In der Kampfbahn des Glaubens

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Erich Sauer

 

In der Kampfbahn des Glaubens

– Ein Weckruf zu neuem Leben nach Hebräer 12 –

 

 

Zur Einführung

Gottes Volk hat Gottes Ruf vernommen. Nur dadurch ist es überhaupt »Volk Gottes« geworden. Denn »der Glaube kommt aus der Predigt« (Röm. 10, 17).
Damit hat Gottes Wunderwerk an Seiner Gemeinde begonnen. Wir können nicht hoch genug von den Erlösten des Herrn denken und reden. Sie sind Errettete und Versöhnte, Befreite und Gesegnete (Kol. 1, 14; Eph. 1, 3). Sie sind »Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte« (Kol. 3,12). Sie sind Gefäße Seiner Gnade, Söhne des großen Vaters, Königskinder und Himmelsbürger. Bei aller Unvollkommenheit und Schwachheit im einzelnen dürfen wir zuversichtlichen Glauben haben an das Werk des Heiligen Geistes in den Seinen. Wir dürfen Christi Bild in Seinen Nachfolgern, ja, Christus Selbst im Bruder sehen und uns in Ihm von Herzen übereinander freuen. »An den Heiligen, so auf Erden sind, und den Herrlichen, an denen habe ich all mein Gefallen« (Ps. 16, 3 Luth.).

Und doch!
Gottes Volk braucht ein neues Erwachen! Es ist eine erschütternde Tatsache, daß es, trotz des gewaltigen Redens Gottes im Weltgeschehen der letzten Jahrzehnte, zu keiner wirklich großen, weiter ausgedehnten, allgemeinen Erweckung gekommen ist. In keinem einzigen europäischen Lande!

Gewiß, in nicht wenigen Städten und Bezirken hat der Geist Gottes örtliche Bewegungen wirken können. Die breite Öffentlichkeit wurde machtvoll mit dem Evangelium angesprochen. Gläubige wurden neu belebt, Fernstehende gewonnen, und jubelnde Heils- und Dankeslieder ertönten in Kirchen und Zelten, in Gemeindesälen und Wohnhäusern. Für all diese Gnadenwirkungen in Stadt und Land kann der Herr nicht hoch genug gepriesen werden.

Und doch stellen wir fest: So viel irdischer Sinn unter den Gläubigen, so viel Weltliebe und Sorgengeist, so viel kleingeistige Ichbezogenheit, so viel Drehkrankheit um den eigenen Kreis, so viel Verkrampftheit und Verliebtheit in alte, oft biblisch nicht einmal zu beweisende, schon längst leblos erstarrte Formen, so viel Überbetonung von Zweitrangigem, so viel Nichtbeachtung der eigentlichen Werte!

Wir müssen uns da allen Ernstes fragen: Sind denn unsere Ohren so taub geworden, daß wir Gottes Reden nicht einmal unter dem Donner der Schlachtfelder, dem Brausen der Bomber, dem Krachen der Mauern, dem Splittern der Wohnhäuser, dem Sterben von Millionen – von Männern und Frauen, von Alten und Jungen – zu vernehmen imstande sind?

Zweifellos, hier hat die S ü n d e gehandelt! Nicht Gott, sondern die dämonisierten Kräfte der von Ihm losgelösten Weltreiche (Ps. 2, 1-3) haben dies alles verschuldet. Aber in diesem Gebrause der Katastrophen – sie geheimnisvoll überwaltend und letzten Endes machtvoll regierend (vgl. Jer. 51, 20) – hat Gott gesprochen: »Kommet her und schauet die Werke des H e r r n, der auf Erden solch Zerstören anrichtet!« (Ps. 46, 9.)

Wie aber soll denn Gott n o c h eindringlicher reden? Großmächte sind zerschlagen, Städte in Ruinenfelder verwandelt, Jahrhunderte alte, unersetzbare Kulturwerte vernichtet, Menschenleben millionenfach in den Tod gegeben. So erschütternd hat sich die Gottesferne der Sünder – unter dem Gerichtswalten des Höchsten – zu ihrem eigenen Unheil ausgewirkt!
Wie hätte doch da, mitten im satanisch aufgewühlten Geschichtsgetriebe, Gottes Volk Gottes Stimme erkennen müssen! Wie hätte es zu einem kraftvollen Zeugnis, zu missionarischem Schwung, zu Einsatzbereitschaft und Opfersinn, zu Heiligung und Bruderliebe, zu einem wirklichen Leben für die Ewigkeit kommen müssen!

Und doch ist – auf das Ganze gesehen – nur so wenig hiervon eingetreten!

Wie aber können wir erwarten, daß Fernstehende erwachen, wenn wir selbst nicht »erweckt« sind? Wie soll »Feuer« ent-stehen, wenn wir selber nicht »brennen«?

Wie soll Leben gezeugt werden, wenn wir selbst nicht wahrhaft »lebendig« sind? – Das darf nicht so bleiben! Gottes Volk muß erwachen!

D u mußt erwachen! I c h ! Wir müssen uns von neuem mit den Lebenskräften von oben bekleiden lassen. Der lebendige Christus heute muß uns neu vor die Seele treten und uns ergreifen.

Aus aller falschen Ruhe müssen wir heraus und in ein heiliges Tun hinein! Wir müssen es neu lernen, unser Christenleben als »Lauf« aufzufassen, als ein »Jagen« in der »Rennbahn des Glaubens« (vgl. Phil. 3,14; Hebr. 12,14). »Ich l a u f e nun also« (1.Kor. 9,26). »Ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben, als teuer für mich selbst, auf daß ich vollende meinen L a u f« (Apg. 20, 24), »als der ich nicht vergeblich g e l a u f e n bin« (Phil.,2, 16). »Ich habe den L a u f vollendet« (2. Tim. 4, 7).
Das »Kleinod« winkt (l. Kor. 9, 24 Luth.). »Ich j a g e nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu« (Phil. 3, 14).

Dabei aber hat nur der den Sieg, der auf Christus schaut! Denn auch Christus war Kämpfer.
Was wir brauchen, ist ein erneutes Schauen der Person des Erlösers, ein Blicken auf das Kreuz und praktische Kreuzesnachfolge, ein dankbares Erkennen der uns überströmend beschenkenden Gnade, ein Erfaßtsein und Durchpulstwerden von den Kräften Seines Geistes, ein Jagen in Seiner Kraft nach dem Vollziel unserer Berufung.
Dies bedeutet zugleich im einzelnen: Bewährung in Schwierigkeiten und Leid, Ausschaltung alles Sorgengeistes, Überwindung aller Ermüdungserscheinungen, Zeugnisbereitschaft und Missionsgeist, Bruderliebe und Heiligung, Gebetsleben und Hören auf Gottes Wort und, durch dies Ganze, zielbewußtes Hineilen zu Himmel und Herrlichkeit.
Das ist die Zielsetzung der hier vorliegenden Schrift.

Vor jedes Kapitel des Folgenden ist – in der Menge-Übersetzung – der dazugehörige Bibeltext von Hebräer 12 gesetzt, um Schriftwort und Betrachtung möglichst eng miteinander zu verbinden und das Lesen und Verstehen des Ganzen zu beschleunigen und zu erleichtern.

Möge der Herr das Zeugnis dieses Büchleins segnen! Bibelschule Wiedenest, im Februar 1952, Erich Sauer

 

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel. »Lasset uns aufsehen auf Jesum!«
2. Kapitel. Christus – das Vorbild im Kampf.
3. Kapitel. Der Kampf, der uns verordnet ist.
4. Kapitel. Der Christ und das Leid.
5. Kapitel. Nicht müde werden!
6. Kapitel. Verschleuderte Werte.
7. Kapitel. Vom himmlischen Reichtum des neuen Bundes.

I. »Lasset uns aufsehen auf Jesus« Hebr 12,1.2

»Die größte Freude im Leben ist, Jesus Christus bekannt zu machen.« So las ich es als gewaltigen, eindrucksvollen Wandspruch in der großen Evangeliumshalle Moody’s in Chicago. Dies Wort des großen Evangelisten ist zugleich der Ausdruck des Lebensinhalts und der Lebensfreude dieses besonderen Mannes Gottes. Gleichzeitig aber darf es auch das Motto des Dienstauftrags und des Strebens aller wahrhaft Erlösten sein. Wir alle leben »aus« Christus. Wir alle streben »zu« Christus hin. Wir alle wollen darum auch »in« Ihm und »für« Ihn da sein. Unser Leben hat nur soviel Wert, als Christus in ihm ist. Alles Beiwerk neben Jesus geht dahin. Es hat, wenn es in den rechten Schranken gehalten wird, für das irdische Gefäß unseres Lebens seine nicht zu unterschätzende Gegenwartsbedeutung – und wir sind weit davon entfernt, einer erdflüchtigen, Gottes Schöpferherrlichkeit geringschätzenden, unnüchternen Schwarmgeisterei das Wort zu reden -; aber bleibend ist für unsere e w i g e Existenz dennoch nur das, was schon heute in uns auf Christus gerichtet war, was f ü r Ihn gelebt und geliebt, i n Ihm getan und gelassen, m i t Ihm gelitten und erstritten war. Jesus, Jesus allein, ist d a s Leben unseres Lebens, die Ewigkeit unserer Zeit, der Wert, der niemals geraubt, zertrümmert oder entwertet werden kann. Darum hängt alles in unserem Leben von unserer praktischen Glaubensstellung zu Jesus Christus ab.

Dies ist die Grundhaltung alles neutestamentlichen, geistlichen Lebens. »Christus zu treiben«, ist das Anliegen des gesamten Neuen Testaments. Für alle neutestamentlichen Schreiber ist Jesus Christus das lebendige und alleinige Universalheilmittel gegen jeden Schaden. Sie alle wissen es: Jesus enttäuscht nie. Jesus überrascht nur! …
»Lasset uns aufsehen auf Jesus« ist die eigentliche Zentralbotschaft.

Drei neutestamentliche Schriften bilden hier – inmitten der Gesamtheit der 27 Bücher – ein besonderes Dreigestirn: das Johannesevangelium, der Kolosserbrief und der Hebräerbrief.
Im Johannesevangelium strahlt diese Christusherrlichkeit auf in der Schau von o b e n her. Er ist der Sohn, der vom »Himmel« in die Welt gekommen ist, Er, den der »Vater« »gesandt« hat. Also: Christusschau vom Himmelsurgrund her.
Im Kolosserbrief schauen wir Jesu Herrlichkeit gleichsam von i n n e n her, von Ihm Selber, dem lebendigen, wirksamen Weltheiland und Erlöser, die überragende Größe Seiner Person (bes. Kol. 1), die allumfassende Allgenügsamkeit Seines Werkes (bes. Kol. 2). Also: Christusschau vom H e i l s g e s c h i c h t s – Mittelpunkt her.

Der Hebräerbrief zeigt uns Jesu Herrlichkeit von »v o r h e r« her, von der Heilsvorbereitung in der alttestamentlichen Geschichte, und damit Ihn selbst als Den, der sogar die größten Offenbarungen Gottes nicht nur erfüllt, sondern vielfach übertrifft (bes. Hebr. 1-10).

Dabei zielt dieser Ruf auf Leben und Wirklichkeit hin. Das »Hinschauen auf Jesus« muß sich bewähren in der Praxis des Alltags. Worum es geht, ist nicht »Christusbegeisterung«, sondern ein »vom Geist Christi Erfülltsein«, nicht bloße Bewunderung Seiner Größe, sondern, mitten in den Nöten und Bedrängnissen des Lebens, praktische Erfahrung Seiner Allgenugsamkeit. Nicht nur geistiges Schauen, sondern geistliches Tun; nicht nur Triumphgesang, sondern praktischer Sieg; nicht nur Anbetung, sondern Nachfolge. Es gehört eben beides unzertrennbar zusammen: der erhöhte Christus und Seine praktische Erlebbarkeit im niederen Talgrund unseres Heute und Hier.

Dasjenige Kapitel des Neuen Testaments, in dem diese Zusammengehörigkeit von Christusschau und Kampfbewährung in ganz besonderer Weise hervortritt, ist das zwölfte Kapitel des Hebräerbriefes. Wir wollen es fortlaufend unter folgenden Hauptgesichtspunkten betrachten:

Lasset uns aufsehen auf Jesus! Er ist unser Vorbild im Kampf. Vers 1-3.
Lasset uns aufsehen auf Jesus! So erreichen wir praktisch den Sieg. Vers 1-3.
Lasset uns aufsehen auf Jesus! So bewähren wir uns in allem Leid. Vers 4-11.
Lasset uns aufsehen auf Jesus! So vermeiden wir unterwegs die Ermüdung. Vers 12-15.
Lasset uns aufsehen auf Jesus! So verwirklichen wir unsere »Erstgeburtswürde«. V. 16.17.
Lasset uns aufsehen auf Jesus! So gelangen wir zur himmlischen Stadt. Vers 18-29.

Dabei aber ist dies Hinblicken, um das es sich hier handelt, zugleich ein Wegblicken von allem anderen. Es ist ein Wegblicken von dem nächsten »unwillkürlich« sich darbietenden Gegenstand auf ein »willkürlich«, das heißt, willentlich, mit Absicht ins Auge gefaßtes Ziel. Dadurch wird alle Zerstreutheit überwunden, die Blicke werden zu einer Richtung konzentriert, und das Herz wird, in zusammengefaßter Ausrichtung des ganzen, inneren Menschen auf Jesus Christus, erfaßt von Seiner Herrlichkeit, und es erlebt in wachstümlichem Maße die Tiefe und den Reichtum des Wortes: »Sie sahen niemand als Jesum allein.«

Alle Segnungen Gottes sind auf Steigerung angelegt. Jede Erfüllung ist immer zugleich eine Verheißung auf noch Größeres. Gott kommt niemals an das Ende Seiner Möglichkeiten (Joh. 1, 16; Eph. 2, 7). Darum steht das Herrlichste uns immer noch bevor. Alles ist a u s Herrlichkeit, i n Herrlichkeit und, seiner gottgewollten Zielstrebigkeit nach, »von Herrlichkeit zu Herrlichkeit hin« (vgl. 2. Kor. 3, 18).

Anders ist Welt und Sünde. Mit der Scheinfreude beginnt’s, mit der Enttäuschung endet’s. Alles ist Umdrehung von Leben und, wie schon das deutsche Wort »Leben« in seiner Umdrehung, rückwärts gelesen, sagt – »Nebel«. Oder, wie es vor einigen Jahren eine westdeutsche, weltliche Tageszeitung einmal ausdrückte: Wenn ein Mensch geboren sei, so sollte man eigentlich nicht sagen: »Er erblickte das Licht der Welt«, sondern: »Er erblickte das Irrlicht der Welt.« Am Anfang trughafter Glanz, am Ende die Nacht. Alle Täuschung wird darum einst als »Ent-Täuschung« offenbar.

Vor Jahren besuchte ich die Presse-Ausstellung in Köln. In einem der großen Säle wurde an Hand zahlreicher Dokumente und Tabellen das Verhältnis zwischen Presse und Post veranschaulicht. Unvergeßlich bleibt mir die Verzierung an einer der Hauptwände. Sie stellte einen riesigen Adler dar. Von den Leistungen der deutschen Post war ja hier die Rede. Geradezu imponierend war der Eindruck dieses riesigen Adlers. Trat man aber näher heran und betrachtete ihn genauer, so entdeckte man, daß er aus lauter Briefmarken der Inflationszeit zusammengesetzt war. Tausende kleiner Inflationsbriefmarken! Ich sagte sofort zu meinem Begleiter: »Bei aller Wertschätzung des Irdischen: ist dies nicht zugleich ein Bild von den Werten dieser Welt allgemein? Sieht man sie von fern an – gleichsam auf den ersten Blick -, so erscheint alles großartig und eindrucksvoll. Betrachtet man sie aber aus der Nähe und genau, so entdeckt man: Es sind ja alles nur Inflationswerte! Große Zahlen und geringer Wert! Inflation nicht nur des Geldes, sondern auch Inflation des Wortes! Inflation der Begriffe! Inflation der Ideale! Inflation des Geistes!« Von fern wie ein Adler, in sich selbst Inflation!

Wie ist da Jesus Christus doch so ganz anders! Er gewinnt, je mehr man Ihn kennen lernt. Er bewährt Sich auch unter den schärfsten Erprobungen der Praxis. Er versagt nie. Darum wollen wir unser ganzes Sinnen und Streben auf Ihn richten. Er führt uns »von Glauben zu Glauben« (Röm. 1, 17), »von Kraft zu Kraft« (Ps. 84, 7), »von Klarheit zu Klarheit« (2. Kor. 3, 18). In Ihm steht ein unerschöpflicher Heilsbrunnen offen (Jes. 12, 3; Sach. 13, 1).

Darum: »Lasset uns aufsehen auf Jesum«!

 

II. Christus – das Vorbild im Kampf

Hebr 12,2-3: Lasset uns aufsehen auf Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken laßt.
Auf den rechten Blick kommt es an. Wer recht leben will, muß recht sehen können. Wer als Christ richtig leben will, muß auf Christus schauen. »Willst du enttäuscht sein, so schaue auf die Menschen. Willst du verzagt sein, so schaue auf dich selbst. Willst du ermutigt sein und Sieg haben, so schaue auf Christus!« Er, Jesus allein, ist die Kraftquelle für alle, die in der »Kampfbahn des Glaubens« laufen und an das Ziel ihrer Berufung gelangen wollen.

Großartig ist das Bild des Gekreuzigten, das der Schreiber des Hebräerbriefes in Kapitel 12 uns vor Augen stellt. Christus erduldete das Kreuz. Ohne dies Zentralereignis in der Geschichte der Offenbarung gäbe es kein Heil. Darum gehört die Botschaft von Ihm und Seinem Opfertod, in Verbindung mit dem Triumph Seiner Auferstehung, in den Mittelpunkt und Vordergrund jeder wirklich schriftgemäßen, heilskräftigen Evangeliumsbezeugung.

»Lasset uns aufsehen auf Jesum!« Er erduldete das Kreuz

1. als standhafter Held unbeirrbaren Siegeswillens.

Was äußerlich scheinbar Schwachheit war, war in Wahrheit innerlich Sieg. Wie leicht wäre es für Christus gewesen, vom Kreuze herabzusteigen und Sich Selbst zu befreien! Wie ohne weiteres hätte Er den Vater bitten können und Er hätte ihm »zwölf Legionen Engel« zur Verfügung gestellt (Matth. 26, 53)! Wir machen uns kaum eine Vorstellung von dem, was das bedeutet hätte. Als Gott in den Tagen Hiskias das durch die Assyrer hart bedrängte Jerusalem rettete, sandte Er einen Engel gegen die assyrische Heeresmacht, und dieser tötete in einer Nacht einhundertfünfundachtzig-tausend assyrische Soldaten und Offiziere (2. Kön. 19, 35)! Jesus aber erklärt, daß Ihm, wenn Er nur gewollt hätte, ganze Legionen von Engeln zur Vernichtung Seiner Feinde zur Verfügung gestanden hätten.

Wenn Christus nur gewollt hätte! Aber E r  h a t  n i c h t  gewollt! Er wußte ja, daß nur durch unbeirrbares Festhalten am Leidensweg das stellvertretende Sühnopfer dargebracht und die Erlösung für die Welt bewirkt werden konnte. Darum blieb Er im Leiden. Darum harrte Er aus, bis das Ziel erreicht war und Er in der Todesstunde von Golgatha den Siegesruf aussprechen konnte: »Es ist vollbracht!« (Joh. 19, 30.)

Ganz stark betont der Hebräerbrief diese Standhaftigkeit und Unbeirrbarkeit des Siegeswillens Jesu. In dreifacher Steigerung hebt er das geradezu Unerhörte dieser Situation von Golgatha hervor.

Er, der Herr des Universums, ließ Sich von staubgeborenen Kreaturen »Widerspruch« gefallen, ja, »großen« Widerspruch!
Er, der König der Ehren, ließ Sich »Verachtung« und »Schande« entgegenbringen und hat dann, mitten in diesem »Verachtetsein«, in wahrer, innerer Königshaltung, »die Verachtung verachtet«!

Er, der Vollkommene und Heilige, ließ Sich dies alles von »Sündern« gefallen! S ü n d e r haben Ihm dies alles angetan! Sünde aber ist die eigentliche Entehrung der Kreatur. Das aber heißt: Durch die Sünde Entehrte haben Ihn, den hochheiligen Ehrenkönig, entehrt, ja Ihn als Verbrecher durch Seine Hinrichtung als nicht mehr tragbar aus dem Verbande der Menschheit, wie sie es meinten, ausgestoßen.

Dies alles erdulden und doch nicht brauchen, – sich so scheinbar besiegen lassen und dennoch seinen Feinden unendlich überlegen sein, – aber eben nur um der Erreichung des hohen, idealen Zieles willen von allen äußeren, zu jeder Minute zur Verfügung stehenden Machtmitteln in freier Entscheidung keinen Gebrauch machen: Das ist allerdings zielbewußter Siegeswille in unbeugsamer Standhaftigkeit! Das ist heldenhafteste Seelenkraft unbeschreiblichster Größe. Wahrlich, Christus, der größte Dulder, war gerade in Seinem Dulden der allergrößte Held!
Er erduldete das Kreuz

2. als Heerführer und vollkommenste Ausgestaltung des Glaubens.

Christus ist der »Anfänger und Vollender des Glaubens«. Die Schrift spricht hier nicht lediglich von «unserm« Glauben, etwa nur in dem Sinne, daß Christus durch Seinen Opfertod, Seine Auferstehung und Sein Evangelium durch den Heiligen Geist der schöpferische Urgrund unseres persönlichen Glaubenslebens sei und darum uns auch bewahre, unseren Glauben »vollende« und die Seinen ans Ziel bringt; sondern sie spricht vom Glauben s c h l e c h t h i n. Der Gegenstand des Glaubens hat Selber geglaubt! Und so wie Er, als Bahnbrecher des Glaubens, durch eigenes Glauben den Seinen vorangegangen ist, so ist Er, gerade in diesem Seinem Glauben, die vollkommenste Ausgestaltung des Glaubens überhaupt gewesen. In Ihm, der wahrer Gottes- und Menschensohn war, ist der Glaube auf die Stufe höchster Vollendung erhoben worden. Jesus hat vollkommenen Glauben bewiesen. So ist Er alles in Einem: Urheber, Bahnbrecher und Vollender des Glaubens.

Am wunderbarsten zeigt sich dies in Seinem Siegesruf: »Es ist vollbracht.« Wenn dies Wort am Auferstehungsmorgen oder nach der Himmelfahrt des Herrn auf dem Thron der göttlichen Herrlichkeit gesprochen worden wäre, so hätte man dies – in aller Ehrfurcht sei es gesagt – vielleicht begreifen können. Aber Christus hat es auf G o l g a t h a ausgerufen! Also gerade in dem Augenblick, in dem alles auf Niederlage und Untergang eingestellt zu sein schien, als die Sonne sich verfinstert hatte, als Qualen Ihm Leib und Seele durchwühlten, als die Feinde höhnten und triumphierten, als der dunkle Augenblick des Todes immer näher herankam, d a rief er aus: »Es ist vollbracht!«

In der dunkelsten Stunde der Geschichte des ganzen Weltalls hat Er das strahlendste Siegeswort in der gesamten, irdischen und überirdischen Weltallgeschichte ausgerufen! Wahrlich, wenn Glaube, nach dem Zeugnis des Hebräerbriefes, eine »Verwirklichung« ist von dem, »was man hofft«, eine »Überzeugung« von Dingen, »die man nicht sieht« (Hebr.11,1), – dann ist hier Glaube betätigt worden in der vollkommensten Weise! So ist der Glaube hier zur absoluten Vollendung gebracht worden. Zugleich leuchtet die vollkommene Menschheit des »Fleisch gewordenen« Gottessohnes hervor (Joh. 1, 14).
Wir sind es gewohnt Seine ewige Gottessohnschaft, in den Mittelpunkt unseres geistlichen Denkens zu stellen. In der Tat: Jesus von Nazareth, der durch die Erde pilgerte und dann um unsertwillen an das Kreuz ging, war »G o t t geoffenbart im Fleisch« (1. Tim. 3, 16). Aber bei dem allen dürfen wir auch nicht vergessen, daß Er eben Gott geoffenbart war »im F l e i s c h«, das heißt, in wahrhaftigem, irdischem Menschenleben. Oder, wie es einer der Kirchenväter ausgedrückt hat: »Er blieb, was Er war. Er wurde, was wir sind.« Hier das Geheimnis lüften zu wollen, wäre törichter Vorwitz. Das Geheimnis Seiner Menschwerdung ist ewig unergründbar.

Die Wahrheit Seiner Menschheit müssen wir darum ebenso erkennen, wie die Wahrheit Seiner Gottheit. In Christus war ein Mensch auf dieser Erde, der vollkommen den Willen Gottes tat! In Ihm wurde offenbar, was Gott überhaupt gemeint hatte, als Er einst sprach: »Lasset uns Menschen machen in unserm Bilde, nach unserm Gleichnis« (1. Mose 1, 26). Christi Erdenleben ist die eigentliche, sittliche Auslegung des Sinnes aller Menschenschöpfung.

Wie anspornend und ermutigend zugleich, daß Er, als dieser vollkommene Mensch, uns Menschen den Beweis geliefert hat, daß es möglich ist, hier auf dieser Erde in durchaus menschlichen Verhältnissen ein wahres Glaubensleben zu führen und Gott vollkommen zu verherrlichen! Wie lebendig und wirksam wird gerade von hier aus auch Sein himmlisches Hohespriestertum! »Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleiden zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde« (Hebr. 4,15).
Die wahre Menschheit des Erlösers, und zwar gerade auch im Hinblick auf Sein »Glaubens«leben auf Erden, ist zugleich der Grund, warum der Verfasser des Hebräerbriefes an unserer Stelle Ihn nicht mit Seinem »Christus«titel einführt – und etwa sagt: »Lasset uns aufsehen auf Christus!« -, sondern Ihn mit Seinem menschlichen Personennamen »Jesus« nennt, ohne eine Hinzufügung des Wortes »Christus« oder Seines göttlichen Kyrios (= »Herrn«)-titels. Vielmehr sagt er ganz einfach und schlicht: »Lasset uns aufsehen auf J e s u m !« Dies ist genau so beabsichtigt und sinnvoll, wie auch sonst die beiden Namen »Jesus« und »Christus« im Neuen Testament in ihrer Anwendung sorgfältig unterschieden werden.

»Jesus« ist der Name, der dem Sohne Gottes bei Seiner Menschwerdung gegeben wurde (Matth. l, 21). Er ist darum in besonderer Weise mit der Zeit Seines Erdenlebens, Seiner wahren Menschheit und Seiner Erniedrigung verbunden. Es ist der Name; den Er auch mit anderen Menschen gemeinsam hat (z. B. Jesus Sirach Jesus Justus: Kol. 4, 11).

»Christus« ist Sein Messias- und Amtstitel, in dessen Vollinhalt Er erst später durch Seine Himmelfahrt und Verherrlichung eintrat. »Das ganze Haus Israel wisse nun zuverlässig, daß Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus g e m a c h t hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Apg. 2, 36). Von hier aus wird auch klar, warum die Evangelien meistens von »Jesus« reden, während in den Briefen der »Christustitel« im Vordergrund steht. Denn die Evangelien handeln von der Zeit Seiner Niedrigkeit, während die Briefe von Ihm als dem Erhöhten und Verherrlichten zeugen. Nur wo in den Briefen die einstige Niedrigkeit des Menschgewordenen betont werden soll, steht allein der Name »Jesus« (2. Kor. 4, 10 wörtl.; Phil. 2, 10; 1. Thess. 4, 14; Hebr. 2, 9; 13, 12).

Er erduldete das Kreuz

3. als siegreicher Triumphator zielbewußter Hoffnung.

»Um der vor Ihm liegenden Freude willen« hat Er die Leiden auf Sich genommen. Was war diese Freude? Nicht die Logosherrlichkeit, die Er gehabt hatte als das ewige »Wort« (griech. logos) vor Seiner Menschwerdung, nicht die Freude an der Welt, die Ihm der Versucher gegeben hätte, wenn Er nur, statt den Kreuzesweg zu gehen, alle Herrlichkeit dieser Weltreiche aus seiner Hand angenommen hätte (Matth. 4, 8-10); auch nicht einfach nur die schlichte Freude an bloßer, irdischer Leidensfreiheit, die Ihm durch Umgehung des Kreuzes hätte zuteil werden können; sondern gemeint ist die z u k ü n f t i g e Freude, die Christus vor Augen stand: die vollbrachte Erlösung, die einst gewonnene Ekklesia, die Verherrlichung des Vaters, Seine persönliche Siegerstellung in der Herrlichkeit nach vollbrachtem Werk. Eben die Freude, die Er haben würde, wenn Er bis zum Ende standhaft durchhielt!

Durch nichts Gegenwärtiges ließ Er Sich von diesem Zukünftigen abbringen. Sein Leiden geschah in Vorfreude! Sein Glauben im Schmuck der Dornenkrone war zugleich zielgewisse Hoffnung auf die himmlische Königskrone.
Gott hat zu dieser Glaubenserwartung und Hoffnung des Gekreuzigten Sein Ja gesprochen. Darum sehen wir jetzt Jesum, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, gerade »um Seines Todesleidens willen« mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt (Hebr. 2, 9).3) Darum hat Gott Ihn, der Sich einst erniedrigt hatte, »hoch erhöht« (Phil. 2, 9). Darum befindet Er Sich jetzt in der Herrlichkeit »mitten auf dem Thron«, als das »Lamm wie geschlachtet«, mit den Wundenmalen Seiner Liebe (Offb. 5, 6). Darum erklingt jetzt zu Seiner Ehre dort droben das «neue Lied«: »Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen – das Buch der Weltvollendungswege Gottes -; denn Du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft durch Dein Blut aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation und hast sie unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen« (Offb. 5, 9; 10). Jesus als Lamm Gottes ist der durch die Herrlichkeit des Vaters hoch erhöhte und triumphierende Weltvollender.

Wenn Paulus von dieser »Erhöhung« des einst Erniedrigten spricht, so fühlt er geradezu die Unmöglichkeit, ein passendes Wort zu finden, das das Ausmaß d i e s e r Erhöhung und Verherrlichung entsprechend zum Ausdruck brächte. Wie so manchmal, so steht er auch hier vor der Tatsache, daß die sonst so reiche, griechische Sprache einfach nicht über ein vollwertiges Wort verfügt, um das zu besagen, was hier gesagt werden muß. Die menschliche Sprache besitzt eben deshalb hier kein Wort, weil die menschliche Erfahrung die hier auszudrückende Sache nicht hat. Darum erfindet Paulus nun ein n e u e s Wort und sagt: Gott hat Jesum nicht einfach »erhöht« oder »hoch erhöht«, sondern Er hat Ihn »ü b e r erhöht« (griech. h y p e r hypsosen). Das ist die Antwort Gottes auf die Standhaftigkeit, den Glauben, die Hoffnung des Gekreuzigten. So hat der Vater der Herrlichkeit Ihn, den Entherrlichten, zur Himmelsherrlichkeit »übererhoben«!
Aber alle diese Worte stehen in der Schrift um eines praktischen Zieles willen.

Christus erduldete das Kreuz

4. als Vorbild Seiner Nachfolger.

Der Sinn der biblischen Aufforderung »Lasset uns aufsehen auf Jesum!« ist, im Zusammenhang des Hebräerbriefes, der: In der Kampfbahn des Glaubens laßt uns, im Blick auf den Herrn, frohen Mut gewinnen, Ihm nachzueilen. Der Blick auf den Gekreuzigten gibt in allen Lagen neue Zuversicht. Auch das Leid wird durch das Kreuz in das rechte Licht gerückt. Um unsere eigenen Schwierigkeiten richtig einzuschätzen, müssen wir erwägen, was Jesus erduldet hat, gleichsam »berechnen und überschlagen«, welchen Widerspruch E r zu erdulden hatte.

Das ist der Ansporn, der sich aus dem Aufblick auf Jesus für uns ergibt. Wie Er standhaft war, wollen auch wir standhaft sein! Wie Er Glauben bewies, laßt auch uns im Glauben leben! Wie Er im Leiden hoffte und auf die Krone schaute, laßt auch uns unsern Blick fest auf das Ziel gerichtet halten! Christus, der Gekreuzigte, ist nicht nur Retter, sondern auch Vorbild! Wir sollen Ihm nicht nur nachschauen, sondern Ihm nach f o l g e n, nicht nur betrachten, sondern beachten, nicht nur bewundern, sondern Ihm praktisch nach w a n d e r n ! Vergessen wir es nicht: Das Kreuz ist nicht nur Erlösung, sondern auch Bindung, nicht nur Befreiung, sondern auch Besitzergreifung, nicht nur »Vernichtung« der Sünden, sondern auch »Verpflichtung« des geretteten Sünders! Man kann nicht in Wahrheit an den Gekreuzigten glauben, ohne Seine Kreuzeserfahrung zum Grundsatz des eigenen Lebens und Verhaltens zu machen! »Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, auf daß er über Tote und Lebendige H e r r sei« (Röm. 14, 9). Absagen allem (Luk. 14,33), das Kreuz auf sich nehmen (Matth. 16,24), Jesum mehr lieben als das Liebste auf Erden (Matth. 10, 37), nur Ihm allein dienen (Luk. 16,13), sein eigenes Ich hassen (Luk. 14, 26), sein Leben verlieren, um es auf ewig zu gewinnen (Joh. 12,25) – das ist die Gesinnung, die der Gekreuzigte von den Seinen verlangt! Nur das ist Kreuzesgemeinschaft mit Ihm. Nur so kommt es auch zugleich zu einer glückseligen Lebensgemeinschaft mit Ihm als dem Auferstandenen (Röm. 6,1-14).

Wo der Glaube an den Gekreuzigten wahrer Herzensbesitz geworden ist und im Mittelpunkt unseres Lebens steht, ist heilige Freude, himmlisches Wesen und ewige Herrlichkeit unser seliges Los. Das Kreuz ist nicht Untergangs-, sondern Lebenszeichen. Es steht, biblisch gesehen, in unauflösbarem Zusammenhang mit der Auferstehung. Darum ist Christi Tod zugleich der Tod unseres Todes und damit Leben und ewige Seligkeit. »Lasset uns aufsehen auf Jesum!« Im Kreuz ist unser Heil!

Um aber in dieser Weise dein Vorbild sein zu können, muß Jesus, der Gekreuzigte, erst dein Retter geworden sein. Ehe das Kreuz unsere Heiligung sein kann, müssen wir es als unsere Rechtfertigung erlebt haben. Ehe das »Neue« beginnt, muß das »Alte« grundsätzlich verschwinden.

Und wie wunderbar und allumfassend ist doch die Erlösungskraft des Gekreuzigten! Wie unzählbar waren unsere Sünden! Wie unübersehbar unsere Schuld! Wie völlig unmöglich, mit eigenen Kräften unsere verfehlte Lebensentwicklung vor Gott je wieder gutzumachen! Darum, wenn du Ihn noch nicht persönlich als deinen Erretter angenommen hast, so zögere nicht länger, sondern tue es jetzt! Jesus will dir nichts nehmen. Er will dir ja nur geben! Du sollst nicht beraubt, sondern beschenkt werden. Der Glaube macht nicht arm, sondern reich.

III. Der Kampf, der uns verordnet ist

Hebr 12,1-3: Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, laßt uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und laßt uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken laßt.
Am Evangelium lebt alles. Seine Quelle ist Gott, der Lebendige. Sein Vermittler ist Christus, der Auferstandene. Seine Kraft ist der Geist Gottes, »der Geist, der lebendig macht«.
Darum ist Gottes Heil kein bloßes Gewordensein, sondern zugleich ein dauerndes Geschehen, kein nur einmaliges Geschenk, sondern ein dauernd sich steigerndes Schenken. Jede Gnade ist eine uns von Gott in Christus durch den Heiligen Geist gegebene Lebens b e w e g u n g. Da ist nichts »Statisches«, sondern ein »Dynamisches«, kein Stehen, sondern ein Schreiten, keine einseitige Rückwärtsschau, sondern ein zielstrebendes Vorwärtsschauen, eben alles ein lebendiges Handeln, alles geistliche Aktivität, alles Stromlinien geistgewirkter, gotterfüllter Himmelskräfte.
Gottes Gaben sind nicht wie ein Anker, der das Schiff unseres Lebens einfach festhält, sondern wie ein Segel, in das der Wind des Geistes Gottes mit Macht hineinwehen und damit das Schiff unseres Lebens, dem Ziel entgegen, vorwärtsbringen will.

I. Die »Verordnung« des Kampfes

Der Schreiber des Hebräerbriefes erklärt: Wir sollen mit Ausharren laufen den »vor uns liegenden« Wettlauf (Hebr. 12, 1). Das soll nicht nur heißen: den zeitlich oder gleichsam »geistig-räumlich« vor uns liegenden Wettlauf; sondern es ist vor allem dynamisch gemeint: den als unsere A u f g a b e uns »obliegenden« Wettlauf, oder, wie Luther es übersetzt: den Kampf, der uns »verordnet« ist.

Du kannst dein Christsein vom Wettläufer-sein einfach nicht mehr trennen! Gott hat »verordnet«, daß du »laufen« sollst! Du erlebst wahre Heiligung nur in einem geistgewirkten Angespanntsein und Ausgerichtetsein deines ganzen, inneren Menschen auf das ewige Ziel. Wer sich dem Kampf entziehen will, verzichtet von vornherein auf die Krone und den Siegeslohn.

Wir unterscheiden oft – und durchaus auch mit Recht – zwischen Stellung und Zustand eines Christen. Aber laßt uns das Wort »Stellung« auch einmal in einem anderen Sinne gebrauchen: nicht nur als Bild aus dem sozialen Leben (»Stellung« = Würde), sondern als Bild aus dem militärischen Leben: »Stellung« = Kampfstellung, Schlachtfront. In diesem Sinne müssen wir dann sagen: Christsein heißt »im Glauben Stellung beziehen« ! Der Feind bestreitet alles. Satan erklärt sich, bis zu seiner endgültigen Niederwerfung (Offb. 20, 10), niemals für besiegt. Er ist das wandelnde und handelnde, dämonisch-aktive »Nein« des Bösen gegen alles erlösende, bejahende Gnadenhandeln Gottes. Darum bleibt der Kampf für uns bestehen, bis wir zur Vollendung gelangt sind.

Das aber heißt: Nimm dein Christsein ernst! Rechne im Glauben mit den Siegeskräften deines Heilands. Aber übersieh auch die Wirklichkeit des Feindes nicht! Nimm alle von ihm ausgehenden, lähmenden Kräfte ernst! Sei straff angespannt! Lebe in heiliger Glaubensenergie! »Mit der Sünde ist kein Friede möglich.« Vergiß nicht, daß dein Christsein ein Rennen in einer Kampfbahn ist! Bedenke: »So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht« (2. Tim. 2, 5 Luth.). Wiedergeburt ist nicht Endziel, sondern Start. Du mußt, wenn du das Vollziel erreichen willst, laufen !

Die Kampflage ist ernst. Dämonen umgeben uns. Finstere Mächte sperren uns den Weg. Feindesmacht um uns und in uns (Eph. 6, 12) ! Seien wir hart gegen uns selbst! Zähmen wir unseren Leib (1. Kor. 9, 27)! Beherrschen wir unsere Seele! Halten wir den Blick unseres Geistes auf Christum gespannt! Nur Kämpfer werden gekrönt! Nur Sieger werden verherrlicht. Nur »wer überwindet«, spricht Christus, »dem werde ich geben, mit mir auf meinem Throne zu sitzen« (Offb. 3, 21).

1. Wir sind Kämpfer,
weil im Hintergrund des ganzen Weltall-Verlaufs die gewaltigste Revolution steht, die je in der Geschichte des Universums vollzogen worden ist, der Kampf zwischen Satan und Gott, und weil dieser – nach dem Gesamtzeugnis der Schrift – gerade auf unserer Erde, also dem Wohnort unserer Menschheit, als seinem Zentralkampfplatz ausgefochten und zur Entscheidung gebracht wird. Dies ist der weltallumfassende, übergeschichtliche Hintergrund unserer Kampfsituation.
Und weiterhin:
2. Wir sind Kämpfer,
weil im Verlauf dieser gewaltigen Auseinandersetzung zwar auf Golgatha von Christus, dem Gottes und Menschensohn, der grundlegende Sieg errungen worden ist, seine geschichtliche Durchführung aber noch nicht allseitig und sofort bewirkt wurde. So steht unsere Jetztzeit noch in der Spannung zwischen Verborgenheit des Reiches Gottes und Offenkundigkeit der Herrschaft Satans. Dies ist der heils – geschichtliche, in Sonderheit unser gegenwärtiges Gemeindezeitalter bedingende Hintergrund unserer Kampfsituation.
Und schließlich:
3. Wir sind Kämpfer,
weil es überhaupt dem Gott-Menschheits-Charakter des Reiches Gottes entspricht, bei aller Vollwirksamkeit der Gnade, der Kreatur dennoch ihre Freiheit zu belassen. So hat der Berufene sich nicht nur in der Bekehrung grundsätzlich, sondern in seinem Heiligungsleben auch fortlaufend von Fall zu Fall praktisch zu entscheiden, welchem Herrn er nun dienen will. Dies ist der sich aus dem Wesen des Reiches Gottes ergebende, dynamisch – sittliche Hintergrund unserer Kampfsituation.
Aus diesen drei Hauptgründen ist uns der Kampf »verordnet«.

II. Die zur Erreichung des Zieles erforderliche Haltung im Kampf

Welche Haltung müssen wir nun einnehmen, wenn wir in diesem Kampf siegen wollen? Mit Recht sagt ein Dichter: »Kämpfen macht’s noch nicht allein. Nein, du mußt auch Sieger sein!«
Hierzu ist aber eine ganz bestimmte, geistliche Glaubenshaltung nötig. Der Schreiber des Hebräerbriefes läßt an unserer Stelle vier Hauptgesichtspunkte erkennen.

1. Der Blick auf den Sieger
Wer Sieg haben will, muß auf Christum schauen. »Lasset uns aufsehen auf Jesum!« Sein Kampf auf Golgatha ist zugleich Vorbild für unseren Kampf. Sein Sieg ist zugleich Grundlage für unser Siegen. Das Besondere am Glaubenskampf ist, daß wir nicht eigentlich erst um den Sieg ringen, sondern daß wir ihn schon haben. Wir haben ihn in Christus, unserem Bahnbrecher und Triumphator. Darum kämpfen wir nicht erst z u m Siege hin, sondern in Wahrheit schon v o m Siege her. Darum dürfen wir aus Seiner Fülle heraus leben. In Christus ist uns ein ewiger Reichtum erschlossen. Die Freude an Ihm ist unsere Siegeskraft.

Es war während des ersten Weltkrieges. In den deutschen Großstädten war allerlei Not. Gar manche Hausfrau hatte schwer zu kämpfen, wenn sie ihre Lieben bei den beschränkten Lebensmittelrationen hinreichend versorgen sollte. Da kam eines Tages eine schlichte Frau aus einer der norddeutschen Großstädte an die See. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie den Blick in die unendlichen Fernen des Meeres genießen konnte. Und da rief sie, überwältigt von der Weite des Ausblicks und der Fülle der Wasserfluten, aus: »Endlich mal etwas, das nicht rationiert werden kann!«

Wir lächeln über diese Frau. Und doch kann man sie in Anbetracht ihrer Lage gewiß verstehen. Aber wie tausendfach mehr gilt es doch im Hinblick auf die himmlischen Unendlichkeiten, die der Herr in Seiner Gnade den Seinen zur Verfügung stellt!
Hier ist wirklich eine Fülle, die alle irdischen Maße übertrifft, ein Reichtum, den Gott nicht in kleinen »Portionen«, sondern in geradezu überwältigend großen Himmelsgaben austeilt. Gotteskinder sind Königskinder. Darum sollen sie in ihrem Glaubensleben auch königlich reich leben, und ihr himmlischer Vater erweist Sich in allen Seinen geistlichen Segnungen immer wieder als ein großzügig spendender, königlicher Geber.

Vor etwas über 25 Jahren diente ich auf einer Glaubenskonferenz in Nordengland. Unvergeßlich wird mir eine kurze Schriftauslegung bleiben, die einer der Redner dort gab. Er sprach von der Fülle, die in Christus erschlossen ist, von dem «unausforschlichen Reichtum« Seiner himmlischen Segnungen (Eph. 3, 8), von Christus Selbst, der »unaussprechlichen Gabe« Gottes (2. Kor. 9, 15). Und dann wies er auf ein kleines und doch so hoch bedeutsames Wörtchen des Epheserbriefes hin, das kleine Wörtchen »nach«. »Dieserhalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus . . ., auf daß er euch gebe, nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen« (Eph. 3, 15; 16). Und dazu sagte er ungefähr folgendes: Wieviel mehr besagt doch der Ausdruck »nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit«, als wenn es nur heißen würde: »a u s seinem Reichtum!« Wenn ein Bettler auf der Straße einen Millionär trifft, und dieser würde ihm, auf seine Bitte hin, vielleicht einen halben Schilling schenken, so würde jeder wohl mit Recht sagen können, er habe ihm »aus« seinem Reichtum gegeben; aber niemand würde auf den Gedanken kommen, zu erklären, er habe ihm »nach« seinem Reichtum gegeben! Wenn er ihm »nach« seinem Millionen-Reichtum gegeben hätte, wäre die Gabe wohl ganz anders ausgefallen!

Wie aber macht es nun unser Gott? Gibt Er uns nur »aus« Seinem Reichtum? Hier ein wenig Freude und da ein wenig Sieg? Heute eine kleine Durchhilfe und morgen eine gelegentliche Gebetserhörung? Nein, Er, der Allgenugsame, gibt »nach« Seinem Reichtum! Nicht nur die Bedürfnisse unseres Alltags nimmt Er zum Maßstab – obwohl schon das hochbeglückend sein würde: »Wie deine Tage, so deine Kraft« (5. Mose 33,5-25) – sondern Er legt den Maßstab der Ewigkeit an unsere Zeit und gibt Seine Segnungen »nach« Seiner Fülle in die Bedürfnisse unserer Armut hinein.
Daher kommt es, daß das Wort »überströmend« bei Paulus geradezu einer seiner liebsten Ausdrücke ist

Er spricht von
überströmendem Glauben (2. Kor. 85 7),
überströmender Liebe (2. Thess. 15 3)5
überströmender Hilfsbereitschaft (2. Kor. 85 2)5
überströmendem Fleiß,
überströmender Erkenntnis (2. Kor. 85 7),
überströmender Hoffnung (Röm. 155 13 wörtl.).

Und ebenso gebraucht er ein anderes Wort immer wieder, das kleine Wort »hyper« = »über«.
Mit Recht ist gesagt worden: »Die Vorliebe des Apostels für Wortzusammensetzungen mit »über« (griech. hyper) gehört zu den Eigentümlichkeiten seiner Redewendungen.« »Von insgesamt 29 Zusammensetzungen mit »über« im ganzen Neuen Testament sind ihm allein nicht weniger als 19 eigen, 4 hat er mit andern, biblischen Schreibern gemeinsam.«
»Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werke des Herrn, da ihr wisset, daß eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn« (1. Kor. 15, 58).

Und geradezu überwältigend ist die Fülle, die der Apostel in 2. Kor. 9, 8 in ganz wenigen Worten, in einem Satz von nicht einmal vier Zeilen, zusammenstellt:
»Gott aber ist mächtig, alle Gnade gegen euch, überströmen zu lassen, auf daß ihr in allem, allezeit alle Genüge habend »überströmend seid zu allem guten Werk«.

In Christus ist nicht nur ein Vollmaß, sondern ein »über«maß göttlicher Heilsfülle vorhanden. Er übertrifft in Seinem Geben alle Bedürfnisse unseres Lebens. Darum quälen wir uns nicht armselig durch den Alltag hindurch, sondern dürfen Sieger in Ihm sein, ja mehr als Überwinder, eben »Ü b e r« – Überwinder« (Röm. 8,37).

So füllt Gott das Gefäß deines Lebens nicht nur bis hoch oben an den Rand! Er gießt Seine Segensfülle nicht nur derartig flutend hinein, daß es zum Überfließen kommt. Nein, auch das Wort »überfließend« reicht noch nicht aus. Gott tut »mehr als überfließend«. Ein solche übergewaltige Erlösung ist uns in Christus geschenkt!

Und nun, mein lieber Leser, lege neben diese gottgegebenen Möglichkeiten die tatsächliche Wirklichkeit deiner Erfahrung! Müssen wir uns da nicht beugen vor dem Herrn – du und ich – und uns schämen, daß wir von diesen Quellen so wenig getrunken haben? Wie oft gleichen wir einem törichten Bettler, der vor einem hilfsbereiten, reichen Wohltäter steht, ihn um eine Gabe ersucht, die der Geber ihm auch schon freundlich entgegenstreckt. Aber er klagt dauernd über seine Not -, er bejammert seine Armut und bittet und bittet; aber er streckt nicht seine Hand aus und nimmt nicht das Geschenk, das ihm schon lange Zeit – sofort gleich seit Beginn seines Bittens – bereitwillig entgegengehalten war. So bleibt der Jammernde beim Jammern und der Geber am Geben-wollen, und, trotz alles Flehens, ändert sich nichts in der Situation.

Wie ganz anders, wenn wir wirklich die Haltung des Glaubens einnehmen: »Wir wissen, daß wir die Bitten haben, die wir von ihm erbeten haben« (1. Joh. 5, 15). Das aber erlebt nur der echte Glaubensblick auf Christus.

Im Augenblick aber, wo wir von Christus wegschauen, ist alle Fülle praktisch gewichen. Die Überwinderkraft ist dahin. Dinge werden uns wichtig, die – im Licht der Ewigkeit gesehen – ganz unbedeutend sind. Dann bezaubert uns die Verführungsmacht der Sünde. Und wird dann unserem Eigenleben, unserer Ehre, unserem Besitztrieb, unserem Geltungswillen nicht, wie wir meinen, entsprechend Genüge getan, so fallen wir in Sünde, Verletztheit, Lieblosigkeit, Erdensinn, Sorgengeist. Wir haben den Maßstab verloren, weil wir nicht auf Christus geschaut haben. Wir haben den Schwerpunkt verlagert, der nun praktisch nicht mehr in Gott, sondern in uns selbst liegt. Wir haben uns verirrt, weil wir die Orientierung an Christus verloren haben.
Da kann dann nur eins helfen: Wieder hinschauen auf Christus! Buße und Beugung vor Ihm, und dann Ihn im Auge behalten! Das gibt Reinigung und Wiederherstellung und, von dieser Grundhaltung aus, Wachstum und freudige Heiligung.

Bei einem prunkhaften Herrscherbesuch, so wird berichtet, stand eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn in der vorderen Reihe der Menschenmenge, die die Straßen einer westeuropäischen Großstadt übersäten, um den Herrscher und sein Gefolge zu begrüßen. Endlich kam der Erwartete vorbei und mit ihm sein Hofstaat in glänzendem Gepränge. Alles ging verhältnismäßig schnell vor sich. Da mit einem Mal streckte die Mutter mit einem Ruck begeistert ihren Arm aus, wies ihren Jungen mit der Hand auf den gerade vorbeikommenden Herrscher hin und rief ihm eindringlich mit lauter Stimme zu: »Hinschauen und nie mehr vergessen!«
Wie machen wir es im Hinblick auf Christus, den König aller Könige? Laßt es uns wie eine Parole in unser Leben hinein-nehmen: »Hinschauen und nie mehr vergessen!« Lasset uns aufsehen auf Jesum! Er ist unser Heil und unser Helfer, unser Vorbild und unsere Kraft.

2. Der Blick auf die Kampfgenossen

Der Schreiber des Hebräerbriefes begründet seinen Zuspruch: »Laßt uns … in der Kampfbahn laufen« mit dem Hinweis auf die Glaubenshelden des Alten Testaments. »Deshalb« nun, »d a wir eine so große, uns umlagernde Wolke von Zeugen haben«, laßt uns laufen« Damit soll gesagt sein: Ihr Zeugen Jesu Christi in der neutestamentlichen Gemeindezeit, schaut hinein in die Geschichte der alttestamentlichen Vergangenheit! Bedenkt, was da schon erduldet, gelitten, gekämpft -, aber auch gesiegt worden ist! Es hat Glaubenshelden gegeben zu allen Zeiten. Ihr steht nicht allein! Ihr seid nicht die ersten, die um der Wahrheit willen zu dulden haben!
Das ist ja der eigentliche Sinn von Hebräer 11, diesem großartigen Kapitel über die »Siegesallee« des Glaubens. Was Hebräer 11 sein will, ist nichts Geringeres als ein über vier Jahrtausende umspannender Geschichts- und Erfahrungsbeweis, daß der Glaube eine Gotteskraft ist, und zwar eine Gotteskraft, die zu allen Zeiten, in allen Lagen, in den verschiedensten Ländern, bei Männern und Frauen, bei hoch und niedrig, in Krieg und Frieden, immer wieder die Bewährungsprobe bestanden hat.
Und wenn in Hebräer 11 eine so lange »Ahnengalerie des Glaubens« gezeigt wird, dann eben doch wohl deshalb, um damit den unwiderlegbaren Geschichtsbeweis zu liefern, daß wahrer Glaube sich nicht nur vorübergehend in kurzen Zeitabschnitten geistiger Hochfluten, etwa nur in Erweckungszeiten, als praktische Siegeskraft erweist, sondern zugleich auch in allen Lagen dazwischen, eben zu allen Zeiten und darum auch in deiner Zeit, deinem Leben, deiner Umwelt und deinen Bewährungsproben! Darum gibt es keine Entschuldigung, wenn du versagst. Der Blick auf die vielen Kampfgenossen bedeutet Ermutigung und Verpflichtung, Ansporn und Verantwortung. »Deshalb, da wir eine so große, uns umlagernde Wolke von Zeugen haben, . . laßt uns in der Kampfbahn laufen!«
Und wenn gesagt wird, daß diese Zahl der Glaubensmenschen uns geradezu »umlagert« (griech. perikeimenon), und wenn sie mit einer dichten »Wolke« verglichen wird, so soll damit auf die große Vielheit dieser Männer und Frauen hingewiesen werden, und genauso wie die Erinnerung an die langen Jahrhunderte eine Ermunterung unter dem Gesichtspunkt der Zeit war, so wollen es diese beiden Ausdrücke»umlagernd« und »Wolke« unter dem Gesichtspunkt der Zahl und des »geistigen Raumes« sein. Wo du nur hinschaust, siehst du Glaubenszeugen. Sie »umlagern« dich geradezu! Also Mut wird dir zugesprochen von allen Seiten her.
Der Ausdruck »Zeuge« will hierbei wohl kaum besagen, daß diese Gottesmänner von ihrer gegenwärtigen, überirdischen und außerirdischen Stellung heraus »Zuschauer« unseres heutigen Laufens und Ringens sind, gleichsam als solche, die von den »Tribünen« her unseren Kampf in der »Arena« beobachten – denn nirgends läßt die Schrift sonst ein bewußtes Teilnehmen und Mitwissen der Abgeschiedenen an dem Ergehen der noch hier kämpfenden Gemeinde erkennen -; sondern sie sollen damit wohl bezeichnet werden als Menschen, die zu ihrer Zeit »Zeugen« gewesen sind und die, wenn wir heute noch ihr Leben hinterher überblicken, auch uns jetzt noch durch ihr Beispiel »bezeugen« können, daß »Glaube im Einsatz« Gottes Siege erringt. Obwohl sie der Tod schon hinweggenommen hat, ist ihr Zeugnis doch nicht verstummt. Jene Glaubenshelden von gestern sind uns darum noch heute gegenwärtig. Sie »umringen« uns geradezu und werden uns zur Glaubensmahnung und Ermunterung.
Schließlich aber wird durch diesen ganzen Zusammenhang auch die hohe Würde wahren Einsatzes für Christus in das rechte, biblische Licht gerückt. Indem die Glaubenszeugen der Gegenwart zusammengestellt werden mit den Glaubenszeugen der Vergangenheit, werden die Bekenner von heute geadelt zu Schicksals- und Geistesgenossen der Propheten von damals. Sie werden eingereiht in die Armee der großen Gotteshelden, in die Schar der wahren Ehrenträger, zu denen der Höchste Sich bekennt (Hebr. 11, 16), der Menschen, die zwar durch Verachtung und Schmach hindurchzugehen hatten, die aber in Wahrheit der Erdboden nicht einmal wert war, zu tragen (Hebr. 11, 38)! Auch das ist wieder ein Grund, große Zuversicht zu haben, wenn allerdings auch – verglichen mit jenen – der Rahmen unseres persönlichen Lebens nur klein und unser eigenes Dienen und Zeugen, nach dem Maß der Führung Gottes, nur äußerst bescheiden sein mag und ist.

3. Der Blick auf den Feind.

Bei dem Ganzen ist die Bibel außerordentlich nüchtern. Niemals redet sie irgend einer Schwärmerei das Wort. Darum spricht sie auch ganz ehrlich von den hemmenden und feindlichen Gewalten, die dem Wettlauf des Glaubens entgegenstehen. Nirgends sagt die Schrift, wie man es so manchmal in Übergeistlichkeit sagt: »Du hast überhaupt nicht mehr gegen die Sünde zu kämpfen. Schau nur ganz allein auf Christus. Dann ist alles schon klar.« Nein, ganz im Gegenteil. Mit einer geradezu plastischen Anschaulichkeit und betonten Ausführlichkeit sagt sie: »Unser Kampf i s t . . . wider die Fürstentümer, wider die Gewalten, wider die Weltbeherrscher dieser Finsternis, wider die Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern« (Eph. 6,12). Die Bibel richtet eben unseren Blick nach b e i d e n Seiten: auf den Sieger und auf den Feind, auf den Himmel und auf die Hölle, auf Christus, der uns alles schenkt, und auf Satan, der uns alles bestreitet.
So darf bei allem Glauben an Christus der Feind nicht verharmlost werden. Er ist eine düstere Wirklichkeit, die mit Gewalt in unser Leben eingreifen will. Ohne Frage: Der Feind ist groß! Aber, Gott sei Dank, Christus, der Sieger, ist größer!

Mit Recht sagt Luther vom »alt bösen Feind«:
»Groß Macht und viel List
Sein grausam Rüstung ist.
Auf Erd‘ ist nicht sein’s gleichen.« – Aber ebenso mit Recht triumphiert er:

»Es streit’t für uns der rechte Mann,
Den Gott hat Selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt: Jesus Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein and’rer Gott.
Das Feld muß Er behalten!«

Diese Kampfsituation dauert an, bis die Vollendung erreicht ist. Denn das »Fleisch« ist ein Rebell. Es ist dem Gesetz Gottes »nicht untertan« (Röm. 8, 7). Es unterwirft sich nicht. Ja, es macht das Gesetz Gottes »kraftlos« und unwirksam (Röm. 8, 3). Es stirbt hienieden auch nicht. Auch kann es nicht geheiligt werden, sondern muß in ernstem Kampf, im Kampf des Glaubens, besiegt werden.

»Das Fleisch gelüstet wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch« (Gal. 5, 17). Hier steht Kraft gegen Kraft, Wille gegen Wille, Lust wider Lust! Und niemals erklärt sich dieser Empörer in seiner Rebellion gegen Gottes Willen hier auf Erden für besiegt. Er ist wie eine Spirale, die sofort, wenn der auf ihr ruhende Druck verschwindet, nach oben zurückschnellt. Er ist wie das Weib im Epha, die »Gesetzlosigkeit«, von der der Prophet Sacharja in seinen Nachtgesichten spricht, die im Augenblick, in dem das Bleigewicht von der Mündung des sie einsperrenden Hohlmaßes fortgenommen wird, sprungartig nach oben drängt und sich sichtbar macht und nur mit Gewalt in das Epha zurückgeworfen« werden kann (Sach. 5, 6-11). Er ist bei einem Gläubigen wie ein gefangener Revolutionär, der jeden Moment auf den Ausbruch aus seinem Gefängnis lauert und auch helle Augen hat, jede nur erdenkliche Gelegenheit für sich wahrzunehmen.

Darum widerstehe der Sünde von Anfang an. Spiele nicht mit der Sünde. Liebäugele nicht mit ihr. Versuchtwerden ist zwar noch keine Sünde – Gedanken an Böses sind noch nicht ohne weiteres gleich »böse Gedanken« -; aber dulden dürfen wir nicht, daß die Sünde in unserm Inneren Nester baut! Lerne» Nein« sagen gleich im Anfang, wenn die Sünde an dich herantritt. Nur so wirst du Sieg bekommen. Bedenke die Wahrheit des Wortes: «Säe einen Gedanken, und du erntest eine Tat. Säe eine Tat, und du erntest eine Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit, und du erntest einen Charakter. Säe einen Charakter, und du erntest ein Geschick!«

Geistliche Gesinnung ist darum stets auf der Hut. Sie kennt die Gefahren. Sie wacht und betet. Sie weiß: Unser Weg ist kein Rosenweg, sondern eine Kampfbahn. Der Triumph ist nicht gegenwärtig, sondern zukünftig. Wir leben noch nicht in Immanuels Land, sondern in der Fremde. Wir sind Kämpfende und Ringende, Wachsende und Werdende, Wandernde und Eilende. Wir sind Menschen, die in eine heilige Bewegung, eben auf den »Weg«, gebracht worden sind (Apg. 9, 2). Wir sind auf der Pilgerreise nach dem himmlischen Jerusalem in »Christ’s Waffenrüstung«.

Drei feindliche Gewalten können uns im Glaubenswettlauf hemmen: Welt, Sünden und Bürden.

Die »Welt« mit ihrem Widerspruch,
die »Sünde« mit ihrer Bezauberungsmacht,
die »Bürden« mit ihrem lähmenden Druck.

Die Welt hat Christus gehaßt.
Ihr »Widerspruch« hat Ihn ans Kreuz gebracht. Von ihr haben die Nachfolger Christi darum ebenfalls Ablehnung zu erwarten. Tiefere Freundschaften mit Unbekehrten, frei eingegangene, eheliche Verbindungen zwischen Gläubig und Ungläubig, Begehrlichkeit nach irdischen Gütern, Streben nach Anerkennung und Ehrenstellung auf Kosten eines klaren Christusbekenntnisses – das alles mildert zwar den Gegensatz zwischen »Welt« und Gemeinde; aber es macht uns auch unmöglich, wirkliche »Läufer« zu sein. Am Schluß ist jedoch jeder Kompromißmacher in ernstem Maße ein Verlierer. Er erreicht nicht das volle Ziel. Er wird nicht gekrönt (2. Tim. 2, 5).

Die Sünde will uns »umstellen«.
Sie will uns umzingeln von allen Seiten. Sie hat in ihrer Kriegstaktik eine erstaunliche Geschicklichkeit. Der Hebräerbrief gebraucht in unserer Stelle ein äußerst eindrucksvolles Wort. Er nennt die Sünde »wohlrings-umstellend« (griech. eu-peri-statos). Das bedeutet zwar nicht, daß uns die Sünde »immer anklebt«, als ob sie schier unvermeidbar wäre; aber es besagt auch noch mehr als nur »leichtumstrickend«.
»Es ist, wie wenn ein Läufer in einem dichten Gedränge stände, so daß er sich erst freie Bahn machen muß, damit er laufen kann. So vertritt uns die Sünde den Weg von außen und von innen, und es bedarf eines durchaus männlichen, durchgreifenden Ernstes, soll unser Lauf nicht stille stehen« (Schlatter). Möglicherweise auch denkt der Verfasser bei diesem Ausdruck »fest-umschließend« an das Bild eines langen, schweren Gewandes, das den Wettläufer am raschen Lauf hindert und darum abgelegt werden muß. Auch dies würde ganz in den Vergleich seines Zusammenhangs hineinpassen. In jedem Fall ist der Sinn der:

Die Sünde will »fein umzingeln«.Dabei geht sie äußerst geschickt vor. Dies tut sie auf doppelte Weise:
Sie tritt auf als »gebender Freund«. Sie verspricht einen Gewinn oder zum mindesten die Verhinderung eines Verlustes, einen Genuß oder mindestens die Umgehung einer Schwierigkeit, einen Vorteil oder die Vermeidung einer Unannehmlichkeit. Dies tut sie als Sinnlichkeit, Machtwille, Gewinnsucht oder» Not«lüge. Dabei beweist sie eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit ihrer Taktik bis hin zur völligen Selbsttarnung, ja bis zur Leugnung der Existenz ihres eigenen Oberherrn, des Satan. Stets kleidet sich das Böse in das Gewand irgend eines »Nützlichen« oder »Guten«. Jede Lüge lebt von einem Kern Wahrheit, der in ihr steckt und von ihr mißbraucht wird.

Dazu kommt eine zweite Methode ihrer Taktik. Die Sünde wird stets vor der Tat die böse Tat zu verkleinern suchen. Hinterher aber vergrößert sie sie und zerbricht dem Menschen die Zuversicht und den Mut, daß er doch noch einmal frei und rein werden könne. »Meine Missetat ist zu groß, als daß sie mir vergeben werden könnte« (1. Mos. 4,13). So führt sie ihn zunächst auf die Bahn des Leichtsinns und gleich hinterher in die Schwermut. Das Endziel aber ist, daß er den Kampf überhaupt aufgeben und ihr in Weltsinn und Sklaverei dienen soll. So ist sie zuerst »Freund« und dann Tyrann, zuerst Blendwerk und dann Finsternis.

Aber, Gott sei gepriesen! Es gibt noch eine andere Macht, die dir ebenfalls von allen Seiten herannaht! Das ist Gott und Seine Retterkraft. Wohl ist es wahr: die Sünde steht angriffsbereit und äußerst geschickt von allen Seiten und an allen Ecken lauernd herum. Aber ebenso wahr ist es, was der Psalmist von seinem Heiland-Gott jubelnd bezeugt: »Du umgibst mich mit Rettungsjubel!« (Ps. 32, 1). In der Tat:
Er, der Herr, unser Gott, ist »um sein Volk her« (Ps. 125, 2). Sein Name ist ein festes Schloß (Spr. 18, 10). Seine Erlösten sind darin geborgen.

Der Herr, unser Gott, waltet über uns voller Liebe. »Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus« (5. Mose 32, 11).
Der Herr, unser Gott, schützt uns von unten her, daß wir nicht fallen; denn »der Gott der Urzeit ist deine Wohnung, und unter dir sind ewige Arme« (5. Mose 33, 27). »Er trug ihn auf seinen Flügeln« (5. Mose 32, 11).
Der Herr, unser Gott, steht uns bei nach allen Seiten. »Ich habe Jehova stets vor mich gestellt. Weil er zu meiner Rechten ist, werde ich nicht wanken« (Ps. 16,8). »Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen« (Ps. 91, 7).
Der Herr, unser Gott, geht uns voran als unser Feldherr. »Der Durchbrecher zieht vor ihnen her, sie brechen durch und ziehen durch das Tor. . ., und ihr König zieht vor ihnen her und Jehova an ihrer Spitze« (Micha 2,13 vgl. 2. Mose 13, 21).
Der Herr, unser Gott, deckt uns von hinten her als unsere Nachhut. »Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog und machte sich hinter sie; und die Wolkensäule machte sich auf von ihrem Angesicht und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. . ., daß sie nicht zusammenkommen konnten« (2. Mose 14,19; 20).

Und schließlich:
Der Herr, unser Gott, wohnt als Gotteskraft in uns. »Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen« (Joh. 14,23). »Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit« (Kol. 1, 27).

So ist Christus der Herr nach allen Seiten hin unser Leben. Er ist »alles und in allem« (Kol. 3, 11), die Grundlage und das Ziel, der Anfänger und der Vollender. Darum dürfen wir stets siegesgewissen Mut haben, in der felsenfesten Gewißheit: »Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr ringsum sein Volk, von nun an bis in Ewigkeit« (Ps. 125, 2). Damit aber hat die allseitig uns leicht umstellende Sünde in Christus, dem Immanuel, dem allseitig sich offenbarenden »Gott mit uns«, ihren Meister gefunden.

Im Buch des Propheten Sacharja lesen wir von einem eigenartigen Nachtgesicht des Propheten. Vier Hörner starren aus dem Erdboden hervor. Vier Schmiede (Werkleute) kommen heran, jeder offenbar mit einem schweren Hammer bewaffnet. Und dann hauen diese vier Schmiede mit ihren vier Hämmern diese vier Hörner zerschmetternd entzwei (Sach. 1, 18-21).
Der dolmetschende Engel erklärt dem Propheten den Sinn der Vision: Die vier Hörner stellen die Gewalten dar, die das Volk Gottes von allen vier Himmelsrichtungen her feindlich umgeben (- das Horn als Symbol der Kraft). Die vier Schmiede sind die göttlichen Kräfte, die der Herr zur Errettung Seines bedrängten, auserwählten Volkes einsetzt.
Beachten wir: Nicht drei göttliche Gegenwirkungen gegen vier Feindgewalten, sondern Vier gegen Vier! Keine Feindesmacht ist ausgelassen! Kein Gegner ist übersehen! Sie alle sollen zerschmettert werden. Der Triumph soll total sein!
Und ferner: Nicht vier Schreiber oder Schneider oder Kaufleute kommen heran, sondern vier Werkleute (Schmiede)! Das will sagen: Gottes Handeln gegen den Feind ist nicht kraftlos, sondern stark. Er ist Seinen Gegnern nicht etwa nur ebenbürtig, sondern weit überlegen! Darum kann die Stadt Gottes »fein lustig« bleiben (Ps. 46,5 Luth.). Denn das Ende ist ihr allseitiger Triumph. Die vier Hörner sind zerbrochen. Das Volk des Herrn ist gerettet.
Dies alles aber durch Gottes Kraft. E r hat alles vollbracht! »Die Rechte des Herrn behält den Sieg« (Ps. 118,15; 16).
Bedenke: Der Feind ist eine Großmacht, du selbst bist eine Ohnmacht; aber dein Gott ist die ewige Allmacht. Darum eile mit deiner Ohnmacht zu Seiner stets einsatzbereiten Allmacht, und der Sieg über die Großmacht der Sünde wird dein sein.

Bürden« sind nicht das gleiche wie »Sünden«.
Aber auch Bürden sind Hindernisse im Wettlauf und müssen darum »abgelegt« werden.
Sorgen sind Bürden; den sie lähmen die geistliche Schwungkraft; sie sind unnütze Selbstbelastung und machen richtiges Laufen in der Kampfbahn unmöglich.
Gewisse Ansprüche sind Bürden und lähmen unseren Einsatz für Christus.
Falscher Anspruch auf Geld hindert den Missionseinsatz und die praktische Liebestätigkeit.
Falscher Anspruch auf Zeit fördert Selbstsucht und Bequemlichkeit, macht träge im Versammlungs-, besonders Gebetsstundenbesuch sowie im Besuchen von Kranken oder in Ausübung sonstiger Liebes- und Gemeindedienste.
Falscher Anspruch auf Ehre macht zeugnisschwach und feige und hindert uns, in freudigem Bekenntnis gern die Schmach Christi auf uns zu nehmen.
Zweifellos sind irdische Dinge eine Lebensnotwendigkeit; zweifellos sind Zeit sowie bürgerliche und persönliche Ehre von hohem Wert für unser menschliches Dasein und in keiner Weise grundsätzlich zu verneinen. Aber wahre, geistliche Gesinnung wird von Fall zu Fall die Grenze erkennen, wo Dinge, die an sich gut und erlaubt sind, durch gewisse Überbetonung zur «Bürde« werden. Das Entscheidende ist, daß unser Inneres von Christus »ergriffen« wird (Phil. 3,12), daß unser Herz »besetztes Gebiet« geworden ist, daß wir die rechte Gesinnung und Grundeinstellung haben. Dann bekommen wir auch für alle diese Unterscheidungen ein feines Gemerk, und wir bleiben frei und gebunden, lebensnah und einsatzbereit, natürlich und geistlich zugleich. Dann bekommt das Irdische sein Recht, das Himmlische aber sein Vorrecht. Es kommt eben immer darauf an, daß alles Zeitliche unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit geschaut wird.
Damit ist zugleich die vierte Blickrichtung genannt, die, nach Hebräer 12, der Wettläufer des Glaubens haben muß.

4. Der Blick auf das Ziel.
Nur wenn der Kämpfer in der Rennbahn ganz straff auf das Ziel ausgerichtet ist, hat er Aussicht auf Sieg. Darum sagt Paulus – und der Hebräerbrief bewegt sich ja stark gerade auch in paulinischen Gedankengängen -: »Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin nach dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christo Jesu« (Phil. 3, 14).
Der Mensch wird nicht nur von seiner Vergangenheit (Abstammung, Erziehung) und Gegenwart (Umwelt und Arbeit) gebildet, sondern ganz stark auch von seiner Zukunft. »Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zielen.« Darum gehören auch im geistlichen Leben Hoffnung und Heiligung zusammen. »Jeder, der diese Hoffnung zu Ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie Er rein ist« (1. Joh. 3, 3).
Christus hat auf Golgatha gelitten mit dem Blick auf »die vor ihm liegende Freude« (Hebr. 12, 2). Bei Seinem Gang in das Dunkel des Todes schaute Er hindurch in den Lichtglanz des Triumphes.
Diese Haltung darf auch die unsere sein. Wenn du um des Zeugnisses willen Schmach auf dich nimmst, so freue dich auf den ewigen Ehrenkranz. »Ein jeder nun, der mich vor den Menschen bekennen wird, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist« (Matth. 10, 32). Wenn du um der Heiligung willen auf Sündengenuß verzichtest, so sei gewiß, daß du einst genießen wirst von dem verborgenen, himmlischen Manna (Offb. 2, 17).
Wenn du um der Ausbreitung des Evangeliums willen Opfer an Geld und Gut darbringst, so sei dir gesagt: Gott bleibt dir nichts schuldig. Jede solche Abbuchung vom irdischen Konto ist Gutschrift auf das himmlische Konto. »Nicht daß ich die Gabe suche, sondern ich suche die Frucht, die überströmend sei für e u r e Rechnung« (Phil. 4,17).
So umfaßt diese Zielausrichtung unseres Glaubenslaufes alle inneren und äußeren Lebensgebiete. Das Ziel ist es wert, daß wir uns voll einsetzen.

IV. Der Christ und das Leid.

Hebr 12, 4-11: Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde
und habt bereits den Trost vergessen, der zu euch redet wie zu seinen Kindern: »Mein Sohn, achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst.

Denn wen der Herr liebhat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.«
Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müßt. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?
Seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder.
Wenn unsre leiblichen Väter uns gezüchtigt haben und wir sie doch geachtet haben, sollten wir uns dann nicht viel mehr unterordnen dem geistlichen Vater, damit wir leben?
Denn jene haben uns gezüchtigt für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, dieser aber tut es zu unserm Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen.
Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit.

Durchhalten! Sich in keinem Fall niederringen lassen! Nimmermehr rückwärtsbegehren, sondern zielbewußt vorwärts eilen! Mit der Frische des Anfangs ausharren bis ans Ziel!
Nur so erlangt der Läufer in der »Kampfbahn des Glaubens« den Siegespreis. Nur so wird er gekrönt. Das ist das Anliegen des Hebräerbriefes. Das ist die Botschaft von Hebräer 12.
Dies geschieht in unserem Kapitel in zwei großen Gedankenreihen. In diesem Sinne teilen wir es in zwei Hauptabschnitte ein:
1. Mahnung zur Ausdauer in Leiden und Kampf: Vers 1-11.
2. Unterstreichung dieser Mahnung durch eindringliche Erinnerung an die Verantwortlichkeit und Herrlichkeit der neutestamentlichen Berufung: Vers 12-29.
Die Mahnung zur Ausdauer gibt der Schreiber durch einen dreifachen Hinweis.
Wahrer Glaube bewährt sich
– im Rückblick auf die Standhaftigkeit der alttestamentlichen Gotteszeugen: V. 1.
– im Aufblick auf Jesus, das Hauptvorbild des Ganzen: V. 2 und 3.
– im Hinblick auf den Segen des Leidens für den Leidenden selbst: V. 4-11.
Das Leid gilt es, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit zu sehen. Nur so wird man seinen hohen Wert erkennen. Es ist nichts überflüssiges oder gar Störendes und Hemmendes. »Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung« (V. 5).
Wir müssen eine Hochachtung haben auch vor den Dunkelheiten und Rätseln in unserem Leben. Denn in allem ist letzten Endes – Gott.
Wer das Leid in seinem Leben nicht gottgemäß beurteilt, fühlt sich durch Schwierigkeit und Not in seinem Laufen behindert. Das Leid wird für ihn Ballast. Es hält ihn auf in der Kampfbahn.
Darum muß der Läufer in der »Kampfbahn des Glaubens« den rechten Blick für den Sinn seiner Leiden bekommen. Nur dann sind sie für ihn nicht Hinderung, sondern Hilfe, nicht Aufenthalt, sondern Förderung. Dann werden die Beschwerungen seines Lebens ihm zu Erleichterungen seines Strebens. Das scheinbar Lähmende bewirkt neue Schwungkraft. Das scheinbar Zurückhaltende hilft zum Vorwärtseilen. Das »Nieder«drückende wird Anlaß zum »Auf«blick. »Lasset uns aufsehen auf Jesum!«
In geradezu erstaunlicher Fülle wird darum in Hebräer 12, im Anschluß an den Aufruf zum Wettlauf, in ganz wenigen Versen (V.5-11) der Segen des Leides geschildert.

Dies geschieht in zum mindesten siebenfältiger Weise:
– Wahrer Glaube sieht in Schwierigkeiten des Lebens Beweise der Vaterschaft Gottes: Hebr. 12, 5a; 6; 3; 8;
– betrachtet Nöte und Leidenswege als Führungen der Liebe Gottes: Hebr. 12, 6a;
– vertraut mitten im Leid auf die Irrtumsfreiheit und Fruchtbarkeit aller Entscheidungen der Weisheit Gottes: Hebr. 12,10a;
– rechnet im Gewirr des Geschehens mit der ordnenden Hand der alles überwaltenden Weltregierung Gottes: Hebr. 12,7a;
– stellt sich auch in unverstandenem Dunkel kritiklos unter das freie Regiment der königlichen Autorität Gottes: Hebr. 12, 9;
– betrachtet die Leiden als Notwendigkeit der Erziehung zur Umgestaltung unseres Lebens in das Wesen der Heiligkeit Gottes: Hebr. 12, 10;
– bewertet die Dunkelheiten des Lebens als Mittel in der Hand Gottes zur Erreichung der lichtvollen Endziele Gottes: Hebr. 12, 11b.

1. Wahrer Glaube sieht in Schwierigkeiten des Lebens Beweise der Vaterschaft Gottes. Leiden bezeugen uns unsere Sohnesstellung. »Gott handelt mit euch als mit Söhnen; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?« (V. 7.) Wo Zucht fehlt, fehlt auch die rechte Vaterschaft. Wenn schon unsere irdischen Väter, denen wir das leibliche Leben verdanken, uns unter ihre Zucht stellen mußten, wieviel mehr dann erst recht Gott, der »Vater der Geister«, dem wir unser geistiges und geistliches Leben verdanken?
Falsch ist darum die Klage: Wie kann Gott gerade uns, Seine Kinder, so leiden lassen? Nein, im Gegenteil, Gott läutert und erzieht uns, gerade weil wir Seine Söhne sind! Nicht »trotz«, sondern »wegen« Seiner Vaterschaft muß Er uns in Seine Zucht nehmen. Darum sind die Leiden Seiner Kinder kein Grund zur Enttäuschung, sondern zur Gewißheit und Dankbarkeit, daß Er, der große Gott, in Jesus Christus, Seinem Sohne, unser Vater geworden ist. Sie sind geradezu Beweise unseres Adels- und Kindschaftsstandes. Gott spricht zu euch »als zu Söhnen« (V. 5a). Er handelt mit euch »als mit Söhnen« (V. 7). Er geißelt jeden »Sohn« (V.6). »Sonst wäret ihr ja Bastarde und nicht Söhne!« (V: 8.) – Auch das hier in der Ursprache für «Züchtigung« und «züchtigen« gebrauchte Wort ist wurzelverwandt mit dem griechischen Wort für »Kind‘ (griech. paideuein von pais Kind, Knabe, Mädchen: Matth. 2, 16; Joh. 4, 51; Luk. 8, 51; 54), »jemand als Kind erziehen« und, wenn es nötig ist, auch als Kind strafen, »züchtigen«.
Und bei dem allen bedenke: Du bist nicht der einzige Sohn, der zuweilen dunkle Wege geführt wird. Gott stäupt »jeden« Sohn (V. 6). Dir geschieht also nichts Sonderliches. Auch das mag dir helfen, dein Leiden nicht überzubewerten! »Wisset, daß dieselben Leiden sich vollziehen an eurer Bruderschaft, die in der Welt ist« (1.Petr. 5, 9).
Das macht vorsichtig und zurückhaltend in der Einschätzung der eigenen Belastungen und kann ebenfalls eine Ermutigung sein: Wenn die anderen, durch des Herrn Kraft, in der Kampfbahn des Glaubens, mitten in Schwierigkeit und Leid durchhalten können, dann kann auch ich! Ich stehe nicht allein, sondern ich bin eingereiht in eine große Schar von Brüdern und Schwestern, die ähnlich geführt werden wie ich. Und ihr himmlischer Vater ist auch mein himmlischer Vater, und Er wird uns alle ans Ziel bringen.

2. Wahrer Glaube betrachtet Nöte und Leidenswege als Führungen der Liebe Gottes. »Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er, und er geißelt jeden Sohn, den er aufnimmt« (V. 6). Leiden beweisen, daß Gott an uns interessiert ist, daß Er an uns arbeitet, eben daß Er uns liebt. »Wie hat er die Leute so lieb! Alle seine Heiligen sind in deiner Hand; sie werden sich setzen zu deinen Füßen und werden lernen von deinen Worten« (5. Mose 33, 3).
Welch ein allgenugsames Beschäftigtsein des großen, allmächtigen Gottes mit unserem kleinen, winzigen Leben! Wie ist doch die ganze Liebe unseres Vaters im Himmel mitbeteiligt, uns Bewahrung, Heiligung und Segnung auf unserem Weg durch das Land der Zeit in das Land der Ewigkeit zu schenken!

Gottes H e r z »liebt« uns – Wir haben Gottes Erwählung.
Gottes H a n d »hält« uns – Wir haben Gottes Bewahrung.
Gottes M u n d »belehrt« uns – Wir haben Gottes Worte.
Zu Gottes F ü ß e n »ruhen« wir – Wir haben Gottes Frieden.
Darum darf das Kind des himmlischen Vaters auch im Leiden getrost sein. Es weiß: Von Seiner Liebe kann mich nichts scheiden (Röm. 8, 38; 39). Ja, noch mehr: Alles – und gerade auch das Schwere – ist sogar ein B e w e i s Seiner Liebe! Sorgen sind darum im Widerspruch zu unserer Kindesstellung. In der Bergpredigt führt Jesus geradezu einen heilig energischen Feldzug wider den Sorgengeist.

Aus sieben Gründen soll der Christ die Sorge meiden.

1. Sorgen sind unnütz.
Du vermagst ja mit allem Sorgen der Wegstrecke deiner Lebenswanderung auch nicht eine einzige Elle hinzuzufügen. Deinen gleichsam tausend Kilometer langen Lebensweg kannst du auch nicht um 60 Zentimeter verlängern (Matth. 6,27).2)
2) Die Übersetzung «Größe« ist unklar, da sie auf den Gedanken führen könnte, als ob die K ö r p e r größe gemeint sei. Aber der Herr will ja gerade betonen, daß wir auch das Winzigste nicht vermögen. Die Hinzufügung einer Elle zur K ö r p er größe wäre aber etwas geradezu erstaunlich Großes. Auch wäre sie nicht gerade erwünschenswert, so daß sie wohl niemand durch Sorgen zu erreichen sucht. Es kann sich also nur um die Lebenslänge unter dem Bild einer langen Wegstrecke handeln. Im Vergleich zu dieser wäre eine Elle allerdings etwas verschwindend Kleines. Aber auch nicht einmal um Minuten können wir mit Sorgen unsere Lebensdauer verlängern.

2. Sorgen sind schädlich.
Sie sind überflüssige, törichte Selbstbelastung im Lauf. Denn auf diese Weise erlebst du deine Not z w e i mal:
– das erste Mal in der Phantasie (deiner Vorstellungswelt),
– das zweite Mal in der Wirklichkeit,
– das erste Mal in der Erwartung,
– das zweite Mal in der Erfahrung.
Aber einmal würde genügen! »Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe« (Matth. 6, 34). Darum sei doch kein »Schattenjäger«, sondern suche die Sonne mehr auf »Niemals bemühe die Bemühung, bevor die Bemühung dich bemüht.«

3. Sorgen sind unwürdig.
Die Lilien auf dem Felde, die Vögel des Himmels sorgen nicht und sind doch »versorgt«. Und bist du nicht mehr als sie? Passend und fein sind die Bilder des Herrn.
Nahrung und Kleidung sind die beiden Hauptgegenstände des Sorgengeistes. Auf die Nahrung beziehen sich die Vögel, das Bild aus der Tierwelt; auf die Kleidung beziehen sich die Lilien, das Bild aus der Pflanzenwelt.
Sorgengeist ist Verleugnung des Menschheitsadels. Schon als Mensch ist der Mensch mehr als Blume und Tier. Als Mensch ist er die Krone der Schöpfung und zum Königtum bestimmt.
Eines Tages, so wird berichtet, war König Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm I.) bei der Regelung schwieriger Staatsangelegenheiten in großen Sorgen. Am Morgen nach einer durchwachten Nacht erklärte er Bismarck im Gespräch während einer Audienz den Grund seiner Erschöpfung und Schlaflosigkeit. Da aber hat Bismarck sich kraftvoll aufgerichtet, den König fest angeblickt und mit starker, markanter Betonung die Worte gesagt: »Majestät, ein König muß schlafen können!«
Alles Sorgen ist unköniglich. Der Sorgende vergißt den hohen Stand seiner Berufung, die Willigkeit und Macht des großen Gottes, die Allgenugsamkeit und Allweisheit der ewigen Liebe.

4. Sorgen sind unkindlich.
Als Kinder des himmlischen Vaters dürfen wir es dankbar und freudig glauben: »Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr dies alles bedürfet« (Matth. 6, 32). Sorgengeist eines Gotteskindes ist darum Nichtbeachtung seines himmlischen Adelsstandes. Es gehört zur Verwirklichung unserer Sohnesstellung, daß wir unserem Vater froh vertrauen.

5. Sorgen sind irdisch.
Sie richten das Fragen und Sinnen gar zu sehr auf die Dinge hier unten (Nahrung und Kleidung); der Sinn eines Gläubigen aber soll nach oben gerichtet sein.
»Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen« (Matth. 6, 33).

6. Sorgen sind götzendienerisch.
Sie beschäftigen sich zu stärk mit dem Haben oder Nichthaben irdischer Güter. Das aber ist Mammonsdienst. Mit Bewußtsein und Absicht läßt der heilige Text bei dem Wort »Mammon« das Geschlechtswort »dem« aus, behandelt es also wie einen Personennamen. »Mammon« ist gleichsam Götter- und Götzenname wie Apollo oder Diana. »Ihr aber könnt nicht zwei Göttern dienen: Gott Jehova und Götze Mammon!« (Matth. 6,24) 4)
4) In Matth. 6, 24 steht im Griechischen bei Mammon‘ der Artikel »dem‘ nicht.

7. Sorgen sind heidnisch.
»Nach solchem allem trachten die Heiden« (Matth. 6, 32). Sorgengeist ist ein Denken, das dem Wesen des Reiches Gottes widerspricht. Es erniedrigt den Erlösten in das Denken eines Unerlösten hinein. Er, der doch im Reich der Gnade lebt, verhält sich wie einer, der draußen steht. Er benimmt sich wie ein Heide. Aus allen diesen Gründen soll der Christ die Sorge meiden. Darum: »Alle eure Sorge werfet auf Ihn; denn Er sorgt für euch« (1. Petr. 5, 7).

»Gott ist mächtig, alle Gnade gegen euch überströmen zu lassen, auf daß ihr, in allem, alle-zeit alle Genüge habend, überströmend seid zu allem guten Werk« (2. Kor. 9, 8).5) – (Im Griechischen liegt fünfmal dieselbe Wortwurzel »all« vor: pasan, panti, pautote, pasan, pan.)
»Ich will dich nicht verlassen noch versäumen« (Hebr. 13,5).

Wahrer Glaube vertraut mitten im Leid auf die Irrtumsfreiheit und Fruchtbarkeit aller Entscheidungen der Weisheit Gottes.
Irdische Väter können, bei allem Reichtum reifster Lebenserfahrungen, bei aller Liebe und Klugheit, in der Wahl ihrer Erziehungsmaßnahmen dennoch irren. Ihr Tun ist stets ein Handeln mit dem beschränkten Blick und der tastenden Hand eines Menschen. Das Höchste, was sie vermögen, ist, daß sie ihre Entscheidungen nach ihrem besten Wissen und Gewissen, also in edelstem Sinne »nach ihrem Gutdünken« treffen. Der himmlische Vater aber irrt nie. Seine Zucht steht über all dieser Mangelhaftigkeit. In der liebenden Behandlung Seiner Kinder vollzieht Er niemals einen Fehlgriff.

Alles ist zweckdienlich gewählt, genau passend auf das erstrebenswerte Ziel ausgerichtet, und dies Ziel ist das Höchste, nämlich Sein eigenes, heiliges Wesen.
Die Leiden sollen dazu mithelfen, daß wir Gott ähnlich werden. Darum kann der Glaube nicht nur in der Liebe, sondern nun auch in der Weisheit Gottes still ruhen. Er weiß: »Ich bin Gottes Kind und nicht Sein Geheimer Rat« (Tersteegen). Auch wenn ich in Trübsal und Not keinen Ausweg mehr sehe: Seine Hand läßt mich nicht. Mein Vater steht über allem! Mein Vater weiß!

»Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl.
Das macht die Seele still und friedevoll.
Ist’s doch umsonst, daß ich mich sorgend müh,
Daß ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.
Du weißt den Weg ja doch. Du weißt die Zeit.
Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht.
Ich rühm‘ die Gnade, die mir Heil gebracht.« (Hedwig von Reedern.)

4. Wahrer Glaube rechnet im Gewirr des G e s c h e h e n s mit der ordnenden Hand der alles überwaltenden Weltregierung Gottes. Denn das steht doch im Hintergrund der ganzen Belehrung unserer Hebräerstelle, daß die Leiden der Erlösten einen tieferen Sinn haben als ihr äußerer »Schein« (Hebr. 12, 11), daß, bei allem Handeln der Feinde, eigentlich G o t t der »Handelnde« ist, daß, bei aller Zielsetzung zur Zerstörung von seiten der Christenverfolger, das eigentliche Ziel des Geschehens die Verklärung der Christusgläubigen ist.
»Was ihr erduldet, ist zur Erziehung« (V. 7a). »Gott h a n d e l t mit euch« (V. 7), und zwar »zum Nutzen« (V. 10). »Hernach« aber gibt das Leid – auch das Leid der Verfolgung, um das es sich in dem ursprünglichen Zusammenhang ja handelt – denen, die sich dadurch üben lassen, »die friedsame Frucht der Gerechtigkeit« (V. 11).
Das aber heißt: Gott überwaltet das Handeln sogar auch Seiner Feinde. Sie gedachten, es böse zu machen. Er aber wird alles zum Guten wenden (vgl. 1. Mose 50, 20). Er benutzt die Zielsetzung der Gottlosen zur Durchführung Seiner göttlichen Ziele. Er handelt in geheimnisvoller Selbstverhüllung, auch dem Glauben nur bis zu einem gewissen Grade erkennbar. Bei aller Vielheit des Geschehens verliert Er niemals den Überblick. Er ist nicht nur der Gott der Gesamtheit, sondern zugleich auch der Einzelseele. Im Großen vergißt Er nicht das Kleine, im Gesamtgeschehen nicht die persönliche Lebensgeschichte, im Ablauf der Jahrtausende nicht den Geschehnisinhalt der Sekunden.
In dem verwickelten, netzartig verflochtenen Ineinander aller Zeiten und Räume, aller Gestalten und Gestaltungen hält Er dennoch letzten Endes alle Fäden in Seiner Hand.
So kann der Glaube sogar Handlungen der Ungläubigen als ihm von G o t t zugesandt ansehen. Dies gibt eine ungemein starke Überlegenheit in allen Wechselfällen des Lebens.
»N i c h t  i h r habt mich hierher gesandt, sondern G o t t !« (1. Mose 45, 8), sagte Joseph zu seinen Brüdern, obwohl er doch wußte, was geschehen war, und obwohl er sich ihnen doch gerade soeben vorgestellt hatte mit den Worten: »Ich bin Joseph, euer Bruder, den i h r nach Ägypten verkauft habt« (V. 4). Und auch: »G o t t hatte im Sinne, es gut zu machen, auf daß ER täte, wie es an diesem Tage ist« (1.Mose 50, 20).
So nimmt der Glaube letzten Endes nichts aus der Hand der Menschen; sondern alles, auch das Schwere, allen Verlust, ja selbst das Unrecht, das er erdulden muß, nimmt er aus der Hand des liebenden, alles überwaltenden, großen Gottes.
»Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?« (Amos 3, 6).
Hier stehen wir vor einem gewaltigen Geheimnis der göttlichen Weltregierung, dessen Tatsachenwucht wir gehorsam und vertrauensvoll anzuerkennen haben, dessen Zusammenhänge wir aber im einzelnen verstandesmäßig nicht zu erkennen vermögen. Zugleich aber macht es uns außerordentlich glücklich und froh, auf diese Weise zu wissen: »Alles, was an dich herantritt, muß erst an Gott vorbei.«
Darum redet auch die Schrift niemals von einer bloßen »Zulassung« Gottes. Gottes ewiger Reichsplan waltet über unserem Leben. Darum wissen wir auch, »daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind« (Röm. 8, 28).

Alles Irdische ist Dienstmittel des Himmlischen. Durch alles – auch durch das »Schlechteste« – soll das »Beste« erreicht werden: die Umgestaltung der Erlösten in Jesu Bild, daß sie» dem Bilde seines Sohnes gleichförmig« werden, »damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern« (Röm. 8, 29).
Ausdrücklich wird erklärt, daß dies nur bei denen eintritt, »die Gott lieben«. Denn »irdische Dinge muß man kennen, um sie lieben zu können; göttliche Dinge aber muß man lieben, um sie erkennen zu können« (Pascal).

Und nicht umsonst wird hinzugefügt, daß es die sind, »die nach Vorsatz berufen sind«. Damit soll gesagt sein: Eine ewige Planung waltet über unserem Leben. Unser kurzes Erdenleben liegt zwischen zwei Ewigkeiten: der vorzeitlichen Ewigkeit mit der göttlichen Erwählung und der nachweltlichen Ewigkeit mit der Vollendung und Verherrlichung.
Alle Umstände der Zeit sind eingebaut in die Planung der Ewigkeit. Wenn darum hienieden alle Geschehnisse und Verhältnisse zur Verwirklichung des göttlichen Heilszieles mitdienen, so ist dies kein jeweilig neu auftretender, gleichsam unvorhergesehener, glücklicher Umstand oder gar Zufall in der gerade vorliegenden Einzelsituation, sondern ist planmäßig von Gott in den ewigen Gnadenrat mit eingeschlossen.
So hat die Glaubensgewißheit, daß alles Zeitliche Glied einer Kette des Ewigen ist, einen heilsgeschichtlichen Felsenhintergrund, und das zuversichtliche Rechnen mit der alles überwaltenden Weltregierung Gottes läßt uns auch auf dunklen und gefahrvollen Wegstrecken feste und gewisse Tritte tun.

5. Wahrer Glaube stellt sich auch in unverstandenem Dunkel kritiklos unter das freie Regiment der königlichen Autorität Gottes. Sollten wir uns denn nicht unter die Erziehungsmaßnahmen unseres himmlischen Vaters gehorsam, ohne Widerspruch und ohne inneres Aufbegehren, still, dankbar, beugen? Sind denn nicht Seine Gedanken unendlich viel höher als unsere Gedanken? (Jes. 55, 8; 9) »Habe dein Geschick lieb, denn es ist der Weg Gottes mit deiner Seele!« Und wenn dich auch tausend Rätsel umringen und wenn alles auch noch so ausweglos und sinnwidrig erscheint: Gottes Bücher müssen rückwärts, vom Ende aus, gelesen werden, und vom einst erreichten Ziel aus werden auch alle Dunkelheiten des Weges strahlend hell. Bis zum Anbruch der Ewigkeit wohnt Gott im Dunkel. Je mehr sich der Priester in Stiftshütte und Tempel dem eigentlichen, sinnbildlichen Wohnsitz Jehovas, dem Gnadenthron mit Bundeslade, Versöhnungsdeckel und Schechina, näherte, desto dunkler wurde es um ihn.

Der »Vorhof« war unter freiem Himmel, vom Strahlenglanz der natürlichen Sonne hell beleuchtet.
Das »Heilige« hatte nur gedämpftes Licht – im allseitig umschlossenen Raum leuchtete lediglich der siebenarmige Leuchter.
Das »Allerheiligste« aber war ganz dunkel. »Jehova hat gesagt, daß er im Dunkel wohnen wollte« (1. Kön. 8,12; vgl. 2. Mose 20,21).
Der Sinn ist: Je näher der Mensch zu Gott kommt, desto mehr naht er sich dem großen Mysterium.
Gott ist der Ewige, der »ganz Andere«, der schlechthin Überlegene. Die absolute Unendlichkeit ruht in Ihm. Kein Menschenverstand kann Seine Gottestiefen ergründen. Hier können wir uns nur unserer Kleinheit bewußt werden, uns bescheiden und uns beugen. Hier müssen wir Ihn anerkennen und bewundern, schweigen und anbeten, »die Augen schließen und glauben blind«.
Gott »wohnt in einem Licht, da niemand zukommen kann« (1. Tim. 6, 16). Davon sollte auch Seine irdische, symbolische Wohnstätte zeugen. Seine Unerschaubarkeit aber konnte, in Tempel-Bildersprache, nur durch das Fehlen jedes geschöpflichen Lichtes ausgedrückt werden, das heißt, das absolute Licht nur durch mystisch-symbolisches Dunkel.

In der ewigen Gottesstadt aber wird Sein Angesicht geschaut werden (Offb. 22, 4; Matth. 5, 8). Darum ist das himmlische Allerheiligste dann nicht mehr unerleuchtet und dunkel, sondern von strahlendem Lichtglanz erfüllt (Offb. 21, 10; 11; 23). »Der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten« (Offb. 22,5). »Wir werden ihn sehen, wie er ist« (1. Joh. 3, 2). Und – sowohl im Großen wie auch im Kleinen – werden wir »erkennen, wie wir erkannt worden sind« (1. Kor. 13,12). Dies wird seliges Erleben werden sowohl im Hinblick auf Gottes allgemeine Heilsratschlüsse als auch auf Seine persönlichen, oft so rätselhaften Sonderwege mit uns.
Vor allem wird eins offenbar: Gottes Handeln im Leid war immer nur Hilfe für unser geistliches Wachstum.

6. Wahrer Glaube betrachtet die Leiden als Notwendigkeiten der Erziehung zur Umgestaltung unseres Lebens in das Wesen der Heiligkeit Gottes. Gott züchtigt uns »zum Nutzen«, damit wir »seiner Heiligkeit teilhaftig werden« (Hebr. 12, 10). »Not ist auch Notwendigkeit, weil manches nur in Not gedeiht.« Dabei muß Gott manchmal sogar ernst eingreifen. Denn: »Kleine Schwierigkeiten bringen uns oft außer uns, und erst große Schwierigkeiten bringen uns wieder zu uns« (Jean Paul). In allen Heimsuchungen »sucht« Er uns »heim«. Das heißt: Er »sucht« uns und bemüht Sich, daß wir, die ach! so Flüchtigen, wieder innerlich »nachhause« finden sollen. Ins Haus des Vaters! Alle Enttäuschungen sind »Ent-Täuschungen«. Sie sollen uns aus der Illusion herausrufen, in die die Sünde uns gebracht hat, aus der »Täuschung«, als ob wir selber so wichtig und die irdischen Dinge das eigentlich Wesenhafte am Leben seien. Denn gerade der Erde Leid dient mit zur Erlösung des Menschen. Gerade dadurch, daß sie ihm das nicht bieten kann, was er von ihr erwartet, löst sie ihn selber von seinen falschen Hoffnungen und nährt seine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese. So sollen seine Enttäuschungen am Irdischen den Menschen freizumachen helfen für das Verlangen nach dem Himmlischen, damit er am Ende das Bekenntnis ablegen kann: »Siehe, zum Heile ward mir bitteres Leid« (Jes. 38, 17).
Darum nun zum Schluß:

7. Wahrer Glaube bewertet die Dunkelheiten des Lebens als Wege zum ewigen Licht, a l s Mittel in der Hand Gottes zur Erreichung der ewigen Endziele Gottes. »Durch Druck empor!« Das »Hernach« wird einst kommen. »Alle Züchtigung scheint für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; hernach gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind« (Hebr. 12, 11).
Gewiß, auch der Christ empfindet die Schwierigkeiten des Lebens als Schwierigkeiten und Nöte. Sie »dünken« uns betrübend zu sein. Und in keiner Weise beanstandet die Bibel, daß uns dies so »dünkt«. Dazu ist das Göttliche stets viel zu natürlich, als daß es unnatürliche Forderungen an das Menschliche stellen würde. Nirgends stellt die Bibel an den Christen das Ansinnen, daß er sich über seine Schwierigkeiten hinwegsetzen oder gar über sie hinwegfliegen solle und so tun, als ob Schwierigkeit für ihn nicht Schwierigkeit und Not nicht Not wäre! Dann wäre das Leid in seinem Leben ja auch sinnlos und überhaupt gar kein »Leid« mehr. Darum dann aber auch ohne jede Wirkung und Fruchtbarkeit!
Nein, wenn Gottes Schläge uns keine Schmerzen bringen würden, so wären sie uns ja auch keine Hilfe mehr gegen unsere Sünden. Aber gerade weil sie uns wehetun, können sie uns wohltun!
Auch von Hiob lesen wir, daß, ehe er, nach dem Eintreffen der Unglücksnachrichten, das bewundernswerte Wort sprach: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen« (Hiob 1,21), er vorher Äußerungen tiefsten Schmerzes und größter, innerer Not getan hatte: »Da stand Hiob auf und zerriß sein Gewand und schor sein Haupt und fiel auf die Erde nieder und betete« (Vers 20).
Ja, es könnte geschehen – und gewiß hat der himmlische Hohepriester dann auch dafür Mitleiden mit unserer Schwachheit (Hebr. 4,15) -, daß dieses »Dünken« und dieser »Schein« uns den inneren Blick vorübergehend trübt. Das Schmerzgefühl steht dem klaren Blick des Urteils zuweilen im Weg. Aber am Schluß wird der Glaubende es dennoch erleben: Gottes Wege mit den Seinen gleichen niemals einem Gang in eine finstere Höhle, in ein unterirdisches, lichtloses Labyrinth, das uns gleichsam verschlingt und in auswegloser Kerkerhaft auf immer gefangenhält; sondern sie gleichen dem Durchschreiten eines engen, manchmal vielleicht langen Tunnels, der zunächst zwar in Dunkelheit und Tiefe hineinführt; desto herrlicher aber erstrahlt am anderen Ausgang »hernach« die Sonne.
Von diesem »Hernach« gibt es Vorerfahrungen schon unterwegs. Leiden sind Aussaat für Friede und Gerechtigkeit. Wer im Leiden sich üben läßt, wird die »Frucht« dieser Aussaat empfangen. Viel Friede kehrt ein in sein Herz; wahre Gerechtigkeit erfüllt Stellung und Zustand. So erlangt er eine »Frucht«, die, was den H e r z e n s stand betrifft, im »Frieden«, was den L e b e n s stand betrifft, in der »Gerechtigkeit« besteht.
Jede Bewährung im Leid bringt uns innerlich vorwärts. Nach jedem Sieg dienen uns Gottes Engel (vgl. Matth. 4, 11). Wachstum in der Heiligung ist zugleich Steigerung unserer Freude. An dem scheinbar wilden, leidigen »Baum« von Trübsal und Not wächst die friedsame »Frucht« der Gerechtigkeit, das heißt, eine liebliche, himmlische »Frucht«, deren W e s e n »Gerechtigkeit« und deren G e s c h m a c k »Friede« ist.

»Licht nach dem Dunkel, Friede nach Streit,
Jubel nach Tränen, Wonne nach Leid,
Sonne nach Regen, Lust nach der Last,
Nach der Ermüdung selige Rast.«

»So bricht das Leiden den Glauben nicht, sondern befestigt ihn. Es ist nicht der Bote des Zornes, sondern der Güte Gottes. Es ist nicht unser Ausschluß aus Gottes Gemeinschaft, sondern unsere Zubereitung zu Seiner Gnade« (Schlatter).

Der Glaube glaubt darum wider allen Schein. Er weiß: Mitten in allem Nehmen ist Gott dennoch am Geben. Nur gibt Er eben auf Seine Weise, und diese ist oft ganz anders als die unserige. Darum erfüllt Er oft unsere Erwartungen, indem Er sie scheinbar enttäuscht. Er tut eben alles auf eine höhere, innere, weisere Art. Seine Gedanken sind immer höher als unsere Gedanken (Jes. 55, 9).
Maria weinte am offenen Grabe Jesu. Sie sah den Verlust. Nicht einmal der tote Leib ihres Meisters war mehr da. Und doch war gerade dies leere Grab der Beweis der Auferstehung, das Zeichen des Sieges, und hätte – r e c h t verstanden – Grund zu triumphierender Freude sein müssen! Und wie wurde dann hinterher ihre Trauer in Jubel umgewandelt! (Matth. 28, 8) »Maria – Rabbuni!« – Was liegt nicht alles in diesen Worten! (Joh. 20, 16.) Und wie wurde sie dann, als sie das leere Grab richtig verstanden hatte, zu einer Zeugin der Auferstehung, zu einer Künderin des gewaltigsten Triumphes des Lebens und der Siegesmacht Gottes! (Luk. 24, 10.)

So sieht der Erlöste immer z w e i Seiten: Natur und Glaube.
Die Natur sieht den Verlust, der Glaube den Gewinn.
Die Natur sieht den Tod, der Glaube das gesteigerte Leben.
Die Natur sieht das Grab, der Glaube die Auferstehung.
Die Natur sieht voll Wehmut zurück in den Schatz der Erinnerungen,
der Glaube schaut zugleich vorwärts in die Herrlichkeit hinein.

Dann aber ist das eigentliche, wahre »Hernach« da. Das Ziel ist erreicht, dem der Lauf in der Kampfbahn galt. Und bei der Kronen- und Preisverteilung wird der Wettkämpfer des Glaubens gerade für die Schwierigkeiten in seinem Lauf die Weisheit und Liebe des alles überwaltenden, göttlichen Kampfleiters ganz besonders preisen. Wohl hatte es aufhaltende Gegengewalten gegeben – oft sogar Widerstände in fast erdrückender Fülle -, aber in Wahrheit waren alle d i e s e Belastungen keine »Bürden« gewesen, die der Läufer – im Sinn der Anfangsworte von Hebräer 12, ebenso wie die »leicht umstrickende Sünde« – abzulegen gehabt hätte; sondern sie waren wie »Hindernisse« in einer Kampfbahn: Anordnungen und Mittel in der Hand des weisen, alles fehlerlos lenkenden Kampfrichters, um die geistliche Geschicklichkeit und Glaubensenergie des Wettläufers zu erproben, zu üben, zu stärken und ihn desto besser und herrlicher ans Ziel gelangen zu lassen.
Dann bricht der Morgen an, dem kein Abend mehr folgt. Der ewige Sonnenaufgang erstrahlt, ohne Wolken und Nebel. Es erglänzt das himmlische Licht, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft, und alles bleibt unverminderte und ewig vollste Tageshöhe.
Dann werden wir Ihn anbeten, der uns hier unten geführt hat. Seine Wege werden wir rühmen, Seine Weisheit bewundern, Seine Liebe und Treue in Ewigkeit genießen, und das Schauen Seines Angesichts wird eitel Jubel und Wonne sein.

V. Nicht müde werden!

Hebr 12,12-15: Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.
Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, und seht darauf, daß nicht jemand Gottes Gnade versäume; daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden; Christentum ist Ewigkeit in der Zeit. Mit Christi Erscheinen ist ein neues Reis in das dürre Erdreich der Menschenwelt eingepflanzt, und alle, die darin eingepfropft sind, sind des ewigen Lebens teilhaftig geworden. Christen kennen darum den Born ewiger Jugend. Im geistlichen Leben ist ein Altern unnormal. »Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert« (2. Kor. 4,16). »Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden« (Jes. 40,31). Gesundes Glaubensleben ist ein Laufen in einer Kampfbahn, und zwar mit der Frische des Anfangs durchhaltend bis zum Schluß.

Und doch! Die Hebräerchristen waren müde geworden. Nach reichgesegneten Anfängen (Hebr. 10, 32-34) war ihr Innenleben ermattet. Ihre Hände waren »erschlafft«, ihre Kniee »gelähmt« (Hebr. 12, 12), der Versammlungsbesuch geringer geworden (Hebr. 10, 25). Ihr Glauben glich nicht mehr einem Laufen in einer Kampfbahn, sondern einem mühsam sich vorwärts schleppenden Kranken und Gelähmten. Statt vorwärts aufs Ziel, begann ihr Blick rückwärts zu schauen, statt auf die Wiederkunft Jesu auf die alttestamentliche Vorstufe, statt in die Herrlichkeiten des Geistes und der Erfüllung in die doch so schönen und eindrucksvollen, alttestamentlichen Gottesdienstformen. Die Herrlichkeit der Gnade war ihnen verdunkelt. Die Rückkehr zum Gesetz erschien begehrenswert. Die Gefahr der »Verhärtung« hatte eingesetzt (Hebr. 3, 13). Ja, es muß ihnen sogar gesagt werden: »Sehet zu, Brüder, daß nicht etwa in jemand von euch ein böses Herz des Unglaubens sei in dem Abfallen von dem lebendigen Gott!« (Hebr. 3, 12.)
Wie kann ihnen da geholfen werden?
Nur durch erneuten Anschluß an die Kraftquelle! Die überragende Herrlichkeit der neutestamentlichen Heilswirklichkeit muß ihnen neu aufgehen. Sie müssen es erkennen: Abkehr von der Gnade ist Selbstberaubung. Rückkehr zum Alten ist Absinken in die Tiefe. Hinwendung zum Vergangenen ist Verlust des Zukünftigen. Nur die Gnade führt zum Ziel! Nur der neutestamentliche Heilsstand verbürgt die verheißene, ewige Herrlichkeit. Darum ist das Anliegen des Hebräerbriefes ein durchaus »reformatorisches«. Zweifellos bringt er viel Lehre. Ja, er ist dasjenige Schreiben des Neuen Testaments, das uns am tiefsten hineinschauen läßt in die inneren Zusammenhänge von Vorbereitung und Erfüllung, Schatten und Wirklichkeit, alttestamentlichem Opferdienst und neutestamentlichem Priestertum Christi. Aber das eigentliche Hauptziel ist nicht Belehrung, sondern Erneuerung, nicht erkenntnismäßige Darstellung, sondern praktische Wiederherstellung, nicht erstmalige H i n führung zur vollen Heilserkenntnis, sondern Z u r ü c k führung zu dem, was die Leser zu Anfang ihres Christenstandes schon erkannt und erlebt hatten.
Hier soll also weniger zum Ergreifen des Heils als zum Festhalten aufgefordert werden. Hier wird nicht so sehr »geformt« als »zurückgeformt«, eben »reformiert«. Damit aber wird, innerhalb des Neuen Testaments, der Hebräerbrief zum Schwesterbrief des Galaterbriefes. Bei beiden ist das eigentliche Anliegen das gleiche. Sie beide sind die ausgesprochen »reformatorischen« Hauptsendschreiben des Neuen Testaments. Sowohl im Galaterbrief als auch im Hebräerbrief handelt es sich um Menschen, die in Gefahr standen, von der neutestamentlichen Heilshöhe sich hinabzuwenden zur alttestamentlichen Vorstufe.

Nur mit dem Unterschied, daß es sich bei den Galatern vornehmlich um Heidenchristen handelte, die unter falsche, judenchristliche Einflüsse geraten waren, im Hebräerbrief aber um gläubig gewordene Israeliten, vielleicht sogar Priester und Leviten (Apg. 6, 7).
Dies erforderte natürlich eine andersartige Form in der Darstellung der Gedankengänge.
»Gesetz und Gnade« ist das Thema beider.

Aber der Galaterbrief behandelt es unter hervorragender Bezugnahme auf die Moralgesetze, der Hebräerbrief vornehmlich der Zeremonialgesetze der mosaischen Haushaltung. Der Galaterbrief ist in seinem Kernstück mehr juristisch, der Hebräerbrief kultisch (Kultus = Gottesdienst).

Das heißt: Der Galaterbrief benutzt mehr Bilder aus dem R e c h t s leben – rechtliche Abänderungsmöglichkeit offiziell anerkannter Testamentsurkunden (Gal.3, 15-20), Rechtsformen des antiken Erziehungswesens (Gal.3, 23-29), Rechtsstellung von Sklaven und von Söhnen vor ihrer Mündigkeitserklärung (Gal. 4,1-7) -; der Hebräerbrief weist mehr hin auf die Vorbildersprache des alttestamentlichen G o t t e s d i e n s t lebens (Priestertum, Opfer, Stiftshütte, bes. Hebr. 5-10). Der Galaterbrief stellt uns mehr in die Gerichtshalle, der Hebräerbrief in den Tempel.
Aber das Thema ist dasselbe: das Verhältnis von Gesetz und Gnade, die größere Herrlichkeit der frei schenkenden Gnade und, daraus sich ergebend, die heilige Forderung und ernste Warnung: N i e m e h r z u r ü c k ! »Halte fest, was du hast, auf daß niemand deine Krone nehme!« (Offb. 3, 1l.)

I. Lähmende Kräfte.

Wie war es dazu gekommen, daß die Hebräerchristen ihre anfängliche Glaubensfrische verloren hatten? Wie waren sie doch ursprünglich so glücklich! Wie hatten sie sich doch einst für Christus eingesetzt! Sich Seiner bedrängten Zeugen angenommen (10, 34)! Persönlich selber Schmähungen und Drangsale erduldet (10, 33), ja sogar ihr Hab und Gut sich um Jesu willen nehmen lassen und dabei nicht nur nicht gestöhnt, sondern sogar, als man ihnen wegen ihres christlichen Bekenntnisses ihr Besitztum wegnahm, sich – gefreut !
»Ihr habt den Raub eurer Güter mit F r e u d e n aufgenommen!« (10, 34.)
Und nun war mit einem Male alles so ganz anders! Statt Frische war »Erschlaffung«, statt rüstigen Vorwärtsschreitens »Lähmung« eingetreten, statt Vorwärtseilen in der Kampfbahn jetzt Stillstand, bei manchen sogar gefährlicher Rückgang (Hebr. 12, 12; 13)!
Hier hatte der Feind, unter Einschaltung lähmender Kräfte, sein Werk getan.

1. Die äußere Notlage hatte er benutzt, diese freudigen Gotteszeugen beiseitezusetzen. Indem dieser Christushaß sie wieder und immer wieder traf, indem die Welt ihnen Schmähung und Verachtung immer wieder entgegenbrachte, indem stets von neuem äußerer Verlust, soziale Benachteiligung, berufliche Zurücksetzung sie ihre rechtlose Lage empfinden ließen, war es dem Feind gelungen, sie mürbe zu machen. Nicht der erstmalige Verfolgungsstoß, wohl aber der anhaltende Verfolgungsdruck hatte ihm den gewünschten Erfolg gebracht.

Zum Alleräußersten war es allerdings noch nicht gekommen. Märtyrerblut war noch nicht geflossen. Dies gebraucht der Schreiber des Hebräerbriefes darum geradezu als Ermutigung. »Ihr habt noch nicht, wider die Sünde ankämpfend, bis aufs Blut widerstanden« (Hebr. 12, 4). Dies soll nicht etwa heißen: »Ihr habt es mit eurem Kampf gegen die Sünde i n euch noch nicht ernst genug genommen. Ihr habt noch nicht genug Glaubensenergie, Hingabe und Entschiedenheit in der Heiligung bewiesen«, sondern die Sünde ist als von a u ß e n andringende, verfolgende Feindgewalt, als objektive Macht des Bösen, als Feindschaft der Welt gedacht, und es will sagen: »Der Kampf hat sich noch nicht soweit zugespitzt, daß etliche von euch hätten den Tod erleiden müssen um des Bekenntnisses Christi willen.« Zum Blutvergießen war es noch nicht gekommen. Bei allem Schweren war das Allerschwerste doch noch nicht eingetreten.

Denkt aber daran, daß andere dies Allerschwerste doch zu erdulden gehabt haben! Gerade soeben, in Hebräer 11, war ja die Rede gewesen von solchen, die »gesteinigt« oder »zersägt« worden waren, die sich zu Tode hatten »foltern« oder durch das Schwert hinrichten lassen und die Befreiung nicht annahmen, die sie durch Preisgabe ihres Bekenntnisses sich leicht hätten erkaufen können (11, 35-37). Aber sie taten es nicht, »auf daß sie eine bessere Auferstehung erlangten« als solche irdische Befreiung, die allerdings gleichsam eine »Auferstehung« aus der Todesnot des Martyriums gewesen wäre! Wie sind doch da, bei aller Anerkennung des Ernstes eurer Lage, eure Leiden viel geringer! Auf keinen Fall dürft ihr eure Schwierigkeiten ü b e r schätzen!
Und müssen wir heute uns dies nicht noch in viel größerem Maße sagen lassen? Was sind denn unsere Zeugnisleiden, verglichen mit dem Einsatz so vieler Männer und Frauen aus der Heldengeschichte der Gemeinde vergangener Zeiten?

Oft habe ich auf meinen Reisen an solchen Stätten gestanden, wo Christen in früheren Zeiten um ihres Glaubens willen in den Tod gegangen sind. So in den unterirdischen Kasematten des schauerlichen Spilbergs in B r ü n n (Mähren). Oder in P r a g, wo vor dem alten Rathaus durch 27 eingepflasterte Kreuze noch heute die Erinnerung an das »Blutgericht von Prag« bald nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges festgehalten wird (1620) und die genaue Stelle des Schafotts, auf dem die 27 Führer der Protestanten enthauptet worden waren, ebenfalls durch kleine Pflastersteine gekennzeichnet ist, als großer Dornenkranz mit zwei langen, sich kreuzenden Richtschwertern. Oder in den Kerkerzellen des Bloody Tower an der Themse in L o n d o n, wo noch heute unter Glasplatten Bibelverse und Trostworte zu lesen sind, die von jenen Männern in den Zeiten ihrer Not in die Mauer eingeritzt worden waren.

Oder ich denke an den Marktplatz von F l o r e n z, wo der Galgen und Scheiterhaufen des großen, italienischen Vorreformators Savonarola gestanden hatte.
Oder schließlich an die Katakomben des alten R o m und die Arena des Colosseums, wo Hunderte von Glaubenszeugen aus der ersten Christenheit sich um Jesu willen von wilden Tieren zerreißen ließen.
Erst vor drei Jahren stand ich in spätabendlichem Dunkel auf dem Friedhof von Kilmarnock (Schottland) an den Gräbern von sieben Blutzeugen Jesu, die vor etwa 300 Jahren um ihres standhaften Festhaltens an ihrer biblisch-evangelischen Erkenntnis willen hingerichtet worden waren. Wir hatten vorher auf dem Marktplatz der Stadt eine Straßenversammlung gehabt, in der ich ebenfalls Gelegenheit hatte, ein Zeugnis abzulegen. Hochbedeutsam war mir die Stelle dieser Freiversammlung. Mit unserem Evangeliumswagen und Lautsprecher standen wir unmittelbar neben dem Platz, wo vor 300 Jahren ein »Covenanter« hingerichtet worden war, (John Lisbet, am 14. April 1688.) ein Mann, der den biblischen Glaubens»bund« (engl. covenant = Bund) nicht verleugnen wollte und darum zum Tode verurteilt worden war. Auch hier ist die genaue Stelle, wo der Galgen gestanden hatte, heute durch besondere Pflasterung kenntlich gemacht. Mit ihrem Blut hatten viele dieser heldenhaften, schottischen »Covenanters« den »Bund« unterschrieben, nie ihren Glauben an Christus und Sein Wort zu verleugnen. Und nun standen wir, unmittelbar neben jener selben Stelle, und verkündeten die selbe Botschaft, um deretwillen jener sein Leben gelassen hatte! Hinterher bin ich dann mit einem schottischen Freund auf den stillen Friedhof gegangen und habe, als die Sterne schon hervorgetreten waren, an den Gräbern von sieben anderen dieser Blutzeugen Christi gestanden. Ihre Grabstätten sind durch besondere Einfassungen mit Inschriften leicht auffindbar gemacht.
Wie klein und erbärmlich kommt man sich doch an solchen Stätten vor! Wie ergreift einen ein Empfinden von Bewunderung für diese Gotteskämpfer, in denen die Kraft Christi so mächtig gewesen ist! Das waren Männer und Frauen, denen Christus mehr war als ihr Leben.

Und wie sind wir selbst oft so zaghaft! Wie leicht neigen wir zu Kompromissen! Wie scheuen wir uns oft schon vor einer kleinen Zurücksetzung, ja manchmal schon vor einer spöttischen Bemerkung oder gar vor einem selbstsicheren, »überlegenen« Achselzucken oder Lächeln!

Der Herr aber will Kämpfer haben! Menschen, die sich für Seine Sache wirklich einsetzen! Menschen, die die Kosten wahren Christentums überschlagen haben und auch bereit sind, sie zu tragen. Wahrlich, auch wir haben – wie die Hebräerchristen – noch nicht bis aufs Blut widerstanden. Blutzoll ist von uns noch nicht gefordert worden. Darum wollen wir die Schwierigkeiten, die wir um Jesu willen auf uns nehmen, auf keinen Fall überschätzen! Darum wollen wir aber andererseits, wie immer alles kommen mag, in Bereitschaft stehen.
Der Grund, warum die Hebräerchristen ermatteten, war aber eigentlich nicht so sehr ihre äußere Notlage, sondern ihre innere Stellungnahme. Hierin hatten sie nachgelassen. Darin lag die eigentliche Wurzel der Gefahr ihres Versagens.

2. Inneres Nachlassen, Ermüdungserscheinungen. Ihr Gebetsleben war schwächer geworden, ihr Versammlungsbesuch geringer (Hebr. 10, 25), ihre gesamte, geistliche Energie schlaffer. So glichen sie einem Wanderer, der sich zwar auf den Weg gemacht hat aus der Stadt »Verderben«, um hinzugelangen zum himmlischen Jerusalem, der aber unterwegs müde und kraftlos geworden ist und sich nun jetzt nur noch mit »gelähmten Knien« vorwärtsschleppt (Hehr. 12,12).

Ihr Handeln und Streben glich nicht mehr einem Wettlauf. Sie waren in der Gefahr, den Kampf aufzugeben. Sie waren nicht mehr »Jagende«. Alte Dinge, die vor der Christussonne längst ihren Glanz verloren hatten, leuchteten ihnen wieder auf. Ihr ganzes Heiligungsleben war praktisch in Frage gestellt, damit aber auch die Erreichung des Vollziels ihrer himmlischen Berufung! Darum muß ihnen gesagt werden: »J a g e t nach der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn schauen wird« (Hebr. 12, 14). L a u f t in der Kampfbahn (V. 1)
Und wir? Wir wollen die Hebräerchristen nicht schelten! Ist nicht das Bild ihrer Lage gar zu oft wie eine Schilderung unseres eigenen Inneren? Wie steht es mit unserem Eifer? Wie oft besuchen wir die Versammlungen? Sind wir regelmäßige Gebetskämpfer in den Gebetsstunden unserer Gemeinden? Wenn nicht, so sind unsere Knie »erlahmt«! Sind wir in Frieden untereinander? Haben wir acht auf unsere Weggenossen? Sind wir ernstlich bestrebt, ihnen zu helfen und ein Segen zu sein?

Wenn nicht, so ist »Erschlaffung« bei uns eingetreten! Aller Streit unter Gläubigen ist Ermüdungserscheinung. Anstatt daß wir unsere Kräfte im Frontkampf einsetzen, gelingt es dem Feind, gewisse »Agenten« seiner dämonischen Heeresmacht, d. h. Inspirationen der Uneinigkeit, hinter unserer Front abzusetzen, und wertvolle Kräfte werden im »Partisanen«kampf, in der »Etappe«, in der »Gemeinde hinter der vordersten Kampflinie«, verbraucht.
Wie kann dies alles überwunden werden? Der Zustand eines »sieglosen Siechtums« kann doch nimmermehr Normalzustand eines Christen sein! Nur durch fortlaufende Reformation! Nur durch erneuten Blick auf Christus! Nur durch entschiedenere Hingabe und praktische Auslieferung unseres Lebens an unseren Herrn. »Lasset uns aufsehen auf Jesum!«

II. Neubelebung

»Richtet auf die erschlafften Hände und die erlahmten Knie!«
Vielleicht wirkt das Bild vom Renn- und Ringkampf vom Anfang des Kapitels noch mit. Man kann nicht »laufen« in der Kampfbahn des Glaubens nach dem vorgesteckten Ziel der Heiligung, wenn die Knie erschlafft und die Hände matt geworden sind. Denn zum »Ring«kampf gehören starke Hände und zum »Renn«kampf ausdauernde Knie.
Darum muß es zu einem mannhaften Wiederaufschwung in Gottes Kraft kommen. Der Blick auf Christus gibt neue Frische. Die »Müdigkeit« schwindet. Die» Erlahmung« wird überwunden. Dem vom Wege Abgeirrten und Verletzten wird »Heilung« zuteil (Hebr. 12, 12; 13). Neue Zuversicht erfüllt unsere Seele. Wir bekommen einen nüchternen Blick für die Bewertung unserer Schwierigkeiten. Wir nehmen sie wohl ernst; aber wir überschätzen sie nicht mehr. Überschätzung der Schwierigkeiten ist immer Ermüdungserscheinung. Damit aber gewinnen wir neuen Mut, und das Hinschauen auf den großen Immanuel, den »Gott mit uns«, der am Kreuz für uns gelitten und gesiegt hat, läßt es uns freudig erkennen und erleben: »Der Herr ist bei dir, ein starker Heiland« (Zeph. 3, 17). Dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen und Freude den von Herzen Aufrichtigen« (Ps. 97, 11).

Der Blick auf Christus schafft Friedfertigkeit und Gemeinschaft.
Aller Streit zermürbt. Gegensätze zwischen den Erlösten machen das Glaubensleben müde. Sie nehmen die Schwungkraft fort, zerreiben die Seele in der Auseinandersetzung für ichsüchtige Scheinwerte und verzehren die geistliche Energie. Darum gehört zur Überwindung aller Lähmungserscheinungen der Zuruf: »Jaget dem Frieden nach mit allen« (Hebr. 12, 14).
Schwierigkeiten unter Gläubigen sind niemals unüberwindbar. Der Blick auf den Versöhner macht versöhnlich. »Es ist nicht Zeit, zu streiten, sondern zu lieben.« – »Lasset uns aufsehen auf Jesum!«
»Friede« wird hier mit »Heiligung« zusammengestellt. »Jaget nach dem Frieden mit allen und der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn schauen wird.« Denn das Trachten nach Frieden erstrebt Herstellung eines richtigen Verhältnisses zu den Menschen, das Jagen nach Heiligung die Herstellung eines solchen zu G o t t. Der Friede schafft Einigung und Gemeinschaft hier u n t e n; die Heiligung entsteht aus der Gemeinschaft mit dem Herrn, der d r o b e n ist. Beide sind unentbehrlich. Aber »weder der Friede noch die Heiligung lassen sich ohne Fleiß und Mühe gewinnen. Zu beiden führt nur ein ernstlicher Lauf.« – »Jaget!«
»Friede« aber im biblischen Vollsinn ist mehr als nur »Streitlosigkeit«. Friede ist Harmonie, innerer Zusammenklang, Abgestimmtsein auf einander, Herzensgemeinschaft, Liebe.
Die Gemeinde ist aus der Liebe geboren. Sie verdankt ihr Leben der Liebestat von Golgatha. Sie lebt v o n der Liebe und ist darum auch bestimmt, i n der Liebe zu leben. Liebe aber ist Einssein, ein Streben nach Gemeinschaft, die höchste Form innerster Verbundenheit und herzlichster Einheit. Und wo diese Liebe nicht da ist, da wäre auch alles äußere Zusammensein irreführende Selbsttäuschung und wesenloser, toter Schein.

Wir glauben an die e i n e, heilige, allgemeine Gemeinde. E i n s ist ihre Grundlage – das Opfer von Golgatha; e i n s ist ihre Gotteskraft – die Innewohnung des Heiligen Geistes. E i n s ist ihr Ziel – die Entrückung und Vollendung. E i n e r ist ihr Herr – Jesus Christus, unser gemeinsamer Erlöser.

Darum müssen wir auch e i n s sein in der Gesinnung der Liebe und – über alle Unterschiede hinweg – den Weg des Friedens zueinander finden. Darum müssen wir die Verbindung zueinander suchen, die Bruderhand einander geben und ernstlich bestrebt sein, einander aufzunehmen, gleichwie Christus uns aufgenommen hat.

Liebe ist aber keine bloße »Fernliebe«, kein schwärmerisches Gefühl für ein Verbundensein mit aller Welt, wobei man vergißt, mit dem Bruder am eigenen Ort Verbindung zu suchen. Wir müssen uns sehr davor hüten, mehr an den Abwesenden zu denken als an den örtlich bei uns Anwesenden!

Liebe ist auch keine bloße »Gruppenliebe«, wo man sich begeistert für ein Zusammengehen mit den anderen Kreisen der Gläubigen einsetzt und noch nicht einmal praktisch beweist, daß es einem an dem inneren Zusammengehen mit dem e i n z e l n e n Kinde Gottes gelegen ist. Liebe ist überhaupt nichts Schwärmerisches und bloß Gefühlsmäßiges, nichts Nebelhaftes und Unklares. Nein, Liebe ist W i l l e, ist tatkräftiges Handeln, ist zielbewußte Gotteskraft, ist Durchbruch der Welt Gottes in die irdische Welt. Liebe kennt ein Gesetz, nämlich den Willen des Höchsten. Wer darum von der Schrift abweicht, weicht, selbst wenn er die Einheit will – ohne daß er es weiß -, von der Liebe ab. Hier gilt es, sich wache Augen schenken zu lassen, um auf dem Wege zu bleiben und nicht abzuweichen weder zur Rechten noch zur Linken, wie Christus uns selbst gesagt hat: »Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet.«
Liebe aber s u c h t den anderen; sie glaubt an das aufrichtige Streben in ihm, an das Werk Christi in seiner Seele, und wir müssen uns tief beugen und in Buße vor Gott und Menschen bekennen, daß wir in diesem Suchen zu lässig, in diesem Glauben zu ungläubig gewesen sind.

Die Liebe kann alten Bruderstreit begraben. Sie kann vergessen, was dahinten liegt, und einen Neuanfang schaffen. Sie gibt dem Todeswesen der Zerspaltung in göttlicher Lebenskraft den Todesstoß. Die Liebe ist die Seele alles Friedens und aller Gemeinschaft unter den Gläubigen. Sie treibt sie zusammen; sie verbindet ihre Herzen, sie führt sie zu gemeinsamer Arbeit in der Heimat und auf dem Missionsfeld, zu gemeinschaftlichem Ringen um die Erreichung der großen Ziele Gottes.
Jeder deiner Mitmenschen gleicht einem Spiegel. Er strahlt dir das zurück, was du in ihn hineingestrahlt hast. Jede Unfreundlichkeit hinterläßt stets, wenn auch vielleicht nur für einen Augenblick, einen Schatten auf dem Antlitz des andern, und jeder Dienst der Liebe und Freundlichkeit wird einen Sonnenstrahl auf seinem Angesicht hervorbringen, und dieser Sonnenstrahl wird wieder in dein eigenes Herz zurückkehren.

»Durch Dienst zur Freude«, dies Wort des greisen Bodelschwingh möge auch uns in Herz, Willen und Seele eingeschrieben sein. In der Liebe und dem Dienen liegt etwas, was die Herzen einander näher bringt. Kalte Menschen werden sich überall kalt fühlen; warme Menschen werden es überall warm machen. Das Streben nach Frieden und Heiligung macht uns zugleich fähig, anderen Menschen zu dienen. Auch hier ist der Zusammenhang des biblischen Textes sehr tiefsinnig und klar: »Jaget nach dem Frieden mit allen und der Heiligung . . ., indem ihr darauf achtet, daß nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide« (Hebr. 12,14; 15).

Der Blick auf Christus gibt neue Aufträge. Wir bekommen Augen für die Not um uns. Wir erkennen, daß wir an der Heilung unserer Umgebung, so weit sie erschlafft und erlahmt ist, mitwirken sollen. Wir sehen die Notwendigkeiten und Möglichkeiten gegenseitiger, brüderlicher Wacht und Zucht. Das Schauen auf den allergrößten Liebesbeweis, den je gebende Liebe in der Geschichte des Universums dargebracht hat, öffnet uns die Augen für die Notwendigkeit, das Vorrecht und die Einzelgelegenheiten, wo auch wir praktische Beweise »achthabender« Liebe und selbstlose Dienste gegenseitiger, geistlicher und leiblicher Fürsorge bringen können. Das »Hinschauen« auf Christus macht uns sehend! »Sehet zu!« – »Richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie« – der Zusammenhang spricht offenbar auch von den Händen und Knien der a n d e r e n ! – »auf daß nicht das Lahme vom Wege abgewandt, sondern vielmehr geheilt werdet« Auch in der Prophetenstelle, aus der dies Wort des Hebräerbriefes stammt, ist der Blick, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vornehmlich auf die anderen gerichtet:
»Stärket die schlaffen Hände und befestigt die wankenden Knie! Saget zu denen, die zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht!« (Jes. 35, 3; 4.)

In deiner Umgebung sind solche, die geistlich lahm und erschlafft sind. Denke daran: Du sollst Werkzeug zu ihrer Neubelebung sein! Geh darum nicht vorüber an ihrer äußeren und inneren Not. Du sollst Augen bekommen für die Gefahren der anderen. Der Blick auf Christus schärft unseren Blick für die Not unserer Brüder. »Indem ihr darauf achtet, daß nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, daß nicht irgend eine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse . . . und viele durch diese verunreinigt werden, daß nicht jemand ein Hurer sei oder ein Ungöttlicher wie Esau« (Hebr. 12, 15; 16). »Lasset uns aufeinander acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken« (Hebr. 10, 24).

In diesem Geist der Liebe wollen wir Tatchristen sein. Wir wollen erwachen aus allem Schlaf frommer, selbstsüchtiger Nichtstuerei und bloßer, gefühlsmäßiger Bejahung der Gebote Gottes.
Zur Arbeit aber gehört Mühe. D e r ist kein Arbeiter, der die Hitze des Tages scheut! D e r wird kein Sieger, der nur auf der Tribüne sitzt …

Zur Arbeit gehört Selbstverleugnung. Viele sind gern bereit, für Christus und Seine Sache zu wirken, aber nur solange, als es ohne Opfer und Selbstverleugnung geht. Solcher Dienst aber ist im tiefsten Grunde ohne wahren Wert. »Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren« (Matt. 16,25). Nur die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten (Ps. 126, 5).
Damit ist nicht eigentlich gemeint, daß durch gegenseitiges Achthaben in Liebe das Aufkommen bitterer G e f ü h 1 e im Herzen des einzelnen verhindert werden soll – obwohl dies natürlich bei geistlicher, wechselseitiger Fürsorge ebenfalls stets erreicht werden kann und soll -; sondern der Verfasser meint hier ganz offensichtlich P e r s o n e n, die er als solche »Wurzeln« bezeichnet.
Schließlich aber: Der Blick auf Christus bewirkt neue Entschlußkraft.
Achten wir auf die klar ausgesprochenen Befehlsworte: »Richtet auf!… Macht gerade Bahn!… Jaget!« (Hebr.12,12-14).
Gottes Wort zu hören, bedeutet Verpflichtung des Hörenden. Vielleicht muß es aber bei vielen von uns zu einer neuen Hingabe kommen. Man überwindet nicht die Müdigkeit durch Müde-Bleiben. Wir müssen »aufstehen« aus dem Schlaf (Eph. 5, 14).
Gewiß, bloße Vorsätze können uns nicht helfen. In diesem Sinne haben wir schon gar zu oft Bankrott gemacht. Aber klar sagt die Schrift, daß wir mit »Herzensentschluß« bei dem Herrn verharren sollen (Apg. 11, 23). Solche geistgewirkten »Herzensentschlüsse« sind erforderlich. Denn die Hingabe hat nicht Gott zu vollziehen, sondern wir! Christus h a t Sich geweiht, auf daß auch wir Geweihte seien in Wahrheit (Joh. 17,19). Es kann sehr wohl erforderlich sein, daß du in die Stille zu gehen hast, deine Knie zu beugen und in erneuter Hingabe dein Leben und deinen Willen deinem Herrn praktisch auszuliefern. Das ist gewißlich keine »zweite Bekehrung«. Denn Bekehrung ist ein einmaliger Akt und bleibt grundlegend für das gesamte, folgende Glaubensleben. Wohl aber ist es eine neu ausgesprochene, geistgewirkte Willenserklärung zu gereinigter, vertiefter Heiligung.
Denn müssen wir nicht die Feststellung machen, daß wir nach unserer Bekehrung wieder oft so lau, so gleichgültig, so träge, so oberflächlich geworden sind, daß die großen Dinge unseres großen Gottes uns gar nicht so richtig als Allgewa1-ten und Wirklichkeiten überwältigen? Geistliches Erwachen und Frischbleiben kommt, aber nicht automatisch oder magisch von selbst! Nein, du mußt selbst dabei sein. Darum fange an, deinem Erlöser und Herrn erneut treu zu dienen, dich selbst zu verleugnen und für Ihn zu zeugen. Und dann: Fahre fort ! Und du wirst sehen:

Man lernt Beten d u r c h Beten,
Zeugen d u r c h Zeugen,
Dienen d u r c h Dienen,
Helfen d u r c h Helfen!

Und dein Leben wird frischer werden. Deine Tage werden Inhalt bekommen, und dein Herz wird beglückt sein. Du mußt aber selbst wirklich wollen (Offb. 22, 17).
Nirgends sagt die Bibel, daß der Wille des Menschen »gebrochen« werden müßte. Solche Redeweise klingt zwar sehr gottergeben und demütig und ist von solchen, die es so sagen, auch gewiß ehrlich gemeint. Aber in Wirklichkeit dient man mit solchen unbiblischen Ausdrucksformen niemand: weder den Gläubigen und erst recht nicht den Gegnern des christlichen Glaubens.
Was die Bibel meint, ist vielmehr dies: Nicht der »Wille« soll gebrochen werden, sondern der »Eigenwille«, nicht die Energie der Persönlichkeit, sondern ihr Aufruhr gegen Gott.
Was den Willen selbst aber betrifft, so soll er in Übereinstimmung gebracht werden mit dem Willen Gottes. Er soll, in der Kraft des Heiligen Geistes, durchaus »Wille« bleiben, aber eben d a s wollen, was Gott will. Und gerade in diesem Wollen des Wollens Gottes soll er ganz kraftvoll und stark werden. Ja, nur so wird er überhaupt erst richtig »Wille«.

Als »Eigenwille« war er ja vorher überhaupt gar kein richtiger Wille gewesen, sondern nur ein Spielball in der Hand eines andern, nämlich der ihn vergewaltigenden Großmacht der Sünde (Röm. 7,19; 20), allerhöchstens ein Streben, ein Sehnen, ein Wünschen, ein Möchten, denn die Sünde entnervt. Aber in Christus wird der Mensch zu sich selbst hin erweckt. In Ihm – und zwar erst in Ihm allein! – wird er »Persönlichkeit« im eigentlichen, gottgewollten Sinn des Wortes. Erst in der Unterordnung unter den Allherrn wird der Wille der Kreatur richtig »Wille«!

Aber auch im Leben der Gesamtheit müssen alle Ermüdungserscheinungen überwunden werden. Es ist eine immer wieder zu machende Beobachtung in der Geschichte der Gemeinde Gottes, daß mit einem Generationswechsel fast stets auch eine geistliche Krise verbunden ist. Gar oft hat besonders die dritte Generation einer Glaubensbewegung innerlich versagt und wesentliche Geisteskräfte und Erkenntnisgüter preisgegeben, die den Vätern früherer Erweckungen lebendig und heilig gewesen waren. Schon in der alttestamentlichen Geschichte ist dies zu erkennen.
»Und das Volk diente dem Herrn alle Tage Josuas (erste Generation) und alle Tage der Ältesten, welche ihre Tage nach Josua verlängerten (zweite Generation), die das ganze, große Werk des Herrn gesehen hatten, das er für Israel getan hatte . . . Und auch das ganze, selbige Geschlecht wurde zu seinen Vätern versammelt. Und ein anderes Geschlecht kam nach ihnen auf (dritte Generation), das den Herrn nicht kannte und auch nicht das Werk, welches er für Israel getan hatte . . . Und sie verließen den Herrn, den Gott ihrer Väter . . ., und dienten anderen Göttern« (Richt. 2, 7; 10; 12).
Wie überaus ernst! Wiegen wir uns nicht in falsche Sicherheit! Keine Glaubensbewegung, ob kirchlich oder freikirchlich, ob organisiert oder nicht organisiert, hat in sich die Garantie bleibender Jugendfrische. Wenn es je irgendwo wahr und nötig ist, so muß es sich gerade im geistlichen Leben jede junge Generation einer Ortsgemeinde oder Gemeindebewegung immer wieder neu sagen lassen: »Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!«

Aus einer Krise bei einem Generationswechsel heraus ist ja überhaupt der ganze Hebräerbrief hervorgewachsen. Er ist der Warnruf und Appell des Geistes Gottes an jene »zweite Generation«, das Bekenntnis der ersten Generation in Zeugnis und Leben stark festzuhalten. Denn »Krise« muß nicht unbedingt »Katastrophe« sein! Anfechtungen sind Gelegenheiten zum Sieg. Für neue Zeiten und neue Menschen ist die stets neu bleibende Kraft des nie alternden, ewig lebendigen und stets gegenwärtigen Christus vorhanden. Das ist auch zugleich der Sinn jenes bekannten Wortes des Hebräerbriefes: »Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit« (Hebr. 13,8).

Man muß dieses Wort in Verbindung mit Hebräer 12 und im Zusammenhang der wenigen, dazwischen liegenden Verse lesen. Gerade soeben war gesagt: »Gedenket eurer Führer, die das Wort Gottes zu euch geredet haben, und, den Ausgang ihres Wandels anschauend, ahmet ihren Glauben nach« (Vers 7).

Sofort hinterher steht dann dies leuchtende Wort von dem ewig lebenden, alle Zeiten durchwaltenden, göttlichen Herrn. Das soll heißen: Menschen gehen dahin. Generationen sinken ins Grab. Auch die Führer der vorangegangenen Glaubensgeneration sind nicht mehr da. Aber Christus bleibt!

Er ist mitten im Kommen und Gehen der Geschlechter der Fels Seiner Gemeinde. Er ist erhaben über allen Wandel und Wechsel der Situationen und Personen. Er ist das Bindeglied zwischen den Geschlechtern, zwischen dem »Gestern« und dem »Heute« in der Geschichte Seines Volkes.

Damit ist gesagt: Bei allem Wandel im einzelnen geht in Christus doch der unwandelbare, gleiche Lebensinhalt der Gemeinde durch alle Jahrhunderte mit ihr mit. Durch das Sterben der Glaubensvorbilder und Führer (Hebr. 13,7; 17; 24) geht von dem eigentlichen Leben und Glaubensgrund des Volkes Gottes nicht das Geringste verloren. Wenn auch die Lehrer gehen, so bleibt doch die Lehre die gleiche. Oder, wie ich es auf dem Ehrengedenkstein John Wesley’s, dieses großen Gotteszeugen, des Gründers des englischen Methodismus, in der Westminster Abbey (London) las:
»Gott begräbt Seine Arbeiter; aber Seine Arbeit geht weiter.«

Vor Jahren besuchte ich in Stuttgart die Witwe des bekannten Schriftstellers Professor Bettex. Im Studierzimmer dieses mutigen Christusbekenners sah ich ein Bild, das Professor Bettex selber gemalt hatte. Es stellt einen Felsen dar inmitten einer wildwütigen Brandung. Mit ungeheurer Wucht brausen die Wogen an die Felswand heran; aber zerschlagen und zerschellt fluten sie wieder zurück.

In diesem Bild hat Friedrich Bettex, der durch seine zeugnisfrohen, glaubensverteidigenden, naturwissenschaftlich und biblisch tief gegründeten Werke Tausenden von Menschen zum Segen geworden ist, den eigentlichen Sinn und das Anliegen seiner Lebensaufgabe dargestellt:
Mitten in aller Zeit steht Christus da, als der Fels der Ewigkeit. Die Wogen des Zweifels und die Brandung des Gottes- und Christushasses rasen gegen Ihn an, aber die Wogen werden zerschlagen. Er, der Fels, jedoch bleibt!

Darum gibt Christus den Seinen auch den Sieg. Man wird Seine Diener in dieser Welt in die Gefängnisse werfen; man wird sie in glutheiße Wüsten oder eiskalte Steppen verbannen; sie werden »gesteinigt, zersägt, versucht« (Hebr. 11, 37); aber immer wieder werden sie die Erfahrung der Männer im feurigen Ofen machen:
Der Eine ist bei ihnen, der aus der Himmelswelt kommt, der sie, wenn zwar nicht immer äußerlich, so doch stets innerlich, hält und unversehrt zu bewahren imstande ist (Dan. 3, 20-27). »In diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat« (Röm. 8, 37).
Der Heimgang treuer Gottesknechte legt eine heilige Verpflichtung auf die, welche zurückbleiben. Unser Leben ist kurz. Unsere Tage schwinden dahin. Dies Irdische aber kann nicht das Eigentliche sein; das Wesenhafte muß woanders liegen, eben nicht in der Zeit, sondern in der Ewigkeit, nicht in dem Dahinschwindenden, sondern in dem Bleibenden, nicht in der Vergangenheit oder Gegenwart, sondern in der Zukunft.
Und dann wollen wir vorwärtsschreiten, ernst und doch getrost, nicht auf uns selbst vertrauend, aber doch zuversichtlich, nicht auf unsre Kraftlosigkeit blickend, sondern auf Christi Siegesmacht. »Darum, da wir diesen Dienst haben, wie wir begnadigt worden sind, ermatten wir nicht« (2. Kor. 4, 1).

Als Abraham am Ende seines Lebens für seinen Sohn Isaak eine Braut werben lassen wollte und darum den Ältesten seiner Knechte zu seiner Verwandtschaft nach Mesopotamien sandte, fragte ihn dieser: »Vielleicht wird das Weib mir nicht in dieses Land (Kanaan) folgen wollen: soll ich dann deinen Sohn in das Land zurückbringen, aus welchem du weggezogen bist?« (1. Mos. 24, 5). Da antwortete Abraham – und man spürt in der biblischen Berichterstattung geradezu die Energie seines Wollens und die Stärke des Mitschwingens seiner Gefühle und Empfindungen: »Hüte dich, daß du meinen Sohn nicht dorthin zurückbringst ! Wenn das Weib dir nicht folgen will, so bist du dieses meines Eides ledig. Nur sollst du meinen Sohn nicht dorthin zurückbringen!« (1. Mose 24, 6;8.)
Nicht zurückbringen! Der Erzvater des Glaubens verlangt für die kommende Generation die praktische Anerkennung der Unwiderruflichkeit der patriarchalischen Berufung! In der zweiten oder dritten Generation darf das nicht rückgängig gemacht werden, was die erste Generation im Glauben errungen! Die Kinder müssen sich würdig erweisen der Glaubenshaltung und Hingabe ihrer geistlichen Väter. Die nachfolgenden Geschlechter sollen das Erbe ihrer Glaubensvorfahren in Treue verwalten.

Wir klagen manchmal, daß es dem Volk Gottes der Gegenwart an innerer Lebendigkeit gebricht. Wir erkennen, daß uns Erweckungsgeist fehlt, daß die beiden letzten Jahrzehnte des vorigen und das erste Jahrzehnt des jetzigen Jahrhunderts lebendiger gewesen sind, daß damals viel mehr Menschen aus dem Sündenschlaf erwachten als heute, daß Führer und Hirten im persönlichen und öffentlichen christlichen Leben da gewesen sind, wie wir sie heute in diesem Maß leider nicht festzustellen vermögen. Wir denken an die Zeiten eines Moody, Torrey, eines Baedecker, Georg Müller, v. Viebahn, Stockmayer und vieler anderer. Aber wir bleiben bei all unserm Klagen vielleicht selber die alten, immer mit der gleichen, zwar starken und ehrlichen, aber doch nicht genug lebenskräftigen Sehnsucht. Und wir w a r t e n, daß der Herr eine Erweckung senden möge. Und zuletzt kann es fast so aussehen, als sei G o t t die Ursache, daß es nicht recht vorwärts geht, eben weil Er unsere Gebete nicht erhört!

Und doch liegt die Sache ganz anders!
Nirgends in der Bibel wird uns gesagt, daß wir auf eine Erweckung warten sollen. Erweckungen müssen sein; aber die Kinder Gottes haben keine wartende Stellung zu ihnen einzunehmen. Nirgends verlegt die Heilige Schrift den Schwerpunkt der praktischen Heiligung und unseres Zeugnisses in die Zukunft, sei es eine ferne oder eine nahe. Vielmehr bringt sie uns einen gegenwärtigen Christus, einen Heiland, der heute und jetzt unser Leben befruchten und mit wirksamen Kräften erfüllen will. Denn wenn die Erweckung erst in einigen Jahren käme – gebe Gott, daß sie schneller kommt! – was sollten wir denn bis dahin in der Zwischenzeit machen? Nein, wir dürfen das »Heute« nicht vergessen. Die Vergangenheit existiert in unserer Erinnerung, die Zukunft in unserer Erwartung; was wir haben, ist das Jetzt. »Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.«

Die Sache des Königs aber ist eilend! Was wir heute tun können, laßt uns nicht auf den morgigen Tag verschieben. Wenn uns heute der Geist treibt, ein Zeugnis für den Herrn abzulegen, um eine Seele für Ihn zu gewinnen, dann wollen wir auch heute gehorchen; denn bis morgen wird der Feind gewiß schon tausend neue Gründe bereit haben, uns von dem Befolgen der göttlichen Stimme abzuhalten. Zum wahren Gottesdienst gehört ein Herz mit festem Willensentschluß, Gottes Werk heute durch uns treiben zu lassen. »Gehe hin, arbeite h e u t e in Meinem Weinberg« (Matth. 21, 28).

Dann gibt es auch neue Segnungen. Wenn du selbst erwacht bist, kannst du auch andere erwecken, und so können hier und da kleine Scharen von innerlich erwachten Christen entstehen, kleine Mittelpunkte, von denen das Licht weiter ausstrahlt. Und dazu sollst auch du gehören. Gerade dich will der Herr gebrauchen, auch wenn du vielleicht äußerlich nicht besonders hervortrittst, eben weil Gott dir einen Dienst in der Stille gegeben hat. Aber gewiß wirst du dich in der Ewigkeit noch einmal wundern, wieviel göttliche Wirkung auch von deinem Leben ausgegangen ist, wenn du nur, Christus hingegeben, erwacht und wach geblieben bist.

In der Lebensgeschichte Isaaks lesen wir:
»Und Isaak grub die Wasserbrunnen wieder auf, welche sie in den Tagen seines Vaters Abraham gegraben und welche die Philister nach dem Tode Abrahams verstopft hatten, und er benannte sie mit denselben Namen, womit sein Vater sie benannt hatte« (1. Mos. 26,18).
Das ist, in geistlichem Sinne, unsere Situation. Unsere Glaubensväter haben »Brunnen« gegraben und sie mit Namen benannt. Der Brunnen des Wortes Gottes, der Brunnen des Gebets, der Brunnen der Gemeinschaft der Gläubigen, der Brunnen frohen Zeugendienstes, der Brunnen der Mission – das waren Himmelsquellen, aus denen sie schöpften und die ihr persönliches Glaubensleben und das Leben ihrer Gemeinden erquickten und immer wieder frisch erhielten.
Dann aber ist die erste Generation abgerufen worden. Und die »Philister« sind gekommen – Sünde, Weltsinn, Bruderstreit, Trägheit, Uninteressiertheit an Gottes Wort und Werk, Feigheit im Zeugendienst, Mangel an Opfersinn und Missionsgeist -, und die «Wasserbrunnen« der Väter wurden verstopft. Dürre des Glaubenslebens, Gebetslosigkeit, Unfruchtbarkeit des Zeugnisses, Mattheit des Gemeindelebens, Verkrampfung in Traditionsgebundenheit, Verengung des Gesichtskreises sind nun weithin die Lage.
Was muß geschehen?
Wir müssen die Wasserbrunnen der Väter wieder aufgraben! Wir müssen wieder beten lernen, wie unsere Väter gebetet haben! Wieder Zeugnis ablegen, wie sie gezeugt haben! Wieder opfern für Bibelverbreitung und Mission, wie sie es einst taten! Die Brüder wieder lieben, so wie sie die Gemeinschaft der Heiligen gepflegt haben. Unser Platz im Gemeindesaal darf nicht leer sein. Unser Gemeinde- und Missionsbeitrag darf nicht fehlen. Unser Gebet muß regelmäßig und echt sein. Wir müssen wieder Zeugen für Christus und Seelengewinner werden.
Darum noch einmal: »Richtet auf! Macht gerade Bahn! Jaget!«

6. Kapitel. Verschleuderte Werte . . .

Hebr 12,16-17 Gebt darauf acht…, daß nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte.
Ihr wißt ja, daß er hernach, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde, denn er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.
Hoch ist der Stand des neutestamentlichen Heils; tief ist unter Umständen der Absturz. Deshalb muß sich in einem gesunden Glaubensleben Freude mit Ernst verbinden, Dankbarkeit mit Verantwortlichkeit, Zuversicht mit heiliger Vorsicht. Daher auch die zahlreichen Warnungen im Hebräerbrief. Zu den ernstesten von ihnen gehört der Hinweis auf Esau.
»Achtet darauf…. daß nicht jemand … ein Ungöttlicher sei wie Esau, der für e i n e Speise sein Erstgeburtsrecht verkaufte; denn ihr wisset, daß er auch nachher, als er den Segen ererben wollte, verworfen wurde; denn er fand keinen Raum für die Buße (Sinnesänderung, Umstimmung, Rückgängigmachung), obwohl er sie (die Segenserteilung, die Umstimmung) mit Tränen eifrig suchte» (Hebr. 12,16; 17).
Esau war der »Erstgeborene« Isaaks. An seinen Vorrechten, seinem Verhalten und seinem Geschick gibt der Schreiber des Hebräerbriefes seinen Lesern einen Hinweis auf ihre Vorrechtstellung, ihre Verantwortlichkeit und ihre Gefahr. Im Vordergrund steht die Warnung. Aber ihre volle Kraft bekommt sie erst durch das Wissen um die hohe Stellung, in der Esau sich ursprünglich befunden hatte.
Was »Erstgeburtsrecht«, nach alttestamentlichem Gesetz, in sich schloß, war den ersten Lesern des Hebräerbriefes, als geborenen Israeliten, zweifellos bekannt. Im Neuen Testament wird es als Bild gebraucht, um die hohe Ehrenstellung der Gemeinde Christi, ja Christi selbst zum Ausdruck zu bringen.

Vor allem und in ganz einzigartiger Weise ist Christus der »Erstgeborene«. Diese Seine Herrlichkeit strahlt in der neutestamentlichen Offenbarung in dreifacher Weise auf. Er ist »der Erstgeborene aller Schöpfung« (Kol. 1, 15). Dies ist Seine Ehrenstellung schon von der Ve r g a n g e n h e i t her, die Er von vornherein hatte, als »Sohn« über aller Kreatur. Er ist »der Erstgeborene aus den Toten« (Kol. 1, 18; Offb. 1, 5). Dies ist Seine Ehrenstellung in der G e g e n w a r t, die Er besitzt als der »Auferstandene«, der den »Vorrang« hat, als das »Haupt« Seines Leibes in der Gemeinde. Er ist »der Erstgeborene unter vielen Brüdern« (Röm. 8, 29). Dies wird Seine Ehrenstellung sein in aller Z u k u n f t, wenn Er offenbar werden wird als der verherrlichte Erlöser inmitten Seiner verherrlichten Erlösten (vgl. auch Hebr. 1, 6).1)
Zugleich aber wird das Wort »Erstgeburt« gebraucht, um die besondere Gnadenstellung der Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. So sagt derselbe Hebräerbrief, der vom »Erstgeburtsrecht« Esaus spricht und daraus Folgerungen für seine neutestamentlichen Leser zieht, nur wenige Sätze hinterher: »Ihr seid gekommen. . . zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind« (Hebr. 12,23). Und der Jakobusbrief erklärt: »Nach seinem eigenen Willen hat er (Gott) uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, auf daß wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien« (Jak. 1, 18).

Beide Briefe waren zunächst an judenchristliche Leser gerichtet. Das Wort »Erstgeburtsrecht« muß darum vom Alten Testament her verstanden werden.
Hierbei liegt der Hauptnachdruck nicht so sehr auf der zeitlichen Reihenfolge, sondern der rangmäßigen Würde. Sonst könnte ja nicht davon gesprochen werden – was das Alte Testament aber dennoch tut -, daß ein schon Geborener an irgend einem Zeitpunkt seines Lebens zum Erstgeborenen »gemacht« wird. »Er wird mir zurufen: Mein Vater bist du, mein Gott, und der Fels meiner Rettung! So will auch ich ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten der Könige der Erde« (Ps. 89, 26-28). Und umgekehrt könnte nicht ein zeitlich als Erster Geborener unter Umständen seine Erstgeburt später noch v e r l i e r e n (vgl. aber Ruben: 1. Chron. 5, 1; 2 und Esau).

Das Wort »Erstgeburtsrecht« ist im Text des Hebräerbriefes ein Mehrzahlwort (griech. ta prototokia, plural neutr.) Damit ist zugleich ausgedrückt, daß sein Segensinhalt eine Mehrheit ist. Nach der Sozial- und Heilsgeschichtsordnung des Alten Testaments ist er eine Dreiheit: Herrschaftswürde, Dienst am Priestertum, doppelter Anteil am Erbbesitz.

I. Das israelitische Erstgeburtsrecht.

1. Herrschaftswürde. Der Erstgeborene war unter dem Vater der Vertreter der häuslichen Autorität. Er war der »Herr« über seine jüngeren Brüder (vgl. 1. Mos. 27, 37 So »gebot« Davids ältester Bruder seinem jüngeren Bruder David, zu einem Familienopfer nach Bethlehem zu gehen, was sogar Saul und dessen Sohn Jonathan als ausreichenden Grund anzusehen hatten, daß David, trotz der Erwartung des Königs, nicht an der königlichen Tafel erschien (1. Sam. 20, 27-29). Bei Tisch saßen die Söhne eines israelitischen Haushalts der geburtlichen Folge und Rangordnung gemäß, »der Erstgeborene nach seiner Erstgeburt, und der Jüngste nach seiner Jugend« (1. Mos. 43, 33. Vgl. auch 1. Mos. 48, 14; 17-19).

2. Dienst am Priestertum. Hier zeigt schon das soeben erwähnte Beispiel aus dem Leben Davids, daß der älteste Bruder, also der »Erstgeborene« in seiner Familie, die Ordnung des »Familienopfers« durchzuführen, also gleichsam als Hauspriester zu handeln hatte. Vor allem aber ist es der große, heilsgeschichtliche, alttestamentliche Gesamtzusammenhang, der Erstgeburtsrecht und Priestertum miteinander verbindet.

Nach Gottes Plan sollte Israel Gottes »Erstgeborener« sein unter den Völkern (2. Mos. 4, 22). Zugleich sollte Israel, als Gottes Eigentum aus allen Völkern, »ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation« sein (2. Mos. 19, 5; 6). Als Gegenwirkung Gottes gegen den Frevel des Pharao, der durch die Ausrottung Israels somit Gottes »erstgeborenen Sohn« vernichtet hätte, verfügte Gott die Vernichtung der ägyptischen Erstgeburt. »So spricht Jehova: Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel, . . . und weigerst du dich, ihn ziehen zu lassen, so werde ich deinen Sohn, deinen erstgeborenen, töten« (2. Mos. 4, 22; 23).

Dafür aber, daß Gott dann die israelitische Erstgeburt im Passah verschonte, ordnete Er die besondere Weihung jeder jüdischen, männlichen Erstgeburt für Ihn an. Damit waren Gottesweihe und Erstgeburt grundsätzlich miteinander verbunden, und zur Erstgeburtsstellung gehörte Aussonderung zum Dienst für Jehova, also Priestertum. Nach der Anbetung des Goldenen Kalbes in der Wüste und als Lohn für die rückhaltlos entschiedene Stellungnahme des Stammes Levi auf der Seite Gottes (2. Mos. 32, 26-29) wurde diese besondere Gottesweihe der allgemeinen, israelitischen Erstgeburt auf die Angehörigen Levis übertragen und somit der Stamm Levi zum Priestertum berufen. »Mein ist alles Erstgeborene unter den Kindern Israel . . . An dem Tage, da ich alle Erstgeburt im Lande Ägypten schlug, habe ich sie mir geheiligt. Und ich habe die Leviten genommen a n s t a t t aller Erstgeborenen unter den Kindern Israel . . ., um den Dienst der Kinder Israel am Zelt der Zusammenkunft (der Stiftshütte) zu verrichten« (4.Mos. 8, 17-19; Kap. 3, 12; 44; 45). Dies ist der heilsgeschichtliche Zusammenhang und die geschichtliche Einzelentwicklung der Berufung des Stammes Levi zum Priestertum. Im Hintergrund seiner Erwählung steht die Erstgeburtsstellung Israels und die grundsätzliche Verbindung von Erstgeburt und priesterlicher Gottesweihe.
Das dritte Segensgut des Erstgeburtsrechts war

3. Doppelter Anteil am Erbbesitz. Nach der ausdrücklichen Anordnung des fünften Buches Mose hatte der israelitische Vater bei der Verteilung des Erbes – wie immer auch die familiären Verhältnisse im einzelnen seien – dem Erstgeborenen »z w e i Teile zu geben von allem, was in seinem Besitz gefunden wird; denn er ist der Erstling seiner Kraft, ihm gehört das Recht der Erstgeburt« (5. Mos. 21, 15-17). Das heißt z. B.: Wenn ein Vater vier Söhne hatte, so mußte der Gesamtbesitz in fünf Teile geteilt werden, und der Erstgeborene erhielt davon zwei, jeder nachfolgende Sohn einen.
Tiefeingreifende Entwicklungen in der Gesamtheilsgeschichte der Bibel hängen mit diesen drei Hauptanordnungen des israelitischen Erstgeburtsrechts zusammen.
Eigentlich hatte, unter den zwölf Stämmen Jakobs, R u b e n das Erstgeburtsrecht. Dennoch ist der Messias nicht »Löwe aus dem Stamme Ruben«. Denn Ruben war, wegen seiner schändlichen Sünde von 1. Mos. 35, 22, seines Erstgeburtsrechtes und Messiasrechtes entkleidet worden. »Er wird nicht nach der Erstgeburt verzeichnet« (1. Chron. 5, 1). Er soll »keinen Vorzug haben« (1. Mos. 49, 3; 4). Die dann folgenden Brüder Simeon und Levi waren aber auch ausgeschaltet (1. Mos. 49, 5-7), und zwar wegen ihrer Bluttat in Sichem (l. Mos. 34,25).
Daher wurde Rubens Erstgeburtsrecht folgendermaßen geteilt:
a) Den doppelten Anteil am äußeren Erbbesitz bekam Joseph in seinen zwei Söhnen Ephraim und Manasse, so daß jeder von diesen beiden ein ganzes Stammgebiet erhielt (1. Chron. 5, 1). Dies ist der Grund, warum diese zwei, die doch eigentlich nur Enkel Jakobs waren, genau so behandelt wurden, wie die unmittelbaren Söhne Jakobs, also die Brüder ihres Vaters. So wie Jakob es angeordnet hatte: »Ephraim und Manasse sollen mein sein wie Ruben und Simeon« (l.Mose 48, 5).

b) Den Dienst am Priestertum erhielt, wie oben dargelegt, L e v i. Hierbei wurde zugleich das über Levi wegen der Bluttat in Sichem (l. Mos. 34, 25) verhängte Zerstreuungsgericht, daß er kein geschlossenes Stammgebiet erhalten sollte (l. Mos. 49, 5-7), bei aller äußeren Aufrechterhaltung, in einen Segen umgewandelt. Seine Nachkommen erhielten – für jeden Israeliten erreichbar – 48 über das ganze Zwölfstämmeland verteilte Levitenstädte (4. Mos. 35,1-7; Josua 21,lff., bes. 41).
c) Die Herrschaftswürde bekam J u d a, der vierte Sohn Jakobs. »Juda hatte die Oberhand unter seinen Brüdern, und der Fürst kommt aus ihm« (l. Chron. 5, 2). So wurde Juda zum Königsstamm. Dies hat zugleich messianische Bedeutung. »Es wird das Szepter von Juda nicht entwendet werden noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und demselben werden die Völker anhangen« (l. Mos. 49, 10). Durch dies alles ist der Messias nicht, wie es sonst zu erwarten gewesen wäre, »Löwe aus dem Stamme Ruben«, sondern »Löwe aus dem Stamme Juda« (Offb. 5, 5).
Zugleich aber erkennen wir in diesem Gesamtzusammenhang die hochbedeutsamen Auswirkungen des israelitischen Erstgeburtsrechts, wie sie die alttestamentliche Offenbarungsgeschichte in entscheidendsten Hauptlinienführungen mitgestalten, ja bis in das Neue Testament und das kommende Gottesreich hineinreichen, und zwar dies nicht nur territorial, politisch (politische Führung Israels durch den Stamm Juda.) und dynastisch (königliche Dynastie des Davidshauses aus Juda: Matth. 1, 2-7), sondern desgleichen auch kultisch (gottesdienstlich) und prophetisch, ja sogar messianisch.

II. Das Erstgeburtsrecht der Gemeinde. Die große Möglichkeit

Dies alles ist, vom Neuen Testament her gesehen, zugleich gottgegebene Vorbildersprache auf die geistlichen Heilsgüter der Gemeinde. Wenn die Gemeinde die »Versammlung der Erstgeborenen« ist, »die im Himmel angeschrieben sind« (Hebr. 12, 23)5), so ist, von dieser alttestamentlichen Schau her ein dreifacher Heilsbesitz zum Ausdruck gebracht: überragende Herrlichkeit himmlischer Segensfülle, geistliches Priestertum, gottgeadeltes Königtum. In allen diesen drei Hinsichten übertrifft aber die neutestamentliche Heilswirklichkeit ihr alttestamentliches Vorbild noch bei weitem. Alles ist umfassender, tiefer, geistlicher, himmlischer.

1. Die neutestamentliche Segensfülle.
Unausforschlich ist der Reichtum Christi, der der Gemeinde zuteil geworden ist (Eph. 3, 8-10). Ihre Stellung ist weit höher als die Stellung Israels als Nation. Die himmlischen Segnungen der Christusgemeinde überragen alle irdischen Segnungen des alttestamentlichen Bundesvolkes. Hier hat wirklich die »Gemeinde der Erstgeborenen« einen »doppelten Anteil« am Segensbesitz, ja noch unendlich weit m e h r als dies! Gewaltig überlegen ist der Neue Bund gegenüber dem Alten (Hebr. 8; 2. Kor. 3). Der Kleinste im Königreich der Himmel ist größer als der Größte in der Haushaltung des Gesetzes (Matth. 11, 11). Glückselig darum unsere Augen, daß sie sehen, und unsere Ohren, daß sie hören, was Propheten und Gerechten der alttestamentlichen Vorzeit nicht geschenkt worden war, zu vernehmen (Matth.13,16;17). »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo!« (Eph. 1, 3).

So ist in Christus ein Heil erschienen, das alle vorangegangenen Gottesoffenbarungen sonnenhaft überstrahlt. In Ihm ist das volle Heil da. Der ganze Reichtum des Himmels ist aufgeschlossen. Als »Heiland« ist Christus mehr als der nur »Heilende«. Er ist mehr als der Arzt und Gesundmacher an Leib und Seele (vgl. Luk. 4,23), m e h r als der bloße Überwinder aller geistig-moralischen und seelisch-leiblichen Hemmungen im Einzelleben und in der Gesamtheit. »Als »Heiland« und »Retter« bringt Er nicht nur das Minus auf den Nullpunkt, hebt nicht nur das Negative auf, läßt nicht nur alle Krankheit verschwinden, sondern schenkt gleichzeitig etwas überwältigend Positives, einen millionenfach ü b e r den Nullpunkt hinausgehenden Reichtum (Eph. 1,18), einen überströmenden Lebensgenuß (Joh. 10, 10; 11), unausschöpfbare Glückseligkeit (Phil. 4, 4), Kraft zu siegreichem Leben (Röm. 8, 37), wahre Würde der Persönlichkeit (1. Petr. 2, 9; Eph. 4, 1), eben ewige Erfüllung echten Menschheitsadels«.

»Heil« im Sinne des Neuen Testaments ist darum der »unausforschliche Reichtum Christi« (Eph. 3, 8), »der Wirkungsbereich des auferstandenen Christus, die Summe Seiner Machtwirkungen hier unten« (Ralf Luther). Als »Heiland« ist Christus der »Heilbringer«, der Sieger über alle Mächte der Finsternis, die Sonne, von der alle Kräfte der Neubelebung ausstrahlen, der Erfüller wahren Menschheitsadels, der Bringer des Reiches Gottes, der Triumphator in Weltformat (Joh. 4, 42; 3, 16; 1. Joh. 4, 14!) – (Es genügt also nicht, bei der Erklärung des Titels »Heiland« nur die sprachliche Herkunft des Wortes soter von sozein »heilen, gesundmachen« zu berücksichtigen (vgl. Matth. 9, 21; 22; Mark. 5, 23; 6, 56). Die sprachliche Herkunft eines Wortes (die Etymologie) ist ja überhaupt nie schon entscheidend für den sinngemäßen Gebrauch und Begriffsumfang des betreffenden Wortes. Wo von Krankenheilungen im Neuen Testament die Rede ist, wird in der Regel ein ganz anderes Wort gebraucht (griech. therapeuein z. B. Matth. 4, 24; Mark. 3, 10, zusammen über 35 mal in den Evangelien).

So bezeugen wir denn mit Ernst Moritz Arndt, dem bekannten Dichter der Freiheitskriege:
»Ich weiß, an wen ich glaube,
Ich weiß, was fest besteht,
Wenn alles hier im Staube
Wie Rauch und Staub verweht …
Das ist das Licht der Höhe,
Mein Heiland Jesus Christ,
Der Fels, auf dem ich stehe,
Der unzerstörbar ist.«

2. Das neutestamentliche Priestertum.
Aber noch mehr. In der Schar dieser Himmelsmilliardäre des Glaubens ist jeder einzelne, nach Gottes Berufung, ein Priester des Höchsten. »Er (Christus) hat uns gemacht zu einem Königtume, zu Priestern seinem Gott und Vater« (Offb. 1, 6).

Was ist darin eingeschlossen?
Es gibt eine oberflächliche Art, vom allgemeinen Priestertum der Gemeinde zu sprechen, als ob eine Ortsgemeinde das allgemeine Priestertum schon dann habe, wenn sie keinen besonders beauftragten Diener am Wort hat. Wohin-gegen doch das Neue Testament an keiner einzigen Stelle erklärt, daß das allgemeine Priestertum in irgend einer Form gottesdienstlicher Gestaltung schon erfüllt sei!
Nein, eine Ortsgemeinde kann einen Prediger haben und doch zugleich das allgemeine Priestertum im Wesenhaften besitzen. Eine Ortsgemeinde kann allgemeine Redefreiheit haben und dennoch am allgemeinen Priestertum praktisch vorbeileben.
Der Ausdruck »allgemeines Priestertum« findet sich, in dieser seiner Zusammenstellung der beiden Worte »allgemein« und »Priestertum«, nicht in der Schrift. Er entstammt der Reformation. Die Bibel spricht vom »königlichen« Priestertum (1. Petr. 2, 9; 2. Mos. 19, 6) und vom »heiligen« Priestertum (1. Petr. 2, 5).
Im Gegensatz zu der katholischen Einrichtung eines besonderen Priesterstandes betonten die Reformatoren die geistliche und stellungsmäßige Gleichheit aller wahrhaft Christusgläubigen vor Gott und in der Gemeinde. Darum ist der Ausdruck »allgemeines Priestertum« – wenn, seiner Wortzusammenstellung nach, zwar auch nicht direkt in der Schrift enthalten -, so aber doch, seinem Inhalt und Sinn nach, durchaus schriftgemäß.
Nur muß man sich hüten, ihn rein negativ, das heißt, lediglich den Klerikalismus verneinend, oder vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Gottesdienstordnung und der Ausübung der Wortverkündigung, aufzufassen. Etwa als ob das »allgemeine Priestertum«, seinem Wesen nach, eben in der Verneinung eines besonderen Predigerdienstes und in der Bejahung einer unterschiedslosen Gleichberechtigung aller männlichen Gemeindeglieder im Hinblick auf Versammlungsdienst und Predigttätigkeit bestehe!
In Wahrheit sind im allgemeinen Priestertum, außer den gläubigen Männern, die gläubigen Frauen desgleichen miteingeschlossen. Allerdings jeder im Rahmen seiner Beauftragung.
Sie alle aber sollen Priesterseelen sein. Daß sich dabei auch gewisse praktische Folgerungen für die Gestaltung der Gemeindezusammenkünfte und die Ausübung des Dienstes am Wort ergeben, ist selbstverständlich. Aber der Schwerpunkt liegt viel tiefer.

Allgemeines Priestertum wie auch Geistesleitung sind, nach dem eindeutigen Zeugnis sämtlicher diesbezüglicher Stellen des Neuen Testaments (Röm. 8, 14; Gal. 5, 18; Joh. 16, 13), kein bloßes Vorrecht der Gemeindezusammenkünfte, sondern des gesamten Lebens der Gemeindeglieder von morgens bis abends, kein isolierter Sonderbezirk irgend eines Tageslaufs, sei es Sonntag oder Alltag – etwa zeitlich begrenzt auf Anfang und Ende der Anbetungs-, Bibel- und Gebetsstunden -, sondern den g e s a m t e n Menschen umfassend! In diesem Sinne ist das ganze, neutestamentliche Gottesvolk »ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation« (2. Mos. 19, 6; 1. Petr. 2, 5-9).

In der Gemeinde sollen sich dann, auf der Grundlage des allgemeinen Priestertums, die »geistlichen Gaben« entfalten (1. Kor. 12-14). Dies soll, je nach der Beauftragung des einzelnen, von Fall zu Fall unter der Leitung des Heiligen Geistes geschehen. Allgemeines Priestertum und charismatische Geistesleitung sind darum zu unterscheiden (griech. charisma = Gnadengabe). Das erstere umschließt, seinem Umfang nach, den größeren Kreis; das zweite ist in dem ersten enthalten, ist aber nur ein Teil des ersten. Jeder wahrhaft Erlöste ist zum allgemeinen Priestertum berufen. Aber nicht jeder neutestamentliche Priester Gottes ist Träger gottesdienstlicher Geistesgaben. Und auch die Träger gottesdienstlicher Geistesgaben sind nicht in jedem Fall und von vornherein mit der Ausübung der Wortverkündigung beauftragt, sondern alle stehen von Fall zu Fall neu unter der anordnenden Leitung des Heiligen Geistes (1. Kor. 12, 4ff.; 14, 26).

Hierbei beginnt die Leitung des Geistes nicht etwa erst beim Versammlungsanfang. Sie ist nicht magisch, sondern heilig-natürlich, nicht mechanisch, sondern individuell organisch, nicht zeitbeschränkt, sondern total.

Die Verbindung der Worte »Geist« (griech. pneuma) und »leiten« (griech. ago, hodegeo) findet sich nur dreimal im Neuen Testament und bezieht sich jedesmal auf das g e s a m t e Leben des Christen (Röm. 8, 14; Gal. 5, 18; Joh. 16, 13). Sie wird nirgends in ausschließlicher, nicht einmal vornehmlicher Beziehung auf die Grundsätze der Versammlungsgestaltung gebraucht. Daß hierbei jedes Zusammenkommen der Gemeinde stets neu vom Geist Gottes geleitet werden soll, ist selbstverständlich und in dem Totalitätscharakter der Geistesleitung mit eingeschlossen. Die gesamte, »innergemeindliche« und »außergemeindliche« Zeit eines Christen soll unter der Führung von oben und dem Zuspruch des Heiligen Geistes stehen. Daher ist es auch sehr wohl in Übereinstimmung mit dem biblischen (!) Begriff von Geistesleitung, daß ein Verkündiger des Wortes schon v o r einer Versammlung oder einem Gottesdienst sich vom Herrn einen Auftrag – ein Bibelwort, ein Thema, ein Lied – schenken läßt und sich in der Stille unter Gebet und unter der Leitung des Geistes auf einen Dienst in der Gemeinde »vorbereitet«. Dabei muß er allerdings offen bleiben für weitere Leitung des Geistes.

Die Aufgabe des Priesters war eine fünffache: Opfern, Beten, Zeugen, Seelsorge, Segnen.

So darf der neutestamentliche Priesterdienst ein heiliger Opferdienst sein. Gewiß, das auf Golgatha dargebrachte Opfer des Lammes Gottes ist einmalig und kann nie wiederholt werden (Hebr. 10, 10-14). Aber die durch dies Opfer für Gott Erworbenen sollen selber nun in ihrem ganzen Leben ein heiliges Opfer sein. »Ich heilige (weihe) mich selbst für sie, auf daß auch sie Geheiligte (Geweihte) seien in Wahrheit« (Joh. 17,19).

In der Hingabe ihres Lebens: Röm. 12, 1; in dem Geheiligtsein ihrer Handlungen: 1. Petr. 2, 5; 9; in Hilfsbereitschaft und Liebestätigkeit: Hebr. 13, 16; in opferfreudigen Missionsgaben: Phil. 4,18; im Volleinsatz ihrer Persönlichkeit zur Ausbreitung des Evangeliums: Phil. 2, 17; 2. Tim. 4, 6; in geistgewirkten Gebeten: Offb. 8, 3; 4; PS. 141, 1; 2; in jubelnder Anbetung: Hebr. 13,15 – kurz, in dem Geweihtsein ihres ganzen Seins und Wirkens soll sich ihr priesterlicher Opferdienst heilig bewähren.
Pflicht der Gemeinde. Es ist nicht in unser Belieben gestellt, ob wir unsere Ortsgemeinde oder die Bestrebungen der Weltmission oder der Evangelisation »unterstützen« wollen oder nicht. Beitrag zum Werk des Herrn – bis hin zum Ausmaß des persönlichen Opfers (!) – ist schlechthin unsere Schuldigkeit. Es ist B e f e h 1 des erhöhten Herrn (1. Kor. 9, 14) und darum für jeden Erlösten eine Frage des Gehorsams. Opfergaben für das Reich Gottes gehören darum in das Gebiet der Heiligung. Wir können bei uns selbst daran erkennen, inwieweit wir überhaupt den Herrschaftsanspruch Christi praktisch ernst nehmen.
Missionsopfer sind Ausdruck unserer Dankbarkeit für die empfangene Erlösung und den Dienst Christi und Seiner Gemeinde an unserer Seele. Christus erhebt Anspruch darauf, und aller Ungehorsam in dieser Hinsicht ist Geringschätzung Seiner Autorität, ja, Beraubung Gottes. Zweifellos dürfen Opfer »nicht aus Zwang oder Verdruß» dargebracht werden, sondern von einem jeden bereitwillig und gern, eben so, »wie es das Herz vorschreibt« (2. Kor. 9, 7). Aber unser Herz soll und darf Christus und Sein Werk dankbar und tief l i e b e n, und dann ergibt sich alles andere von selbst.
Sie sind Selbsteinzahlungen auf die Himmelsbank. Es ist »der Gewinn«, schreibt Paulus, »der für e u r e Rechnung erwächst«, der sich auf e u r e m Konto vermehrt (Phil. 4,17), der als »Guthaben« (Menge) auf euer (himmlisches) Konto gebucht wird. »Mein Gott wird euch nach seinem Reichtum alles, was ihr bedürft, durch Christus Jesus in herrlicher Fülle geben« (Phil. 4, 19, Menge, Albr.). Vgl. Gal. 6,6.) Aber noch höher ist diese Verpflichtung der Gemeinde zu bewerten. Sie trägt geradezu priesterlichen Charakter. Zuwendungen für Gemeinde und Mission sind
Neutestamentliche Opfer und darum eine wesentliche Betätigung des »allgemeinen Priestertums«. Sie sind, wenn in rechter Gesinnung und darum dann auch in entsprechendem, äußeren Ausmaß dargebracht, »ein duftender Wohlgeruch, ein angenehmes O p f e r, Gott wohlgefällig« (Phil. 4, 18). Dies ist jedenfalls die Beschreibung, mit der Paulus die Missionsgabe der Philipper charakterisiert. An deiner Gebefreudigkeit für Reich Gottes und Weltmission kannst du es vor dir selbst erkennen, wie weit du dich überhaupt eigen-persönlich in das allgemeine Priestertum praktisch hineingestellt weißt. An der Stellung zum Geld waren im Alten Testament die wahren und die falschen Propheten zu erkennen (Micha 3,11; 4.Mose 22,16). Dies war das untrügliche Unterscheidungsmerkmal. An der Stellung zum Geld bewährt sich im Neuen Testament auch die Echtheit wahren allgemeinen Priestertums. – Und zuletzt: Zuwendungen für Gemeinde und Mission sind
V o r r e c h t  u n d  E h r u n g für die gebenden Mitarbeiter.
»Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, auf daß, wenn er zu Ende geht, man euch aufnehme in die ewigen Hütten« (Luk. 16,9). Wie wird es einst sein, wenn in der Ewigkeit die Zusammenhänge vieler Siege in Weltmission und Reichsgottesarbeit offenbar gemacht werden! Welche Freude und welche Ehre, wenn uns dann im ewigen Licht gezeigt wird, wie auch unser persönliches Missionsopfer vielleicht dazu beigetragen hat, eine Bibelverbreitung oder ein Missionsunternehmen zu ermöglichen, wodurch Seelen zu Christus geführt wurden! Welch beseligendes Glück, dann in Demut zu erkennen: Da haben andere gekämpft und gesiegt; aber i c h w a r – obwohl vielleicht Tausende von Kilometern davon örtlich entfernt – durch Gottes Gnade dennoch a u c h d a b e i ! Zu solchen Freuden und Ehren führt der praktische Opferdienst des neutestamentlichen, allgemeinen Priestertums.

Bei dem Ganzen aber bleibt im Priestertum der Gemeinde das Gebetsleben die eigentliche, innerste Mitte. Für den wahren, neutestamentlichen Priester ist Beten keine Pflicht, sondern gottgeschenktes Vorrecht. Dann werden auch die Sünden der Umgebung nicht Gelegenheiten zur Kritik, sondern Aufgaben liebender Fürbitte. Die Unheiligkeiten anderer werden heilig behandelt. Sie werden nicht ins »Lager«, sondern ins »Heiligtum« gebracht. Und vom stillen Gebetskämmerlein gehen Segensströme aus in Gemeinde und Haus, in Seelsorge und Mission (Eph. 6,18; 19; Röm. 15, 30-32), ja, in Obrigkeit und Völkerwelt (1. Tim. 2, 1; 2).

Das Gebet ist der »Transformator«, die »Umschaltestation«, die den Strom aus der himmlischen Kraftzentrale – Gott – in die einzelnen Haushaltungen und Betriebe unseres Lebens überleitet, ihn zu Licht- und Kraftzwecken gleichsam »umschaltet«, »umformt« und verteilt. Ohne Gebetsleben – kein Siegesleben! Ohne Leben i n Christus kein Wirken f ü r Ihn! Auch mitten im Andrang der täglichen Pflichten darf unsere Gebetsverbindung mit dem Herrn niemals abreißen.
»Beten« allein tut’s freilich auch noch nicht. Selbst bei Gläubigen gibt es ein ungläubiges »Beten«, ein formenhaftes, gedankenloses, zweifelndes Scheingebet. »Solcher Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn empfangen werde« (Jak. 1, 7). Nur das G l a u b e n s gebet kann uns helfen, das vertrauensvolle Erwarten, daß der Herr uns nach Seinem Rat und zu Seiner Zeit tatsächlich erhören wird.
Ein solches Beten ist dann priesterliche Reichsgottes a r b e i t. Es ist nicht eine Tätigkeit der Seele, die etwa lediglich zu der Arbeit h i n z u käme, sondern ein Teil der Arbeit des Priesters selber, ja die wichtigste Arbeit überhaupt! Nur der ist ein Reichsgottes a r b e i t e r, der ein Reichsgottes b e t e r ist. Denn »Gebet ist Arbeit« (Kol. 4, 12; 13). Nur d i e Ortsgemeinde ist geistlich stark, bei der die Gemeindegebetsstunde nicht ihre »schwache Seite« ist, bei der die gemeinsamen Gebetszusammenkünfte Missionsmitarbeitsstunden sind, »Mission« in dem doppelten Sinne von Evangeliumszeugnis draußen und Evangeliumszeugnis daheim. Die Entscheidungsschlacht unseres Lebens wird im Kämmerlein geschlagen. Wie unser Gebet, so ist unsere Arbeit. So ist unser Einfluß auf unsere Mitmenschen. So ist unsere Stellung zu allen Fragen des Lebens.

Zur Bitte und Fürbitte kommt noch die Danksagung und die Anbetung hinzu. Anbetung ist gar wohl von Danksagung zu unterscheiden. Diese geht aus von den G a b e n und einzelnen S e g n u n g e n, die Gott dem Geschöpf zuteil werden läßt, jene von der P e r s o n und dem allgemeinen W e s e n des Gebers selbst. Die Danksagung preist für alle T a t e n und E r w e i s e Seiner Herrlichkeit. Die Anbetung aber schaut hin auf das Innere dieser Herrlichkeit, auf die G ö t t l i c h k e i t  s e l b s t.

Wohl spricht auch sie von den großen Tatsachen des Heils und der Erlösung; aber bei ihr steht nicht, wie bei der Danksagung, der Nutzen und Segen im Vordergrund, den wir aus ihnen gewinnen, und für den wir Gott preisen, sondern sie erblickt in ihnen Kundgebungen und Offenbarungsweisen des inneren Wesens der Gottheit. Die Danksagung betont also besonders das herrliche E r g e b n i s der göttlichen Heilstaten für das erlöste Geschöpf; die Anbetung aber lobpreist ihren göttlichen Urgrund und Ursprung im Herzen des Schöpfers selbst.
In der Danksagung freut sich das Herz über das, was sein Heiland und Herr i h m p e r s ö n l i c h geworden ist; in der Anbetung jubelt die Seele über das, was der heilige Gott aller Liebe und Macht in Sich Selber ist.

Zum Priesterdienst gehört darum auch Zeugendienst. »Die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren, und das Gesetz s u c h t (!) man an seinem Munde« (Mal. 2, 7). Achten wir darauf: Man e r w a r t e t etwas von uns, weil wir Priester Gottes sind! Oft ist es der Welt völlig unbewußt. Ja, sie würde es sogar auf das energischste bestreiten, wenn man es ihr sagen wollte. Und doch ist es der Fall! Und doch sind gerade w i r ihr die Antwort auf ihre tiefsten und ungelösten Fragen schuldig. Denn wir sind die einzigen, die die Antwort h a b e n ! »Dieser Tag ist ein Tag guter Botschaft; schweigen wir aber . . ., so wird uns Schuld treffen« (2. Kön. 1, 9). »Wehe mir, wenn ich nicht . . . verkündige!« (1. Kor. 9, 16.) Neutestamentliches Priestertum und Evangeliumsbezeugung gehören zusammen. Darum will Paulus »priesterlich dienen am Evangelium Gottes, auf daß das Opfer der Nationen angenehm werde, geheiligt durch den Heiligen Geist« (Röm. 15,16).

Damit aber wird die Gemeinde, als neutestamentliches Priestertum, zugleich auch Prophet Christi. Sie ist Künder Seines Lebenswortes an die Welt. Sie ist Zeuge und Bekenner, also M i s s i o n s – gemeinde ihrem innersten Wesen nach. Nichtausführung des Missionsbefehls beruht darum auf Verkennung des allgemeinen Priestertums, ja des Wesens der Gemeinde überhaupt. Denn zum Wesen der Ekklesia gehört, daß sie W o r t gemeinde ist: Sie lebt durch das Wort, sie nährt sich vom Wort, sie wird gestärkt durch das Wort, sie richtet sich nach dem Wort, und so soll sie in gewissem Sinne nun auch selber «Wort« sein. Die Gemeinde des Herrn lebt v o n Mission – denn nur durch die Ausführung des Missionsauftrags ist das Evangelium zu uns gekommen -, und darum muß die Gemeinde auch praktisch leben f ü r die Mission . »So sind wir denn Gesandte für Christum. Christus »redet« durch uns, »als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!« (2. Kor. 5, 20.)

Immer wieder ist seit den Tagen der Reformation die Frage nach der Berechtigung und Möglichkeit der Missionsarbeit gestellt worden. Von vielen ist sie verneint, von den heldenmütigen Pionieren des Gotteszeugnisses in der Völkerwelt mit Wort und Tat bejaht worden. Männer wie Zinzendorf und Ziegenbalg und, im angelsächsischen Sprachgebiet, William Carey, Robert Morrison, David Livingstone, Hudson Taylor waren Bahnbrecher und Bannerträger der Missionsaufgabe der Gemeinde Gottes und bewiesen, daß sie nicht nur möglich, sondern geradezu nötig ist.
In der Tat, der Missionsbefehl Jesu Christi ist niemals zurückgezogen worden. Im Gegenteil, er ist unzertrennbar verbunden mit der Missionsverheißung: »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende«. Missionsbefehl und Missionsverheißung gehören zusammen. Man kann das eine nicht haben ohne das andere. Denn wenn die V e r h e i ß u n g »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende« ihre Gültigkeit behält, dann auch der Missions b e f e h l : »Gehet hin in alle Welt!«

Am 4. Dezember 1857 besuchte David Livingstone, der große Afrikaforscher und Missionspionier, die Universität Cambridge. Bei dieser Gelegenheit forderte er die christlichen Studenten auf, sich dem Werk des Herrn in Afrika zu weihen. Dabei sagte er unter anderem: »Ich für mein Teil habe nie aufgehört, mich zu freuen, daß mir Gott diesen Dienst anvertraut hat. Man spricht so viel von dem Opfer, das ich gebracht habe, indem ich Afrika mein Leben weihte. Aber kann man das überhaupt Opfer nennen, wenn wir ein klein wenig von dem an Gott zurückgeben, was wir Ihm schulden? Und unsere Schuld ist so groß, daß wir sie nie begleichen können. Ist das ein Opfer, was uns selbst am tiefsten befriedigt, was unsere besten Kräfte zur Entfaltung bringt und zu den größten Hoffnungen berechtigt? Hinweg mit diesem Wort! Hinweg mit solchen Gedanken! Es ist alles andere als ein Opfer! Nennt es lieber V o r r e c h t ! Angst, Krankheit, Leiden, Gefahr, das Aufgeben so vieler, uns scheinbar unentbehrlicher Bequemlichkeiten kann uns vielleicht einen Augenblick zurückschrecken und entmutigen, aber nur einen Augenblick. Es ist nichts im Vergleich mit der Herrlichkeit, die an uns und in uns soll offenbar werden. Ich habe niemals ein Opfer gebracht.

Solche Menschen braucht der Herr, Menschen, in deren Seele eine heilige Glut brennt, die nur e i n e Hauptaufgabe für ihr Dasein hienieden kennen, und das ist die Bezeugung und Verherrlichung der Person ihres Erlösers, die Verkündigung Seines Heilswerkes durch Wort und Wandel, die Ausbreitung Seiner Herrschaft in der Nähe und in der Ferne. Solche Menschen sind in Wahrheit Priester Gottes.
Als vor 160 Jahren, beim Beginn einer neuen Missionszeit, in einer Beratung über Indien ein Diener des Herrn sagte: »Wir sehen, es gibt eine Goldgrube in Indien, aber so tief wie der Mittelpunkt der Erde, und wer will es wagen, sie zu erforschen?«, da gab Carey, der spätere, große Bahnbrecher der Heidenmission, die geradezu klassische Antwort: »Ich will es, ich will hinuntersteigen; aber ihr dürft nicht vergessen, die Stricke gut zu halten.«

Darum, hinweg mit aller Trägheit! Hinweg mit aller kraftlosen, »frommen« Beschaulichkeit! Wir dürfen keine tatenlosen Zuschauer der Taten Gottes sein! Der Trieb zur Ausbreitung ist dem Evangelium in die Seele gelegt. Die Gelegenheiten zum Zeugnis und zum Einladen in die Versammlungen müssen wir geradezu s u c h e n ! »S u c h e, vom Grabesrand Seelen zu retten!«
Auch der Sohn Gottes kam auf die Erde, um zu »suchen«, was verloren ist. Suchst du? Oder hältst du die Verteidigungsstellung für ausreichend, um den Sieg zu erringen, und meinst, auf das andere verzichten zu dürfen?! Dann wäre es weit gefehlt mit deinem Christenleben und deiner praktischen Verwirklichung des »allgemeinen Priestertums«!
Zum Aufbau der Gemeinde gehört aber nicht nur Rettung, sondern auch Weiterführung der Seelen. Auch hier hat das neutestamentliche Priestertum, als Träger des göttlichen Wortes, darum seine Aufgabe. Der »Zeuge« wird «Erzieher«, der «Bote« wird «Berater«. Darum gehört Seelsorge zu den weiteren, besonderen Hauptaufgaben des neutestamentlichen, allgemeinen Priestertums.
Priesterliche Seelen sind Seelsorger in der Gemeinde. Sie haben einen Blick für die Not anderer. Sie haben sehende Augen. Sie betrachten ihre Umgebung nicht mit der Lupe scharfer Kritik, sondern mit dem Blick eines mitempfindenden Herzens. Sie sehen das Gute im Leben und Streben des anderen und benutzen es als Anknüpfungspunkt für ihre seelsorgerische Beratung. Im Heiligtum Gottes empfangen sie das Weisheitswort für die praktische Seelenführung. Wohl sehen auch sie die Unvollkommenheiten der anderen; aber sie haben – wie ihr himmlischer Hoherpriester – zugleich Mitleiden mit ihren Schwachheiten (Hebr. 4, 15). Zugleich bleiben sie sich, in geist-gewirkter Selbsterkenntnis, ihrer eigenen Unvollkommenheit bewußt.

Sie verallgemeinern nicht alles, sondern haben Verständnis für die jeweilige Sonderlage. Sie interessieren sich für den anderen. Sie haben Seele und Wärme. Das Wohl der Einzelseele liegt ihnen am Herzen. Sie haben ein Einfühlungsvermögen in deren persönliche, vielleicht anders gelagerte Wesensart. In Gesprächen reden sie nicht nur, sondern verstehen zugleich die hohe Kunst edlen Zuhörens. Sie lösen sich von ihrer eigenen Schau der Dinge, ihren ichbezogenen Ausdrucksformen, ihren selbstbefangenen Gesichtspunkten, ihren mitgebrachten Meinungen, ihren einseitigen Maßstäben. So gewinnen sie »Distanz« (Abstand) von sich selbst und überwinden damit zugleich die Distanz, die sie vom anderen trennte. So treten sie heraus aus ihrem eigenen Selbst und versetzen sich in den hinein, dem sie dienen wollen.

Auf diese Weise gelangt der wahre, priesterliche Seelsorger vom »Ich« zum »Du« und dadurch zugleich zum gemeinsamen »Wir«, und in dieser Gemeinsamkeit geht er – vom Standort des anderen aus und zusammen mit ihm – zu den jetzt beiden vom Herrn gewiesenen, nun gemeinschaftlich erstrebten, höheren Zielen. Hierbei bestimmt die Marschmöglichkeit des anderen das Tempo der Wanderung. Zur priesterlichen Seelsorge gehört ermahnender Zuspruch.
Es gibt ein vierfaches Ermahnen:
Das hartherzige Ermahnen. Dies ist die unbarmherzige Strafrede, die gefühllos, zuweilen geradezu roh dem anderen seine Verfehlungen vorhält, ihn erniedrigt und schlägt und ihn hochmütig und richterlich herunterdonnert und verdammt. Solche seelenlose Seelsorge erreicht meist nur eins: das Aufziehen einer Widerstandsfront im Herzen des anderen, einer Widerstandsfront, die in dieser Weise zunächst vorher noch gar nicht da gewesen war! Solche »Seelsorger« stehen vor verriegelten Türen. Sie haben sich die Herzenstüren selber verschlossen. Sie schaffen Verhärtung und Verstockung. Sie bewirken Verbitterung und Belastung. Sie sind nicht Priester, sondern Pharisäer. Sie sind S c h e i n – Seelsorger und in Wahrheit nur eine »Sorge« für die »Seelen«!

Wider solche entartete Seelsorge hat Jesus in der Bergpredigt gestritten: »Wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, ziehe am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!« (Matth. 7, 4; 5.) Das zweite ist:
Das gesetzliche Ermahnen. Es gebietet und befiehlt. Es ordnet einfach an. Es tritt mit dem kategorischen »Du sollst« auf. Es wendet sich an den »guten Willen«, das Ehrgefühl, die moralische Eigenkraft des Menschen. Das Ergebnis ist im besten Fall das Fassen guter Vorsätze, ein neuer, sittlicher Versuch, eine neue Zusammenraffung aller inneren Energien. Am Schluß aber, trotz allem, stets nur – N i e d e r l a g e ! Denn durch Gesetz kommt wohl »Erkenntnis«, nicht aber Überwindung der Sünde (Röm. 3, 20; 8, 3). Diese wird allein durch die Gnade bewirkt. Dennoch steht das gesetzliche Ermahnen auf einer ungleich höheren Stufe als das hartherzige, das in Wirklichkeit ja überhaupt gar kein »Ermahnen« gewesen war.

Das dritte ist:
Das vernünftige Ermahnen. Dies ist noch höher zu bewerten als das gesetzliche. Es ist auch fruchtbringender. Schon das gesetzliche Ermahnen ist nicht ganz zu verwerfen. Es bringt zwar nicht hindurch bis zum eigentlichen Ziel; aber es hat, wie in der Heilsgeschichte der Gesamtheit (Mose!), so auch im Erziehungsweg des einzelnen einen gottgeordneten Platz. Der Vater »befiehlt« seinem kleinen Sohn, auch wenn es oft gar nicht möglich ist, dem Kinde die Gründe dafür zu erklären. Es muß einfach gehorchen, nur weil es der Vater gesagt hat. Und es tut recht daran. Das vernünftige Ermahnen aber geht tiefer in die Innenwelt des zu Ermahnenden ein. Es erklärt, w a r u m das Geforderte befohlen wird. Es ordnet nicht nur an, sondern überzeugt. Es macht die Anordnung einleuchtend und verständlich. Der Angeredete wird höher bewertet, indem er nicht nur äußerlich gehorchen, sondern zugleich innerlich begreifen soll. Das hebt seine Persönlichkeit, macht ihn williger und freudiger, und sein Gehorsam kommt mehr aus dem Inneren heraus, ist organischer und edler. Zum eigentlichen Ziel aber führt erst das vierte:
Das schöpferische, geistliche Ermahnen. Dies schließt das Anordnen und Erklären in sich ein, übertrifft sie aber beide durch das Hinzukommen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Auf diese Weise kommt es zu Klärungen und Überführungen, zu Lösungen und Befreiungen, zu geistgewirkten »Herzensentschlüssen« und Willensentscheidungen (Apg. 11, 23), zu Reinigung und Wiedergutmachung, zu vermehrter Hingabe und Auslieferung des ganzen Menschen an den Herrn. Aus dem Schmerz über die Sünde wird, nach Buße und Beugung, zugleich neuer Mut gewonnen. Nicht nur Vergebung, sondern praktische Heiligung wird erreicht. Nicht nur neues Denken, sondern neues Handeln ist die Frucht. Und mit doppelter Zuversicht geht der somit wahrhaft seelsorgerisch Ermahnte seinen Weg freudig und ernst voran.

Darum ist schöpferisches Ermahnen immer zugleich ein Ermutigen. In der Sprache des Neuen Testaments ist »Ermahnung« und »Ermutigung« sogar ein und dasselbe Wort (griech. paraklesis von dem Zeitwort parakaleo). Wer nicht Mut machen kann, soll auch nicht ermahnen. »Ermahnung« ohne Ermutigung ist niederdrückende Kritik. Zum schöpferischen Ermahnen gehört der freudige Hinweis auf die neu machenden Kräfte des Heiligen Geistes. Nur in dieser Gesinnung – in der Liebe und mit dem »Herzen« Jesu Christi (Phil. 1, 8) – kann der neutestamentliche Priester Gottes fruchtbare Seelsorge treiben. Denn geisterfüllte Liebe ist die Seele aller Seelsorge.

Allgemeines Priestertum und biblische Ortsgemeinde. Ebenso wie der einzelne, soll auch die Ortsgemeinde das allgemeine Priestertum in diesem seinem tiefen und umfassenden Vollsinn praktisch betätigen. Auch hier müssen wir es lernen, wieder mehr biblisch zu denken und zu handeln. Eine Gemeinde, die nicht missionieren will, soll entweder Buße tun, oder sie wird eines Tages »demissionieren« müssen! Entweder eingesetzt werden oder abgesetzt werden! Das ist die Entscheidung, vor die der Herr jeden stellt. Entweder leuchten, oder der »Leuchter« der Ortsgemeinde wird von seiner Stelle gestoßen (Offb. 2, 5)! Die Rebe, die nicht Frucht bringt, wird »hinausgeworfen« (Joh. 15, 6).

Mission ist göttliches Muß. »Also . . . muß . . . in Seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen« (Luk. 24, 47). Es ist nicht in unser Belieben gestellt, ob wir der Welt die Botschaft vom Kreuz bringen wollen oder nicht. Der Befehl des erhöhten Christus steht dahinter! Mit Petrus erklärt er: »Es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden« (Apg. 4,20). Mit Paulus bekennt er: »Eine Notwendigkeit liegt mir auf« (1. Kor. 9, 16).

Als »Priestertum« hat die Gemeinde die Aufgabe, zu »verkünden«. »Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches P r i e s t e r t u m, eine heilige Nation . . ., d a m i t i h r die Tugenden dessen v e r k ü n d i g t, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht« (1. Petr.2, 9).

Biblische Ortsgemeinden sind keine Konservierungsstätten für christliche Heilswahrheit, sondern Stätten, in denen »gebaut« wird! Und ein jeder sehe zu, w i e er baut! (1. Kor. 3, 10) Es gilt, die Wahrheit nicht nur »festzuhalten«, sondern zugleich »hochzuhalten«, sie gleichsam als Kriegspanier und Siegesbanner der streitenden Zeugenschar voranzutragen! Neutestamentliches Priestertum und Prophetentum sind praktisch überhaupt nicht zu trennen.
Eine besondere Bedeutung haben hier die Gebetszusammenkünfte der Gläubigen. Gemeindegebetsstunde und Weltmission gehören zusammen. Wenn je irgendwo die innere Einheit der prophetisch-missionarischen Aufgabe der Gemeinde mit dem »allgemeinen Priestertum« zu Tage tritt, dann hier. In einer gesund stehenden Ortsgemeinde muß das priesterliche Gebet für die Mission einen breiten Raum einnehmen. (Röm. 15, 30-32).
Dies wird dann gleichzeitig zu einer Quelle der Belebung und des Segens für die Gemeinde selbst werden. In einer solchen Ausübung des »allgemeinen Priestertums« erlebt die Ortsgemeinde etwas von der Weltweite und Einheit der Gesamtgemeinde. Wenn in den Gebets- oder Gemeindestunden Briefe vom Missionsfeld vorgelesen oder sonstige Mitteilungen aus der Missionsarbeit öffentlich weitergegeben werden, werden die Gebetsstunden belebt. Die Gebete werden konkreter, die Bitten vielseitiger, und alles wird direkter, persönlicher, lebendiger.
Dann wird auch der Dienst in den Zusammenkünften in heiliger Freiheit und Geistesleitung geschehen können, in geistdurchdrungener Entfaltung der verschiedenen, vom Herrn selbst ausgeteilten Geistesgaben (1. Kor. 12, 4-11; 14, 26), und priesterliche Anbetung wird emporsteigen zum himmlischen Heiligtum aus der Mitte der am Tisch des Herrn versammelten, das priesterliche Opfer von Golgatha priesterlich lobpreisenden, feiernden Gemeinde.

3. Das Königtum der Gemeinde.

Mit dem Priestertum verbindet die Schrift das Königtum, mit dem himmlischen Tempel den himmlischen Thron (vgl. Jes. 6, 1-4!). So ist auch die Gemeinde nicht nur ein Priestervolk, sondern zugleich ein Königtum (Offb. 1, 6; 1. Petr. 2, 9), ja geradezu ein »Königreich von Priestern« (vgl. 2. Mose 19, 6). Diese gegenwärtige und zukünftige Herrschaftswürde gehört ebenfalls zu ihrem »Erstgeburtsrecht«. Als die »Versammlung der Erstgeborenen« wird die Gemeinde einst der »Regierungsstab« Christi, die »Herrschaftsaristokratie« im kommenden Reich Gottes sein. »Fürchte dich nicht, du kleine Herde; denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben« (Luk. 12,32). »Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden?« (1. Kor. 6, 2.) Ja, sogar über Engel werden die Erlösten einst richten. »Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron« (Offb. 3, 21). »Der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit« (Offb. 22, 5).

III. Die ernste Gefahr.

Nicht aber eigentlich, um die Herrlichkeiten der Gemeinde zu zeigen, spricht der Hebräerbrief vom Erstgeburtsrecht Esaus, sondern um zu w a r n e n ! Gerade auf dem Hintergrund solcher hohen Ehrenstellung ist praktisches Versagen doppelt verwerflich. Hier gilt es, die Gefahren zu sehen und sich entsprechend zu verhalten. Hier gilt es, die Kosten zu überschlagen, was Untreue bedeuten würde! Denn der Preis solcher Sünde wäre nichts Geringeres als Verlust des Vollbesitzes des Erstgeburtsrechts.
Zweifellos, Erstgeburtsrecht ist nicht dasselbe wie Kindschaft. Esau blieb Isaaks Sohn, auch nachdem er seine Erstgeburtsstellung verschleudert hatte. Er erhielt sogar, trotz allem, eine Art Neben-Segen (1. Mos. 27,38; 40b). »Durch Glauben segnete Isaak, in Bezug auf zukünftige Dinge, den Jakob und den Esau« (Hebr. 11, 20). Aber ungemein groß war doch der Verlust. So kann es in geistlicher Hinsicht auch den neutestamentlichen »Erstgeborenen« ergehen. Wohl bleibt ihr Lebenszusammenhang mit dem himmlischen Vater bestehen – sie s i n d aus dem Tode ins Leben hinübergegangen (1. Joh. 3,14) -; aber sehr große Himmelsgüter stehen dennoch auf dem Spiel!
Reichtum, Priesterstellung, Herrschaftswürde sind die drei Heilsgüter des Erstgeburtsrechts. Aber: Man kann, trotz des Reichtums, in Armut leben. Kein »Über-trömen« himmlischer Fülle ist zu bemerken. Kein innerer Reichtum bricht hervor. Kein Glück seligen Erlöstseins strahlt leuchtend auf. Bedrückt gehen Kinder der ewigen Freude umher und, anstatt ihre Wonne an Christus zu haben, schauen sie begehrlich zurück auf die Scheinfreuden und Scheingüter dieser Welt.
Man kann, trotz seiner Königsberufung, praktisch ein Knecht sein. Denn alle irdische Gesinnung ist Verleugnung des Himmelsadels (Kol. 3, 1-3). Alles Haschen nach Geld und Gut macht den »König« zum Bettler. Aller Sorgengeist ist unköniglich, alle Menschenfurcht unwürdig, alle Empfindlichkeit und Verletztheit kleingeistig und armselig. Überhaupt aller Sündendienst macht den berufenen Herrscher zum Sklaven, und die Sünde, die doch der Besiegte und Unterlegene ist, gebärdet sich als Regent und Tyrann. In Wahrheit aber soll der Christ der Überlegene sein.
Und wie ernst werden die Auswirkungen für die Ewigkeit sein! Bei aller persönlichen Errettung, wie groß der Verlust! Nach dem ausdrücklichen Wort Pauli, des Apostels der Gnade (!), wird der »Tag Christi« für die Gemeinde »in Feuer« geoffenbart werden. »Und das Feuer wird erproben, welcherlei das Werk eines jeden ist« (1. Kor. 3, 13). Da kann es dann geschehen, daß einem – unter Umständen d i r ! – das ganze Lebenswerk verbrennt, daß du zwar errettet wirst, doch nur wie ein Brand aus dem Feuer, das heißt, »wie einer, der bei einem Brande nur mit dem nackten Leben davonkommt« (1. Kor. 3, 15). Die »Kindschaft« ist zwar unverlierbar, nicht aber die Gesamtfülle des »Erstgeburtsrechts«!

 

IV. Der verhängnisvolle Irrtum

Welches aber war der verhängnisvolle Irrtum, den Esau beging und der uns als ein warnendes Beispiel vor Augen gestellt wird? Er verkaufte für e i n e Speise sein Erstgeburtsrecht! Man spürt geradezu seinen Worten die Unbeherrschtheit und Gier ab: »Laß mich doch essen von dem Roten, von dem Roten da!« Und ebenso seine materialistische Gesinnung und Ichbezogenheit: »Ich muß ja doch sterben! … Wozu mir da das Erstgeburtsrecht?« (1. Mos. 25,30-32, Elb.).
Esau lebte dem Leiblich-Sichtbaren und verschleuderte das Geistige, also allein Wahre. Esau »verachtete« Gottes Ehrengabe (1. Mos. 25, 34) und brachte sich damit selbst in Verachtung (1. Mos. 27, 37). So lebte er seinem Ich und verschleuderte damit die Berufung seiner Familie. So lebte er dem Augenblick und verschleuderte Werte der Ewigkeit! Durch dies alles bewies er, daß er ein gottloser, profaner Mensch war, ein säkularisierter Patriarchensohn, d. h. ein verweltlichter Nachkomme eines Trägers höchster Gottesverheißungen. Darum sagt Gott, der, kraft Seiner Überzeitlichkeit, von vornherein alles gesehen hatte, schon vor der Geburt der beiden Brüder: »Den Jakob habe ich geliebt, aber den Esau habe ich gehaßt« (Mal. 1, 2; 3; Röm. 9,13). Das ist nicht feindseliger Haß, wohl aber Ablehnung und Verwerfung. Ohne jene seine Verschuldung wäre das Erstgeburtsrecht bei i h m geblieben, und alle seine heilsgeschichtlichen Folgeentwicklungen b i s h i n z u m M e s s i a s wären nicht über seinen Bruder Jakob gegangen, sondern über ihn, Esau, über s e i n e Nachkommen, also nicht über »Israel«!
Nun aber konnte er weinen und wehklagen und seinen Vater flehentlich um den Segen bitten (1. Mos. 27, 34): er konnte keine »Umstimmung« Isaaks erreichen. Für eine »Rückgängigmachung« der unter der Inspiration des Geistes Gottes von Isaak getroffenen Entscheidung war »kein Raum« mehr! Dies scheint der Sinn der Worte zu sein: Er fand keinen Raum für die »Umänderung«, obwohl er sie mit Tränen suchte. Das griech. Wort metanoia, das sonst in der Schrift »Buße« bedeutet, kann hier wohl kaum diesen Sinn haben. Denn wenn jemand die »Buße« mit Tränen sucht, steht er eigentlich schon i n der Buße, und man kann von einem solchen Menschen kaum sagen: Er fand keinen Raum für die Buße. Die eifrigen Tränen würden ja beweisen, daß er die Buße (Sinnesänderung) hat! Esau fand keinen Raum für die »Rückgängigmachung« der nun einmal zu Gunsten Jakobs bereits erfolgten Segenserteilung. Hiermit stimmt auch der alttestamentliche Bericht überein, der nirgends davon spricht, daß Esau unter heißen Tränen sich um eine innere Umwandlung bemüht hätte, der aber sehr wohl erkennen läßt, daß er tatsächlich nichts anderes begehrte als den noch dazu recht äußerlich verstandenen Segen (1. Mos. 23, 34; 38).
Und was hatte er dafür als Ersatz erhalten? – Ein Linsengericht!

So schlecht bezahlt die Sünde ihre Diener! Du aber, mein lieber Leser, lies die obigen Sätze noch einmal und frage dich, ob sie nicht unter Umständen ein Spiegelbild d e i n e s Verhaltens sind! Wenn vielleicht auch nicht immer, so aber möglicherweise doch erschütternd oft! Nimm darum die Warnung des Hebräerbriefes ernst! Es steht viel auf dem Spiel: Ewiger Gewinn oder unwiederbringlicher Verlust! »Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?« (Matth. 16, 26)

Was heißt »nach den Gesetzen des Kampfspieles kämpfen«? – Derjenige kämpft nicht nach den Regeln des Wettspieles, der sich durch irgend einen Kunstgriff, einen »Kniff«, einen l e i c h t e n Sieg zu verschaffen sucht – etwa versucht, an einer Kurve die vorgeschriebene Bahn abzukürzen -, der sich also die Sache bequemer machen will, als sie in Wirklichkeit ist. Dann mag er vielleicht in den irdischen Spielen sein Ziel wirklich früher erreichen als andere, aber der Kampfrichter wird sein Tun dennoch nicht anerkennen. So suchen sich auch heute viele, die wahre Christen sein wollen, den Kampf etwas leichter zu machen, als er in Wahrheit ist. Sie machen hier ein kleines Zugeständnis oder schließen dort einen kleinen Kompromiß. Sie wollen zwar auch ans Ziel gelangen, aber sie möchten sich den Preis doch etwas »billiger« machen. Lassen wir uns da nicht täuschen! Christus, der Herr, erwartet eine g a n z e Hingabe! Fort mit allen Versuchen, den schmalen Weg etwas breiter und gangbarer zu machen! Der Herr will unser ganzes Herz!

In Rom, im Mittelpunkt des verkehrsreichen Platzes Piazza del Popolo, sah ich einen großen, höchst eindrucksvollen, 30 Meter hohen, altägyptischen Obelisken. Er hatte ursprünglich im Circus Maximus gestanden, diesem riesigen, einst prachtvoll ausgebauten Sportstadion der römischen Kaiserzeit, dessen Anfänge bis in die Zeiten vor Gründung der römischen Republik zurückreichen (König Tarquinius Priscus, 500 v. Chr.). Von dort war er, jetzt vor 400 Jahren, durch Papst Sixtus V. an seine jetzige Stelle versetzt worden. Er gehört zu den ältesten Bauwerken, die Rom besitzt. Seine noch heute gut erkennbare, altägyptische Hieroglypheninschrift besagt, daß er errichtetet worden war in der Zeit des großen Pharao Ramses II. in der alten Sonnenstadt Heliopolis, – unweit des heutigen Kairo (ägypt. On, hebr. Beth-Schemesch, Jer. 43, 13!), in der Patriarchenzeit die Heimatstadt des Schwiegervaters Josephs, Potiphera, der dort Priester des Sonnengottes Ra war (1. Mos. 41, 45; 50; 46, 20) – also im 13. bzw. 12. vorchristlichen Jahrhundert, das heißt, ungefähr 200-300 Jahre vor David und Salomo. Im Jahre 10 v. Chr. hat ihn dann Kaiser Augustus von Ägypten nach Rom bringen lassen und ihn zu Ehren des Sonnengottes Apoll in dem gewaltigen Circus Maximus aufgestellt. Dort bildete er in der »Spina« (dem »Stachel«, der mit Standbildern geschmückten, mittleren Schranke) dieses ungeheuren Sportstadions gleichsam den Schwerpunkt und Brennpunkt der Kampfbahn.
Vom Palatin aus, dem Platz der altrömischen Kaiserpaläste – neben dem Forum, dem Marktplatz des alten Rom – überblickte ich, unweit der Ruinenstätte des Palastes von Kaiser Augustus stehend, die ausgedehnte Trümmerfläche dieses größten Sportstadions der Alten Welt. Nicht weniger als 200 000 Zuschauer konnten seine Sitzreihen fassen.
Dieser altägyptische Sonnen-Obelisk war der Punkt, der von allen Wagenkämpfern und Rennfahrern umfahren werden mußte. Eine Abkürzung der Kampfbahn war unmöglich. Jeder Kämpfer, ob Wagenlenker oder Läufer, mußte die volle Länge der Kampfbahn durcheilen. Kein einziger konnte sie sich abkürzen. Nicht einer konnte sich den Sieg durch Erleichterung bequemer machen. Jeder mußte den Volleinsatz wagen und die volle Aufgabe auf sich nehmen. Nur so hatte er Aussicht auf den Siegespreis!
Davon ist dieser altägyptische Obelisk für jeden, der seine Geschichte kennt, noch heute ein beredtes Zeugnis. Lassen wir es uns ganz unzweideutig sagen: Es gibt keinen Sieg ohne Einsatz, keinen Volltriumph ohne Aufgabe der Bequemlichkeit, kein wahres Ja zu Gott ohne praktisches Nein zu Ich, Sünde und Welt! Wenn du irgendeine Gebundenheit der Sünde hast oder irgend eine noch nicht geordnete Schuld der Vergangenheit, so räume diese Dinge in der Kraft des Herrn hinweg, auch wenn es dir schwer fällt! Dies alles kostet zwar gewiß Selbstverleugnung. Aber Selbst-verleugnung ist einfach unerläßlich (Matth. 16, 24; 25!).

»Keiner wird dereinst gekrönt,
Der im Kampf und Strauß,
In der Drangsal dieser Zeit,
Hält nicht standhaft aus.
Geist und Feuer brauchen wir,
Glut, die ewig brennt.
Drum betrübe nicht den Geist,
Wer den Herrn bekennt!«

V. Die Stunde der Entscheidung.
Zugleich sehen wir in Esau’s Erfahrung etwas von der Taktik der Sünde. Sie benutzt die »schwachen Stunden« im Leben eines Menschen, um ihn zu Fall zu bringen. Esau war »müde«, als er seine große Fehlentscheidung traf (1. Mos. 25, 29). »Laß mich doch essen von dem Roten, von dem Roten da; denn ich bin matt!« (Vers 30.) So kam es in seinem Leben zu jenem unseligen »Heute« (1. Mos. 25, 31).
Das ist überhaupt die durchgehende Methode der Sünde. Sie erkennt die schwachen Punkte und kritischen Augenblicke und ist jederzeit sprungbereit, sich auf ihr Opfer zu stürzen.
So hatte Kain seine »schwache Stunde«, als ihn der Neid packte und er zum Brudermörder wurde (1. Mos. 4, 5-8).
David hatte seine »schwache Stunde« und fiel tief in die Sünde, die dann viel Leid über ihn und das Haus Urias gebracht hat (2. Sam. 11, 2-5; 17; 26 ff.).
Petrus hatte seine »schwache Stunde«, als er seinen Meister am Lagerfeuer vor einer Magd verleugnete (Mark. 14, 66-72).
Ananias und Saphira hatten ihre »schwache Stunde«, als sie größeren Missionseinsatz heuchelten, als wie sie ihn in Wirklichkeit betätigt hatten, und wurden darum aus der Gemeinde und dem Leben ausgelöscht (Apg. 5, 1-10).
Aber gerade diese »schwachen Stunden« sind die Stunden der Entscheidung. Hier wird offenbar, was wir in Wirklichkeit eigentlich sind. Die Stärke einer Kette richtet sich nach dem schwächsten Glied. Eine Schlachtfront ist durchstoßen, wenn ihre dünnste Stelle bricht.
Darum sind Niederlagen in »schwachen Stunden« niemals durch die schwierigen oder plötzlichen Umstände zu entschuldigen. Was der Soldat wert ist, zeigt nicht der Parademarsch, sondern der Schlachtengang. Wir sind eben nur das, was wir in Schwierigkeiten sind. Die» schwachen Stunden« sind die Examina unseres Glaubenslebens. Die Umstände »stehen« nur »um – herum«. Sie sind immer nur Kampffeld, nicht aber entscheidender Kampffaktor in unseren Erprobungsstunden.
Die ersten Menschen sündigten im Paradiese. Sie fielen in einer Umgebung, die von vornherein alle Bedingungen für ein gottgemäßes Leben zu gewährleisten schien. Umgekehrt lesen wir von der Gemeinde in Pergamon: »Ich weiß, wo du wohnst, wo der Thron des Satans ist; und du hältst fest an meinem Namen und hast den Glauben an mich . . . nicht verleugnet . . .,wo der Satan wohnt« (Offb. 2, 13).
Achten wir auf dieses zweimalige: »Wo der Thron Satans ist« -»Wo der Satan wohnt«!
In Pergamon sprachen also alle Umstände w i d e r die Christen, und dennoch blieben sie treue Bekenner! Man kann im Paradiese sein Paradies verlieren, und man kann da, wo der Satan seinen Thron hat, den Namen Christi treu bekennen.
Niemals hängt der Zustand unserer I n n e n welt letzten Endes von unserer A u ß e n – und U m welt ab, sondern einzig und allein von unserem Verhältnis zur himmlischen Ü b e r welt und dort zum Thron Gottes und Dem, der auf dem Throne ist!
Das ist äußerst ernst im Hinblick auf alle Oberflächlichkeit, da es uns jede Möglichkeit zu leichter Selbstentschuldigung nimmt, als ob beim Sündigen die schwierigen Umstände und weniger wir selbst verantwortlich zu machen seien! Und zugleich ist es außerordentlich ermutigend, da wir nun wissen, daß nichts u m uns herum eine Allgewalt besitzt, uns aus dem rechten Verhältnis zu dem Herrn ü b e r uns herauszureißen.
»Ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünfti-ges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn« (Röm. 8, 38; 39).
Dasselbe gilt auch im Hinblick auf unseren Zeugendienst. Gar mancher entschuldigt seine Zeugnislosigkeit mit der Ungunst der Verhältnisse. Er schweigt, wo er reden sollte, oder er gibt es gar überhaupt auf, seiner Umgebung Christus zu bekennen, und er begründet dies mit dem Hinweis auf den »harten Boden«, der jede Fruchtbarkeit seines Bekenntnisses ja sowieso unmöglich mache. So werden gottgegebene, günstige Zeitpunkte verpaßt, und Zeugnisgelegenheiten werden zu »schwachen Stunden« voller Niederlage. Ja, gerade dann, wenn viele Widersacher gegen Gottes Werk anstürmen, sind oft in besonderem Maße, im Sinn der Schrift, »offene Türen« da. Sagt doch der Apostel, der große Pioniermissionar Christi: »Eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und der Widersacher sind viele« (1. Kor. 16, 9). Offene Türen und Widersacher gehören also oftmals zusammen.
Von der Welt bekämpft, aber doch nicht besiegt, vom Unglauben verneint, und doch nicht widerlegt, von den Menschen in den Tod gegeben, und doch immer wieder lebensstark, also gleichsam »gestorben, begraben und stets wieder auferstanden!«

Vl. Das Erstgeburtsrecht und der himmlische Kampfpreis.

Der warnende Hinweis auf Esau und den Verlust seines Erstgeburtsrechts wird im Zusammenhang einer Botschaft gegeben, die mit der Forderung des Laufens in der Kampfbahn des Glaubens beginnt. »Lasset uns laufen den vor uns liegenden Wettlauf!« (Hebr. 12, 1.) Es ist eine Botschaft, die ein zielbewußtes Durchhalten im Rennen (Vers 1), eine Überwindung aller Ermüdungserscheinungen (Vers 3-12), ein geistgewirktes, energievolles »Jagen« verlangt. »Richtet auf die erschlafften Hände und die erlahmten Knie!« (V. 12.) »Tut feste Tritte mit euren Füßen!« (V. 13.) »Jaget!« (V. 14.)

In diesem Zusammenhang nennt Gottes Wort große Gefahren, die ein Versagen im Kampf mit sich bringen würde. Man kann, statt in der Kampfbahn zu »laufen«, »straucheln wie ein Lahmer« (V. 13). Man kann, statt in der Fülle zu leben, »Mangel leiden an der Gnade« (V. 15). Man kann, statt ein Segen zu sein, eine »Giftpflanze« werden zur Verunreinigung vieler (V. 15). Und aufrüttelnd, ja in ihren Schlußworten geradezu erschütternd, klingt die ernste Ermahnung: »Jaget dem Frieden nach mit allen und der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn sehen wird!« (V.14.) Der Kampfpreis wird eben nicht ohne weiteres gewährt, sondern setzt Glaubensenergie und Treue voraus. Der Kampfpreis aber ist – im Zusammenhang unseres Kapitels – der Vollgenuß des himmlischen Erstgeburtsrechts! Fünf Tatsachen sind es hier, die in ihrer gemeinsamen Zusammenschau das Wesen des Kampfpreises erkennen lassen.
Der Kampfpreis ist nichts Selbstverständliches, sondern muß ernstlich errungen werden! Wohl ist die Rechtfertigung ein Geschenk der freien Gnade; aber das Maß der Verherrlichung hängt von dem Einsatz im »Lauf« ab. Da kann es geschehen, daß ein Gläubiger »unbewährt« ist, daß ihn der Kampfrichter, »der Herr, der gerechte Richter« (2. Tim. 4, 8), bei der Kronenverteilung für »disqualifiziert« erklärt (1. Kor. 9, 27). Er erhält keinen Siegeskranz. »Auf daß ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt habe, selbst verwerflich werde.« Das für »verwerflich« gebrauchte Wort der Ursprache (griech. adokimos) bezeichnet hier einen Wettkämpfer, der die Prüfung durch den Kampfrichter und Leiter des Wettkampfes nicht besteht und darum bei der Preisverteilung als Ausgeschlossener dasteht. Das ist außerordentlich ernst.

Zugleich aber ist zu sagen:
Der Kampfpreis ist nicht gleichbedeutend mit ewigem Leben, sondern hängt mit der Verherrlichung zusammen. Bei allem Ernst einer solchen Möglichkeit bedeutet dies aber nicht ein unter Umständen vom Herrn verfügtes Verlorengehen des unbewährten Wettläufers. Auch bei Esau blieb, trotz des Verlusts seines Erstgeburtsrechtes, sein Sohnesverhältnis bestehen. Wohl spricht die Schrift in ungemein ernsten Ausdrücken von »Schaden« und »Verlust« (1. Kor. 3,15), von »Verbrennung« des ganzen Lebenswerkes (V. 13), von »Beschämtwerden« vor Seinem Angesicht (1. Joh. 2, 28), so daß einer schließlich nur gerettet wird wie ein Brand aus dem Feuer (1. Kor. 3, 15b).

Aber sie bezeugt eben damit doch, daß er »errettet« wird. So verbindet sie beides: Gnade und Lohn, und stellt beide in ihrer Zusammengehörigkeit und ihrem zugleich harmonischen Gegensatz nebeneinander, wie die Pole einer Magnetnadel einen Gegensatz bilden und doch zugleich unzertrennbar zusammengehören:
Errettung und Verherrlichung,Wiedergeburt und Vollendung, Begnadigung und Krönung, Eintritt in die Kampfbahn und Preisverteilung am Schluß.Durch dies alles aber soll beides erreicht werden: Freude und Ernst, Dankbarkeit und Verantwortlichkeit, Heilsgewißheit und Gottesfurcht. Denn nur in diesem polaren Gegensatz gibt es praktische, biblische Heiligung.
Der Kampfpreis ist nicht für jeden gleich groß, sondern wird je nach der Treue bemessen. Himmlische Segensfülle, priesterlicher Dienst, königliche Würde – das sind die drei Heilsgüter des Erstgeburtsrechts. Vollgenuß des Erstgeburtsrechts aber ist der Kampfpreis. Je treuer nun ein vom Herrn himmlisch Gesegneter seinen »Segensreichtum« verwaltet hat, je hingegebener ein Priester Gottes das allgemeine »Priestertum« auf Erden betätigt hat, je »königlicher« ein Kind des himmlischen Königs sich in seinem Erdenleben verhalten hat, je wahrer und echter also ein Glied der »Gemeinde der Erstgeborenen« sein Erstgeburtsrecht im Leben praktisch verwirklicht hat, desto reichlicher und umfassender wird ihm einst der Vollbesitz des himmlischen Erstgeburtsrechts zuteil.

Der Kampfpreis ist nicht für die »Fertigen«, sondern für die angespannt Eilenden. Zum Vollbesitz des »Kleinods« gelangt nicht ohne weiteres jedermann. Am allerwenigsten die, die sich dessen sicher fühlen! Nicht umsonst sagt der Herr: »Selig sind die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie, nur sie allein (!) – in der Ursprache ist das Wort . »sie« ganz stark herausgestellt, um die Ausschließlichkeit hervorzuheben – sollen satt werden« (Matth. 5, 6). Und Paulus erklärt: »Wisset ihr nicht, daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle; aber nur e i n e r erlangt das Kleinod?! Laufet nun also, daß ihr es ergreifet!« (1.Kor. 9,24.) »So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht!« (2. Tim. 2, 5.)
Bei diesem allen aber bleibt es ermutigende Wahrheit:

Der Kampfpreis wird nicht mit irdischen Mitteln erreicht, sondern mit den Kräften der Gnade gewonnen. Unser eigenes Tun ist ohnmächtig und nichts. Auch unser allerbestes Wollen und Streben bringt uns nicht ans Ziel. Dies vermag Christus allein. Darum schaut der Läufer in der Kampfbahn auf Ihn, von dem alle Kraft kommt. Jeder Sieg über die Sünde, jedes Wachstum in der Heiligung, jedes Vorwärtskommen im Lauf war durchaus ein Geschenk Seiner freien Gnade. Da ist keine einzige, menschliche Leistung. Nur wer aus den Gaben der Gnade lebt, wird am Ende das Vollziel erreichen können.

Was aber wird einst bei der Preisverteilung geschehen? – Vor Gott gilt nur Sein eigenes Werk. Er selbst aber hat alles geschenkt. Und nun schenkt Er uns dann noch die ewige Ehrenstellung dazu! Das heißt: Er beschenkt uns, die wir doch gar nichts geleistet und kein Heil verdient haben, am Ziel der Kampfbahn einfach noch dafür, daß wir uns haben beschenken l a s s en! Darum gehört Ihm aller Ruhm. Darum ist auch der Kampfpreis – der Vollgenuß des Erstgeburtsrechts -, bei aller Bedingtheit durch den Glaubenseinsatz des zu Krönenden, ein unverdientes Geschenk des frei gebenden Gottes. Er ist »Lohn« a u s »Gnade«.

Die »Krone der Gerechtigkeit« (2. Tim. 4, 8),
die »Krone des Lebens« (Offb. 2, 10),
die »Krone des Ruhmes« (1. Thess. 2, 19),
die »unvergängliche Krone« (1. Kor. 9, 25; 26),
die »Krone der Herrlichkeit« (1. Petr. 5, 3; 4)!
Wie verblaßt doch alles Irdische gegen die Herrlichkeit des Himmlischen! Wie sinkt es, im Vergleich zum Ewigen und Göttlichen, geradezu zur Bedeutungslosigkeit herab! In der Tat, nicht nur die Leiden, sondern auch die Herrlichkeiten dieser Welt sind nicht einmal wert, verglichen zu werden mit der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll (Röm. 8, 18
Darum gilt es stets von neuem – mitten in der Kampfbahn des Glaubens: »Lasset uns aufsehen auf Jesum!«

7. Kapitel. Hinhören! Gott spricht!

Hebr 12, 18 – 29 Denn ihr seid nicht gekommen zu dem Berg, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, und nicht in Dunkelheit und Finsternis und Ungewitter und nicht zum Schall der Posaune und zum Ertönen der Worte, bei denen die Hörer baten, daß ihnen keine Worte mehr gesagt würden; denn sie konnten’s nicht ertragen, was da gesagt wurde: »Und auch wenn ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.«
Und so schrecklich war die Erscheinung, daß Mose sprach: »Ich bin erschrocken und zittere.«
Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln, und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.
Seht zu, daß ihr den nicht abweist, der da redet. Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wieviel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet.
Seine Stimme hat zu jener Zeit die Erde erschüttert, jetzt aber verheißt er und spricht: »Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel.«
Dieses »Noch einmal« aber zeigt an, daß das, was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, verwandelt werden soll, damit allein das bleibe, was nicht erschüttert werden kann.
Darum, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, laßt uns dankbar sein und so Gott dienen mit Scheu und Furcht, wie es ihm gefällt; denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.

Wenn Gott spricht, muß der Mensch hören! Jedesmal wenn Gottes Wort verkündet wird, sind wir die von Gott selbst Angeredeten. Dann steht unser kleines Ich unmittelbar vor Seinem großen, göttlichen Ich, und dann fällt jedes mal eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung, ob wir hinhören oder vorbeihören wollen, Gott gehorchen oder Gott ignorieren, uns verhärten oder Seinen erlösenden Herrschaftsanspruch praktisch anerkennen.
Gewaltig ist die Einleitung des zweiten Teils des Buches des Propheten Jesaja, dieses glaubenskühnen »Evangelisten des Alten Bundes«.
»S t i m m e eines Rufenden!« (Jes. 40, 3.) »S t i m m e eines Sprechenden!« (Jes. 40, 3.) »Erhebe mit Macht deine Stimme!« (Jes. 40, 9.)
Sprich: »S i e h e, da, euer Gott!« (Jes. 40, 9.) »S i e h e, der Herr, Jehova, kommt!« (Jes. 40, 10). »S i e h e, sein Lohn ist bei ihm!« (Jes. 40, 10.)
Achten wir darauf: Dreimal: »Stimme, Stimme, Stimme!« Dreimal: »Siehe, siehe, siehe!«
Wie sechs gewaltige Fanfarenstöße klingen diese Worte an unser geistiges Ohr! Es gibt jetzt etwas zu hören!
Oder, wie es siebenmal in den Sendschreiben der Offenbarung gesagt wird: »Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!« (Offb. 2 und 3).
Wenn Gott spricht, muß der Mensch hören! Dann steht »Er Selbst« vor »dir selbst« und »du selbst« vor »Ihm Selbst«, und dann fällt jedesmal eine Entscheidung!
Dies ist zugleich die besondere Botschaft des Schlußabschnitts von Hebräer 12. »Sehet zu, daß ihr den nicht abweist, der da redet!« (Hebr. 12, 25.)
»Lasset uns aufsehen auf Jesus!« »Lasset uns h i n h ö r e n auf Jesus!«
Wie vier leuchtende Ausrufungszeichen stehen sie da, diesem neutestamentlichen Warnungswort Nachdruck verleihend. Geradezu unüberhörbar! Und zugleich schaut der heilige Text zurück in die alttestamentliche Vergangenheit und stellt fest: Wenn damals schon gehört werden mußte, wieviel mehr dann erst recht jetzt! Wenn damals schon die alttestamentlichen Heiligen, die doch erst in der heilsvorbereitenden Vorstufe lebten, zum Hinhören auf Gott und zum praktischen Glaubensgehorsam verpflichtet gewesen waren, wieviel mehr dann doch erst recht wir, die wir heute in der neutestamentlichen Erfüllungszeit leben!
Zuerst aber ist von dem Heilsreichtum die Rede, den die in dieser Weise vor Gott Verpflichteten besitzen.

I. Vom himmlischen Reichtum der Gemeinde Jesu.
Drei herrliche Tatsachen leuchten uns hier entgegen; und zwar in dauernd sich steigerndem Strahlenglanz.

1. Als Glaubende sind wir wahrhaft B e s i t z e n d e. Der Hebräerbrief sagt: »Ihr s e i d gekommen zum Berge Zion« (Hebr. 12, 22). Es i s t also schon etwas geschehen! Eine Gnadenstellung ist bereits eingenommen. Es ist der Standort am Fuß des himmlischen Gottesberges. Wenn auch die Gipfelbesteigung erst in der Verherrlichung kommt, so ist dieser Standort doch schon heute der uns in Gnaden geschenkte, mit der Ewigkeit fest verbundene Ausgangspunkt unserer zukünftigen »Erhöhung«. Und in diesem Sinn ist jeder Glaubende ein wahrhaft Besitzender.
Ja, mit Recht ist gesagt worden: Die Gläubigen sind »die e i n z i g besitzende Klasse in der Welt«. Denn alles Irdische ist uns ja nur geliehen. Das Höchste ist, daß wir es bis zum Abschluß unseres Erdenlaufs benutzen dürfen. Dann aber müssen wir es verlassen und gehen, was irdische »Besitztümer« betrifft, genau so leer aus dieser Welt heraus, wie wir leer i n diese Welt eingetreten sind.
Aber noch mehr: Auch w ä h r e n d der Zeitspanne, in der wir es gebrauchen dürfen, verbindet es sich niemals mit unserem innersten Wesen. Auch während der Nutznießungszeit stehen sich »Besitzer« und »Besitztum« als Subjekt und Objekt getrennt gegenüber. Kein irdisches Gut verbindet sich geistig organisch mit der Zentralsubstanz der menschlichen Persönlichkeit. Darum nennt Jesus alles Irdische geradezu das »Fremde« (Luk. 16,12). Erst das Ewige ist für den Gläubigen das »Seine«. Das Irdische aber bleibt stets ein »Anderes«, als wir selbst sind. Hier kommt es nie zu wahrem Einssein, sondern es bleibt stets bei einer Zweiheit.
Die himmlischen Güter aber gehen in unser Wesen ein. Darum haben wir nicht nur Licht »empfangen«, sondern »sind« Licht »geworden«. (Eph. 5, 8). Darum haben wir nicht nur Gerechtigkeit »erhalten«, sondern »sind« Gerechtigkeit »geworden« (2. Kor. 5, 21). Darum ist der himmlische Heilsbesitz uns in Christus durch den Heiligen Geist personhaft eingepflanzt, und als Glaubende sind wir wahrhaft Besitzende.

»Wir haben einen Felsen, der unbeweglich steht.
Wir haben eine Wahrheit, die niemals untergeht.
Wir haben Wehr und Waffen in jedem Kampf und Streit.
Wir haben eine Wolke von Gottes Herrlichkeit.
Wir haben hier die Fülle, seitdem der Heiland kam.
Wir haben dort ein Erbe, so reich und wundersam.
Wir haben Glück, das leuchtend und unbeschreiblich ist.
Wir haben alles, alles in Dir, Herr Jesu Christ.«

2. Als Besitzende haben wir schon heute die Güter der zukünftigen, himmlischen Welt. Der »Zionsberg« ist’s, zu dem wir gekommen s i n d, die »Stadt des lebendigen Gottes«, das »himmlische Jerusalem«, »Myriaden von Engeln«, die »Festversammlung« in der Ewigkeit (Hebr. 12, 22; 23). Also wir s i n d schon da angelangt, wo wir ewig sein w e r d e n! Das Zukünftige ist schon gegenwärtig. Wir sind schon mit Christus in die »himmlischen Örter« versetzt (Eph. 2, 6). Wir sind nicht nur mit Ihm gekreuzigt, mitbegraben, mitauferstanden (Röm. 6, 3-6), sondern wir haben durch den Heiligen Geist auch Seine Himmelfahrt schon miterlebt. Das »ewige Leben« gehört uns schon mitten in dieser Zeit (Joh. 3,16; 36; 5,24)!
Der Ausdruck »die himmlischen (Örter)« kommt nur im Epheserbrief vor und zwar dort fünfmal. Da – buchstäblich übersetzt – eigentlich nur dasteht: »in den himmlischen«, hat man dies, zum Beispiel in Eph. 1, 3, in verschiedener Weise zu ergänzen versucht, so vor allem durch »himmlische G ü t e r« oder» himmlisches W e s e n« : Gott hat uns gesegnet mit allerlei geistlichem Segen »in himmlischen G ü t e r n durch Christum« (Luth.) oder »im himmlischen R e i c h«. Aber das sonstige Vorkommen dieses Ausdrucks zeigt klar, daß er durchaus ö r t l i c h verstanden werden will. Denn im gleichen Epheserbrief sagt Paulus – und er gebraucht dabei genau dieselben Worte (griech. en tois epouraniois) -, daß Gott Christus in der Himmelfahrt gesetzt habe »zu seiner Rechten in den himmlischen«, was nur heißen kann: »in den himmlischen Ö r t e r n« (Eph. 1, 20), und in Kap. 2, 6 sagt er, daß Gott uns mit Christus habe »mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen«, was ebenfalls nur heißen kann: »in den himmlischen Örtern«.

In Kap. 3 spricht der Apostel von den »Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen«, die in der Gemeinde die Weisheit Gottes erkennen sollen (Vers 10), und in Kap. 6 von den »geistlichen Mächten der Bosheit in den himmlischen«, gegen die unser Kampf geht – alles Stellen, in denen der Ausdruck »in den himmlischen« sinngemäß nur ergänzt werden kann durch: »himmlische Örter, Gegenden, Sphären, Regionen«.

Der gewaltige Gedanke, der diesem allen zugrunde liegt, ist eben der: Der Christ ist durch die Wiedergeburt zu einem himmlischen Leben gezeugt. Sein Bürgertum ist im Himmel. Sein Lebensinhalt ist himmlisch bedingt. Sein Glück ist himmlischer Art. Sein Lebensziel ist der Himmel selbst (Phil. 3, 20). So wie Christus, der letzte Adam, »der Himmlische« ist, so sind auch wir, die Glieder Seines Leibes, der neuen Menschheit, »die Himmlischen« (1. Kor. 15,48).
Der Christ steht eben, solange er auf Erden lebt, in zwei Welten. Er gehört Himmel und Erde zugleich an. Darin besteht sein Adel. Darin besteht aber auch die Spannung seines Daseins. Er weiß: Christus, sein Heiland, ist der »Erhöhte« im Himmel (Phil. 2, 9; Eph. 4, 10) und doch zugleich der in ihm Wohnende auf Erden (Eph. 3, 17), und er selbst, der Erlöste, lebt noch hier unten auf Erden (Joh. 17, 11) und ist doch zugleich mit Christus versetzt in die himmlischen Örter (Eph. 2,6). Die Verbindung von beiden aber ist der Geist. Denn der Geist kam von oben herab, von dem »Christus über uns«, vom Himmel auf die Erde (Apg. 2, 33), und der Geist führt von unten empor, als der »Christus in uns«, von der Erde in den Himmel (Kol. 1, 27; 2. Kor. 3,17; 18).
Erst von dieser Grundlage aus ist es auch möglich, eine himmlische Gesinnung praktisch zu betätigen. Solange der Gläubige seine himmlische Stellung in Christus noch nicht verstanden hat, wird er immer zwischen Weltlichkeit und Gesetzlichkeit schwanken. Denn entweder wird er überhaupt seine Beziehung zum Herrn und zur himmlischen Welt vernachlässigen und sich von den irdischen Dingen gefangen nehmen lassen und sinnen auf das, was u n t e n ist; oder aber er wird versuchen, in eigener Kraft krampfhaft das Himmlische festzuhalten, dies jedoch – weil ihm der Glaubensblick für die Stellung in Christus und die himmlischen Kraftquellen fehlt – in gesetzlicher, unfreier, freudloser Weise tun und folglich ebenfalls nicht zu einem Siegesleben gelangen. Nein, was wir brauchen, ist ein dankbares Anerkennen der uns in Christus geschenkten Gnade, ein lebendiges Erfassen unserer, von Gott gewirkten, himmlischen Stellung, ein mit Hingabe der Seele verbundenes Ergreifen der Gaben Gottes. Und von hier aus wird dann wahre, himmlische Gesinnung alle Gebiete des Lebens nach allen Richtungen hin durchdringen.
Darum danke für die empfangene Erlösung. Wenn die Sünde dich anficht, so flehe nicht erst nur um Sieg, sondern preise zugleich den Herrn, daß Er dich von der Sünde befreit h a t.
Als Josaphat gegen die Moabiter und Ammoniter zu Felde zog, bestellte er Sänger und Harfenspieler schon v o r Beginn der Schlacht, die den Herrn preisen sollten in heiligem Schmuck, und dann gab der Herr Seinem Volke den Sieg (2. Chron. 20,21; 22). So darf die Freude am Herrn auch unsere Stärke sein, und eine große Hilfe im Kampf gegen die Sünde ist es gewiß schon manchem gewesen, wenn er nach den Worten des Dichters gehandelt hat:

»Wenn mich die böse Lust anficht,
Dann dank ich Gott: ich brauch ja nicht!
Ich sprech‘ zur Lust, zum Stolz, zum Geiz:
Dafür hing ja mein Herr am Kreuz!«

3. Innerhalb und von dieser zukünftigen, himmlischen Welt besitzen wir die zentralsten Regionen und Personen. Siebenfältig war die Schilderung des alttestamentlichen Sinaiberges. Jene israelitischen Hörer waren gekommen

zu dem Berge, der betastet werden konnte,
zu dem entzündeten Feuer,
dem Dunkel, der Finsternis,
dem Sturm, dem Posaunenschall,
der Stimme der Worte, deren Gebot sie nicht ertragen konnten (Hebräer 12, 18 – 21).

Siebenfältig beziehungsweise achtfältig ist nun die Schilderung der neutestamentlichen Heils- und Himmelshöhe. Ihr seid gekommen
zum Berge Zion, zur Stadt des lebendigen Gottes,
dem himmlischen Jerusalem,
zu Myriaden von Engeln,
der allgemeinen Versammlung,
zur Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind,
zu Gott, dem Richter aller,
zu den Geistern der vollendeten Gerechten, und ferner:
zu Jesu, dem Mittler eines neuen Bundes, zu dem Blute der Besprengung, das besser redet als Abel (Hebr. 12, 22-24).

Wenn hier Gott als »der R i c h t e r aller« bezeichnet wird, so soll damit nicht etwa irgend etwas Erschreckendes, die Freude angstvoll Erschütterndes ausgesprochen sein, als ob letzten Endes dann doch vielleicht alles noch ungewiß sei, falls Gott als der Richter uns eines Tages doch noch verstößt: Nein, es will sagen:
»Gerade das ist die große Gabe des Evangeliums, daß wir mit unserem Richter versöhnt sind und in Seinem Wohlgefallen stehen. Das große Gemeinwesen, in das wir eingebürgert sind, ist von Gerechtigkeit durchwaltet. Sein Haupt ist der Richter, der jedes Unrecht abstellt, allen, die unterdrückt waren, Recht. schafft und jedem seine Stellung und Gabe nach Seiner heiligen Rechtsordnung verleiht« (Schlatter).
Die »Gemeinde der Erstgeborenen«, die in den Himmeln angeschrieben sind, ist offenbar die in der Jetztzeit noch auf Erden lebende Generation der Gläubigen. »Ekklesia« (Gemeinde) bedeutet ja auch die diesseitige Gemeinschaftsgestalt der Erlösten. Dies beweist ferner der Beisatz, daß sie »in den Himmeln angeschrieben sind«. Damit ist »die unsichtbare, jenseitige Seite, der himmlische Adel der diesseitigen Gemeinde« bezeichnet. Sie »sind« eben noch nicht im Himmel, aber sie sind bereits »angeschrieben« im Himmel. Sie haben aus Gnaden ein Anrecht auf den Himmel. »Ihr Name, noch nicht ihre Person, ist im Himmel.« Aber sie haben im Himmel ihre Heimat, im Himmel ihr Bürgerrecht, im Himmel ihr Ziel (Phil. 3,20).
In diesem Sinne spricht auch Paulus von »Mitarbeitern« am Evangelium, von Zeitgenossen seines eigenen Lebens, also von Gliedern der Gemeinde Jesu, die noch auf E r d e n lebten, daß »ihre Namen im Buch des Lebens sind« (Phil. 4,3). Und so hatte auch Jesus zu den von Ihm ausgesandten Siebenzig gesagt, als diese in den Tagen Seines Erdenlebens in Seinem Auftrag Wunder getan hatten und dann voller Freude zu Ihm zurückgekehrt waren: »Darüber freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind. Freuet euch aber, daß eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind« (Luk. 10, 20).
Wahre Gläubige gehören in der Wirklichkeit des Wesens schon jetzt in die Reihen und Bezirke hinein, die Gottes und des Lammes Thron in der Mitte haben (Eph. 2,18; Phil. 3,20; Gal. 4,26). Obwohl sie jetzt auch noch auf Erden sind und in der hinfälligen Leibeshütte wohnen, so sind sie doch von dem Angesicht Gottes, von dem Genuß der Güter Seines Hauses und von der Gesellschaft aller derer, die um Ihn sind, viel weniger entfernt oder geschieden als das Volk des Alten Bundes, als es zu dem Berge, auf welchem die Herrlichkeit Gottes erschien, herzunahen konnte, ihn aber doch, unter Androhung der Todesstrafe, nicht einmal anrühren durfte. Das aber ist der herrliche Vorzug des Neuen Testaments, daß uns der Glaube wahren Zugang verschafft und uns schon heute den Zutritt zu Gottes Welt öffnet.
In Verbindung mit diesem Gottesvolk auf Erden werden »die Geister der vollendeten Gerechten« genannt (Hebr. 12,23). Es werden also die Vollendeten im Himmel mit der Gemeinde auf Erden zusammengefaßt und Gottes Volk »droben« und Gottes Volk »unten« als Einheit verbunden geschaut. Denn Gottes Reich verbindet sowohl Himmel und Erde als auch Vergangenheit und Gegenwart. Selbst der Tod kann den Zusammenhang des Reiches Gottes nicht sprengen. Seine »Räume« – Himmel und Erde -, seine »Zeiten« – Vergangenheit und Gegenwart – bilden einen einheitlichen, Aeonen zusammenschließenden Heilsorganismus von Ewigkeit und Zeit.
Von Gnade und Heil sprechen schließlich die letzten beiden Glieder unserer großen, goldenen Kette: Von Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes, vom Blut der Besprengung, das besser redet als Abel. Damit endet diese Schilderung des himmlischen Gottesberges mit dem Blick auf das Sühnwerk des Welterlösers, und drei Berge stehen vor unserem geistigen Auge:
der flammende und donnernde Berg Sinai,
der strahlende Zionsberg des himmlischen Jerusalem und
der schlichte Hügel Golgatha.
Das aber ist das Wundersame an dem Heilsweg der Erlösung: Das Werk auf dem Hügel Golgatha hat die, so daran glauben – unter Ausschaltung aller Werke des Berges Sinai – in Verbindung gebracht mit dem Heil und der Herrlichkeit des himmlischen Zionsberges. »Der Weg zum Paradiese geht über Golgatha.«
So ist nun der ganze Reichtum des Himmels erschlossen: die höchsten, himmlischen Regionen, die höchsten, himmlischen Personen, die unerschöpflichen, himmlischen Gnaden- und Heilsquellen – dies alles ist uns durch das Blut Jesu zugänglich gemacht. Das »Blut der Besprengung, das besser redet als Abel«, eben das Blut des Erlösers, durch das Er, als unser Stellvertreter und Bürge, »Mittler eines neuen Bundes« geworden ist.
Der bekannte Evangeliumsverkündiger Ch. H. Spurgeon, der Jahrzehnte hindurch in seinem großen Tabernacle in London Sonntag für Sonntag vor Tausenden von Zuhörern die Heilsbotschaft bezeugt hat, war zweifellos einer der begabtesten Diener Gottes, der sowohl geistlich als auch geistig geradezu hervorragend hat wirken können. Was aber bezeugt er am Ende seines Lebens? Als er, nach einem überaus fruchtbaren und vielseitigen Leben, auf dem Sterbebett lag, da sagte er zu seinen Freunden, die ihn besuchten: »Meine Brüder, meine Theologie ist sehr einfach geworden. Sie besteht aus vier Worten: Jesus starb für mich!«
Das ist die Grundmelodie aller Dankeslieder aller Erlösten in der himmlischen Herrlichkeit. In den Jubelhymnen auf dem himmlischen Berge Zion wird das Leidenswerk auf dem Hügel Golgatha in alle Äonen der Ewigkeit hinein das Thema aller Lobpreisung und Gottesanbetung bleiben.
»Und ich hörte die Stimme vieler Engel um den Thron her und um die lebendigen Wesen und die Ältesten, und ihre Zahl war Zehntausende mal Zehntausende und Tausende mal Tausende, die mit lauter Stimme sprachen: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung!« (Offb. 5, 11; 12.)
Dies alles aber ist erst die e i n e Seite! Beachten wir, daß dieser ganze Abschnitt durch das kleine Wörtchen »Denn« eingeleitet wird. »Denn ihr seid nicht gekommen (zu dem alttestamentlichen Berge) . . ., sondern ihr seid gekommen (zum himmlischen Berge)« Hebr. 12,18-22.
Das Ganze ist also keine eigentlich selbständige, in sich geschlossene Gedankenkette, sondern es ist eine B e g r ü n d u n g und als solche einem anderen Hauptgedanken untergeordnet, dessen Richtigkeit durch dieses »Denn« nachgewiesen werden soll. Dieser Obergedanke aber ist, im klaren Zusammenhang des Gesamttextes, die Forderung praktischer Heiligung. »Richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie … Jaget dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn sehen wird . . . D e n n ihr seid nicht gekommen zum alttestamentlichen Gesetzesberg Sinai, sondern zum neutestamentlichen Heils- und Herrlichkeitsberg Zion!«
Damit aber ist das eigentliche Anliegen des Schlußabschnitts von Hebräer 12 vor unser Auge getreten. Mit dem Hinweis auf die Herrlichkeit des Gnadenstandes soll der Ernst der persönlichen Verantwortung unterstrichen werden. Gerade w e i l wir in Christus so reich geworden sind und der Kampfpreis so herrlich ist, sollen wir vollsten Einsatz beweisen.
»Lasset uns hinhören auf Jesus!«

II. Von der heiligen Verpflichtung der zur himmlischen Herrlichkeit Berufenen.

Auch hier erkennen wir ein Dreifaches:

1. Reichtum verpflichtet.
Gerade deshalb, weil wir so viel von Gott empfangen haben, wird von uns doppelte Hingabe und Heiligung erwartet. Im irdischen Leben kommen Schulden meistens aus Armut; im geistlichen aber muß gesagt werden: Aus unserem Reichtum kommen unsere »Schulden«! Paulus erklärt: »Ich bin ein Schuldner« (Röm. 1, 14). Er spricht dabei von seiner missionarischen Beauftragung; aber der Grundsatz gilt allgemein. Weil wir die Heilsbotschaft h a b e n, so sind wir »schuldig«, sie weiterzugeben. Weil wir die Segensfülle h a b e n, sind wir »schuldig«, in geistlicher Siegeskraft zu leben. Weil wir zu Königen g e w o r d e n s i n d, sind wir» schuldig«, nun auch königlich zu wandeln. Je höher die Gnade, desto ernster die Verantwortung. »Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel verlangt« (Luk. 12, 48).

Vier Gründe läßt der heilige Text für diese überaus ernste Forderung erkennen.

Hinhören! Gott spricht! Denn der neutestamentliche Heilsstand ist höher. Wenn schon die alttestamentlichen Heiligen gehorsam sein mußten, wie erst recht doch dann wir! Wenn damals schon aufgemerkt werden mußte auf die Stimme des Redenden, wie sollten dann doch wir noch viel mehr Hinhörende und Gehorchende sein! Darum: »Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset, der da redet!« Jetzt, in der neutestamentlichen Heilszeit, muß hingehört und gehorcht werden, wie noch nie je zuvor in der ganzen Offenbarungsgeschichte gehorcht worden ist! Die neutestamentlichen Heiligen sollen an Hingabe und Weihe den Glaubensgehorsam aller vorangegangenen Glaubensgenerationen übertreffen. Dies ist der Sinn der Gegenüberstellung von Berg Sinai und himmlischem Zionsberg. Ihr sollt nach der Heiligung jagen; »denn« ihr seid nicht zum Berg des Gesetzes, sondern zum himmlischen Berg göttlicher Heilsherrlichkeit gekommen. Freiheit vom Gesetz macht nicht passiv, sondern umsomehr eifrig und heilig aktiv. Das Neue Testament macht eben mit der Tatsache, daß wir »unter« der Gnade sind, voll Ernst. Die Gnade steht »über« uns. Sie ist unsere Herrscherin geworden. Sie will »königlich« regieren (Röm. 5,21).
Hinhören! Gott spricht! Denn der Standort des Redenden ist höher! Damals sprach Gott von einer irdischen Bergeshöhe aus; jetzt aber spricht Er vom Himmel her, nämlich durch Christus, Seinen Sohn, als den zum himmlischen Gottesthron Erhöhten…

Das bedeutet zugleich eine Erhöhung unserer Verantwortlichkeit im Vergleich zu den alttestamentlichen Hörern. »Denn wenn jene nicht entgingen, die den abwiesen, der auf E r d e n die göttlichen Aussprüche gab: wieviel mehr wir nicht, wenn wir uns von dem abwenden, der von den H i m m e l n her redet!« (Hebr. 12, 25). Gott spricht in Christus durch den Heiligen Geist. Jedesmal, wenn Gottes Wort verkündet wird, »kommt« Christus durch Sein Wort und Seinen Heiligen Geist (Eph. 2, 17), und mitten im irdischen Versammlungssaal gilt es, Ihn selbst als den vom Himmel her zu uns Redenden zu hören! Nicht Menschenwort wird verkündet – auch nicht eigentlich glaubensvolle »Betrachtungen« über Gottes Wort -, sondern W o r t G o t t e s s e l b s t. Das ist der hohe Adel, zugleich aber auch die ernste Verantwortlichkeit jeder Wortverkündigung in der Gemeinde. »Wenn jemand redet, so rede er, als wenn es Aus-sprüche von Gott selbst wären!« (1. Petr. 4, 11.) Vgl. auch 1. Thess. 2, 13; 2. Chron. 18, 13; Apg. 10, 33.

Unsere mündliche Verkündigung wird dann nicht nur Reden »über« Gottes Wort, sondern Wort Gottes s e l b s t sein, wenn sie in sich trägt:
die Wahrheit der Botschaft Gottes,
die Liebe des Herzens Gottes,
den Takt der Weisheit Gottes,
die Leitung des Geistes Gottes,
die Vollmacht der Autorität Gottes und vor allem und in dem allen
die Gegenwart der Person Gottes in Christus durch den Heiligen Geist.

»In des Königs Wort ist Gewalt!« (Pred. 8, 4.) Aber in S e i n e m Wort allein! Nicht in den Worten Seiner Diener, und wenn diese auch noch so erfahren und geheiligt wären! Nicht gelehrte Vorträge und schöngeistig durchdachte Reden braucht die Welt – so wertvoll sie in sich sein mögen -, sondern lebendigen, vom Geiste Gottes geleiteten und getragenen Zeugendienst. »Gebt den Leuten Brot; denn Stroh wollen sie nicht, und Blumen essen sie auch nicht« (Prof. Warneck). »Gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht dahin zurückkehrt, er habe denn die Erde getränkt und befruchtet und sie sprossen gemacht und dem Sämann Samen gegeben und Brot dem Essenden: also wird M e i n Wort sein, das aus M e i n e m Munde hervorgeht. Es wird nicht leer zu Mir zurückkehren, sondern es wird ausrichten, was Mir gefällt, und durchführen, wozu Ich es gesandt habe« (Jes. 55, 10; 11).
Und wie vielseitig und allumfassend ist überhaupt das Reden des großen Gottes!

Er spricht durch
die Zeichensprache der Natur (Röm. 1, 19; 20; Ps. 19,1-3);
die Tatensprache der Erfahrung, sowohl im Einzel- wie im Völkerleben;
die Herzenssprache des Gewissens (Ps. 32,3; 4; Röm. 2,14;15);
die Zeugensprache der Gläubigen (2. Kor. 5,20);
die Buchsprache der Bibel (2. Tim. 3,16);
die Heilssprache des Sohnes (Hebr. 1, 1; Eph. 2, 17);
und Er wird zu den Menschen einst reden durch die Rechtssprache des Gerichts (Ps. 2, 5).
»Lasset uns hinhören auf Jesus!«
Und weiterhin beweist der Schreiber des Hebräerbriefes die höhere, neutestamentliche Verantwortlichkeit durch den Vergleich des neutestamentlichen mit dem alttestamentlichen Gotteswort.
3. Hinhören! Gott spricht! Denn der Wirkungsumfang des vom Himmel her gesprochenen Wortes ist größer. In beiden Fällen sind Wirkungen auf Natur und allgemeine Schöpfung mit dem Gotteswort verbunden. Aber die Naturwirkungen des alttestamentlichen Sinai-Wortes beschränkten sich auf die E r d e – Feuer und Sturm, Dunkel und Finsternis, Erdbeben und Posaunenhall -; die Naturwirkungen des neutestamentlichen Gotteswortes aber werden einst bis in die H i m m e 1 hineinreichen. »Noch einmal werde ich nicht allein die Erde bewegen, sondern auch den Himmel« (Hebr. 12, 26).

Und schließlich:
4. Hinhören! Gott spricht! Denn der Wirkungsinhalt des vom Himmel her geredeten Gotteswortes ist gewaltiger. Am Sinai wurde die Erde nur »erschüttert« (V. 26), in der Endzeit aber werden Himmel und Erde durch Gottes Wort »verwandelt« werden (Hebr. 12, 27). »Verwandlung« aber geht tiefer und ist mehr als »Erschütterung«.
Darum noch einmal: Hinhören! Gott spricht! Menschen, die zu so hohen und himmlischen Zielen berufen sind, die ein so »unerschütterliches«, ewiges Reich empfangen sollen, die von einer so hocherhabenen Majestät selbst, vom Zentralquellpunkt des Universums, vom Thron Gottes als dem Mittelpunkt und Allerheiligsten der Ewigkeit her, durch das Wort und den Heiligen Geist angesprochen werden – solche Menschen müssen himmlisch gesinnt sein!
Sie sind, nach dem Willen des Herrn, wachende und wartende Christen, den Wanderstab in der Hand, die Lampen geschmückt und brennend, bereit, dem Bräutigam entgegen zu gehen. Sie sind Menschen, die in der Bereitschaft stehen (Luk. 12, 35), bei denen die »letzten Dinge« die e r s t e n sind, die auf den wiederkommenden Herrn warten, die »immer in der elften Stunde leben« (Sören Kierkegaard).
Gewiß, sie verrichten mit Sorgfalt ihre Pflichten hier auf Erden, doch ihr eigentliches Ziel ist der Himmel. Sie sind im Irdischen Vorbilder an Gewissenhaftigkeit und Treue; aber sie warten zugleich mit Frohlocken auf die Offenbarwerdung des Reiches Gottes. Sie wissen: »Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unsern Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit« (Phil.3,20;21). Darum: »Umgürtet die Lenden eurer Gesinnung, seid nüchtern und hoffet völlig auf die Gnade, die euch gebracht wird bei der Offenbarung Jesu Christi!« (1. Petr. 1, 13.)
In diesem allen aber ist es nicht einfach in unser Belieben gestellt, ob wir in der Kampfbahn des Glaubens gehorchen wollen oder nicht. Nein, große und schwerwiegende Folgen sind damit verbunden.
Wir stehen hier vor einer unausweichlichen Entscheidung, ob wir himmelan steigen wollen oder absinken, gewinnen oder verlieren, festwerden oder wanken.
Denn das ist Grundgesetz alles geistlichen Lebens, daß es nur in der Verbindung mit der Quelle gedeiht. In uns selbst liegen keine Garantien. Die Gewähr aller Bewahrung und Vollendung liegt nur in Christus.

2. Reichtum garantiert nicht.

Du kannst im Segen begonnen haben und armselig weiterleben. Du kannst sonnige Siegeszeiten gehabt haben und heute in dunkler Niederlage stecken. Du kannst in der Freude des Christus gelebt haben und heute niedergedrückt und freudlos dahingehen. Das war ja der geschichtliche Hintergrund unserer ganzen Hebräerstelle. Nur aus diesem Grunde ist der ganze Hebräerbrief überhaupt geschrieben! Darum nimm dir diesen Gesamtzusammenhang auf das eindringlichste zu Herzen und ins Gewissen: Reichtum garantiert nicht. Du kannst einst Sein Wort gelesen und mit Freuden in dich aufgenommen haben, und heute ist es dir wie ein verschlossenes Buch. Du kannst einst eine »Zierde« des Evangeliums gewesen sein (Tit. 2, 10) und heute so wandeln, daß der Name des Herrn durch dich verlästert wird (vgl. Hes. 36, 22). Du kannst deine »erste Liebe« verlassen haben! (Offb. 2, 4.)
Erfahrungen der Vergangenheit sind keine Garantien für gleiche Segensfülle und Kraft in Gegenwart und Zukunft! Es ist niemals nur der »Christus gestern«, der dir hilft, sondern stets der »Christus heute«! Nicht einseitig rückwärts darf dein Blick gerichtet sein, sondern aufwärts und vorwärts! Deshalb, bei aller Heilsfülle, lebe in heiligem Ernst.
Diese beiden gehören zusammen: Heilsgewißheit und Gottesfurcht, Freude und Ernst. Freude ohne Ernst wäre Oberflächlichkeit; Ernst ohne Freude wäre Schwarzseherei. Heilsgewißheit ohne Gottesfurcht wird Pharisäertum; Gottesfurcht ohne Heilsgewißheit wird sklavische Angst. In Wahrheit aber ist jedes dieser beiden nur dann gottgemäß da, wenn auch das andere da ist. Entweder tragen wir beide in unserer Seele oder keines. Und das Maß des einen bedingt zugleich das Maß des anderen. Es ist eine erschütternde Tatsache, daß in weiten kirchlichen und freikirchlichen Gemeinden, Gemeinschafts- und Versammlungskreisen in hohem Maße die Ehrfurcht fehlt. Alltagsgerede umrahmt die Zusammenkünfte. Nur mit Mühe tritt Ruhe beim Beginn der Versammlungen ein. Innerlich unaufmerksam erklingen viele Gesänge. Manchmal merkt der Singende kaum, daß sein Lied, in der Du-Anrede zu Gott, ein Gebet ist. Und nicht selten ist der Dienst am Wort in Gefahr, in ein ehrfurchtloses, vielleicht sogar selbstgefälliges Reden »über« Gottes Wort zu entarten, anstatt selber verantwortungsbewußte, geistgewirkte, heilige Gottesbotschaft zu sein. – »Es predigt.« – – Aber nicht: »Gott spricht!« Wie ernst!
Und gar oft kommen am Schluß die »Vögel des Himmels«, in Form oberflächlicher Begrüßungen und Gespräche, geschäftlicher Besprechungen, Unterhaltungen über Politik, Familienerlebnisse und Alltag, und reißen den Samen hinweg, soweit er in das Herz gesät war (Matth. 13, 4; 19). Wie kann da geholfen werden? Nur durch ein erneutes Hinhören auf Gott! Nur durch erneute Anerkennung der Autorität Seines erlösenden Befehlswortes! Nur durch von neuem vollzogene, bewußt gewollte Hingabe und Weihe an Ihn. Wahrlich, Reichtum garantiert nicht. A b e r C h r i s t u s bewahrt!
»Lasset uns aufsehen auf Jesum!« – Lasset uns hinhören auf Sein Wort!

3. Reichtum muß verwirklicht werden.

»D e s h a l b, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, laßt uns Gnade haben (oder: Dankbarkeit hegen), durch welche wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht« (Hebr. 12,28). Christsein heißt nicht nur: Segnungen empfangen haben, sondern: »Im Empfangenen leben!« Dies geschieht praktisch durch dankbare Hingabe an den Herrn, der uns so reich begnadigt hat.
Das griechische Wort für »Gnade« heißt zugleich »Dank« (charis), und es gibt Stellen, in denen beide Übersetzungen einen guten Sinn haben. So auch hier. Die Grundbedeutung des Wortes ist »etwas, was erfreut« (charis, wurzelverwandt mit griech. chara, Freude; chairein, sich freuen), und da es für den Griechen kaum etwas gab, was ihm mehr Freude bereitete als Schönheit, bekam das Wort die Bedeutung »Anmut, Lieblichkeit, Holdseligkeit«, so z. B. in Luk. 4, 22 (Luth.), Eph. 4, 29 (Luth.).
Von dieser Grundbedeutung her bedeutet es auch die Haltung eines Menschen, der erfreut, also »Wohlwollen, Gunstbezeugung, Geneigtheit«, – besonders bei hochgestellten Personen, am meisten bei Königen – nur ihrem e i g e n e n Willensentschluß entsprang, also u n verdiente Gabe, das heißt »Gnade« war, eine Gnade, die für den Beschenkten dann Fülle, Glanz, Freude und Erhöhung mit sich brachte…
Das eine ist die Gunstbezeugung des Gebers zum Empfänger, das andere ist die Bezeugung der Zuneigung des Empfängers zum Geber, und somit hat es einen tiefen Sinn, daß das neutestamentliche Wort für »Gnade« zugleich auch das Wort für »Dank« ist. Danken heißt eben: »von der Gabe aufsehen zum Geber, sich seiner Güte freuen und sich ihm hingeben mit den Empfindungen des Herzens und den Taten des Lebens«.

In diesem Sinne ist nun b e i d e s wahr: Weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, wollen wir Dankbarkeit beweisen und Ihm, der uns so unendlich reich beschenkt hat und beschenkt, in Frömmigkeit und Gottesfurcht wohlgefällig dienen. Und ebenso: Weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, wollen wir Ihm dienen und unser Leben Ihm weihen, und wir vermögen es nur dank der Kraft, die Seine G n a d e uns schenkt.

Auf diese Weise gibt es eine freudige Heiligung. Heiligung und Freude gehören zusammen. Mangel an Heiligung trübt unsere Freude; aber wahre Freude beflügelt die Heiligung. Undankbaren Gläubigen jedoch gibt der Herr keine neuen Segnungen. Das Maß unseres Gesegnetwerdens hängt, bei aller Willigkeit des göttlichen Gebers, von unserer praktischen Dankbarkeit ab. Wie töricht darum, zu jammern, anstatt sich Gottes Güte zu erfreuen! Wie ist doch Sorgengeist Selbstberaubung! Nein, wir wollen Ihn preisen, der so unendlich viel für uns getan hat. Unser ganzes Leben soll ein praktisches, freudiges Dankopfer sein.

Und gewaltig ist der Rahmen, in den der Geist Gottes diese Seine ganze Aufforderung hineingestellt hat. Er beginnt die Schilderung des neutestamentlichen Heilsreichtums mit Himmel und Herrlichkeit und schließt sie mit dem Hinweis auf, unter Umständen, allerernstestes Gericht.

G o t t e s G n a d e a m Anfang, Gottes Feuereifer am Schluß, und dazwischen der Aufruf: »Hinhören! Gott s p r i c h t !« Die Worte »himmlisches Jerusalem« (Vers 22) und »verzehrendes Feuer« (Vers 29) rahmen diesen eindrucksvollen Befehl geradezu ein. »Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer«. Dies schreibt ein Mitarbeiter des Apostels Paulus (vgl. Hebr. 13, 23), also des Apostels der Gnade (!), an judenchristliche Gläubige der Gemeindezeit. In der Gemeinde aber ist, nach den wiederholten, ausdrücklichen, paulinischen Belehrungen, zwischen den Gläubigen aus Israel und den Gläubigen aus den Nationen kein heilsgrundsätzlicher Unterschied mehr (Eph. 2,13-22; 3,6; Apg. 28,28; vgl. Apg. 10, 47; 11, 12; 15, 9-11).
Brechen wir darum dem Schwert die Spitze nicht ab! Nehmen wir dies Gotteswort in seiner ganzen Wucht! Allerdings glauben wir nicht, daß es die Möglichkeit eines Verlorengehens wahrer Kinder Gottes aussagen will, wohl aber daß ungeahnte und ernsteste Folgen mit Untreue und Ungehorsam eines Gläubigen verbunden sind.
Darum fort mit aller fleischlich-religiösen Selbstsicherheit! Laßt uns niemals die Wahrheit von der ewigen Errettung der Wiedergeborenen zu einem Ruhekissen fleischlicher Gesinnung machen! Wohl sind die, die an Christus im Sinne der Schrift glauben, aus dem Tode ins Leben hinübergegangen; aber was die Verherrlichung betrifft, so gilt der Satz: »Befleißiget euch umsomehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen« (2. Petr.1,10). »Jaget nach der Heiligung, ohne welche niemand den Herrn schauen wird« (Hebr. 12,14). »Wer zu stehen sich dünkt, sehe zu, daß er nicht falle« (1. Kor. 10, 12).
Was wir brauchen, ist die dauernde Haltung des Glaubens, das stets fortgesetzte Ja zu Christus, das stets praktisch erneuerte Nein zur Sünde, die lebendig praktische Gemeinschaft mit dem für uns gestorbenen und auferstandenen Erlöser. »H a l t e t euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu« (Röm. 6, 11).
In Christus aber ist Heil. In Ihm ist Leben und Sieg. Sein Wort ist nicht nur Befehl, sondern zugleich schöpferische Kraftquelle. Es ist Gebot und Geschenk, Verordnung und Verheißung, Sendung und Ausrüstung.
Ihn, diesen Erlöser, der Menschheit zu verkünden, – das ist die Aufgabe der Botschaft des Neuen Bundes. Er selbst ist der eigentliche Inhalt von dem, was »Gott spricht« (2. Kor. 4, 5). Er ist der Sieger, die personhafte Wahrheit, der Heiland der Welt. Er erleuchtet die Seelen, die in der Finsternis schmachten. Er erfüllt ihre Sehnsucht, erquickt ihre Herzen, befreit sie von Sünden, macht sie heilig und rein. Durch Ihn finden sie zurück zum verlorenen Paradiese. Ihre Vergangenheit ist geordnet, ihre Gegenwart erleuchtet, ihre Zukunft gesichert. Darum spricht Gott: »Siehe, das ist mein Knecht … an welchem meine Seele Wohlgefallen hat . . . Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit . . . und habe dich zum Bund unter das Volk gegeben, z u m L i c h t d e r Heiden« (Jes. 42, 1; 6).
Und in der neutestamentlichen Zeit spricht der Vater bei der Verklärung des Menschgewordenen auf dem heiligen Berge: »Dies ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe« (Matth. 17,5). »Den sollt ihr hören!«
»Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;
A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;
Schöpfer, wie kommst Du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden:
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden!«

Den Text des Buches IN DER KAMPFBAHN DES GLAUBENS habe ich geringfügig gekürzt und die Hervorhebungen im Text vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Januar 2009-01-30

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

Weitere Beiträge von Bibellehrer Erich Sauer auf meiner Webseite:
1. Der Triumph des Gekreuzigten
2. Gott, Menschheit und Ewigkeit
3. Israel und die Tempel
4. Das Millenium
5. Satan der Widersacher Gottes
6. Der Ursprung des Bösen
7. Das antichristliche Weltsystem
8. Das babylonische Menschheitsgericht
9. Biblischer Schöpfungsbericht und Naturwissenschaft
10. Die Bibel – das Buch der Heilsgeschichte

 

 

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