Kindererziehung-Winterhoff

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Unsere Gesellschaft versündigt sich an den Kindern

 

„Ich sehe in meiner Praxis tagtäglich Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Störungen. Im Laufe meiner Tätigkeit als Kinderpsychiater haben sich bei der Analyse der auftretenden Störungen so gravierende Veränderungen ergeben, dass Anlass zu großer Sorge um die gesamtgesellschaftliche Zukunft gegeben ist. Immer weniger arbeits‑ und beziehungsfühlge Jugendliche und Erwachsene werden die Folge sein, wenn sich weiterhin kein Bewusstsein für diese Störungen bildet.“

Seit 20 Jahren praktiziert Michael Winterhoff, um dessen Buch „Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden“ es hier gehen soll, als Kinder‑, Jugend‑ und Sozialpsychiater. Im Vergleich beobachtet er, dass in den letzten Jahren eine schnell wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen „keinerlei störungsfreie Beziehung zu ihrer Umwelt mehr aufbauen“ kann. Während früher bei der Einschulung immer mal wieder ein Kind eine psychische Störung aufwies, sind heute viele Kinder in mehreren Bereichen gleichzeitig gestört:

„ . . . die Zunahme besorgniserregender Fälle ist so signifikant, dass sich in den kommenden Jahren die Auswirkungen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben in erheblichem Maße zeigen werden.“ Aber nicht nur die psychischen Probleme haben bei den Kindern zugenommen, auch die Fähigkeit, sich situationsgerecht zu bewegen, ist immer häufiger gestört: Vor 15 Jahren waren etwa 20 Prozent der Kleinkinder motorisch gestört. „heute ist die Schallmauer von 50 Prozent längst durchbrochen, Tendenz steigend.“ Diese Entwicklung, schreibt Winterhoff, ist nur zu stoppen, wenn Eltern, Erzieher und andere Verantwortliche einen grundsätzlichen Blickwechsel vornehmen. Der Schlüssel zur Änderung des Zustands unserer Kinder und Jugendlichen liegt nämlich nicht in einer neuen Pädagogik: „Pädagogik, Erstehungskonzepte, Unterrichtsformen in Kindergarten und Schule, und auch die tägliche Erziehung im Elternhaus, all dies kann erst voll zum Tragen kommen und Kinder auf den richtigen Weg bringen, wenn gleichzeitig darauf geachtet wird, dass ihr psychischer Entwicklungsstand auf einem altersgerechten Niveau ist.“ Es geht also darum, „zu verstehen, dass sich die unterschiedlichsten Symptome scheinbar erziehungsresistenter Kinder und Jugendlicher auf eine gemeinsame Sache zurückführen lassen, nämlich fehlende psychische Reife“. Einer der Gründe, warum immer mehr Kinder hier gravierende Defizite aufweisen, liegt darin, dass wir dazu übergegangen sind, sie nicht mehr als Kinder zu sehen, sondern „als kleine Erwachsene ebenbürtig zu machen und damit restlos zu überfordern.“

Natürlich stellt sich hier die Frage, was psyschische Reife ist. Winterhoff geht davon aus, dass der schließlich erwachsene mensch selbständig leben, Beziehungen zu anderen Menschen eingehen, erfolgreich arbeiten oder auch eigene Gefühle richtig einschätzen und kontrollieren können soll. Dazu sind unter anderem Frustrationstoleranz, Leistungsbereitschaft und Gewissen notwendig, die nach und nach aufgebaut werden müssen. Notwendig ist aber auch die Ausrichtung an einem Weltbild:
„In unserer westlich geprägten, christlich orientierten modernen Gesellschaft sieht das Weltbild im Wesentlichen so aus, dass wir uns als Individuen im Rahmen einer größeren Gesellschaft erfahren.“ Bis es aber so weit ist, muss ein Kind bestimmte Phasen durchlaufen, die im Gegensatz zu der Überzeugung vieler Eltern nicht automatisch erreicht werden, sondern nur dann, wenn sich die Eltern „phasenspezifisch“ verhalten. Zu den einzelnen Phasen gehört die Herausbildung bestimmter Fähigkeifen und Eigenschaften, etwa dass das Kind zwischen sich und anderen zu unterscheiden lernt, dass es Reize korrekt wahrnimmt und einordnet und seine Bedürfnisse sprachlich ausdrücken kann. Für das gesamte spätere Leben ist es außerdem sehr wichtig, dass das Kind Begrenzungen für sein eigenes Ich erfährt sowie andere Menschen und deren Bedürfnisse anerkennt und akzeptieren lernt. Das geschieht durch Regeln und eingeübte Verhaltensweisen, also im Grunde dadurch, dass die Erziehenden in bestimmten Situationen „Widerstand leisten“, den das Kind dann in der richtigen Weise deutet und in sein Verhalten einbaut. (Später wird an die Stelle der Regeln das Vorbild treten, dem das Kind nacheifern wird.) Dieser „Widerstand“ ist Teil eines sehr wichtigen Elternverhaltens: Das kleine Kind benötigt klare Rückmeldungen über sein eigenes Verhalten ‑war das jetzt richtig oder falsch, passend oder unpassend? Solche „Spiegelungen“ helfen nicht nur, notwendige Eigenschaften und Verhaltensweisen aufzubauen, sondern vermitteln auch emotionale Sicherheit und bauen psychischen Druck ab. All dies funktioniert aber nur, wenn Eltern gegenüber den Kindern „abgegrenzt“ auftreten, also als etwas, das dem Kind, wo notwendig, von außen Grenzen setzt.

An diesem Punkt setzt die zentrale Kritik von Winterhoff an der aktuellen Erziehung an: Die Abgrenzung funktioniert nicht mehr, weil die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen völlig durcheinander geraten ist. Drei aufeinander aufbauende Beziehungsstörungen sind es, an denen man das erkennen kann.

Die erste Stufe ist Partnerschaftlichkeit: das Kind als Lebenspartner. Viele vom Leben überforderte Eltern sind froh, mit ihrem Kind einen Menschen „auf gleicher Ebene“ zu haben. Aber damit ist das Kind ebenso überfordert wie ein Tennisanfänger, mit dem der Trainer in der ersten Stunde taktische Finessen bespricht ‑ erst müssen die Voraussetzungen gegeben sein. Partner‑Eltern begegnen ihren Kindern auf gleicher Ebene, wo sie es doch sind, die die Richtung vorgeben müssten.

Die zweite Beziehungsstörung ist die Projektion. In unserer Turbo‑Gesellschaft vermissen immer mehr Erwachsene Orientierung, Anerkennung und Sicherheit. Dann ist das Kind oft nicht mehr nur Partner, sondern wird zur Befriedigung der Bedürfnisse von Eltern und Erziehern benötigt, die sich diese eigentlich in der Erwachsenenwelt holen müssten. Eine Folge: Die Steuerungsfunktionen, die das Kind dringend benötigt, werden aufgegeben, weil man den möglicherweise folgenden Liebesentzug fürchtet: „In der Projektion ist der natürliche Impuls des Erziehers, korrigierend einzugreifen und sich dem Kind damit als abgegrenztes Gegenüber zu präsentieren, nicht mehr vorhanden.“ In der Projektion kommt es sozusagen zu einer Machtumkehr: „Der Erwachsene begibt sich auf eine Ebene unter das Kind, wird bedürftig, und das Kind ist plötzlich für die Bedürfnisbefriedigung zuständig.“

In der Projektion nehmen sich Eltern und Kind noch individuell wahr. Diese Unterscheidung ist in der dritten Stufe, der Symbiose aufgehoben: Der Erwachsene grenzt sich nicht mehr vom Kind ab. Das Glück des Kindes ist das Glück des Erwachsenen. Der Erwachsene nimmt das Kind eher als Erweiterung von sich selbst wahr denn als eigenständigen Menschen. Kindliches Fehlverhalten wird dann als eine Art Fehlfunktion oder Krankheit erkannt. Umgekehrt bedeutet die fehlende Abgrenzung des Erwachsenen vom Kind, dass es nicht unterscheiden lernt zwischen Gegenständen, die sich nach Belieben steuern lassen, und Menschen, die doch eigentlich ein „eigenes Leben“ und einen eigenen Willen haben. Solche Kinder, schreibt Winterhoff, sind hochgradig beziehungsgestört und arbeitsunfähig, ihre Integration ist schwierig bis unmöglich.

 Winterhoff, Michael „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, Gütersloher Verlagshaus, 191 S., ISBN 978‑3579069807 (Paperback), 17,95 EUR, (Taschenbuch), 9,95 EUR

Aus Topic, Oktober 2010-12-03

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