Jesus gestaltender Künstler

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Erich Schweckendiek

 

JESUS GESTALTENDER KÜNSTLER

 

  –  Lebensstil – Gleichnisse – Predigten  –

 

Inhalt

Die Kunst Jesu
Präludium der Passion
Jesu Abendmahl und das Künstlerische in ihm
Kunst und Passion
Das Allerheiligste
Der Karfreitag:

Die Umwandlung aller Schönheitsbegriffe.
Das heilige Schweigen
Der Herrenmensch und der Herr, der allein Mensch ist.
Dem Tode nahe.
Der letzte Weg
Aus der Stadt heraus
Furchtbare Gesichte
Das Sterben
Die sieben Worte am Kreuz.
Das Grab im Felsen   und die Kunst.

 

Die Kunst Jesu.

Gibt es eine Kunst Jesu? War Jesus ein Künstler?

Das ist die Frage, die bis heute noch nicht beantwortet ist, und es ist hohe Zeit, daß es geschieht. Ich weiß wohl, daß die Frage erstaunten Gesichtern begegnet, ja, daß sich auf ihnen zumeist das Erstaunen mit Unwillen mischt. »Soll Jesus herabgezerrt werden aus göttlicher Höhe in die Niederungen der Menschheit? Dahin, wo es nach Ateliers riecht, dahin, wo Künstlerohnmacht und Künstlereitelkeit bei allem redlichen Wollen doch immer zu Hause sind und immer zu Hause sein werden?« So wehren sich die einen und weisen allein schon die Stellung der Frage als etwas Entwürdigendes ab, als etwas, was Jesus herabsetzen muß, wenn sie mit »ja« beantwortet wird.

Von der einen Seite heißt es da, »will man Jesus, nachdem man ihm irrend menschlich die höchsten Ehrennamen gegeben und ihn dankbar kindlich noch über die Herren aller Zeiten gestellt hat, nachdem man das wundersamste Wissen und das wunderbarste Können von ihm erzählt hat,   will man ihn da auch noch mit der Künstlergilde in Berührung bringen? Ihm so eine Art Ehrenmitgliedschaft erringen? Man lasse das lieber! Denn die Größe der wahren Künstler wird ihn so klein erscheinen lassen, daß damit sein ganzes Wesen und sein Werk seines Nimbus entkleidet wird.«

Ich weiß, daß es nicht nur diese beiden Auffassungen gibt. Dazwischen lebt noch eine andere. Sagen die einen: »Kunst ist belanglos, wo es sich um Glaube und Offenbarung handelt«, sagen die andern: »Glauben und Offenbarung sind Wahn, sind nichts, Kunst ist alles, ist einzige Religion, einzige Menschheitshöhe«, so meint eine dritte Gruppe, daß, wenn man wirklich Künstlertum bei Jesus entdecken würde, das dann aber noch keine größere Rolle spielen würde, als wenn man bei Leonardo da Vinci Kenntnisse der heutigen Flugtechnik fände.

Alle drei Gruppen gehen Irrwege.

Nur eins ist befremdlich.

Wie ist es möglich, daß Welt und Kirche, Kunst und Glaube bisher an der Kunst Jesu vorübergegangen sind?

Wie war es möglich, daß ein Strom von Kunst sich aus dem Leben Jesu in die Zeit ergoß, ja daß die höchste Kunst, die wir haben, ohne ihn undenkbar, unmöglich ist,   und daß die blinde Welt nicht sah, daß der Spender, der Erwecker dieser Gaben, selber höchste, herrliche Kunst geschaffen hat?

Wie war und ist es möglich, daß immer wieder neu unvergleichliche Motive, Anregungen, Vorwürfe, Vorlagen dem Künstler aus dem Leben Jesu sich zwingend aufdrängen   und daß niemand merkte, daß Jesus selber das Geheimnis der ewigen Kunst in sich trug, es in jedes seiner Worte hineinverwob und   nun kommt das, was man kaum sagen darf, was aber gesagt werden muß: Kunst lebte, unerreichbare Kunst lebendig darstellte, verlebendigte?

Die Kunst hat sich nicht des Lebens Jesu bemächtigt, sondern das Leben Jesu hat sich der Kunst bemächtigt und ihr letzte Wege gewiesen, über die es nicht hinausgeht, nie hinausgehen wird.

Ein Bild, ein Erlebnis genügt schon, um dich das empfinden zu lassen,   daß es   vielleicht wie ein Erschrecken   über dich kommt: Welch unergründlich tiefe Kunst liegt hier zugrunde, ist hier vorausgegangen und hat den Künstler bei der Hand genommen, der begnadet wurde, sie zu verstehen, zu erleben und umgeformt weiterzugeben:

Matthäuspassion!

Das ist ein Letztes, nicht mehr Rubrizierbares. Da kommt Musik zu einer Blütenentfaltung verborgener Herrlichkeiten, wie sie vor Christus und ohne Christus einfach nicht da ist und nicht da sein kann. Eine Blütenentfaltung, die in ganz anderem Sinne Kunstoffenbarung genannt werden muß, als dies Wort gemeinhin gebraucht wird. Denke nur an die Tonführung bei der Einsetzung des heiligen Abendmahls: »Nehmet, esset, das ist mein Leib!« Andacht, inneres Erbeben, Tiefe, Zartheit, Wohllaut, Miterleben, zitternde Erwartung, Trauer, Ergriffenheit, Hingabe – alles das wird geweckt und rauscht auf zu einer nie gekannten Harmonie des Empfindungslebens – durch ein paar Worte!

Vollendete, besondere Form!
Ewiger Inhalt!
Das begegnet uns in ihnen.
Und das, nur das ist Kunst.  –  Ja, es gibt eine Kunst Jesu!

Nur wer dies versteht, begreift und fühlt, versteht auch das Leben Jesu ganz, nicht nur seine Worte, erkennt, daß sich auch im Leben und Wandeln Jesu etwas ewig Schönes, etwas nach Form und Inhalt Vollendetes offenbart, das allen Maßstäben der höchsten Kunst genügt und   doch nicht von ihnen gemessen werden kann.

Ein besonderer Weg, Kunst Jesu zu sehen.

Ein besonderer Weg, Kunst Jesu zu sehen – ein Weg, der bisher noch nie begangen ist, führt mitten hinein ins Wesentliche. Darf man sagen, in die Kunstseele Jesu? Fast möchte man’s, wenn man nicht wüßte, daß keine Seelenkraft gesondert neben der andern besteht.

Der gewöhnliche Weg ist ein anderer. Einer, der eigentlich viel näher liegt. Das ist der, wo man einfach fragt: »Gibt es Kunstwerke Jesu? Wie sehen sie aus? Welche charakteristischen Eigenschaften haben sie? Welche Schönheiten weisen sie auf?«
Wie man eine Gemäldegalerie studiert, so möchte man Jesu Werke beschauen, kritisieren, die Werke anderer Künstler daneben halten und dann das Ergebnis feststellen. Da ist ja der buntgewirkte Teppich seiner Gleichnisse. Da sind ja die lebendigen Gestalten, die sprechenden Ähnlichkeiten in ihnen, da in einem sich tausendmal tausend wiedererkennen. Da sind seine Sprüche, die wie Lieder klingen, seine Gerichtsworte, die wie Donner rollen, seine Bilder, die jede leere Phantasie mit einer Fülle von Geschautem beleben und den Stumpfen zum Erwachen bringen, den langsamen Menschengeist überraschen, den kühnen Denker überholen.

Das alles sind doch greifbare Kunstwerke, vor die man sich geradeso hinsetzen kann wie vor Rembrandts Nachtwache in Amsterdam, um sie sinnend zu betrachten, zu genießen   einzuschätzen. Herkömmliche Kunstbetrachtung, bei der es auch bis zur Überwältigung kommen kann. Kommen kann! Aber ebensogut kann man glatt an diesen Kunstwerken vorbeigelangen, vorbeilaufen, so daß man kaum merkt, es mit höchster Kunst, es überhaupt mit wahrer Kunst zu tun gehabt zu haben, die allein als Kunst schon unendlich viel zu sagen hat. So ist es doch gewesen. Und so ist es noch heute. Dickleibige Kommentare füllen die Bücherborde der theologischen Wissenschaft. Jahrhunderte um Jahrhunderte legt man aus, legt man hinein, spricht man von den Evangelien, von den Gleichnissen Jesu und deren Sinn, streitet sich um die richtige Auslegung – und sieht den Wald vor Bäumen nicht.

Höchstens, daß einmal ein anerkennendes Wort über die Form fällt, in der Jesus seine Gedanken darbietet. Dann heißt es aber   beinahe entschuldigend   weiter, daß die bunte Form ja nur Hülle sei und Jesus in der Sprache seiner Zeit rede; er benutze die orientalische Bildersprache, die der Orientale nun einmal übernommen habe, und die Jesus als Kind seiner Zeit gebrauche. Die Hauptsache sei ja der Inhalt, der sich ergäbe, wenn man dem Gedanken die orientalischen Gewänder ausgezogen habe. Eigentlich   das wird nicht gesagt, aber das meint man   hätte er sich anders ausdrücken müssen.  –  Ein Glück, für die Menschheit, daß er’s nicht getan hat.

Hülle und Inhalt!

Man trenne sie einmal bei der Sixtinischen Madonna, man löse die Form auf, ziehe sie dem Bilde aus und lasse nur den Grundgedanken stehen: er wird nicht mehr da sein. Man trenne bei einem Volksliede die Form vom Inhalt, z. B. »Es sah einmal auf der Heide ein Knabe eine kleine Rose« usw.   und man sieht mit Erschrecken, daß Inhalt und Form, Wahrheit und Form nach eigenen Gesetzen aufeinander angewiesen sind.

Doch die Tatsache liegt nun einmal vor: die Kunst Jesu ist nicht gesehen worden. Sonst wäre das Wissen um die Kunst Jesu, das Ergriffensein von ihr, das Erbaut  und Beseligtwerden durch sie Allgemeingut der Christenheit, der Kirche, der Bibelleser und Evangelienkenner.

Und sie muß gesehen werden. Endlich muß das geschehen; die Christen bringen sich sonst um einen Reichtum, der so manche arme, leere Zeit in Glück und Leben verwandeln kann. Die Herrlichkeit Christi ist zu einem großen Teile nicht erkannt, wenn dies nicht erkannt ist. Es gilt Jesu Ehre.

Es gibt einen besonderen Weg.

Einen Weg mitten ins Wesentliche der Kunst Jesu, in Jesus selbst hinein, wo er Kunst schafft, bietet.

Ein Weg, nicht an bekannten Kunstwerken vorüber, die zudem nicht sehr unmittelbar wirken, weil man uns ihre Unmittelbarkeit ausgeredet hat oder weil unsere Sinne dafür zu stumpf geworden sind   durch Glaubens  und Richtungsstreitigkeiten sowohl wie durch Verbildung. Jeder kennt diesen besonderen Weg   und kennt ihn doch nicht.

Das ist Jesu – letzter Weg.

Der Weg, der in die Nacht von Gethsemane, in die Nacht des Verrates, in die Finsternis am Karfreitag führt!

Ein Weg, bei dem es ausgeschlossen erscheint, daß uns da Kunst und Kunstschaffen begegnet, begegnen darf; denn von Kunst stammt ja das böse Eigenschaftswort künstlich.

Gehen wir ihn mit ihm.

Begleiten wir ihn auf dem Wege des Leidens und Sterbens von Anfang bis zu Ende, und wir werden erschauernd eine Kunst ahnen, die nichts mehr mit der Mühsal künstlerischen Spezialistentums zu tun hat, sondern von ihr so weit entfernt ist wie der Himmel von der Erde.

Ja, es hat Künstler gegeben und es gibt sie durch Gottes Gnade immer wieder, die scheinbar mühelos wie im Rausche schaffen, Zeit und Raum vergessend, losgelöst von der Erde, ohne alle Erdenschwere, aber ihr Ziel, ihr Drang ist dabei doch immer geweihte Kunst selber   also nur ein Teil des Lebens.

Jesu Ziel ist: Gott, Menschheit und Ewigkeit.

Ziel – und zugleich Gegenwart und Vergangenheit. Jenseits im Diesseits.

Im Diesseits, das als Volk, Geschichte, Schicksal, Kampf vorüberzieht, durch das er hindurchzieht, vollendete Kunst offenbarend. –  Der Weg des Leidens und Sterbens.

Präludium der Passion.

Es gibt in Jesu Leben ein Bild, das nie gemalt worden ist und das den nie wieder losläßt, der einmal innerlich in sein Schauen versunken war. Das ist jene Stunde, wo sich Jesus vom Anblick der hochgebauten Stadt, die friedlich zu seinen Füßen schlafen geht, nicht losreißen kann, und die Ergriffenheit ihn so übermannt, daß er seinen Tränen über Jerusalem freien Lauf läßt.

Es ist Zeitenwende, es ist Weltenwende! Gott hat sein Volk heimgesucht – und keiner merkt es, keiner glaubt es; keiner ahnt es, daß bald so blutrot die Feuergarben der Zerstörung den Himmel malen werden, wie es jetzt die Abendröte tut, und das Schweigen des Todes auf Zion herabsinkt. Schluchzen schüttelt da den Mann, der am Kreuz keine Träne vergießt, als sein Leib zerbricht. Denn er liebt. Er liebt sein Volk und sieht das Entsetzliche kommen, sieht die Ströme von Blut, die aus dem brennenden Tempel zu Tal eilen, hört im Geist die Schreie der Sterbenden, der Verzweifelnden   und ist doch machtlos? Er kann sein Volk nicht zur Besinnung bringen, daß es die Bedeutung der Stunde erkennt und seinen Rettet nicht tötet. Furchtbares Los, die grausige Zukunft so sicher eintreten zu wissen wie die Mitternachtsstunde   und sie doch nicht abwenden zu können! Im Geist es greifbar deutlich schauen zu müssen, wie das Volk, sein Volk, sich selbst verstößt, indem es ihn verstößt, wie es dann nach der Katastrophe zum ruhelosen, ungläubigen Weltenwanderer wird, überall zu Hause und doch überall heimatlos, immer die Folgen einer unseligen Stunde tragend, – ohne gerade das je zuzugeben.

»Wenn du doch erkenntest, zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!« ruft Jesus aus. Nein, Zion erkennt seine Zeit nicht. Es hat anderes zu tun. Außerdem geht ja alles trotz der römischen Besatzung seinen geregelten Gang und die Tempelsteuer geht pünktlich ein, die herrschenden Klassen haben es gut, und die Frömmigkeit der Pharisäer gedeiht und hängt dem Gesetz tausend neue Gesetzlein an, damit dem Buchstaben bis ins kleinste genügt wird, daß man sogar Minze, Dill und Kümmel zur Zehntenabgabe empfiehlt. Das ist wichtiger, als auf den Pulsschlag der Zeit zu achten. Es wird morgen so sein, wie es gestern war. So hat sich von eher der Alltagsmensch getröstet! Und wie anders kommt es! Ja, hätte ihnen Jesus Titus und seine Heere, die 40 Jahre später kamen, zeigen können, irgendwie, im Bilde oder magisch, mitsamt all den Schrecknissen und der anschließenden Erfüllung von 5. Mose 28, dann hätten sie vielleicht erschrocken aufgehorcht? Nein, sie hätten es doch nicht getan. Des Menschen Wille gebietet auch über Einsicht. Was er nicht sehen will das sieht er nicht. Darum fährt Jesus fort: »Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen!«

Tiefer Schmerz, den man nie vergißt! Aber nahe dabei wohnt lodernder Zorn. Zorn über die Führer des Volkes, die zu Verführern geworden sind. Nie wird es anders sein. Jedes Volk besteht aus Führenden und Geführten.

Wehe den Führenden, die die Masse ins Verderben führen!

Dies siebenfache Wehe ruft Jesus ihnen bald nach jener Stunde zu, da er nicht imstande war, den Tränen Einhalt zu gebieten. Welch ein Zorn! Lies es nach in Matthäus 23!
Nein, das ist nicht Wut, nicht Haß, nicht Raserei, das ist heiliger Zorn, der noch in letzter Stunde ein letztes Mittel versucht, um mit Peitschenhieben die Schlafenden in dem schon brennenden Hause aufzuwecken und zu retten. Die Worte kommen nur so dahergeströmt. Sein Zorn, sein Weherufen wird immer heftiger. Die Erregung ist noch größer als in der Stunde, da er die schrecklichen Gesichte hatte und weinte. Denn diese Gesichte verfolgen ihn, jagen ihn, lassen ihm keine Ruhe. Er sieht den stürzenden Tempel, sieht wie in einer großen Ebene die ganze Zukunft, die jammervolle Not seines Volkes vor sich   und hier stehen die Schuldigen vor ihm, die alles, alles abwenden könnten, wenn sie auf ihn hörten, an ihn glaubten. Darum hat sein Zorn etwas Zermalmendes: »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, auswendig hübsch, inwendig voller Totengebeine und Verwesung! Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken siebt und Kamele verschluckt! Ihr Kinder derer, die die Propheten getötet haben. Wohlan, erfüllet auch ihr das Maß eurer Väter!« – Nebenbei bemerkt, welche Bilderkraft in jeder Wendung, jedem Worte! Aber zum Schluß steigert sich sein Wehe zu einer Sprachvollendung, die ihresgleichen sucht:

»Jerusalem, Jerusalem! Die du tötest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel   und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden! Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis daß ihr sprecht: ’Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!’«

Das ist doch anders, als Menschen sonst sprechen. Das ist Kunst. Aber da liegt nun das eigentliche Rätsel, wie das möglich ist, so zu sprechen, wenn ein Sturm durch die Seele rast! Beim Durchschnittsmenschen fällt doch dann eine Schranke, und auch der Große ist dann nicht mehr imstande, sich zu beherrschen und seine Worte so abzuwägen, daß sie in wunderbarer Formschönheit leuchten! Ja, oft zerreißt die Bewegung und Erregung alle Bande der Zucht oder steigert die Ausdrucksweise ins Hohle. Das Ganze wird dann ein Bekenntnis, daß andere die Sieger sind, daß man das Spiel verloren hat. Furchtbare Erschütterung auch bei Jesus! Aber wenn man an sonst nichts seine Andersartigkeit erkennt, dann an dieser Klage um Jerusalem! Denn seine Seele selber bleibt dabei doch völlig unverändert und unverzerrt, trotzdem das Meer seiner Empfindungen alle Dämme durchbrochen hat. Mitten in der Sturmflut des Augenblicks – steht makellose Kunst – und ist dabei reine, echte Natürlichkeit. Nach schwerem Leid, nach dem Abebben wilder Qual oder inmitten schweren Ringens in die Stille gehen und da in höherer Sprache sagen, was man leidet,   das haben die besten Geister unter den Dichtern immer versucht auch vermocht.

Aber im Moment des stürmischen Erlebens selber, mitten im Menschengewühl, ohne Zeit zur Besinnung, das Bild der eigenen Seele keusch, formvollendet, packend nach außen zu senden – ohne Kunstabsicht und doch reinste Kunst bietend, wo zeigt Geschichte und Literatur der ganzen Welt etwas Ähnliches!

Vielleicht hat der Maler bei der Beurteilung der Jerusalemklage Jesu den Vorzug vor dem Dichter und dem Beherrscher der Tonwelt und erkennt schneller den Künstler in Jesus. Denn jeder Satz ist ja ein Bild, das der Maler sofort erschaut, das des Pinsels harrt.

»Jerusalem , Jerusalem!« Da steht schon die Stadt vor seinem geistigen Auge. Wieder folgt ein Bild: »Du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind.« Das wird sofort von dem zarten Gleichnis abgelöst: »Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel.«
Gleich darauf wieder das Bild des Grauens, der Tempel in Trümmern! »Siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden.« Und dem schrecklichen Gemälde folgt das Bild eines jubelnden Volkes, das seinen König nach langer Trennung singend einholt mit dem Huldigungsliede: »Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.«

Doch auch der Dichter muß dem Schwunge dieser Worte es abfühlen, daß hier ein Geist spricht, den man nicht »auch« zu denen rechnen »kann«, die etwas von Kunst verstehen. Der wahre Dichter erkennt hier den Größeren, der unter schwersten Bedingungen künstlerische Höchstleistungen ungewollt darbietet, wo ein sonst noch so Begabter seelisch dazu einfach nicht imstande wäre, auch wenn er noch so bewußt wollte. Dem Musiker aber werden die Worte Jesu zu Tondichtungen, ja, sie fordern durch ihren Rhythmus gebieterisch dazu heraus. Vielleicht kommt bald ein Bach oder Händel, ein Haydn oder Reger, der sich an das heranwagt, was diese Worte als ewiges Lied singen.

Jerusalem, Jerusalem!

Das ist das gewaltige Präludium der Passion. Der Passion, die anklingt mit der ganzen Zukunft. »Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis . . . «

Den Seinen aber hinterläßt er ein Vermächtnis, daß sie ihn, nicht sehend, dennoch sehen sollen, haben sollen – doch immer mitsamt seiner Passion: – im Abendmahl.

Kommt mit in den Saal des Abendmahls am Vorabend seines Todes. – Wird uns auch da – Kunst begegnen?

Jesu Abendmahl und das Künstlerische in ihm.

Halte es bitte nicht ohne weiteres für lästerlich, wenn einer davon redet, daß im Abendmahl Kunst – auch Kunst – zum Ausdruck kommt. Man darf es ja beinahe gar nicht sagen, daß an jenem Gründonnerstagabend auch die Kunst das Wort hatte. Dann war ja alles Mache, dann war’s ja eine gestellte Szene,   dieser Protest meldet sich sofort. Zu Kunst war doch in dem Augenblick keine Zeit, und erst recht keine Stimmung da, und wenn es eben doch der Fall war, dann stürzt dies einzigartige Mahl aus ewiger Höhe in elend menschliche Tiefen.

Dann zunächst eine Gegenfrage: War das Abendmahl schön?

Versetze dich einmal in jenen Saal, den Jesus heimlich für seine Jünger zum letzten Zusammensein fürsorglich   offenbar bei einem reichen Freunde   besorgt hatte. Im Lärm der Großstadt, wo sie ihn zum Könige ausschreien wollen und recht irdische Hosiannalaute dafür ertönen lassen, im Gehetze und Getriebe der aufgeregten Pilgermassen sucht er mitten im Gewühl ein Eiland der Stille, des Friedens, wo er ungestört zum letzten Mal den Kreis der Seinen um sich haben kann. Er hat alles so wohl vorbereitet, daß ein paar Stichworte genügen   und die Jünger finden alles so, wie er ihnen gesagt hat:
»Wenn ihr in die Stadt kommt, wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Wasserkrug. Folget ihm nach in das Haus, in das er hineingeht. Und saget zu dem Hausherrn: ‚Der Meister läßt dir sagen: Wo ist die Herberge, darinnen ich das Osterlamm essen möge mit meinen Jüngern?‘ Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der mit Polstern versehen ist. Daselbst bereitet es.«

Und Petrus und Johannes gingen hin und fanden, wie er ihnen gesagt hatte.   Schon das hat etwas, wenn nicht Schönes, so doch atemberaubend Fesselndes an sich. Man sieht die beiden erlesenen Jünger stumm dem stummen Wasserträger folgen, – die Tür tut sich auf, und auf ihre Frage: Wo ist die Herberge? – da liegt vor den erstaunten Blicken der Jünger der Saal, der große Saal.

Aber was dann am Abend folgt, hat doch unbedingt das Gepräge der Schönheit an sich: Er, der Eine, im großen Saal, um sich geschart die besondere Zahl 12, Menschen mit charaktervollen Zügen, auf denen der Schein der Lichter in den Öllampen die Architektur heraustreten läßt. Flackerndes Helldunkel. Gehaltene Stimmung. Der Meister hat das Wort. Er geht über zum dargereichten Wort. Staunen und Schweigen schweben durch den Raum: Der Meister kniet in Sklavenhaltung und wäscht seinen Jüngern die Füße.

Wieder wandelt sich die Szene. Das Essen des Osterlammes geht als liturgischer Gottesdienst – denn so kann man’s nennen bis hin zum feststehenden Lobgesang, der es beschließt, – feierlich vor sich, bis plötzlich der Jünger Augen gebannt auf dem Meister ruhen. Sie kennen ihn, verstehen sein Wesen und lauschen ergriffen, als er das Brot bricht und bedeutungsvoll sagt: »Mein Leib, der für euch gegeben wird.« Ja, sie hängen an seinem Munde. Aber ist das nicht grauenvoll? Nun reicht er auch den Kelch mit dem roten Wein, der im Licht zum leuchtenden Rubin wird, nun sagt er das furchtbare Wort: »Mein Blut des neuen Bundes, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Ein Schauer durchrieselt sie. Sie haben’s nie, nie vergessen können. Dieses Mahl!  

Ich breche ab. Hast du’s gesehen? Hast du ein Bild gewonnen von dem, was dort geschah? Ist es nicht schön, Raum, Feier, Menschen, Gruppen, Wort, Fußwaschung, Abendmahl?

Und wenn es schön ist, meinst du, das kommt so von selbst, ihm von außen zugeflogen?

Wie kommt es denn, daß sich immer und immer wieder die größten Künstler aller Zeiten gerade an diesem Zusammensein von 13 Leuten versucht haben, fromme und unfromme? Meinst du, sie wollten gern mit Kunst verschönen, was an sich nicht schön war? Ist es nicht umgekehrt? Der Künstler sucht, hungrig wie ein Bettler oft, nach wahrer Schönheit in dieser Welt, nach einer Schönheit, die nicht frisiert und fabriziert ist, die nicht bloß in ein paar klassischen Linien besteht, sondern die auch wahr ist, wahres Leben hier mitten auf unserer vom Menschen geschädigten Erde ist, –  und wenn er sie gefunden hat, dann beugt er sich unter sie, dann packt ihn die Liebe zu dem, was sein Künstlerauge geschaut, was seine Seele nicht los wird, er schaut in der Alltäglichkeit eine Form, die jenseits der Alltäglichkeit ihre Werte hat und doch mittendrin zu stecken scheint, er hört aus dem Geschwätz der Menschen, aus ihrer Eintagsphilosophie, Eintagspolitik, Eintagsgeschäftelei endlich einmal ein ewiges Wort herausklingen, und das – das will er, muß er festhalten. Angst zerrt an ihm mitten in der Hingabe an das Schöne, das er fand, daß es ihm unter den Fingern zerrinnen, daß es sich beim inneren Schauen in Übel auflösen könnte, und es kommt das Fieber über ihn, das Hinstürmen zum Schaffen und Vollenden und zugleich die Bangigkeit »Wird mein Werk auch das werden, was ich innerlich geschaut habe?« Es ist auch einem Michelangelo so ergangen, daß er nach der Vollendung seiner Kunstwerke immer wieder fühlte: »Was da vor dir steht, ist nicht das, was in dir steht.« Und sieh, nun kommen die Größten und bannen immer wieder, gepackt von dem »Gegenstand«   das Abendmahl auf die Leinwand.

Weil es schön ist!

Weil der Geist, der es durchwaltete bei seiner Darstellung, nach außen Schönheit offenbarte.

Das brauchte Jesus nicht zu beabsichtigen. Das hatte er nicht nötig. Kunst ist nicht Mache, sondern wo sie echt ist, ist sie ein Bestandteil des Wesens, und da mag nun dieses Wesen sagen und fragen und bauen und schaffen, was es will   es wird unter seinen Geisteshänden zur dargestellten Kunst.

Um es anschaulicher zu machen, wenn das noch nötig ist: Ich habe einen Menschen gekannt – er ruht nun schon -, der im Greisenhaar edel, jung, feurig, demütig und groß war. Natürlich kam das Gespräch auch auf Nebensächliches und Alltägliches. Aber er mochte sagen, was er wollte,   alles war edel, jung und ohne Resignation! Dabei war der Mann durch Tiefen gegangen, in denen man sonst entweder unrettbar verloren ist oder sich fürs ganz übrige Leben eine Seelenkrankheit holt. Wollte er edel sein? Wollte er jeden Satz »künstlich« mit Jugendlichkeit würzen, um krampfhaft jung zu sein, während das Alter ihm etwa auf die Schulter klopfte und sagte: hab dich nur nicht so, eine Ruine bist du doch? Nein, er wollte es eben nicht. Er mußte so sein und konnte nicht anders sein.

Jesus kann nicht anders, als das, was er tut und sagt und baut, in Schönheit darzubieten, ohne dabei mit bestimmter Seeleneinstellung auf »Schönheitsprinzipien« hinzuschauen und sie »in sein Werk einzuordnen«. Das innerlich Schöne aber, dargestellt, ist Kunst.

Vergiß einmal bei der Betrachtung Jesu das Spezialistentum der Menschen. Wir haben aus der Kunst eine Spezialität gemacht, und so ist denn auch der menschliche Künstler eben – nur Künstler, weiter nichts. Weiter weiß er nichts und kann er nichts, und   soll er wohl auch nicht können, weil er sonst zerbräche und nie fertig würde. Immerhin, der Künstler, der die nicht künstlerische Welt und ihre Engigkeit und Stumpfheit belächelt, weiß meistens nicht, wie er mit diesem Lächeln sich selbst verspottet. Denn kraft seiner Einseitigkeit ist er auf andern weltweiten Gebieten so eng und stumpf wie der Unkünstlerische auf dem Gebiet der Kunst. (Es gibt aber große Künstler, die wissen das, und   ihren Kunstwerken merkt man das an, da die dadurch nicht kleiner werden). Jesus ist nicht einseitig, auch nicht vielerleiseitig er ist eine Persönlichkeit, die es mit der ganzen Geisteswelt zu tun hat. Seine Kunst ist kein Spezialfach, sie ist auch nicht eine Vokabel seines Wortschatzes; das ganz und gar nicht! Sie ist eine Kraft, die bei allem, was er tut, mitwirkt und sich offenbaren muß.

Nun sieh dir daraufhin all die Abendmahlsbilder an! Und reiche, im Geiste zurückwandernd, dem die Hand, der da in dem »großen Saal« in die markanten Fischer- und »Kämpfer« Gesichter seiner 12 schaut, auch in das eine mit den stechenden Augen, und ihnen Brot und Wein reicht und sagt: »Mein Leib, mein Blut.«

Kunst und Passion.

Daß der Passionsweg Jesu wieder eine Wanderung durch lauter Kunst ist, darf gleich vorweggenommen werden. Mag jeder beim Hören dieses Satzes auch zunächst seine Vorbehalte machen und sich nur dazu verstehen, den ungeheuren Eindruck der Passion auf die Künstler festzustellen. Daß aber der Mann der Passion seinen Leidensweg anders gestaltet, als es sonst Menschen tun, das wird jeder gelten lassen. Der Leidensweg ist anders. Er fällt aus der Art heraus, wie sie sonst den Menschen naheliegt oder schon bei der Geburt mitgegeben ist.

So können wir eins an den Anfang stellen als etwas, was eigentlich Gemeingut all derer ist, die etwas von der Passion wissen und wissen wollen: Das ist die unerschöpfliche Flut voll Kunst, die sich aus der Passion Christi wie aus einer strömenden Quelle übernatürlichen Ausmaßes in die Menschheit ergossen hat und noch weiter ergießt – eine Flut, die sogar im Steigen begriffen ist – eine Kunstleistung, wie sie – zahlenmäßig so riesenhaft, in der Kraft der Darstellung so einzigartig   kein anderes Ereignis auf diesem Erdboden hervorgerufen hat, kein Krieg, kein Leiden sonst, kein Ringen, auch kein Ereignis sonst aus dem Leben Jesu, weder seine Geburt noch seine Taten noch Ostern: das Leiden Jesu scheint wie ein magisches Etwas inmitten der Menschheit zu stehen und die Seelen in Scharen anzuziehen, eine Anziehung, die bei dem Künstler in den Zwang umschlägt, was er da schaut, in Wort und Bild und Stein gestalten zu müssen (sonderbarerweise im Wort am wenigsten, im Bild am meisten).

Danach kommt also im Leiden Jesu, in der Art, wie er leidet, etwas ganz Besonderes dem Künstler entgegen, was seiner Natur entspricht. Es kann gar nichts anders sein, als daß auch der Künstler oft sein eigenes Schaffen als eine Sendung empfindet, die mit Passion verbunden ist. Und da begegnet ihm in der Welt, in der er seine Augen aufschlägt und Umschau hält nach denen, die mit ihm gehen, – nach denen, die er beschenken will – lange Zeit umsonst   in der Welt begegnet ihm der Passionszug Jesu durch die Kürze einer Tageslänge hindurch. Und er wird von ihm so bezwungen, daß er zum Pinsel greifen und, Essen und Trinken kaum achtend, in breiten und feinen Strichen das Einzigartige malen muß; etwas Übermenschliches im Menschlichen, Überzeitliches im Zeitlichen   und dabei ist es doch gerade so echt menschlich, so festgenagelt in eine bestimmte Zeit, an einen bestimmten Tag, einen bestimmten Ort!

Den Strom dieser Kunst kennst du, und deine Seele hat sich oft daran gelabt. Dein Auge hat sehen gelernt, was es sonst nicht sah, weil der Künstler mehr und anders sieht als der gewöhnliche Sterbliche. Diese ewig alten, immer neuen Bilder treten vor dein Auge: der im schwarzen Garten am Boden Liegende, dessen Silhouette sich scharf vom halbhellen Nachthimmel abhebt –  der Kuß des Judas im unheimlichen Licht der Fackeln – Petrus am Kohlenfeuer sich wärmend, das Verhör, die Geißelung, Ecce Homo, und all die andern bis hin zu dem geneigten Haupt am Kreuz. Ja, Kunstwerke sind zu Tausenden um die Passionsstraße erblüht wie ein unendlicher Garten, und der Wanderer auf dieser Straße, Jesus, hat eine andere Art an sich, den Weg durchs Dunkel in die Nacht hineinzugehen, wo scheinbar der letzte Stern erlischt und als Lohn nur das Schweigen des Todes übrigbleibt.

Und du wirst nun weiter sehen, daß auf diesem Leidenswege wahre Kunst vor Auge und Ohr des Menschen tritt.

Kunst, die einen Ewigkeitsmoment festhält und im Strom der Zeiten weitergibt, daß er daraus immer wieder emportaucht. Diese Kunst begegnet uns in der Passion. Und sonderbar:

Gerade das, was kein Maler malen und kein Bildhauer in Stein hauen kann, das ist in Jesu Passion das, was man zuerst als Kunst erkennen und zu sich sprechen lassen kann, nämlich seine Worte!

Darum bitte ich dich, lies die folgenden Passionsworte laut! Am besten in stiller Einsamkeit,   ebenso wie jenes »Lied« vom Ölberge, das im Grunde alles andere als ein Lied ist. Ich setze die Worte einzeln hierher, obwohl du sie kennst. Aber hier sieh sie einmal zusammen, und es wird dir sonderbar damit gehen: sie haben alle denselben Rhythmus, denselben Klang, denselben Ernst, dieselbe Tiefe, und, alles zusammengenommen, tragen sie noch ein ganz besonderes Geheimnis an sich.

Die Worte der Angst und des Ringens im Garten Gethsemane:

»Meine Seele ist betrübt bis in den Tod, bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.  Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, und ich ihn muß trinken, so geschehe dein Wille. Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn, siehe die Stunde ist hier, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Stehet auf, laßt uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät!«

Da ist Jesus im schwersten Kampf seines Lebens begriffen. Hier ringt er mit dem andern Willen, der das letzte von ihm fordert. Er glaubt andere Möglichkeiten zu sehen. Aus dem Dunkel der Nacht tauchen Pfade auf, die gangbarer sind, die zum Ziel führen, die – wenn sie vielleicht auch zum Tode führen, zwischen diese Nacht und die letzte Nacht auf Erden eine lange Spanne von Zeit, viele Jahre legen, in denen er ein anderes Erbe hinterlassen kann. So vermuten wir vielleicht. Aber Jesus ist zu groß, als daß man erschöpfen könnte, welche Wege sein Auge sah. Genug, er sah sie   und er lehnte sie schließlich ab. Es blieb für ihn bei den Worten seines Gebetes, ehe er mit den Seinen in diese finsterste Nacht hinauszog:

»Vater, die Stunde ist hier, daß du deinen Sohn verklärest, auf daß dich dein Sohn auch verkläre. Gleich wie du ihm Vollmacht gabst über alles Fleisch, auf daß er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast, das ewige Leben!«

Aber wenn auch dies Gebet nachher im Garten Gethsemane seine Kraft erwies und die ewige Frucht trug, es war doch im Ringen und Kämpfen fast verklungen wie ein Glockenton, und die ganze Schwere der Erdennot, des Menschseins sank auf den herab, der der Drangsal des Menschseins ein Ende machen sollte. Da denke einmal an Stunden der eigenen Seelenkämpfe und vergegenwärtige dir deinen Zustand, wie da das ganze Innenleben durcheinandergeriet und auch die Gesetze der Sprache dahinfielen! Ja, auf der Bühne kann der Held der Verzweiflung wohl in schön durchdachter Rede in kunstvollen Steigerungen bis hin zur Verzweiflungsekstase über die Rampe in den Zuhörerraum strömen lassen. Das geht gut und künstlerisch vor sich, da der Dichter am Schreibtisch Zeit genug hatte, jedes Wort, ohne daß er aus den Fugen geriet, an seinen Platz zu stellen und das Gewicht der Sätze und Gedanken planvoll gegeneinander abzuwägen, damit die Steigerung so recht »natürlich« herauskam, aber   wie sieht es im wirklichen Leben aus! Da zerreißen auch  Heldenherzen die Dämme, und die Flut ergießt sich wild über allen grünen Frieden. Mit der Schönheit der Worte ist es aus.   Bei Jesus nicht. Seine Worte leuchten in unvergänglicher Schönheit mitten im Gethsemane Dunkel. Sie behalten besondere Form und ewigen Inhalt. Ja, in unnachahmlicher Gestalt tritt uns in seinem Wort das Verhängnis der Doppelnatur des Menschen entgegen: »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, um gleich in das höhere Gesetz der Freiheit davon gestellt zu werden: »Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet.«

Dies Wort ist ein bittender Angstruf. Man spürt ihm die Erregung Jesu ab: es geht um Leben und Tod! Dennoch diese Gehaltenheit! Da liegt das Geheimnis aller Passionsworte, sie bewegen sich zwischen zwei Grenzen dem Ziele zu, zwischen tiefem Frieden, vollkommener Ruhe, ja Freude und Gewißheit und einem Ergriffen  und Erregtsein, das bis in letzte Tiefen geht. Aber nie ist ein Wort lediglich Friede, es bleibt doch verbunden mit der tiefen Erschütterung seiner Seele, von der ein Erdbeben ein schwaches Bild ist. Denn es ist ein Weltbeben. Und andererseits ist kein Wort ungehemmte Erregung, es ist gebunden gerade an den Frieden in ihm und ist erhellt von einer wunderbaren Klarheit, daß es so und nicht anders sein muß und daß der, der dies Muß verlangt, für alles einstehen wird. Gerade in diesen Stunden des »Weltbebens«, das ihn fast umstürzt, behalten darum seine Worte die Züge der Schönheit an sich, so daß er mitten im Kampfgewühl mit göttlicher Ruhe ewige Gesetze aussprechen kann, die ein Licht auf sein Werk und Wesen werfen:
»Stecke dein Schwert an seinen Ort, denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.«

Dasselbe Ergriffensein und dieselbe Ruhe in wunderbarer Vereinigung klingt aus dem Wort an die Häscher:

»Ihr seid ausgegangen als zu einem Mörder, mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen. Bin ich doch täglich gesessen bei euch und habe gelehrt im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber das ist alles geschehen, daß erfüllet würden die Schriften der Propheten.«

Und da verrät sich nun das, was den Worten Jesu den Glanz der Schönheit gibt: er erhebt jeden Augenblicksvorgang zum Ewigkeitsvorgang, d. h. er erkennt ihn als solchen: Das Schlafen der Jünger im entscheidenden Moment weist Jesus als einen Vorgang mit ewigen Beziehungen auf, der wie ein Scheinwerfer die ganze Menschheit ableuchtet und ihren Zwiespalt aufzeigt.

In verborgene göttliche Gesetze weist auch das schnell scheinbar nur so hingeworfene Wort: »Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen«   ein Wort, so plastisch und unvergeßlich, daß es dem Gepräge auf einer Goldmünze ähnlich ist. Und auch in dem letzten Wort, wo Jesus seine Häscher richtet, daß sie den hellen Tag meiden und den Wehrlosen mit Heeresaufgebot wie einen Raubmörder bei Nacht »stellen«, weil sie nur dann Macht haben (nach Lukas 22).

Aber gleich steigt der ganze Vorgang wieder auf einsame Höhen durch den Zusatz: Alles ist so – ewige Absicht gewesen und wird jetzt Erfüllung. Und es sind wieder Worte, die den Nagel auf den Kopf treffen und dabei doch keine Spur von Erbitterung oder Gereiztheit aufweisen, von Verwirrung, wie der nächtliche Überfall sie bei den Jüngern mit sich brachte, gar nicht zu reden.

Obgleich seine Worte ganz die Schwingungen des Augenblicks an sich tragen, wirken sie doch – wie ein von Meisterhand gefügter Bau. Zu geradezu gewaltiger Höhe erhebt sich diese Kunst in seinem Bekenntnis vor dem Hohen Rat, wo sich der Geächtete zum Weltenrichter aufreckt und das Wort spricht, das ihn selber dem Henker ausliefert. Die letzte Hauptfrage muß der Hohepriester endlich stellen, die Frage, die er gern umgangen hätte. Die falschen Zeugen hatten nicht vorsichtig genug »gearbeitet», oder ihre Einflüsterer hatten nicht vermutet, daß die Wahrheit alle Lügenschatten verscheuchen würde. Da muß der Hohepriester zur Kernfrage schreiten, er muß Jesus fragen, ob er »der ist, der da kommen soll«, der Messias. Wenn Jesus die Frage bejahte und auf seinen Eid nahm, dann   ja dann konnte das Volk ihm doch ganz zufallen und ihn mit Gewalt befreien. So fragt er denn: »Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du seist Christus, der Sohn Gottes!« Darauf zuckt der Blitz der Wahrheit hernieder und es rollt wie Donner:

»Du sagest es! Doch sage ich euch: Von nun an wird es geschehen, daß ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels!«

Eine gewaltige Antwort an den Hohenpriester und die Welt, die sich durch den Priester vertreten läßt. Die göttliche Majestät dieser Worte klingt auch dem vernehmbar, der für sich mit ihnen nichts anzufangen weiß. Es heißt ja, der Inhalt baut sich seine Form, seine Außenhaut, seinen Körper. Hier tut er es ganz sicher und noch dazu in einzigartiger Weise. So redet nur einer, der Königreiche zu verschenken hat. So kann nur einer von der Zukunft sprechen, der ihrer ganz gewiß ist, ja, der selber über die Zukunft verfügt. Gewiß, die Worte sind, wie man so gern sagt, »entlehnt«. Von diesem »Entlehnen« werden wir später noch mehr hören und bald aufhören, es mit Geistesarmut zu verwechseln, sowenig man den Maler schilt, der seine Motive aus der Natur oder der Antike oder Renaissance entlehnt, wenn er nur nicht abschreibt und stiehlt. Uns kommt es darauf an, zu schauen, wie diese Worte wie ein Banner vor den entsetzten Richtern entrollt werden, und wie sie da in der verlogenen Gerichtsverhandlung wie ein luftreinigendes Gewitter wirken. Es ist nicht schwer, ihre Klarheit, Kraft und Schönheit zu ahnen und in ihnen ein Riesengemälde der ganzen Zukunft, des Schicksals der Welt, des ganzen Kosmos, des Sieges Jesu zu erkennen, so wie das Kommende in seiner Seele gegenwärtig ist. Und das ist ja auch gerade eine objektive Kunstleistung, daß das Innere bildhaft greifbar nach außen gestellt wird, unmißverständlich, und doch ohne trockene Erklärungen und begriffliche Zergliederungen. Ja, so unmißverständlich, daß das Wort heute ebenso wie damals, als es zum ersten Mal erscholl, zu bildlichen Vorstellungen zwingt, die über die Welt der Bilder in jene andere Welt hinüberweisen, in der »die Kraft«, die alles bewegt, am Webstuhl der Geschichte wirkt und zugleich Persönlichkeit ist: »zur Rechten der Kraft.«

 

Das Allerheiligste: Der Karfreitag: Die Umwandlung aller Schönheitsbegriffe.

Wir treten nun ein in das Allerheiligste, beginnen im Morgengrauen mit Jesus den Tag, der für ihn der bedeutsamste war, für den er alle geistige und leibliche Kraft hat erhalten und ansammeln müssen, um sie in den entscheidenden Stunden bis zum letzten Augenblick hin einsetzen zu können, ohne zu versagen. Eine durch Kraftlosigkeit oder innere Erschlaffung das Bild eines Besiegten zu geben. Bis zum letzten Atemzuge ist er beides: der wirklich leidende Menscliensohn, der sein Leiden nicht hinter Trotz und Hohn verbirgt. Und er ist der, der doch größer ist als die schrecklichste Qual des Leibes und der Seele und mitten im Leid von unvergleichlicher Hoheit umstrahlt ist. Eigentlich könnte es doch gar nicht anders sein, als daß in dem Zustande, da einem langsam Glied für Glied zerbrochen wird, da ihm Nerv für Nerv, Empfindung um Empfindung zerrissen wird, daß da das Menschsein im Vollsinne aufhört, und daß es zu »menscheln« beginnt. Es ist nicht unfolgerichtig, das zu erwarten und zu verstehen, wenn der Leidende  wenigstens gelegentlich  aus der Schönheit der Tage, da ihn noch kein körperlicher Schmerz zerschnitt, mit Anklagen oder Selbstanklagen herausfällt und im durchlöcherten Seelengewand des Alltagsmenschen erscheint. Oder daß der Schmerz der reglosen Glieder, der brennenden Wunden unter der sengenden Glut der Sonne (von der man sich in unseren Breiten einfach keine zutreffende Vorstellung machen kann) schließlich vom ganzen Ich Besitz ergreift und nur noch das W’immern unter der Qual übrigbleibt, wie es dem Menschen doch nun einmal gewöhnlich ergeht, wenn ein großer Schmerz einsetzt und fast mit einem Schlage unser Denken und Wollen ausschaltet. Von den so oft belächelten Zahnschmerzen an bis zu jenen fürchterliclien Schmerzen, die oft erst das Messer des Arztes beseitigen kann, ist eine Erscheinung, die sich immer wiederholt . Der Körper hat das Wort, die Seele kann nicht mehr. Und bei Jesus: ja, der Körper hat auch das Wort, aber die Seele behält die Führung, von der Geißelung an bis zu dem letzten großen Schrei (Markus 15, 39), denn gerade dieser letzte Aufschrei weckt nicht Mitleid und ein Wort des Bedauerns: Ach, der Arme! sondern macht, daß ein Römer (vielleicht ein Germane, denn die deutsche Legion lag wahrscheinlich in Palästina (Jerusalem) durchschauert wird von einem Erleben des Höchsten und Göttlichen und das Schauen dieser Hoheit mit den Worten ausdrückt: »Wahrlich, dieser Mensch ist ein Gottessohn gewesen!«

Nein, nirgends zieht Jesus den Königsmantel aus, der aus Schönheit gewoben ist.

Und diese Schönheit leuchtet auf in seinen wenigen Worten und in seiner Haltung, die er während der Passion von dem Abendmahl an bis zu seinem letzten Atemzug unbeirrbar beibehält. Ja, es gab kein »Beirren« mehr. Es war das Wesen Jesu, was da hervortrat und sich gar nicht anders mehr äußern konnte, weil es seine Natur war   Natur, die gegeben war und doch in höherem Maße errungen werden mußte, als etwa der Begabte die Begabung zu seiner Lebensmacht und Wesensart macht. Der Sänger, der sein Lied singt, ein Schubert, der das Lied schafft, beiden liegen die Wege der Zukunft offen, denn eine Gabe weist auch den Weg, und wenn sie auch Kraft verlangt, um entwickelt zu werden, so handelt es sich doch immer nur um ein Teilgebiet des menschlichen Lebens, das dabei im Schaffenden selber in Frage kommt. Menschen, die höher wollen und mehrere Teilgebiete meistern und dann der Welt weitergeben wollen, kommen mit sich und der Welt in die schwersten Konflikte, so daß sie wohl sagen: »selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt«, aber selber von dieser Seligkeit nichts wissen. Naturen wie Michelangelo, Leonardo, Wagner weisen diesen Riß auf. Was sie geben, ist schöner, tausendmal schöner als sie selber. Ihre Schöpfungen sind einzelne seelische Höhepunkte, ihr Alltagsseelenleben aber   so hoch es über dem Durchschnitt liegen mag  ist eben doch bitterer Alltag, ist keine fortlaufende Höhenstraße, die mitten in der Menschheit hoch über ihr verläuft. Jesus aber behält diese Höhe gerade da bei, wo sie am allerwenigsten erwartet werden kann, wo sie den meisten Gefahren von innen und außen ausgesetzt ist. Daher der Glanz der Schönheit über der Passion. Und diese Höhe und Schönheit wollte errungen sein.

Auf eine scheinbar ganz nebensächliche Vorbedingung sei in diesem Zusammenhang hingewiesen, und es sei gleich hinzugefügt, daß Jesus diese Vorbedingung erfüllt hat. Und gerade dieser Vorbedingung zu genügen, erforderte ein Ringen um solche Dinge, um die sich ein geistig Bedeutender gewöhnlich nicht bekümmert. ja, mancher Geistesarbeiter hält es für unter seiner Würde, dergleichen zu pflegen; es ist ihm zu wenig geistig: Ich meine die Entwicklung des Körpers bis zum gehorsamen Werkzeug. Jesus hat den Körper entwickelt. Als es galt, Strapazen zu überstehen, wie sie sonst nur dem trainierten Soldaten zugemutet werden, da war dieser Körper fertig. Und geistig frisch bleiben bei fortwährender geistiger Überanstrengung, ist doch in erster Linie eine Leistung des Körpers. Der moderne Geistesarbeiter kann das einfach nicht. Jesus konnte den ganzen Tag oft Hunderte von Menschen, die mit Kranken zu ihm drängten, geistig verarbeiten, d. h. ihr Schicksal ganz stark verstehen und empfinden, das lindernde oder erlösende Wort sprechen und die heilende Hand wirken lassen. Wie dies Gedränge war, das ihn heischend umgab, davon läßt uns Markus 1, 45 ein klein wenig ahnen, ebenso gibt uns aber Markus 1, 35 einen Hinweis auf die Frische und Kraft Jesu.

Markus 1, 45: »… Er (der Geheilte), da er hinauskam, hob er an und sagte viel davon und machte die Geschichte ruchbar, also daß Jesus hinfort nicht mehr konnte öffentlich in die Stadt gehen; sondern er war draußen in den wüsten Örtern, und sie kamen zu ihm von allen Enden.«

Markus 1, 35: »Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und Jesus ging in eine wüste Stätte und betete daselbst. Und Petrus mit denen, die bei ihm waren, eilte ihm nach. (37) Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: jedermann sucht dich!«

Es muß betont werden, daß Jesus diesen Körper geschult und erzogen hat. Das ist weder Sport noch sogenannte Körperkultur. Diese beiden Worte sind ja wieder nur die üblichen Teilgebiete, die der Mensch sich schafft, damit er seine ganze Seele nicht einzusetzen braucht. Der Sportler widerspricht: »Mens sana in corpore sano«, antwortet er, »ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«, so sagten doch schon die Alten, die da wußten, daß die Stählung des Körpers auch eine gesunde Seele schafft. Das lateinische Wort lautet aber anders: »Mens sana sit in corpore sano«, und das bedeutet: Es genügt nicht, daß der Körper gesund ist, die Seele, die darin wohnt, die soll vor allem gesund sein. Richtige Körperstählung wirkt zweifellos vielfach auf die Seele zurück, wo aber die Seele der Führer ist und den Körper als Instrument, als Diener für geistige Höchstleistungen beansprucht, da geht die Gestaltung der körperlichen Fähigkeiten doch andere Wege, als sie uns augenblicklich als die allein richtigen in Wort und Schrift gezeigt werden.

Körperliche Ertüchtigung, wie sie heute gepflegt wird, ist ein schwacher Anfang der Stählung, die erzielt werden soll. Sie kann leicht am eigentlichen Ziel vorbeiführen, und zum Teil hat sie es schon getan. Immerhin findet der Hinweis auf Jesu Körperleistungen heute ein ganz anderes Verständnis als vor einem Menschenalter. Darum sei um so deutlicher auf die rein körperliche Leistung hingewiesen, ohne die sein Werk eine Trümmerstätte geworden wäre, bestenfalls ein unvollendetes Kunstwerk, da die Kraft gefehlt hätte, die im entscheidenden Augenblick eingesetzt werden mußte. Man soll es getrost aussprechen: Ohne die Zucht und Bildung seines Körpers gab es keine Erlösung, gab es kein Vorwegnehmen des Sieges mit den Worten: »Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.« Ja, dann gab es eben kein Blut, das für die vielen vergossen werden konnte zur Vergebung der Sünden.

Ohne den stahlharten Körper gab es keinen Menschensohn, der uns das Bild der Geißelung und der Kreuzigung so hinterlassen und dauernd vor die Seele stellen konnte, wie beides heute vor uns steht. Gewiß war es kein »Üben« des Körpers in dem Sinne, wie es Sportler und Fakire betreiben, um dem Ruhm oder dem Sich selbst Genießen zu leben. Aber den Körper unter den Geist gebeugt und zum Diener des Geistes gemacht, hat Jesus schon zu einer Zeit, als ihm die Höchstleistung, die einmal von ihm gefordert werden sollte, noch gar nicht vorschweben konnte. Vielleicht hat ihn Gott auch darum von Kind auf in alle Erdenhärte hineingezwungen, damit er nicht versagen konnte. Die Geburt im Stall, die Flucht im zarten Alter nach Ägypten, die Heimreise nach Jahr und Tag und noch dazu auf Umwegen nach Galiläa, der schwere Beruf des Tekton, des Häuserbauers, der ihn Wind und Wetter aussetzte und Kräfte und Ausdauer von ihm verlangte   das alles zusammengenommen ist schon eine Vorbereitung auf seine schwerste Hausarbeit, die er auf Erden vornehmen mußte, und gerade da wurde seine Arbeitsleistung riesengroß, als andere die letzten Nägel einschlugen.

Zucht des Körpers, Stählung des Körpers, Erziehung des Körpers zur völligen Dienstleistung,   das waren Werke, die er im schlichten Gehorsam gegenüber einem Drängen oder Walten von oben her vollbrachte, zunächst ohne den eigentlichen Zweck zu wissen, dann aber vom Anfang seiner Tätigkeit als Erlöser an bewußt und zielsicher. Das Fasten in der Wüste war für den Herrn schon eine Umformung dieses Körpers, daß er imstande war, noch besser als Instrument des Geistes zu dienen, höchste Kraftleistungen zu vollbringen und dabei nichts Sinnlich-Körperliches als Erfolg zu erkämpfen. Von da an ist sein Körper in ganz anderem Sinne als vorher in seiner Hand, und Jesus sieht ihn schon von Anfang an da, wo er später hängt, als er bei der ersten Aussendung zu seinen Jüngern vom Kreuz spricht, das man auf sich nehmen soll, – und daß ein Kreuz zum Verbluten da ist, wußten die Jünger, und nicht nur sie!

Als dann nach 3 Jahren der Freitag kam, den die Welt nicht vergessen kann, war der Körper zu der einen Tat fertig, ohne die es keine erlöste Weltgemeinde geben konnte, ohne die die Kluft zwischen hier und dort sich nicht schloß, – und was dann!

Ja, Jesus hat anders ringen müssen um das hohe Lied der sterbend siegenden Liebe, als ein Mensch mit geringeren Aufgaben seinen Gaben Bahn bereitet. Daß man aber nie oder ganz selten nur von einem Ringen und Sich Mühen bei ihm etwas sieht oder hört, ist ein Grund mehr, sich dessen bewußt zu werden, wie weit der Weg ist bis zur Beherrschung und Dienstbarmachung aller Kräfte, auch der Körperkräfte. Du Maler aber, der du das Bild des Dornengekrönten geistig schaust, der du ihn unter den Geißelhieben im Spottgewand als wahren König der Menschheit erkennst, ihn unter dem Kreuz auf dem Wege nach Golgatha zusammenbrechen und wiederaufstehen siehst zu einem ganzen Tagewerk, dem schwersten der Weltgeschichte:

Du Künstler, der du den Mann in der Mitte auf Golgatha inmitten seiner Not und Qual erschaust und doch wie der Hauptmann den Eindruck der überirdischen Majestät von ihm gewinnst, der Schönheit eines Lebens, wie sie nicht alltäglich, wie sie nur einmal da ist   und der du dann all diese Schönheit malst oder in Stein bildest oder sie als Dichter oder Musiker in Wort und Ton gießt   vergiß nicht, was es ihn gekostet hat, diese Höhe zu erringen. Vergiß nicht, daß er damit alle Schönheitsbgegriffe für alle Zeiten umgewandelt und uns erst gelehrt hat, was wahre Schönheit ist. Sage dir, daß der, der dir am dunkelsten Tag sogar Schönheit bietet, diese Schönheit nicht erst als Gnadengeschenk und künstliche Glorie aus der Hand der »Künstler« zu empfangen braucht. Er hatte sie vorher, und weil er sein Leben zum Kunstwerk gestaltet hat, darum  und nur darum – kann die Kunst von ihm zehren. Aber das sei auch gesagt: Die keine innere Stellung zu Jesus haben, aber sein Leben als Schacht benutzen, aus dem sie Motive schürfen, die Künstler werden nie imstande sein, den Herzschlag dieses Jesuslebens vernehmbar zu machen. Sie werden kein 100 Guldenblatt radieren. Den Freund der Niedrigen und Elenden werden auch sie gern zum Vorwurf nehmen, aber nicht, weil sie von jenseitiger Wirklichkeit und Wahrheit überwältigt sind, sondern weil sie einen schönen Stoff gefunden haben, den sie bewältigen wollen, umdämmert von den Gefühlen, die andere mit dieser Gestalt verbinden. Aus diesen Gefühlen übernimmt man dann die Möglichkeit, Lichteffekte anzubringen. Alles wird malerisch und so, wie es der »naive Glaube«   bloß der Maler selber nicht   schaut. Und dann kommt der Gegenstoß aus derselben inneren Verfassung heraus, und Jesus soll dann gemalt werden, wie er »wirklich war« und »die von heiliger Selbstverblendung dumpf gewordene Kirchenwelt ihn nicht mehr sehen will«. Eigentlich müßten solche Künstler erkennen, daß der, der ihnen aus sich und seinem Leben das bietet, was sie nicht haben, also größer ist als ihre Phantasie, auch und gerade in anderer Hinsicht größer ist als sie.

Das heilige Schweigen.

Darf man fragen: welche Bilder liefert dieses Jesusleben in den wenigen Morgenstunden, als sein Schicksal von Fürsten und vom Volk entschieden wird? ja, man darf darauf sein Augenmerk richten und soll sogar fragen: wird dies Leben von einem einzigen häßlichen Zuge entstellt, als die Verachtung der Großen und das Geheul eines Volkes den einen herunterzerrt in die niedrigsten Staubebenen, die es für menschliche Empfindungen überhaupt gibt? Begleiten wir ihn zu den beiden Fürsten, vor die er nun treten muß, zu Pilatus und Herodes. Lassen wir den Evangelisten erzählen: »Da aber Pilatus Galiläa hörte, fragte er, ob er aus Galiläa wäre. Und als er es vernahm, daß er unter des Herodes Obrigkeit gehörte, übersandte er ihn zu Herodes, welcher in diesen Tagen auch zu Jerusalem war.

Da aber Herodes Jesus sah, ward er sehr froh; denn er hätte ihn längst gerne gesehen   denn er hatte viel von ihm gehört   und hoffte, er würde ein Wunderzeichen von ihm seihen. Und erfragte ihn macherlei; er antwortete ihm aber nichts. Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen und verklagten ihn hart. Aber Herodes mit seinem Hofgesinde verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Kleid an und sandte ihn wieder zu Pilatus. Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde miteinander, denn zuvor waren sie einander feind. «

Da steht der Mann, den er einst gefürchtet, wehrlos vor Herodes. Um seinen Thron hatte der Fürst gezittert, als in Galiläa nur ein Name erklang und alles Volk nur diesem einen zujubelte. Dazu die Qual des bösen Gewissens, wenn dieser König auf seine blutbefleckten Hände schaute, und das Haupt Johannes‘ des Täufers auf der Schüssel gräßlich sichtbar wurde in seiner Erinnerung, daß die Furlen ihn jagten, daßer (Markus 6,14) dein Wahn verfiel, Johannes sei auf geheimnisvolle Weise wieder lebendig unter die Menschen getreten und wandle nun als ein »Jesus« in ihrer Mitte! Und da hatte es für diesen Gejagten nur noch das eine gegeben, auch das Gespenst Johannes des Täufers, seinen atmenden Schatten, zu beseitigen. Ein Mord mehr oder weniger, was macht das aus bei Händen, die schon so in Blut gebadet sind! Mörder werden gedungen. Und nun waren es gerade Pharisäer, die Jesus warnten und dafür sorgten, daß er den Dolchen des Herodes entging. (Luk. 13, 31 f) Gesehen hatte ihn Herodes nie. Er hätte ihn längst gern einmal gesehen und sieht ihn am Karfreitag endlich so, wie er ihn zu sehen sich schon damals gewünscht hatte: als einen Geächteten, der unschädlich gemacht ist, als einen, der wohl über magische Kräfte verfügt, die aber doch nicht stark genug sind, um Fesseln zu sprengen und ein Gerichtsverfahren aufzuhalten   der Kräfte hat, die im Grunde nur vermögen, eine Gesellschaft mit Wunderexperimenten zu unterhalten. All seine einstige Angst wandelt sich in Verachtung und Hohn. Das Hofgesinde, immer erfinderisch in Liebedienerei, macht glänzend mit und umtobt Jesus illit billigen Königswitzen und schallendem Gelächter, während aus ihrer Mitte heraus Herodes  vom Banne seines Wahns befreit   immer erneut das Wort an Jesus riclitet. Und doch ist nachher dieser selbe Herodes nicht imstande, ein ungerechtes Urteil zu fällen und Pilatus mit der Botschaft zu beruhigen: verurteile ihn, es ist nicht schade um ihn, er hat’s verdient. Nein, ganz unmißverständlich läßt er Pilatus erklären, daß er Jesus für unschuldig hält. Und Jesus hat sich nicht verteidigt. Der Sanftmütige und von Herzen Demütige hat hier eine neue Sprache gesprochen, die er vor der Passion nie angewendet: »das heilige Schweigen«. Herodes schaut ihn an mit lebendigem Mienenspiel und fragt, fragt immer wieder. Jesus taucht seinen Blick in den des Herodes, ohne Herausforderung, ohne Trotz,   und schweigt. Wieder eine Frage, wieder lautlose Stille! Ein Schweigen, das zum Gericht wird!

Der schweigende Jesus   wieder das Bild der Hoheit, daß man den Eindruck gewinnt, da unten in der Tiefe auf der Erde spülen wogend die schmutzigen Fluten, wollen mit Wellenbergen zu ihm hinauf und ihn hinabreißen. Und sie müssen ablassen und stille werden, können ihn nicht erreichen, können ihn nicht erschüttern und beflecken. Bei dem Bilde, das der Evangelist wiedergibt, ist nichts aufgetragen«. Schlicht und einfach wird berichtet. Die Tatsachen treten selber heraus und sprechen ihre eigene Sprache, und wieder zeigt auch diese Handlung Jesu ein Wesen nach der Seite der Schönheit hin. Daß auch dies Hindurchschreiten Jesu durch den Staub so unsagbar schön ist, weist weit tiefer, als ein oberflächliches Hinsehen oder auch ein religiöses Betrachten erraten läßt. Es weist in die Geistesräume hinein, in denen das geborgen wird, was wir wahre Kunst nennen.

Der Herrenmensch – und der Herr, der allein Mensch ist.

Das Allerheiligste nennen wir diesen Passionsweg. Denn es reiht sich eine Offenbarung des Jesuslebens an die andere, wie sie vorher nicht vorhanden und auch unmöglich sind. Ins Allerheiligste hinein führen auch die Bilder, da Jesus vor Pilatus steht: der verachtete Jude vor dem römischen Vizekönig. Ist da nicht von vornherein eine Lage vorhanden, in der Jesus, wenn schon nicht versagen, so doch verschwinden muß? Bei der Nichtachtung des Herrenmenschen und Nichtbeachtung durch den Römer mußte sich, menschlich geredet, die große Linie seines Lebens in nichts auflösen, die Schönheit der Form im Nebel vergehen. Aber Jesus zwingt Pilatus gleich mit dem zweiten Wort, aufzuhorchen, von der Höhe der Nichtachtung herunterzusteigen und als Mensch zum Menschen zu reden, ja ob dieses Menschen zu staunen, innerlich etwas zu erleben, so daß ein ganz anderer »Mensch« in ihm lebendig wird als sonst, und   sogar zu fragen. Dabei sind uns im ganzen nur 4 Worte Jesu überliefert, die er an Pilatus richtet. 4 Worte nur, und doch mit einem Inhalt erfüllt, daß zahllose Bücher und Predigten, die sich mit ihnen befassen, sie nicht erschöpft haben. Für uns kommt heute als etwas Besonderes hinzu, daß diese Worte zugleich von unvergänglicher Schönheit sind und eine derartige Form bieten, daß der begabteste Künstler der gebundenen Rede oder der Prosa nicht vermag, eine schönere Form für denselben Inhalt zu finden. Und das will doch schon vom rein künstlerischen Standpunkt etwas heißen! Ich weise immer wieder darauf hin, daß es sich um eine solche Hochflut im Seelenleben Jesu handelt, wie sie nur an diesen zwei Tagen, Gründonnerstag und Karfreitag, vorhanden sein kann. Hochflut, Sturm, Springflut! Alle Tiefen sind in Bewegung und steigen nach oben! Für Jesus ist es ja so, daß er es eigentlich ist, der diese Stunde heraufbeschworen hat   schon durch sein bloßes Dasein, denn Dasein ist Sendung  , der jetzt, an diesen Tagen, das Schicksal der Welt in seinen Händen hält und zum Schicksal seines Volkes wird, das er nicht abwendet! Für das er vielleicht in Gethsemane um Frist gebeten hat, ohne sie zu erhalten. Es ist tatsächlich die Welt, die in der Frage des Pilatus: »Bist du der Juden König?« zu Worte kommt. Denn Jesus macht die Frage zur Weltfrage, indem er seine Antwort daran bindet, daß er der König der Menschheit sei, höher stehend als jeder vor ihm und nach ihm, da er das bringt, was keiner je bringen konnte und könnte. Eine fremde Welt istJesus für Pilatus; Pilatus wieder steht ihm als gegensätzliche, abgewandte und dabei halb tote Welt gegenüber. Kann es da in kurzen Worten ein Sich Finden geben? Zwang dieser Unterschied, der mehr als tausend Sonnenweiten betrug, nicht zu endlosen Auseinandersetzungen, wenn’s überhaupt zu annähernder Klarheit kommen sollte, um was es ging, um welche Prinzipien es sich handelt und welche übersinnlichen Ziele in Frage kommen? Und es geht alles so selbstverständlich vor sich, als ob es gar nicht anders als eben nur so sein könnte. Als ob kein Zwang auf allen lastet. Als ob nicht das furchtbarste Ungewitter der Weltgeschichte bevorstand. Als ob nicht am fernen Geschichtshorizonte die Flammen des brennenden Jerusalem emporzüngelten.

Zunächst sieht es freilich so aus, als ob der römische Richter aus seiner starren Sachlichkeit nicht herauskommen wird. Kurz und bündig faßt er die ganze lange Anklage der Juden zusammen. Alles, was sie von Landesverrat, von Auflehnung gegen den römischen Kaiser, von Throngelüsten dieses Angeklagten gesagt haben, legt er in die eine Frage . »Bist du derjuden König?« Jesus antwortet mit einer ebenso einfachen Gegen¬frage, die aber einen sonderbaren Unterton hat: »Redest du das von dir selber, oder haben’s dir andere von mir gesagt?« Das heißt in scharfer, schneidender Sprache: »Bist du, Partei, voreingenommen oder objektiv?«

Das ist ja der Punkt, wohin Jesus erst immer jeden zu bringen gesucht hat, der mit ihm sprach oder ihn stellte: stets weist er vorher die geistigen Bindungen auf! Nichts ist Pilatus unbehaglicher und erniedrigender als der bloße Gedanke, er könnte mit Juden gemeinsame Sache machen und sich seine röm‘ sche Ehre als oberster Richter beschmutzen lassen. Daher gleich seine   nach Verachtung klingende   Feststellung, daß ihm jüdische Probleme und problematische Fragen und Zwiste gänzlich fernliegen, so fern, daß er schon aus reiner Verachtung nicht Partei sein kann. Darum stellt er seine völlige Unbefangenheit fest und sagt: »Bin ich ein Jude? Dein eigen Volk und die Hobenpriester haben dich mir überantwortet. « Weiterhin entkleidet er seine erste Frage aller Tendenz und fragt nach dem Grundsatze »audiatur et altera pars« (der Angeklagte muß auch zu Worte kommen, wörtlich: »auch der andere Teil werde gehört«: »Was hast du getan?, Wieder antwortet Jesus nicht, wenigstens nicht auf diese Frage. Sondern jetzt beantwortet er gerade den Kern der ersten Frage, »Bist du der Juden König?, nachdem Pilatus seine Sachlichkeit und Bereitschaft, nur das Wahre gelten zu lassen, als über allen Zweifel erhaben hingestellt hatte. Jesus gibt also Auskunft über die Königsfrage   und Pilatus lehnt sie nicht ab, denn sie enthält in wunderbarer Weise eine Antwort auf die Frage, was er getan habe, aber in dem andern Sinne, was er zum Inhalt seines ganzen Lebens gemacht und gehabt habe. Da stehen sie, diese unvergänglichen Worte, umleuchtet von Ewigkeitslicht und doch ein Bestandteil des Erdendenkens geworden! Unaustilgbar, weiterwirkend als eine Kraft, die alles Kirchenwesen immer wieder vom falschen Wesen befreit, das niemand treffender als Dostojewski im »Großinquisitor« der »Brüder Karamasow« gezeichnet hat. Jesus spricht: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Es ist unerschöpflich und bleibt der unverrückbare Wegweiser durch die Menschheits  und Kirchengeschichte hindurch. Im Augenblick der Verantwortung vor Pilatus aber kann Jesus ganz folgerichtig mit Worten fortfahren, die scheinbar nur der Tageslage gelten, obschon auch in ihnen mehr liegt:

»Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde, aber nun ist mein Reich nicht von dannen. «

Damit sagt Jesus auch, was er nicht getan hat. Damit entkräftet er die hundert Anklagen der Feinde, die wider besseres Wissen von einem Streben Jesu nach Krone und Macht mit Feuer und Schwert geredet haben. Er spricht vom Kampf, spricht vom Reich, spricht von seinen Dienern. Ganz deutlich spricht er von seiner Führerstellung und von denen, die er führt, denen gegenüber er als ein solcher Gebieter gilt, daß er über ihr Leben   nicht verfügen könnte  , sondern tatsächlich verfügt. Aber er hat nun einmal ein anders geartetes Reich, in dem das Leben für andere Zwecke hergegeben wird als dazu, den Herzog herauszuhauen und die Feinde zu vernichten. Seltsamer Mann mit einem seltsamen Reich!

Da muß nun Pilatus weiterfragen und muß seine erste Frage wiederaufnehmen: »So bist du dennoch ein König?“ Er ist nun ganz Ohr. Die Rätselrede hat ihn gepackt. Aus dem gelangweilten Richter ist ein interessierter Zuhörer geworden, der sogar seine Wahrheitsliebe beteuert hat und jetzt ein Rätsel gelöst haben will. Jesus löst es. Und seine Lösung schlägt durch, wirkt in Tiefen hinein, die Pilatus in sich selber nicht kannte:

»Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.«

Die folgende Szene ist in ihrem inneren Widerspruch echt menschlich. Pilatus spricht das aus dieser Unterredung ebenfalls berühmt gewordene Wort, das Wort, das die Verzichtreligion von Millionen ist: »Was ist Wahrheit?« Wahrheit! Gibt’s überhaupt nicht. Sinn für Wahrheit   aus der Wahrheit sein   Unsinn! Eben verneint er die Wahrheit und sagt mit seiner wegwerfenden Antwort, daß man für dergleichen keinen »Sinn« mit auf die Welt bekommen habe, wie etwa das Auge zum Sehen, das Ohr zum hören, und in einem Atemzuge sagt er dann die Wahrheit und bezeugt, einen wie klaren und tiefen Sinn er für Wahrheit hat. Er geht hinaus zu den Juden und sagt: »Ich finde keine Schuld an ihm.« Das heißt doch: »lch habe einer Seele bis auf den Grund geschaut und sie als rein, wahr, glaubwürdig, unantastbar erkannt. Es gibt wohl eine Schuld auf Erden und die wird heimgesucht und muß heimgesucht werden. Aber von solcher Schuld ist Jesus frei. Ich habe nach Schuld gesucht an ihm, mein Auge hat ihn beobachtet, mein Ohr auf den Klang seiner Stimme, auf den Inhalt seiner Worte geachtet. Ich bin seinem Wesen so nahegekommen, daß ich nun der Wahrheit gemäß nur sagen kann: ich finde keine Schuld an ihm.« Pilatus will Skeptiker sein und   ist Wahrheitszeuge. Wie wunderbar ist es, zu beobachten, in welch zarter, schlichter Weise Jesus den stolzen Römer auf diesen Wahrheitsweg nötigt. Schon das ist Kunst! Dazu aber kommt das andere: Er braucht nicht nach Worten zu suchen, um einen ganz, ganz Fernstehenden in seinen Gedanken  und Schicksalskreis herüberzuzwingen. Diese Worte aber selber weisen wieder den wohltuenden Klang des Wohllautes auf. Es ist, als ob wirklich lauter Schönheit sich in diese Worte hüllt und vor uns hintritt. Nirgends aber wird die Erhabenheit der Gedanken zerstückelt oder zerrissen, trotzdem: nichts, aber auch wirklich nichts Künstliches klingt in diesen Worten mit.

Als dann Jesus von Herodes auch als der Unschuldige bestätigt wird, kann Pilatus trotz seiner Weltanschauung . »Was ist Wahrheit« von der Wahrheit nicht los. So will er denn seinem Wahrheitssinn genügen und Jesus loslassen, aber auch der Wut der Volksführer Zugeständnisse machen. Wenn sie ein blutiges Haupt sehen, werden sie zufrieden sein, ihre Hassesglut sich abkühlen. Er verhandelt: «Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht, als der das Volk abwende, und siehe, ich habe ihn vor euch verhört undfinde an dem Menschen der Sachen keine, deren ihr ihn beschuldigt; Herodes auch nicht, denn ich habe euch zu ihm gesandt, und siehe, man hat nichts auf ihn gebracht, das des Todes wert sei. Darum will ich ihn züchtigen und loslassen.«

Dem Tode nahe.

Das war gleich danach. Denn die Geißelung geschah in erbarmungsloser Weise. Oft stand der Gegeißelte nicht wieder auf und hauchte bald darauf seine Seele aus. Mit Jesus machten die Kriegsknechte keine Ausnahme. Die unsäglichen Qualen   sein Körper hielt ihnen stand. Dabei hatte kein Schlaf ihn erquickt. So wie er sich von den Knien in Gethsemane erhoben hatte, stand er vor seinen Peinigern, nachdem in der Nacht ihm schon die Fäuste das Angesicht zerschlagen hatten. Das war schon eine Geißelung gewesen. Und was für eine! Sein Angesicht hatten sie verdeckt und spien ihn an und schlugen ihn und fragten zynisch: „Weissage uns, Christe, wer ist’s, der dich schlägt?« Von da ab   keinen Augenblick ein Ausruhen bis zum Morgengrauen. Er muß jetzt fast am Ende seiner Kräfte sein. Da sausen die Bleipeitschen nieder und zerfetzen seinen Körper. Taumelt er? Sie sind noch nicht zufrieden, die Soldaten! Als kaisertreue Römer wollen sie diesem »Judenkönig« zu Gemüte führen, was es heißt, sich in einer kaiserlichen Provinz als König aufzuspielen. Eine Krone soll er haben. Da haben sie schon aus dem langdornigen Unkraut eine Folterkrone gewunden, haben ihm einen alten Soldatenmantel umgehängt, denn der König soll auch seinen Purpur tragen, und als Zepter einen Rohrstab in die Hand gegeben. »Die ganze Schar« treibt ihren Mutwillen mit ihm, wie be¬richtet wird: einer nach dem andern speit ihn an, kniet vor ihm nieder wie vor einem Fürsten, um ihm dann das Zepter zu entreißen und damit auf das Haupt loszuschlagen, um nur ja die Qual ins Unerträgliche zu steigern und die Dornen so tief ins Fleisch zu treiben, daß der Gequälte zusammenbricht und wie ein Gefolterter zum Gaudium der Folterknechte alles nachschreit und bekennt, was ihm vorgeschrien oder von ihm als Bekenntnis verlangt wird. Es tritt dabei ein Zustand der Besinnungslosigkeit ein, ohne daß eine Ohnmacht dem Körper hilft.

So war hier am Karfreitag, in diesem Augenblick, die erste große, schwere Probe und Gefahr für Jesus, ob nicht der willige Geist dem hinsinkenden Körper einfach folgen müßte, und die große Linie an dieser Stelle erlosch. Aber kein wimmernder, aufschreiender, flehender, bei ausgelöschtem Bewußtsein wirre Worte stammelnder Spottkönig steht vor uns da, sondern, in Blut und Wunden gekleidet, wiederum das heilige Schweigen. Ja, das ist groß. Ist es nicht auch schön im höheren Sinne als Darstellung einer göttlichen Idee, eines unerschütterlichen Gehorsams, einer Treue ohnegleichen? Und wird da nicht das Äußere zur zutreffenden Wiedergabe des Inneren? Begreifst du nun, warum ein Künstler sich immer wieder an diesem Bilde versuchen muß in Farbe und Stein? Und es doch nie erreicht? Begreifst du auch, warum jetzt Pilatus die Flügeltüren des Statthalterpalastes aufgehen läßt und den Dornengekrönten vor die brausende Volksmenge stellt, die da doch plötzlich verstummt und des Pilatus Worte vernimmt: »Sehet, welch ein Mensch!“   »Ecce homo«, sagt die lateinische Übersetzung der Bibel. Mitten im blutigen Jammer diese Majestät. Würden die Volksmengen nicht doch ergriffen sich abwenden und still weggehen? … Pilatus hofft umsonst!

Wieder: – das heilige Schweigen.

»Redest du nicht mit mir?“ fragt nachher Pilatus gereizt. Denn Jesus schwieg mit einem Mal dem gegenüber, der sich Mühe gegeben hatte, ihn vor dem Kreu¬zestode zu bewahren. »Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich loszugeben?«

Eine Frage: möchtest du das hoheitsvolle oder geheimnisvolle   nenne es wie du willst  Schweigen Jesu am Karfreitag missen? Bringt es nicht etwas in die Hast und die Stürme dieses Tages, das nach der ewigen Stille schmeckt? Ganz zuerst geschah es einmal so unvermittelt, daß sich der Landpfleger verwunderte, als nämlich der »Verbrecher« seinem »Richter zugeführt wurde, und seine Verkläger   wahrscheinlich auf den Stufen des Statthalterpalastes   ihre Anklagen mit Entrüstung und gut gespieltem Entsetzen dem Pilatus zuschrien. Als da Jesus nichts antwortete und die hohen Persönlichkeiten, Hohenpriester und Ältesten noch mehr entrüstete, ja, als die Anklagen so toll, zwingend und genau wurden, daß sie nach dem Naturrecht – verteidige deine Ehre um der Wahrheit willen und die Wahrheit um der Ehre willen   nicht ohne Antwort bleiben durften, fragt ihn kopfschüttelnd Pilatus: »Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen?« – Eine Frage, die etwas ganz anderes zum Ausdruck bringt, als was sie sagt. Sie ist schon beinah eine Stellungnahme für den Angeklagten.   »Sie verklagen dich hart, aber ich durchschaue sie schon! Nun sprich du ein erlösendes Wort und mach mir mein Richteramt leicht und hilf meiner inneren Stimme!   Denn diese wird lauter. Immer lauter. Da kommt gar noch der Mensch, der ihm auf der Welt am nächsten steht, seine Frau, und fällt ihm in den Arm, der doch aus Zweckmäßigkeitsgründen sich erheben und das Schwert niedersausen lassen kann.

»Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten«, läßt sie Pilatus angstvoll bestellen, »Ich habe heute viel gelitten im Traum um seinetwillen.« Es überkommt den skeptischen Römer eine Unheilstimmung, die er nicht abschütteln kann. Der Evangelist Johannes hat wohl aus nächster Nähe zugeschaut und konnte darum Kap. 19 Vers 6 9 berichten; Pilatus spricht zu ihnen: »Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm… « Die Juden antworten ihm: »Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetze soll er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.« Da Pilatus das Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr.   Noch mehr! Und daß er sich in diesem Augenblick nicht vor den Juden fürchtet, kann man doch wohl diesem grausamen Tyrannen zutrauen, der nicht mit der Wimper zuckte, als er »die Galiläer, (Lukas 13,1) im Tempelvorhofe in der Nähe des Branddopferaltars niederhauen ließ. Auf ein paar Dutzend Menschenleben kam es ihm wirklich nicht an, wenn es galt, reinen Tisch zu machen und Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Vor wem er sich fürchtet, noch mehr fürchtet, sagt er selber mit dem, was er sofort nach der Anschuldigung »zu Gottes Sohn hat er sich gemacht!« tut und spricht. Denn   da ging er wieder hinein in das Richthaus und spricht zu Jesus: »Von wannen bist du?« Wieder die Weltfrage: Jesus, wo bist du her? Aus welcher Welt kommst du, stammst du? Kommst du wirklich aus einer andern Welt, aus der andern Welt, die von der Gottheit verhüllt ist und von der doch jeder Mensch weiß, um die er sich quält sein Leben lang, entweder mit der Bejahung oder der Verneinung der andern Welt, die ihre Gänge und Zuflüsse bis in unsere eigene Brust vorgetrieben hat und das Gewissen wissen und fürchten läßt. Und da hilft ihm Jesus nicht? Warum hilft er dem erschütterten Pilatus nicht? Ist das Liebe? Ist das Demut? Hätte jetzt nicht ein Wort genügt, das wie ein Blitz das Dunkel zerriß, um Pilatus Mut und Klarheit zu einem sofortigen Freispruch zu geben? Wie würdest du in gleicher Lage handeln, in ähnlicher? Ist dies Schweigen hellig und schön? Pilatus findet es jedenfalls in keinem Sinne »schön«. Es erbittert ihn. Er, der hohe Römer, läßt sich herab, init diesem Juden zu reden, und der straft ihn mit Nichtachtung. Verachtete dieser Jesus ihn so, wie er zu Anfang Jesus verachtet hatte, sind die Rollen vertauscht? Da bricht es los wie verhaltener Zorn und grausame Willkür, die scheinbar nichts auf innere Stimmen gibt: »Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich loszugeben?« Das heißt ganz eindeutig: »Ich kann mit dir machen, was ich will. Mich bindet nichts, kein Gesetz von außen oder innen. Ich verfüge über das Leben jedes Angeklagten wie über das Leben eines Hundes. Ich kann mit ihm spielen wie ich will, opfere ihn, wenn’s sein muß, und lasse ihn leben, wenn’s mir paßt. So verfahre ich   auch mit dir!«

Nun weiß es Pilatus eigentlich selber, warum Jesus schweigt. Er hat es ja eben gesagt: Denn gerade in diesen Worten, die er gesprochen, liegen die Gründe aufgedeckt, die Jesus wenn er von der andern Welt i,~t heiliges Schweigen aufzwingen. Würde Jesus in diesem Augenblick geantwortet haben, so war die Antwort eine Bitte ums Leben, und das kam für Jesus nicht in Frage. In diesem Augenblicke hätte eine Antwort dem Jesusleben die Größe genommen. Und wenn damit auch nur ein schnell verfliegender Hauch auf dem ewigen Spiegel der Wahrhaftigkeit erschienen wäre,   die eigentliche Schönheit wäre dahin, weil der Urgrund angetastet worden wäre.

Wollte Jesus seinen obersten irdischen Richter dazu bringen, den tiefsten Grund und Urgrund seines eigenen Handelns selber ganz klar zu erfassen, es sich selber einmal laut zu sagen, daß er die Wahrheit ganz genau kennt, ja, schon in der ersten Zone ihres Machtbereiches steht? Merken wir nicht, wie Jesus seinen Richter in den Bann der Wahrheit hineindrängt? Spürt man es dem Skrupellosen nicht ab, daß er sich mit schweren Skrupeln an einen äußersten Rand geschoben fühlt, an eine unheimliche Stelle, die er vermeiden will und muß? Erdbeben in der Pilatuswelt! Kann er mit vollem Bewußtsein das tun, was unwahr ist, wo ihn die Wahrheit geradezu blendet? Kann er kalt das Böse tun, wo er dem Bösen gegenüber zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr frei ist? Soll der Römer vor Toresschluß noch eine bange Ahnung   nein   noch mehr, ein deutliches Empfinden, vermittelt erhalten von dem, was Sünde ist? Also einen Blick ins unbekannte Land des ewigen Willens und einen Blick auf den Weg, den die Frevler gegen diesen Willen einschlagen?

Bußpredigt von ewigen Dingen in dem Augenblick, wo man sich um ganz andere Dinge erregen müßte?

Will Jesus auch die Heidenweit mitverantwortlich machen an seinem Tode?

Will er in Pilatus die ganze außerjüdische Kulturwelt als bewußt antl christ lich offenbaren und sie an der Kreuzesschuld so teilnehmen lassen, daß die Tat seiner Verdammung tatsächlich den Charakter einer Menschheitstat gewinnt? Hat Jesus so weit gesehen?

Wer sich von dem VorausschauenJesu, wie sein Blick die Zukunft durchdrang, keine rechte Vorstellung machen kann, der lese   Matthäus 13, dazu Lukas 14, 16 24, und endlich Matthäus 8, 11 12.   Da ziehe man die Linien nach, die Jesus bis in fernste Fernen vorzeichnet, oder man versuche sie nachzuziehen. Dabei lerne man ein ehrfürchtiges Staunen über das, was inzwischen Wort für Wort genauso gekommen, wie vorausgeschaut, und man wird es vielleicht doch fassen können, daß dieser übernächtigte, blutige, bleiche Mann vor Pilatus doch gerade jetzt etwas tut, was der ganzen Welt gilt, als er mit dem Römer diese Wege ins Übersinnliche geht,   indem er ohne Worte von der schweigenden Vergeltung jener Welt spricht, »von wannen er ist«.

Als daraufhin Pilatus mit jenen wenigen Worten seinen ganzen Seelenzustand beleuchtet hat, wie eine in Dunkel gehüllte Landschaft durch einen Blitz in allen Einzelheiten mit Wäldern, Türmen, Giebeln, Bächen, Sümpfen und Bergen sichtbar wird, da tritt Jesus aus seinem Schweigen heraus und geht mitten in diese Seelenlandschaft hinein bis zu der Stelle, wo der Mensch abhängig ist von dem Einen, von dem Oben, und wo die größte Sünde gegen dieses »Oben« beginnt!

»Du hättest keine Macht über mich«, entgegnete er, »wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben; darum, der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.«

Aber – heißt das – größere Sünde bleibt doch auf dir hängen, wenn auch die andern die größere Sünde auf sich laden, die den Pilatus in eine Zwangsjacke nötigen, so daß der »freie Römer, sich fügen muß. Der Griff an der Gurgel schmerzt   und erniedrigt namenlos. Pilatus ahnt noch nichts davon. Jesus sieht es schon kommen. Anfangs hatte für Pilatus höchstens der Gedanke Raum gehabt: »Was kommt’s am Ende auf ein Judenleben mehr oder weniger an! Wenn man durch eine Verurteilung die Affäre schnell und mühelos los wird, steht es ja in meinem Belieben, das Todesurteil zu fällen. Dann haben die Fanatiker ihr Opfer   und ich habe meine Ruhe.«   jetzt hat sich aber unter Jesu Blick, Wort und Schweigen die ganze Seelenwelt des Pilatus verschoben. Mit der lässigen Haltung ist es ganz vorbei. Sein Gleichgewicht hat er endgültig verloren. Druck von innen drängt ihn. Am liebsten möchte er jetzt den Mann freigeben. Nicht nur sein Gewissen zwingt, auch sein Wissen tut’s, das unter den Worten Jesu so übermächtig geworden ist, daß es da kein Entrinnen mehr gibt! Das Unheimliche, das »Oben«, meldet sich. Wehe dem, der dagegen anrennt! Die Sünde rächt sich!

Der seltsame Mann da vor ihm hat die Sache beim rechten Namen genannt, und sein Inneres hat zugestimmt. Darum will er Schluß machen. Mit einem jähen schnellen Abschluß die Sache beenden!

Ist er nicht diesem Fremdvolke und seinem häßlichen Geschrei gegenüber frei, freier Herr? So frei, wie der Adler auf dem Felsenhorst – das Symbol der römischen Macht und Weltanschauung? Soll er sich der Rache der Welt, von warmen dieser jes us am Ende doch ist, aussetzen, das Schicksal herausfordern?

»Von dem an trachtete Pilatus, wie er ihn losließe … «

Aber gerade in diesem Augenblick werden dem römischen Adler die Schwingen gebrochen. Die raffinierten Gegner haben die Stelle entdeckt, wo Pilatus tödlich zu treffen ist. Ein Stellvertreter des Kaisers, der »een Revolutionär und Kronprätendenten« freigibt (so muß man die Sache drehen!)   ist vor dem Kaiser für immer erledigt. Was wußte und verstand der Kaiser in Rom von der geistigen, unsichtbaren Krone, die sich Jesus in seinem Reiche aufs Haupt gesetzt hatte, das nicht von dieser Welt ist! Krone ist Krone! König ist König, Reich ist Reich! Das braucht nur mit dürren Worten vielsagend hingeworfen zu werden, dann antwortet der Kaiser darauf mit der Handbewegung, die den Lebensbau des Pilatus in einen Trümmerhaufen verwandelt, der Pilatus mit seiner Frau und seinem Glück darunter begräbt. Daher schleudern sie ihm die erpresserische Nötigung kreischend frech ins Gesicht:

»Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist wider den Kaiser!«

Wie tückisch genau sie Bescheid wissen! „Freund des Kaisers«! Pilatus hört es und   erbleicht. Da fühlt er sich gewürgt und kann die Hand nicht loszerren. Wie sie das nur alles wissen! ja, er als ehemaliger Sklave hatte sich emporgeschwungen bis zu der Stufe, wo man den Titel »amicus imperatoris«, Freund des Kaisers, erhielt und damit über alle Reichsgenossen emporstieg. Pilatus führte diesen Titel nicht nur mit berechtigtem Stolz, sondern auch mit der wohligen Genugtuung, daß nun sein Leben für immer in Ordnung sei, fern aller Sorge, fern allem Ringen, um emporzukonnnen.

»Sie haben mich in der Schlinge, und ich kann mich nicht rühren!« Diese Erniedrigung bekommt Pilatus zum ersten Mal in seinem Leben zu schmecken und muß sie mit Zähneknirsclien hinnehmen. Oft genug hat er diesem verachteten Volke den Fuß auf den Nacken gesetzt und Tausende auf dem bloßen Argwohn der Empör ung hin niedert i letzeln lassen. Und nun ist er in ihrer Hand. Er hat das Spiel verloren. Er sieht’s. Es geht ums Leben. Er muß ihnen zu Willen sein und kann nur noch eins: sie, die ihn in die große Sünde gegen »das da oben“ hineinzwingen, das sein Schicksal leitet und ihm Macht gab vor Millionen anderen, das ihn tödlich treffen kann, – sie kann er wenigstens vor Wut schäumen lassen. Das ist seine Rache – bis dahin, wo er den Leichnam Jesu freigibt, statt ihn mit den Mördern einscharren zu lassen. Alle Worte, die er spricht, die Inschrift, die er nachher ans Kreuz setzen läßt in der Fassung, die wie Peltschenhiebe ins Gesicht wirken, sind Versuche, Rache zu nehmen für die schändlichste Niederlage eines ganzen Lebens. Und dabei will er die Wahrheit sagen, die ihn erfüllt: dieser Jesus ist wirklich die einzige königliche Natur unter euch. Er verdient, euer König zu heißen.

So setzt er sich denn, als er das Todesurteil aussprechen muß, draußen vor der Masse auf den Richtstuhl und beginnt zu höhnen: »Seht, das ist euer König!«, um damit sofort das frenetische Geheul zu entfesseln:

»Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!«

Mit Genugtuung hört er’s und reizt sie noch mehr, bis zur sinnlosen Wut mit der Frage: »Soll ich euren König kreuzigen?«

Dieselben, die so angelegentlich auf den Sturz der Römerherrschaft hinarbeiten, antworten da aber – der Zweck heiligt ja die Mittel – mit einer ihrer größten Gesinnungslügen: »Wir haben keinen König, denn den Kaiser!«

Treu, ergeben, loyal.

Der Zweck wird erreicht, da »überantwortete erJesus, daß er gekreuzigt würde«,! Doch für Pilatus ist nun das Maß der Entwürdigung voll. Er schreibt selber eine Überschrift und setzt sie auf das Kreuz. Und sie enthält und soll enthalten des Pilatus Überzeugung und Auffassung von Jesus:

»Jesus von Nazareth, der Juden König…«

Warum schreibt er nicht: der Rebell! Der Narrenkönig, der Spottkönig?

Nach den geltenden Vorschriften mußte doch ganz eindeutig das Verbrechen auf dem Zettel über dem Kopf des Verbrechers am Kreuz zu lesen sein!

Er schreibt’s so, daß jeder es lesen kann: griechisch, lateinisch, und einen Sprachkundigen ließ er wohl dasselbe auf hebräisch hinzufügen, wenn er es in grotesker Weise nicht selber getan hat.

Die Hohenpriester verstehen sofort den Hohn. Mit verhaltener Empörung und Wut bitten sie ihn höflich, sich doch deutlicher auszudrücken: »Schreibe nicht der Juden König«, sondern daß er gesagt habe: »Ich bin der Juden König!«

Ein kalter Blick des Pilatus. »Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben!« weist er sie ab.

Wenn er damit nur die beklemmende Angst vor dem »Oben« damit loswürde! Da kann das Verhängnis lauern! Schauen ihn nicht von da starre Augen durchdringend an, deren Blick er nicht los wird, er kann sich drehn und wenden, wie er will? Augen, die von diesem blutig geschlagenen »Gottessohn« zu ihm blicken.

Still wird’s. Was macht er? Sie bringen ihm ein Becken mit Wasser? Stumm steht das Volk. Aller Augen sind auf ihn gerichtet. Was soll das? Er – wäscht sich die Hände? Und nun spricl it er, und es hallt von den Mauern wider, daß sie es bis in die äußersten Winkel hören:

»Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten! Seht ihr zu!«

Denn sein Gewissen hat angefangen zu schreien, gellend zu schreien. Er bittet förmlich mit dieser symbolischen Handlung, daß auch sie ihr Gewissen sprechen lassen sollen.

Ein grausiges Echo kommt zurück, das grausigste, das es jemals in der Weltgeschichte gegeben hat, ein Echo, das sich immer wiederholt und nicht zur Ruhe kommen will. Wann wird es das einmal tun? Ober das Jahr 70 hin tönt es bis heute weiter, manchmal leiser werdend, daß man meinte, es sei nun verklungen, dann wieder plötzlich dröhnend laut werdend:

»Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«

Dabei waren die Juden das einzige Volk der Welt, das etwas Genaueres von Erbsegen und Erbfluch wußte.

Aber wie eng in Fühlung mit der Wahrheit ist jetzt Pilatus, der noch vor einer Welle gemeint hatte, Wahrheit interessiere ihn nicht! Und jetzt interessiert sie ihn so, daß das schon kein bloßes Interesse mehr ist, was ihn packt. Sie zerreißt ihn förmlich. Der Panzer um sein Gewissen ist wie Papier durchbohrt, die Binden hat ihm jener Mann da mit dem blutigen Antlitz, auf dem göttliche Hoheit thront, von den Augen genommen.

Gibt es dann eine »Haltung«, die je in der Welt so war wie die Haltung Jesu in der Flut des Grauens? Das ist die Schönheit seines Schweigens! Ist sie nicht die Begleiterscheinung der Wahrheit, die nun endlich einmal wie die Sonne aus den Wolken hervorgetreten ist?

Wahrheit und vollkommene Kunst sind die Worte Jesu, die Pilatus bezwingen. Der Künstler mag einmal hier entscheiden, ob schöner, künstlerisch richtiger, erhabener das ausgedrückt werden kann, was Jesus mit den wenigen Worten dem Pilatus sagt! Und mit dieser unüberbietbaren Schönheit verbindet sich ein Ernst, eine Güte, ein seelsorgliches Helfen, das man vergebens in der ganzen Weltliteratur nach ähnlichen Worten in gleicher Lage sucht. Wie kommen sie daher, diese Worte, wie ungesucht, wie mühelos: »Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben; darum, der mich dir überantwortet hat, hat größere Sünde!» Das kann nur der Meister, der auch die Sprache meistert, dem die Sprache das Instrument geworden ist, auf dem er seine ewigen Melodien spielt, die der Menschheit in die Seele klingen sollen, das Instrument, das unter dem Griff des Meisters mit nur wenigen Lautfolgen gleich Allerletztes hergibt.

Unter dem Eindruck dieser göttlichen Schönheit – steht Pilatus, als erJesus verurteilt und bei seinem Urteil doch die Krone zuerkennt! Was er geschrieben hat, hat er unbewußt im Namen der Menschheit geschrieben: Du bist ein König! König in einem Sinne, wie es hier auf Erden nie einen gegeben hat.

Jesu Schweigen – es brachte Pilatus zu der Welt die schweigt und regiert.

Jesu Schweigen! Wehe, wenn es einer von uns nachmachen wollte!

Denn es ist tiefstes Erkennen allerletzter Beweggründe, und – Gericht und   Liebe und Hoheit.  

 

Der letzte Weg

Muß es noch gesagt werden, daß es sich bei Jesu letztem Gang und seinem Scheiden nicht um das handelt, was unsere Zeit »in Schönheit sterben« nennt?

Dies »in Schönheit sterben« ist ein Wahn, ja ein Witz, oder beides zusammen, die Ausgeburt einer Welt, die sich immer in einer Pose sieht, in einer angenommenen theatralischen Stellung, die immer vor dem Spiegel steht, auch wenn sie sich in Schlichtheit hüllt.

Der ganze Karfreitag ist aber wie kein anderer Tag sonst in heilige Schönheit getaucht. Nur darum kann auch der wundersame Zauber von ihm ausgehen, dem sich keiner entziehen kann. An sich wäre es durchaus möglich, daß ein solcher Tag, der in der Verbrechersphäre endet, der angefüllt ist mit Roheit und Feigheit, Lug und Trug, Quälerei und Todesnot fürchterlichster Art, daß der überhaupt keine Schönheitsstrahlen mehr aufweist, ‑ daß er nicht nur den Feinfühligen, sondern den Menschen schlechthin abstößt. Ja, das wäre nicht nur möglich, sondern zunächst das Wahrscheinlichere. Wenn nun dieser Wahrscheinlichkeit zum Trotz der Karfreitag gerade den Künstler zu Visionen zwingt, zum inneren Schauen von Bildern, die geradezu stürmisch ihr Recht verlangen, und eins das andere kraft der ihnen innewohnenden Gewalt fast verdrängt, so enthüllt damit der unauslöschbare Tag seine Seele! Und diese Seele – ist Jesus!

Freilich ist es ein anderer Karfreitagszauber, um den es sich dabei handelt, als der, den Richard Wagner im Parsifal locken und schmeicheln läßt. Wagner will ja gar nicht jenen Tag der Weltgeschichte malen, sondern einen ganz besonderen Tag im Leben seines Helden, wobei alle Schatten schon von Osterlicht überleuchtet sind. Das sind sie aber an jenem ersten Karfreitag nicht! Da dröhnt vielmehr der eherne Schritt ewigen Weltgeschehens. Aber daß dieser Schritt zum Donner wird, das ist wieder ein Anzeichen dafür, daß die Wasser der Weltgeschichte sich hinter einer riesenhaften Felswand aufgestaut hatten, um diese Wand der Sünde und des Todes an diesem Tage zu sprengen und sich selber über die Trümmer zu ergießen ‑ ein ganzes Volk dabei in die Tiefe reißend, während Geisterhände die Felstrümmer so über‑ und nebeneinander zu schichten scheinen, daß sie sich zu einem Weltheiligtum ordnen, mit hohen Pforten nach allen vier Himmelsrich­tungen.

 

Aus der Stadt heraus

Zum Hinrichtungshügel geht’s. Trotz des Morgens glüht schon die Sonne. Ein Zug, wie ihn die Jerusalemer oft genug gesehen, denn die Richtstätte liegt dicht bei der Heerstraße. Und doch ‑ ein ganz anderer Zug, wie ihn nie wieder einer gesehen hat. Menschen, Neugierige, Staub, blitzende Harnische, Hauptleute hoch zu Roß, weinende Frauen ‑ ein langer Zug! Und in der Mitte drei Kreuzträger. Einer von ihnen wankt. Stürzt in den Staub. Jesus. Da geht einer aus Kyrene in Afrika vorüber, der wahrhaftig zu anderen Zwecken zu Ostern nach Jerusalem gekommen ist, als um einem Verbrecher das Fluchholz abzunehmen. Die Soldaten packen ihn. Er wehrt sich und verwahrt sich. Es hilft ihm nichts. Er muß Jesu Kreuz auf seine Schultern nehmen und es tragen. Der zerrissene Rücken, das blutige, zerpeitschte Antlitz, das krampfhafte Zittern und langsamere Ausschreiten ihres todesbleichen Opfers hatten wohl die Soldaten befürchten lassen, daß der Tod des Verurteilten schon auf der Landstraße eintreten und den Tag seines Hauptschauspiels berauben konnte. Daher üben sie aus Unmenschlichkeit etwas Menschlichkeit. Ob dieser Afrikaner schärfer sah als die andern? Jedenfalls ist sein Name mit unverwischbarer Schrift in dem großen Geschehen mit verzeichnet. Bedeutsam bemerkt Markus dazu: »welcher ist ein Vater des Alexander und Rufus« also zweier den Evangeliumslesern ganz bekannten Anhängern des Mannes, dem ihr Vater das Kreuz getragen. Damit ist man schon über die Linie der bloßen Vermutungen hinüber und sieht Bande sich knüpfen, die unlöslich mit dem Karfreitag und seinem Zauber verknüpft sind.

 

Furchtbare Gesichte

machen dem Todgeweihten die Last zentnerschwer und den Weg verzweifelt sauer. Fortwährend muß er sie schauen, während das Weinen und Klagen der Frauen ihn umschallt. Während diese rührenden Frauenseelen sein Einzellos fassungslos beklagen, ist ihm das Herz zum Zerspringen voll von einem heißen Erbarmen, das sich ‑ erbarmen möchte und nicht kann! Aber er muß es ihnen sagen, was ihn erfüllt. Die Bilder verfolgen ihn! Nicht als zweifelhafte Schatten, sondern als Wirklichkeiten, die schon wie Sturmwolken schwefelgelb und schwarz über ihnen hängen. Und in was für Worten entströmt ihm das entsetzliche Gesicht, das er schaut! Folgt man diesen seinen Worten bis in die innersten Zusammenhänge, so erkennt man wieder, daß das ja alles lauterste und reinste ‑ Kunst ist… ein Gewebe so einziger Art, wie es nur bei völliger Versunkenheit in die Ruhe des Schaffens möglich ist. Und er spricht sie in einem Augenblick, da an bewußtes Kunstschaffen doch überhaupt nicht zu denken ist. Die klagenden Frauen redet er bedeutsam an:

„Ihr Töchter von Jerusalem … !“

Ihr, die ihr mit dieser Stadt auf Gedeih und Verderb zusammenhängt, mit diesem Jerusalem, das die Propheten tötet und die Gottgesandten steinigt! Dieser eine Zusatz beleuchtet schon eine Verhaftung und Verknüpfung von Schicksalen untereinander, wo einer, der ans rettende Ufer möchte, von dem Sturz der Wasser mit in den Abgrund gerissen wird. Als Kinder Jerusalems werdet ihr Jerusalems Zukunft haben. Ihr seid heute schon gezeichnet. Darum keine Anrede, wie sie wohl nähergelegen hätte: Ihr Mütter! Ihr Weiber! Hier klingt vielmehr das »Jerusalem, Jerusalem« wieder, das Jesus unter Tränen im Blick auf die geliebte Stadt gerufen hat, als er zum letzten Mal die Stadt von der Höhe erschaute. Mitten im Verhör, mitten in der Geißelung geht es ihm durch Herz und Sinn: Jerusalem, Jerusalem!

Darum, weil ihr Jerusalems Töchter seid, weint über euch selbst ‑ und über eure Kinder!
Die Kinder sind ja immer in das Schicksal der Eltern verflochten! Israel weiß das.

Dies Verflochtensein ist so grauenhaft, daß der Segen des Mutterseins und des Kinderhabens zum schrecklichen Fluch und zur Qual über alle Qualen werden wird, wenn das Verhängnis hereinbricht!

Und er will’s nun noch aufhalten!

Denn was Moses weissagt, wenn sie den Propheten nicht annehmen, dem Gott seine eigenen Worte in den Mund legen wird, was Moses nur als Möglichkeit weiß, sieht Jesus schon als lebendige Gegenwart mit bei­den Füßen in die Stadt eintreten. Im 5. Mose, Kap. 28, heisst es:

»Der Herr wird ein Volk über dich schicken            von dem Ende der Welt, das wie ein Adler fliegt (das Zeichen Roms), des Sprache du nicht verstehst, ein freches Volk, das nicht ansieht die Person des Alten noch schont die Jünglinge… und wird dich ängsten in allen deinen Toren, bis daß es niederwerfe deine hohen Mauern … (so geschehen im Jahre 70 nach dem Bericht des Josephus). Und wird euer ein geringer Haufe übrigbleiben…
Denn der Herr wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Welt bis zum andern… Dazu wirst du unter denselben Völkern kein bleibend Wesen haben und deine Fußsohlen werden keine Ruhe haben. Denn der Herr wird dir daselbst ein bebendes Herz geben und verschmachtete Augen und eine verdorrte Seele, daß dein Leben wird vor dir schweben. Nacht und Tag wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es Abend wäre! Des Abends wirst du sagen: Ach, daß es Morgen wäre! Vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird, und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst«.

Und die dies Verhängnis treffen wird, die gehen hier neben Jesus einher zur Richtstätte ‑ und stehen schon auf ‑ ihrer eigenen Richtstätte! Die Töchter Jerusalems! Die Mütter!

Wilde, rasende Verzweiflung wird die Mütter packen, daß sie nur noch einen Wunsch haben werden, unter der Erde zu sein.

»Dann werden sie anfangen zu sagen. Ihr Berge fallet über uns, ihr Hügel deckt uns zu!«

In Schönheit sind diese Worte getaucht. Sie entsprechen dem höchsten Kunstmaßstab. Aber der Stachel ist ihnen damit nicht genommen. Sie erschüttern im Gegenteil dadurch nur noch mehr, enthüllen die erschütterte Seele des Herrn. Denn um seinetwillen wird es ja so kommen, daß wimmernde Mütter die Berge, die Hügel anflehen, sie mit undurchdringlicher Nacht zuzudecken.

Hat Jesus eben ein Prophetenwort (Hosea) aufge­griffen, so genügt die unscheinbare Wendung eines Hesekielwortes (sprich zum Walde: ich will in dir ein Feuer entzünden, das soll beide, grüne und dürre Bäume, verzehren), um sie in ein Gottesgesetz umzuprägen: wenn ein Volk seine eigene grüne Hoffnung und Zukunft (ihn selber, Jesus!) vernichtet, was soll aus dem werden, das schon längst nicht mehr grün ist!

»So man das tut am grünen Holze, was soll mit dem dürren werden!“

Wie eine glühendrote Fackel steht dies Wort an die Mütter Jerusalems in der Weltgeschichte da, düster den Weg zu dem großen Sterben im Jahre 70 und die Tempelstufen hinanleuchtend, von denen dann flüssiges Gold vermischt mit Blut herabrann.

Warum hat man diese unbeschreiblich packende Form der Worte Jesu nie eines Blickes gewürdigt?

Wer selbst das Schauerliche, das Unabwendbare in solche Farben kleiden und damit seine Seele selber so ganz aussagen kann, daß die inneren Schwingungen dessen, der um den ganzen Jammer mit Kopf und Herzen weiß, auf uns übergehen, ‑ wer dabei den Rhythmus edelster Sprache wahrt, ‑ der gehört in die Reihe der größten Künstler, die je gelebt haben.

Man lese es noch einmal im Zusammenhange und lasse sich von der Sprachgewalt und der Wucht und Tiefe der Gedanken ergreifen:

»Ihr Töchter von Jerusalem! Weinet nicht über mich, sondern weinet über euch und eure Kinder! Denn siehe: es wird eine Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen: Ihr Berge, fallet über uns, Ihr Hügel bedecket uns! ‑ Denn so man das tut am grünen Holze, was will am dürren werden!«

So streut Jesus, im Staube wandernd, fast zusam­menbrechend, ‑ eine Handvoll Perlen aus. Eine Totenklage um Lebende, wie sie schöner und schauerlicher kein Dichter erdenken kann!

 

Das Sterben

Auf Golgatha entsprang eine Quelle, die sich durch Jahrhunderte ergießt, und je mehr sie in Zeiten und Völker und Rassen hineinfließt, um so breiter wird ihr Lauf, und sie wird zu einem Strom, dessen Ufer fast so weit voneinander entfernt sind, daß man nicht mehr von dem einen zum andern schauen kann und dieser Strom einem Meere ähnlich sieht.

Die Quelle sprudelt weiter und zieht tausend andere Rinnsale herbei, die zu ihr streben, um in ihr zu ver­schwinden.

Karfreitag und Kunst trafen zusammen! Karfreitags­kunst!

Unerschöpflich ist sie und bewegt noch heute den Arm des Bildhauers, überkommt die Hand des Malers, zwingt den Schöpfer der Tonwelten in ihren Bann, läßt den Dichter Tiefen fühlen, schauen und sagen, wo der Alltag stumm und blind vorüberging. Und der Alltag läßt sich dann bei der Hand nehmen, zum Stillstehen zwingen, und indem er zum Echo der ihm geschenkten Kunst wird und eine verborgene Welt in ihm aufgeht, wird er zum Feiertag, zur Kirche!

Wahre Kunst steigt immer aus der Erde, aus unverbildetem Volkstum, wo die Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch vorhanden ist. Es gilt auch da: aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit.

Das ist der geheime Maßstab, mit dem alle Karfreitagskunst gemessen wird. Verbildete Epochen mögen ihn einmal verlieren; gefunden wird er doch immer wieder, weil Kunst Kunst ist und bleibt und nicht dauernd ihr Wesen verleugnen kann.

Unsere Zeit hat den einen Vorzug vor der eben vergangenen: ihre Kunst will unmittelbar sein, Unmittelbares geben! Sie will ‑ ahnend ‑ einen Urwillen, der hinter den Dingen steht, mit den Erscheinungen dieser Erde verbinden. Sie wittert ewige Zusammenhänge. Wenn dann ein Bild schauerliche Verzerrungen bringt, so soll der große Riß sichtbar werden, der durch die Welt geht und nach Erlösung schreit. Es ist nur schade, daß sich dabei ein Großstadtkünstlertum herausgebildet hat, das ‑ auf dem Asphalt groß geworden nichts mehr von Ursprünglichkeit an sich hat, nur Hüllen bietet und auch mit der geschicktesten Radiernadel nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß alles verkehrt gesehen wurde, weil das innere Auge den Star hat. Im Zeichen der Zigarette, des Mannweibes, des Weibmannes! Aber die Totengräber stehen schon vor der Tür! Es wird bald diese verkrampfte Kunst zur Sage geworden sein, denn die Seele will nicht unausgesetzt im Staube kriechen und Erde essen ihr Leben lang. Es meldet sich schon das Ringen um die großen Prinzipien Licht und Finsternis. Solche Kunst wird sich dann nicht daran genügen lassen, verrenkte Menschleiber an Kreuzen darzustellen, wie es so widerlich nach 1918 in Erscheinung trat ‑ vom Karfreitag kamen sie eben doch nicht los ‑, sondern sie wird wieder einlenken in das unfaßlich Große des Karfreitags, wie es bei unseren Großen, Dürer, Rembrandt und Grünewald, erscheint, wo der Vorwurf des Gemäldes es war, der die Künstler über sich selbst hinaus gesteigert hat. Dies Sterben ‑ ist ein Leben im höchsten Sinne. Diese Karfreitagsfinsternis ist ‑ allerhellstes Licht!

Läßt sich das überhaupt malen?

Nie ganz! Denn Größe kann nur von gleicher Größe ganz erkannt werden! Es bleibt ein nie auszugleichendes Minus. Die größten Gemälde, die uns in die Knie zwingen, sagen doch nicht genug. Das Bild, das uns aus den Evangelien anschaut, hat noch keiner erreicht. Keiner!

Weil sich kein gleich Großer je finden wird!

Schon die Kriegsknechte müssen diese Größe empfunden haben. Von dem römischen Hauptmann am Fuße des Kreuzes wissen wir es mit Bestimmtheit. Denn wenn ihnen vielleicht oder bestimmt jeder Sinn für seelische Größe abging, so erstaunten sie doch ob der Kraft dieses Mannes, der Schmerzen ohne Wimmern und Klagen ertrug und den Betäubungstrank ablehnte, der ihm die Schmerzen der klaffenden Wunden und die Qualen des Wundfiebers gelindert hätte. Sie bewundern ihn, aber sie verstehen ihn nicht! Schmerzen aushalten, wenn man’s nicht nötig hat! Wer tut das!

Jesus zwingt sich, alle Schmerzen zu erdulden und jeden Augenblick volles, ungetrübtes, klares Bewußtsein zu haben.

So ist er mit vollem Bewußtsein der Mann der tausend Schmerzen und erduldet Höllenqualen. Keine wohltätige Ohnmacht umfängt ihn. Mögen ihm fast die Adern zerspringen, die Herzschläge jagend sich überstürzen, mag das Blut kochen, mögen die Handknochen unter der Last des hängenden Körpers zerreißen und zerbrechen, ‑ er bittet nicht doch noch um den Betäubungstrank.

Die beiden andern scheinen dagegen dem betäubenden Wein zugesprochen zu haben. Denn dem einen löst er die Lästerzunge, dem andern die Reuetränen, und sowohl das Lästern wie die Reue sind dabei ganz echt.

Jesus aber bleibt im Meer der Schmerzen. Jetzt leidet sein Körper das Äußerste!

Jetzt wird er ganz zum Instrument der Seele. Jetzt ist er ganz Mensch, und in den entsetzlichsten Grenzen, die ein Mensch um sich und in sich haben kann. »Ich habe Macht, mein Leben zu lassen; niemand nimmt es von mir!« sagt er ein Jahr vorher. Er leidet freiwillig.

Er hat als einzelner die ganze Menschheit angegriffen mit der göttlichen Liebe. Er hat ihren Gegenangriff herausgefordert. Er durfte nach dem Befehl seines Vaters auch nicht ein einziges menschliches Mittel zum Siege anwenden, auch nicht in der Verteidigung, auch nicht in der Abwehr. Auf alle menschlichen Auswege und Brücken muß er verzichten und untertauchen in der Flut, wo alle Sünden zu dem dunkelsten Strom zusammenrauschen und Haß und Grausamkeit ihre furchtbarsten Triumphe feiern! Um selber am Kreuz vollendet zu werden und um als letztes Wort am Kreuz davon sagen zu können: »Es ist vollbracht!« erzählt in der kürzesten Form, die es je gegeben hat, von der eigenen Vollendung.

Von diesem Untertauchen in Nacht und Grauen hat er lange, lange vorher in geheimnisvoller Weise gewußt:

»Ich bin gekommen«, sagt er einmal (Lukas 12), »ein Feuer anzuzünden auf Erden! Was wollte ich lieber, denn es brennete schon. Aber ich muß mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde.«
Bange ist ihm auch ‑ um die Kraft. Angst bewegt ihn, ob er’s aushalten wird, ob er nicht vorher aufgeben wird. Die Schmerzen seines eigenen Körpers sind ja mit seinen Feinden im Bunde. Bedrängt von innen und außen, das Sterben in jedem Nerv, in jedem Herzschlag, erdrückt von der Erkenntnis der fürchterlichen Schuld und Eiseskälte der Menschheit, deren Todesgeist und Versteinerung er mit Grauen für sie trägt, muß er liebend aushalten und bis zum letzten Atemzuge den Angriff der Gottesliebe auf die Menschheit bis zum Siege über sie und über sich vorantragen! Die neue Menschheit im neuen Menschen erschaffen. Im ersten neuen Menschen, der das Haupt einer neuen Menschheit sein wird!

Und als die Todesnacht ihm in die Augen sinkt und der Erdentag erlischt, da ist sein Lebenswerk fertig. Das einzige, das je fertig geworden ist. Es mußte fertig sein. Denn er konnte nichts nachholen. Andere brauchen mit solchen Gedanken nur in bescheidenstem Maße zu ringen. Ihr Leben geht nur einen Kreis und eine vorüberhuschende Zeit an. Sein Werk geht alle Zeiten und alle irgendwie erdenkbaren Kreise aller Menschen an.

Das Kunstwerk seines Lebens darf keinen Gußfehler aufweisen.

Auch nicht die geringste Abbiegung vom göttlichen Bewußtsein darf vorliegen. Darum, als sie »Ihm den Mischwein reichten, wollte er’s nicht trinken «! Die göttliche Linie muß er innehalten ohne Abweichung von dem ewigen »Modell« im Bewußtsein Gottes.

So gibt er seinem Leben die fleckenlose Schönheit!

Er greift mit seiner Kraft über Abgründe hinüber, über die der Mensch nie hinüberdenken kann! Unbekannte Welten! Wenn’s über die ersten unbekannten Gräben geht, kann der Mensch schon nur im Dämmerzustand hinüber; meistens stürzt er von seinem Brett, das er sich darübergelegt hat, ab. Vorher sind wir alle Helden. Dann aber ist’s vorbei, wenn’s aus eigner Kraft gehen soll. Bei keinem ist’s ein Vollbringen mit dem Siegesruf: es ist vollbracht. Immer nur ist’s ein Sich‑Fügen in das Unvermeidliche, oft auch dann noch Pose, weil man sich ja im Grunde garnicht fügt.

Jesus auf Golgatha befindet sich nicht in einem Dämmerzustand, als er sich über den gähnenden Abgrund irrsinniger Todesschmerzen hinüberwagt und einen Kampf kämpfen muß, der alles Vorausgegangene wieder in Frage stellt.

Seine sieben Worte am Kreuz offenbaren seine starke Geistesklarheit. Er kann sie nur sprechen, indem er seine Seele mit ungeheurer Kraft aus dem Schmerzensmeer herausholt und immer wieder das Leben sammelt, das verrinnen will.

 

 

Die sieben Worte am Kreuz

 

1. Das erste Wort am Kreuz

Wir müssen uns ganz in das Geschehen des Karfreitags hineinbegeben, wenn wir die »Herrlichkeit« Christi sehen wollen, um dann mit Johannes sagen zu kön­nen: Wir sahen seine Herrlichkeit.Herrlichkeit ist innere Schönheit. Es gibt keine innere Schönheit, die sich nicht nach außen wunderbar ausdrückt. Denn Leben heißt sich offenbaren. Dies innere Leben schafft den »Lebensstil«. und damit ist schon ein Wort gefallen, das in das Gebiet der Kunst hinüberweist. Kunst aber ist ja: besondere Form und ewiger Inhalt. Man nehme diese Worte voll inhaltlich ‑ und man wird sofort dessen inne sein, daß damit gerade auch der ‑ Karfreitag ganz einzigartig charakterisiert ist. Oder wie eine andere Erklärung, geboren aus einer Künstlerseele, sagt: schön ist, was echte Lebenstiefe in der ihr gemäßen Form, in der sie eindeutig anschaulich wird, darstellt und versinnbildlicht!

Und hier am Kreuz wird die echteste und tiefste Lebenstiefe dargestellt und zugleich versinnbildlicht, – so versinnbildlicht, daß es seitdem überhaupt kein anderes Sinnbild mehr für diese Lebenstiefe gibt. Eine »gemäßere Form« kann es wohl nicht geben als dieses Kreuz und dieses Sterben, das ganz eindeutig ewige göttliche Größe anschaulich macht.

Und ist unsere Seele zu kraftlos und klein, oder zu nüchtern und dem Karfreitag zu fremd, so helfen uns die Golgathavisionen der großen Künstler Mantegna oder Dürer, El Greco oder Veronese, Rembrandt und Rubens, um in lauter Unherrlichkeit Herrlichkeit und vor dem Finsternishintergrunde das Licht aufleuchten zu sehen.

War’s, als sie ihm die Nägel durch die Hände und Füße schlugen, ‑ war’s, als das Kreuz emporgeschwungen war und damit die letzte Wegstrecke zum Tode begann und die Tat unwiderruflich wurde? Die Evangelien sagen es nicht. Jedenfalls ist es Jesu soge­nanntes »erstes Wort am Kreuz«, das ihm da zuerst über die Lippen kommt und zu einem Weltwort geworden ist; so göttlich ist es:

 »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!«

Der Sohn bittet den Vater. Sein eigenes Herz hat längst gesprochen, er hat vergeben. Er weiß, was er getan hat, als er in Gethsemane ihnen entgegenging. Er wußte auch, was der Vater tun wird. Aber sie wissen nicht, was sie getan haben, wissen nicht, was sie tun, und glauben nicht, daß ihr Tun zermalmend auf ihre Kinder fallen wird. Sie wissen darum nicht, daß der letzte Kreuzigungshammerschlag zugleich Tempel und Volk in Trümmer schlug.

Unheilvolle Unwissenheit! Unbelehrbar, unbekehrbar! Und wenn einer vom Himmel kommt! Und wenn einer den Vorhang von der Zukunft wegzieht! Und wenn alles, alles, Wort für Wort, eintrifft, was aus dem Munde dessen kam, der das Siegel des Kreuzestodes unter seine Worte drückte, ‑ auch dann unbelehrbar!

Sie kreuzigen Jesus und kreuzigen in Wirklichkeit sich selbst! Wahrheit und Gerechtigkeit, »Licht und Recht« predigen die orthodox‑nationalen Pharisäer und die liberalen Opportunitätspolitiker, die Hohenpriester, und als Wahrheit und Gerechtigkeit leibhaftig unter ihnen wandelt, sind Feuer und Wasser »einig« und holen für diese Himmelsoffenbarung den Galgen. Die Sonne auslöschen wollen! Welch ein Wahn! Nein, sie wissen wirklich nicht, was sie tun, wissen nicht, was sie Gott antun!Denn daß hier Gott etwas angetan wird, darauf weist Jesu erstes Kreuzeswort. Von sich sieht er ab. Was hier jetzt geschieht, geschieht im Reiche des Vaters. Die Wunden, die Schmerzen da ‑ sind keines einzelnen Menschen Wunden. Die Schmerzen durchzucken das Herz des Vaters! Der sündige Mensch ist’s, der diese Pfeile schleudert. Der, der Gott nicht erreichen kann, ‑ der da kalt sagen kann: »Wenn ich sündige, was tue ich dir damit, du Menschenhüter?« ‑ der erreicht jetzt Gott und trifft ihn ins Herz ‑, ob er weiß, was er tut, oder ob er’s nicht weiß, er trifft! Denn an nichts ist Gott selber mit seinem eigenen Sein und Leben so beteiligt wie an dem, was da geschieht. Das zeigt das Kreuz heute noch und wird es zu allen Zeiten zeigen. Das Kreuz sehen, heißt schon: sofort an Gott und an Tod denken müssen. Die Gedanken fliehen und fliegen von dem zerschlagenen und zerstochenen Körper immer ins Unendliche, ins Zeitlose, weil sich das am Kreuz gefesselte und gebundene Leben ‑ längst dahin erhoben hat, zu seinem Ursprung, zum Vater.

Es ist ein wirkliches Anliegen, dies erste Wort am Kreuz: »Vater, vergib ihnen!« ‑ Leere Worte hat Jesus nie gemacht. Er weiß also, daß die Vergebung von oben her aufgehalten wird, wenn er nicht darum bittet. Er bittet wirklich und durchbricht damit die letzte Schranke. Es kommt darin eine Liebe von der Erde zu Gott empor, wie kein Erdentag sie je gesehen hat oder je wieder sehen wird. Die Menschheit sendet Gott das Göttlichste! Die Menschheit ist in dieser Stunde ER, der Eine, der die Verantwortung für sie übernommen hat. In ihm wird die Menschheit zur Offenbarungsstätte der Gottheit, und ins Reich des Vaters, ins Herz Gottes zuckt nicht nur hinüber der Schmerz, sondern flutet hinüber die heiße Liebeswelle, die den Schmerz begräbt. Der »Sohn« vollendet das letzte, daß er von Gott her die Menschen liebt und von den Menschen her Gott liebt, beides unendlich und über alles Begreifen hinaus. Er bittet nicht umsonst.

»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!«

Schlicht und unfaßlich tief steht dieses Wort da. Unter Schmerzen geboren. Gott, Menschheit und Ewigkeit umfassend und in die Tiefen Gottes hineinwirkend.

Seine Schlichtheit ist sein Adel. Seine Klarheit stammt aus der Meisterschaft dessen, der das Wort Gottes der Menschheit verkündet hat.

Manch Verkannter hat sich dies Wort dem Wortlaut nach angeeignet, der über dem Verkanntwerden die Liebe verlor und sich verbittert abwandte. In Jesu Munde ist das Wort auch dem Inhalt nach gesichert, denn er steht hinter ihm, nein, er hängt und blutet hinter ihm und stirbt dazu, und jeder Hauch sagt: Liebe.

 

II. Das zweite Wort am Kreuz.

Es steht dem ersten an Schönheit nicht nach. Aus einer Fülle des Schauens heraus ist es gesprochen, daß es leuchtet wie reine Seligkeit: »Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!«

Wie der Abendstern am Abendhimmel aufleuchtet, so schaut dieses Wort uns an. Es ist Verklärung. Es ist ein Stück Himmel auf Erden. Und ‑ um Jesus herum ist wirklich alles andere als Himmel: ein Verbrecher zur Rechten und einer zur Linken! Sterben aber ist an sich alles andere als Seligkeit. Der Tod ist nicht der große Bußprediger, der gleich ein Stück Jenseits mitbringt. Der Schächer zur Linken zeigt’s. Grausige Verworfenheit tritt zutage. Was sind für ihn die Menschen und was ist er selber! Gewürm, das bis zum Ende Ekel erregt und daran noch seine einzige Freude hat! So verspritzt sich das Gift seiner Seele und verhöhnt den Verhöhnten und veranschaulicht damit eine unheimliche Solidarität ‑ mit den Menschen da unter dem Kreuz, den Männern der Kirche, des Staates und der Bildung, und ist ‑ ihr Echo!

Der andere Schächer faßt ihn darum mit ihnen – mit einem vielsagenden »auch« ‑ zusammen: »Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott?« Denn das ist Gotteslästerung, daß er diesen da in der Mitte verhöhnt; denn dem gehört ein Reich, das nicht von dieser Welt ist. »Herr«, wendet er sich an Jesus. So macht er sich gleich zu seinem Diener und veranschaulicht die entgegengesetzte Solidarität. Er sieht in ihm den König, der über die Zukunft gebietet mit allen ihren Räumen, und bittet ‑ um ein »Gedenken«. Wie unaufdringlich, wie demütig! »Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!«Und Jesus sprach zu ihm:

»Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!«

Du mit mir! Da nimmt er des Schächers Angebot an und besiegelt die Solidarität, die über den Tod hinausreicht bis an die ewigen Ufer, bis dahin, wo ganz andere Pfade weiterführen zu Stätten, die die ewige Herrlichkeit ahnen lassen.

Mitten in der Verzerrung und Schändung alles Menschlichen ‑ kann da noch diese Schönheit erblühen? Ist das nicht »über unsere Kraft«, geht das nicht schlechthin über alle Menschenart hinaus? Und ist es nicht doch das Bild des allein echten Menschentums, das nun endlich und zum ersten Mal den ewigen Thron eingenommen hat und von da aus alle Geschlechter der Menschen mahnend und erhebend, wahrhaft hinaufhebend und emporziehend ‑ anschaut?

Das Leuchten des zweiten Wortes am Kreuze:

Es weist in die Unendlichkeit (Paradies) und es erfüllt diese Unendlichkeit mit Liebe und Gemeinschaft (du mit mir), Austausch, Leben und Freude (Paradies), und zwar mit absoluter Gewißheit! Denn der es sagt, ist selber die Gestalt gewordene Kraft Gottes, die Liebe. So ist auch dies eine Wort nur eine Umschreibung der Liebe Gottes und ihrer wirklich existierenden Welt, aus der sie ausstrahlt, so wie Sonnenstrahlen eben nur von einer wirklich vorhandenen Sonne kommen.

 

III. Das dritte Wort am Kreuz.

Genau derselbe Klang ist in Jesu drittem Wort am Kreuz, der Klang der Liebe, die zum Leben eilt und die in der Tiefe tröstet. Da unten steht ja die, durch deren Seele jetzt das Schwert geht, das Simeon einst im Dunkel der Zukunft aufblitzen sah, und neben ihr der Jünger, der in Jesu Tiefen vielleicht als einziger schon vor Ostern hinabgestiegen ist: Maria, seine Mutter, und Johannes, der Jünger, den Jesus liebhatte. Aus der Nacht der Schmerzen öffnet sich das Jesusauge und bleibt auf den zwei Gestalten haften, die unter seinem Kreuze stehen. Wie haben die beiden diesen Blick empfunden! Diesen suchenden, verstehenden Blick, der zu ihnen spricht mit der Sprache der Seele, ehe der zuckende Mund sich auftut! Sie leiden mit ihm, leidet mit ihnen. »Da nun Jesus seine Mutter sah«, er­zählt mit stummer Klage das Evangelium, »und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: ‚Weib, siehe, das ist dein Sohn!‘ Danach spricht er zu dem Jünger: ‚Siehe, das ist deine Mutter!‘ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ – Zwei Schicksale werden so vom Kreuz aus miteinander vereint. Er, der Einsame und Verlassene, fühlt ihre Verlassenheit. Maria wird ja am Abend die Mutter eines Gehängten sein und dann die bitteren Vorwürfe ihrer anderen Kinder hören müssen, daß der Familie nicht der Makel des Verbrechertodes erspart worden ist. Aber ‑ von der Stunde an nahm sie, die jetzt doppelt Witwe wird, der Jünger zu sich. ‑ Mit dem Tode ringend, hat Jesus diese Worte in ihrer klassischen, alles sagenden Kürze geprägt! Ein Heiligtum nach Inhalt und Form! Hier könnte die Kunst einmal ihre Andacht halten und lernen.

 

IV. Das vierte Wort am Kreuz. (Absturz in die Tiefe.)

Dann verstummt sein Mund. Langsam verrinnen die Stunden. Unter dem Kreuz wird’s still. An den drei Kreuzen winden sich die Körper, denen langsam und qualvoll das Leben entflieht.

Der Stärkste der drei leidet am meisten und stirbt am schnellsten. Wie mancher war schon unter den Geißelhieben der Soldaten vor der Hinrichtung gestorben! Jesus hat auf seinen blutig gegeißelten Rücken noch das Kreuz nehmen müssen, und auf das Herz die ganze Welt mit ihrer Sünde und Schuld, nachdem er die Nacht auch nicht einen Augenblick geruht hat. Von Verhör zu Verhör geschleppt, ins Gesicht geschlagen, verhöhnt, verraten, verlassen, von Schmerzen geschüttelt, sinkt er in eine Finsternis der Kreuzestod hinein, daß er ins Bodenlose zu stürzen meint. Kreuze und Berge und Sonne umkreisen ihn in irrem Wirbel, bis plötzlich alles in Nacht untergeht. Mitten am Tage, Donner rollen in der Tiefe heran, dröhnender und immer dröhnender, bis mit berstendem Krachen ein Erdbeben alles schüttelt, daß die Felsen mit den Kreuzen wanken und der Steinboden aufklafft. Aschfahl alle Gesichter, die vor kurzem noch lachten und höhnten. Totenstille auf Golgatha. Entsetzt sind die geflohen, die die Neugier hergetrieben und die Schadenfreude voll Genugtuung geschmeckt hatten. Müßten die Wachen nicht aushalten ‑ nichts hielte sie mehr unter diesen Kreuzen!

Wenn die Sonne der Welt stirbt, mag auch das Tageslicht erlöschen! Und der Vorhang im Tempel zerriß mitten entzwei. Ein Aufruhr der Elemente, während der Tod Jesus von einer Tiefe in die andere stürzt, in der ihn statt tröstender Engel die Fratzen der Sünden aller Menschen umgeben. Wo ist da Jesus, der Prophet? Jesus, der Wundertäter? Jesus, der Bergprediger? Hier ist der Mensch im Menschensohn vor seinem Ende und schreit in die Nacht

 »Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen!«

Wer sein Leben verliert, nur der findet es, ‑ das hat er einmal selber als oberstes und letztes Lebensgesetz ausgesprochen. Dort am Kreuz dringt in das letzte Stück seines Menschseins das Göttliche ein, gerade bei dem Tiefensturz des Gefühls der Gottverlassenheit. Seine letzte Versuchung. Er besteht sie. Der Menschensohn klammert sich an Gott und läßt ihn nicht los. Und da weiß er, daß nun alles vollbracht ist. Der neue Mensch ist geschaffen, dort am Kreuz. Der Sieg kann ihm nicht mehr entrissen werden. Der neue Mensch, der die Vergebung für die neue Menschheit errungen hat in diesem Neubeginn, wo Vergebung nie etwas anderes sein wird als Ergebung: Vergebung des Vaters ‑ Ergebung des Sünders. Völlige Waffenstreckung des alten Menschen unter dem Kreuze! Sonst ist Vergebung Lüge. Denn die Liebe ist nur Liebe, wenn sie das Böse haßt, so haßt, daß es tödlich an der Wurzel getroffen wird. Jetzt erst ist Jesus selber »vollbracht«, wörtlich übersetzt: vollendet! Darum sagt die Schrift an dieser Stelle:

 

V. (Aus der Tiefe empor.)

»Danach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllet würde, spricht er: ‚Mich dürstet.‘ – Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isopschaft und hielten es ihm dar zum Munde.

Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er:

VI.

»Es ist vollbracht!«

 

VII.

»Und Jesus rief abermals laut und sprach:  Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!

Und er neigte sein Haupt und verschied.

Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, daß er mit solchem Schrei verschied, sprach: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!«

Damit steht zum ersten Mal makellose Vollkommenheit auf Erden.

Ein Leben liegt vor dem Auge des Menschen, das in der Menschheit steht und doch abseits von ihr, in der Mitte der Menschen und doch hoch über ihnen, den Menschen gleich und doch völlig ungleich.

Und dies Leben steht nicht da als kalte Größe, sondern blutwarm und fast schon mit einem Fuße in uns selber. Man vergißt so oft und viel zu sehr, daß es auchdie Schönheit dieses Lebens ist, die uns das Herz abgewinnt. Auch! Nicht allein und nicht zuerst, aber auch!

Man soll doch ja nicht vergessen, daß ein großes Leben immer Züge an sich hat, die ganz große Kunst sind. Ein Großer ist auch immer in weitem Sinne ein Künstler, weil er sich nur groß äußern kann. Also so, daß er nach Form und Inhalt die Umwelt überragt. Und das wird nie Eckigkeit und Alltag sein, nie Flitter oder Geste. Nur darum kann die Kunst aus solchem Leben schöpfen.

Was aber am Karfreitag diese Erde betritt, das ist trotz der Scheußlichkeiten, mit denen die Menschen das Menschsein entstellen ‑ ja gerade aus diesem Grunde der Verzerrung ‑ ein Gottesbild, an dem nichts verzeichnet ist, ein Menschentum ‑ mitten im Widergöttlichen ‑ in lauter Göttlichkeit getaucht. Da legt alle Heldenverehrung den Finger auf den Mund und verstummt. Diese Größe hat kein Mensch erreicht. Da spürt die Kunst, daß hier letzte Kunst vor ihr steht, von der sie wohl immer wieder neue und tiefste Anregungen und Inspirationen empfangen kann, die sie aber nie erreichen wird. Dazu die Karfreitagssprache der Natur! Wer kann an den Karfreitag denken, ohne des großen Grauens inne zu werden, das auch die Natur durchbebt! So wirkt alles zusammen in geheimnisvoller Harmonie. Und ein geheimes Walten steht über diesem Mann der Schmerzen, der vollendet ist und vollendet hat, daß die Schönheit, die ihn bis zum letzten Schrei am Kreuz umgibt, nicht nach seinem Hauptneigen und Verscheiden geschändet oder entstellt wird. Eine solche Belastung hätten wir als Finale des Karfreitags nicht ertragen.

 

Das Grab im Felsen ‑ und die Kunst

Eine göttliche Fürsorge hat darüber gewaltet, daß unserer Erinnerung und Vorstellungswelt nicht ein Grab auf dem Schindanger zugemutet wird. Das Kreuz über ‑ das Kreuz hinausdauern zu lassen ‑ wäre zuviel gewesen.

Größe und Schönheit sollen ihm auch im Tode bleiben. Darum die Fügung, die Josef von Arimathia zum Boten Gottes macht, der sein vornehmes Kammergrab in der Felswand seines Gartens für Jesus, dem er heimlich angehörte, bereit hat. Er wagt sein Leben, als er um den Leichnam des Herrn bittet. Er wagt Ruf und Ruhe, als er hingeht zu Pilatus und den geliebten Toten von ihm erbittet. Grablegung Christi! Die Türplatte wird im Dunkeln bei Fackelschein aus der Felswand herausgehoben, der tote Herr mit dem Schweißtuch um die blutige Stirn in der Grabkammer niedergelegt und das Grab wird geschlossen.

Das Evangelium berichtet vielsagend noch mehr, wenn es in stummer Trauer den Hergang so erzählt: »Dahin legten sie Jesus um des Rüsttages der Juden willen, dieweil das Grab nahe war.«
Danach hatte also Josef von Arimathia noch eine ganz andere Ehrung im Sinne, vielleicht ein stilles Felsengrab, beschattet von Zypressen in der Einsamkeit, wo die Trauer ihre ungestörte Andacht halten konnte. Aber da die Zeit so drängt – mit der Abendstunde des Karfreitags beginnt ja der Sabbat ‑, muß die Grablegung fast überstürzt vor sich gehen.
Doch ‑ das Grab ist ja nahe. So bleibt uns ein Bild voller Frieden. »Bei Reichen erhält er sein Grab«, weissagt Jesaja (53) von dem leidenden »Gottesknecht«. ‑ Er, der im wahren Sinne wie ein Reicher gestorben ist, der sich schwer vom Leben trennt; reich ist er, so reich, denn ihm gehört eine Welt, für die er lebt und die von ihm leben wird! Gesehen ‑ hat er nichts von ihr, als er starb, nichts von seinem Besitz hat er erhalten, den er teuer erkauft hat. Jetzt empfängt er die erste Gabe seiner Welt, eine Stätte, da er sein Haupt hinlegt und dies edle Haupt Ruhe hat. Schönheit ‑ so ‑ auch jetzt! Der stille Garten, die ragenden Bäume darin, durch sie hindurch ein Weg zur Grabestür von Stein, hinter der Jesus nun ruht! Das ist ‑ nicht Alltag. Das ist ‑ Kunst Gottes.

Ein kurzer Weg von vierundzwanzig Stunden ist’s, der Passionsweg ‑ mit dem Präludium der Tränen auf dem Ölberg. Ein einziger Tag, und bringt eine solche Fülle von Herrlichkeit, daß er dem Meere gleicht, das nicht auszuschöpfen ist, Und ob sich alle Künstlerhände und ‑geister aller Zeiten darum mühen. Wir sehen es ja mit eigenen Augen, wie diesem Jesus dabei alles vollendet Schöne und unfaßlich Große wie von selber zufließt in Wort und Haltung und Gebärde, und wie er den Weg ins schlechthin Widerliche des Sündenlandes zum Erschütternd‑Erhabenen verklärt. Bei jedem Schritt empfindet man es mit einem tiefen Wahrheitsempfinden, das Er in uns aufruft: Hier ist nicht nur Kunst, hier ist die Kunst übertroffen, da sie ihrer Mühe entkleidet und zur Selbstverständlichkeit geworden ist. ‑

So vorbereitet machen wir uns auf und folgen dem Meister in seine eigene »Werkstatt«, da er der Welt bewußt und mit Absicht Kunstgaben schenkt.

 

 

Die Gleichnisse und Predigtworte

 

Die Gleichnisse – statt eines Vorwortes ein Wort des Malers van Gogh

»Er ‑ Christus ‑ hat unbeirrt als Künstler gelebt, ein größerer Künstler als irgendeiner; den Marmor, den Ton und die Palette verachtend, denn er arbeitete in lebendigem Fleisch. Das heißt: dieser unglaubliche Künstler, der für das grobe Instrument unseres modernen, nervösen und zerrütteten Gehirns unbegreiflich ist, schuf weder Statuen noch Bilder, er schuf wirklich lebende Menschen. Unsterbliche. Das ist etwas Ernstes, besonders weil es die Wahrheit ist. Dieser große Künstler hat auch keine Bücher geschrieben. Unbedingt würde ihn die christliche Literatur im ganzen empören. Denn wie selten sind in ihr literarische Produkte zu finden, die neben den Evangelien des Lukas, den Episteln des Paulus, die so einfach in ihrer harten und kriegerischen Form sind, Gnade finden würden. Aber wenn auch dieser große Künstler Christus es verschmähte, Bücher über seine Ideen und Sensationen zu schreiben, so hat er sicherlich das gesprochene Wort, hauptsächlich Gleichnis, nicht verachtet. Welche Kraft liegt in dem Sämann, in der Ernte, in dem Feigenbaum! Und wer unter uns würde wagen zu sagen, daß er gelogen hätte, als er mit Verachtung den Fall der römischen Bauwerke weissagte und dabei behauptete: »Wenn selbst Himmel und Erde schwinden, so werden meine Worte nicht schwinden.«
Seine gesprochenen Worte, die er als »Grand Seigneur« nicht einmal für nötig hielt aufzuschreiben, sind der höchste Gipfel, den je die Kunst erreicht hat; in solcher reinen Höhe bekommt sie Schöpferkraft, erhabenste Schöpferkraft.«

 

Einführung

Ja, Jesus hat die Welt mit Kunstwerken beschenkt. Das ist es, was so wenige wissen. Und dabei handelt es sich um Kunstschöpfungen, die weder Motten noch Rost noch der Geschmack fressen. Sie sind von unvergänglicher Schönheit. Den Rahmen der Kunst scheinen sie geradezu zu sprengen, weil sie so Ungeheures zum Gegenstande haben; führen sie uns doch in ein Land, das nie eines Menschen Fuß betreten hat. Was kein Auge gesehen, ‑ er macht es sichtbar. Was kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, er macht es hörbar und baut eine Welt, seine Welt, herrlich inwendig auf, inwendig in uns. Nicht ein Nebelheer blasser Gedanken hüllt uns ein, ‑ sondern sonnengetränkte Fernen läßt er uns schauen und in lauter Leben und wechselnder Buntheit einhergehen. Bilder zaubert er vor unsere Seele, wie sie kein Maler zu malen vermag! Kunstwerke des Wortes, wie sie kein Dichter oder Denker je so ersonnen, je so vor einem staunenden Geiste hat erstehen lassen.

Das sind seine Gleichnisse.

Aber hat denn die Welt nicht Überfluß an dieser Kunstgattung?

Das hat sie tatsächlich. Der Orient ist geradezu von ihnen überschwemmt. Je näher man Indien kommt, um so höher steigt die Flut. »Orientalische Bildersprache« ist eine nur allzu bekannte Wendung, die sogar sagen will, daß man vom Orient gar nichts anderes erwartet als blumige Übertreibungen und duftige Märchenbilder. Und viele sind der Meinung, daß Jesu Gleichnisse ein paar Blumen seien, die er da gepflückt hat, wo sie haufenweise zu haben sind. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Jesu Gleichnisse verhalten sich zu denen des Orients (und auch des Okzidents!) wie das Matterhorn zu einer Steinpyramide, die sich die Kinder am Fuße des Bergriesen aufgebaut haben. Man tut also gut, die Gleichniskunst der Welt selber zu fragen. Also: »Orient! Tue deine Schätze auf!«

Daß wir dabei sehr ernüchtert werden, darf gleich vorweg bemerkt werden. Nein, das sind nicht die Blumen, die sich Jesus borgen mußte. Gerade wenn es dich ermüdet und du im stillen sagst: ach, das ist zu langweilig, mit dieser Indiendichtung mögen sich die Indologen abgeben, ‑ gerade dann mußt du weiterlesen. Nur dann sieht man zu seinem Staunen, daß ein Gleichniskunstwerk weit schwerer zu gestalten ist als eine der uns geläufigen Dichtungen, schwerer als ein Porträt, schwerer als eine Sonate! Wer sehen will, wie sich Jesu Kunst aus der Mühseligkeit menschlicher Versuche heraushebt, der muß diese andere mühselige Kunst auch einmal wirklich sinnend betrachten. Erst auf dem toten, dunklen Hintergrunde hebt sich das Leben als Leben ab. Oft muß uns erst geringe oder Halb‑ oder Unkunst erschrecken, ehe wir ein Auge haben für das, was wahre Kunst ist, Kunst, die ‑ Gottes Finger angerührt hat.

 

Orientalische Gleichniskunst

Buddhas Gleichnis von der Kisagotami

Als eines der zartesten, schönsten und tiefsten Gleichnisse wird das Gleichnis Buddhas von der Unerbittlichkeit des Todes gerühmt. Wahr ist, daß der Menschheit ganzer Jammer darin aufschreit. Die Frauengestalt darin hat etwas Rührendes an sich. Aber daß das Herz dieser Mutter schließlich eiskalt wird, und sie die Leiche ihres Söhnchens endlich, vom kalten Tode zur Kälte bekehrt, einfach wie einen toten Hund, mit dem sie nichts, nichts, nichts mehr verbindet, in den Wald wirft, ‑ das nimmt dem Gleichnis den leisen Lichtschimmer, der erst noch darüber schwebte. Dumpfe Trostlosigkeit umfängt uns. Also das soll des Lebens Sinn sein, daß man sich vom Leben abwendet! Mit verzweifelter Entschlossenheit! Weg mit Mutterschaft, weg mit Totentrauer, weg mit diesem Leben dieses Menschen in dieser Welt! Der Sinn des Lebens ist, daß es keinen hat.

Aber lies es nun selber, das Buddhagleichnis.

Buddha 4    Kisagotami

In Sravasti wurde in einer armen Familie ein Mädchen geboren, das den Namen Gotami erhielt. Wegen seiner Magerkeit wurde es Kisa ‑ Gotami genannt = die magere Gotami. Sie heiratete, wurde aber von der Familie ihres Mannes schlecht behandelt, weil sie aus einem armen Hause stammte. Als sie aber einen Sohn geboren hatte, kam sie zu Ehren. Der Knabe starb, als er eben laufen konnte. Da sie selber den Tod nie gesehen hatte, wehrte sie den Leuten, die den Knaben forttragen wollten, um ihn zu verbrennen. Mit dem Gedanken: »Ich will für meinen Sohn ein Heilmittel erfragen, nahm sie den Leichnam auf ihren Schoß und wanderte von Haus zu Haus, indem sie fragte: »Wißt ihr nicht ein Heilmittel für meinen Sohn?« Da sagten die Leute zu ihr: »Hast du deinen Verstand verloren, o Tochter? Du wanderst umher, indem du ein Heilmittel für deinen Sohn erfragst.« Sie aber sprach zu sich: »Solcher werde ich einen treffen, der ein Heilmittel für meinen Sohn weiß.« Da sah sie ein kluger Mann. Er sprach zu ihr: »Ich, meine Tochter, weiß kein Heilmittel, aber ich kenne einen, der ein Heilmittel weiß.« ‑ »Wer weiß eins, lieber Herr?« ‑ »Der Meister, meine Tochter, weiß eins; gehe hin und frage ihn!« Mit den Worten: »Ich will hingehen, lieber Herr«, ging sie zum Meister, grüßte ihn, stellte sich seitwärts von ihm und fragte: »Weißt du ein Heilmittel für meinen Sohn, o Herr?« ‑ »Ja, ich weiß eins.« ‑ »Was für eins soll ich nehmen?« – »Nimm eine Prise Senfkörner.« ‑ »Ich will sie nehmen, o Herr; doch aus welchem Hause soll ich sie holen?« ‑ »Aus dem Hause, in dem weder ein Sohn noch eine Tochter noch irgend jemand zuvor gestorben ist.« Sie sprach: »Gut, o Herr«, grüßte den Meister, legte ihren toten Sohn auf ihren Schoß und ging in die Stadt. An der Tür des ersten Hauses bat sie um Senfkörner, und als sie ihr gegeben wurden, fragte sie: »In diesem Hause ist doch wohl weder ‑ ein Sohn noch eine Tochter noch irgend jemand zuvor gestorben?« ‑ »Was sagst du? Der Lebenden sind wenig, aber der Toten sind viel.« Darauf wies sie die Senfkörner zurück und wanderte von Haus zu Haus, ohne die gewünschten Senfkörner zu erhalten. Da dachte sie am Abend: »Ach, es ist eine schwere Arbeit. Ich glaubte, nur mein Sohn sei tot; aber in der ganzen Stadt sind die Toten zahlreicher als die Lebenden.« Als sie so dachte, wurde ihr aus Liebe zu ihrem Sohne so weiches Herz hart. Sie warf ihren Sohn in den Wald, ging zum Meister, grüßte ihn und stellte sich seitwärts von ihm. Und der Meister sprach zu ihr: »Hast du die Prise Senfkörner bekommen?« ‑ »Ich habe sie nicht bekommen, o Herr. In der ganzen Stadt sind die Toten zahlreicher als die Lebenden.« Da sprach der Meister zu ihr: »Du meinst, nur dein Sohn sei gestorben. Das ist das ewige Gesetz für die lebenden Wesen. Der König des Todes wirft ja, wie ein reißender Strom, alle lebenden Wesen, ehe ihre Wünsche befriedigt sind, in das Meer des Verderbens«, und sprach dann, das Gesetz lehrend, die Strophe: »Der Mann, der stolz ist auf Kinder und Vieh, und dessen Geist am Irdischen hängt, den rafft der Tod hinweg, wie die Flut ein schlafendes Dorf.« Nach Beendigung der Strophe erlangte Kisagotami die erste Stufe der Heiligkeit. Sie wurde dann Nonne, und Strophen von ihr stehen in der Therigatha.

Viel Schnörkelwerk stört in diesem Gleichnis. Aber von Anfang an ist es dadurch mißlungen, daß es von einer Scheinwirklichkeit ausgeht. Daß gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist, ist eine Binsenwahrheit, die die törichtste Frau nicht erst dadurch erfährt, daß sie von Haus zu Haus geht und um eine Prise Senfkörner bittet, die dann wirksam sein sollen, wenn sie aus einem Hause stammen, aus dem noch nie ein Toter hinausgetragen worden ist. Rührend ist zwar die Mutter in ihrer Unkenntnis des Todes, wie es im Anfang des Gleichnisses geschildert ist. Sie hält ihren Sohn gar nicht für tot. Plötzlich sagt sie aber genau das Gegenteil: »Ich glaubte, nur mein Sohn sei tot.« Die unwirkliche Annahme, die den Ausgangspunkt des Gleichnisses bildet, ja, um die sich alles dreht, ist mit einemmal gänzlich aufgegeben, und die Mutter, die noch nie den Tod gesehen hatte, hat plötzlich von Anfang an gewußt, daß ihr Sohn tot ist, nur nicht, daß auch in andern Häusern der Tod ein‑ und ausgegangen ist. Der Schwerpunkt des Gleichnisses wandert. Das Bild wird undeutlicher und undeutlicher, und die Prise Senfkörner, die hartnäckig im Gedächtnis hängenbleibt wie die Klette am Kleidsaum, drängt sich nach vorn und macht eine winzige Nebensache zur Hauptsache. Eine ganze Reihe von Nebenzügen, die gar nicht zur Sache selber gehören, die gezeichnet werden soll, belastet die Geschichte, z. B. daß Kisogotami mager war, daß sie aus armem Hause war und schlecht behandelt wurde, daß sie aber endlich doch zu Ehren kam, ferner daß sie beim Meister auch die vorgeschriebene Stellung der Demtit einnimmt, indem sie sich seitwärts stellt usw.

Eine sehr mühsame Kunst!

Dazu für Mühselige und Beladene eine Folter. Wer noch nicht völlig verzweifelt ist, wird hier aufgefordert, es zu werden.

Der Durchschnittsmensch weiß wenig. Aber was in diesem Gleichnis steht, das weiß er. Das braucht ihm nicht erst gesagt zu werden. Es führt ihn nicht auf einen Turm, von wo aus er eine Aussicht hat, die er nie erschaut hat, die ihn Weiten sehen läßt, daß ihm selber weit ums Herz wird. Es offenbart nichts. Es unterstreicht nur.

Es ‑ ist kein Gleichnis.    Was ist denn ein Gleichnis?

 

Ein zweites indisches Gleichnis (Pantschatantra, 5. Buch, 15. Erzählung)

Dieses Gleichnis ‑ so kann man die Geschichte getrost nennen ‑ gehört zu der Unsumme von ähnlichen Erzählungen, die in Indien umgingen und irgendeine Moral oder auch Unmoral veranschaulichen sollten. Es genügt, dies Stückchen Literatur herauszugreifen, um damit gleich alle anderen zu charakterisieren. Wer wird sie nicht verstehen! Sie sind ja so klar erzählt, daß die ganze Handlung wie ein Münchener Bilderbogen wirkt. Aber auch wirklich nicht wesentlich anders. Verblüfft aber wird man durch die »Moral der Geschichte«. Denn es handelt sich bei dieser um eine derartige Belanglosigkeit, daß man enttäuscht seufzt: Um eine solche Nichtigkeit braucht man nicht eine so langatmige Geschichte drum herum zu schreiben. »Du brauchst einen Mitwanderer!« sagt das Gleichnis. Wie reizt diese Frage geradezu, einen Durchblick in transzendente Zusammenhänge zu tun! Aber nicht einmal gestreift werden sie!

 

Der rettende Krebs

An einem gewissen Orte wohnte einst ein Brahmane, namens Brahmadatta (»von Brahma gegeben«). Dieser machte sich eines Geschäftes wegen nach einem andern Dorf auf den Weg. Seine Mutter sagte zu ihm: »Kind, warum gehst du allein? Suche doch irgendeinen zweiten, der dir Gesellschaft auf dem Wege leiste.« Jener aber entgegnete: »Mutter, fürchte dich nicht! Dieser Weg hat keine Gefahr! Drum will ich ihn, um das heilige Geschäft zu besorgen, heute allein gehen.« ‑ Als sie ihn darauf entschlossen sah, nahm die Mutter aus der Höhlung eines in der Nähe befindlichen Brunnens einen Krebs und sprach zu ihrem Sohne: »Kind! Wenn du denn unweigerlich gehen mußt, dann möge dieser Krebs dein Reisegefährte sein. Drum nimm ihn sorglich und gehe!« ‑ Er aber ergriff ihn aus Ehrfurcht vor seiner Mutter mit beiden Händen, wickelte ihn in eine von Kampferblättern gemachte Tüte, legte ihn mitten in sein Gepäck und machte sich schnell auf den Weg. Indem er nun wanderte, wurde er von der Sonnenhitze gequält, ging deshalb zu einem Baum am Weg und schlief sorglos unter demselben ein. Mittlerweile kam eine schwarze Schlange aus einer Höhle dieses Baumes und ging auf ihn los. Da wurden aber die Sinne der schwarzen Schlange von dem Geruch des Kampfers angelockt, sie ließ den Schlafenden unberührt, riß den Gepäckbeutel auf und fraß mit großer Begier die Kampferblättertüte. Der Krebs aber, welchen sie ebenfalls verschlang, geriet ihr in die Kehle und nahm der Schlange das Leben. Der Brahmane nun, als er sich ausgeschlafen hatte, und sich umsieht, so ist da in seiner Nähe eine tote schwarze Schlange, der Gepäckbeutel zerrissen, die Kampfertüte aufgefressen, und in der Nähe der Schlange der Krebs. Als er dies sah, dachte er: »Ach! Meine Mutter hat mit Recht gesagt, daß man irgendeinen zweiten Reisegefährten nehmen, nicht aber eine Reise allein machen soll. Weil ich mit gläubigem Sinn ihre Rede befolgt habe, darum bin ich sogar durch einen Krebs vor dem Tod durch eine Schlange beschützt worden. Sagt man ja doch mit Recht: … Wie einer im Rat bei Wallfahrten, Priestern, Gott, Geschichtskundigen, Lehrern sich aufführt, so gehen ihm seine Wege aus.« ‑ Nachdem er so gesagt, ging er, wohin er zu gehen beabsichtigte. Daher sage ich: Selbst ein geringer Mitwanderer verschafft Segen auf dem Weg: Vor der Schlange beschützte einst ein Krebs den Wanderer als Genoß.

 

Ein drittes indisches Gleichnis

Und nun ein Gleichnis, wo der Mensch an der Tür anklopft, die ins Geheimnis führt! Aber die Tür bleibt verschlossen, und das Anklopfen hat etwas Grausiges. Das Herz sehnt sich nach Ewigkeit und erhält statt dessen das große Grauen »offenbart«. Es ist ein Stück aus der Bhagavadgita. Arjuna, der Held, bittet seinen Freund Krishna um die Enthüllung des letzten göttlichen Geheimnisses. Denn Krishna ist der höchste Gott selber in Menschengestalt. Kurz gesagt: Arjuna will das, was der Herr dem reinen Herzens verheißen hat: Er will Gott schauen. Die ewige Sehnsucht des Menschen! Nur wegen dieser Sehnsucht ist er »Mensch«. Und Krishna willfahrt ihm, setzt ihm »ein göttliches Auge« ein, und ‑ nun schaut er Gott!

Lies das nun! Lies, und erschauere auch du, wenn dir dieses Gleichnisbild von Gott gemalt wird. Malerei innerhalb der Todeslinie! Innerhalb des Kreises, dessen Grenze das Ende aller Dinge ist. Was Dante über der Tür der Hölle liest, steht hier über der Gottesgestalt: »Laßt jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten.«

Der Text ist gekürzt gegeben, weil das Lesen sonst zu ermüdend ist und das Bild zu verschwommen wirkt.

Ja, ein Gleichnis! Ein Bild ist es.

Und zwar will es ein echtes Gleichnis sein und das sichtbar machen, was nun einmal das Auge nicht sehen kann. Mit den Mitteln des sterblichen Menschen soll der unsterbliche Gott dem Auge und Verstande erfaßbar dargestellt werden. Die Erde soll die Farben liefern zu dem Gottgemälde!

Das tut sie dann aber auch gründlich. Strich um Strich wird hingesetzt. Die rote Farbe wird bevorzugt.

Und dann ist das Bild fertig. Und was steht da?

Ein Ungeheuer!

(Das uns aber sehr bekannt vorkommt! Wir müssen es schon irgendwo gesehen haben!)

Und jetzt lies und wundere dich nicht allzusehr über die Schwerfälligkeit der Darstellung. Hier will eben ein Mensch das Unmögliche möglich machen, aus einem Spiegel, der gegen die Wand steht, das lesen, ‑ was hinter dem Spiegel ist.

Aus der Bhagavadgita. Elfter Gesang.

Arjuna sprach: »(O Erhabener!) Durch deine geheimnisvollen, über die höchste Seele handelnden Worte, … ist meine Verwirrung geschwunden. Über das Entstehen und Vergeben der Wesen habe ich ja ausführlich von dir gehört… und auch über deine unvergängliche Größe… Nun aber wünsche ich deine göttliche Gestalt zu schauen, o höchstes Wesen! Meinst du, daß diese von mir geschaut werden kann, o mächtiger Herr der Wunderkraft, so zeige du mir dich selbst, den Unvergänglichen!«

Der Erhabene sprach: »So erblicke denn meine Gestaltungen zu Hunderten und Tausenden, die von verschiedenen Formen und Farben sind… Hier in meinem Leibe erblicke heute die ganze Welt vereinigt… Aber du wirst nicht imstande sein, mich mit deinem eigenen Auge anzuschauen. Ich gebe dir EIN GÖTTLICHES AUGE! Nun sieh meine göttliche Wunderkraft… «

Nachdem er so gesprochen hatte, zeigte er seine göttliche Gestalt mit vielen Mündern und Augen… mit vielem himmlischen Schmuck, viele himmlische Waffen schwingend, himmlische Kränze und Kleider tragend, mit himmlischen Wohlgerüchen und Salben ausgestattet, voll von allen Wundern, …mit Gesichtern in allen Richtungen. Wenn am Himmel der Glanz von tausend Sonnen gleichzeitig hervorbräche, würde dieser ähnlich sein dem Glanz des Gewaltigen.

Da neigte sich Arjuna, …das Haar gesträubt, mit dem Haupte vor dem Gott und sprach mit zusammengelegten Händen: «Ich erblicke, o Gott, in deinem Leibe alle die Scharen der verschiedenen Wesen, Brahman, den Herrn auf seinem Lotussitze, alle Wesen und die himmlischen Schlangen, mit vielen Armen, Bäuchen, Mündern und Augen. Also erblickte ich dich, dessen Gestalt von allen Seiten unbegrenzt ist. Kein Ende, keine Mitte, auch keinen Anfang erblicke ich an dir, o allgewaltiger Herr des Alls. Ein Diadem, eine Keule und einen Diskus tragend, ‑ als eine nach allen Seiten hin strahlende Lichtmasse ‑ so erblicke ich dich, den schwer Anzuschauenden, ringsum wie flammendes Feuer und wie die Sonne Leuchtenden, Unermeßlichen.

Du bist das unvergängliche, höchste zu Erkennende, du bist der erhabene Behälter dieses Alls, du bist der ewige Behüter des Gesetzes; als das uranfängliche Wesen wirst du von mir angesehen. Ohne Anfang, Mitte und Ende, von unendlicher Kraft, mit zahllosen Armen und mit Sonne und Mond als Augen, so erblicke ich dich, mit einem Munde aus flammendem Feuer, durch deine Glut dieses All erwärmend. Dieser Raum zwischen Himmel und Erde ist ja von dir allein erfüllt. Bei dem Anblick dieser deiner wunderbaren und grausigen Gestalt sind die drei Welten bestürzt, o Gewaltiger!…

Beim Anblick deiner mächtigen Gestalt, o Starkarmiger, mit den vielen Mündern, Augen, Armen, Schenkeln, Füßen und den vielen Bäuchen, mit den vielen grausig starrenden Zähnen ‑ sind die Welten bestürzt und ich auch. Denn wo ich dich erschaue, den Himmel berührend, strahlend, vielfarbig, mit geöffnetem Munde, mit strahlend großen Augen, finde ich, in der innersten Seele erzitternd, weder Mut noch Ruhe. Und beim Anblick deiner von Zähnen grausig starrenden Münder, die dem Feuer der Weltvernichtung gleichen, finde ich keine Zuflucht. Sei gnädig, …du Stütze der Welt. Und alle jene Söhne… samt den Scharen der Könige… zusammen mit den vorzüglichsten von unseren Kriegern gehen in dich ein ‑ in deine Münder eilig, die von Zähnen grausig starren. Einige erscheinen, mit zermalmten Häuptern in den Spalten zwischen den Zähnen hängend. Wie die vielen Wasserfluten zu Ströme zu dem Meere hineilen, so gehen jene Helden der Menschenwelt in deine Feuerrachen ein. Wie Motten ins brennende Feuer fliegen zu ihrem Untergange mit großer Eile, so gehen auch die Menschen zu ihrem Untergange mit großer Eile in deine Rachen ein. Ringsum die Menschen allesamt verschlingend, beleckst du sie mit deinen flammenden Mäulern…

Verkünde mir, wer bist du in dieser furchtbaren Gestalt! O erster der Götter, ‑ sei gnädig! Zu erkennen begehre ich dich, den Uranfänglichen; denn ich verstehe dein Tun nicht!«

Der ERHABENE sprach: »Ich bin der Tod, der die Vernichtung bringt, und bin gekommen, die Menschen auszurotten!«

Klar und erschütternd stark wird hier die letzte Frage gestellt. Wohl dem, der sie stellt! Weh dem, der dann nur das Echo seiner eigenen Stimme hört. Und hier ist es so. Nur Tod sieht der Mensch um sich, vor sich, hinter sich. Also ‑ echot er ‑ ist Gott der Tod selber, der alles in sich, in seinen gräßlichen Rachen zurückschlingt!

Ich bin der Tod, sagt Gott. Ich bin gekommen, die Menschen auszurotten!

Ich bin das Leben, sagt Christus. »Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen.«

Seltsamer Parallelismus!

Aber Christus sagt das nicht, nachdem er etwa ähnliche unendliche Definitionen vorausgeschickt hat. Lies es in Johannes 10 selber nach, wie erhaben die Ruhe ist, die diesem Worte vorausgeht, wie sonnig und klar die Worte, wie ewigkeitsdurchhaucht alles, was vorausgeht und folgt.

Und das ist ‑ Kunst, erhabene Kunst.

Der Bhagavadgitatext ist ohne Zweifel auch Kunst. Denn ganz offenbar steht eine heiße Leidenschaft hinter jedem Worte, die an alles andere als an trockene Beweisführung oder Schablone denkt. Es liegt tatsächlich ein inneres Erschauen der ganzen Menschheitsnot vor. Der unbekannte Gott, der diese Not hervorruft, wird als ganz nahe empfunden. Da verstummt die Sprache des Alltags, da steht der Mensch wirklich vor Gott.

Gott ist! Das sagt der indische Beter hier. Da muß die Sprache schon anders werden, als wenn gerechnet wird. Die Seele strömt über und gibt ihr Bestes her. Aber immer, wenn die Sprache gerade emporgestiegen ist und von den Strahlen des Lichtreiches, dem sie sich nähert, überglänzt wird, erlahmt sie wieder. An die Schwingen des Geistes hängt sich das Bleigewicht des Todes, und es geht rasend abwärts ins Leere, ins Diesseits, ins Massengrab der Menschheit, das dem Gott buchstäblich »in den Mund gelegt« wird. Das Widerlichste alter expressiv‑surrealer Höllendarstellungen reicht nicht heran an das ekelerregende Bild des Gottes, dem die zerkauten Helden zwischen den Zähnen hängen. Absturz der Kunst in phantasielose Greuelszenenmalerei.

Und ein einheitliches Bild entsteht überhaupt nicht. Wie soll es auch! Wer von der Erde ist, der redet von der Erde, auch wenn er Gott sagt.

Darum ist es eben kein Gleichnis.

Das allein ist ein Gleichnis, wo einer die Dinge dieser Welt zum Reden bringt, daß sie die Dinge der ewigen Welt an sich und über sich aufleuchten lassen. Es muß einer den Punkt herausfinden, wo selbst das Alltägliche, sagen wir ein Acker, der besät wird, ‑ uns etwas von Vorgängen in der unsichtbaren Welt erzählt, die in unserer eigenen Seele beginnt und in den Himmel hineinführt! Es muß einer imstande sein, zu sagen, ich zeige euch hier etwas auf Erden mit ganz eigenen besonderen Gesetzen in sich und seht: genauso ist eure unsichtbare Welt in euch, genau nach denselben Gesetzen geht es in ihr zu, und alles endet in einer himmlischen Verwandlung, die ihr getreues Abbild hat in einer irdischen Verwandlung, wie man sie alle Tage und, ohne ein großer Geist zu sein, in der Natur sieht.

Das wird aber nur der sagen können, der die ewigen Dinge selber kennt, deren Abbild er uns in der Natur und im Leben nachweist. Der da sagen könnte: wir reden, was wir wissen, und zeugen, was wir gesehen und gehört haben.

»Zum Himmel fahren« mit offenbarenden Worten und Bildern, kann doch eben nur der, der irgendwie von daher selber herniedergekommen ist.

 

Gleichnis und Altes Testament

Darum kann es uns nicht wundernehmen, daß auch im Alten Testament keine Gleichnisse sind. Denn auch da gilt: wer von der Erde ist, der redet von der Erde. Dabei sind reiche Kunstschätze in diesem ersten Teil des Buches der Bücher angehäuft, aber eben keine Gleichnisse. Kunst ist schon das erste Blatt der Bibel: majestätisch, Ehrfurcht gebietend schreiten die Worte einher und lassen eine Welt in uns erstehen. In bannender Rätselsprache wird der Menschheit ihr eigener Ursprung aus Gott ins Wissen und Gewissen geschoben, doch bleibt dabei alles in einem gewissen Dämmerlicht, als ob dadurch dargetan werden sollte, daß der eigentliche Tag der Menschheit noch gar nicht begonnen habe. Ungeheuer ist die Sprachgewalt der Propheten, und die Dichtungen der Psalmen sind vielfach vollendete, heilige Kunst. Aber das ganze Alte Testament kümmert sich nicht um die Ewigkeit. Hier auf Erden verteilt Gott Glück und Unglück schon nach der Würdigkeit. Die andere Welt, die ewige, ist für den Alten Bund ein ‑ Schattenreich, in dem Schemen aneinander vorbeihuschen, so daß es für den alttestamentlichen Frommen feststeht, fragen zu dürfen: »Herr, wer wird dich im Schattenreich loben?«, und Hiskia gibt nach seiner Gesundung die vielsagende Antwort: »Denn im Totenreiche lobt man dich nicht, so rühmt dich der Tod nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Wahrheit. ‑ Der Tod kann nur unheimliche Daseinsverminderung bringen!

Allein der Hiob bricht durch diese Trostlosigkeit hindurch zu der Wahrheit: »Ich weiß, daß der lebt, der mich erlöst, und als letzter (und einzig Bleibender) wird er über dem Staube sich erheben. Und wenn diese meine Haut zerschlagen ist, werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen.« ‑ Doch auch Hiob bringt trotz der zahllosen, wunderbar künstlerischen Vergleiche kein Gleichnis. Er weiß auch nicht, wie das Leben aus Gott aussieht und welche Gesetze da obwalten. Er kennt den »Schöpfer, der Lobgesänge schenkt in der Nacht«, als Schöpfer ‑ und willkürlichen Richter, und einmal als seinen Erlöser, der dem Leid ein Ende machen wird, aber nicht als den Erlöser, der dem alten Menschen ein Ende macht. Denn den Menschen, d. h. die unsichtbare Welt des Menschen mit ihren Gesetzen und ihrer Unerfülltheit, kennt Hiob nicht. Wie sollen da Gleichnisse entstehen? Offenbarungen der anderen Welt? Er kennt sie ja nicht.

Ebensowenig bringen die Apokryphen Gleichnisse, obwohl sich schon der Schwerpunkt vom Diesseits nach dem Jenseits zu verschieben beginnt, womit schon der Prophet Daniel begann, als er visionär Zukünftiges schauen durfte, das das Schicksal der ganzen Welt umfaßte und im Himmel endete.

Doch dieses erstmalige Sich‑Umkehren nach der Ewigkeit langt nun einmal nicht hin, um die Ewigkeit im Gewande der Zeit erkennbar zu machen, also ein echtes Gleichnis zu sagen. Wer kein Gold hat, kann keins verschenken. –

 

Gleichnisspringflut!

(in der nachchristlichen Literatur Israels.)

Anders kann man die Fülle der Gleichnisse nicht nennen, die in der Literatur Israels nach Christus emporschäumt. Aber es ist auch nicht viel mehr als ganz gewöhnlicher Schaum. Man könnte beinahe von einer Gleichniskrankheit sprechen; in so verwirrender Massenhaftigkeit treten sie auf. So salzlos wie diese Gleichnisse alle sind, mögen wohl die gewesen sein, mit denen die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu das Volk unterhielten und dem Volke das Beste vorenthielten. Es folge hier ein solches. In ihm soll dargetan werden, daß die Ägypter bei dem Auszug der Kinder Israel sehr schlecht gefahren sind. Der anonyme Verfasser läßt die Enttäuschung und Wut der Ägypter in folgenden Überlegungen sich Luft machen:

Die Ägypter sagten: »Wenn wir bloß die Schläge erhalten hätten und die Israeliten nicht fortgeschickt hätten, so wäre das schon genug gewesen. Oder wenn wir die Schläge erhalten hätten und die Israeliten fortgeschickt hätten, aber sie hätten unser Geld nicht mitgenommen, so wäre das für uns genug gewesen. Aber wir haben Schläge bekommen, wir haben sie weggeschickt, und sie haben außerdem noch unser Geld mitgenommen. Wem gleicht die Sache? Sie gleicht einem, der zu seinem Knechte sagte: ‚Geh hinaus und hole mir einen Fisch vom Markte.‘ Er ging hinaus und brachte ihm einen Fisch, der aber roch. Da sagte er zu ihm: ‚Ich bestimme: entweder ißt du den Fisch, oder du erhältst 100 Schläge, oder du gibst mir 100 Minen. Da sagte der Knecht zu ihm: ‚Sieh, ich will essen.‘ ‑ Er begann zu essen. Aber er war nicht imstande, zu Ende zu essen, sondern er sagte.‑ ‚Sieh, ich will mich geißeln lassen!‘ Er erhielt sechzig Geißelhiebe, aber er war nicht imstande, bis zu Ende auszuhalten, sondern er sagte: ‚Sieh, ich will 100 Minen bezahlen.‘ So war also das Ergebnis: er aß den Fisch, erhielt die Geißelhiebe und zahlte 100 Minen.«

Ist es noch nötig, dieses Gleichnis zu charakterisieren? Ein Kunstwerk ist es nicht. Die Phantasie ist alles andere als beflügelt. Auch nicht eine einzige Idee, die das Höhere nur streifte, ist darin enthalten. Dagegen ist mit Farben gearbeitet, die der Naturalismus gebrauchte, als er Düngerhaufen und Unrat auf die Leinwand brachte. Das Gleichnis entspringt nicht dem starken inneren Leben, das sich nach außen hin Bahn bricht, sondern es ist ein unerträglich mühsamer Vergleich, den ein Schriftgelehrter zusammengeklaubt hat. Es ist nicht eine Kunstschöpfung, ‑ es ist geschneidert.

Vergebens sucht man nach einem Wink, der nach oben weist.

 

Ein zweites Gleichnis.

Rabbi Simeon, der Sohn des Eleanar, sagt: »Wenn die Kinder Noahs schon in den 7 Geboten, die ihnen gegeben worden sind und die sie auf sich genommen haben, nicht bestehen konnten, wieviel weniger würden sie bestehen in den Geboten des Gesetzes Moses!«

Ein Gleichnis: »Das ist wie mit einem Könige, der sich 2 Aufseher eingesetzt hatte, den einen über den Vorrat an Stroh, den andern über den Vorrat an Silber und Gold. Der über das Stroh eingesetzt war, geriet in Verdacht, und er murrte darüber, daß er nicht über den Vorrat an Silber und Gold eingesetzt worden wäre. Da sagte zu ihm der, der über den Vorrat an Silber und Gold eingesetzt war: ‚Du Dummkopf! Bei dem Stroh hast du schon betrogen, wieviel mehr hättest du das bei dem Silber und Gold getan! Lehrt nicht hier das Kleinere das Größere? Wenn die Kinder Noahs nicht einmal in ihren 7 Geboten bestehen konnten, wie hätten sie in den 613 Geboten des Moses bestehen können!’«

Nein, auch das ist kein Kunstwerk! Auch das ist geschneidert. Es atmet dieselbe Stickluft wie das erste, ist ihm innerlich zwillingsartig ähnlich, obgleich es von einem ganz andern Verfasser ist. Geistlosigkeit, Leblosigkeit, Selbstbewunderung, Schablone! Und kein Zug, der ins Unerkannte weist! Nirgends ein Durchblick. Und wie nahe lag es hier, zu fragen, wie sieht es in der Menschenseele aus, der Gottes Wille in den Weg tritt!

Nichts von alledem. Keine irgendwie versuchte Erklärung, warum jene vormosaischen Menschen ihre 7 Gebote nicht halten konnten. Zum Tropf werden sie herabgewürdigt.

So aber sind sie alle, die vielen, vielen Gleichnisse.

Ohne Erkenntnis und ohne jedes Sehnen nach wahrer Erkenntnis!

»Weh euch Schriftgelehrten«, sagt der Herr, »denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr kommt nicht hinein (ins Reich Gottes) und wehrt denen, die hineinwollen.«

Hier hat Jesus keine Anleihen gemacht. Konnte er keine machen. Gewiß ist diese Form der Gleichnisrede in Israel zu seiner Zeit umgegangen, wie zur Zeit Rembrandts die Bilder der Schützengilden Mode waren. Aber was hat Rembrandt davon übriggelassen?! Den Rahmen, sonst nichts.

Man kann die Probe machen, wenn man den Saal im Rijksmuseum in Amsterdam betritt, wo Rembrandts »Nachtwache« steht und an den Wänden die so genau und brav gemalten Schützengildebilder hängen, diese großen Pracht‑ und Prunkdarstellungen des Bürgerstolzes. Du brauchst nur einzutreten und das Auge auf Rembrandts großes Gemälde zu richten, das quer im Raume ‑ wie das Altarbild in einem Heiligtum ‑ vor den Sesseln steht, auf die man sich zur Betrachtung der Kunstwerke niederläßt; du siehst ja dann nur noch Rembrandts Vision: das faszinierende Helldunkel mit dem magischen Lichteinbruch. Die schwebenden Farben, das sprühende Gelb, die auf dich zuschreitenden zwei Streitbaren, das mystische durchsichtige Tiefdunkel des fliehenden Hintergrundes … die Zeit vergeht… du siehst nach der Uhr. Der »Augenblick« des An­schauens hat eine Stunde gedauert. Du warst entrückt. Die andern Gildebilder streift dann kaum noch ein halber Blick. Sie tun dem Auge (der Seele) förmlich weh nach dem Rembrandt‑Erlebnis! Sie haben nur den Rahmen mit dem Rembrandtbilde gemein.

So ist es mit jenen leeren Gleichnissen der Schriftgelehrten und den Gleichnissen Jesu.

Jesus kriecht nicht in eine Schablone, sondern der Schmetterling entledigt sich des Sarges, der Puppe, schwebt frei ohne Erdenschwere über der Erde, und das Licht und die Weite ist sein Element.

 

Die Gleichnisse Jesu

Im folgenden betrachten wir die 30 Kunstwerke Jesu, die uns als Gleichnisse bekannt und zum Teil geläufig sind. Es gilt, ihre Besonderheit vor aller anderen Kunst und vor Versuchen, die äußerlich ähnlicher Art sind, aufzuzeigen. Keins soll übergangen werden, dazu sind sie zu wertvoll und zu einzigartig. Natürlich können wir nicht dabei stehenbleiben, etwa die Kunst Jesu nach ihrer technischen Seite hin zu untersuchen und die Mittel aufzuzeigen, deren er sich bedient hat. In Kunstwerke muß man sich versenken.

Vor Rembrandts Radierung der Auferweckung des Lazarus kann man freilich auch so stehen, daß man überwältigt von dem Spiel des Lichtes nach den Kontrasten schaut und zugleich die Gruppen der Menschen nach Aufbau und Eingliederung stark empfindet. Man kann vergleichen und untersuchen, wie sich das von allen andern durch eine unerklärliche Unmittelbarkeit unterscheidet. Aber das reicht doch nicht entfernt!

Was hat er sagen wollen? Das fragt man gespannt und ergriffen zugleich, nicht bloß: Wie hat er einen Gegenstand behandelt? Dann fängt das Bild an zu reden! Da steigen ewige Zusammenhänge auf, die in uns geknüpft, vom inspirierten Maler selber geknüpft werden. Es steigt die Welt des Glaubens auf. Der Eine, der Unvergleichliche, wird durch die Kunst mit dem Geheimnis der Einmaligkeit und göttlichen Herrlichkeit umwoben ohne die Konditorware des Barockgepränges, ohne die billige klassische Linie. So muß man vor Jesu Kunstwerken, der selber die Seele jener ist und ohne den sie nicht wären, in langer Versunkenheit Kunstandacht halten und sie sagen lassen, was sie offenbaren. Sie offenbaren Kunst und mit Kunst das schlechthin Verborgene.

Es gibt Gemälde, die sind um ein Profil, um einen Baum herum gemalt. Das Eine in der Mitte ist dann im Grunde alles. Denn was außerdem auf dem Bilde ist, ist nur Füllsel, Dekoration.

Bei Jesu Gleichnissen aber handelt es sich nie um eine schöne Einzellehre, die in das bunte, unterhaltsame Vielerlei eines Gleichnisses kostümiert wäre, so daß uns dann die Aufgabe bliebe, diesen Prozeß nach rückwärts zu drehen und die Pointe herauszuwickeln, sie herauszunehmen, hochzuheben, daß sie alle sehen können, und dann zu sagen: Seht, das hat er sagen wollen, um diese Münze hat er das viele Papier gewickelt.

Wo Jesus das Verborgene enthüllt, enthüllt er es nicht ratenweise. Denn es ist immer ein Stück Leben, das er uns vermittelt und miterleben läßt. Leben aber ist Zusammenhang. Ist Zusammenhang von Zusammenhängen mit feiner Verästelung, einem Gewebe vergleichbar, das erst dann das Muster ergibt, wenn kreuz und quer Fäden um Fäden geschlungen, Farben um Farben gesetzt, Konturen gezogen, Flächen bestimmt und Licht und Schatten abgewogen sind.

Diese Zusammenhänge in den Gleichnissen Jesu zu entdecken, ist unsere Aufgabe und ist ein unendlicher Genuß. Gerade sie sind es, die die Gleichnisse Jesu schier unergründlich machen. Aber man muß dabei immer von dem Gegebenen ausgehen und nur das Gegebene mit seiner Allseitigkeit reden lassen. Wenn Jesus z. B. das Wort Knecht = Sklave fallen läßt, so gehört zu diesem einen einzigen Worte ein ungeheures Lebensgebiet mit ganz bestimmten Lebensbedingungen, Stimmungen, Bindungen und Möglichkeiten; eine ganze Welt rückt so Jesus mit einem Wort vor unsere Seele, eine Welt, die einen großen, unlösbaren Zusammenhang bedeutet. Darauf kommt es so sehr an, daß man das von vornherein mit in die Betrachtung der Gleichnisse hineinnimmt. ‑

Wer aber an Offenbarungen herangeht, der geht als Mensch an sie heran! Mit Fragen! Mit Bedrängnissen! Er fragt: wozu bin ich da? Was soll ich in dieser Wie ist meine Seele geartet? Was für rätselhafte Kräfte be­wegen sie? Was braucht die Seele? Handelt Gott an uns? Kümmert er sich um uns? Was tut Gott? Ist alles Naturablauf oder verantwortliches Tun? Woher die Ohnmacht des Menschen? Das Wachstum des inneren Menschen, ist es freiwillig oder unfreiwillig? Wo hört unser Können auf? Wo fängt es an?
Ich kenne die Warums meiner Seele so wenig wie ihre Gefahren. Wo ist die Stelle, wo man den einen entscheidenden Schritt tut? Denn das hat man »im Gefühl«, daß er getan sein muß. Was wird aus der Menschheit? Wohin steuert sie eigentlich oder wohin wird sie gesteuert?
Das ist das Verborgene, und die Frage klopft an eine Tür, die kein irdischer Schlüssel öffnet. Unter dem Sich‑Versenken in die Gleichnisse Jesu aber erfährt man, wie die Tür sich unmerklich leise öffnet, während wir noch vom Anschauen des Bildes, das Jesu Kunst von der Erde nahm, eingenommen sind.

 

Das Ungeheure . . .  Das Überlebensgroße

 (Matthäus 18, 21‑35)

Das gilt es!

Das Ungeheure, das über alle unsere Alltagsmaße hinausragt wie der Kölner Dom über die Dächer der Stadt…

Das Unmögliche, dem kein Zollstock des Verstandes beikommt…  

Die Ahnung von dem Schrankenlosen des ewigen Lebens und der ewigen Beziehungen, die schon heute das Hier und Dort überleiten sollen und deren Ausmaße man nicht wahrhaben will, um nicht erschauern zu müssen und um gemächlich unter der Glasglocke weiterleben zu können … :

Dies Ungeheure bringt Jesus in einer Reihe von Gleichnissen, wenn nicht in allen. Er vermag das eben. Das ist seine Kunst, daß das Ungeheure, das Überirdische wie durch einen durchsichtigen Schleier hindurchscheint.

Aber ahnt das ein Mensch, daß in seinem eigenen kleinen Eintagsfliegendasein das Ungeheure da ist? Daß Dinge da sind, hervorgezaubert durch ihn, den Menschen, für die es auch kein Maß mehr gibt? Dinge, in denen die Entscheidung getroffen wird über das Endlose, Ewige? ‑ Dinge, in denen vor die Kette der Ewigkeiten das Vorzeichen des Lebens oder das Vorzeichen des Sterbens und des Doch‑nicht‑sterben‑Könnens gesetzt wird?

Dann nehme man Jesu Kunstwerk Matthäus 18, 21‑35 vor und bestaune da die Meisterhand, wie sie wie im Spiel das Unendliche sich selber darstellen läßt!

Das Alleralltäglichste muß dabei herhalten, nämlich daß einer dem andern etwas schuldig ist. Schuldner und Gläubiger ‑ die Hälfte der Menschheit ist entweder das eine oder das andere.

Aber in diese Alltäglichkeit steckt Jesus das Ungeheure, das der Tage des Menschenlebens spottet: eine Schuld, so groß, daß sie kein Mensch je abarbeiten könnte, ob er auch seine Hände blutig risse bei der Fron. Millionen auf Millionen getürmt sind es. Werde zehnfacher oder hundertfacher Millionär! Mit nichts! Und zwar müssen die Millionen bis morgen beschafft sein! Und bezahle, zahle! Verwandle dich aus dem Bettler zum Krösus! 10.000 Pfund Gold fehlen! Das wären heute zehnmal soviel oder noch mehr, mehr als eine Viertelmilliarde!

So groß ist deine Schuld!

Morgen ist sie fällig!

Nein, du kannst sie nicht bezahlen, wirst sie nie, nie bezahlen können, und doch verlangt es der, dem du sie schuldig bist. Er kann’s verlangen. Ohne Erbarmen. Denn du hast ihn betrogen, um das Seine gebracht, und hast es vertan!

Damit wächst nun auch der Herr des Schuldners ins Riesengroße, ins Unendliche. Was muß das für ein Herr sein, in dessen Wirtschaft eine Million nach der andern verschwinden kann, ohne daß die Kasse es spürt! Und dieser Herr ist wirklich Herr und hat Macht, mit dem Leben seiner Untertanen zu schalten, wie er will.

Er hat abgerechnet. Er verlangt nur das Seine, mehr nicht. Keine Sonderleistungen verlangt er, keine herausgewirtschafteten Überschüsse, keine Erbohrung von Goldadern. Der Betrüger aber kann statt der hundert Säcke voll Edelmetall nur die leere Hand vorweisen.

Die Katastrophe ist da.

Ein Wink des Königs ‑ und schon hat alles Glück ein Ende. Her mit dem, was da ist. Her auch mit den Menschen, her mit der Familie samt ihrem Oberhaupte! Alles, was er mit dem gestohlenen Gelde gekauft und gebaut hat, wird mit denen, die es genossen haben, zum Verkauftwerden verurteilt. Die Steinlawine der Untreue stürzt den Abhang hinab und reißt die Unschuldigen mit in die Tiefe. Alle Schuld tut das! Wer kann da Einhalt tun?!

Eine Kopfbewegung des Königs ‑ und alles ist zu Ende, aber auch wirklich alles!

So rückt Jesus ein verborgenes Gesetz unseres Daseins ins helle Licht des Tages! Wir kommen nicht mehr daran vorbei. Der »Künstler« hat es wie ein Bildwerk hingestellt: das Geheimnis, daß der Mensch etwas Ungeheures ansammelt, was er in alle Ewigkeit nicht tilgen kann, gerade das »Etwas«, was Diesseits und Jenseits bestimmt. Die Tage unseres Lebens verrinnen, unbemerkt, einer nach dem andern, und plötzlich ist der Berg von Schuld da, der bis in den Himmel ragt, ‑ den keine Menschenhand von der Stelle rücken, keine Treue, keine Reue abarbeiten kann. Er bleibt.

So ganz nebenbei versteht es sich dabei so ganz von selber (ohne daß eine Verknotung von Zusammenhängen wie in Dramen und Romanen vorgenommen wird), warum dieses Geheimnis grenzenloser Verschuldung ins Menschenleben hineinkommt: Ein Herr und König hat uns in seine Pflicht genommen und kann über uns in wirklicher Königsherrschaft unumschränkt verfügen und will es auch. Diesem König gehören wir. Darüber wird gar kein Wort weiter verloren, kein psychologischer Beweis gesponnen, und jeder versteht sofort mit Verstand und Gewissen, was gemeint ist: unser ganzes Leben besteht einfach darin, diesem Herrn zu dienen.

Mit unnachahmbarer Leichtigkeit läßt hier also Jesus die Grundmelodie des ganzen Christentums, seine Sinngebung des ganzen Menschendaseins erklären, und zwar in einer so durchsichtigen Klarheit, daß die Seele mit einem tiefen Wohlgefallen darauf antwortet. Diesem Herrn dienen!

Ein Dienen eigener Art in schrankenloser Freiheit mit unendlichen Verfügungsrechten.

Aber die Abrechnung kommt! Mit der Majestät und Herrlichkeit göttlicher Rede sagt Jesus das alles in der erhaben kurzen Fassung:

»Das Himmelreich (das Sein, wo es sich um den Himmel handelt, um Gott und um mich und mein Leben) … das Himmelreich ist gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm 10. 000 Pfund schuldig. Da er’s nun nicht hatte zu bezahlen, ließ der Herr verkaufen: ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, ‑ und BEZAHLEN!«

Da steht es. Und ließe Jesus da das Gleichnis enden, so endete das Leben. Und gerade das läßt uns Jesus spüren! Ein Meistergriff ‑ und ohne alles Pathos ist eine Steigerung vor unser inneres Schauen hingestellt, daß es danach nur noch eins gibt: Absturz in das Gegenteil von dem, was Leben ist: schuftende Hoffnungslosigkeit ohne Ende!

Ja, das sind in der Tat Ungeheuerlichkeiten.

Nein, das Ungeheure ist nicht »aus dem Leben gegriffen«. Das ist aber gerade die Kunst, daß es dabei so natürlich und aus dem Leben gegriffen erscheint. Es ist das Unendliche in endlicher, natürlicher Hülle.

Das Unmeßbare aber schreitet nun weiter durch das Gleichnis.

Mit einemmal steht eine Gnade vor uns, die ‑ noch riesenhafter ist als die untilgbare Schuld des Knechtes. So vernichtend die Abrechnung ist, so absolut ist darin die Vernichtung dieser Abrechnung. Gnade ohne Maß! Das hohe Lied des Evangeliums, das Herz Jesu selber, der Urgrund Gottes, um des willen die »Zeit erfüllet war«. Eine Gnade, die unbegreiflich ist in ihren Gründen und unfaßbar in ihrer Grenzenlosigkeit. Jesus überläßt es der Gleichniskunst, uns zu zwingen zu dem Bekenntnis: Eine solche Gnadentat hat, solange die Welt steht, nicht ihresgleichen! Alle Könige und Herren der Erde sind zusammen zu arm, um es diesem Herrn nachtun zu können.

Und jetzt kommt, im Zusammenhange mit dem Gnadenakt des Königs, das Erschütterndste: ein Gemälde des Menschen, der vor seiner Vernichtung steht, ein Seelengemälde, wie es mit so wenig charakteristischen Konturen noch kein Künstler gemalt hat.

Der »Knecht« (der über Haufen Goldes, über ungeheure Reichtümer Vollmacht hatte) wirft sich auf die Knie vor seinem Herrn und bettelt um Frist (!) und gelobt das Unmögliche, von dem er selber weiß, daß es ein leeres Wort ist: »Herr, habe Geduld mit mir! Alles, alles zahle ich bei Heller und Pfennig zurück. (Aber laß mich nicht in diese Hölle stürzen, zu der du mich mit Weib und Kind verdammst! O meine Schmach, mein Unglück! Das ist schlimmer als der Tod). Schieb auf das Gräßliche! Ich will dir’s alles bezahlen!« Noch ohnmächtiger erscheint er durch dies Wort, das der Herr in eine furchtbare Beleuchtung rückt, als derselbe Weheschrei aus anderem Munde kommt und da nicht eine Unmöglichkeit bedeutet, als der Mitknecht um einer geringeren Groschensumme willen vor dem Großbetrüger auf die Knie fällt und ‑ keine Frist erhält. Um so hohler klingt es in seinem Munde, gerade weil es so blutig ernstgemeint ist. Trotz und kalter Hohn hätten ihm wohl gelegen, aber das geht nur bis zu einer gewissen Grenze, und über die hat ihn sein Unglück längst hinübergedrängt. Hier steht der arme Schächer vor uns, der in unserer Seele wohnt und um sein Leben bettelt und dabei immer noch auf bessere Zeiten hofft. Ein Nichts ‑ krümmt er sich auf der Erde. Schmerz und Angst um die Seinen haben ihm den Rest gegeben. In seiner ganzen Verdorbenheit ist er offenbar geworden ‑ vor sich, seinem Herrn und den andern. Zerknirscht gelobt er alles. O die Gelübde der Verzweiflung! Wie verstiegen sind sie, wie ehrlich gemeint, wie echt ‑ und doch wie unecht! Jesus malt das mit den wenigen Strichen: Hinknien, bitten, das Unmögliche versprechen, und dann nachher einen andern kalten Herzens für eine Lappalie vergebens auf Knien flehen lassen!

Und diesem wertlosen Haufen Jammer und Verworfenheit schenkt der König (aller Könige) Gehör! Der König hat Mitleid! Aber nicht tropfenweise kommt’s, sondern als ein Meer! Er ließ ihn los! Ist das nicht genug? Er schenkt ihm die Freiheit! Die Freiheit! Ist das nicht schon eins der höchsten Güter? Die eigene ‑ und die der Seinen?

Freiheit mit der Möglichkeit, wenigstens einen Teil der Schuld abzutragen in lebenslänglichem Dienst? – Natürlich nach Rückgabe des Veruntreuten, womit er sich sein Haus gebaut hat, soweit es noch dasteht und da ist.

Gar nicht natürlich!

Dieser König zeigt übermenschliche Unnatur. Er läßt dem Knecht sein Marmorhaus, seinen Garten, seine Juwelen ‑ alles ‑ alles ‑ und ‑ die ganze Schuld ‑ Millionen um Millionen ‑ löscht er aus.

Sie ist gar nicht da. Sie ist sowenig da, als ob sie nie dagewesen wäre. Der Betrug ist nicht mehr da, der Diebstahl auch nicht mehr. Das Gericht ist nicht mehr da. Nichts ist! Nichts ist zwischen dem Knecht und dem König!

Bedingungslose Freiheit!

Der König leistet völlig Verzicht ‑ auf das, was war.

Verzicht auf die Vergangenheit, verzichtet auf einen Ausgleich aus der Hand des Menschen. Der, der diesen Ausgleich leistet, ist der König aller Könige selber. Unfaßbar ‑ und das ganze Evangelium! Male einmal diese »radikale Gnade« mit wenigen Worten, plastisch, unmißverständlich! Wer vermag’s! Der vermag’s, der der Ausgleich alles Unausgleichbaren ist, Jesus:

»Da fiel der Knecht nieder und betete ihn an und sprach: ‚Herr, habe Geduld mit mir, ich will dir’s alles bezahlen.‘ Da jammerte den Herrn desselbigen Knechts, und er ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch!«

Wahrlich, atemberaubende Größe! Welche Blicke in ewige Weiten dürfen wir da tun!

Aber plötzlich wandelt sich das Bild. Verwandelt sich in ‑ sein Gegenteil… als sähen wir die ganze Sonne in ihrer unvorstellbaren Größe greifbar nahe vor uns und in der Kürze eines Augenblicks in einem dunklen Meer verzischen, erlöschen, für immer verschwinden.

Dies Gleichnis macht es uns wie kein anderes erschütternd klar, daß in einem Punkte alles auf den Menschen ankommt. Leben und Tod ist da in seine Hand gegeben, er, er allein verfügt da über Licht und Finsternis, Himmel und Hölle, er, der Mensch, die Eintagsfliege! Es ist, als ob das Weltall auf einer Nadelspitze balanciert, und diese Nadelspitze ist ‑ des Menschen Herz. Das Weltall ewiger Bestimmung, ewigen Lebens eines ewigen Wesens, das also eben doch keine Eintagsfliege ist. Auf den Menschen kommt es an bei dem, was der Herr, sein König (der Mensch hat nur einen) beschließen wird, nachdem bei dem Gnadenakte gar nichts auf ihn angekommen war. Denn Gnade will etwas, Gnade sagt nicht, was sie will. Gnade wartet auf ein leises Echo mit göttlichem Widerklang, und wo das ausbleibt, bleibt das Leben selber aus, um des willen allein Gnade Gnade war.

Darum hält der König in dem Gleichnis Jesu sein Wort nicht. Hätte er denn doch wenigstens vorher seine Bedingungen gestellt! Warum hat er nicht »Anweisungen für ein neues Leben« gegeben? So aber hat er dem eben mit Gnaden Überhäuften den Weg in neues, viel schrecklicheres Unglück offengelassen und ihn mit keiner Silbe gewarnt. Reut ihn sein Gnadenakt? Stellt er gar dem Beschenkten eine Falle? Ist es am Ende das Spiel eines Tyrannen, der je nach Laune verschwenderisch beschenkt oder zur Galeere verurteilt? Zuerst stürzt er den Ertappten in die Hölle, darin holt er ihn in den Himmel, um ihn dann wieder in die Hölle zu stürzen, aber dahin, wo nie gekannte Schrecken ihn nie wieder loslassen? In einen Abgrund, aus dem in alle Ewigkeiten kein Kletterweg herausführt? Und gäbe es wenigstens einen todumdrohten Pfad, an schwindelnden Abhängen vorbei, zum Lichte hinauf, so wäre doch wenigstens noch Hoffnung. Aber darüber läßt Jesus in dem Gleichnis keinen Zweifel, daß bei diesem Sturze auch nicht ein Sandkörnlein Hoffnung mehr für den Verstoßenen vorhanden ist. Ewige Nacht!

Und warum das alles?

Weil der König nur Wesen mit königlicher Gesinnung neben sich duldet, nur solche haben will.

Kann er das verlangen?

Welche Frage, nachdem er eben gezeigt hat, daß er die Liebe ohne Grenzen selber ist. Liebe ist Liebe, weil sie das Böse haßt. Denn Liebe will Leben und nicht Vernichtung. (Wo eine Mutter an ihrem Kinde das Böse mitliebt, geht sie eine Verschwörung mit dem Tode ein.) Wozu tauchte der König aller Könige eine Seele in lauter Erfahrung von lauter Seligkeit und streckt ihr noch dazu alle Mittel zu ununterbrochener Seligkeit in verschwenderischer Fülle vor? Wozu läßt er ein Herz einmal alle Tiefen und Höhen des Glücks bis zur unvorstellbaren Unmeßbarkeit auskosten?

Weil ihm auf dies Herz alles ankommt!

Und der Mensch bringt es fertig, aus der unendlichen Welt unendlicher Liebe, mitten aus ewiger Beglückung, aus der Erfahrung überwältigender, ewiger Errettung mit einem Schritt herauszutreten in die kalte Welt der Gier nach ein paar Groschen, wo die Menschenseele in emsiger Grausamkeit und Verhärtung über Leichen geht (wie ruhte dabei das Auge Jesu auf Judas!) und unerbittlich richtet und das fordert, was er ausstehen hat.

Die »königliche Gesinnung« bringt er nicht auf. Gott ist die Liebe, der Mensch das Gericht, und dieser hat dabei sogar den Buchstaben noch für sich.

Und die Gnade des Königs hat ihm tatsächlich noch die Wege zu seiner Unmenschlichkeit geebnet! Ohne sie konnte er nicht frei herumlaufen und seine Freiheit mißbrauchen! Ohne sie konnte er nicht Peiniger und Bedränger spielen.

In welche Engen treibt uns da das Gleichnis! Mit welch einfachen Mitteln wird hier das Verborgenste ans Licht gebracht, das Geheimste der Menschenseele, die als Bodensatz immer Vernichtungswillen mit sich her­umträgt, auch wenn sie noch so begnadigt worden ist! Das ist nicht nur ein unheimliches Wissen um das Letzte, sondern die ganze Darstellung ist eine packende Kunstleistung, die auf dem geraden Wege der Überwältigung durch Anschauung unsere Seele von der Bahn des Todes herunterreißt.

Ja, ja, der König nimmt sein Wort zurück. Er nimmt seine Gnade zurück. Und verhängt eine Strafe ohne Ende und ohne Unterbrechung. Ein Ungewitter der Schrecken entlädt sich über den Sünder ohne Aufhören.

Denn der Herr ward zornig. Gerade weil er die Liebe ist, einzig und allein darum! Für Lieblosigkeit, Unversöhnlichkeit und Richtgeist hat der König keinen Platz in seinem Reich. Wer seine moralischen Rechnungen unnachsichtig eintreibt und die fünfte Bitte aus dem Vaterunser gestrichen hat, trotzdem er mit Gnade überströmt wurde, der leidet an unheilbarem höllischem Aussatz, in dem er sich noch forsch und schön findet, und wird dahin gebracht, wo er die zugehörige Umwelt vorfindet.

Weh dem Kalten!

Wie war ihm heiß geworden, wie zerschmolz sein Herz im Gericht angesichts des Ungeheuren seiner Schuld, die er für alle Zeiten hätte tragen müssen! Wie zerfloß sein Herz in Seligkeit, als es die Gnade wie eine Glut empfand, die alle Not in Asche verwandelte und das ganze Leben und Wesen durchleuchtete. O dies Ungeheure! Für alle Zeiten blieb er es dem König schuldig und durfte es. Aber das Stückchen Blech, das ihm ein anderer »Mitknecht« schuldet (in Wirklichkeit aber nicht schuldet, denn es war ausgeliehen aus dem gestohlenen Gut!), dieses Winzige ist ihm nicht aus dem Gedächtnis entschwunden. Die Temperatur seines Innern fällt bei dem bloßen Gedanken daran unter den Eispunkt.

Wie können Fromme verachten!

Wie können Gesegnete hassen! Wie können Beschenkte neiden! Wie können ins Leben Zurückgerufene auf Lebensansprüche pochen, die andere ihnen schuldig geblieben sind, als sie schon in selbstverschuldeter Agonie lagen!

Bekenner, »die sich des Evangeliums Jesu Christi nicht schämen«, aber sich erst recht nicht Schämen, um das Stückchen Blech ein furchtbares »Schuldig« zu sprechen!

Was allein könnte gegen solche Verstockung helfen, zumal man in ihr auch noch ‑ wie man sich einbildet – »seines Glaubens gewiß« sein kann?

Eine Szenenfolge, die den Fluß der Vergangenheit und die Katastrophe des Menschen malt in ihren ungeheuren Ausmaßen und die die Rettung ebenso als das Ungeheure erkennen läßt, das ist sie, und die den Geretteten in der Schmach seines alten Fluches unbekümmert herumwaten läßt, daß man darüber aufs tiefste und bebend vor Zorn erschrickt, ‑ um dann zu sehen, daß der andere, über den man so erschrickt, in uns selber schlummert, unsere eigenen Züge trägt und nur aufs Aufwachen wartet. Jesus vermag diese künstlerische Aufgabe zu lösen. Er löst sie mit wenigen Strichen, und das ist gerade das Kunstvolle, daß diese wenigen Striche nicht den Eindruck einer Skizze machen, sondern eines Vollkommenen, in dem man nicht müde wird, sich umzuschauen, um immer neue Herrlichkeiten zu entdecken. So also sieht der aus, der in uns schlummert, der Vernichter und Selbstvernichter:

»Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm ‑- 100 Groschen schuldig; und er griff ihn an und würgte ihn und sprach: ‚Bezahle mir, was du mir schuldig bist!‘ Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: ‚Hab Geduld mit mir, ich will dir’s alles bezahlen!‘ Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis dass er bezahlt, was er schuldig war.«

Da steht das Bild vor uns. Lebendig. Bild und Drama zugleich. Es ist das Drama: Mensch wider Mensch und damit ‑ wider Gott. Mit einem einzigen Strich zeichnet Jesus das Zweiseelentum: Derselbe Knecht, sagt er nur, und damit läßt er einen Widerspruch aufgellen im Wesen auch und gerade des Begnadeten, wie er schärfer nicht gezeichnet werden kann. Derselbe ist es, der eben unendliche, unmeßbare Gnade erfahren hat!

Derselbe! Wir brauchen es nur zu hören, und schon melden wir leidenschaftlich unsere Forderungen an, die wir an ihn stellen. Jesus zieht uns so in die Handlung als Mitspieler und Teilnehmer hinein und läßt uns fragen: Was wird er jetzt tun? Zu was dürfen wir uns verpflichtet und gedrungen fühlen?

Plötzlich sind wir alle ‑ königlicher Gesinnung! Und dann ‑ träumen wir? Das sind ja dieselben Worte wie vorher! Eigentlich müssten sie doch dem Verderber einen Schlag auf’s Herz geben! Wir stehen unter dem lähmenden Eindruck, daß hier alle Rollen unheilvoll vertauscht sind. Wir selber fordern ein rücksichtsloses Eingreifen. Und sieh ‑ da treten wir schon selber auf:

»Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte.«

Und nun schreitet die Entwicklung wie von selber weiter. Die Szene wird zum Tribunal, und um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen verlangen wir geradezu den »Wortbruch« des Königs. Damit das Königswort bleibt, was es ist, durch und durch wahr und gerecht und Zeugnis der einen Forderung Gottes an uns, der Liebesforderung, muß er ‑ es zurücknehmen.

Das ist wahre Kunst: den Zuschauer zum Mitspieler zu machen. Jesus vollbringt’s und damit ist er allen Theoretisierens enthoben, denn wir sind nun schon Partei und denken mit dem Herzen, ohne Wenn und Aber, ohne »freilich« und  »jedoch«. Wir sind Partei, leidenschaftliche Partei geworden ‑ gegen uns selber! Und das alles ohne jeden Trick, ohne jede Künstelei oder Verrenkung der Situation. Ja, das ist Kunst!

Denn Partei sind wir geworden ‑ gegen den, der in uns selber schlummert, den immer wieder in uns auferstehenden Richter und Vernichter des ‑ anderen. Da ergreift dann der König ‑-‑ unsere Partei!

»Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: ‚Du Schalksknecht! Alle diese Schuld habe ich dir erlassen, derweil du mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?‘ Und sein Herr ward zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis dass er bezahlte, was er schuldig war.«

Haben wir recht gehört? Bis daß er bezahlte alles, was er schuldig war, Kunst Jesu? Im Nebensatz ‑ ein Ungeheures! Wie beiläufig, nebensächlich, selbstverständlich hingeworfen: bis er bezahlte! Wann wird dieses »bis« einmal eintreten? Rechne es dir aus, deutet Jesus an, du kennst ja die Summe! Das klingt etwa so, als wenn uns einer sagte, jemand sei dazu verurteilt, zu schreiben, bis er die Bücher der Erde abgeschrieben habe. Schon beim Gedanken daran entsinkt uns die Feder. Nein, hier hört jedes irdische Zeitmaß auf, und jenes »bis« erhält das Vorzeichen: unendlich.

In 12 Sätzen ein unfaßbar großes Kunstwerk.

Vor uns hin tritt der Mensch, und der ganz andere, der er nicht ist, Gott, und der gar nicht andere, der Mitmensch, ohne den er doch nicht leben kann und den er so schlecht behandelt!

Vor uns tritt die Menschenseele mit ihren Widersprüchen, ihrer Not, ihrer Schuld, ihrer Ohnmacht, ihrer Sehnsucht nach Liebe und Gnade, ihrer Lieblosigkeit, mit ihrer Macht, ein ewiges Schicksal zu bestimmen, Gold in Müll zu verwandeln.

Vor uns steht der über alle Begriffe reiche Gott, der die Liebe ist und darum unvereinbar ist für alle Ewigkeit mit denen, die die Kälte zu ihrem Lebensprinzip gemacht haben und danach handeln und Gottes Welt verschandeln.

Nichts ist Willkür, alles Notwendigkeit, trotz der unverdienten Gnade. Gerade diese ist ein Teil des Liebesgesetzes Gottes, das auch und allein unser Lebensgesetz ist, sie ist ein Teil des Wesens Gottes selber, dahin notwendig, und doch wieder nicht unabänderlich.

So macht es Jesus. Er stellt uns mitten in lauter wirkliches Leben hinein, alles erleben wir gleichsam als Mitspieler hier unten auf der Erde mit, und während wir noch mitten in der Handlung drinstecken, haben wir unmerklich die Alltagswirklichkeit, Erde und Zeit samt ihren üblichen Zwergmaßstäben verlassen und gehen zwischen greifbaren Unendlichkeiten einher, sind hineingelangt in die andere Welt, ins Wesen der Dinge, ans Herz Gottes. Darum alles überlebensgroß, größer als dies Leben, »das eine Handbreit ist vor dir«.

Überlebensgroß und doch natürlich!

Überlebensgroß und doch schön und harmonisch.

Überlebensgroß und darum wahr, erschütternd wahr.

Denn so, nur so, sieht man die wahren, sonst unmeßbaren Unterschiede, die eigene Größe, die eigene Verantwortung.

Gemalt in ein paar Bildern.    Kunst Jesu.

Das Geheimnis aller Geheimnisse

Auch dem Kinde sichtbar gemacht

Das wäre freilich eine Kunst, vor der alle Künstler die Waffen strecken müßten! Und ‑ sie müssen es. Denn es ist geschehen, und seitdem steht diese Kunst einzig und unerreichbar da.

Es handelt sich um nichts weniger als um das gänzlich Ungreifbare, das schlechthin Unsichtbare. Wer will das greifbar machen, sichtbar?

Wir wissen alle, was unser Glaube ist. Christentum heißt doch dies: Gott kommt zum Menschen, und die Tragik dieser Liebe wird in der Frage vernehmlich: Kommt der Mensch auch zu ihm?

Was bringt der Mensch denn für diese Begegnung mit?

Nur seinen Todeszustand! Aber kann ein Toter dem Leben begegnen?

Wie ist das alles unergründlich!

Dann muß also Gott von neuem anfangen zu schaffen und den Toten anrühren und ihn mit Leben durchpulsen, und der Tote, den Gott doch auch einst geschaffen hat, bringt gar nichts mehr mit?

Was aber brachten denn die mit, die Jesus folgten und ihn liebten? Was war das für ein Tod, von dem umfangen Nathanael unter dem Feigenbaum saß, dem nichtssagenden Abbild seines Volkes?

Es waren doch nicht wandelnde geistliche Leichen, die Johannes den Täufer verstanden und die mit leuchtenden Augen dann Jesus umstanden und nicht mehr losließen!

Nein, sagt der, der uns nun psychologisch aufklären und in Gang bringen will. Nein, sondern der von Gott geschaffene Mensch trägt schon in sich keimhaft alles Göttliche. Es muß nur dafür gesorgt werden, daß es sich entfaltet. Gibt es etwas Herrlicheres als Geist und geistiges Leben? Wie strahlt das auf in den Großen! (auch in den Kleinen und ganz Kleinen? Nein?) Und dem Menschengeiste erschließt sich kraft seiner göttlichen Art alles. Gott braucht wahrhaftig nicht zu kommen. Der Mensch ist autonom, selbstherrlich stark und kraft einer unauslöschlichen Sehnsucht zum Himmelsfluge von sich aus fähig.

Er braucht keine Offenbarung, keine Erlösung, er trägt alles Gute und Wahre und Schöne in sich und wartet nur noch auf eine Stufe höchster Vollendung, die aus seinem eigenen Wesen heranwachsen wird.

Und der Weltkrieg mit seinem Vernichtungswahn, den der autonome Mensch verbrochen hat und nicht beendigen will, weil ihm vor der unauslöschlichen Sehnsucht zum Himmelfluge die noch unauslöschlichere Sehnsucht nach dem Gold und nach der Macht steht? Was ist nun Wahrheit? Wo liegt hier der Irrwahn?

Der erste sagt: Hier ist nur ein Leichenfeld, die erste Schöpfung hat sich mitsamt der göttlichen Abstammung des Menschen totgelaufen. Der andere sagt: Genau das Gegenteil ist richtig: die Göttlichkeit des Menschen ergibt unvorstellbare Ausblicke in die Zukunft und in die Entwicklung des Menschengeschlechtes.

Zwischen diesen beiden Polen schwankt die Seele immer wieder hin und her, wenn und weil ihr aus sich selber die Klarheit darüber fehlt. Solche Klarheit aber ‑ wie kann sie anders erstehen, als wenn das Unsichtbare sichtbar gemacht wird!

Jesus macht es sichtbar.

In einem unvergleichlich schönen Bilde, das gleich das Herz gefangennimmt und das Auge, das schauen will, lauter Bekanntes schauen läßt, worauf es oft lie­bend geruht hat. Ganz Bekanntes! 1000mal Geschautes.

Es ist das Gleichnis vom Sämann (Matthäus 13, Lukas 8, Markus 4). Und in welch einer Kirche wird es gesagt!

Die Gemeinde sitzt am terrassenförmig aufsteigenden Ufer des blauen Sees, das Schweigen der Berge umgibt sie, die Matten grünen und leuchten von den zahllosen Blumen, von denen uns die Palästinawanderer erzählen, und dort in der Bucht vor der »Gemeinde« liegt ein Schifflein vor Anker, und auf dem hohen Verdeck sitzt Jesus, das Antlitz den Erwartungsvollen zu­gewandt, jedem Auge sichtbar, und »er predigte ihnen lange durch Gleichnisse«!

»Siehe, es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säete, fiel etliches an den Weg, und ward zertreten, und die Vögel unter dem Himmel kamen und fraßen es auf. Etliches fiel in das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf darum, daß es nicht tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne brannte, verwelkte es, und dieweil es nicht Wurzel hatte, ward es dürre. Und etliches fiel mitten unter die Dornen, und die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Und etliches fiel auf ein gutes Land, und es ging auf, und trug Frucht! Etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig. Da er das sagte, rief er: ‚WER OHREN HAT ZU HÖREN, DER HÖRE!’«

Ja, das kann auch ein Kind erzählen und verstehen und sich daraus selber verstehen. »Ein Kindlein wandelt spielend darin, ‑ ein Mann versinkt mit Geist und Sinn in seinen Wundertiefen.«

Zuerst aber begegnet uns das Trauliche, der Zauber der Natur, dem wir uns gern ausliefern. Der Sämann, der Acker, die Saat, die Sonne und auch das Unkraut gehören dazu, und dann die dicken Ähren ‑ wie liebt auch der Mensch in der Steineinöde der Stadt diesen Anblick (kraft einer Veranlagung, daß sie den Schöpfer suchen sollten, ob sie ihn vielleicht fühlen und finden möchten!).

Immer wieder schaut man das liebe Bild an.

Aber was ist denn das? Je länger man es anschaut, um so größer wird es. Wächst, wächst über die ganze Welt, und nachher ist statt der Welt und der Menschheit nur noch dieser Acker da.

Machte das der Ruf, der plötzlich so ganz anders klingt als das so leicht und licht Gesagte: Wer Ohren hat zu hören, der höre? Auch der. Aber noch etwas anderes. Das leichte, lichte Wort ist mit einer jenseitigen Feierlichkeit angetan. Der Rhythmus ist alles andere als der der sogenannten Lebenslust und ungetrübten Heiterkeit. Es entspricht vielmehr dem langsamen Wogen des grenzenlosen Meeres, das plötzlich in der Brandung anfängt zu brausen: »Wer bist du, o Mensch? Hörst du nur mit dem Hörsinn? Hörst du nicht mit der lauschenden Seele aus den Klängen mehr als Klang?«

Meister Schütz hat die Gnadenstunde erlebt, wo ihm das Gleichnis Jesu zu überwältigender Ewigkeitsoffenbarung wurde. Wer einmal seine Akkorde: Wer Ohren hat zu hören, der höre!, die periodisch in der Vertonung des Gleichnisses wiederkehren, gehört hat, der vergißt nicht, wie sie ihm Mark und Bein durchdrangen und ein ganz anderes HÖREN des Gleichnisses erschlossen. Dieses Tonwerk müßte geradeso wie die Matthäuspassion zum lebendigen Dauerbesitz der Kirche werden.

Da liegt das Feld, die Welt. Weit, weit dehnt sie sich. Und ist tot. Kein Leben ist in ihr. Kein Leben kommt aus ihr, kein Halm, der Frucht bringt, der Wert hat, der zu gebrauchen ist. Kein Leben ‑ nur ein Daliegen und ein Warten ist’s, was da Acker heißt. Wer erlöst diese tote Erde? Soll sie ewig so liegen? Ja, wenn nicht einer kommt, der das Leben auf sie streut, ist sie nichts. Sie ist tot, die Erde, aber sie wartet. Das ist ein anderer Tod, als das Erloschensein. Das ist ein Tod, der eine Seele hat und seinen Tod fühlt!

Seine Seele kann hungern und dürsten, aber daran kann sie endgültig sterben, denn sie hat nichts für diesen ihren Hunger in sich selber, sonst würde sie ja nicht hungern. Dieser Tod ist wie die Todesstarre des Wassers, wenn es zu Eis gefroren ist und nun erstarrt steht, hat sein Wesen verloren, kann nicht fließen, kann nicht heimwärts zum Meere eilen. Es wartet auf die Sonne, die allein es retten kann.

Tote Erde!

Wehe, wenn sie sich einbildet, daß sie aus ihren sehnsüchtigen Gedanken das Leben selber ableiten kann!

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Ach nein, der Tod der Erde wird auf die Dauer zu offenkundig, als daß einer meinen könnte, sie würde demnächst selber zum Schöpfer werden und aus sich, aus richtig zusammengefügten toten Erdklümpchen einen Keim erzeugen, der dann unaufhaltsam weiterwächst.

Der Tod hat nicht das Leben geboren. Das sagt uns hier Jesus.

Und darum wird uns der Sämann eine Figur, die immer größer hinaufwächst bis an den Himmel, bis es überhaupt keinen andern Sämann in unserer Vorstellung gibt als diesen einen, der allein das Leben bringt und es als die Saat, die er »ausging zu säen«, auf den ganzen Acker streut, daß auch nicht eine Stelle vergessen wird.

Das Leben fällt in den Tod, und der Tod wird lebendig. Erde empfängt und vermählt sich der Saat. Nun ist sie erlöst und kann erst das sein, wozu sie da ist.

Das Geheimnis aller Geheimnisse wird hier von Jesus spielend entschleiert und anschaulich überzeugend gemacht. Das Geheimnis, daß Gott zum Menschen kommen muß, wenn überhaupt Leben erstehen soll. Ewiges Leben aus ewigem Leben, und der Mensch, der auf Gott wartet und kein ewiges Leben in sich hat, ist trotz seines Herzens, das den furchtbaren Hang zur Ver­nichtung des Gotteslebens in sich trägt (das Steinige, der Weg, die Dornen!) ‑ er ist fähig, Gottes Offenbarungssaat in sich aufzunehmen. Nichts hat der Mensch! Aber daß er dies sein Nichtshaben, das Bewußtsein seines Todes fühlen kann und muß, das drängt ihn an die äußerste Grenze seiner Nichtigkeit, wo er auf etwas ganz, ganz anderes wartet, als was ihn schmerzvoll umtreibt. Was es ist, vermag er nicht einmal zu träumen. Aber daß da etwas kommen wird, das schreit jeder Tropfen seines Blutes. Das sagen Jesus die Augen, die da vom Gestade zu seiner Schiffskanzel emporschauen: wir warten, wir warten wie Tote auf unsere Auferstehung. Es muß etwas kommen. Und deine Worte haben den so eigenen Klang, daß sie uns bannen und fesseln und satt machen und ‑ in eine unbekannte Welt versetzen, gerade weil du es uns mit ganz bekannten Bildern sagst. Und dann kommt die Enthüllung: »Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf«.

Leben von oben, aber tausendfach ‑ erstickt von unten!

Da kommt die zweite Enthüllung, die so weh tut und so wahr ist. Das Herz des Menschen ist auf nichts anderes angelegt als darauf, daß Gott sich ihm selber mitteilt. Also auf die tiefste Gemeinschaft, wo Gott sein ganzes Wollen, Lieben und Denken, ja, sein lebendiges Wesen selber der Menschheit zuströmt, wo Gott uns selber persönlich anredet und dies uns anredende Wort in Fleisch und Blut kleidet. Welch eine Saat!

Und wieviel verdorrende, umsonst gesäte Saat!

So daß es oft aussieht, als siegte der Tod über das Leben!

Woher der Riß, der durch das Feld, durch die Welt geht?

Dies auf Gott angelegte Menschenherz ist selber schuld daran. Der Künstler bringt es fertig, uns durch seine Bilder davon zu überzeugen, daß es möglich ist, daß ‑ die beste Erde nichts taugen kann. Was für ein Widerspruch! Jesus löst ihn. Er malt mit scharfen Konturen und realistischen Farben.

Wie kann bester Boden unempfänglich für gute Saat sein?

Er ist zum ‑ Wege geworden, da man erlaubt hat, daß alle Welt über diesen Weg hinzieht. Wer die Menschheit in diesem Sinne liebt, kann Gott nicht lieben, da unter den Tritten der Menschen alles steinhart wird. Ein solches »weltoffenes« Herz ist das, was Menschen lieben, und wer wollte von Menschen nicht geliebt, bei ihnen nicht beliebt sein? Die Gottesgedanken, die Gott hineinstreute, sterben unter den achtlosen Sohlen derer, die den Weg benutzen. Und was noch unzertreten daliegt, tragen die leichtsinnigen, losen Gedanken lustig hinweg, daß auch nichts mehr bleibt! Welch bewegtes Leben, und doch ‑ welch ein Tod! Das Beste ist zueinandergekommen, und es ist, als ob Abgründe dazwischen liegen, zwischen Gott und Mensch! Dabei berühren sich Gotteswelt und Menschenwelt so dicht, daß kaum ein Blatt Papier dazwischengeschoben werden kann, und dieses dichte Aneinander führt zu ‑ nichts! Kann das ein anderer so vollendet darstellen wie Jesus? Dieses Geheimste, Undarstellbare wird unter seinen Händen zu einem unvergeßlichen Bild, das wir noch dazu selber in unserem Herzen aufhängen müssen, getrieben durch den Zwang, den dieses Bild auf unser Gewissen ausübt.

Und noch härter als der Weg ist das Feld da, wo unter dem besten Boden Steine sind. Ein Grünen beginnt auf dieser Fläche, wo von unten her die Steine, die die Sonnenwärme aufspeichern und zurückstrahlen, am Wachstum mitwirken, daß diese Ecke fast als die beste Stelle des Feldes erscheint, denn im Wachstum sind da die Halme allen andern voraus. Aber Glut können sie nicht aushalten, diese Glühenden, Begeisterten. Ja, wie gern läßt sich das Menschenherz immer wieder von etwas anregen. Und ein so Begeisterter kann sich oft selbst nicht erklären, wo plötzlich seine Begeisterung geblieben ist. Begeisterung war sein Kitzel, der ihn über die Langeweile seines leeren Lebens ohne Gott hinbringen sollte. O, wie gern nimmt man auch zu diesem Zweck religiöse Anregungen entgegen! Gerade Religion hat so etwas Süßes, Träumerisches an sich. Da gibt es ein Schwelgen in Gefühlen, daß man wie im Traume einhergehen kann. So ergriffen war man ja noch nie. Tränen der Seligkeit und des Glücks wischte man sich verstohlen aus den Augen. Gab es denn etwas anderes, was besser war? Muß sich nicht die Seele für eine so gewaltige Bewegung, wie sie das eigene Wesen durchbebt hat, mit aller Kraft der Überzeugung einsetzen?

Und eines Tages ist alles vorbei. Die Glut der Prüfung und das Feuer der Läuterung bringen alles zum Welken. Glaube als Romantik, ja! Aber nicht als etwas, wofür man sein Leben läßt oder eine gutbezahlte Stelle aufgibt! »Mein Gott«, heißt es dann so auf Gott bezogen, »es gibt ja noch andere Anregungen wie nun gerade diese, an denen doch vieles eben nur Gefühl und Einbildung ist, und als Mensch in dieser Welt muß ich doch erst einmal hier festen Boden unter den Füßen haben.« Mit Nachdenken und Beobachten allein ist dieses wetterwendische Wesen in der Menschheit nicht zu beschreiben, auch nicht durch exaktes Wissen über die Seelenvorgänge allein, nein, dazu gehört das innere Schauen des Künstlers, der diese Zusammenhänge in Sichtbarkeit verwandelt.

Und wenn endlich auf die Tatsache hingewiesen wird, daß oft die bestveranlagten Menschenseelen mit völliger Verlorenheit ihr Leben abschließen, so fragt man billig, ob man nicht die Form eines Dramas wählen müsse, um so etwas glaubwürdig und als Ende einer langen Entwicklung darzustellen.

Jesus aber weiß in seiner Meisterschaft einen ganz kurzen Weg, der noch dazu unter denselben Gesetzen steht wie die bereits gezeichneten Entwicklungen.

Mit unnachahmlicher Sicherheit und Plastik malt er das Bild der innerlich Gescheiterten, die von oben bis in die Tiefe »gute Erde« waren. Mit der Gottessaat geht zugleich etwas anderes auf. Die Pfahlwurzeln der Disteln fangen an zu treiben. Reich in Gott wollte die Seele werden, ganz ehrlich. Aber der Mammon! Der geliebte Mammon! Den liebt man heimlich weiter, ob man ihn in Fülle hat oder ob man gar nichts von ihm hat: er bleibt letztlich doch die Hauptwelle des Werkes, die durch alle Stockwerke geht. Schließlich endet das Reichsein mit Genußsucht, trotzdem das aufgegangene Gotteswort protestiert, in der alles erstickenden Wollust, oder bei dem, der nichts hat als nur die nie gestillte Sehnsucht nach Genuß, der nichts kennt als Sorgen und als ihre Umkehrung die Befriedigung der Sinne, ‑ schließlich endet dieses Leerbleiben in der Lossage von Gott, teils verbittert still, teils mit Fluchen und Drohen.

Aus der Tiefe war es emporgekommen, wie die Disteln und Dornen dort im Heiligen Lande in Mannstiefe überwintern und mannshoch wachsend alles ersticken, was sie überholen, auch und gerade den aufgegangenen allerbesten Samen.

Das Geheimnis ist bis in seine letzten Verästelungen klargelegt, zur Anschauung gebracht, ins Gewissen geschoben als Beleuchtung des eigenen Tuns.

Mit diesen wenigen Worten, die etwas Furchtbares an sich haben (wer Ohren hat zu hören, der höre!): »Und etliches fiel unter die Domen, und die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es!« ‑ Die Mächte des Abgrunds wollen »Tod«! Beste Saat, beste Erde, alles kommt zusammen, was zusammenkommen muß, Gott und Mensch, und doch kein Erfolg, und wieder kein Erfolg.

Der Moderne, der sich dem Christentum versagt hat, sagt in solchen Fällen gern: Das Christentum hat versagt!

Alle Bedrängnisse auch gläubiger Seelen, die sich in unsern letzten 20 und 30 Jahren nicht mehr zurechtfinden konnten und doch leise, leise Zweifel gegen Jesus und die Art, wie Gott seine Offenbarung gestaltet und verwaltet hat, angemeldet haben, alle diese Bedrängnisse sieht Jesus voraus und tut sie darum mit diesen unerhörten, rücksichtslosen Gemälden ab. An diesen Bildern ist nichts zu retouchieren. Sie bleiben. Sie lassen sich nicht umbiegen in die allgemeine Güte des Menschengeschlechtes, die demnächst wohl doch einmal durchbrechen werde. Der autonome Mensch ist nicht autonom, sowenig wie eine Uhr autonom ist. Nur einer ist autonom. Gott. Der Sämann, der der Welt das Leben ausstreut!

Und dieses Leben allein macht aus einem Leben ein Leben, ein Sein mit ewigem Inhalt, mit der Frucht, die es allein bringen soll: »Und etliches fiel auf ein gutes Land, und es ging auf und trug Frucht.«

Trug Frucht! Erzeugte ewiges Leben, das allein, ganz allein Gott will.

Wachsen geht langsam. Wachsen hat mit viel, viel Erde zu tun! Mit Frost und Hitze, mit Sturm und Stille. Dazu gehört Geduld, wahre Geduld aber ist Vorausschau, ist höchste Weisheit, beruht auf tiefster Erkenntnis, auf vollem Verstehen. Und das Hören dieser Gut‑Land‑Seelen war eben ein ganzes Verstehen des Wortes, das »vom Himmel gekommen ist und gibt der Welt das Leben«. Da gibt es dann nur eins für solche Erkennenden: sich wehren allem Tode und bleiben beim Leben. Nichts bringt sie davon ab, auch nicht ihre eigene Langsamkeit, auch nicht die Aussicht, daß der Ertrag vielleicht nur dreißigfältig ausfällt. Gottesernte ist Gottesernte. Ist absoluter Sieg. Ist Ewigkeitsreife.

Nein, das Weltgeschehen kann die Ernte nicht verhindern. Kann sie nur noch sicherer hervorrufen. Denn wenn im Weltgeschehen immer wieder die Weltnot ihre traurigen Zwischenernten hält, so wandert manche Seele doch endlich gern aus dieser Mühsal und will lieber einmal gut Land sein und statt der trostlosen Unfruchtbarkeit langsam, aber geduldig und sicher Frucht bringen und darin selig sein.

Ja, das Reich Gottes wächst durch das Weltgeschehen und Menschengetue unwiderstehlich hindurch zu einer wirklichen Ernte. Am Ende der Welt steht sie auf dem Halm (Matth. 13, 39). Der Same ist zu gut, als daß er versagen sollte. Gottes eigenes Wort, Jesus Christus selber, trägt ja in sich soviel Kraft und Freiheit und Frieden, daß darüber gern der Spreu der Abschied gegeben wird.

Gottes ist die Saat, Gottes aber auch das unwiderstehliche, unaufhaltsame Wachstum, daß sich keine Seele um den Fortgang grämt, nachdem Gott das gute Werk in Gang gesetzt hat. Gott weiß schon jetzt um die Ernte, die noch gar nicht da ist, und der Mensch auch. Darum kann jesus diesem Gleichnis ein zweites hinzufügen, das uns nur bei Markus (Kap. 4, 26‑29) aufbewahrt ist:

»Das Reich Gottes hat sich also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft, und schläft und steht auf Nacht ‑ und ‑Tag ‑ und der Same geht auf und wächst, daß er’s nicht weiß! Denn die Erde bringt von selbst zum ersten das Gras, danach die Ähren, danach den vollen Weizen in den Ähren… Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er bald die Sichel hin, denn die Ernte ist da!«

Das Geheimnis aller Geheimnisse ‑ dem sehenden Auge enthüllt! Das Geheimnis: der Mensch ist Gottes! Die Saat kommt zur Erde, sonst bleibt sie tot.

Gott kommt zum Menschen, das ist seine Gnade und seine Freiheit. Der das Leben ist, der macht den Menschen zur Erde und sich selbst zur Saat.

Die Erde wartet und lernt das Warten, die Saat ist bereit. Die Saat ist für die von Gott bestimmte Saatzeit bereit, da er den Sämann sendet.

Da schreitet er. Siehst du ihn?

Seit dieses Gleichnis gesagt ist, sehen wir ihn schreiten, sehen wir die goldene Saat, die Lichtsaat, wie sie in weitem Bogen geworfen wird, sehen wir Wachstum ewigen, todentrückten Lebens, wissen wir um die Rätsel der Gegenwart und die Lösungen der Zukunft.

Durch ein Bild. Durch etwas ganz Alltägliches, aber ein Alltägliches, daran unsere Seele hängt. Und dies Hängen macht Jesus unzerreißbar, indem er das alltägliche Ewige künden läßt.

So leicht ist das, nicht wahr? Warum hat es aber keiner wieder fertiggebracht? Auch ein Geheimnis! Und ‑ doch kein Geheimnis!

 

Kunst und Unkunst nebeneinander.

Einschaltung I

 Zur Kunstbetrachtung.

Jesus:

»Das Himmelreich ist gleich einem verborgenen Schatz im Acker, welchen ein Mensch fand und verbarg ihn, und ging hin vor Freude über denselben und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.«

130 Jahre später heißt es in der Mechilta als Ausspruch des Rabbi Simon ben Jochai:

»Wem gleicht die Sache? Sie gleicht dem Manne, dem ein großes Feld in weiter Ferne am Meere als Erbe zufiel. Und er verkaufte es um ein Geringes. Und der Käufer ging hin und grub es um und fand darin Schätze von Gold, Silber, kostbaren Perlen und Steinen. Da begann der Verkäufer vor Ärger fast zu ersticken.«

Man betrachte diese beiden Gleichnisse eine Weile nebeneinander und lasse sie ganz unbefangen auf sich wirken. Freilich muß man sie sinnend betrachten und fragen, wo die Menschenseele und ob sie in ihrem We­sen, in ihrer Not und ihrer Hoffnung richtig gesehen, meisterlich dargestellt und auf einen Weg zum Leben gewiesen ist!

Betrachtung dazu.

Fast erübrigt sich eine Betrachtung nach der Betrachtung.

Das Gleichnis aus der Mechilta wirkt neben Jesu Gleichnis wie eine Kinderzeichnung, wo ein Kind versucht hat, die Engel der Sixtinischen Madonna durchzupausen und auszutuschen.

Jesus taucht das Geschehnis in lauter Ewigkeit, daß es uns froh macht und wir plötzlich Zusammenhänge sehen, die wir nie vermutet haben. Da wagt man denn alles und nimmt die Freude schon vorweg wie der unfreiwillige Schatzgräber. Aus dem Zufall wird ewiges Gesetz. Aus dem bald hier, bald da Geschehen wird monumentale Einmaligkeit.

Unter der Fron des Alltags im Alltagsstaube harrt in der Tiefe verborgen ‑ dein Glück, deine Erlösung. Was an der Oberfläche liegt, das hat mit diesem Glück nur soviel zu tun, daß es der Ort ist, wo der Spaten angesetzt wird und klirrt, wenn er in der Tiefe aufstößt, wo der Schatz ruht. Nicht jeder kümmert sich um das Klirren.

So ruht im Erdenleben verborgen das ganz Andere! Das ewige Leben, das Leben in Gott. Das ist noch eine ganz andere Freiheit, als sie der Goldschatz verschafft. Man hört auf, werkende Kreatur zu sein, die aus dem Staube ihr bißchen Leben zieht. Die Zukunft gehört dem, der erst meinte, keine zu haben, und mit ihr das Leben im letzten, höchsten Sinne.

Was hat aber Simon ben Jochai daraus gemacht! Er stößt den Staubgeborenen erst recht in den Staub zurück und ironisiert die Dummheit wider Willen, die einen freilich zur Verzweiflung bringen kann. Es fehlt nur noch, daß der, der seinen Acker verkaufte, durch den er selber hätte reich werden können, ausruft, daß er sich selbst ohrfeigen könnte. So geht’s im Leben! Meistens bist du der Dumme! Ein Gegenstand für eine Posse! Aber Kunst ist das nicht, nicht einmal Realismus, sondern Plattheit.

 

Einschaltung II

Zur Kunstbetrachtung.

Jesus Sirach XI, 17‑19:

»Mancher kargt und spart und wird dadurch reich und denkt, er habe etwas vor sich gebracht und spricht: ‚Nun will ich gutes Leben haben, essen und trinken von meinen Gütern… ‚, und er weiß nicht, daß sein Stündlein so nahe ist, und muß alles andern lassen und sterben. «

Jesus (Lukas 12, 15‑21):

»Sehet zu und hütet euch vor dem Geiz, denn niemand lebt davon, daß er viele Güter hat. Es war ein reicher Mensch, des Feld hatte wohl getragen. Und er gedachte bei sich selbst und sprach: ‚Was soll ich tun? Ich habe nichts, da ich meine Früchte hinsammle.‘ Und sprach: ‚Das will ich tun! Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darein sammeln alles, was mir gewachsen ist, und meine Güter! Und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf Viele Jahre, habe nun Ruhe, iß und trink und habe guten Mut!‘ Aber GOTT sprach zu ihm: ‚Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wes wird’s sein, das du bereitet hast?‘ Also geht es, wer sich Schätze sammelt und ist nicht reich in Gott!«

Betrachtung der Betrachtung.

Der Unterschied dieser beiden Bilder springt in die Augen.

Jesus Sirach bringt Menschenweisheit, Jesus Offenbarung. Dabei sind die Grundlinien ganz dieselben: Reich sein und plötzlich sterben müssen ‑ was hat uns das zu sagen?

Bei Jesus Sirach kommt die Allerweltsweisheit heraus, daß der Knauser umsonst gekargt hat. Gerade wie er den Pokal, den er sich nie gegönnt hat, ansetzen will, kommt der Tod und nimmt ihm den Pokal aus der Hand. Also genieß dein Leben beizeiten, sonst schlucken andere, die dich nichts angehen, dein Geld, das du dir vom Munde abgespart hast.

Jesus aber überleuchtet dieses Geschehen mit dem Wetterleuchten des Gerichtes und des verlorenen Lebens. Gott tritt selbst herein in die Stube des Geizigen, der so reich ist und dabei so arm. Reich ‑ aber nicht reich in Gott!

So packt Jesu Gleichnis ein solches Lebensbild, wie es das Leben des Reichen bietet, gleich an der Wurzel und weist den tiefen Riß auf, der durch das Wesen dieses Mannes hindurchgeht. Wie Donner rollt es daher: Du Narr

Aber anders »Narr«, als Sirach es annimmt. Sirach bleibt an der platten Erde und zeigt den Menschen der Dummheit, der auf eine ungewisse Zukunft spart, statt sich beizeiten etwas zu gönnen. Jesus offenbart den als Narren, als Tor, der sein eigener schlimmster Feind ist, der das Verkehrte gesammelt hat. Nun hat er einen Haufen Staub, mit dem seine Seele nichts anfangen kann, und seine Seele ist leer, leer wie ein vergessenes Kellergelaß. Nacht bricht über ihn herein! (Wie ist damit die Gerichtsstimmung und die Katastrophe mit entsprechender Farbe umrandet!) Das Leben ist vertan! Die leere Seele weiß, welchen Weg sie gehen muß. Das heißt, die Ewigkeit verspielt haben!

Jesus hat ohne Frage das Sirachmotiv verwendet. Bewußt hat er das getan und damit das ungeheure Manko aufgedeckt, das jene Gedankengänge aufweisen, die nirgends bei Gott endigen, sondern im Diesseits, und zwar da, wo der Lebemann auch mit seiner »Philosophie« landet, bei dem Grundsatz, der keiner ist: leben und leben lassen. Daß aber dieses Staubmotiv dazu verwendet werden kann, daß es den Menschen in seinen tiefsten Tiefen erschüttert, daß es jeden, nicht nur den Geizigen, zur Revision seines ganzen Lebens zwingt, zumal der Mammon jeden zu bestechen und zu binden versucht, ‑ das ist das Kunstwunder in der Hand der Offenbarung, in der Hand Jesu.

 

Der Spiegel der Menschheit ‑ aus Kunst!

Die Menschheit ist krank, und sie weiß es, aber sie weiß nicht, woran.

Jesus sagt es ihr, woran sie leidet: sie ist krank an Gott.

»Ja, aber das soll erst einmal ’bewiesen’ werden.«

Jesus beweist nichts. Er hält sich nicht damit auf, zu beweisen, daß es einen Gott gibt und daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat. Unter seinen Worten erbebt die Seele vor Gott und vor sich selbst, das ist mehr als Beweis.

Aber ‑ wer schenkt der Menschheit den Spiegel, in dem sie sich selber sieht? In dem ihr selber ihr eigenes verborgenes Inneres sichtbar wird? In dem sie ihre verdorbene Bezogenheit auf Gott so erkennt, daß sie innerlich davon überwunden wird und von ihrem mühsam mit Goldflittern aufgeputzten Thron herabsteigt? Wer macht es glaubwürdig, daß die Menschheit nur aus Scheiternden und Versteinernden von sich aus besteht und von sich aus gesehen ein hoffnungsloser Fall ist?

Und muß das dann, wenn es gesagt wird, nicht in düsterste Melancholie getaucht werden oder dahin führen?

Dieses ganze Problem, das Himmel und Erde, Gott und Mensch, inneres, hinter der großen Wand der Schöpfung verborgenes Leben umfaßt, nimmt Jesus in seine Künstlerhände und macht daraus zugleich ein Kunstproblem, nämlich diese schier unentwirrbaren Zusammenhänge einmal durch nur drei Männergestal­ten und ein anderes Mal durch alle auf der Welt vorhandenen Menschengruppen darzustellen.

Er macht sich nicht an lange Definitionen heran. Er gibt nicht eine Seelengeschichte der Menschheit, in der er entwickelt, was für den Bestand etwa gegeben war und wie dieser allmählich vertan wurde, oder unter was für Einflüsse die menschliche Seele geriet, um beim Nichts anzulangen. Eine solche Seelengeschichte würde viele Bände umfassen müssen, wenn sie gründlich sein sollte, und sie würde dann als wissenschaftliche These zur Diskussion stehen.

Das wäre auch kein Spiegel, in dem man sich finden und bis ins letzte durchleuchtet sichtbar werden könnte.

Jesus schafft diesen Spiegel aus ‑ Kunst. Ein wirklicher Spiegel ist’s. In die Hand zu nehmen, und im Augenblick ist das ganze Bild da (Lukas 15).

Es ist ein Gleichnis, das wir fälschlicherweise das vom verlornen Sohn nennen, als ob der zweite, zu Tode erstarrte Sohn gar nicht da wäre, ‑ statt es das Gleichnis von der verlorenen Menschheit zu nennen. Denn nicht ein Spezialfall ist gemeint, der besagen soll, daß ein entgleister Mensch ins Unglück rennt und daß dem braven Menschen damit klargemacht wird, daß er nicht zu dieser Gruppe der Gesunkenen gehört. Es handelt sich nicht um einen oder zwei Abseits‑Gegangene, sondern um alle Menschen aller Völker, aller Altersgrade, aller Stände, Junge und Alte, Männer und Frauen. Und das dargestellt ‑ noch einmal sei darauf hingewiesen durch drei Männergestalten!

Kann das gelingen?

Alle wahre Kunst ist Metaphysik, Tiefblick. Hier feiert sie ihren Triumph und öffnet letzte Pforten, und zwar so, daß geschaut wird, gehört wird, als ob man nicht beim Letzten und Tiefsten wäre, sondern beim Ersten, Greifbaren um uns herum.

Die Menschheit Gottes hat zwei Hälften: »Ein Vater hatte zwei Söhne.«

Der Jüngste (!) ist der ‑ Rebell. Er fordert Freiheit, wie er sie meint, durchschneidet das Band der Abhängigkeit (vom Lebenszentrum), sagt sich los von jeder Autorität, wird autonom (glaubt an sich selber), nimmt aber das, was nicht aus seiner Autonomie stammt, die Gaben Gottes, mit und legt Weltenfernen zwischen sich und Gott, daß nichts mehr an ihn erinnert, und liegt zuletzt an der Landstraße, vegetiert in der Fremde, weiß sich heimatlos und seelisch verhungert und hat aufgehört, längst aufgehört, um seinen Freiheitsbaum zu tanzen, denn der ist verwelkt. Sein Rebellentum hat ihm nichts gebracht. Der erste Schwung hatte den sieghaften Sturm auf die ganze Welt und deren Besitz eingeleitet, und von allem war nichts geblieben als ein durch nichts zu stillender Hunger, ein Hungerelend ohnegleichen.

Der älteste Sohn ist der Konservative. Er hält etwas auf sich und hält etwas auf Autorität. Was sollte wohl aus der Welt ohne Autorität werden! Da wäre ja am Ende nichts mehr sicher. Dazu ist die Autorität da, daß sie ein gesichertes Leben garantiert. Dazu muß man auch die Gesetze der Moral anerkennen und innehalten und muß sich entrüsten über die Unmoral. Äußerlich hat sich der Älteste nicht von Gott getrennt. Er ist ihm ganz nahe. Aber innerlich ist er ganz woanders. Lange hat er’s nicht von sich gegeben, aber einmal muß es doch gesagt sein und quillt es grollend aus der Seele, wie zornig er auf die Weltordnung ist, die ihm sein gesittetes Aushalten auf der besonnenen (aber von keinem Strahl innerer Hingabe an Gott besonnten ) Linie so wenig gelohnt hat. Verbittert ist er. Das hat man nun von seiner Treue! Gott ist ihm nichts. Sein Leben bezieht er nicht von ihm und hat es nie von ihm bezogen. Er ist versteinert. Verlorenes kann gefunden werden! Aber können Versteinerungen wieder weich werden und anfangen zu leben? Ja! Das erreicht ja Jesus mit diesem Gleichnis, daß solche Steine anfangen, wieder Herzklopfen zu bekommen und zu spüren, wie ihre Nähe grausige Ferne war. Traurigkeit und Tod sind umleuchtet von Hoffnung. Ein Bild kann es einem besonders antun, daß das Auge lange darauf verweilt und es als Symbol des Evangeliums erkennt, ein Bild von wunderbarer Weite, der großen Welteinsamkeit, wo das ewige »Ich« dem irdischen »Du« gegenübersteht, aber welchergestalt!

»Als er aber noch ferne war, sah ihn sein Vater!«

Doch man weiß da kaum, welchem der einander ablösenden Bilder man den Vorzug geben soll.

Eins der größten Kunstwerke der Welt steht vor dir. Bestimmt ist keins so bekannt wie dieses. Und wie viele Millionen haben es gekannt und sich darin wiedererkannt! ‑ und gerade weil es so bekannt ist, soll es hier im Wortlaut folgen.

»Ein Vater hatte zwei Söhne.« (Künstlerische Momente, die man sehen muß.)

»Und der jüngste unter ihnen sprach zu dem Vater: ‚Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört.‘ (Der schweigende Vater! Er weiß, was kommt. Er sendet seinen Sohn ins Gericht und läßt seine Liebe mitgehen!)

Und er teilte ihnen das Gut.

Und nicht lange danach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen und zog fern über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen. (In zwei Sätzen Glück und Ende dieses Glücks!)

Da er nun all das Seine verzehrt hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbe ganze Land, und er fing an zu darben. Und ging hin und hängte sich an einen Bürger des Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm. (Gemaltes Elend, das sich unvergeßlich einprägt. Gemeinschaft und Speise da, wo der Name Gott nicht mehr fällt.)

Da schlug er in sich uns sprach: ‚Wieviel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße, mache mich zu einem deiner Tagelöhner.‘ Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. (Die Liebe des Vaters ist ihm gefolgt mit ihrer ganzen Macht und Größe. Mein Vater, sagt der Rebell gegen die Vaterautorität, und dies Wort wiederholt er. Er klammert sich daran. Eine wundervolle Szene von ergreifender Schönheit der Seelenmalerei.)

Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. (Was für ein Können: In einem Nebensatze gibt Jesus den Inhalt ganzer Jahre an: der wartende Vater, der von der Höhe Ausschau hielt, als der Sohn noch im Rausch der Fremde weder an Vater noch Heimkehr dachte.)

Der Sohn aber sprach zu ihm: ‚Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße.‘ Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: ‚Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet es. (Der das Gericht der Gottesferne sendet, ist derselbe, dessen Liebe als Sonne alle Bilder des Gleichnisses verklärt und alles Elend mit Silberlicht übergießt. Und das alles ganz natürlich, ohne irgendwelche Künstelei oder theatralische Mache.)

Lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.‘ Und sie fingen an, fröhlich zu sein. (Freiheit spielender Kraft in der Kunstgestaltung!)

Aber der älteste Sohn war auf dem Felde… Und als er nahe zum Haus kam, hörte er den Gesang und den Reigen, und rief zu sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: ‚Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat ein gemästetes Kalb geschlachtet, daß er ihn gesund wiederhat.‘ Da ward er zornig, und wollte nicht hineingehen. (Mit ganz wenigen Strichen ist der älteste Sohn bis ins Verborgenste gezeichnet. Seine Grämlichkeit, sein angesammelter Groll, seine Selbstbewunderung und Werkgerechtigkeit. Dabei ist die Zeichnung keine Skizze, sondern bis ins kleinste genau.)

Da ging sein Vater heraus und bat ihn. (Künstlerisch fein ist die Seelengröße des Vaters gegeben. Dasselbe Motiv wie vorher; da ist er auch »hinausgegangen«, dem Sohne entgegen. Hier haben wir die Variation davon, zauberhaft leicht und mühelos.)

Er aber antwortete und sprach zum Vater: ‚Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Dirnen verschlungen hat, hast du ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet.‘ (Prächtig das charakterisierende Wortspiel, daß der Bruder seinen Bruder verleugnet und ihn wie ein Geschmeiß dem Vater hämisch‑giftig zuwirft: »dieser dein Sohn!«)

Er aber sprach zu ihm: ‚Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden.‘ (Die »Allzeit« ‑Gemeinschaft beim Vater hat für ihn als Lebenswert keine Rolle gespielt. Wie schlagend damit seine ganze tote Welt dargestellt ist! Das Leben des andern gilt ihm nichts.)

Damit ist die Menschheit vor uns hingetreten. Wir selber sind es. Unsere tiefste Not können wir nun mit Händen greifen. Wir sind uns selber anschaulich geworden, und Gott ist uns offenbart worden. Wir können ihm ins Herze sehen und sind aller Versuche, ihn uns auszudenken und darüber zu debattieren, wie er zu uns steht, enthoben. Aber auch des Wahnes enthoben, als könnten wir ihm ausweichen und uns einen Begriff statt seiner konstruieren.

Selbstoffenbarung! Radikale Wahrheit!    Aber im Gewande der Schönheit.

Wahre Kunst aber lockt und ergreift Besitz vom Menschen. Sie gibt Göttliches, entspricht also dem, was Jesus zu geben hat.

 

Der Spiegel der Menschheit ‑ aus Kunst!

(Statt drei Gestalten ‑ ungezählte, und dabei die gleiche Durchsichtigkeit und Klarheit.)

Ein Abendessen.

Das ist wirklich eine Kunstaufgabe: Schildere mir im Rahmen eines Abendessens das Wesen der Menschheit, wie sie krank ist an Gott, versteinernd und scheiternd.

Wer stände nicht fassungslos vor einer solchen Aufgabe!

Wir sind nur leider zu stumpf geworden, um die ganze Größe der Meisterschaft zu erkennen, die eine solche Aufgabe mit der unbegreiflichen Natürlichkeit freien, künstlerischen Schaffens löst, wie es Jesus tut.

Weil wir seine Gleichnisse fast auswendig können.

Weil wir daran gewöhnt sind, sie auf bestimmte, in ihnen enthaltene Lehren auszukämmen, wobei dann noch das gönnerhafte Bedauern mitklingt, daß man diese Mühe habe, weil Jesus »als Kind seines Volkes und seiner Zeit« die Gleichnisrede wählte (statt der klaren Definition = Begriffzerlegung des Sachlichen, der Biologie mit dem Leben der Seele verwechselt).

Ein nicht gerade Kleiner hat doch aber einmal in völliger Geistesklarheit behauptet: Alles Irdische ist nur ein Gleichnis. Ist noch nicht das, was das eigentliche Sein, weist aber darauf als göttlicher Wink hin.

Bei ewigen Dingen gibt es also keine Laboratoriumssachlichkeit, ohne Gleichnis sind sie nicht zu sagen! Das ist Gesetz für diese Erde, für diese Zeit.

Das Gleichnis ist nicht »Gebundenheit an eine vorübergehende Laune eines Volkes«, sondern göttlicher Zwang. Aber ohne Jesus nur ein Tasten und Stammeln, bei ihm dagegen weite Schau vom schwindelnd hohen Turm in die Ferne bis dahin, wo die irdischen Wasser ins ewige Meer münden. ‑ Alles Irdische ‑ Gleichnis! So ist Tischgemeinschaft mehr als Tisch‑Gemeinschaft und ein Gleichnis von einer viel höheren.

 

Was schon auf Erden sich andeutet!

Die Familie findet sich nur zweimal am Tage vollzählig zusammen, und dieses Zusammensein hat oft eine Weihe ganz eigener Art. Und in der Erinnerung wächst sie sich zu einer mystischen Innigkeit aus. Denn wenn der Vater längst heimgegangen ist, erinnert sich der Sohn, der an seiner rechten Seite sitzen durfte, dieses Glückes, das zu einer inneren Kostbarkeit geworden ist. Der ganze Kreis ersteht immer wieder auf, und alle Altersstufen ziehen auf der Lichtwand der Seele greifbar vorüber, wie man sie durchlebt hat. Der Raum mit seinen Bildern und Nischen, die frohen Worte, die ausgetauscht wurden, das Verstummen aller in Zeiten, wo eins krank lag oder für immer weggegangen war, das war die Tischgemeinschaft. Das Essen war nur Anlaß, nicht Inhalt.

Tischgemeinschaft! Wie kann sie beglücken und entzücken, wenn sie den Zerarbeiteten zum frohen Feiern und zum seelischen Erquicktwerden ruft! Als Symbol einer völligen Ruhe, einer Gemeinschaft ohne Ende, nicht mit vorübergehender Feststimmung, sondern der Freude, die tiefe Ewigkeit hat.

Sie beginnt durch das Evangelium schon hier, denn Gott kommt selber zu den Menschen. Was wird nun werden? Wie wird es werden? Muß die Seele nicht in den Freudenruf ausbrechen.­»Selig ist, der das Brot ißt im Reiche Gottes!«

Jesus aber sagt nicht ja dazu, sondern schaut in die Weite und erzählt etwas, was so ganz, ganz anders klingt:

»Es war… ein ‑ Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahles, zu sagen den Geladenen: ‚Kommt, denn es ist alles bereit!‘ Und sie fingen an, alle miteinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: ‚Ich habe einen Acker gekauft, und muß hinausgehen und ihn besehen (am Abend); ich bitte dich, entschuldige mich!‘ Und der andere sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen (am Abend!); ich bitte dich, entschuldige mich!‘ Und der dritte sprach: ‚Ich habe ein Weib genommen, darum ‑ kann ich nicht kommen.‘

 – Besitz, Handel und Familie! Diese drei machen ohne Frage das Erdenglück aus und machen den Menschen von dem, was man so Schicksal nennt, auf Jahre oft ganz unabhängig. Diese Gruppen sind die Repräsentanten der vielen, vielen, die der reiche Mann geladen hat. Also die, von denen man so gern sagt, »daß Gottes Segen sichtlich auf ihnen geruht habe«. Nein, Rebellen sind das nicht! –

Und der Knecht kam und sagte das seinem Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: ‚Gehe aus! Schnell! Auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden herein.‘ Und der Knecht sprach: ‚Herr, es ist geschehen, wie du befohlen hast, es ist aber noch Raum da!‘ (wie viele waren also zuerst geladen!) Und der Herr sprach zu dem Knechte: ‚Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde! Ich sage euch aber, daß der Männer keiner, die geladen waren, mein Abendmahl schmecken wird!’«

Hat Jesus sich Illusionen gemacht?

Nein, sich nicht, und den Menschen nicht!

Und dennoch schreien sie immer wieder: Seht, da kommt der Träumer her! Aber er ist der einzige, der nicht träumt.

Dies Gleichnis ernüchtert auch die Verzücktesten.

Weil es so wahr ist! Weil es nachgeprüft werden kann an Ort und Stelle!

Weil alle diese Menschengruppen, von den Satten bis zu den Heimatlosen, um uns herum sind, und wir zu der einen oder andern unbedingt gehören.

Im Rahmen eines Abendessens offenbart Jesus die seelische Grundhaltung der Menschen Gott gegenüber, also ihrem eigenen Heil und Leben gegenüber. Die dazu berufen wären, Gott am nächsten zu stehen, die mit ihrer Beziehung zu ihm oft genug wichtig tun, die auf Moral und Religion halten, gerade denen graut vor der engsten Gemeinschaft, der Tischgemeinschaft, der ‑ Abendmahlsgemeinschaft.

Erst die, die alles verloren haben, sind bereit zu kommen. Die innerlich Heimatlosen, die sich seelisch verkrüppelt Fühlenden! Die Blinden, die nach Licht schmachten! Die Lahmen, die nicht mehr weiterkönnen! Die Armen, die vor dem Nichts stehen!

Und das ist nun gerade die Kunst in diesem Gleichnis, daß der Mensch, der sich unter den Satten entdeckt hat, erschrickt über das Bild, das er im Spiegel sieht! Natürlich ist es, hinzugeben mit Freuden, wenn der edelste und beste Herr zu einer herrlichen Festfeier und Gemeinschaft ruft, und im Spiegel erscheint ‑ die Verzerrung des ursprünglichen Wesens, der ursprünglichen Veranlagung. Deine Natur ist UNNATUR! sagt das Bild. Du hast nichts!

Darüber kann der kühle Ichmensch, der nicht aus sich heraus und zu Gott hinwollte, so erschrecken, daß er sich ‑ und das ist dann seine Gnadenstunde ‑ als jämmerlich verkrüppelt und bettelarm erkennt und so zu der andern Gruppe der Geladenen hinüberwechselt!

Der Spiegel der Menschheit ‑ aus Kunst geformt!

Ein Spiegel, der alle Bilder widerspiegelt, aber die verborgenen, die inneren, die nur Gott sieht. Und nun sehen wir sie auch. Und gerade das brauchen wir!

 

Gleichnisverwandlung ‑ unweit des Kreuzes.

Kreuz ‑ ist Festtag der Erlösten!

Kreuz ‑ ist Katastrophe!

Kreuz ist Fluch derer, die das Kreuz verfluchen, Vernichtung derer, die vernichten.

Jesus sieht hinter dem Kreuze die »hochgebaute Stadt« in Flammen und den einstürzenden Tempel.

Unter diesem Blick hat er die Fassung verloren, als er zum letzten Gang nach Jerusalem kam und von der Höhe die Stadt in tiefem Traum daliegen sieht. – Kann er sie noch wecken?

Ganz nah dem Kreuze! Wie muß sich ein Wort da wandeln, da es nun in die aufs höchste gesteigerten Kämpfe hineingeht und die Fluten der Sünde mit dem Gericht, das die Sünde in sich trägt, gegen ihn heranrasen!

Da verwandelt sich das Gleichnis vom großen Abendmahl und kommt in neuer Gestalt wieder mit ganz hellem Licht und erschreckend tiefen Schatten.

Aber unbegreiflich ist die Leichtigkeit, mit der Jesus das Gleichnis in eine ganz neue Form umgießt, als ob es niemals anders gesagt wäre und gar nicht anders gesagt werden könnte. Wieder steht vor uns ein Stück vollen Lebens in engsten Zusammenhängen, in nicht zu umgehender Notwendigkeit. Da ist keine Schablone, kein Sehen. Die Gestalten in den rabbinischen und indischen Gleichnissen »funktionieren«, die Gestalten Jesu sind! Jene vermitteln nur Anschauung durch den äußeren Sinn, das Auge, diese geben uns seelische Wirklichkeiten und lassen sie mit dem inneren Auge sehen. Man kann das nur feststellen, aber man kann nicht in die Werkstatt sehen, in der die Gestaltungskraft Jesu am Werke ist.

Bei musikalischen Variationen liegen die Dinge anders. Leichter. Einfacher. Denn Musik ist Gegenwart und nicht unentschiedene Zukunft, die ihrer Entscheidung in der rauhen Wirklichkeit entgegenreift. Darum kennt Musik den kampflosen Frieden, denn sie ist Traum. Die Abwandlung, die Variation der Wirklichkeit, und zwar der letzten Wirklichkeit, die in Zukunft und Unendlichkeit reicht, ‑ die unterliegt anderen Gesetzen als die Musik. Gesetzen, die so unerbittlich und schwer sind, wie das Leben selber. Aber wer merkt das den Worten Jesu an! Der Hörer dieser Herrlichkeiten muß es einmal selber versuchen, auch nur ein kleines Stück Wirklichkeit zu schildern und dann abzuwandeln in ein anderes Bild. Es wird Stückwerk.

Das Gleichnis vom großen Abendmahl ist uns noch in lichter Erinnerung.

Und nun vergleiche man mit ihm das folgende, auf das der Schatten des Kreuzes fällt, das doch kein anderes ist als das erste:

»Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte und sandte seine Knechte aus, daß sie die Gäste zur Hochzeit riefen, und sie wollten nicht kommen. (Ihr habt nicht gewollt! Matth. 23, 37.) Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: ‚Saget den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit! Kommt zur Hochzeit!‘ Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung; etliche aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, ward er zornig, und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Jerusalem, Jerusalem! Matth. 23, 27.) Da sprach er zu seinen Knechten: ‚Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert! Darum geht hin auf die Straßen (gehet hin in alle Welt) und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet!‘ Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; (So teilt die Welt sie ein. Gott setzt beide Teile durch die gleiche Einladung gleich!) und die Tische wurden alle voll.

Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an; (Trotzdem der König allen Gästen die Hochzeitskleider schenkte! Siehe auch das Wort: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an … !) und sprach zu ihm: ‚Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?‘ Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: »Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird sein Heulen und Zähneknirschen. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!«

Eine Bildfolge ohnegleichen! Das ganz Unmögliche erscheint im Gewande selbstverständlicher Natürlichkeit. Es stört nicht, daß die Hochzeit drinnen wartet und draußen ein Feldzug vor sich geht mit furchtbarem Kampf und schrecklicher Zerstörung, daß das Mahl aber so lange bereit bleibt und noch die Straßen nach Hochzeitsgästen abgesucht werden können. Das ist tatsächlich das Unerklärliche an dieser Darstellung, daß das Unwahrscheinlichste wie eine Naturnotwendigkeit empfunden wird. Und das ist es auch in der Tat! Jenseitige Naturnotwendigkeit, daher jenseitige Maßstäbe, bei denen über Raum und Zeit spielend verfügt wird.

Und welch ein Inhalt! Der Spiegel der Menschheit aus Kunst ‑ auch hier!

Aber zugleich Menschheitsgeschichte und die Geschichte des Himmelreichs in ihrem Füreinander und Nebeneinander und Gegeneinander. Trümmerhaufen, wo der Mensch seine eigenen Wege geht! Selbstvergötterung und Größenwahn des Menschen selbst dann noch, wenn es in die unmittelbare Nähe Gottes geht!

Das hochzeitliche Kleid der Gnade, der geschenkten Reinheit, wird verschmäht.

Hochzeit ‑ Kreuz, schreiende Gegensätze ‑ und doch kein Gegensatz, sondern ein und dasselbe. Augen sehen das nicht. Denn Kreuz heißt irdisch übersetzt: alles verloren, und Hochzeit: alles errungen.

Aber am Kreuz und durch das Kreuz hat »der Sohn« alles errungen, der unsterbliche Teil der Menschheit steht an seiner Seite, für immer mit ihm verbunden.

Hochzeit ist das! Der Sohn führt heim, was keiner ihm aus seiner Hand reißen kann. Das ist ein Ganzes, eine Einheit, dies sein Eigentum, und umfaßt schon am Karfreitag alles, was bis ans Ende der Welt fortschreitend dies Eigentum ausmachen wird.

Das Bild von der Hochzeit hat kosmischen Hintergrund: Der Geist des Menschen kann Offenbarung und Erlösung nur empfangen, nicht selber schaffen. Offenbarung und Erlösung sind nicht Keim im Menschen und entwickeln sich etwa organisch wachsend aus ihm selber, sondern sie sind gerade das, was der Mensch nicht hat, damit er sich nach dem Schöpfer und nach ewiger Erschaffung sehnt.

Der Mensch ist nur ein Halbes und kann nur auf das warten, was ihn erst zu einem Ganzen macht. Und was halb bleibt, verkümmert und stirbt ganz ab.

Wer steht also an der Seite des Sohnes bei der königlichen Hochzeit? Die Gestalt ist nicht zu sehen. Alle andern Gestalten hat Jesus scharf umrissen gezeichnet. Diese nicht. Nur ein Leuchten scheint dort zu stehen. Denn was da steht, das sieht ‑ nur Gott, das, was der Sohn sich errungen und für ewig verbunden hat.

Das ist der Freudentag, die neue Schöpfung.

Diese neue Schöpfung ‑ in einer Gestalt gesehen steht sie neben dem, zu dem und dem sie gehört.

Und in ihr sehen die widerspenstigen Ich‑Seelen, die ihren Widerspruch aufgegeben haben und gekommen sind, das Glück, an dem sie selber teilhaben dürfen, das Leben, das sie nun selber leben. So ist die erlöste Menschheit doppelt personifiziert, einmal als Einheit, einmal als Vielheit, einmal von der Vollendung aus gesehen, einmal vom Werden, ja vom allerersten Anfang an gesehen.

Das Gleichnis ist von gewaltiger Wirkung. Es beseligt und erschüttert. Alle Saiten unseres Empfindens werden angeschlagen. Es lockt und warnt. Furchtbar steht die irdische Wirklichkeit mittendrin mitsamt ihrer Ursache, deren Wurzeln fast 1000 Jahre tief in die Vergangenheit hinabreichen: das Ende der Gottesstadt, das Ende ihres Volkes als Volk! Das ist geradezu das Siegel der Wahrheit auf den ganzen übrigen Inhalt.

Als dann im Jahre 70 das alles geschah, wie müssen da die Christen (die Christen waren; damals waren sie es zumeist) dies Gleichnis bestaunt haben und an ihm noch gewisser geworden sein! Aber alle Wirkungen rühren davon her, daß Jesus das Unendliche und tausendfach Verknüpfte entwirren und in irdische Vorgänge verwandeln kann, die doch die Schwingweite des Ewigen behalten.

Und was ist die Perspektive dieses Gleichnisses?

 

»Wie einer vor Gott steht … «

Das kann nur Gott sehen. Und der, der Gottes Augen hat und die Menschen sieht, wie Gott sie sieht.

Wie stehen wir vor Gott, wenn wir überhaupt vor ihm stehen? Wir können uns ja selber nicht sehen. Denn in diesem Heiligtum ist alles unsichtbar. Wer macht es uns sichtbar?

Wer vermag die innere Haltung in Bewegung nach außen hin zu zerlegen?

Denn allein darum wissen, das tut’s nicht, da alles Wissen ein Gedankenvorgang ist und zu schweren und schwerfälligen oder sehr nüchternen und sachlichen Auseinandersetzungen verleitet. Das braucht gar nicht einmal kalt oder neutral zu geschehen, denn es gibt ja auch ein Wissen, bei dem das Herz beteiligt ist. Aber das genügt bei weitem nicht, wo es sich um das Letzte handelt, was uns Menschen nun eben doch ‑ das liegt in der Natur der Seele ‑ unendlich schwer zugänglich ist.

Das Wort »Seele« braucht nur zu fallen, und schon setzt bei uns die Ohnmacht ein, von ihr deutlich zu reden. Ein heißes Wissen ist es um die Seele, doch die Sprache will fast versagen, wenn ihr Wesen uns klarwerden oder gar gezeigt werden soll, wie sie vor Gott steht.

Da führt uns Jesus mit der Bildkraft seiner Worte in das sichtbare Heiligtum und zeigt nur auf zwei Menschen, und schon sehen wir mit diesen unsern Augen, »wie einer vor Gott steht«.

Und da kommt es wie von selber in unnachahmbarer Unabsichtlichkeit zum Vorschein, wie der ganze Mensch im Innern aussieht, in welchen Spannungen der Wahrheit oder vorgetäuschten Entspannungen der Unwahrheit, der geistigen Blindheit einer einhergeht.

»Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst (!) also: ‚Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe.‘ Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig«

Malerei! Der Tempel ‑ wir sehen die weite, säulentragende Halle, und sie ist leer. Nur zwei sind drin. Sie stehen. Aber nicht nebeneinander. Abstand ist zwischen ihnen. Der eine legt eine große Entfernung zwischen sich und den andern, der andere empfindet diese Entfernung als eine Verbannung aus der Nähe Gottes und beugt sich unter sie in Scham und Reue. Er steht von ferne. Eine einfache Standortänderung! Weiter nichts. Aber sie offenbart alles.

Ein Platzwechsel ‑ und der Meister hat die zwei Arten gezeichnet, wie die Menschen vor Gott stehen.

Der Pharisäer beginnt ein stilles Gebet mit den Worten, unter deren Gericht wir zumeist alle fallen. Wer will auch »wie die andern« sein? Die Leute! Die Leute! Die irgendwie Minderwertigen ‑ die sind der Hintergrund, von dem wir uns abheben. Sünde? Das Wort ist in dem Wörterbuch des Pharisäers gestrichen! Das ist eine Angelegenheit geistiger oder leiblicher Bastarde.

Der Zöllner aber steht da, wo der alte Mensch, wo jeder Mensch hingehört.

Wie ist aber diese tiefste Innerlichkeit in sichtbare Gebärden umgewandelt! Immer wieder muß man dieses Bild der beiden betrachten, und je länger man es beschaut, um so mehr Fäden spinnen sich von dem Bilde zu dem Beschauer herüber, um so fesselnder wird die Gruppe, um so stärker wird die Spannung in uns selber. Denn, daß wir selber dort zu sehen sind, das sagt uns eine Stimme, die wir nur zu oft überhören, die aber unter dem Zwange dieses mit Augen Geschauten mächtig erwacht: das Gewissen! Das Gewissen hat es wesentlich mit Bildern zu tun, mit solchen, die man nicht los wird. Und zu diesen Bildern fügt der große Meister noch eins derselben Art! Nicht eine Idee, ein Bild! Nein, seine Gleichnisse sind keine Spielerei!

 

Wie einer vor dem Menschen steht, dem wildfremden Menschen.

Wie falsch er steht, und wo und wie er vor ihm stehen muß, um Mensch zu sein, das sieht nur das göttliche Auge.

Mit Recht sagt der Mensch: Was gehen mich die Menschen an! Was geht mich die Menschheit an! Ich kann sie mir gar nicht ausdenken in ihrer Vielgestaltigkeit. Geschweige denn sie mit meinem Herzen umfassen. Sie geht mich nur soviel an, daß ich mich gegen sie behaupte: »Laß mich nicht in Menschenhände fallen!« fleht schon ein Großer einmal. »Hütet euch vor den Menschen!«, sagt Christus. »Wölfen gleichen sie!«

Aber… gerade zu ihnen sendet er die Sendboten des Gottesreiches mit dem Kostbarsten, was es gibt. Heißt das nicht, daß hinter der Raubtiernatur des Menschen noch etwas ganz anderes steht? Heißt das nicht, daß die Raubtiernatur des Menschen nicht etwas Unabänderliches ist?

Wie soll man das zusammenreimen! Wie soll man daraus und damit aus sich selber klug werden!

Am besten ist es dann wohl, daß man von Fall zu Fall entscheidet und sich im übrigen die Menschen nicht zu nahe kommen läßt außer denen, mit denen man harmoniert. An die große Masse muß man nur insoweit denken, daß man gern mit dafür sorgt, daß sie sich das Leben nicht verpfuscht, auf daß sie es uns nicht verpfuscht. Wenn man die Sache so ansieht, reicht es sogar zu einer akademischen Liebe zur Menschheit im allgemeinen und in der Idee.

Jesus aber gibt uns ‑ und das ist tatsächlich etwas, was nur durch Bildgestaltung fertiggebracht wird, also durch Kunst ‑, er gibt uns eine Perspektive in die Menschheit hinein. Im Vordergrund ist alles groß und ganz nah und greifbar, die Mitte des Bildes indessen gehört schon fast zum Hintergrunde, so daß ihre Formen zu der Aussprache im Vordergrunde nichts Jesus mehr hinzufügen. Nichts Wesentliches. In dieser Perspektive ist alles von Jesus so geordnet, daß der Mensch ganz genau erkennt, was gerade auf ihn zukommt und was ihn zunächst unmittelbar (im Rahmen aber des Ganzen) angeht. Wie die Bäume der Landstraße auf uns zukommen und dicht ganz groß gesehen werden, ohne daß damit die andern Bäume, die in die Ferne zu einem Punkte zu fliehen scheinen, nicht mehr da wären. Beim Weiterwandern erhält jeder beim Sehen noch so winzig gewachsene Baum eine wuchtige Größe. Nur nicht alle auf einmal. Es bleibt das Ganze, aber es wird nicht vom Menschen verlangt, daß er Gott sei und das Ganze mit Blick und Herz umfasse.

Ja, das ist Kunst, und zwar in keiner Weise Kunst, die zuerst Nachahmung und Nachgestaltung sein will oder gar muß, sondern hier tritt sie uns entgegen als das Schöpferische mit dem Hauch des Schöpfers selber, der uns anweht in der Felslandschaft, wo kühne Profile eine seltsame Schrift an den Himmel schreiben und Waldriesen von überstandenen Stürmen erzählen; der unser Empfinden verjenseitigt im Blick auf die schweigende Einsamkeit der Wüste, die sich im Grenzenlosen verliert und doch von einer Sonne majestätisch überstrahlt wird. Dieser göttliche, schöpferische Hauch ruht auf Menschen noch mehr als auf Landschaften, wenn ihre Gestalt so geheimnisvoll wahr und innerlich durchleuchtet gezeichnet ist, daß wir die unsichtbare Krone auf ihrem Haupte sehen.

Ja, es braucht nur eine Gestalt zu sein. (Und letztlich muß es die Gestalt des Einen sein, der wir nicht sind.)

Jesus läßt uns ihn sehen.

Läßt sehen, wie »einer« ‑ wie der Eine ‑ vor dem Menschen steht, dem wildfremden Menschen. Vor ihm, daß er ihm das Nächste in der Welt ist.

Das äußerliche Nächste ‑ zugleich das innerliche Nächste! Geistige Perspektive der Menschheit! Dies ist ihr Bild:

»Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder: sie zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber von ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog, und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen kam auch ein Levit: da er kam an die Stätte und sah ihn, ‑ ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihm sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des andern Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: ‚Pflege sein, und so du etwas mehr wirst dartun, will ich dir es bezahlen, wenn ich wiederkomme.’«

An diesem Bilde kann man sich nicht satt sehen. Es ist vollendet schön. Es ist auch gänzlich wahr. Kunstgenuß paart sich da mit einer Erkenntnis des Lebens, daß man weder von dem äußeren Bild noch von der unsere Tiefen anrührenden Wahrheit los kann. Die tiefste Tiefe…. Ist sie nicht die Tiefe, wo der Mensch Gottes Stimme hört und sich vor ihr versteckt? Das Gewissen?

Ist dies Gleichnis nicht ‑ selber Gottes Stimme, die nun unablässig in uns ertönt und uns Unruhe macht, bis wir ‑ überwunden ‑ den Weg in die Menschheit gehen wie der Eine im Gleichnis und das Nächste im Vordergrund so in uns hineinholen, daß wir ihm ganz nahe, der Nächste sind? Der Vordergrund unseres Lebens aber wechselt, je weiter wir wandern, und immer wieder ist dann ein anderes »Nächstes« da, dem unser Herz nicht ausweichen kann.

Jesus erobert. Er erobert die Gewissen. Er erobert sie und kann sie nur erobern, weil er Bilder vollen Lebens, die klare, reine, einfache Kunst sind, in sie hineinwirft. Bilder mit ganz weiter Landschaft, von der sich die Gestalten deutlich abheben.

Trotz aller Bewegtheit ist eine erhabene, wahrhaft klassische Ruhe in ihnen. Die Übersichtlichkeit macht das Verstehen zum Spiel, und die innere Wahrhaftigkeit macht es zum Zwang. Dies Gleichnis hat Weltbedeutung errungen. Selbst in Japan kennt man es. Da, wo Jesus nicht den Glauben der Menschen erobert hat, hat er doch schon von den Gewissen Besitz ergriffen. Nichtchristen heften sich das rote Kreuz auf den Arm und tragen ihre blutenden Feinde ins Lazarett, wenn sie in ihre Hände fallen, die also, die sie einst, wenn sie sie auf dem Schlachtfeld halbtot liegen sehen, völlig erledigten. Das können sie nicht mehr. Ein anderer ist mit seinem Geist in ihr Gewissen eingedrungen.

Einer, der der Barmherzige Samariter schlechthin ist, hat sich in die Menschheit hineinmengen lassen und durchdringt sie nun mit der göttlichen Gewalt, die für alle Zeiten sein »rotes Kreuz« den so gern Kreuzigenden offenbart: die Macht der Liebe. Gott ist die Liebe. Nur darum gibt es ein Reich Gottes. Nur darum läßt er, der Eine, sich hineinziehen in die Menschheit.

Darum sagt er: »Das Himmelreich ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und mengte ihn unter drei Scheffel Mehl, bis daß er ganz durchsäuert ward.«

Doch über die Gewissen führt der Weg Gottes hin zur Waffenstreckung des Menschen überhaupt. Er führt zur Krisis. Er führt zu der Grenze, wo der Mensch seinen Willen ausliefert an den König des Reiches und Reichsgenosse wird, oder umkehrt in den alten Tod. Wer aber will dies Wachstum des wahren Seins aufhalten! Der Druck ist zu groß! Die Macht der Wahrheit schafft ‑ böse Gewissen, wo der Mensch seines Nicht‑wahrhaft‑Menschseins inne wird, wo ihm um Trost sehr bange ist. Statt der tödlichen Wunde, an der er verblutet, will er Heilung und Frieden. Ja, da wartet er auf den, der nicht an ihm vorübergeht, der ihm der nächste ist und immer mehr wird. Nach der Glut, die ihn ausdörrte, sucht er Erquickung im Schatten.

Der Eine, der dieses Friedens‑ und Rettungswerk beginnt, ‑ was ist der gegenüber den zahllosen Millionen der Menschheit und den Jahrtausenden, die noch werden sollen. Ein Sandkorn!

Er selber sagt etwas Ähnliches. Und doch etwas so völlig anderes, daß für kein Fragezeichen mehr Raum ist, nämlich:

»Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und säte es auf seinen Acker. Es ist das kleinste unter allen Samen; wenn es aber aufwächst, so ist es die größte unter allen Stauden und wird ein Baum, daß die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen unter seinen Zweigen.«

So etwas kann man natürlich auch nüchtern sagen und logisch klar entwickeln. Aber solches Sagen erobert nicht, wärmt nicht, fordert nicht heraus, zwingt bewegt nicht.

Auch in diesem Gleichnis ist wie in dem Gleichnis vom Sauerteig das schier Unfaßbare und Unmeßbare, denn es geht hier bis an die eigene letzte Grenze in uns. Der Ausblick ins Unendliche bannt uns ebenso wie die Kühnheit, mit der die Zukunft gesehen und als schon in der Gegenwart wachsend gezeigt wird. Wer Augen hat, zu sehen, der sehe! Und er sieht es!

Er sieht es daran, daß Jesus selber schon das Weltgewissen geworden ist.

Als der Weltkrieg begann, nahmen alle Völker Jesus als den in Anspruch, auf den sie sich beriefen, um die Sache der Feinde als Gewissenlosigkeit hinzustellen. Jesus hat also die Art, wie einer »vor dem Menschen, dem wildfremden Menschen, stehen muß«, endgültig bestimmt und in den Gewissen verankert. Und ohne die überzeugende und überwältigende Macht des Bildes, hat er es nicht getan, nicht tun wollen und nicht tun können.

Gibt es so einen Künstler, der auch so ein Bild in die Welt hinausgesandt und die Welt dadurch bestimmt hat?

Hat Jesus damit die Welt nicht geradezu mit einem Netz überzogen, aus dessen Maschen es kein Entrinnen gibt? Denn gefangen, gebunden werden die Gewissen schließlich alle. Die Frage ist dann nur noch die, wie ein jeder die Nötigung des Gewissens beantwortet hat, ob er also brauchbar oder unbrauchbar geworden ist.

Auch das Neuheidentum ist gefangen. Es muß immer ‑ gegen Jesus reden und holt seinen ganzen Fanatismus ‑ von Jesus. Er gibt ihnen seine Wahrheiten, und ihre einzige Tätigkeit besteht darin, sie kreuz und quer durchzustreichen. Wie sieghaft diese beiden Striche auch aussehen, ‑ sie sind eben doch nur Striche ohne Ausdehnung und holen ihre Existenz von dem Wahrheitsfelde her, das sie durchstreichen. Ihre ganze Lehre besteht im wesentlichen darin, daß sie die Sätze Jesu hinschreiben und ein Minuszeichen davormachen.

Sie sind im Netz genau wie der Bolschewismus, der weltanschaulich nur von der Antithese gegen Jesus lebt, denn zu sagen hat er ja nichts. Er sagt nur: Nichts, nichts ist wahr! Daß dann diese Behauptung auch nicht wahr ist, ist der Wurm, der in ihm nagt und ihn unsicher macht. Die Gewissen sind nun einmal gefangen. Sie kommen nicht los davon.

Darum darf Jesus sagen (und wie ist es schon bis auf den heutigen Tag greifbar geworden!):

»Abermals ist das Himmelreich gleich einem Netze, das ins Meer geworfen ist, womit man allerlei Gattung fängt. Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es heraus ans Ufer, sitzen und lesen die guten in ein Gefäß zusammen, aber die faulen werfen sie weg.«

Alle Tage sieht man das am Meer. Aber wem ist daran je das Innere des äußeren Weltgeschehens aufgedämmert! Wer sieht solche letzten Zusammenhänge!

Nur der, der auf unerklärliche Weise um sie weiß. Was Jesus anrührt, wird Gold. Wenn andere etwas anrühren, damit es ein Gleichnis sei, wird es Holz.

Ein Halbtoter, ein Priester, ein Levit, ein Reisender ‑ von Jesus angerührt ‑, werden sie zur Menschheit und offenbaren das Gesetz des Menschseins.

Wunder oder Kunst? Beides!

 

Wie einer vor sich selber steht

Darüber kann er keine befriedigende Auskunft geben. Er weiß so viel von sich ‑ und gerade das nicht, was er wissen möchte. Es ist ein wogendes Meer im Menschen, das bald stürmt, bald still daliegt mit seltsamer Dünung, einem ununterbrochenen Atemholen. Er fühlt, daß er sich Unendliches zutrauen muß, muß er doch sogar die Welt erobern und kann er doch sogar Vergangenheit in Zukunft verwandeln.

Was ist die Heilige Schrift anders, als das, was einst in der Vergangenheit gesagt und erlebt wurde, aber schwarze Zeichen auf weißem Blatt vermögen, trotzdem sie billigstes Diesseits sind, das jenseits ewiger Worte festzuhalten, daß es in jedem Geschlecht, in jedem Zeitalter aufersteht zu etwas, was mit Tinte wirklich auch nicht die entfernteste Wesensgemein­schaft hat. Und ist nicht jedes Bild vom Vater oder vom Ahnen, sind nicht Cäsars Büste und Luthers Totenmaske in Zukunft verwandelte Vergangenheit?

Wird es darum nicht klar, daß Gott dem Menschen etwas gegeben hat, was der ganzen übrigen Schöpfung versagt ist, was ihn auf seine eigene Verwandlung hinweist? So viel Licht! So viel Herrlichkeit! Und daneben Finsternis, daß der Mensch verzweifelt, weil er alles für verloren hält und sich dazu. Er, der hinausstürmt in die Weite und auszieht, das Höchste zu erringen, verwünscht dann wieder das ganze Weltgetriebe und liegt zweifelnd verzweifelt in einer dunklen Ecke und weiß, daß er ganz woanders angekommen ist, als dort, wo er ankommen wollte. Hinter ihm liegt sein Lebenswerk, einst so gewaltig, dann aber als so unvollkommen erkannt, daß es eigentlich zwecklos war.

Welche Versuchungen hat da Luther überstehen müssen und ist ihnen zum Teil erlegen. »Wenn jetzt einer käme, der nach meinem Mangel fragen und mich aus meinen Dornen herausholen könnte!« bekannte sich der Ehrliche. »Das wäre etwas!« ‑ »Raff dich auf«, lautet dann aber die Auskunft. »Und glaube an dich selber! Wer erst den Glauben an sich verloren hat, der ist verloren!« Doch gerade das kann er nicht mehr. Er hat es auch einmal gekonnt, und das alles ist zerronnen; geblieben sind nur Enttäuschungen und Selbstanklagen.

Wirklich nur das?

Diese furchtbare Enttäuschungfühlen, fühlen können, schöpfungsmäßig fühlen müssen! ‑ ist das nicht etwas ganz anderes als die Feststellung, daß nun die Sache zu Ende ist? Dies bohrende Bewußtsein will doch ganz woanders hinaus! Ist es nicht ein Suchen nach reineren Höhen?

Darum gibt uns Jesus die Antwort aller Antworten:

 

I. »Du suchst, und du kommst zum Ziel!«

Die ganze Besessenheit und Leidenschaftlichkeit unseres Suchens läßt er nicht nur gelten, nein, er fordert sie! Aber er offenbart uns auch, worauf denn unser ganzes Suchen von Gott her, der es uns gab, gerichtet ist. Er offenbart das Ziel! Das ist im wahren Sinne Rettung der Seele, wenn ihr da geholfen wird, denn sonst rennt sie in die Wüste.

In zwei Sätzen (!) malt Jesus diese ganze geheime Welt und malt sie so durchsichtig, daß es dem Menschen unter dem Eindrucke dieser beiden Sätze wie Schuppen von den Augen fallen kann und er endlich einmal so vor sich selber steht, daß er sein eigenes Wesen, das ihm so verhüllt ist, versteht:

»Das Himmelreich ist gleich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte dieselbe.«

Würde wohl ein Frommer von einst oder von heute gewagt haben, den Besitz von Perlen und die Jagd danach als vorbildlich hinzustellen, wenn man das Gottesreich im Auge hat? Sind das nicht gerade schreiendste Gegensätze? Himmlisches Wesen und irdischer Schmuck? Dieser Unmöglichkeit gegenüber erstrahlt Jesu Künstlertum um so heller. Was keiner wagen darf, er darf es und löst die Aufgabe so, daß sie die Lösung schon ganz von selber in sich zu tragen scheint. So ganz aus dem Alltagsleben kommt er her, der Kaufmann. Kaufmann und Religion! Was hat das miteinander gemein! Aber nun steht er einmal da, der Kaufmann, und erlaubt sich, das Kaufmannsleben als ein Leben hinzustellen, das dem Leben der Seele beim Ringen um die höchsten Güter völlig gleichläuft. Da kann keiner auf den Gedanken kommen, daß das ja alles zu tief sei, daß ein mystisch veranlagtes Gemüt dazu gehöre, um das zu fassen, daß der kleine Verstand des Alltagsmenschen nun einmal zu so etwas nicht ausreiche. Im Gegenteil! Hier ist reinster Alltag. Hier gehen Gedanken um, die uns allen geläufig sind.

Ja, das ist alles so ganz von dieser Welt, daß auch nichts im unverstandenen Dämmer bleibt. Du siehst dem Kaufmann in seine Kaufmannsseele; er hat einen Stachel in sich wie ein Künstler, der keine Ruhe vor sich selber hat und immer schaffen muß. So muß dieser Kaufmann immer an seine Perlen denken. Er liebt sie. Er hat seine Seele daran gehängt. Nur gute dürfen es sein! Hohe Werte! Wunderbare Schönheit ist mit ihnen vereint! Aber nein, so gut sie alle sind, sie genügen ihm nicht. Entweder sind sie zu klein, oder ihre Gestalt ist nicht die erwünschte. Er läßt nicht ab. Es muß noch bessere Perlen geben. Von Markt zu Markt geht’s. Da steht er mit seinem Perlenledersäckchen am Gürtel und sucht und fragt weiter. Er hat sich vorgenommen, die eine Perle zu finden, die irgendwo vorhanden sein muß. Wie eine Krankheit hat es ihn gepackt. Mancher Weg geht durch die Wüste, wo die Gefahr des Verdurstens ist. Aber er muß zum Meeresstrand in der Ferne, wo er noch nicht war. Und da wird ihm eine Perle gezeigt, wie er noch keine gesehen. Was kostet sie? Nein, alle seine Goldstücke reichen nicht. Der Verkäufer zuckt die Achseln. Dann ist nichts zu machen. Eine solche Perle gibt’s nicht zum zweiten Mal. Aber er will mit dem Verkauf noch warten. Der Kaufmann will wiederkommen, mit noch mehr Geld. Der Kaufmann schafft das Geld herbei. Alles, was er bisher erarbeitet hat, Haus und Hof, Kostbarkeiten und Geräte, Sammlungen und Bilder, alles, alles verkauft er und verwandelt er in bare Münze, um wieder ganz von vorn anzufangen. Aber die Perle muß er haben. Und dann kommt der Augenblick, da geht sie in seinen Besitz über. Das Rennen eines ganzen Lebens ist beendet und hat sich gelohnt. Der Lohn ist die Besitzfreude, die ihn fast trunken macht, abgesehen davon, daß der Besitzer einer solchen Perle unumschränkten Kredit hat, abgesehen davon, daß jeder seine Tatkraft anstaunt, der nichts unmöglich ist.

So ‑ sagt Jesus ‑ ist dein Suchen, Mensch.

Und nun suche! Suche nicht in dir, was du ersehnst.

Das Ziel deines Lebens liegt außer dir, wie die Perle in den Gedanken des Kaufmanns kein Ziel war und sie etwa in den Gedanken hätte gesucht und konstruiert werden müssen.

Wer das Ziel seines Lebens in sich selber sucht, ist ziellos und kommt nicht vom Fleck.

Ein Vorauswissen hat Gott den Menschen mitgegeben. Sie suchen Werte, Kostbarkeiten. Sie rennen nie hinter Dingen her, die sie auf der Straße finden. Wertvoll soll es sein, was sie suchen. Und weil Werte existieren, nur darum suchen sie. Ihr ganzes Suchen ist erst gestiftet worden, als die Ziele schon gesetzt waren. Das Eisen wird angezogen von der höheren Qualität des Magneteisens, das in die niedere Qualität seine Kraft ausstrahlt. Das Suchen des Menschen ist nicht eigenes Erzeugnis. Es ist Gabe! Gabe ist es, daß er unterscheiden kann, was Wert hat und was nicht. Gabe ist es, daß er merken kann, was ihm mangelt. Gabe ist es, daß er unter dem Mangel leidet und »auf die Beine kommt«. Ohne diese Gabe, die Werte herauszufinden und zu lieben und um sie zu ringen, kann keiner den Wert Jesu erkennen. Dafür ist die Seele vorausbereitet. Sie sucht so lange irdisches Glück, bis sie erkennt, daß es überhaupt kein Glück gibt ohne den Frieden Gottes.

Und da lenkt Jesus unser Suchen in die Bahn des Lebens. Hast du nicht längst gemerkt, daß du nur gute Perlen suchst? Daß dein Sehnen nach wahrem Leben verlangt? Kunst, Wissenschaft, Arbeit, Erfolg, Vaterland, Familie ‑ alles gute Perlen. Aber sie füllen die Seele nicht aus, bei weitem nicht aus, und machen dem Suchen doch kein Ende.

Das tut nur Gott.

Wage nur das letzte und gib alles dran, um dein Suchen endlich loszuwerden, sonst kommt der Friede sowenig wie das Glück, sondern du welkst und stirbst an deiner unerfüllten Sehnsucht.

Mach es wie der Kaufmann! Gib alles andere dran um das eine, das Reich Gottes. Gib alles auf, stürze dich in die Ewigkeit, in die Wahrheit, in die Liebe Gottes. Er gibt dir alles.

Und dann gibt er dir alles, was du hattest, verklärt zurück. Du wirst nicht arm dabei. Du verlierst dich nicht, wenn du dich an Gott verlierst.

Erdenke ein Gleichnis, das ihn besser deutet, den Menschen mit der großen Unruhe!

 

II. »Du wirst gesucht.«

Ja, der da sucht, wird selber gesucht, verkündet uns Jesus. Denn sie alle, alle haben ja nicht das gesucht, was in der köstlichen Perle symbolisiert ist. Oft haben sie, die Suchenden, mit derselben Leidenschaft gesucht wie der Perlenkaufmann, aber nicht das, was allein suchenswert ist und Erfüllung bringt. Freiheit, Glück, Macht, Kunst und Kunstgenuß, Erfolg, Geistigkeit, Persönlichkeit, Größe, Ruhen in sich selber ‑ das alles füllte den leeren Raum nicht aus, der innen gähnte, und auf dem Wege zu jenen hohen Zielen, die sie sich steckten, sind sie liegengeblieben. Sie hatten einen Gegenspieler. In sich selber. Freiheit aber ist ein Wahn. Freiheit, in dem Sinne, wie sie der natürliche, begeisterte Mensch haben will. Denn es gibt keine unbedingte Freiheit. Einen Herren hat man immer, gerade dann, wenn man meint, alle Herren abgeschüttelt zu haben, unter ihnen natürlich auch Gott. Entweder will man Höheres in sein Leben hereinholen, ein geistigeres Leben führen, ohne Gott, ‑ dann muß man »sein Leben auf dem Altar der Wissenschaft opfern«. Dann hat die zu befehlen. Oder man will das Leben genießen, und schon ist der Genuß, oft genug die Leidenschaft der Herr, der schauerlich knechtet. Alles läßt endlich leer. Auch die Wissenschaft, die die einfachsten Fragen nicht beantworten kann und für die Not der Welt keinen Rat weiß, die ohne Glauben nur eine Inventuraufnahme der Schöpfung ist.

Eine Zeitlang geht das alles und täuscht den, der in Bewegung ist, über sich selber. Aber endlich offenbart sich dem immer Suchenden, was bleibt. Er hat sich verirrt in eine Gegend, aus der es kein Zurück zu geben scheint. Er liegt, statt ins volle Licht gelangt zu sein, im Staube. Daß sie gesucht werden, können sie aus sich nicht wissen.

Jesus aber offenbart dieses Menschheitsgeheimnis wieder im Bilde, das dem Wandel der Zeiten nicht unterliegt. Es bleibt frisch und neu und ist immer wieder zutreffend, wie vor 1900 Jahren, so heute im Zeitalter der raffinierten Menschenvernichtung. Das kann nur Kunst, die Ewigkeitscharakter an sich trägt:

»Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde. Und wenn er’s gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: ‚Freuet euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.‘ Oder welches Weib ist, die zehn Groschen hat (wir müßten eigentlich übersetzen »Taler«, denn ein Gro­schen ist ein Tageslohn), so sie der einen verliert, die nicht ein Licht anzünde und kehre das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde! Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: ‚Freuet euch mit mir! Denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte.’«

Da gibt es nun wirklich etwas zu suchen! Liebliche Bilder sind es, die zur Betrachtung locken wie die Natur draußen und die Welt der kleinen Leute in der vergessenen Straße, die so gern von den Malern gemalt wird. Lauter Sonne, lauter Freude liegt über den Bildern, daß man dem Künstler ins Herz sehen und sein Wort von »seiner Freude« auf eine andere Weise als sonst versteht: »Solches habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in euch bleibe.« Aber die beiden Idyllen haben etwas Seltsames an sich. Sie fangen an zu wachsen und immer größer zu werden, so groß, daß man plötzlich im Himmel steht und von da aus die ganze Menschheit erschaut und es erlebt, wie alles, was auf Erden geschieht, seine geistigen Wellen bis in den Himmel schlägt, wie das »Oben« am »Unten« teilnimmt, doch nicht wie der Theaterbesucher in der Fremdenloge, sondern als ein unmittelbar mit heißem Herzen Beteiligter. Der Hirte kommt ja aus der Ewigkeit herüber! Die Hand, die den Groschen ergreift und aus dem Staube hebt, ist Gottes Hand.

Wenn aber schon ein irdischer Hirte ein Schaf, das keine unsterbliche Seele hat, mit eigener Lebensgefahr rettet, wieviel wahrscheinlicher ist es, daß die Anteilnahme im Himmel an unsterblichen Seelen noch eine ganz andere ist! Und wenn schon eine arme Frau es fertigbringt, einen Groschen zu suchen und zu finden, wieviel mehr wird der Ewige Anteil nehmen, wenn das Gold verloren wird, das sein eigenes Gepräge, ja, sein eigenes Bild an sich trägt.

Das ist Kunst, und die Kunst in der Kunst ist wieder, daß weit Auseinanderliegendes an einer Anschauungsstelle erscheint. So vieles würde im einzelnen für sich eine besondere Behandlung verlangen. Was aber einzeln behandelt wird, fällt auch leicht auseinander. Dem ewigen Seelsorger liegt aber daran, daß die Seele sich an einem Bilde erquickt und an ihm zurecht‑ und zurückfindet.

Was für Ströme von Kunst hat aber dies unscheinbare Gleichnis (vom verlorenen Schaf) erschlossen! Malerei und Plastik haben es immer wieder zum Vorwurf genommen. Wahre Kunst holt sich nicht von der Unkunst ihre Motive.

 

Gottlose als ‑ Führer zu Gott – ein Kunstwagnis

Das ist ein derartiger Widerspruch in sich selber, daß es ein unglückliches Unternehmen sein muß, sich auf ein solches Problem überhaupt einzulassen. Gottlose als Führer zu Gott! Das können sie doch nun einmal nicht sein! Was für geschraubte Gedankenwindungen müssen das sein, die aus schwarz etwa weiß machen wollen! Jesus aber kommen die Gottlosen gerade recht, um den Kindern des Lichtes zu zeigen, was jene besser können als sie. Er kann zu unserem Staunen das Unmögliche, und nichts ist dabei geschraubt oder ‑ wie in moderner Dichtung ‑ an den Haaren herbeigezogen.

Alles steht in klarem Lichte des Tages, wie wir ihn erleben, vor uns und hat das Siegel der Wahrheit und ganz echter Natürlichkeit. Da gibt es kein »in gewissem Sinne«, kein »wenn man die Sache so ansieht«. Keine Poloniusschmiegsamkeit! Keine Hysterie, die in Verbrecherromantik macht! Aber Jesus braucht eine solche Gottlosenzeichnung, um die Gläubigen aus dem Schlaf zu wecken und zur Tat aufzurufen. Scham soll sie überkommen angesichts dieser Gottlosen. Ihre Lauheit in Tat und Gebet ist gefährlich und kann verhängnisvoll werden. Denn das Entweder ‑ Oder des Evangeliums läßt keinen Mittelweg zu. Das Entweder allein ist schon die Entscheidung.

Das 1. Gleichnis heißt:

Lukas 16, 1‑8. »Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter. Von dem wurde ihm hinterbracht, er habe ihm sein Vermögen verschwendet. Und erforderte ihn und sprach zu ihm: ‚Tue Rechnung von deinen Haushalten, denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein.‘ Der Haushalter sprach bei sich selbst: ‚Was soll ich tun? Mein Herr nimmt das Amt von mir! Graben kann ich nicht, ebenso schäme ich mich, zu betteln. Ich weiß wohl, was ich tun will Wenn ich nun von meinem Amte gesetzt werde, daß sie mich in ihre Häuser nehmen.‘ Und er rief zu sich alle Schuldner seines Herrn und sprach zu dem ersten: ‚Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?‘ Er sprach: ‚Hundert Tonnen Öl!‘ Und er sprach zu ihm: ‚Da ist dein Schuldschein, setz dich! Schnell: schreib fünfzig. Darnach sprach er zu dem andern: ‚Du aber, wieviel bist du schuldig?‘ Er sprach: ‚Hundert Malter Weizen!‘ Und er sprach zu ihm: ‚Nimm deinen Brief und schreib achtzig!‘ (u. s. w.)

Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe“, d. h. also, die Weltkinder sind auf ihrem Gebiet klüger als die Kinder des Lichts auf dem ihren.

Wie schlau der Betrüger handelt! Wie raffiniert macht er alle, alle Schuldner seines Herrn zu Fälschern, zu Betrügern und dann zu betrogenen Betrügern. Sie können ihn nicht abschütteln.

Als erster in der Welt hat er die Aufgabe gelöst, ohne Arbeit und ohne Betteln durch die Welt zu kommen und bis an sein Ende ohne die leiseste Sorge zu leben. Man sieht, wie die Geschichte weitergeht ins Endlose. Es kommt der Tag der Entlassung. Froh zieht der Haushalter von dannen. Da drüben, nicht weit, öffnet er die Tür, und der erblassende Wirt muß ihn aufnehmen. Und der Haushalter bleibt, solange es ihm behagt, und äußert ungeniert seine Wünsche. Sie müssen erfüllt werden. Er braucht nur eine Miene zu verziehen, der »Gastgeber«, so droht der andere mit dem Finger und zeigt in der Richtung des Gefängnisses aus dem Fenster. Mag jener mit den Zähnen knirschen, er muß ihn üppig beherbergen, denn er ist ja in seiner Hand. Der Galgenstrick geht erst, wenn es ihm paßt. So nimmt er bald hier, bald da Wohnung, und sein »Da‑bin‑ich-Wieder« kann nicht mit einer »Ausladung« beantwortet werden. Jeder weiß, daß der Mann zu allem fähig ist und die Schuldscheinfälscher alle vor den Richter bringt, wenn sie nicht wollen, was er will. Seine Vollmacht war mit dem Tage erloschen, wo der Herr ihm sagte: Haushalter bist du gewesen: schließ die Bücher ab und lege Rechnung. Alle Schuldner des Herrn wußten das genausogut, wie es jeder andere wußte. Sie sind in die Falle gegangen. Bei ihrer Habsucht waren sie gepackt wor­den, und der Haushalter hatte sich nicht verrechnet, als er meinte, daß die Ehre der meisten Menschen nur bis zum Geldbeutel gehe.

Was ist denn aber in aller Welt daran zu loben?

Wieso ist hier der Gottlose ein Führer zu Gott?

Ist denn nicht seine Klugheit gerade das Allerverwerflichste, was es gibt?

Ja! Durchaus!

Aber wie unterscheiden sich die Lichtkinder von diesem Weltkinde? In einem sind die beiden gleich. Das Weltkind und das Lichtkind! Beide sprechen sogar denselben Satz mit denselben Worten. Wer aus der Nacht zum Lichte gelangt ist, sagt (oft unter Tränen): Ich weiß wohl, was ich tun will.

Dasselbe sagt der Haushalter auch und vergießt dabei keine Träne, sondern ein wissendes Lächeln umspielt dabei seinen Mund.

Aber nun kommt der himmelweite Unterschied: Der Weltmensch weiß, was er tun will, und tut es auch!

Und die Kinder des Lichtes wissen auch, was sie tun wollen, und tun es nicht!

Eine größere Torheit gibt es nicht, denn damit verscherzen sie sich doch schließlich die Ewigkeit. Heiligste Antriebe und Bewegungen waren durch ihre Seele gegangen. Ein neues göttliches Leben leuchtete schon in ihren Augen auf ‑ und bei diesem Leuchten blieb es dann. »So ihr solches wisset« sagt Jesus, »selig seid ihr erst, wenn ihr’s tut!«

Damit deckt Jesus die tiefste Not derer auf, die aus dem Sumpf der Welt erwacht sind zu der schauervollen Wahrheit der Dinge, zu der Einsicht und Erkenntnis, daß die Zeit und alle ihre Gebilde auf der Ewigkeit beruhen und daß diese arme Erde die Schwelle entweder des Himmels oder der Hölle ist (Carlyle).

Dies Erwachen rechnen die Kinder des Lichtes als ihre Tat, und es war doch die Tat eines anderen. Mit der Tat lassen sie sich genügen. Toren, die sie sind! Die Kinder der Welt sind auf ihrem Gebiete klüger. Die bleiben nicht in der Ausgangsstellung stehen und treten nicht auf der Stelle, sondern sie gehen auf ihr Ziel entschlossen los.

Das zweite Gleichnis heißt:

»Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in dieser Stadt, die kam zu ihm und sprach: ‚Rette mich vor meinem Widersacher!‘ Und er wollte lange nicht. Darnach aber dachte er bei sich selbst: Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, dieweil aber mir diese Witwe so viel Mühe macht, will ich sie retten, auf daß sie nicht zuletzt komme und betäube mich. Höret hier, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen? Und sollte er’s mit ihnen verziehen? Ich sage euch, er wird sie erretten in einer Kürze« (Lukas 18, 2‑8).

Armes Leben ist vor uns hinskizziert. Eine entrechtete Witwe und ein Großer, der ein Beuger des Rechtes ist und sie in der Hand hat! Der Richter ist sehr »modern«. Er ist nichts anderes als der autonome Mensch, der sich selbst Gesetz ist und nur an sich selber glaubt und nur sich selber lebt. In diese Eiseskälte wandert der heiße Wunsch der Witwe, gerettet zu werden vor dem, der die Notlage des wehrlosen Weibes benutzt, um ihr das letzte bißchen Eigentum zu nehmen, das sie noch hat. Und es geschieht das anscheinend Wunderbare, daß der Richter die Frau rettet, und es geschieht auf ganz natürliche Weise. Es geschieht, trotzdem er die Frau widerwärtig findet. Man glaubt, ihn im Gleichnis sagen zu hören: Ist das Weib schon wieder da? Hinaus mit ihr! Wut packt ihn. »Das Weib macht mich verrückt!« Das ist aber nicht hineingelesen, sondern in der kurzen, inhaltsreichen, einen Zusammenhang von vielem durch wenige Worte ausdrückenden Redensweise Jesu enthalten. Darin liegt ja gerade das Geheimnis verborgen, daß die Gleichnisse Jesu unerschöpflich sind und immer neue Züge offenbaren, ob man sie auch zum hundertsten Male liest oder hört. Ein Zeichen, daß die Worte Jesu von da herkommen, wo die Quellen der Schöpfung rauschen! Schöpferische Kunst verbunden mit dem Mitteilungstrieb der Liebe! Das ist es. Hier wird es deutlich an einer scheinbaren Belanglosigkeit. Alle andern Gleichnisse aber weisen diesen Charakter gerade in den tiefsten Wahrheiten auf: ‑ sie malen.

Der verhärtete Richter, der Menschen zwingt, wie er will, wird gezwungen, daß er tut, was ein anderer will, noch dazu ein verachtetes Wesen, das nur Schwachheit und Ohnmacht ist. Der Gottlose lehrt die Kleingläubigen, daß selbst er Bitten erhört, noch dazu Bitten solcher, von denen er sich abgestoßen fühlt.

Dieser Gottlose führt wahrhaftig durch sein eigenes Beispiel unmittelbar zu Gott. Denn wenn er schon Bitten erhört, wie können dann diejenigen an der Erhörung ihrer Bitten zweifeln und matt im Gebet werden, die von Gott zu seinem besonderen Dienst auserwählt sind! Von dem, der kein ungerechter Richter ist, sondern die Gerechtigkeit im Vollmaß, denn er hat die Macht, sie durchzusetzen.

Ein Kunstwagnis!

Gottlose als Führer zu Gott.

In Jesu Händen ist dieses Kunstvorhaben kein Wagnis. Gerade diese beiden Gleichnisse haben etwas ganz Ursprüngliches und ungeheuer Emporreißendes an sich. Es ist, als ob vor uns ein Banner entfaltet wird und wir ihm nun begeistert und entschlossen folgen.

 

Ganz kleine Verhältnisse…

Und er sprach zu ihnen:

»Welcher ist unter euch, der einen Freund hat, und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: ‚Lieber Freund, leihe mit drei Brote! Denn es ist mein Freund zu mir gekommen von der Straße, und ich habe nicht, was ich ihm vorlege!‘ ‑ Und er drinnen würde antworten: ‚Mache mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kindlein sind bei mir in der Kammer; ich kann nicht aufstehen und dir geben!‘

Ich sage euch: Und ob er nicht aufsteht und gibt ihm, darum daß er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.«

Ein Familienbildchen! Köstlich die einzelnen Züge, die fast drollig anmuten! Kleinmalerei kleinster Verhältnisse. Da ist ein Freund mitten in der Nacht unerwartet angekommen. Ausgehungert. Sein Freund hat aber nichts, ihm aufzutischen. Kein Stückchen Brot ist mehr im Haus. Also hinüber zum andern Freund. Es ist Mitternacht. Schweigen und Schlaf liegt über dem Städtchen. Und nun lärmt in die Nachtstille hinein der Freund, der seinen Freund aus dem Schlaf heraus klopft. Ein kleines Haus. Die Kinder sind beim Vater in der Kammer. Wenn sie nur nicht aufwachen! Erwachen sie erst, dann wird die Nacht zum Tage. Dann schlafen sie nicht wieder ein. Dann heißt es singen und erzählen, um die kleinen Geister zur Ruhe zu bringen. Er kennt das nur zu gut und ist dann verzweifelt. Ihm graut davor. So geht das Gespräch durch das Holzgitter des Fensters hin und her. Halblaut. Verzweifelt wehrt der Freund drinnen ab: »Mache mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen (schon!)! Und meine Kindlein sind bei mir in der Kammer! Ich kann nicht aufstehen und dir geben.« (Ich will auch nicht. Ich will meine Ruhe haben. Soll ich jetzt durchs Haus schleichen und in der Dunkelheit nach dem Brot herumsuchen?) Doch der Freund ist nicht loszuwerden. Er bittet immer wieder: »Aber es wird schon gehen! Steh doch leise auf. Die Kindlein werden schon nicht aufwachen, aber ich muß, ich muß dem armen hungrigen Freund etwas zu essen geben. Die ganze Nacht ist er schon gewandert nach dem durchwanderten Tage. Seit 7 Stunden hat er schon keinen Bissen mehr gegessen. Bedenke doch: Gastfreundschaft ist heilig!« ‑ Nein, er hört nicht auf. Er wird auch nicht aufhören, merkt der Freund da drinnen. Was bleibt ihm weiter übrig, als mit einer Verwünschung doch aufzustehen und nach dem Lämpchen herumzutappen, es draußen vor der Kammer anzuzünden und in der Vorratskammer nach dem Brot zu suchen. Drei Brote. Da sind ja wirklich noch welche. Ein bißchen viel. Aber gib sie ihm nur, sonst legt er sich wieder in seiner Art aufs Bitten und ich muß nur noch einen doppelten Weg machen. Der Schlüssel kreischt im Schloß. Zwei Hände reichen drei Brote aus der Tür. Zwei Hände greifen zu, und ein paar lustige Freundesworte antworten auf das Brummen hinter der zugehenden Tür, aber es klingt schon gar nicht mehr so böse wie zuerst!

Ganz kleine Verhältnisse!

Aber sie sind ein wunderbarer Wegweiser ins Land der Wunder, dahin, wo ein Herz für uns schlägt, dahin, wo »das Herz der Welt« schlägt. Kein Wegweiser in die größten Verhältnisse, ins Unfaßbare, Unmeßbare!

Mitternacht! Unüberwindliche Schwierigkeiten haben sich aufgetürmt. Da hilft auch kein Bitten. Die Berge der Hemmungen sind zu hoch. Und zu jeder Stunde darf man Gott auch nicht kommen. Wie mag er überhaupt über unsere Schwierigkeiten und Nöte denken! Er, der ewige, erhabene Gott, der in einem Licht wohnt, da niemand zukommen kann, der so himmelhohe Weltgedanken bewegen muß, wenn er Welt und Menschheit regiert, ‑ wie kann er sich um meine Kleinigkeiten kümmern! Ich bete doch dann bloß in die Luft, also lasse ich’s lieber und bin demütig genug, an die Kleinigkeit meiner Verhältnisse zu denken. Mögen sie mir wie Bergriesen erscheinen, ‑ vor Gott sind sie nicht der Beachtung wert, und um meinetwillen wird er nicht seine Gesetze auf den Kopf stellen und das, was ganz folgerichtig eins aus dem andern gekommen ist, umzaubern in sein Gegenteil. Für mich sind’s Riesendinge, für ihn Belanglosigkeiten, bei denen er sich bei seiner Weltregierung nicht aufhalten kann.

In dieses Gedankengewirre hinein wirft Jesus das eine Wort, das die Lage des Matten erklärt: »Freund!« Das Freundmotiv beherrscht das ganze Gleichnis. Immer wieder klingt es in unser Ohr und beherrscht unsere ganze Gedankenwelt.

Gott ist dein Freund! Der Gedanke überwältigt uns als eine neue Wahrheit.

Gott als Freund! Kann man sich das vorstellen? Darf man das? Jesus erzwingt es hier. Er nötigt uns, neben dem irdischen Freunde den ganz andern Freund zu sehen, der keinen Unwillen kennt. Der Unwille ist hier mit einer Kunst, die ganz unaufdringlich ist, als ein Etwas gezeichnet, das nur in kleinen, menschlichen Verhältnissen Heimatrecht hat, aber in den großen göttlichen wegfällt. Dort in der Kammer, wo ein Vater das Geschrei erwachender Kinder fürchtet, da mag er sein saures Gesicht machen. Ins Reich Gottes paßt diese Regung nicht hinein.

So malt Jesus mit Bedacht die kleine Welt und gibt uns dann den Durchblick durch sie hindurch in das Wie‑viel‑Mehr der ewigen Welt. Der Freund erhört den Freund! Hier und dort! Aber, wie hier? Und: wie herrlich anders dort! Oder meinst du im Ernst, läßt dich Jesus zu Ende denken, daß der Freund dort in der Kammer über Gott steht? Wer kann sich diesen zwingenden Schlußfolgerungen entziehen! Das Bild treibt uns in die Enge. Es sagt: Bittet und nehmt! Wer da anklopft, dem wird aufgetan! Tut es, sagt Jesus. Und in der letzten Nacht fügt er hinzu: »Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete.«

 

Hinter Ja und Nein.

Ja ‑ ist freudige Zustimmung. Nein ‑ ist schroffe Ablehnung. Positiv und Negativ stehen einander gegenüber wie Tag und Nacht. Wir Menschen glauben damit etwas Endgültiges festgestellt zu haben, wenn wir die Welt einteilen nach ihrem Ja und ihrem Nein und danach von positiven und negativen Weltanschauungen sprechen. Jesus aber erklärt das alles für Vorgelände. Er hat ja überhaupt ein himmlisches Interesse daran, alle menschlichen Standpunkte zu erschüttern und die sicheren Menschen unsicher zu machen. Darum läßt er uns wieder durch einen ganz gewöhnlichen Vorgang, der gar keine Bedeutung im Leben der Welt hat, gerade das Leben der Welt schauen.

Statt die seelische Struktur auseinanderzufasern und uns mit Erklärungen der Veranlagung oder Erblichkeit aufzuhalten, führt er uns in den grauesten Alltag hinein, in dem uns aber auch wirklich nichts rätselhaft bleiben kann. Das möchten wir aber gern, seltsamerweise! Denn wenn es uns gelingt, etwas recht dunkel zu finden und als ungelöstes Welträtsel anzusehen, haben wir das erreicht, was wir im Grunde heimlich wollen: wir sind zu nichts verpflichtet! Was man nicht lösen und erklären kann, kann man doch nur auf sich beruhen lassen. Das geht uns nichts an. Natürlich! Es ist »hochinteressant«, diesen Verflechtungen nachzuspüren und geheime Fäden zu entwirren, aber der Block in unserem Innern wird dadurch nicht gesprengt.

Darum holt sich Jesus die Farben vom grauesten Alltag, wie man ihn selber oft genug ganz so erlebt hat, entweder als der Enttäuschende oder der Enttäuschte, und setzt mit ein paar großen Strichen das Bild hin, dessen Einfachheit darüber hinwegtäuscht, daß es Kunst im höchsten Sinne ist: trotz der Alltäglichkeit besondere Form und ewiger Inhalt.

Hinter Ja und Nein kommt erst das Ja und das Nein, aber nicht da, wo man es erwartet. Das erste Ja, auf das wir Menschen Welteinteilungen gründen wollen, ist nur ein bedingtes Ja, also überhaupt kein Ja. Denn hinter der freudigen, begeisterten Bejahung fehlt etwas, und zwar die Hauptsache. Und ebensowenig ist das ablehnende, schroffe Nein schon das Ende einer Entwicklung, sondern kann gerade der Anfang einer neuen sein (Matthäus 21, 28‑31).

»Was dünkt euch aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: ‚Mein Sohn! Gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg.‘ Er antwortete aber und sprach: ‚Ich will’s nicht tun!‘ Darnach reute es ihn ‑ und er ging hin. Und er ging zum andern und sprach gleichso. Er antwortete aber und sprach: ‚Herr! Ja!’‑ und ging nicht hin. Welcher unter den zweien hat des Vaters Willen getan?«

Die Zusage des zweiten ist mit einem einzigen Schlaglicht charakterisiert, herausgehoben, so daß sie uns ganz nahe tritt und wir in eine Welt von Empfindungen unmittelbar hineinschauen. »Herr!« ‑ redet der Sohn seinen Vater an. Du hast zu befehlen. Demütig neige ich mich vor deiner Autorität. Sieh mich als deinen Sklaven. Nur du giltst für mich. Nur dein Wort hat Wert. Herr! Ja! Was könnte es Schöneres geben, als einer Vertrautheit von dir gewürdigt zu werden, wo du deine Pläne mit mir ausführst und mich zu deinem Beauftragten machst.

Wer hört da nicht den inneren Schwung, die tiefe Verbundenheit heraus! Dies »Herr« im Munde des Sohnes spricht Bände! Es ist die einzige Stelle im Neuen Testament, wo ein Sohn zu seinem Vater »Herr« sagt. Nun gibt es zwar nur zwei »Vater‑Sohn‑Gleichnisse«, doch nicht einmal der aus der Fremde heimkehrende, zum Bettler gewordene Sohn redet den Vater mit »Herr« an, trotzdem er nur noch Tagelöhnerrechte im Hause in Anspruch nehmen möchte. Dieses »Herr! Ja!« ist wuchtig, aus einer unbedingt ehrlichen Stimmung heraus gesagt.

Jesus stehen, als er dieses Gleichnis spricht, gerade die Menschen gegenüber, die ihre unbedingte Zugehörigkeit zu Gott für ihr Leben halten und damit ihr ganzes irdisches Leben ausfüllen. Dieselben stehen immer wieder und in ganz derselben Haltung vor Jesus. Ihr Ja – ist das nicht wirklich Ja? Haben sie nicht im Namen ihres »Herren« viele Taten getan? Was treibt sie denn um als nur der eine Gedanke, darüber nachzusinnen, was sie nicht alles zur Verbesserung der ungläubigen, sündigen Menschheit tun können! Haben sie nicht »im Weinberg«, das ist doch das Sinnbild für das Reich Gottes, rastlos und mit Eifer gearbeitet? Und hier sagt Jesus: Hinter eurem Ja steht ‑ das furchtbare Nein! Ihr tut euren Willen, aber nicht den Willen Gottes. Gottes Wille heißt: Kehre um! Erkenne erschüttert, daß du ein leeres Gefäß bist, das nur Gott füllen kann. Daß du nicht und nie aus dir lebst, sondern nur aus der Fülle, die von oben kommt. Das ist deine Arbeit, und zu der bist du nicht bereit. Damit könntest du anfangen und dann fortfahren, auf allen Gebieten die Umkehrung des alten Wesens ‑ immer mit dem einen zusammen ‑ in die Wege zu leiten. Richter ist Gott allein, der Gerichtete ist immer der Mensch. Dagegen ist das schroffe »Nein« des anderen Sohnes aussichtsreicher. Er bereut. Er hat im Kampfe gegen den Willen des Vaters empfunden, daß er nicht von ihm loskommt, und gespürt, wie sehr er von ihm innerlich abhängt.

Die Schroffheit seiner Absage ist künstlerisch fein hingesetzt. Man glaubt förmlich das Gesicht des Soh­nes, wie mit dicken, schwarzen Kohlestrichen gezeichnet, vor sich zu sehen. Keine Anrede mehr! Nicht Vater, und erst recht nicht »Herr«! Eine unerhörte Haltung. Konnte es anders kommen? Bei diesem Leben im täglichen Widersprechen?

Aber dieses Nein ist kein Abschluß. Es ist eine Mauer, gegen die er mit dem Kopf gerannt ist und vor der er nun nicht stehenbleibt, sondern von der er umkehrt, um den Weg zu gehen, den er nie gegangen. Befreiungswille!

So wird aus einem Alltagsbild ein Ewigkeitsbild. Die Linien sind leicht weiterzuziehen.

Damit aber stehen wir wieder vor großer Kunst, die den wertlosen Alltagsstoff dem Geiste dienstbar macht und die schauende Seele, der doch wirklich recht Staubiges, Materielles gezeigt wird, ganz und gar nicht mit Materie erfüllt. Aber beileibe wird dadurch Jesu Kunst nicht abstrakte Kunst, die im Nebel des Unvorstellba­ren endet, wie etwa ein Maler ein »Adagio in grün« zu malen versuchte. Seine Phantasie bleibt immer erlebnis­mäßig eingestellt. Sie läßt Seele und Sinne nicht los und läßt sie ‑ nie los! –

 

Die Seele alles Weltgeschehens.

Die tiefste Erkenntnis alles Weltgeschehens drückt sich ‑ und das Wort ist von der Erde her gesprochen ‑ in dem Bekenntnis aus: Die Weltgeschichte ist das Weltgerichte. Was heißt angesichts des Weltkrieges »Kultur«! Was »Zivilisation«! Wo alle Erfindungen nur dazu dawaren, ungezählte Hunderttausende von Menschen zu vernichten! Wo die Welt plötzlich von dem Wahn befallen wurde, sie würde glücklich, wenn alle Völker der Welt sich zu einem Kriege zusammenfänden, um ein Volk aus ihrer Mitte als verdorben auszuscheiden. Darum war es ja auch ein »heiliger« Krieg. Aber daß dieser Wahn nicht die Seele des Weltgeschehens sein kann, hat das Weltgeschehen in nicht mißzuverstehender Weise bewiesen. Der Wahn von 1914 und 1939 ist aber nicht ein erratischer Blick auf grüner Aue. Er ist nur eine Abart des Wahnes, daß die Menschheit niemanden über sich hat und danach ihre Berechnungen macht. So steuert sie immer wieder auf ein neues »Weltgerichte« los, und alle Sehnsucht, den Krieg endlich einmal abzuschaffen, ist eitel, denn dann will die Menschheit erst recht niemanden über sich haben, und der nach außen abgesperrte Krieg wird zu einem Morden nach Innen.

Mit heißem Bemühen hat die Geschichtsphilosophie einen verborgenen Sinn der Weltgeschichte aufzuspüren gesucht. Sie haben alle miteinander keinen gefunden. Das heißt, jeder hat einen andern gefunden, aber alle müssen sie vor der Todeslinie haltmachen und gestehen, daß der »Weltentod« jedem Sinn ein Ende macht. Ein untergegangenes Schiff hat nun einmal keinen Sinn mehr, und aller voraufgehende Sinn war vergebliche Mühe. Das Wellengrab zog auch den mit hinunter. Die Goldbarren sinken mit allen Waren, die Gewinn bringen sollten, in die Tiefe. Das Gold kann nicht mehr ausgemünzt werden, und wenn es die kapitalsten Gedanken gewesen sind.

Könnte nicht die Menschheit an dem »Weltgerichte« ihrer Geschichte erkennen, daß es ‑ einen Richter gibt? Und daß, wenn die Weltgeschichte eine Seele hat, sie im Zusammenhang mit diesem »Richter« zu suchen wäre?

Aber welcher Mensch entwirrt das Völkergewirre?    Kann das ein Mensch?

Nur der Mensch könnte es, der das Schicksal der Welt ist. Der ihr Schicksal in sich trägt. Das ist Jesus.    Wie soll aber dieser wahrhaft unendliche Stoff gestaltet werden?

Das Weltgeschehen!

Jahrtausende und aber Jahrtausende, Völker, Reiche, Erdteile, Kulturentwicklungen, Umschichtungen ‑ wer will das auf eine Formel bringen und damit dem großen Geist genügen und dem kleinen verständlich werden! Eine unmögliche Aufgabe! Wo soll man ein Bild auf Erden finden, das imstande ist, in Raum und Zeit zu fassen, was unmeßbarer Raum und unmeßbare Zeit ist! Wer macht sich überhaupt an eine solche Aufgabe! Gilt es dann doch, die ganze Vergangenheit, die ganze Gegenwart und die in wer weiß wieviel Jahrhunderten und Jahrtausenden abrollende Zukunft auf einen Fleck zu bannen, daß man sie anschauen kann wie ein Bild. Daß gewissermaßen ein Blick aus dem Fenster auf einen Ausschnitt Landschaft genügt, um die Welt in allen ihren Wandlungen und mit ihrem geheimen Hinstreben auf ein noch unsichtbares Ziel zu überblicken und sinnend den Blick darauf ruhen zu lassen, als ob das alles nicht vorüberhaste in endloser Flucht, sondern zum Beschauen einmal stillhielte.

Hier ist also nicht in erster Linie dem Denken und Lehren eine Aufgabe gestellt, nicht dem Auseinandersetzen und Erklären, denn das würde endlos und haftete nicht, sondern der Kunst, der Phantasie also, die Symbole schaut, wo das Denken jedes Symbol für unmöglich hält.

Hier ist tatsächlich allen Dichtern und Künstlern der Welt eine Aufgabe gestellt, an der sie sich einmal versuchen könnten. Sie sollen es doch einmal im Ernst unternehmen, einen solchen Vorwurf zu behandeln und der Forderung zu genügen, daß diese Kunstschöpfung dann
1. überzeitlich ist und allen Zeiten dasselbe sagt,
2. allen Menschen aller Rassen und aller Begabungen verständlich ist und
3. vor allem so wahr ist, daß man die Wahrheit an den Ereignissen, wie sie inzwischen eingetreten sind, nachprüfen kann.

Man redet immer so leicht über die Gleichnisse Jesu hinweg, als ob das gar nichts Besonderes wäre. Ein Gleichnis! Nun ja, was ist das denn weiter! Das ist so eine kleine Geschichte, an der man etwas klarmachen will.

Darum die Aufforderung hier: Wenn es weiter nichts ist, dann muß es doch ein Kinderspiel sein, jeden Gedanken in ein solches »Geschichtchen« zu hüllen und so anschaulich zu machen. Dann versuche sich doch einer an dieser Aufgabe! Es kann doch keinen herzlicheren Vorwurf für die Kunst geben als diesen: Male uns das Menschengeschlecht! Mit unserem Wesen, unserer Bestimmung, die wir in uns tragen, mit unserem Schicksal, unserer Zukunft! Diese gewaltige Aufgabe muß doch endlich einmal in ihrer Wucht und Größe begriffen werden, damit man nicht immer so gleichgültig und blind an dem vorübergeht, was an rein künstlerischer, schöpferischer Leistung in den Gleichnissen Jesu in Erscheinung tritt. »Wir sahen seine Herrlichkeit« dieses Wort gilt auch hier.

Jesus hat es vermocht, in nur vier Bildern, die auf einem einzigen Blatt in einem Buche Platz haben, Gang und Ziel alles Weltgeschehens zu offenbaren. Die Seele alles Weltgeschehens wird sichtbar.

 

I. Der Anfang, der ein Ende ist.

Ein einziges Volk hatte den Glauben an den einen lebendigen Gott anvertraut erhalten. Das weiß nicht nur die Bibel. Das weiß auch die vergleichende Religionsgeschichte. Das Volk war damit auserwählt vor allen andern Völkern. Aber nicht in dem Sinne auserwählt, wie es das immer verstanden hat. Es war auserwählt zum Dienst, nicht zum Hochgefühl stolzer Überlegenheit, die sich hütet, von ihrem Reichtum abzugeben. Abraham weiß es nicht anders, als daß sein Glaube an den einen Gott und Schöpfer der Welt ein Segen der ganzen Welt werden soll, die in der Finsternis des Aberglaubens, der Verzerrung alles Göttlichen versinkt. Er gab ihn weiter, den Segen, als er lebte. Er predigte den Helden ‑ den Namen des ewigen Gottes ‑ und pflanzte Bäume! Eine kurze, schlagende Charakteristik. Darum konnte nachher ein Heide am Sinai Priester des einen Gottes sein und Moses im Glauben unterweisen (2. Mose 18, 14‑24).

Aber was wurde daraus! Aus dem Missionar wurde ein Volk, das seine Mission vergaß und wegen seines Vorzuges, keine Götzen anzubeten, die Götzenanbeter mit einem Gefühl des Ekels verabscheute. Wie sonderbar mutet es an, wenn an der Synagoge zu Arnheim auf Hebräisch zu lesen steht: »Dies Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker!« Abgrenzung, Reinhaltung der Rasse, Stolz auf den richtigen Kultus ‑ buchstäbliche Innehaltung eines Gesetzes und von 1000 Zusätzen dazu ‑, das waren die Ideale, bei denen alles Innenleben verknöcherte. Gott ward zum Notknecht. Mit welch heiligem Zorn kämpften die Propheten alle dagegen an! Schonungslos sagten sie ihrem Volke das Furchtbarste, was je Menschen an Anklagen gegen andere haben vorbringen können. Sie verbluten daran. Es ist alles umsonst.

Und doch ist das Volk das einzige in der Welt, das um Gott weiß und in dem die Propheten auf den lebendigen Gott und auf den hingewiesen haben, der die Menschheit emporführen soll. Ein Wissen, das groß ist ‑ und sie so klein läßt, daß der Wahn, etwas Großes zu sein, an die Stelle der Sehnsucht tritt, groß zu werden! Der aber die Menschheit emporführen soll, kommt und bleibt bei ihnen. Wo Gott selber angefangen hat, soll er weiterbauen, ja, erst zu bauen beginnen, denn alles Bisherige war nur Vorhalle zu dem Heiligtum, das aus Geist und Wahrheit gebaut werden und wahrhaftig ein »Bethaus für alle Völker« sein soll.

Drei Jahre!

Und diese drei Jahre haben das Weltgeschehen für alle Zeiten verändert!

Wie aber steht er innerlich zu dem Volke, dessen Mission ihm übertragen ist? Wie entscheidet sich das Geschick dieses Volkes an ihm? Durch ihn? Und wie steht und stellt sich das Volk zu ihm?

Das Symbol des Volkes Israel ist der Feigenbaum, das Symbol des Reiches Gottes der Weinberg. Diese beiden Zeichen verwandelt Jesus in Gleichnisse und beginnt:

»Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberge. Und er kam und suchte Frucht darauf, und fand sie nicht. Da sprach er zu dem Weingärtner: ‚Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum, und finde sie nicht. Haue ihn ab! Was hindert er das Land!‘ Er aber antwortete und sprach zu ihm: ‚Herr, laß ihn noch dies Jahr, bis daß ich um ihn grabe und bedünge ihn, ob er wollte Frucht bringen. Wo nicht, so haue ihn darnach ab.’«

Kann schöner die Liebe und Treue dessen geschildert werden, der kein Mittel unversucht läßt, um den Anfang, der sich in ein Ende der Erstarrung verwandelt hat, wieder in einen lebendigen Anfang zu verwandeln? Aber wie ziehen hier schon die Wetterwolken herauf, aus denen unvermeidlich der Strahl zucken wird, der keinen Stein auf dem andern läßt!

Was oder vielleicht besser wer ist die Seele dieses Geschehens?

Warum geschieht das, was geschieht?

Dann, als Jesus zum letzten Male die Stadt betritt, die heute um seinetwillen alle Völker der Welt mit Namen kennen, sieht er, daß das Ende wirklich und unabwendbar ist, ein fürchterliches, grauenerregendes Ende für ihn, und damit das Ende des Volkes, das seinen Retter verwirft, das keinen Sinn mehr hat für göttliches Leben und unmittelbare Wahrheit.

Diese Worte sind noch milde gegen die Worte der Propheten! Man braucht da nur aufzuschlagen, um gleich entsetzt zurückzufahren, z. B. Hesekiel 22: »Du Menschenkind, willst du nicht strafen die mörderische Stadt und ihr anzeigen alle ihre Greuel? Zu einem Spott und Hohn unter allen Völkern will ich dich machen! Ich will dich zerstreuen unter die Heiden und dich verstoßen in die Länder und will deinem Unflat ein Ende machen, daß du bei den Heiden mußt als verflucht geachtet werden und erfahren, daß ich der Herr sei … «

Nur ein kleiner Rest, sagen die Propheten, wird übrigbleiben, der glaubt.

Um diesen Rest ringt Jesus. Er erringt ihn und sendet ihn dann ‑ in alle Welt. Aber er kann nicht um diesen Rest ringen, wenn er nicht zugleich mit heißer Liebe um das ganze Volk ringt, indem er bis zum letzten Augenblick, den sie ihm lassen, der Warner ist, weil er die Wahrheit ist.

Da entrollt er dieses Gemälde vor ihren Augen; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem gesehen und erschütternd dargestellt; fünf Tage vor seinem Tode:

Matthäus 21, 33‑44:

»Es war ein Hausvater, der pflanzte einen Weinberg und führte einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und tat ihn den Weingärtnern aus und zog über Land. Da nun herbeikam die Zeit der Früchte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, daß sie seine Früchte empfingen. Da nahmen die Weingärtner seine Knechte, einen stäupten sie, den andern töteten sie, den dritten steinigten sie. Abermals sandte er andere Knechte, mehr denn der ersten waren, und sie taten ihnen gleich also. Darnach sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: ‚Sie werden sich vor meinem Sohne scheuen.‘ Da aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: ‚Das ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen!‘ Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberge hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er diesen Weingärtnern tun? Sie sprachen zu ihm: ‚Er wird die Bösewichter übel umbringen und seinen Weinberg andern Weingärtnern austun, die ihm die Früchte zu rechter Zeit geben. Jesus sprach zu ihnen: »Habt ihr nie gelesen in der Schrift: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckpfeiler geworden. Von dem Herrn ist das Geschehen, und es ist ein Wunder vor unsern Augen?‘ Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen! Auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen!«

Alles wird Farbe und Handlung. Man erlebt es mit. Man fühlt sich persönlich eingeschaltet. Und die Zuhörer werden so gepackt und vergessen so sich selber beim Zuhören, daß sie selber den Urteilsspruch fällen, der über sie ergeht. Kann ein Gewissen stärker gerüttelt werden?

Umsonst!

Das Kreuz ist dann das Ende eines Volkes und seiner Sendung.

Und es ist der Anfang aller Anfänge im Weltgeschehen!

Es ist die Angel, um die sich die Tür dreht, die sich der Zukunft Gottes öffnet.

Als das Urteil auf Golgatha vollstreckt wird, wird zugleich das andere Urteil vollstreckt: das Reich Gottes wird von euch genommen und andern gegeben.

 

II. Darum sagt Jesus (Matth. 20, 1‑16):

»Das Himmelreich ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Taglohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und ging aus um die dritte Stunde und sah andere am Markte müßig stehen und sprach zu ihnen: ‚Gehet ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.‘ Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat gleich also. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere müßig stehen und sprach zu ihnen: ‚Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?‘ Sie sprachen: ‚Es hat uns niemand gedingt.‘ Er sprach zu ihnen: ‚Geht ihr auch hin in den Weinberg, und was recht sein wird, soll euch werden.‘ Da es nun Abend ward, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Schaffner: Rufe die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und heb an an den letzten bis zu den ersten.‘ Da kamen, die um die elfte Stunde gedingt waren, und empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen, murrten sie wider den Hausvater und sprachen: ‚Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. ‚Er antwortete aber und sagte einem unter ihnen: ‚Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht! Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? Nimm, was dein ist, und geh hin! Ich will aber diesem letzten geben gleich wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will mit dem Meinen? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.«

Was für schlichte Farben! An sich doch unzulänglich! Und kann das Unzulängliche zum großen, herrlichen Ereignis werden?

Hier ‑ wird’s Ereignis!

Langt das zum Gemälde der Menschheit und des Gottesreiches und seines Werdens zu, wenn gar keine weiten Horizonte, gar keine Größen, gar keine weltweiten Ideen zur Darstellung aufgeboten werden? Solch Aufgebot hält man eigentlich für selbstverständlich und unerläßlich. Es spiegelt sich zwar der Sternenhimmel auch im Dorfteich, aber damit wird doch nur das Dorfidyll unterstrichen.

Seltsames Material, das Jesus verwendet! Es weist in eine ganz andere Richtung! Arbeiter ‑Arbeitslose Lohnstreitigkeiten ‑ der Arbeitgeber ‑ der Morgen – die Mittagsglut ‑ der Abend, alles zusammengefügt in ein Eintagsbild. Welcher Geist muß diesen Stoff anrühren und durch ihn hindurchwehen, damit aus dieser Handvoll Erde die Welt wird!

Jesus nötigt uns, den Stoff immer wieder selber zu verwandeln in etwas, was er gar nicht ist; gewiß, nachdem er erst in unerhörter Kunst ihn jenseitig überleuchtet hat. Aber das ist gerade ein Hauptpunkt in seinem Schaffen, daß er uns selber die Verwandlung (wahrhaft eine „Transsubstantiation“) schaffen läßt.

Sein Bild ruft eine Schaulust in uns auf, der es nicht genügt, mit Augen Gesehenes festzustellen, sondern Zusammenhänge zu schauen, die gerade die Augen gar nicht wahrnehmen können. Die nur die Seele sehen kann. Zusammenhänge, die unbewußt das Seelenleben schon lange beschäftigt haben.

Dabei versetzt er uns nicht in eine Traumhaltung, in der alles ineinanderfließt, sondern eine völlig klare innere Schaukraft ergreift beides gleichzeitig: das Endliche und das Unendliche. Blitzartig wird uns deutlich wie eine hellüberleuchtete Landschaft: dieser eine Tag des Weinberggleichnisses ‑ ist der Tag der Menschheit. Der Menschheit, wie sie von dem Herrn der Menschheit an Seine Arbeit gestellt wird. Alle Jahre, die da waren und in unendlichem Ablauf noch kommen werden, ‑ ein Tag sind sie, ein einziger Tag. Nicht mehr. Wir erschauern. Für Gott ist das auch in Wirklichkeit nur ein Tag.

Da enthüllt sich die Seele dieses Menschheitsgeschehens: das Reich Gottes. Um das geht es. Um nichts anderes. Die Geschichte hat es bewiesen. Sündfluten und Trümmerhaufen, Stürme und Kriege ohne Zahl, Erfindungen und Entdeckungen wechseln miteinander ab. Das Unterste wird oft genug zuoberst gekehrt und das Oberste zuunterst. Eine Philosophie löst die andere ab, und jede will immer das letzte Wort gesprochen und der von ihr faszinierten Welt den Star gestochen haben. Ans Traumhafte grenzen die Umschichtungen im Gemeinschafts‑ und Arbeitsleben, und jedesmal glaubt man, daß man damit an der Schwelle einer völlig neuen Zeit stehe. Weltumgestalter, wahrhafte Riesen der Macht und der Ideen steigen empor und werden von ihrer Zeit wie Götter verehrt, um eines Tages nur noch in Geschichtsbüchern weiterzuleben. Alles dient nur, um ganz andere als die beabsichtigten Wege zu bereiten. Denn als bleibende Wirklichkeit zieht durch diese unentwirrbare Vielgestaltigkeit und hoffnungslose Vergänglichkeit nur das Reich Gottes hindurch wie ein Schiff, das gegen den reißenden Strom unbeirrt stromaufwärts fährt. ‑

Der Weinberg ‑ Raum! Ein Tag ‑ Zeit! In Raum und Zeit ist das Reich Gottes auf Erden gestellt. Der Raum ist abgegrenzt nach Völkern und Sprachen, und die Zeit nach Zeitaltern, in denen Gott ganz bestimmte geistige Winde wehen läßt. Um in der Zeit zu leben, braucht man Raum, und um den Raum zu durchschreiten, braucht man Zeit und muß einen Schritt nach dem andern tun. Das Reich Gottes muß es auch.

Es kommt in der Morgenfrühe des mit Jesus anbrechenden Weltentages zu ein paar Völkern, als der »Hausvater ausging, Arbeiter zu mieten in seinen Weinberg.« Die Stunden verstreichen, die Jahrhunderte vergehen. Andere Völker werden ergriffen und geben ihre Kraft, und zwar ihre beste Kraft, für das Reich Gottes her (Ulfilas, Augustin, Bernhard von Clairvaux, Erwin von Steinbach, Luther, Schütz, Bach, Livingstone, Bodelschwingh usw.).

Wie wird es weitergehen?

Immer neue Völker wird der Hausvater dingen. Wir befinden uns wohl zur Zeit noch am frühen Vormittag, stehen aber schon unter der frohen Gewißheit, daß nach einem ewigen Gesetz ‑ trotz aller Katastrophen, die alles in Frage zu stellen scheinen ‑ das Reich Gottes die ganze Welt durchdringen wird. Natürlich nicht wie ein Impfstoff, nicht wie eine Injektion, sondern im Kampf mit Last und Hitze, die getragen werden müssen. Der Geist eines jeden Volkes wird an die Arbeit gestellt, und zwar nachdem er sich dieser Arbeit und diesem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt hat. Das ist Verwandlung. Denn sonst suche man andere Arbeit!

Ob nicht Völker kommen werden, die mit ganz anderer Liebe an diese Arbeit gehen? Viel entschlossener und ausschließlicher? Viel ergriffener und fröhlicher?

Mit dem Sinn der Unmittelbarkeit, daß die Hauptsache auch wirklich die Hauptsache ist? Mit der inneren Zucht, daß sie gar nicht imstande sind, den Glauben mit dem Machtstreben des alten Menschen zu behängen?

Das sind dann vielleicht die Letzten. Ja. Aber die werden dann die Ersten sein, und mit Recht. ‑ »Was wird uns dafür?« ‑

Was war der Lohn Beethovens für sein Schaffen? Daß er Tonmeere bändigte und seinen Reichtum ausströmte? Das Geld? Der Beifall der Menge? Nein, das Schaffen selber! Das Erlöstwerden der Seele durch dieses Schaffen.

Die Musik ist das Reich, das die eine seiner Grenzen ans Reich Gottes stoßen läßt.

Was ist der Lohn im Reiche Gottes? Du darfst schaffen für das, was eigentlich Menschenhänden entrückt ist! Du bist begnadet dazu durch die höchste Gemeinschaft, die es gibt. Noch ganz anders als in der Musik wird die Stimme Gottes selber vernommen und sein Tun und Walten geschaut und erlebt. Ewigkeit bricht in die Zeit herein und gibt jedem, der am Werke steht, das gleiche! Unter »des Tages Last und Hitze« hatte Beethoven die gewaltigsten Offenbarungen und die tiefsten Seligkeiten. Er hat sie keinem vorgerechnet, diese Erschütterungen seines ganzen Wesens, die ihn vom Staube und vom Alltag lösten. Darum gibt es auch, und erst recht im Reiche Gottes, nur einen »Lohn«, und dieser Lohn ist ‑ kein Lohn! Darüber läßt Jesus keinen Zweifel. Den Lohnstreit, den Jesus an den Schluß des Gleichnisses gestellt hat, sollten alle vom Reiche Gottes Ergriffenen immer wieder lesen. Sie würden dann den Wahn aller Werkheiligkeit und aller menschlichen »Verdienste« endgültig begraben. Was Begnadung ist, ist nie Verdienst. Gnade ist Glück. Gnade ist Gemeinschaft. Gnade ist ein Nicht‑ruhen‑Können in der Trägheit des Alltages, wo alle Arbeit des Menschen für seinen Mund ist und die Seele doch nicht satt wird davon (Prediger 6, 7).

Das Reich Gottes hat es mit Völkern zu tun. Sie bestimmen das Leben des einzelnen. Wehe dem Volke, das einen kranken oder kalten oder in Verwesung übergehenden Gesamtgeist züchtet! Ob der einzelne hindurchbricht zum Leben, das hängt so sehr ab von dem Geist, der ihn umweht! Was haben wir Deutsche da Luther zu danken! Menschheitsgeschehen ist Reich-Gottes‑Geschehen, und Reich‑Gottes‑Geschehen ist Völkergeschehen! Gott will es so. Lehrer alle Völker!

Laßt alles Überflüssige, Nichtige, Kleine endlich beiseite!

Die Zeit ist kurz.

Die Zeit der Menschheit ‑ ist nur ein Tag im Vergleich zur Ewigkeit, und dieser Tag hat einen Abend. Dann ist er zu Ende. Er kehrt nicht wieder.

»Der Tag der Menschheit.«

(Das ist die Überschrift dieses Abschnittes, die oben bei II. mit Bedacht weggelassen worden ist.)

III. Das Weltgericht.

Zu den Völkern ist der Menschensohn gekommen, nicht zu einzelnen Seelen in wahllosem Durcheinander. Und die Reihenfolge bestimmt er, und bestimmt sie weiterhin. Es gibt keine magische Selbstfindung des einzelnen. In einen Gesamtgeist hat ihn Gott hineingestellt, dessen Hauch und Geschmack er an sich trägt. Das Volk als Ganzes ist für den einzelnen verantwortlich. Aber in der Macht des Menschensohnes über sein Gewissen hat der einzelne die Verantwortung für sein ganzes Volk und muß allem Verkehrten und Kranken entgegentreten und den Gesamtgeist zu bestimmen versuchen, wie es Luther getan hat. Große sendet Gott oft genug einem Volk. Nimmt der Große das Bild des Menschensohnes an und neigt er sich nieder zu den Geringen und gibt er in der schrankenlosen Liebe des Menschensohnes sein Herz für sein Volk, ‑ oder genießt er sich in olympischer Höhe und kühler, erhabener Ferne selber, ‑ davon hängt das Denken, Glauben oder Nichtglauben ganzer Generationen ab.

So ist immer wieder dies die Frage: Hat ein Volk den Geist und die Züge des Menschensohnes angenommen, oder hat es diesen Geist verbannt oder im besten Falle in die neutrale Zone einer Kirche verwiesen, die man nicht ernst nimmt und nur als Ventil für menschliche sogenannte religiöse Bedürfnisse betrachtet.

Aber der Menschensohn will, daß Völker derartig sich von ihm ergreifen lassen, daß sie, wie er, gar nicht anders können, als sich verantwortlich zu fühlen für alle, die in Ketten liegen. Ganz unbewußt! Wer aus dem Zentrum des Reiches Gottes heraus lebt, sagt nicht, daß er dies oder das »um des Herzens willen« tun will und tut, sondern er mag es gelegentlich einmal, wenn er meilenweit von seiner Handlung entfernt ist, merken, daß er tatsächlich um des Herrn willen etwas getan hat, ohne sich dessen auch nur im geringsten bewußt gewesen zu sein. Was er aber an ewigen Gütern hat, wer anders hat es ihm zugetragen als der geistige Strom seines Volkes, der aus der Vergangenheit in die Ewigkeit fließt.

Darum ergeht über die Völker das Gericht. Unfaßlich für uns in seiner Vielgestaltigkeit, wo es doch um die Menschenseelen geht, deren Zahl schon für uns unvorstellbar ist, deren Taten und Sünden aber zusammen mehr sind als alle Sterne am Himmel. Wieder zerfließen uns die unendlichen Jahre der Einzelschicksale, der Menschenhaufen, der Verantwortungen, ‑ wieder ist es uns, als ob wir mit einem Eimer am Strande des Meeres stehen, um es auszuschöpfen. Ein vergebliches Unterfangen.

Jesus aber meistert wieder die Unendlichkeiten mit seinem Wort und vermag, die »Zeit ohne Zeit« in eine Stunde zu bannen und unser Gewissen von der Wahrheit seiner Worte zu überführen. Ohne daß wir es merken, stehen wir plötzlich oben über der Menschheit und schauen auf sie herab ‑‑ und sehen uns selber da unten stehen. Es gibt kein Ausweichen. Die Wucht der Darstellung ist zu gewaltig!

Jesus spricht: Matthäus 25, 31‑46

»Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: ‚Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters! Ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, ‑ und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, ‑ und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, ‑ und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen, ‑ und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, ‑ und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, ‑ und ihr seid zu mir gekommen.‘ Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: ‚Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Oder durstig und haben dich getränkt? Wann haben wir dich als einen Gast gesehen und haben dich beherbergt? Oder nackt und haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen?‘ Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: ‚Wahrlich, ich sage euch, was ihr getan habt einem der Geringsten unter diesen meinen Brüdern, das habt ihr mir getan.‘ Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: ‚Geht hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen, ‑ und ihr habt mich nicht gespeist! Ich bin durstig gewesen, ‑ und ihr habt mich nicht getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, ‑ und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich bin nackt gewesen, ‑ und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht.‘ Da werden sie ihm auch antworten und sagen: ‚Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig, oder als einen Gast oder nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht gedient?‘ Dann wird er ihnen antworten und sagen: ‚Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan!‘ Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben!«

(Einschaltung)

Ein Buddha‑Gleichnis.

Hat man diese herrlichen Gleichnisse Jesu mit ihren Fernblicken über alles Weltgeschehen und mit dem Tiefblick ins Wesen des Menschen in sich aufgenommen, so liegt doch wieder eine Gefahr vor. Auch an das Schönste wird man gewöhnt. Man verliert den Maßstab für das Ewigkeit‑Umfassende in Jesu Gleichnissen und empfindet nicht mehr das Göttliche der Darstellung, d. h. der Kunst Jesu.

Darum ist es nötig, Atem zu holen, um nicht zu ermatten.

Wer von der Erde ist, der redet von der Erde und bleibt auf der Erde.

Ein Gleichnis aus dieser Schicht völliger Erdgebundenheit wollen wir jetzt an uns vorüberziehen lassen und in ihm und an ihm erkennen, was es nicht ist und nicht bietet. Denn damit ist es zugleich eine Verheißung auf das, was anders ist. Es ist ein Gleichnis, das die Sanftmut lehren soll.

Sanftmut nicht aus Liebe und Gottzugehörigkeit, sondern weil der Zornmütige ja noch die Flamme des Begehrens in sich »wehen« hat, und das Ziel allen Lebens soll doch nach Buddha sein, daß nichts mehr »weht«, auch kein Leben mehr weht. Alles soll »hinauswehen«, Nirwana, (in welchem Worte deutlich unser Wort wiederzuerkennen ist), = Nirwana mit dem Ziel des »Parl‑Nirwana«, des völligen Erlöschens. Lies und vergleiche!

Die vorgetäuschte Sanftmut  (ein Gleichnis des Buddha)

»Zu Sravasti lebte einmal eine Hausfrau namens Vaidehika. Die Hausfrau, ihr Mönche, stand in gutem Rufe: ‚Sanft ist die Hausfrau Vaidehika, ruhig ist die Hausfrau Vaidehika, friedfertig ist die Hausfrau Vaidehika.‘

Diese Hausfrau Vaidehika, ihr Mönche, hatte eine Dienerin namens Kali, die geschickt und fleißig war und ihre Arbeit gut besorgte. Und der Dienerin Kali kam der Gedanke: ‚Meine Herrin steht in gutem Ruf: Sanft ist die Hausfrau Vaidehika, ruhig ist die Hausfrau Vaidehika, friedfertig ist die Hausfrau Vaidehika. Zeigt nun etwa meine Herrin ihren inneren Zorn nicht oder besitzt sie keinen? Oder besorge ich meine Arbeit so gut, daß meine Herrin ihren inneren Zorn nicht zeigt? Wie wäre es, wenn ich sie einmal auf die Probe stellte?‘ Und die Dienerin Kali stand erst auf, ihr Mönche, als es schon heller Tag war. Da sprach, ihr Mönche, die Hausfrau Vaidehika zur Dienerin Kali: ‚Was stehst du bei hellem Tage auf?‘  ‑ ‚Das macht nichts!‘ sagte das Mädchen. ‚Das macht nichts, du schlechte Dienerin, daß du am hellen Tage aufstehst?‘ sagte sie zornig und unzufrieden und runzelte die Brauen. Da kam der Dienerin Kali der Gedanke: ‚Meine Herrin besitzt inneren Zorn, zeigt ihn bloß nicht. Weil ich meine Arbeit gut besorge, zeigt sie den inneren Zorn nicht, den sie besitzt. Wie wäre es, wenn ich sie noch stärker auf die Probe stellte?‘ Und da stand, ihr Mönche, die Dienerin noch später am Tage auf. Da sprach die Hausfrau Vaidehika zur Dienerin Kali: ‚Heda, Kali!‘ ‑ ‚Was, o Herrin!‘ ‚Was stehst du bei hellem Tage auf?‘  ‚Das macht nichts, o Herrin!‘  ‚Das macht nichts, du schlechte Dienerin, daß du bei hellem Tage aufstehst?‘ sagte sie zornig und mit unzufriedenen Worten. Da ergriff sie zornig einen Türriegel (Holzklotz) und schlug ihr ein Loch in den Kopf. Da machte die Dienerin Kali mit dem Loch in dem Kopf und indem ihr das Blut herabrann, die Nachbarn aufmerksam: ‚Seht, ihr Herrn, das Werk der Sanften; seht, ihr Herrn, das Werk der Ruhigen; seht, ihr Herrn, das Werk der Friedfertigen! Wer wird wohl seiner Dienerin, bloß weil sie am hellen Tage aufsteht, mit einem Türriegel zornig einen Schlag auf den Kopf geben und ihr ein Loch in den Kopf schlagen?‘ Und da kam die Hausfrau Vaidehika allmählich in den üblen Ruf: ‚Die Hausfrau Vaidehika ist zornig, die Hausfrau Vaidehika ist unruhig; die Hausfrau Vaidehika ist nicht friedfertig!‘

So auch, ihr Mönche, ist mancher Mönch hier ganz sanft, ganz ruhig, ganz friedfertig, solange ihm nicht unfreundliche Reden zu Ohren kommen. Wenn aber, ihr Mönche, einem Mönche unfreundliche Reden zu Ohren kommen, dann soll ein Mönch sanft und friedfertig erfunden werden. Ich nenne, ihr Mönche, einen Mönch nicht sanftmütig, der seine Sanftmut zeigt, damit ihm Kleidung, Speise, Lagerstatt und Arznei für den Fall einer Krankheit gegeben wird. Warum? Weil der Mönch, wenn er keine Kleidung, Speise, Lagerstatt und Arznei für den Fall einer Krankheit bekommt, nicht sanftmütig ist und keine Sanftmut zeigt. Den Mönch nenne ich sanftmütig, der sanftmütig ist und Sanftmut zeigt, indem er das Gesetz ehrt, das Gesetz hochhält und achtet. Deswegen, ihr Mönche, sollt ihr lernen: Wir wollen sanftmütig sein und Sanftmut zeigen, indem wir das Gesetz ehren, hochhalten und achten.«

 

Die große Überraschung: Die Umwertung aller Werte!

Was ist ein Mensch wert?

Kann das ein Mensch überhaupt beantworten? Der Mensch sieht doch nur, was vor Augen ist. Und vor Augen hat er nur das Äußere: Erfolg, Ehre, Reichtum, Macht. Wie kann das täuschen! Wie mancher Große heißt nur wegen seines Erfolges der Große, obgleich nachzuweisen ist, daß der Erfolg auf einer glücklichen Fügung beruhte, ohne die der Große ganz klein geworden wäre. Mißerfolg ist in den Augen der Welt das Allerschlimmste und wird nie verziehen. Wer schuldlos arm wurde ‑ die Zeit ist noch nicht lange her, wo steinreiche Leute in einem Kämmerchen ihres großen Hauses als Bettler hausen mußten ‑, der war auch sofort ausgeschaltet. Er war nicht mehr da. Ist er erst Ortsarmer geworden, bestohlen von denen, die die Zeit zu nutzen verstanden, dann ist die letzte Spur von Hochachtung dahin. Die Reichgewordenen aber werden gefürchtet, denn sie haben ja angesammelte Macht in der Hand, und von dieser Furcht ist es nur noch ein Schritt zur Ehrfurcht, die durch einige großzügige Stiftungen zur Selbstverständlichkeit wird. Ablaß ist gar nicht so teuer. Entscheidend ist bei allem Kränzewinden der Menschen, was sie selber ersehnen und sein möchten und wie sie’s haben möchten. Und das ist blödeste Sehnsucht, und wenn es sich um den Himmel handelt.

Nur der neue Mensch ist frei davon. Er ist ganz Gottes und ganz des Menschen. Er allein ist der Wertmesser aller Größe und wirft alle Idole der Menschen um. Er weiß, was ein Mensch wert ist.

Jesus weiß es, der Menschensohn. Allem Selbstge­fühl der Menschen ruft er das schneidende Wort zu: »Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen: denn was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott.«

Das ist in der Tat die Umwertung aller Werte.

Und nach dieser Umwertung entscheidet sich der wahre Wert eines Menschen.

Dies alles umwälzende Gesetz des Reiches Gottes schickt Jesus dem Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus als Leitmotiv voraus und führt uns an diesem Wegweiser vorüber in den Himmel und in die Hölle. Viel zu wenig wird das beachtet. Das Wort Jesu von der Hohlheit aller menschlichen Größe hat ja erst den Anlaß dazu gegeben, daß er gleich darauf das Gleichnis sagt, das den Wert der menschlichen Seele auf der himmlischen Waage wägt. Jeder kennt es wohl auswendig. Eine wahrhaft echte Kunst tritt uns in der Darstellung entgegen.

Zwei Menschen sind es wieder nur. Zwei Extreme. Aber beide Gestalten sind nur Flügelleute auf den Flügeln der ganzen Menschheitslinie von der sogenannten Höhe der Menschheit bis zum bittersten Nur‑noch-Vegetieren. Alles, was zwischen diesen äußersten Punkten liegt, ist eingeschlossen und spielt unsichtbar mit. Sie spielen ja alle mit, die Jesus sein Gleichnis hören läßt. Er zwingt sie, sich einzuordnen in die Linie, wo sie hingehören, und gerade wenn sie es unter Widerspruch tun, treten sie an die richtige Stelle. Jesus läßt uns nicht nur bange fragen: Was bin ich wert? Sondern daß beides aufs weiter fragen: Was wird aus mir? Denn daß beides aufs allerengste zusammenhängt, sagt das Gewissen.

Das Rätsel des Todes rückt an die Wertfrage heran. Daß der Tod ein Rätsel ist und nicht ein Endgültiges, ein Abschluß, das hat er mit dem Rätsel des Lebens gemein, das uns über seine harten Grenzen hinausweist. Wohin? Mit beiden Wirklichkeiten tritt die dritte Wirklichkeit in ihrer ganzen Majestät an uns heran: die Ewigkeit. Und dieses Gleichnis wird vielen der rechte Wegweiser zur Ewigkeit geworden sein und noch werden, weil es die Seele frei macht von der Anbetung des Unwertes und froh macht des unendlichen Wertes in entstelltester Hülle.

Gewiß konnte das Gleichnis eine ganze Reihe von Abstufungen bringen. Wo aber Jesus die Zweiheit anwendet, hat er immer etwas ganz Besonderes im Auge, das sich auf die ganze Menschheit bezieht, für die es nur die bekannten zwei Wege gibt. Und diese beiden Wege werden mit unerbitterlicher Folgerichtigkeit bis zu Ende gegangen. Jesus will, daß sich niemand darüber täuscht. Das ist mit in dem Rätsel des Todes enthalten, daß er von einem ganz andern Tode weissagt, der nichts mit dem Friedhof zu tun hat.

So tritt nun das Gleichnis in wunderbarer Klarheit und geradezu greifbar vor uns hin:

Lukas 16, 19‑31

»Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voller Schwären und begehrte sich zu sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen; doch kamen die Hunde und leckten ihm seine Schwären! Es begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und ‑ ward begraben. Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: ‚Vater Abraham, erbarme dich mein, und sende Lazarus, daß er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge, denn ich leide Pein in dieser Flamme.‘ Abraham aber sprach: ‚Gedenke, mein Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß die da wollen von hinnen hinabfahren zu euch, können nicht, und auch nicht von da zu uns herüberfahren.‘ Da sprach er: ‚So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, daß er sie warne, auf daß sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.‘

Abraham sprach zu ihm: ‚Sie haben Mose und die Propheten. Laß sie dieselben hören.‘ Er aber sprach: ‚Nein, Vater Abraham; sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun!‘ Er sprach zu ihm: ‚Hören sie Mose und die Propheten nicht, so lassen sie auch nicht mit Sich reden, wenn jemand von den Toten aufstünde.«

Gerade dadurch erreicht Jesus die tiefe Wirkung, daß er die Gestalt des Reichen durchaus nicht in Schwarz taucht. Ja, er läßt ihn völlig ahnungslos sein, völlig überrascht von dem, was über ihn verhängt ist. Er hat gelebt, wie sie alle leben. Das Geld muß rollen. Das Leben genießen in Glanz und Üppigkeit, alle Tage fröhlich sein und Gäste um sich haben, ‑ das ist doch kein Verrat an der Menschheit. Es wird ja kein Mensch dadurch ärmer. ‑ Gutmütig ist der Reiche auch. Um das Schicksal des Bettlers vor seiner Tür hat er sich freilich nicht gekümmert, aber er hat ihn auch nicht wegjagen lassen. Im Gegenteil! Die Diener haben ihm noch die Brosamen zukommen lassen, die übrigblieben. Seine Gutmütigkeit begleitet ihn in die andere Welt. Er denkt an seine Brüder und bittet für die wie ein Seelsorger. Laß Lazarus ihnen als Geist erscheinen, fleht er. Geistererscheinungen! Das wirkt! Wirkt radikal! Von dem Schreck erholt man sich so leicht nicht wieder. Aus Angst ist schon mancher vernünftig geworden! Wenn das große Grauen über den Menschen kommt, beugt er die Knie. ‑ Das ist Seelenmalerei ohne großen Aufwand. Der gutmütige Allerweltsmensch steht vor uns mit seinem »leben und leben lassen«. Mit diesem einen Menschen wird die Menschheitslinie unendlich lang. Ein Leben auf der Menschheit Höhen ist also völlig wertlos gewesen. Und ein Leben in der Tiefe ohne Taten für die Menschheit  – ewig wertvoll!

Lazarus ist der stille Dulder. Kein Wort fällt über sein Innenleben, und doch wissen wir, wie es ist. Es liegt wohl an dem Klang der Worte Jesu, die so hehr und ernst klingen, daß Lazarus als gottergebene Seele vor unser inneres Auge tritt. Aber das ganze Weh der unerlösten Welt schreit in dem Bilde auf, das Jesus zeichnet: Hunde haben Erbarmen, Menschen nicht. Ein Bild, oft von Künstlerhand gemalt, aber von ganz anderem Künstlergeist ursprünglich gesehen, und zwar nicht als Kunstvorwurf, der nicht weh tut, sondern als wirklicher und bitterer Vorwurf gegen alles, was Menschenantlitz an sich trägt, empfunden und von daher gestaltet. Engel kommen und holen die reine Seele. »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.« Er darf da weilen, wohin sein ganzes Denken auf Erden stand, als er im Elend versank. Ein armes Leben barg das Ewige. Ist zur Vollendung emporgedrungen.

Die Spannung der Kontraste ist in diesem Gleichnis unbeschreiblich! Wenn man nur der Bitte gedenkt, die der reiche Mann in der Höllenqual ungestillter Glut ausspricht! Jetzt genügt ihm, daß das Äußerste des Fingers ins Wasser getaucht wird, damit seine Zunge gekühlt wird, und einst ging’s alle Tage aus vollen Bechern! Die Erde mit ihren Genüssen ist weg, der brennende Durst ist geblieben. Dieser Durst war sein ganzer Lebensinhalt gewesen. Den allein darf er mitnehmen, ‑ dieser Scheinwerfer leuchtet weit. Leuchtet über Einzelleben und ganze Weltanschauungen und zeigt ihnen eine folgerichtige Zukunft.

Was wird aus mir?    Das, was du warst!

Das darf eigentlich ‑‑ nicht überraschen.

Vergleiche man nun mit diesem Gleichnis, in dem das Letzte offenbar gemacht wird und in unvergleichlicher Plastizität erscheint, das voraufgegangene Buddhagleichnis, in dem eine durchtriebene Magd ihre Herrin aus der Fassung bringt. Gewiß, auch vollendete Kunst kann aus dem Vorwurf, der da behandelt ist, nicht viel machen. Aber daß eben nichts wirklich Großes da ist, das jenseits des Welthorizontes liegt, das ist ja gerade das Wesentliche.

Um so erhabener ist Jesu Gleichnis. Doch was würden die tiefsten Wahrheiten wirken, wenn sie nicht in Formen gegossen würden, die auch dem kurzsichtigsten Seelenauge deutlich erkennbar werden? Was für ein unfaßbarer Reichtum an innerem Schauen gehört dazu, um die weltweiten Wahrheiten, die bis in ewige Verflechtungen und Schicksale reichen, in entsprechende Gestalten zu fassen, Gestalten, denen kein Mensch eine ewige Prägung mit Charakter des Lebens oder des Todes auch nur entfernt ansieht! Da stehen wir an der Grenze, wo der schöpferische Geist göttlicher Abkunft seine Herrschaftsgebiete hat. Da ist göttliche Vollmacht.

Von jenem andern Gleichnis aber, das doch auch ein Versuch ist, über den Alltag hinauszukommen, muß man bei aller Anerkennung der aufgewandten Mühe sagen: von Erde bist du genommen, und zur Erde sollst du wieder werden.

 

Der Gegenspieler

Die Nachtseite der Menschheit ‑ was sagt sie uns? Was ist ihre Zukunft? Wie sind ihre Aussichten? Wo tritt sie auf? Kann man sie nicht abgrenzen und absperren? Was ist ihr Wesen?

Denn daß sie da ist, zeigt alles Schreckliche, das sich noch dazu immer gräßlich wiederholt, jedes Jahrhun­dert, jede Epoche, jeden Tag.

Dabei hat diese Nachtseite überall dieselbe Sprache und Zeichensprache, denselben Wortschatz, dieselben Wendungen, dieselben Wege, dieselben Wirkungen. Unheimlich, diese Welt!

Dieselben Beweise gegen das Gewissen in Deutschland wie in Frankreich, wie in China, wie am Tanganjika!

Ein und derselbe Geist! Ein und dasselbe Vokabularium! Ein und dieselbe Inspiration: Trinkt Blut und redet von Freiheit! Revolution gegen ewige Gesetze! Predigt die Freiheit des Fleisches und feiert Cesare Borgia!

Wer hetzt sie alle? Wer treibt sie in die Zonen des Hasses, der nur jauchzt, wenn er Glauben vernichtet, Seelen verführt und Symbole der Ewigkeit ausgerottet hat?

Kann diese unheimliche Schar nicht die Oberhand gewinnen? Was dann? Reden die Menschen sich selber etwas ein? In jedem Jahr einen neuen Wahn?

Woher aber die Gleichartigkeit? Es ist ja immer derselbe Wahn! Geht da ein Geist um, der sie betört, ihnen leuchtende Wahnbilder zeigt, denen sie dann besessen nachjagen?

Und das alles, wo Gott selber kam, indem er sein eigen Leben in dem Einen darstellte, den sie nennen müssen und meinen. Erlösung und völlige Unerlöstheit ‑ alles unkenntlich durcheinandergemischt? Was soll aus diesem Wirrsal werden? Und die furchtbarste Verführung, wenn der Mensch sich erhaben über das alles dünkt und über die armen Tröpfe, Menschen genannt, lächelt, die nun einmal ohne Wahn nicht leben können. Der in vornehmer Höhe über allem steht und von seinem Menschsein sagt, daß er es mit Würde trage, bis er, die Lippen scharf aufeinandergepreßt, den Sprung in die Nacht tut und so wunschlos sein Dasein dem All zurückgibt. Diese Täuschung ist die gefährlichste. Sie steht im Vorwort zu dem Vokabularium der Auflösung und Zersetzung.

Wer erklärt uns dieses unentwirrbare Geschehen und damit uns selber? Wer gibt uns den erlösenden Ausblick und die Zuversicht des Sieges, damit unsere Seele froh und stark dem Licht zuwächst, ganz auf Glauben gestellt und nicht auf eine Sichtbarmachung des Reiches Gottes als geschlossene Gesellschaft mit eingeschriebenen Mitgliedern?

 

Jesus gibt uns die Schau:

Matthäus 13, 24‑36

»Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Da aber die Leute schliefen (!), kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Da nun das Kraut wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: ‚Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?‘ Er sprach zu ihnen: ‚Das hat der Feind getan!‘ Da sprachen die Knechte: ‚Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten?‘ Er sprach: ‚Nein! Auf daß ihr nicht zugleich den Weizen mit ausraufet, wenn ihr das Unkraut ausjätet! Lasset beides miteinander wachsen bis zu der Ernte, ‑ und um der Ernte Zeit will ich zu den Schnittern sagen: ‚Sammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündeln, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheuer!«

Was für Unwetter schauten wir erst! Jetzt aber, nach dem Hören dieses Gleichnisses, geht es wie in dem Hiobwort: »Die dicken Wolken scheiden sich, daß es helle werde, und durch den Nebel bricht sein Licht.« Denn nun treten wir in das volle Licht des Sommertages, über uns der blaue Himmel, vor uns die hoffnungsvolle, frischgrüne Saat. Auch das bunte Unkraut darf das Bild nicht verhäßlichen oder ihm etwas von seiner sieghaften Ernteerwartung nehmen. Sprache der Natur! Jesus läßt sie sprechen, wie der Mai zur betrübtesten Seele spricht und zu einem Gruß Gottes wird, der tröstet: Nun, armes Herz, sei nicht bang … ! Du hast ja noch in Händen, o Herr, die ganze Welt; kannst Menschenherzen wenden, wie es dir wohlgefällt! Man atmet auf wie erlöst von schwerem Alpdruck, wenn die schaurige Wirklichkeit im Gleichnis ihre Schrecken verliert und statt der Nachtseite die lichten grünen Flächen »das Feld behaupten«. Auch hier gilt wieder: »Solches habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in euch bleibe.«

Wahre Freude aber hat immer etwas von Kunst an sich. Tiefe, wahre Freude ist immer Feier! Festtag! Und alles Festliche stellt sich dar in einer erhöhten Form, in großen, freien, feinen Linien, wie man sie im Alltag nicht findet.

Dabei bricht Jesus auch nicht ein Stück Wirklichkeit aus den Zusammenhängen heraus. Nein, viel deutlicher und gesammelter erscheint alles das, was uns sonst als unentwirrbares Ineinander umsteht. Der Gegenspieler wird sichtbar, und die werden kenntlich, die sich ihm als Saat in die Hände gegeben haben. Ein Gegenspieler, der vor nichts zurückschreckt und dabei so geschickt spielt, daß man in die leere Luft greift, wenn man die Hand nach ihm ausstreckt. Eine unheimliche Wirklichkeit, mag man sie nun wie Swedenborg oder wie Luther auffassen.

Darum ruft dies Gleichnis um so herzandringender den andern, die dies Spiel nicht mitspielen wollen, zu: Gebt euch als guten Samen in die Hand Gottes, daß er euch an den Platz in die Wachstumsgemeinschaft säe, wo ihr eurem Wesen nach hingehört und wo euch das Unkraut nur zum Nachdenken über euch selber bringt.

Welch eine Liebe und Herablassung liegt darin, daß Jesus sich dieser Kunstform bedient! »Die Worte«, betet er in der letzten Nacht am Abendmahlstisch, »die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben’s angenommen und erkannt wahrhaftig … «    Wer hat ihm dafür schon einmal gedankt?

 

Die Wirklichkeitsmenschen sind die Träumer, und die Träumer sind die Wirklichkeitsmenschen

 

Matthäus 25, 1‑13:

»Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf unter ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen nicht Öl mit sich. Die klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Zu Mitternacht aber ward ein Geschrei.‑ ‚Siehe, der Bräutigam kommt! Gehet aus, ihm entgegen!‘ Da standen diese Jungfrauen alle auf und schmückten ihre Lampen. Die törichten aber sprachen zu den klugen: ‚Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen verlöschen.‘ Da antworteten die klugen und sprachen: ‚Nichts also, auf daß nicht uns und euch gebreche! Gehet aber hin zu den Krämern und kauft euch selbst.‘ Und da sie hingingen, zu kaufen, kam der Bräutigam. Und die bereit waren, gingen mit hinein zur Hochzeit, und die Tür ward verschlossen. Zuletzt kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: ‚Herr, Herr, tu uns auf!‘ Er antwortete aber uns sprach: ‚Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht!‘ Darum wachet, denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.«

Es ruht ein eigener Zauber über diesem Gleichnis. Nachtstimmung umfängt uns von Anfang bis zu Ende. Nachtstimmung mit der ganzen geheimnisvollen Stille, die zu rauschen scheint und die Seele erwartungsvoll einstimmt. Lichtgestalten schreiten in die sinkende Nacht hinein, Lampen leuchten in ihren Händen, Er­wartung steht in ihren Zügen, leuchtet aus ihren Augen. Zehn Jungfrauen! Wie sie sich von dem nächtigen Hintergrunde abheben! Mit frohen Schritten gehen sie immer weiter in das Dunkel hinein; ihre Lichter geistern durch die Finsternis und werfen gespenstische Schatten. Sie sollen ja dem Bräutigam entgegengehen, dessen Macht und Glanz ihre Herzen höher schlagen läßt. Aber Stunde um Stunde verrinnt. Er kommt nicht. Ihre Schritte stocken. Ob er überhaupt noch kommt? Da hören sie auf, ihm entgegenzugehen. Bleierne Müdigkeit hat sie überfallen. Auf den Steinbänken am Wege machen sie Rast, und bald sind sie der Wirklichkeit entrückt und träumen. Neben ihnen brennen ihre Lampen, niedriger und niedriger. Alles um sie herum ist versunken. Was sie erfüllte, erfüllt sie nicht mehr. Im Traumland sind andere Dinge. Unwirklichkeiten, um die sich die träumende Seele bangt und die sie erschrecken oder entzücken, und doch lauter Wesenlosigkeiten sind. Plötzlich werden sie aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurückgerufen. Um Mitternacht, wo sie das Kommen des Bräutigams am allerwenigsten erwarteten! Sie fahren empor, als ein fernes Rufen an ihr Ohr dringt. »Auf, auf, der Bräutigam kommt! Wohlauf, die Lampen nehmt!« Doch nur fünf von ihnen haben Öl mitgenommen und können mit leuchtenden Lampen dem Erwartenden entgegengehen. Die andern eilen zurück, den langen Weg, den sie gekommen sind, um mitten in der Nacht noch Öl zu kaufen, denn ihre Lampen sind erloschen. Der Zug ist aber längst in dem Palast verschwunden und die Tür verschlossen, als sie endlich mit brennenden Lampen ankommen. Und die Tür bleibt verschlossen. Eine Stimme dringt zu ihnen hinaus: »Ich kenne euch nicht!« So war alles umsonst, und sie sind ausgeschlossen von aller Freude und allem Licht. Und ‑ werden es immer bleiben.

So bleibt über diesem Gleichnis die Nachtstimmung, die sich zum Schluß verdüstert und uns mit einem Gefühl der Beklommenheit und Bangigkeit entläßt.

Das ist einfach Kunst. Wer kann sich ihr entziehen! Die Bangigkeit überträgt sich auf uns, als ob wir gebunden würden, leiser atmen müßten und von neuen, dunklen Rätseln umgeben wären. Doch diese Bangigkeit ist nicht eine Art gelungener Effekthascherei, sondern sie strömt aus dem Herzen Jesu selber her. Es geht ja hier um eine Gefahr, die gerade denen droht, die vor allen andern zur wahren Wirklichkeit erwacht sind und nun auf das wahre Ziel zugehen, das die Welt für Phantasterei und für Hohn auf alle Wirklichkeit hält. Wer der Ewigkeit und dem Herrn derselben entgegengeht, ist in Augen ein Träumer. Sie sind die Wirklichkeits-Menschen, sie, die »die Welt nehmen, wie sie ist« und sich nicht darum kümmern, »ob etwas dahinter« ist. Vor ein paar Jahren sprach dies der chinesische Kultus-Minister deutlich folgendermaßen aus: »Bei der Religion handelt es sich um abstrakte Phantasien über Dinge, die man nicht betrachten kann! Sie liegen außerhalb der Kategorie pädagogischer Theorien. Die Regierung hat daher keinen Grund, in den Schulen die Religion für Experimentierzwecke zuzulassen!« Wirklichkeitsmenschen will er, die keinen Phantomen nachjagen. Handel, Verkehr, Gewinn, Verlust, Arbeit und Brot, Geld und Schulen, Kriege und Politik, um das handelt es sich hier auf Erden. Alles andere ist gutgemeinte Phantasterei. Und bis zum Überdruß hört man es hundert Jahre lang schon in unserem Vaterlande, daß es »das Gebot der Stunde« sei, Mit »beiden Füßen in der Wirklichkeit zu stehen«. Und hat nicht die Wirklichkeit, die uns augenblicklich umgibt, das Recht, uns völlig mit Beschlag zu belegen? Unsere Sorgen, unser Vaterland, die Politik mit ihren furchtbaren Spannungen, der Alltag mit seinen Anforderungen ‑ ist das nicht das Leben schlechthin?

Unser Gleichnis sagt: Nein! Die Wirklichkeit des Menschen ist das Entgegengehen! Was auf einem fahrenden Schiffe geschieht, hat nur Sinn, wenn es im Zusammenhang mit dem Hafen geschieht, in den es einlaufen soll. Jeder Handschlag, der da getan wird, jedes leise Drehen des Steuerrades um nur wenige Grad, jeder Befehl, der gegeben wird, hat an und für sich gar keinen Sinn. Der Sinn liegt in dem Hafen, der noch gar nicht zu sehen ist. Dem gilt jeder Blick auf die Fahrtrichtung.

Die Ewigkeit ist unsere Wirklichkeit.

Daher unser Drang in die Zukunft. Die Ewigkeit ist die einzige Wirklichkeit, die für die menschliche Seele in Betracht kommt, der Hafen, zu dem unser Schiff fährt. Das Meer mit seinen Stürmen und Wogen ist Tragmittel, weiter nichts. Es ist dazu da, überwunden zu werden, nicht, um das Schiff auszufüllen. Es muß dasein, aber es wird einmal hinter uns liegen. So steht es mit unserem Leben. Das Erdenleben mit seinen wechselnden Zuständen ist nicht die Wirklichkeit, sondern Tragmittel der höheren Wirklichkeit‑, die nicht verschwindet wie das Kielwasser hinter dem Schiff. Der Menschensohn hat dieses große Erwachen gebracht, und die Seele jauchzt. Das ist kein Traumzustand, sondern ein Wachsein im höchsten Sinne. Das gibt helle Augen, die die Gegenwart richtig sehen, und tapfere Herzen, die sich nicht niederimponieren lassen. Wer die Alltagsereignisse für die Wirklichkeit hält, muß in jedem Jahrzehnt ein paarmal umlernen. Sie laufen ja alle vor der Zukunft weg, und die Zukunft bringt neue! Heute warst du glücklich undhattest eine Million in der Hand, und morgen war der Reichtum in wertloses Papier verwandelt und alles nur ein Traum gewesen. Traumspiel des Lebens. Diese Wirklichkeitsmenschen ohne Zukunft sind wahrhaft die Träumer in der Welt, und jene so heftig gescholtenen Träumer sind die wahren Wirklichkeitsmenschen.

Sie gehen dem Ziel entgegen, der persönlichen Vereinigung mit dem Spender des wahren Lebens. Die Lampen ihres Glaubens leuchten. Und ‑ dann kommt die große Gefahr! »Der Bräutigam verzieht.« Er kommt nicht. Die Welt geht ihren Gang weiter, als ob es keinen Herrn der Welt und keine Ewigkeit gäbe. Sie gibt Aufgaben riesiger Art, die in Angriff genommen werden müssen. Sie stellt an. Sie verteilt die Güter der Erde. Sie bewegt die Herzen mit sozialen, weltpolitischen, wirtschaftlichen, militärischen Problemen und künstlerischen Forderungen, scheinbar ohne die geringste Notiz von dem Reiche Gottes zu nehmen. Das Wort Gottes wird verachtet. An seine Stelle treten Statistiken und Tabellen über Arbeit und Lohn, Einfuhr und Ausfuhr, Sterblichkeit und deren Herabdrückung. Da gerät auch der Lichtträger in den allgemeinen Traumzustand mit hinein. Denn der »Bräutigam verzieht«, das Reich Gottes kommt nicht, der Herr der Zukunft hat wohl einstweilen das Spiel aufgegeben. Da ist die Seele, die einst im höchsten Sinne wach war, müde geworden, hat das Entgegengehen aufgegeben und ist eingeschlafen. Die Hälfte dieser wartenden Seelen hat wenigstens das Wort Gottes reichlich mitgenommen. Das trägt sie im Gefäß durch die Nacht. Die andere Hälfte hat auf sich allein gebaut. Was wir haben, wird schon reichen. Und es reicht nicht. Die andern aber können das jähe Gewecktwerden wenigstens überstehen und aus dem Worte Gottes das Licht ihrer erlöschenden Lampen neu speisen. Aber muß das alles so kommen? Ist das unabwendbar? Die schlafende Gemeinde ‑ ist die eine Naturnotwendigkeit?

Dazu hat Jesus sein Gleichnis nicht gesagt! Er sorgt vielmehr dafür, daß es nicht dahin kommt. Kein Gleichnis Jesu schildert so wie dieses die Nachtmüdigkeit seelischer Art, und keins rüttelt so zum Wachsein auf wie dieses.

Gerade unter der Voraussage der Schläfrigkeit vergeht einem der Schlaf. Wird einem sein Seelenbild in dieser erschreckenden Vergrößerung vorgehalten, so ist es mit dem Träumen vorbei, wie ein Trunkener nüchtern wird, wenn er den Ruf »Feuer« vernimmt. Jesu Herzensangst überträgt sich, sagen wir. Und das will er auch. Darum wendet er die Kunstmittel dieses Nachtgleichnisses an, um vor der ärgsten Gefahr zu warnen, mit dem Glaubenslicht ohne den Schatz der Verheißung auszuziehen und Zeit und Ewigkeit zu verschlafen, die erloschene Lampe in der Hand.

Die Jünger haben dieses Gleichnis wohl erst ganz verstanden, als sie um Mitternacht im Garten Gethsemane geschlafen hatten und ihre Lampen erloschen waren.

 

Die Halben

Halbheit ‑ die größte Gefahr derer, die guten Willens sind. Halbheit ‑ Zusammenbruch eines ganzen Lebens ohne Katastrophe von außen, eines Lebens, das klarer, reiner Aufstieg war!

Gerade eines Lebens, das mit dem Christusschritt begonnen hat. Was für undurchsichtige Vorgänge und Zusammenhänge mögen dabei mitspielen!

Wer kennt sie und wie kann man sich vor ihnen hüten? Denn das Herz kennt sich doch nun einmal selber nicht und weiß nicht, wie es sich im nächsten Augenblick verhalten wird und warum es sich dann gerade so anders verhalten wird, als der Anfang versprach, als es mit einem Höhenflug begann. Mag man nun das Herz und seine Tiefen das Unterbewußtsein oder das Unbewußte nennen, jedenfalls verraten diese Bezeichnungen schon, daß der Mensch sich vor den Plötzlichkeiten seines Herzens in acht nehmen muß, als ob er es mit einem fremden Wesen zu tun hätte.

Aber gerade in dieses Verborgene bringt Christus Licht und kann dem also Erleuchteten zum Siege helfen, indem er ihm die im Unbekannten schlummernden Gründe seiner Niederlage aufzeigt.

Und mit einer malerischen und dramatischen Kunst tut er das, die dem Ringen der menschlichen Seele würdig ist. Diese Seele kennt er, wie sie nur der Schöpfer kennt, aus dessen Händen sie hervorgegangen ist. Darum kann er ihr raten und helfen. Aber nicht mit gewaltigen Bildern, in denen sich der Mensch gleich selber als den unterliegenden Helden einsetzen muß und so eine seelische Veränderung von sich selber aus mit der Aufrüttelung aller ihm zu Gebote stehenden Kräfte erlebt. Er wird aktiv! Bei Mahnungen und Ratschlägen aber ist und bleibt man passiv. Da läßt Jesus vor uns den Baumeister mit dem großen Plan hintreten (Lukas 14, 28):

»Wer ist aber unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob er’s habe, hinauszuführen? Auf daß nicht, wo er den Grund gelegt hat und kann’s nicht hinausführen, alle, die es sehen, fangen an, sein zu spotten und sagen: ‚Dieser Mensch hob an zu bauen und kann’s nicht hinausführen!’«

Da unten will er nicht bleiben, wo sie alle bleiben, in der quetschenden Enge der Straße, wo das Auge nur Steine und tote Wände sieht und der Staub alles mit dem Grau des Alltags überlagert. Ein Bauwerk soll über die Dächerwelt der Kleinen emporwachsen, das freien Ausblick in die Gottesferne gewährt und das Herz frei macht, wenn es da oben die ganze Pracht und Größe der Welt überschaut. Die Blicke sollen aus der Tiefe nach oben wandern und verklärt werden. Wenn erst das Wahrzeichen der Größe und Freiheit von der Erde in den Himmel hineinragt! Wie werden dann auch die Herzen der Menschen, die vorübergehen, höher schlagen, und wie werden die Augen an den hohen Linien emporwandern und von einem andächtigen Staunen glänzen! Baudenkmäler wandeln die Menschen, machen sie in edlem Sinne stolz und groß.

Wie atmet die Seele auf, die nur das Schema aus Steinbaukästen im Schablonenbau erlebt hat, wenn sie die Stadt Nürnberg oder Rothenburg oder Athens Akropolis sieht! Da spürt sie, wonach sie »unbewußt« gesucht hat.

Und siehe, nun gehen die Leute an diesem Turm vorüber und ‑ lachen! Sie haben es übrigens Ja gleich gesagt«.

Denn der Turm ist nur halb fertig und von den Bauarbeitern verlassen. Ein trauriges Bild! Ja, jetzt hat freilich die Landschaft einen Punkt erhalten, zu dem alle Augen hinwandern müssen, ob sie wollen oder nicht: ein Spottgebilde. Ruinen können sogar romantisch wirken, zumal wenn Turmvögel darin nisten und zu den Löchern herein‑ und herausfliegen. Aber eine Ruine als Ruine gleich bauen? Nein, das ist doch zum Lachen! Wie ist das nur dazu gekommen?

Die Vorübergehenden erzählen es mit verstehendem Lächeln einer dem andern: » Das Geld war zu Ende!« »Aber das muß man doch vorher wissen, ob man die Kosten bezahlen kann!« Kopfschütteln. »Wie kann man nur anfangen, wenn man doch eigentlich schon vorher weiß, daß man in der Mitte aufhören muß!« »Dann doch lieber gar nicht erst anfangen!«

Und damit bewirkt der Bau das Gegenteil von dem, was er bewirken sollte.

Statt einer Schar Andächtiger entsteht ein Heer der Spötter. Und der Bauherr selber ist ein geschlagener Mann. Das ersehnte Glück ‑ für immer unerreichbar. Der Bau hat Geld und Seele verschlungen. So malt uns der Herr das Bild der Halben und zeigt uns das innere Gesetz der Halbheit auf. Und in unnachahmlicher Kürze bringt er das alles. Jeder andeutende Zug malt mit künstlerischer Meisterschaft ganze Gedanken‑ und Erlebnisgruppen.

Sinnend steht man immer wieder vor diesem Bilde und merkt, wenn man es wieder und wieder nachdenklich betrachtet, wie immer neue Züge in ihm auftauchen und das Bild zu ganzen Lebensgeschichten wird, zu Selbstbiographien, die nicht geschrieben werden. Solche schreibt man nicht. Solche nicht. Und gerade die wären so lehrreich. ‑ Wichtig aber ist, zu sehen, wie Jesus hier den Menschen nimmt. So, wie er ihn in keinem andern Gleichnisse genommen hat. Lieber will ein Mensch als brutaler Tyrann oder als Scheusal vor der Welt dastehen, als eine lächerliche Figur machen. Nichts kränkt ihn so wie das. Das geht an die Ehre. Jesus läßt aber dabei gleich das Begleitbild, gleichsam das Spiegelbild des ersten, aufsteigen, daß nämlich so, wie der halbfertige Turm, in dem die Eulen nisten, das Christentum vor die Welt hintritt, wenn seine Jünger ihr solche Zerrbilder als sehr erwünschte Augenweide bieten.

»Aber«, sagt der Herr, »die Kosten sind nicht uner­schwinglich. Der Turm kann gebaut werden, denn die Kosten können beschafft werden!«

Es gibt eine Stelle, wo man die ganze Summe zum Bau erhält. Nämlich da, wo man sein Kreuz (d.i. Gottes Willen, wobei einem die Nägel durch Hände und Füße gehen) auf sich nimmt, ‑ tapfer und im Glauben hoch­nimmt, statt grübelnd vor ihm stehen zu bleiben und in falscher Selbstbespiegelung Gott anzuklagen. Da, wo man es endlich und für immer aufgegeben hat, von einem Menschen, und sei es der liebste auf Erden, das zu erwarten, was allein Gott selber geben kann und im Sohne gibt; denn auch das treueste Wort der Treuesten macht die Seele nicht satt und erfüllt sie nicht mit ewigem Leben.

Mit unmißverständlicher Deutlichkeit drückt das Jesus aus. Er sagt (V. 26 und 27) als Einleitung zu seinem Gleichnis: »So jemand zu mir kommt und bevorzugt mich nicht vor seinem Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern und seinem eigenen Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.«

Bevorzugung gegenüber Vater und Mutter, gegen Weib und Kind! Welche Ungeheuerlichkeit! Aber es heißt ja gleich weiter: Auch gegen das eigene Leben! Damit steht man selber neben Vater und Mutter und gehört mit ihnen untrennbar eng zusammen. Wie eng, das sagt Jesus an einer andern Stelle, wo er die Liebe zu den Eltern die größte nennt, die es auf Erden gibt, um von dieser höchsten Stufe aus die doch noch ausschließlichere Liebe ahnen zu lassen, die in seiner Gemeinschaft Lebensele­ment ist, denn in ihr »ist Gott da«. Christus stellt damit die große Frage: Bist du imstande, mich zu deinem einzigen Lebensinhalt zu machen? Soll ich dein Ansatz und dein Endziel sein? Willst du nur aus diesem meinem Leben leben? Dann hört alles andere bei dir auf! Dann gibt es kein Paktieren mit der kleinsten Sünde und Halbheit. Dann bin ich der, aus dessen Händen du alles erst wieder empfängst als mein Diener, auch dein Familienleben, und selbst die Deinen kannst du nur in mir lieben.

Bringst du diese Kraft auf? Willst du und wagst du den ganzen Einsatz? Dann treten die himmlischen Heerscharen der Kräfte der zukünftigen Welt auf deine Seite, und du kannst den Kampf mit Welt, Sünde und Tod aufnehmen in der Gewißheit des Sieges. Denn dann hast du den Glauben, der die Welt schon überwunden hat, noch ehe es zur Schlacht kommt.

Bringst du diese Kraft nicht auf, tust du nicht den Schritt ganz in mich hinein, kannst aber doch nicht von mir lassen, weil ich dir soviel Trost und Seligkeit bringe in der göttlichen Offenbarung, dann fehlt dir im Entscheidungskampfe mit der Welt das überlegene Heer. Dann bist du an Zahl und Kraft unterlegen, und die Übermacht triumphiert, auch wenn du dich dann noch so wütend wehrst. Fang dann den Kampf »lieber erst gar nicht an«!

Mit entwaffnender Folgerichtigkeit schildert das Jesus in dem Gleichnis, das auf das Gleichnis vom Turmbau folgt: (Lukas 14, 31‑32)

»Oder welcher König will sich begeben in einen Streit wider einen andern König und sitzt nicht zuvor und ratschlagt, ob er könne mit 10.000 begegnen dem, der über ihn kommt mit 20.000? Wo nicht, so schickt er Botschaft, wenn jener noch ferne ist, und bittet um Frieden. Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absagt allem, was er »hat«, kann nicht mein Jünger sein.«

Da wehrt Jesus selber dem Kampfe, zu dem mancher eine heilige Bereitschaft verspürt, ohne zu ahnen, daß er ‑ ein Halber ist und einer furchtbaren, vernichtenden Niederlage entgegengeht.

Etwas von dem Entsetzen springt aus solchen Enthüllungen unseres tiefsten Inneren auf uns über, wie es sich auf die Hörer der Bergpredigt legte, als sie ‑ schon lange verstummt und wie entrückt und gebannt lauschend ‑ die Sprache wiederfanden mit dem Bekenntnis: »Er predigt gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.« Hier werden wir unserer inneren Unfolgerichtigkeit erschreckend inne!

Wir hatten bis dahin wohl gemeint, daß diese Welt nur etwas Höheres hergeben müsse, genötigt vom idealen Menschengeist, der sich am Niedrigen nicht genügen läßt. Ein Durchleuchtetsein dieser Staubwelt vom Menschen her wird schon die ganze Welt verwandeln! Und Jesus kann uns darin doch nur bestärken! Auch ihn gliedern wir ein als Teil in unsere ideale Welt hoher Ziele und Menschenbeglückung. Das Gönnerhafte dieser Eingliederung kam uns gar nicht zum Bewußtsein. In die übertünchte Bretterbudenwelt, in der wir mit den Kinderballons kleiner Diesseitsideale voll Zukunftswahn »aus eigener Kraft« umherziehen, schlägt der Blitzstrahl des Wortes Jesu und ‑ zündet. Ja, im wahren Sinne vernichtend ist Jesu Wort, wo er uns, den stolzen Königen, rät, lieber um Frieden zu bitten und Anschluß an die bekämpfte Welt zu suchen. Das ist wahrhaft ein reinigendes Gewitter! Aber wie klar werden da die inneren Verästelungen menschlicher Selbsttäuschung bloßgelegt, die es nicht verstehen kann, daß mit einmal der Turmbau stockt und die Seele davonläuft, aus allen Verantwortungen heraus, und das Christenleben zum Spottgebilde wird! Wie unabwendbar die Lebensniederlage, wenn der Mensch, was er »hat« an Idealen, Wunschbildern, Grundsätzen, Genüssen und Bindungen, festhält und das, was Christus »hat« und bereit hat aus ewigem Besitz, nur mitmachen lassen will. Ja, Christus holt uns wirklich in sein Gleichnis herein. Das Drama ist spannend. Wir sind die Handelnden. Und, sagt er, du bist der König einer ewigen Welt. Es geht um deine Krone. Um die Krone des Lebens! Bist du zum ganzen Einsatz bereit? Welcher Dichter hat je solche Kunst gestaltet und entfaltet! Wer macht uns so zu Mitspielern, daß wir aus Zuschauern, die genießen, die Handelnden selber werden?

Der Halbe wird gepackt, auf daß er ein Ganzer werde. Das darf nur einer mit uns tun: der selber der Ganze ist!

 

Die Ganzen

(Es gibt fortan nur eine Lebensform)

Wie ist doch den Künstler um Stoff so bange! Woher ihn nehmen! Gehe einmal durch verschiedene Museen und studiere die Stoffe der Maler! Du siehst, daß sie zu einem ganz großen Teil von Anleihen leben. Die Welt der Bibel, in der es sich um die Menschheit in ihren erschütterndsten Erlebnissen handelt, liefert zu ungezählten Gemälden und Zeichnungen den Vorwurf. Was aber Kunst zur Kunst macht, ist das ewige Leuchten. Ja, das kann auch über eine Rose im Glas oder über ein spielendes Kind dahinzittern. Es kann. Meistens aber ist es nicht der Fall. Denn eine Unzahl von sogenannten Kunstwerken sind nichts weiter als Bekenntnisse, daß die Gestaltungskraft des Künstlers Not leidet und sein armer Geist auf ‑ Einfälle angewiesen ist, auf Augenblickssachen. Ein großer Dichter nennt diese die Läuse der Vernunft. Leichter ist es dann schon, sich in die ewige Welt der Bibel hineinzubegeben und in dieser Atmosphäre tief zu atmen und geistig zu wachsen, bis es zu einer Ergriffenheit kommt, von der der Künstler nicht mehr loskann. Wie hat auch Rembrandt aus diesen immer fließenden Quellen geschöpft! Und wie wenig Stoff findet er außerhalb dieser! Und unsere großen Dichter! Wie müssen auch sie nach Stoff suchen und sich um seine Gestaltung mühen! Ganze Jahre, ja, Jahrzehnte haben sie, wo der Vorhang in ihrem Innern geschlossen bleibt. Die Einfälle, die sie dann in Ermangelung eines Bessern verarbeiten, füllen ganze Bände, die keiner mehr liest.

Bei Jesus ist es anders. Liegt eine innere Notwendigkeit vor, ein Geheimnis des Lebens‑vor‑Gott an die Menschenseele heranzubringen, so ist auch im Augenblick ganz ungesucht ein schlagendes Kunstgebilde zur Hand, das den Zusammenhang des einen besonderen Teiles mit dem Ganzen enthält. Als ob ein Stück eines Kirchenfensters gezeigt wird und dabei wie eine Fata Morgana das ganze Fenster samt der Kirche erscheint! Das geht nicht. Aber hier ist es so. So werden viele Gleichnisse ohne weiteres zur »Trilogie«; Erde, Himmel und Hölle ‑ also Gottesferne ‑ sind die Sphären, in die alle Handlungen der Gleichnisgestalten hineinreichen! Diese Kunst Jesu liegt nun einmal vor und läßt sich aus dem Wesen der Idee, die er offenbaren will, nicht ableiten. Der Stoff, den er aufgreift, entspringt nicht der Wahrheit, die er verkünden will, wie etwa der »sterbende Krieger« dem Kriege und die Hexenszene dem Faustmythos, sondern hier erleben wir den Künder einer unerschöpflichen Phantasie.

Was ist’s um das Geheimnis des allein gelassenen Menschen?

Denn das sind wir doch! Allein gelassen!

Darum fragt der Heide den Boten des Evangeliums: »Kannst du uns das sagen, was der Mensch ist? Wie ein Vogel ist er, der durch ein Fenster in einen hellen Saal hineingeflogen kommt, eine Weile darin herumfliegt und dann aus einem andern Fenster wieder in die Nacht hinausfliegt! Sage uns, wo kommt er her und wo fliegt er hin und was hat er hier in diesem Saal zu suchen?«

Der allein gelassene Mensch! Auch allein gelassen mit seiner Unwissenheit, die er sich nicht selber in Wissen verwandeln kann!

Jesus stellt es in folgender Kunstschöpfung dar:

 

(Matthäus 25, 14 – 31)

»Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der in die Ferne zog, er rief seine Knechte und tat ihnen seine Güter aus; und einem gab er fünf Zentner, dem andern zwei, dem dritten einen, einem jeden nach seinem Vermögen, und zog bald hinweg. Da ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann andere fünf Zentner. Desgleichen der zwei Zentner empfangen hatte, gewann auch zwei andere. Der aber einen empfangen hatte, ging hin und machte eine Grube in der Erde und verbarg seines Herren Geld. Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Rechenschaft mit ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf Zentner dar und sprach: ‚Herr, du hast mir fünf Zentner ausgetan, siehe da, ich habe damit andere fünf Zentner gewonnen.‘ Da sprach sein Herr zu ihm: ‚Ei, du frommer und getreuer Knecht! Du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen! Gehe ein zu deines Herrn Freude!‘ Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: ‚Herr, du hast mir zwei Zentner ausgetan; siehe da, ich habe mit ihnen zwei andere gewonnen.‘ Sein Herr sprach zu ihm: ‚Ei, du frommer und getreuer Knecht! Du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen! Gehe ein zu deines Herrn Freude!‘ Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: ‚Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist. Du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht gestreut hast, und fürchtete mich, ging hin, und verbarg deinen Zentner in die Erde. Siehe, da hast du das Deine.‘

Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: ‚Du Schalk und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreut habe, so solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen. Darum nehmet von ihm den Zentner und gebt es dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneknirschen.'“

Das ist doch ein ganz besonders »Alleingelassensein«! Der Herr der Knechte lebt, ungesehen von ihnen. Aber er lebt, und es ist für sie gewiß, daß sie ihn wiedersehen werden. Darum ist es in ihnen so hell. Beachte die Meisterschaft, wie Jesus es fertigbringt, ohne Schilderungen die beiden Knechte in lauter Freude und Licht zu hüllen. Dabei sind es ‑ Leibeigene! Nichts gehört ihnen! Nicht einmal sie selber gehören sich! Fröhliche Leibeigene! Was für eine Zumutung an den Freiheitsdrang des Menschen!

Und was für eine Leibeigenschaft malt das Gleichnis! Ihre Seele ist ‑ ganze Hingabe. Mit einer Leidenschaft gehen sie an ihre Arbeit, als ob sie einen Gewinn nach dem andern nur darum herauswirtschafteten, um selber reich zu werden. Reich werden wollen sie allerdings! Aber anders! Das soll ihr Reichtum werden, daß sie dem Herrn gefallen und seiner Liebe und Gemeinschaft teilhaftig bleiben. Freuen soll er sich. Stolz sein soll er auf sie. Sie arbeiten in seinem Geiste. Kein Tag, wo sie nicht an ihn denken. Nicht »auch« so nebenbei an ihn denken! Der Gedanke an ihn ist ihr Ansporn. Mit ihm gehen sie in ihre Arbeit hinein und wieder aus ihrer Arbeit heraus. Was für ein Vertrauen! Der Herr ist weg, ‑ und alles ist in ihrer Hand! Das ist ein frohes Schaffen, das wunderbar von der Hand geht. Zuviel wird ja auch nicht von ihnen verlangt. Der Herr hat sich nach ihrem Können, ihren Gaben, die sie mitgebracht haben in den Dienst, genau gerichtet und keinem mehr aufgeladen, als er bewältigen kann.

Der dritte Knecht haßt diese Leibeigenschaft und schüttelt sie innerlich ab. Herrenlosigkeit ist sein Lebensideal. Lebe, wie es dir paßt! Der Herr ist ja nicht da. Die Zeit kann man doch ausnutzen. Was er mir gegeben hat, soll er behalten. Es soll sich begraben lassen und wird auch begraben, von ihm. Aus der Erde kann man es ja dann herauskratzen, wenn er sich wieder blicken lassen sollte. So ganz sicher ist das aber nicht damit. Jedenfalls hat erst einmal die Plackerei ein Ende, und wir können unser Leben genießen und zimmern, wie wir wollen. Die beiden Narren da! Eine heillose Angst scheinen sie vor ihrem Herrn zu haben. Denn was soll sie sonst bewegen, sich so ins Zeug zu legen? Doch nur ihr Aberglaube, daß der reiche Mann, der drüben wohl noch wer weiß was für Besitzungen hat, sich wieder hier sehen läßt.

Aber dann steht plötzlich der Herr vor jedem einzelnen. Der Tag der Abrechnung ist da. Und die beiden Treuen erfahren zu ihrer namenlosen Überraschung, daß es nur eine Prüfzeit war, die nun abgeschlossen ist und auf die ein Leben folgt mit unerhörten Aussichten, mit einem Schaffen in seliger Freiheit und Freude. Der dritte erlebt auch seine Überraschung. Was er erst als Grundmotiv bei den andern angenommen hat ‑ Angst! ‑, das schützt er jetzt bei sich als die Hemmung vor, die ihn habe zu nichts kommen lassen. »Herr! Haben willst du doch etwas. Deine Sklavenhalterei hat üblen Untergrund: andere für sich arbeiten lassen und selber die Früchte und Gewinne einheimsen! Wie leicht konnte ich ‑ alles, was du mir gegeben hast, verlieren, wenn ich damit Geschäfte machen und Gewinne hereinholen wollte. Dabei kann man sich ja so leicht verrechnen, und was dann! Darum habe ich deine Sachen gelassen, wie sie waren. Da, nimm sie wieder hin. Du hast nichts verloren, und ich habe mich nicht bereichert.«

Damit ist das Gleichnis schon durchsichtig geworden. Die Figuren bleiben, was und wie sie sind, aber die Kunst Jesu vermag, sie durchscheinend zu machen, so daß in ihnen ‑ der allein gelassene Mensch sichtbar wird, und zwar nicht mehr als Rätsel, sondern als Lösung aller Rätsel, die das Leben betreffen.

Und diese Lösung heißt. Du, Mensch, kannst und sollst der ‑ Leibeigene deines Herrn sein, mit vollem Bewußtsein und mit aller Kraft hingebender Treue. Dein Herr läßt dich nicht ausgestoßen und mittellos allein. Er gibt dir ‑ sein Gut! Das Reich Gottes, Erlösung, Wahrheit und Leben in einem!

Das nimm hin, und vermehre es in einem frohen freudigen Erglühen. Kein Alter setzt diesem Schaffen ein Ziel. Zitternde Hände und Nichtmehr‑arbeiten‑Können, beides hat mit dieser Arbeit nichts zu tun. Die geht weiter. Vorher aber hat sie alles durchdrungen und verklärt, was irdische Pflicht war. Das Reich Gottes ist wie das Sonnenlicht.

Es läßt alles umstrahlt erscheinen, was an sich dunkel und schwer ist.

Es gibt fortan nur eine Daseinsform, sagt hier Jesus. Dazu ist er gekommen, um sie zu bringen, zu nichts anderem. Und diese eine, einzig mögliche Daseinsform ist die ‑­ Leibeigenschaft!

Ist die Hingabe an den einen Herrn, der diese Wirklichkeit in Fleisch und Blut dargestellt hat. Fleisch und Blut sind dann der Grund, daß er, der Herr der Knechte, weit weg ziehen muß, um ‑ wie es in dem Lukasgleichnis Kap. 19 heißt ‑ sich die Königswürde zu holen.

 

 

»Ich bin, der ich bin.«

(Die Unmittelbar‑Gleichnisse des Johannes mit der Matthäuseinleitung.)

Matth. 11, 25‑30:

(Luk. 10, 21‑22)

»Zu der Stunde freute sich Jesus im Geist und sprach: ‚Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches (Evangelium) den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn also ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater, und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. (Darum) kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Joh. 15, 1‑7:

»Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jegliche Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen! Und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie ‑ mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von ihr selber, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringet viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibet, der wird weggeworfen wie eine Rebe ‑ und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und müssen brennen. So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. «

Joh. 10, 12 ff.:

»Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht, und der Wolf erhascht und zerstreuet die Schafe. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennet und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören und wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen. Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles; und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.«

Joh. 11, 25‑26:

»Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. «

Joh. 6, 48 ff.:

»Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist, und gibt der Welt das Leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf daß, wer davon ißt, nicht sterbe.«

Joh. 8, 12:

»Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.«

Joh. 14, 6.

»Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.«

Joh. 18, 37:

»Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.«

Joh. 7, 37‑38:

»Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von des Leibe (­Erdendasein) werden (wie die Schrift sagt) Ströme lebendigen Wassersfließen.«

Joh. 4, 14:

»Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird i . n ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.«

 

Die Perspektive der Gleichnisse.

Die Perspektive der Menschheit haben wir im Gleichnis von dem Barmherzigen Samariter kennengelernt. Die Menschheit begegnet dir. Ihre Vorhut ist ‑ der, der dir zuerst begegnet, sind die, die dich aus der Nähe anschauen und die du sehen und lieben und retten mußt. Groß stehen sie vor dir, hinter ihnen ‑ folgt die übrige Menschheit, die sich nach dem Horizonte zu in ununterscheidbare Punkte verliert. Der Nächste aber ist im Vordergrunde und so groß, daß du nicht über ihn hinwegsehen kannst.

Die Perspektive der Gleichnisse ist eine ganz andere!

Betrachte eine Landschaft, beschaue ein Bild mit Häusern und Bäumen und Wegen. Wie laufen die Linien der Häuser? Wie entfernen sich die Pappeln nach dem Hintergrunde zu? Alle Größen, alle Linien stehen in Beziehung zu einer Stelle, die ‑ leer ist. Dahin eilen die Dachlinien, von oben nach unten, und die Grundlinien und die Standplätze der Bäume, von unten nach oben. Es ist wie eine Bewegung, die damit durch alle Einzelheiten hindurchgeht, daß jeder einzelne Backstein, der aus dem Kalk hervorschaut, mit seinen Kanten eingerichtet ist und mit an dem Punkte hängt, der hinter der Flucht der Bäume und Häuser unsichtbar die am Hirnregiert und alle Größen bestimmt, selbst die am Himmel segelnden Wolken, die im Vordergrunde wie wandelnde Paläste schweben und nach »ihrer Heimat« zu, von der sie »herkommen«, immer kleiner werden, klein wie fliegende Schwäne.

Auch die Gleichnisse sind ja Bilder und werden als solche gesehen und erlebt. Bilder zwar, die immer wechseln, so daß ein Gleichnis ein Bild ist, das lebt, und so immer neue Blicke bietet.

Eine Perspektive aber haben alle diese Bilder. Alle Linien laufen auf eine unsichtbare Stelle zu, die jede Linie und Größe und Bewegung bestimmt.

Wer bestimmt die Größe des Samariters, daß sie über die ganze Welt wächst?

Wer bestimmt die Kleinheit und Flachheit des Pharisäers, der doch im Vordergrunde steht, und die Größe des Zöllners, der ganz abseits, fern im Hintergrunde steht und dennoch so unendlich hoch über den Pharisäer emporragt?

Zu wem hat dieser Zöllner die tiefste Beziehung, ohne ihn zu kennen! Der Hirte aber, der das Schaf auf die Achseln nimmt, ‑ ist er denkbar ohne die ‑ Perspektive dieses Gleichnisses auf den, der es spricht?

Und der Sämann?

Und der Vater des verlorenen Sohnes mit seiner herben Liebe, die den Sohn nicht hält, wenn er weg will, und ihm doch den Stachel der Liebe mitgibt, die am deutlichsten wird, wenn sie sich in Gnade und Vergebung wandelt und Heimat wiederschenkt dem Verlorenen?

Es ist nicht schwer, diesen Perspektivenpunkt nun zu entdecken.

Die Perspektive jedes Gleichnisses ‑ ist Jesus selber!

Es hat einen eigenen Reiz, alle Gleichnisse nacheinander daraufhin anzusehen. Selbst der Schatz im Acker, die köstliche Perle, hat diese Perspektivenbeziehung zu Jesus. Deutlich wird sie besonders daran, daß beide nur so errungen werden können, daß man alles, was man hat, drangibt und nichts mehr für sich zurückbehält ‑ eine Forderung, die Jesus an alle stellt, die ihm nachfolgen und ‑ das Licht des Lebens haben wollen. Da steht fast sichtbar Jesus in den beiden Gleichnissen selber im Hintergrund!

Das Große in allen Gleichnissen (sie durchbrechen ja alle irdischen Schranken und verbinden immer Erde und Himmel, Seele und Gott!) ist nur deshalb darin, weil ‑ Jesus sie spricht, weil er seine Maße hineintut.

Alle Linien dieser Art führen geradewegs immer zu dem, der im Gleichnis selber gar nicht zu sehen ist. Das Gleichnis vom großen Schuldner (Matth. 18) kann nur darum von der Gnade ohne Maß sprechen, weil der sie kündet, der sie selber ‑ ist! Der den Weg zum Vater für die verlorene Welt frei macht.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe!    Der sehe ihn!

Das Leuchtende in all den irdischen Dingen seiner Gleichnisse ist ‑ sein Widerschein.

 

Besonderheiten der Gleichniskunst Jesu.

I.

Braucht nun noch hervorgehoben zu werden, daß die Gleichnisse Jesu alle einen einheitlichen Charakter an sich tragen? Sie tragen ihn so sehr an sich, daß es leichter ist, einen Rubens vorzutäuschen oder ein Bild in Helldunkel als von Rembrandt auszugeben, als auch nur ein Gleichnis zu den Gleichnissen Jesu hinzuzuerfinden. Wenn so oft und so kindlich um die Frage gestritten wurde, ob die Gleichnisse echt seien, ob sie nicht von vielen andern hinzugedichtet seien, ob Jesus überhaupt gelebt habe, so liegt hier der bündige Beweis in dem Werk selber vor, das die Hand des Meisters an jeder Stelle verrät. Es hat noch keiner den Gleichnissen Jesu auch nur eines hinzuzufügen vermocht. Das hängt nicht vom Wollen ab, sondern vom Können. Gewiß haben nach ihm die Sufiten, die mohammedanischen Mystiker, tief bewegt von dem Geiste Jesu und ergriffen von seiner unerklärlichen Einheit mit Gott, Gleichnisversuche unternommen, die durchaus nicht als mißlungen angesehen werden können. Im Gegenteil! Es scheint fast, daß sie auf christlichem Boden nie übertroffen worden sind. Aber gegen die Kunst Jesu fallen sie derartig ab, daß sie durch sich selber schon den Nachweis führen, daß Jesus nicht zu erreichen ist.

Man kann ihm die »Gleichnistechnik« nicht absehen und dann nachmachen. In Jesus spricht die Wirklichkeit, durch die die Wende aller Zeiten da ist, der neue Mensch da ist, der Anfang einer neuen Menschheit und zugleich ‑ ihr Ziel. Kann man sich daher wundern, daß in seinen Gleichnissen etwas aufspringt und aufleuchtet, was ganz einzigartig und nicht als Technik anzulernen ist?

Trotz ihrer gar nicht zu fassenden Vielgestaltigkeit sind die Gleichnisse von unverkennbarer Einheitlichkeit. Im kleinsten Rahmen offenbaren sie die ganze Weltentwicklung, enthüllen sie die Geheimnisse der Seele und den Weg in das unbekannte Land der Zukunft und Ewigkeit.

II.

Mit Recht hat man sie farbenprächtig genannt. Denn beim Anhören eines Jesus‑Gleichnisses fangen wir an zu sehen; Landschaften tun sich vor uns auf, in denen wir einherzuschreiten meinen: Felder mit wachsender Saat, Weinberge, unheimliche Einsamkeit, Höhe und weite Ferne, Wüste, ‑ Hochzeit, Gastmahl, Kontor, ‑ Lampen in dunkler Nacht, ein Licht im Hause in der Hand einer Suchenden usw. usw. Alle diese Bilder stehen sofort voller Leben, deutlich und greifbar vor uns, so daß uns die leuchtende Farbenpracht nahezu selbstverständlich erscheint. Wie soll es denn anders sein, wenn es uns so verlebendigt wird! Um so auffälliger ist, daß Jesus in keinem Gleichnis auch nur eine Farbe erwähnt. Er malt herrlich farbig ‑ ohne irgendwelche Farben mit Namen zu nennen. Kein Dichter verzichtet sonst auf dies Hilfsmittel und keiner versucht auch nur, ohne ausmalende Beiwörter auszukommen.

III.

Genauso findet sich niemals in Jesu Gleichnissen irgendwelches Beiwerk, das er für nötig hielte, um das Bild plastischer zu machen. Er verzichtet auf jede Ausschmückung. Das Dekorative sucht man vergebens bei ihm. Keine Gruppe von Gestalten holt er herbei, um die Szene zu füllen. Wie anders machen es auch die anerkanntesten Dramatiker ‑ selbst ein Shakespeare. Ohne Gestalten, die vom Parkett aus gesehen und nicht immer innerer Notwendigkeit entsprungen sind, geht es da nicht ab. Der Zuschauer also ist da der eigentliche Schöpfer so mancher Figuren. Seine »Bedürfnisse« entscheiden, sein Wunsch, gerührt zu werden und wieder aufzuatmen bis zum »befreienden« Lachen. Bei Jesus findet sich keine »Addition von Gruppen«.

Was das ist, zeigt besonders Kaulbachs Gemälde »Die Reformation«. Das ist konstruiert, und die Art der Gruppierung ist nicht ganz weit von der Art der Kunstfotografen entfernt. Umgekehrt ist Rembrandts Hundertguldenblatt trotz der vielen Gruppen vom ersten bis zum letzten Strich künstlerische Notwendigkeit. Eine einzige Gefühlsquelle sendet ihre Wellen durch alle hindurch und bestimmt jede einzelne Haltung, jeden Blick, jeden Schatten, jedes Licht. Nichts Gestelltes, nichts Künstlerisches findet man bei Jesus. Alles ist zwangloseste Natürlichkeit, und die Menschen bewegen sich und sprechen so, als ob es anders gar nicht möglich wäre. Der verlorene Sohn und sein Bruder, der faule Knecht, der ungerechte Haushalter ‑ es ist auch nicht einer, der nicht aus einer tiefsten Echtheit heraus redete und handelte. Ja, diese Menschen sind nicht Kleiderständer, an die der Künstler seine Kostüme gehängt hätte. Sie leben! Sie sind echt!

IV.

Ein Gleichnis ist ein Kunstkörper genauso wie eine Statue oder ein Gemälde, ein Drama oder ein Lied. Ehe es aber ein Kunstkörper wird, ist es ‑ siehe das verirrte Schaf, den unter die Mörder Gefallenen, siehe die Saat, das Feld, das Senfkorn, ‑ ein Naturkörper, ein Zeitkörper rein zufälliger, oft belangloser Art, mit seiner ihm anhaftenden Zeitschwere, mit seiner Kürze, mit seiner kleinen Alltagsfolgerichtigkeit und seiner begrenzten Möglichkeit. Unmerklich entzieht Jesus den Naturkörper seinem Gesetz der Äußerlichkeit, um ihn zum Darsteller des ewigen, innerlichsten Gesetzes zu machen. Dabei muß dann sogar der Betrüger mithelfen, der ungerechte Haushalter, dessen Lebenswille in verblüffender Weise bloßgelegt vor uns hintritt und wie mit Scheinwerferlicht den mangelnden Lebenswillen derer, die nie so kalt handeln würden wie er, grell beleuchtet. Merkt man aber auch nur irgend etwas von Gewaltsamkeit dabei? Es gibt ja auch künstlerische Folterkammern, die ihre Figuren so strecken und pressen, daß sie gewaltsam das darstellen, was sie in der Natur nie und nimmer tun. Man denke nur an den Holzfäller des Schweizers Hodler, an seinen Aufbruch der Freiheitskämpfer 1813! Aufgepeitscht sind diese alle in ihren Ausdrucksbewegungen, von außen aufgepeitscht, nicht von innen gerufen, nicht unentrinnbar von innen bestimmt. Aber das sind alle Jesusgestalten. Jesus läßt sie keine Bewegungen um der Bewegung willen machen. Nie sind sie seelenlose Masken, die nur Zweckfunktionen zu erfüllen haben. Dennoch sind sie alle ihrem kleinen Kreise entnommen und handeln gewissermaßen symbolisch auf der Schaubühne der Wahrheit, die Jesus im Angesichte der Menschheit aufgeschlagen hat, und alle ihre Handlungen werden zu Offenbarungen der Menschheit selber, auch der erlösten, und werden so ‑ der Menschheit zur Offenbarung. Sie werden ‑ einmalig! Der verlorene Sohn! Einen andern gibt’s hinfort nicht mehr als nur diesen einen, und alles, was künftig und bis ans Ende der Welt auf ähnlichen Wegen umherirrt, wird als Spielart von ihm empfunden. Man kann sagen, das Natürliche, Irdische, Geschaffene wartet auf einen Hauch aus einer andern Welt, wartet auf das Wesentliche, das von oben kommt, auf Erlösung, letztlich auf den Erlöser. Und dieser Erlöser nimmt nun als Gleichnisredner ein Stück Schöpfung, gefallener Schöpfung, in seine Hände und gibt es uns verewigt zurück. Aus einer kleinen Szene bei einfachen Leuten, wo sich ein Vater in der Nacht vor Kindergeschrei fürchtet, macht Jesus ‑ ein Lächeln Gottes, ein Lächeln selbstverständlicher Zugetanheit und Hilfsbereitschaft, ja, Freundschaft.

V.

Etwas ganz Besonderes aber haben die Gleichnisse Jesu an sich, im Gegensatz zu allen andern Werken in der Kunst. Alle Künstler zeigen ihr Werden in diesen Werken. Das Jugendwerk unterscheidet sich wesentlich von dem der Reife. Es ist eine eigene Wissenschaft, die Werke dann nach ihrer sich wandelnden Selbstoffenbarung des Künstlers als Seelengeschichte zu verwerten. Bei Jesus ist dagegen kein Entwicklungsunterschied in seinen Werken vorhanden. Sie traten uns entgegen, diese seine Kunstwerke, als etwas schlechthin Vollendetes, Abgeschlossenes. Damit offenbaren sie eine andere Entstehungsart, als sie bei anderen Kunstwerken unumgängliche Voraussetzung ist.

VI.

Alle Gleichnisse Jesu sind mitgeteiltes Erleben. Geradezu aufwühlende Erlebnisse sind es, in die wir mit innerster Anteilnahme mit hineingezogen werden. Ehe wir es wissen, sind wir schon Partei. Es ist von uns auf eine unerklärliche Weise Besitz ergriffen worden. Und dieses Ergriffensein erzeugt in uns sofort eine Spannung, in der Bestimmung und Wille gegeneinanderstehen: eine Bestimmung, die von außen an uns herangekommen ist und unser Gewissen erobert hat, ein Wille, der herangeholt ist zum ja oder zum Nein.

Wer durch die Tiefen des Selbstgerichtes hindurchging, als er mit einem Grauen seine Verwandtschaft mit dem Priester und Leviten, mit dem faulen Knecht und dem kalten Sohn erkannte, wer sich als Mitschreier bei dem Lohnstreit, als einen der streikenden Gäste beim großen Abendmahl im Spiegel sah, als den Pharisäer, gegen den er voll Abscheu hitzigste Partei genommen hatte, ‑ der hat erlebt. Denn dieses Erleben unter dem starken Eindruck der Gewalt des Bildes bedeutet, daß man eine festgehaltene Stellung verläßt, um sie für immer aufzugeben.

 

Die Ursprache, die nie gesprochen wurde.

Alles Irdische, Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Aber es reicht dazu aus, das Unsichtbare so zu benennen, daß es uns verständlich wird. Vom Gleichnis kommen wir nicht los. Nie können wir das Geistige in unmittelbarer Sprache aussprechen. Klarheit des Wassers wird zum Vorstellungsmittel von etwas anderem, das wir daraufhin unter Klarheit verstehen. Allen diesen Worten liegen irdische Dinge zugrunde, mögen sie noch so geistig klingen, z. B. Erbauung, be‑greifen, Hand‑lung, erfassen, be‑sitzen, ver‑stehen, über‑legen, über‑stehen, Herz, ein‑sehen, ver‑treten, fallen, aufstehen, niedrig, hoch, schmutzig, rein, Reinheit, verdorben, Fehl‑er, Ver‑f ehl‑ung, Verwässerung, Verhärtung, Licht, Finsternis, usw. bis hin zur Er‑leucht‑ung und Er‑lös‑ung, Friede.

Hier kann man doch wirklich mit Leichtigkeit feststellen, daß unser Seelenleben aus lauter Worten besteht, die von der Erde genommen sind und nun im übertragenen Sinne etwas anderes bedeuten sollen, als sie eben noch bedeutet haben. Denn wenn ich soeben vom Wasser gesagt habe, daß es frisch und rein und klar ist, so weiß ich ja, wo ich meine Ausdrücke hergenommen habe, wenn ich mich nun umdrehe und sage von einer Seele: sie ist frisch und rein und klar. Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Ja, aber sie ist kein Wasser, und doch müssen wir von ihr wie vom Wasser sprechen. Der Tag und die Sonne sind licht und hell und warm. Und wieder drehe ich mich nach der Geistesrichtung herum, und plötzlich ist ein Licht gemeint, das auch nicht mit den feinsten physikalischen Apparaten zu erfassen ist: das Licht im Menschen, sein »warmes« Wort, sein »helles« Antlitz, ja sein »strahlendes« Antlitz.

Was ist wohl so deutlich wie dies, daß jedem Äußeren was man mit den Augen sieht, ein Inneres entspricht, das nie ein Auge sehen wird, und man bezeichnet es mit ganz demselben Worte, z. B. Größe! Hoheit! Beides bezeichnet zunächst den Berg und seine Höhe, und dann etwas im Menschen, was noch über das hinausgeht, was ein Berg sein kann und wie er sein kann. Himmel! Haben wir ein besseres Wort für das Reich, das nicht von dieser Welt ist? Und zunächst ist doch der Himmel nichts anderes als nur der Sternenhimmel, den unser Auge sieht und der zu dieser sichtbaren Welt gehört, die vergeht. Aber wir wissen, was gemeint ist. So ist also die Ursprache der Menschen nichts anderes als diese sichtbare Welt, in Worte gefaßt, und gleichzeitig die unsichtbare darstellend.

Da wird Friede, hergenommen vom irdischen Krieg, zu einem überirdischen Zustand, hervorgegangen aus einem unsichtbaren Kampf. Goethe hat als junger Mensch gemeint, dieses Überirdische sei ein Gleichnis, nichts Wirkliches. Es sei eine Luftspiegelung. Der Mensch, so dachte er, verlegt einen Vorgang in sich, der nur ein vorüberhuschender Schatten ist, eine Welt, die kein vorüberhuschendes Gebilde mehr sein soll. Er meinte, das sei eine Täuschung, ein Wunschbild, ein schöner Traum. Als alter Mann sah er’s anders; da erkannte er, daß dieses Irdische vorüberhuscht und schon ein Gleichnis bietet von dem, was ewig bleibt. So ist dann unser Erdendasein nur ein Gleichnis von einem ganz anderen Dasein, das ganz andere Maße und Bedingungen haben wird. Wir spüren es schon in uns. Ja, wir leben schon im Diesseits aus dem Jenseits.

Was heißt denn »glauben« anders, als aus jener Welt in diese Welt leben, von dort her alle Kraft und alles wahre Wissen beziehen! Wer aber brächte das fertig, unsere Sprache, die unlösbar an die Dinge dieser vergehenden Welt gebunden ist, so zum Reden zu bringen, daß sie die Dinge der unvergänglichen Welt, also unserer Seele und der Gottes, kundtut! Das wäre dann die wahrhafte Ursprache der Menschheit, die kein Volk je gesprochen hat.

Aber einer hat sie gesprochen, und wenn wir bei dem in die Lehre gehen, lernen wir sie.

Ein Pastor und Missionar in Ostafrika, der seinerzeit nach überstandenem Schwarzwasserfieber heimkam, erzählte eine seltsame Geschichte. Auf einer Reise kam er in ein abgelegenes Dorf, wo man noch nichts vom Christentum gehört hatte. Er mußte rasten, setzte sich mitten im Dorf nieder und erzählte den Schwarzen die Geschichte von dem verlorenen Schaf. Lebhaft und anschaulich schilderte er die Gefahren, die das verirrte Tier bedrohten. Der Löwe brüllt schon, es zu haschen, blutig hat es sich gerissen und sitzt in den Dornen fest und kann nicht mehr weiter. »Das sind wir«, riefen sie. Da hatte zum ersten Mal in ihrem Leben jemand mit ihnen in der Ursprache der Menschheit gesprochen, und die verstanden sie sofort.

Wer also zu der Menschheit reden will, so daß sie sich selber versteht, der muß mit ihr in ihrer Ursprache reden. Der muß im Gleichnis reden. Der muß die Bilder kennen, die schlechthin verdeutlichen, was ungreifbar und unsichtbar im Reiche Gottes wartet, um in diese Welt einzutreten. Ohne Bild ist nicht die leiseste Vorstellung von Geistigem, Gedanklichem möglich. Wieviel mehr muß es da der Fall sein, wo es um Tod und Leben, um Zeit und Ewigkeit geht. Je höher der Mensch auf der Treppe nach Gott steht, um so treffender ist sein Wort, weil es Bild ist, zutreffendes Bild. Bismarck hatte etwas davon. Je blasser die Sprache, um so tiefer unten steht auch der Mensch im ganzen Geistesleben.

Ganz oben aber steht der, der Gottes Welt auf­schließt, der Dolmetscher Gottes, der das Ewige in die Erdensprache übersetzt.

Das ist Jesus. Er spricht diese Ursprache, und man wird sie verstehen bis ans Ende der Welt. Danken wir Gott für dieses Gottesgesetz, das das Bild zum Kanal der ewigen Wirklichkeiten und Gottesgedanken macht.

Die Sprache und ihr Wesen lehrt es: sie ist von Anfang an nur Gleichnis, sie kann nicht anders, sie weiß für »klar« keinen anderen Ausdruck, wenn sie vom Geist sagen will, daß er klar ist. Die Sprache streift nicht auf höheren Stufen das Gleichnis ab, sondern bringt erst das letzte, zutreffende Gleichnis. Gewiß kann man die Gleichnisgedanken Jesu in logische Begriffe und sogenannte sachliche Ausdrucksweise zerlegen. Aber ihre Kraft und bezwingende Gewalt ist dann dahin. Hätte Jesus so gesprochen, ohne Bild, ohne Gleichnis, so hätte er eben das nicht sagen können, was ihm als Offenbarung auf der Seele brannte. Die Gedanken wären zu Boden gefallen wie zu kurz geschossene Pfeile. Die Kunst, in dieser Art zu reden, haben die Zuhörer gar nicht als Kunst empfunden und empfinden es heute noch nicht. Daß aber ohne diese Kunstform und ihre meisterliche Beherrschung nichts zu offenbaren war, das liegt deutlich zutage. Man vergesse ja nicht: Jesu Leben selber ist immer ein sichtbares Gleichnis seines unsichtbaren Wesens. Man vergesse ja nicht: Kreuz ist Holz, und einer, der daran hängt, ein von Menschen Überwältigter; aber durch die Haltung Jesu wird dasselbe Kreuz zu einem Gleichnis von etwas ganz anderem.

Das Sichtbare fängt an, Unsichtbares zu reden. Der sichtbare Leib mit dem sichtbaren Blut ist Gleichnis des unsichtbaren ewigen »Ich«, das sich selbst hingibt. Wie hätte das wohl deutlich gemacht werden sollen? Durch sachliche Abhandlungen vom Katheder?

 

Mohammedanische Gleichnisdichter morgenländischer Mystik, die von Jesus gelernt haben.

(nach Tholucks Übersetzung 1825)

Aus dem »Gülschen Ras« (»Rosenbeet des Geheimnisses«, 1339, wahrscheinlich von dem Perser Mahmud):

Weißt du, was das Christentum?
Hör! Ich will’s dir sagen:
grabt die eigene Ichheit aus,
will zu Gott dich tragen.

Deine Seel‘ ein Kloster ist,
drin die Einheit wohnet.
Ein Jerusalem du bist,
da der Ew’ge thronet.

Heil’ger Geist, der Wunder tut!
Denn im Heil’gen Geiste
Gottes ganzes Wesen schwebt
her zu deinem Geiste.

Gottes Geist gibt deinem Geist
seines Geistes Feuer.
Er in deinem Geiste kreist
unter leichtem Schleier.

Wirst du von dem Menschentum
durch den Geist entbunden,
hast in Gottes Heiligtum,
ew’ge Ruh gefunden.

Wer sein Erdenkleid tut ab,
läßt’s Begehren schweigen,
wird fürwahr, wie Jesus tat,
auf zum Himmel steigen.

Aus dem »Bustan« (Baumgarten) des Perserscheichs Mußliheddin Saadi (1291)

 

Gnade.

Zu Jesu Zeiten lebte einst ein Jüngling frech in Sünden.
In seinem Herzbuch waren nur nachtschwarze Blätter zu finden,
daß Satan selber sich vor ihm gescheut. Da kam der Tag, da er bitter bereut.
Der in Lüsten verbrannte und praßte, sich selber verdammte und haßte.

Da ging der Herr vorüber still an eines Mönchleins Hütte,
 und trat ermüdet zu ihm ein auf des Bewohners Bitte.
Da hat sich der Jüngling von ferne genaht,
fiel nieder zur Erde und stumm er bat
– wie ein Schmetterling hinsinkt geblendet –
die Augen zur Erde gewendet.

Aus seinen Augen quillt ein Strom von bitteren Reuetränen.
O weh mir, ruft er, dreißig Jahr hab ich vergeudet mit Wähnen.
Mein Lebensgold warf in Schlamm ich und Lust,
jetzt verbrennt der Hölle Qual meine Brust.
Wär ‑ ach ‑ in der Wieg‘ ich gestorben:
ich wär nicht verdammt, nicht verdorben.

Ach Herr, noch keinen Sünder je deine Liebe ließ versinken!
O fasse fest doch meine Hand und laß mich nicht ertrinken! ‑
Da zieht das Mönchlein die Brauen hoch, und aufgeblasen droht er ihm noch:
Schamloser, umsonst ist dein Flennen!
Du magst zu Ende verbrennen!
Streif du mich nicht! Und packe dich aus des Messias Nähe!

Gott, die Gewährung einer Bitt‘ ich nur von dir erflehe:
Kommt einst der Jüngste Tag herauf, und alle stehen vor dir zuhauf,
und ich darf meine Zukunft sehen:
Laß nicht neben diesem mich stehen!

Da flammet jäh von Gottes Thron Offenbarung himmlisch hernieder!
Die Donnerrede Gottes hallt im Herzen Jesu wider:
Ich sehe sie dort beten, die zwei!
Und beider Bitte erhöret sei!
Sind auch ihre Bitten danieden, wie Himmel und Hölle verschieden!

Der Sünder, der dreißig Jahre im Schlamm der Sündenlüste gestanden,
bei dem das Herz vor Scham entbrennt und Reuetränen sich fanden,
der voll Verzagen bittet und glaubt, ‑ er lege getrost und hoffend sein Haupt
auf die Schwelle des Throns demütig!
Der Erbarmungsvolle ist gütig.

Vergeben sei ihm die ganze Schuld, Paradiesesbürger er werde!
Doch jener Mönch, der keinen Platz ihm gönnt neben sich auf der Erde,
und heischt, daß er nimmer neben ihm steh:
Ich erfüll’s, daß nimmer den Sünder er seh,
will ewig davor ihn bewahren!
Der Mönch soll ‑ zur Hölle denn fahren!

Das Herze jenem im Busen zerschmolz, –
du Mönch, machst selbst dich gewichtig!
Doch am Hofe der Allgenugheit sind die Werke der Ichheit nichtig!
Wes Kleid ist weiß und wes Herz doch wie Nacht,
hat den Schlüssel zur Hölle sich selbst mitgebracht!
Hier gilt nicht die »Pflichtentreue«.
Nicht der Ichmensch hat ewigen Wert.
Nein, ‑ Unvermögen und Elend als schönste Gab‘ sind begehrt!

 

Die Predigt Jesu.

Die Predigt Jesu ist von unvergleichlicher Schönheit. Hier spricht ja derselbe, der in den Gleichnissen spricht. Gleichnisdurchwoben ist auch diese Sprache. Wie kann es anders sein, da das Unvergängliche nach ehernem Gesetz nur durch Vergängliches ausgedrückt werden kann. Es wird einmal die Zeit kommen, wo man dies noch viel tiefer erkennen wird als heute. Weder den Geist noch die Form hat sich Jesus von Zeitgenossen entliehen. Er hat überzeitlich gesprochen. Er hat die Form, die er vorfand, durchbrochen. Nicht aus Kunstliebhaberei, sondern weil sein Geist die enge Schranke der Buchstabenknechtschaft sprengte und die Knebelung der Kleinlichkeit zerriß. Man denke nur an die Auslegung der Rabbinen, die sie dem Moseswort: »Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter!« – anhängten. Sie sahen darin eine Kochvorschrift und mühten sich nun um zahllose Kochrezepte!

Wie legen sie das alttestamentliche Wort aus: »Fürchte dich nicht, du Wurm Jakob, du Häuflein Israel!« Sie legen aus: Ein Wurm ‑ der nagt; er nagt die Zeder an mit seinem Maul. Ist Israel ein Wurm, so muß es dieses Nagen vollführen, es muß also ‑‑ beten (mit dem Maul nagen). Jesu Worte gehen ganz andere Wege. Sie atmen Vollmacht und sind zu keiner Geistlosigkeit fähig.

Ihre einmalige Form aber ist es, die Einlaß fordert. Sie dringen in Tiefen, wo die Kunst nur noch als einzige Form übrigbleibt, um das Letzte zu sagen, was das Innere so seltsam bewegt: Seine Worte haben einen Klang, der sich in Musik verwandelt, ohne daß man sich etwa »vornimmt«, »Jesusworte zu komponieren«. Sie komponieren sich selbst. Und ein Meister wird dieser Töne in der Tiefe Herr und offenbart sie uns in einer Tonschöpfung, wie es bei Meister Schütz zu sehen ist.

Die Form der Worte Jesu in der Predigt ist nicht der »Weisheitsspruch« des Lehrers, sie ist vielmehr die Form des unverbrüchlichen ewigen Gesetzes, das abschließend durch alle Zeiten in klarer Gestalt erklingen soll. Sie tragen das an sich, die Worte Jesu, das Unabänderliche, jedem Verständliche und doch nie Flache, das Angreifende und Emporreißende, das Beseligende und Frieden‑Bringende. Man lese selber die Bergpredigt, man lese laut! Man lese Joh. 8 und 10 und 14‑17! Man lese Matth. 10 und 24.

Immer oberstes Gesetz, als ob Gott selber spräche, und zugleich sanftes Joch, leichte Last und Ruhe für die Seelen.

 

Im folgenden sollen drei Predigtarten verglichen werden:

1 . Die Predigt Jesu.

2. Worte aus der Zeit Jesu, gesprochen von Rabbinern.

3. Die Predigt von Benares (Buddhas klassische Predigt).

Sie sollen selber reden und selber den Vergleich erbringen.

Man wird es dann verstehen, daß das Neue Testament ‑ so dünn geblieben ist. Zu den Jesusworten ist nichts hinzuzuerfinden. Der Talmud mag in vielen Bänden, die aus vielen Federn stammen, tausend und wieder tausend gute Lehren aneinanderhängen, auf ei­nen einzelnen Verfasser kommt es dabei wenig an. Das war nicht schwer, die Linie des Geistes innezuhalten, der sich in diese Enge begab und sein Stübchen mit frommen Alltagssprüchen tapezierte.

Jesus stürzt eine Welt und baute eine ewige Welt auf. Gerade in seinen Worten und durch sie. Einmal kann das nur geschehen und ist es geschehen. Darum tragen seine Worte diesen atemberaubenden Charakter. Wäre es so einfach, Jesusworte zu erfinden, so wäre das Neue Testament längst auf fünfundzwanzig Bände angewachsen. Aber das kann eben keiner und wird nie jemand können. Erfindet doch! darf man getrost allen zurufen, die so gern von »Erfindung« sprechen. Und wenn einmal Jung‑Stilling das tröstliche Wort prägt: Selig sind, die da Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen, ‑ so empfindet man doch tief, wie weit er mit diesem Wort hinter Jesus zurückgeblieben ist. Ebenso steht es mit dem größten Teil der Worte, die als Herrenworte außerhalb des Neuen Testamentes überliefert sind. Ihre Zahl ist an sich ganz gering. Die echten hat man bald herausgefunden.

Die in Schränken und Bibliotheken aufbewahrten Millionendichtungen und Prosawerke der Klassiker und Nichtklassiker der Menschheit reden eine beredte Sprache von der Leichtigkeit, mit der Bücher geschrieben werden können, auch wenn es Bruchstücke einer großen Konfession sind. Aber daß auch nicht ein einziges Blatt Jesusworte hat zu Jesu Worten hinzuerfunden werden können, was sagt das der Menschheit? Was soll es sagen?

 

I. Aus der Bergpredigt und aus Joh. 8 und Matth. 5

»Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr. Ihr habt gehört, daß (zu den Alten) gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgeben über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euern Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!
Ihr seid, das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt! Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen. Gebet ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist enge und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht ewiglich im Hause, der Sohn aber bleibet ewiglich. So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Solches habe ich zu euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.«

II. Aus den sogenannten Sprüchen der Väter.

(Spruchweisheit etwa aus der Zeit Jesu und aus späterer Zeit.) (Talmud)

Halte dich fern von einem bösen Nachbarn. Geselle dich nicht zu einem schlechten Menschen und wähne nicht, daß die Strafe ausbleiben werde. ‑

Mein Leben lang habe ich unter Weisen verbracht und habe gefunden, daß für den Menschen nichts heilsamer ist als Schweigen. Spare mit deinen Worten bei der Frau, sei es eine fremde oder die eigene. Wer viel mit ihr schwatzt, zieht sich Böses zu, wird von der Thora (Gesetz Moses) abgelenkt und gerät am Ende in die Hölle. ‑

Vergnügungssucht und leichter Sinn lenken von Zucht und Sitte ab. Die mündliche Überlieferung ist ein Zaun für die geschriebene Gotteslehre. Die Zehntenabgaben bilden einen Damm gegen übermäßigen Reichtum. Die Gelübde sind Gehege für die Mäßigkeit. ‑ Schweigen ist der Weisheit Zaun. ‑ Der Schlaf in den Morgen hinein, das Weingelage am Mittag, das Schwatzen mit Kindern, der Aufenthalt unter Ungebildeten führen zur Versumpfung. ‑ Verachte niemand und unterschätze nichts. Es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde findet, und kein Ding, das nicht irgendwie zur Geltung kommen könnte. ‑ Ein Rabbi fragte einst seine Schüler: »Was ist’s, worauf der Mensch im Leben den größten Wert zulegen hat?« Der eine sagte: »Ein wohlwollendes Auge!« Der andere: »Ein guter Freund!« Der dritte: »Ein guter Nachbar!« Der vierte: »Das Schauen der kommenden Dinge!« Der fünfte: »Ein gutes Herz!« Der Rabbi schloß sich der letzten Ansicht an, weil in ihr alles andere enthalten ist.

Vier Gemütsarten gibt es: schwer zu erzürnen und schwer zu besänftigen, leicht zu erzürnen und leicht zu besänftigen; bei beiden wiegt der Nachteil den Vorteil auf. Schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen, das ist die Gemütsart der Frommen; leicht zu erzürnen und schwer zu besänftigen, das ist die Gemütsart der Frevler.

Im fünften Lebensjahr ist der Mensch reif für das Lesen der Thora, im zehnten für das Lesen der Mischna, im dreizehnten für die Übung der göttlichen Gebote, im fünfzehnten für die Erklärung der Mischna, im achtzehnten für die Ehe, im zwanzigsten für den Lebensberuf, im dreißigsten gelangt er zu voller Kraft, im vierzigsten zu vollem Verstand, im fünfzigsten zu einsichtigem Rat, im sechzigsten zum gesetzten Alter, mit siebzig zum Greisenalter, im achtzigsten zum hohen Alter, im neunzigsten zum Verlöschen, im hundertsten ist er wie tot. ‑­

Welch ein Abstand gegen den 90. Psalm, gegen Hiob, gegen die Propheten, vollends gegen Jesus. Denn ‑ er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.

 

Buddha: Die Predigt von Benares.

»Zwei Extreme gibt es, ihr Mönche, denen nicht frönen darf, wer aus dem weltlichen Leben getreten ist. Welche zwei? Das eine ist eine Hingabe an den Genuß der Lüste; die ist niedrig, gewöhnlich, gemein, unedel, zwecklos. Das andere ist eine Hingabe an Selbstpeinigung; die ist schmerzlich, unedel, zwecklos. Ohne in diese beiden Extreme zu verfallen, ihr Mönche, hat der Vollendete einen Mittelweg gefunden, der die Augen öffnet, der den Verstand öffnet, der zur Ruhe, zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt.

Und was, ihr Mönche, ist dieser Mittelweg, den der Vollendete gefunden hat, der die Augen öffnet, der den Verstand öffnet, der zur Ruhe, zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt? Es ist dieser edle, achtgliedrige Weg, nämlich rechter Glaube, rechtes Sich-Entschließen, rechte Worte, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Streben, rechtes Gedenken, rechtes Sich-Versenken. Das, ihr Mönche, ist der Mittelweg, der die Augen öffnet, der den Verstand öffnet, der zur Ruhe, zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Nirwana führt.

Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, Vereinigung mit Unlieben ist Leiden, Trennung von Lieben ist Leiden, Gewünschtes nicht erlangen, ist Leiden, kurz die fünf Elemente, die das Haften am Dasein bewirken, sind Leiden.

Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens: Es ist der Durst nach (ewigem) Leben, der Durst nach (ewigem) Tode.

Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: Es ist das völlige Freisein von diesem Durst, sein Aufgeben, Fahrenlassen, Ablegen, Verbannen.

Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von dem Wege, der zur Aufhebung des Leidens führt: Es ist dieser edle, achtgliedrige Weg, nämlich rechter Glaube, rechtes Sich‑Entschließen, usw. wie vorher.«

 

Der Schluß aller Gleichnisse und Predigten Jesu:

»Wer diese meine Worte hört und tut sie, den vergleiche ich mit einem klugen Mann,der sein Haus auf den Felsen baute. Da nun ein Sturzregen fiel und ein Gewässer kam und weheten die Winde und stießen an sein Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf einen Felsen gegründet! Und wer diese meine Worte hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein Sturzregen fiel und ein Gewässer kam und weheten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall.«

 

 

Nachwort

Zum besseren Verständnis und tieferen Eindringen in dieses Buch unseres Vaters halten wir einige Mitteilungen über den Verfasser für wertvoll und notwendig.

Dieses Buch vermochte nur jemand zu schreiben, der Theologe und schaffender Künstler zugleich war. Beides vereinte Vater in seiner Person.

Er war ein hervorragender Zeichner, Karikaturist und Maler, treffsicherer Porträtist und Landschafter von Niveau, auch bildhauerisch betätigte er sich. Eine musikalische Veranlagung kam noch hinzu.

Naturwissenschaftliche Probleme einiger Fachgebiete interessierten ihn ebenfalls (Astronomie, Chemie, Biologie).

Das Hauptanliegen aber war die seelsorgerische Tätigkeit und das Predigtamt. Seine vielfältigen Gaben ordnete er diesen beiden Aufgaben unter.

Über den Lebenslauf des Verfassers möchten wir eine kurze Datenzusammenstellung geben.

1881 – Am 16. 3. 1881 wurde er in Magdeburg geboren, legte Ostern 1899 das Abitur in Braunschweig ab und begann sein Theologie‑ und Philologiestudium an der Universität Halle.

1902 – Ablegung des 1. Theologischen Examens, anschließend theologisches Vikariat und Referendarzeit als Philologe, abschließend Assessorprüfung, Ablegung des 2. Theologischen Examens.

1905 – Übernahme des Hofpredigeramts in Coburg (Herzog Eduard von Coburg‑Gotha).

1906 – Vermählung mit Gertrud Schmal, Berlin. Diese Ehe wurde mit 6 Kindern (4 Söhnen und 2 Töchtern) gesegnet. Übernahme der Auslandspfarrstelle der Deutsch‑Evangelischen Gemeinde in Craiova (Rumänien) mit gleichzeitiger Leitung der dem Pastorat angeschlossenen deutschen Schule.

1912 – Eine Malariaerkrankung zwang zur Rückkehr nach Deutschland, und zwar nach Oldenburg in Oldenburg; dort Tätigkeit als Oberlehrer, da zu dem Zeitpunkt eine vakante Pfarrstelle in Deutschland nicht zu bekommen war.

1914 – Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg konnte die Pfarrstelle in Lübzin b./Stettin (Pommern) übernommen werden (3 Kirchdörfer und 5 dazugehörende kleinere Dörfer).

1926 – Übersiedlung nach Braunschweig, Pfarrstelle an der St. Magni‑Kirche. (Grund des Fortgangs: Gymnasialbesuch der heranwachsenden Kinder.)

1933 – Abschied von Braunschweig, Umzug nach Greifswald, Übernahme der Pfarrstelle an der St. Jacobi‑Universitätskirche, um seinen Kindern nunmehr ein Universitätsstudium zu ermöglichen.

Hier in Greifswald verbrachte Vater, getragen von Gemeinde und Kirchenvorstand, die letzten 7 Jahre seines Lebens. In dieser Zeit wurde das vorliegende Buch beendet.

Den nationalsozialistischen Machthabern fiel seine Persönlichkeit auf. Gestapo‑Verhöre und Bespitzelungen führten zu ersten Herzanfällen. Von seinem Organisten denunziert, folgten weitere Gestapo‑Verhöre, erneute Herzanfälle waren die Folge.

Vier Wochen nach dem letzten Verhör ‑ noch nicht 60 Jahre alt ‑ erlag der Verfasser am 16. 11. 1940 einem akuten Herzinfarkt.

Dr. Otto Erich Schweckendiek, Süddorf/Insel Amrum    Sommer 1982

Das vergriffene Buch Jesus gestaltender Künstler, Stephanus Edtion, 1982, ist evtl noch antiquar erhältlich. Ich habe es mit ganz geringen Kürzungen in meine Webseite aufgenommen. Horst Koch, Herborn, im Oktober 2009

www.horst-koch.de

info@horst-koch.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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