Johannes Seitz –

image_pdfimage_print

Johannes Weber

  

JOHANNES SEITZ

(1839‑1922)

 

Der Mann, über dessen Leben und Wirken hier berichtet wird, war ein Original. Das heißt aber, er war einmalig und kann nicht kopiert werden. Durch Berufung und be­sondere Führung durfte Johannes Seitz Gottes besonderes Werkzeug sein, vielen Menschen nicht nur in ihren Seelen‑, son­dern auch in ihren Leibesnöten zu helfen.

Darüber hinaus war ihm sogar Macht ge­geben, solchen, die vom Teufel übel ge­plagt waren, den Besessenen, den Weg in die Freiheit der Kinder Gottes zu bahnen.

Was es heißt, ausgerüstet zu werden mit der Kraft aus der Höhe, ohne dem Schwarm­geist zu verfallen, dafür ist uns „Vater Seitz", der glaubensmächtige Beter, der etwas von den Geisteskräften der Apostel besaß, ein leuchtendes Beispiel. Es werden auch die Grenzen aufgezeigt, die ihn von der damals aufkommenden Pfingstbewegung trennen, die er entschieden bekämpfte.

Mögen auch durch dieses Lebensbild weite Kreise der Christenheit es noch mehr er­kennen, daß der Herr, dem alle Macht ge­geben ist im Himmel und auf Erden, seine Herrlichkeit auch in unseren Tagen offen­baren kann und will!

 

INHALTSVERZEICHNIS

Inneres Werden und Wachsen
Der besondere Dienstauftrag
Das Glaubensgebet und seine Auswirkungen
Es geschieht etwas
Im Kampf gegen die Pfingstbewegung
Friedevoller Heimgang

  

Vorwort

Es scheint mir notwendig, dieses Büchlein mit einem kurzen Vorwort einzuleiten. Durch Berufung und besondere Führung durfte Johannes Seitz Gottes beson­deres Werkzeug sein, vielen Menschen nicht nur in ihren Seelen‑, sondern auch in ihren Leibesnöten zu helfen. Darüber hinaus war ihm sogar Macht gegeben, solchen, die vom Teufel übel geplagt waren, den Be­sessenen, den Weg in die Freiheit der Kinder Gottes und zum Frieden des Herzens zu bahnen.

Der Mann, über dessen Leben und Wirken hier be­richtet wird, war ein Original. Das heißt, er war einmalig und kann nicht kopiert werden. Mancherlei, was auf den nachstehenden Blättern zur Sprache kommt, wird allerdings nur verstanden werden, wenn Gott dem Leser das hierzu notwendige Verständnis hat schenken können. „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit, und kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden" (1. Kor. 2,14). Es war mir bei der Abfassung dieses kleinen Lebensbildes ein Herzensanliegen, daß wir in weiten Kreisen der Christenheit es noch mehr erkennen möchten, daß der Herr, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, seine Herrlichkeit auch in unseren Tagen offenbaren kann und will. Der Schlüssel dazu ist das anhaltende, ernste, gläu­bige Gebet derer, die sich ihrem Herrn nach Leib, Seele und Geist hingegeben haben. Was es heißt, ausgerüstet zu werden mit der Kraft aus der Höhe, ohne dem Schwarmgeist zu verfallen, dafür ist uns der glaubensmächtige Beter, der etwas von den Geistes­kräften der Apostel besaß, ein wirkliches Beispiel. Es werden auch die Grenzen aufgezeigt, die ihn von der damals aufkommenden Pfingstbewegung trennen, die er entschieden bekämpfte.

Königsfeld (Schwarzwald)                Johannes Weber

 

Inneres Werden und Wachsen

Der große, ewige Gott hat die mannigfachsten Mittel und Wege, seine Leute zu formen und zu gestalten, wenn er sie zu einem besonderen Dienst  in dieser Welt der Sünde und des Todes berufen hat. Gottes Vorbereitungsarbeit, .die das von ihm ausersehene Werkzeug zur Lösung der mancherlei gestellten Aufgaben tüchtig machen soll, setzt oft schon  sehr früh war es auch bei Johannes Seitz. In seiner Kindheit und Jugend durfte er den einzigartigen Geistesfrühling erleben, der sich durch das Wunderbare Wirken des Pfarrers Johann Christoph Blumhardt von Möttlingen her Bahn brach. Von dieser Zeit einer außerordentlichen Gnadenheimsuchung des lebendigen Gottes können wir uns nur sehr schwer eine richtige Vorstellung machen. Die herrlichen Gottestaten, die durch Blumhardt an Kranken und Besessenen geschahen, machten den Namen Jesu überaus groß und herrlich. Was müssen das für geistesmächtige Predigten gewesen sein, die der Christuszeuge in der Möttlinger Kirche hielt, wenn große Schären heilsbedürftiger Men­schen von vielen Dörfern des Schwarzwaldes stun­denweit zum Sonntagsgottesdienst pilgerten! Durch Ungezählte, die die umwandelnde Kraft des tes Gottes und des Heiligen Geistes an ihren Herzen erfahren hatten, konnte sich der Feuerherd geist­lichen Lebens über das Württemberger Land und seine Grenzen hinaus ausbreiten.

Auch der Vater unseres Johannes Seit, den man allenthalben als Witzbold und Spötter kannte fand den Weg nach Möttlingen und wurde gleich durch die erste Predigt, die er hörte, so gründlich in die Buße hineingetrieben, daß er daheim den Seinigen erklärte: „Wir sind alle auf dem Weg zur Hölle, wir alle müssen Buße tun, alles muß anders wer­den, wenn wir nicht alle miteinander in die Hölle fahren, sondern in den Himmel kommen wollen." Johannes Seitz erblickte am 11. Februar 1839 in Neuweiler, nicht weit von Bad Wildbad, das Licht der Welt. Sein Elternhaus wurde, nachdem der Vater und später auch seine Mutter eine gründliche Bekehrung erlebt hatten, zu einer Hütte Gottes bei den Menschen. Auch hier geschahen Zeichen und Wunder. Die ganze Familie stand unter dem heil­samen Einfluß von Möttlingen. Der heranwach­sende Johannes bezeugt aus jener Zeit: „Die Pre­digtweise des Pfarrers Blumhardt ist mir unver­geßlich geblieben, namentlich, wenn es wie ein Alarmruf von seiner Kanzel erscholl, indem er alle aufforderte zum Gebet und Flehen, daß wir wieder apostolische Zeiten bekämen und apostoli­sches Leben und apostolische Geisteskräfte und Taten, und wenn man andrerseits sehen durfte, daß Gott darauf antwortete."

Aber auch die tiefgehenden Wirkungen der be­sonderen Gottesoffenbarungen, die jener Zeit durch die Jungfer Dorothea Trudel in Männedorf ge­schenkt wurden, schlugen ihre Wellen bis in die stillen Schwarzwalddörfer und lösten ungeahnte Segnungen aus. Man gab der Jungfer Trude] das Zeugnis, daß in damaliger Zeit wohl niemand so tief in das apostolische Geistesleben eingedrungen sei wie sie, die ungefähr 40 000 Kranken und Gebundenen Kräfte der oberen Welt hat vermitteln dürfen. Johannes Seitz wurde ganz besonders tief beeindruckt von der gründlichen Bekehrung und der wunderbaren Heilung vom Lippenkrebs, die einer seiner früheren Schulkameraden namens Kel­ler erlebte. Dieser hochbegabte, aber wilde, aus­gelassene Weltmensch fand den Weg nach Männe­dorf. Die Leute sagten: „Was will dieses leichtsinnige Lumpenmänndle bei der heiligen Trudel? Da muß man sich ja bekehren! Aber das Lumpen­männdle bekehrt sich doch nicht!" Es dauerte aber nicht lange, da schrieb dieser junge Mann einen Brief voll glühender Heilandsliebe an seine Mut­ter. Und nach einiger Zeit kam er in sein Heimat­dorf als neuer Mensch und vom Lippenkrebs ge­heilt zurück. Später war Seitz mit ihm auf der Mis­sionsschule. Keller half übrigens nach Jahren die schöne deutsche Kolonie Haifa am Fuße des Kar­mels gründen. Längere Zeit war er als deutscher Konsul dort tätig. Bei der Entstehung der Karmelmission durfte er auch, wie wir noch hören werden, in ganz besonderer Weise mitwirken.

Wie tiefgehend die Einflüsse waren, die von Blumhardt und der Jungfer Trudel in jener von Gott begnadeten Zeit ausgingen, bezeugt Johannes Seitz noch in seinem hohen Alter. In einer mitge­schriebenen Andacht, die mir zur Verfügung ge­stellt wurde, führt Vater Seitz folgendes aus: „Ich blicke auf die Zeit vor vierzig, fünfzig, sechzig Jah­ren mit der größten Freude zurück, ja mit heiliger Wonne und Freude muß ich alles dessen gedenken, weil in diesen Zeiten wieder an einigen Orten Süd­deutschlands und der Schweiz das Christentum zu solcher Herrlichkeit und Siegesmacht durchgebro­chen war, daß es, wenn auch nur für kurze Zeit, an die Macht des ersten Christentums nahe angrenzte. Bei Pfarrer Blumhardt in Möttlingen durfte man eine Zeitlang eine fast apostolische Wundermacht sehen. In Männedorf bei der Jungfrau Trudel wa­ren fast dieselben Siegeskräfte wie in der aposto­lischen Zeit erwacht. Auch ihre Lehrschülerin, Fräulein von Seckendorff, hatte an die apostolische Zeit erinnernde Geisteskräfte. Auf ihr Gebet hin sind ebenfalls viele wunderbare Heilungen gesche­hen, so wurden u.a. zwei Blindgeborene durch sie geheilt. Durch diese Leute, Blumhardt, Trudel, Seckendorff, aber auch Otto Stockmayer, hat sich das Trachten nach der Heiligung und den Gaben und Kräften der apostolischen Zeit in immer weitere Kreise verbreitet. Ich habe mit verschiedenen Brüdern über jene hinter uns liegende Zeit gespro­chen, die ebenso erfüllt waren wie ich über die herrliche und geistesmächtige Bewegung und über die großen Hoffnungen, die man von dieser gro­ßen Bewegung sich machte und machen durfte. Aber auch auf andere Länder der evangelischen Chri­stenheit ist die Geistesbewegung, die von Blum­hardt und Jungfrau Trudel ausging, übergesprun­gen. Man erlaube mir, hierüber einen selbsterleb­ten Beweis mitzuteilen. Es mögen etwa 35 Jahre her sein, daß Bruder Blaich und ich zu einer inter­nationalen Konferenz nach London geschickt wur­den, die fünf Tage währte. Zu dieser Konferenz strömten aus allen Ländern der evangelischen Christenheit Knechte und Mägde, Kinder Gottes her­bei. Hauptzweck dieser Konferenz war, zu beten und miteinander zu beraten, wie man in die Heili­gung und in die Gaben und Kräfte der apostolischen Zeit eindringen könne. Man teilte sich auch die Erfahrungen mit, die man bei diesem Trachten bereits gemacht hatte. Die Schweden und Norwe­ger berichteten, wie seit 10 Jahren vieles an Zei­chen und Wundern und Heilungen aller Art ge­schehen sei, was durch die Apostel geschehen. Elias Schrenk berichtete, daß in England an über hundert Plätzen Kranke geheilt würden durchs Gebet. Ganz ähnliches wurde aus Amerika, Indien, Kalifornien und anderen Ländern der evangelischen Christen­heit berichtet. Aber nun kommt das, was mich aufs tiefste bewegte und mir unvergeßlich bleiben wird.

Der Präsident und Leiter dieser Konferenz, Dr. Boardman, erklärte vor dieser großen Konferenz, daß diese Bewegung, die ihre Wellenschläge in die ganze evangelische Christenheit hinausgeworfen hatte, ausgegangen sei von den beiden weltbekann­ten Persönlichkeiten Pfarrer Blumhardt und Jungfrau Trudel. Ich war ganz überwältigt vor Stau­nen, daß durch zwei Leute wie Blumhardt und Trudel eine solche Bewegung nicht allein über Deutschland, sondern über die ganze evangelische Christenheit sich durchsetzen konnte. Aber ich ging auch der Frage auf den Grund: Worin besteht das Geheimnis dieser großen Kraftwirkung, die durch zwei deutsche Geschwister ausgegangen ist? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Blumhardt sowohl wie die Jungfrau Trudel waren in ihrem Gebetsleben ganze Nachfolger des Herrn Jesu und der ersten Jünger."

Es bedarf keiner Frage, daß dies herrliche geist­liche Klima, in dem der junge Seitz aufwachsen durfte, wesentlich zu seiner inneren Reife und Ge­sundung beigetragen hat und ihn prägen half, so daß er ein Künder apostolischer Geisteskräfte wer­den konnte. Alles Wachstum, auch das innere, ist aber bestimmten Gesetzen unterworfen und bedarf einer gewissen Zeit. Bis Gott seinen Knecht dahin gebracht hatte, wohin er ihn haben wollte, bedurfte es noch mancher Erziehungswege. Er schreibt dar­über: „Jawohl, die großen und vielen Offenbarun­gen, Gnaden‑ und Machterweisungen Gottes wur­den für mein jugendliches Gemüt immer überwältigender, so daß ich bis aufs Innerste hingerissen und entschlossen war, mit allem, was ich hatte, mich diesem Gott hinzugeben. Aber bei all diesen über­wältigenden Gnadenoffenbarungen mußte ich auch eine Kehrseite meines Innern kennenlernen. Ich mußte recht erfahren, daß ich ein Herz hatte, das trotz aller Wunder der Güte Gottes immerdar den Irrweg wollte. Mein Inneres war noch einige Jahre ein Kampfplatz, auf welchem Gott und die Welt in heftigen Kämpfen lagen."

Gott selbst aber, der sich Johannes Seitz zur Aus­führung seiner Pläne ausersehen hatte, brachte ihn dann dahin, daß er ihm gelobte: „Ich will mit allem, was nur Sünde und unheilig ist, gänzlich brechen. Du sollst mit mir machen, was du willst. Ich will ein willenloses Werkzeug für dich sein, das du drehen, wenden und gebrauchen kannst, wie du nur willst." Allerlei Gnadengerichte, zuletzt noch ein besonders schweres Leiden, das über ihn hereinbrach, waren der Anlaß zu dieser völligen Hingabe an den Herrn.

Lassen wir Seitz selbst erzählen: „Mein linker Arm und die linke Hand waren längere Zeit so sehr angeschwollen, daß ich große Schmerzen hatte. Da kam der Knochenfraß dazu. Die Hand eiterte, und Eiter floß aus mehreren Öffnungen. Dann eiterten sogar ganze Knochensplitter aus der Hand heraus. Die Ärzte waren der Meinung, die Hand sei nicht mehr zu retten, der Arm müsse abgenom­men werden. Dann werde wenigstens mein Leben erhalten. Das sagte auch unser Oberamtsarzt, und er soll gescholten haben, daß man mir den Arm noch nicht abgenommen habe. In welcher Angst und Trübsal ich schwebte, darüber will ich schwei­gen. Aber ich wußte ganz genau, weshalb mich Gott in diese Angst und Trübsal hatte kommen lassen. Ich erkannte, daß mich Gott vor das Ent­weder ‑ Oder gestellt hatte, daß ich mich entwe­der ganz, vom Scheitel his zur Fußsohle, mit jeder Faser, mit jedem Blutstropfen dem Herrn auslie­fern solle oder untergehen müsse. Es war im Früh­jahr, wo mein Vater und meine Geschwister fast immer auf dem Felde arbeiteten. Wenn ich dann so allein zu Hause war, da weinte und schrie ich in meiner Angst zu Gott um Erbarmen. Ich schrie: Lieber Gott, wenn du mich vor dem Schicksal be­wahrst, mein Leben lang als ein Krüppel in der Welt herumlaufen zu müssen, so soll mein Leben mit allem, was ich bin und habe, nur dir gehören, nur für dich da sein. Über dies angstvolle Geschrei meiner Seele erbarmte sich Gott und erhörte mich."

In einem Traum wurde dem ringenden Beter ge­zeigt, daß er im Walde stand und mit geheilter Hand wieder wie früher die stolzen Schwarzwald­tannen fällen konnte. Darüber war er namenlos vergnügt und dankbar. Dieser Traum erfüllte sich ein halbes Jahr später wirklich. Der Arm war ganz gesund. Die Knochen, von denen Splitter heraus­geeitert waren, fanden völlige Heilung.

Der besondere Dienstauftrag

Es ist immer eine wunderbare Sache, wenn der Herr seine Hand auf einen Menschen legt und ihn in seine Nachfolge ruft. Bei. diesem Wunder, das sich in den mannigfachsten Formen begibt, geht es jedem einzelnen, der gerufen ist, so daß er seines Heiles gewiß wird und in tiefer Demut und gro­ßer Dankbarkeit mit Paul Gerhardt rühmen lernt:

„Du bist mein, ich bin dein,'
niemand kann uns scheiden.
Ich bin dein, weil du dein Leben
und dein Blut, mir zugut, in den Tod gegeben.
Du bist mein, weil ich dich fasse
und dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse."

Solch ein Gerufener sinkt wie Thomas seinem Heiland zu Füßen mit dem beglückenden Bekennt­nis: „Mein Herr und mein Gott!"

Abgesehen davon, daß diese heilsgewissen, heils­freudigen Menschen dann alle ohne Ausnahme ihre missionarischen Aufgaben zu lösen haben, gefällt es Gott wohl, immer wieder Männer und Frauen in seinen ganz besonderen Dienst zu berufen. Und das bedeutet dann allerdings eine ganz große Gnade, die nicht 'so ohne weiteres jedem wider­fährt. Dabei geht es oft seltsam und sehr sonderbar zu. Das wird ja schon deutlich in den man­cherlei Berufungsgeschichten, die uns in der Hei­ligen Schrift des Alten und des Neuen Testaments erzählt werden. Rang und gesellschaftliche Stel­lung schalten hier aus. Natürlich werden auch sol­che zu auserwählten Rüstzeugen bestimmt, die durch ihre besondere Erziehung und wissenschaftliche Ausbildung, wie etwa ein Mose oder ein Paulus, um nur zwei zu nennen, über eine hervorragende Bildung und ein reiches menschliches Wissen ver­fügen. Aber nicht wenige, auf die es Gott abgese­hen hatte, wollte und konnte er brauchen, obwohl sie ganz bescheidenen Verhältnissen entstammten. Denken wir z. B. an Elia und manche andere! Wenn Gott seine Werkzeuge braucht, sind sie mit einem Male da. Wie helle Sterne tauchen sie in der Nacht der Gottentfremdung plötzlich auf.

Auch die Art und Weise, wie Johannes Seitz sei­nen Dienstauftrag erhält, ist keineswegs alltäglich, sondern recht absonderlich. – Da sitzt ein junger Mann an einem Sonntagnachmittag in der Gemein­schaftsstunde, die in einem überfüllten Raum statt­findet. Er hat sich mit einigen Kameraden ganz hinten ins letzte Eckchen gedrückt.

Bruder Martin Blaich, der von Zeit zu Zeit nach Zwerenberg kommt, um das Wort des Lebens auszuteilen, erhebt sich von seinem Platz. Jeder denkt, daß die Versammlung beginnen soll. Doch der Prediger sieht über die vielen Besucher, die zum großen Teil auch aus den umliegenden Schwarzwalddör­fern gekommen waren, hinweg bis in die hinterste Ecke, in der der junge Seitz sitzt, und fragt laut und vernehmlich, daß es jeder hören kann: „Jo­hannes, was schaffst du?" Dieser sieht sich nach rechts und links um, um festzustellen, an wen wohl die Frage gerichtet sein könnte. Er denkt gar nicht daran, daß sie ihm gilt. Blaich aber sagt: „Dich, Johannes Seitz, dich meine ich!" Der Zweiundzwan­zigjährige antwortet: „Stoppeln sammeln zum Zie­gelbrennen." Schallendes Gelächter allenthalben. Der Bote Gottes aber entgegnet: „Als die Kinder Israel die Stoppeln sammeln mußten zum Ziegel­brennen, da hatte Mose schon den Befehl in der Tasche: ,Laß mein Volk, daß es mir diene!` Es steht der letzte große Kampf bevor, und dafür ist eine Offiziersschule eröffnet worden; in diese Offi­ziersschule sollst du aufgenommen werden." Ge­meint war ein Missionsseminar der Tempelgesell­schaft, der damals einige Gemeinschaften ange­hörten. Auch die Zwerenberger Arbeit gehörte dazu. Dieses Missionsseminar sollte dazu erweitert werden, um in vierwöchigen und dreimonatigen Kursen bildungsfähige junge Männer als Ge­meinschaftsleiter zu schulen. Man dachte darüber hinaus aber auch noch an die Ausbildung von Reisepredigern und Evangelisten, die einige Jahre dauern sollte. –

In einer nachfolgenden Aussprache unter vier Augen eröffnete Prediger Blaich seinem Auserko­renen, daß man ihn für diese Wirksamkeit in Aus­sicht genommen habe. Doch der junge Mann sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, in diese Mis­sionsschule einzutreten. Auf die mancherlei Gründe seiner ablehnenden Haltung wollen wir hier nicht eingehen.

Wie sein jüngerer Bruder vom Herrn auserse­hen wurde, dieses Widerstreben zu überwinden, darüber hören wir Johannes Seitz selbst: „Er sagte mir unter anderem: ,Ich beobachte dich schon seit acht Tagen. Ich kann dir sagen, es ist der Teufel, der alles aufbietet, um dich nicht in die Missions­schule zu lassen, und er weiß genau, warum. Er gaukelt dir immer vor, du habest zu wenig Bega­bung. Hardegg schrieb aber in unserm Blatt (Har­degg war einer der Leiter dieser Tempelgesell­schaft), die Schwarzwälder seien, wie alle Ge­birgsvölker, gemütvoll und begabt zugleich. Du warst aber doch der Leithammel von uns allen und hast schon eine Anzahl mitgerissen. Und nun denkt der Teufel: wenn der in die Missionsschule kommt, dann wird er mir noch viele herausreißen. Nun sei nicht so dumm und höre nicht länger auf ihn! Geh hinauf, pack deine Kiste und reise morgen mit Blaich fort!`“ Diesen Rat hat dann Johannes Seitz tatsächlich befolgt. Er erzählt aus jenen entscheidungsvollen Tagen weiter: „Freilich trug dazu ein Traum bei, durch den mein Trotz und meine Angst vor der Missionsschule ganz gebro­chen wurden. Ich sah in der Nacht nach diesem Gespräch eine so wunderbar herrliche Sonne, daß ich von ihr ganz überwältigt und angezogen wurde. Es war, als ob ich Flügel bekommen hätte und ihr entgegenfliegen würde. Ich sagte: Nur fort, fort, das ist ja die ewige Gnadensonne, und da flog ich immer mehr dieser Gnadensonne entgegen. Als ich erwachte, hatte ich Freudigkeit, in die Missions­schule einzutreten."

Vier Jahre sollte Seitz im Missionsseminar auf dem Kirschenhardthof bei Ludwigsburg zubringen. Doch wurde er so geführt, daß seine Ausbildung nur zweieinhalb Jahre dauerte. Es trug sich näm­lich folgendes zu. Auch heute noch herrscht, ebenso wie damals, in den Predigerschulen die Gepflogen­heit, die Schüler gelegentlich, besonders aber an den Sonntagen, mit älteren Brüdern zu entsenden, damit sie in gottesdienstlichen Versammlungen Zeugnis für den Herrn ablegen und zum Predigt­dienst geschult werden. So mußte auch Seitz mit einem älteren Bruder in die Murrhardter Gegend, um in seinem Bezirk Versammlungen zu halten. Diesen Dienst segnete der Herr so reichlich, daß eine Erweckung, zumal unter der Jugend, entstand. Aber auch Bauern und Gutsbesitzer bekehrten sich. Daraufhin verfassten die verantwortlichen Brüder jener christlichen Kreise eine Bittschrift an das Missionskomitee der Tempelgesellschaft, Johannes Seitz als Evangelist in jene Gegend zu entsenden. Diesem Wunsch wunde entsprochen und Seitz sein Arbeitsgebiet dort zugewiesen. Die Bedenken des jungen 25-jährigen Evangelisten, seine Ausbildung abzubrechen, konnten zerstreut werden.

Es ist außerordentlich wichtig, sich seiner wirk­lichen Berufung in des Meisters Dienst gewiß zu sein. Wenn besondere Nöte und Schwierigkeiten auftreten, die nicht selten große Anfechtungen und Seelenkämpfe auslösen, weiß man sich vom Herrn selbst auf sein Arbeitsfeld gestellt, und man ver­mag dann in ruhiger Sicherheit und Unerschrockenheit alles zu überwinden, was sich einem ent­gegenstellt. Weil der Leiter der Tempelgesell­schaft, Christoph Hoffmann, der Sohn des bekann­ten Gründers der Brüdergemeinden Wilhelmsdorf und Korntal, sich mehr und mehr als Rationalist entwickelte, mußte sich Johannes Seitz nach großen Seelen‑ und Gebetskämpfen von der Tempelgesellschaft tren­nen. Nach einer Vorlage, die Hoffmann einbrachte, sollten sogar Taufe und Heiliges Abendmahl ab­geschafft werden. Dieses Ansinnen gab insonder­heit den Ausschlag, daß sich Johannes Seitz und mit ihm Martin Blaich von der Tempelgesellschaft los­sagten. Nach den außerordentlich schweren Kämp­fen, die mit dieser Lösung verbunden waren, hören wir ihn zu Bruder Blaich sagen: „Wenn man bei einer Gesellschaft solch furchtbare Bannbullen er­fahren muß (Hoffmann hatte gegen die Brüder einen Bannstrahl erlassen), weil man sich die hei­ligsten, von Christus selbst eingesetzten Dinge, wie Taufe und Abendmahl, nicht nehmen lassen will, so ist das keine Freiheit des Geistes mehr, sondern päpstliche Sklaverei. Ich habe in meiner Heimat, im schönen Schwarzwald, für meinen Leib die schöne, freie Tannenluft eingeatmet und für mei­nen Geist die herrliche Möttlinger Luft bei Leu­ten wie Blumhardt und der Trudel, und da soll ich alter Knabe jetzt so moderige, stinkende Papstluft einatmen? Bruder Blaich, das tu ich nicht! Das Lied hat man uns nicht gesungen, als wir zur Tem­pelgesellschaft kamen, daß Hoffmann Taufe und Abendmahl noch abschaffen will und diejenigen, die nicht damit einig sind, mit solchen Bannstrah­len bedient."

Die Zukunft hat dann bewiesen, daß der Herr seine Knechte durch die Trennung von der Tempel­gesellschaft den rechten Weg geführt hat; denn eine weitere Missionstätigkeit wurde durch sie in Deutschland völlig unmöglich und daher aufgege­ben. Die Brüder Blaich und Seitz aber fanden ein weites, reiches und fruchtbares Arbeitsfeld auf einer anderen Grundlage. Es kamen Rufe aus Schle­sien, Posen und Brandenburg mit Vorschlägen, daß man sich zu einem selbständigen Verband zusammenzuschließen beabsichtige. Dieser Verband aber werde dann die Brüder Blaich und Seitz als seine eigenen Evangelisten anstellen. Man er­kannte in dem allen des Herrn besondere Füh­rung. So wurden im Juli 1878 zu Lissa in der damaligen Provinz Posen die Satzungen dieses Vereins, des „Evangelischen Reichsbruderbundes", entworfen und genehmigt. Die Leitung legte man in die Hände eines Brüderrates. Für diese wunderbare Wen­dung der ganzen Angelegenheit waren Blaich und Seitz ihrem Gott von Herzen dankbar. Aber nicht nur in Posen, Brandenburg und Schlesien, sondern auch in Sachsen und im württembergischen Schwarz­wald trennte sich eine Anzahl von Kreisen von der Tempelgesellschaft und schloß sich dem Brü­derbund an. Das neue Arbeitsfeld wuchs allerdings weit über diese Gebiete hinaus. Man fand auch Ein­gang in Pommern und Westpreußen, ja, Seitz wurde nach Königsberg, Tilsit und Memel gerufen. Über­all, wo er diente, schenkte Gott eine große geist­liche Bewegung. Die Geschwister in Ostpreußen baten deshalb den Brüderrat des Brüderbundes, Seitz ständig in Ostpreußen zu belassen. Ihrem Wunsch wurde nach reiflicher Überlegung gern entsprochen.

Da Seitz eine ganze Reihe von Jahren seinen Dienst innerhalb des Brüderbundes getan hat, inter­essiert es uns, etwas über die Richtlinien dieses Gemeinschaftsverbandes zu erfahren. In den Sat­zungen war folgendes festgelegt: „Unser Bund nennt sich ’Evangelischer’ Reichsbrüderbund, weil wir an das Evangelium glauben und überzeugt sind, daß die Menschheit nur durch das Erlösungs­werk Jesu Christi befreit werden kann, welches Christus durch sein vollgültiges Versöhnungsopfer, sein heiliges Leben, Leiden und Sterben, Aufer­stehen, Himmelfahrt und die Ausgießung des Hei­ligen Geistes den Menschen nahegebracht hat. Er nennt sich Reichs‑Brüderbund, weil wir an die baldige Wiederkunft Christi zur Aufrichtung sei­nes Königreiches glauben und an die Vollendung seines Werkes, so wie es die Propheten geschaut und er selbst und seine Apostel es verkündigt haben."

Aus dem Reichsbrüderbund ist übrigens auch die bekannte Karmelmission entstanden. Das Inter­esse für das Heilige Land war ja bei vielen Mit­gliedern, die früher zur Tempelgesellschaft gehört hatten, schon lange wach. Keller, der Schulfreund von Johannes Seitz, war inzwischen deutscher Konsul in Haifa. Er wünschte enge Verbindungen zum Brüderbund und war maßgeblich daran beteiligt, daß die ge­plante Karmelmission Wirklichkeit wurde. Anlässlich einer Palästinareise, zu der gläubige Christen Martin Blaich ermuntert hatten, sandte dieser an alle Mitglieder des Reichsbrüderbundes von Haifa aus einen Aufruf, indem er zur Gründung einer Missionsstation auf dem Karmel aufforderte, um dort einen wichtigen Missionsposten zu schaffen. „In der heißen Sommerszeit ist es für viele Per­sonen dieses Landes und auch in Ägypten nicht nur ein Bedürfnis, sondern sogar eine Notwendig­keit, eine Luftveränderung vorzunehmen und die Bergluft aufzusuchen." „Es würde einem großen Bedürfnis entsprochen, wenn hier mitten im Lande eine Zufluchtsstätte für leidende und geschwächte Personen geschaffen werden könnte. Keine Gegend wäre so geeignet dazu wie der Karmel." „Das Wichtigste aber, was ich dabei ins Auge fasse, wäre die Mission unter den Orientalen." „Wir dürften bloß dafür sorgen, daß die geeigneten Leute hinkämen und das Haus zugleich eine geist­liche Zufluchtsstätte würde wie Heinrichsbad und Bad Boll. Wäre es nicht an der Zeit, daß wieder etwas jenem Altar Entsprechendes auf dem Berge Karmel gebaut würde wie zur Zeit Elias und den Morgenländern gezeigt würde, welches der rechte Gott sei?" ‑ Das sind so einige Sätze, die wir aus dem Aufruf wiedergeben. Wieviel Schwierigkei­ten jedoch überwunden werden mußten, bis das gesteckte Ziel erreicht war, darüber wird im fol­genden Kapitel noch einiges mitgeteilt.

Zu dem besonderen Dienstauftrag, den Gott sei­nem Mitarbeiter gab, gehörte es auch, daß Johan­nes Seitz über zwanzig Jahre in den christlichen Erholungsheimen Preußisch-Bahnau in Ostpreußen, Lim­bach in Sachsen und Teichwolframsdorf bei Wer­dau in Sachsen einen unschätzbaren Dienst tun durfte. Vater Seitz hat während dieser Tätigkeit, ganz besonders in Teichwolframsdorf, Ungezählten an Leib, Seele und Geist durch die ihm darge­reichten Kräfte aus der oberen Welt helfen dür­fen. Darüber werden die folgenden Abschnitte noch manches zu sagen haben.

Der Herr führte seinem Knecht, obwohl er be­reits das 50. Lebensjahr vollendet hatte, auf ein­zigartige Weise auch noch, eine Lebensgefährtin zu. Ihm wurde bei den in den Heimen zu lösen­den Aufgaben in seiner Frau eine wertvolle Ergänzung geschenkt. Er selbst sagt darüber fol­gendes:

„Meine Frau hat in ihrer Art geradesoviel in unseren Erholungsheimen geleistet wie ich in der meinigen. Sie war sowohl auf dem wirtschaftlichen als auch auf dem geistlichen Gebiet mir eine wirk­liche Gehilfin. Ich muß das Zeugnis aussprechen, daß vieles in unseren Erholungsheimen nicht zu­stande gekommen wäre, wenn ich sie nicht an meiner Seite gehabt hätte."

Das Glaubensgebet und seine Auswirkungen

Johannes Seitz hat in reiferen Jahren einmal ein sehr wertvolles Wort gesprochen. Es lautet: „Wir sind dazu da, Gott zu verherrlichen durch Glauben und Vertrauen, und man ehrt Gott um so mehr, je Größeres man ihm zutraut. Aber es gibt auch nichts, wofür er uns wiederum so ehrt wie für unseren Glauben." Solch ein Zeugnis ist natürlich aus mancherlei Glaubensanfechtungen und Glaubenserfahrungen herausgeboren und zeigt die weitere innere Entwicklung auf, die der Knecht Got­tes durchschreiten mußte. Darüber äußert er selbst: „Welche Fülle von Gebetserhörungen und Wun­der über Wunder, die mich oft so gewaltig aufge­rüttelt und aufs mächtigste auf mich eingewirkt haben! Und was hatte Gott trotzdem für Kämpfe und für Mühe mit mir, bis er alles Widerstreben und auch die Charakterlosigkeit des eigenen Her­zens gebrochen und besiegt und ganz von mir Besitz genommen hatte! Auch muß ich heute rück­blickend sehen, wie schwerfällig ich gewesen bin, bis es Gott gelang, den Glauben und den Glau­bensgeist in mir zu wecken, in dem ich doch auf­gewachsen war, und den ich doch beständig einat­men durfte. Ich war schon Evangelist auf meiner ersten Station, als das erste Mal bei Krankheiten dieser Glaubensgeist auch bei mir durchbrach, in dem ich aufgewachsen war." –

Was zielbewusstes, anhaltendes Glaubensgebet auszurichten vermag, das wußte Johannes Seitz schon, ehe er selbst der große Beter wurde, zu dem Gott sich in so außerordentlicher Weise be­kennen konnte. Der junge, werdende Mensch hatte ja einen überzeugenden Anschauungsunterricht, was Gebets‑ und Glaubenssiege anbelangt, in der Möttlinger Bewegung, im Blick auf Männedorf, aber auch in seinem Elternhaus gehabt. Nicht zu­letzt durfte er damals selbst schon mancherlei denk­würdige Gebetserhörungen erfahren. Das alles brachte ihn zwangsläufig dahin, je länger desto mehr seinem Herrn das Größte zuzutrauen, wenn es um die Belange seines Reiches oder die Nöte derer ging, die durchgreifende Hilfe suchten. Ohne ernstes, anhaltendes Gebet können wir uns Johan­nes Seitz nun gar nicht mehr denken. Er betete ohne Unterlass.

G. F. Nagel sagt in seinem Gedenkwort zum Heimgang von Vater Seitz ‑ so nannte man ihn in späteren Jahren ‑, daß dieser bei einer Unterredung gelegentlich geäußert habe: „Die frucht­barsten Zeiten in meinem Leben waren die, in denen ich beharrlich betete. Gott tat große Dinge, wenn wir im Gebetskampf verharrten. Es sagte ein Mitarbeiter von jener Zeit: ’Wenn das so weitergeht, dann kann bald keine Satansmacht und auch keine Krankheit dem mehr widerstehen.’" Seitz hätte dann aber hinzugefügt: „Aber das ist in meinem Leben nicht immer so gewesen. Beson­ders im Alter war das nicht immer so." Übrigens sei hier vermerkt, daß es von der großen Demut dieses Mannes zeugt, daß er selbst lange Zeit im­mer wieder mit ganzer Entschiedenheit die An­rede „Vater Seitz" ablehnte. Er wollte nur der „Bruder Seitz" sein, aber weil er ein wirklicher Vater in Christo war gemäß dem Pauluswort: „Ihr habt viele Zuchtmeister, aber wenig Väter in Christo", so wurde er eben doch der Vater Seitz. Über das Gebet und seine Auswirkungen sei nach­stehend noch mancherlei mitgeteilt, das uns zum Ansporn und zur Glaubensstärkung dienen kann.

Als der junge Prediger Seitz in geistlich toter Gegend sein Arbeitsfeld hatte, nahm er es nicht als eine gegebene Tatsache hin, daß die ihn um­gebenden Menschen ohne Lebensverbindung mit Christus waren. Das läßt ihn nicht zur Ruhe kom­men. Er glaubt an eine Erweckung. Deshalb hören wir ihn sagen: „Die Wortverkündigung muß in der Kraft des Geistes geschehen, wenn in solch versunkenen Gegenden die Macht des Todes ge­brochen werden und das Reich Gottes durchbre­chen soll. Ich war gezwungen, ein anhaltendes Ge­betsleben zu führen und in ein Heiligungsleben einzudringen . . .  Gott ermutigte mich in die­sem Gebetsleben und in dem Trachten nach Hei­ligung und nach mehr Kräften von oben durch schöne, oft herrliche Gebetssiege und Er­weckungen, daß sich allmählich in diesen Gegen­den neues Leben ausbreitete und sich ein schönes, geordnetes Gemeinschaftsleben bildete." Wie kann doch eine solche innere Haltung in unserer schlaf­fen, glaubenslosen Zeit vielen Verkündigern des Evangeliums Vorbild sein! Es bedarf keiner Frage, daß es ganz anders in vielen Gemeinden und Gemeinschaften aussehen könnte, wenn mehr Gebets‑ und Glaubensgeist gefunden würde bei denen, die Verantwortung haben. Wir sollten darunter leiden, wenn in unseren Tagen so wenig Durch­greifendes an Taten Gottes geschieht.

Als Seitz nach Stuttgart auf ein neues Arbeits­feld versetzt war, machte es ihm wieder außer­ordentlich zu schaffen, daß er, der schon mancher­lei Frucht hatte ernten dürfen, längere Zeit in seiner Missionsarbeit keinen Erfolg sah. Finstere Mächte wollten ihn zu Boden drücken und lahm ­legen. Aber er sagte sich: „Eins hast du noch nicht getan, daß dieser Zustand eine Änderung erfährt, anhaltend gebetet hast du noch nicht. Das kannst du noch leisten, du kannst anhaltend beten!"

Und nun lassen wir ihn weiter berichten: „Ich fing nun an, wirklich anhaltend zu beten. Wie lange ich in diesem anhaltenden Gebet ringend stehen mußte, weiß ich nicht mehr genau. Es mögen zwei bis drei Jahre gewesen sein. Aber ich rang so mit Gott, daß ich sagte: ,Wenn du an den Polen des Weltalls wärest, so will ich so in das Weltall hineinschreien, daß du dich erbarmen und mir helfen mußt. Und wenn dir mein Beten und Schreien nicht entleidet, dann entleidet's mir auch nicht. Und wenn du mich noch länger nicht hören wolltest, so werde ich noch lange nicht aufhören, bis du mich hörst. Öfter ging ich in die Berge oberhalb Stuttgarts hinauf, so in den Bopserwald, wo ich halbe Tage lang mit Gott rang. Als ich auch einmal wieder in einem der Wälder bei Stuttgart dalag im Gebet und Ringen mit Gott, da kam so etwas Gewaltiges über mich, von dem ich fühlte, jetzt hat Gott mein Geschrei erhört. Es war gerade, als wenn der Arm Gottes ausgestreckt wäre und hätte alle diese Finsternis­mächte zerschellt. Ich fühlte mich auf einmal ganz befreit. Aber noch mehr: Ich hatte etwas bekommen, um das ich weniger gebetet hatte. Ich fühlte mich mit einer solchen Kraft von oben erfüllt, daß es mir immer gewisser wurde, es war eine neue Kraftausrüstung mit dem Geiste Gottes. Es war mir so gewiß, daß ich jetzt wieder erfolgreich sein werde in meiner Mission, so daß ich am anderen Tag zu einem vertrauten Freund triumphierend sagte: ,Jetzt kann ich wieder Lücken brechen in Satans Reich, ich habe Pulver gekriegt vom Him­mel.` Und es war keine Täuschung, ich hatte jetzt wieder eine solche Kraft, für den Herrn zu wirken. Damals habe ich auch erfahren, wie leicht es ist, die Menschen zu erschüttern und zu bekehren, wenn eine göttliche Kraft da ist. So konnte ich z.B. in dieser Kraft in einer der reichsten Gegenden Würt­tembergs (durch Gottes Gnade) eine große Erweckung zustandebringen, so daß wir unsere Konfe­renzen im Sommer immer im Freien halten muß­ten. Kein Raum war groß genug. Auch an Kran­ken geschahen herrliche Wunder. Verschiedene wurden sogar, wenn sie schon im Rachen des To­des lagen, durch das Gebet herausgerissen."

Wir wollen die Ausdrucksformen in diesem Be­kenntnis nicht als überspannt ansehen. Daß Seitz kein Schwärmer war, sondern nur ganz real in biblischer Weise mit den Kräften der oberen Welt rechnete und sie in Anspruch nahm, wird ja ohne weiteres deutlich aus dem vorletzten Kapitel dieses Lebensbildes. Aber stellen wir noch einmal fest, daß das wirklich zutrifft auf Leben und Wirken dieses einzigartigen Mannes, was einer seiner Freunde an seinem Sarge bekannte: „Johannes Seitz sehnte sich danach, daß der Herr in seiner Gemeinde in viel größerer und ausgedehnterer Weise Geisteskräfte offenbaren und wirksam wer­den lassen möchte." Weil das so war, deshalb be­kannte sich der lebendige Christus in seiner Gnade dazu und schenkte es seinem Zeugen, daß die Bot­schaft, die er verkündigte, beglaubigt und bekräf­tigt wurde durch mitfolgende Zeichen und Wunder. „Es gab an vielen Plätzen, wo wir Eingang fanden, sichtbare Gebetserhörungen und Gebets­siege, mitunter an Wunder grenzende Heilungen und Befreiungen bei Besessenen und Kranken aller Art. Durch diese Erfahrungen und besonders durch die klaren, unzweideutigen Aussprüche der Heili­gen Schrift wurden wir mit vielen anderen Got­teskindern immer mehr davon überzeugt, daß solche Verheißungsworte wie: ,Wer an mich glaubt, der wird dieselben Werke tun, die ich tue, und wird noch größere tun, denn ich getan habe` für alle Zeiten und auch für unsere Zeit noch in voller Kraft stehen, und daß unser Heiland den Befehl, den er seinen Jüngern gab: ,Machet die Kranken gesund und treibet die Teufel aus . . . .` niemals zurückgenommen hat und wir uns deshalb mit der ganzen Gemeinde Gottes darüber zu beugen haben, daß dieser Befehl jahrhundertelang durch die Sünden, Untreue und Kraftlosigkeit seiner Ge­meinde vernachlässigt wurde oder nicht mehr ver­wirklicht werden konnte." So berichtet und bezeugt Johannes Seitz im Blick auf jene Zeit, da er als Bote des Evangeliums durch die Lande zog.

Als er später im Auftrag des Evangelischen Reichsbrüderbundes in Ostpreußen in großem Segen arbeiten durfte und sich daraus die Not­wendigkeit ergab, daß weitere Mitarbeiter für das Feld, das weiß zur Ernte war, gefunden würden, war es diesmal das besondere Gebetsanliegen von Bruder Seitz, daß der Herr mehr Arbeiter in seine Ernte senden möchte. Auf dies Gebet hin schenkte Gott auch weitere Brüder, die zum Dienst bereit waren. Seitz sagte von jener Zeit: „Wir hatten deren aber immer noch zu wenig für die vielen Arbeitsfelder, und immer wieder suchten andere Gesellschaften sich in unsere Arbeit hineinzudrän­gen, wodurch viel Spaltung und Zerrissenheit angerichtet wurde. Das trieb mich einmal dazu, daß ich fast die ganze Nacht mit Gott rang, er solle uns doch auch einmal eine namhafte Summe Gel­des geben, daß wir noch mehr Evangelisten an­stellen könnten. Am Tage darauf kamen zwei Eheleute und sagten mir, es sei ihnen klargewor­den, sie sollten uns jedes Jahr 10 000 Mark geben, damit wir Evangelisten anstellen könnten. Da habe ich geweint vor Freude und Dank über diese schnelle Gebetserhörung, die mich doch noch über­raschte, obwohl ich sehr ernstlich mit Gott gerungen hatte. Dadurch konnten wir seitdem nicht weniger als 14 Evangelisten anstellen, die mei­stens im Johanneum in Barmen ausgebildet waren."

G. F. Nagel, der bekannte christliche Schrift­steller, äußerte sich nach dem Heimgang des Va­ters Seitz wie folgt: „Wenn wir die Bedeutung, die Johannes Seitz für die Gemeinde Gottes in der Gegenwart hatte, klar in ein Wort zusammenfas­sen wollen, so müssen wir sagen: er war ein Mann des Glaubens und des Gebets. Sobald wir beides im Schriftsinn fassen, gehört es ja unzertrennlich zusammen. Und beides fand sich auch bei Seitz lehrhaft und praktisch klar geeint: Er war ein Mann des Glaubensgebets. Was es ist um das Glaubens­gebet, das hat Seitz der Gemeinde wieder klar und fruchtbar gezeigt. Das ist es, was er als Vermächt­nis hinterlassen hat. Aus der Kraft sieghaften Glaubensgebets quollen seine Erfolge."

Mir persönlich ist der große Beter Seitz schon vor einer Reihe von Jahren ein leuchtendes Vor­bild gewesen, das sich an die Glaubenszeugen von Hebr.11 anreiht, als ich die Berichte über die Ent­stehung der Karmelmission las und von den damit verbundenen Gebetskämpfen und wunderbaren Gebetserhörungen vernahm. Auf das ernstliche, anhaltende Rufen seines Knechtes und aller derer, die sich mit ihm verbunden hatten, konnte ein herrlicher Sieg gegen den jahrelangen Wider­stand des katholischen Karmelklosters errungen werden, das das Werk der Karmelmission, von dem so viel Segen ausgehen sollte, hindern wollte. Der allmächtige Gott brauchte bei diesem Eingrei­fen sogar den damaligen Reichskanzler Fürst Bis­marck und den Papst in Rom als seine Werk­zeuge. Seitz selbst bekennt: „Wir durften wieder einmal sehen, was Gott auf das Gebet von ein paar armen Schluckern tut, wenn sie ein radikales Selbstgericht eingehen und alles bis aufs gründ­lichste hinwegräumen, was irgendein noch so fei­ner Bann sein könnte. Er hat auf unsere Gebete hin drei große Mächte in Bewegung gesetzt, um uns den Sieg zu verleihen: die deutsche, die tür­kische und die Papstmacht selbst."

Einer Andacht: „Was uns not tut" über Luk. 11, 1‑3, die Vater Seitz in hohem Alter in Teich­wolframsdorf gehalten hat, und die damals nach­geschrieben und mir jetzt zur Verfügung gestellt worden ist, wollen wir noch einige Ausführungen entnehmen: „Wie der Herr selbst allezeit betete und seine Jünger ermahnte, allezeit zu beten und nicht laß zu Werden, und diese der Ermahnung so­wohl als dem Vorbild ihres Meisters folgten, so gleicht auch Pfarrer Blumhardts und Jungfer Tru­dels Geistesleben dem des Herrn und seiner Jün­ger. Fräulein von Seckendorff erzählt, daß sie nach Männedorf kam, um zu den Füßen der Jung­fer Trudel zu lernen. Da sagte diese ihr schon nach wenigen Tagen: ,Fräulein von Seckendorff, ich muß Ihnen doch auch sagen, warum aus Ihnen nichts geworden ist: Sie führen noch ein Schlaraf­fenleben.’ Auf die Frage, worin ihr Schlaraffen­leben bestehe, bekam sie zur Antwort, ihr Gei­stesleben sei noch ein Schlaraffenleben, sie bete nicht allezeit, der Herr Jesus und die Apostel hät­ten allezeit gebetet, und sie hätten auch ermahnt, allezeit zu beten. Fräulein von Seckendorff äußerte, da habe sie gesehen, woher die große Geistesmacht der Trudel komme, die aus jedem ihrer Worte sprach.  ‑  Aber Blumhardt und Trudel hatten auch ihr Innenleben bis in die Gedanken‑ und Phantasiewelt von allem befreien und reinigen lassen, was das Gebet schwächt und unerhörlich macht. Aber noch mehr als das: Beide, Blumhardt und Trudel, haben auch ihre Häuser und alles, was sie herbeiziehen konnten, zu Gebetsgemein­den umgewandelt und in denselben Gebetsgeist mit hineingezogen. Wie die Trudel ihr ganzes Haus in eine Gebetsgemeinde umgewandelt hat, so hat Pfarrer Blumhardt seine beiden Kirchgemeinden zu einer großen Gebetsgemeinde umge­wandelt, die wie ein Herz und eine Seele mit Blumhardt im Geist des Gebets verbunden war, deren Sinn und Gewissen durch eine bis auf den Grund gehende Bußbewegung vereinigt gewesen ist. Es waren in den beiden Kirchgemeinden Mött­lingen und Haugstedt nur noch acht Erwachsene, die ihren Sinn und ihr Gewissen durch Bekennt­nis ihrer Sünde nicht gereinigt hatten. Wenn solche, die alle groben und feinen Bande wegge­räumt hatten, vereint um eine Sache, um eine Be­freiung eines Besessenen oder unheilbar Kranken beteten, da mußte es biegen oder brechen, da hat sich Jesus als der Siegesheld offenbart, der alle seine Feinde besiegt. Ich schließe mit der Frage: Gibt es einen anderen Weg auch für unsere Ge­meinschaftsbewegung, wenn sie wieder zu einer neuen Siegeskraft erwachen soll, als daß sie wieder dieselben Wege geht, welche ihr Gott durch Leute wie Blumhardt, Trudel und Stockmayer gewiesen hat? Es wäre aber grundverkehrt, wenn jemand denken sollte, er müsse darauf warten, bis andere oder gar die ganze Gemeinschaft voran­gehe. Blumhardt und Trudel haben auch nicht auf andere gewartet." Soweit Seitz, der es jedenfalls tiefinnerlich erfaßt hatte, daß in der Urchristen­heit das ernste Glaubensgebet eine zentrale Stel­lung einnahm. Er durfte in diesem Stück in seinem Leben und Wirken den Aposteln ähnlich werden. O daß wir wieder ernstlicher und anhaltender beten lernten! Und daß wir mehr Glauben hätten! Wir würden die Wunder Gottes auf mancherlei Weise erleben. Der Gott unserer Väter ist noch derselbe.

 

Es geschieht etwas

In den vorigen Kapiteln ist schon mancherlei von Heilungswendern an Kranken und Besessenen erwähnt worden, auch daß Vater Seitz in dieser Hinsicht von Gott als besonderes Werkzeug ge­braucht werden konnte. ‑ Es ist ja in der gläu­bigen Gemeinde immer wieder die Frage aufge­worfen worden, ob wir in unserer Zeit eine Er­neuerung der apostolischen Wunderkräfte erwar­ten dürfen, oder ob die Wunderzeichen, die in der Apostelgeschichte erwähnt werden, nur Beglau­bigungszeichen für die Apostel gewesen sind. Zu­gegeben wird weithin, daß der Herr auch heute noch auf das Gebet des Glaubens hin unseren Kranken Heilung schenkt, soweit es sein Wille ist, und auch dem wird in weiten christlichen Kreisen nicht widersprochen, daß Gott zu verschiedenen Zeiten einzelne Persönlichkeiten gegeben hat, die gewisse Heilungskräfte zu eigen hatten; doch seien diese Kräfte den Aposteln gegenüber begrenzt gewesen. Es gab und gibt aber auch Stimmen, die die Erneuerung der apostolischen Wunder­kräfte verneinen. So sagt Pastor E., der ein Amt innerhalb der deutschen Gemeinschaftsbewegung hatte, in einer Schrift, die vor etwa drei Jahr­zehnten erschien unter dem Titel: „Haben wir eine Erneuerung der apostolischen Wunderkräfte zu erwarten?": „Die eigentlichen großen Wunderzei­chen sind das besondere Vorrecht der Apostel ge­wesen. Darum ist für jeden nachdenkenden Chri­sten der Schluß nachweisbar, daß die Markus 16 angeführte Verheißung nicht so zu verstehen ist, als ob der Herr dieselbe allen Gläubigen aller Zeiten zugesagt habe, sondern sie gilt in der Hauptsache nur den auserwählten Aposteln, zu­nächst den elf Aposteln, die damals um den Herrn versammelt waren und den Auftrag erhielten: ,Gehet hin in alle Welt und predigt das Evange­lium aller Kreatur!` und hernach auch dem großen Heidenapostel Paulus . . . ." Diese Ausführungen sind, wie in der genannten Abhandlung wieder­holt zum Ausdruck kommt, seinerzeit allerdings gegen die unnüchterne, schwarmgeistige Pfingstbe­wegung gerichtet, die in gläubigen Kreisen immer noch viel Not bereitete. Aber selbst wenn das be­dacht werden muß, konnte ich schon damals, als diese Schrift erschien, ihr in manchen Formulierun­gen nicht zustimmen. Natürlich bleibt bestehen, daß wir die Geistesgaben nicht in apostolischer Fülle haben. Und da kann und darf auch nichts erzwungen werden. So tritt z.B. die apostolische Gabe des Gesundmachens fast ganz zurück, aber Gott antwortet seinen Kindern tatsächlich in vielen Fällen, wenn unter Glaubensgebet einem Kranken die Hände aufgelegt werden. Es ge­schieht da mancherlei in der Verborgenheit, und es könnte noch viel mehr geschehen, wenn man sich dem Herrn mehr zur Verfügung stellte und sich von ihm zubereiten ließe, indem man auf seine Verheißungen und Bedingungen einginge. Was diese Handauflegung unter Glaubensgebet angeht, so gilt die Zusage des Herrn tatsächlich allen, die da glauben. Es werden ungeahnte Segnungen für Leib, Seele und Geist dadurch ausgelöst. Darüber hinaus schenkt der Herr immer wieder einzelnen auch die besondere Gabe des Glaubens und stellt solche Werkzeuge für besondere Dienste heraus.

Elias Schrenk sagte übrigens zu dieser Frage der Gabe des Gesundmachens und der Handauflegung unter Glaubensgebet auf der Gnadauer Konferenz 1910 in seinem Vortrag „Das Bedürfnis der Ge­meinde Gottes nach einer größeren Ausrüstung mit Geisteskraft und die Bedingung für eine schriftgemäße Befriedigung derselben", daß er die Heilung durch den Glauben sehr vermisse, und daß unterschieden werden müsse zwischen der apostolischen Gabe der Heilung, die wir nicht mehr hätten, und der Krankenheilung durch das Glaubensgebet unter Handauflegung. Es heisst dort: „Bei der Unmündigkeit der Gemeinde heute ist es gut, daß wir an diese zweite Form der Kran­kenheilung gebunden sind, denn bei dieser bleibt man abhängig vom Herrn." „Der Grund des zutage tretenden Mangels liegt in uns. Darum haben wir Buße zu tun."

Auch er läßt also Mark. 16 und Jak. 5 für die ganze Gemeinde gelten. In meinem Büchlein: „Elias Schrenk – Der Bahnbrecher der Evangelisa­tion in Deutschland“ ist schon mancherlei über Handauflegung unter Glau­bensgebet gesagt; doch scheint es mir äußerst wichtig, weil Johannes Seitz die Praxis der Handauf­legung sehr viel geübt hat, hier noch einem Bei­trag von Elias Schrenk Raum zu geben. Am 12. Juni 1908 fand ein Gemeinschaftstag des Gnadauer Verbandes statt, auf dem Evangelist Zimmermann, Korntal, Elias Schrenk bat, etwas über Handauflegung zu sagen. Elias Schrenk machte daraufhin folgende Ausfüh­rungen: „Ich rede nicht gern darüber, durchaus nicht gern. Das ist meine Privatsache. Gott hat mich so geführt, daß ich ohne menschliche Hilfe durch seinen Geist zur Heilsgewißheit kam, zur Versiegelung meines Gnadenstandes. Dann, in völliger Arbeitsunfähigkeit, als ein gebrochener Mann, habe ich durch Handauflegung geistleib­liche Kraftmitteilung bekommen, buchstäblich geist­leibliche Mitteilung nach dem Wort des Herrn: Kraft aus der Höhe. Man muß unter Kraft aus der Höhe nicht verstehen, daß wir nur kräftig predigen können, o nein, es ist viel mehr. Ich habe damals nur dreimal Handauflegung gehabt, und dann war ich ganz und vollständig ein anderer Mensch. Und dann habe auch ich Kranken die Hände aufgelegt. Aber mein Beruf ist die Predigt und nicht die Krankenheilung. Die Zeit kam, wo ich einsah, ich dürfe nicht so viel Zeit auf Handauflegung verwenden, und als ich dann in Deutschland Evange­list wurde, trat Handauflegung von selbst zurück. Nur in Württemberg habe ich noch viel Handauf­legung. Das Handauflegen ist kein Kinderspiel. Wir können durch Handauflegung krank werden, wir können unter den Einfluß eines fremden Gei­stes kommen. Ich warne vor leichtfertigem Hand­auflegen. Wir lesen im Evangelium: ’Es ging Kraft von ihm aus.’ Wir geben Kraft aus, wir geben auch physische Kraft aus." Auf eine weitere Frage teilte Schrenk noch mit, daß die Handauflegung bald mit, bald ohne Öl geschehe. Das Öl werde außer Jak. 5, 14 auch Mark. 6, 13 genannt, sei also wich­tig. Es sei stets Sinnbild des Geistes, so liege darin ein Wink, daß vor allem um geistlichen Segen ge­beten werden müsse.

Vater Seitz hatte auf Grund seiner besonderen Führung während seiner ausgesprochenen Evange­listentätigkeit schon manchen Kranken dienen dür­fen; aber als er dann in Pr.Bahnau in Ostpreußen und später in Limbach in Sachsen, besonders aber in Teichwolframsdorf Hausvater in christlichen Erholungsheimen war, wurde er zwangsläufig in den besonderen Dienst an Kranken, Leidenden, Angefochtenen und Besessenen hineingedrängt. Man­ches hat der Herr an diesen Elenden durch Gebet und Seelenpflege des Vaters Seitz tun können. Er äußert einmal: „So sehr es mir widerstrebt, selbst davon zu erzählen, was Gott alles an den verschiedensten Arten von Gemütskranken und geistig und leiblich Kranken getan hat, so darf ich das doch wiederum auch nicht ganz verschweigen; denn der Herr hat in Tausenden solcher Fälle so Großes getan, daß der Name des Herrn Jesu da­durch verherrlicht wurde und man sehen durfte, wie sich das Wort bewahrheitete: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!"

Vater Seitz legte allerdings Wert darauf, wenn Kranke ihn um Hilfe angingen, daß diese, wenn er ihnen mit Gebet und Handauflegung dienen solle, ihre sündige Vergangenheit mit Gott in Ord­nung brachten. In einem seiner „Seelsorgerlichen Briefe" lesen wir: „Ich wußte, daß über alles, über das man sich nicht beugt, nicht gründlich Buße tut, der Teufel ein Recht und eine Macht an uns behält; ebenso wußte ich, daß der Teufel alle Rechte und alle Macht an diejenigen verliert, die sich über alles beugen, wo sie jemand etwas zuleide getan haben, sich auch im Staube beugen, wo sie Schrift­widriges getan. Im Tal der Demut liegt des Hei­ligen Geistes Gabe.“

In einem anderen Brief: „Gott würde unser Gebet, er würde auch das Ge­bet seiner Tante (es handelt sich um den kranken Neffen dieser Tante) nicht hören, er würde unser aller Gebet nicht hören, wenn er nicht ganz los wird von dieser Sünde. Gott heilt nie Kranke, daß sie weiter sündigen können, sondern ich habe bei Unzähligen die Erfahrung gemacht, daß Gott sie nicht geheilt hat, weil sie sich nicht von ihrer Sünde lossagten und reinigen ließen. Aber bei wie vielen ist es gegangen wie bei jenem adligen Fräulein, das hier war, ein sehr edles Fräulein aus dem hohen bayerischen Adel! Ihr Ohr war taub geworden, das andere fing an, taub zu werden. Da beichtete sie mir, daß sie nicht glauben könne, daß sie geheilt werde, weil sie noch einen Bann auf sich liegen hätte. Als sie aber jenen Bann von sich getan hatte ‑ es war eine Lieblingssünde, mit der sie nicht gebrochen hatte und sich einbildete, sie könne nicht brechen mit ihr ‑ , als sie jetzt ganz brach mit ihr, da wurde sie ganz geheilt auf dem einen Ohr, und das andere Ohr wurde auch bes­ser." Wieder in einem anderen seelsorgerlichen Brief heißt es: „Ich weiß von Kranken, die keine gesunde Stunde mehr hatten und sind doch ganz geheilt worden., aber nur unter der Bedingung blieben sie geheilt, daß sie beständig waten, in der Gegenwart Gottes zu bleiben."

Eingeweihte wissen, daß es Vater Seitz auch von Gott gegeben war, sich insonderheit der Besesse­nen anzunehmen. Er hat in dieser Beziehung ganz besonders ein Rüstzeug in des Herrn Hand sein dürfen. Hier sei einiges Grundsätzliche über Beses­senheit und ihre Heilung gesagt, während wir im vorletzten Kapitel dieser Broschüre noch etliche Bei­spiele bringen werden. In dem Buch „Die Zungen­bewegung in Deutschland" von Stiftsprediger Paul Fleisch (Wallmann, 1914), das sehr aufschlußreich ist im Blick auf die Auseinandersetzung der deut­schen Gemeinschaftsbewegung mit der Pfingst­bewegung nach deren Auftreten in den Jahren 1907‑1909, wird gesagt: „Entsprechender Aber­glaube (!) zeigte sich aber in weitesten Kreisen (der Gemeinschaftsbewegung, die die Pfingst­bewegung ablehnte), vor allem auch unter den Reichsbrüdern. Das Tollste leistete darin der Be­richt über eine ’Entlarvung’, an der auch Seitz und Ströter beteiligt waren." Auf diesen Bericht wer­den wir später noch zu sprechen kommen. Hier sei nur gesagt, daß es keineswegs Aberglaube ist, wenn man nicht nur im Blick auf Jesu Erdenwandel nach den Berichten der Evangelien von Beses­senen und deren Heilung spricht, sondern das heute noch ebenso bezeugt. Sehr aufschlußreich war mir übrigens in dieser Beziehung das, was Dr. med. Lechler in seinem Büchlein „Der Dämon im Menschen" über die Dämonen sagt, die auch heute noch von einem Menschen Besitz ergreifen, aber auch, was er als Nervenarzt aus Kenntnis der Dinge heraus von der Befreiung Besessener zu berichten weiß. Lechler bestätigt hier die Auffassung von Blumhardt, Johannes Seitz, Elias Schrenk und an­deren, wenn er schreibt: „Wenn der Teufel ein Anrecht an den Menschen erlangt hat, kann dieser so sehr unter seinen Einfluß kommen, daß Satan das große Heer der ihm hörigen Dämonen benützt, damit sie von dem Menschen Besitz ergreifen und ihn auf diese Weise ganz für Satan gewinnen. Die Dämonen sind teils frühere Engel, die mitsamt ihrem Herrn, dem Satan, von Gott abgefallen sind, teils Geister unselig verstorbener Menschen, die in ihrer Friedelosigkeit danach trachten, einen Men­schenleib als Wohnung zu bekommen, um sich über die Tatsache ihrer Verlorenheit hinwegtäuschen zu können und Ruhe zu finden, wie auch, um den Men­schen zur Sünde zu verführen… Ist denn auch noch in heutiger Zeit das Vorhandensein der Besessen­heit anzunehmen? Daß es zu Jesu Zeiten Besessene gab, darüber besteht für den Bibelgläubigen kein Zweifel. Nicht nur in den Evangelien, sondern auch in der Apostelgeschichte haben wir zuverlässige Berichte über Besessene. Warum sollte die Besessenheit, die zu Jesu Zeiten so überaus verbreitet war, in der Gegenwart nicht mehr vorkommen? Jesus vertrat jedenfalls die Auffassung, daß auch nach seinem Erdenwandel die Besessenheit eine Tatsache sein werde. Darauf deutet sein Wort hin, das er kurz vor seiner Himmelfahrt sprach: ,Die Zeichen, die denen zuteil werden, die da glauben, sind die: In meinem Namen werde sie Teufel austreiben.` Es wäre aber durchaus verkehrt, woll­ten wir die Besessenheit als einen veralteten, bib­lischen Begriff oder als eine theologische Erfindung ansehen. Die Besessenheit ist vielmehr eine furcht­bare Wirklichkeit (Luk. 22, 3)." – Soweit Dr. Lechler.

 

In dem Kapitel „Die Befreiung" hören wir dann auch etwas darüber, wie Besessene auch heute noch von ihrer Gebundenheit frei werden können.

Und nun wenden wir uns wieder Vater Seitz zu. In seinen seelsorgerlichen Briefen und in seinem Buch „Erinnerungen und Erfahrungen" weiß er uns aus seinem langjährigen Dienst an Besessenen mancherlei mitzuteilen. Einiges sei hier wiederge­geben. Allerdings warnt er in seiner nüchternen Art auch davor, nicht alles, was den Anschein hat, gleich für Besessenheit zu halten: „Besessenheit im biblischen Sinn darf man nur da konstatieren, wo eine fremde Persönlichkeit oder mehrere Persön­lichkeiten in einem Menschen Besitz genommen haben, entweder Satans Engel oder zum Teufel gewordene Menschen. Es gibt viele Kinder Gottes, die gleich von Besessenheit reden, obwohl keine Besessenheit im biblischen Sinne vorliegt, aber deshalb können die Leute in einem so schrecklichen Zustande sein, als wenn sie besessen wären. Oft ist alles zerrüttet und verwüstet durch ein ungöttliches Leben, so daß die Menschen, ohne gerade vorm Teufel gebunden zu sein, doch unter der Macht des Teufels stehen. Sie haben ein Leben ganz außer Gott gelebt; da hat der Feind alle Gebiete ihres Lebens in Beschlaggenommen und so in der Ge­walt, daß es fast schlimmer ist, als wenn sie förm­lich besessen wären."

Nach dieser Feststellung in seinen seelsorger­lichen Briefen wollen wir nun aus der Fülle von Beispielen einige bringen, über die Heilung von wirklich Besessenen, denen Seitz hat helfen kön­nen.

„Weil es an apostolischen Kräften fehlt, gibt es in unserer Zeit nur ein Mittel, durch das auch viele wieder aus den ärgsten Satansbanden frei werden: das ist das anhaltende Gebet. Manche hatten sich so tief in die Gewalt Satans hineinbegeben, daß wir oft einen Aufruhr und die Wut der Hölle er­regten . . .   Bisweilen mußten wir auch beobach­ten, was der Herr seinen Jüngern sagte, als sie einen Dämon nicht austreiben konnten: ,Diese Art fährt nicht aus denn durch Beten und Fasten.’ Aber ebenso nötig ist es, was wir auch erfahren mußten, daß beide, die beten und die, für die man betet, von allem Bann, auch vom feinen und allerfein­sten, gelöst werden . . .   Auf unser Gebet hin wurde uns dann manches Strafbare, das uns bis­her unbewußt geblieben war, aufgedeckt und mußte erst hinweggeräumt werden. Wenn das geschehen war, wurden oft die mächtigsten Satansketten gesprengt."

Seitz erzählt von einem jungen Mann, der ihn seinerzeit in Ostpreußen aufsuchte und ihm viele schauerliche Greuel bekannte. Eines Nachts seien satanische Mächte in ihn gefahren. Aber dann habe er noch mehr gesündigt, um Gott und dem Teufel Trotz zu bieten. Aber seine Qual habe sich von Tag zu Tag vergrößert. Zweimal habe er mit einem geladenen Gewehr vor einem Tümpel gestanden, um sich da hineinzuschießen. In diesem furchtbaren Zustand kam er zu Seitz. Lassen wir Vater Seitz wörtlich berichten:

„Sowohl meine Frau und ich haben uns vergeblich um ihn bemüht. Der junge Mann blieb in seiner Verzweiflungsnacht. Da sagte ich zu meiner Frau: ,Wenn der von uns fort muß, ohne daß ihm geholfen wird, dann nimmt er sich sicher das Leben. Denn er ist wirk­lich vom Feind übel geplagt, und seine Qualen sind groß. Wir müssen wieder darangehen, hier anhaltend zu beten.' Wir beteten anhaltend, stun­denlang bei Tag und meine Frau und ihre Freun­din bis tief in die Nacht hinein. Wie wir das eine Zeitlang getan hatten, da gab's ihm eines Abends von innen heraus so furchtbare Bruststöße, daß er so zu schreien anfing, daß die ganze Nachbarschaft zusammenlief und sich vor das Haus stellte, und ich fürchtete, man schicke uns die Polizei auf den Hals. Da schleuderte es ihn im Zimmer umher, daß die Stühle umfielen. Das veranlaßte uns, daß wir an dem Abend das Beten einstellten; denn  jedesmal, wenn wir mit Beten aufhörten, hörte auch sein Geschrei auf . . .   Als wir später wie­der mit Beten anfingen und kaum eine Weile gebetet hatten, mußten wir wieder dasselbe Geschrei und Gepolter wie am Abend vorher hören. Aber jetzt dachte ich: Komme ich um, so komme ich um. Wir hörten nicht auf zu beten, selbst auf die Ge­fahr hin, daß die Polizei käme. So beteten wir bis Mitternacht fort. Auf einmal hörte das Geschrei ganz auf, aber dafür fing eine Art sehr lauten Redens an. Da schlich ich mich an seine Tür hin­auf, um zu horchen. Ich hörte, daß es Geschrei zu Gott aus tiefster Seele war. Er schrie: ,Ach lieber Gott, ich habe es doch zu schrecklich getrieben, wie es kein Rindvieh treibt! Aber du hast dich jetzt doch über mich erbarmt, du hast mich doch jetzt von den Teufeln freigemacht.` ‑ So war es ein abwechselndes Schreien und Danken zu Gott, daß er ihn freigemacht habe. Da ging ich in sein Zim­mer hinein und bat ihn, er solle doch, wenn er bete, aus Rücksicht auf die Nachbarn nicht so laut schreien, und das tat er dann auch und betete noch längere Zeit fort. Am nächsten Morgen kam er freudestrahlend und sagte, daß er jetzt frei sei. Ein junger Mann, der bei ihm in seinem Zimmer war, erzählte uns, daß, bevor er frei geworden sei, Dämonen aus ihm herausgeredet hätten, die sag­ten: ,Wir müssen gehen, dies ewige Beten kann keiner aushalten!` Das zeigt uns etwas davon, daß anhaltendes Gebet wirklich eine Macht ist."

Viele Freunde von Vater Seitz standen unter dem Ein­druck, und einer von ihnen hat es an seinem Sarge dann bezeugt: „Er war einer von denen, der bis in die Hölle hineingebetet hat, so daß Men­schen, die besessen waren, ihr entrissen wurden."

Hören wir Seitz noch einmal in seinen seelsor­gerlichen Briefen: „Ich habe verschiedene Besessene in meinem Heim gehabt, die durch die Pfingst­bewegung besessen waren. Da sagte ein Teufel aus einem Beses­senen heraus: ,Wenn ich noch lange im Feuer sein werde, so werde ich mich noch über meine Ge­schicklichkeit freuen, mit der ich mich in Gott, in Christus, in den Heiligen Geist verlarven konnte. Ich konnte alles nachmachen, was der Heilige Geist tut: Ich konnte weissagen, ich konnte in Zungen reden, ich konnte beten wie der Heilige Geist.’ ‑ Vor fünf oder sechs Jahren kam eine hochgebildete Dame aus Berlin hierher und suchte Rettung. Sie war von Dämonen gepackt. Die Dämonengeister hatten sie ganz gefangengenommen, und jetzt war sie in einer ganz verzweifelten Lage. Gläubige Christen hatten ihr den Rat gegeben, sie solle zu Samuel Zeller nach Männedorf gehen. Sie ging hin, und es hatte heiße Gebetskämpfe gekostet, bis sie frei wurde. Aber es stellte sich heraus, daß sie noch nicht ganz frei war. Deshalb war sie jetzt nach Teichwolframsdorf gekommen. Nun wurde sie ganz frei. Sie sagte dann zu mir: ,Wie bin ich so dankbar, daß ich wieder allein bin; jetzt habe ich keine Geister und Dämonen mehr um mich.` "

Wir wollen dieses denkwürdige Kapitel mit einem feinen Bekenntnis von Vater Seitz schließen, das wir in seinen „Seelsorgerlichen Briefen" lesen. Wir drucken den ganzen Brief am besten ab:

„Sehr geehrte Frau Sch.! Der Inhalt Ihres Brie­fes hat mich nach einer Seite außerordentlich erschreckt für Sie. Sie schreiben fünf-, sechsmal: Sie können helfen, Sie haben geholfen, immer steht es da: Sie können helfen, als wenn das die Gottheit wäre, die helfen könnte. So etwas duldet Gott nicht: Wenn ich das glauben würde, das: ,Sie können helfen`, so würde ich mich versündigen. Ich habe in meinem Leben noch keinem Menschen geholfen. Nur die Zauberer und Quacksalber, Streicher und Blaser sagen, daß sie helfen könnten. Niemals wird ein Knecht Gottes das von sich sagen, daß er hel­fen könne. Ich wenigstens habe in meinem ganzen Leben noch niemals einem Menschen geholfen. Wo geholfen wurde, hat das nur Gott getan, nicht ich. Sie dürfen aber nicht Worte gebrauchen, die der reinste Götzendienst sind. Sonst kann Gott sich nie über Sie erbarmen, er kann Ihnen dann nicht hel­fen. Weil denn kein Mensch uns helfen kann, rufe man Gott um Hilfe an! Sie meinen es vielleicht nicht so, aber ein Greuel ist es dennoch, wenn Sie so auf Menschen sehen. Wir haben oft auch erfahren müssen, daß wir solchen, die auf uns gesehen haben und nicht von Gott in erster Linie Hilfe erwarteten, nicht haben helfen können. Gott will seine Ehre keinem andern lassen und seinen Ruhm den Göt­zen. Ohne daß Sie es wissen, nehmen Sie Gott die Ehre und geben sie den Menschen. Es ist durchaus nicht so, daß Gott allen helfen könnte, die hier waren. Wir haben auch darunter zu leiden, wenn Gott etwas tut auf unser Gebet und auf unsere Seelenpflege hin, besonders wenn er etwas Großes tut, daß ein ganz übertriebenes Geschrei entstand.

Man nimmt an, hier sei alles voll Wundertäter, und wir könnten allen so helfen. Ich weiß auch bei keinem im voraus, ob ihm geholfen wird oder nicht, weil ich nicht weiß, ob er auf die Wahrheit ein­geht. Aber das kann ich sagen, daß solche, die schriftgemäße Buße tun und mit ihrem Bann ans Licht gehen, mit allen Sünden brechen und sich Gott ganz hingeben mit Seele, Leib und Geist, wie es Römer 12,1-2 heißt, daß da der Herr schon vie­len geholfen hat. Man kann auch nicht sagen, daß von denen, die wahre Buße getan haben, die sich dem Herrn ganz hingegeben haben, alle geheilt wurden. Aber das kann man sagen, daß sie alle einen Nutzen hatten. Waren es solche, denen der Herr die Krankheit nicht nahm, so hat Gott ihnen so viel Kraft in ihrer Krankheit gegeben, daß sie mehr leisten konnten als ein Herkules. Blieben sie auf dem Bett, so ist es vorgekommen, daß solch ein geistliches Leben von ihrem Krankenbett ausging, daß ganze Gemeinschaften dadurch entstanden."

Diesen grundsätzlichen Ausführungen sei noch hinzugefügt, was Otto Stockmayer, der aufs engste mit Johannes Seitz verbunden war, und auf den Vater Seitz sich immer wieder beruft, sagt: „Im Jahre 1867 ging ich als Schwerleidender nach Män­nedorf. Dorothea Trudel lebte nicht mehr. Aber ihr Schüler und Nachfolger Zeller wurde ein Werkzeug in der Hand Gottes zum Dienst an mir. Nach einiger Zeit, als ich wieder krank wurde, und das schlimmer noch als vorher, ging ich abermals nach Männedorf, erfuhr aber diesmal keine Besserung, so wenig wie in Cannstatt bei Fräulein von Seckendorff. Da führte mich der Herr in Gnaden zu einem Mann Gottes (vielleicht war es Vater Seitz, Der Verf.), ‑der Prophetendienste an mir tat, indem er den Finger auf die Stelle meines inneren Lebens legte, wo ich der Hilfe bedurfte und mir den Punkt zeigte, wo ich von der geraden Linie abgewichen war, indem ich eigenwillig meinen Posten aufgege­ben hatte. Ich beugte mich unter das Wort und ge­horchte, nachdem mir der Bruder die Hand auf­gelegt hatte. Der Schmerz in meinem Kopf hatte noch nicht im geringsten nachgelassen, aber er schickte mich, wie ich war, auf meinen Posten in die Schweiz, damit ich Gott dort weiter diene. Ich handelte nach dem mir gewordenen Licht, indem ich in eine innigere Vertrauensstellung zu Gott trat, als ich sie bis dahin gekannt hatte. Und von da an durfte ich die Kraft Gottes auch dem Leibe nach erfahren. Nachdem ich mich eine Zeitlang darin geübt hatte, mich nicht irremachen oder schrecken zu lassen, wenn der Schmerz wiederkam, schwand er endlich ganz – eine Erfahrung, die mich tiefer denn je vor Gott in den Staub beugte. Danach gingen mir die Augen für die Schriftstelle Matth. 8,16-17 auf. Diese öffnet uns den Blick für ein weit höheres Heilungswerk, als wir es durch den treusten Dienst eines Mitbruders oder einer Mitschwester erleben können. Nie helfen uns un­sere Brüder und Schwestern wirksamer, als wenn sie in der Liebe Jesu, ehe sie von leiblicher Hei­lung mit uns reden, den Finger auf den schwachen Punkt, den wunden oder kranken Fleck legen, der ihnen in unserm Dienst für den Herrn oder in unserem geistlichen Lebest entgegentritt. Herrschte in bezug auf geistliches Leben und geistliche Dinge mehr Erkenntnis, und folgte man dem Lamme treuer nach, so wäre die Frage der körperlichen Heilung bald geregelt. Wir leiden alle unter dem gegenwärtigen niedrigen Niveau geistlichen Le­bens."

Bei der Beschäftigung mit dem Leben und Wir­ken von Vater Seitz wird ohne weiteres deutlich, daß, obwohl sehr viele durch sein Glaubensgebet Heilung ihrer körperlichen Gebrechen und Befrei­ung von bösen Geistern finden durften, ihm das nie die Hauptsache war. Es ging ihm in erster Linie darum, daß Menschen zum kindlichen, leben­digen Glauben an ihren Herrn und Erlöser und dadurch zur Vergebung ihrer Sünden kamen. Chri­stus sollte in einem Menschen Gestalt gewinnen. Es ging ihm wirklich um Jesus, nicht zuerst um die geistlichen Gaben. Mit diesen war er allerdings, wie wir schon sahen, auch beschenkt. Pfarrer Eich­ler bezeugt am Sarge von Vater Seitz: „Ich bekenne offen und dankbar, daß ich das Kostbarste, was ich von der biblischen Heiligung besitze, dem teu­ren Heimgegangenen verdanke. Auf dem ihm von Gott anvertrauten Gebiet war er ein Großer im Reich Gottes. Gott hatte seinem Knecht zwei Gnadengaben gegeben, die er nach dem Maße seines Glaubens ausübte. Es war die Gnadengabe des Glaubens, einer besonderen Glaubenskraft, son­derlich für die Kranken und Hartgebundenen. Die zweite Gnadengabe war die der praktischen Weis­heitsrede für die Rechtfertigung und Heiligung."

Daß es Johannes Seitz ernst nahm mit einem Heiligungsleben der Kinder Gottes, besonders auch in seinem persönlichen Leben, haben wir schon wiederholt festgestellt. Das Wort des Apostel Pau­lus: „Jaget nach der Heiligung, ohne welche nie­mand den Herrn sehen wird!" war für ihn richtung­gebend. Und es war ihm deshalb in seiner Wort­verkündigung und Seelsorge ein großes Anliegen, das Heiligungsleben der Gotteskinder zu fördern. In dieser Beziehung sollte er uns heute richtung­gebend sein. Wir haben uns wirklich ganz ernstlich zu fragen, woran es liegen mag, daß soviel Welt­förmigkeit und Weltseligkeit in den Reihen derer zu finden ist, die Kinder Gottes sind, weil sie auf dem Gnadenboden der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben an Christus und seine vollbrachte Heilandstat stehen. Die Mahnung des Apostels: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist! So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters" (1. Joh. 2,15) scheint für sie aber außer Kurs gesetzt. Gedankenwelt und Herzen werden sehr stark in Anspruch genommen durch das, was zweifelhafte Illustrierte Zeitungen und Kinostücke an Augenlust, Fleischeslust und hoffärtigem Leben zu bieten haben. Es gehört mit zu den Vernebelungskünsten Satans und seiner Helfershelfer, weite Kreise der Jüngerschaft Jesu auf diese Weise unter seine Herrschaft zu bekom­men. Der Fürst der Finsternis hat es gar nicht nötig, immer umherzugehen „wie ein brüllender Löwe, um zu suchen, wen er verschlingen könnte". Er kommt auch auf andere Weise zum Ziel. Die Auswirkungen bleiben natürlich nicht aus und offen­baren sich in unerlöstem Wesen derer, die als des Herrn Eigentum in Wort und Werk und Wesen ihren Herrn verherrlichen sollten. Es war von jeher das Anliegen des Pietismus bzw. der Gemeinschaftsbewegung, die an Christus Gläubigen zu einem ernsten Heiligungsstreben aufzurufen. Schon Spe­ner, der Vater des Pietismus, sagt: „Niedergeris­sen werden müssen die beiden bösen Sätze, so zwo starke Stützen des satanischen Reiches sind: Erstens, daß einem Christen, weil er doch nur allein durch den Glauben gerechtfertigt werde, nicht nötig sei, daß er mit solcher Sorgfalt in den Wegen des Herrn wandle und sein Leben mit äußerstem Fleiß den Regeln und dem Exempel des Heilandes nach­richte; zweitens, daß auch den Gläubigen in diesem Leben nicht möglich sei, aus göttlicher Gnade ein solch Leben zu führen, daß er die Sünde nicht mehr sollte bei sich herrschen lassen." Und ebenso bib­lisch‑reformatorisch ist Speners anderes Wort von der Heiligung: „Das ganze Neue Testament ziele dahin, daß wir müßten in Christo eine neue Krea­tur sein, und daß all unser Christentum ohne den wirklichen Gehorsam ein Scheinwerk sei und Gott ein Greuel werde, ja daß unsere von Christus er­worbene Freiheit nicht bestehe in einer Freiheit zu sündigen, sondern frei von Sünden zu sein; so­dann, daß unser liebreicher Heiland so gütig gegen uns sei, daß er zur Leistung des neuen Gehorsams, welchen er erfordert, seinen Heiligen Geist zu geben willig sei, wo wir nur seine Bewegungen bei uns wollen lassen kräftig sein."

Auch Johannes Seitz ist nicht müde geworden, in allen möglichen Formen den Finger auf das Heiligungsleben der Kinder Gottes zu legen, weil er klar erkannt hatte, was in unserer Zeit General­superintendent Braun einmal sehr fein und tref­fend formuliert hat: „Weh uns, wenn wir durch unsere Sünde dem Worte Gottes wehren, sich einen leuchtenden und zündenden Brennpunkt in unserer eigenen Seele zu schaffen! Was wir an unserer Seele versäumen, schadet den Tausenden, die durch uns lebendig gemacht werden sollen." Dies Wort gilt in erster Linie jenen, die eine verantwortliche Stellung im Reich Gottes haben; aber darüber hin­aus auch allen, die Glieder am Leibe Jesu sind. Wenn vor fleischlicher Sicherheit gewarnt und ein Heiligungsleben gefordert wird, so läßt die Ver­kündigung der Väter des Pietismus und der Ge­meinschaftsbewegung ‑ das wird uns an Vater Seitz wieder deutlich ‑ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß jeder Perfektionismus  (Vollkommenheit = Sündlosigkeit) abgelehnt wird. Auch hat solch ein Leben der Heiligung durchaus nichts mit „Werkerei" zu tun, derart, als genüge der Gnaden­boden der Rechtfertigung, auf dem man steht, nicht. Dagegen wird ernst betont, daß es unmöglich ist, hinsichtlich mangelnden Heiligungslebens, sich mit seinem „Armsündertum" zu trösten. Andererseits wird aber im Blick auf das eigene Leben von Seitz nachgewiesen, daß man in der eigenen Armut und Demut zu bleiben hat. „Es ist doch unser Tun um­sonst, auch in dem besten Leben." Auch von gesetzlichem Heiligungsstreben und -leben weiß die Wortdarbietung von Vater Seitz nichts.

Die Grundlage seiner Verkündigung war die Rechtfertigungslehre, aus der sich der Aufruf zu einem Heiligungslcben der Gläubigen ergab. Er wußte den gottfernen, jesuslosen Menschen sowohl wie der Namenchristenheit das durch Christus voll­brachte Werk der Versöhnung und Erlösung tat­sächlich groß und herrlich vor die Seele zu malen. Das hat er noch getan in den beiden letzten An­dachten, die der 83-jährige etwa drei Wochen vor seinem Heimgang in Teichwolframsdorf gehalten hat. Als Text seiner vorletzten Andacht hatte er 2. Kor. 5,18‑19 gewählt. Wir können es uns nicht versagen, diese Andacht, die wir in den von sei­nem Sohn aufgezeichneten „Letzten Erinnerungen an Johannes Seitz"  finden, hier wiederzugeben:

„Wir haben neulich in einem Pfarrhaus ein regelmäßig wiederkehrendes Bibelkränzchen ge­habt, da wurde auch obiges Wort berührt. Was ich aus dein Text schöpfte, war mir so groß und schön, daß ich dachte, ich will einiges davon heute weiter­geben. Jedes Wort zeigt uns die Gnade und das tiefe Erbarmen Gottes. ‑ Es wird hin und wie­der darauf hingewiesen, die Tiefe des Wortes Gottes könne niemand ergründen. Ich sagte noch vor kurzem: Unsere Vernunft, unser Verstand ist nicht imstande, im Worte Gottes alles zu verste­hen. Auch der schärfste Verstand kann unmöglich die ganze Bibel fassen. Aber eines kön­nen wir: Wir können alles glauben. Ich kann jedes Wort, auch wenn ich es gar nicht verstehe, glauben. Damit aber, daß ich es mir zur Aufgabe mache, Wort für Wort zu glauben, damit nehme ich die ganze Herrlichkeit, die ganze Kraft, alle die Tiefe, die in so einem Wort liegt, in mich auf, eine Kraft, die ich mit meiner armseligen Vernunft nicht auf­nehmen könnte. ‑ Paulus sagt: ,Wir nehmen ge­fangen unter den Glauben alle Vernunft.` Daran leidet nicht nur die Welt, daß sie die Vernunft nicht gefangennehmen lassen will, daran leiden auch viele Kinder Gottes. Sie lassen fort und fort ihre armselige Vernunft sprechen anstatt den Glau­ben. Was schöpft der Glaube schon aus dem einen Wort: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber! Wenn man das Wort Gottes glaubt und nur noch im Glauben lebt, dann sieht man Gott in diesem Wort unendlich groß. Ich wenig­stens muß vor einem solchen Wort tagelang stehen und ausrufen: O Gott, wie gut bist du! Deine Güte ist nicht zu ermessen. Wie groß bist du! Kein Mensch kann deine Größe erreichen, kein noch so feuriger Verstand dieses Wort erfassen: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selber. Die Welt ist versöhnt! Und wer hat sie versöhnt mit Gott? Gott war in Christo und versöhnte die Welt. Die Vernunft ist es immer, die von einem solchen Wort herunterschneidet, was sie kann. Ist etwa der zehnte Teil der Welt versöhnt mit Gott oder der zwan­zigste oder der hundertste Teil? Gott versöhnte die Welt mit sich selbst. Welch ein Umfang! Dabei ist eingeschlossen: auch ich gehöre dazu. Wenn Gott die Welt mit sich selber versöhnt hat, bin auch ich mit ihm versöhnt. ‑ Und doch können wir die schon geschehene Erlösung zunichte machen und unter das Gericht, unter den Zorn Gottes kom­men, gerade als ob Gott niemals seinen Sohn in die Welt gesandt hätte, sie mit ihm zu versöhnen.

Wie das geschehen kann, sehen wir an einem Bei­spiel des Alten Testaments. Da hatte Gott das ganze Volk Israel aus der Knechtschaft Pharaos befreit. Er hatte das majestätische, gewaltige Wort gesprochen: ,Keine Klaue soll dahintenbleiben.` Nichts, gar nichts, nicht eine einzige Klaue sollte in der Hand Pharaos zurückbleiben. Aber dann heißt es im Wort Gottes: ,Ihr wißt, daß der Herr, da er dem Volk aus Ägypten half, das andere Mal umbrachte, die da nicht glaubten` (Judas 5). Der Unglaube des größten Teiles des Volkes hat schon damals die vollbrachte Erlösung zunichte und wert­los gemacht. ‑ So geht es heute noch. Keinen ein­zigen Menschen gibt es in der Welt, der nicht er­löst ist. Man darf jedem Sünder der ganzen Welt sagen: Sünder, du bist erlöst; Welt, du bist ver­söhnt! Und doch, wie viele kommen um, weil sie nicht glauben! ‑ Gott hat auch mit mir eine Weile gebraucht, bis ich in die Tiefe dieser allumfassen­den Erlösung recht hineinsah. Aber dann erhielt ich einen Rippenstoß um den andern: Das, was du jetzt siehst, mußt du auch anderen sagen. So einen Rippenstoß, durch den mir Gott klarmachte: Ihr Prediger verkündigt noch viel zu wenig, das Wort von der Versöhnung, will ich jetzt schildern:

Eine mir gut bekannte Frau, von der ich wußte, daß sie schon viel durchgekämpft und auch durch­gebetet hatte, kam geradewegs von einer Leichenfeier. Als ich ihr strahlendes Gesicht sah, sagte ich: Du siehst nicht aus; als ob du von einer Leiche, sondern als ob du von einer Hochzeit kämest. Sie antwortete: Heute hat man die zweite Rahab be­graben; sie ist infolge ihres liederlichen Lebens einige Jahre siech im Bett gelegen und jetzt gestor­ben. Ich habe sie in ihrer Krankheit meinem Ge­lübde getreu besucht, sie war jedoch anfangs so stocksteinteufelhart, daß reinweg nichts, was ich ihr sagte, half. Von einem solchen vergeblichen Besuch bei ihr ging ich mit meiner Bibel auf mein Zimmer und sagte: Lieber Gott, ist dein Wort nicht wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt (Jer. 23, 29)? Du hast mir dieses Wort noch nicht gegeben; wenn es aber ein solches Wort in der Bibel gibt, so habe ich es jetzt nötig. Dann tat sie etwas, was ich nicht wagen würde, anderen zu raten, wozu sich aber Gott in diesem Fall bekannte. Sie gelobte Gott, ihre Bibel aufzuschlagen und das Wort der Kran­ken zu bringen, worauf ihr Finger fallen würde. Sie traf auf das Wort: ,Fürchte dich nicht, ich halbe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen geru­fen; du bist mein! Weil du so wert geachtet bist vor meinen Augen, mußt du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb.`

Die Frau erschrak über dieses Wort, es war ihr eigentlich zu gut für eine so liederliche Person. Im Gehorsam gegen Gottes Wort ging sie aber zu der Kranken, um ihr gerade dies Wort zu bringen. Maria, sagte sie, heute hat mir Gott aber etwas Schönes für dich gegeben. Höre, was er dir extra durch mich sagen läßt: ,Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Weil du so wert bist ge­achtet vor meinen Augen, mußt du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb' (Jer. 43, 1).

Da zog die Kranke die Decke über sich und weinte lange. Dann streckte sie den Kopf hervor und fragte: Ja, ist das wahr, ist das möglich? Kann Gott mich noch liebhaben? Ich habe es ihm ja zu schlecht gemacht!

Aber sie glaubte es, und alle Tage mußte man ihr dies Wort mehr als zehnmal lesen. Dieser Glaube machte sie neu. Das Wort erfüllte sich: Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? Gott hat gehandelt nach ihrem Glauben.

An so einem Beispiel hat mir Gott manches ge­zeigt. Es war einer von den Rippenstößen, die mir sagten: Du mußt das Wort von der Versöhnung, die für alle geschehen ist, auch allen sagen. So erfüllte sich auch an dieser liederlichen Person das Wort: ,Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selber.` Wenn die Welt das glaubt, darf sie dasselbe erfahren, und wenn du das glaubst, daß Gott dich erlöst hat und dich mit ihm versöhnt hat, wird dein Gejammer aufhören.

Paulus geht gleich weiter und sagt 2. Kor. 5,19:   ’. . .und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.’ Gott hat der Welt ihre Sünden nicht zugerechnet. Kann ich dass verstehen? Es geht über meine Ver­nunft und über meinen Verstand. ‑ Gott hat der Welt ihre Sünden nicht zugerechnet, und doch kann niemand einwerfen: Das ist aber eine ungerechte Liebe, die ohne weiteres der Welt vergibt. Nein, es ist keine ungerechte Liebe. Es ist eine gerechte Liebe; denn die Sünde ist gerichtet worden, nur hat sie Gott nicht an uns gerichtet, er hat sie an seinem Sohn gerichtet. Er wurde so gerichtet, wie wenn er jede Sünde aller Sünden begangen hätte, so daß die Sünde der ganzen Welt gerichtet ist. Keine einzige Sünde gibt es, die nicht gerichtet wurde. An dem großen Heiland wurde das Welt­gericht vollzogen, das Gericht, das alle verdient haben. Er wurde so gerichtet, daß nichts Böses mehr in mir und an mir ist, das nicht gerichtet wurde.

Alles, was nur schlecht und böse in mir ist, auch dass Allerkleinste an Gedanken und Sünden, das hat Gott alles auf Jesus gelegt. Das ist ausgespro­chen in dem Wort Jes.53: Der Herr warf unser aller Sünden auf ihn. Es wäre schon eine große Gnade, wenn Gott mir erlaubt hätte, meine Sünde auf Jesus zu werfen. Aber die Gnade war noch viel größer, da Gott selber es getan hat. Ich hätte die Hälfte vergessen und du auch, wenn wir unsere Sünde selber auf Jesus gelegt hätten. Doch wir dürfen versichert sein, Gott hat keine einzige ver­gessen. Deine kleinsten Gedankensünden, alles, was nur Böses, Arges, Schlechtes in dir ist, nichts ist vergessen worden. Wir dürfen dem Worte Got­tes trauen, so wie es da steht, und das alles felsen­fest glauben. Luther sagt: In dem Vers 2. Kor. 5, 21: ,Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt’ sei das allerherrlichste Evangelium ausgesprochen. Gott hat seinen Sohn gerade so behandelt, wie wenn er alle Sünden aller Menschen begangen hätte, und uns will er so behandeln, wie wenn wir das Leben dessen gelebt hätten, von dem er immer wieder gesagt hat: ,Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.’ Was hat der Vater an seinem Sohn für Wohlgefallen gehabt! So will uns Gott nimmer ansehen in dem, was wir durch Adam und seine Schuld geworden sind. Das hat der Heiland alles mit in sein Grab genommen. Gott will uns so betrachten, als wenn wir dieses Leben seines Soh­nes gelebt hätten, das ihm so gefallen hat. Prälat Oetinger sagt daher, Gott habe an der gottlosen, liederlichen, miserablen Welt jetzt schon eine grö­ßere Freude als an allen seinen Engeln und Erz­engeln. Er sehe die Welt nicht mehr so an, wie sie durch Adam geworden ist, sondern in dem, was Jesus für sie vollbracht hat und was sie durch Jesus noch werden wird. Aber, fährt Oetinger fort, wir müssen uns auch mehr in dem ansehen, was Jesus für uns vollbracht hat und was Gott um deswillen aus uns machen wird. ‑ Wenn es einmal bei einem Menschen zu diesem Glauben kommt, da hört dann auch das Sündenleben auf. Da heißt es: Welt, dir dien' ich nimmer; Sünde, dir dien' ich nimmer; ich bin erlöst; ich bin erlöst!"

 

Im Kampf gegen die Pfingstbewegung

Um den unerbittlichen Kampf, den Vater Seitz gegen die Pfingstbewegung geführt hat, in der rechten Weise verstehen und würdigen zu können, müssen wir versuchen, das Wesen dieser irrgeisti­gen Strömung zu erkennen. Sie brach in den Jahren 1906/07, von Los Angeles über Norwegen nach Deutschland kommend, in die christlichen Kreise herein. Es brauchte fast zwei Jahre, bis die leiten­den Persönlichkeiten der Evangelischen Allianz und der deutschen Gemeinschaftsbewegung den schwarmgeistigen Charakter der Pfingstbewegung klar erkannten und sich radikal von ihr trennten. Johannes Seitz war im Gegensatz zu andern Brü­dern, die längere Zeit eine abwar­tende Stellung einnahmen, mit etlichen anderen von Anfang an ein Hauptrufer im Streit. Er gehörte mit zu denen, die zum 15. September 1909 eine Konferenz mit der Zielsetzung nach Berlin einberiefen, diese irrgeistige Strömung bloßzule­gen und aus der Allianz und Gemeinschaftsbewe­gung auszuscheiden. Sechzig Brüder aus den ver­schiedensten kirchlichen Gemeinschaften und Ge­genden Deutschlands waren dann 19 Stunden zu ernsten Beratungen zusammen. Das Ergebnis war die sogenannte Berliner Erklärung gegen die Pfingstbewegung, die von 56 Brüdern unterschrie­ben wurde.

Es seien an dieser Stelle aus dem Einladungsschreiben einige Ausschnitte wiederge­geben, die für die Beurteilung der seinerzeitigen Lage sehr wertvoll sind, aber auch heute noch ihre Gültigkeit haben:

„Die Gemeinde Gottes steht in Gefahr, durch die sogenannte Pfingstbewegung in zwei Lager gespalten zu werden, die Gegner und die Freunde der Bewegung, zwischen denen eine dritte Gruppe der Abwartenden steht. Das nötigt uns, eine klare Stellungnahme zu ihr zu finden." – „Viele Glieder des Volkes Gottes empfinden es tief, daß sie gegenüber den immer stärker und zahlreicher auf den Plan tretenden Mächten der Finsternis mit ganz anderer Gotteskraft angetan werden müssen. Sie fühlen ihr Zurückbleiben hin­ter dem biblischen Christentum und sehnen sich, daß der Herr seine ganze Macht und Herrlichkeit in seiner Gemeinde, die ihm vertraut und gehorcht, möge offenbaren können. In diesem Bedürfnis nach einer tieferen Geistesausrüstung sind viele Kinder Gottes eins, sie mögen der neuesten Bewegung zustimmend oder alblehnend gegenüberstehen. Dies Bedürfnis ist vom Herrn gewirkt . . .  Wir haben aber, ernste Bedenken, ob es der Herr sei, welcher in den Gaben und Kräften der sogenann­ten Pfingstbewegung anfängt, dies Bedürfnis zu befriedigen. Die Zungenbewegung von 1907 ist zu uns auf dem Wege über Christiania ‑ Ham­burg aus Los Angeles gekommen. Los Angeles ist aber in einem Artikel, den das eigene Organ der Bewegung gebracht hat . . ., als ein Stelldichein spiritistischer Geister und als ein Ort bezeichnet worden, welcher der Bewegung verhängnisvoll ge­worden ist. Diesem Ursprung entsprach auch der traurige Charakter, den die Bewegung bei uns trug. Zwischen der neuesten Pfingstbewegung und jener Zungenbewegung besteht aber, vermittelt durch die führenden Persönlichkeiten (Barrat, Pastor Paul), ein klar nachweisbarer und direkter Zusammen­hang . . .  An diesem Urteil können uns nicht die äußeren und inneren Zeichen, Heilungen, Zungen, Bekehrungen, irremachen, von denen die neueste Bewegung begleitet ist. Denn erstens sind schon oft solche Zeichen, auch bleibender, echter Art, mit Bewegungen verbunden gewesen, die sich nachher unzweifelhaft als un­göttlich herausgestellt haben."

„Was die der Bewegung das Gepräge gebende Lehre von der ,Geistestaufe` betrifft, so bekennen wir ausdrücklich, daß es ‑ oft viele Jahre nach der Bekehrung – ein ganz neues Erfülltwerden mit der Kraft des Heiligen Geistes gibt. Wir wis­sen, daß gesegnete Knechte Gottes erst von die­sem Erlebnis aus befähigt waren, in die Erfüllung ihres gottgegebenen Auftrages einzutreten. Wir möchten jeden Gläubigen ermutigen, sich nach einem Erfülltwerden mit der Kraft des Heiligen Geistes auszustrecken (Eph. 5, 18), wenn anders das Herz danach mit voller Aufrichtigkeit und mit ganzer Hingabe an Gott verlangt. Jedoch lehnen wir es auf Grund der Schrift ab, eine Scheidung zu machen zwischen solchen Gläubigen, die nur bekehrt sind, und solchen, welche die sogenannte Geistestaufe erhalten haben. Alle bekehrten, wie­dergeborenen Christen haben den Heiligen Geist empfangen . . .  Auch ist irreführend, von einem ,Empfangen der ganzen Fülle Gottes’ zu reden, da ein einzelner nie die ganze ,Fülle Got­tes’ empfängt, sondern wir durch immer tieferen Glaubensanschluß an Christus tiefer hineingeführt werden sollen in die herrliche Fülle Gottes."

 

Und nun seien weiter aus der Berliner Erklärung noch jene Abschnitte herausgestellt, durch die versucht wird, die Pfingstbewegung ins rechte biblische Lieht zu rücken. Es sei wiederholt betont, wie außerordentlich richtunggebend sie auch in unserer vom Schwarmgeist erfüllten Zeit sind, und wie notwendig es ist, die Grenzen zu sehen, die zu jenen Brüdern und Schwestern bestehen, die in biblisch‑nüchterner Weise sich auf den Boden der Heiligen Schrift stellen und, wie das Johannes Seitz auch getan hat, auf Grund von Jakobus 5 und Markus 16 mit den Kräften der oberen Welt rech­nen, um durch Gottes Gnade Helfer in Leibes­- und Seelennot zu sein.

Die Berliner Erklärung beginnt mit folgenden Sätzen: „Wir sind nach ernster, gemeinsamer Prü­fung eines umfangreichen und zuverlässigen Mate­rials vor dem Herrn zu folgendem Ergebnis ge­kommen:

a) Die Bewegung steht in untrennbarem Zusam­menhang mit der Bewegung von Los Angeles, Christiania, Hamburg, Kassel, Großalmerode. Die Versuche, diesen Zusammenhang zu leugnen, schei­tern an den vorliegenden Tatsachen.

b) Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten. Sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus ge­mein. Es wirken in ihr Dämonen, die, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen. In vielen Fäl­len haben sich die sogenannten ’Geistbegabten’ hinterher als besessen erwiesen.

c) An der Überzeugung, daß diese Bewegung von unten her ist, kann uns die persönliche Treue und Hingebung einzelner, führender Geschwister nicht irremachen . . . .

d) Der Geist in dieser Bewegung bringt geistige und körperliche Machtwirkungen hervor; dennoch ist es ein falscher Geist. Er hat sich als ein solcher entlarvt. Die häßlichen Erscheinungen, wie Hin­stürzen, Gesichtszuckungen, Zittern, Schreien, widerliches lautes Lachen usw., treten auch dies­mal in den Versammlungen auf . . .

Eine derartige Bewegung als von Gott gegeben anzuerkennen, ist uns unmöglich. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß in den Versammlungen die Verkündigung des Wortes Gottes durch die demselben innewohnende Kraft Früchte trägt. Unerfahrene Geschwister lassen sich durch solche Segnungen des Wortes Gottes täuschen. Diese än­dern aber an dem Lügencharakter der ganzen Be­wegung nichts, vgl. 2. Kor. 11, 3.4.14 . . . 

Der Mangel an biblischer Erkenntnis und Grün­dung, an heiligem Ernst und Wachsamkeit, eine oberflächliche Auffassung von Sünde und Gnade, von Bekehrung und Wiedergeburt, eine willkür­liche Auslegung der Bibel, die Lust an neuen, auf­regenden Erscheinungen, die Neigung zu Über­treibungen, vor allem aber auch Selbstüberhebung, das alles hat dieser Bewegung die Wege geeb­net."

Und nun kommt die Erklärung auf Kern­punkte der Lehre der Pfingstbewegung zu spre­chen, um sie zu widerlegen.

„Insonderheit aber ist die unbiblische Lehre vom sogenannten ,reinen Herzen’ für viele Kreise verhängnisvoll und für die sogenannte Pfingstbewegung förderlich geworden. Es handelt sich da­bei um den Irrtum, als sei die innewohnende Sünde in einem begnadigten und geheiligten Christen ausgerottet. Wir halten fest an der Wahrheit, daß der Herr die Seinigen vor jedem Straucheln und Fallen bewahren will und kann (1. Thess. 5, 23; Judas 24, 25; Hebr. 13, 21), und daß dieselben Macht haben, durch den Heiligen Geist über die Sünde zu herrschen. Aber ein ,rei­nes Herz’, das darüber hinaus geht, auch bei gott­geschenkter, dauernder Bewahrung mit Paulus demütig sprechen zu müssen: ,Ich bin mir selbst nichts bewußt, aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt’, empfängt der Mensch überhaupt auf Er­den nicht. Auch der gefördertste Christ hat sich zu beugen vor dem Gott, der allein Richter ist über den wahren Zustand der Herzen (vgl. 1. Kor. 4, 4). ’Wenn wir sagen, daß wir Sünde nicht haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns’ (1. Joh. 1, 8). In Wahrheit empfängt der Gläubige in Christo ein fleckenlos gereinigtes Herz; aber die Irrlehre, daß das Herz in sich einen Zustand der Sündlosigkeit erreichen könne, hat schon viele Kinder Gottes unter den Fluch der Unaufrichtigkeit gegenüber der Sünde gebracht, hat sie getäuscht über Sünden, die noch in ihrer Gedankenwelt, in ihren Versäumnissen oder in ihrem Zurückbleiben hinter den hohen Geboten Gottes in ihrem Leben liegen. Es kann nicht ge­nug ermahnt werden, für die Sünde ein Auge sich zu bewahren, welches nicht getrübt ist durch eine menschlich gemachte Heiligung oder durch eine eingebildete Lehre von der Hinwegnahme der Sündennatur."

Über die unbiblische Lehre von der Geistestaufe brachten wir schon einige Sätze, die sich im Einladungsschreiben finden. In der Berliner Erklärung selbst heißt es weiter in dieser Hinsicht: „Wir glauben, daß es nur ein Pfingsten gegeben hat (Apg.2). Wir glauben an den Heiligen Geist, welcher in der Gemeinde Jesu bleiben wird in Ewigkeit (vgl. Joh. 14, 16). Wir sind darüber klar, daß die Gemeinde Gottes immer wieder erneute Gnadenheimsuchungen des Heiligen Geistes erhal­ten hat und bedarf. Jedem einzelnen gilt die Mah­nung des Apostels: Werdet voll Geistes! (Eph. 5,18). Der Weg dazu ist und bleibt völlige Gemeinschaft mit dem gekreuzigten, auferstandenen und erhöh­ten Herrn. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig, aus der wir nehmen Gnade um Gnade. Wir erwarten nicht ein neues Pfingsten, wir warten auf den wiederkommenden Herrn. Wir bitten alle unsere Geschwister um des Herrn und seiner Sache willen, welche der Satan verderben will: Haltet euch von dieser Bewegung fern! Wer aber von euch unter die Macht dieses Geistes ge­raten ist, der sage sich los und bitte Gott um Ver­gebung und Befreiung! Verzaget nicht in den Kämpfen, durch die dann mancher vielleicht hin­durchgehen wird! Satan wird seine Herrschaft nicht leichten Kaufes aufgeben. Aber seid gewiß: Der Herr trägt hindurch! Er hat schon manchen freigemacht und will euch die wahre Geistesaus­rüstung geben. Unsere Zuversicht in dieser schweren Zeit ist diese: Gottes Volk wird aus diesen Kämpfen gesegnet hervorgehen . . .“

 

Diese Beurteilung der Pfingstbewegung ist kei­neswegs oberflächlich oder leichten Herzens er­folgt. Maßgebliche Brüder, die sie verantworten, haben viele Monate um diese Fragen ernstlich vor Gottes Angesicht gerungen. Das ist uns ja wohl ohne weiteres deutlich geworden.

Vater Seitz hat an dem Platz, an den Gott ihn gestellt hatte, den Kampf gegen diese irrgeistige Bewe­gung mit einer kaum überbietbaren Schärfe ge­führt. Von den grundlegenden Feststellungen her, die in der Berliner Erklärung zum Ausdruck kom­men, gewinnt er seine besondere Beleuchtung, aber auch Rechtfertigung.

Wenn nachstehend von Vater Seitz aus seinen Erfahrungen darüber berichtet wird, daß seiner­zeit als Folge tiefen Verstricktseins in der dama­ligen Pfingstbewegung Geisteskrankheit und Be­sessenheit vorkamen, so darf diese Feststellung natürlich nicht verallgemeinert werden. Immerhin müssen wir solche Vorkommnisse als ernstes War­nungssignal werten. Auf andere Kreise der Pfingst­bewegung traf und trifft dessen ungeachtet jedenfalls zu, daß seelisches Wesen mit geistlichem Wesen verwechselt worden ist. Weil dadurch aber der Boden der Nüchternheit verlassen wurde, sieht man die Dinge nicht mehr wie sie wirklich sind. Daher kommt es, um nur neben anderem an vermeintliche Sündlosigkeit zu erinnern, daß in der sogenannten Berliner Erklärung gerade denen, an deren persönlicher Treue und Hingabe nicht zu zweifeln ist, die ernste Mahnung zugerufen wird, sich doch ja vor Unaufrichtigkeit zu hüten und sich nicht täuschen zu lassen über Sünden, die noch in der Gedankenwelt und mancherlei Ver­säumnissen Gott und Menschen gegenüber tat­sächlich vorhanden sind.

Auf eine Schrift, die Seitz gegen die Pfingstbe­wegung geschrieben hatte, bekam er u. a. einen Brief, dessen Beantwortung auszugsweise wiederge­geben sei: „Die Führer der Pfingstbewegung haben von Anfang an die Tatsache weggeleugnet, daß so viele teils geisteskrank, teils besessen geworden sind. Es ist aber Tatsache, daß viele besessen wurden, die ’Pfingstgaben’ bekommen hatten. Die Führer leugnen das beharrlich hinweg und suchen es so hinzudrehen, als ob die Besessenen erst in Teichwolframsdorf dadurch besessen wurden, daß man mit ihnen betete oder sie zu einem Sünden­bekenntnis gepreßt habe. Damit hätte man sie, wie Sie schreiben, direkt in die Klauen Satans gejagt. Das nötigt mich, zu diesen Verdrehungen, obwohl es etwas weit führt, Stellung zu nehmen. Der Satz: ,Der Nazarener zwingt uns, unsere tiefsten Ge­heimnisse zu offenbaren’ (um diesen Satz geht es der Briefschreiberin) wurde nur von einem Dä­mon in verzweifelter Wut aus einer durch den Pfingstgeist Besessenen ausgestoßen. Als diese Person besessen wurde, hatte sie jede Verbindung mit mir und meinem Hause abgebrochen und rannte im Galopp in die Pfingstbewegung hinein. Sie war Mitleiterin in einem großen Gemein­schaftskreis. Sie sagte: Ach, der alte Seitz geht doch nicht mit dem neuen Geist! Sie ließen Pfarrer Paul immer gleich acht Tage lang Pfingstver­sammlungen in ihrem Gemeinschaftshaus halten. Da bekamen viele das Zungenreden, und die Schwester, die ihn eingeladen hatte, bekam die Gabe zu weissagen. Aber es stellte sich bald her­aus, daß alle die Zungenredenden besessen waren. Sie selbst, die Pastor Paul in ihren Saal einge­laden hatte und die Gabe zu weissagen bekam, war am allerschrecklichsten besessen. Sie war in eine furchtbare Satansmacht geraten in der fal­schen Meinung, sie hätte die Gabe des Weissagens bekommen. Als sie den furchtbaren satanischen Druck fühlte, konnte sie nicht mehr beten und nicht mehr glauben.  Sie empfand überhaupt nichts Göttliches mehr, es war ihr alles unterdrückt und geraubt . . .  Als sie zu mir geschickt wurde, sind ich und die Meinen sehr ernstlich ins Gebet gegangen. Da sprach der Oberste der Dämonen aus ihr: ,Ich hasse Gott, ich lästere Gott, ich trotze Gott, ich stoße Gott vom Thron, ich will auf den Thron, ich will Anbetung, und das ist mir auch geglückt in der Pfingstbewegung, ich wurde ange­betet.’ Der Teufel hatte also das Recht zu sagen, die Pfingstleute hätten ihn angebetet, weil das in der Tat Anbetung des Teufels ist, wenn man sata­nische Mächte, die sich in den Pfingstgeist verlar­ven, als den Pfingstgeist oder den Heiligen Geist aufnimmt. Solche Tatsachen, obwohl es die rein­sten Tatsachen sind, leugnen und streiten die Füh­rer der Pfingstbewegung beständig weg oder suchen sie zu verdrehen."

 Aus einem anderen seelsorgerlichen Brief, den Seitz geschrieben hat, sei noch folgendes mitgeteilt: „Sie wundern sich darüber, daß die Brüder eine solche Verwirrung angerichtet haben. Wie können Sie sich noch darüber wundern? Ist Ihnen denn gar nichts darüber bekannt, daß überall da, wo Bruder S., wo die Pfingstleute hinkommen, sie alles zerstören und die schönsten Gemeinschaften zerreißen? Das ist seit Jahren so. Wo sie hinkom­men, gibt es Verwüstung, und das sollte Ihnen nicht bekannt sein?  . . . .  Wer diese Leute aufnimmt, der nimmt Sprengpulver auf. Es mögen die schönsten Versammlungen sein. Hinterher wird alles auseinandergerissen."

Wir schließen dieses Kapitel ab mit Äußerun­gen, die wir in den „Erinnerungen und Erfah­rungen" von Johannes Seitz finden. Auch dieser Bericht sollte uns noch zu denken geben. Wir lesen auf Seite 188 ff.: „Ich kann es bei dieser Gelegen­heit nicht unterlassen, aus den traurigen Erfahrun­gen etwas mitzuteilen, die ich in meinem Hause machen mußte mit solchen Besessenen, die durch die Pfingstbewegung besessen wurden und als solche dann hierher kamen und Befreiung such­ten. Die Dämonen, die aus diesen Besessenen sprachen, jammerten, daß der Nazarener sie im­mer zwinge, ihre tiefsten Geheimnisse zu verra­ten. Sie bekannten, daß Satan jetzt seine Heere sammle zum Kampf wider den Nazarener. ,Aber wir Pfingstgeister sind die Elite der Hölle; denn wir haben die Aufgabe, die Gemeinde zu zer­stören oder zu zerfleischen.’  . . .  ’Die Hölle hat gezittert, als die Gemeinde so ausgeschaut hat nach den Kräften und Gaben der apostolischen Zeit. Aber das haben wir ihr versalzen. Jetzt trachtet die Gemeinde nicht mehr nach apostolischen Geistes­gaben und ‑kräften. Und sie darf nicht mehr nach diesen Kräften trachten. In dieser Kraft würde sie auf der ganzen Linie siegen.’ Seitz sagt dann da­zu: „Wir brauchen uns keine Standrede vom Teu­fel halten zu lassen, auch dann nicht, wenn der ,Nazarener’ diese Dämonen zwingt, daß sie solche Wahrheiten und Tatsachen verraten müssen. Viel­mehr sollte die Gemeinde Gottes das von selbst einsehen. Denn es ist ja mit Händen zu greifen, welch eine Freude diejenigen der Hölle gemacht haben und noch machen, die sich durch die Irr­lehre der Sündlosigkeit und durch die traurige Pfingstbewegung haben dazu bringen lassen, daß sie nicht mehr nach der Heiligung und nach den Gaben und Kräften der apostolischen Zeit trach­ten. Kann das nicht oder sollte das nicht ein Blin­der sehen, und ist das nicht mit Händen zu grei­fen? ‑ Aber es ist auch eine noch wenig erkannte Tatsache, daß solche, welche sich haben abschrec­ken lassen, nach biblischer Heiligung zu trachten, Überwundene des Satans sind. Denn derjenige, der sich durch die List des Feindes von den Zielen und Wahrheiten und der Heiligung abbringen läßt, die der Heilige Geist wieder auf den Leuch­ter gestellt hat, der ist ebensogut ein Besiegter durch den Teufel, als wenn er durch seine Macht besiegt worden wäre. Denn an ihm hat ja der Feind seinen Zweck erreicht, den er durch diese Irrlehre der Sündlosigkeit erreichen wollte. O, daß alle diese Überlisteten sehen könnten, wie sie sich dadurch zu einem Gespött der Hölle gemacht haben! ‑ Noch drängt es mich, an dieser Stelle auf eine wichtige Warnungstafel hinzuweisen, die Gott mit der Pfingstbewegung in seine Gemeinde hineingestellt hat. Es ist die allerernsteste War­nung, die es nur geben kann: doch ja nicht danach zu trachten, voll Geistes zu werden, wenn man sein Herz nicht erst hat reinigen lassen von Hoch­mut und Herrschsucht. Denn ich muß den Leuten, die die Führer der Pfingstbewegung geworden sind, das Zeugnis geben, daß sie, bevor die Pfingst­bewegung kam, mit allem Ernst ausgeschaut haben nach dem Höchsten, nach der Geistestaufe, nach den Gaben und Kräften des Geistes. Aber sie haben das getan mit einem Herzen voll Hochmut und Herrschsucht, vielleicht ohne es zu merken, und haben deshalb zur Strafe anstatt die Geistestaufe und ihre Gaben nur einen falschen Irr‑, Lügen­ und Schwarmgeist bekommen." – Diese Beschuldi­gung wird von Seitz dann mit Erfahrungen, die er gemacht hat, belegt.

 

Friedevoller Heimgang

Der Heimgang von Vater Seitz war überaus friedevoll. Er hat den Tod nicht geschmeckt. Acht Tage vor seinem Ruf aus dieser Welt wurde ihm ein Aufenthalt in Bad Brambach ermöglicht, da er seines schweren Asthmaleidens wegen dringend einer Luftveränderung bedurfte. Montag, den 8. Juli 1922, trat er die Reise an. Am Morgen des anderen Tages brachte der Pfleger Vater Seitz in den Garten und setzte sich zu ihm, um Briefe zu schreiben. Dieser schlief ein, und als der Pfleger nach einer Weile aufblickte, war der Knecht Got­tes ohne Todesahnen und Todesgrauen sanft hin­übergegangen zu seinem Herrn, den seine Seele liebte und in dessen Dienst er so viele Jahre ge­standen hatte. Der Dreiundachtzigjährige war seiner Gattin, die drei Jahre vorher vom Herrn abgerufen worden war, in die himmlische Heimat gefolgt. Bei der Trauerfeier in Teichwolframsdorf versuchten Pfarrer Kunde, Trünzig; Oberpfarrer Grohmann, Düben; Pfarrer Schmeißer, Seelingstädt und Pfarrer Eichler, Teichwolframsdorf, das Leben und Wirken des nun Vollendeten zu würdigen. Weiter sprachen am Sarge: Herr von Hippel als Vertreter der Karmelmission; Prediger Hummel für den Reichsbrüderbund; Pfarrer Rothhardt vom Diakonissenhaus Zion, Aue; Herr Kaufmann Klee­mann, Chemnitz, und für die Landeskirchlichen Ge­meinschaften und Jugendbünde für E. C. Fabrikant William Schneider, Aue. Weil Pfarrer Leopold Wittekindt und Prediger G. F. Nagel an der Bei­setzung des Heimgerufenen nicht teilnehmen konn­ten, schrieben sie einen Nachruf. Alle Ansprachen und Gedenkworte hat der Sohn in einem Gedenk­heft „Letzte Erinnerungen an Johannes Seitz", in dem er auch Näheres über den Heimgang seines Vaters mitteilt, zusammengefaßt.

Im Sächsischen Gemeinschaftsblatt vom 15. Juli 1922, das vom Brüderrat für landeskirchliche Gemeinschaftspflege in Sachsen herausgegeben wurde, findet sich folgender Nachruf:

„Unser Vater Seitz ist heimgegangen. Diese Nachricht erreichte uns kurz vor Redaktionsschluß unseres Blattes. Obwohl wir seit einigen Wochen damit rechnen mußten, kam uns die Nachricht doch noch sehr überraschend, und obgleich er das Alter von 88 Jahren schon überschritten hatte, kam sie uns doch noch zu früh. Sein Heimgang ist ein Ver­lust nicht nur für die Gläubigen in Sachsen, son­dern für die ganze Gemeinde des Herrn. Ihm waren besondere Gaben vom Herrn verliehen, und diesen besonderen Gaben entsprach auch seine besondere Aufgabe. Er ist nicht nachzuahmen. Viele sind durch sein Glaubensgebet geheilt worden. Doch das war ihm nie die Hauptsache; die Seele wollte er frei und gesund wissen. So sind viele durch ihn zum lebendigen, kindlichen Glauben an ihren Herrn und Erlöser gekommen, und viele Gläubige haben sich in seinem Reim von beson­deren Befleckungen reinigen und von Gebunden­heiten, die zum Bann geworden waren, befreien lassen. Er kannte den Teufel als brüllenden Löwen und auch als Engel des Lichts. Deshalb ging er ihm auch ganz energisch zu Leibe. Und wo manche nur Krankheit des Leibes sahen, da erkannte er mit seinem die Geister prüfenden Blick, daß Satan sich in seinen Dämonen den Leib als Wohnstätte er­koren hatte, und so sind manche bösen Geister gewichen, wenn er sein scharfes Geistesschwert schwang. Aber mit den bloß körperlich Kranken konnte er sehr lieb und väterlich sein. Auch wurde er nicht ungeduldig, wenn durch sein Händeauflegen und das gemeinsame Gebet mit seinen Mit­arbeitern nicht immer sofort die Heilung sich voll­zog. Er war eben nicht der Meinung, daß der Herr jede Krankheit heilen wolle, und auch nicht, daß es Mangel an Glauben oder sonstige Versäumnisse des Kranken sein müssen, wenn der Herr nicht gleich oder überhaupt nicht durch das Wunder der Heilung antwortet.

Zufrieden war er allerdings nicht mit dem inne­ren Zustand der Gemeinde. Er sehnte sich danach, daß der Herr in seiner Gemeinde in viel größerer und ausgedehnterer Weise Geisteskräfte offen­bar und wirksam machen möchte. Es war ihm ganz gewiß, daß der Herr das auch wolle; nur die Ge­meinde sei noch nicht reif. Spiritismus, Pfingstbe­wegung, Aberglauben, Sympathie und dgl. waren ihm Beweise dafür. Daß viele Menschen diesen Irrtümern und feindlichen Geistesmächten zum Opfer fielen, erregte in ihm heiligen Zorn und heilige Scham über den Tiefstand der Gemeinde. Wenn mehr göttliche Geisteskräfte wirksam sein könnten, würden die Kranken und Gebundenen und solche, die die Zukunft ergründen wollten, in der Gemeinde Heilung und Befreiung suchen und finden. Das hat er oft mit innerem Schmerz betont. Dieser Zeit, die er heiß ersehnte und so gern er­lebt hätte, ist er vorweggenommen. Um so mehr fehlt er seiner Gemeinde. Wer wird seinen ,Pro­phetenmantel’ ergreifen?! Wehe, wenn ihn jemand nur nachahmen will! Er wird ein Zerrbild werden und Zerrbilder erzeugen. Aber vielleicht hat der Herr sich doch schon einen ersehen, der in seine Fußtapfen treten und in seinem Heim sein Werk weiterführen soll. Wir müssen betend des Herrn harren. Was seine Gemeinde nötig hat, wird er ihr nicht versagen; denn er liebt die Seinen. Wir wollen dem Herrn danken, daß er seiner Gemeinde auch einen Seitz gegeben und ihr ihn so lange er­halten hat. Von ihm gilt es ganz gewiß: Obwohl er gestorben ist, redet er noch. Und nicht nur durch seine selbstgeschriebenen ’Erinnerungen und Erfahrungen’, sondern auch durch alle, die in seinem Heim gesegnet wurden und nun ein Segen sind. Die letzte Glaubenskonferenz, die unter seiner Leitung im Februar in seinem Heim stattfand, und bei der er wieder Köstliches von seinen alten und neuen Schätzen darbot, war für viele beson­ders gesegnet. Getreu der Mahnung seines Herrn: ,Handelt, bis daß ich komme!’ hatte er sich bereit erklärt, solche Glaubenskonferenzen auch in ande­ren Gegenden unseres Vaterlandes zu halten. Da hat ihm der Herr Halt geboten. Und wenn er zu­letzt zu seiner Gemeinde noch hätte reden können, würde er gewiß gesagt haben: ’Haltet mich nicht auf; denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben!’ So wollen wir ihm nun auch gönnen, daß er überwunden hat und nun beim Herrn sein und ausruhen kann von allem Streit und Kampf hienieden. Und wir wollen der Mahnung einge­denk sein: ’Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!’"

www.horst-koch.de   –   info@horst-koch.de

 

 

image_pdfimage_print