Jesus-Marsch-Bewegung-W.Bühne

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Wolfgang Bühne

 

Die Jesus-Marsch-Bewegung

Die weltweite Jesus-Marsch-Bewegung ist in ihrer Theologie und Praxis untrennbar mit der Geistlichen Kriegsführung verbunden. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Jesus-Märsche zur Zeit das wichtigste und populärste Instrument der Geistlichen Kriegsführung sind. Auch wenn sicher der größte Teil derer, die an diesen Märschen teilnehmen, wenig oder gar keine Ahnung davon haben, was Geist¬liche Kriegsführung bedeutet und in der Annahme mitmarschieren, daß es sich hier um eine zeitgemäße Form der Evangelisation han¬delt, so haben doch die Initiatoren dieser Bewegung ihre Absichten und Ansichten nie verschwiegen.

 

Die Anfänge in England

Zu den Initiatoren der Jesus-Märsche gehören vier Freunde:

Roger Forster, Leiter der 3.000 Mitglieder zählenden Ichtys-Gemeinschaft im Südosten Londons;

Gerald Coates, in den vergangenen zwanzig Jahren aktiv in der „Hauskirchenbewegung“ in Großbritannien und Gründer von „Pionier-Trust“ und Leiter des „Pionier-Teams“;

Lynn Green, Leiter von „Jugend mit einer Mission“ (JMEM) für Europa, den Mittleren Osten und Afrika;

Graham Kendrick, früher musikalischer Leiter von „Jugend für Christus“, inzwischen auch in Deutschland bekannt durch seine Jesus-Marsch-Lieder.

Diese vier Freunde trafen sich zum Gebet, weil sie das Anliegen hatten, „daß Lobpreis und Gebet, wie wir sie aus der charismatischen Erneuerung kennen, auf die Straße hinausgetragen werden.“

1980 begann Lynn Green für London zu beten und lud auch andere Mitarbeiter von JMEM dazu ein. Sie trafen sich gelegentlich von acht Uhr abends bis Mitternacht, um konzentriert für die Rettung der Menschen zu beten.

Als sie nach einigen Monaten Zeit den Eindruck hatten, daß die Arbeit keine Fortschritte machte, beteten sie um Klarheit und bekamen dann den Eindruck, daß ein „Fürst“ oder eine „geistliche Macht des Bösen“ über London am Werk sei, den sie als „Habgier und ungerechter Handel“ identifizierten.

Schließlich entstand der Gedanke, einen Marsch durchzuführen und unter Bannern und Lobpreis einige Tage hintereinander die Earls Road hinauf und die Warwick Road hinunterzumarschieren. Etwa 125 Leute nahmen an diesem ersten Marsch teil.

1985 fand wieder ein Tag des Gebets für London statt, wo sie die Überzeugung gewannen, daß die Beherrschung der Stadt durch „Mächte der Finsternis“ historische Wurzeln haben müsse, so daß besonders an den Stellen gebetet wurde, wo die alten Stadtmauern gewesen waren.

1986 nahm auch Graham Kendrick an einem solchen Tag teil und schließlich kam auch die Ichtys-Gemeinschaft mit Roger Forster und Gerald Coates hinzu. Inzwischen hatte Graham Kendrick sein erstes Album „Macht Bahn“ herausgebracht, das die Lieder von den ersten kleineren Märschen enthielt.

„Die Kombination von unserem Marschieren mit Grahams Liedern war sehr kraftvoll und schien ein Sprungbrett für die nächste Phase zu sein – ein Marsch auf nationaler Ebene.“ 

Graham Kendrick, Sohn eines Baptistenpredigers, berichtet, wie diese Lieder entstanden sind und welche Bedeutung er ihnen gibt:

„Nachdem ich mit dem Heiligen Geist erfüllt worden war, begann Gott, mich freizusetzen und mich zu seinem Anbeter zu machen. Als ich es lernte, meine Anbetung in einer nie gekannten Tiefe auszudrücken, flossen neue Anbetungslieder daraus hervor… Aus meiner Sicht entstand das Marsch für Jesus – Konzept aus meinem Lobpreisstudium und meiner Erfahrung als Anbetungsleiter. Als ich Anfang der achtziger Jahre meine Anbetungserfahrungen mit anderen Leuten diskutierte, fand ich heraus, daß viele christliche Gruppen ein großes Glaubenswachstum oder das Gefühl von geistlichem Durchbruch festgestellt hatten – als Folge von Lobpreis, der die Wahrheit proklamiert.

Ich begann, mich für die Dynamik des Lobpreises und seine Beziehung zu Gebet und Geistlicher Kampfführung zu interessieren. Nachdem ich mit vielen Leuten Erfahrungen ausgetauscht hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß Gott seine Kraft häufig dann freisetzt, wenn sein Volk ihn preist.“ 

 

„City-Marsch“ 1987

Der erste große „City-Marsch“ fand am 23.5.1987 statt. 15.000 Teilnehmer gingen in London auf die Straße. Die Absicht dieses Marsches hatte John Pressdee beschrieben:

„Das Ziel war, Christen zu mobilisieren, damit sie den Namen Jesus in London proklamieren und die Niederlage der geistlichen Mächte erklären würden, die sich in der City und dem Herzen der Nation verschanzt hatten. Wir wollten der wachsenden Kraft der Kirche und ihrer Hingabe an den Missionsbefehl dadurch Ausdruck verleihen, indem wir die City von London mit Gebet und Lobpreis überfluteten.“

In einem Marsch-Rundbrief hob Roger Forster die Ziele des Tages hervor und beendete das Schreiben mit folgenden Worten:

„Wir glauben, daß mit dem heutigen Tag eine neue Ära beginnt, in der die vielfältige Weisheit Gottes im Leben von Gottes Kindern und durch ihren Lobpreis für die Fürsten und Gewalten stärker erkennbar wird (Eph. 3,10). Für einige wird es eine Einführung in die Geistliche Kriegsführung sein, für andere bietet es die Möglichkeit, in der Solidarität des Volkes Gottes etwas Positives zur Veränderung der übernatürlichen Atmosphäre unseres Landes beizutragen.

Wir befinden uns nicht auf einem Spaziergang, sondern wir gehen ernstzunehmende Anliegen an, indem wir versuchen, eine wirkliche Veränderung in der unsichtbaren Welt zu schaffen. Dies werden wir mit Lobpreismusik und festlichen Märschen erreichen, gemeinsam mit unserem Christus, der ‚uns stets im Siegeszug mitführt‘ (2. Kor. 2,14).“ 

 

„Westminster-Marsch“ 1988

Am 21.5.88 fand der sog. „Westminster-Marsch“ mit ca. 55.000 Teilnehmern statt. Inzwischen hatten die ersten „Propheten“ erklärt, daß „Großbritannien in Gottes Strategie eine Schlüsselposition innehat“ und so wurde diesem Marsch eine besondere prophetische Bedeutung zugesprochen:

„Viele Menschen waren sich dessen bewußt, daß es etwas mit Geistlicher Kampfführung zu tun hat, wenn man mit Gebet und Lobpreis auf die Straße geht. Sie waren sich des Widerstands und der Freisetzung bewußt wie auch der Veränderung, die es mit sich brachte, während sie marschierten. Viele Leute begriffen, daß Christsein auch Feiern und Festlichkeit bedeutet. Und es machte ihnen Spaß…“ 

Als der Marsch sich der Westminsterabtei und der Methodist Central Hall näherte, wurde darum gebetet, „daß wir eine größere Erweckung erleben mögen, als die, die unter Wesley stattgefunden hat.“ Vor der Westminster-Kathedrale konzentrierte sich das Gebet vor allem auf das „unerschütterliche Zeugnis der Römisch-Katholischen Kirche für den Wert des ungeborenen menschlichen Lebens und ihre Ablehnung der Abtreibung.“

„JMEM – Fackel-Marsch“ 1989

Am 31.7.1989 startete ein Fackel-Marsch in Großbritannien, der von JMEM organisiert und von „Prophetien“, „prophetischen Bildern“ und „Heilungen“ begleitet wurde. Auch Angus Kinnear, der als Herausgeber vieler Watchman Nee-Bücher und als Nee-Biograph bekannt geworden ist, schloß sich als Ichtys-Mitglied dieser Aktion an. Dieser Marsch hatte eine „tiefgehende Auswirkung“ auf die Teilnehmer. John Pressdee erzählt:

„Als unsere Autorität und Vollmacht im fürbittenden Gebet immer mehr zunahm, entschieden die Teilnehmer dieses Fackel-Marsches vor Gott, das Land unter Gebet quer von Anglesey bis Lowesoft zu durchwandern, um so die Form eines Kreuzes auf das Land zu zeichnen.“ 

Graham Kendrick war von diesem Vorhaben begeistert und sofort zur Mitarbeit bereit:

„Ich fühlte, daß wir an einer prophetischen Handlung teilnehmen würden. Ich hatte gerade ein paar Monate vorher das Make Way for the Cross-Album herausgebracht, mit dem Eindruck, daß eine Betonung des Kreuzes wichtig war. Als John Pressdee dann das Gefühl hatte, wir sollten von Westen nach Osten ziehen und dadurch die Form eines Kreuzes auf das Land malen, war ich sofort dabei! Wir fühlten wirklich, daß dies eine wichtige prophetische Handlung war und nur Gott weiß, welche Auswirkungen sie gehabt hat.“

Jesus – Marsch 1989

Am 16.9.1989 wurde in Großbritannien an 45 verschiedenen Orten ein Jesus-Marsch durchgeführt, bei dem insgesamt 200.000 Menschen unterwegs waren. Auf diesem Marsch wurde erstmals das Lied gesungen, daß Graham Kendrick speziell für diesen Marsch geschrieben hatte:

Laß die Flamme brennen!
Wir geh’n voran, Herzen entbrannt,
und jeder Schritt wird zum Gebet.
Neue Hoffnung, neuer Morgen,
Lieder klingen überall!
Zweitausend Jahr’, die Flamme brennt
und leuchtet hell durchs ganze Land.
Herzen warten, flehen, sehnen,
daß Erwachen neu beginnt.

Refrain:
Laß die Flamme leuchten,
alles Dunkel durchdringen,
aus der Nacht wird heller Tag!
Unser Lied wird lauter,
unsere Liebe stärker.
Strahle hell!

Für Wahrheit stehn,
in Liebe gehn,
im Namen Jesu empfangt die Kraft;
Helft allen Schwachen,
bewahrt die Kinder,
füllt die Nationen mit seinem Lied!

Am Schluß dieses Marsches wurden die Teilnehmer sämtlicher Regionen aufgefordert, an einem Partnerschaftsprojekt mitzuarbeiten und sich persönlich zu verpflichten, das Evangelium bis zum Jahr 2000 im ganzen Land verbreitet zu haben. 1990 kamen auch die ersten kritischen Stellungsnahmen zu den Jesus-Märschen. Elf evangelikale Anglikaner drückten in einem Brief ihre Besorgnis aus, die sich auf zwei Artikel, die in der Zeitschrift „Today“ erschienen waren, gründete. Diese Kritik lenkte die Aufmerksamkeit überregionaler Zeitschriften auf die Märsche und sorgte für Schlagzeilen. So schrieb die „Times“ unter der Überschrift „Anglikaner boykottieren Dämonen-Märsche“:

„Ein landesweiter Marsch für Jesus wird von einigen Anglikanern aufgrund der Ansichten einiger Marschteilnehmer in Bezug auf Dämonologie, Exorzismus und böse Geister boykottiert. Hohe Kir¬chenmänner sind besorgt, daß einige Marschteilnehmer glauben, daß Teile mancher Städte und bestimmte Firmen ‚dämonisiert‘ worden seien und sie fürchten, daß die Marschierenden versuchen werden, die Dämonen auszutreiben.“ 12

Doch die durch die Presse ausgelöste heftige Kontroverse hatte auch zur Folge, daß eine Flut von positiven Reaktionen kirchlicher Gruppen eintraf, die 1990 auch einen Marsch organisieren wollten.

Jesus-Marsch 1990

So startete am 16.9.1990 ein weiterer Jesus-Marsch mit dem Schwerpunktthema „Kinder“. Etwa 200.000 Teilnehmer, die 3.000 Gemeinden repräsentierten, marschierten mit. Ein Drittel der Teil¬nehmer kam aus neuen Gemeinden, ein weiteres Drittel aus den traditionellen Kirchen und das letzte Drittel hatte keine Kirchenzu¬gehörigkeit angegeben. Unterstützt wurde dieser Marsch von leitenden Kirchenmännern der Anglikanischen Kirche, der Baptisten, Methodisten, Pfingstler und neuer Gemeinden. In diesem Jahr begann Graham Kendrick „Krönt ihn“ zu schreiben, eine Sammlung von Liedern, die auf Ps. 24 basieren und die bei den Jesus-Märschen 1991 und 1992 eingesetzt wurden. Inzwischen richtete sich der Blick der Initiatoren auf einen europäischen Marsch im Jahr 1992 und als Bestätigung traf ein Brief aus Deutschland ein, in welchem ein Überblick über die Geschichte und den Hintergrund Berlins und Brandenburgs gegeben wurde.

 

Jesus-Marsch in Deutschland und die „Berliner Erklärung“

Als der erste große Jesus-Marsch 1992 in Berlin geplant wurde, war es naheliegend, daß er in Beziehung zu der „Berliner Erklärung“ von 1909 stand.

Damals hatten die Führer der Gemeinschaftsbewegung und Allianz in Deutschland in dieser Erklärung die Lehren und Praktiken der anbrechenden Pfingstbewegung als unbiblisch beurteilt und davor gewarnt. 13

Von vielen Pfingstlern und Charismatikern wurde diese Erklärung verantwortlich dafür gemacht, daß der Heilige Geist sich aus Deutschland zurückgezogen habe und ein Bann über Deutschland gekommen sei. Manche sprachen von einer „70jährigen babylonischen Gefangenschaft“ der Kirche in Deutschland.

1979, also 70 Jahre nach dieser Erklärung, veranstaltete Volkhard Spitzer in Berlin eine Osterkonferenz, um dort mit vielen interna¬tionalen Leitern der Pfingst- und Charismatischen Bewegung eine „Gegenerklärung“ zu unterschreiben, in welcher der Heilige Geist eingeladen wurde, wieder nach Deutschland zu kommen.

Auch die von V. Spitzer organisierten „Berliner Bekenntnistage“ 1981 stehen in diesem Zusammenhang. Damals sollte nach der Überzeugung der Verantwortlichen der Heilige Geist über Deutsch¬land ausgegossen werden.

Es ist eine interessante Beobachtung, daß zahlreiche Charismatiker, besonders solche, die von der Geistlichen Kriegsführung beeinflußt sind, einer Art „magischen Denkens“ erlegen sind. Sie sind der Überzeugung, daß Erklärungen und Geschehnisse an bestimmten Orten eine Art „Bann“ oder „geistliche Finsternis“ bewirkt haben. Diesen „Bann“ versucht man durch entsprechende Gegenerklärun¬gen und Aktionen, durch stellvertretende Buße usw. aufzuheben. Dieser „Bann“ über Deutschland – aus der Sicht vieler Charismati¬ker ausgelöst durch die „Berliner Erklärung“ von 1909 – war nun auch der Anlaß, den ersten überregionalen Jesus-Marsch in Deutschland durchzuführen.

Zwar hatte im Jahr 1991 bereits ein kleinerer Marsch in Nürnberg stattgefunden, in Verbindung mit dem 1. Gemeindekongreß. Dieser von Walter Heidenreich organisierte Marsch war eine Art Training oder Vorbereitung für den überregionalen Marsch am 23.5.1992 in Berlin.

Nun ist es interessant zu sehen, daß die „Väter“ der Jesus-Marsch-Bewegung in England die Beziehung des geplanten Jesus-Marsches in Berlin zur „Berliner Erklärung“ von 1909 offen aussprachen:

„Die sogenannte Berliner Erklärung war dabei eine besondere Quelle der Besorgnis. Am 15.9.1909 hatte es ein Treffen von 650 protestantischen Leitern gegeben, die hauptsächlich aus den Reihen der Evangelischen Allianz und dem Verband der Lan¬deskirchlichen Gemeinschaft kamen. Sie gaben eine Erklärung heraus, in der stand, daß die Pfingstbewegung „von unten“ sei. Keine der beschuldigten Gruppen war angehört worden. Das Ergebnis dieser Erklärung war, daß die Pfingstbewegung und die Charismatische Erneuerung in Deutschland vollkommen unterdrückt wurden. Die Erklärung wurde in den Jahren 1934, 1945, 1972 und 1986 erneut bestätigt und wurde erst zurückgenommen, als am 7. November 1991 einige evangelikale Leiter in Deutschland Schritte unternahmen, die Erklärung zu widerrufen.

Eines unserer Ziele für den Gebetsmarsch von London nach Berlin war, daß die geistlichen Auswirkungen dieser Erklärung aufgehoben würden und ihr Einfluß auf das geistliche Leben in Europa gebrochen würde.“ 14

„Als die Marschteilnehmer sich am 23. März 1992 in Berlin versammelten, rief Walter Heidenreich, einer der Leiter des deutschen ‚Marsch für Jesus‘-Teams, zur Buße für die Berliner Erklärung auf. In der darauffolgenden Stille wehte plötzlich ein starker Wind über den Platz. Wir beteten dafür, daß das Wehen des Heiligen Geistes in der Kirche in Deutschland und überall in Europa stark zunehmen möge.“ 15

In dieser Stellungnahme werden einige sachliche Fehler deutlich.

1. In Berlin waren im Jahr 1909 nicht 650, sondern 60 Brüder anwesend, von denen 56 die Erklärung unterschrieben.

2. Es entspricht einfach nicht den Tatsachen, wenn der Eindruck erweckt wird, als ob die Berliner Erklärung geschrieben worden wäre, ohne daß man mit den beschuldigten Gruppen vorher gesprochen hätte. Wahr ist, daß der Berliner Erklärung Hunderte von Gesprächen und Briefwechseln voraufgegangen sind. Die Führer der Pfingstbewegung und die Männer der Berliner Erklärung kannten sich größtenteils gut, einige hatten in der Vergangenheit eng miteinander gearbeitet und waren befreundet.

3. Daß die Berliner Erklärung in den Jahren 1934, 1945, 1956, 1972 und 1986 erneut bestätigt wurde, ist mir nicht bekannt. Zumindest kann es sich hier nicht um offizielle Stellungnahmen handeln.

4. Die Berliner Erklärung wurde nicht am 7.11.91 zurückgenommen, sondern am 9.11.91 bat Klaus Eickhoff im Namen vieler Evangelikaler die Charismatiker und Pfingstler um Vergebung für alle Verurteilungen und negative Beurteilungen in der Vergangen¬heit. Dabei konnte sich jeder Anwesende denken, daß es hier auch um die Berliner Erklärung ging, obwohl diese erst namentlich einen Tag später in der Abschlußveranstaltung erwähnt wurde. Dabei gab Klaus Eickhoff den Konferenzteilnehmern die „theologische Fra¬ge“ mit auf den Weg, „ob sich nicht damals die Brüder, welche von tiefer Sorge erfüllt die Berliner Erklärung unterschrieben haben, geirrt haben, wenn sie von einem Geist ‚von unten‘ in der Pfingstbewegung sprachen.“ 16

Aber abgesehen von diesen Ungenauigkeiten macht diese Stellung¬nahme deutlich, welche Absichten die Jesus-Märsche in Berlin verfolgen und welch ein Einfluß auf das geistliche Leben der Christen in Europa der Berliner Erklärung zugesprochen wird.

 

Jesus-Marsch Berlin 1992

Anfang Oktober 1990 fand in De Bron/Holland ein Leitertreffen statt, auf dem Lynn Green, Gerald Coates, Roger Forster und Gra¬ham Kendrick die eingeladenen Leiter aus dreizehn europäischen Ländern (darunter elf Leiter aus Deutschland) über ihre Erfahrun¬gen und Führungen mit diesen Märschen informierten. In dem Informationsschreiben von „Fürbitte für Deutschland“ (FFD) war zu lesen:

„Im Gebet und Austausch der nationalen Gruppen entstand gro¬ße Einmütigkeit, daß Mai 1992 ein guter Zeitpunkt sein könnte, solche Proklamations- und Gebetsmärsche in allen europäischen Ländern durchzuführen, die sich beteiligen möchten.“

Dieses Schreiben endete mit den Worten:

„Die Proklamationsmärsche für Jesus in Großbritannien und Irland haben auch einen enormen Beitrag zur Einheit der Chri¬sten geleistet. Sie liefen voll unter der Unterstützung und Mit¬leiterschaft der Ev. Allianz sowie exponierter Leiter aller Deno¬minationen und diverser großer Bewegungen und Werke. Wir hoffen deshalb sehr und beten dafür, daß auch in Deutschland eine möglichst breite Beteiligung erreicht wird.

Die deutsche Gruppe der in DeBron teilnehmenden Leiter bat Berthold Becker (FFD), die Koordination für ein Leitertreffen in Deutschland zu übernehmen.“

Dieses Leitertreffen fand dann am 8.2.1991 in Lüdenscheid, in den Räumen der „Freien Christlichen Jugendgemeinschaft“ (Walter Heidenreich) statt.

Inzwischen hatte man auch den „Marsch für Jesus e.V.“ mit dem Sitz in Lüdenscheid gegründet.

Zum Vorstand gehören: Walter Heidenreich (FCJG Lüdenscheid), Berthold Becker (FFD), Peter Gleiss (Ev. Geistliche Gemeinde-Erneuerung), Mechthild Humpert (Kath. Charism. Gemeinde-Er¬neuerung), Robert Humburg (Glaubenszentrum Bad Gandersheim) und Keith Warrington (JMEM).

Zum Trägerkreis und Referenzkomitee gehören eine große Anzahl Personen aus der Katholischen und Evangelischen Kirche, von den Baptisten, aus den Pfingstgemeinden, Charismatischen Gemeinden, der Anskar Kirche, verschiedenen Charismatischen Jugendwerken und dem CVJM.

Aus der langen Liste von Namen hier einige aus den genannten Kir¬chen und Werken:

Aus dem Trägerkreis: Jobst Bittner, Wilhelm Bläsing, Mike Change, Peter Dippl, Emanuel Enke, Hermann Riefle, Fred Ritzhaupt, Ortwin Schweitzer, Wolfgang Simson, Andreas Zerger, Suzette Hattingh, Andreas Hermann, Kim Kollins, Jon MacFarlane, Wolfhard Margies, Eckhard Neumann, Christian Gölker.

Aus dem Refenzkomitee: Friedrich Aschoff, Norbert Baumert, Reinhard Bonnke, Wolfram Kopfermann, John Angelina, Reinhold Ulonska, Paul Toaspern, George Carrey, Johannes Facius, Horst Stricker, Peter Wenz, Heinrich Christian Rust, Axel Nehlsen, Clive Calver.

Es sticht ins Auge, daß diese Personen ein sehr breites Spektrum der Charismatischen Bewegung repräsentieren, von sehr extremen Gruppen („Wort des Glaubens“, „Christus für alle Nationen“, „Biblische Glaubensgemeinde“, „Gemeinde auf dem Weg“ usw.) bis hin zu Vertretern der Pfingstgemeinde und Anskar-Kirche, die zumindest eine kritische Haltung zur „Geistlichen Kriegsführung“ haben.

Es wurden dann auch bald die „Marsch für Jesus-Nachrichten“ herausgegeben und verbreitet, die in Abständen über die geplanten Märsche informieren.

Mit dieser Werbung für die Jesus-Märsche öffnete sich dann auch ein Markt für alle möglichen Artikel: Marsch für Jesus-T-Shirt, Hals¬tuch, Aufkleber, Rucksack, Luftballons, Watch, Tasse, Baseballkappe usw., die vor allem vom Verlag „Projektion J“ angeboten wurden, der auch verschiedene Bücher und Tonträger zum Thema „Marsch für Jesus“ und „Geistliche Kriegsführung“ herausgegeben hat.

 

Zielsetzung und Theologie

Aus den „Marsch für Jesus – Nachrichten“ nun einige Auszüge, die Aufschluß über die Zielsetzung und Theologie des ersten überregionalen Jesus-Marsches in Deutschland geben:

Norbert Baumert SJ:

„Dieses Ereignis ist nicht ein Spektakel (Schauspiel), sondern  so sinnvoll wie die uns Katholiken vertrauten ‚Flurprozessio¬nen‘. Doch diesesmal beten wir nicht um den Segen Gottes für die Felder und die Ernte, sondern für unser ganzes Volk, für alle politischen, wirtschaftlichen, ethischen und sozialen Aufgaben, vor denen wir stehen. Lohnt es sich, deshalb nach Berlin zu fah¬ren? – Schon deshalb, weil Christen aus allen Konfessionen gemeinsam vor Gott treten und die Freude ihres Glaubens mit¬einander teilen wollen. Hat Jesus nicht dem gemeinsamen Gebet einen besonderen Segen verheißen?“

Reinhard Bonnke:

„Der Marsch für Jesus ist von Gott. ‚Worauf wir unseren Fuß setzen, das soll unser Erbe sein‘ – dieses Wort hat etwas mit geistlichem Besitz zu tun, wenn wir uns nach Gottes Wort in Bewegung setzen. Und dieses Wort aus dem Mund Gottes heißt: ‚Gehet hin … predigt die Frohe Botschaft aller Kreatur…‘“

Berthold Becker:

„Ich glaube, daß durch die gemeinsame Proklamation und durch unser Gebet vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt eine machtvolle Aussage für unser Land gemacht wird, die unsere Nation verändern wird. Wir werden verkündigen, daß Jesus Christus der Herr über Berlin und über Deutschland ist, daß Er kommt, um seinen Thron einzunehmen. Dadurch wird der Marsch für Jesus 92 zu einem Meilenstein auf dem Weg zur Erweckung in Deutschland…“

Walter Heidenreich:

„Ich glaube, daß der Marsch für Jesus ein von Gott gegebenes Instrument für Erweckung in Deutschland ist. Wir dürfen Teil eines historischen Ereignisses in der Kirchengeschichte sein… Die Kirche Jesu begibt sich in die Offensive, und wird in einem prophetischen Akt die Herrschaft Jesu und die Einheit des Lei¬bes öffentlich proklamieren.

Durch eine Neuausgießung des Geistes Gottes wird eine bisher noch unbekannte Dimension der Evangelisation, diakonischem Handeln und Weltmission entstehen…“

Im April 1992, wenige Wochen vor dem Start des Jesus- Marsches, wurde noch einmal eine kurze Information des Marsch für Jesus-Vorstandes verschickt, der besonders deutlich den „prohetischen“ Charakter dieses Marsches und das Anliegen der Geistlichen Kriegsführung deutlich macht. Hier einige Auszüge aus dieser Mitteilung:

 

1. „Das Land liegt offen vor uns.“

Dieser Satz stammt von Keith Warrington. Damit soll aus¬gedrückt werden, daß wir in der Geschichte Gottes mit un¬serem Land und mit seinem Volk in Deutschland an der Schwelle zu einem neuen Abschnitt stehen, einer Gnadenzeit, einem „Jubeljahr“, einem „neuen Tag“. Die Zeichen standen in den vergangenen Jahrzehnten noch nie so deutlich auf Erweckung in Deutschland und Europa wie in diesen Tagen… Aber es gibt auch die Möglichkeit, eine Gnadenstunde Gottes zu verpassen…

 

2. Der Marsch für Jesus – ein Katalysator!

Mit dem Marsch für Jesus wollen wir proklamativ zum Aus¬druck bringen, daß wir in diesem Sinne das Land im Glauben ergreifen und geistlich einnehmen und damit dazu beitragen, daß in Berlin und in Deutschland nicht alte Finsternismächte wieder neu Fuß fassen können, sondern ein neuer Geist, der Heilige Geist, in Deutschland Raum bekommt. Die Teilnahme am Marsch bedeutet somit eine prophetische Identifikation, ein „sich eins machen“ im Glauben und im prophetischen Han¬deln… So verstehen wir den Marsch für Jesus in erster Linie als einen „geistlichen Katalysator“, als ein Ereignis, das für den Heiligen Geist mehr Freiraum schafft und eine Beschleunigung der Ausbreitung des Reiches Gottes in unserem Leben, im Leben des Gottesvolkes und in unserem Land bewirkt. Wir betrachten des¬halb den Marsch als eine einmalige Chance. Dies ist ein nicht beliebig wiederholbarer Zeitpunkt, eine mögliche „Stunde Got¬tes“ in seiner Geschichte mit Deutschland und mit seinem Volk in Deutschland…

 

3. Das Volk Gottes – eine geistliche Armee!

…Der Herr der Heerscharen ruft und sammelt uns am 23. Mai in Berlin als eine geistliche Armee, um unter der Salbung des Hei¬ligen Geistes, in geistlicher Einheit durch Gebet, Proklamation, Lobpreis und andere geistliche Waffen über unserem Land Boll¬werke der Finsternis niederzureißen, die sich wider die Erkennt¬nis Jesu erheben. In diesem Zusammenhang möchten wir auch deutlich machen, daß es durchaus von Bedeutung ist, wieviele Menschen zum Marsch für Jesus kommen und zwar nicht wegen der Medien oder um der Menschen willen, sondern aus geistlichen Gründen: Die Anzahl der Teilnehmer drückt vor der unsichtbaren und der sichtbaren Welt aus, wieviele Christen die Zeichen der Zeit erkannt und den Ruf Gottes vernommen haben und bereit waren – selbst unter Opfern – diesem Ruf zu folgen. Unsere Vollmacht, geistlich zu handeln, hängt in diesem Sinne mit davon ab, wieviele Christen sich durch ihr Kommen mit uns in diesem geistlichen Akt vereinigen.

 

4. Die Herausforderung

…All diese Gedanken möchten deutlich machen, daß nach unse¬rem Verständnis der Marsch für Jesus am 23. Mai 1992 ein ein¬maliges, durch keine andere Veranstaltung zu ersetzendes und ein nicht verschiebbares oder wiederholbares geistliches Ereig¬nis werden soll und werden wird…

In diesem Schreiben werden, kurz zusammengefaßt, folgende Aussagen gemacht:

– Deutschland und das Volk Gottes in Deutschland steht vor einer besonderen Gnadenzeit, vor einem „Jubeljahr“.

– Durch den Jesus-Marsch soll Deutschland im Glauben ergriffen und geistlich eingenommen werden. Gleichzeitig soll verhindert werden, daß „alte Finsternismächte“ wieder Fuß fassen können.

– Der Jesus-Marsch ist eine „prophetische Handlung“.

– Im ausdrücklichen Auftrag des „Herrn der Heerscharen“ wird diese „geistliche Armee“ der Marschierenden durch „geistliche Waffen“ die „Bollwerke der Finsternis“ niederreißen.

– Die geistliche Kraft dieser Aktion hängt von der Anzahl der Teilnehmer ab.

– Dieser Marsch ist ein „einmaliges“, „nicht zu ersetzendes“ und „nicht wiederholbares geistliches Ereignis“. 17

Unter welch einen Druck und eine Last können junge, gutgläubige Christen durch solche Aussagen geraten, so daß sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie nicht an diesem Marsch teilnehmen, der den Anspruch erhebt, ein für Deutschland heilsgeschicht¬lich entscheidendes Werkzeug zu sein. Es ist erschreckend, mit welcher Leichtfertigkeit man eine von Menschen geplante und organisierte Aktion zu einem einmaligen, nicht ersetzbaren geistlichen Ereignis der Kirchengeschichte macht, mit dem Anspruch, daß der „Herr der Heerscharen“ dazu ruft.

 

„Die Vision“

In der ersten Ausgabe der Marsch für Jesus-Nachrichten wurden weitere Ziele genannt, die man mit den Märschen anstrebt. Es fällt auf, wie hier ein Zusammenhang mit den Zukunftsprognosen der „Propheten“ und den Zielen von „Evangelisation 2000“ deutlich wird:

„Der Marsch verfolgt keinen frommen Selbstzweck – es geht um die Neu-Evangelisierung Europas bis zum Jahr 2000. Wäre es nicht großartig, wenn bis zur Jahrtausendwende jeder persön¬lich von der guten Nachricht gehört hätte?

Weltweit wurde das letzte Jahrzehnt dieses Jahrtausends zu einer Phase verstärkter Evangelisation erklärt. Über alle Kir¬chengrenzen hinweg sind sich Christen einig in diesem Ziel. In der Folge steht dann eine Durchdringung der Gesellschaft mit christlichen Werten, eine Reform der Gesellschaft auf der Grundlage des Evangeliums. Schließlich das Wahrnehmen des großen Auftrags: Geht hinaus in alle Welt. Deutschland soll ein Land sein, das anderen Ländern zum Segen wird und ihnen dient. Weltmission!“

Die „biblische“ Begründung

Interessant ist auch die biblische Begründung der Jesus Märsche. In dem Artikel „Für Jesus auf die Straße“ führt Immanuel Malich ver¬schiedene biblische Begebenheiten als Beleg an: die Wüstenwanderung des Volkes Israel, die Rückkehr der Juden aus dem balyloni¬schen Exil, der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag, die Wanderungen Jesu mit seinen Jüngern. Schließlich nennt er auch noch Vorbilder aus der Kirchengeschichte:

„Seit dem 4. Jahrhundert kennt die Kirche den öffentlich sicht¬baren Zug von Christen durch Land und Stadt unter Gebet und Gesang; seit dem 13. Jahrhundert auch mit der Darbietung der Hostie – die Prozession in ihrer vielfältigen, geschichtlich ge¬wachsenen Ausprägung. In ihrer eigentlichen Form ist die (katholische) Prozession „ein feierlicher Bittgang, den das gläu¬bige Volk unter der Führung des Klerus veranstaltet, indem es sich geordnet von einem gottesdienstlichen Ort zu einem ande¬ren begibt …

Daß die Kirche die Prozession sehr wohl auch als Mittel im geist¬lichen Kampf eingesetzt hat, zeigen die sog. Lustrationsprozes¬sionen, bei denen man im allgemeinen durch Räume (Häuser oder Gebiete) zieht, die exorziert – also von Dämonen befreit – oder geheiligt – also Gottes Herrschaft übereignet – werden sollen.“ 18

Die katholischen Prozessionen also als weiteres Vorbild für die Jesus-Märsche.

Die englischen Initiatoren der Märsche nennen noch weitere bi¬blische Vorbilder: Der Marsch um Jericho (Jos. 6) wird als eine „prophetische Handlung“ geschildert, ebenso der Auszug Josa¬phats, der mit seinen Sängern und Kriegsleuten den Feinden entge¬genlief (2. Chron. 20,21), wie auch die Dankchöre, die unter der Leitung Nehemias auf der Stadtmauer Jerusalems marschierten. (Neh. 12,31) 19

„Wenn wir marschieren, handeln wir prophetisch, um den Heili¬gen Geist freizusetzen – um Gott ‚herauszulassen‘, der in unse¬rem Lobgesang wohnt. So geht er von uns aus in die dunklen und schmutzigen Straßen hinein, um dort das Leben der Men¬schen zu verändern… So kann wieder Heiligkeit ins Bewußtsein unserer Gesellschaft gebracht werden.“ 20

 

Die Durchführung

Am 23.5. 1992 war es dann soweit. Nach intensiver Vorbereitung trafen bei strahlendem Sonnenschein etwa 60.000 Christen aus allen Teilen Deutschlands in Berlin zu dem bisher größten Bekennt¬nismarsch auf deutschem Boden ein. Singend und tanzend, mit Luftballons bestückt und Transparente tragend folgte die Masse einem liturgischen Konzept, das dem ganzen Zug über Lautsprecher vorgegeben wurde. Graham Kendrick wurde auf der Eröffnungskundgebung mit gro¬ßem Jubel begrüßt und Reinhard Bonnke sprach auf der Abschluß-kundgebung. Walter Heidenreich rief zur Buße für die Berliner Erklärung auf und Keith Warrington von JMEM „lud den Heiligen Geist ein“, wieder nach Deutschland zu kommen. „In der darauf folgenden Stille wehte plötzlich ein starker Wind über den Platz…“ 21

Nach den Angaben der deutschen Veranstalter waren an diesem Tag in 130 Städten Nordamerikas und weiteren 50 Städten Europas ins¬gesamt etwa 1,5 Millionen Menschen auf Jesus-Märschen unterwegs, während die englischen Veranstalter insgesamt 200 Städte mit etwa 500.000 Teilnehmern errechnet haben. 22

 

„Der Tag, der die Welt verändert“ – Jesus-Marsch am 25.6.1994

Der Jesus-Marsch 1994 hat eine besondere Geschichte und in den Augen der Veranstalter eine besondere Bedeutung.

„Anfangs war es fast nur ein Scherz gewesen, wenn wir von die¬sem ‚Tag, der die Welt verändert‘ sprachen. Er war wie ein Phantasiegebilde, das wir verbreiteten, während wir dieses Buch schrieben, bis zu dem Tag, als Peter Wagner von Church Growth Movement (eine Gemeindewachstumsbewegung in den USA) zu uns kam und vor der Ichtys-Gemeinschaft sprach.

Er war mit Roger und Gerald zum Essen verabredet und äußerte sich begeistert über das Marsch für Jesus-Konzept. Mit seinem Enthusiasmus brachte er den globalen Traum der Verwirkli¬chung näher und schlug die Organisation eines weltweiten Mar¬sches für Jesus für den 25. Juni 1994 vor.

Am selben Tag wird in Seoul in Korea auch die AD 2000 World Evangelisation Conference (Anno Domini 2000-Konferenz für Weltevangelisation) stattfinden. Er geht davon aus, daß an diesem Tag bis zu zwei Millionen Christen auf den Straßen Seouls für Jesus marschieren werden. Diesem Ereignis werden vierzig Tage des Betens und Fastens vorausgehen. Für die Nacht vor der eigentlichen Veranstaltung sind Christen zur Teilnahme an einer Gebetsnacht eingeladen, in der sie gemeinsam Gott darum bitten sollen, seinen Segen über diese Welt auszugießen. In allen Hauptstädten auf der ganzen Welt werden die Christen aufgefordert, am 25. Juni 1994 dann loszumarschieren, wenn es in ihrer Zeitzone 14.00 Uhr wird. “ 23

Auf dem 1. Gemeindekongreß 1991 in Nürnberg stellte C.P. Wag¬ner diesen Jesus-Marsch vor und kündigte an, daß im Juni 1994 in Seoul ein internationales Leitertreffen von „AD 2000“ mit etwa 5.000 Teilnehmern stattfinden würde. Als Koordinator dieser Kon¬ferenz wollte er 5.000 Gemeinden in aller Welt bewegen, für diese Konferenz und für den geplanten Marsch eine Nacht im Gebet zu verbringen.

Er berichtete, daß andere Gruppen 40 Tage lang fasten würden und am letzten Tag der Konferenz, am 25.6.94, in allen Hauptstädten der Welt Jesus-Märsche durchgeführt werden sollten, die etwa 25 Millionen Christen auf die Straße bringen würden, um die Herr¬schaft Jesu über diese Welt zu proklamieren. „Jugend mit einer Mission“ werde dann die „vier Enden der Erde“ mit Betern beset¬zen und von dort aus die dämonischen Mächte brechen.

C.P. Wagner wörtlich: „Dieser Tag wird die Welt verändern!“

In den meisten deutschsprachigen charismatischen Zeitschriften war man etwas vorsichtiger, dort wurde dieser Marsch als „Ein Tag, der die Welt verändert!“ angekündigt. Dieser Satz war auch auf der Umschlagseite des Informationsblattes „Marsch für Jesus“ 1/94 zu lesen. In dieser Einladung wurde die weltweite Bedeutung und die öku¬menische Ausrichtung dieses Marsches betont:

„Stichtag 25. Juni. Millionen von Christen auf allen Kontinen¬ten gehen auf die Straße. Sie bekennen ihren Glauben an Jesus Christus. Sie beten dafür, daß in jedem Land die Botschaft von Jesus Christus bekannt wird. Öffentlich, auf den Straßen, feiern sie die Liebe und Macht Gottes; Tausende von Märschen weltweit.

Schon jetzt machen Christen in 100 Ländern bei dieser gewaltigen Demonstration mit. Selbst nach vorsichtigen Schätzungen ist mit einer gesamten Teilnehmerzahl von 15 Millionen Men¬schen zu rechnen. Das ist keine Vision oder Wunschdenken, sondern ein Vorausblick auf das Geschehen am 25.Juni 1994.“

„Einheit der Christen. An den Märschen nehmen überall Chri¬sten aus den verschiedensten Kirchen und Gemeinden teil. Was sie verbindet, ist die Liebe zu Gott und der Glaube an die Erlö¬sung durch Jesus Christus. Obwohl sie zu verschiedenen Gemeinden und Kirchen gehören, eint sie doch der Wunsch, Jesus in der Öffentlichkeit in Freude zu bekennen. Nicht selten sind Planung und Durchführung eines Marsches Anlaß für Gruppen und Gemeinden, zusammenzuarbeiten, die bisher eher distanziert zueinander waren. Dem Vorstand des Marsch für Jesus in Deutschland gehören Christen aus Freikirchen, der evangelischen Landeskirche und der Katholischen Kirche an.“

„Ein Tag für Deutschland. Über viele Jahrhunderte gingen von Christen aus Deutschland gute Impulse in die ganze Welt hin¬aus. Dazu gehörte eine klare Orientierung an der Heiligen Schrift und ein großer missionarischer Einsatz. Wir erwarten, daß diese Gaben neu in Deutschland freigesetzt werden.“

„…Der 25. Juni ist ein weltweiter Tag des Gebets. Die Initiative A.D. 2000 (Leitung Dr. Peter Wagner) schätzt, daß an die¬sem Tag insgesamt 160 Millionen gläubige Christen an Märschen oder an einer der 16 (!) weiteren Gebetsinitiativen beteiligt sind. Es handelt sich damit um eine einzigartige Gebetsbewegung.“

In diesem Informationsblatt werden weitere Initiativen vorgestellt, die dem „Tag, der die Welt verändert“ voraufgehen. Ein „Gebetstag für Deutschland“ für den 9. April in der Messehalle in Kassel wur¬de angekündigt, wie auch die Durchführung einer „Gebetsstafette“ mit dem Hinweis auf Jos. 1,2-6. Der „Schluß-Countdown“ der Für¬bitteaktion sollte am 23. und 24. Juni in Berlin stattfinden. Entlang der Marschroute, im Olympiastadion und an anderen Orten, sollte gezielt gebetet werden, wozu mehrere Hundert Fürbitter aus Berlin und ganz Deutschland erwartet wurden.

Aus den Statements zu den Zielen:

Mike Chance (Leiter des Glaubenszentrums Bad Gandersheim):

„Der Marsch ist eine Demonstration des Reiches Gottes. Wir bekennen und rufen: Sein Königreich ist hier. Menschen auf der Straße werden das Reich Gottes durch uns sehen. Gott wird unser Herz anrühren, damit wir uns den Armen und Bedürftigen zuwenden. Gott will in uns eine Haltung der Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten freisetzen.“

Mechthild Humpert (katholisch, Nehemia Initiative Karlsruhe):

„‚Gott ruft sein Volk zusammen, rings auf dem Erdenrund, eint uns in Christi Namen, zu einem neuen Bund…“ Diese Verse eines katholischen Kirchenliedes drücken aus, um was es bei dem Marsch für Jesus geht: Eine große Sammelbewegung des Volkes Gottes in unserem Jahrhundert. So ist der Marsch für Jesus ein Zeugnis gelebter Einheit und zugleich Ausdruck der Sehnsucht nach Heilung des zerrissenen Leibes Christi.“

Keith Warrington („Jugend mit einer Mission“):

„Es ist ein Tag der Gemeinschaft des weltweiten Volkes Gottes. Christen in Deutschland reihen sich ein in die internationale Bewegung des Lobpreises und der Bitte für die Vollendung des Missionsbefehls. Deutschland tritt heraus aus seinem Winkel und reiht sich ein in die weltweite Familie Gottes. Wir fangen an zu begreifen, was Jesus in unserem Land verändert. Er will Deutschland zum Die¬ner für die anderen Nationen machen.“

Im Programmheft zum Marsch für Jesus war außerdem von Keith Warrington zu lesen:

„An diesem Tag erhoffe und erwarte ich eine weitere Freiset¬zung der Christen in Deutschland, damit viele im Auftrag Jesu gehen und anderen Nationen dienen. Diese Freisetzung möge die ganze Nation erfassen…“

In einer weiteren Nummer des Informationsblattes „Marsch für Jesus“ werden die einzelnen Programmpunkte der Abschlußveran¬staltung im Olympiastadion genannt:

Walter Heidenreich „wird den Heiligen Geist ehren und neu einla¬den.“

Berthold Becker wird den Teil der Versammlung leiten, wo man sich für „den Abfall vom Wort Gottes in Deutschland gemeinsam demü¬tigen und das Wort Gottes neu über unserem Land erheben“ wird.

„Loren Cunningham, Gründer des weltweiten Missionswerkes ‚Jugend mit einer Mission‘, wird eine Botschaft der Sendung an alle Teilnehmer richten. Deutschland soll wieder ein Land wer¬den, das wie der verlorene Sohn zum Vater zurückkehrt, um sei¬nen Herrn und Schöpfer zu ehren und ihm mit allen Gaben, Möglichkeiten und Mitteln zu dienen.

Deutschland soll seine Gaben wiederentdecken. Wir haben ver¬schiedene Leiter zum Gebet für die Freisetzung verschiedener Dienste im Reich Gottes angesprochen. Zum Thema Weltmis¬sion haben wir Reinhard Bonnke eingeladen.“

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß in der öffent¬lichen Werbung für diesen Marsch der Gedanke an Geistliche Kriegsführung nicht so deutlich ausgesprochen wird, sondern mehr der Eindruck einer ökumenischen Bekenntnisveranstaltung vermit¬telt wird.

Tatsache ist allerdings, daß dieser Marsch wie kein anderer vorher im Sinn der Geistlichen Kriegsführung gedacht, geplant und veranstaltet wurde.

Weiter fällt auf, daß in den Informationsschriften zum Jesus Marsch oft die Rede vom „Freisetzen“ ist. Dienste im Reich Gottes sollen „freigesetzt“ werden, Deutschland soll für seine „endzeitliche Berufung freigesetzt“ werden, Evangelisation und Anbetung sollen „freigesetzt“ werden, eine Haltung der Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten soll „freigesetzt“ werden.

Diese „Freisetzung“ ist nach Auffassung der Gebetskämpfer dann möglich, wenn vorher die dämonischen Mächte gebunden oder unschädlich gemacht und die Herrschaft Jesu proklamiert wurde. Zahlreiche bekannte Charismatiker glauben allerdings darüberhin¬aus, daß sie immer dann, wenn sie eine besondere „Salbung“ des Heiligen Geistes empfangen haben, „Geistesgaben“ oder „Wirkun¬gen des Heiligen Geistes“ freisetzen können.

 

Der Marsch

Bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen trafen sich die Teilnehmer des Marsches auf dem Breitscheidplatz vor der Kai¬ser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die Zahlenangaben schwanken, die Veranstalter gaben eine Zahl von ca. 75.000 Menschen an, einige Zeitungen und Beobachter schätzten etwa 50.000 Teilnehmer.

Etwa viereinhalb Stunden dauerte der 8 Kilometer lange Marsch bis zum Olympiastadion. Damit in dieser ungewöhnlichen Prozession gewährleistet war, daß alle zur gleichen Zeit dasselbe sangen und die gleichen Gebete sprachen, wurde die Liturgie auf einer UKW-Frequenz übertragen und über mitfahrende Lautsprecherwagen an die Marschierenden weitergegeben.

Im Rap-Rhythmus hörte man aus Hunderten von Lautsprechern:

Leiter: „Wer hat Macht zu retten?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Wer hat den Tod besiegt?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Wer ist aller Herr?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ruft seinen Namen!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Den höchsten Nam‘!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ruft es immer lauter!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ich liebe diesen Namen!“

Alle: „Jesus!“

Alle: „Wir bringen diesen Namen allen Nationen. Proklamiert allen Generationen: König der Völker, dein Reich bricht an. Dein Wille geschehe in unserem Land. König der Völker!“ 24

Mit diesen und ähnlichen Sprechchören, Marsch-Liedern und Gebeten zog man mit Transparenten, Luftballons usw. singend und tanzend durch die Straßen, um „Gott zu feiern“.

Die Erwartungen der Veranstalter wurden nicht ganz erfüllt. Man hatte mit so vielen Besuchern gerechnet, daß man die Abschlußver¬sammlung evtl. auch per Video auf das Maifeld übertragen wollte. Doch ein großer Teil der Marschierenden suchte die Abschlußveranstaltung offensichtlich nicht auf. Auch hier schwanken die Anga¬ben, die Veranstalter sprechen von 50.000 Teilnehmern im Stadion, Beobachter von ca. 30 – 40.000. Jedenfalls war das Stadion mit 76.000 Sitzplätzen nur etwa zur Hälfte gefüllt.

Beim Eintritt ins Olympiastadion mußten diejenigen, die sich nicht angemeldet und die Teilnahmegebühr von DM 18.- bis DM 25.- (je nach Anmeldedatum) bezahlt hatten, ca. DM 20.- zahlen, um das Programmheft zum Eintritt ins Stadion zu bekommen. Diese Tat¬sache, sowie die große Hitze, waren sicher einige der Gründe, warum die Teilnahme an der Veranstaltung im Olympiastadion nicht den Erwartungen der Veranstalter entsprach.

Zu Beginn wurden die Gäste von Walter Heidenreich aufgefordert, Jesus mit einem „Klatschopfer“ zu begrüßen, worauf dann fünf Minuten lang heftig applaudiert wurde.

Nachdem dann einige Redner ihr Bedauern darüber ausgedrückt hatten, daß im Land der Reformation der Einfluß der Bibel stark zurückgegangen sei, wurde von den Teilnehmern folgende „Prokla¬mation der Hingabe an das Wort Gottes“ ausgesprochen:

„Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung. In ihr begegnet uns Christus, das lebendige Wort Gottes. Ich bekenne ihre lebendige Kraft, ihre erlösende Wahrheit und abso¬lute Gültigkeit. Gottes Wort ist die höchste Autorität und der bleibende Maßstab für alle Bereiche meines Lebens. Alles soll ihm untergeordnet werden. Ich will die Bibel lesen und lieben. Ich will sie ehren und leben. Ich will Gottes Wort nie verleugnen oder verwässern. Ich ver¬pflichte mich, die Wahrheit der Schrift hoch zu halten und zu verkündigen, in diesem Land und in aller Welt, bis Christus wie¬derkommt und alles erfüllt ist, was geschrieben steht. Amen.“

Dieses Bekenntnis zur Bibel, das sicher jeder bibeltreue Christ freu¬dig unterstreichen kann, steht allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu den unbiblischen Theorien und Praktiken wie z.B. „Prophetie“ und „Geistliche Kriegsführung“, die in dieser Bewe¬gung üblich sind.

Hauptredner dieser Veranstaltung war Loren Cunningham, der Gründer und Leiter von JMEM, der u.a. erklärte, daß Gott ihm „im Geist“ offenbart habe, daß künftig tausende Deutsche auf den Mis¬sionsfeldern in aller Welt tätig sein werden.

Als Bekräftigung dafür, daß Gott so mit ihm rede, wies Cunning¬ham auf eine Vision im Jahr 1987 zurück, die er während der „Feu¬erkonferenz“ unter der Leitung von Reinhard Bonnke ausgespro¬chen hatte. Damals habe er den Fall der Berliner Mauer voraus¬gesagt.

Tatsächlich hatte damals Loren Cunningham in Frankfurt prophe¬zeit, daß Deutschland wieder eine vereinte Nation werden würde. Allerdings hatte er die Einheit der Christen in Deutschland als not¬wendige Vorbedingung für die Vereinigung der Nation genannt. Wörtlich sagte er damals in Frankfurt in deutlicher Anspielung auf die „Berliner Erklärung“:

„Gott fing an, mir ein Gebet für Deutschland zu geben, daß die Kirche in Deutschland wieder eins wird. Und Er sagte: ‚Dann wird die Nation auch wieder eins werden…‘ Ich glaube, daß es wieder ein Deutschland geben wird.“ 25

Leider wird bis heute diese „Prophezeiung“ von Loren Cunning¬ham nicht korrekt wiedergegeben. In Berlin sagte Cunningham in Bezug auf Deutschland:

„Gott will, daß durch Deutschland die Völker der Erde gesegnet werden.“ 26

Hier erliegt Cunningham dem Irrtum, den wir schon bei den „Pro¬pheten“ festgestellt haben. Daß diese „Prophezeiung“ nicht mit der Bibel gestützt werden kann, dürfte jedem Bibelleser deutlich sein. In unserer Zeit gibt es keine politische Nation, die ein Segensträger für die Welt ist, sondern nur eine Person: Jesus Christus und seine Gemeinde, die aus Menschen aller Nationen besteht, aus Men¬schen, die an ihn glauben.

Nach der Ansprache von Cunningham zog eine Fahnenprozession mit 205 Fahnen der verschiedenen Nationen durch das Stadion, angeführt mit der Fahne Deutschlands und Israels.

Die Veranstaltung ging damit zuende, daß sich anschließend kleine Gruppen um jede Fahne scharten, um für das jeweilige Land zu beten.

Nach Angaben der Veranstalter haben sich an diesem Tag weltweit etwa zwölf Millionen Christen in 177 Ländern an Jesus-Märschen beteiligt.

Vier Wochen nach dem Marsch wurde vom „Marsch für Jesus e.V.“ ein Rundschreiben verschickt, in dem u.a. folgendes zu lesen war:

„Wir haben sehr viel Grund zu danken! Was für ein wunderbarer Tag war das in Berlin! Es wird noch längere Zeit dauern, um immer mehr zu entdecken, was Gott alles Gutes tat und noch tun wird.

Es war ein Tag, den Gott auf dem ganzen Globus zu einem besonderen Ehrentag für sich gemacht hat. Was für eine Freude, beim Marsch zusammen mit ca. 75.000 Geschwistern aus vielen Konfessionen und Gruppierungen Jesus Christus als Herrn der Welt und Herrn über Deutschland zu erheben! Und das in dem Wissen, mit vielen Millionen Christen rings um den ganzen Erd¬ball verbunden zu sein!

 … Wir haben uns als Vorstand mit dem Leitungsteam und den verantwortlichen Pastoren aus Berlin nach dem Marsch für mehrere Tage getroffen, und wir waren uns in der Gesamt¬bewertung dieses Tages einig: Es war ein historischer Tag für die Christenheit unseres Landes und für unsere ganze Nation – ein Tag, der unsere Welt verändert hat!

Dennoch entsprach die Abschlußveranstaltung im Olympia¬stadion nicht vollständig unseren Erwartungen, weder was die Teilnehmerzahl, noch was den Verlauf angeht…“

Es werden dann u.a. organisatorische Mängel genannt, das zu lange und zu schwere Programm im Stadion und schließlich der Minus¬betrag von DM 1,4 Millionen bei einem Gesamtbudget von DM 2,4 Millionen.

Außerdem wird bekannt, daß man nicht aufmerksam genug auf den Rat von begleitenden Freunden gehört habe und zu wenig Zeit und Kraft investierte, um das Maß an Einheit zu erreichen, das für eine solche Veranstaltung nötig gewesen wäre.

Der Rundbrief endet dann mit folgenden Worten:

„Wir haben für all diese Dinge ehrlichen Herzens vor Gott und voreinander Buße getan, um Vergebung gebeten und einander Vergebung zugesprochen.

Um diese Vergebung bitten wir auch Euch von ganzem Herzen! Wir vertrauen und hoffen auf Eure Hilfe zur Begleichung der noch anstehenden Defizite. Der Herr bewege Eure Herzen, Sein Werk in Berlin und für dieses Land auch nachträglich mitzutragen! Gott segne Euch alle!“

So anerkennenswert dieses Bekenntnis ist, bleiben doch manche Fragen offen, was die angekündigten Veränderungen, Freisetzun¬gen usw. betrifft. Schade, daß man scheinbar nur formale Fehler und Mängel eingesteht, anstatt die Veranstaltung an sich in Frage zu stellen.

Im Stadion wollte man ursprünglich nur für ein Katastrophengebiet sammeln, es wurde aber auch für die eigene Veranstaltung gesam¬melt und trotzdem blieb ein Minus von DM 1,4 Millionen.

Kann es sein, daß ein solcher Tag, „der die Welt verändern“, der „eine Welle der Weltmission“ auslösen und der die „Weichenstel¬lung für die Berufung Deutschlands“ freisetzen soll – wenn er wirk¬lich dem Willen Gottes entspricht, trotzdem mit einem solchen Defizit endet?

Vor 13 Jahren hatten ebenfalls im Berliner Olympiastadion die „Berliner Bekenntnistage“ aufgrund einer Vision Volkhard Spitzers stattgefunden. Auch damals wurden 100.000 Teilnehmer prophezeit und eine Ausgießung des Heiligen Geistes angekündigt. Etwa 25.000 Teilnehmer befanden sich schließlich im Stadion und nach der Veranstaltung mußte V. Spitzer einen ähnlichen Brief schreiben, in dem er „menschliche Planungsfehler“, „Übereifer“ und „voreili¬ges Reden über von Gott Anvertrautes“ bekannte.

Auch sein Brief endete nicht mit einer kritischen Selbstprüfung, sondern mit der Bitte um finanzielle Zuwendungen, um die Schul¬den bezahlen zu können.

Sollte die große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Charismatischen Bewegung nicht Grund genug sein, sich einmal grundsätzlich in Frage zu stellen?

 

Reaktionen

Wie zu erwarten, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. In der Woche vor der Veranstaltung gab es Schlagzeilen in den Zeitungen. So schrieb z.B. die Morgenpost: „Massenexorzismus auf Berlins Straßen?“, womit auf den Aspekt der Geistlichen Kriegsführung des Jesus-Marsches hingewiesen wurde.

Die offiziellen Kirchen reagierten zunächst sehr zurückhaltend mit der Bemerkung, daß sie offiziell nicht an der Vorbereitung des Mar¬sches beteiligt waren.

Die Evangelische Allianz dagegen äußerte sich erstaunlich kritisch. So erklärte der Vorsitzende Pastor Fr. Eckert gegenüber „idea“:

„Wir haben Bedenken gegen religiöse Märsche, bei denen Gläu¬bige ganze Länder von dämonischen Mächten freibeten wollen. Damit ist nicht gesagt, daß sich unter den Teilnehmern des Mar¬sches für Jesus nicht auch viele Christen mit ehrenwerten Moti¬ven befinden.“ 27

Auch die baptistische Referentin beim Ökumenischen Rat in Ber¬lin, Frau Dr. Andrea Strübind, hatte in einer Stellungsnahme u.a. festgestellt:

„… Nach außen hin scheint der Marsch für Jesus als Demonstra¬tion für Jesus und ein Tag des Gebets, damit ‚in jedem Land die Botschaft von Jesus Christus bekannt wird‘… Der Marsch wird vorwiegend als ökumenische Aktion vorgestellt, an der Mitglie¬der vieler Kirchen, Konfessionen und Denominationen beteiligt sind. Wird dagegen von den Verantwortlichen in den Teilneh¬mern nicht eher das Aufgebot der bisherigen charismatischen Bewegung gesehen, wobei alle Beteiligten unter diesem Vorzei¬chen vereinnahmt werden? Diese Interpretation scheint denkbar durch die Formulierung, daß der Marsch ‚Ausdruck einer wach¬senden Bewegung des Lobpreises, der Fürbitte und der Mission in unserem Land‘ sei.

Der Marsch für Jesus könnte nach Ausweis der Materialien als Teil der sog. ‚territorialen Kampfführung‘ verstanden werden. Dieser exorzistische Grundansatz der Demonstration wird jedoch nicht öffentlich bekanntgegeben…“ 28

Möglicherweise hat auch W. Kopfermanns kritische Haltung der Geistlichen Kriegsführung gegenüber dazu beigetragen, daß viele Evangelikale und Charismatiker den Jesus-Märschen mit wachsen¬der Skepsis gegenüberstehen.

In der Zeitschrift „dran“ (Bundes Verlag), die zu dem „großen und moderaten Strom“ der Charismatischen Bewegung eine freundliche Nähe hat, bezog W. Kopfermann in einem Interview mit Ulrich Eggers Stellung zum Jesus-Marsch:

„U.E.: Ihre Bedenken gegen die geistliche Kampfführung mü߬ten Sie ja eigentlich auch zu einem gemischten Gefühl in Rich¬tung auf den Marsch für Jesus veranlassen…

W.K.: Ja, das ist auch so. Es gibt da zwei unterschiedliche Bewertungen in mir. Einmal ein Unbehagen gegenüber dem Argumentationsstrang, daß mit dem Marsch angeblich Dinge über Deutschland freigesetzt werden und daß durch die Prokla¬mation des Volkes Gottes in der unsichtbaren Welt etwas geschieht. Das ist für mich abwegig. Andererseits sehe ich die Sehnsucht des Volkes Gottes nach Einheit, die Öffentlichkeitswirkung großer Veranstaltungen und die Tatsache, daß die meisten diese explizite Kampfführungs¬-Theorie, die hinter dem Marsch steht, zum Glück gar nicht ken¬nen. Also sage ich unseren Leuten, daß wir uns nicht aus¬schließen wollen und hinfahren. Wenn Gott von Menschen ehrlich gesucht wird, dann wird er sicher auch dann Segen geben, wenn ein Teil der Theologie fragwürdig ist.

U.E.: Wird diese „Schlacht“ der geistlichen Kampfführung in Berlin die erhoffte Erweckung „freisetzen“?

W.K.: Diese Erwartung teile ich nicht. So einfach ist Erweckung nicht zu haben.“ 29

Auch die inzwischen veröffentlichte kritische Stellungsnahme der Lausanner Bewegung zur Geistlichen Kriegsführung (siehe Anhang) wird dazu beigetragen haben, daß man im deutschen evan¬gelikalen Lager sehr zurückhaltend den Berliner Jesus-Marsch kommentiert.

Inwieweit dieser Tag die Welt verändert hat, kann jeder selbst nachprüfen. Schade nur, daß die Veranstalter selbst offensichtlich diese kritische Selbstprüfung nicht vornehmen, sondern von einer Aktion zur anderen eilen.

Drei Wochen später fand vom 14. – 17.7.94 der Euro-Teenager-Congress in Recklinghausen statt. Die Leitung hatte Walter Heidenreich unter Mitwirkung von Paul Cain, Kevin Prosch, Peter Vlug usw. Auch hier wird deutlich, wie eng die Prophetenbewegung mit der Geistlichen Kriegsführung und der Jesus Marsch-Bewegung ver¬bunden ist.

 

Der Stellenwert der Musik

Es würde den Rahmen dieses Buches und auch meine Kompetenz übersteigen, dieses Thema hier ausführlich zu behandeln. Daher beschränke ich mich darauf, einige Beobachtungen weiterzugeben und auf einige Tendenzen aufmerksam zu machen.

Sowohl die „Prophetenbewegung“, wie auch die „Geistliche Kriegsführung“ und damit in Verbindung die Jesus-Marsch-Bewe¬gung ist ohne Musik kaum denkbar. Inzwischen gibt es auch unter den Evangelikalen einen Boom an sog. „Anbetungsmusik“, weil „Anbetungsgottesdienste“ nun auch in den nicht typisch charismatisch geprägten Kirchen und Freikir¬chen modern geworden sind. Tatsache ist allerdings, daß fast alle modernen „Anbetungslieder“ charismatischen Ursprungs sind. Die Wichtigkeit von „Lobpreismusik“ in dieser Bewegung hatte Roger Forster bereits 1987 beschrieben:

„Wir befinden uns nicht auf einem Spaziergang, sondern wir gehen ernstzunehmende Anliegen an, indem wir versuchen, eine wirkliche Veränderung in der unsichtbaren Welt zu schaffen. Dies werden wir mit Lobpreismusik und festlichen Märschen erreichen, gemeinsam mit unserem Christus, der uns stets im Siegeszug mitführt.“ (2. Kor. 2,14) 30

Lobpreismusik wird also als ein Mittel angesehen, „Veränderungen in der unsichtbaren Welt“ zu bewirken.

Andererseits wird Musik auch bewußt eingesetzt, um zu stimulieren:

„…Um dem Aspekt der Festlichkeit Ausdruck zu verleihen, haben unsere Märsche fast eine Art Karnevalsatmosphäre. Eini¬ge von uns verkleiden sich als Clowns, andere tragen grelle Farben; auch haben wir Luftballons und farbenfrohe Banner mit dabei, und natürlich darf fröhliche, beschwingte Musik nicht fehlen – all das, um Gottes verschwenderische Liebe für diese Welt zu feiern.“ 31

Wie sehr Musik zur Stimulation eingesetzt werden kann, konnte man auf dem Gemeindekongreß ’93 in Nürnberg beobachten. Die Musikgruppe um Graham Kendrick und Thomas van Dooren war in der Lage, eine ausgelassene Karnevalsatmosphäre zu erzeugen, die dazu führte, daß die etwa 4.000 Teilnehmer durch die Festhalle tanzten. Wenige Minuten später zerfloß die Menge in „Anbetung“, weil entsprechend sanfte und gefühlvolle Musik gespielt wurde.

Bereits auf dem 1. Gemeindekongreß ’91 hatte man öffentlich fest¬gestellt, daß die Charismatische Bewegung besonders durch ihre Lieder und Musik Eingang in bisher nichtcharismatische Kreise gefunden hat. Auf diesem Gebiet hat besonders JMEM intensiv gearbeitet und Tatsache ist, daß es heute wohl kaum ein Liederbuch gibt, welches nicht Lieder aus der Charismatischen Bewegung und speziell von JMEM enthält. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn langsam aber sicher cha¬rismatische Auffassungen durch dieses Liedgut in die Gemeinden eindringt und die Theologie dieser Gemeinden beeinflußt. Martin Wollin schreibt sehr richtig:

„ …Luthers Feinde wüteten darum mehr über die neuen Lieder als über seine Verkündigung, wohl wissend, daß gesungene Dogma¬tik in der Bevölkerung weit haltbarer Fuß fassen konnte als jede Predigt. Wir haben es also in unserem Gesangbuch im allgemeinen mit gesungener Lehre zu tun. Die Auswahl der Lieder war Sache rein theologisch motivierter Fachleute, entscheidendes Kriteri¬um die Vermittlung von theologisch sauberen Aussagen über Gott, Gottes Reich und die Kirche.“ 32

Wenn man geistliche Lieder tatsächlich mit „gesungener Dogma¬tik“ bezeichnen kann, dann hat die Theologie der Charismatischen Bewegung allerdings Eingang in alle christlichen Kreise gefunden. Dann kann man sich nur über die Naivität der verantwortlichen Männer wundern, wenn sie neue Lieder aus der Charismatischen Bewegung für harmlos halten.

Sehr aufschlußreich ist folgender Auszug aus einem Interview mit Kevin Prosch und Martin Bühlmann, das von Peter Aschoff geführt und in der Zeitschrift „Gemeinde Erneuerung“ der GGE veröffentlicht wurde. Hier wird deutlich, welchen Stellenwert Musik in der Charismatischen Bewegung einnimmt.

Kevin Prosch aus Anaheim/USA ist der Vineyard-Anbetungsleiter und dafür bekannt, „in der Anbetung neue Akzente“ gesetzt zu haben. 33

Martin Bühlmann ist Leiter der „Basileia“ Bern, einer charisma¬tischen Laienbewegung unter dem Dach der Evangelischen Kirche, der u.a. auch Konferenzen mit John Wimber in Bern durch¬geführt hat.

„GE: Kevin, ich höre bei Dir viel Instrumentalmusik. Hast Du damit besondere Erfahrungen gemacht?

Kevin Prosch: Ich habe gemerkt, daß bestimmte Wirkungen des Heiligen Geistes nur eintreten, wenn ich mit dem Schlagzeuger zusammen spiele, also nicht singe. Oft wirkt das wie eine Pro¬phetie, die die Herzen der Menschen berührt. In Australien haben wir viele Heilungen und Wunder erlebt. Dort fing eine Frau, die vor 21 Jahren eine Verletzung an der Wirbelsäule erlit¬ten hatte, wieder an zu gehen. In England erleben wir immer wieder, daß in dem Moment, wo wir anfangen zu spielen, Menschen aufschreien, weil sie von Dämonen befreit werden.

GE: Es scheint manchmal, daß es beim Thema Anbetung einen Generationskonflikt gibt. Geht es da nur um verschiedene Formen oder auch um Inhalte?

Martin Bühlmann: Inhaltlich geht es darum, daß das, was kommt, viel größer ist als das, was wir vor zehn Jahren erlebt hatten – nämlich die erlebbare Gegenwart Gottes in einem Maß, wie wir das in den letzten fünfzig Jahren nicht gesehen haben. Aber beim Stil und der Lautstärke beginnt der Generationskon¬flikt. Die Nachkriegsgeneration ist in ganz anderer Weise offen für die Musik. Und so sehr er auch verteufelt wurde: Der Rock’n’Roll hat der Welt eine Sprache gegeben, die alle verste¬hen. Gott wird diese Sprache nehmen, um den Völkern das Heil zu vermitteln.“

Über die Herkunft und negative Wirkung von Rockmusik ist schon viel geschrieben und gesagt worden (vgl. U. Bäumer: Rockmusik – Revolution des 20. Jahrhunderts, CLV). Eine solche Aussage aber, das nicht das Wort Gottes, oder die Verkündigung des Wortes Gottes, sondern Musik – und ausgerechnet Rockmusik – das Mittel sei, durch welches Gott sein Heil den Menschen vermittelt, zeigt, wie weit man sich von den geistlichen Prinzipien des Neuen Testamen¬tes entfernt hat.

Wenn diese Auffassungen Schule machen, wird man sich in den neueren charismatischen Bewegungen wahrscheinlich daran ge¬wöhnen müssen, daß nur noch Veranstaltungen mit Rockmusik besondere „Wirkungen des Heiligen Geistes“ hervorbringen.

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