Homosexualität – Karl Barth

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Barth, Karl

 

Homosexualität

 

 

 

Man wird gut tun, sich schon bei den ersten Schritten in dieser Richtung wohl in acht zu nehmen.

 

 

 

Schon die ersten Schritte in dieser Richtung können nämlich Symptome der Krankheit der so genannten Homosexualität sein. Sie ist diejenige – physische, psychische, soziale – Krankheit, die Erscheinung der Perversion, der Dekadenz, des Zerfalls, die da eintreten kann, wo der Mensch die Geltung des göttlichen Gebotes gerade in dem von uns hier im Besonderen ins Auge gefaßten Sinn durchaus nicht wahrhaben will. Paulus hat sie Röm. 1 in Verbindung gebracht mit der Abgötterei, der Vertauschung der Wahrheit Gottes mit der Lüge, der Anbetung und Verehrung des Geschöpfs an Stelle des Schöpfers (v25). «Deshalb gab sie Gott dahin in schändliche Leidenschaften; ihre Frauen vertauschten nämlich den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso verließen auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau zugunsten einer Brunst untereinander – Männer mit Männern, Schande treibend – und empfingen in sich selbst den verdienten Lohn ihrer Verirrung» (v 26-27). Homosexualität ist eine letzte Konsequenz. Aus der Verkennung Gottes folgt die Verkennung des Menschen, folgt jene «Humanität ohne den Mitmenschen» (KD III, 2 S. 274 ff.), folgt – da Humanität als Mitmenschlichkeit in ihrer Wurzel als Mitsein des Mannes und der Frau zu verstehen und zu gestalten wäre – als Wurzel solcher Inhumanität das Ideal einer frauenfreien Männlichkeit und einer männerfreien Weiblichkeit, folgt endlich (weil die Natur – nein, der Schöpfer der Natur nicht mit sich spaßen läßt, weil der verschmähte Mitmensch nun doch da ist, weil auch die natürliche Ausrichtung auf ihn faktisch besteht und durchhält) die korrupte geistige und schließlich auch die korrupte physische Lust, in der – in einer Geschlechtsbeziehung, die keine ist, noch sein kann – der Mann im Manne, die Frau in der Frau so etwas wie den verschmähten Partner nun dennoch suchen zu müssen und finden zu können meint. Gewiß dann in flagrantem Widerspruch gegen Gottes Gebot! Aber es hätte keinen Sinn, den Menschen erst angesichts dieser letzten Konsequenz mit Gottes Gebot konfrontiert zu sehen, den menschlichen Ungehorsam erst da als solchen namhaft zu machen, wo jene Krankheit offen ausbricht, wo es endlich und zuletzt zu jenen widernatürlichen Vergehungen kommt. Natürlich steht Gottes Gebot auch diesen Vergehungen entgegen. Aber das ist fast zu selbstverständlich, als daß es ausdrücklich festgestellt werden müßte. Hoffentlich im Wissen um Gottes Gebot, aber auch um seine sündenvergebende Gnade werden hier der Arzt, der psychotherapeutisch geschulte Seelsorger und – zum Schutz gefährdeter Jugend – auch der Gesetzgeber und Richter ihr Bestes tun müssen. Das entscheidende Wort der christlichen Ethik aber muß in der Warnung vor dem Betreten des ganzen Weges bestehen, der dann in konkreter Homosexualität sein bitteres Ende finden kann. Er kann bekanntlich in seinen Anfängen von einem Glanz besonderer Schönheit und differenzierter Geistigkeit, ja von einem Duft von Heiligkeit umgeben sein. Es waren oft nicht die Schlechtesten, die ihn als eine Art von wunderbarer Esoterik persönlicher Lebensführung entdeckt und irgend ein Stück weit begangen haben. Und die Krankheit pflegte und pflegt auch nicht immer – und wenn sie es tut, nicht immer in häßlichen oder gar strafbaren Formen – zum Ausbruch zu kommen. Die Angst vor dem Letzten kann hier so wenig schützen und seine Verurteilung kann hier so wenig Halt gebieten wie der Gedanke an allerlei peinliche Folgen jemals einen Menschen von den Wegen der Hurerei zurückgehalten hat. Sondern gerade in jenen lichten Anfang muß die Erkenntnis und die Einschärfung des göttlichen Gebotes hineinstoßen. Dort findet die eigentliche Perversion statt, dort die ursprüngliche Dekadenz und der wahre Zerfall, wo der Mensch den Menschen des anderen Geschlechts, das heißt aber die Urgestalt des Mitmenschen nicht mehr sehen, sich nicht mehr durch ihn gefragt wissen, sich ihm gegenüber nicht mehr verantworten, sondern für sich selbst – als souveräner Mann oder als souveräne Frau – Mensch sein, seiner selbst froh sein, sich selbst genießen und genügen will. Eben der wunderbaren Esoterik jener beata solitudo stellt sich das Gebot Gottes entgegen. Eben dort hat der Mann, hat die Frau (vermeintlich in der Entdeckung des echt Menschlichen begriffen) sich offenbar das Bild eines falschen Gottes gemacht und sich in dessen Dienst begeben. Hier also muß bei einem Jeden für sich selbst und dann auch im Verhältnis zu den Anderen das Erschrecken einsetzen, die Besinnung und Aufklärung, der Protest, die Warnung, die Umkehr. Das Gebot Gottes deckt ihm – in hellem Widerspruch zu seinen eigenen Entdeckungen – unweigerlich auf, daß er als Mann gerade nur mit der Frau, als Frau gerade nur mit dem Mann zusammen echt Mensch sein kann. In dem Maß, als er sich diese Aufdeckung gefallen läßt, wird die feine und die grobe Homosexualität bei ihm keinen Raum haben können. 

 

 

 

(In Auszügen zitiert aus Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III,4 , S. 181-183, Zürich 1969  §54 Freiheit in der Gemeinschaft, 1. Mann und Frau)

 

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