Umsturz der Werte

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Georg Huntemann

DIE ZERSTÖRUNG DER PERSON

Der Umsturz der Werte
Gotteshass der Vaterlosen
Feminismus

Vorwort

Alle wissen es, daß wir heute in einem Traditionsumbruch leben, den man ohne Zögern »gewaltig« nennen kann. Vielleicht kommt da ein ganz neuer, in seinem Denken, Fühlen und Urteilen ganz anderer Mensch auf uns zu! Zweifellos leben wir in einem Umsturz aller Werte und in einer Auflösung herkömmlicher Ordnungen.
Woher kommt das, und wohin führt das? …
Es geht heute nicht um »Moral« im engeren Sinne, es geht um eine neue Kultur, um eine Kulturrevolution. In diesem Buch soll knapp der Kernprozeß dieser Kulturrevolution als tiefgreifender Konflikt mit biblischer Offenbarungsreligion dargestellt werden.
Bremen, im März 1981  Georg Huntemann

1. Kapitel
Umsturz der Werte

– Ursache und Zukunftsfolgen der Moralrevolution –

Im Prozeß der Auflösung
Es war einmal ein christliches Abendland. In diesem christlichen Abendland galten die in der Bibel geoffenbarten Gebote Gottes als absoluter Maßstab, als ein für die ganze Gesellschaft verpflichtendes Ethos. Dieses christliche Abendland war kein Ort moralischer Vollkommenheit. In diesem christlichen Abendland wurden grausame Kriege geführt, Menschen unterdrückt, ausgebeutet und verfolgt. In diesem christlichen Abendland wurde gegen die Gebote Gottes gelebt und gehandelt. Aber niemals, … in den Köpfen einiger revolutionärer Philosophen, wurde das biblische Ethos als solches in Frage gestellt. Die Gebote Gottes waren nicht wegzudiskutierende Maßstäbe des Lebens, sie stellten vielmehr ihrerseits das Tun und Treiben der Gesellschaft in Frage. Der unangefochtene Anspruch eines absoluten, eben biblisch offenbarten Ethos, war eine Kraft, die aus jedem Dilemma wieder zur Verantwortung rief, die das Böse als Böses und Schuld als Schuld offenbarte. Es gab diese letzte Instanz endgültiger Werte, die in der Unordnung zur Ordnung und in der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit rufen konnte. Solange das Gebot Gottes als unfehlbare Autorität galt, solange konnte unsere europäische Gesellschaft durch eine permanente Reformation immer wieder zum ursprünglichen Gehorsam zurückgerufen werden.

Unsere gegenwärtige Situation ist die Auflösung dieser Werte nicht in dem Sinne, daß wir gegen das herkömmliche Ethos leben, sondern daß wir es grundsätzlich verneinen. Diese unheimliche, radikale Verneinung ist neu, wir sind ihre Zeugen, obgleich erstaunlich wenig Bürger in unseren europäischen Ländern sich dieser unverhohlenen Zerstörung biblischer Werte bewußt sind. Dem Zusammenbruch der Werte steht der »Abendländer», hilflos gegenüber, weil er gewissenlos geworden ist.

Wo und wie zeigt sich der Zerfall der Werte? Hierzu einige Beispiele:

Eine ausdrücklich unter Gottes Gebot gestellte Ordnung ist die Familie. Das fünfte Gebot »Du sollst Vater und Mutter ehren» schützt eine Lebensordnung, die nach biblischem Verständnis wichtiger ist als der Staat. Die Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes zeigt, bevor es die Nation, den Staat oder die Gesellschaft gab, war die Familie: Bevor Israel war, war Abraham.

Vater und Mutter stehen in der unmittelbaren Verantwortung vor Gott für ihre Kinder. Aus dieser Verantwortung empfangen sie ihre Autorität, das Leben ihrer Kinder nach Gottes Gebot zu leiten. Diese gottesunmittelbare Autorität und Ordnung der Familie war seit je ein Bollwerk gegen die Verabsolutierung des Staates. Diese Autorität der Familie, ihre von Gott gesetzte Ordnung wird heute verneint. Abrahams und Noahs Autorität beruhte auf dem Vertrauen zur Autorität Gottes ‑ deswegen konnte Noah die Sintflut überleben und Abraham der Urvater eines Gottesvolkes werden. Sie setzten ihre Autorität nicht aus sich selbst, sondern empfingen sie von Gott, weil sie auf das Wort Gottes hörten. Der Kampf gegen die Autorität der Familie verneint, daß überhaupt Autorität von Gott empfangen und vor Gott verantwortet werden soll.

Die Verneinung der Autorität der Familie ist aber auch die Verneinung der Freiheit der Familie, sie bedeutet (und will dies auch bewußt) die Auflösung der Familie. Der Familie übergeordnet wird heute die Gesellschaft. Eltern haben nicht mehr die »elterliche Gewalt« (Vollmacht im Sinne einer Gott gegenüber zu verantwortenden Autorität), sondern nur noch ein »Sorgerecht«, das sie in der Verantwortung nun nicht mehr gegenüber Gott, sondern gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen.

Das Wort Gott, Name oder Inhalt der Gebote, überhaupt ein absolutes Ethos, das man anerkennt, sind aus allen Texten, die heute Regeln menschlichen Zusammenlebens vorschreiben, verschwunden. Diese Gesellschaft verlangt (vgl. den Zweiten Familienbericht des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit von 1975), gegen noch geltendes Recht, »daß die Eltern der einsichtsfähigen Kinder nach Möglichkeit Rücksicht nehmen und bei Maßnahmen im Rahmen des Sorgerechtes durch verständnisvolle Aussprache eine Einigung mit dem Kinde anstreben«.

Was ist unter dieser »Einigung« zu verstehen? Auf alle Fälle müssen die Regeln dieser Einigung dem »sozialen und gesellschaftlichen Wandel«, angepaßt sein. Diesem Zweck soll die Wissenschaft dienen. Aber – »da sich die gesellschaftliche Realität im Zeitablauf ständig wandelt und auch die politischen Maßnahmen Veränderungsprozessen unterliegen, kann dieser Erkenntnisprozeß zu keinem Zeitpunkt als abgeschlossen angesehen werden«. Was also in einer Familie verbindlich zu geschehen hat, sagt eine sich fortwährend ändernde Gesellschaft mit einer sich ebenfalls fortwährend ändernden Erkenntnis der Wissenschaft. Alles ist und bleibt für alle Zeiten im Fluß, heute so, morgen anders. Heute kann die geforderte Einigung mit dem Kinde darin bestehen, daß dem Kind Recht auf sexuelle Selbstverwirklichung eingeräumt wird, und morgen kann dieser Anspruch auf geschlechtliche Verwirklichung die Zulassung homosexueller Praktiken bedeuten.

Man möchte hoffen, daß solche Ansprüche auf Selbstverwirklichung doch wohl übertrieben sind. Die Realität ist aber nun einmal, daß ein vierzehnjähriger Schüler 1979 in Bonn anläßlich einer Feier zum »Jahre des Kindes«, in Gegenwart des damaligen Bundespräsidenten Scheel und der Ministerin Huber öffentlich folgende Forderung nach Selbstverwirklichung bekundete: »Ich bin ein sexuelles Wesen und will diese Sexualität auch voll ausleben ‑ mit Erwachsenen, mit Vierzehnjährigen, mit Sechzehnjährigen, mit Achtzehnjährigen, mit Jungen und Mädchen, mit Männern und mit Frauen; es ist egal, welches Geschlecht und wie alt. Liebe brauche ich mehr als alles andere, aber gerade Liebe bekomme ich keine, weil andere Sachen angeblich wichtiger sind ‑ wie Schule, Lernen, Studieren, Geld verdienen. Deshalb darf ich meine Gefühle nicht ausleben, deshalb gibt es Gesetze, die mich zwingen, sechs Stunden am Tage irgendeinen Mist zu lernen; da mache ich nicht mehr mit, ich lerne nur noch die Sachen, die ich lernen will, ich werde nur noch nach meinen Gefühlen leben, ich werde versuchen, frei zu sein, und ihr werdet versuchen, frei zu sein, und ihr werdet versuchen, mich totzuschlagen, werdet mich auslachen und mich für verrückt erklären, nur um nicht über eure eigene Kaputtheit nachzudenken. Ich brauche euch nicht! Ich finde, in Familien ist es so gut wie unmöglich, daß die Kinder frei leben, und daß sie lernen, ihre Wünsche zu artikulieren und auszuleben. In der Familie lernt das Kind nur eins: Zu gehorchen und seine Wünsche zu unterdrücken. Das soll man aber nicht tun; nur wer sich einmal gegen seinen Vater wehrt, der gehorcht auch später vielleicht seinen Lehrern nicht und noch später seinem Chef nicht. Für solche Kinder gibt es dann die staatlichen Erziehungsheime. Diese Gefängnisse sind zur Zeit die einzige Alternative zur Familie. Auf die Idee, daß wir selbst am besten wissen, was gut für uns ist, kommt keiner. Entweder werden wir von unseren Eltern bevormundet oder vom Staat. Was wir wollen, ist scheinbar egal, wir sollen vergessen, was wir wollen.« (Zitiert von Christa Meves in »Godesberger Resolution. Beiträge, Proteste«. Bremer Studienhefte, 1980)

Die Gesellschaft ‑ wir werden noch auf die Bedeutung dieses neuen Abgottes zu sprechen kommen ‑ ist allmächtig und allwissend. Sie selbst kennt keine abloluten Maßstäbe, da sie im ständigen Fluß der Veränderungen lebt und mit ihr Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Richtig und Falsch. Je weniger Autorität bei der Familie, umso mehr Macht hat die Gesellschaft. Alle Macht der Gesellschaft ‑ das ist das äußere Kennzeichen einer Moralrevolution, die an jedem Verstoß gegen jedes einzelne der zehn Gebote nachgewiesen werden kann.

Moralrevolution ist Entautorisierung des biblischen Gebotes zum Zwecke der Autorisierung des Kollektivs!

Das Gebot »Du sollst nicht stehlen« schützt die von Gott gesetzte Ordnung des Eigentums. Eigentum ist nicht der Gesellschaft, sondern der Familie zugeordnet. Das biblische Gesetz schützt nicht nur das Eigentum, sondern in der mosaischen Ordnung des Sabbat und Jubeljahres soll jeder ‑ auch wenn er sein Eigentum schuldhaft verloren hat ‑ wieder zu seinem Eigentum kommen können. Die Verproletarisierung der Gesellschaft soll nicht sein. Gottes ist die Erde, er hat sie dem Menschen anvertraut ‑ nicht der Gesellschaft, sondern dem einzelnen. Dieser soll zum Bilde Gottes geschaffen in freier, persönlicher Entfaltung seine schöpferischen Kräfte in dem ihm eigenen, d. h. ihm zugeeigneten Schöpfungsbereich, durch sein personales Tätigsein entfalten.

In einem gigantischen Prozeß technokratischer und gesellschaftlicher Revolution spielt sich ein ebenso gigantischer Prozeß der Enteignung des einzelnen ab. Wie weit im industriellen Mammutismus überhaupt noch Eigentum praktizierbar bleibt, ist e’ene Frage ‑ ob wir aber Eigentum als Gottesgebot und damit als Ziel gesellschaftlichen Lebens trotz aller Widerstände technokratischer Lebensgestaltung bezeugen, zum Sinn und zur Aufgabe eines personalen und freiheitlichen Daseins erheben wollen, ist die andere Frage.

Diese Frage wurde in der Moralrevolution mit Nein beantwortet und praktiziert. Inflation und steuerliche Konfiskation, industrielle Expan­sion und Konzentration treiben die Enteignung des Lebens mit eskalierender Geschwindigkeit voran. Die Monopolstellung des Staates in Verwaltung, Bildung und Wirtschaft weitet sich immer mehr aus: Nur im Sozialismus vollendet sich die Demokratie ‑ das ist das Grundpostulat der gesellschaftlichen Moralrevolution. Die Fundamentaldemokratisierung der Wirtschaft hat die totale Disparatheit von Einzelverantwortung und Eigentum zum Ziel. Das Postulat Mitbestimmung erstreckt sich dabei nicht nur auf die wirtschaftliche Produktion (vgl. Herbert Marcuse »Repressive Toleranz», 1969, S. 121), sondern auch auf die geistige Tätigkeit, wenn die Aufhebung des Tendenzschutzes verlangt wird und Mitbestimmung in letzter Konsequenz die private Meinungsäußerung in Wort, Bild, Ton und Schrift aufheben will mit dem Ziel, daß eben nicht der einzelne, sondern nur das Kollektiv ccschöpferisch» sein darf. In dieser letzten Konsequenz hätte die Sekretärin, die eine Doktorarbeit mit der Schreibmaschine schreibt, das Mitbestimmungsrecht über den geistigen Inhalt. Wissenschaftliche Arbeit soll der Gruppe zugeordnet werden. Das sind nicht nur gegenstandslose Ängste, sondern klipp und klar ausgesprochene Zielsetzungen politisch aktiver Sozialrevolutionäre. So schreibt Fritz Vilmar (in «Strategien der Demokratisierung», Bd. 1, 1973):

»Die Revolution hat schon begonnen. Orthodoxe Linke halten immer noch Ausschau nach Opas Revolution als einer, die hereinbrechen soll, wie ein grandioses Gewitter … Der vom autoritären Vater, Lehrer, Fernsehen und Pfarrer vorgeprägte Sechzehnjährige wird in der Disziplinierung und Leistungskontrolle des Kapitals, die in Gestalt seines Meisters oder Bürochefs ihm begegnet, keine besonders fragwürdige, gar menschenunwürdige Herrschaft empfinden.

Daher gilt auch umgekehrt: Bröckeln die autoritären Strukturen in Familie und Schule, Universität und Kirche, Verwaltung und Massenmedien ab, so wird die Aufrechterhaltung eben dieser Strukturen im Zentralsystem der profiterzeugenden Arbeitswelt immer schwieriger.« Durch eine «multifrontale Transformationspraxis», d. h. durch die Praxis an vielen Fronten (Familie, Schule, Massenmedien, Arbeitswelt) soll die Revolution aller Lebensbereiche im Sinne einer Fundamentaldemokratisierung verwirklicht werden.

Anscheinend geht der Kampf gegen Profitsucht, Kapitalismus und Ausbeutung ‑ im Kern aber wird die totale Vergesellschaftung jeden menschlichen Tätigseins gewollt und mit einer von der Mehrheit der Bevölkerung gar nicht verstandenen Strategie Zug um Zug verwirklicht:
 – Du bist nichts, dein Volk ist alles – war ein Schlagwort des Natio­
    nalsozialismus.
 – Du bist nichts, die Gesellschaft ist alles, ist das Leitwort der modernen
    Moral ‑ Gesellschaftsrevolution.

An Beispielen aus den Schöpfungsordnungsbereichen Familie und Eigentum sind einige wertumstürzende Faktoren aufgezeigt worden. Die Beispiele zum Gebot »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten« könnten vor allem aus dem Bereich der Massenmedien entnommen werden, die Tag für Tag ein Bild über die Wirklichkeit aufrichten, das eben Wirklichkeit nicht übermittelt, sondern entstellt. In diesem Zusammenhang hat ein klassischer Vertreter der sogenannten moralrevolutionierenden kritischen Theorie, Herbert Marcuse die Theorie aufgestellt, daß die Lüge die Wahrheit des zukünftigen Sozialismus bewahren kann. Er verteidigt damit die Propaganda des Sowjetkommunismus und dessen Diskrepanz zwischen Illusion und Realität. Er meint, die Theorie dieses Kommunismus sei zwar unwissenschaftlich und verlogen, aber die Illusion solle das Verhalten der Bürger anleiten, und die Lüge entfalte schließlich die Idee des Sozialismus. Die selektive Methode moderner Massenmedien, nämlich durch Tendenz geleitet, jeweils Ausschnitte aus Wirklichkeitsbereichen zu vermitteln, wird hiermit genauso gerechtfertigt wie die totale Entstellung von Wirklichkeitsgehalten, wenn nur die Lüge den zukünftigen Sozialismus bewahrt.

Wird die ethische Ordnung einer Gesellschaft zerstört, dann wird über kurz oder lang die Rechtssprechung mit einer Veränderung des geschriebenen Rechtes folgen. Das ist die letzte Konsequenz: Aus dem Rechtsstaat wird ein Unrechtsstaat. Dazu ein Beispiel, das für viele andere gelten kann. Der Strafrechtler Eberhard Schmidthäuser schrieb schon 1970 in seinem »Strafrecht allgemeiner Teil», daß das Rechtsgut nicht als absolut gelte, sondern abhänge vom Urteil des Gemeinwesens: »Nur soweit etwas in einem Gemeinwesen für wertvoll erachtet, also als gut anerkannt wird, kann eine Mißachtung dieses Gutes und damit ein Verbrechen vorliegen.« Entscheidend für die Beurteilung über Gut und Böse, Recht und Unrecht ist nicht eine absolute Moral: »Maßgebend ist also die allgemeine Moral, verstanden im Sinne derjenigen ethischen Werte, deren Anerkennung im Bereich unserer Kultur beim Erwachsenen regelmäßig vorausgesetzt werden darf«.

Strafrecht orientiert sich also nicht mehr nach dem offenbarten Gesetz Gottes oder nach dem als unwandelbar angesehenen Naturrecht des Menschen, sondern nach den wechselnden Verhaltensweisen eines sich wandelnden Kollektivs. Da die Gesellschaft permanent in einem tiefgreifenden Wandel ist, wächst die Unsicherheit und damit die Flut der Gesetze, die für eine jeweils neue Situation mit einer neuen Verordnung Regulative schaffen müssen. Die Inflation des Geldes meldet den steigenden Wertverlust des Geldes. Die Inflation der Gesetze meldet den Rechtsverlust einer Gesellschaft. Unsicherheit der Währung und Unsicherheit des Rechtes zeigen aber immer die Auflösung einer Gesellschaft.

Die Unbestimmtheit der nun zu erwartenden Gesetze, ihre Willkürlichkeit angesichts einer sich verändernden Gesellschaft produzieren Rechtsunsicherheit. Gleichzeitig aber wird jeder in dieser Ge­sellschaft schuldig. Weil er die Gesetze nicht mehr übersieht, muß jeder Bürger damit rechnen, gegen Gesetze, die er gar nicht kennt, permanent zu verstoßen. So wird jeder zu einem Angeklagten und die Gesellschaft zu einer Gesellschaft von Angeklagten. Angst, Unmündigkeit, schlechtes Gewissen, Furcht vor Funktionären und »Rechtsunlust» ‑ diese Elemente betreiben die Auflösung eines Staatswesens, an dessen Ende nur die Diktatur ‑ als Gipfel willkürlicher Machtausübung ‑ die Funktionsfähigkeit eines Gemeinwesens «retten» kann. Christliche Existenz gibt es schon heute nur noch in einer nach modernen Maßstäben zu beurteilenden Randgruppenmoral, denn wer ‑ um nur ein Beispiel zu nennen ‑ die Ehe als Gebot Gottes wertet und ihre Auflösung als Schuld, der setzt Schuldprinzip gegen Zerrüttungsprinzip ‑ und moderne Rechtspflege hat ja gerade dieses Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip aufgehoben. Die Sprache des Rechts ist so sehr »christentumsverfremdend» geworden, daß beispielsweise Homosexualität nicht mehr in einen Zusammenhang gebracht wird mit »Schuld« oder »abnorm«, »unmoralisch« oder »sittenwidrig«, sondern einfach als »anderes Verhalten« eingestuft wird.

Am Ende einer solchen, biblisches Ethos zerstörenden Moralrevolution, steht schließlich das Verbot der Bibel, denn nach den Regeln einer »repressiven Toleranz« muß, was sich selbst absolut setzt, von einer werterelativierenden Gesellschaft als friedestörend verneint werden.

Die Doktrin der Moralrevolution

Die letzte Ursache der Auflösung des biblischen Ethos für unsere Gesellschaft liegt in der Gottesverlorenheit gegenwärtigen Menschseins. Glaube an Gott und Gottes Gebote sind untrennbar ‑ es gibt kein Gebot ohne den Gebieter. Wir werden diesen unauflösbaren Zusammenhang, der nur von der Bibel her zu verstehen ist, noch weiter bedenken.

Zunächst müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die gegenwärtige Moralrevolution eine klare, begrifflich faßbare Doktrin hat. Die Revolution der Moral hat ihre Strategie und ihre Strategen ‑ eine Armee von Professoren, Lehrern, Soziologen und Journalisten. Sie alle haben direkt oder indirekt ihre geistigen Väter in der sogenannten »kritischen Theorie, , die mit dem Schlagwort »Frankfurter Schule« sei es zu Recht oder zu Unrecht ‑ bekannt wurde und mit Namen wie Adorno, Horkheimer, Marcuse und Habermas verbunden ist. Diese sogenannte »Frankfurter Schule« oder »kritische Theorie» versteht sich nicht als ein Philosophenclub unter anderen, sondern als sichtbarer Gipfel eines Eisberges aus dem gewaltigen Untergrund des Umsturzes aller Werte.

Die Begriffswelt der kritischen Theorie, wie sie sich unter anderem in der Frankfurter Schule darstellt, ist mittlerweile schon so bekannt und regiert unsere Universitäten, Schulen und Massenmedien bereits in einem solchen Maße, daß eine zusammenfassende Darstellung dieser intellektuellen Repräsentation gegenwärtiger Moralrevolution genügt.

  1. In der Absicht, über die Natur herrschend zu werden, ist der Mensch ‑ so meint die kritische Theorie, selbst in Herrschaft hineingeraten. Herrschaftsdenken ist instrumentales, technokratisches Denken im Willen zur Macht. Durch diesen Willen zur Macht wurden Herrschaftsstrukturen geschaffen, in denen der Mensch über den Menschen herrscht. Die Geschichte ist nach dem Verständnis dieser Philosophie nach dem Verlust eines glücklichausgesöhnten Lebens mit der Natur zur Geschichte eines Irrweges der Macht geworden, der in den Gaskammern von Auschwitz sein vorläufiges Ende gefunden hat. Auch zweitausendjährige Geschichte christlichen Abendlandes sind zweitausend Jahre eines Herrschaftssystems innerhalb dieses beklemmenden Irrweges von der Steinschleuder bis zum Holocaust.
  2. Jegliche Art von Herrschaft und damit auch jegliche Form von Autoritätsanspruch muß ‑ so fordert die kritische Theorie ‑ verneint werden. Das heteronome, etwa durch ein Gebot, durch ein »du sollst« an den Menschen herangetragenes Ethos, ist schon Herrschaftsanspruch und deswegen zu verneinen. Spontanes und kreatives, fröhliches und glückspendendes Denken und Fühlen, Seele, Trieb, Herz und Kopf sind durch die in Fleisch und Blut eingegangenen Herrschaftsstrukturen kaputt gemacht worden. Analytisches Denken und Sprechen, also daß es Subjekt und Objekt in einem Satz gibt, daß es Haupt‑ und Zeitwörter gibt, daß einige Worte groß und andere klein geschrieben werden, zeigt den Triumph von Herrschaftsstrukturen, die durch eine moderne Pädagogik (vgl. Ganzheitsmethode, Kleinschriftsystem usw. usw.) schnellstens überwunden werden müssen. Die Beherrschung der Sexualität, Gehorsam gegenüber Eltern, Scham, Ehrfurcht und Tabu sind Beispiele für ‑ so meinen die Moralrevolutionäre ‑ Unterdrückungsmechanismen in menschlicher Selbstverfremdung. Der archaische Urstand, der als Idylle einer Herrschaftslosigkeit verstanden wird, muß auch der Endzustand der Geschichte wer­den. Der Kampf gegen die Repression ist Kampf gegen Autorität und gegen die Unterdrückung der Lust. Autoritätslos und lustbetont soll der Mensch leben, um die Freiheit wiederzugewinnen, die er in einer Geschichte verloren hat, die durch sukzessive Unterdrückung und Verdrängung von Lust ihren traurigen Lauf nahm (Marcuse).
  3. Auch Personsein, als Individuum leben, bedeutet durch Herrschaftsstruktur entstelltes, dem wirklichen Dasein entfremdetes Leben. Theodor W. Adorno fordert (in seiner «Negativen Dialektik« 1966, S. 272) die Auflösung des Subjektes, »die opferlose Nichtidentität«. Human sind Menschen nach seiner Meinung nur dort, »wo sie nicht als Person agieren und gar als solche sich setzen; das Diffuse der Natur, darin sie nicht Person sind, ähnelt der Lineatur eines intelligiblen Wesens, jenes Selbst, das vom Ich erlöst wäre..« Die repressionsfreie Identität meint ein Leben, das frei wird von der Herrschaftsstruktur des Willens, der Triebunterdrückung, der Qual, anders sein zu wollen als die anderen, weil man eben «selbst» sein will. Jürgen Habermas erwartet (in seiner «Rekonstruktion des historischen Materialismus« 1976) am Ende der Hochreligionen, zu denen für ihn natürlich auch das Christentum zählt, eine neue kollektive Identität: Nach der Auflösung herkömmlicher, herrschaftsstrukturierter Gruppen wie Familie, Staat, Nation wird der personfreie Mensch ganz in die Gruppe, also in das Kollektiv aufgehen. Die Identität hat dann in der Gruppe keine festen Inhalte mehr, Rollen und Normen sind beliebig austauschbar, die Hausfrau wird Kauffrau, der Kaufmann wird Hausmann, der Vater wird Mutter und die Mutter wird Vater ‑ bis zu der Grenze, die die Natur selbst (wohl zum Ärger dieser Moralrevolutionäre) gesetzt hat. Das eigene, individuell geprägte Personsein wird aufgehoben, alles was der einzelne tun darf, sollen Funktionsbezüge der Gruppe sein. Ohne die Gruppe, die ihm austauschbare Funktionen zuweist, ist er nichts, in und mit der Gruppe ist er alles. Die gruppendynamischen Experimente, vor allem das in ihnen praktizierte Rollenspiel, sollen die Person »verflüssigen,«, »entsteinern» und letztlich aufheben.

In diesem Zusammenhang ist von der »Reziprozität der Rollen«, die Rede. Dieser Ausdruck meint, daß Gruppenerwartung und Rolle einander entsprechen müssen. Der einzelne verantwortet sich der Gruppe, sie überträgt ihm die immer neuen, immer wieder auszuwechselnden Verhaltensweisen. Dadurch bleibt ausgeschlossen, daß sich Individualität bildet. Die Identität des einzelnen mit sich selbst soll es nicht geben, sondern nur die Identität des einzelnen mit der Gruppe.

  1. Herkömmliche Autorität soll zerstört werden ‑ die neue Autorität ist die Gruppe oder das Kollektiv. Das Kollektiv setzt Ethos aus sich. Das Ethos entsteht erst durch die Diskussion in der Gruppe. Voraussetzung für diese Diskussion ist der herrschaftsfreie Raum. Diskutieren darf nur, der nicht unter einem »herrschaftslegitimierenden Weltbild«, steht. Ein herrschaftslegitimierendes Weltbild hat aber nach Meinung der Sozialrevolutionäre der christliche Glaube. Wer Gott als den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde bekennt, steht unter einem herrschaftslegitimierenden Weltbild, muß also außerhalb des Diskurs der Gruppe bleiben, die Ethos »macht«. Natürlich sind keinerlei ethische Maßstäbe erlaubt ‑ wer an diesem Diskurs teilnimmt, darf »nichts mitbringen«. Herkömmliches Ethos muß an der Tür abgegeben werden, denn die Kriterien in der Unterscheidung zwischen Gut (gleich gesellschaftlich adäquat) und Böse (gleich gesellschaftsfeindlich) werden ja erst im Prozeß der Diskussion entfaltet. Es geht in diesem Diskurs der herrschaftsfreien Gruppe nicht um »die Idee der Wahrheit«», das wäre ja wieder Herrschaftsstruktur, sondern um den »Konsensus« (man spricht deswegen von einer Konsensusethik der kritischen Theorie) der Gruppe. Der Konsensus ist die Einigung einer Gruppe durch Diskussion darüber, welche Verhaltensregeln für das Zusammenleben jeweils für eine bestimmte Zeit aufgestellt werden sollen. Denn auch die Gruppe kommt zu keinem endgültigen, sondern immer nur zu einem vorläufigen Ergebnis durch den jeweiligen Konsensus. Der Diskurs ist unendlich, er setzt immer wieder einen neuen Konsensus, der immer wieder in Frage gestellt wird und den immer wieder neuen Diskurs fordert. Die unendliche Diskussion in der Gruppe ist also der neue Gott, der neue Gebote gibt, der immer wieder andere Gott, der immer wieder andere Gebote setzt.
  2. Das Absolute (wie in der Bibel offenbart) darf es also nicht geben ‑ alles ist in einem stetigen Fluß. Aus biblischer Sicht ist das ein Rückfall in das Heidentum. Wechselhafte Schicksale und der Natur unterworfene Götter, die nach Paulus (1.Kor.10) Nichtse im Sinne aggressiver Dämonen sind, die zerstören wollen was ist, kehren zurück! Die kritische Theorie verneint den Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, der unwandelbar ist, den Felsen Israels, der dem, was nicht ist, ruft, daß es sei. Durch die Strategie des «Konfliktes» und der »Hinterfragung,« wird der Anspruch des Absoluten destruiert. Vor allem wird die Konfliktstrategie und Hinterfragung gegen ein sich absolut verstehendes Ordnungsethos eingesetzt. Durch die Hinterfragung soll herauskommen, daß alle absoluten Werte und Ordnungen durch Herrschaftswillen und Lustverdrängungen motiviert sind: Ehe und Familie sind motiviert durch den Machtwillen des Vaters, der Glaube an den gnädigen Gott im Zusammenhang mit Sündenbewußtsein ist motiviert durch den Ödipuskomplex. Die Strategie der Hinterfragung darf nicht als eine Interview‑Technik verkannt werden (die es übrigens auch gibt), sie ist die Art einer Darstellung von Überzeugungen in Massenmedien und Schulbüchern, durch die Werte wie Gott, Staat, Glaube, Familie, Kirche, Scham und alle Gebote in Frage gestellt werden dadurch, daß eben diese Werte (übrigens hier analog dem Marxismus) als jeweiliger Überbau gesellschaftlicher Verhältnisse madig gemacht werden.
  3. Die Konfliktstrategie ist das andere, ebenfalls strategische Element der Zerstörung herkömmlicher, biblisch bezeugter Ordnung. Die ‑ nach der Meinung der kritischen Theorie – durch herrschaftslegitimierende, repressive Weltbilder entstandenen Lebensordnungen wie Ehe, Familie, eigentumgorientierte Wirtschaft müssen in ihrem Konflikt mit dem eigentlichen, lustbetonten, sich nach Gruppengeborgenheit sehnenden Bedürfnissen aufgezeigt werden. Arbeitswelt, Ehe, Familie, Geschichte usw., also alle herkömmlichen Werte werden nur im Konflikt dargestellt. Die Welt überhaupt ist kaputt und muß als kaputte Welt vorgestellt werden. Es gibt keine glückliche Ehe, sondern nur die kaputte Ehe; es gibt keine Geborgenheit in der Familie, sondern es gibt nur Unterdrückung in der Familie, die unter dem Herrschaftswillen des Vaters dahinsiecht. Der Massenmedienkonsument sieht also nur noch eine ruinierte, sich dahinschleppende Umwelt. Der Konflikt soll die Ordnungen aber eben nicht als gestörte Ordnungen heilen, sondern als unmögliche Herrschaftsstrukturen verneinen. Kleine Anlässe alltäglicher Art werden zum Konflikt aufgebaut, wie der Streit um ein Schauspiel‑ oder Jugendhaus, um leerstehende Wohnungen, um Protest gegen einen politisch unbeliebten Redner. Der Konflikt schafft revolutionäres Bewußtsein, das zur Aktion gegen bestehende Autorität motivieren soll. Hinterfragung und Konflikt sind für die junge Generation schon so sehr zu einem Bestandteil ihres Lebensstiles geworden ‑ sie sind bereits so sehr indoktriniert ‑ daß sie gar nicht hören oder sehen können, ohne das Gehörte und Gesehene zu unterfragen und als Konflikt zu erleben. Der Konflikt wird schließlich in jede Lebenssituation hineinprojiziert. Selbstzerstörung als Klassenkampf in allen Bereichen unserer Gesellschaft ist in voller Entfaltung ohne daß die Strategie dieser Zerstörung in ihrer heimlich‑unheimlichen Untergründigkeit eingesehen und erkannt wird.

    Ohne Gebieter kein Gebot

Wer heute als Funktionär Gesellschaft repräsentiert, eben Wirtschaft, Schule und Medien funktionieren läßt, hat keine Grundsätze und darf sie nicht haben, denn »Anpassung« und nicht »überzeugt sein«, lautet die Forderung der Gruppe. Nicht Charakter, sondern Charakterlosigkeit ist gefragt. Persönlichkeit kann eine Gruppe nicht ertragen, an die Stelle der Persönlichkeit tritt der Funktionär. Der »Funktionär« ist die passende und damit klassische Bezeichnung für die Wirklichkeit der gegenwärtig Herrschenden, weil sie ja Personalität aufgegeben haben und sich gern »verflüssigen« lassen, um sich ganz und gar der Gruppe einzufügen. Diese verflüssigten, damit austauschbaren und zu verfunktionierenden Gestalten sind die Her­ren unserer Zeit. Ohne die Gruppe, ohne Partei, Elternrat, Betriebsrat, Gewerkschaft ‑ also ohne Verpolitisierung aller Lebensbereiche wären sie sinn‑ und arbeitslos. Sie sind pausenlos tätig ‑ aber völlig unschöpferisch. Ihr Feind ist das Feste, Grundsätzliche und Unwandelbare. Sie betreiben den Weg des Uferlosen im Kollektivieren. Sie sind perfekt ‑ und das ist ihr Sinn und Wert ‑ im Herstellen des Konsensus einer Gruppe. Ihre Gabe, die sie so mächtig macht, ist ihre Fähigkeit, zu sensibilisieren, was die Gruppe will. Das setzt totale Anpassungsfähigkeit mit der Bereitschaft, charakterlos zu agieren, voraus. Ihre totale, charakterlose und Werte abschwörende, in jedem Fall auch gewissenlose Anpassungsfähigkeit um jeden Preis, ihre Hingabe an jede Situation und jedes Verlangen der Gruppe kann als Prostitution der Personalität vom biblischen Personverständnis her beurteilt werden. Sie sind nie in Verantwortung zu nehmen, sie sind immer durch die Gruppe, mit der sie sich identifizieren, gedeckt. Sie selbst bleiben anonym und damit für Verantwortung unfaßbar. Das «Regime der Manager», in einem der großen Analysen unserer Zeit von J. Burnham 1948 vorausgesagt, strebt in lautloser Revolution seiner Totalität entgegen. Diese Revolution des Kollektivismus ist eine brutale Herausforderung des biblischen Personalismus. Person kommt von personare: durchrufen! Personsein lebt vom Anruf Gottes, von diesem einen, klaren Ruf, der nicht aus uns, sondern über uns kommt: »Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott!« Person ist frei, weil Gott frei ist, ist alles erlaubt, nur der Wille Gottes regiert. Die Person ist nicht der Gruppe, der Natur, den Schicksalsmächten, den Göttern, den Halbgötter‑Diktatoren unterworfen. Der von Gott Angerufene ist nur ihm, seinem Gebot, seinem Anruf gegenüber verantwortlich.

Heidentum bedeutet Unfreiheit, Diktatur des unwiderstehlichen und unbegreiflichen Schicksals, heißt unterworfen sein dem Kreislauf der Mächte der Natur, Verfallenheit an Todesmächte, Diktatur der Pharaonen und Cäsaren, die sich als Halbgötter nur auf sich berufen und verantwortungslos ihrer Willkür leben.

Das nachchristliche Heidentum will in diese anonyme, grauenhaftwillkürliche, gottverlassene Sklaverei zurückführen.

Nur biblische Offenbarung kann das Ungeheuerliche dieser in unserer Mitte aufsteigenden neuheidnischen Kollektivmenschheit aussagen. In der Offenbarung des Johannes (Kap. 13, Verse 1‑5) heißt es:

»Und ich sah aus dem Meer ein Tier heraufkommen, das zehn Hörner und sieben Köpfe hatte und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen gotteslästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war ähnlich einem Panther und seine Füße waren wie die eines Bären und sein Rachen wie der Rachen eines Löwen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. Und ich sah einen seiner Köpfe wie zum Tode getroffen, und seine Todeswunde wurde geheilt. Und die ganze Erde sah staunend dem Tier nach, und sie betete den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gegeben hatte und beteten das Tier an und sagten: Wer ist dem Tier gleich, und wer vermag mit ihm Krieg zu führen?«

Ohne auf die einzelnen Aussagen dieses Gesichtes einzugehen, erkennen wir in diesem Ungeheuer, das alle grausamen Züge der vier Tiere der Vision Daniels (Daniel 7) in sich vereinigt, das wiedererstarkende, ins Ungeheuerliche sich steigernde antichristliche Heidentum ‑ eben das Tier, das (Offb.17,8) »war und nicht ist und da sein wird«.

Das Tier kommt aus der Tiefe. Aus dem Völkermeer steigt es langsam auf, es ist der sich allmählich zum Antichristentum steigernde Aufbruch des Kollektivs. Diese Macht wird von Paulus (2. Thess. 2, 3ff.) als »Sohn des Verderbens«, gesehen, »der sich widersetzt und erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum genannt wird, so daß er sich im Tempel Gottes setzt, in dem er von sich vorgibt, er sei Gott«. Tempel ist in der Redeweise des Apostels zumeist die Gemeinde Christi, so daß wir in einem vertiefenden Sinne erfahren, daß die Macht des Bösen auch in der Gemeinde Christi aufsteht ‑ es geht um den Krieg mit den Heiligen! Über den Widerchristen schreibt der Apostel Johannes »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie gehören nicht zu uns« (l. Joh. 2,19).

In diesen Aussagebereichen ist die gegenwärtige Moralrevolution in ihren zwei Wesenselementen angesprochen worden. Die sich absolut setzende Kollektivierung menschlicher Verhaltensweisen nach den zwingenden Regeln des Kollektivs und dann der schamlos lästernde Atheismus.

Der Tempel, die Gemeinde Gottes, wird umfunktioniert zum Kollektiv. Eine interpretierende Theologie wird Namen wie Gott, Christus und Heil stehen lassen ‑ aber Gott ist dann jeweils ‑ wie Paul Tillich es schon formulierte ‑ in der Tiefe, Christus wird »Symbol« einer von der Herrschaftsstruktur befreiten Gesellschaft, seine Erlösung wird zum Klassenkampf und das Heil findet sich in der anonymen Geborgenheit des Kollektivs.

Das »Widersetzen«, und »Erheben« über alles ‑ womit Paulus anti­christliche Macht charakterisiert ‑ stellt Ehrfurchtslosigkeit, Scham­losigkeit und Gewissenlosigkeit dar. Wenn sogenannte Verhaltensnormen im Diskurs erarbeitet werden, ist das Gewissen ein Feind dieses Trainings. Das Gewissen setzt allerdings nicht ‑ wie der alte, bürgerliche Liberalismus meinte ‑ Werte aus sich selbst, das Gewissen ist auch nicht eine Fundgrube für Werte in den Untergeschossen des menschlichen Herzens, sondern das Gewissen im Sinne der Bibel als Syneidesis ist ein Mitwissen mit dem Willen Gottes, durch Anhören des Wortes Gottes.

Gewissen ist Bund mit Gott unter dem Wort (l. Petr. 2, 21), Gewissen meldet den Ruf Gottes und läßt uns so seinen Willen erkennen. Nicht durch Diskurs, sondern durch Erkenntnis des Gotteswillens unter dem Wort und die Erfahrung dieses Willens Gottes im Gewissen wird Ethos, das Gott geboten hat, gelebt. In diesem Gewissen erfährt der Gläubige die unmittelbare Verantwortung vor Gott ohne menschliche Zwischengebote.

Im Gewissen wird das Wort und Gebot der Schrift zur persönlichen Aneignung. Hier empfangen wir die Gewissheit unseres Handelns, nicht in äußerer Befolgung toter Werke, nicht als äußere Gesetzlichkeit, sondern (Hebr. 9,14) »unser Gewissen reinigt von den toten Werken«! Und im Glauben haben wir ein »gutes Gewissen,« (l. Tim. 1, 19), weil das Vertrauen in die Versöhnung Christi die Befreiung von Schuld gibt.

Schuld wird nicht wegerklärt oder verdrängt, sondern sie wird bekannt und vergeben. Vergebung bedeutet doch nicht so tun, »als ob nichts geschehen wäre« und als ob ein Gruppenbruder Jesu alles versteht und verzeiht! Versöhnung ist Versöhnung durch Christus ‑ nicht die Wegerklärung des Bösen, sondern das Wegleiden am Kreuz. Die moderne Theologie, die den Versöhnungstod am Kreuz als Ausdruck zeitgebundener Opfervorstellungen weginterpretiert, leugnet entweder die Gnade oder sie verneint die absolute Scheidung zwischen Gut und Böse, sie ist entweder gnaden‑ oder sittenlos.

Die Schuld vor aller anderen Schuld ist, das Böse gut zu nennen: »Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis machen…« (Jes.5,20). ‑ Adams Sünde war, daß er «erkennen», im hebräischen Sprachsinne bestimmen wollte, was gut oder böse ist. Menschliche Selbstsetzung des Ethos ist Ursünde gegen Gott. Ethos kann weder rational noch emotional gesetzt und begründet werden. Ethos ist unbegründbares Gebot Gottes, das nur im Gehorsam gelebt werden kann. Gebot und Glauben an den Gebieter sind untrennbar.

Die Scheidung zwischen Gut und Böse ist nicht Tun des Menschen, sondern Wort Gottes. Der Gebieter gebietet durch das Gesetz, dieses Gesetz ist der Bund mit denen, die es in ihrem Gewissen wahrnehmen. Bund schließen meint im hebräischen Sprachsinn auch »Bund brechen« in dem Sinne, daß, wer den Bund mit Gott eingeht, den Bund mit den Göttern bricht, es ist der Bund über andere Bünde, eine zweite Arche, die an den Bögen festmacht, mit denen die Menschen spontan ihr höheres Dasein sichern. Es gibt keine Perspektive zum Nächsten ohne die Perspektive zum Himmel. Im biblischen Bund wird der Nächste nicht geliebt, weil er liebenswert und sympathisch ist, sondern weil Gott es gebietet, und Gott gebietet es, weil er den Menschen geschaffen hat. Nicht aneinander halten wir uns fest, sondern die Arche unseres Menschseins ist am Felsen Gottes festgebunden ‑ dieser Bund rettet unser Leben.

Durch Gottes Gebot ist die Wahrheit nun einmal in zwei geteilt: Und nicht mehr zwischen rechts und links, der Rechten der Mörder und der Linken der Opfer zu unterscheiden, ist in diesem Sinne das größte Verbrechen der Ethik. Dieses Verbrechen gegen die Ethik begeht gegenwärtige Moralrevolution.

Was ist zu erwarten, was soll geschehen?

Der Sohn des Verderbens, der sich »erhebt über alles, was Gott und Heiligtum genannt wird« (2. Thess. 2) und das Tier aus dem Meer (Offenb. 13) sind endzeitliche Gestalten. Der Antichrist war immer, und das Tier gottverlorener heidnischer Macht war auch schon immer. Aber die Entfaltung zur totalitären Macht wird erst in der Endzeit, vor der zweiten Ankunft Christi auf dieser Erde geschehen. Die Bibel kennt keinen ethischen Evolutionismus in dem Sinne, daß es ein sittliches Fortschreiten der Menschheit zu herrlichen Höhen der Vollkommenheit gäbe. Die moderne, erst in diesem Jahrhundert zur Entfaltung gekommene Verhaltensforschung, die an die Stelle des Ethos das gesellschaftlich zu regulierende wertneutrale Verhalten gesetzt hat, geht aber von diesem Evolutionskonzept aus: Eine fortschreitende, Staat, Wirtschaft, Familie und Schule integrierende Gesellschaft wird sich dem vollkommenen Zustand, eben einem alles integrierenden spannungslosen Kollektiv nähern. Nicht zuletzt auch aus diesem Optimismus versteht sich der Elan gegenwärtiger Moralrevolution. Für die Bibel wird in endzeitlicher Geschichte keine Vollkommnung, sondern ein Zerfall des Ethos zu erwarten sein. Die Qualität der Auflösung biblischer Norm schlägt dann um in die Quantitäten aggressiver Feindlichkeit gegen das biblische Ethos und gegen christlichen Glauben überhaupt. Wenn keine tiefgreifende Umkehr zur biblischen Offenbarung geschieht, dann deuten alle Zeichen gegenwärtiger Moralrevolution darauf hin, daß wir in diese von der biblischen Prophetie verkündigten Phase der Endzeit bereits eingetreten sind. In der unter dem biblischen Wort lebenden christlichen Gemeinde wächst das Bewußtsein für diese endzeitliche Phase auf dem Wege des Gottesvolkes.

Diese Erkenntnis aber darf nicht zu einem quasi‑eschatologischen Pessimismus führen: Weil die Schatten der Endzeit auf unsere Gegenwart fallen, hätten wir nur noch still zu halten. Resignation in diesem Sinne ist unbiblisch, ganz und gar gegen das Vertrauen in Gottes Macht und gegen die Hoffnung, die nach der Aussage des Apostels eben nicht zuschanden wird. Resignation heißt mangelnde Zuversicht, ist Zeichen der Glaubenskrise.

Biblische Verkündigung braucht nicht die Bestätigung der Gesellschaft, um sich als »gesellschaftlich relevant« auszuweisen. Das Zeugnis der Bibel kann auch aus der Einsamkeit in die Welt tauber Ohren gesprochen werden.

Zu dem Propheten Hesekiel wurde gesagt:
»Zu den Kindern mit frechem Antlitz und verstockten Herzen will ich dich senden, und du sollst zu ihnen sagen: So spricht der Herr! Mögen sie dann hören, oder mögen sie es lassen ‑ sie sollen erkennen, daß ein Prophet unter ihnen aufgetreten ist. Du aber Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihren Worten und erschrick nicht vor ihrem Angesicht; denn sie sind ein widerspenstiges Geschlecht. Rede zu ihnen meine Worte, mögen sie nun hören oder mögen sie es lassen… (Hesekiel 2, 4‑7.)

Gering unter Christen ist heute die Bereitschaft, die Herausforderung der Moralrevolution überhaupt zu sehen, noch geringer ist der Wille, auf die Herausforderung zu antworten! Verkündigung und Kampf mit der Macht des Bösen sind einander zugeordnet. Wir können den Versuchten, Verlorenen und Angefochtenen nicht helfen, wenn wir ihre Herausforderung, mit der sie täglich in der uns umgebenden Welt indoktriniert und konfrontiert werden, nicht auch zu unserer Herausforderung machen.

«Das Wort ward Fleisch«, sagt der Prolog im Johannesevangelium und meint, daß Christus in die Herausforderung dieser Welt und damit auch in die Feindschaft dieser Welt eingegangen ist. Christus hat unsere Feindschaft gegen Gott durchlitten. Verkündigung in der Nachfolge Christi wird aber für die Gemeinde bedeuten, daß sie auch in die Herausforderung unserer Zeit eingeht, sie durchleidet und die biblische Antwort, eben das Licht in der Finsternis, das Heil in der Heillosigkeit, lebt.

Evangelisation, die auf diese Weise die Herausforderung der Moralrevolution als ein zerstörendes und menschenfeindliches Element gegenwärtigen Gotteshasses aufgreift, nenne ich Konfrontationsevangelisation. Sie ist für die Gemeinde Christi eine bis heute kaum angenommene Aufgabe, aber ein Gebot der Stunde, weil wir der Welt das Evangelium schuldig sind.

Dabei müssen wir erkennen:
Die Moralrevolution macht deutlich, daß der Kampf zwischen Glaube und Unglaube der Kernprozeß hinter allen Umwälzungen gegenwärtiger Gesellschaftsveränderung ist. In diesem Prozeß gibt es keine Neutralität, sondern nur die Unterscheidung zwischen Gott und Göttern, Leben und Tod, Heil und Unheil, Christus und den Dämonen.

Kapitel 2  Gotteshaß der Vaterlosen

– Krise und Kampf um die Vollmacht der Autorität –

Die Stunde der Chaoten
Bilder des Aufruhrs verhäßlichen die Städte westlicher Demokratien zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Schwerpunkten: Paris, Amsterdam, Zürich, Berlin, Bremen, Brokdorf, Frankfurt, Freiburg, Nürnberg und fast überall in Amerika. Unerwartet und zunächst unerklärlich können Wogen chaotischer Unruhe emporschnellen. Plötzlich sind sie da mit langen Beinen, in farblosen Jeans, kaum zu unterscheiden Männlein und Fräulein! Bei aller Unordnung waltet erstaunliche Disziplin im Aufmarsch mit Kindern, Kinderwagen und Sturzhelmen. Der Protest ist wie eine Stimme, das Gebrüll meldet Kampfentschlossenheit. Straßen werden aufgerissen, Steine fliegen. Wir sehen die geschlossenen Formationen der Polizei und spüren die unmittelbar unter die Haut gehende Atmosphäre – unheimlich und bedrückend, geprägt durch Haß und Angst.

Was melden diese vulkanischen Aufbrüche in unserer Gesellschaft? Eigentlich sollte es keiner Frage bedürfen. Die da protestieren sagen ja, warum sie sich zusammenrotten: Sie wollen freistehende Wohnungen, einen verhaßten Politiker am Reden hindern, die Errichtung eines Jugendhauses erzwingen, die Vereidigung von jungen Soldaten stören, die Errichtung eines Atomkraftwerkes stoppen, die Freiheit für Abtreibung proklamieren, die Erhöhung eines Verkehrstarifs unterbinden usw.

Aber zeigen diese Postulate die eigentliche Ursache des Aufbruchs? Es geht sicherlich auch um diese konkreten Ziele bei chaotischem Aufruhr – aber sicherlich sind sie nur seichte Vordergründigkeiten eines unheimlichen Hintergrundes.

Die nach allen bürgerlichen Maßstäben unordentlichen, blassen, manchmal bösartig blickenden, sich dann wieder wie Kinder aneinander festhaltenden und auf bunten Wiesen träumenden und wie Hirtenknaben spielenden, mit Mofas röhrend durch die Straßen orgelnden und dann wieder in Zärtlichkeit prassenden, eben äußerlich gar nicht voneinander zu unterscheidenden, viel zu lang geratenen Knaben und Mädchen wollen mehr als das, was sie gerade hier oder da, bei diesem oder jenem Happening in Sprechchören oder auf Transparenten bekunden – sie wollen letztlich den Gottes- und Vatermord.

Sie wollen sich aneinander festhalten – sie ersehnen Schutz in der Macht ihrer Gesellschaft, in ihren Kommunen, in ihren Kollektivs. Sie begehren nicht den Himmel, sie wollen die Erde. Sie hassen den Vater, aber lieben den Bruder. Sie wollen nicht hören, sie möchten fühlen und schreien, sie wollen nicht wollen. Paradox also: Sie wollen, daß sie nicht wollen müssen!

Sie erstreben nicht den Fortschritt – weder für sich noch für die Gesellschaft -, sondern sie möchten Ruhe und Frieden – die Idylle. Ihr Leitwort heißt nicht Pflicht, sondern Lust – sie wollen nicht inneres Chaos überwinden, sondern ohne Schlips und Kragen tun, wozu sie Lust haben. Sie haben und erstreben kein Ziel. Sie möchten sich treiben lassen. Ihr Wunsch ist nicht Verantwortung, Beruf und Eigentum, sondern ihr Verlangen zielt nach verantwortungsloser Geborgenheit im Kollektiv der Gütergemeinschaft.

Sind diese Horden junger Menschen harmlose Sekten unter anderen Sekten? Geht es hier nur um bunte Randerscheinungen einer einfarbig und langweilig gewordenen Zivilisation? Wird sich alles wieder normalisieren, wenn die Knaben Männer geworden sind? Oder leben wir – ohne es zu wissen – in einer tiefgreifenden Revolution, die bislang nur einige Soziologen, aber längst noch nicht alle Bürger erkannt haben?

Ich meine, wir leben in solch einer Revolution, und ich nenne sie die Revolution des Gottes- und Vatermordes. Wenn ich von dieser Revolution des Gottes- und Vatermordes schreibe, dann denke ich natürlich nicht nur an die Krawalle, die unseren Städten solch unerfreuliche Abwechslung verschaffen. Das Außergewöhnliche ist nur der Gipfel eines Eisberges, einer tiefgreifenden Umwälzung eines Lebensgefüges, das wir christlich-abendländisch nannten. Diese Revolution hat auch nicht nur jene erfaßt, die hin und wieder in Horden durch die Straßen unserer Städte toben, sondern heimlich unheimlich ist sie in uns alle eingebrochen.

Diese Revolution hat ihre Doktrin, sie hat ihren Lebensstil, sie hat ihre eigene Sprache, sie hat – in der Politik, in Universitäten und Schulen – ihre Strategie, und sie hat ihre Funktionäre – kurzum, sie hat alles, was eine Revolution braucht. Sie hat vor allem – und damit sind wir als Christen angesprochen – ihre Stunde: die Stunde der leeren Kirchen, der zerfallenen Gemeinden, der Auflösung der Bekenntnisse!

Dieser Revolution steht nichts entgegen!

Bedenken wir zunächst: Diese Revolution hat ihre Ideologie.
Geschichte der Menschheit – so hörten wir es in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule – sei die Geschichte der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Des Menschen Leid sei die Struktur der Herrschaft – damit eben auch das System der Autorität, wo immer wir ihm begegnen, sei es in der Familie, sei es in der Schule, sei es in der Gesellschaft. Die Geschichte – bis jetzt – sei nach dem Urteil jener Philosophen nur ein Irrweg gewesen. Das Anarchische und Naturhafte am Anfang der Menschheit – sagen wir die Idylle vor aller Zivilisation – wäre das Paradies gewesen.

Der einflußreiche österreichische Sozialpsychologe Ernest Borneman hat in seinem Buch »Das Patriarchat« (1975), das eigentlich wie eine Art Bibel der Revolution des Gottes- und Vatermordes angesehen werden könnte, folgende These aufgestellt: Im Anfang der Geschichte der Menschheit gab es eine glückliche Urhorde, in der Menschen der Natur nur das Nötigste entnahmen, um ein bedürfnisloses und glückliches Leben zu führen. Es gab weder Ehe noch Familie. In den Horden Früchte sammelnder und wilde Tiere jagender Menschen waltete sexuelle Promiskuität: Jeder in der Horde hatte mit jedem geschlechtlichen Verkehr – nur die Mutter kannte ihre Kinder. Väter taten es mit ihren Töchtern, Mütter mit ihren Söhnen, Brüder mit ihren Schwestern, Knaben mit Knaben, Mädchen mit Mädchen. Man sagte noch nicht »mein Mann« oder »meine Frau«, jeder gehörte jedem. Weil es keine Ehe und keine Familie gab, gab es kein Eigentum. Weil nur die Mutter ihre Kinder kannte, gab es keine Vaterherrschaft.

Das Glück war da, weil es weder Vaterherrschaft noch Eigentum, aber die Geborgenheit der Gemeinschaft, der Horde, der Kommune, des Kollektivs gab.

Den Sündenfall der Menschheit – Ernest Borneman legt ihn ins Neolithikum – brachte der Augenblick, da es hieß »meine« Frau und »meine« Kinder! Familie, Ehe, Vaterherrschaft und Eigentum gehören zusammen und bilden den Sündenfall der Menschheit.

An die Stelle der Anarchie trat die Autorität.
An die Stelle der Horde kam die Familie.
An die Stelle der Mutter trat der Vater und damit das Symbol der Herrschaft und Unterdrückung. Der Vatergott, von dem die Christen sagen, daß er Himmel und Erde geschaffen habe, und denen er als Herr allen Lebens gilt, ist das Symbol einer repressiven, das heißt auf Unterdrückung beruhenden Gesellschaft. An die Stelle des Lebens aus dem Augenblick genügsamer Hirten, Jäger und Früchtesammler trat die Kultur mit den Herrschaftstugenden von Fleiß, Pflicht, Wille und Überwindung.

Über das sehr abenteuerliche Geschichtsbild Bornemans haben wir hier nicht zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist nur bedeutungsvoll, daß Bornemans Gedanken zum Ausdruck bringen, was die Gottes-Vatermord-Revolution eigentlich will. Es besteht nämlich überhaupt kein Zweifel, daß unsere antiautoritäre Revolution in diesem Sinne Bornemans eine Antivater-, Antigott-, Antifamilie- und Antieigentumsrevolution ist, wobei gleichgültig bleibt, wieweit das den Kinder- und Jugendrevolutionären unserer Tage im einzelnen direkt bewußt ist. Alles, wogegen sie protestieren, ist für sie Symbol dieses verhaßten Vater-Herrschaftssystems, von der Soldatenvereidigung bis zum Atomkraftwerk – und was sie wollen, ist eben die Antikultur der mütterlich bergenden Urhorde: sexuelle Freiheit, Leben in der Gemeinschaft, d. h. praktisch der Kampf um Stätten und Bereiche, in denen sie – sei es in leerstehenden Wohnungen, Kellern, Zelten, Schuppen oder vom Staat eingerichteten Klubhäusern – ihre neue Subkultur wie einst in den Höhlen der Urhorde entfalten können.

Aber dieser Gottes-Vaterhaß tobt nicht nur an den Randzonen unseres Daseins:

Durch die breiten Kanäle der Massenmedien, des Fernsehens, des Radios, der Zeitungen und durch den Blätterwald unserer Schulbücher hat längst so etwas wie eine stille Revolution ihren Lauf genommen.

Auch und gerade die sogenannte sexuelle Revolution, die zumeist als Sinn für mehr Freiheit, Großzügigkeit und Lebensbejahung mißverstanden wird, ist unter anderem ein wichtiges Instrument in diesem Prozeß der antiautoritären Vater- und Gottesmord-Revolution.

Dafür ein Beispiel: In dem Mitspieltheater »Rote Grütze« (siehe hierzu Exkurs 1), das als Sexualerziehungsmittel für Fünf- bis Zehnjährige geschrieben wurde, unternehmen Hänsel und Gretel – die Hauptakteure dieses Mitspieltheaters – eine »Elternbefragung«: Warum sie »es« (gemeint ist der geschlechtliche Verkehr) so wenig und vor allem so phantasielos »machen«. Die Antwort: Die Eltern hatten oder haben Angst vor Vater, Lehrer und »Boß« – eben jeder Form von Autorität -, und dann sind es Arbeit und Pflicht, die Sexualität und Lebensfreude kaputt gemacht haben. Vaterkultur – das will dieses Sexualaufklärungstheater sagen – ist Angstkultur, und Angstkultur zerstört Freude als Lust am Leben.

Ein anderes Beispiel: In dem Buch »Politik im Aufriß« von L. Helbig (1975), das als Arbeitsbuch für Berufsschulen gedacht ist, werden die sexuelle und die politische Revolution als ein Kernprozeß der Befreiung gesehen. Wer auf sexuelle Bedürfnisse verzichtet, der – so meint der Autor – denke auch nicht an Mitbestimmung in Büros, Fabriken, Schulen und Familien. Wer sexuell aktiv ist, sei auch politisch im Sinne einer Fundamentaldemokratisierung aktiv. Wer Sexualität sich Untertan mache, wer sie »beherrscht«, wird selbst zum Beherrschten. Wer Sexualität nicht auslebt, sei schon Objekt einer Herrschaftsstruktur geworden: »Eine Auflehnung gegen autoritäre Behandlung ist repressiv Erzogenen genauso unmöglich, wie dem Drängen der Sexualität mit gutem Gewissen nachzugeben.« In diesem Zusammenhang besteht die Schuld des Christentums darin, daß es – so meint der Verfasser – »die sexuellen Triebe nie als menschliche Regungen im guten Sinne gelten ließ«.

Der kommunistische Psychologe Wilhelm Reich hatte bereits 1936 in seinem Exil in Kopenhagen mit seinem Buch »Sexualität und Kulturkampf«, das 1966 mit dem treffenderen Titel »Sexuelle Revolution« neu wieder herausgebracht wurde, den Zusammenhang zwischen Klassenkampf und sexueller Revolution propagiert. Wilhelm Reich geht es nicht nur um die »Erkenntnis« (die heute in ungezählten Büchern wiederholt wird), daß die Ehe lustfeindlich sei, sondern daß die Ehe eine Privatisierung der Sexualität bedeute und damit als Ausdruck des kapitalistischen Wirtschafts- und Herrschaftssystems beseitigt werden müsse.

Die zur Sturmflut angeschwollene Aufklärungsliteratur, gerade da, wo sie Ehe und Familie verneint, will unter dem Deckmantel der »Sachlichkeit« und »Information« den Abbau der »Tabuisierung der Sexualität«. Im Klartext heißt das, sie will vor allem Scham und Ehrfurcht kaputt machen. Warum überhaupt Scham? Warum keine Veröffentlichung der Sexualität?

Scham und Ehrfurcht – so wird pausenlos wiederholt – sind Verhaltensweisen einer repressiven, d. h. herrschaftsbedingten, also Lust unterdrückenden Gesellschaftsordnung, die abgeschafft werden muß. Wo immer Scham und Ehrfurcht walten, regiert die Herrschaft der Väter, die Frauen und Kinder als ihren Besitz sehen und folglich deren Gefühlswelt beherrschen wollen.

Wer aber ohne Scham ist, ist auch ohne Ehrfurcht. Wo die Ehrfurcht stirbt, da verkommt die Autorität. Darüber wird es mit jenen Ideologen keinen Disput geben müssen. Der Unterschied besteht nur darin, wie dieser Zerfall von Ehrfurcht und Autorität beurteilt wird. Gehen Ehrfurcht und Scham, Familie und Ehe unter, dann ist die Urhorde wieder hergestellt. Dann werden Sozial- und Sexualgenossen durcheinander und miteinander am Busen der Mutter Natur, im Urzustand des Paradieses ihr ihnen durch Vaterherrschaft geraubtes Glück wiederfinden.

Ist das nur die Theorie weltfremder Philosophen? Oder werden diese »Lehren« die Gesellschaft der Zukunft prägen? Gedanken dieser Art, die hier nur an einigen Beispielen aufgezeigt wurden, sind weder eine »bloße« akademische Angelegenheit, noch sind sie einflußlos für unsere Gesellschaft. Zerstörte Ehen und Familien, die Ordnungsfeindlichkeit einer lustbetont lebenden jungen Generation, die tief in der Seele wurzelnde Aggression gegen alles, was mit Vaterkultur zusammenhängt, das Eintauchen in die Sphären der Rauschhaftigkeit durch Drogen und Alkoholkonsum, die Verachtung herkömmlicher Tugenden wie Pflicht, Überwindung, Gehorsam und die Verneinung der Arbeit sind die ganz praktische Seite dieser Kulturrevolution. Die idyllische Erwartung, als könne man einfach zur Natur, zum natürlichen Leben wie zu einer guten Mutter, die alle Menschen glücklich macht, zurückkehren, sind Bestandteile einer neuen Sehnsucht und Hoffnung des Menschen dieser Welt.

Warum kam es so, wie es ist?

Ist diese Revolution gegen die Herrschaft der Väter vielleicht nur eine verständliche Reaktion auf die alle Lebensfreude unterdrückende Herrschaft der allzu mächtigen Väter von gestern? Gab es denn nicht wirklich eine lebens- und sexualfeindliche und dabei so oft verlogene wilhelminisch-viktorianische Lebensauffassung? Hat nicht gerade der Faschismus das Ideal des Männlichen, Willenhaften und Kämpferischen über alle Maßen strapaziert und eine bedrückende Herrschaftsstruktur aufgerichtet? Hat sich nicht im Helden- und Führerkult des Faschismus so etwas wie eine Revolution des »Maskulinismus« dargestellt?

Hatten und haben wir nicht einen »Gotteskomplex« (vgl. hierzu H. Richter, »Der Gotteskomplex«, 1979, und Exkurs 2) in dem Sinn, daß wir, anstatt an Gott zu glauben, selbst den jeweils allmächtigen Gott spielen wollten? Meinten nicht viele Väter, wenn sie von Gottvater und seiner Autorität sprachen, ihr eigenes Gottsein und ihre eigene selbst gesetzte Autorität? Sind nicht in jenen Tagen einer sich selbst setzenden Vaterherrschaft viele, allzu viele durch herrschsüchtige, autoritär überstrapazierte Väter zu Untertanenmenschen degradiert worden – Kinder und Ehefrauen in gleicher Weise? Haben lebensfeindliche Moralisten nicht tatsächlich die Sexualität – in ganz unbiblischem Sinn – verächtlich und – im Vergessen aller anderen Sünden – vielleicht sogar zur einzigen Sünde »gemacht«?

Es gab eben die Revolution des Maskulinismus, die ganz sicher im Faschismus etliche Triumphe feierte. Die gegenwärtige Anti-Vaterrevolution unserer Tage ist aber nicht bloß eine Reaktion auf diesen Maskulinismus, wie er sich anscheinend im Faschismus als Ideologie darstellte, sondern seine konsequente Fortsetzung!

Halten wir diesen Grundsatz fest: Ohne faschistoiden Maskulinismus keine Anti-Gott-Vaterrevolution.

Autorität, die sich selbst setzt, nur sich selbst gegenüber verantwortlich sein will, ist Diktatur. Väter, die nicht Gottes Wort, sondern nur ihrem eigenen Willen verantwortlich sein wollen, sind pervertierte Väter, die als Tyrannen ihr Unwesen austoben. Wir dürfen eben nicht vergessen, welche entsetzlichen Exzesse ein Männlichkeitswahn mit der Perversion der Autorität zum Führerkult verursachen konnte.

Erinnern wir uns doch: Rudolf Heß deklamierte am 30. Juni 1934: »Mit Stolz sehen wir: Einer bleibt von aller Kritik ausgeschlossen, das ist der Führer. Das kommt daher, daß jeder fühlt und weiß: Er hat immer Recht und wird immer Recht haben. In der kritiklosen Treue, in der Hingabe an den Führer, die nach dem Warum im Einzelfall nicht fragt, in der stillschweigenden Ausführung seiner Befehle liegt unser aller Nationalsozialismus verankert« (vgl. Joachim Fest, »Das Gesicht des Dritten Reiches«, 1977, S. 266, auch Exkurs 3).

Adams Versuchung war, daß er so sein wollte wie Gott selbst – so allmächtig und so allwissend. Im Vatersein ohne Gott wird diese Ursünde immer wieder aufbrechen. Die heidnischen Väter vergangener Generationen, die Christus leugneten und eine neuheidnische Existenz auslebten, waren die ersten Vatermörder. Unsere vatermörderisch-nachchristliche Zivilisation fand ihre Propheten in Männern wie Nietzsche, die den Willen zur Macht proklamierten, in Darwins Lehre vom erbarmungslosen Kampf um das Dasein und Recht des Stärkeren, in der Heldenverehrung und im Heldentheater des Faschismus und nicht zuletzt in der Philosophie des Existentialismus (siehe hierzu Exkurs 4).

Die Urväter neuheidnischen Gottesmordes lebten im Vertrauen auf sich, nicht aus dem Glauben an Gott. Sie hielten sich für moralisch vollkommen bzw. meinten, moralische Vollkommenheit – nach ihrem Verständnis von Moral – erreichen zu können. In Kraftakten eigener Pflichterfüllung meinten sie, »vor sich selbst bestehen zu können«. Sie wußten nichts davon, was sie Gott im letzten schuldig waren. Jesus war für sie nur ein moralisches Vorbild, aber nicht der Erlöser und Versöhner am Kreuz. Die Welt war für sie unbegrenzt offen zur Gestaltung ihrer eigenen Willenskraft. Von einem Ende aller Zeiten und einer Wiederkunft Christi wollten sie nichts wissen.

Der liberale Protestantismus in Deutschland, in der Schweiz, aber auch in Holland hatte seit Ende des vorigen Jahrhunderts diesen Männlichkeitswahn mit seinem Programm der Selbsterlösung wie ein durstiger Schwamm aufgesogen und dann sein »neuprotestantisches Jesusbild«, ein Götzenbild des Maskulinismus, aufgerichtet.

Unsere Generation der Vatermörder protestiert auch – nicht nur – gegen Väter, die ihrerseits schon Vatermörder waren!

Die »offene« Unterwanderung der Gemeinde
Zu den ekelhaften und in Anfechtung führenden Erfahrungen christlichen Lebens gehört, gehörte und wird wohl immer wieder die Erfahrung gehören, daß »Christentum« durch Anpassung mit den ungeistigen und ungeistlichen Mächten der Zeit korrumpiert wird.

Aus vielen Beispielen der Anpassung an die Gottes-Vatermordzivilisation wollen wir eines herausgreifen: In der auch mit Kirchensteuermitteln finanzierten Zeitschrift »Evangelische Kommentare« vom 4. April 1979 (S. 220 ff.) schreibt die Theologin Hildegunde Wöller »Der Streit um Gesetz und Evangelium kann nur Männern einfallen. Nur der im ödipalen Konflikt Befangene ist zutiefst davon überzeugt, daß er ohne Einhaltung des Gesetzes, nämlich des Inzestverzichtes, gar nicht leben darf.«

Der weitere Inhalt dieses sehr munteren Textes besagt klipp und klar, daß nur der ödipal befangene Mann nach dem gnädigen Gott frage.

Diese Aussagen, die typisch und stellvertretend für viele andere stehen, haben für unser Thema eine tiefgreifende Bedeutung.

Zunächst aber fragen wir: Wer ist und was bedeutet Ödipus?
Ödipus war eine Gestalt der griechischen Mythologie. Durch viele verwirrende Umstände, die die Griechen Tragik nannten, tötete Ödipus unwissend seinen Vater und heiratete ebenso unwissend seine Mutter, mit der er Söhne und Töchter zeugte.

In der modernen Psychologie ist der Ödipus-Komplex Ausdruck für das heimliche, bewußt nicht eingestandene Verlangen des Sohnes nach geschlechtlicher Gemeinschaft mit der Mutter und des sich aus diesem Verlangen ergebenden Hasses gegen den als Rivalen empfundenen Vater. Der Ödipus-Komplex steht im Zusammenhang mit dem Begriff »Inzest« (wörtlich übersetzt »unkeusch«), der sexuelle Beziehungen zwischen Blutsverwandten verneint. Nach dem Programm der sexualstrategischen Anti-Vaterrevolution, wie sie »klassisch« z. B. von Marcuse und Borneman vertreten wird, kann nicht böse sein, was Lust bereitet, und muß gut sein, was Väter und Vatergott verboten haben. Heben wir doch diese Gebote auf – und wir haben endlich Freiheit von lähmender Schuld!

Der Kernprozeß der Anti-Gott-Vaterrevolution ist das Nein zur Schuld. Wenn es keinen Gott gibt, gibt es kein Gesetz; wir sind dann diesem Gott nichts schuldig.

Sühne, Schuld und Vergebung – diese zentralen Aussagen der Bibel – sollen – so meint Hildegunde Wöller, die den Sühnetod Jesu verneint – durch eine weibliche Theologie abgelöst werden. Sie will Befreiung von Schuld und schlechtem Gewissen. Sie strebt nicht zum Himmel, sondern blickt auf die Erde. Sie lebt von unbestimmten Ausdrücken wie »Seele«, »Tiefe« und das »Lebendige«. Sie will – laut Hildegunde Wöller – den Kontakt mit anderen Religionen, mit Magie und Astronomie, Evolution und Tiefenpsychologie.

Rettung, Erlösung und Glück bringen die Gefühle des Mütterlichen, Weichen, Bergenden und Umhüllenden. Gegen den Vatergott, gegen das »Gegenüber«, gegen die Begegnung unter dem Wort will diese Theologie das Eintauchen in das Undifferenzierte der Gefühlswelt. Hier waltet das Verlangen nach Rückkehr in das Geborgensein des Mutterschoßes. Es geht nicht um das Hören des Wortes, sondern es geht um die Meditation; nicht die Konzentration in der Begegnung mit dem lebendigen Gott ist gefragt, sondern das Eintauchen in die »Tiefe« der Seele (siehe hierzu Exkurs 5).

Wir sollten nur nicht meinen, daß diese Gedanken nur heimlich von einigen Theologen oder Theologinnen an einsamen Schreibtischen gedacht, in versteckten Theologenzeitschriften veröffentlicht und in langweiligen Hörsälen gelehrt würden. Diese Art von Theologie spricht den vater-gottesmörderischen Trend unserer Zeit aus und verwirklicht sich auch in sogenannten Massenevangelisationen unserer Tage – eben gerade da, wo gerade auch Evangelikale und Neopietisten es am wenigsten erwarten, wo sie aber am meisten gefährdet sind.

Quälend unvergeßlich bleibt für mich jener Abend, den ich zu Beginn der siebziger Jahre in der St.-Petri-Hauptkirche in Hamburg erlebte, als dort das Musical »Godspell« aufgeführt wurde. In dem Programmheft, das von dem an jener Kirche als Pastor waltenden Gunnar von Schuppe verfaßt wurde, stand über Jesus, der »Hauptfigur« jenes Musicals, zu lesen: »Er ist ein fröhlicher Bursche, der in Gemeinschaft mit seinen Freunden in ausgelassener Spielfreude singend und tanzend, Purzelbaum schlagend und steppend, auf die heiterste Weise Ernst macht damit, daß Gott gekommen ist, um sich seiner Menschen anzunehmen.«

Die Erlösung ist hier zu einer »Sache der Heiterkeit« geworden. Heiligkeit, Demut und Ehrfurcht in der Begegnung mit dem in der Bibel bezeugten Gott werden verhöhnt,

Bezeichnenderweise schreibt in demselben Prospekt Werner Burckhardt über den musikalischen Part jener Jesus-Show: »Denn alles in Godspell müht sich um Leichtigkeit auch im Ernst, um pantomimische Lebendigkeit auch bei so gewichtigen Themen wie Passion und Kreuzigung.«

Von »pantomimischer Leichtigkeit« im Blick auf »Themen wie Passion und Kreuzigung« zu reden ist für mich schamlos und gotteslästerlich zugleich. Und so habe ich jene »Jesus-Show« in Hamburg in der alten St.-Petri-Kirche erlebt: ein ohrenbetäubendes musikalisches Spektakel, eine widerliche Szenerie Christus verratender Propaganda.

Die gottesmörderische Herausforderung solcher Jesus-Shows besteht nun nicht nur darin, daß Christus in einer Show – und das auch noch in einer Kirche – entstellt und zu einem Konsumartikel umfunktioniert wird. Gotteslästerungen aller Art hat es seit eh und je gegeben. Hier müssen wir erkennen, daß eine neue Religion aufgebrochen ist, die sich in heimtückischer Weise, listig und verräterisch zugleich, als christlich ausgibt. Jesus wird hier zum »Gruppenbruder«; Gott-Vater wird in »heiterer Weise« zur Harmlosigkeit heruntergespielt. Gott ist eigentlich tot. Die Menschheit hält sich an sich selbst fest, und Jesus ist nur noch die Leitfigur einer sich auf Selbsterlösung und Selbstbefreiung hinbewegenden Gesellschaft. Gott-Vater ist tot- aber wir leben mit dem Brudersymbol »Jesus« weiter!

Was nicht unter die Haut geht, ist keine Wirklichkeit. Religion wird zu einem Glücksartikel, der durch die direkte Stimulierung »gemacht« wird. Massenevangelisationen mit Bands, elektrischen Gitarren und mit – wie gerade aus dem Urwald geholten -Trommeln, durch Verstärkeranlagen im »Elektronic water« wie zu einer elektronischen Sintflut anschwellend -, sollen den Evangelisations-Konsumenten »high« und »powerful« machen: Das starke Gefühl wird stimuliert – Hören des Wortes steht allenfalls im Beiprogramm.

Dazu schreibt Gerhard Salomon: »Der Tiefstand der gläubigen Kreise wird heute vielfach durch die groß aufgezogenen Veranstaltungen verdeckt. In die großen Veranstaltungen kommen viele nicht um des Wortes Gottes, sondern um des religiösen Vergnügens willen. Wie von Abraham von der ägyptischen Magd ein Ismael kam, so werden durch Evangelisationen, die Gottes Wort mit Medien (Beat, Bild und dergleichen) nachhelfen, Bastarde (Ismaeliten) gezeugt. Wir müssen sogar mit der Möglichkeit rechnen, daß auf diese Weise gläubig Gewordene einmal die größten Feinde der wahren Nachfolger Jesu sein werden. – Man kann auf dem wahren Grund >Christus< falsch bauen (1. Kor. 3, 11-15). Es gibt eine Form von Schwärmerei, die nicht unbedingt im Bereich der falschen Lehre liegen muß . . .«

Gegenwärtige Formen der Schwärmerei bedienen sich gern mit Pop, Rock und Beat musikalischer Elemente, die ihren Ursprung in den heidnischen Rhythmen afrikanischer Beschwörungs- und Kriegstänze haben. Die totale Emotionalisierung, die diese Musik bewirkt, bringt abwechselnd ebenso totale Beklemmung, Angst und Ekstase. Sie stimuliert eine Erregung, die mit Frömmigkeit nichts zu tun hat, denn man vermißt in dieser sogenannten Musik alles, was die traditionell abendländisch-christliche Musik immer gegeben hat: die Elemente der Anbetung, Ehrfurcht, Freude und des Friedens. Diese Musik steht nicht nur am Rande der Drogenszenerie, sondern sie führt direkt in sie hinein.

Wenn man sich in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß auch in der sogenannten kritischen Theorie der Frankfurter Schule die moderne, in Ton und Rhythmus disharmonische Musik als Verwirklichung des anarchischen Urzustandes gepriesen wird, dann sollte im Blick auf solche Evangelisationen eher von Terror und Anarchie als von Verkündigung gesprochen werden.

Hier verbirgt sich unter dem Namen Gott und Jesus die Anbetung uralter Muttergottheiten. Diese baalisierende Frömmigkeit steht nicht unter dem Wort, sie ist nicht Begegnung mit Gott durch das Wort, sondern ekstatisches Kollektiverlebnis ohne – besser gesagt gegen Gott!

Es gibt diesen Irrweg nicht erst seit heute oder gestern. An die Gemeinde zu Korinth schreibt Paulus (1.Kor.12), daß viele, bevor sie Christen wurden, »zu den stummen Götzenbildern hingerissen« wurden und in die Irre gingen.

Stumme Götzen: Gott redet durch sein Wort, aber die Götzen sind stumm.

Hingerissen: Die »stummen« Götzen wurden in ekstatischen Kulten sensibilisiert. Gegen diesen Götterkult, dieses »Huren auf den Höhen« im Tanz sexueller Ekstase, im Kult der Prostitution (Tempeldirnen), gegen diese Depersonalisierung, dieses stumme Zurück in die Phase vorpersonalen Daseins, haben schon die großen Propheten des Alten Testamentes gekämpft.

Etliche von den Christen in Korinth schienen ihre heidnische Vergangenheit nicht überwunden zu haben. Im Gegenteil, sie brachten in einer Art Unterwanderung ihre alten, heidnisch-ekstatischen Bindungen in die Gemeinde hinein. Denn im gleichen Zusammenhang, nur einen Vers weiter (1. Kor. 12, 3), beschreibt der Apostel merkwürdige Menschen, die sich für Christen halten und dennoch – so offensichtlich in Ekstase -proklamieren: »Fluch über Jesus!« Nichts scheint uns verwunderlicher, als daß Christen, oder solche, die sich ausdrücklich dafür halten, Jesus verfluchen! Für viele Bibelleser ist diese Stelle deswegen auch unverständlich.

Was dachten, fühlten und wollten diese sogenannten Christen, die Jesus verfluchten? Diese sich Christen nennenden frommen Menschen waren »Begeisterte«! Die Begeisterten wollten »high« sein; im Geiste wollten sie als Begeisterte leben, ohne zu glauben, zu bekennen und zu erfahren, daß der ewige Gottessohn Mensch geworden ist; daß er, wie es im Johannesevangelium heißt, Fleisch wurde; daß er am Kreuz hing; daß er starb und wieder auf erweckt wurde von den Toten.

Diese Begeisterten wollten ein Christentum ohne Leid, Kreuz und Auferweckung – ohne Krise, Schmerz und Tod -, ohne die paulinische Botschaft: »Wir sind die Sterbenden -, aber siehe, wir leben!« (2. Kor. 6, 9).

Die billige Gnade ist es, um die es in Korinth ging.

Billige Gnade steht außerhalb der Spannung von Gesetz und Evangelium.
Billige Gnade ist Religionskonsum, die Verneinung der Gnade aus dem Kreuz.
Billige Gnade wird heute von Kanzeln verkündigt. Diese billige Gnade ist Gottes-Vatermord.

Bei der »Proklamation« der billigen Gnade gibt es kein Gesetz, keine Sünde, keine Versöhnung, keine Erlösung und keine Wiedergeburt. Diese Predigt ändert den Menschen nicht; sie degradiert ihn in der Kirche zum Konsumenten einer Religiosität, die sich christlich gibt, aber in ihrer Substanzlosigkeit zu den stummen Götzen pilgert. Sie tröstet weder im Leben noch im Sterben; weil sie nicht zur Erkenntnis der Schuld führt, kann sie auch nicht zur Befreiung, zur Erlösung der Schuld führen, und weil sie den Weg unter das Kreuz nicht kennt, weiß sie nicht den Trost für das Leid.

Im Grunde pilgern hier zarte Knaben zu uralten Muttergottheiten, die vergessen machen wollen, daß wir einer Welt gegenüberstehen, die uns fordert, daß wir leben und nicht gelebt werden, daß wir uns verantworten müssen vor dem lebendigen, eben nicht stummen, sondern redenden Gott.

Im Glauben überwinden

»Sehet zu«, schreibt der Apostel an die Kolosser (Kol. 2, 8), »ob euch jemand berauben will durch die Weltweisheit und ihre Täuschung, gestützt auf die Überlieferung der Menschen, die Naturmächte der Welt und nicht auf Christus!«

In »den Naturmächten der Welt« lebt der Naturalismus der Anti-Gott-Vater-Revolution wieder auf, für die alles, was das Fleisch fühlbar und begehrenswert macht, eben natürlich ist und damit zur »Satzung« des Lebens wird. Für sie ist die »Mutter Natur« Urbild des Vollkommenen und Reinen – eben weil sie nichts davon wissen wollen, daß der Mensch ein gefallener Mensch und die Natur eine gefallene Natur ist.

Natur und Materie, Naturalismus und Materialismus sind in unserer neuheidnischen Welt schon seit langem Mächte der Zeit, gegen Gottes Gebot und Ordnung. Die beherrschenden Ideologien unserer Tage, Nationalsozialismus und Kommunismus, sind naturalistische bzw. materialistische Ideologien.

Wo Ungehorsam gegen Gott die Zerstörung des Lebens betreibt, muß durch Gehorsam wieder der Bund des Lebens und Friedens werden.

Christus erniedrigte sich selbst »und wurde gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Daher hat ihn Gott auch über die Maßen erhöht und ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich beuge jedes Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters« (Phil. 2, 7-11).

Durch diese Versöhnung geht der Weg zum Frieden mit Gott, dem Vater. Ohne diese Versöhnung muß es zum Haß gegen Gott, den Vater, kommen. Eine christusverfremdete, neuheidnische Welt muß unversöhnt, eben im Haß zum Vater-Gott, friedlos leben und zurückkehren zu den »Mächten der Natur«.

Ohne diese Versöhnung am Kreuz lebt der nun eben unversöhnte Mensch auch gegen sich selbst. Denn Versöhnung ist auch Überwindung! Die Wunden unseres kranken, gefallenen und verkümmerten Daseins werden durch Gehorsam und Vertrauen im Leiden, in der Fähigkeit zum Leiden, heil gemacht.

Aber »Überwindung durch Vertrauen (Glauben)« ist der »Kernverlust« der Anti-Gott- und Vater-Revolutionäre! Weil sie nicht vertrauen, können sie nicht überwinden, können sie nicht leiden; weil sie nicht leiden können, müssen sie hassen! Weil sie das Opfer Christi verneinen, können sie selbst nicht opfern, dienen und verzichten. Aber durch Überwinden, Opfern und Leiden im Vertrauen werden wir willenhaft, empfangen wir Kraft von Gott, so daß Antwort auf Herausforderungen und Widerstände des Lebens gegeben werden kann!

Diese Welt ist ja nicht ein Paradiesspielplatz unschuldiger Knaben und holdseliger Mütter, sondern die Welt ist Spannung zwischen Licht und Finsternis, Lüge und Wahrheit, Christus und Satan. ». . . Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt« (Joh. 17, 14).

Wie soll und will und kann eine vaterverlorene und willenlose Generation die Welt überwinden, Leiden tragen, Herausforderungen meistern? Wie will sie überwinden, wenn sie nicht an den Überwinder glaubt?

Keiner zweifelt, daß eine harte Zukunft uns fordern wird! Die Konsumentenidylle der westlichen Welt wird es so nicht mehr lange geben. Hierin hat Marcuse geirrt; seine Prognosen für die unerschöpflichen Quellen eines reichen Konsumententums als Freiheitsraum unbegrenzter Lusterfüllung waren Illusionen.

Das letzte Buch der Bibel, die »Offenbarung des Johannes«, weiß um die Herausforderungen der Zukunft, und gerade in diesem Buch ist vom »Überwinden« sehr oft die Rede.

Die Zukunft verlangt die Kraft der Überwindung. Überwindung aber kann und wird es nur geben, wo Gott-Vater die Kraft zum Überwinden gibt: »Was von Gott geboren ist, überwindet die Welt!« (1. Joh. 5, 4).

Als das israelitische Gottesvolk aus Ägypten auszog und durch das Schilfmeer auf der einen und die pharaonische Heeresmacht auf der anderen Seite eingekesselt war, zerbrach ihm der Mut. Es kapitulierte, bevor es zum Streit kam. Es wollte lieber zurück in die Sklaverei Ägyptens, als weiter den Weg in die Freiheit gehen, die Gott verheißen hatte.

Genau an dieser Stelle stehen wir auch: Nicht weitergehen! Wir sind müde geworden – unser Fleisch sagt: »Zurück in das Kollektiv!« – und sei es um den Preis der Diktatur. Wir wollen lieber retrogressiv vegetieren, statt in Freiheit als Person existieren (siehe hierzu Exkurs 6).

Aber für seine Gemeinde geht Gott den Weg! Christus ist das Zeichen dafür, daß Gott mit seinen Erwählten diesen Weg immer schon gegangen ist. Was jenen widerfuhr – schreibt der Apostel in Erinnerung an die Geschehnisse am Schilfmeer -, ist uns zum Zeichen geschehen (1. Kor. 10, 11).

Was widerfuhr ihnen, den Israeliten, damals im drohenden Holocaust am Schilfmeer? Gott selbst bahnte den Weg durch das Meer. Die Chaoswogen standen wie drohende Ungetüme auf der Seite, und das Volk ging hindurch.

Keines Menschen Kraft konnte die Wogen abräumen. Weder Mut noch Verwegenheit triumphierten in jenen Stunden drohenden Untergangs. Das Volk zog hindurch, weil Gott den Weg bereitet hatte, und im Glauben konnten sie diesen Weg erkennen – es war ein Weg, der unmöglich schien.

Der Glaube brachte die Freiheit; die Rückkehr wäre Diktatur gewesen.

Gottesglaube ist Freiheit.
Gottesmord ist die Sklaverei unter den Mächten dieser Welt. Kapitulation ist das eine – Überwindung das andere. Knechtschaft ist das eine – Freiheit ist das andere. Naturalistische Gefangenschaft ist das eine – Wunder, Tat Gottes ist das andere.
Schuldverdrängung und Aggression das eine – Vergebung und Friede das andere. Tod ist das eine – Leben das andere.
Vertrauen auf Gott heißt leben, denn in ihm leben, weben und sind wir (Apg. 17, 28).

Fünf Exkurse zu diesem zweiten Teil

1. Sexualaufklärungsstrategie und Gottes- Vaterhaß

Absicht zeitgenössischer Sexualaufklärung an Kindern und Jugendlichen ist oft und gezielt, das Sozialverhalten und, damit im Zusammenhang, das Vertrauen in herkömmliche, insbesondere eben auch elterliche Autorität zu zerstören. Das Mitspieltheater »Rote Grütze«, nach der schwedischen Vorlage »XY-NY: Du der Same – ich das Ei« von M. Harrie (»Darüber spricht man nicht. Ein Spiel zur Sexualaufklärung. Kinder- und Jugendtheater Rote Grütze« in der Reihe: Materialien Theater, München 1973), gehört zum Bereich einer sexualstrategischen, antiautoritativen Gesellschaftsveränderung. Während des sogenannten »Traditionsbruches« Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre setzte eine Springflut solcher und ähnlicher sexualaufklärerischer Schriften und Filme für Jugendliche und Kinder ein.

Ziel dieses Stückes ist, durch subjektiven Spaß Scham, Angst, Normen, Tabus und Beklemmungen abzubauen. Bewußt wird eine Untergrundsprache der Sexualität gebraucht (die man gemeinhin als obszön verurteilte), um »Kraft und Lebendigkeit« des Themas zur Sprache kommen zu lassen und um es den Kindern zu erleichtern, »Assoziationsketten« zu bilden. Die Vulgärsprache wirkt – so kann man es einfacher ausdrücken – eben sexuell stimulierend – und genau das soll erreicht werden.

Mehrfach wird in diesem Stück dazu aufgerufen, die »sinnlose Scham« abzulegen. Durch Vater-Mutter-Kind-Spiele wird elterliche Autorität als repressiv dargestellt oder lächerlich gemacht: Ehrfurcht vor Autorität wird also zerstört. Sexualität ohne Ehe wird nicht nur propagiert, sondern in Frage- und Antwort-Spiel (analog den früheren Kaspertheatern) die »öffentliche Zustimmung der Kinderzuschauer« durch stimulierte Akklamationen sogar eingeholt.

Negativ sind: Scham, Tabu, Autorität und Ordnung. So wird zum Beispiel unter dem Motto »Satt ist besser als sauber« folgender Dialog gespielt:

Vater: »Ich schäm mich so, wenn ich kacken tu …«

Alle: »Der Mensch ist ein Mensch und kackt ins Klo, drum schäm dich, drum schäm dich nicht, drum schäm dich nicht so.«

Ordnung hängt mit Wille, Scham und Herrschaft zusammen – also müssen für eine schäm- und ordnungslose Gesellschaft, die allein repressionsfrei ist, Scham und Ordnung »chaotisiert« werden.

Zur Veränderung des Verhaltens werden in der Regie dieses Mitspieltheaters gruppendynamische Erkenntnisse angewandt: Die Gruppe wird dynamisiert, also auf gewünschtes Verhalten eingeübt. Das geschieht in diesem Stück dadurch, daß die Kinder aufgefordert werden, nachzumachen, was per Demonstration mit Puppen auf der Bühne vorgemacht wird: einander anfassen und streicheln, zärtlich miteinander sein im direkten körperlichen Kontakt bis zum Schmusen. Die Grenzen sind jeweils offen und werden der Regie unter der Berücksichtigung der jeweils gegebenen Umstände überlassen. Die sexuelle Stimulierung in der Gruppe – die diffuse, schamlose (eben enttabuisierte) öffentliche, kollektiv erfahrene Emotionalisierung ist erreicht – herkömmliche Autorität ist vom Tisch.

Daß seit dem benannten Traditionsbruch Familien heute immer mehr in Massenmedien entweder als kaputt oder repressiv dargestellt werden, ist nun mittlerweile allgemein bekannt. Dafür ein Beispiel: In der Mammut-Fernsehserie »Berlin Alexanderplatz«, nach dem Roman Döblins fernsehverfilmt von Rainer Werner Faßbinder, wird – nun völlig losgelöst vom Text des großen Romans – am Schluß der Vater als Ursache alles Bösen dargestellt.

Der zerbrochene Franz, die Zentralgestalt dieses Dramas, der an der Aufgabe der Personalisation zerbrach, träumt von Vater und Mutter: »Vor einem Krippenspiel-Szenario, Joseph, Maria, Jesuskind, kringelt sich ein nacktes Paar, ein junger Mann und eine ältere Frau; und hinter ihnen steht, nackt und von Pfeilen durchbohrt, der Vater« (so berichtet in »Der Spiegel« Nr. 42/1980, S. 247).

Nicht in direkter Propaganda, sondern durch die tausend kleinen Kanäle, eben in Spaß, Kunst, Unterhaltung usw., wird Familie und Vaterautorität – eben auf dem Wege einer schleichenden Indoktrination – »kaputt gemacht«.

2. Vatermord und Gotteskomplex

Das Buch »Der Gotteskomplex« von Horst Eberhardt Richter (1979) hat nichts mit theologischer Verkündigung zu tun und sieht Autorität auch keineswegs im Urteil biblischer Offenbarung. Dennoch bringt dieses Buch eine gute Analyse zum Thema Gottes- und Vatermord, auch wenn es von anderen als biblischen Voraussetzungen ausgeht.

Nach dem Urteil Richters hat der neuzeitlich-europäische Mensch Gott gleichsam abgesetzt und entmachtet. Dieser Prozeß hat nach Richter bereits im Mittelalter begonnen. Dieser »Prozeß der Ablösung aus der vollständigen Unmündigkeit und Passivität« (S. 23) hat nach Richter dazu geführt, daß der nun mündig gewordene, sich mit der göttlichen Allwissenheit und Allmacht identifizierende Mensch sich selbst zum Gott ernannt hat.

Dadurch sei nun – so meint Richter – der moderne Mensch überfordert; er lebe im Streß des »Gotteskomplexes« und habe das Gefühl der Geborgenheit und des Schutzes verloren: »Das individuelle Ich wird zum Abbild Gottes« (S. 27). Das beschreibt den Zustand des von mir so genannten Vatermörders in der ersten Phase: eben jene Väter, die ihre Autorität aus sich selbst setzen.

»Wie das Kind, das sich gewaltsam und illusionär in eine allmächtige Elternfigur verwandelt, um seinen unverläßlichen Eltern nicht länger wehrlos ausgeliefert zu sein, trägt unsere Zivilisation seit damals zahlreiche Merkmale einer krampfhaften Selbstüberforderung« (S. 29). Mit anderen Worten: Kinder wurden so erzogen, daß elterliche Autorität für sie absolute Autorität war und sie nicht erkannten, daß elterliche Autorität nichts anderes als ein Mandat Gottes ist. Die aus der Verantwortung vor Gott losgelöste elterliche Autorität ist die Autorität der Gottesmörder der ersten Phase, sie liegt in der Generation des Maskulinismus und ist verfehlte Autorität. »Das eben ist der Fluch dieses kollektiven Komplexes, dieses Ohnmacht-Allmacht-Komplexes, den man auch zusammenfassend als Gotteskomplex bezeichnen kann« (S. 31), meint Richter zu dieser Selbstsetzung der Autorität in der Generation der Vatermörder.

Die neuzeitliche Gesellschaft hat sich Gott gleichsam einverleibt. Die Autorität Gottes wurde nun zur Autorität der Gesellschaft. In der Analyse der neuzeitlichen Philosophie erkennt H. E. Richter, daß der philosophierende Mensch sich nun um ein Ich bewegt, das im Mittelpunkt des Seins steht: »Das individuelle Ich, das fortan im Mittelpunkt aller philosophischen Konzepte stand, war stets das männliche Ich« (S. 103).

Zu Recht erkennt Richter, daß im Gottesglauben Mann und Frau »sich in einer gemeinsamen geschwisterlichen Kindschaft gegenüber Gott erlebten« (S. 103), während nun, im Zeitalter des Gotteskomplexes der Vatermörder, die Gottesmacht auf ein männliches Prinzip im Sinne des Maskulinismus übertragen wurde.

Eine der gefährlichsten Folgen dieses Gotteskomplexes ist nach Richter »die totale Auslöschung des Leidens« (S. 129), die Verdrängung des Leidens und seine Verwandlung in Haß: »Die absolute Selbstsicherheit als Rettung vor der verzweifelten Verlorenheit verlangt eine beständige Abwehr der Erfahrung der Brüchigkeit, der Versehrbarkeit, des Sterbenmüssens. Man kann verschiedene Abwehrstrategien unterscheiden, die dieser kontinuierlichen Selbststabilisierung dienen sollen« (S. 129).

Wir erkennen diese Diagnose Richters an und fügen hinzu: Der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit, an der Christusoffenbarung – die den Sinn öffnet für Sühne, Leid, Kreuz und Auferweckung – führt zwangsläufig zu einer Verdrängung, ja zu einer Verneinung des Leidens und der Wirklichkeit des Todes. Der eindimensionale Mensch, der nur noch die Wirklichkeit einer einhorizontalisierten Welt kennt, muß hier auf dieser Erde und in diesem Leben das volle Glück mit aller Gewalt erreichen, weil er sonst, eben in der Verneinung der Ewigkeit, an der Sinnfrage zerbrechen würde.

Und er ist an dieser Sinnfrage zerbrochen, weil er erkannt hat, daß er aus dieser Selbstsetzung heraus, in dieser Einsamkeit einer Ichstrapazierung, den Weg zum Sinn des Lebens und zur Erfüllung seines Daseins nicht finden kann. »Es ist letztlich das Nicht-ertragen-Können von Leid, das immer wieder dazu zwingt, andere leiden zu machen« (S. 146), meint Richter zurecht.

Wir leben also heute in einer Gesellschaft, die unbedingt »leidensfrei« werden will, denn wenn sie selbst Gott ist, kann sie ja nicht leiden.

Da es nun unmöglich ist, Leid wegzutrainieren, und andererseits die gefallene Schöpfung diesem gefallenen Menschen Leiden verursacht, wird eine leidensunwillige und leidensunfähige Gesellschaft in eine Spannung hineingeraten, die sich in Neid, Aggression, Klassenkampf und Verfolgung religiöser Minderheiten entladen muß.

3. Schon der Faschismus war Vaterhaß
Der Faschismus (wie auch der Nationalsozialismus) wird in einer sog. »Vulgär-Vergangenheitsbewältigung«, wie man sie im Fernsehen, vielen Spielfilmen, Büchern und Aufsätzen immer wieder erleiden muß, nicht nur wirklichkeitsverfremdend und konsumentenhaft-kitschig dargestellt, sondern im Wesen gefährlich mißverstanden.

Faschismus und Nationalsozialismus waren keine autoritativen Weltanschauungen, sondern sie waren genau das Gegenteil davon. Der Nationalsozialismus war eine Anti-Vater-Gottrevolution, die mit ihm bereits einen Höhepunkt erreichte und heute unter anderen ideologischen Karosserien, aber mit gleichem Fahrgestell ihre konsequente, inhaltlich wie strategisch-technisch gleichartige Fortentwicklung erlebt.

Die unbedingte Hingabe an den »Führer«, dieses Überfahrenwerden personaler Selbständigkeit, die Bejahung der Gruppe, die Vorordnung des Kollektivs vor dem einzelnen ist anti-personalistisch, gegen Autorität als absolute Autorität, wie sie im Anspruch Gottes offenbar wurde.

Bedeutsam ist, daß der Nationalsozialismus Nein sagte zum Gewissen, das er als eine »jüdische Erfindung« verurteilte (vgl. hierzu F. Heer, »Der Glaube des Adolf Hitler«, 1968).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Todesverherrlichung im Nationalsozialismus, die nicht nur durch die Todessymbolik (Totenkopf bei den Waffen-SS-Verbänden), sondern durch Verherrlichung im «Liedgut und in der Dichtung jener Zeit zum Ausdruck kam.

Der Führerkult in der NS-Ideologie war ein Anti-Gott-Vater-Kult, er war Ausdruck einer sich selbst setzenden Autorität.

  1. Mitscherlich (»Auf dem Wege zur vaterlosen Gesellschaft«, 12. Aufl. 1978, S. 344) schreibt zu diesem aufregenden Thema des Zusammenhanges von nationalsozialistischer Ideologie, Vatermord und Vergangenheitsbewältigung:

»Der versprechende und terroristisch bedrohende Massenführer ersetzt nicht eigentlich den vorhandenen Vater. Er ist viel eher – so überraschend das scheinen mag – in der Imago einer primitiven Muttergottheit unterzubringen. Er selbst gebärdet sich dem Gewissen überlegen und fordert zu einer regressiven Gehorsams- und Bettelhaltung heraus, die zum Verhaltensstil des Kindes in der präödipalen Phase gehört. Versagt er, so wird er aufgegeben wie ein unrentabel gewordenes Bergwerk; Treue kann er nicht wecken, wenn er keine Furcht mehr einflößt, keine Versprechungen mehr einlöst… Die Bindung an den Führer hat (trotz lautester Gelöbnisse) nicht die konfliktreiche Stufe der Gewissensbildung und Gewissensbindung erreicht.«

Die mehr oder weniger atheistisch motivierte Philosophie der kritischen Theorie oder des Neomarxismus hat deswegen den Nationalsozialismus gründlich mißverstanden. Der Kampf dieser Bewegung gegen absolute Autorität überhaupt, wie wir ihn im ersten Kapitel darstellten, setzt in mancherlei Weise – auch wenn es selbstverständlich diesen Philosophen nicht bewußt ist – den antiautoritativen, ideologischen Trend des Nationalsozialismus fort. Für den christlichen Offenbarungsglauben wird es immer notwendiger sein, den einen starken roten Faden einer modernen antichristlichen Bewegung herauszuarbeiten.

4. Gotteskomplex und Vatermord in der Philosophie des Existentialismus

Mit der Philosophie des Existentialismus, die die zwanziger bis fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts geprägt hat, ist es zu Ende. Heidegger, Camus, Sartre und Jaspers sind Geschichte. Im Pariser Aufstand der französischen Jugend vom Mai 1970 war Sartre ein »Opa der Revolution«, auch wenn er auf den Boulevards mit Knaben und Mädchen marschierte und unbeholfen an den Fabriktoren von Renault »arbeiternah« protestieren wollte.

Sartre lebte im Gotteskomplex der Vatermörder der ersten Generation, er gehörte, von daher gesehen, in die Welt des 19. Jahrhunderts, deren Stil ja auch seine Kindheit prägte. Jean-Paul Sartre stand genau im Umschlag der Vatermordrevolution – von der Selbstsetzung zur Selbstflucht, vom aktiven, aggressiven zum passiven Gottesmord.

Für Sartre gab es keine absolute, über alle Zeiten feststehende, gar von Gott gegebene Ordnung, die respektiert werden müßte, wollte man überleben. Sartre war der Meinung, daß der Mensch in einer Welt ohne Gott und Sinn als sein eigener Gott ohne irgendwelche vorgegebenen Maßstäbe seine Welt schaffen muß und damit auch selbst Werte setzen soll. Das Gute als ein allgemeines, von allen Menschen anzuerkennendes, sittliches Prinzip war für Sartres Philosophie wie überhaupt für den Existentialismus eine Illusion.

Die Philosophie Sartres ist die des einsamen Gottes. Das Kollektiv war ihm ein Greuel, die anderen waren die Hölle, die nur eigene Freiheit in Abhängigkeit verwandeln wollten. Seinem kommunistischen Engagement zum Trotz gehörte Sartre zur alten Garde der Gottesmörder. In Simone de Beauvoir, die einerseits ganz mit ihm, in ihm und von ihm lebte, in dieser Gefährtin seiner Lebensjahre liegt – wie wir im Aufsatz über den Feminismus noch sehen werden – der Aufbruch vom Gotteskomplex in die Gottesmütterlichkeit, vom Existentialismus in den Feminismus und damit in eine neue Phase des Atheismus.

5. Vatermord und Retrogression

Regression oder (meistens im verschärfenden Sinne gemeint) Retrogression bedeutet in der Psychologie Rückkehr in eine frühere, vor-erwachsene, kindliche Lebensphase oder gar die Wunschvorstellung der Rückkehr in das Nichtgeborensein (pränatale Phase). Retrogression hat ihre Ursache im Leiden an der individuellen, persönlichen, durch Pflicht und Wille bestimmten Weise des Lebens. Das Gegenteil von Retrogression ist Individuation, also das Erwachsenwerden im Sinne einer sich verantwortenden und selbständigen Persönlichkeit.

Wir haben gesehen, daß die sogenannte »Alt-Vatermörder-Generation« im höchsten Maße auf Persönlichkeit und Individualität im Sinne einer maskulinistischen Ausprägung leitbildlich eingestellt war. Wir erleben heute die totale Umkehr. War für den Individualismus der Gotteskomplex kraftprotzender Männlichkeit das Ideal (das Zeitalter der Heldenverehrung im 19. Jahrhundert), so ist nun – in der Phase der Retrogression – die Frau, das Mütterliche (allerdings außerhalb der Zuordnung zu Ehe und Familie) Wunschziel und Symbol allen Geborgenheitsstrebens.

Bewußt männliche Tugenden treten hinter eine mehr und mehr feminine Gestaltung und Wertung des Lebens zurück. Diese feminine Prägung des Lebens meint nun im Gegensatz zum Individualismus die Einfügung in die Geborgenheit des Kollektivs und die fast vorbehaltlose Bejahung der emotionalen, eben lustbetonten Motivation des Lebens.

Horst E. Richter meint in seinem bereits zitierten Buch »Der Gotteskomplex«, moderne Selbstverkrampfung nur durch eine Lebensgestaltung überwinden zu können, die wir als »mütterlich orientiert« bezeichnen sollten und die »zutiefst« anti-Vater-Gott-orientiert ist. Nicht als aufsteigende Linie, sondern als Zyklus soll das Leben betrachtet und damit die Rückkehr in den Tod, also das Sterben, bejaht werden.

Wohlgemerkt: Sterben soll bejaht werden – nicht als Pforte in ein ewiges Leben, also als »linearer Aufstieg«, sondern als das Nichts. Tod soll zum natürlichen Bedürfnis nach einem kreisförmigen Abschluß des Lebens werden, meint Richter: »Der Mensch kann sich jeweils als das bejahen, was er ist, und nicht immer nur als das, was er hofft zu werden, oder als das, was er – vielleicht einmal – war« (S. 235).

Der einzelne soll aber seinen Lebenszyklus als Zyklus nur innerhalb eines »sozialen Zyklus begreifen« (S. 237), und in diesem sozialen Ganzen sind Sympathie und Mitfühlen, das »unmittelbare, instinktartige Mitempfinden, Sichfreuen und Mitleiden überhaupt« (S. 241), die tragenden Elemente das Daseins, das eben nun ein kollektives Dasein ist. Dabei kann und soll sogar dieses Mitfühlen »die hierarchische Struktur« einer Beziehung aufheben.

An die Stelle des Oben-Unten-Verhältnisses tritt eine Gleichsetzung, ein »volles solidarisches Teilen miteinander« (S. 243).

Diese Gedanken zielen auf das glückliche Geborgensein in einer Gruppe ab, die es allerdings niemals gab, die aber in dieser gegenwärtigen Phase der Anti-Vaterrevolution das Ziel aller Träume ist, nämlich »die Anerkennung des Gleich-seins im Anders-sein« (S. 243).

Mit den »jahrhundertealten Diskriminierungen der Emotionalität» (S. 247) soll Schluß gemacht werden, denn »inhumane Unterdrückungsverhältnisse« – so träumt Richter – können durch das »Urphänomen der Sympathie« abgebaut werden – eine Erkenntnis, die sich allerdings seit Kain und Abel nie durchgesetzt hat. Die Gefühlsbetontheit oder gar die Rettungsfunktion des Gefühls (»Es erscheint notwendig, daß wesentliche Strömungen zum Abbau des traditionell vorherrschenden egozentrischen Machtdenkens vorwiegend vom Gefühl ausgehen …«) meint wieder tiefes Mißtrauen gegen Bewußtsein, aber auch gegen Glauben im Vertrauen auf das Wort jenes Gottes, der uns als Autorität gegenübersteht: dem wir gehorsam sind, weil wir auf ihn hören.

Biblische Botschaft kann weder die Auffassung des Lebens als Zyklus, noch die Bejahung des Sterbens ohne Glauben an die Ewigkeit, noch die Retterfunktion der Emotionalität als Heilmächte bejahen! Der Christ lebt auf Hoffnung, die sich in der Ewigkeit erfüllt. Der Tod wird nicht bejaht, sondern der Tod ist der Feind des Menschen, der durch den Glauben an das ewige Leben, an die Auferweckung Christi von den Toten überwunden wird.

Gemeinschaft ist für Christen immer die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern in dem Herrn. Die Bindung in der Mitmenschlichkeit gründet sich nicht auf Sympathie, sondern auf Vertrauen in die Liebe aller zum gemeinsamen Vater, durch den sie erst Brüder und Schwestern werden, eben weil sie den gemeinsamen Vater bekennen.

Es ist ein wirklichkeitsfremdes Wunschdenken, das sich in diesen retrogressiven Zielvorstellungen ausspricht. Vor einigen Jahrzehnten hatte – wie wir sahen – Sartre noch eine ganz andere Erfahrung, und statt von Sympathie sprach er von der Hölle, die eben die anderen sind.

Unter dem Symbol der Muttergottheit fanden sich im vorchristlichen Heidentum Kultgenossen, verbunden in ihrer Ursehnsucht nach dem vor-erwachsenen, urständlichen, vermeintlich Glück bringenden archaischen Zustand des Menschseins. Die Propheten des Alten Testamentes haben hier – in ihrem Kampf gegen den Baalismus – die Aufgabe im Kampf gegen die Hurerei des Gottesvolkes gesehen.

Personsein heißt im Wortsinn »durchrufen«. Person ist der Mensch nicht durch Selbstsetzung, sondern durch den Ruf Gottes, auf den er im Vertrauen antwortet und lebt: Nicht das Getriebenwerden durch Emotionen, nicht das Eintauchen in die Gruppe, nicht das Aneinanderfesthalten, sondern das Wagnis des Lebens »auf das Wort« hin.

Emotionalität ist genauso gefallene Schöpfung, genauso in die Feindschaft gegen Gott einbezogen, wie unser Menschsein überhaupt. Erlösung kommt nicht aus der Emotionalität, sondern Erlösung kommt über die Emotionalität im Überwinden der Wunden, die durch die Sünde gegen Gott aufgerissen werden.

Allein im Glauben an Gott können zwei Irrwege überwunden werden: die Selbstsetzung der Autorität, die zum Gotteskomplex führt, und die Preisgabe der Individualität durch das Kollektiv.

Kapitel 3  Klassenkampf zwischen Mann und Frau?

– Das Zerstörungswerk des Feminismus für Glaube, Theologie, Kirche und Gesellschaft –

Der Feminismus will die Verfraulichung der Welt
Das Programm der Entmythologisierung (sagen wir das Pro­gramm der Verohnmächtigung Gottes, das in den fünfziger Jahren alles, was sich Theologie nannte, in Atem hielt) hat sich innerhalb großkirchlicher Theologie in jedem einzelnen Punkt siegreich durchgesetzt. Die in der Heiligen Schrift bezeugten Taten und Worte Gottes wurden zu zeitgebundenen »Symbolen« eines eben nur »damaligen« Verständnisses von Gott, Welt und Mensch. Die Bibel wurde als Material für unsere Interpretation, zu unserem Gebrauch also, freigegeben.

In schneller Folge führten diese rasanten »Interpretationen« des sogenannten »biblischen Materials« konsequenterweise zur Gott-ist-tot-Theologie und dann – meistens auch schon parallel laufend – zur Theologie der Revolution und Befreiung, nachdem im zaghaften Anlauf zunächst nur von der Theologie der Hoff­nung viel geschrieben und noch mehr gesprochen wurde.

Heute ist die Bibel Interpretationsmaterial in dem Sinne, daß Worte wie Gott, Christus, Erlösung, Exodus (Auszug des israeliti­schen Gottesvolkes aus der Gefangenschaft Ägyptens) als Reiz­worte zum Gebrauch einer Art religiöser Verklärung für die Weltrevolution der Einheitsgesellschaft bereitgehalten werden.

Die – bislang – letzte und radikalste Phase einer die Aussagen der Bibel zerstörenden Interpretation ist der Feminismus, der keines­wegs nur die Befreiung der Frau aus der »Jahrtausende währenden Sklaverei durch christlich patriarchalische Männer« erstrebt, son­dern im Zusammenhang einer Theologie der Revolution die Verän­derung der Gesellschaft auf dem Wege des Klassenkampfes zwi­schen Mann und Frau vorantreiben und die Pervertierung des Christentums in eine Muttergottes-Einheitsreligion als Ausdruck kollektiver Gesellschaftsform durchsetzen will.

»Es ist klar«, schreibt die Professorin für Feminismus und Christentum an der Universität Nijmegen, Catharina J. M. Hal­kes, »daß es uns schon lange nicht mehr um die Frage oder um den Platz der Frau geht, um die Formulierung der Aufgabe oder um Zulassung zu den Ämtern. Schon diese Begriffe deuten die Herrschaftsstruktur an: Andere, das andere Geschlecht soll für mich ausmachen müssen, was mein Platz ist? Man’s World (Die Welt des Mannes) hat die Macht, Woman’s Place (den Platz der Frau) zu bestimmen. Darauf haben wir schon unzählige Ballen Papier verschwendet« (»Gott hat nicht nur starke Söhne – Grund­züge einer feministischen Theologie«, 1980).

Der zeitgenössische Feminismus kämpft nicht um den Platz der Frau für die Frau in dieser Gesellschaft, um die »Gleichberechti­gung«, sondern er will die Veränderung dieser durch Männer strukturierten Gesellschaft. Feministen wollen eine andere Kul­tur, eben eine Kulturrevolution.

In letzter Konsequenz wollen sie nicht nur die andere Frau, sondern auch den anderen Mann, sie wollen eben – elementar ausgedrückt – die Welt auf den Kopf stellen, denn »offenbar ist die Frau in der herrschenden, androzentrischen (auf den Mann bezogenen) Kultur zum Opfer eines immer dualistischen Den­kens, eines Denkens und Erlebens in Gegensätzen geworden« (Halkes, a. a. O., S. 21). Gegen die herkömmliche, christlich motivierte Kultur in der Spannung von Himmel und Erde, Gott und Schöpfung, Mann und Frau, Eltern und Kindern, Schuld und Versöhnung soll die spannungslose, eben mütterlich-eindimensio­nale Kultur gesetzt werden.

Der Feminismus liegt damit ganz und gar auf der Welle des Neomarxismus der kritischen Theorie. Herbert Marcuses Theorien feiern hier jubilierende Triumphe. Das Ziel ist der sozialistische Feminismus, der im Bündnis mit allen anderen »Gegenkulturen« als Revolution die »fundamentalste Bewegung« ist, »weil alle die genannten Formen der Herrschaft und Unterdrückung von Men­schen durch Menschen soziale Ausdrucksformen jenes Dualismus sind, der am meisten in die Tiefe geht: die Erhebung des männli­chen Geschlechtes über das weibliche« (Halkes, a. a. O., S. 30).

Der Mann, das männliche Prinzip, das Vatersein, Vaterherr­schaft – eben das Patriarchat – ist an allem schuld. Die Revolution des Feminismus hat also ihr Feindbild, ohne das es eine Revolu­tion bekanntlich nicht geben kann. Die einzige Alternative zum verhaßten Kapitalismus ist – so meint auch die Feministin und Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel (»Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit. Zur Emanzipation der Frau«, 2. Aufl. 1978, S. 51) – die Revolution der Frau. Auch sie sieht den Zusammenhang mit der neomarxistischen kritischen Theorie und zitiert Herbert Marcuses für den Feminismus so charakterisierende Sätze: »Die weiblichen Qualitäten, auf der biologisch-gesellschaftlichen Grundlage entstanden, könnten die Realisierung eines neuen Realitätsprinzips bringen, weil sie die Antithese zu den die kapitalistische Gesellschaft regierenden Werten darstellen«.

Der Feminismus will also nicht nur eine Befreiung der Frau für ihren Platz in dieser Gesellschaft oder nur eine Kulturrevolution in dem Sinne, daß auch die Frau Möglichkeiten eigener kultureller Entfaltung gewinnt, er will im Gegenteil verändern, was man überhaupt nur verändern kann. Er will eine neue Realität: Die Wirklichkeit selbst soll verändert werden.

Aus diesem Grunde kann besagter Herbert Marcuse befriedigt, und den Feminismus in seiner Bedeutung richtig einschätzend, feststellen: »Ich glaube, daß die Frauen-Befreiungsbewegung (Woman’s Liberation Movement) derzeit die vielleicht wichtigste und potential radikalste politische Bewegung ist, die wir haben, auch wenn das Bewußtsein dieser Tatsache die Bewegung als Ganzes noch nicht durchdrungen hat« (Jutta Menchik, »Feminismus – Geschichte – Theorie – Praxis«,1977).

Marcuse hat recht mit diesem Urteil. Hinzufügen möchte ich, daß brave Bürger und Bürgerinnen keine Ahnung davon haben, welche starken Kolonnen einer kollektivistischen Welt-Kulturrevolution wir schon in unserer Mitte haben, auch und gerade in unseren Großkirchen, Freikirchen und Gemeinschaften.

Das Feindbild Mann
Dem Kampf um die »neue Realität« steht der Mann, so wie er ist, als Feind Nummer eins im Wege. Der Feminismus will das Weibliche befreien und entfalten, ja zum Triumph in einem neuen Realitätsprinzip führen; aber das Männliche kann weder befreit noch entfaltet, es muß abgeschafft, besser wohl noch vernichtet werden.

Valerie Solanas (»Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer«,1969) meint: »Der Mann ist eine Maschine, ein >Gummipeter auf zwei Beinen<. Die Männer sind verantwortlich für alles Böse, für Unterdrückung, Haß und Gewalt, sie sind unfähig zur Zivilisation…«.

Das Männliche ist – darauf legt diese kollektivistisch orientierte feministische Revolution allergrößten Wert – unfähig für die Einpassung in die Gruppe und zum Leben aus der Emotionalität eben dieser Gruppe. Das Zueinander von Gruppe und Emotiona­lität, das Nein zum Willenhaften und zur Individualität, sind Hauptziele dieser das mütterlich-bergende Kollektiv anstrebenden feministischen Weltrevolution.

Nach Valerie Solanas gehört die Zukunft der Frau, weil nur Emotion und Kollektiv die Zukunft der Totalzivilisation durchtra­gen werden: »Die wenigen überlebenden Männer«, so schlägt sie, die tatsächlich Männer mit dem Revolver angriff und selbst schließlich durch Selbstmord endete, in »barmherziger« Weise vor, »mögen ihre kümmerlichen Tage mit drop out und Drogen weiterfristen, als Transvestiten in Frauenkleidern herumstolzie­ren oder passiv die superdynamischen Frauen in voller Aktion bewundern… «

Diese Sätze sind inhaltlich nicht so komisch, wie sie sich zunächst für unerschrocken-weltfremde, bürgerliche Existenz anhören lassen. Nicht nur das Feindbild, sondern die treffende Diagnose von der Selbstzerstörung des Mannes, seine Krise zum Tode ist bedeutungsvoll. Denn »Mann sein« und »Vater sein« befinden sich heute – wir werden darauf noch weiter eingehen – in einer Krise zum Tode, und die von Valerie Solana erwähnte »schmerzlose Vergasung« erinnert an den bislang größten Vater­mord der Geschichte, an die Vernichtung jüdischer Menschen, wobei wir uns daran erinnern, daß der Nationalsozialismus eine feminin-heldische Vatermordrevolution war, für die der biblische und damit eben auch der jüdische Mann als verhaßter Repräsen­tant der Vaterkultur galt.

Der Feminismus kann noch radikaler an die Ideologie des Nationalsozialismus anknüpfen. Elisabeth Gould Davis (»The First Sex«,1975) gebraucht zwar nicht den im Nationalsozialismus üblichen Begriff »Untermensch«, aber mit biologischer Argumen­tation degradiert sie den Mann zu einem zumindest – und gelinde ausgedrückt – zweitrangigen, eben auf niedererer Stufe als die Frau stehenden Lebewesen. Hätten doch – so ihre Argumente – Geneologen erkannt, daß das Y-Chromosom, aus dem der Mann hervorgeht, ein abgebrochenes X-Chromosom sei, von dem die Frau sogar zwei besitze, so »daß Frauen eine Rasse für sich, das starke erste Geschlecht, und Männer die biologische Nachhut« seien.

Auch hier weigere ich mich, in solchen phantastischen Aussa­gen nur Komisches zu sehen. Rassenbiologisch motivierte Urteile über das Menschsein haben in vergangenen Jahrzehnten zu furcht­baren Konsequenzen trotz aller Absurdität der Argumentation geführt. Auf diese Beurteilung des Mannes »auf zoologischer Basis« wollen wir uns hier auch gar nicht erst weiter einlassen, aber schon jetzt, mit um so größerem Ernst, die Frage stellen, welche ethischen Orientierungsdaten der Feminismus seinem Urteil über Menschen eigentlich zugrunde legt.

Zweifellos stehen diese Aussagen, wie wir sie eben hörten, auf der Außenseiterposition des Feminismus -gegenstandslos sind sie deswegen nicht. Sie erhellen vielmehr die Grundtendenz des Feminismus, nämlich sein Bestreben, das herkömmliche Zueinan­der von Natur und Menschsein radikal nicht nur in Frage zu stellen, sondern aufzuheben.

Es gibt im Feminismus einen breiten Konsensus darüber, daß herkömmliches, geschlechtliches Zueinander von Mann und Frau zu verneinen sei. Der Feminismus unterscheidet in diesem Zusam­menhang zwischen der vaginalen und der klitoridischen Frau.

Für Carla Lonzi (»Die Lust, Frau zu sein«, 1975) bedeutet die normale Lust, die im herkömmlichen, also natürlichen Ge­schlechtsverkehr durch die Einführung des Penis in die Vagina erreicht wird, nicht die umfassendste und vollkommenste Lust, sondern die Lust der patriarchalischen Sexualkultur. Sie zu errei­chen bedeute für die Frau, sich verwirklicht zu sehen in dem einzigen Modell, das ihr Belohnung verspricht, in dem Modell, das die Erwartung des Mannes erfüllt. Das patriarchalische Paar ist das Paar Penis-Vagina, Ehemann und Ehefrau, Vater und Mutter der fortpflanzungsgebundenen animalischen Kultur: »Ihr Verhältnis zueinander wird nicht durch die Funktionsweise der Sexualität bestimmt, sondern durch die Fortpflanzung, der die weibliche Sexualität untergeordnet wird. Die vaginale Frau ist das Ergebnis dieser Kultur. Sie ist die Frau des Patriarchen und der Herd eines jeden Mythos der Mütterlichkeit, die Sklavin, die die Fesseln der Unterwerfungen weitergibt, durch die die männliche Herrschaft jede historische Veränderung hat überdauern können.

Diese Sexualität, so wie sie die europäische Frau »im christli­chen Abendland normalerweise« erlebt, ist »Spiegel und Instru­ment der Unterdrückung der Frau in allen Lebensbereichen«, meint Alice Schwarzer (»Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung«,1975, S. 71).

Ähnlich urteilt Kate Miller (»Sexus und Herrschaft. Die Tyran­nei des Mannes in unserer Gesellschaft«, 1971): Das Eindringen des Penis in die Vagina sei Ausdruck männlicher »Penetrations­wut«, der aggressiven Herrschaftshaltung des Mannes.

In dieser Weise der geschlechtlichen Begegnung – so meinen die Feministinnen – zeige sich die Feindschaft des Mannes gegen die Frau. Es versteht sich von selbst, daß das Zueinander und Miteinander von Geschlechtlichkeit und Zeugung, Liebe und Ehe, Ehe und Familie vom Feminismus verneint wird.

Die Lust wird zur selektierten, einsamen, nur auf Selbstbefriedi­gung abzielenden Lust. Der Feminismus ist also in seiner radikalen Form in sich selbst die Zerstörung von Ehe und Familie.

Bejaht wird im Feminismus nur die klitoridische Sexualität, die nach seiner Meinung die Sexualität der emanzipierten Frau ist. Nur diese Art sexueller Verwirklichung schließt die Herrschaft des Mannes aus. Sie verwirklicht das Lustbild einer neuen Zärt­lichkeit, eine neue ganzheitliche erotische Kultur, einen neuen umfassenden »Mann-weiblichen-Horizont«, wie Kurt Lüthi, der evangelische Ethiker an der Theologischen Fakultät Wien, es in seinem Standardwerk »Gottes neue Eva« (1978, S. 32) ausdrückt.

Der klitorale Orgasmus ist unabhängig von der Partnerschaft mit dem Mann, er kann lesbisch oder durch Masturbation oder im wechselseitigen Liebesspiel erfahren werden, wobei ohne oder gegen den natürlichen, eben vaginalen Geschlechtsverkehr völlig neue Aspekte der Sexualität entdeckt würden.

Kurt Lüthi sieht das Ergebnis der »Orgasmusforschung« darin, »daß die weibliche Klitoris das für die Lustempfindung der Frau wichtigste Organ ist«. »Allerdings ist die Klitoris nicht isoliertes Lustorgan, sondern Spitze einer ganzen Struktur von Lustempfin­dungen. Die Klitoris scheint überhaupt keinen speziellen biologischen Sinn zu haben, sondern nur der Lust zu dienen … Der vaginale Orgasmus deutet eher auf eine Anpassung der Frau und auf eine Beziehung der Frau auf männliche Bedürfnisse … Im klitoralen Orgasmus erlebt die Frau die ihr gemäßen Ekstasen.«

Lüthi bedauert, daß »so etwas wie eine Sprache der klitoralen Gefühle völlig fehlt«. »Auch die Sprache ist«, so meint der Wiener Theologieprofessor klagend, »vom Vorrang männlicher Bedürf­nisse geprägt«. Er meint: »Schließlich ist für die Dimension des Körperlichen die Einsicht wichtig, daß die Frau in ihrem ganzen Körper Lust empfindet; der Vorrang bloß genitaler Lust gehört zur Vorstellungswelt einer männlichen Sexualität« (a. a. O., S.18).

Für die feministische Bewegung ist der Aspekt der Ganzheit­lichkeit der geschlechtlichen Lust (»Wholeness« ist ein Leitwort der feministischen Revolution überhaupt) sehr wichtig: »One makes love with genitals not with selves«, kritisiert J. M. Halkes (a. a. O., S. 47) mit Vehemenz und kommt dabei zum anderen Leitwort des Feminismus, zur Androgynie, das man am besten mit »Mannweiblichkeit« übersetzen würde.

Nicht die Spannung in der Begegnung zwischen Mann und Frau, sondern ein Einswerden im Sinne der Auflösung dieses spezifischen Zueinander von Мann und Frau soll erreicht werden. Ziel der Umstrukturierung herkömmlicher Sexualität ist der neue Mensch, der Маnn- und Frausein in sich vereinigt.

Der Feminismus will, daß der Mann von der Frau integriert, ein Teil ihres eigenen Wesens wird. »… Ich glaube nicht mehr daran, daß Mann und Frau komplementär sind, geschweige denn, daß die Frau eine nützliche und nötige Ergänzung des Mannes ist. Beide Geschlechter tragen die Möglichkeit in sich, das, was bis heute als männliche und weibliche Komponente oder Polarität bekannt war, zu integrieren und auf diese Weise autonome, auf Ganzheit und Androgynie (Mannweiblichkeit) zuwachsende Menschen zu werden«, meint die Professorin für Feminismus aus Nijmegen (a. a. O., S. 26) und kündigt damit an, daß das Mannweib bzw. der Weibmann schon an der Schwelle einer neuen Kultur, eben der Kultur des Feminismus, steht.

Der Kampf um die neue Realität
Schon Simone de Beauvoir, die zu ihrer Zeit noch vom französi­schen Sozialismus und Kommunismus belächelte Großmutter des modernen Feminismus, hat in ihrem den Feminismus stark bewe­genden Buch »Das andere Geschlecht« (zuerst 1949 erschienen) proklamiert: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.« Nicht die Natur ist »schuld« daran, daß die Frauen so sind, wie sie leider jetzt sind, sondern die Kultur hat sie dazu gemacht.

Hinter dieser These stand die damals starke Position der existen­tialistischen Philosophie im Sinne von Jean-Paul Sartre. Was der Mensch ist, wählt er in freier Entscheidung; es gibt keine vorgege­bene, ewige, etwa von Gott gesetzte Ordnung. Letztlich schafft der Mensch sich selbst.

Seit Simone de Beauvoir wirkt diese atheistische Schöpfungs­ordnungsfeindlichkeit als munter sprudelnde Quelle in der Bewe­gung des Feminismus und ist mittlerweile jetzt, auf dem Höhe­punkt dieser feministischen Bewegung, zu einem breiten Strom der Schöpfungsfeindlichkeit angeschwollen.

Betty Friedan (»Der Weiblichkeitswahn«,1968) und Margarete Mead (»Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften«, 1971) werden nicht müde zu betonen, daß Frauen nicht von Natur und für alle Zeiten auf ihr Frausein festgeschrieben sind, sondern daß eine böse, androzentrische, eben männlichkeitsbezogene Unkultur Frauen zu dem gemacht hat, was sie heute sind.

Die »Natur«, meint die Protestantin Elisabeth Moltmann-­Wendel in Erinnerung an die Ergebnisse dieser sogenannten Forschungen im Geiste des Feminismus, »stellte sich vor allem seit den Forschungen Margarete Meads als etwas Neutrales, nicht Beeinflußbares und als eine sehr abhängige Erscheinung heraus. Die Frau ist demnach keine Schöpfung der Natur, sondern ein Zivilisationsprodukt«. Also – und das ist Sinn dieser herbeigesehnten Erkenntnisse – die Frau kann sich selbst, so wie sie ist, abschaffen.

Dieser Protest gegen vorgegebene Realität und für eine neue Realität wurde radikal formuliert durch Shulamith Firestone (»Frauenbefreiung und sexuelle Revolution«, 1975). Menstrua­tion, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt sind Geißeln der Frau. Alle technischen Möglichkeiten dieser Zeit und der nahen Zukunft müssen genutzt werden, um die Frau von diesen Geißeln zu befreien. Sexualität muß befreit werden von Ehe, Kind und Familie.

Frau Firestone träumt von der Möglichkeit, daß Kinder in einem Reagenzglas befruchtet werden und daß das Geschlecht durch technische Manipulation bestimmt wird: »Die Blutbande zwischen Mutter und Kind werden endlich zerrissen werden. Sollte tatsächlich eine männliche Eifersucht auf die Kreativität des Gebäraktes entstehen, so werden wir schon bald in der Lage sein, Leben unabhängig von einem Geschlecht zu erzeugen, so daß eine Schwangerschaft, die dann unverhohlen als plump, ineffizient und schmerzhaft bezeichnet werden kann, dann nur, wenn überhaupt, ironisierend als archaisch ertragen wird.«

Noch radikaler verlangt Ernest Borneman (»Das Patriarchat«, 1975) überhaupt die Abschaffung der Geschlechtlichkeit. Für ihn ist der Zerfall der mütterlich geleiteten, im Urkommunis­mus lebenden Urhorde durch die Herrschaft der Väter eben der Sündenfall der Menschheit. Für eine geschlechtslose Gesellschaft fordert er: »Die endgültige Befreiung der Frau kann nur in der Befreiung von der Geschlechtlichkeit liegen. Die klassenlose Gesellschaft der Zukunft kann nur eine geschlechtslose Gesell­schaft sein … Sie muß polymorph sein, oder sie führt das Prinzip der Herrschaft, das wir eben durch die soziologische Tür hinaus­befördert haben, durch die Hintertür der Sexualität wieder ein.«

Die Gesellschaft muß anders werden, dann muß zwangsläufig eben auch die Natur anders werden. Die Natur muß sich – wie Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und natürlich auch die Kirche – nach der Gesellschaft richten.

Angesichts dieser radikalen Revolution, die eben nicht nur Mensch und Gesellschaft, sondern auch die Natur selbst packen will, wirkt die Revolution des Marxismus-Leninismus als eine romantisch-idyllische Erinnerung an das 19. Jahrhundert.

Im Feminismus werden Übergänge zwischen Natur und Kultur »verflüssigt«, eben damit die Natur nach dem Bilde des Feminis­mus verändert wird: »Denn Biologie ist nicht Schicksal, sondern wird erst dazu gemacht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur. Sie sind die in jeder Generation nur erzwungene Identifikation mit Herrschaft und Unterwerfung. Nicht Penis und Uterus machen uns zu Männern und Frauen, sondern Macht und Ohnmacht«, meint die Feministin Alice Schwarzer.

Dieses Aufbegehren gegen herkömmliche Ordnung bleibt kei­neswegs nur feministische Theorie. Schon längst ist – wie gesagt, für die meisten Bürger verborgen – dieser Weg in die Praxis »multifrontal«, d. h. an vielen Fronten, in Medien und Schulen, beschritten. Der Bürger sieht am Ende nur das Ergebnis eines Prozesses, den er als solchen nicht erkennen konnte oder wollte.

Der Weg in die Praxis geht vor allem über die Pädagogik mit ihrer Armada von Pädagogen, mehr oder weniger ausgebildet im Sinne dieser im Buch aufgezeigten Theorien.

Einer der großen Theoretiker unter den Pädagogen, die die Phase der Kindheitssexualität »sozial durchformen wollen«, ist Helmut Kentler (vgl. »Die soziale Dimension der Sexualität« in »Sexualmedien«, 1975). Traditionelle, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen sollen dadurch relativiert werden, daß Jungen tun, was Mädchen tun, und Mädchen tun, was Jungen tun. Mit Puppen spielende, ihre Gefühlswelt wie Mädchen regulierende Knaben sollen zu einem zärtlichen Lebensstil finden; denn der Mann ist »unterentwickelt im Geben und Nehmen von Zärtlich­keit«, meint Kentler.

So sind wir auf dem Wege zu einer nicht nur klassenlosen, sondern auch geschlechtslosen Gesellschaft, zu einer sexuell polymorphen, panerotischen Urhorde, in deren wohlfühliger Geborgenheit alle alle lieben. Nur wenn wir diese Zielvorstellung des Feminismus, die übrigens auch von der kritischen Theorie Marcuses angestrebt wird, kennen, verstehen wir den Kampf für die Abtreibung (siehe hierzu Exkurs 3) und das Recht der Homo­sexuellen, der nun schon bald im Sinne der »Schwulen-Initiativen« siegreich durchgetragen ist.

Im letzten geht es in diesem Streit nicht um Hilfe für die Frau oder um den Platz »des Homosexuellen in der Gesellschaft« – wie viele leider immer noch verkennen. Ziel ist vielmehr, daß überhaupt Sexualität von Mutterschaft ein für allemal getrennt und daß – im Blick auf die Emanzipation der Homosexuellen – die polymorphe, nicht mehr heterosexuell orientierte Pansexualität zum Triumph geführt wird: »Frauenbefreiung und Schwulenbefreiung streiten beide für ein gemeinsames Ziel: eine Gesellschaft, die frei davon ist, Menschen aufgrund von Geschlecht und oder sexueller Über­vorteilung zu definieren und kategorisieren«, forderte Kate Miller schon 1970 in einem Aufsatz der Times .

Bevor auf die radikale Herausforderung des biblischen Ver­ständnisses von Mann und Frau Antwort gegeben wird, muß deutlich werden, wie sehr der Feminismus in die Theologie sowohl in die protestantische als auch in die katholische, ja in das Leben der Christenheit überhaupt, in Kirchen und Freikirchen und Gemeinschaften bereits eingebrochen ist.

Entpatriarchaisierung des Christentums
Den Einbruch der feministischen Revolution in die christliche Theologie mit dem Ziel der Entpatriarchaisierung des Christen­tums hat Mary Daly in ihrem mittlerweile schon klassisch gewor­denen Buch »Beyond God the Father« (1974) zum Programm erhoben. Sie gehört zu den vielen, sich auf Theologie einlassenden Feministinnen, die meinen, daß sich das patriarchalische Chri­stentum feministisch umfunktionieren lasse, während andere Feministinnen den biblischen Glauben – Judentum und Christen­tum in gleicher Weise – als hoffnungslos androzentrisch beurteilen und wie eine alte, nicht restaurationswürdige Ruine auf dem Müllplatz der Weltgeschichte liegenlassen wollen.

Mary Daly aber will diese »alte Ruine« renovieren und sanie­ren, zunächst die patriarchalischen Projektionen entlarven. Sie erwartet durch Geröll und Schutt des Patriarchismus hindurch, also eben jenseits Gottes, des Vaters, den mütterlichen Ursprung des biblischen, insbesondere des neutestamentlichen Glaubens zu finden. Schon bei der Interpretation des Gottesnamens Jahweh (»Ich bin das Sein«, oder »Ich werde sein, der ich bin«) meint sie, fündig geworden zu sein. Das Sein ist eben, so argumentiert sie, ein »Es«, besser noch ein werdendes Es, ein werdendes, ausströ­mendes, dynamisches Sein, die Fülle all dessen, was lebt und webt und ist. In freier, phantasievoller Interpretation vergleicht sie Gott mit einem Elektrizitätswerk. Er ist die Energiequelle allen Seins. Nicht die »Projektion« auf den Gottvater, sondern das unmittelbare, vitale, emotionale, unter die Haut gehende Erleben dieses dynamischen Seins ist Religion im letzten, entmythologi­sierten, »entprojizierten«, und das heißt im entpersonalisierten Verständnis der Bibel. Diese Feminisierung der Bibel – und es ist wichtig, diesen Kernprozeß gleich von Anfang an zu sehen – betreibt die Depersonalisierung Gottes. Aus dem Du wird ein Es, aus Gottvater ein sogenannter Gott, »der schwanger ist, in Geburtswehen liegt, ein Kind gebärt und stillt« (so P. Trible, »God an the rhetoric of Sexuality«, 1978).

Die Feministinnen aber, die sich der Theologie und der Bibel für ihre Ideologien bedienen wollen, müssen immer wieder trau­rig-seufzend erkennen: »Der patriarchalische Stempel, der der Bibel aufgedrückt worden ist, läßt sich nicht mehr entfernen« (Halkes). Man kann eben die Bibel nicht auf das Gegenteil von dem festschreiben, was sie wirklich sagt, trotz raffinierter Entmythologisierung und Interpretation. Deswegen wurde die kontextuale Theologie erfunden, die die Bibel zusam­men mit anderen Texten liest, um dann von diesen anderen Texten aus die Bibel einfach anders, eben kontextual, zu »ver­stehen«.

Die gegenwärtige Erfahrung der befreiten Frau wird als ein solcher Text verstanden, von dem aus die Bibel zu verstehen ist. Dann kann der Feminismus aus solchen »Texten«, die eigene Selbsterfahrung ausdrücken, die Bibel richtig, eben feministisch, verstehen. Deswegen ist für den Feminismus auch ganz und gar wichtig, die Offenbarung als weitergehende Offenbarung zu verstehen.

Die Offenbarung geht weiter! Wo geht sie weiter? Eben in der Revolution des Feminismus. Nur die durch den Feminismus befreite Frau kann überhaupt erkennen, was die Bibel meint. Das ist die verblüffend einfachste Form, um die biblische Offenbarung auszutricksen, die subjektive Erfahrung über oder gar gegen das Wort zu stellen, sich dann noch zynisch Theologe oder Theologin zu nennen, um im kirchlichen Apparat, mit Kirchensteuern subventioniert, Karriere zu machen.

Wie diese feministische Weise der Versubjektivierung der Bibel vorangeht, zeigt uns Theologieprofessor Kurt Lüthi. Er meint, daß Bilder, »die aus der männlichen Erfahrung, aus männlichen Rollen konstruiert sind, für Gottesaussagen untauglich und unzu­reichend sind«. Mit dem Sterben dieser männlich geprägten Bilderwelt sterben auch Vorstellungen wie Gott der Herr, Vater, König, Patriarch, Hirte. Konsequente Forderung Lüthis: »Hier sollen neue Gottesnamen und Gottesbilder entstehen, die dann umgekehrt ein reifes, bewußtes, mündiges, erotisch-reiches Existieren im Gegenüber von Mann und Frau unterstützen und anregen«.

In seinem Plädoyer für ein erotisches und in diesem Sinne auch emotionalisierendes Bild von Gott meint Lüthi, daß ein neues Menschenbild ganz konsequenterweise eben auch ein neues Got­tesbild verlangt. Gegenwärtiges Menschsein will keine Himmel-­Erde-Spannung, keinen Dualismus, will nicht das Gegenüber von Gott und Welt, will vielmehr das Göttliche in Symbolen der Ekstase, der Feste, des Eros erleben, in einer neuen erotischen Vereinigung mit Leib und Materie, »wodurch die Fülle und Intensität des Lebens erfahren wird«.

Verständlicherweise sind diese Symbole mehr der Frau als dem Männlichen zugeordnet, deswegen wird von Lüthi in Erinnerung an Mary Daly »das Stichwort der Selbsttranszendierung der Frau« als Grundlage einer Theologie des Weiblichen vorgeschlagen (a. a. O., S. 221).

Das Programm der feministischen Thеоlоgiе ist dann: »In einem Prinzip der Vereinigung wird der Tod Gottes als Tod des grossen Patriarchen und als Tod des phallozentrischen Wertsy­stems verstanden. Positiv soll eine neue Symbolik des Weiblichen gesucht werden, und es soll der Glaube an Gott und an die Erlösung zum Impuls weiblicher Befreiung und Selbstfindung werden«.

Der mann-weibliche, androgyne, Gott oder – was ganz schlicht dasselbe ist – die Rückkehr jener heidnischen Muttergottheiten, die ihre Fruchtbarkeitsgötter gaben und verschlangen, eben das alte und letztlich immer neue, nun allerdings nicht mehr vor-, sondern nachchristliche Heidentum, zieht mit fraulichem Schritt und Tritt ein in unsere Kathedralen und besetzt deren Katheder und Altäre.

Der weibliche Gott
Je radikaler der Feminismus sich darstellt, um so deutlicher wird das Ziel dieser von ihm in Gang gebrachten Kulturrevolution. In der Wirklichkeit des protestantischen Alltags leben wir allerdings nicht mit der Radikalität und Ursprünglichkeit dieser Bewegung. Die sich gemäßigt gebenden Vulgär- oder Sekundär-Feministin­nen, die schon etliche Kanzeln und Katheder der Großkirchen erklommen haben und die mild und listig zugleich den Ausgleich mit Bibel und kirchlicher Tradition suchen, sind gefährlicher als die radikale Ursprünglichkeit des Feminismus; denn eben diese Anknüpfung an Bibel und Kirche, in dem Versuch, sich in raffinierter Interpretation doch noch mit Bibelwucht durch die Institutionen der Kirche schlagen zu können, wird zum trojani­schen Pferd des radikalen Feminismus in der Stadt Gottes.

Aus diesem Grunde müssen die Künste des Klerikal-Feminis­mus, der eines Tages auf den Stühlen der Pröpste und Bischöfe thronen wird, um den Feminismus zur verpflichtenden Normal­theologie einer Welteinheitskirche zu deklarieren, als falsche Kunst entlarvt werden.

Können nicht doch weibliche Züge im Gott der Bibel entdeckt werden, vielleicht doch noch eine Muttergottheit hinter (wenn auch dann ganz hinten, hinter »dem Gott-Vater«) aufgespürt werden?

Kurt Lüthi hat entdeckt: »Nach Genesis 30, 22 und Jesaja 66, 9 ist es nun Jahweh, der den Mutterschoß öffnet. Jahweh steht auch hinter Wirkungen des Lebensbaumes, des Blutes und der Erde. Und mit dem Anspruch auf die Erstgeburt tritt Jahweh in eine im Matriarchat den Göttinnen zugeordnete Rolle ein« (a. a. O., S. 177). Und im Blick auf die Psalmen meint er zu erkennen, daß oft mit »dem Bilde gearbeitet« wird, in dem Jahweh als »schützende Vogelmutter« charakterisiert ist. »Anrufe an Jahweh lauten: >Im Schatten deiner Flügel wollest du mich bergen< (Ps.17, 8), >bei dir ist mein Leben geborgen, und in den Schatten deiner Flügel flüchte ich< (Ps. 57, 2), >denn du bist meine Hilfe geworden, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich< (Ps. 63, 8). Mit seinem Fittich bedeckt er mich, und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht< (Ps. 91, 4; 61, 5; 131, 2 usw.).«

Auch C. J. M. Halkes suchte und fand – wie sie meinte – weibliche Züge im Gott der Bibel. Daß die Feministinnen auf diesen so mühevollen Erkundungen nicht zuviel entdecken, ergibt sich schon daraus, daß der eine dasselbe Material des anderen – oft wie in einer Liturgie – weitergibt. Sie schreiben nicht voneinander ab, sondern sie haben alle gemeinsam nicht mehr gefunden.

So schreibt – analog zu Lüthi und vielen anderen – Catharina J. M. Halkes: »Obwohl die Mehrheit der Gottesbilder männlich ist, stoßen wir doch auf eine Anzahl weiblicher Bilder: Der Herr ist der Vater seines Volkes, aber seine Zärtlichkeit ist die einer Mutter für ihr Kind (Jes. 49,14-15). Wenn der Herr auszieht, um sein Volk zu erlösen, klingt sein Kriegsgeschrei wie das eines Kriegers, aber er wimmert auch wie eine Frau, die am Gebären ist (Jes. 42,13-14). Gott ist sowohl unser Fels und unsere Festung wie die Quelle lebendigen Wassers … In den Evangelien trifft uns aufs neue, wie Christus für sein Werk ohne Zögern auch weibliche und mütterliche Bilder braucht: das Gleichnis von der Frau, die ihr Haus auf der Suche nach dem verlorenen Groschen sauber fegt (Luk. 15, 8-10); das Bild von der Henne, die ihre Kücken unter ihre Flügel sammelt (Matth. 23, 37). Sogar der maskuline Paulus vergleicht sich in seinem ersten Brief an die Thessalonicher mit einer Mutter, die ihre Kinder pflegt (1. Thess. 2, 7) … Hosea und Jeremia sprechen über einen neuen Exodus (Jer. 31) aufgrund eines erneuerten und vertieften Liebesbandes zwischen Jahweh und der Tochter Zion.«

Auch in Jesaja werde sowohl Zion wie Gott mit einer Frau verglichen: »Zion sagt: >Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.< Und Gott wird in den Mund gelegt: >Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?< (Jes. 49, 14-15). In allen diesen Beispielen sehen wir, daß Bilder ineinander übergehen: Zion, die Witwe geworden ist, wird wieder Jungfrau, worauf sie zu einer neuen Ehe berufen wird. Zugleich sehen wir, daß Bilder auch ausgetauscht werden: Einerseits wird Jahweh mit dem Ehemann verglichen, andererseits wird ihm in der Beschreibung seiner Zärtlichkeit und Barmherzigkeit auch das Bild des Mutter­schoßes zugeschrieben (hebräisch >raham< bedeutet >Uterus, Gebärmutter<)« (»Gott hat nicht nur starke Söhne«.

Wie die Feindschaft gegen den Androzentriker Paulus ist allen Feministinnen die Freundschaft mit dem Heiligen Geist gemeinsam. Gerne erinnert man sich dann an die Sophia, die Weisheit, die den Vorteil hat, weiblichen Geschlech­tes zu sein, und die dann gern mit dem Heiligen Geist identifiziert wird. Ist die Frau erst mit einem Fuß in der Trinität drin, dann wird sich die weitere Feminisierung schon ergeben. Da der Geist wieder in besonderer Weise der Gemeinde zugeordnet ist, kann nun die Gemeinde zum mütterlichen Wohlfühlschoß der Gruppe werden mit neuer Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit, in stets vertauschenden Rollen durch gruppendynamische Prozesse, die das Bewußtsein verändern. In der Gruppe wird dann die feministi­sche Subkultur entfaltet.

Die Gruppe wird schlicht zur Repräsentation der Sophia selbst, sprich die Wohlfühlkirche, zur Quelle von Wahrheit und Offenba­rung, ja nur hier wird dann noch Wahrheit gelebt – außerhalb dieser Gruppe, dieses Heilig-Geist-Kollektivs, ist dann kein Heil.

Einheit ist wichtiger als Wahrheit- Verbrüderung und Verschwe­sterung ist wichtiger als Gott. Keine Spannungen, keine Auseinan­dersetzungen, kein Kampf, immer nachgeben, unbedingt den Kompromiß suchen und jede Spannung einnivellieren – wer sich auf diesen Weg in der Kirche einläßt, betreibt schon wissend oder unwissend die Revolution des Feminismus.

Für Geborgenheits- und Wohlfühlwerte werden Wahrheitswerte geopfert. Wenn immer wieder, Schritt für Schritt, statt Überwin­dung einer Spannung die kompromittierende Einnivellierung mit dem Ziel abgeschlaffter Spannungslosigkeit gesucht und gefunden wird, dann verneinen die Feministen Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wer predigt heute noch von dem Zorn und von der vergelten­den Gerechtigkeit Gottes? Wer verkündigt und lebt die Spannung von Gerechtigkeit und Vergebung, Zorn und Liebe, Gericht und Versöhnung? Das Wohlfühltuch allversöhnender Liehe wird ein­fach über alle Gegensätze dahingeworfen. Liebe wird wertlos, die Gnade wird billig.

Wertlose Liebe ist quasi-erotische Gefühlsduselei – mit der christlichen Agape, die durch das Kreuz hindurchgegangen ist, hat sie nichts gemeinsam. Billige Gnade, die ohne das Opfer des Kreuzes verschleudert wird, ist unversöhnlich, eben weil die Ver­söhnung am Kreuz verneint wird; und unversöhnlich ist sie zum Mitmenschen, denn sie gibt nicht Vergebung, sondern zwingt zur Anpassung.

Wo immer in gleichnishafter Weise mütterliche Züge auf die Aussage von Gott übertragen werden, da ist jeweils vorher vom Gericht, von der Gerechtigkeit, von Gottes Zorn die Rede gewesen. Die sogenannten weiblichen Relationen in der Aussage von Gott – und das gilt in gleicher Weise für das Alte wie für das Neue Testament – sind immer korrespondierend zum Heiligsein Gottes, es sind eben spannungsreiche Aussagen über Gott zwi­schen Gerechtigkeit und Gnade, Liebe und Zorn, Gerechtigkeit und Vergebung. Die feministische Theologie möchte diese Dia­lektik aufsprengen, um zu einer einnivellierenden, von ihr so bezeichneten Mütterlichkeit vorzustoßen.

Der vom Feminismus gemalte Gott, der Abgott als Urmutter ist das Ziel radikalen Feminismus schon lange. Inhalt gegenwärti­ger Predigtweise vieler Pastoren offenbart diese feministische Tendenz, die einen erdichteten Gott verkündigt, dessen »Liebe« an den Realitäten zerbricht, weil die Gütigkeitsidylle dieses Abgottes in der Spannung dieser Welt, die auch dann noch sein wird, wenn es keine Männer mehr gibt, eine gefährliche Illusion ist.

Jesus – ein androgynes Wesen?
Der androgyne Mensch, die Mannfrau, ist der Zielwunsch, die Erwartung der Zukunftserfüllung, das Paradies auf Erden für feministische Revolution. Ist denn nicht in Jesus dieser androgyne Mensch schon Wirklichkeit gewesen? War Jesus wirklich in dem Sinne ein Mann? Die noch in der Welt der Theologie weilenden Feministen behaupten die Androgynität des Jesus von Nazareth. Der Versuch einer feministischen Androgynisierung Jesu kann, auf das Ganze gesehen, in folgende Argumentationsbereiche eingeteilt werden.

  1. Jesus lebte und lehrte in einer für damalige Zeiten ungewöhnli­chen Zuwendung zur Frau. Er ist auch nicht nur mit seinen zwölf Jüngern, sondern mit »mindestens sechs Frauen durch Palästina gezogen« (Moltmann-Wendel). Die neutestamentliche Überlieferung allerdings muß – das geben die Feministen zu – »hinterfragt«, sogenannte »judenchristliche Redaktionen« müssen entlarvt werden. Anders gesagt: Man muß die Geschichtsquellen auseinandernehmen und dann nach feministischen Aspekten wieder neu zusammensetzen, denn an der »urchristlichen Frauentradition« sind später Abstriche gemacht worden, behaupten die Feministen. So ist zum Beispiel zum Ostererlebnis der Frauen eine »männliche Ersatzge­schichte« hinzugefügt worden.

Unnütz zu fragen, woher die Feministen das wissen. Sie wissen gar nichts, sondern analysieren und kombinieren speku­lativ mit geschichtlichen Quellen, so daß sich ein Historiker nur mit Grauen abwenden kann. Daß Frauen als erste das leere Grab sahen, macht sie nach E. Moltmann-Wendel gleich zu den ersten Aposteln. An die Stelle der herkömmlich männlichen setzt Jesus – Elisabeth Moltmann-Wendel folgt hier den Lehren von Hanna Wolf (»Jesus der Mann«) – die von Frauen verkör­perten Werte.

»… Hanna Wolf hat gezeigt«, meint E. Moltmann-Wendel, »daß Jesus eine neue Gotteserfahrung verkündigt hat. Er kann die Menschen zu neuen Partnern untereinander machen, weil er sie von Gott ganz neu und ganz anders erfahren läßt. Zum ersten Mal in der Religionsgeschichte wird ein Gott verkündigt, der nicht nach religiöser Leistung, Besitz und Aktion mißt . . . Glücklich, heil, selig sind für ihn die Empfänglichen, Armen, Hungernden, Leidenden. Damit stellt er alle Werte dieser männlich geprägten, auf Leistung, Besitz und Aktion gegrün­deten Welt auf den Kopf. An die Stelle setzt er die meist von Frauen verkörperten, empfangenden, duldenden, geöffneten Seinsweisen. . . Das Gottesbild Jesu fordert heraus durch die Betonung der weiblichen Seins- und Verhaltensweisen.«

  1. Jesus ist – das betont vor allem Hanna Wolf – ein androgyner Mensch. Daß Jesus als Mann dargestellt wurde – schon in der biblischen Überlieferung, dann in der Geschichte der Kirche -, hängt nach ihrer Meinung damit zusammen, daß Jesus – wie auch Gott selbst – eine Projektionswand gewesen ist, auf die eine patriarchaische Kultur ihre Männlichkeitswerte projiziert hat. In Wirklichkeit aber war Jesus – so mutmaßt kühn diese Feministin – androgyn in dem Sinne, daß er das Frauliche und das Männliche in sich wie in einer neuen Schöpfung ver­einigt.

Hat Jesus nicht selbst einmal gesagt – so wird argumentiert -, daß man im Himmel nicht heiratet, sondern sein würde wie die Engel, also androgyn existieren würde? Mann und Frau sind eben nach dem Urteil des Feminismus eine vorübergehende Aufspaltung des Menschseins, durch die der Frau nur Schaden zugefügt wurde und die nicht erst im Himmel (an den viele Feministen sowieso nicht glauben), sondern schon jetzt über­wunden, besser noch abgeschafft werden muß. Aus dem androgynen Christus wird nun der weibliche Messias.

Not tut eine »Entmaskulinisierung Jesu«. Kurt Lüthi stellt sich das so vor (er beruft sich dabei auf den indischen religiösen Denker Keshab Candra Sen): »Gegen den verarmten und soldatischen Christus des Westens« soll eine Christusvorstel­lung gestellt werden, die Männliches und Weibliches verbindet, und in verschiedenen religiösen Gruppierungen, Sekten und protestantischen Erlösungswerten sieht Lüthi schon lange die »Sehnsucht nach einem weiblichen Messias am Werk«. So meint der von Lüthi zitierte Ernst Eggimann in der Zeitschrift »Kontakt«: »Aber vielleicht wäre heute die Zeit reif, daß Gott eine Tochter schickt …«

  1. Ein anderer, ein androgyner Jesus bedeutet auch eine andere Art und Weise der Versöhnung und Erlösung, als sie »im androzentrischen Christentum« seit Jahrtausenden gedacht und gelebt wurde. Unbefangen wird in diesem Zusammenhang von Lüthi eine neue dionysische Theologie erwartet, denn die Inkarnationstheologie, daß der ewige Gottessohn Mensch wurde, bedeutet nun, daß nicht »Fremderlösung«, also Versöh­nung in der Begegnung mit Gott durch Christus, die eigentliche Erlösung sei, sondern man will eine Erlösung mit, aus oder in der Stimme des Leibes und der Sinne, die ganzheitliche, eben gefühlte, total verinnerlichte, aber doch innerlich aufgebaute, durch Meditation stimulierte, Visionen und Utopien gebärende Selbsterlösung.

Harvey Cox »Das Fest der Narren. Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe«,1971) hat mit seinem sehr weitreichen­den Einfluß auf zeitgenössische Jesus-Darstellungen in Filmen und Bühnenstücken diesen androgynen, »entmaskulinisierten« Jesus längst propagiert: der clownige, kindlich-naive, patheti­sierte, stimmungsvoll-emotionale, Wohlfühligkeit um sich ver­breitende, auch immer irgendwie wieder hilflose, weltfremde Jesusmensch! Der zärtliche Christusharlekin ist die Leitfigur der sogenannten modernen emotional­stimulierenden »Verkündigung«.

Hier knüpft die feministische Theologie erwartungsfroh an die moderne jugendliche Subkultur, an die Antivater-Kultur der jungen Leute an, die zweifellos Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch des Feminismus ist.

  1. Der Opfertod Christi als Versöhnung durch das Kreuz wird aus der Begegnung mit Christus eliminiert. Über das Abendmahl schreibt Lüthi: »Vom Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern wird man – wenn eine psychoanalytische Her­meneutik aus Interpretationsmethoden gewählt wird – sagen müssen, daß es sowohl orale wie ödipale Elemente enthält.«

Lüthi folgt hier der psychoanalytischen Interpretation bibli­scher Texte von Y. Spiegel. Die Vision ist diese: Orale Begeg­nung mit Gott – ein Leitwort feministischer Jesus-Interpreta­tion – soll (in Erinnerung an die unmittelbare Muttergeborgen­heit des Säuglings) den mütterlich bergenden Kontakt mit dem androgynen Gott bzw. androgynen Jesus fühlbar machen. So sind bei der Abendmahlsfeier Essen und Trinken und die Gemeinschaft untereinander orale Elemente, während Abend­mahl als Opfer einen überholten, ödipalen Aspekt darstellt.

Die ödipale Phase ist ja dem androzentrischen Menschen zugeordnet. Ist dieser aber »überwunden«, dann ist die unmit­telbare, orale Kommunikation mit Gott und Jesus gegeben. Das Abendmahl ist dann nicht mehr Erinnerung an das Opfer Christi, weil dieses in einer androgynen, d. h. ausgesöhnten Kultur keine Bedeutung mehr hat.

Abendmahl wird dann nur noch Wohlfühlkontakt in der bergenden Gruppe, Ausdruck der emotionalisierten Zärtlichkeit. Abendmahl wird zum Feierabendmahl. Das Gedenken – von Jesus geboten, vom Apostel Paulus wiederholt – an Opfer und Tod des Heilandes, der für uns starb, wird in modernen Beatmessen und Feierabendmahlen dionysisch umfunktioniert.

An die Stelle des Heiligen Geistes, der Christus im Abendmahl verge­genwärtigt, tritt die Emotionalität. Ja, man will die Identifizie­rung einer stimulierten Emotionalität mit dem Heiligen Geist.

Ich kann diesen Vorgang nicht anders verstehen als eben den Greuel der Verwüstung im Tempel Gottes, wie er in der endzeitlichen Ölbergrede Jesu vorausgesagt wurde. In den gegenwärtigen Exzessen von Beatmessen und Feierabendmah­len stirbt gleichsam die Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott, der uns gegenübersteht, durch den wir im Opfer der Versöhnung unseren Weg der Wiedergeburt gehen. In diesen neuheidni­schen Kulten wird wider den Heiligen Geist gesündigt.

Der Schöpfungshaß der Feministen
Der Feminismus sagt Nein zur Schöpfung Gottes: Der Haß gegen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde, ist der Haß gegen die Ordnung der Schöpfung, wie sie in der Bibel geboten ist. Der Feminismus ist Symptom modernen, sich gegen­wärtig immer mehr steigernden Schöpfungshasses.

In einer fast prophetischen Weise haben zu Anfang dieses Jahrhunderts unter anderem Aldous Huxley und George Orwell diesen Schöpfungshaß in ihren Visionen vorausgesehen. In Hux­leys Zukunftsvisionen von einer zukünftigen, total kollektivierten Gesellschaft – »Brave New World« (engl. 1932) – sind Ehe und Familie nur noch Feind, letztlich Stacheldraht gegen die Gesellschaft und sollen nach dem vom Kollektiv propagierten Leitspruch »Jedermann ist seines Nächsten Eigentum« abgeschafft werden.

Diese Vision von Aldous Huxley stellt das Verlangen der Zivilisation nach einer Wohlfühlzivilisation dar, deren Symbol eben die Muttergottheit ist. Die absolute Glückseligkeit in der Anonymität des Kollektivs – das ist es, was der Mensch heute im Grunde sucht und was er als Überwindung des >Dualismus<, eben des biblischen Glaubens, propagiert.

Nach dem letzten Weltkrieg schrieb auf einer einsamen Insel vor der Ostküste Schottlands ein ehemaliger Mitstreiter der >Internationalen Brigade< im spanischen Bürgerkrieg, der aber dann vom Kommunismus abtrünnig geworden war, Eric Blair, seine einfach niederschmetternde Zukunftsvision für das Ende dieses Jahrhunderts nieder. Dieser am Kommunismus irre gewor­dene Schriftsteller wurde weltbekannt unter dem Namen George Orwell, und sein schriftstellerischer Welterfolg heißt >1984< (1. deutsche Ausgabe 1948). In dieser Schau der Zukunft findet sich genauso wie bei Huxley das radikale Nein zur Schöpfung, vor allem zu Familie und Ehe. Eine allmächtige Partei, die >grausame Mutter< der Gesellschaft, wütet gegen Natur und Schöpfungsordnung.

Die Partei wendet sich gegen alles, was den Menschen an die Natur bindet. So richtet sie sich beispielsweise gegen die Sexuali­tät – nicht nur, weil die Sexualität sich eine Welt für sich zu schaffen verstand, sondern vor allen Dingen, weil die sexuelle Enthaltsamkeit zur Hysterie führte und damit ein erstrebenswer­tes Ziel erreicht wurde, denn diese Hysterie konnte in Kriegsbegeisterung und Führerverehrung umgewandelt werden. Sie wollen, daß man ständig zum Platzen mit Energie geladen ist. Dieses ganze Auf- und Abmarschieren, Hurrabrüllen und Fahnenschwenken ist weiter nichts als sauer gewordene Sinnlichkeit.

Wenn man innerlich glücklich ist, kann man weder über den großen Bruder noch den Dreijahresplan, die Zwei-Minuten­-Haßsendung und den ganzen übrigen Schwindel in Begeisterung geraten. Die seelischen Energien sollen also nicht durch natürli­che Triebe ausgelebt, sondern durch von der Partei gelenkte Ersatzformen abreagiert werden. Die Partei will das Sexualgefühl abtöten, es in den Schmutz ziehen. Es gibt die Jugendliga gegen Sexualität, die für die geschlechtliche Enthaltsamkeit eintritt und die künstliche Befruchtung (in der Neusprache heißt das Kunst­samen) fordert.

Ein wirkliches Liebeserlebnis war ein nahezu unvorstellbares Ereignis. Die Frauen dieser Partei waren sich alle gleich. Die Enthaltsamkeit war ihnen ebenso tief eingeimpft wie die Treue zur Partei … Der Akt der geschlechtlichen Verschmelzung, wenn er glückhaft vollzogen wurde, war ein Akt der Auflehnung. Die Begierde war ein Gedankenverbrechen.

Alle großen Gefühle wie Liebe, Freundschaft, Tragik usw. sind ausgerottet. Tragik, so muß der Außenseiter Smith erkennen, gehört einer vergangenen Zeit an, als es noch Eigenleben, Liebe und Freundschaft gab und die Mitglieder einer Familie, ohne nach dem Grund zu fragen, füreinander eintraten … Heutzutage gibt es Angst, Haß und Leid, also keine starken und wertvollen Gefühle, keine tiefen und echten Schmerzen.

Der utopische Mensch ist ein destruierter Mensch. Die Partei hat ihn abgebaut, damit seine Eigenständigkeit aufgehoben wer­den konnte und er für das Kollektiv reif wurde: Die alten Kulturen erhoben Anspruch darauf, auf Liebe oder Gerechtigkeit gegrün­det zu sein. Die unsrige ist auf Haß gegründet, für unsere Welt wird es keine anderen Gefühle geben als Haß, Wut, Frohlocken und Selbstbeschämung. Die Zertrümmerung der Grundordnungen, der systematische Abbau all dessen, was den herkömmlichen >alten< Menschen ausmacht, legt den utopischen Menschen frei.

Der Funktionär von >1984< sagt an: >In Zukunft wird es keine Gattinnen und keine Freunde mehr geben. Die Kinder werden ihren Müttern gleich nach der Geburt weggenommen werden, so wie man einer Henne die Eier wegnimmt. Der Geschlechtstrieb wird ausgerottet. Die Zeugung wird eine alljährlich vorgenom­mene Formalität wie die Erneuerung einer Lebensmittelkarte werden. Wir werden das Wollustmoment abschaffen; unsere Neurologen arbeiten gegenwärtig daran. Es wird keine Treue mehr geben, außer der Treue gegenüber der Partei. Es wird keine Liebe mehr geben, außer der Liebe zum Großen Bruder. Es wird kein Lachen mehr geben, außer dem Lachen des Frohlockens über einen beseitigten Feind. Es wird keine Kunst geben, keine Literatur, keine Wissenschaft. Wenn wir allmächtig sind, werden wir die Wissenschaft nicht mehr brauchen. Es wird keinen Unter­schied geben zwischen Schönheit und Häßlichkeit. Es wird keine Neugierde, keine Lebenslust geben … Wenn Sie sich, so fährt der Parteifunktionär von 1984 in seiner Rede fort, >ein Bild von der Zukunft machen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der einen Menschen tritt, immer und immer wieder. Die Zerstörung der Grundordnung ist die Voraussetzung dafür, daß die Macht der Partei, die ja in der Ausschaltung des Individuellen besteht, erhalten bleibt. Macht heißt, einen menschlichen Geist in Stücke zu reißen und ihn nach eigenem Gutdünken wieder in neuer Form zusammenzusetzen. Der Mensch soll seines eigentli­ches Ichs beraubt werden, er soll nichts weiter als eine Schöpfung der Partei sein. Es gibt keine über alle Umwand­lungsversuche erhabene menschliche Natur. Wir machen die Natur.<

Der moderne Feminismus könnte zumindest dem letzten Satz dieses Terrorkommissars in George Orwells »1984« vollauf zustimmen! Es gibt nicht die Natur – die Natur wird gemacht; es gibt nicht die Frau, sondern die Frau wurde gemacht – sagen alle Feministen.

Wer als Christ diese Zukunftsahnungen liest, weiß sich erinnert an viele Aussagen der Bibel über das Ende dieser Welt. In diesem Zusammenhang sei vor allem an 1. Timotheus 4, 1-5 erinnert:

»Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und auf irreführende Geister und auf Lehren von Dämonen achten werden. Eine Folge der Heuche­lei von Lügenrednern, die in ihrem Gewissen gebrandmarkt sind, die verbieten zu heiraten und gebieten, sich von Speisen zu enthalten, die doch Gott für die, welche gläubig sind und die Wahrheit erkannt haben, geschaffen hat, damit sie mit Danksa­gung genossen werden. Denn alles von Gott Geschaffene ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird, denn es wird durch Gottes Wort und Gebet geheiligt.«

Hier steht der Apostel Paulus schon im Kampf mit einer »Gnosis« genannten religiösen Bewegung, die Gott und Schöp­fung trennen und dem eine dem Menschen verfremdete Natur als das Nichtige entgegen stellen wollte. Dieser gnostische Schöp­fungshaß bricht heute im nachchristlichen Heidentum wieder auf, wobei unsere Gegenwart hin- und herschwankt zwischen Natura­lismus als Verklärung und Vergöttlichung der Natur einerseits und totaler Manipulation der Natur andererseits.

Einerseits wollen Zivilisationsflüchtlinge in kleinen Hütten von den Früchten der Felder leben und, in Fellen gekleidet, am Busen der Natur hängend, die Technik abschaffen und Straßen in Gärten, Industriegelände in traute Gartenlauben verwandeln, und andererseits wird Muttersein verflucht, sollen Babys in Rea­genzgläsern aufwachsen und das sexuelle Glück der Frau im Lesbismus gefunden werden.

In jedem Fall wird Nein gesagt gegen das Zueinander von Natur und Gottes Ordnung, also Nein gegen Gott und seine Ordnung der Schöpfung. Die Bibel versteht Natur als Schöpfung Gottes, die aber eine durch Feindschaft gegen Gott gefallene Schöpfung ist; Natur als Idylle oder Paradies auf Erden kennt die Bibel nicht.

Unter dem Worte Gottes gibt es weder Naturschwärmerei noch Weltverachtung. Die Natur ist weder Quelle des Glücks noch Ursache allen Verderbens. Die Natur ist aber vor allem nicht der unbegrenzte, nach dem Willen des Menschen knetbare Teig«! Dieser kann mit der Natur und auch mit sich selbst und natürlich auch mit seinem Nächsten, also mit dem Mitmenschen, nicht machen, was er will.

So wahr es Naturgesetze gibt, so wahr gibt es Ordnungen, absolute und zu jeder Zeit und an jedem Ort dieser Welt gültige Gesetze Gottes, die allein ein menschenwürdiges und wenn auch nicht ein idyllisch-glückliches, so doch sinnerfülltes Leben bieten.

Unmittelbar zum Thema Feminismus bedeutet das: Sexualität erschöpft sich nicht in der »Legitimation durch die Fortpflanzung« – Sexualität hat ihren Sinn auch in sich durch die ganzheitliche Hingabe von Mann und Frau. Aber sie erfüllt sich erst dann, wenn die Ehe zur Familie wird, wenn Sexualität und Muttersein als eine wirkliche Ganzheit nicht verneint, sondern bejaht werden. Mann und Frau haben die biblische Bestimmung zum Vater- und Muttersein. Das ist die biblische Ganzheitlichkeit, die eben wirklich etwas ganz anderes aussagt als die »wholeness« der Feministinnen.

»Die Frau sei dem Manne untertan«
Die für den theologischen Feminismus wohl herausforderndste Aussage im Neuen Testament steht im ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus (Kap. 2, Vers 11-15):

»Eine Frau lerne still in aller Unterordnung; zu lehren aber gestatte ich einer Frau nicht, auch nicht, sich über den Mann zu erheben, sondern ich gebiete ihr, sich still zu verhalten. Denn Adam wurde zuerst geschaffen, darnach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, das Weib vielmehr wurde verführt und ist in Übertretung geraten. Sie wird aber gerettet werden durch das Kindergebären, wenn sie in Glauben und Liebe und Heiligung mit Sittsamkeit verbleibet.«

In diesen wenigen Sätzen steht fast alles, wogegen der Feminis­mus Sturm läuft. Aber es steht nun einmal da – gar nicht vereinzelt, auch nicht begrenzt auf die Schriften des vom Feminis­mus so gehaßten Apostels Paulus.

Daß Adam, der Mann, »zuerst erschaffen wurde«, bedeutet nicht nur hier bei Paulus, sondern im biblischen Verständnis überhaupt eine Vorordnung des Mannes. Das »zuerst« ist nicht nur eine zeitliche, sondern eine wesenhafte Vorordnung. In 1. Mose 1, 27 lesen wir, daß Gott den Menschen »als Mann und als Weib« nach seinem Bilde schuf, und beide sollen die Erde beherrschen. Der Mensch ist als Mann und als Weib und damit in der Zuordnung von Mann und Weib.

Diese ursprüngliche Zuordnung der Frau zum Mann als eine »Hilfe« (1. Mose 2,18) war unbedingt schon vor dem Fall gegeben – aber es war vor dem Sündenfall eine repressionsfreie Vorord­nung des Mannes über die Frau. Diese repressionsfreie Vorord­nung ist für den gefallenen Menschen nicht vorstellbar – wie ursprüngliche, ungefallene Schöpfung überhaupt nicht vorstellbar ist.

Daß die Frau die »Hilfe« des Mannes ist, wird durch Paulus (1. Kor. 11, 9) so erklärt und bestärkt: »Denn der Mann wurde nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen.«

In diesem Zusammenhang fordert der Apostel, daß »die Frau eine Macht haben soll um der Engel willen«. In der katholisch­-evangelischen »Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift« (Neues Testament 1979) wird das griechische Exousia, das Macht und Vollmacht heißt, so verstanden, daß die Frau durch Paulus die Vollmacht erhalten habe, prophetisch zu reden, um sich charisma­tisch (also etwa durch Reden in Zungen) vor der Gemeinde zu akzentuieren.

Das aber ist feministisches Wunschdenken mit feministischer Fehlinterpretation dieser Aussage des Apostels. Die »Macht auf dem Haupte« ist Zeichen dafür, daß im gottesdienstlichen Leben sichtbar werden soll, daß die Frau dem Mann zugeordnet und ihm untertan ist, »denn der Mann braucht sein Antlitz nicht zu verhüllen, da er Abbild und Abglanz Gottes ist. Die Frau ist aber der Abglanz des Mannes« (1. Kor. 11, 7).

Die Engel, von denen hier die Rede ist, sind Zeugen gewesen von der Erschaffung des Menschen. Sie leben das Leben der Gemeinde mit (1. Kor. 4, 9; Eph. 3,10; 1. Tim. 5, 21; Hebr. 1, 14). Nicht nur um des Mannes willen, sondern um der Ordnung des Kosmos und der himmli­schen Mächte willen, soll die Frau sich zu der Autorität bekennen, der sie von Gott unterworfen ist.

Im Zueinander von Mann und Frau als Befreiung von der Einsamkeit (1. Mose 2,18: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei«) liegt der Sinn der Erschaffung des Menschen eben als Mann und Frau. Diese Befreiung aus der Einsamkeit findet ihre Erfül­lung in jeder geschlechtlichen Begegnung, in der Mann und Frau ein Leib sind (1. Mose 2, 24).

Dieses »Ein-Leib-Sein« meint eindeutig jene Weise geschlechtli­cher Begegnung, die gerade von den Feministinnen verurteilt wird, nämlich das vaginale Zueinander von Mann und Frau. Dieser Modus sexueller Kommunikation ist – bei aller Variationsbreite sexueller Begegnung in phantasievoller Gestaltung der Lust – Ziel und Erfüllung geschlechtlicher Begegnung, eben konkret das »Ein-Leib-Sein«.

Durch den Sündenfall ist das Zueinander von Mann und Frau ein repressives Zueinander geworden. Die Geschichte ist voll grauenhafter Beispiele für die Erniedrigung der Frau und für den Kampf zwischen Mann und Frau.

Aber ist durch die Erlösung in Christus nicht alles radikal neu und anders geworden? Die wohl am häufigsten im Feminismus zitierte Bibelstelle ist Galater 3, 26-28. Dort heißt es: »Denn ihr seid alle Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen; da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.«

Ausgerechnet bei dem von den Feministen so verachteten Apostel Paulus holt sich eben dieser Feminismus seine Belegstelle dafür, daß die Vorordnung des Mannes vor der Frau durch Christus aufgehoben sei, obgleich dann wieder im 1. Korinther­brief – wie wir gerade gesehen haben – das Gegenteil ausgespro­chen wird.

Sinn dieser Aussage im Galaterbrief und in allen anderen paulinischen Briefen ist doch nicht, daß es »in Christus» nun keine Männer und Frauen gäbe! Die Erlösung in Christus bedeutet doch nicht die Zerstörung, sondern die Erlösung der Schöpfung! Die Erlösung gilt für alle, die Gott erwählt hat, gleichgültig, ob Jude, Grieche, Sklave, Mann oder Frau! Alle haben Teil an Gottes erwählendem Heilshandeln! Alle leben durch Gott und in der Verantwortung vor Gott, der kein Ansehen der Person hinnimmt: »Doch im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Manne, so auch der Mann durch die Frau, alle aber von Gott« (1. Kor. 11, 11-12).

Die Erlösung in Christus verwandelt das durch den Fall repressiv gewordene Zueinander von Mann und Frau. Die schöpfungsgege­bene Herrschaftsstruktur wird nicht abgeschafft, sondern erlöst! Aus der Sündenordnung wird das Zueinander von Маnn und Frau in die Heilsordnung gebracht, in die befreite Schöpfungsordnung:

»Ich will aber, daß ihr wißt, daß das Haupt des Mannes Christus ist, das Haupt der Frau aber der Mann, das Haupt Christi aber Gott«, sagt derselbe Apostel Paulus (1. Kor. 11, 3).

Der Mann soll seine Frau so lieben, wie Christus seine Gemeinde geliebt hat.

Klassisch sind die Aussagen im 5. Kapitel des Epheserbriefes: »Ihr Frauen, seid untertan euren Männern wie dem Herrn! Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, der es als Erlöser seines Leibes ist. Wie nun aber die Kirche Christus untertan ist, so sollen auch die Frauen ihren Männern in allem sein. Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben hat… So haben die Männer die Pflicht, ihre Frauen zu lieben als ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und hegt es, wie auch Christus die Kirche; denn wir sind Glieder seines Leibes …« (Verse 22-25. 28-29).

Das biblische Zeugnis von der christifizierten Vorordnung ist so eindeutig, daß der Feminismus mit seinem Programm der Egali­sierung oder gar Matriarchaisierung am klaren Text der Bibel zerbricht und ihr dringend zu raten ist, sich vollends zu emanzi­pieren, also doch nun endlich darauf zu verzichten, sich irgendwie durch raffinierte Interpretation doch noch mit der Bibel zu arrangieren.

Wenn aber – wie listige Modernisten argumentieren – alle diese Aussagen der Bibel über die Frau zeitgebunden sein sollen, obgleich sie in entscheidende Heilsaussagen eingebettet sind, dann kann nach Belieben und Willkür in der Schrift relativiert und in letzter Konsequenz alles als bloß »zeitgebunden« vom Tisch der Gegenwart weggefegt werden.

Die Bibel, das Wort Gottes, kann so wenig – als Ganzes – verneint werden wie die Schöpfung. Die Parallelen dieser Vernei­nungen sind offenkundig: Die Bibel in ihren Aussagen wird pervertiert, sie wird zerstückelt und zerschnitten, um dann nach eigenem Geschmack gebraucht zu werden. Die Schöpfung wird ebenso pervertiert, weil im radikalen Feminismus die Frau eben nicht mehr Frau, vor allem nicht mehr Mutter sein will und sein soll.

Die Schöpfungsordnung Gottes ist eben eine Wirklichkeit, denn Mann und Frau sind als Geschöpfe, also von Natur aus, verschieden! »Die Natur lehrt selbst«, sagt Paulus (1. Kor. 11, 14). Um es einfach zu sagen: Ein Mann kann eben keine Kinder gebären.

Gleichberechtigung steht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Schöpfungsordnung Gottes. Das geschlechtliche Zueinander von Mann und Frau ist und bleibt strukturiert durch das den Feministen verhaßte Zeugen des Mannes und die Hingabe der Frau.

Das Abenteuer der Feministen ist das Abenteuer der Schöp­fungs- und Lustfeindlichkeit – das Abenteuer der Selbst- und Menschenfeindlichkeit. Der Feminismus ist inhuman.

Der Untergang des Mannes
Eine der Ursachen (wenn nicht vielleicht die Ursache überhaupt) für die Revolution der Frau ist die Krise oder – noch schärfer ausgedrückt – der Untergang des Mannes. Wir leben im Zeitalter der »Entmannung des Mannes«, in einer »kastrativen« Epoche, gekennzeichnet durch den härtesten Klassenkampf, den es je gegeben hat und der zerstörend und aufsprengend durch die Familie schleicht: Ich meine den Klassenkampf der Frau gegen den Mann.

Schon 1954 konnte Abram Kardiner (»Sex and Morality«,1954) im Blick auf die amerikanische Gesellschaft feststellen, daß in den Massenmedien die Frau mehr und mehr als ein Wesen erscheint, »das den unbeholfenen Ehemann nach Belieben herumscheucht« (vgl. Hoffmann R. Hays, »Mythos Frau. Das gefährliche Geschlecht«, 1978): »Gehorsam und unterwürfig sorgt er für den Familienunterhalt, während in Wirklichkeit seine Frau alle Macht in Händen hält. Ist ihr Kind-Mann durch eigene Schuld in Schwierigkeiten geraten, so muß sie ihm heraushelfen, und er zahlt für ihren Beistand mit dem Verlust seiner Würde.«

Die damalige einflußreiche amerikanische Wochenzeitschrift »Look« veröffentlichte schon 1958 eine Dokumentation mit dem alles sagenden Titel »The Decline of the American Male« (Der Untergang des amerikanischen Mannes). Dieses Schlagwort deckte nun plötzlich die Tatsache auf, daß die US-Gesellschaft direkt auf dem Wege in ein Matriarchat war – und das alles vor 25-30 Jahren! (Mittlerweile vor über 50 Jahren. Anm. H.K.)

Abram Kardiner versteht in diesem Zusammenhang die Homosexualität als ein – so wie H. R. Hays es interpretiert – »Ausweichen des Mannes vor zu hoch gespannten Forderungen an seine Männlichkeit … Betrachtet man also die moderne Flucht vor der Frau als ein Ausweichen vor den Forderungen, die an die Männlichkeit gestellt sind, so scheint es – auch im Blick auf die Haltungen vergangener Zeiten -, als habe der Mann als Mann von Anbeginn mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt« (Hays, a. a. O., S. 363).

Diese Diagnose von der immerwährenden Krankheit der Männlichkeit des Mannes ist insofern richtig, als Mannsein eine immer angefochtene und zu erkämpfende Schöpfungsordnung war, ist und sein wird. Schöpfungsordnungen können ihre Ord­nungswirklichkeit verlieren, sie können preisgegeben und verraten werden. Feindschaft gegen Gott ist eben Feindschaft (und auch weitgehend Zerstörung) gegen die Schöpfungsordnungen. Feind­schaft gegen Gott ist in der legten Konsequenz für den Mann Feindschaft gegen seine Männlichkeit.

»Und lehrt euch die Natur nicht selbst, daß, wenn ein Mann lange Haare trägt, es eine Schmach für ihn ist?« (1. Kor. 11, 14). Die äußerlich sichtbare Feminisierung des Mannes – in der damaligen homoerotischen Zivilisation Griechenlands offenkun­dig-, eben die »Verweichlichung«, wird vom Apostel Paulus (und wahrlich nicht nur von ihm) verurteilt: »Irret euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, nicht Ehebrecher noch Lustkna­ben noch Knabenschänder … werden das Reich Gottes erben« (1. Kor. 6, 9).

Gott ist ein Vatergott (wir werden im nächsten Absatz die Gewichtigkeit dieser Aussage noch bedenken)! Zu Gott hin, als Repräsentation Gottes, begründet sich erst die Männlichkeit des Mannes. Im Gottesverlust des Unglaubens verliert er seine Männ­lichkeit.

Der Glaubenszerfall des »modernen Menschen« in der westli­chen Zivilisation mußte zwangsläufig zur Entmannung des Man­nes führen! Der Mann ist nicht mehr Wille, weil er den Willen Gottes nicht mehr aufnimmt! Der nicht mehr von Gott gerufene, der Gott fliehende Mann ist der sinnlose, der an seinem Mannsein zerbrechende, in der Krise kaputtgehende und sich in seinem Selbst auflösende Mann.

Die Frau lebt aus der Hingabe zum Mann. Wenn aber der Mann nicht mehr Mann ist, verliert die Frau – ganz einfach und allen Feministen zum tödlichen Ärgernis gesagt – ihre Zuordnung zum Mann. Wo soll ergänzende Begegnung zwischen Mann und Frau sein, wenn der Mann nicht mehr Mann ist? Wie soll die Frau »vor dem Маnn Ehrfurcht haben?« (Eph. 5, 33)

Wie soll sich die Frau dem Mann »hingeben« und darin, letztlich wirklich nur darin, die Erfüllung ihres erotischen Verlangens erfahren, wenn der Mann »mutterschutzsuchenderweise« in der Frau eben nur noch die Mutter sucht? Eine Frau kann und soll einen Mann nicht »ehrfürchten«, sie kann dem Mann nicht untertan sein »wie dem Herrn«, wenn eben der Mann durch Unglaube das Mandat, die Vollmacht, die Bevollmächtigung Gottes verloren hat!

Von daher gesehen, ist der Feminismus Strafgericht über die heilsverlorene Gottesflucht des Mannes in unserer Zeit. Männer­herrschaft ohne Gottesfurcht ist Maskulinismus, der das Strafge­richt des Feminismus erleiden muß, oder, anders ausgedrückt, die Quantität des maskulinen Atheismus schlägt um in die Qualität eines atheistischen Feminismus.

Gerade in diesem »dialektischen Sprung« leben wir heute! Hier liegt auch die qualvolle Herausforderung der Frau! Sie hat weder dem maskulinen noch dem »weichlichen« Mann untertan zu sein! Ihre Ehrfurcht gegenüber dem Mann ist – wie es der Epheserbrief ausdrückt – »im Herrn«! Nur im Herrn gilt das Zueinander von Mann und Frau – alles andere wäre Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, wäre Versklavung des Mannes oder der Frau. Genau das will die biblische Schöpfungsordnung nicht.

Gott, der allmächtige Vater

Der Feminismus meint mit seinem Leitwort »Wholeness« das nicht mehr differenzierte, aus der Spannung befreite »Ganze«. Das bergende und schützende, umhüllende Eintauchen in den Schutz der großen Mutter steht gegen das Gegenüber von Gott und Mensch, gegen die Spannung von Fleisch und Geist, Himmel und Erde, Tod und Leben – gegen all die Wirklichkeiten, die mit der Relation Männlichkeit in den Aussagen der Bibel repräsentiert sind.

Der Gott im Alten Testament ist Trennung und Spannung zur Welt und zum Menschen. Er ist dieses dynamisch-dramatische Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf, Himmel und Erde. Gott der Herr (die Septuaginta wird immer den Namen Gottes »Jah­weh« mit Kyrios, also »Herr« übersetzen) ist eben – wie Karl Barth es in seiner großen theologischen Jugendzeit wieder ent­deckte – der »ganz Andere«, der heilige, der unsichtbare, auch durch Gefühl und Begriffe nicht faßbare Gott.

Vor allem ist er das heilige Gegenüber zu jener Welt und zu jenem Menschsein, das der Sünde verfallen ist. »Die Ägypter sind Mensch und nicht Gott, ihre Pferde sind Fleisch und nicht Geist«, ruft Jesaja (31, 3). Gott ist der Herr, aber Gott ist nicht ein Mann.

Dem Gott des Alten Testamentes fehlt jeder geschlechtlich bestimmte Zug. Das unterscheidet ihn sofort und grundlegend wesenhaft von allen Göttern des Alten Testamentes. Denn sie sind ausnahmslos geschlechtlich bestimmt: »Dem Gott steht keine Göttin zur Seite … Aber der Gott des Alten Testamentes ist einer. Er ist Person, ist Mann, wird für einen Mann gehalten (Gen. 18) und handelt wie ein Mann. Aber diesem Mann steht keine Frau zur Seite. Gott hat keine Göttin neben sich«, schreibt der Züricher Alttestamentler L. Köhler (Theologie des Alten Test­aments,1947).

Gott – wir werden nicht müde, es zu wiederholen – ist nicht ein Mann, sondern – im Alten Testament vornehmlich – Gott offenbart sich in männlichen Relationen. Weil Gott sich in diesen Relationen offenbart, kann es überhaupt nur die Verwirklichung des Mannes als Geschöpf Gottes geben. Gott ist nicht Person, weil der Mensch Person ist, sondern der Mensch ist Person, weil Gott personiert, – ­also im Anruf, also durch sein Wort – sich offenbart. Gott ist nicht zum Manne gemacht, weil es Männer gibt, sondern es gibt männliche Menschen, weil Gott sich in Relationen offenbart, die wir männlich nennen.

Dieser offenbarte Gott ist eben nicht verschlungen in die Geschicke und Schicksale des Kosmos – er ist frei, und in seiner Zuwendung zur Welt ist er Wille. Diese Offenbarung vom leben­digen Gott »verwehrt den Irrtum, als sei Gott eine ruhende, unbeteiligte abstrakte Idee oder ein starres, den Menschen wie eine stumme, aber festhaltende Mauer entgegengestelltes Prin­zip«, sagt L. Köhler. Gott ist im Kampf gegen die Sünde – er ist der Kriegsgott -, gegen eine gottfeindliche Welt. Er ist der Herr der himmlischen Heerscharen (2. Mose 17, 15; 4. Mose 14, 42 ff.; 5. Mose 33, 29; Jos. 6,16;1. Sam. 28,18; vor allem eben 2. Mose 15, 3 und Ps. 24, 8). Dieser Gott ist ein Gott, der sich in Donner, Blitz, Rauch und Feuer offenbart.

Diese Art und Weise der Offenbarung Gottes zeigt gerade das Gegenteil des »seid umschlungen, Millionen« der Wohlfühlgesell­schaft. Er ist der Gegensatz zur Idylle der »Mutter Natur«. Materie kommt von Mater, und Mater heißt Mutter: Der moderne Materialismus, in welcher Gestalt er auch immer auftreten mag, mehr ideologisch fixiert oder als Konsumgenossentum, will die »Mutter Erde« als letzten Inhalt gegen Gottvater denken und ausleben.

Dieser moderne Materialismus ist aber im Grunde ein alter Materialismus; denn die Fruchtbarkeitskulte der Muttergotthei­ten der Heiden zur Zeit des alttestamentlichen Gottesvolkes wollten nichts anderes als dieses fleischliche Eintauchen, diese emotionale Dynamis, dieses Verschlungenwerden von Mutter Erde.

Hiergegen steht Gott als Wille, Kampf und Freiheit – eben als der Herr nicht von dieser Welt, sondern über dieser Welt. Jahweh – dieser Gottesname meint nicht die Identität Gottes mit dem Sein, sondern dieser Name meint, daß Gott der Herr ist über das Sein. Alles, was ist, ist geschaffen und abhängig; allein Gott ist ungeschaffen und unabhängig.

Den Zugang zu ihm haben wir nicht dadurch, daß wir uns stimulieren, uns zu ihm emporjubeln, sondern dadurch, daß wir ihn anreden, weil er ja auch uns angeredet hat. Den Zugang haben wir im Gebet. Und Gott antwortet mit Taten, mit Zeichen in unserem Leben.

»Über 6700mal findet sich im Alten Testament der Gottesname Jahweh. Das Judentum spricht durch Ehrfurcht vor diesem Namen statt seiner Adonai, d. h. meinem Herrn, im Sinne von meiner Herrschaft« (Köhler). 6700 mal hat die Septuaginta diesen hebräischen Namen mit Kyrios, d. h. Herr, übersetzt. »Daß Gott der gebietende Herr ist, das ist der eine und grundlegende Satz des Alten Testamentes« (Köhler).

Wenn Gott Wille ist – dann ist das Gottesvolk Gehorsam; wenn Gott der Herr ist – dann ist das Gottesvolk sein Diener, sein »Gottesknecht«. Aber wenn Gott Wille ist, dann ist der Glau­bende auch Wille; und wenn Gott der Herr in seiner Freiheit ist, dann ist der Glaubende auch frei, denn er trägt den »Abglanz Gottes«.

Durch Jesus ist eine neue Anrede Gottes in die Geschichte des Gottesvolkes eingebracht worden. Auch im Alten Testament gibt es die Anrede Gottes mit Vater (vgl. 5. Mose 32, 6; Hiob 38, 28; Ps. 68, 6; Jes. 63,16; Jer. 3, 4). Aber die Anrede Gottes als Vater steht nicht so im Mittelpunkt des Alten Testamentes wie die Anrede »Herr«. Die entscheidenden Anreden Jesu sind Anreden Gottes mit Vater. In dieser Anrede steht die Aussage: Gott als der Herr ist die Liebe! »Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben!« (Joh. 3, 35).

Die Anrede Gottes mit Vater ist möglich durch das versöh­nende Handeln des Sohnes, der gehorsam war bis zum Tode am Krеuz (Phil. 2, 8).

Der Feminismus mißachtet Versöhnung am Kreuz als »ödipal«, also androzentrisch und damit irrelevant für eine androgyne Gesellschaft. In der Wirklichkeit des Neuen Testamentes aber ist Versöhnung, der willenhafte Gehorsam bis zum Tode am Kreuz, die einzige, entscheidende und heilbringende Realisierung der Liebe Gottes. Nur durch diese Versöhnung sind wir in der Liebe, in der wir Gott als Vater bekennen und an ihn glauben. Ohne diese Versöhnung, durch die auch unser Leiden, das Leiden der Welt, sinnvoll wird, wäre es Hohn, von der Liebe Gottes zu reden – es sei denn, daß man sich durch Drogen wegträumt aus den harten Wirklichkeiten dieser Welt.

Gott offenbart sich als Herr und als Vater. Daran ändern auch Hinweise auf hier und da gemachte und gefundene Relationen der Mütterlichkeit Gottes gar nichts. Relationen der Mütterlichkeit (der mütterlichen Liebe) stehen immer in einer Zuordnung zum Herrsein, zum Vatersein Gottes. Gott ist ja kein Mann und kein Vater, wie ein Mensch Vater oder Mann ist. Gott ist anders, und darum ist seine Liebe anders als unsere Liebe. Diese Offenbarung Gottes als Herr und Vater ist unteilbar; sie gilt so lange, bis wir ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, bis zu der Stunde, da wir nicht mehr glauben, sondern schauen (1. Kor. 13).

Beinhaltet dies nun eine »Diskriminierung« der Frau? Ist also­ wie die Feministinnen behaupten – die Bibel eine Projektions­wand für Patrismus und Androzentrismus?

Dazu sagen wir, geleitet durch das biblische Wort: Mann und Frau leben in gleicher Weise durch den und in dem einen Vater. Gott als Vater und Herr bedeutet für Mann und Frau, daß sie in der Begegnung mit diesem Gott aus der Hingabe leben und die Empfangenden sind; beide leben nicht aus sich selbst, sondern in, durch und zu Gott. Der Mensch als Mann und als Frau ist gegenüber Gott nur Hingabe.

In diesem Zusammenhang erinnern wir an die vielen Aussagen des Apostels, daß Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Gott hat keine Helden zum Gegenüber, sondern Menschen, die er aus dem Nichts herausruft, damit sie überhaupt sind.

Der Mann lebt diese Hingabe dann in der Hereinholung der Willenhaftigkeit Gottes! Er empfängt (!) das Mandat des Herr­seins. Die Frau hingegen hält die Wahrheit der Hingabe wach, auch in der hingebenden Zuordnung an den Mann!

Zwischen Mann und Frau ist – natürlich und heilsgeschichtlich – kein Wesens-, sondern ein Relationsunterschied. Der Маnn zeugt Leben, die Frau empfängt es – der Маnn repräsentiert die Kreativi­tät Gottes, die Frau repräsentiert das Empfangen dieser Kreativität. Sie tun und leben dieses beide als Geschöpfe Gottes, beide als Kinder Gottes, beide als Erlöste; beide aber auch als solche, die auch in der Erlösung einander Ergänzende sind, weil jeder seine besondere Gabe einbringt.

Der Wille des Mannes lebt von der Hingabe der Frau, und die Hingabe der Frau lebt von dem Willen des Mannes. In jedem gläubigen Mann ist die Gnade der Hingabe, in jeder gläubigen Frau ist die Gnadenkraft des Willens – aber die Dominante im heilsgeschichtlichen Auftrag des Mannes ist der Wille, und die Dominante im heilsgeschichtlichen Auftrag der Frau ist die Hin­gabe.

Die Repräsentation der Hingabe ist Maria: »Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort« (Luk. 1, 38), die Reprä­sentation des Willens ist Christus: »… daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat« (Joh. 6, 38).

Jesus, der Mann
Der Prozeß der Feminisierung oder Androgynisierung Jesu begann nicht mit der Revolution des Feminismus, sondern kam mit ihr zum Abschluß.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gottessohn Jesus Christus auf den frommen Tischler Jesus von Nazareth und sein sogenanntes »Ethos der Bergpredigt« reduzierte, hat nicht zuletzt durch eine Flut vulgär-liberaler Jesusbücher (z. B. Renans »Leben Jesu«) ein quietistisches, sozusagen »vorfeministisches« Jesusbild produziert. Diese »Jesus von Nazareth-Produktion« lieferte aber gar nicht eine Projektion der Männlichkeit, wie die Feministen in Unkenntnis der Leben-Jesu-Forschung des 18. und 19. Jahrhunderts behaupten, sondern viel eher die Projektion ei­ner quietistisch-idyllischen, sehnsüchtigen Wirklichkeitsverfremdung, die in ihrem Kernprozeß feministisch ist.

Das Kreuz wurde zum Ohnmachtssymbol eines »Edlen«, der an der Wirklichkeit der Welt zerbrach. Die Entmythologisierung des Christus wurde zur Entmächtigung des Jesus Christus. Er ist nicht mehr der Kyrios, der Herr, als der er im Neuen Testament bekannt wird, der als Pantokrator zur Rechten Gottes im Himmel regiert, sondern er ist der entmachtete, entvollmächtigte, einhori­zontalisierte, eben dieser Weltwirklichkeit ausgelieferte und unter der Ohnmacht Gottes rebellierende ohnmächtige Mensch.

Diesen Trümmerhaufen alt- und neuliberaler Theologie fand feministische Quasitheologie schon überall herumliegen an Hoch­schulen und in den Kirchen. Dieses quietistisch-idyllische Jesus­bild ist so sehr eingerahmt in eine allgemeine, volkskirchliche und außerkirchliche Bewußtseinslage, daß hier mehr als nur Theologie am Werk gewesen ist.

Die im volkskirchlichen (und ganz sicherlich nicht nur hier) Raum vermittelten Rudimente einer biblischen Jesusüberliefe­rung wurden zum Projektionsfeld einer quietistisch-mütterlichen Geborgenheitssehnsucht, so daß insbesondere eben neuprote­stantisches Jesusverständnis die katholische Marienfrömmigkeit kompensieren konnte.

Diese Verfälschung der neutestamentlichen Zeugnisse von Jesus Christus bringt Degeneration und Retrogression: Zerfall der Jesusüberlieferung aus unchristlicher, weltflüchtiger (nicht welt­überwindender) Geborgenheitssehnsucht. Die Geborgenheits­sehnsucht will Flucht vor, aber nicht Überwindung der gottfeindlichen Wirklichkeit. Dieser gemalte Jesus repräsentiert die billige Gnade einer als Idylle mißverstandenen Welt.

Versöhnung und Erlösung des Heilands sind Kampf. Christus kämpft gegen die Gottfeindlichkeit der irdischen und himmlischen Gewalten – im Kosmos (vgl. Die Sturmstillung) und im Menschen (vgl. Heilungen und Vergebung). Er gebietet in der Vollmacht und in der Kraft Gottes. Jesus vergibt die Schuld (er redet sie nicht weg) durch sein willenhaftes Leiden am Kreuz. Er tilgt die Schuld, weil er sie in der willenhaften Überwindung des Schmerzes am Kreuz vernichtet hat.

Christus ist das Licht in der Finsternis. Er scheidet Licht und Finsternis und bewirkt die Spannung, die erst mit seiner Wieder­kunft in der Herrlichkeit überwunden sein wird. Er redet diese Spannung eben nicht weg, sondern durchleidet und durchkämpft sie.

Der androgyne Jesus aus der Vorstellungswelt des Feminismus, dieser heitere, clownartige, naiv-quietistisch Zwergidylliker, leug­net den wahren Christus und das wahre Christwerden. Hier wird der Schmerz in der Wiedergeburt so sehr verhöhnt wie die Wirklichkeit der Versöhnung am Kreuz. Dieses Pseudo-Christen­tum ist Fleisch, aber nicht Geist. Es ist Aufstand von unten, aber nicht Rettung von oben.

Daß sich Jesus erbarmend den Frauen zuwendet, daß Frauen ihm nachfolgen, daß sie unter dem Kreuz stehen und Zeugen seiner Auferstehung sind, bedeutet doch Zuwendung des Hei­lands an alle, die ihn als Herrn annehmen und die er, als der Heiland, erwählt hat. Obgleich aber Frauen Jesus nachfolgten, hat er zu Aposteln eben nur Männer eingesetzt, denn das Amt der Leitung (durch die Lehre des Wortes Gottes) in der Gemeinde blieb dem Mann vorbehalten – daran kann keine Interpretation der Feministen etwas ändern. Das kann der Feminismus nur bestreiten, wenn er die neutestamentliche Überlieferung mit Theorie und Hypothesen auseinandernimmt und nach seinen Bedürfnissen wieder zusammensetzt. Ohne Fälschung der Über­lieferung spricht da nichts für den Feminismus.

Feminismus ist Irrlehre
In dieser zwiespältigen, von der Feindschaft gegen Gott überfalle­nen und dunkel beschatteten Welt ist Christus der Erlöser als der Kämpfer, Überwinder und Sieger. Diese Mächtigkeiten des Heils gelten als die Repräsentation des Männlichen. Also – wenn man so will – dann eben doch Jesus, der Mann.

Jesus, der Sohn Gottes, war Gott und wahrer Mensch, und auch als der in das Fleisch Gekommene, als der Erniedrigte, der die Knechtsgestalt annahm, die unser Menschsein prägt, hörte er niemals auf, Sohn Gottes zu sein. Der Heiland Jesus Christus kann nicht anthropologisiert werden seine Männlichkeit ist nicht unsere verfehlte Männlichkeit. Seine Menschlichkeit – dem dreieinigen Gott sei Dank – ist nicht unsere verfehlte Menschlichkeit. Jesus ist der Christus – der Sohn Gottes, der in kein Bild und auch in keine Philosophie und Psychologie (auch nicht in die von Carl Gustav Jung) eingezwungen werden darf und kann.

Der Feminismus ist die Verneinung des in der Bibel geoffenbar­ten Gottes und seiner Schöpfung, des in der Bibel bezeugten Zueinander von Mann und Frau. Der Feminismus betreibt die Geschäfte jener Muttergottheiten, gegen die die Propheten des Alten Testamentes kämpften. Der Feminismus treibt die Kirche in die undifferenzierte, spannungslose Wohlfühlgesellschaft, in der sich das entpersonalisierte Kollektiv verwirklicht. In der Kirche, wie sie der Feminismus will, verschlingt – wie ehedem – die Muttergottheit das Individuum und zerstört die Botschaft von Christus, so wie damals die Göttinnen Kleinasiens ihre Götter verschlungen haben. Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Mann und Frau, Gott und Mensch werden durch sehnsüchtig erwartetes Kollektivmenschentum verschlungen.

Unsere Gegenwart tendiert auf Kollektivismus, und der Femi­nismus betreibt – wie jede Häresie – das Geschäft der Anpassung der Kirche an diesen gesellschaftlichen Trend. Der Feminismus mit seinen »großen Frauen«, angefangen von Simone de Beauvoir (»Das andere Geschlecht«, 1949), über Betty Friedan (»Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau«, 1970), Kate Miller (»Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft«, 1971) bis Mary Daly (»Beyond God the Father«, 1974) und vielen anderen, die wir in diesem Aufsatz nannten oder nicht nennen konnten, ist wohl die bislang letzte, aber auch wichtigste Aktualisierung des modernen Atheismus, der im Grunde die Retrogression, die quasimütterliche, sprich kollektive Gesellschaft anstrebt.

Der Feminismus ist keine Schreibtischrevolution, er ist Aus­druck des Verlangens der Masse nach kollektivistischer Gebor­genheit.

Der Feminismus betreibt nicht den Kampf gegen den Mann, sondern gegen das Menschsein. Soweit er den Maskulinismus einer atheistisch sich mißverstehenden Supermännlichkeit als unchristlich und unmenschlich entlarvt, wollen wir gerne von ihm lernen. Aber der Feminismus zerstört das biblische Verständnis der Frau, verneint die besondere Geschöpflichkeit der Frau und treibt sie dadurch in eine tiefgreifende Einsamkeit und quälende Sinnlosigkeit. Die Feministinnen haben recht: Die Frau kann gegen die Schöpfungsbestimmung leben – wir fragen nur, ob sie diese Verneinung der von Gott gesetzten Schöpfung als Mensch überleben wird. Der Feminismus (femina heißt ja Frau) kämpft gegen die Frau, gegen die Mütterlichkeit in unserer immer einsamer, unpersönlicher und kälter werdenden Gesellschaft. Durch den Feminismus wird es noch kälter werden auf dieser Erde.

Die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im März 2007

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