopfbedeckung auch heute noch verbindlich ist, ist eine andere Frage. Sicher ist, daß sich in bezug auf die Sitte des Kopftuchtragens unsere Situation heute grundlegend von der damaligen Situation unterscheidet: Man kann heute nicht mehr sagen, daß das Kopftuch der betenden Frau eine Sitte der „Gemeinden Gottes“ (V. 16), also der ganzen Christenheit, ist.

Die korinthischen Frauen dagegen haben eigenmächtig und aus geistlich fragwürdigen Motiven eine allgemein anerkannte Sitte der damaligen Christengemeinden beiseitegeschoben. Paulus ist dem völlig zu Recht entgegengetreten. Da Sitten allerdings dem Wandel der Zeit unterworfen sind und die Sitte des Kopftuchtragens schon in der Alten Kirche nicht mehr allgemein üblich war, hat sich unsere heutige Situation geändert. Wenn heute eine Christin beim öffentlichen Betenkein Kopftuch trägt,so kann daraus (im Gegensatz zur damaligen Zeit)nicht gefolgert werden, daß sie sich gegen die Schöpfungsordnung auflehnt.

3) Wenn man erkannt hat, daß es Paulus in 1. Kor 11 um die Einhaltung der Schöpfungsordnung für Mann und Frau geht, wird auch der schwierige V. 10 verständlich: „Deshalb (weil die Frau um des Mannes willen erschaffen ist) muß die Frau (ein Zeichen der) Vollmacht auf dem Haupt tragen um der Engel willen.“ Das griechische Wort exousia meint immer die Macht, die man (aktiv) ausübt, also die „Vollmacht“ oder „Ermächtigung“. Der Sinn der Stelle ist also: Wenn die Frau vor anderen Gliedern der Gemeinde betet oder prophetisch redet, dann besitzt sie dazu nur dann die geistliche Vollmacht, wenn sie dies im Gehorsam gegenüber ihrer schöpfungsgemäßen Stellung als Frau tut. Denn sie kann nicht „im Geist“ beten, wenn sie sich gegen die vom Geist Gottes geheiligte Schöpfungsordnung auflehnt. Auf diesem Hintergrund ist auch der Zusatz „um der Engel willen“ zu verstehen: Die wahrscheinlichste Erklärung für diese Formulierung ist die Vorstellung, daß die Engel bei der Gebetsversammlung anwesend sind und darüber wachen, daß Gottes Ordnungen gewahrt werden.

4) Der Text zielt nicht auf eine entehrende Unterordnung der Frau unter den Mann, sondern auf ihr ehrenvolles Verhalten beim Gebet und bei der Weissagung. Das griechische Wort doxa heisst „Ehre“: So wie der Mann Gottes „Ebenbild und Ehre“ ist, so ist die Frau die „Ehre“ des Mannes. Die Frau soll sich dementsprechend ehrenvoll verhalten.

Dies tut sie, indem sie das im Judentum als Ehrenzeichen der Frau angesehene Kopftuch trägt. Auch die Verse 4 (Entehrung des Hauptes) und 15 („Ehre“) zeigen, daß es im ganzen Abschnitt um die Bewahrung der fraulichen Ehre geht und gerade nicht um eine entwürdigende Sonderanweisung für die Frauen: Die Frau bewahrt ihre Würde und Ehre dadurch, daß sie ihre weibliche Eigenart und ihre schöpfungsgemäße Stellung als Frau behält. Auch Vers 3 bestätigt, daß der Text nichts zu tun hat mit einer Entehrung der Frau.

5) Paulus beruft sich bei der Unterordnung der Frau bezeichnenderweise nicht auf 1. Mo 3 (Sündenfall), sondern auf 1. Mo 2 (V. 9). Damit zeigt er, daß die Überordnung des Mannes nicht erst eine Folge des Sündenfalls ist, sondern eine Schöpfungsordnung (vgl. V. 3). Wenn die Unterordnung der Frau erst als eine Folge der Sünde angesehen würde, wäre das Kopftuch nicht ein Ehrenzeichen der Frau, sondern ein schmachvolles Zeichen ihrer Schuld.

Zusammenfassend läßt sich also aufgrund von 1. Kor 11,3‑16 sagen, daß es für Paulus ein zentrales Anliegen ist, die schöpfungsgemäße Unterordnung der Frau unter den Mann auch im Gemeindeleben der Christen sichtbar werden zu lassen und jede Nivellierung der Geschlechterunterschiede abzuwehren. Dies ist auch der Grund, warum er in 1. Kor 14,33 ff und 1. Tim 2,12 (ganz im Sinne Jesu) Gemeindeleitung und Lehrunterweisung ausschließlich Männern vorbehält. Ähnlich wie 1. Kor 11 stoßen auch diese beiden Stellen auf viel Unverständnis, Mißverständnis und Ablehnung. Zumindest bei 1. Kor 14,33‑38 lag dies nicht nur an dem für moderne Leser anstößigen Inhalt, sondern auch an echten Schwierigkeiten, die der Text für die Auslegung mit sich bringt.

Wir wollen zunächst 1. Kor 14,33ff näher untersuchen: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen. Denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre Männer fragen. Denn es ist schimpflich für eine Frau, in der Gemeindeversammlung zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen oder allein zu euch gelangt? Wenn aber jemand meint, er sei ein Prophet oder Geistbegabter, so soll er erkennen, daß das, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist. Wenn jemand dies aber nicht anerkennt, wird er (vom Herrn) auch nicht anerkannt.“

Das Hauptproblem bei der Auslegung dieses Textes besteht darin, zu klären, in welchem Verhältnis das Schweigegebot in 1. Kor 14,33 ff zu 1. Kor 11,3 ff steht, wo Paulus den Frauen ausdrücklich das Beten und prophetische Reden in den Gemeinden erlaubt. Besteht zwischen diesen beiden Texten ein Widerspruch, oder ist das Redeverbot in 1. Kor 14 nicht so absolut gemeint, wie es klingt?  . . .  Als ernsthafte Lösungsmöglichkeiten kommen eigentlich nur zwei in Betracht:

Die eine löst die scheinbare Spannung zwischen 1. Kor 11 und 14 dadurch auf, daß sie in 1. Kor 14,34 f. kein absolutes Redeverbot sieht, sondern nur ein Verbot des Lehrens bzw. der Beteiligung am Lehrgespräch. Untersagt wäre der Frau also nicht die charismatische Beteiligung am urchristlichen Gottesdienst durch Gebet und Prophetie, sondern nur das lehrhafte Reden. Für diese Deutung kann man geltend machen, daß die Begriffe „lernen“ und „fragen“ in V. 35 auf ein Lehrgespräch hindeuten, bei dem es um die für die Gemeinde gültige Lehre geht, und daß die Parallelstelle in 1. Tim 2,12 ausdrücklich vom Lehren (didaskein) spricht und nicht vom Reden überhaupt. Doch auch diese Deutung, so einleuchtend sie zunächst erscheinen mag, hält einer näheren Prüfung meiner Ansicht nach nicht stand. Sie scheitert einfach am Wortlaut von V. 34 f.: Der griechische Begriff für „schweigen“ (sigao) ist (wie im Deutschen) absolut zu verstehen als Verzicht auf jedwede verbale Äußerung. Die Verse 28 und 30 zeigen ganz klar, daß Paulus auch in 1. Kor 14 schweigen im absoluten Sinne von „nicht reden“ versteht. Der griechische Begriff für „reden“ (lalein) in V. 34 meint (wie im Deutschen) ganz allgemein reden, sprechen, sagen. Seine Verwendung in 1. Kor 14 zeigt zweifelsfrei, daß Paulus ihn nicht auf das „Lehren“ ein­schränkt: Er umfaßt das Sprachengebet (V. 2.9.11.28), die Prophetie (V. 3.6.29), die Lehrunterweisung (V. 6.19), die Erkenntnisrede (V. 6) und die Offenbarungsrede (V. 6). Es ist daher unmöglich, lalein in V. 34 plötzlich auf das Lehren zu beschränken.  . . .

Was bewegt den Apostel zu diesem generellen Schweigegebot für Frauen im Gottesdienst? Der Grund ist derselbe wie in 1. Kor 11,3 ff: Es geht Paulus nach V. 34 darum, daß die gottgewollte Unterordnung der Frau unter den Mann bei der Gestaltung des Gottesdienstes gewahrt bleibt. Für Paulus hat das Schweigegebot nichts zu tun mit einer Entehrung der Frau, es will vielmehr gerade durch diese Anordnung die Ehre und Würde der Frau wahren, indem er sie vor „schimpflichem“ Verhalten bewahrt (V. 35).

Charlotte von Kirschbaum, die Mitarbeiterin von Karl Barth, hat das positive Ziel unseres Textes sehr schön herausgearbeitet: Die Frauen sollen durch den Dienstdes Schweigens „bekunden, daß sie sich unterordnen. Dieser Dienst erscheint dem Apostel eminent wichtig zu sein; es handelt sich um einen Dienst, der die Gemeinde erbaut. Man würde irren, wollte man in dieser Forderung eine unfreundliche Geste des Apostels sehen … Die schweigenden Frauen repräsentieren die hörende Kirche, zu der die lehrende immer wieder werden muß. Es ist das Schweigen der Ehrfurcht vor der Gegenwart des Auferstandenen, des Herrn der Gemeinde. Daß gerade die Frauen diesen Dienst tun sollen und tun dürfen, hängt mit der Gleichnishaftigkeit ihrer natürlichen Stellung zusammen.“

Ähnlich wie in 1. Kor 11 handelt es sich für Paulus beim Schweigegebot nicht um eine unwichtige Anordnung, die er in das Belieben der Korinther stellen kann, sondern um eine ganz entscheidende Ordnung, deren Nichtbefolgung Auflehnung gegen Gott selber ist. Dies wird an den schwerwiegenden Gründen deutlich, die er anführt. Er verweist nicht nur auf den Anstand (V. 36) und die Praxis der ganzen damaligen Christenheit (V. 33), sondern auch auf die Thora (l. Mo 3,16), die dahinter stehende Schöpfungsordnung (V. 34) und auf ein Gebot des Herrn (V. 37). Paulus vertritt in 1. Kor 14,33 ff keine besonders enge Gottesdienstordnung, sondern tritt gegen die zur Eigenmächtigkeit neigenden Korinther als Anwalt der gesamten Kirche seiner Zeit auf. Er kämpft wie schon in 1. Kor 11 darum, daß die gottgewollte Zuordnung von Mann und Frau im Gemeindeleben von Korinth anerkannt bleibt. Wer diese Ordnung beiseiteschiebt, verliert nach Paulus die Anerkennung Gottes (V. 38) und damit die Existenzgrundlage der christlichen Gemeinde, so wie nach 1. Kor 11,10 die Frauen ihre Vollmacht zum Beten verlieren, wenn sie Gottes Schöpfungsordnung mißachten.

Das Schweigegebot des Paulus in 1. Kor 14,33 ff berührt sich eng mit dem Lehrverbot der Frauen in 1. Tim 2,12ff: „Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, noch über den Mann zu herrschen, sondern daß sie sich in der Stille halte.“ Der Grundgedanke ist hier wieder derselbe wie in 1. Kor 11 und 14: Es geht um das Festhalten an Gottes Schöpfungsordnung für Mann und Frau. Im Unterschied zu 1. Kor 14 wird hier allerdings nur ein Verbot des Lehrens ausgesprochen. Paulus schließt die Frauen vom Lehramt aus, weil sie durch das Lehren der versammelten Gemeinde zwangsläufig auch Männern übergeordnet wären. Denn im Unterschied zur situationsbezogenen Prophetie, die nach Paulus dem Urteil der Gemeinde untersteht (l. Kor 14,30), ist die Lehre verbindliche und allgemeingültige Wahrheit, der sich die Gemeinde zu unterwerfen hat (vgl. Röm 6,17; 16,17; 1. Kor 4,17; 15,15 ff; Kol 2,6 f; 2. Thess 2,15). Autorisiertes Lehren gehört für Paulus deshalb zur Führung und Leitung der Gemeinde (vgl. Eph 4,11; 1. Tim 3,2; 2. Tim 2,24; Tit 1,9) und schließt die Gehorsamspflicht der Gemeindeglieder mit ein. Weil der Lehrer die Gemeinde zum Gehorsam aufrufen muß, steht der Frau nach Paulus das Lehramt nicht zu, da sie sonst aus ihrer gottgewollten Unterordnung unter den Mann heraustreten würde: „Die lehrende Frau geböte . . . dem Mann, und dazu gibt Paulus ihr die Erlaubnis nicht, weil sie über den Mann nicht herrschen soll“ (Schlatter).

Beansprucht die Frau dennoch ein Lehr‑ und Leitungsamt, dann hat sie sich nach der Überzeugung des Apostels „der Ordnung Gottes entzogen und ist dadurch zur Bezeugung seines Willens ungeschickt“ (Schlatter). Tim 2,12 zeigt (ähnlich wie 1. Kor 14,33 ff), daß Paulus ganz im Sinne Jesu die Führungs‑ und Leitungsfunktionen der Gemeinde ausschließlich Männern zuweist.  . . .

Paulus führt hier interessanterweise nicht nur die theologisch ausschlaggebende Schöpfungsordnung (Ersterschaffung und Vorrangstellung des Mannes) als Begründung an (V. 13), sondern auch die in der Sündenfallgeschichte angedeutete „größere Zugänglichkeit der Frau für die Verführung“ (Schlatter), die sie für das Lehramt weniger geeignet macht als den Mann. Mit dem Hinweis auf die Schuld Evas beim Sündenfall will Paulus keineswegs Eva die Hauptschuld zuschieben. In Röm 5,12 hebt er vielmehr „ausdrücklich hervor, daß trotz der früheren Sünde Evas das Sündenelend erst durch ihn (den Mann, W. N.) in die Menschheit hereingebracht wurde . . . Und seine Sünde ist erst das große Verhängnis für die Menschheit geworden“ (Hick).

Paulus will in 1. Tim 2,14 also nicht Eva die Hauptverantwortung für den Sündenfall anlasten, sondern nur auf ihren Anteil an der Schuld aufmerksam machen, an dem eine besondere Gefährdung der Frau sichtbar wird, die auch nach dem Sündenfall fortbesteht, nämlich ihre leichtere Verführbarkeit. Der Hinweis auf die besondere Verführbarkeit der Frau zeigt, daß der Apostel mit dem Ausschluß der Frauen vom Lehr‑ und Leitungsamt nicht diese benachteiligen, sondern in ihrem Frausein mit seinen besonderen Gaben und Gefährdungen schützen will. Die Zulassung der Frauen zu den Leitungsfunktionen der Gemeinde würde nicht nur gegen Gottes Schöpfungsordnung verstoßen, sondern gleichzeitig die Frauen Gefährdungen aussetzen, denen sie nicht gewachsen sind. Paulus sah an der Sündenfallgeschichte, welche gefährlichen Folgen es nach sich zieht, wenn die Frau ihre gottgewollte Stellung als dem Mann untergeordnete Gehilfin verläßt. Weil der Wille Gottes zur Unterordnung der Frau keine Zwangsordnung zu ihrer Unterdrückung, sondern eine Lebens‑ und Schutzordnung zu ihrem Besten ist, muß es sich rächen, wenn sie gegen diese Ordnung verstößt. Für Paulus stünde ein Leitungsamt der Frau im krassen Gegensatz zu ihrem Wesen als Frau. Deshalb und nicht aus irgendwelchen frauenfeindlichen Motiven kann er ihr in 1. Kor 14 und 1. Tim 2 ein solches Amt nicht zugestehen.

Dies bedeutet allerdings nicht, daß er die Frauen in den Gemeinden zur Untätigkeit verurteilt. Paulus hat vielmehr „volles Verständnis für die Wirksamkeit der christlichen Frau im Dienst der Kirche, sofern sie der Eigenart des weiblichen Wesens und damit der göttlichen Schöpfungsordnung entspricht“ (Haller). In Röm 16,1 f. empfiehlt er der Gemeinde zu Rom seine Mitarbeiterin, die Diakonisse Phöbe. Offensichtlich hat es zur Abfassungszeit des Römerbriefes bereits ein Diakonissenamt in den paulinischen Gemeinden gegeben, denn der griechische Begriff diakonos ist eine Amtsbezeichnung. Welche Aufgaben das Diakonissenamt zu dieser Zeit hatte, kann man nur vermuten. Sicher ist, daß es nichts mit öffentlicher Wortverkündigung, Lehre oder Gemeindeleitung zu tun hatte. Vielleicht war es ein Gemeindedienst, der in materiellen Hilfen für Bedürftige (V. 2), in Dienstleistungen an Frauen, Kranken und Fremden bestand. Einen gewissen Anhaltspunkt für die Aufgaben einer Diakonisse finden wir in 1. Tim 5,3‑16, wo Paulus das Diakonat von „beamteten“ Witwen behandelt: Diese Witwen hatten offenbar die Aufgabe, den Gemeinden durch besonders intensive Fürbitte (vgl. V. 5) und Hausbesuche (vgl. V. 13) zu dienen. Paulus sieht die besonderen Aufgaben der Frau in der Mutterschaft (l. Tim 2,15), in der Gastfreiheit gegenüber Fremden (l. Tim 5,10) und in Liebesdiensten aller Art (l. Tim 5, 10). Er gesteht den Frauen sogar die Lehrunterweisung zu, sofern sie nicht öffentlich vor der Gemeindeversammlung, sondern in kleinem Kreise von Frauen geschieht (Tit 2,3 f.). Die Unterweisung der Kinder durch ihre Mütter hält Paulus für selbstverständlich (vgl. 2. Tim 3,15; 1,5).

Der Dienst der Frauen in der Gemeinde war für Paulus von großer Wichtigkeit. Seine Briefe beweisen, mit welcher Hochachtung der Apostel dem Einsatz der Frauen für das Evangelium und die Bedürfnisse der Gemeinden begegnete (vgl. Röm 16,1 bis 4.6.12.13.15; Phil 4,2 f; 1. Tim 5,5. 10). Es gibt bei Paulus keine einzige Stelle, wo er den Dienst von Frauen geringschätzig beurteilt. Daß er Männern und Frauen verschiedenartige Aufgaben in­nerhalb der Gemeinde zuordnet, hat seinen Grund nicht in irgendeiner Abwertung der Frau, sondern im Bestreben, die Eigenart der Geschlechter und ihre schöpfungsgemäße Stellung zu wahren. Seine Haltung steht in völliger Übereinstimmung mit der Haltung Jesu, der in Wort und Tat die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau berücksichtigte. Jesus und Paulus gingen davon aus, daß Schöpfung und Erlösung, Natur und Gnade keinen Gegensatz bilden, sondern eine untrennbare Einheit, da beide Gottes Werk sind. Deshalb haben sie die schöpfungsgemäße Zuordnung der Geschlechter für das Reich Gottes bzw. die Gemeinde nicht aufgehoben, sondern ausdrücklich anerkannt.

 

Mann und Frau in der Ehe

Die gottgewollte Beziehung der Geschlechter in der Ehe wird von Paulus ganz kurz in Kol 3,18 und ausführlich in Eph 5,22‑33 dargestellt. Wir wollen uns ganz auf den Text im Epheserbrief konzentrieren, der das Großartigste ist, was das Neue Testament über die Ehe zu sagen weiß:

„Die Frauen seien untertan ihren Männern wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau gleichwie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat. Doch wie die Gemeinde Christus untertan ist, so seien es auch die Frauen ihren Männern in allen Dingen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, gleichwie auch Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, um sie durch das Wasserbad mit dem Wort zu reinigen und zu heiligen, auf daß er sich selbst die Gemeinde in herrlicher Schönheit hinstellte, daß sie ohne Flecken oder Runzeln oder derartiges sei, sondern heilig und makellos. So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt; sondern er hegt und pflegt es gleichwie auch Christus die Gemeinde. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Um deswillen wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und werden die beiden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß; ich rede aber von Christus und der Gemeinde. Darum auch ihr, ein jeglicher habe lieb seine Frau wie sich selbst; die Frau aber begegne ihrem Mann mit Ehrfurcht.“

Dieser Text widerlegt all jene Ausleger, die dem Paulus (aufgrund von 1.,Kor 7) eine abschätzige Beurteilung der Ehe unterschieben. Was könnte Großartigeres über den Ehestand gesagt werden, als daß er ein Abbild der innigen Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde ist? Gleichzeitig macht der Text die unvertauschbare Verschiedenartigkeit von Mann und Frau deutlich, denn Christus und die Gemeinde sind und bleiben unaufhebbar voneinander unterschieden.

Unser Abschnitt ist durch das Ineinander von Sein und Sollen, von Gabe und Aufgabe gekennzeichnet. Es heißt nicht: „Der Mann sollHaupt der Frau sein“, sondern: „Der Mann ist das Haupt der Frau, gleichwie Jesus das Haupt der Gemeinde ist“ (vgl. 1. Kor 11,3). Der Mann ist der Frau also seinsmäßig vorgeordnet,  das „Haupt“‑Sein gegenüber der Frau gehört genauso untrennbar zum Wesen des Mannes wie das „Haupt“‑Sein Christi der Gemeinde gegenüber.“ So wenig man Jesus Christus bejahen, aber seine Stellung als Haupt ablehnen kann, so wenig ist es möglich, das Mannsein zu bejahen und das „Haupt“‑Sein des Mannes abzulehnen. Wenn Männer sich weigern, ihre besondere Verantwortung als Haupt der Frau anzunehmen, lehnen sie sich gegen ihre gottgewollte Stellung auf und leben im Widerspruch zu ihrem Wesen als Mann. Gott hat den Mann in ähnlicher Weise der Frau übergeordnet, wie er Christus der Gemeinde übergeordnet hat.

Aus dem Sein des Mannes als Haupt ergibt sich für beide Geschlechter ein ganz verschiedenartiges Sollen, aus dem „Haupt“‑Sein als Gabe entstehen für den Mann ganz bestimmte Aufgaben. Unser Text beginnt mit den Konsequenzen für die Frau: „Die Frauen seien untertan ihren Männern wie dem Herrn … Aber wie nun die Gemeinde Christus untertan ist, so seien es auch die Frauen ihren Männern in allen Dingen“ (V. 22.24). Auch bei der Frage der Konsequenzen, die sich aus der „Haupt“-Stellung des Mannes ergeben, hat Paulus Christus und die Gemeinde als Urbild und Vorbild vor Augen: So wie die Gemeinde Christus in allem untergeordnet ist, so sind auch die Frauen den Männern untergeordnet „in allen Dingen“ (V. 24). Wenn der Vergleich mit Christus nicht wäre, könnte diese Überordnung des Mannes „in allen Dingen“ als Freibrief für jede Form von männlicher Despotie mißverstanden werden. Der Vergleich mit Christus zeigt aber den Inhalt, die Art und Weise und die Grenze dieses Übergeordnetseins: Das „Haupt“‑Sein Christi ist eine Regentschaft hingebungsvoller Liebe. Deshalb fordert Paulus die Männer auf: „ihr Männer, liebt eure Frauen, gleichwie auch Christus geliebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie hingegeben, auf daß er sie heiligte … So sollen auch die Männer lieben ihre Frauen wie ihren eigenen Leib“ (V. 25-28 ). Mit diesen Versen ist das „Haupt“‑Sein des Mannes so scharf wie nur möglich gegen männlichen Egoismus und jede Unterjochung der Frau abgegrenzt. Angesichts der Selbstaufopferung Jesu bis zum Tode am Kreuz und seines Lebens in vollkommener Liebe, ist dem „Haupt“‑Sein des Mannes ein Maßstab gegeben, wie er höher nicht gesetzt werden kann.

Es muß daher als überaus verhängnisvoll angesehen werden, daß ausgerechnet Eph 5,22 ff immer wieder zur Rechtfertigung „frommer“ Selbstherrlichkeit der christlichen Männer herangezogen wurde, indem einseitig die Unterordnung der Frau betont (V. 22‑24), aber die Aufforderung zur opferbereiten Liebe des Mannes (V. 25‑33) übergangen wurde. Dabei liegt der Hauptakzent unseres Textes nicht auf der Unterordnung der Frau, sondern offensichtlich auf der selbstlosen Liebe des Mannes. Da das Liebesgebot an die Männer keinerlei Egoismus mehr zuläßt, gibt es keinen ungeeigneteren Text zur Rechtfertigung männlicher Willkürherrschaft als Eph 5,22 ff!  . . .

Die Forderung an die Frau, sich unterzuordnen, ist für Paulus in der Tatsache begründet, daß nur so die gottgewollte Zuordnung von Mann und Frau verwirklicht werden kann, die dem Wesen beider Geschlechter entspricht und dem Wohl beider dient. Eine Auflehnung gegen die „Haupt“‑Stellung des Mannes zerstört nach Paulus die Grundlagen von Mannsein und Frausein, da das „Haupt“‑Sein untrennbar zu Sein und Wesen des Mannes gehört (vgl. außer 1. Kor 11,3 Eph 5,23). Für Paulus hatte das Wort „Unterordnung“ nicht den anstößigen Klang, den es für moderne Leser haben mag. Wie wenig Unterordnung für ihn etwas Entwürdigendes an sich hat, wird an 1. Kor 11,3 sichtbar, wo er die Unterordnung der Frau mit der Unterordnung Jesu unter den Vater vergleicht. Die in Eph 5,22 ff gemeinte Unterordnung der Frau ist eine Unterordnung in Liebe unter die liebevolle Leitung des Mannes, denn „Haupt“‑Sein heißt: in Liebe für jemand Verantwortung übernehmen.  . . .

Paulus wollte in Eph 5,22 ff verdeutlichen, wie sich Nachfolge Jesu in der Ehe verwirklicht. Die Wahrnehmung des „Haupt“‑Seins ist nach Paulus für den christusgläubigen Mann Nachfolge Jesu im striktesten Sinne des Wortes, denn er verwirklicht sein „Haupt“‑Sein dadurch, daß er das Verhalten Jesu Christi gegenüber seiner Gemeinde durch selbstlose Liebe gegenüber seiner Frau abbildet. Die christusgläubige Frau dagegen ist dazu berufen, in besonderer Weise die empfangende, sich unterordnende Haltung der Gemeinde abzubilden. Nach 1. Kor 11,3 bildet sie damit auch das Verhältnis Jesu zum Vater ab. Auch für die Frau sind Nachfolge Jesu und Bejahung der in Eph 5,22 ff gezeigten Ordnung untrennbar verbunden. Eine Frau, die sich gegen das „Haupt“‑Sein des Mannes auflehnt, verleugnet ihr Frausein und rebelliert gegen Christus. In Eph 5 werden keine zeitbedingten, patriarchalischen Vorstellungen in verchristlichter Form weitergegeben, wie moderne Ausleger behaupten, sondern ewige Wahrheiten, welche die Fundamente des Christseins berühren und deren Beseitigung die Grundlagen der Gemeinde Jesu gefährdet.  . . .

Die Bewährung als Haupt in der Ehe ist für Paulus unerläßliche Voraussetzung für jeden Gemeindeleiter: In 1. Tim 3,4 nennt er als Bedingung für das Amt der Gemeindeleitung, daß der Bewerber „seinem eigenen Hause gut vorstehe“. Dieser Maßstab ist einleuchtend. Denn wer nicht in der Lage ist, eine Ehe und Familie zu lei­ten, der wird auch nicht eine Gemeinde im Sinne Gottes leiten können.  . . .

Für Paulus ist eine Auflehnung gegen die von ihm vertretene Zuordnung der Geschlechter gleichbedeutend mit einer Auflehnung gegen Gottes Schöpfung und (indirekt) sogar gegen Gottes trinitarisches Wesen. Zwar zeigt sein Rückgriff auf die Schöpfungsordnung, daß die Überordnung des Mannes über die Frau schöpfungsmäßig bedingt und daher für alle Menschen in und außerhalb der Gemeinde gültig ist; seine Verankerung der Ehe im Verhältnis Christi zur Gemeinde als Urbild (Eph 5,22 ff) macht freilich deutlich, daß nur die Christusgläubigen wirklich in der Lage sind, die Zuordnung der Geschlechter in der gottgewollten Form ‑ wenn auch nur unvollkommen ‑ zu verwirklichen. Zwar vermögen auch nichtchristliche Männer in gewissen Grenzen ihre Aufgaben als „Haupt“ positiv wahrzunehmen, man wird aber im Licht von Eph 5 doch sagen müssen, daß der Mann ohne Hingabe an Christus seiner „Haupt“‑Stellung nicht gerecht werden wird: Unterdrückung der Frau oder aber ein völliges Umstoßen der Schöpfungsordnung im Sinne einer Beseitigung oder Umkehrung der Unterordnungsstruktur sind die unvermeidlichen Folgen, wenn Mann und Frau nicht in der Nachfolge Jesu stehen.

 

 

3. Mann und Frau im übrigen Neuen Testament

Die Bejahung der Geschlechtlichkeit ist ein Kennzeichen des ganzen Neuen Testaments. Nirgendwo wird die Geschlechtlichkeit oder Sexualität geringschätzig beurteilt oder die Ehe als notwendiges Übel hingestellt. Das Neue Testament übernimmt die alttestamentliche Bejahung des Geschlechtlichen und ergänzt sie nur durch den einen bei Jesus (Mt 19,14) und Paulus (l. Kor 7; 1. Tim. 5,3‑16) dargelegten Gedanken, daß um Gottes willen sogar der Verzicht auf Sexualität und Ehe eine sinnvolle und erfüllende Lebensmöglichkeit des Menschen sein kann.

Auch die Gleichwertigkeit der Geschlechter wird im Neuen Testament nirgendwo angetastet. Alle neutestamentlichen Schriften gehen davon aus, daß die Frauen „Miterben der Gnade des Lebens“ sind (l. Petr 3,7), die den gleichen Zugang zu Gott, zur Erlösung in Jesus Christus und zum Leben unter der Leitung des Geistes haben wie die Männer. Eine Minderbewertung oder Verachtung der Frau sucht man im Neuen Testament vergeblich. Von der moralischen, rechtlichen und religiösen Höherbewertung bzw. Bevorzugung des Mannes im zeitgenössischen Judentum ist nicht nur bei Jesus, sondern auch im übrigen Neuen Testament nichts mehr zu spüren.

Die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau freilich wird im Neuen Testament mit großer Entschlossenheit vorausgesetzt und immer wieder in ihren praktischen Konsequenzen dargelegt. Dabei werden die bei Jesus und Paulus sichtbaren Grundlinien nirgendwo angetastet. Es gehört zu den elementaren neutestamentlichen Überzeugungen, daß der Mann das Haupt der Frau ist. In der apostolischen Zeit wurde diese Überzeugung als gültige Basis des Gemeinde‑ und Ehelebens anerkannt, wenn man auch Tendenzen zur Einebnung der Geschlechterunterschiede offenbar schon damals entgegentreten mußte (vgl. 1. Kor 11,3 ff; 14,33 ff). Immerhin gibt es im Neuen Testament keine einzige Stelle, die erkennen läßt, daß die Frauen Lehrfunktionen oder gemeindeleitende Ämter innehatten! Es wird in diesem Zusammenhang häufig übersehen, daß 1. Kor 14,33 ff nicht eine engherzige Sondermeinung des Paulus, sondern eine in allen Gemeinden gültige Praxis der Urkirche zum Ausdruck bringt. Auch die gerne auf paulinische Enge zurückgeführte Sitte des Kopftuchtragens in 1. Kor 11 war ein Kennzeichen der gesamten damaligen Christenheit (V. 16) Es ist für das Verständnis der beiden angeführten Stellen außerordentlich wichtig, Paulus hier als Anwalt und Repräsentanten der ganzen Urkirche zu sehen.  . . .

Für die neutestamentliche Eheauffassung ist noch 1. Petr. 3,1‑7 von Wichtigkeit. Auch hier wird die „Haupt“‑Stellung des Mannes vorausgesetzt. Neu aber ist, daß die Unterordnung der Frau hier als missionarisches Zeugnis gewürdigt wird: „Dergleichen sollt ihr Frauen euren Männern untertan sein, auf daß auch die, die nicht glauben an das Wort, durch der Frauen Wandel ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ihr in Reinheit und Gottesfurcht wandelt“ (V. 1 f.). Dieses Wort ist eine ernste Mahnung an jene Christinnen, die meinen, sich einem ungläubigen Mann nicht unterordnen zu müssen. 1. Petr. 3,1 f. gibt zu verstehen, daß die Überordnung des Mannes eine Schöpfungsordnung ist, die auch für nichtchristliche Ehen gilt. Andererseits ist dieses Wort eine große Ermutigung für gläubige Frauen, durch stille und geduldige Unterordnung ihre noch ungläubigen Männer für Christus zu gewinnen. Petrus sieht in dieser Mission „ohne Worte“ den besonderen Auftrag für Christinnen in Mischehen. Sein Anliegen besteht darin, daß die Frauen durch die innere Schönheit ihrer Christushingabe ‑ nicht durch übermäßigen äußeren Schmuck (V. 3) ‑ die Aufmerksamkeit auf sich lenken als „verborgene Menschen des Herzens im unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes!“ (V. 4). Ein solches Leben der stillen Christusnachfolge ist nach Petrus „köstlich vor Gott“ und von „unvergänglichem“ Wert (V. 4), es hat eine „sieghafte Kraft“ in sich, „die alles überwindet und unzerstörbar bleibt“ (Schlatter), die in der Lage ist, selbst gegen Gott rebellierende Männer umzuwandeln.

Das hier von Petrus den Frauen vor Augen gestellte Leben in stiller Sanftmut ist ein Geschenk des Heiligen Geistes: Die Frau „wird sanftmütig und still, weil der Geist sanftmütig und still ist“ (Schlatter). Die Frauen sind in besonderer Weise berufen, die Sanftmut Jesu und sein verborgenes Leben in Nazareth darzustellen. Gertrud von le Fort spricht ganz im Sinne unserer Stelle von der Berufung der Frau zum „Apostolat des Schweigens“, d.h. von ihrer Sendung, „das verborgene Christusleben in der Kirche darzustellen.“ Ein solches Leben der stillen Sanftmut mag dem lärmenden Emanzipationsgeist unserer Zeit völlig widersprechen, es verleiht der Frau aber eine ungeahnte innere Schönheit und menschenumwandelnde Kraft, weil sie so ihr Frausein im Sinne Gottes verwirklicht und Gottes Wohlgefallen und Segenszuwendung auf ihr ruhen.

1. Petr 3,1‑6 entfaltet das Bild von der göttlichen Bestimmung der Frau, welche im ganzen Neuen Testament bestimmend ist und in vorbildlicher Reinheit in Maria, der Mutter des Herrn, Gestalt wurde. Die Größe Marias liegt in ihrer stillen Bereitschaft, das Wunder der Menschwerdung Jesu an sich geschehen zu lassen (vgl. Luk 1,38) und ganz hinter der Sendung ihres Sohnes und der Apostel zurückzutreten. Nicht durch öffentliches Wirken für Gott, sondern dadurch, daß sie Gottes Wirken im Verborgenen an sich geschehen ließ und das öffentliche Wirken ihres Sohnes durch ihr Muttersein vorbereiten half, wurde sie ihrer göttlichen Berufung gerecht. Ähnliches gilt für die Frauen im Gefolge Jesu: Sie treten nicht an die Öffentlichkeit, sondern wirken dauernd im Hintergrund (vgl. Lk 8,2f.), um so die öffentliche Wirksamkeit Jesu und der Apostel zu ermöglichen.  . . .

Petrus weiß um die Ebenbürtigkeit der Frauen als „Miterben der Gnade des Lebens“ (V. 8). Seine Ausführungen zielen auf die Entfaltung der Schönheit und Würde der Frau im Sinne Gottes. Deshalb ermahnt er die Männer in V. 7, daß sie ihren Frauen die ihnen gebührende „Ehre“ geben. „Das war ein kräftiger Stoß gegen die im Orient verbreitete Mißachtung der Frau“ (Schlatter). Petrus ermahnt die Männer, die geringere Stärke der Frauen in ihrem Verhalten zu berücksichtigen und die eheliche Gemeinschaft nur „mit Vernunft“, d. h. mit Maß und Liebe, anzustreben. Den Maßstab für die rechte Eheführung sieht Petrus darin, daß das Gebetsleben beider nicht beeinträchtigt wird: „Euer gemeinsames Gebet darf nicht gehindert werden“ (V. 7). Dieses Wort zeugt von einer tiefen seelsorgerlichen Weisheit: „Die Regel: Führt die Ehe so, daß ihr beten könnt, gibt mit großer Sicherheit an, was in ihr rein und wichtig ist und was gemieden werden muß“ (Schlatter). 1. Petr 3,7 weist darauf hin, daß die geistliche Gemeinschaft der Gatten die Mitte jeder christlichen Ehe darstellt. Indem Petrus das gemeinsame Leben der Ehegatten mit Gott zur Basis und zum Maßstab der christlichen Ehe macht, schafft er die optimale Voraussetzung dafür, daß Mann und Frau nach ihrer göttlichen Bestimmung leben und auf diese Weise den uralten Streit zwischen den Geschlechtern in liebevoller gegenseitiger Selbsthingabe überwinden.

Wir stehen am Schluß unserer Untersuchung dessen, was die Heilige Schrift über Mann und Frau zu sagen hat. Bei aller Vielgestaltigkeit der herangezogenen biblischen Texte ergab sich doch ein erstaunlich geschlossenes Gesamtbild, in dem überall die schöpfungsgemäße Zuordnung der Geschlechter von 1. Mo 1‑3 zugrundeliegt, die an einigen Stellen des Neuen Testaments im Licht der Christusoffenbarung neu gedeutet und vertieft wird

 

 

Vl. Die biblische Sicht von Mann und Frau in der Kirchengeschichte

 

Es würde den Rahmen unserer Untersuchung sprengen, wenn wir die Wirkungsgeschichte der biblischen Sicht von Mann und Frau auf Theologie und Praxis der Kirche genau darstellen wollten. Wir müssen uns daher auf einige wenige Andeutungen beschränken.

1. Die biblische Bejahung der Geschlechtlichkeit blieb in der Kirchengeschichte leider nicht unbestritten. Schon in der Alten Kirche machten sich leibfeindliche Tendenzen breit. Seit dem 3. Jahrhundert ist die christliche Sexualethik stark von einer radikalen Abwertung der Geschlechtlichkeit bestimmt, die bei Augustin schließlich zu der Auffassung führte, daß das sexuelle Begehren an sich sündhaft ist.

Papst Gregor I. (um 540‑604) unterschied zwischen dem Geschlechtsverkehr als solchem, der innerhalb der Ehe keine Sünde sei, und der mit ihm notwendig verknüpften Lust, die immer mit Schuld verbunden sei. Diese Ächtung der Lust hat in verhängnisvoller Weise die Geschichte der Christenheit bis weit in die Neuzeit hinein bestimmt. Noch Luther war der Meinung, „daß keine Ehepflicht ohne Sünden geschieht“, daß Gott aber aus Barmherzigkeit diese Sünden nicht anrechne. Zinzendorf sah es als Aufgabe der Ehegatten an, daß der Geschlechtsakt ohne jede Begierde allein zur Ehre Gottes vollzogen wird.

Es würde zu weit führen, hier die lange Liste sexualfeindlicher Äußerungen christlicher Theologen bis in die neueste Zeit wiederzugeben. Es gehört jedenfalls zu den beschämenden Kapiteln der Kirchengeschichte, wie weit sich die Christenheit unter dem Einflußheidnisch‑griechischer Ideen vielfach von der biblischen Bejahung der Geschlechtlichkeit entfernt hat. Allerdings muß vor einer Überzeichnung dieser traurigen Bilanz „christlicher“ Sexualfeindlichkeit gewarnt werden, denn es läßt sich an vielen Beispielen belegen, daß das biblische Ja zum Geschlechtlichen nicht ohne Wirkung auf das Christentum geblieben ist: Die christliche Kunst enthält viele Werke, die eine ausgesprochen unverkrampfte Haltung zur menschlichen Leiblichkeit zum Ausdruck bringen. Schon die älteste christliche Kunst (Gemälde der Katakomben, Sarkophagplastiken) scheute sich nicht, den nackten menschli­chen Körper darzustellen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche zeigte man sich ganz unbefangen bei der Spendung der Taufe: Täuflinge aller Altersstufen wurden unbekleidet getauft! Es scheint in der Frühzeit der Kirche gelungen zu sein, Unbefangenheit und Schamhaftigkeit miteinander zu verbinden. Auch in späterer Zeit finden wir Anzeichen für ein unbefangenes Verhältnis von Christen zu ihrem Körper. Beispielsweise stillten zu Anfang unseres Jahrhunderts in Italien Mütter in aller Unbefangenheit ihre Kinder sogar in der Kirche. Diese Hinweise, die noch vermehrt werden könnten, mögen genügen, um zu belegen, daß die leibfeindlichen Tendenzen in der Christenheit das biblische Ja zur Geschlechtlichkeit nicht vollständig verdrängen konnten. Es bleibt allerdings traurig genug, daß solche Tendenzen überhaupt soviel Einfluß gewinnen konnten und das Leben vieler Christen unheilvoll bestimmten. Die heute die „christlichen“ Völker überschwemmende Sexwelle ist eine Gegenreaktion gegen die pseudochristliche Leibfeindlichkeit, eine Reaktion freilich, die aufgrund ihrer Vergötzung der Lust sich in noch verhängnisvollerer Weise von den Maßstäben der Bibel entfernt hat.

2. Auch die in der Bibel bezeugte Gleichwertigkeit der Geschlechter ist in der Christenheit nicht immer festgehalten worden. Die Kirchengeschichte enthält leider bedenkliche Zeugnisse einer Geringschätzung der Frau. Immer wieder wurde die Frau als dem Mann sittlich unterlegenes Geschlechtswesen hingestellt, als „Einfallstor des Teufels“ (Tertullian), vor dem sich der Mann in acht nehmen müsse. Die abscheulichste Form der Frauenfeindlichkeit waren die jahrhundertelangen Hexenverfolgungen, denen möglicherweise über eine Million Frauen zum Opfer fielen.

Allerdings blieb es in der christlichen Theologie ‑ von Ausnahmen abgesehen ‑ unbestritten, daß die Frau gleichwertiges Gegenüber des Mannes ist. Die von Jesus vertretene Hochschätzung der Frau hatte bleibenden Einfluß auf die Geschichte der christlichen Kirche und Theologie. Mit der religiösen Minderbewertung der Frauen war es im Christentum ein für allemal vorbei: Daß die Frauen wie die Männer durch den Glauben Zutritt zum ewigen Heil haben, wurde in der Christenheit nie in Frage gestellt. Denn die Überzeugung von der Gleichwertigkeit der Geschlechter gehört so zum Zentrum des Evangeliums, daß mit der Leugnung die­ser Überzeugung auch die Heilsbotschaft selbst verleugnet wäre. Indem die Kirche an der von Jesus gebotenen unauflöslichen Einehe als einzig legitimer Form für das geschlechtliche Zusammenleben festhielt, trat sie mit Nachdruck für die personale Würde der Frau ein und schützte sie wirksam vor der Bevorzugung des Mannes, die das Eherecht der Antike kennzeichnet. Durch das Liebesgebot Jesu, die Mitte christlicher Ethik, war die Kirche davor geschützt, in der Ehe nur eine rechtliche Institution zum Zweck der Kinderzeugung zu sehen. Sie sah vielmehr in ihr eine Gemeinschaft unbedingter Liebe und Treue, in der Mann und Frau ein Höchstmaß an Glück, Geborgenheit und Erfüllung erfahren können. Auch wenn die christliche Wirklichkeit nicht immer den christlichen Überzeugungen entsprach, hat die Frau in der Christenheit eine ganz bemerkenswerte Achtung und Wertschätzung erfahren. Dies tritt um so klarer zutage, wenn man die Situation der Frau in der Antike, wie sie vor Christus bestand, zum Vergleich heranzieht. Ein Anzeichen für die Wertschätzung der Frauen im Christentum ist die Tatsache, daß in der Alten Kirche spätestens seit dem 2. Jahrhundert sich wesentlich mehr Frauen zum christlichen Glauben bekannten als Männer. Dieser „Frauenüberschuß“ führte sogar dazu, daß die frühe Kirche von Gegnern des Christentums verächtlich als „Religion der Armen und Frauen“ bezeichnet wurde. Innerhalb der christlichen Gemeinden fanden die Frauen einen Lebensraum, in dem sie als vollwertige Persönlichkeiten, als zur erlösten Gottesfamilie gehörende „Schwestern in Christus“ ernstgenommen wurden. Welche Wertschätzung sie bei den Christen erfuhren, zeigt z.B. die Tatsache, daß die weiblichen Märtyrer, die es in großer Zahl gab, von der Kirche genauso in hohen Ehren gehalten wurden wie die männlichen Blutzeugen. Die christlichen Märtyrerakten sind ein eindrucksvolles Zeugnis für die Achtung, die den Frauen in der Christenheit entgegengebracht wurde.

3. Die in der Bibel ausgesprochene Verschiedenartigkeit der Geschlechter und die sich daraus ergebende Verschiedenheit ihrer kirchlichen Aufgaben blieb in der Christenheit bis in das 20. Jahr­hundert ‑ von geringfügigen Ausnahmen abgesehen ‑ unbestritten. Am auffälligsten zeigte sich dies daran, daß im Anschluß an das Neue Testament die Lehr‑ und Leitungsfunktionen der Kirche in der katholischen, orthodoxen und evangelischen Christenheit den Männern vorbehalten waren. Diese Praxis wurde in der Alten Kirche nur von häretischen Bewegungen wie den Montanisten und der Gnosis durchbrochen. Der Ausschluß von Frauen aus dem Verkündigungs‑ und Leitungsamt bedeutete jedoch keinesfalls, daß sie zur Untätigkeit verurteilt waren: Die Alte Kirche schuf im Anschluß an das Neue Testament (vgl. Röm 16,1 f.; 1. Tim 5,3‑16) für unverheiratete Frauen das Diakonissenamt, das eine Vielfalt von Tätigkeiten wie Krankenpflege, diakonische und seelsorgliche Betreuung von Frauen und die Beteiligung an Taufe und Taufunterricht von Frauen umfaßte. Mit dem Amt der Diakonisse erschloß sich für die Christinnen ein Tätigkeitsbereich, der sowohl im Judentum als auch in den anderen Religionen den Frauen verschlossen blieb.   . . .

Wir sehen, daß die Christenheit bei der Verteilung der kirchlichen Ämter auf die Geschlechter weitgehend in den vom Neuen Testament gesteckten Grundlinien verblieben ist. Dies gilt auch für die neutestamentliche Zulassung von Prophetinnen. Sieht man einmal davon ab, daß es seit dem 2. Jahrhundert kaum noch Propheten in der Großkirche gab, hat man in der Kirche immer wieder das prophetische Auftreten von charismatisch begabten Frauen wie Hildegard von Bingen (1098‑1179), oder Katharina von Siena (1347‑1380) zugelassen, ohne ihnen damit eine direkte Beteiligung am Hirtenamt zuzugestehen. Es blieb unserem Jahrhundert vorbehalten, in größerem Umfang mit dieser auf dem Neuen Testament beruhenden fast 2000jährigen Tradition zu brechen, Frauen das Gemeindepfarramt und neuerdings sogar das Bischofsamt zu öffnen und die Verschiedenartigkeit der kirchlichen Ämter für Mann und Frau in Frage zu stellen. Diese Entwicklung hat freilich erst die evangelischen Kirchen erfaßt, während man sich ihr in der katholischen und orthodoxen Kirche bislang entschieden widersetzt hat. Dies wirft die grundsätzliche Frage auf, ob und inwieweit die neutestamentliche Sicht der Geschlechter heute noch theologische Gültigkeit und Verbindlichkeit für die Praxis der Kirche hat.

 

 

 

VII. Die bleibende Gültigkeit der biblischen Sicht von Mann und Frau

 

 

In unserer Zeit häufen sich die Stimmen unter den Theologen (und Nichttheologen), welche die Ansicht vertreten, daß die biblische Sicht von Mann und Frau von den heute überholten Vorstellungen ihrer patriarchalisch geprägten Umwelt bestimmt und daher revisionsbedürftig sei. Vor allem die in der Bibel vertretene Überordnung des Mannes über die Frau und die daraus abgeleitete Beschränkung der kirchlichen Lehr‑ und Leitungsämter auf Männer erfahren Kritik und Ablehnung. Wir wollen im folgenden eingehender begründen, warum die biblische Zuordnung der Geschlechter auch heute noch Gültigkeit besitzt und ihre Preisgabe zentrale Wahrheiten des christlichen Glaubens bedroht.

Angesichts der Leichtfertigkeit, mit denen heute Aussagen der Heiligen Schrift in Frage gestellt werden, ist es nötig darauf hinzuweisen, daß bei der Zurückweisung biblischer Inhalte die Beweislast beim Kritiker und nicht etwa bei demjenigen liegt, der den biblischen Standpunkt festhält. Dies gilt sowohl für die historische wie für die dogmatische Bibelkritik. Die Bibel ist für die Christenheit vorgegebene Autorität in allen Fragen der Lehre und des Lebens.Deshalb bedarf nicht die Bejahung, sondern die Ablehnung biblischer Aussagen der Rechtfertigung. Dies wird heute oft genug übersehen oder nicht genügend berücksichtigt. Trotzdem ist es eine immer wieder neue und notwendige Aufgabe der christlichen Theologie, die bleibende Gültigkeit biblischer Inhalte nicht nur zu behaupten, sondern auch zu begründen und Mißverständnissen zu wehren. In diesem Sinne sind unsere folgenden Ausführungen zu verstehen. Sie wollen eine Orientierungshilfe für all jene sein, die sich um ein vertieftes Verständnis der Heiligen Schrift bemühen.

Für das Festhalten an der biblischen Zuordnung von Mann und Frau sind vier Gründe entscheidend.

 

1. Der Offenbarungsanspruch der biblischen Sicht von Mann und Frau

Die Behauptung, daß die biblische Zuordnung von Mann und Frau, wie sie in 1. Mo 1‑3 entfaltet und im Neuen Testament weitergeführt und vertieft wird, zeitbedingt sei, widerspricht dem Selbstanspruch der biblischen Sicht.

Es ist keine Frage, daß im Alten wie im Neuen Testament ein Text wie 1. Mo 1‑3 als bleibend gültige Offenbarung über Mann und Frau angesehen wird. Die Art und Weise, wie Jesus (Mt 19,4 f) und Paulus (Eph 5,3 1; 1. Tim 2,13 f) auf die ersten drei Kapitel der Heiligen Schrift verweisen zeigt, daß sie in ihnen normative Offenbarungstexte sehen, die gültige Wahrheit über den Menschen und seine Geschlechtlichkeit erschließen. Jesus geht sogar soweit, daß er von 1. Mo 1 und 2 her das im Alten Testament ausdrücklich zugestandene Scheidungsrecht des Mannes (5. Mo 24,1‑4) verwirft, da es Gottes ursprünglichem Schöpferwillen widerspricht (Mt 19,8 f). Diese Stelle zeigt, daß Jesus in 1. Mo 1 und 2 die bleibend gültige Schöpfungsordnung Gottes ausgesprochen sieht, von der her sogar das Alte Testament kritisiert werden darf.

Auch die neutestamentlichen Texte über die Zuordnung von Mann und Frau enthalten den Selbstanspruch, nicht zeitbedingte, revisionsfähige Ansichten, sondern bleibende Offenbarungswahrheiten weiterzugeben. Man sieht dies an den theologischen Begründungen, die gerade paulinische Texte wie 1. Kor 11,3 ff, 14,33 ff oder Eph 5,22 ff vorbringen. Paulus verankert seine Sicht von Mann und Frau im Wesen Gottes (l. Kor 11,3), im Erlösungshandeln Jesu (Eph 5,22 ff) und im Wesen der Geschlechter (l. Kor 11,3 ff; Eph 5,22 ff); er beruft sich auf die göttliche Schöpfungsordnung (l. Kor 11,8‑9; 1. Tim 2,13 f) und auf ein Gebot des Herrn (l. Kor 14,37).

All dies macht deutlich, daß Paulus beansprucht, bleibende Wahrheiten weiterzugeben, deren Zurückweisung Auflehnung gegen Gott bedeutet (vgl. 1. Kor 14,37). Paulus weiß freilich um den Unterschied zwischen den von ihm vertretenen Offenbarungswahrheiten und der aus ihnen entstandenen Sitte (l. Kor 11,16): Die theologische Zuordnung von Mann und Frau und das daraus abgeleitete zeitbedingte Brauchtum der Gemeinde stehen nicht auf der gleichen Ebene. Es ist aber notwendig, daß die Sitte und Ordnung der christlichen Gemeinden der gottgewollten Zuordnung der Geschlechter nicht widersprechen, sondern diese zum Ausdruck bringen. Das ist der Grund, daß Paulus so stark für die Sitte des Kopftuches der Frau kämpft, weil er in deren Beseitigung eine Auflehnung gegen die bleibend gültige Schöpfungsordnung sieht.

Aus all dem ergibt sich die wichtige Folgerung: Wer die biblisch‑neutestamentliche Zuordnung der Geschlechter für zeitbedingt und veränderbar hält, gerät in Widerspruch zu ihrem Selbstanspruch! Die entsprechenden biblischen Texte argumentieren gerade nicht pragmatisch von der damaligen gesellschaftlichen Stellung der Geschlechter her, sondern beanspruchen, verbindliche Offenbarungswahrheiten weiterzugeben. Eine Auslegung, die diesen Anspruch der biblischen Texte nicht ernst nimmt, diskreditiert sich selbst und kann ihrerseits theologisch nicht mehr ernstgenommen werden.

Die Alte Kirche hat den Selbstanspruch der biblischen Zuordnung von Mann und Frau nicht nur in ihrer kirchlichen Praxis (Hirten‑ und Lehramt des Mannes), sondern auch in ihrer Theologie in vorbildlicher Weise ernstgenommen. Man sieht dies beispielsweise daran, daß namhafte Kirchenväter schon in der frühen Zeit die neutestamentlichen Haustafeln als kanonisch, d. h. als verbindliches Wort Gottes anerkannt haben. Die „Haupt“-Stellung des Mannes war nicht nur in der altkirchlichen und mittelalterlichen Theologie unumstritten, sondern wurde auch in der Neuzeit von der überwiegenden Mehrzahl der maßgeblichen Dogmatiker bis etwa zur Mitte unseres Jahrhunderts vertreten. Noch Adolf Schlatter, Karl Barth, Emil Brunner und Dietrich Bonhoeffer ‑ um nur einige bedeutende evangelische Theologen des 20. Jahrhunderts zu nennen ‑ sahen in der biblischen Zuordnung der Geschlechter eine bleibend gültige Wahrheit. Wer die neutestamentliche Zuordnung von Mann und Frau als überholt betrachtet, bricht also an dieser Stelle nicht nur mit dem Neuen Testament, sondern auch mit der darauf aufbauenden fast 2000jährigen Tradition der Kirche.

 

2. Unableitbarkeit der bibl. Sicht von Mann u. Frau aus der zeitgenössischen Umwelt

Die immer wieder vorgebrachte Behauptung, daß die biblische Sicht von Mann und Frau aus den patriarchalischen Auffassungen der damaligen Zeit abzuleiten sei, scheitert an der Tatsache, daß sie sich charakteristisch von den Überzeugungen der biblischen Umwelt unterscheidet. Wir wollen dies an einigen Beispielen näher belegen:

Wenn man beispielsweise 1. Mo 2 mit vergleichbaren Texten der zeitgenössischen Umwelt vergleicht, dann ergibt sich, daß dieses Kapitel in der Hochschätzung der Frau unter den Mythen von der Menschenschöpfung im gesamten Vorderen Orient einzigartig dasteht. 1. Mo 1‑3 bringt die Gleichwertigkeit der Geschlechter derart überzeugend zum Ausdruck, daß selbst das Alte Testament und die Praxis des alttestamentlichen Israel nicht ohne Einschränkung daran festgehalten haben. 1. Mo 1‑3 nimmt also nicht nur eine Sonderstellung im damaligen Vorderen Orient, sondern sogar im Alten Testament ein.  . . .

Ein überzeugendes Beispiel für den patriarchalischen Einfluß der Umwelt auf die biblische Zuordnung von Mann und Frau scheint die alttestamentliche Ausschließung der Frau vom Priestertum zu sein. Aber gerade dieses Beispiel beweist das Gegenteil: Mit der Ablehnung des Frauenpriestertums setzte sich Israel in schroffen Gegensatz zur Praxis seiner orientalischen Umwelt, in der Priesterinnen selbstverständlich waren. Man kann dies nicht damit erklären, daß dadurch die untragbaren Praktiken der zeitgenössischen Tempelprostitution vermieden werden sollten, denn die Praxis der geweihten Prostitution war in der orientalischen Umwelt keineswegs auf die Frauen beschränkt.   . . .

Angesichts des historischen Befundes ist es sachlich nicht gerechtfertigt, die Beschränkung des alttestamentlichen Priestertums bzw. des neutestamentlichen Hirten‑ und Lehramtes auf Männer aus der zeitgenössischen Umwelt abzuleiten. Man könnte allerdings versucht sein, die neutestamentliche Praxis zwar nicht aus der römisch‑griechischen, aber aus der jüdischen Umwelt abzuleiten. Dies scheitert aber daran, daß die neutestamentliche Ablehnung von Frauen in den Leitungsfunktionen auf die Praxis Jesu (Berufung nur männlicher Apostel) zurückgeht, dessen Verhalten frei war von jeder opportunistischen oder pragmatischen Anpassung an das Judentum seiner Zeit. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Ausschluß von Frauen aus dem Hirten‑ und Verkündigungsdienst im Neuen Testament ist nicht abhängig von der Umwelt der frühen Christenheit, sondern eine auf gewichtigen theologischen Gründen basierende Praxis.  . . .

Aus all dem ergibt sich die wichtige Folgerung: Die biblische Sicht von Mann und Frau ist derart eigenständig und verschieden von den Anschauungen der zeitgenössischen Umwelt, daß sie sich nicht aus diesen ableiten läßt, sondern göttliche Offenbarung über Mann und Frau ist.

 

3. Die Verankerung der biblischen Sicht von Mann und Frau im Wesen der Geschlechter

Die biblische Sicht der Geschlechter beruht auf der Einsicht in das Wesen von Mann und Frau. Sie steht daher in voller Übereinstimmung mit unserem Wissen über die Eigenart der Geschlechter, wie es sich aus der menschlichen Erfahrung und wissenschaftlichen Untersuchungen ergibt. Damit soll nicht behauptet werden, daß die biblische Zuordnung der Geschlechter hinreichend aus dem empirischen Wissen über Mann und Frau begründet werden kann, sondern nur dies, daß das Erfahrungswissen über die Geschlechter die biblische Sicht bestätigt und stützt.  . . .

Wenn der Mann in der Bibel als Haupt der Frau angesehen wird, dann entspricht dem ganz sein empirisch feststellbares stärkeres Streben nach Leitung und Führung, sein ausgeprägtes Dominanzverhalten, seine Willensbetontheit und seine größere Aggressivität. Wenn dem Mann in 1. Mo 1‑3 in besonderer Weise das Untertanmachen der Erde, die Erschließung und Gestaltung der Welt aufgetragen ist, dann steht dies in Übereinstimmung mit seinem stärkeren und robusteren Körperbau, mit seinem größeren Abstraktionsvermögen, seiner besonderen Befähigung zu schöpferischen Pionierleistungen in allen Bereichen des geistigen Lebens und mit seinem stärker ausgeprägten Sachweltbezug.

Wenn andererseits die Frau in der Heiligen Schrift als Gehilfin des Mannes gekennzeichnet wird, dann steht dies in Übereinstimmung mit ihrer wissenschaftlich feststellbaren geschlechtlichen Eigenart, denn ihre größere Anpassungsbereitschaft, ihr besseres Einfühlungsvermögen, ihre größere Nachahmungsfähigkeit einschließlich ihrer ausgeprägteren Sprachbegabung und ihr stärkerer Personenbezug prädestinieren sie für die Aufgabe, den Mann als dessen Gefährtin zu ergänzen. Die genannten Eigenschaften verhelfen ihr auch dazu, die ihr von der Bibel (und ihrem Körperbau) zugewiesene Aufgabe der Mutterschaft in umfassender Weise wahrzunehmen.

Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um die grundlegende Übereinstimmung zwischen den biblischen Zielbestimmungen des Mannseins und Frauseins und der empirisch feststellbaren Eigenart der Geschlechter sichtbar zu machen.

Wie sehr die biblische Zuordnung der Geschlechter dem Wesen von Mann und Frau entspricht, zeigt auch die Erfahrung von Christen, welche die biblische Sicht in Ehe und Familie praktiziert haben. Dazu nur ein Beispiel unter vielen: In einer lutherischen Gemeinde in den USA, die eine tiefgreifende geistliche Erneuerung erfuhr, wurden die biblischen Grundlinien zur Gestaltung des Ehe‑ und Familienlebens neu entdeckt und seitdem mit großen Segenswirkungen praktiziert. Dieses Beispiel steht für viele: Überall da, wo Mann und Frau mit ganzem Ernst bereit waren, ihre Ehe im Sinne des Neuen Testaments zu gestalten, durften sie die beglückende Erfahrung machen, daß die biblische Zuordnung der Geschlechter für beide lebensentfaltend ist.

Die biblische Sicht von Mann und Frau wurde allerdings oft genug dadurch in ein schiefes Licht gerückt, daß sie zur Rechtfertigung des männlichen Egoismus mißbraucht wurde, indem die Männer wohl ihre Überordnung über die Frauen, nicht aber ihre Verpflichtung zu selbstloser Liebe ernstgenommen haben. Dadurch entstanden schlimme Zerrbilder „christlicher“ Ehen, die freilich die Fülle positiver Erfahrungen nicht in Frage stellen können.

Die Richtigkeit der biblischen Zuordnung von Mann und Frau wird indirekt durch viele Beobachtungen gestützt, welche die Folgen einer Ablehnung der biblischen Sicht aufzeigen. Psychiatrische Untersuchungen haben beispielsweise ergeben, daß Familien, in denen die Väter ihre Leitungsaufgaben nicht wahrnehmen, sondern an die Mutter abtreten, psychisch und emotional gestört sind, und daß die Söhne in diesen Familien verhaltensgestört bzw. in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind. Außerdem sind die Kinder solcher Familien nur in unzureichendem Maße den verschiedenen Situationen des Lebens gewachsen. Diese Forschungsergebnisse zeigen recht anschaulich, wie zerstörerisch es sich auswirkt, wenn Männer ihre Verantwortung als Haupt der Familiengemeinschaft nicht wahrnehmen. Sie schaden nicht nur ihrer Familie als ganzer, sondern gerade auch ihrer Ehe: Das sich heute immer größerer Beliebtheit erfreuende Modell der „demokratischen“ Ehe ohne klar abgegrenzte Kompetenzbereiche der Partner führt nachweislich zu Unzufriedenheit und ist ständig von der Gefahr bedroht, daß die Ehe zu einem Kampfplatz wird, in dem immer wieder neu eine Auseinandersetzung um die Durchsetzung von Entscheidungen stattfindet.  . . .

Die heute in zunehmendem Maße stattfindende Auflehnung von Frauen gegen ihre gottgewollte Aufgabe der Mutterschaft und die gleichzeitig zunehmende Berufstätigkeit von Müttern hat ähnlich zerstörerische Folgen wie die Auflehnung der Männer gegen ihre besondere Verantwortung zur Führung von Ehe und Familie. Es ist aufgrund von umfangreichen statistischen Erhebungen in vielen Ländern gesichert, daß die steigende Berufstätigkeit von Frauen in enger Beziehung zur steigenden Häufigkeit von Morden und Selbstmorden steht – ein Sachverhalt, der nicht verwunderlich ist, da die ungenügende Betreuung von Kindern durch ihre Mütter zwangsläufig deren psychische Entwicklung schädigen muß. Wie ausschlaggebend für das gesamte spätere Leben die intensive Betreuung vor allem von Kleinkindern durch ihre Mütter ist, haben die psychologischen und verhaltensbiologischen Forschungen zur Genüge erwiesen.

Die bekannte Psychagogin Christa Meves schreibt dazu: „Alle Einzelbeobachtungen haben die bittere Wahrheit bestätigt: Die Kinder brauchen den vollen personalen Einsatz ihrer Mütter, wenn nicht schwere geistige und körperliche Beeinträchtigungen riskiert werden wollen. 7,5 mal so häufig als aus irgendeinem anderen Grund wird der Mensch im Jugendalter kriminell, wenn er in den ersten Lebensjahren nicht in der konstanten Nähe einer Mutter gelebt hat“. Die mütterliche Aufgabe ist in den ersten Lebensjahren des Kindes derart beanspruchend, daß eine Berufstätigkeit damit nicht ohne bedenkliche Schädigung des Kindes vereinbart werden kann. Untersuchungen an Heimkindern, die meist von wechselnden Bezugspersonen betreut werden, haben erschreckende Schädigungen erkennen lassen, während beispielsweise ein im Gefängnis geborenes Kind, das dort intensiv von der Mutter betreut werden konnte, auch nach 18 Monaten keine Entwicklungsstörungen zeigte.

Die mütterliche Betreuung im Kleinkindalter kann auch nicht vom Vater übernommen werden: Sowohl aus körperlichen (Stillen) als auch aus psychologischen Gründen (Einfühlungsvermögen, Personenbezug der Frau) ist die Frau für diese Aufgabe unvergleichlich besser gerüstet als der Mann. Der französische Psychiater Muldworf schreibt, daß „die weibliche Gestalt, ihre Psychomotorik, der Ton ihrer Stimme sowie bestimmte psychologische Eigenschaften die Frau eher als den Mann dazu befähigen die mütterliche Funktion den Neugeborenen gegenüber zu erfüllen“. Die moderne Neigung, die gottgewollte Stellung der Geschlechter abzulehnen und geschlechtsspezifische Aufgaben möglichst zu leugnen, scheitert also auch in diesem Fall an der Wirklichkeit.

Es ist für die seelische Entwicklung des Kindes (v. a. für die Identifikation des Heranwachsenden mit dem eigenen Geschlecht) von ausschlaggebender Bedeutung, daß es an den Eltern positive Leitbilder für überzeugend gelebtes Mannsein und Frausein besitzt. Fehlen dem Kind solche Leitbilder, indem die Eltern bewußt oder unbewußt ihre geschlechtliche Eigenart nicht zur Entfaltung gelangen lassen oder gar unterdrücken, ist es der Gefahr ausgesetzt, homosexuell zu werden oder aber als Erwachsener Schwierigkeiten zu haben, eine auf Verantwortung und Treue basierende Partnerbeziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen. Die heute herrschende Tendenz, für eine Nivellierung der Geschlechtsunterschiede einzutreten, muß demnach als ernste Gefahr für die heranwachsende Generation angesehen werden, da sie diese in ihrer seelischen Entwicklung und damit in ihren Zukunftschancen erheblich schädigt. Es stimmt in diesem Zusammenhang nachdenklich, daß schon heute 50 % der Schulkinder in der Bundesrepublik Deutschland verhaltensgestört (20 %) oder verhaltensauffällig (30 %) sind. Für diese Entwicklung ist sicherlich die weitverbreitete Vernachlässigung der väterlichen und mütterlichen Aufgaben in hohem Maß verantwortlich zu machen.

Aus all den angeführten Beobachtungen ergibt sich die gewichtige Folgerung: Die bleibende Gültigkeit der biblischen Sicht von Mann und Frau wird positiv dadurch gestützt, daß sie mit dem empirischen Wissen über die Eigenart der Geschlechter übereinstimmt und sich in der christlichen Praxis als lebensentfaltend bewährt,‑ sie wird negativ dadurch gestützt, daß ihre Ablehnung sich in der Praxis mannigfach als zerstörerisch erwiesen hat.

 

4. Die Verankerung der biblischen Sicht von Mann und Frau im Wesen Gottes

 

Der tiefste Grund für die biblische Sicht von Mann und Frau liegt im Wesen Gottes, wie es die biblische Offenbarungsgeschichte sichtbar werden ließ. Diese für viele Leser sicherlich über­raschende Feststellung wollen wir im folgenden genauer erläutern und begründen.

Nach alttestamentlicher Vorstellung sollten die Priester in besonderer Weise Repräsentanten Gottes sein und seine Heiligkeit und Vollkommenheit widerspiegeln: Sowohl ihre äußere Gestalt (vgl. 3. Mo 21, 17‑21) als auch ihr ethisches Verhalten (vgl. 3. Mo 10, 1‑3; 21, 7‑15) sollte Gottes heiliges und vollkommenes Wesen symbolisch darstellen. Es ist auffällig, daß auch im Neuen Testament in bezug auf die Apostel der Gedanke der Repräsentation Gottes bzw. Jesu auftaucht: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Mt 10,49; vgl. Lk 10,16; Joh 13,20). So wie Jesus den Vater repräsentiert (vgl. Joh 14,3: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“), so repräsentieren die Apostel Jesus: „Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Die Repräsentation Jesu durch die Apostel bedeutete einerseits, daß diese die Botschaft Jesu unverkürzt weiterzugeben hatten (vgl. Lk 1, 1‑4), und andererseits, daß auch an ihrem ethischen Verhalten Jesu Vorbild sichtbar werden sollte (vgl. Job 13,18f.). Beim Apostel Paulus ging die Repräsentation so weit, daß er den Korinthern sagen konnte: „Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi!“ (l. Kor 11,1; vgl. 1. Kor 4,16; Phil 3,17; 1. Thess 1,6). Im Neuen Testament ist es eine unerläßliche Bedingung für die Gemeindeleiter, daß sie in ihrer Lebenspraxis bewährte Vorbilder der Gemeinde sind (vgl. 1. Tim 3, 1‑7; 1. Petr 5,2 f). All dies zeigt uns: Im Alten wie im Neuen Testament werden die Führer der Gemeinde (die Priester bzw. die Apostel und Gemeindeleiter) als Repräsentanten Gottes (bzw. Jesu) angesehen, welche Gott (bzw. Jesus) durch Leben und Lehre in besonderer Weise darzustellen haben.

Aufgrund des biblischen Gottesbildes ergibt sich daraus die Konsequenz, daß die Führer der Gemeinde Männer sein müssen. Denn da Gott im Alten und Neuen Testament in ausschließlich männlichen Begriffen (wie „Vater“, „Herr“, „König“ u. a.) vorgestellt wird, liegt es nahe, daß er von Männern und nicht von Frauen repräsentiert wird. Zwar wird Gott an wenigen Stellen der Bibel mit einer Mutter verglichen (vgl. Jes 66,13; 49,15; Ps 27,10), aber in auffallendem Gegensatz zu vielen Religionen nirgendwo als „Mutter“ bezeichnet. Dies kann kein Zufall sein!

Denn während es von vielen Göttern nichtchristlicher Religionen heißt, „sie seien zugleich ’Väter und Mütter’ der Menschheit, ja aller Dinge . . . sagt die Bibel nie, Gott sei unser Vater und unsere Mutter und keiner, der mit der ganzen Flußrichtung ihres Offenbarungswortes vertraut ist, wird behaupten, dies sei ein zufälliges Versäumnis“ (Bouyer). Gott als Mutter anzubeten, wäre für die Frommen des Alten und Neuen Testaments völlig unvorstellbar. Dies wäre nicht mehr der Gott Israels und der Vater Jesu Christi! Weil Gott ‑ wie Jesus in seiner Verkündigung geoffenbart hat wesenhaft Vater (und nicht Mutter) ist, mußte Jesus als wesensgleiches Abbild Gottes Sohn (und nicht Tochter) sein. Deshalb konnte Jesus bei seiner Menschwerdung nur Mann werden (und nicht Frau), deshalb mußten die Apostel als Repräsentanten ihres Herrn Männer sein. Wir sehen, wie die Beschränkung des Apostelamtes (bzw. des alttestamentlichen Priesteramtes) auf Männer zutiefst im Wesen Gottes selber verwurzelt ist!

Wenn Gott durch Frauen ebensogut dargestellt werden könnte wie durch Männer, dann könnte man ihn im Gebet auch als „Mutter“, „Schöpferin“ oder „Herrin“ anreden, dann könnte man Jesus ebensogut als „Tochter“ Gottes wie als Gottessohn bezeichnen, dann hätte Jesus genausogut eine Frau wie ein Mann werden können. Wir hätten es allerdings dann nicht mehr mit dem Gott der Bibel zu tun, deren Ausführungen über Gott und Jesus ein Gottesbild wie das eben geschilderte völlig ausschließen.

Der bedeutende anglikanische Schriftsteller und Laientheologe C. S. Lewis stellt mit Recht fest: “ Wenn man einmal mit all dem wirklich Ernst machen würde (Gott als Mutter und Jesus als Tochter zu bezeichnen, W. N.), dann hätten wir uns auf eine andere Religion eingelassen … Das religiöse Leben eines Kindes, das man zu einer Mutter im Himmel beten gelehrt hat, würde sich radikal von dem eines christlichen Kindes unterscheiden.“

Es gehört zu den revolutionärsten Vorgängen der christlichen Theologiegeschichte, daß in unserer Zeit christliche Theologen eine völlige Revision der biblischen Gottesvorstellung im oben umschriebenen Sinn fordern: Es wird behauptet, daß Gott „sowohl männlich als auch weiblich ist“, daß Gott „gleichzeitig Mann und Frau, Vater und Mutter“ ist . . .  – Es ist un­schwer zu erkennen, daß solche Vorstellungen nicht nur mit dem biblischen Gottesbild, sondern auch mit der 2000jährigen Tradition der christlichen Gotteslehre brechen. Hier wird das auf Gottes Selbstoffenbarung beruhende Gottesbild der Bibel durch einen aus den geistigen Quellen des Feminismus gespeisten Gottesbegriff ersetzt.  . . .

a) Gott als Vater

Bereits im Allen Testament wird Gott als Vater bezeichnet. Der Begriff ist dort nicht im Sinne einer direkten Vaterschaft durch Zeugung zu verstehen, sondern identisch mit dem Begriff des Schöpfers (vgl. 5. Mo 32,6.18; Jes 43,6 f; 45,9 ff; 64,7; Mal 2, 10). Erst durch Gottes Offenbarung in Jesus wissen wir, daß Gott in seinem Wesen Vater im unmittelbarsten Sinne des Wortes ist, nämlich Vater durch Zeugung seines Sohnes Jesus: Die „neue Offenbarung Christi über Gott“ besteht nach dem katholischen Theologen Heinrich David „darin, daß er im eigentlichen Sinne durch Zeugung Vater ist. Gott kann nicht nur bildlich Vater genannt werden, wie im Alten Testament und in der heidnischen Philosophie, sondern er ist Vater im ursprünglichsten Sinne des Wortes, so daß von ihm alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat (Eph 3,15). Er ist urbildlich Vater und nicht nur abbildlich so genannt. Denn das ist der Inhalt der neuen Offenbarung Christi über Gott, daß er in Christus einen Sohn hat, daß er von Ewigkeit her einen Sohn zeugt, nicht erschafft.“

Diese Ausführungen Davids zeigen treffend, daß Jesus Gott nicht nur mit einem Vater vergleicht, sondern daß er ihn als Vater bezeichnet, weil er in seinem Wesen Vater ist und deshalb gar nicht anders bezeichnet werden kann. Die Vateranrede Jesu (Abba) ist daher keine beliebige, die auch durch eine andere (z. B. „Schöpfer“ oder „Mutter“) ersetzt werden könnte, sondern die für Jesus einzig angemessene Kennzeichnung dessen, was Gott für ihn ist. Warum hätte Jesus Gott nicht auch als „Mutter“ anreden können? Diese Frage beantwortet sich von selbst, wenn man das Wesen von Vaterschaft und Mutterschaft bedenkt: Vaterschaft beinhaltet das aktive Zeugen von neuem Leben, während Mutterschaft durch die überwiegend passiven Vorgänge des Empfangens, Austragens und Gebärens von neuem Leben gekennzeichnet ist. Wer den Begriff Mutterschaft auf Gott überträgt, bringt Gott mit Vorgängen in Verbindung, die seinem Wesen völlig fremd sind: Gottes Zeugen bedarf (im Gegensatz zu dem des Mannes) keines (mütterlichen) Empfangens, Austragens und Gebärens, sein Zeugen ist in sich genug. Deshalb wäre die Bezeichnung „Mutter“ für Gott absolut unangemessen.

Selbst der menschliche Vaterbegriff ist nur unvollkommen geeignet, Gottes Vatersein zu bezeichnen: Während die menschliche Vaterschaft nur über die Mutterschaft der Frau verwirklicht wird, ist Gottes Vaterschaft völlig unabhängig von der Vermittlung durch irgendein anderes Wesen. Deshalb wird im Neuen Testament Gottes Vaterschaft nicht von der des Mannes abgeleitet, sondern umgekehrt das Vatersein des Mannes von Gottes urbildli­chem und vollkommenem Vatersein: In Eph 3,15 heißt es, daß von Gott „alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“  . . .

Wenn die feministische Theologie für eine Mutteranrede Gottes plädiert, dann geht sie nicht mehr vom lebendigen Gott aus, sondern von einem eigenmächtig konstruierten menschlichen Gottesbegriff. Eine von feministischen Gottesvorstellungen ausgehende „Theologie“ kann daher nicht mehr als christlich ernstgenommen werden.

Mit all dem soll freilich nicht das Wahrheitsmoment des modernen Plädoyers für die Bezeichnung Gottes als Mutter beiseitegeschoben werden: Wenngleich Gott nicht als Mutter bezeichnet werden kann, so läßt sich doch sein Verhalten gegenüber den Menschen mit dem liebevollen Verhalten einer Mutter vergleichen, wie dies die Heilige Schrift manchmal ‑ wenn auch selten ‑ tut (vgl. Jes 66,13: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“). Soweit eine Mutter ihre Kinder mit Hingabe und Liebe erzieht, ist sie ein schönes Abbild von Gottes geduldiger Liebe. Insofern enthält Gottes Wesen Merkmale der geistig‑seelischen Mütterlichkeit. Diese „mütterlichen“ Züge in Gott sind aber Bestandteile seiner väterlichen Liebe und können von dieser nicht getrennt werden. Gottes Väterlichkeit umfaßt in vollkommener urbildhafter Form alles, was auf Erden an mütterlicher Zartheit, Geborgenheit und Liebe möglich ist.

 

b) Gott als Bräutigam (Gatte)

Gott wird im Alten Testament häufig als Bräutigam (Jer 2,2) bzw. Gatte des Volkes Israel geschildert (vgl. Jes 54,5 ff; Jer 3,8 f.; 9, 1; Hes 16; Hos 1‑3). Zwar findet sich die direkte Bezeichnung Gottes als „Ehemann“ kaum (vgl. Jes 54,5), aber der Sache nach ist die Vorstellung Gottes als Gatte Israels ein ganz wichtiges Merkmal alttestamentlicher Prophetie. Der Bund zwischen Jahwe und seinem Volk wird unmittelbar als Ehebund geschildert (vgl. Jes 54,5 ff; Jer 3,8 u. ö.).

Im Neuen Testament begegnet häufig die Kennzeichnung Jesu als Bräutigam (Mt 9,15f; 25,1‑10; Joh 3,29; Offb 19,7.9; 21,2.9; 22,17) bzw. als Gatte seiner Gemeinde (Eph 5,22ff). Auch hier wird die Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde nicht nur mit einer irdischen Ehe verglichen, sondern als realer Ehebund betrachtet. In Eph 5,22ff wird die Gemeinschaft zwischen Christus und der Gemeinde als Urbild der irdischen Ehe angesehen.

Ähnlich wie beim Vaterbegriff wollen wir auch hier fragen, ob der männliche Begriff  „Gatte“ für Gott auch durch den weiblichen Gegenbegriff  „Gattin“ ersetzt oder wenigstens ergänzt werden kann. Könnte man ‑ anders gefragt ‑ auch die Gemeinde sachgemäß als Bräutigam und Gott‑Vater bzw. Jesus Christus, der auf Erden als Mann gelebt hat, als Braut bezeichnen? Es ist leicht einzusehen, daß eine solche Vertauschung der Begriffe geradezu absurd wäre. Mit dem Begriff „Gatte“ wird Gott als derjenige beschrieben, der die Gemeinde zum geliebten Partner einer unverbrüchlichen Lebensgemeinschaft gemacht hat, während durch den Begriff „Gattin“ die Gemeinde als Empfänger und Adressat der göttlichen Liebe und Treue gekennzeichnet ist. Eine Vertauschung der Begriffe würde Gott von der Liebeszuwendung der Gemeinde abhängig machen und die Gemeinde an die Stelle Gottes setzen. Weil der Treuebund zwischen Gott und der Gemeinde allein in Gottes freiem Wollen begründet ist, der die Gemeinde erwählt, erlöst und zum geliebten Gegenüber gemacht hat, ist ausschließlich der männliche Begriff  „Gatte“ geeignet, um den erwählenden Gott zu benennen. Auch in diesem Fall scheitert also der Versuch, Gottes Wesen durch einen weiblichen Begriff auszudrücken.

Das männlich geprägte Gottesbild der Heiligen Schrift ist von daher keine Folge patriarchalischen Denkens, sondernErgebnis der Selbstoffenbarung des lebendigen Gottes! Die feministische Theologie stellt demnach den bedenklichen Versuch dar, die göttliche Selbstoffenbarung eigenmächtig im Sinne des Zeitgeistes zu „korrigieren“. Eine solche Theologie tastet die Grundlage des christlichen Glaubens an und hat ihr Daseinsrecht innerhalb der christlichen Kirche verloren.

Aus dem männlich geprägten Gottesbild der Heiligen Schrift ergibt sich die notwendige Konsequenz, daß der Mann durch sein Mannsein in besonderer Weise Abbild und Repräsentant Gottes ist, während die Frau in besonderer Weise die Schöpfung bzw. die erlöste Gemeinde abbildet und repräsentiert.  . . .

Die Frau bildet in besonderer Weise die Schöpfung bzw. die Kirche als Braut Christi ab. So wie die Schöpfung dem Schöpfer zugeordnet ist und auf ihn hin geschaffen wurde (vgl. Kol 1,16), so ist auch die Frau dem Mann zugeordnet und auf ihn hin entworfen.  . . .

All dies zeigt uns, wie sehr die biblische Sicht von Mann und Frau letztlich im Wesen Gottes verankert ist. Wer die biblische Zuordnung der Geschlechter ablehnt, muß sich letztlich auch gegen den in der Heiligen Schrift geoffenbarten Gott auflehnen. Es ist daher nur konsequent, wenn die feministisch orientierte Theologie nicht nur die biblische Zuordnung der Geschlechter bekämpft, sondern auch die biblische Gottesvorstellung.   . . .

Es ist in der christlichen Theologie immer wieder zu Recht darauf hingewiesen worden, daß die „mütterliche“ Seite von Gottes Wesen am Heiligen Geist besonders sichtbar wird: Der Heilige Geist besorgt die Erziehung des Wiedergeborenen, der im Neuen Testament mit einem neugeborenen Kind verglichen wird, das behutsam gepflegt, genährt und erzogen werden muß (vgl. 1 . Kor 3, 1 f.; Eph 4,13; 1. Petr 2,2; Hebr 5,12 f), und tritt als Tröster und Fürsprecher (parákletos) für die schwachen Jünger in notvollen Situationen ein (vgl. Mk 13, 11; Joh 14,16; Röm 8,26). Dies zeigt, daß im Handeln des Geistes Gottes Züge sichtbar werden, die man als „mütterlich“ bezeichnen könnte.  . . .

Der Heilige Geist ist aber gleichen Wesens mit dem Vater und dem Sohn, jedoch die Weise seines Wirkens läßt das „mütterliche“ Wesen Gottes besonders zum Ausdruck kommen. Das Wesen des Geistes Gottes enthält allerdings nichts, was nicht auch im Wesen des Vaters und des Sohnes enthalten wäre.

Wir haben oben bereits gesehen, daß das „Mütterliche“ in Gott zu seiner Väterlichkeit gehört, die viel weiter gedacht werden muß als die Väterlichkeit des Mannes. Das „mütterliche“ Wirken des Geistes ist daher die Verwirklichung von Gottes Wesen als liebevollem Vater. All dies zeigt uns, daß man unmöglich eine Wesensverschiedenheit von „männlichem“ Gott‑Vater und „weiblichem“ Geist Gottes annehmen kann. Keine der drei göttlichen Personen der Dreifaltigkeit läßt sich sachgemäß mit weiblichen Vorstellungen in ihrem Wesen kennzeichnen.

Das Ergebnis unseres Abschnitts können wir in drei Sätzen zusammenfassen:

1. Der in der Heiligen Schrift geoffenbarte, dreieinige Gott wird von den biblischen Zeugen in männlichen Kategorien beschrieben, weil Gottes Wesen anders nicht angemessen dargestellt werden kann.

2. Aus dem biblischen Gottesbild ergibt sich mit innerer Folgerichtigkeit die biblische Vorordnung des Mannes als Haupt der Frau, da der Mann in besonderer Weise Repräsentant des in der Bibel geoffenbarten Gottes ist.

3. Weil die biblische Zuordnung der Geschlechter letztlich im Wesen des lebendigen Gottes gründet, ist der Versuch zum Scheitern verurteilt, diese Zuordnung als zeitbedingte und revisionsbedürftige Sicht zu deuten.

 

 

VIII. Die Dringlichkeit der Verwirklichung der biblischen Sicht von Mann und Frau

 

Es hat wohl noch keine Geschichtsepoche gegeben, in der die Verwirklichung der biblischen Sicht von Mann und Frau so dringlich war wie gerade heute. Denn in der Gegenwart werden die Maßstäbe Gottes im allgemeinen und die göttliche Zuordnung der Geschlechter im besonderen in einem Ausmaß wie nie zuvor in Frage gestellt. Unsere Zeit ist geprägt von dem Versuch, die Geschlechterunterschiede völlig zu nivellieren bzw. auf das unleugbare Mindestmaß körperlicher Unterschiede zu reduzieren. Dieser Versuch hat im Feminismus seinen radikalsten Ausdruck gefunden, bestimmt aber weit darüber hinaus das Bewußtsein vieler Menschen beiderlei Geschlechts. Die Folge dieser Entwicklung ist ein besorgniserregender Schwund an Männlichkeit und Fraulichkeit und eine tiefe Unsicherheit darüber, was die besonderen Aufgaben von Mann und Frau sind. Wer heute noch wagt, Begriffe wie „Männlichkeit“ oder „Fraulichkeit“ zu verwenden, setzt sich der Gefahr aus, als hoffnungslos rückständig belächelt zu werden. Dies hängt zwar auch mit der Tatsache zusammen, daß solche Begriffe in der Vergangenheit oft reichlich gedankenlos gebraucht oder gar mißbraucht wurden (man denke nur an die Verzerrung des Männlichkeitsideals im 3. Reich). Der Hauptgrund liegt aber sicherlich in der modernen Abwehr eines klar umrissenen Bildes von Mannsein und Frausein.

Aufgrund unserer Analyse konnten wir ein hinreichend genaues Bild der Eigenart von Mann und Frau in biblischer und anthropologischer Sicht gewinnen. Wenn wir unsere Ergebnisse zur Prüfung der Gegenwartssituation heranziehen, ergibt sich ungefähr folgendes Bild:

a) Unsere Zeit leidet an einem tiefgreifenden Verlust an Männ­lichkeit. Bringt man den Begriff „Männlichkeit“ im biblischen Sinn auf eine vereinfachte Kurzformel, läßt er sich umschreiben als die Bereitschaft, in verantwortlicher und hingabebereiter Weise die Führung und Leitung in Ehe, Familie und Gesellschaft nach den Maßstäben Gottes wahrzunehmen. Beurteilt man die Gegenwart nach dem so beschriebenen Leitbild eines verantwortlichen Mannseins, ergibt sich ein denkbar düsteres Bild:

Die Flucht vor der Verantwortung und die fehlende Bereitschaft zur hingebungsvollen Liebe gegenüber der Frau, sind überall mit Händen zu greifen. Immer mehr Männer verweigern den Frauen die lebenslange Liebe und Treue in der Ehe und damit den Schutz und die Geborgenheit, deren die Frau dringend bedarf. Dies wird in der rapiden Zunahme der „Ehen auf Zeit“ und dem alarmierenden Ansteigen der Scheidungsziffern in der Bundesrepublik von 55.000 1964 auf 108.000 1976 sichtbar. Wenn die Männer kein vorbehaltloses Ja zur Ehe mehr haben, braucht man sich nicht zu wundern, daß auch immer weniger Frauen die Ehe anstreben.

Der Schwund an verantwortungsbereiter Männlichkeit wird auch in der immer mehr um sich greifenden Flucht vor dem Vatersein sichtbar. Diese Flucht vor der väterlichen Verantwortung zeigt sich zum einen in der immer geringeren Bereitschaft, Kindern das Leben zu schenken, zum anderen in der mangelnden väterlichen Liebe und Autorität im Familienleben. Die Flucht vor dem Kind hat in der Bundesrepublik bereits Ausmaße angenommen, die für die Zukunft unseres Volkes höchst bedrohlich sind.  . . .

Gerade in der modernen Industriegesellschaft ist der Mann von der Gefahr bedroht, dem Väterlichen entfremdet zu werden und in der eigenen Familie die Rolle des Außenseiters zu spielen, teils weil er beruflich den größten Teil des Tages außerhalb der Familie verbringen muß, teils weil er sich selbst der Familie entzieht, teils weil seine Gestalt und Autorität durch eine allzu mechanische Deutung und Anwendung des Grundsatzes der Gleichberechtigung verdunkelt wird, als ob es eine Gesellschaft nur aus gleichen Brüdern, ohne Väter, geben könnte. Es sollte uns nachdenklich stimmen, daß die Heilige Schrift das Zuhausesein als ein beim Vater sein bezeichnet.

Es ist empirisch nachgewiesen, daß die Vernachlässigung der väterlichen Führungsaufgabe zerstörerische Folgen für die ganze Familie hat. Die Flucht vieler Männer vor der väterlichen Verantwortung hat dazu geführt, daß die Jugendlichen vielfach ohne orientierungsgebende ethische Leitbilder heranwachsen mußten. Es entstand eine „va­terlose Gesellschaft“ (Mitscherlich), die gegen jede Art von Autorität mißtrauisch wurde, weil ihr das Erlebnis liebevoller Autorität durch die Väter fehlte. Dadurch entstand ein geistiges Vakuum, eine Orientierungslosigkeit und Sinnleere, die viele Jugendliche in Resignation, Verzweiflung (Selbstmord) und zerstörerische Ideologien (Marxismus, Jugendsekten) trieb.

Auch die „vaterlose Gesellschaft“ konnte freilich das natürliche Bedürfnis nach väterlicher Autorität und Liebe nicht beseitigen. Selbst in politischen Bewegungen, welche die vorhandenen Autoritäten radikal ablehnten, wurden sehr bald neue Vaterbilder wach (Marx, Lenin, Hitler, Mao, Che Guevara u. a.). Es ist von entscheidender Wichtigkeit für das Leben eines Volkes, daß seine Männer verantwortungsbewußte Väter sind, welche die erzieherische Verantwortung nicht einfach an die Frau delegieren. Vaterschaft umfaßt weit mehr als bloß die biologische Zeugung: Vater „im vollen Sinn des Wortes ist ein Mann, der ein Kind nicht nur gezeugt hat, sondern willens ist, es in seine Verantwortung, Obhut, Fürsorge und Erziehung zu nehmen, ihm Ernährer, Schützer, Pfleger und Bildner zu sein“ (J. David). Man kann es nur als Tragödie bezeichnen, daß dieses Leitbild weitgehend aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden ist. Ein Volk ohne Väter ist ein Volk ohne Zukunft!

Zum Verlust an verantwortlicher Männlichkeit gehört auch die vermehrte Aggressivität und ‑ daraus entstehend ‑ Kriminalität unter Jugendlichen, die in der Bundesrepublik (und anderen westlichen Ländern) zunehmend Besorgnis erregt. Diese Aggressivität ist eine Form unbeherrschter „Männlichkeit“, die in einem vorschnellen Kapitulieren vor Schwierigkeiten gründet und in eindeutigem Zusammenhang mit der mangelnden Erfahrung elterlicher Geborgenheit steht.  . . .

Der Verlust an Männlichkeit zieht einen Verlust an Fraulichkeit nach sich, die Verantwortungslosigkeit des Mannes verursacht zwangsläufig die Verantwortungslosigkeit der Frau, wo der Mann nicht mehr seine Aufgaben als Mann wahrnimmt, rebelliert auch die Frau gegen ihre Aufgaben. Genau diese Entwicklung können wir heute anschaulich beobachten:

b) Wir haben nicht nur eine „vaterlose Gesellschaft“, sondern in zunehmendem Maße auch eine „mutterlose Gesellschaft“, da immer weniger Frauen bereit sind, ihre Aufgaben als Mutter mit ganzem Einsatz zu erfüllen. Wir haben nicht nur die Auflehnung der Männer gegen die lebenslange eheliche Bindung, sondern auch in steigendem Maß die Abwehr von Frauen, sich für immer an einen Mann zu binden. Wenn die Männer nicht vertrauenswürdig sind, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Frauen ihnen kein Vertrauen mehr schenken.

Der Feminismus ist im Grunde genommen die folgerichtige lieb­lose Antwort auf die Lieblosigkeit der Männer! Die feministische Ideologie, die in geradezu verbissener Einseitigkeit die Interessen der Frau reflektiert, ohne mit gleicher Ernsthaftigkeit die Interessen des Mannes mitzubedenken, ist eine verständliche Reaktion auf die Rücksichtslosigkeit, mit der oft genug Männer ihre Interessen durchsetzen. Die Tragödie des Feminismus besteht freilich darin, daß er genau das Gegenteil dessen propagiert, was im Interesse der Frauen wäre: Statt der Frau zu einer optimalen Entfaltung ihres Frauseins zu verhelfen, neigt er dazu, die Frauen zur Imitation des Mannes zu ermuntern. Die Frau soll im gleichen Umfang wie der Mann am beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen. Die damit verbundene „Vermännlichung“ der Frauen wird erkauft durch eine radikale Abwertung ihrer ureigensten mütterlichen Aufgaben. Der Maßstab für die feministischen Forderungen ist also paradoxerweise das, was der Mann tut, und nicht das, was der Eigenart der Frau entspricht.

Der Preis, den die Frauen dafür zahlen müssen, ist der Verlust ihrer Fraulichkeit: „Die Frau wird zu einer Karikatur, einem Pseudowesen“ (Berdjajew). Indem der Feminismus faktisch auf eine Zerstörung des Frauseins hinarbeitet, erweist er sich als extrem frauenfeindliche Bewegung! Diese Erkenntnis hat eine ehemalige Feministin zu dem provozierenden Satz verleitet: „Das weltgeschichtliche Unglück der Frau ist die Idee der Emanzipation“ (Erler).

Der Fehler liegt freilich nicht im Emanzipationsgedanken als solchem, sondern in einer falsch verstandenen Emanzipation: „Echte Frauenemanzipation dürfte nicht den Versuch machen, die Frau von sich selbst und ihrem Eigentlichen wegzubringen“ (Meves). Was heute freilich üblicherweise unter dem Programm „Emanzipation der Frau“ gefordert wird, läuft trotz mancher berechtigter Einzelforderungen (z. B. Kampf gegen Pornographie und Vergewaltigung) auf die Demontage des Frauseins hinaus.

Der Prozeß der zunehmenden Vermännlichung der Frau ist längst in vollem Gange. So wie die Männer ihre gottgewollten Aufgaben weithin verleugnen, so lehnen sich auch viele Frauen gegen ihre schöpfungsgemäße Stellung auf, Gehilfin des Mannes und Mutter zu sein. Man sieht dies beispielsweise an der heute weitverbreiteten Abwertung der „Nur‑Hausfrau “ bzw. der nichtberufstätigen Mutter. Bei vielen Frauen ist die Berufstätigkeit allerdings nur eine Flucht, die anzeigt, daß sie noch kein volles Ja zu ihrem Dasein als Frau und Mutter gefunden haben, sondern außerhalb der Familie ihre Erfüllung suchen. Solange man gegen eine Aufgabe innerlich revoltiert, wird einem diese Aufgabe notwendigerweise Last statt Freude bereiten. Das Problem vieler Frauen besteht allerdings darin, daß sie für ihre aufopfernde Tätigkeit als Mutter von ihren Ehemännern nicht die nötige Anerkennung erfahren und ihnen dadurch ein freudiges Ja zu ihrer Mutterschaft und zu ihrem Hausfrauentum unnötig schwergemacht wird.

Hinzu kommt die Tatsache, daß das Muttersein in der öffentlichen Meinung längst nicht die Wertschätzung erfährt, die es verdient.  . . .

Die biblische Sicht von Mann und Frau besitzt gerade heute eine brennende Aktualität. Es ist die Aufgabe der Christenheit, diese biblische Schau der Geschlechter in überzeugender Weise zu verwirklichen und einer ratlosen Welt zeichenhaft vorzuleben, wie Mannsein und Frausein nach Gottes Willen aussehen. Die Gemeinde Jesu ist beauftragt, als „Stadt auf dem Berge“ und „Licht der Welt“ (Mt 5) deutlich zu machen, daß Gottes Schöpfungsordnung für Mann und Frau dem Leben dient und nicht ungestraft beiseitegeschoben werden kann. Die Kirche Jesu Christi soll Modell sein für ein harmonisches Zusammenleben der Geschlechter, bei dem Mann und Frau ihre Eigenart entfalten und sich in beglückender Weise ergänzen können.

Wenn man die gegenwärtige Lage der Christenheit nüchtern betrachtet, wird man feststellen müssen, daß sich auch unter Christen eine tiefe Unsicherheit über die gottgewollte Bestimmung der Geschlechter breitgemacht hat. Selbst entschiedene Christen, die an der Autorität der Heiligen Schrift für Lehre und Leben grundsätzlich festhalten wollen, neigen teilweise dazu, die bleibende Gültigkeit der biblischen Zuordnung von Mann und Frau in Frage zu stellen. Andererseits gibt es konservative Christen, welche die biblische Sicht einseitig zum Nachteil der Frau auslegen und dabei verkennen, daß die Bibel den Egoismus beider Geschlechter scharf verurteilt und beide Geschlechter gleichermaßen zur Buße ruft.

All dies zeigt, daß die Christenheit dringend einer inneren Er­neuerung bedarf, um der Welt glaubhaft vorleben zu können, wie sich die göttliche Schöpfungsabsicht im Zusammenleben von Mann und Frau verwirklicht. Die Kirche braucht nichts nötiger als eine neue, leidenschaftliche Hinwendung zum Willen Gottes, eine einseitige Hingabe an Gott allein und eine allseitige Absage an den Geist der Welt.

Im folgenden wollen wir wenigstens kurz aufzeigen, welche praktischen Konsequenzen sich aus dieser Erkenntnis ergeben:

1. Das allererste Erfordernis besteht darin, daß die Christen wieder entdecken, welchen Reichtum an Erkenntnis die biblische Schau der Geschlechter umschließt und welcher Segen auf ihrer Verwirklichung ruht. Von besonderer Bedeutung scheint mir dabei die Frage zu sein, wie das Mannsein unter der Herrschaft Jesu aussieht. Diese Frage wurde in der Christenheit weitgehend vernachlässigt. Während es über die christliche Frau eine Fülle guter Literatur gibt, findet man über den christlichen Mann nur wenig.  . . .

Die Vernachlässigung der Frage nach dem Bild des christlichen Mannes hat die Christenheit schwer geschädigt und mit dazu beigetragen, daß viel mehr Männer als Frauen dem Evangelium den Rücken gekehrt haben, weil sie durch die Verkündigung offenbar nicht genügend in ihrem Mannsein angesprochen wurden. Bei vielen Männern besteht das Bewußtsein, daß Frömmigkeit etwas für (alte) Frauen und Kinder sei. Sicherlich hängt diese Haltung auch mit dem überheblichen Stolz vieler Männer zusammen, sich nicht in die völlige Abhängigkeit eines über ihnen stehenden Herrn zu geben. Der Hinweis auf den männlichen Hochmut allein kann aber nicht genügen, um die weithin herrschende „Verweiblichung“ der Kirche zu erklären. Es besteht guter Grund zur Annahme, daß die kirchliche Verkündigung durch eine einseitige Betonung der tröstlichen Seite des Evangeliums und die Vernachlässigung der Indienstnahme des Menschen durch Christus für den Bau des Reiches Gottes die zu Taten drängende, umgestaltende Wesensart des Mannes zu wenig angesprochen hat. Man hat oft die passive Seite des Glaubens, den Empfang von Frieden und Geborgenheit durch die Sündenvergebung, auf Kosten der aktiven Seite des Glaubens, die Erneuerung des menschlichen Denkens, Wollens und Handelns durch den Heiligen Geist, überbetont. Bei einer Verkündigung, die dem Tatendrang des Mannes kein Betätigungsfeld bietet, braucht man sich nicht zu wundern, daß sie viele Männer nicht mehr erreicht. Eine auf fromme Innerlichkeit und Beschaulichkeit beschränkte Predigt wird an den meisten Männern vorbeigehen; sie bleibt auch weit unter dem Niveau des Neuen Testaments. Die innere Emigration der Männer aus der Kirche ist eine ernsthafte Frage an den Wirklichkeitscharakter kirchlicher Verkündigung und Theologie: Männer, die sich täglich in der oft harten Arbeitswelt bewähren müssen, werden nicht durch fromme Gedanken oder Gefühle allein, sondern nur durch die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes überzeugt.

Die Entfremdung vieler Männer von Evangelium und Kirche ist allerdings nicht nur eine Anfrage an die Prediger der Kirche, sondern gerade auch an die Theologie, denn die Qualität der Theologie bestimmt die Qualität der kirchlichen Verkündigung. Die Wirklichkeitsfremdheit, von der die Theologie des 20. Jahrhunderts teilweise gekennzeichnet ist, trägt zum guten Teil Schuld an der Wirklichkeitsferne kirchlicher Praxis. Nur die entschlossene Rückkehr zum Neuen Testament wird Theologie und Praxis der Kirche wieder jene umgestaltende Schlagkraft geben, welche die Christenheit des 1. Jahrhunderts auszeichnete und die auch Männer anzusprechen vermag.

Die Bibel enthält zu dieser Fragestellung weit mehr Material, als es in diesem Buch ausgebreitet werden konnte. Allein schon die Untersuchung biblischer Männergestalten könnte viel zum Bild des christlichen Mannes beitragen. Das gleiche gilt für die Frauen der Bibel, die zum christlichen Bild der Frau Entscheidendes beitragen können. Beispielsweise könnte eine vergleichende Betrachtung zwischen Abraham, dem „Vater der Gläubigen“ (vgl. Gal 3,7), mit Maria, der „Mutter der Gläubigen“, tiefe Einsichten über männliche und weibliche Ausgestaltungen des Glaubens ergeben: Während Abrahams Glaube tathaft‑expansiv geprägt ist (Auswanderung nach Palästina, Opferung des Isaak usw.), besteht der Glaube Marias ganz im empfangenden An‑Sich‑Geschehenlassen dessen, was Gott in ihr bewirkt (vgl. Lk 1,38: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“). Für die Frage nach dem Frausein in der Nachfolge Jesu ist Maria sicherlich die wichtigste Frauengestalt der Heiligen Schrift. Es war ein geistlicher Verlust für die evangelische Christenheit, daß Maria kaum als einzigartiges Vorbild der christusgläubigen Frau ‑ und des Glaubens überhaupt ‑ gewürdigt wurde, obwohl Luther in seinem „Magnifikat“ die Vorbildlichkeit der Mutter Jesu in feiner Weise dargelegt hat. Wenngleich katholische Autoren oft nicht von einer Überbewertung Marias frei sind, können evangelische Christen hier Wichtiges aus katholischen Darstellungen lernen.

Die heute für die Christenheit notwendige Beschäftigung mit der biblischen Sicht von Mann und Frau könnte dazu verhelfen, zentrale Glaubenswahrheiten neu zu entdecken und zu verstehen. Häufig verbirgt sich hinter der Ablehnung der biblischen Zuordnung der Geschlechter nämlich die Auflehnung gegen zentrale Inhalte des Evangeliums.  . . .

Daß der Gehorsam gegenüber Gott sich vielfach durch den schlichten Gehorsam gegenüber Menschen (Eltern, Vorgesetzte, Staat, Kirche, Seelsorger usw.) verwirklicht, wird oft übersehen. Für das Neue Testament hat der Gehorsamsgedanke nichts Entwürdigendes an sich, wo doch der Sohn Gottes nicht nur dem Vater in allem gehorsam war, sondern auch eine lange Zeit seinen irdischen Eltern (vgl. Lk 2,51). Da in unserer Zeit weithin Autorität und Gehorsam in Frage gestellt werden, fällt es auch vielen Christen schwer zu begreifen, daß „aus dem Grundgedanken des Evangeliums“ die „Schätzung des Gehorsams als unserer edelsten Leistung entsteht“ (Schlatter). Es wäre gerade angesichts der antiautoritären Ideologien unserer Zeit von großem Gewinn, wenn die Christenheit wieder glaubhaft vorleben würde, wie unverzichtbar ein Gehorsam in Liebe und Freiheit um Gottes Willen für den Menschen ist. Die christlichen Ehen und Familien sind in besonderer Weise dazu geeignet, dies überzeugend zum Ausdruck zu bringen.

2. Die Zuordnung von Mann und Frau wird von der Christenheit nur dann gewahrt, wenn sie auch in der Ordnung des kirchlichen Lebens sichtbare Gestalt annimmt. Dies bedeutet, daß das Hirten‑ und Lehramt nicht Frauen übertragen werden kann, ohne die biblische Sicht der Geschlechter zu verlassen. Das in vielen evangelischen Kirchen inzwischen zugelassene (uneingeschränkte) Frauenpfarramt ist von daher theologisch nicht haltbar. Dies wird bereits aus unserer bisherigen Untersuchung hinreichend deutlich geworden sein. Trotzdem wollen wir in einem Exkurs noch einmal die wesentlichen Gründe gegen das Pfarramt der Frau zusammenfassen:

 

Die theologische Unhaltbarkeit des Frauenpfarramtes

Zunächst zwei Vorbemerkungen:

a) Dieser Exkurs setzt die Teile V. und VI. voraus und baut auf deren Ergebnissen auf. Zum tieferen Verständnis der hier vorgebrachten Gründe muß daher auf die Teile V. und VI. dieses Buches verwiesen werden.

b) Bei den folgenden Ausführungen geht es zunächst nur um die Frage, ob ein gemeindeleitendes Pfarramt theologisch verantwortet werden kann, nicht um die Frage, ob die Frau als Pfarrerin für spezielle Dienste (wie Krankenhausseelsorge oder Gefängnisseelsorge an Frauen) geistlich zu bejahen ist.

Eine gemeindeleitendes Pfarramt der Frau ist aus folgenden Gründen theologisch abzulehnen:

1. Das Neue Testament schließt in 1. Kor. 14,33‑35 und 1. Tim 2,12 ausdrücklich ein Lehr­- und Leitungsamt der Frau in der Gemeinde aus. Beide Stellen begründen dies nicht vordergründig‑pragmatisch, sondern mit gewichtigen und grundsätzlichen theologischen Gründen.

2. Das neutestamentliche Nein zur Gemeindeleitung der Frau wird indirekt dadurch gestützt, daß im Alten Testament nur männliche Priester zugelassen sind und daß im Neuen Testament nur von männlichen Aposteln und Gemeindeleitern die Rede ist. Sowohl die alttestamentliche wie die neutestamentliche Gemeinde hat die geistliche Leitung ausschließlich Männern übertragen.

3. Das neutestamentliche Nein zum Leitungsamt der Frau ergibt sich notwendig aus der biblischen Gesamtschau von Mann und Frau: Da der Mann in der Heiligen Schrift aufgrund der göttlichen Schöpfungsordnung der Frau als Haupt übergeordnet ist, kann die Frau keine Gemeindeleitung ausüben, ohne die Hauptstellung des Mannes zu beseitigen und damit in Gegensatz zu Gottes Schöpfungswillen und ihr geschöpfliches Wesen als Frau zu geraten. Ein Ja zum geistlichen Leitungsamt der Frau wäre nach biblischer Überzeugung ein Nein zu Gottes Schöpfung und daher Auflehnung gegen Gott selbst, denn die Erlösung in Christus setzt die Schöpfungsgegebenheiten nicht außer Kraft. Aus der untrennbaren Verknüpfung zwischen der biblischen Gesamtschau der Geschlechter und der biblischen Ablehnung der Gemeindeleitung durch Frauen ergibt sich die notwendige Folgerung: Wer das Frauenpfarramt bejaht, muß konsequenterweise auch die grundsätzliche biblische Zuordnung von Mann und Frau (d.h. die Hauptstellung des Mannes) preisgeben.

4. Die biblische Ablehnung des Priestertums und der Gemeindeleitung der Frau läßt sich nicht aus der patriarchalisch bestimmten zeitgenössischen Umwelt ableiten, sondern beruht auf Gottes Offenbarung in Israel und in Jesus: Die biblische Praxis steht in auffallendem Gegensatz zur Praxis des Alten Orients bzw. der Antike und erhebt den Anspruch, auf Weisungen Jahwes (3. Mo 21) bzw. dem Vorbild Jesu bei der Berufung nur männlicher Apostel (Mt 10,1‑4 par) zu beruhen.

5. Der tiefste Grund für das biblische Nein zum Frauenpriestertum bzw. zur Gemeindeleitung der Frau liegt im Wesen des lebendigen Gottes.

Die Apostel und Gemeindeleiter des Neuen Testaments hatten ebenso wie die alttestamentlichen Priester die Aufgabe, Repräsentanten Gottes zu sein. Der in der Heiligen Schrift geoffenbarte Gott aber kann in bestimmter Hinsicht (nämlich in seinem Wesen als Vater und Schöpfer) nur durch den Mann repräsentiert werden: Weil Gott Vater ist, ist Jesus als wesensgleiche Zeugung Gottes Sohn, weil Jesus Sohn ist, mußte er bei der Menschwerdung Mann werden, weil Jesus Mann war, konnten ihn nur männliche Apostel und Gemeindeleiter repräsentieren. Da es zum Wesen des kirchlichen Hirtenamts gehört, Christus als Hirten der Gemeinde darzustellen, ist ein gemeindeleitendes Pfarramt der Frau in sich unmöglich.

6. Gegen das Frauenpfarramt spricht nicht nur die biblische Offenbarung einschließlich ihres Gottesbildes, sondern auch die 2000jährige ökumenische Tradition der Christenheit: Protestantismus, Katholizismus und Ostkirchentum haben bis in unser Jahrhundert einheitlich an der Beschränkung des Hirtenamts auf Männer festgehalten. Die im Protestantismus erfolgte Abkehr von dieser Praxis geschah in offenkundigem Gegensatz zu Luther und hat die Spaltung der Christenheit in unverantwortlicher Weise vertieft. Eine kirchliche Neuerung, bei der das Ganze des Leibes Christi und seine gottgewollte Einheit (Joh 17,21; Eph 4,3‑13) nicht berücksichtigt wurden, kann nicht geistlich sein. Die protestantische Abkehr von der bisherigen ökumenischen Praxis ist um so bedenklicher, als die bislang gültige Tradition auf der Heiligen Schrift beruht, während die Zulassung des Hirtenamtes der Frau die Praxis schwärmerischer und häretischer Bewegungen (Montanismus, Gnosis) aufgreift.

7. Gegen das Pfarramt der Frau lassen sich schließlich Gründe anführen, die auf der Einsicht in die Eigenart von Mann und Frau beruhen: Es gibt genug Beobachtungen dafür, daß der Mann normalerweise zur Führung und Leitung geeigneter ist als die Frau. Es muß freilich davor gewarnt werden, psychologische Erkenntnisse und pragmatische Gesichtspunkte (z. B. die Schwierigkeiten, die aus Ehe und Mutter­schaft von Pastorinnen entstehen) überzubewerten, denn die entscheidenden Gründe sind theologischer Natur.

Die genannten Gründe zeigen zur Genüge, daß das Frauenpfarramt theologisch nicht gerechtfertigt werden kann. Man kann daher nur dringend hoffen, daß jene Kirchen, die sich noch nicht zum Hirtenamt der Frau entschließen konnten, an dieser Stelle die Treue zum Herrn der Kirche bewahren und die anderen Kirchen ermahnen, ihre unverantwortliche Entscheidung zurückzunehmen.

Unsere Ausführungen betreffen nicht unmittelbar jene speziellen Aufgaben von Pastorinnen, die nichts mit Gemeindeleitung zu tun haben (z. B. Seelsorgearbeit im Krankenhaus und im Frauengefängnis). Gegen solche Dienste von Frauen ist nichts einzuwenden. Problematisch sind freilich die Begriffe Pastorin ( = Hirtin) bzw. Pfarrerin, denn sie stellen jene Aufgaben auf die gleiche Stufe wie den Dienst der Gemeindeleitung. Besser wäre es, Frauen mit derartigen Aufgaben beispielsweise im Rahmen eines erweiterten Diakonissenamtes oder eines besonderen Vikarinnenamtes zu betrauen.

Zum Schluß sollte noch auf ein weitverbreitetes Mißverständnis eingegangen werden: Es wird immer wieder behauptet, daß der Ausschluß der Frau vom Pfarramt die Frauen diskriminieren würde, da ihnen ein Recht verweigert würde, das dem Mann zustünde. Darauf ist zu sagen, daß das Hirtenamt der Kirche Jesu Christi nicht zu den allgemeinen Rechten des Menschen (auch nicht der Männer!) gehört, sondern eine besondere göttliche Berufung einer Minderheit von Gläubigen darstellt. Weder das Mannsein noch der Glaube an Christus „berechtigen“ dazu, ein Hirtenamt der Kirche wahrzunehmen, sondern nur die innere Berufung durch Gott und die äußere Beauftragung durch die Kirche. Wer in der Nichtberufung zum Hirten‑ und Lehramt eine Diskriminierung sieht, verkennt den unverdienten, gnadenhaften Charakter des geistlichen Amtes.

Auch der manchmal vorgebrachte Hinweis, daß der Dienst bestimmter Pfarrerinnen von Gott gesegnet worden sei, ist kein stichhaltiges Argument für das Frauenpfarramt. Denn Gottes Barmherzigkeit ist so groß, daß er den Dienst eines Menschen trotz Ungehorsams oder Irrtums zu segnen vermag. Im übrigen ist es äußerst problematisch, sich auf geistliche Erfahrungen gegen die klaren Aussagen der Heiligen Schrift zu berufen.

Bedeutet die theologische Unhaltbarkeit des Frauenpfarramtes, daß die Frau von jeder Form des Verkündigungsdienstes ausgeschlossen ist? Diese Frage muß entschieden verneint werden. Wenn es in Israel Prophetinnen gab und auch in neutestamentlicher Zeit Prophetinnen in der Gemeinde ‑ wenn auch nicht im öffentlichen Gemeindegottesdienst ‑ wirken durften, dann zeigt dies, daß zumindest die prophetische Verkündigung von Frauen ihre biblische Begründung hat. Auch die Lehrunterweisung von Frauen durch Frauen (vgl. Tit 2,3f.) bzw. von Kindern durch Frauen (vgl. 2. Tim 5; 3,15) wird im Neuen Testament ausdrücklich bejaht. Daraus dürfen wir schließen, daß der Dienst der Katechese und Verkündigung von Frauen in bestimmten Grenzen durchaus geistlich legitim ist. Wo liegen nun diese Grenzen? Das Neue Testament zeigt ganz deutlich zwei unüberschreitbare Grenzen auf:

1. Das Amt der verbindlichen Lehrunterweisung und Gemeindeleitung in den Einzelgemeinden und in der Gesamtkirche ist grundsätzlich Männern vorbehalten.

2. Der Verkündigungsdienst ist nur dort legitim, wo eine Begabung und Beauftragung durch den Heiligen Geist vorliegt. Dieser Gesichtspunkt gilt im Neuen Testament für beide Geschlechter: Alles, was Christen tun, hat „im Herrn“ bzw. „im Geist“ zu geschehen (vgl. Kol 3,17 u. a.).

Die Kirchengeschichte gibt eine ganze Reihe von Beispielen dafür, daß Frauen das Evangelium verkündigt haben, ohne daß damit das Lehr‑ und Leitungsamt des Mannes in Frage gestellt wurde. Der Verkündigungsdienst einer Hildegard von Bingen oder Katharina von Siena im Mittelalter, einer Dora Rappard oder Schwester Eva von Tiele‑Winckler kann ebensowenig geistlich in Frage gestellt werden wie beispielsweise der reich gesegnete Dienst der holländischen Evangelistin Corrie ten Boom oder die aufopfernde Arbeit vieler Missionarinnen. Derartige Verkündigungsdienste zu verwerfen, hieße den Geist dämpfen. Wegen solcher Dienste allerdings das Hirten‑ und Lehramt des Mannes in Frage zu stellen, hieße die gottgewollte Zuordnung der Geschlechter verkennen.

Die Kirche Jesu Christi muß immer darauf bedacht sein, daß sowohl Gottes Schöpfungsordnung als auch das Wirken des Heiligen Geistes zu ihrem vollen Recht gelangen im Wissen darum, daß es zu einem echten Gegensatz zwischen beiden nicht kommen kann. Wo die Schöpfungsordnung mißachtet wird, verliert jede Berufung auf den Heiligen Geist ihre Berechtigung. Es mag zwar Ausnahmesituationen geben ‑ z.B. in der Mission oder in Kriegszeiten ‑, wo eine Frau zeitweise sogar gemeindeleitende Funktionen übernehmen muß, weil kein Mann zur Verfügung steht. Entscheidend für die geistliche Wahrnehmung eines solchen Dienstes durch eine Frau ist dann aber, daß sie und die Gemeinde sich des provisorischen, stellvertretenden Charakters dieses Dienstes bewußt bleiben und daraus kein bleibendes Hirtenamt entsteht.

Die biblische Zuordnung von Mann und Frau sollte auf allen Ebenen des gemeindlichen Lebens sichtbare Gestalt annehmen. Das bedeutet praktisch, daß in allen gemischten christlichen Gruppen und Kreisen die Hauptstellung des Mannes darin zum Ausdruck kommen soll, daß Männer die Führungs‑ und Leitungsaufgabe übernehmen. Dieser Grundsatz gilt auch für Hauskreise. In Ausnahmefällen kann es allerdings auch hier geistlich legitim sein, daß als Übergangslösung eine Frau die Führung eines Kreises übernimmt, bis Gott einen männlichen Leiter schenkt. Unbedenklich ist das geistliche Leitungsamt einer Frau überall da, wo es um die Leitung von Frauen (z. B. in Frauenkreisen und Schwesternschaften) und Kindern beiderlei Geschlechts (z. B. im Kindergottesdienst und im Religionsunterricht) geht.

3. Von ausschlaggebender Bedeutung für die geistliche Erneue­rung der Kirche ist die geistliche Erneuerung der christlichen Ehen und Familien. Wenn die göttliche Zuordnung von Mann und Frau, wie sie in Eph 5,22ff beschrieben ist, in den Ehen der Christen Gestalt gewinnt, werden auch die christlichen Gemeinden in ungeahnter Weise aufblühen und den Segen Gottes erfahren.  . . .

Bei einer nüchternen Beurteilung der gegenwärtigen Christenheit wird man feststellen müssen, daß in vielen christlichen Ehen und Familien die neutestamentliche Eheordnung nicht mehr ernstgenommen wird. Während die früher häufig zu beobachtende Gefahr, daß christusgläubige Männer ihre autoritäre Herrschaft über Frau und Familie durch ihr „Haupt“‑Sein rechtfertigten, heute mehr und mehr zurücktritt, besteht heute die entgegengesetzte Gefahr, daß christliche Ehemänner nicht mehr bereit sind, ihre „Haupt“‑Stellung wahrzunehmen, sei es aus Bequemlichkeit oder aus falscher Anpassung an den Zeitgeist. Viele christusgläubige Väter verleugnen beispielsweise ihr „Haupt“‑Sein, indem sie die geistliche Erziehung ihrer Kinder ganz ihrer Frau überlassen und sich damit ihrer großen Verantwortung entziehen, die sie als‑geistliches Haupt der Familie haben.

Wenn die christusgläubigen Ehemänner in dieser Weise ihr „Haupt“‑Sein wahrnehmen, verwirklichen sie ihr Mannsein im Sinne Gottes. Verwirklichung des „Haupt“‑Seins, wie es das Neue Testament versteht, bedeutet für den Mann eine Schule der Selbstlosigkeit und Liebe, in der er täglich Gelegenheit haben wird, seinen männlichen Egoismus zu kreuzigen. Umgekehrt haben die christusgläubigen Frauen in der Ehe reichlich Gelegenheit, sich als Gattin und Mutter im Dasein für andere zu üben und alles zu opfern, was sie daran hindert, vorbehaltlos Gefährtin ihres Mannes und Mutter ihrer Kinder zu sein. Man muß an dieser Stelle leider sagen, daß auch viele Christinnen nicht mehr mit allen Konsequenzen bereit sind, ihr Dasein als Gehilfin des Mannes und Mutter im Sinne Gottes zu verwirklichen. Immer mehr Christinnen sind an dieser Stelle vom Zeitgeist beeinflußt und lehnen sich gegen das „Haupt“‑Sein des Mannes und auch gegen die völlige Beanspruchung des Mutterseins auf.

An all dem sehen wir: Die schöpfungswidrige Tendenz zur Einebnung aller Geschlechterunterschiede und zur Auflehnung gegen jede Ordnung (und Unterordnung) hat auch vor der Christenheit nicht haltgemacht und vor allem unter jungen Christen entweder eine Ablehnung der biblischen Zuordnung von Mann und Frau oder aber eine tiefe Unsicherheit über die gottgewollten Aufgaben der Geschlechter hervorgerufen. In dieser Situation sind Männer und Frauen von Gott her zur Buße gerufen, sich wieder neu auf die in der Heiligen Schrift geoffenbarte Zuordnung der Geschlechter zu besinnen und sie mit ganzem Ernst zu verwirklichen.

Dies bedeutet für beide Geschlechter, allen Selbstverwirklichungsversuchen eine klare Absage zu erteilen, welche die gottgewollte Bestimmung von Mann und Frau verleugnen oder gefährden. Anstelle der eigenmächtigen Selbstverwirklichung sind Mann und Frau zu dem hohen Ziel berufen, in der Ehe die opferbereite göttliche Liebe durch gegenseitige Selbsthingabe abzubilden ‑ zum Zeugnis für eine Welt, die es verlernt hat, an Gottes Liebe zu glauben.

 

 

IX. Zusammenfassende Thesen und Schlußfolgerungen

 

1 Die biblische Sicht der Geschlechter läßt sich in drei Punkten zusammenfassen:

a. Die vorbehaltlose Bejahung der Geschlechtlichkeit als guter Schöpfung Gottes innerhalb der von Gott gesetzten Grenzen.

b. Die völlige Gleichwertigkeit von Mann und Frau aufgrund der beiden Geschlechtern zukommen den Gottebenbildlichkeit und der für beide vollbrachten Erlösung in Christus.

c. Die Verschiedenartigkeit von Mann und Frau, die daraus entstehenden verschiedenen Aufgaben der Geschlechter und die verschiedene Zuordnung von Mann und Frau.

2. Die biblische Zuordnung der Geschlechter besteht darin, daß der Mann als Haupt der Frau und die Frau als Gehilfin des Mannes angesehen wird (l. Mo 2).

3. Die „Haupt“‑Stellung bedeutet für den Mann:

a. Die Führungs‑ und Leitungsaufgabe in Ehe, Kirche und Gesellschaft.

b. Die Wahrnehmung dieser Leitungsaufgabe in hingabebereiter, selbstloser Liebe nach dem Vorbild Jesu.

4. Die Stellung als Gehilfin bedeutet für die Frau:

a. Die liebevolle Unterordnung unter die Leitung des Mannes.

b. Die Ergänzung des Mannes durch ihre besonderen Gaben als Frau.

5. Die biblische Zuordnung von Mann und Frau (d. h. die Oberordnung des Mannes und die Unterordnung der Frau) ist eine Ordnung der Liebe und wird durch die Liebe geheiligt und begrenzt zugleich:

a. Sie wird durch die Liebe geheiligt, indem sie die ewige, innertrinitarische Liebe Gottes (l. Kor 11,3) bzw. (in der Ehe) den Liebesbund zwischen Christus und der Gemeinde abbildet (Eph 5,22ff).

b. Sie wird durch die Liebe begrenzt, da die Liebe jede willkürliche Herrschaft des Mannes und jede sklavische Unterordnung der Frau unmöglich macht.

6. Als Schöpfungsordnung ist die biblische Zuordnung von Mann und Frau grundsätzlich für alle Menschen gültig, da sie auf der schöpfungsbedingten Wesensart von Mann und Frau beruht.

7. Als Ordnung völliger Liebe setzt sie aber den von Christus erlösten neuen Menschen voraus, der in Christus vom Egoismus zur Selbstlosigkeit befreit ist.

8. Als Ordnung selbstloser Liebe macht sie dem uralten Streit der Geschlechter ein Ende, bringt beide zur gottgewollten Entfaltung ihrer Eigenart und verwirklicht so die Schöpfungsabsicht Gottes mit Mann und Frau.

9. Die biblische Sicht der Geschlechter ist die bleibend gültige Antwort der Christenheit auf die Verkehrung des Mannseins und Frauseins durch den unerlösten Menschen: Sie ist ein Bußruf an beide Geschlechter und verurteilt die Unterdrückung und Minderbewertung der Frau ebenso wie die feministische Rebellion gegen Gottes Schöpfungsordnung.

10. In der Gegenwart ist die biblische Sicht der Geschlechter deshalb von besonderer Aktualität, weil in einem nie dagewesenen Ausmaß die grundlegende Verschiedenartigkeit von Mann und Frau geleugnet und die Einebnung aller (nicht körperlichen) Geschlechtsunterschiede propagiert wird. Hinter dieser Tendenz zur Gleichmacherei, die im Feminismus ihren radikalsten ideologischen Ausdruck findet, steht die Verwechslung von Gleichwertigkeit der Geschlechter mit ihrer Gleichartigkeit. Diese Tendenz ist bibeltheologisch betrachtet letztlich eine antichristliche Auflehnung gegen die gottgewollte Bestimmung von Mann und Frau, die im Zusammenhang mit der endzeitlichen Rebellion des eigenmächtigen Menschen gegen Gottes Ordnungen und Gebote gesehen werden muß.*

11. Die heute gern unternommenen Versuche, die biblische Schau von Mann und Frau als zeitbedingte und revisionsbedürftige Sicht zu relativieren, sind zum Scheitern verurteilt, da die biblische Sicht der Geschlechter sich charakteristisch von den Auffassungen der damaligen Umwelt unterscheidet.

12. Eine genauere Untersuchung der biblischen Sicht der Geschlechter ergibt, daß sie nicht nur auf dem schöpfungsgemäßen Wesen von Mann und Frau, sondern letztlich im Wesen Gottes selber begründet ist, daß also eine Ablehnung dieser Sicht das christliche Gottesbild und damit die Grundlagen christlichen Glaubens und christlicher Theologie antastet.

13. Es bleibt daher eine zentrale Aufgabe der Kirche Jesu Christi, die biblische Sicht von Mann und Frau in möglichst unverkürzter und konsequenter Form zu verwirklichen.

14. Eine unerläßliche Konsequenz der biblischen Zuordnung der Geschlechter ist die Ablehnung des Frauenpfarramtes.

15. Von der Verwirklichung der biblischen Sicht von Mann und Frau ist die geistliche Kraft und Vollmacht der Christenheit (mit) abhängig. Eine geistliche Erneuerung der Kirche Jesu Christi kann nur dann von dauerhafter Wirkung sein, wenn die biblische Sicht der Geschlechter als gültige Norm für die christliche Ehe und Gemeinde anerkannt wird.

Leichte Kürzungen . . .  und die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Das 30 Seiten umfassende Literaturverzeichnis mit bes. Anmerkungen habe ich wegen Raumersparnis weggelassen. Der komplette Text kann auch per E-Mail bei mir angefordert werden.

Horst Koch, Herborn, im September 2010

 

info@horst-koch.de

www.horst-koch.de

 

Dr. Werner Neuer, geb. 1951 in Heidelberg. Studium von Geschichte und ev. Theologie in Heidelberg und Tübingen. Doktorarbeit über die Grundlagen christlicher Ethik.

 

Einige Ergänzende Beiträge auf meiner HP bzw in meinem Archiv:

1. Dr. Helge Stadelmann – Die Frau als Pastorin?

2. Dr. Georg Huntemann – Die Zerstörung der Person

3. Dr. Georg Huntemann – Klassenkampf zwischen Mann und Frau

4. Max Weremchuk – Die Rolle der Frau

5. Stefan Gröne – Die Rolle der Frau nach dem Korintherbrief

6. Wayne Grudem – Die Verwirrung der Geschlechter

7. Dr. Slenczka – Weiblichkeit Gottes?

8. Dr. Georg Huntemann – Aufstand der Schamlosen

9. Dr. Alfred Häussler – Kulturkampf durch Homoehe

 

 

 

 

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