Israel (E.Sauer)

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Erich Sauer

Israel und die Tempel Gottes

1. Das Geheimnis des Volkes Israel

Israel ist Gottes „auserwähltes Volk“ (1.Chron.16,13; 2.Mose 19,5; Amos 3,2). Wie eine Linie zieht sich seit Abraham seine Geschichte durch die Heilszeitalter hindurch. Wechselvoll sind Israels Geschicke wie bei keinem anderen Volk der Welt, teils im Lande, teils außerhalb, teils im Unglück, teils im Glück, bedingt durch Sünde und Buße, Gericht und Begnadigung. Bei dem allen aber hat Israel seinen Auftrag und seine ihm von Gott zugesagte Hoffnung. Beim Erscheinen des Messias wird es seine Sünde erkennen und sich zu Gott bekehren. Der Messias wird triumphieren und die K r o n e empfangen (Sach. 6, 11-13). Das Reich Gottes wird offenbar werden und die Gesamtmenschheit beglücken. Dies Ganze aber wird nicht zu irgend einer Volks‑ oder Kreaturverherrlichung dienen, sondern zur alleinigen Selbstverherrlichung des großen Gott‑Erlösers als des Gottes der Juden und Nichtjuden. „So spricht der Herr: Nicht um euretwillen tue ich es, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen“ (Hes. 36, 22; 32). „Damit sich vor Gott kein Fleisch rühme . . . , sondern wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (1.Kor.1,31; Jer.9,23;24).

Nicht ein einziges Volk stand Gott zur Verfügung, um dies zu Seinem „auserwählten Volk“ machen zu können, nicht eine einzige Sippengemeinschaft, ja nicht eine einzige Familie! Daher die Notwendigkeit eines völligen Neuanfangs und die Berufung und Erwählung eines einzelnen.

Aber mit diesem Einzelmann sollte nun eine vollständig neue Geschichtsführung beginnen ‑ eine Sonderströmung mitten im Gesamtozean der Völkerwelt ‑, die, unter vorläufiger Beschränkung der Offenbarung auf den begrenzten Kreis der Nachkommenschaft dieses Einzelnen, in unmittelbarer Weise zu Christus und, über Christus und Sein Kreuz, zur weltumspannenden Ausweitung der Erlösung führen sollte. Dies ist der Sinn der Berufung Abrahams. Auf diese Weise wurde Abraham zugleich der „Vater aller Gläubigen“ (Röm. 4, 11).

Sinn und Auftrag der Berufung Israels in der Heilsgeschichte

Dreifach war der Sinn der Berufung Israels: sittlich‑erzieherisch, offenbarungsgeschichtlich und missionarisch.

Auf der Schaubühne der Weltgeschichte sollte an seinem Beispiel den Völkern der Welt offensichtlich gezeigt werden, was Sünde und Gnade, Gericht und Erlösung ist.
An Israels Verhalten und Geschick sollte in unmißverständlicher Weise ein Anschauungsunterricht gegeben werden, der das Gewissen weckt, um den Sünder zur Selbsterkenntnis zur Gotteserkenntnis zu führen.

Für das Herniederkommen der göttlichen Offenbarung sollte Israel die menschliche Aufnahmestelle sein, das „Volk des Ohres“, das Gottes Wort hört, ‑ eine Berufung, die ihren Mittelpunkt und ihre Krönung schließlich darin findet, daß zuletzt nicht nur Gottes Wort, sondern Gott Selbst kommt, nicht nur Seine Propheten, sondern Sein Sohn (Hebr.1,1;2).
Damit aber wird Israel zum Absteigequartier des Welterlösers, zum Brückenkopf des aus der Ewigkeit Erscheinenden, zur Heimat des Gottgesalbten (Messias) und durch Ihn zur Geburtsstätte der christlichen Gemeinde (Joh.4,22; Eph.2,19; 20; Röm.11,17;18; Gal.3,9.14).

In der Ausbreitung des Heils sollte Israel Gottes Zeuge und Mund sein, der Kanal der Heilsoffenbarung, der Bannerträger der Wahrheit, Gottes Herold unter den Nationen. Darin liegt seine Sendung zum Prophetischen und Missionarischen. Seine nationale Geschichtsführung ist zugleich auf das Universale angelegt. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (1.Mos.12,3).

Israels Versagen und Gottes Gerichtswege

Immer wieder hat Israel seiner Berufung nicht entsprochen. Darum wurde sein Geschichtsweg zugleich Gerichtsweg. Allerdings hielt Gott, um Abrahams, Seines Freundes, willen, an Seinem Endziel fest (Röm.11,16;24).

Drei waren die Hauptnotzeiten. Von diesen hatte die erste nur den Charakter der Drangsal (5.Mos.4,20; 2.Mos.6,6), jede der beiden anderen vornehmlich den des Gerichts (2.Kön.17,7‑23. Jer.32,31; Matth.27,25).
Zugleich verteilen sich diese Hauptnotzeiten, in denen die Nachkommenschaft Abrahams außerhalb ihres Landes ist auf die drei Hauptzweige der Menschheit seit Noah, auf Ham, Sem und Japhet.

In Ägypten waren es die H a m i t e n , in Vorderasien die s e m i t i s c h e n Assyrer-Babylonier (1. Mos. 10, 22) und, seit der Vernichtung des jüdischen Staates durch die Römer, besonders die allgemeine, j a p h e t i t i s c h e Völkerwelt (1.Mose. 10, 2), in deren Ländern die Nachkommen Abrahams zu wohnen hatten und in deren Machtbereich sie immer wieder der Gewalttat und Unterdrückung ausgeliefert waren.

Die Drangsal in Ägypten fand im zweiten vorchristlichen Jahrtausend statt (wohl ungefähr zwischen 1700 und 1500 v. Chr.).

Die Wegführung nach Mesopotamien geschah in zwei Stufen: zuerst wurde das seit der Reichsteilung nach Salomos Tode (10. Jahrh.) von Juda getrennte, nördliche Zehnstämmereich durch die Assyrer in die Gefangenschaft geführt (Zerstörung Samarias 722 v. Chr.). Von da ab sind die zehn Stämme verschollen und sind somit die „verlorenen“ zehn Stämme geworden. Dann, anderthalb Jahrhunderte später, kam das Gericht auch über das Südreich. Nebukadnezar von Babel zerstörte Jerusalem und führte die Bevölkerung des Zweistämmereiches nach Babylonien (606, 597, 586 v. Chr).

Tiefgreifend war der innere Wandel, den das Volk in der babylonischen Gefangenschaft erfuhr. War Israels Hauptsünde bis zum Exil der Götzendienst gewesen, so ist das Volk ‑ wohl ganz stark unter dem Einfluß des Hesekiel, des „Mose des Exils“ ‑ grundlegend von dieser Sünde geheilt worden. Seitdem ist der Götzendienst nie wieder seine Hauptgefahr und Niederlage geworden. Gerade in Babel wurde Israel von Babel geheilt.

Dann aber beschritt es bald einen anderen Irrweg. Das Leben erstarrte. Totes Formenwesen gewann die Oberhand. Aus Glaube wurde Orthodoxie, aus heiligem Streben nach Gerechtigkeit hochmütiges Pharisäertum, und als Christus erschien, Er, das Ziel und der eigentliche Sinn seiner ganzen Geschichte, hat das Volk Ihn verworfen und ans Kreuz gebracht. Und in unbegreiflicher Verblendung haben sie selbstsicher geschrieen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Matth. 27, 25).

Gott hat sie beim Wort genommen. Das Gericht brach herein. Zuerst ‑ im Jahre 70 ‑ zerstörte Titus Stadt und Tempel. Dann ‑ 65 Jahre später – nach einem nochmaligen Aufflammen des jüdischen Widerstandes in dem blutigen Aufstand des falschen Messias Bar Kochba (Sternensohn; unter Berufung auf 4. Mos. 24, 17) ‑ wurde nach verzweifeltem Ringen das ganze politische Volksgefüge zerschlagen und die Juden unter Kaiser Hadrian des Landes verwiesen. Damit war auch das Zweistämmereich unterbrochen und ist, ähnlich wie einst das Zehnstämmereich (722 v. Chr.), in das Feld der Nationen versunken. Seitdem ist Israel in der Zerstreuung und furchtbarsten Leiden und Gerichten unterworfen (5. Mos. 28, 65; 67).

Israels Hoffnung und Wiederannahme

Aber am Ende der Zeit knüpft Gott wieder mit Israel an. Deutlich sind schon heute markante Flammenzeichen zu erkennen. Das gegenwärtige Zeitalter neigt sich seinem Ende zu. Der Zeiger auf Gottes Weltenuhr naht sich der Mitternachtsstunde.

Vier Hauptereignisse sind, was Israel betrifft, bisher ganz besonders hervorragende Signale:
1791: Aufhebung aller Ausnahmegesetze gegen die Juden durch die französische Nationalversammlung. Seitdem rasche Entwicklung des jüdischen Einflusses in Politik, Presse und Hochfinanz.
1897: Gründung des Zionismus und damit planmäßiges Streben nach Rückkehr in das Land ihrer Väter.
1917: Balfour-Erklärung. Palästina zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes unter britischer Oberhoheit erklärt (Konferenz in San Remo 1919).
1948: Gründung des Staates Israel.

Dies alles sind „Zeichen der Zeit“. Sie behalten ihre Bedeutung, auch wenn es noch rückläufige Bewegungen geben mag (vgl. 2.Thess.2,6;7).

Eins ist bei dem allen aber zu beachten: Die Wiederherstellung Israels gelangt nicht durch geradlinige „Vollendung“ dieser Zeichen der Zeit zur Verwirklichung. Denn das Reich Gottes kommt in keiner Weise durch menschlichen Fortschritt. Es ist nicht das Ergebnis von Leistungen und Entwicklungen auf Erden, sondern ist Geschenk und Kraftwirkung des Allerhöchsten vom Himmel her (Dan. 7, 13; 14).

So auch bei Israel. Seine letzte Entwicklung vor dem Anbruch des Messiasreiches wird durch Katastrophen gehen. Gottes Gericht wird in erschütterndstem Maße offenbar. Die große Trübsal – die Drangsal Jakobs (Jer. 30, 7) – wird hereinbrechen.

Dann aber wird der Messias erscheinen. Dem im Lande vereinten Überrest werden die Augen aufgehen (Off.1,7; Sach.14,4). In Buße werden sie sich zum Herrn wenden (Sach. 12, 10; Jes. 53, 3‑6), und Israel wie auch die Völkerwelt werden innerlich erneuert werden (Jes. 11, 1‑10; Zeph. 3, 9).

Christus wird herrschen. Gekrönt mit der Doppelkrone (Sach.6, 11‑13 Hebr. 7), wird Er der Gottkönig über Israel und die Völkerwelt sein.

Bekehrung und Vereinigung Israels (Hos.3, 5; Hes.37, 15‑23),
Erneuerung der Nationen (Zeph. 3, 9),
Friede unter den Völkern (Micha 4, 3 ; 4),
Segnungen der Natur (Jes. 11, 6‑8; Hos. 2, 23; 24),
erhöhter Glanz von Sonne und Mond (Jes. 30, 26)
‑ dies sind einige der Herrlichkeiten dieses goldenen Zeitalters.

So erreicht Gott Sein Ziel. Auch in Bezug auf Israel siegt Seine Gnade (Röm. 11, 26; 29). Trotz aller Krisen im einzelnen wird Gottes Gesamtplan vollendet. Das Wanderziel Abrahams leuchtet auf. Die errettete Nachkommenschaft des Patriarchen ‑ sein leiblicher und geistlicher Same durch den Glauben ‑ nimmt teil am Genuß der Erfüllung seiner Sehnsucht. Denn Abraham erwartete „die Stadt, deren Schöpfer und Baumeister Gott ist“ (Hebr. 11, 10).
Wahrlich: „Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar . . . O Tiefe des Reichtums sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!“ (Röm. 11, 29; 33.) Ihm aber, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (1. Kön. 18, 36, vgl. 31), Ihm, dem Gott Israels und der Nationen (Röm. 3, 29), Ihm, dem Könige der Zeitalter, dem unsichtbaren, alleinigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (1. Tim. 1, 17).  

2. Die Geschichte der Tempel Gottes

Der Zentralquellpunkt der israelitischen Volksberufung ist der Tempeldienst. Israel sollte nach Gottes Willen ein „Königreich von Priestern“ sein (2. Mos. 19, 6). Hierbei ging es um das Letzte und Tiefste in dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch, um die Wiederherstellung und Vollendung heilig‑liebender, personhaft‑lebendiger Gottesgemeinschaft.

Der Schnittpunkt zwischen Ewigkeit und Zeit

Hier aber tut sich die ungeheure Kluft auf, die Gott und Mensch voneinander trennt. Nicht nur: Gott ist der Unendliche und der Mensch der Kleine und Begrenzte, nicht nur: Gott ist der Schöpfer und der Mensch Sein Geschöpf, sondern: Gott ist der Heilige und der Mensch, seit Adams Fall, der Sünder! Gott ist der Gerechte und der Mensch der mit Unreinheit und Schuld Beladene!Und doch kann nur Anschluß an Gott den Verlorenen retten. Denn Gott ist der Lebensquell, und nur Gemeinschaft mit Ihm gibt der Kreatur Seligkeit und Heil. Andererseits aber muß die Begegnung des Sünders mit dem heilig‑gerechten Gott für ihn die Offenbarung strafender Gerechtigkeit bedeuten. Also gerade das, was dem Sünder allein helfen kann ‑ Berührung mit Gott ‑ müßte ihn vernichten! Hier liegt die gewaltige Spannung, die nur dadurch ihre Auflösung erfahren kann, daß auf irgendeine Weise dieser Schnittpunkt von Ewigkeit und Zeit beides zugleich in sich birgt: Gerichtsbarkeit und Heil, Zudeckung der Schuld und Begründung eines neuen Lebens, Vergebung und Heiligung.

Der Sinn des Allerheiligsten

Hier nun offenbart sich, wie in geradezu großartiger Weise die Symbolik des alttestamentlichen Tempeldienstes dem Heilsbedürfnis des Menschen entspricht.

Dieser zentrale Vereinigungspunkt von Ewigkeit und Zeit, heiligem Gott und sündiger Kreatur ist im Mittelpunkt des alttestamentlichen Tempeldienstes symbolisch geoffenbart, das heißt, im Allerheiligsten von Stiftshütte und Tempel.
Und in der Tat, er enthielt in seiner Ausstattung sinnbildlich diese notwendige, polare Zwei‑Einheit: Abbruch des Alten und Einführung des Neuen, Vergebung und Führung, Sünden‑Zudeckung und Heiligung, dargestellt in seiner Symbolsprache durch Versöhnungsdeckel und Gesetzestafeln, Kapporeth und Thora, so wie sie über und in der Bundeslade, diesem Zentralgerät des ganzen Gottesdienstes, harmonisch miteinander vereint waren (2.Mos.25,17‑22; Hebr.9,4). Vollkommener kann diese zentrale Vorausschattung des Heils der Notwendigkeit und dem Ziel der Erlösung tatsächlich nicht entsprechen.

Christus hat dann diese polare Zwei – Einheit zur Vollendung gebracht. Sein priesterliches Opfer bringt die „Abschaffung der Sünde“ (Hebr. 9, 26). Sein königliches Amt bedeutet Heiligung und Herrschaft. So werden beide in Einem erfüllt: der Versöhnungsdeckel und der Bundesladenthron, Kapporeth und Thora, Zudeckung der Schuld und Neubeherrschung des Lebens, und es enthüllt sich uns hier, im Licht innerer Erfordernisse und prophetischer Symbole, die Notwendigkeit eines priesterlich‑königlichen Welterlösers.

So ist denn im Allerheiligsten der Schnittpunkt zwischen Ewigkeit und Zeit am vollkommensten sinnbildlich dargestellt. Darum ist es zugleich ‑ auch in seinen Raumverhältnissen ‑ Symbol der Vollkommenheit überhaupt. Dies geschieht durch die Würfelgestalt, und zwar sowohl schon in der Stiftshütte als auch später in den Tempeln, ja hin bis zur Symbolik des Himmlischen Jerusalem (2.Mos.26,15‑20; Hes. 48, 16; Off. 21, 16). Denn der Würfel hat das Gleichmaß nach allen Seiten, die Harmonie des Gesamten und drückt darum raumsymbolisch die Idee der Vollkommenheit aus.

Die heilsgeschichtliche Grundidee der Tempel Gottes

Aber zunächst konnte diese Vollkommenheit des Göttlichen, wegen des Einbruchs der Sünde, im Verlauf der Geschichte noch nicht voll triumphieren. Daher die Notwendigkeit der Darstellung eines zunächst noch durch einen Vorhang verschlossenen (Hebr. 9, 8), ja sogar im Dunkel geheimnisvoll verhüllten Allerheiligsten (2.Mos.20,21; 1.Kön.8,12) und die Notwendigkeit der Beiordnung rangmäßig abgestufter Vorräume, nämlich Vorhof und Heiliges. Erst in der Vollendung ist das g a n z e Gottesvolk A l l e r heiligstes.

Aber „über allen Himmeln“ ist der Thron Gottes selbst. Dort ist das Gesetz, das das Weltall regiert. Dort ist auch die Gnade, die die Sünden vergibt und den Herrschaftsthron Gottes zu einem „Gnadenstuhl“ macht (2.Mos.25,17 (Luther); Hebr.4,16; Röm.3,25), und dort ist, über allem, die Lichtherrlichkeit Gottes, die, wie die Wolke der Schechina, alles andere überstrahlt (2.Mose 40,34;35; 1.Tim.6,16).

Die Heilsnotwendigkeit des stellvertretenden Opfers

Die Zentralhandlung des Tempeldienstes ist das Opfer. Erst dadurch wurde alle diese Symbolik und Heilswirklichkeit möglich. Denn soll der Schnittpunkt von Ewigkeit und Zeit ‑ um den es ja bei dem gesamten Tempeldienst überhaupt nur geht ‑ rettendes, wirksames Kraftzentrum werden, so muß die in ihm sich vollziehende Begnadigungshandlung zugleich rechtsgültig sein. Dies aber kann sie nur sein, wenn sie sich zugleich richterlich und tatsächlich mit der Sünde auseinandersetzt, also zugleich Sühnung in sich einschließt. Die Sünde aber ist, ihrem Wesen nach, Trennung von Gott. Gott aber ist das Leben. Darum ist Loslösung von Gott zugleich Loslösung vom Leben, also Tod. „Der Tod ist der Sünde Sold“ (Röm. 6, 23).
Dann aber muß, wenn eine objektive Sühne erforderlich ist, diese Sühne dem Wesen der Sünde entsprechen, also ebenfalls in der Trennung vom Schöpfer und Leben, also im Tode bestehen. Nur durch den Tod kann dem Tode der „Tod“ bereitet werden. (Hebr. 2, 14; Eph. 2, 16). „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (Hebr.9,22).

Auf diese zentrale Heilshandlung weist das Opfer des alttestamentlichen Tempeldienstes hin. Es ist eine von Gott planvoll geordnete Erziehungsinstitution auf den geschichtlichen Heilsmittelpunkt hin. Christus hat dann als „Lamm Gottes“ die Vollendung gebracht (Hebr. 9, 26). Seine Selbsthingabe auf Golgatha war die wahre Darbringung, Sein Kreuz der wahre Altar, Sein Blut das wahre Lösegeld und somit Er Selbst in Seiner Person und Seinem Werk der wahre Tempel, der wahre Hohepriester und das wahre Opfer zugleich.

Die Haupttempel Gottes (in geschichtlicher Folge)

Sieben bzw. acht Hauptformen der Tempelidee sind hintereinander in der Offenbarungsgeschichte zu erkennen.

1. Die Stiftshütte,

errichtet durch Mose um 1500 bei der Gesetzgebung am Sinai, dann wanderndes Gotteszelt in der Wüste und schließlich, lange Zeit hindurch, Zentralheiligtum Israels im Lande in der Zeit zwischen Josua und Salomo, besonders in Silo, zusammen von 1500 bis 1000 v. Chr.

2. Der Tempel Salomos,

erbaut um 1000, unvergleichbar schöner als die Stiftshütte, doch nach demselben Grundplan (1. Kön. 6, 1). Jahrhunderte hindurch war er der Mittelpunkt der Verehrung Gottes, trotz der mit Jerobeam beginnenden abtrünnigen Anbetungsform im Zehnstämmereich. Zerstört wurde er durch Nebukadnezar von Babel bei seinem dritten Feldzug gegen Jerusalem (586), und sieben Jahrzehnte hindurch erfuhr der israelitische Tempelopferdienst eine totale Unterbrechung.

3. Der Tempel Serubabels.

Erst nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft (536) unter Serubabel und Josua konnte man mit dem Neubau eines Tempels beginnen…, und so war es genau das 70. Jahr nach der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar, daß der zwar schlichte (Esr.3, 12), aber doch durch besondere Gottesverheißungen ausgezeichnete (Hagg. 2, 9; 10) Tempel eingeweiht werden konnte. Später wurde er durch König Herodes prunkvoll ausgebaut (Joh. 2, 20). Seine eigentliche Herrlichkeit aber, durch die er auch den Salomonischen Tempel entscheidend überragt (Hagg. 2, 9), empfing er dadurch, daß es gerade dieser Serubabelsche Tempel war, in dem Jesus als Knabe war und dann später als Mann und Prophet lehrte und kämpfte, vor allem aber dadurch, daß es dieser Tempel war, in dem, in der Todesstunde von Golgatha, der Vorhang zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten zerriß, wodurch angedeutet wurde, daß die Welterlösung vollbracht, das vollgültige Sühnopfer gestellt und der unmittelbare Weg zu Gott nunmehr frei war (Matth. 27,51; Hebr. 9,8).
Bei der Zerstörung Jerusalems durch den Römer Titus ist dann auch dieser Tempel in Flammen aufgegangen. Von nun an ist Israel, das den Messias verworfen hatte (Matth. 27, 25), „ohne Opfer, ohne Altar, ohne Leibrock, ohne Heiligtum“ (Hos. 3, 4). Gott aber, dessen Heilspläne niemals vernichtet werden können, hielt auch hier an Seinen heiligen Zielen fest. Auch jetzt, mitten in Zusammenbruch und Gericht, gab Er Seinen Grundsatz nicht auf, ja brachte ihn sogar jetzt desto wunderbarer und tiefer, eben innerlicher und vergeistigter, zur Durchführung. Er berief Sich Seine Gemeinde und machte sie, durch die Innewohnung Seines Geistes, zu Seinem Tempel.

Schöpferischer Anfang dieses neuen Weges war der Erlöser Selbst. In Christus, dem menschgewordenen Gottessohn, „wohnte“ die Fülle der Gottheit „leibhaftig“ (Kol. 1, 19; 2, 9). So hat Christus, der Heilsmittelpunkt, als der gottgesandte Immanuel in Seiner Person und Seinem Werk die Tempelwahrheit in vollkommenster Weise zur Verwirklichung gebracht.

4. Der Tempel des Leibes Jesu.

Wenn je in der Geschichte des Universums Ewigkeit und Zeit sich harmonisch vereint haben, dann in Jesus Christus, welcher „Gott, geoffenbart im Fleisch“ war (1. Tim. 3, 16)! Darum war Er Wander-zelt Gottes und Sein Leib wahrer Tempel. So hat Ihn Johannes geschildert. „Das Wort ward Fleisch und »zeltete« unter uns“ (Joh. 1, 14 wörtlich). So hat Er Sich Selbst charakterisiert: „Brechet diesen »Tempel« ab, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufbauen.“ So hatte Er von dem „Tempel“ Seines Leibes gesprochen (Joh. 2, 19‑22). Er, der der Herr des Tempels war, der zugleich schon in der alttestamentlichen Zeit sein eigentlicher Sinn und sein heilsgeschichtliches Ziel war, ist dann in der Fülle der Zeit dieVollausgestaltung der Tempelidee Selber geworden, „der Tempel“ schlechthin, in Seiner Person und Seinem Verhalten die idealste und vollkommenste Verwirklichung der Verbindung zwischen Himmel und Erde (vgl. Joh. 1, 51).

Die Gemeinde ist dann die Fortsetzung Seines Lebens hier auf Erden. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1, 27). Darum ist auch sie, durch die Innewohnung Christi durch den Heiligen Geist, „Tempel Gottes“.

5. Der geistliche Tempel der Gemeinde.

In drei Kreisen entfaltet der Herr in diesem Lebensraum diese große Wahrheit. Er wohnt durch Seinen Geist in der Persönlichkeit des Einzelgläubigen, dessen Leib dadurch nunmehr ein „Tempel des Heiligen Geistes“ ist (1. Kor. 6, 19).
Er wohnt durch den Geist in der Ortsgemeinde der Gläubigen, die somit Stätte Seiner Gegenwart und „Tempel Gottes“ ist (1. Kor. 3, 16),
und Er wohnt durch denselben Heiligen Geist in der Gesamtgemeinde aller Erlösten, so daß der ganze Leib Christi „heiliger Tempel im Herrn“ ist, in dem alle Einzelglieder mitaufgebaut werden zu einer „Behausung Gottes im Geist“ Eph.2,21; 22; 1.Petr.2,4;5.

So ist die Ekklesia des Neuen Bundes Gottes Tempel in der gegenwärtigen Heilszeit.
Die Grundlage ist der Herr Selbst. Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist (1. Kor. 3, 11). Von Ihm spricht das Zeugnis der ersten Generation. Darum ist alles, was darauf folgt, „aufgebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten“ (Eph. 2, 20).Die Steine kommen aus zwei „Steinbrüchen“, den Juden und Heiden (Eph. 2, 11; 12), und werden zu e i n e m heiligen Tempel zusammengefügt. Sie kommen als tote Steine zu Ihm, dem Lebendigen, und werden durch den Geist Seines Lebens lebendig gemacht (1. Petr. 2, 4; 5). Ihr Glauben an Christus ist zugleich Glauben auf Christus, ein Sichstützen und „Aufgebautwerden“ auf den „Eckstein“ in Zion (Jes. 28, 16).

Der Zweck dieses Hauses ist, ein „Tempel“ zu sein. Es ist ein „geistliches Haus“, und die „Steine“ in der Wand sind zugleich „Priester“ am Altar (1. Petr. 2, 5; Hebr. 13, l0). Sie opfern: ihr Leben ist ein Schlachtopfer (Röm. 12, 1), ihr Dienst ein Trankopfer (2. Tim. 4, 6), ihre Taten geistliche Opfer (1. Petr. 2, 5), ihre Anbetung ein Lobopfer (Hebr. 13, 15). Sie beten für andere; sie danksagen für andere (1. Tim. 2, 1; 2), im stillen Kämmerlein umspannen sie die ganze Welt. Sie sind ein Segen für ihre Umwelt; sie bringen andere in die Nähe Gottes, und so darf in jedem einzelnen von ihnen die Verheißung erfüllt werden: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ (1. Mose 12, 2).

Schließlich aber ‑ so scheint es ‑ wird Gott wieder an die Geschichte des irdisch‑sichtbaren Tempels anknüpfen.

6. Der Tempel des Hesekiel (Kap. 40 bis 44).

Jedenfalls schildert Hesekiel in seiner Weissagung vom messianischen Heil einen zukünftigen Opferdienst mit so vielen Einzelbestimmungen (z.B. Hes.45,23; 24; 46, 4‑15) und einen zukünftigen Tempel mit so genauen Einzelangaben und Teilmaßen, (Hes. 40,6‑15; 41, 1‑4; 43, 13‑17), daß es kaum möglich erscheint, dies alles nur bildlich und geistlich zu verstehen. Die Schwierigkeit, daß sich dann n a c h dem vollbrachten Werk von Golgatha ‑ trotz der Belehrungen des Hebräerbriefes (l0,10; 14; 8,13; 7,18) ‑ doch noch Opferdienst mit Brandopfern, Speisopfern, Dankopfern, Sündopfern, (Hes.43,18‑27; 44,11; 15; 16; 29; 45,17) ein Priesterdienst (Hes. 40, 46) und ein Feiern besonderer Feste (Passah, Laubhütten: Hes. 45,21; Sach.14,16) fände, würde sich dabei möglicherweise so lösen, daß diese Opfer ungefähr auf derselben Stufe ständen wie in der Gegenwart Taufe und Abendmahl, nämlich daß sie Zeichen der Erinnerung wären, Darstellungen des v o l l b r a c h t e n Erlösungswerkes, rückwärtsschauende Sinnbilder, gleichwie die durch das Kreuz abgeschafften, alttestamentlichen Opfer vorwärts schauten auf das erst noch zu vollbringende, von ihnen aus gesehen, noch zukünftige Erlösungswerk.

Zuletzt aber wird die Vollendung kommen und mit ihr auch die Vollausgestaltung der Tempelidee.

7. Das himmlische Jerusalem als Tempel (Allerheiligstes).

Deutlich wird in der Bildersprache der Offenbarung die ewige Gottesstadt als das himmlische Allerheiligste geschildert. Daher ihre Würfelgestalt (Off. 21, 16 vgl. Hes. 48, 16). Daher überhaupt auch schon das Fehlen jedes Sondertempels in ihr (Off. 21, 22), da sie ja selbst der vollendete Gottestempel ist. Daher auch keine Bundeslade mehr (Jer. 3, 16; 17), da ja der Thron Gottes selbst in der Stadt ist (Off. 22, 1; 3) und folglich der sinnbildliche Thronsitz des Herrn als „erfüllt“ seiner Verwirklichung weichen kann. Während aber in den Tempeln der alten Erde das Allerheiligste noch in Dunkel verhüllt gewesen war – als Zeichen, daß Gottes Selbstoffenbarung noch nicht voll durchgeführt worden war ‑, ist das himmlische Allerheiligste vom Glanz der ewigen, lichtstrahlenden Jaspis-Schechina erfüllt. Denn die Vollendung ist erreicht. Gottes Name ist an den Stirnen der Erlösten, das heißt: Jeder einzelne ist gleichsam nicht nur Priester, sondern Hoherpriester. Seine Knechte werden Ihm dienen und Sein Angesicht schauen. Gottes Selbstoffenbarung ist zur vollen Entfaltung gelangt. Darum schwindet alle Verhüllung, und statt des Dunkels des Mysteriums strahlt das Licht der göttlichen Ewigkeitssonne.

Auszug aus dem Buch GOTT, MENSCHHEIT UND EWIGKEIT.

Horst Koch, Herborn, im Januar 2006

info@horst-koch.de

www.horst-koch.de

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