Herz und Seele – W.J.O.

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Willem J. Ouweneel


Herz und Seele

Gibt es eine christliche Psychologie?

Inhaltsverzeichnis
1. Psychologie und Christentum
2. Die Ausgangspunkte der christlichen Psychologie
3. Die Entwicklung der Psychologie
4. Die mentalen Strukturen
5. Die normale Persönlichkeit
6. Die abnorme Persönlichkeit
– Der Text wurde von mir stark gekürzt. Auch die Hervorhebungen sind von mir. Horst Koch, Herborn, im Januar 2017

Vorwort
»Psychologie«  das ist ein sonderbares Fach. Ein amerikanisches Lehrbuch der Psychologie beginnt etwa mit den Worten: »Sagen wir es gleich zu Anfang: Psychologie kann nicht definiert werden.« Ist das nicht merkwürdig? Was für eine Wissenschaft ist das, von der die Gelehrten nicht einmal sagen können, was sie ist? Versuche das Wort nicht zu übersetzen, denn sagst du: »Psychologie ist die Lehre von der Seele«, dann stürzt du in die schwindelnden Tiefen des Wortes »Seele«. Das gleiche gilt für das »Psychische«, wenn man sagt, daß Psychologie die Lehre vom Psychischen ist. Woher diese Verwirrung? Sie rührt daher, daß die Psychologie eigentlich ihren Geltungsbereich weit überschreitet. Sie will vor allem die »Menschwissenschaft« im wahren Sinn sein  und das Problem ist, daß wir nicht wissen, wer und was »der Mensch« ist. Psychologie handelt von uns selbst  aber wer sind wir?

Haben Christen eine bessere Antwort auf die Frage, wer und was der Mensch ist? In gewissem Sinn ja. Das heißt, sie studieren den Menschen in dem hell strahlenden Licht, das die Bibel auf ihn als Geschöpf und Bildträger Gottes wirft. Und das ist um vieles besser als das Kerzenlicht, das der weltlichen Wissenschaft zur Verfügung steht. Trotzdem haben einerseits viele Nichtchristen den Menschen sehr scharf beobachtet, und andererseits müssen Christen so bescheiden bleiben, anzuerkennen, daß sie letztlich genausogut vor einem Geheimnis stehen. Den Menschen, gerade weil er der Bildträger Gottes ist, können wir in seinem tiefsten Wesen ebensowenig ergründen, wie wir Gott ergründen können.
Dieses tiefste Wesen des Menschen nennt die Bibel das Herz. Das Herz ist also der Mensch in seinem eigensten Inneren, dort, wo er am meisten »Mensch« ist, und also am rätselhaftesten. Am Herzen des Menschen kann der Wissenschaftler deswegen nur schnüffeln, riechen. Er kann es nicht ausloten, aber er kann ihm im Licht des Wortes Gottes wohl näherkommen. Darum hat die christliche Psychologie einen hohen Anspruch, und das darf sie auch, solange sie im Hinblick auf die Schrift einen hohen Anspruch stellt und im Hinblick auf ihr eigenes Können äußerst bescheiden bleibt.
Mein eigenes Interesse am Menschen ist in erster Linie hervorgekommen aus meinem Studium der Bibel, in der die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen im Mittelpunkt steht; weiter aus meinem Interesse an der reformatorischen Philosophie, in der die christlich-philosophische Lehre vom Menschen im Mittelpunkt steht. Auch hat in den letzten Jahren mein Interesse an den theoretischen Grundlagen der evangelikalen Seelsorge zugenommen, und zwar vor allem deshalb, weil unter bibeltreuen Seelsorgern merkwürdigerweise soviel Uneinigkeit über die Grundlagen besteht. Der vierte Grund meines Interesses an der Psychologie war meine eigene Entwicklung an der Evangelischen Hochschule in Amersfoort (Niederlande); dort lehre ich seit 1977 Philosophie und seit 1982 Psychologie.
De Bilt (Niederlande), Januar 1984, Willem J. Ouweneel

1. Psychologie und Christentum
Sehr viele Menschen sind schon einmal mit einem Psychologen in Kontakt gekommen. Sie oder ihre Kinder haben sich z.B. einem psychologischen Test unterzogen: in der Schule, bei der Musterung für die Bundeswehr oder als man sich um eine bestimmte Stelle bewarb… Es gibt auch viele Psychologen, die sich mit wissenschaftlicher Forschung beschäftigen, wovon das große Publikum gewöhnlich kaum etwas merkt. Sie studieren »Sinnesempfindungen« (sehen, hören, riechen, schmecken) oder »Lernprozesse« oder »Kreativität« oder »mentale Anomalien« oder »Intelligenz« oder »Instinkte«, und so könnte man fortfahren. …
Die vielen Probleme haben dieses gemeinsam, daß sie sich auf Erscheinungen beziehen, die man bei leblosen Dingen und bei Pflanzen nie antreffen wird. Es sind Erscheinungen, die sehr kennzeichnend für den Menschen sind und zum Teil übrigens auch bei den (höheren) Tieren angetroffen werden …
Die Psychologie scheint daher ganz besonders die Wissenschaft zu sein, die »den Menschen« studiert, oder die »Menschwissenschaft« im wahren Sinn des Wortes …

1.1. WAS IST PSYCHOLOGIE?
Psychologen beschäftigen sich also mit sehr unterschiedlichen Fragen, die alle »den Menschen« betreffen oder dessen inneres psychisches und geistiges Leben, dessen äußeres, von diesem inneren Leben bestimmte Verhalten, das der Mensch in Wechselwirkung mit seiner Umgebung zeigt … Inmitten aller sogenannten »Menschwissenschaften« scheint die Psychologie besonders die Wissenschaft zu sein, die die Frage nach dem Wesen des Menschen als solches stellt …
Seit gut hundert Jahren ist die Psychologie eine sogenannte »experimentelle« Wissenschaft, das heißt, sie versucht Erkenntnisse durch Beobachtungen und vor allem durch Experimente zu sammeln. Aber kann man ausschließlich dadurch wirklich etwas über das tiefste Wesen des Menschen erfahren?

Früher dachten viele Menschen das. Sie meinten, Wissenschaft »neutral, objektiv« betreiben zu können, das heißt, sie hielten sie für eine menschliche Aktivität, die man ganz ohne Vorurteil ausüben könne. Heutzutage wissen wir das besser. Es gibt überhaupt keine menschlichen Aktivitäten, die völlig »neutral, objektiv« sind, schon gar nicht die Wissenschaft. Wir werden später sehen, daß gerade die Psychologie selbst erwiesen hat, daß all unsere Beobachtungen »voreingenommen« sind. Wir alle tragen ein ganzes Arsenal an Erfahrungen, Haltungen, Meinungen, Angewohnheiten, Einstellungen, Trieben mit uns herum, deren wir uns gewöhnlich kaum bewußt sind, die aber all unseren Beobachtungen doch eine bestimmte »Farbe« geben. Das ist so in allen Bereichen des Lebens, auch in der wissenschaftlichen Forschung.

Jeder Psychologe, der eine Untersuchung beginnt, tut das von vornherein mit bestimmten vorgefaßten (teils unbewußten) Meinungen darüber, wer und was der Mensch eigentlich »ist«, und diese Meinungen bestimmen die Wahl seiner Experimente und beeinflussen auch die Deutung der Ergebnisse dieser Experimente.

Christen, die sich heute mit der Psychologie beschäftigen möchten, stehen vor dem Problem, daß die Forscher, die die Psychologie entwickelt haben, keine Christen waren. Wenn es sich um den Maschinenbau oder die Zahnheilkunde handelte, wäre das nicht so schlimm; aber es geht hier um eine Wissenschaft, die von vornherein behauptet hat, etwas Wesentliches darüber aussagen zu können, wer und was »der Mensch« ist.
Heutzutage sind die Psychologen in diesem Punkt zwar bescheidener als früher, aber dieser Gedanke sitzt noch immer fest. Allen frühen Wissenschaftlern der experimentellen Psychologie war dies gemeinsam, daß sie eine bestimmte »Menschanschauung« hatten, wobei der Mensch gleichsam in den Mittelpunkt des Weltalls gestellt wurde (oder jedenfalls des irdischen Lebens …), während die Beziehung dieses Menschen zu seinem Schöpfer außerhalb ihres Horizontes gerückt worden war. Für einen Christen bedeutet das, daß solche Psychologen schon von vornherein das Wesentlichste des Menschen außer Betracht gelassen haben. Alles, was solche Psychologen über den Menschen »entdecken«, mag zwar sehr interessant sein, aber es können doch höchstens »halbe Wahrheiten« sein, weil sie von einem verkehrten Menschenbild ausgehen.

Das ist der Grund, warum es für den Christen, der sich mit Psychologie beschäftigen will, nicht ausreicht, um Gottes Bewahrung zu bitten und weiter eine kritische Haltung gegenüber seinem Fach einzunehmen. Was er braucht, ist eine radikal christliche Psychologie, die sozusagen von Grund auf neu aufgebaut ist. Solch eine christliche Psychologie geht von dem offenbarten Wort Gottes aus. Diese Offenbarung Gottes, die in der Bibel enthalten ist, gibt uns nicht nur die höchste Wahrheit über Gott, sondern auch die höchste Wahrheit über den Menschen, über uns selbst – und dabei handelt es sich nun gerade um die Wahrheit, die niemals auf experimentelle Weise erworben, sondern nur durch göttliche Offenbarung erlangt werden kann. Diese tiefste Wahrheit enthüllt uns das wahre Wesen des Menschen, oder, um es biblisch auszudrücken: das Herz des Menschen.

Wir werden später sehen, was wir unter diesem »Herzen« zu verstehen haben (mit dem blutgefüllten Hohlmuskel in unserem Brustkorb hat es jedenfalls nicht viel zu tun). Aber wir können jetzt schon sagen, daß das Herz das tiefste Innere des Menschen ist, der »Mittelpunkt«. Und nicht nur das: In diesem Herzen ist der Mensch auf das Höhere bezogen. Der Mensch ist ein zeitliches, irdisches Wesen; aber er ist zugleich ein Ewigkeitswesen, ein Wesen an der Grenze von Zeit und Ewigkeit, ein Mensch, bezogen auf eine höhere, ewige, unsichtbare Welt. Für den gläubigen Christen ist das die himmlische Welt Gottes; für den Ungläubigen, den Nichtchristen ist das die Welt der Götzen, der Dämonen, der Mächte der Finsternis.

1.2. GIBT ES EINE CHRISTLICHE PSYCHOLOGIE?
Natürlich ist dies nicht das erste Buch in der Geschichte, das sich mit den Beziehungen zwischen Christentum und Psychologie beschäftigt. Das haben bereits viele Christen vor mir getan…
Nun muß ich gleich dazu bemerken, daß in gewisser Hinsicht etwas Wahres daran ist, denn eine Psychologie ohne die Bibel kann uns, wie gesagt, über das Wesen des Menschen keine wirkliche Auskunft geben. Schließlich hat also alle Wahrheit über den Menschen ihren Ursprung in der Bibel. Aber umgekehrt muß man bedenken, daß nicht alles, was man über den Menschen weiß, in der Bibel mitgeteilt wird. Darüber können wir auch sehr froh sein, denn so gibt es für den neugierigen Menschen noch sehr viel zu erforschen. …

Psychologie und Theologie sind beides Fachwissenschaften, die ein ganz eigenes Forschungsgebiet haben. Aber man darf »Theologie« nicht mit »Bibel« verwechseln. Die Psychologie hat nur sehr indirekt mit der Theologie, aber sie hat alles mit der Bibel zu tun. Auch hier verfällt man sonst leicht in den Denkfehler, daß man einerseits von einer »neutralen, objektiven« Psychologie ausgeht, die das menschliche Verhalten studiere, und andererseits von der Theologie, die sich mit dem »geistlichen Leben« des Menschen beschäftige. Noch einen Schritt weiter, und man behauptet, daß der (klinische) Psychologe zuständig sei für das Gefühlsleben und der Theologe (der Pastor) für das geistliche Leben des Menschen. Aber so geht das nicht. Der christliche Psychologe geht von der Bibel aus, genauso wie der (christliche) Theologe; er geht von dem Menschen als Geschöpf Gottes aus, genauso wie der (christliche) Theologe, und er betrachtet den Menschen als unlösbare Einheit, die nicht aufgespalten werden kann in ein Stückchen für den Pastor und ein Stückchen für den Psychologen. …
Genau, sagen andere christliche Schreiber, das ist es ja gerade, was wir wollen: eine »Integration« (Verschmelzung zu einer Einheit) von Psychologie und Theologie. Doch auch das suchen wir nicht. Erstens müssen Psychologie und Theologie als gesonderte Fachwissenschaften durchaus getrennt bleiben; und zweitens gehen auch diese Schreiber zu leicht von der gängigen und also nichtchristlichen Psychologie aus. Wir suchen nicht eine Verschmelzung der bestehenden Psychologie mit der Theologie, sondern sozusagen eine Bekehrung der Psychologie zur Heiligen Schrift! …
Bis jetzt hat es den Anschein gehabt, als ob ich nun sagen würde: Das Fundament ist die Bibel. Doch das muß wohl etwas näher erläutert werden. Man kann nämlich nicht »so ohne weiteres« eine Psychologie auf die Bibel gründen. Die Bibel ist nun einmal kein Handbuch für die Wissenschaft. …
Eigentlich sind wir alle kleine Psychologen: wir haben alle ein gewisses Maß an Menschenkenntnis, und wir bilden alle jeden Tag »Theorien« über die Motive hinter dem Verhalten anderer Menschen usw. Aber ein guter Psychologe ist jemand, der darin geübt ist, solche Theorien auf kritische und systematische Weise zu bilden und sie auch kritisch zu prüfen. Und wenn er überdies vor allem bibeltreue Ausgangspunkte hat, dann ist er erst gänzlich ein guter Psychologe. …

1.3. DER NUTZEN EINER CHRISTLICHEN PSYCHOLOGIE
Ist solch eine Psychologie nützlich? Ich bin davon überzeugt, sonst hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Es ist übrigens auch so schon nützlich und wunderbar, sich in Gottes herrliche Schöpfungswerke zu vertiefen, und das gilt besonders, wenn es um das hervorragendste Schöpfungswerk geht: den Menschen. Gute Psychologie – das ist sowohl bibeltreue als auch kritische, systematische Psychologie – lehrt uns sehr viel über den Menschen, und das bedeutet also: über uns selbst. Wer sich mit der christlichen Psychologie beschäftigt, lernt sich selbst besser kennen, und das ist immer sehr nützlich. Und noch nützlicher wird es, wenn die Kenntnis auch praktisch angewendet wird, und zwar vor allem in der christlichen Seelsorge: das, was in der Welt »Psychotherapie« heißt und was in der Kirche »Pastorat« heißt.
Nicht nur absolviert der größte Teil der Psychologiestudenten das Studium in der »klinischen Psychologie«, auch Christen werden zweifellos das größte Interesse haben an der Bedeutung, die die (christliche) Psychologie für die Seelsorge hat. …
Dieses Buch behandelt eigentlich nicht einmal die »Psychologie«, ein bestimmtes Fachgebiet; sondern es behandelt das, was in diesem Fachgebiet studiert wird. Es behandelt den Menschen, Sie und mich. Oder richtiger gesagt: das, was in dem Menschen vorgeht und als solches sein Verhalten bestimmt. Es geht, wenn man so will, um das geistige Leben des Menschen, um dessen »Seele« oder dessen »Geist« oder wie man es nennen möchte. Es sind alles nur Wörter, die für den einen etwas ganz anderes bedeuten als für den anderen und die wir daher später auch kritisch betrachten müssen. Deshalb bevorzuge ich an dieser Stelle die unbestimmtere Umschreibung: »Das, was in dem Menschen vorgeht«. Die Bibel, die geschriebene Offenbarung Gottes, richtet einen starken Scheinwerfer auf den Menschen; ohne diesen Scheinwerfer sehen wir nichts und mühen uns ab in der Finsternis. Das Kerzenlicht der weltlichen Psychologie dagegen sagt uns über den Menschen nichts Wesentliches. … »Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist?« (1. Korinther 2,11).
2. Die Ausgangspunkte der christlichen Psychologie
Früher dachten viele Menschen, daß Wissenschaftler Leute seien, die »vorurteilsfrei« Tatsachen in sich aufnähmen und daraus Theorien aufstellten. Heute gibt es immer noch Menschen, die das denken, doch viele Wissenschaftler wissen sehr wohl, daß das nicht so ist. …

2.1. WER IST DER MENSCH?
Wenn jemand eine Brücke oder anderes bauen will, dann spielt seine Weltanschauung dabei natürlich keine große Rolle. … Aufgrund seiner Lebens- und Weltanschauung hat jeder Psychologe schon im voraus eine bestimmte Auffassung zu der Frage, wer und was der Mensch ist. In der Geschichte der Psychologie hat sich nur zu deutlich gezeigt, welch eine große Rolle das »Menschenbild« der verschiedenen Forscher gespielt hat. Jedenfalls sind christliche Psychologen meistens so ehrlich, daß sie ohne weiteres zugeben, daß sie bei ihren wissenschaftlichen Untersuchungen von einem christlichen Menschenbild ausgehene, das auf die Offenbarung Gottes zurückgeht.
Bevor wir nun genauer eingehen auf »alles, was in dem Menschen vorgeht« (das Ziel der psychologischen Forschung), müssen wir uns also zunächst mit dem christlichen Menschenbild beschäftigen. … Deshalb müssen wir uns erst einmal in die Ausgangspunkte vertiefen, auch wenn sie uns etwas »abstrakter«, »theoretischer« anmuten, als wenn wir uns sehr konkret mit den Ergebnissen der psychologischen Experimente beschäftigen. Je gründlicher wir uns jetzt in die Ausgangspunkte vertiefen, umso besser werden wir gleich in der Lage sein, Ergebnisse psychologischer Experimente gut zu interpretieren.
2.1.1. Aspekte des Menschen
Zunächst wollen wir versuchen, die gesamte Wirklichkeit, die wir um uns her wahrnehmen, in eine Reihe einzelner »Teile«, »Welten«, »Reiche« oder wie man sie nennen will, einzuteilen. Von alters her haben viele Denker die wahrnehmbare Wirklichkeit folgendermaßen unterschieden:
a. die anorganische (oder physikalische) Welt oder die stofflichen, leblosen Dinge (Steine, Berge, Seen, Luftmoleküle, Goldklumpen, Brücken, Fahrräder usw);
b. die organische (oder biotische) Welt oder das Pflanzenreich; das sind alle lebenden Organismen, die, wie das Wort sagt, zwar (vegetatives) Leben besitzen, aber weder Gefühl noch Bewußtsein kennen;
c. die psychische Welt oder das Tierreich; das sind also die Organismen, die nicht nur leben, sondern auch Gefühl und/oder Bewußtsein besitzen. Das ist eine sehr komplizierte Gruppe, und deswegen unterscheide ich sie folgendermaßen (ich lasse die niederen Tiere, die Einzeller und die Schwämme, die kein Nervensystem besitzen, nun weiter außer Betracht):
– Es gibt viele niedere Tiergruppen, die Instinkte kennen, Reflexe erlernen können, Empfindungen kennen durch den Besitz von Sinnesorganen und einem Nervensystem, aber kein (entwickeltes) Gefühlsleben haben (das sind vielleicht alle höheren Tiere außer den Säugetieren).
– Die Säugetiere besitzen nicht nur die vorigen Kennzeichen, sondern auch ein oft reich entwickeltes Gefühlsleben (Affektionen, Emotionen); das kommt durch bestimmte Gehirnteile, die bei niederen Tieren (nahezu) fehlen.
d. die geistige Welt oder das Reich der Menschen, die nicht nur über
Gefühlsleben, sondern auch über ein reich entwickeltes Gedankenleben verfügen und dadurch z.B. bewußte Kenntnis sammeln und
reproduzieren können, eine reich entwickelte Kreativität kennen
und außerdem fähig sind, bewußte, überlegte Willensentscheidungen zu fällen.
Wenn wir diese vier »Welten« nun genauer betrachten, dann sehen wir schnell ein, daß jedes dieser Gebiete das vorhergehende Gebiet einschließt. So ist der Mensch zwar ein typisch »geistiges« Wesen, aber an ihm ist doch auch ein psychischer, ein biotischer und ein physikalischer Aspekt zu unterscheiden. Das Wort »Aspekt« bedeutet buchstäblich »Anblick«. Ein Aspekt ist also ein bestimmter »Gesichtspunkt«, von dem aus man eine bestimmte Sache betrachten kann. So kann man den Menschen sowohl von einem geistigen, einem psychischen, einem biotischen wie auch von einem physikalischen Gesichtspunkt aus betrachten, auch wenn der geistige Aspekt der kennzeichnendste für den Menschen ist. …
So wie wir vier Welten haben, so können wir auch fünf Aspekte unterscheiden. Wir werden diese Aspekte einmal genauer betrachten, und dabei müssen wir notgedrungen einige neue Ausdrücke einführen. Nehmen wir z.B. die Ausdrücke »geistig« und »geistlich«. Diese Ausdrücke sind sehr ähnlich und daher leicht verwechselbar. »Geistig« bedeutet, »sich auf den Geist beziehend« (das Gegenteil von »stofflich«), »geistlich« bedeutet, »auf das geistliche Leben des Gläubigen Bezug habend«. (Dieses Wort kommt häufiger in der Bibel vor.) Um Verwechslungen zu vermeiden, werden wir das Wort »geistig« durch spiritiv ersetzen. Auch werden wir, weil wir das psychische Reich in zwei Teile aufgeteilt haben, zwei verschiedene Aspekte innerhalb des Psychischen unterscheiden: das Perzeptive und das Sensitive, Ausdrücke, die wir sogleich genauer erklären werden. Den perzeptiven, den sensitiven und den spiritiven Aspekt werden wir zusammen die mentalen Aspekte nennen, und damit haben wir vorläufig die schwierigsten Wörter hinter uns gebracht.
Wir unterscheiden jetzt also die folgenden drei mentalen Aspekte, unter denen wir den Menschen betrachten können:
1. den perzeptiven Aspekt oder den Aspekt der Perzeption, das ist die Sinnesempfindung. Beachte: das ist nicht nur die physikalische Reizung der Sinnesorgane (das Licht, das auf die Netzhaut fällt, usw.), sondern das Empfinden des Sinnesreizes im Gehirn. Das beinhaltet faktisch die fundamentalste Form des Bewußtseins.
2. den sensitiven Aspekt oder den Gefühlsaspekt: den Aspekt der Gefühle, unter denen wir später (ohne deutliche Abgrenzungen) genauer unterscheiden werden: Affektionen, Triebe und Emotionen.
3. den spiritiven oder »geistigen« Aspekt, wobei wir hier an das typische Geistesleben des Menschen denken, in welchem wir später genauer unterscheiden werden: kennen, sich vorstellen und wollen. In anderer Weise können wir übrigens dieses Geistesleben noch von vielen anderen Gesichtspunkten aus genauer betrachten: der Mensch ist als »spiritives« Wesen nämlich ein logisch denkendes, ein kulturschaffendes, ein sprachegebrauchendes, ein soziales, ein ökonomisches, ein moralisches sowie ein glaubendes Wesen (»glaubend« in der allgemeinsten Bedeutung: Jeder Mensch hat irgendwelche Glaubensauffassungen).

Es wird inzwischen wohl auch deutlich geworden sein, daß jeder höhere Aspekt die niedrigeren Aspekte »voraussetzt«. Damit meinen wir, daß wir uns einen höheren Aspekt nie getrennt von den niedrigeren Aspekten vorstellen können. Wir kennen innerhalb unserer stofflichen Welt keine spiritiven Wesen, die nicht zugleich sowohl sensitiv als auch perzeptiv als auch biotisch als auch physikalisch sind (nämlich Menschen); umgekehrt jedoch kennen wir wohl sensitive Wesen, die nicht spiritiv sind (nämlich Säugetiere). Wir kennen auch keine sensitiven Wesen, die nicht zugleich sowohl perzeptiv als auch biotisch als auch physikalisch sind; umgekehrt jedoch kennen wir wohl perzeptive Wesen, die nicht sensitiv oder spiritiv sind (nämlich die niederen Tiere). Und so geht es weiter; die niedrigeren Aspekte können zwar ohne die höheren, aber die höheren können nicht ohne die niedrigeren vorkommen. Das ist z.B. wichtig, um den Unterschied zwischen »Gefühl« und »Verstand« zu erkennen, die manchmal auf eine Stufe gestellt werden. …

2.1.2. Der Grund aller Dinge
Gibt es etwas spezifisch Christliches an dieser Einteilung in fünf Aspekte? Ja, in der Tat. Nicht so sehr an der Einteilung an sich, sondern vor allem an dem Gebrauch, den man davon macht. Die Einteilung kommt schon im Altertum vor, sowohl in der Bibel als auch außerhalb. In 1. Mose 1, dem biblischen Schöpfungsbericht, sehen wir die verschiedenen »Reiche« nacheinander aus Gottes Händen hervorkommen, geradeso, als würde der Schöpfung als Ganzes stets eine neue Dimension hinzugefügt:
1. in Vers 1 finden wir die Erschaffung der stofflichen Dinge;
2. in Vers 12 (dritter Schöpfungstag) sehen wir das pflanzliche Leben erscheinen;
3. in Vers 21 (fünfter Tag) hören wir über die Erschaffung der niederen Tiere;
4. in Vers 25 (sechster Tag) erscheinen die höheren Tiere auf der Bildfläche;
5. in Vers 27 (auch am sechsten Tag) sehen wir die Erschaffung des Menschen.

Doch die Tatsache, daß eine solche Unterscheidung auch in der Bibel vorkommt, macht sie noch nicht zu etwas spezifisch Christlichem. Es geht vor allem um den Gebrauch, den man von dieser Einteilung macht. Damit meine ich folgendes: In der Vergangenheit haben die Forscher immer wieder der Versuchung nicht widerstehen können, die verschiedenen Aspekte aufeinander zurückzuführen. Jeder Mensch möchte gern einen »Überblick« über die enorme Vielfalt der Erscheinungen bekommen, und das kann man erreichen, indem man für sich persönlich die Erscheinungen in eine gewisse Ordnung bringt. Man kann z.B. sagen: Ich sehe wohl lebende Organismen und sogar denkende Menschen, aber meiner Meinung nach ist alles schließlich doch nichts anderes als Stoff, Materie. Jemand, der das sagt, hat sich einen »Überblick« verschafft, indem er behauptet: Alles ist Stoff. So jemand leugnet nicht notwendigerweise das Biotische, das Psychische, das Geistige. Er läßt wohl Raum dafür, aber schließlich sind – seiner Meinung nach – diese Aspekte doch auf den physikalischen Aspekt zurückzuführen; sie sind schließlich doch nichts anderes als besondere Formen des Physikalischen. Menschen, die das glauben (wie heute z.B. die Marxisten), nennen wir Materialisten, weil sie glauben, daß alles im Grunde Materie sei.

Es hat auch Menschen gegeben, die genau das Umgekehrte behauptet haben; sie waren Spiritualisten, das heißt, sie behaupteten: Alles ist im tiefsten spiritiv. Sie suchten den »Grund« aller Dinge im Geistigen. Sie behaupteten, daß auch der Stoff schließlich geistiger Art sei, nur sei das Geistige in dem Stoff noch stark »eingekapselt« oder so etwas. In Pflanzen komme das Geistige schon etwas mehr zur Entfaltung und nehme dort die Form des Biotischen an, und bei Tieren sei die Entfaltung noch weiter fortgeschritten, denn dort habe es die Form des Psychischen, während es beim Menschen am weitesten zur Entfaltung gekommen sei.
Natürlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Materialisten und Spiritualisten, aber in einer Hinsicht stimmen sie miteinander überein: sie suchen den Grund aller Dinge innerhalb der sichtbaren Wirklichkeit, nämlich innerhalb des Stoffes oder des »Geistes«, und so suchen die sogenannten Vitalisten ihn innerhalb des »Lebens«, und die sogenannten psychischen Monisten suchen ihn innerhalb des »Psychischen«, aber immer innerhalb des Geschaffenen. Und damit sind all diese Auffassungen im Grunde unchristlich. Denn in einer christlichen Auffassung suchen wir den Grund der gesamten geschaffenen Wirklichkeit nicht innerhalb der Schöpfung, sondern außerhalb der Schöpfung, und zwar in dem Schöpfer. Unter dem Wort »Grund« verstehen wir dann zwei Dinge:
a. Gott ist der Schöpfer aller Dinge; Er hat sie durch das Wort Seiner Macht ins Dasein gerufen;
b. Gott ist auch der Erhalter aller Dinge; Er trägt sie fortwährend durch Seine Macht (Hebr 1,3), so daß die geschaffenen Dinge nicht »in sich selbst« bestehen, unabhängig von Gott, sondern sie bestehen ununterbrochen durch die Kraft des erhaltenden Wortes der Macht Gottes.

Nur aus der Bibel kennen wir den Gott, der die Welt geschaffen hat und erhält, der da war, ehe die Welt da war, und der immer über und außerhalb der Welt steht, aber zugleich die Welt trägt und engstens an ihr beteiligt ist.
Wer einmal gesehen hat, daß der Grund der Wirklichkeit nicht innerhalb der (Aspekte der) geschaffenen Wirklichkeit zu finden ist, sondern in dem Schöpfer selbst. …
Manche Forscher haben das wohl eingesehen, aber dann versucht, alles auf zwei Aspekte zurückzuführen, und sie gingen dann beispielsweise von einer Zweiheit physikalisch-psychisch aus und »sahen« diese Zweiheit dann in der ganzen Schöpfung. Aber wer so argumentiert, kommt auch nicht zum Ziel. Erstens beeinträchtigt er die anderen Aspekte (das Biotische, das Spiritive), und zweitens hat derjenige, der überall eine Zweiheit sieht, zu wenig ein Auge für die Einheit der ganzen Schöpfung. Es ist gerade geboten, einerseits allen Raum zu lassen für die Verschiedenartigkeit (vom Physikalischen bis zum Spiritiven) der ganzen Schöpfung, und andererseits ein Auge zu haben für die Tatsache, daß die gesamte Schöpfung ihre Einheit in dem einen Gott findet, der alle unterschiedlichen Aspekte geschaffen hat und die gesamte geschaffene Wirklichkeit erhält. Übrigens finden auch innerhalb des Menschen selbst die verschiedenen Aspekte auf treffende Weise ihre Einheit, aber darauf können wir erst später eingehen.

Vorläufig genügt es festzustellen, daß wir in einer christlichen Betrachtungsweise des Menschen nicht den einen Aspekt aus dem anderen Aspekt ableiten, sondern jeden Aspekt in seinem eigenen, von Gott gegebenen Wert belassen; wir führen die Aspekte nicht aufeinander zurück, sondern auf Gott, den Schöpfer und Erhalter. Anders gesagt: Wir suchen den »Grund« der uns umgebenden Wirklichkeit nicht innerhalb der Schöpfung selbst, denn das wäre faktisch Götzendienst. Götzendienst ist ja, einen Teil der Schöpfung zu verehren, zu verabsolutieren, zu vergöttlichen, als ob dieser Teil der Schöpfer selbst wäre (vgl. Röm 1,22). Wir verabsolutieren weder die Materie noch das Leben, weder die Psyche noch den Geist – denn das sind alles Teile der Schöpfung —, sondern wir beziehen sie auf Gott. Wir sehen sie als abhängig von Gott, dem Erhalter, der als einziger wirklich »absolut« ist. Nur Gott ist selbständig, unabhängig – jeder Teil der Schöpfung ist auf Gott angewiesen, sowohl für sein Entstehen als auch sein Bestehen. Wir verehren nicht die Schöpfung – weder das Stoffliche noch das Geistige -, sondern wir verehren den Schöpfer.

2.2. CHRISTLICHE LEHRE VOM MENSCHEN
Wir haben jetzt über fünf verschiedene »Aspekte« der sichtbaren geschaffenen Wirklichkeit gesprochen: den physikalischen, den biotischen, den perzeptiven, den sensitiven und den spiritiven Aspekt oder, anders ausgedrückt: den stofflichen Aspekt, den Lebensaspekt, den Empfindungs-aspekt, den Gefühlsaspekt und den Geistesaspekt. …
Die Wissenschaft, die versucht, mittels des Denkens etwas mehr von dem Menschen zu verstehen, den Menschen gleichsam zu »kartieren«, nennt man Anthropologie, das bedeutet »Lehre vom Menschen«. In der Anthropologie studiert der Mensch ja nicht einfach ein anderes Geschöpf, sondern sich selbst. Es geht hier um die Befriedigung eines der tiefsten Interessen des Menschen, nämlich in Hinsicht auf sich selbst. Anthropologie ist eine theoretische, systematische Form der Selbsterkenntnis.

2.2.1. Aspekte und Strukturen
Wir haben gesagt, daß wir am Menschen fünf Aspekte unterscheiden können. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und behaupten, daß wir am Menschen auch fünf Strukturen unterscheiden können und daß wir an jeder dieser fünf Strukturen die fünf genannten Aspekte unterscheiden können. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, den wir genauer erläutern müssen. Wir wollen der Einfachheit halber zuerst wieder eine Pflanze betrachten. An solch einer Pflanze ist ein physikalischer (stofflicher) Aspekt zu erkennen, genauso wie an einem Stein. Das ist die Übereinstimmung zwischen einer Pflanze und einem Stein; aber zugleich besteht in physikalischer Hinsicht ein großer Unterschied zwischen der Pflanze und dem Stein. Die Materie einer Pflanze ist einerseits zwar denselben physikalisch-chemischen Gesetzen wie die Materie eines Steins unterworfen; aber andererseits ist die Materie der Pflanze doch auch ganz anders. Wir drücken das so aus: Die Materie einer Pflanze ist auf das Leben angelegt. Pflanzenmaterie ist kein Leben, aber sie ist doch so zusammengesetzt, daß sie Leben ermöglicht, daß sie Leben »tragen« kann. Die Stein-Materie kann das nicht. In einem Stein erkennen wir nur eine Struktur: die physikalisch-chemische Struktur. In einer Pflanze dagegen erkennen wir zwei Strukturen:
(1) die PHYSIKALISCHE Struktur; sie umfaßt die chemischen Bestandteile, physikalischen Prozesse und chemischen Reaktionen, die einerseits die Einheit des stofflichen Baus der Pflanze garantieren und wodurch andererseits die stofflichen Bestandteile sich doch dauernd ändern. An dieser Struktur unterscheiden wir zwei Aspekte:
(a) den physikalischen Aspekt: Die Materie der Pflanze ist den physikalisch- chemischen Gesetzen unterworfen.
(b) den biotischen Aspekt: Die Materie der Pflanze als solche ist nicht den biotischen Gesetzen unterworfen, ist aber doch auf das Biotische »angelegt«.
(2) die BIOTISCHE Struktur: sie umfaßt die Zell-, Gewebe- und Organ-struktur und die physiologischen Lebensvorgänge (Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Fortpflanzung, hormonale Prozesse). Auch an dieser Struktur unterscheiden wir dieselben zwei Aspekte:
(a) den physikalischen Aspekt: Die Lebensvorgänge in der Pflanze sind an sich nicht den physikalisch-chemischen Gesetzen unterworfen, aber sie werden wohl von physikalisch-chemischen Strukturen und Prozessen getragen.
(b) den biotischen Aspekt: Die Lebensprozesse sind ihrer Art nach den biotischen Naturgesetzen unterworfen, und deshalb sagen wir, daß diese zweite Struktur von diesem zweiten Aspekt charakterisiert wird, und wir nennen diese zweite Struktur deshalb die biotische Struktur. …

2.2.3. Das Aktleben
Wissenschaftler benutzen gern Fremdwörter. Das tun sie nicht, um sich interessant zu machen, sondern weil sie diese Fremdwörter sehr genau definieren können. …
Wir werden jetzt das Geistesleben oder Aktleben etwas genauer unter die Lupe nehmen. Zuerst einmal unterscheiden wir dabei drei Richtungen oder Dimensionen.
1. die kognitive Dimension: das Kennen(lernen) mit Hilfe des Denkens; wenn es bei einem Akt vor allem um dieses Denken und Kennenlernen, um Überlegen und Argumentieren geht, dann reden wir von kognitiven Akten;
2. die kreative Dimension: das sich Vorstellen, sich Einbilden, »Hineindenken«, »Ausdenken«; wenn es bei einem Akt vor allem darum geht, sich in etwas Bestehendes hineinzudenken oder etwas Neues auszudenken, dann sprechen wir von kreativen Akten;
3. die konative Dimension: das Wollen oder das bewußte Streben nach, Begehren, Wählen, Entscheiden; wenn es bei einem Akt vor allem um inneres Wählen und um Entscheidungen geht, dann sprechen wir von konativen Akten.
Natürlich sind diese drei Dimensionen immer miteinander verwoben und kommen niemals für sich vor. So ist die Entscheidung, ein Haus zu kaufen, ihrer Art nach ein typisch konativer Akt, doch zur gleichen Zeit gibt es ein kognitives Element: so hat man eine beträchtliche Kenntnis von Häusern im allgemeinen und von diesem Haus im besonderen, und man kennt seine eigenen finanziellen Möglichkeiten usw. Auch gibt es ein kreatives Element: beim Fällen einer Entscheidung hat man sich auch vorgestellt, wie es sein wird, in dem betreffenden Haus zu wohnen, und man hat sich auch bereits einigermaßen ausgedacht, was man alles mit diesem Haus tun kann.

Wir kommen nun zu einer zweiten Art, wie wir die Akte betrachten können. Ich habe oben bereits kurz darauf hingewiesen, daß wir im Geistesleben des Menschen etwa neun verschiedene Seiten feststellen können. Es zeigt sich nun, daß jeder Akt immer von einer dieser Seiten des Geisteslebens im besonderen »gekennzeichnet« wird. Einige Beispiele verdeutlichen das. So sind die Akte des Wissenschaftlers analytischer Art, das heißt, sie werden durch ein unterscheidendes, zergliederndes Denken gekennzeichnet. Die Akte sowohl des Bastlers als z.B. des Politikers sind (kultur)historischer Art, das heißt, sie werden durch Machtausübung, Beherrschung (gleich ob von Materie oder von Menschen) gekennzeichnet. Die Akte von jemandem, der seine Gedanken in Worte faßt, sind lingualer (= sprachlicher) Art, das heißt, er überlegt, welche Klangsymbole (wir nennen das Worte) er wählen soll, um seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen.

So sind die Akte von jemandem, der auf den Umgang mit anderen gerichtet ist, sozialer Art, das heißt, sie werden durch mitmenschlichen Kontakt, Gesellschaft und Gemeinschaft gekennzeichnet. Die Akte des Kaufmanns, der seine Vorräte kontrolliert und den Kassenbestand aufnimmt, sind ökonomischer Art, das heißt, sie werden durch Grundsätze der Verwaltung, der Sparsamkeit und Wertbestimmung gekennzeichnet. Die Akte des Rächers oder des Richters, die auf Vergeltung gerichtet sind, sind juristischer Art, das heißt, sie werden durch Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit gekennzeichnet. Die Akte der verliebten Person oder des Philanthropen sind ethischer Art, das heisst, sie werden durch Wohltätigkeit, durch Liebe gekennzeichnet. Und schließlich: die Akte von jemandem, der betet oder anbetet oder das Abendmahl feiert oder tief-gläubig die Schrift liest, sind pistischer Art. Das heißt, sie werden durch Glaubensgewißheiten (pistis = Glaube) gekennzeichnet.
Dann gibt es noch eine dritte Art, wie wir das Aktleben des Menschen einteilen können. Das Aktleben wird nämlich mitbestimmt von einigen aktbestimmenden Faktoren, die zu den Eigentümlichkeiten jedes indi-nAjellen Menschen, zu dessen persönlicher Individualität gehören. Menschen reagieren ja auf eine gleiche Umgebung, auf eine gleiche Situation oft völlig unterschiedlich. Das kommt durch ihre persönliche, individuelle Gemütsart oder Verfassung. Das liegt daran, daß Menschen unterschiedlich »zusammengesetzt sind«, einerseits infolge der ertlichen Veranlagung, andererseits infolge der Erziehung und der Umgebung. Wir können mindestens drei Arten aktbestimmender Faktoren nachweisen:

1. Konstitutionelle Faktoren: Die »Konstitution« ist die (körperliche) Beschaffenheit, die Art, die Veranlagung des Menschen. Unsere Akte werden in erster Linie von unseren konstitutionellen Möglichkeiten bestimmt. Diese können von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick verschieden sein. Wir können z.B. an unsere körperliche Kondition, unser Maß an Emotionalität, unsere psychische Tragfähigkeit, unser Temperament, unseren Intelligenzquotienten, unsere Kreativität usw. denken.
2. Operante Faktoren: Diese haben mit unseren Fertigkeiten zu tun, bestimmte »Operationen« (Tätigkeiten) auszuführen. Unsere Akte werden von den Fertigkeiten bestimmt, die wir selbst gelernt und die andere uns beigebracht haben – und das sind fast alle unsere Fertigkeiten. Denken wir nur an das Erlernen zahlloser »automatischer« Handlungen (Laufen, Klavierspielen, Autofahren), das Erlernen bestimmter gefühlsmäßiger Reaktionen, das Erlernen logischen Denkens, technischer Fertigkeiten, der Muttersprache, des Umgangs, des Rechtsbewußtseins, sogar der Liebe.
3. Motivationale Faktoren: Das Wort Motivation kommt von »bewegen«. Unsere Akte werden auch von unseren Motiven, Beweggründen, dem, was uns »bewegt«, bestimmt. So kennen wir eine große Anzahl angeborener oder erlernter »Bedürfnisse«: Bedürfnis nach Essen, Wärme und Schlaf, Bedürfnis nach Sinnesreizen, Bedürfnis nach Denkarbeit, nach Macht, nach sozialem Kontakt, nach Erfolg, nach einer eigenen Identität, nach einer gerechten Behandlung, nach Liebe und danach zu lieben.
Auch diese drei Arten von aktbestimmenden Faktoren hängen natürlich wieder eng zusammen. Viel von dem, was wir erlernen, hängt z.B. mit den Möglichkeiten unserer Konstitution zusammen; so werden die meisten von uns niemals gute Fußballspieler oder Künstler. Auch hängen viele unserer Motivationen mit dem zusammen, was wir gelernt haben: so wird ein Urwaldbewohner niemals plötzlich Appetit auf einen Hamburger oder einen Salzhering haben. Und so kann der Leser selbst noch weitere Verbindungen zwischen diesen drei Arten von Faktoren herstellen.

2.3. DIE EINHEIT DES MENSCHEN
Wir haben bereits früher dargelegt, daß ein christliches Menschenbild sehr die Einheit des Kosmos und auch die Einheit des Menschen betont. Doch ist das bis jetzt wenig deutlich geworden, denn wir haben von nicht weniger als fünf verschiedenen »Humanstrukturen« gesprochen, die wir im Menschen unterscheiden könnten. Und an jeder dieser Humanstrukturen könnten wir dann wieder fünf verschiedene »Aspekte« unterscheiden, was insgesamt dann nicht weniger als 25 Aspekte bedeutet: 25 verschiedene »Blickwinkel«, aus denen wir den Menschen betrachten könnten! Wo ist da die Einheit in dieser ganzen komplizierten Mannigfaltigkeit zu finden?
Wir wollen dazu einmal ein paar Bilder gebrauchen. Ein Kreis besteht aus einer unendlichen Anzahl von Punkten, die jedoch alle dies gemeinsam haben: sie haben alle dieselbe Entfernung zu einem gegebenen Punkt, den wir den »Mittelpunkt« nennen. Eine Linse kann eine unendliche Anzahl von Lichtstrahlen durchlassen, doch alle diese verschiedenen Lichtstrahlen haben dies gemeinsam: sie gehen alle in einem bestimmten Augenblick durch ein und denselben Punkt, den wir den »Brennpunkt« nennen. Nun, auch beim Menschen haben wir es mit solch einem »Mittelpunkt« oder solch einem »Brennpunkt« zu tun, in dem alle Aspekte und alle Strukturen sozusagen »zusammenlaufen«, wo sie ihre Einheit und ihren Zusammenhang finden. Dieser Punkt ist nicht im Körper nachweisbar; stärker noch: dieser Punkt ist faktisch nicht einmal wissenschaftlich analysierbar. Dafür ist das Wunder »Mensch« zu groß, zu tief; dafür ist der Mensch auch das größte Schöpfungswerk Gottes. Wir können lediglich versuchen, in solchen Bildern wie »Mittelpunkt« oder »Brennpunkt« über diesen Punkt der Einheit im Menschen zu sprechen.
2.3.1. Das Ich  
Von frühesten Zeiten an hat man alle möglichen Bezeichnungen für diesen Punkt gebraucht wie: die Seele, der Geist, das Ich, die Persönlichkeit, das Personzentrum. Ich selbst gebrauche am liebsten den Begriff, mit dem dieser Punkt gewöhnlich in der Bibel bezeichnet wird: das Herz (wobei wir sofort verstehen, daß auch dieser Begriff nur ein Bild ist). In nichtchristlichen Menschanschauungen hat man dieses Ich gewöhnlich in einer der Humanstrukturen gesucht, und man erklärte dann z.B. das spiritive oder das sensitive Leben oder auch das biotische Leben oder sogar die reine Materie zu dem Wesentlichsten des Menschen. Doch das ist ein großer Irrtum. Das Ich ist gerade nicht eines der »Teile« oder Aspekte des Menschen, genausowenig wie der Mittelpunkt eines Kreises einer der Punkte auf dem Umfang ist. Das Ich ist durchaus nicht ein »Teil« des Menschen, sondern der »Punkt«, in dem alle »Teile« des Menschen zusammenkommen, ihre Einheit finden, ja, in dem der Mensch gerade alle seine zeitlichen Teile übersteigt! Deshalb hat ein Mensch ein Ich, das Tier jedoch nicht. Gerade weil der Mensch ein Ich, ein Herz hat, ist er ein »Ewigkeitswesen«, denn in diesem Ich ist er auf die Ewigkeit, auf die höheren Dinge, auf Gott {oder auf die Götzen) bezogen. Man kann am Menschen viele zeitliche, vergängliche Strukturen erkennen; aber in seinem Ich übersteigt der Mensch alles Zeitliche und Vergängliche.
Es ist sehr schwierig, über dieses Ich klar und deutlich zu sprechen, gerade weil das Ich wegen dieser Ausrichtung auf die Ewigkeit unser Verständnis, unsere wissenschaftliche Analyse übersteigt. Deshalb müssen wir uns auch so davor hüten, den Begriffen »Seele«, »Geist« und »Herz«, wie sie in der Bibel vorkommen, eine allzu schnelle Definition zu geben. In vielen populären Büchern hat man versucht, von diesen biblischen Begriffen stark vereinfachende Umschreibungen zu geben, indem man sich nur einiger ausgesuchter Bibelstellen bediente. In Wirklichkeit gebraucht die Bibel diese Begriffe in einer gewaltigen Schattiertheit, genauso, wie wir das übrigens auch im täglichen Leben tun. Die Bibel spricht vor allem über den Menschen als eine Einheit. Nicht nur ein »Teil« des Menschen ist auf Gott bezogen, nein, der ganze Mensch: der Leib wird Gott geweiht (Röm 12,1), das Fleisch schmachtet nach Gott (Ps 63,1), Seele und Geist erheben den Herrn (Lk 1,46.47). Das ist der Mensch gemäß der Bibel: eine Einheit, die »Bild Gottes« genannt wird, eine Einheit die im Ich zusammengefaßt wird, dem Herzen, und so steht der Mensch vor Gott und dient der Gläubige seinem Gott.
Das Herz ist also das tiefste Innere, der wesentlichste Punkt in der menschlichen Persönlichkeit. Das Herz ist in der Bibel oft das wahre Innere, das dem oft unechten Äußeren des Menschen gegenübersteht. Damit hat das Herz eine gewaltige religiöse Bedeutung. »Religion« (Gott verehren) ist aber nicht die Sache einer bestimmten Humanstruktur, eines »Teils« des Menschen oder eines Teils seiner Zeit. Religion ist Sache des ganzen, des vollständigen Menschen, also seines Herzens. Als Geschöpf hat der Mensch vom Ursprung her eine starke Bindung an und eine tiefe Ausrichtung auf seinen Schöpfer und Erhalter. Durch den Sündenfall ist diese Bindung, diese Ausrichtung gründlich zerstört, doch durch die Erlösung wird diese Bindung an Gott wiederhergestellt. Im Herzen kommt zutiefst zum Ausdruck, ob der Mensch (wieder) auf Gott gerichtet oder von Gott abgewandt ist. Unzählige Male wird das Herz in der Bibel als der »Ort« bezeichnet, wo das Böse ausgebrütet wird, als die Quelle falscher Prophetie, des gegen Gott gerichteten Hochmuts, der Selbstvergötterung des gottlosen Selbstvertrauens, der bewußten Auflehnung gegen Gott. Doch es ist auch der Brennpunkt des Schuldbewußtseins, des göttlichen Einwirkens und der Bekehrung, das »Organ« für die Suche nach Gott und für die Gemeinschaft mit Gott. Es ist der Brennpunkt der Furcht des Herrn, des Dienstes für Gott, des Wandels mit Gott, der Anbetung Gottes, des Erforschens und Bewahrens der Gebote Gottes, des Betens zu und des Vertrauens auf Gott. Hier liegt also das Ureigenste des Menschen: zutiefst unzugänglich für die Psychologie und nur gekannt durch die Offenbarung des Wortes Gottes; das heißt, nur gekannt, nicht mit dem Gefühl oder dem Verstand, sondern mit dem (erleuchteten) Herzen selbst.
2.3.2. Die Persönlichkeit
Dadurch, daß der Mensch ein Herz hat, ist er das, was wir eine »Person« nennen. Das ganze Aktleben, das Denken, das Vorstellen, das Wollen des Menschen, wird von seinem Herzen aus gesteuert. In diesem Herzen und durch dieses Herz ist der Mensch daher Gott verantwortlich. Der Mensch wird letztendlich nicht von Trieben, Instinkten und Reflexen geleitet, sondern von spiritiven Akten, die unter göttliche Normen gestellt sind und die zutiefst von seinem Herzen ausgehen. Dadurch, daß das bei jedem Menschen auf verschiedene Weise geschieht, ist jeder Mensch nicht nur eine Person, sondern auch eine einzigartige Persönlichkeit, berufen, auf seine eigene einzigartige Weise, ganz »persönlich«, seiner Verantwortung Gott gegenüber Gestalt zu geben.
Es ist sehr merkwürdig, festzustellen, daß das Wort »Person« nicht in der Bibel, wohl aber bei den Griechen vorkam; daß aber der Begriff »Person« gerade gar nicht griechisch, sondern ganz biblisch ist! Dadurch, daß die alten Griechen kein korrektes »Gottesbild« besaßen, besaßen sie auch kein korrektes »Personenbiltf| das Personenbild fließt nämlich direkt aus dem Gottesbild hervor. Wenn wir nicht verstehen, was es bedeutet, daß Gott eine Person ist, verstehen wir auch nicht, was wir als »Personen« sind. Die Götter der alten Griechen und Römer waren zwar »persönlich«, aber nicht unendlich wie der Gott der Bibel. Sie waren keine Schöpfer, und sie waren auch nicht moralisch vollkommen. Gegenüber den zänkischen und unmoralischen Göttern des Olymps brauchte der Grieche nur wenig Verantwortung oder Schuld zu empfinden. Wenn es um Sünde und Buße ging, wandte sich der Grieche lieber der uralten Naturreligion mit ihren unberechenbaren, launenhaften, blinden Naturkräften zu, denen der Mensch unterworfen war. Gegen das Schicksal des Todes konnte niemand ankommen, nicht einmal die Götter des Olymps!
Den Einfluß dieses blinden Schicksals versuchten die Griechen in ihren Tragödien darzustellen und wiesen ihm eine zentrale Rolle zu. In diesen Tragödien trugen die Schauspieler bestimmte Masken, die im Lateinischen mit dem Begriff persona bezeichnet wurden. Diejenigen, die diese Masken trugen, stellten bestimmte »Charaktere« dar, »Personen«; doch das waren »Personen«, die ein Spielball der blinden, willkürlichen Kräfte des Schicksals waren. Faktisch hatten diese »Personen« gar keinen »Charakter«. Was mit ihnen geschah, war nicht die Folge ihrer eigenen Taten, seien sie gut oder schlecht, d.h. ihrer Verantwortung, ihrer eigenen Schuld und ihrer eigenen Leistung, sondern launenhafter Kräfte, die absolut außerhalb ihres Einflußbereiches wirkten. Und das konnte auch nicht anders sein. Die Götter der Griechen, die selbst nicht dem Schicksal gewachsen waren, waren einfach nicht groß genug – und dadurch war die griechische »Person« ebenfalls nicht groß genug.
Die Griechen und Römer haben uns zu dem bequemen Begriff »Person« verholfen, doch ihre Personen besaßen nicht die Kennzeichen, die wir einer Person zuerkennen: Verantwortung, Überlegung und Wahlmöglichkeit, Schuld und Vergeltung, gute Werke und Belohnung. Dieser Person-Begriff, der dem abendländischen Menschen heute so lertraut ist, kommt nicht aus der Antike, sondern aus dem Alten Testament. Dort finden wir einen persönlichen und unendlichen Gott, den Schöpfer und Erhalter des Menschen, der ihm zuruft: Ich habe dich gemacht, und Ich werde dir sagen, wie du leben sollst. Ich gebe dir meine Gebote, weil Ich dich liebe und weil Ich möchte, daß es dir gut geht (z.B. 5. Mo 7,8-11). Das ist kein blindes Schicksal, gegen das jede Ansrengung, jede Verantwortung den kürzeren zieht, sondern eine echte Person, deren Persönlichkeit von der Persönlichkeit Gottes abgeleitet ist, die von diesem Gott einen »Rahmen« zugewiesen bekommt (Seine Gebote), damit der Mensch optimal funktioniert, und die allen Freiraum und alle Kraft empfängt, um ihrer Verantwortung entsprechen zu können.
Das ist zunächst eine streng individuelle Sache, und auch Individualität ist wieder solch ein Begriff, der in der Bibel einen bedeutenden Platz einnimmt. Das Individuum hatte bei den Griechen lediglich einen Wert als Vertreter der menschlichen Gattung. Deshalb hatten die Griechen auch nicht viel Achtung vor der Gleichwertigkeit des Menschen. Insofern sie diese Achtung überhaupt besaßen, galt sie nur gegenüber den eigenen Volks- und Elitegenossen. Im Alten Testament wird die fundamentale Gleichwertigkeit hingegen gerade besonders hoch veranschlagt und beschränkt sich dort nicht auf Israel, sondern galt auch für die Fremdlinge. In Israel kam es im wesentlichen nur auf eins an: Wer Gottes Willen tat und Seine Gebote hielt, zählte hundertprozentig, wer aber Gott ungehorsam war, wurde von Ihm verworfen, ob er nun Israelit war oder nicht. Und um es neutestamentlich auszudrücken: eine echte Person ist jemand, der »in Christus« ist, aus Ihm lebt in der Kraft des Heiligen Geistes; jemand, der Gottes Willen tut, seiner Verantwortung nachkommt und damit alle seine Möglichkeiten erfüllt. In einem solchen bekommt Christus Gestalt (Gal 4,19), so jemand lebt optimal, ja, lebt erst wirklich.

2.4. CHRISTENTUM UND MATERIALISMUS
Wir haben Nachdruck darauf gelegt, daß man das Ich des Menschen nicht in einer der zeitlichen und vergänglichen Humanstrukturen »aufgehen« lassen darf. Der populärste Versuch ist wohl der, das Ich des Menschen in der Materie aufgehen zu lassen, aus der er besteht. (Wir nennen das Materialismus: Der Mensch ist letztlich »nichts anderes als Stoff«.) Bemerkenswert ist nun, daß gerade die Wissenschaft selbst in den letzten Jahrzehnten auf eine Reihe von Erscheinungen gestoßen ist, die nicht zu erklären sind, wenn man einem solchen »Nichts-als«-Glauben anhängt. Es scheint mir nützlich zu sein, einige Beispiele anzuführen, um zu zeigen, daß das Ich des Menschen das Stoffliche übersteigt.
2.4.1. Das Ich und die Materie
Erstens ist es sehr auffallend, daß einige führende Hirnspezialisten wie Sir John Eccles und Wilder Penfield gerade aufgrund ihrer eingehenden Untersuchungen zu dem Schluß gekommen sind, daß der »Geist« des Menschen nicht mit seinem Gehirn identisch ist. Das Ich des Menschen kann unabhängig von den automatischen Hirnprozessen freiwillig Entschlüsse fassen und die Hirnmechanismen auf verschiedene Weise »programmieren«, oder beurteilen, was in den Hirnmechanismen abläuft. Der Gehirnchirurg kann bei einem Patienten, der bei vollem Bewußtsein ist, während einer Hirnoperation dessen Hand bewegen, indem er einen bestimmten Teil des Gehirns elektrisch reizt. Wenn er dann den Patienten fragt: »Warum haben Sie Ihre Hand bewegt?«, antwortet dieser unveränderlich: »Das tat nicht ich, das taten Sie.« Wenn die Elektrode des Chirurgen durch Hirnreizung seine rechte Hand sich bewegen läßt, sagt der Patient niemals: »Ich wollte meine Hand bewegen.« Sein Wille ist nicht eine Eigenschaft seines Gehirns, die stimuliert werden kann, sondern seines »Geistes«, über den die Elektrode nicht verfügen kann. Es gibt keine einzige Stelle im Gehirn, wo elektrische Reizung einen Patienten etwas glauben oder beschließen lassen kann.
Die Erfahrungen, die die Elektrode des Chirurgen dem Patienten verschafft, geschehen in gewissem Sinn außerhalb seines »Geistes«; der Patient erfährt sie nicht als von »ihm selbst«. Etwas Ähnliches kennen wir in allerlei Erscheinungen auch in der Psychologie. So kennt man die Erscheinung der sogenannten kalten Emotion, einen Zustand rein biotischer Erregung, ohne daß der Beteiligte sich »emotionalisiert« fühlte. Auch kann jemand durch eine Hirnstörung immerzu anfangen zu lachen, ohne daß er sich fröhlich fühlt. Nach materialistischer Auffassung müßte Emotion das unverbrüchliche Nebenprodukt biotischer Erregung und Fröhlichkeit das unlösbare Nebenprodukt des Lachens sein – auch wenn der Betreffende nicht einmal wüßte, weshalb er fröhlich ist -, doch das ist gar nicht der Fall, wie sich gezeigt hat. Es ist mehr erforderlich, um bei bestimmten Körperzuständen auch bestimmte Gefühle zu wecken. Dieses Mehr spielt sich auf einem anderen Niveau als dem biotischen ab, nämlich auf dem mentalen Niveau.
Ein anderes Gebiet in der Psychologie, das interessante Beispiele liefert, ist das der Suggestion. Man könnte sie als das Gebiet des ungeheuren Einflusses des Mentalen auf das Körperliche umschreiben. Wenn man einer hypnotisierten Person suggeriert, ein bestimmter Bleistift sei ein rotglühender Eisenstab, und man sie dann damit berührt, wird eine Brandblase auf ihrer Haut entstehen – so stark kann der Einfluß des Geistes auf den Körper sein. Ärzte haben sogar entdeckt, daß Personen, die in der Vergangenheit schwer gefoltert wurden, durch eine intensive Erinnerung Blasen und blutende Striemen an genau denselben Stellen des Körpers hervorbrachten, wo sie diese Wunden früher auch hatten. So kann der Geist den Körper krank machen. Andererseits weiß auch jeder Arzt, daß der geistige Wille zum Leben und zur Gesundung von größter Bedeutung für einen Patienten ist, der sich einer Operation unterziehen muß oder von einer ernsten Krankheit auf dem Weg der Besserung ist (vgl. Spr 17,22). Materialisten haben keine Erklärung für die Tatsache, daß der Geist (das Ich, das Herz) sogar das Wachstum oder den Gesundheitszustand des Körpers beeinflußt.
2.4.2. Geist und Leib
Es ist sehr schwierig, sich eine Vorstellung von dem Verhältnis zwischen dem Ich (dem Geist, dem Herzen) einerseits und den Humanstrukturen andererseits zu bilden. Jedenfalls ist es falsch sich vorzustellen, als bestehe der Mensch aus zwei gesonderten »Dingen«: einem Geist und einem Leib. Das Ich ist nicht ein »Ding« in einem anderen »Ding«, dem Leib; es ist »lediglich« ein »Punkt«, ein Brennpunkt, in dem alle »Strahlen« unseres physikalischen, biotischen, perzeptiven, sensitiven und spiritiven Bestehens zusammenkommen. Mein Ich ist nicht körperlich; doch mein Ich ist auch nicht ein von meinem Körper unterschiedenes »Ding«. So kann mein Ich nicht denken, fühlen, wollen, glauben usw. ohne meinen Körper. Das Ich ist vom Körper unterschieden, wie der Mittelpunkt unterschieden ist vom Kreis; doch andererseits ist mein Ich ohne meinen Körper amputiert, so wie auch der Mittelpunkt ohne den Kreis nur noch ein bloßer Punkt ist, der von nichts mehr die Mitte ist. Er ist wie der Pianist ohne Klavier. Er heißt zwar Pianist, doch das hat praktisch nichts zu bedeuten, denn er hat kein Klavier, auf dem er spielen kann. Erst mit einem Klavier ist der Pianist wirklich Pianist; während seines Klavierspiels bildet er eine Einheit mit seinem Klavier. Das Klavier ist nur ein totes Ding, wie der Pianist ohne Klavier dieses sehr vermißt. Das Herz ist der Pianist des Körpers. Nach dem Entschlafen ist der Gläubige bei Christus, und das ist bei weitem das Beste (Phil 1,23); doch erst bei der Auferstehung, wenn »Klavier« und »Pianist« wieder vereinigt sind, ist die Vollkommenheit erreicht und ist die Erlösung vollständig.
In unserem christlichen Menschenbild halten wir also sowohl an der Verschiedenartigkeit als auch an der Einheit des Menschen fest. Auf der einen Seite betonen wir die großen Unterschiede zwischen physikalischen, biotischen, perzeptiven, sensitiven und spiritiven Erscheinungen. Sie sind nicht aufeinander zurückzuführen; sie kennen alle ihre von Gott gegebenen Gesetzmäßigkeiten. Wir sind keine Materialisten, die alles auf das Physikalische zurückführen, und wir sind auch keine Spiritualisten, die alles auf das Spiritive zurückführen, und wir sind auch nicht etwas irgendwo dazwischen. Gerade dadurch, daß wir alle diese Erscheinungen nicht aufeinander, sondern auf Gott zurückführen, können wir an der Verschiedenartigkeit der Erscheinungen innerhalb des Menschen völlig festhalten.

2.5. PSYCHOLOGISCHE ERKENNTNIS

Wir haben uns oben vor allem mit der Frage beschäftigt: Was studieren Psychologen nun eigentlich? – Sie wollen gern verstehen, warum dieser Mensch hier so oder dort so handelt. Wir könnten es jetzt auch so formulieren: Psychologen machen Studien über das, was innerhalb der perzeptiven, der sensitiven und der spiritiven Strukturen geschieht und wie Empfindungen, Gefühle und Akte zu bestimmten Handlungen führen.
Nach der Frage des Was folgt jedoch auch die Frage des Wie. Auf welche Weise sammelt der Psychologe seine Erkenntnis? Und wieder eine andere Frage ist: Wozu sammelt der Psychologe seine Erkenntnis? Wir wollen zuerst etwas zu dem Wozu sagen, danach zu dem Wie.
2.5.1. Voraussetzungen für die Erkenntnis
Der erste Grund, weshalb Psychologen gern wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln, ist der, dass Wissen Macht vermittelt. Was man kennenlernt, kann man auch beherrschen lernen. Je mehr Erkenntnisse Psychologen über das Mentale zusammenbringen, um so mehr können sie Menschen nicht nur verstehen lernen, sondern auch beeinflussen, verändern lernen. Wir sehen das z.B. im Unterricht, in der Sozialarbeit und in der Psychotherapie. Zweitens verschafft Erkenntnis Befriedigung, Freude, Genugtuung. Richtige psychologische Erkenntnis gibt vor allem dadurch Genugtuung, daß sie unsere Einsicht in den Reichtum des höchsten Schöpfungswerkes Gottes, des Menschen, vertieft. Und vor allem, drittens: Wahre Erkenntnis ist diejenige, die der Mensch in bezug auf Gott hat. Erkenntnis der Schöpfung Gottes vertieft unsere Erkenntnis über Gott selbst. Doch dann muß der Psychologe die rechte Sicht auf die Art der Wirklichkeit haben, zu der sein Forschungsgebiet gehört, und dann muß der Psychologe seine Erkenntnis auch in der rechten Weise erwerben.
Für das richtige Erwerben psychologischer Erkenntnis muß der Psychologe auf mindestens drei Dinge achten:
(1) Das Licht der Schrift. Wie alle Wissenschaft, so muß auch die Psychologie in dem Licht ausgeübt werden, das aus der Schrift auf die gesamte geschaffene Wirklichkeit fällt. Allein in diesem Licht sehen wir bereits im voraus die richtigen Zusammenhänge, innerhalb dessen sich unsere Forschung abspielen muß. Wer diesen Rahmen nicht hat, der tappt ziellos im dunkeln umher. Die Schrift steht am Anfang unserer Forschung, weil sie uns eine Antwort auf die »Vorfragen« gibt, die jeder wissenschaftlichen Forschung vorausgehen.
(2) Die zentrale Rolle des Herzens. Sehr wesentlich ist die Einsicht, daß alle wahre Erkenntnis letztlich nicht nur eine Sache des Verstandes oder des Gefühls ist, sondern des Herzens. Das gilt sowohl für das alltägliche Erkennen des gewöhnlichen Lebens wie auch für das wissenschaftliche Erkennen. So wie alle unsere Akte und Tätigkeiten letztlich vom Herzen ausgehen, so gilt das ebenso für unsere wissenschaftlichen Akte und Handlungen. Gerade deshalb ist wissenschaftliche Aktivität niemals neutral, weil unser Herz niemals neutral ist. Da der Mensch in seinem Herzen entweder auf Gott bezogen ist oder auf einen bestimmten »Götzen«, ist auch seine Erkenntnis zutiefst wahr oder zutiefst unwahr. Erkenntnis ist Einsicht in die Schöpfung Gottes – doch diese Einsicht ist zutiefst nicht für denjenigen, der die Schöpfung nicht (an) erkennt in ihrer Beziehung zu Gott dem Schöpfer. Der, dessen Herz nicht »wahrhaftig« ist (Hebr 10,22), der kennt die »Wahrheit« nicht (vgl. 2. Tim 3,7; Tit 1,1). Nirgends gilt das deutlicher als gerade im Fall von (z.B. psychologischer) Erkenntnis bezüglich des Menschen selbst. Der Mensch ist ja nur aus seiner Beziehung zu Gott (oder den Götzen) zu verstehen.
(3) Das Ziel: der Dienst für Gott. Wenn auf dem eben gezeigten Weg psychologische Wahrheit erworben werden kann, dann ist das notwendigerweise Wahrheit in Richtung auf Gott. Ich denke an Den, der gesagt hat: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich« (Joh 14,6). In der Bibel bedeutet »Erkenntnis des« in der vollen Bedeutung des Wortes: »Gemeinschaft mit«. Das ewige Leben ist sowohl »Erkenntnis des« Vaters und des Sohnes als auch »Gemeinschaft mit« dem Vater und dem Sohn. Wahre Erkenntnis – das ist Erkenntnis des Herzens – ist heute nur in Christus zu finden, der die Wahrheit ist (1. Joh 5,20). In Ihm lernen wir, in der Wahrheit zu wandeln, und aus Ihm empfangen wir Licht über alle Teile der Wirklichkeit, und alle unsere Erkenntnis ist schließlich auch zu Ihm hin, damit wir lernen, Ihm besser zu dienen und Ihn besser zu verehren.
2.5.2. Der Platz der Psychologie
Wir haben bereits gesehen, daß wir sagen könnten: die Psychologie beschäftigt sich mit dem, was in den mentalen Strukturen vorgeht. Das Forschungsgebiet ist derart vielseitig und kompliziert, daß die Psychologie enge Beziehungen zu allen möglichen Wissenschaften unterhält. Diese Wissenschaften können wir leicht entsprechend unserem Schema der fünf »Aspekte« einteilen, oder, wenn wir die neun spiritiven Aspekte mitzählen, eigentlich dreizehn Aspekte.
Wir bekommen dann folgende Übersicht:
PHYSIKALISCH: Psychophysik (= vor allem das Studium des Verhältnisses zwischen Sinnesreizen und Perzeption), Psychopharmakologie (das Studium des Einflusses von Drogen auf das psychische Leben)
BIOTISCH: Neuropsychologie (das Studium des Verhältnisses von Hirnprozessen und mentalen Prozessen), physiologische Psychologie (das Studium des Zusammenhangs zwischen physiologischen und mentalen Prozessen)
PERZEPTIV: Wahrnehmungspsychologie, Konditionierungspsychologie (Konditionierung = Erlernen von Reflexen)
SENSITIV: sensitive Psychologie (Psychologie des Gefühlslebens)
SPIRITIV:
* analytisch: kognitive Psychologie (Psychologie des Denkens, der Überlegungen, der Einsicht, des Kennenlernens)
* historisch: historische Psychologie, biographische Psychologie, aber auch: Entwicklungspsychologie, Unterrichtspsychologie
* lingual: Sprachpsychologie (Psychologie des Sprachgebrauchs)
* sozial: soziale Psychologie (Psychologie des sozialen Lebens)
* ökonomisch: ökonomische Psychologie
* ästhetisch: Kunstpsychologie,   Musikpsychologie,   Literaturpsychologie,
* juristisch: forensische Psychologie (= Psychologie des Verbrechers und der Rechtsprechung)
* ethisch: Moralpsychologie
* pistisch: Religionspsychologie
Es ist noch auf eine besondere Ursache hinzuweisen, wodurch die Psychologie solch einen eigenartigen Platz zwischen anderen Wissenschaften einnimmt. Das liegt daran, daß die Psychologie genau zwischen den Naturwissenschaften und den Kultur- (oder Geistes-) Wissenschaften steht. Die Natur umfaßt die »Aspekte« der Wirklichkeit, die durch »Naturgesetze« regiert werden; das sind der physikalische und der biotische Aspekt. Die Kultur umfaßt die spiritiven Aspekte, die nicht durch Naturgesetze, sondern durch »Normen« regiert werden. Ein Naturgesetz sagt, wie etwas »ist« (z.B. »Kupfer dehnt sich aus durch Erhitzung«), doch eine Norm sagt, wie etwas »sein sollte«. Es gibt logisch-analytische, historische, soziale, ökonomische, ästhetische, juristische, moralische und Glaubensnormen. Der perzeptive und der sensitive Aspekt nehmen eine Zwischenstellung zwischen der Natur und der Kultur ein. Der perzeptive Aspekt liegt nahe bei der Natur und der sensitive Aspekt nahe beim Geistesleben.  . . .

3. Die Entwicklung der Psychologie
Die experimentelle Psychologie, wie wir sie heutzutage kennen, ist erst gut hundert Jahre alt. Sie konnte eigentlich auch nicht viel früher entstehen, weil zuvor bestimmte andere Entwicklungen stattgefunden haben mußten. So mußte zuvor das »Experiment« erfunden und in die Wissenschaft eingeführt werden. Das ist erst ziemlich spät geschehen. Das Denken des abendländischen Menschen mußte eine ganze Entwicklung durchmachen, bevor in diesem Denken »Platz« war für Sinneswahrnehmungen der konkreten Erscheinungen und das Durchführen von Experimenten damit. Diese Veränderung im Denken kam erst in der Zeit der Renaissance (vor allem das 16. Jahrhundert) zustande und wurde außerdem durch den Geist der Reformation gefördert. Unter dem Einfluß der Reformation bekam der abendländische Mensch wieder Interesse an der Schöpfung Gottes. Man ging dabei nicht länger von dem aus, was man sich selbst über die Schöpfung ausdenken konnte, sondern begann bescheiden und ehrerbietig der Schöpfung »Fragen« zu stellen, d.h. Beobachtungen und Experimente durchzuführen. Auf diese Weise gab die Schöpfung selbst allmählich ihre Geheimnisse preis. Die »experimentelle Methode« hat sich dann auch auf vielen anderen Gebieten als sehr erfolgreich erwiesen. Gerade reformatorische Forscher wie Johannes Kepler, Francis Bacon und Isaac Newton haben in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet.
Infolge dieser Entwicklung konnten sich im 17. und 18. Jahrhundert die Naturwissenschaften entwickeln. Auch das war nötig, bevor eine experimentelle Psychologie entstehen konnte. Zuerst mußte genügend bekannt sein über die physikalischen und biotischen Aspekte des Menschen, bevor man auch Kenntnisse über die mentalen Aspekte sammeln konnte. Es ist daher auch kein Wunder, daß die ersten »Psychologen« im 19. Jahrhundert von Haus aus Physiker, Physiologen und Ärzte waren. Wir nennen hier berühmte Namen wie Johannes Müller, der den Reflex entdeckte, und seinen Schüler, Ludwig von Helmholtz, der sich u.a. mit Nervenreizen und Bewegungsreaktionen beschäftigte. Andere bedeutende Pioniere waren Ernst Weber und Gustav Fechner, die interessante Untersuchungen auf dem Gebiet der Sinnesphysiologie  (Wie funktionieren  die  Sinnesorgane?)  durchführten. Fechner schrieb 1860 ein grundlegendes Buch, Elemente der Psychophysik, das man das erste experimentell-psychologische Buch nennen könnte. Dieses Buch atmete jedoch deutlich den Geist des kurz zuvor erschienenen Buches Darwins Über den Ursprung der Arten, und dieser evolutionistische Zug sollte lange Zeit die junge Psychologie stark beeinflussen, wie wir sehen werden. Einfach ausgedrückt, läuft es darauf hinaus, daß die evolutionistischen Psychologen meinten, die menschliche Psyche könne ganz in physikalischen oder physiologischen Begriffen erklärt werden.

3.2. TIEFENPSYCHOLOGIE
Inzwischen entstand in Europa eine völlig andere psychologische Schule, und zwar durch den berühmten Arzt und Psychiater Sigmund Freud (1856-1939). Doch in einer Hinsicht stimmte er mit den vorigen überein: auch er war überzeugter Darwinist. Die Revolution, die Darwin in der Biologie zustande brachte, brachte Freud in der Psychologie zuwege. Er kam zu seiner »psychoanalytischen« Lehre nicht durch Experimente, sondern durch Beobachtungen an neurotischen Patienten. Er behauptete radikal, daß es in der Psychologie gerade gar nicht in erster Linie um das Bewußtsein gehe, sondern um eine tiefere und viel einflußreichere »Schicht« in der menschlichen Persönlichkeit, nämlich das »Unbewußte« (daher das Wort »Tiefenpsychologie«). Seine ersten Untersuchungen betrafen die Erscheinung der Hysterie, die damals sehr weit verbreitet war. Der Hysteriker leidet an echten (nicht vorgeschützten) körperlichen Störungen, für die sich aber kein einziger körperlicher Grund angeben läßt und die rein mentale Ursachen haben. Freud entwickelte eine Methode, wodurch seine hysterischen Patienten (fast immer Frauen) allerlei emotionale Erfahrungen aus der Vergangenheit wieder in ihre Erinnerung zurückbrachten. Er kam zu der Auffassung, daß diese emotionalen Ereignisse auf »Konflikten« zwischen den triebhaften (vor allem sexuellen) Begierden und den Tabus der Umgebung beruhten. Diese Konflikte wurden, weil sie unangenehm waren, seiner Meinung nach ins »Unbewußte verdrängt«, wo sie, ohne daß der Patient es wußte, erhalten blieben. Diese Konflikte äußerten sich trotzdem, aber dann auf einem Umweg, »vermummt«, mittels hysterischer Symptome. Dadurch, daß die verdrängten Emotionen wieder »an die Oberfläche« gebracht (bewußt gemacht) wurden, konnten sie weggenommen und konnte der Kranke geheilt werden.
Diesen ersten Behauptungen hat Freud schon bald viele neue, ebens originelle (und oft ebenso zweifelhafte) Behauptungen hinzugefügt. Eine solche neue Idee war die des »Ödipuskomplexes«. Nach seiner Meinung habe jeder kleine Junge das unbewußte Verlangen, seinen Vater aus dem Weg zu räumen, um die Liebe (auch die Geschlechtsgemeinschaft) seiner Mutter ganz für sich zu haben (wie das der griechisch König Ödipus ungewollt tatsächlich getan hatte). Mit zunehmender Alter mache der Haß gegen den Vater der »Identifizierung« Platz: der Junge nehme den Vater und später auch andere, große und bewundert Personen zum Vorbild. Doch bei mental kränklichen Personen verlaufe dieser Prozeß nicht gut und gehe in eine ungesunde auflehnende Haltung gegen Autoritätspersonen über.
Allmählich nahm die Sexualität einen immer größeren Raum in Freud Theorien ein. So offenbaren sich seiner Ansicht nach in unseren Träumen allerlei unerfüllte, oft verbotene Wünsche, vor allem sexueller und perverser Art. Nach Freud hat sogar das sehr kleine Kind schon sexuelle Triebe, die sich auf die Eltern richten; das kindliche sexuelle Verhalten zeige, wie er meinte, starke Ähnlichkeiten mit bestimmten perversen Verhaltensweisen, die bei Erwachsenen vorkommen. Personen, die sich abnorm entwickeln, könnten auch in bestimmten »Stadien« der kindlichen Sexualität »steckenbleiben« und dadurch allerlei mental Abweichungen entwickeln. In seinen späteren Jahren unterschied Freud zwischen dem Es (den unbewußten Instinkten oder Trieben; dem Ich (dem »Ich«-Bewußtsein) und dem Über-Ich (dem größtenteil unbewußten »Gewissen«, das uns durch die Normen und Tabus der Umgebung auferlegt wird, vor allem während der Erziehung).
Für Freud bildeten alle diese Ideen eine fast unantastbare Lebens- um Weltanschauung, unlösbar mit seinen materialistischen und evolutionistischen Anschauungen verbunden. Wissenschaftlich hat er sich inso weit verdient gemacht, als er zu Recht großen Nachdruck auf die Bedeutung unbewußter Gemütsbewegungen und Erfahrungen in unsere frühen Jugend gelegt hat. Aber im übrigen sagen seine Auffassungen mehr über die viktorianische Moral seiner Tage als über das Wesen des Menschen aus. Und doch haben seine Auffassungen eine enorme Wirkung auf das abendländische Denken ausgeübt, etwa vergleichbar mit der von Darwin und Marx. Ausdrücke wie Verdrängung, Hemmung, Frustration, Freudsche Fehlleistung, Unbewußtes sind unter uns Gemeingut geworden. Auch haben Freuds dünkelhafte Schriften über die Religion – die er als eine mentale Abweichung betrachtete – kräftig zu der Entchristlichung des Westens beigetragen. Außerdem ist Freud der Psychologe gewesen, der vielleicht am meisten dafür verantwortlich ist, daß in unserem Jahrhundert die Begriffe von echter moralischer Schuld und persönlicher Verantwortung stark an Wert eingebüßt haben, indem er den Menschen als einen Spielball unbewußter Kräfte von innen und der strengen Tabus der Umgebung darstellte. Der Freudianismus schiebt die Schuld des Menschen auf die Eltern und die Gesellschaft ab. Demgegenüber betont die christliche Psychologie, daß jeder Mensch persönlich verantwortlich vor Gott steht und vor allen Autoritätspersonen in seinem Leben, wenn auch unbewußte Kräfte tatsächlich eine gewisse Rolle spielen, wie wir später sehen werden.

3.3. REFLEXOLOGIE
Wir haben jetzt einen Blick auf die Anfangszeit der Psychologie West-Europa und Amerika geworfen, nun schauen wir für einen Augenblick nach Rußland, und zwar auf das Werk von Iwan Pawlow (1849-1936). Um 1900 begann er seine berühmten Versuche mit Hunden, um ihre »Reflexe« zu studieren. Wir sprechen von einem Reflex, wenn unmittelbar auf einen Reiz, ohne Mitwirkung des Gehirns und des Bewußtseins, eine bestimmte Reaktion folgt (Psychologen nennen das eine »Response«). Solch ein Reflex ist z.B. der Speichelsekretionsreflex: Halte einem hungrigen Hund (oder einem Menschen!) leckeres Essen hin, und »automatisch« beginnen die Speicheldrüsen Speichel auszusondern. Das ist ein Beispiel für einen angeborenen Reflex: unter normalen Umständen führt der Reiz unbedingt der Response. Psychologen sprechen dann von einem unbedingten Reiz und von einem unbedingten Reflex. Pawlow begann nun den Speichelreflex – Stimulus: das Sehen von Essen, Response: seibern – zu untersuchen, und zwar, indem er den Stimulus mit beispielsweise dem Läuten einer Glocke kombinierte. Nachdem wiederholte Male sowohl Essen gezeigt als auch zugleich die Glocke geläutet hatte, ging er dazu über, nur die Glocke zu läuten, ohne Essen zu zeigen. Und siehe da, auch jetzt begann der Hund zu seibern! Der Reflex war jetzt an einen neuen, bedingten Reiz »gekoppelt« und war damit ein bedingter (oder: konditionierter) Reflex geworden. Der Hund hatte einen neuen Reflex »erlernt«; diese besondere Form des »Lernens« nennt man konditionieren.
Es ist sehr wichtig zu beachten, daß der Hund nicht anfängt zu seibern weil er »weiß«, daß, wenn die Glocke läutet, Essen kommt. Mit »wissen« hat Konditionierung nicht viel zu tun – das ist aus der Tatsache ersichtlich, daß bedingte Reflexe auch bei sehr primitiven Tieren gebildet werden können. Selbst beim Menschen kann man solche Reflexe bilden, die ohne irgendein »Wissen« ablaufen, z.B. beim Lidschluß-reflex. Das Augenlid schließt sich automatisch bei einem Reiz, z.B. einem Luftzug, ohne daß wir das bemerken. Kombiniert man einen Lufzug mit einem schwachen Lichtblitz, dann wird der Reflex nach kurzer Zeit auch bei dem Lichtblitz allein auftreten. Die Versuche Pawlovs, für die er später den Nobelpreis erhielt, haben nicht nur wissenschaftlichen Wert. Er fügte seine Ergebnisse in einen bestimmten weltanschaulichen Rahmen ein, der großen Einfluß ausgeübt hat. So stellte er triumphierend fest, daß man zur Erklärung seiner Resultate gar nicht irgendein »Bewußtsein« in Anspruch nehmen müßte. Wenn es schon so etwas gäbe wie Bewußtseinserscheinungen, dann wären das seiner Meinung nach höchstens Nebenerscheinungen, die weiter in den psychologischen Erklärungen keine einzige Rolle spielen (sollten). Für Pawlow als überzeugten Darwinisten war das sehr wichtig. Das war auch der Grund, weshalb er solch großen Wert auf Tierversuche legte, die, als sie in Amerika bekannt wurden, große Beachtung fanden. Wir sahen schon, daß die Funktionalisten allmählich auch immer mehr zu Tierversuchen übergingen, um daraus – typisch darwinistisch – mehr über den Menschen verstehen zu lernen. …

3.4. BEHAVIORISMUS
Sowohl die Versuche Thorndikes als auch die Pawlows waren der Ansatzpunkt zu einer neuen und besonders einflußreichen Strömung innerhalb der Psychologie, die den Namen Behaviorismus tragen sollte. Der Gründer dieser Schule war John B. Watson (1878-1958). 1913 proklamierte er seine Auffassung, daß die Psychologen endlich einmal radikal aufräumen müßten mit jeder Form der »Bewußtseinslehre«, weil die Psychologie seiner Meinung nach ein rein objektiver, experimenteller Zweig der Naturwissenschaft sei. Introspektion sei von Übel. Psychologen hätten sich nur mit dem menschlichen »Verhalten« (im Amerikanischen: behavior, daher der Name) zu beschäftigen. Dinge wie das Bewußtsein, mentale Zustände, Wille, Vorstellungen usw. könnten nun einmal nicht, Verhalten hingegen wohl wissenschaftlih beschrieben werden. Und aufgrund der Versuche von Thorndike und Pawlow konnte es außerdem erklärt werden, und zwar in rein physiologischen Begriffen! Indem er alle mentalen Begriffe abschaffte, glaubte Watson die Psychologie von allen weltanschaulichen Vorurteilen zu befreien. Aber er durchschaute nicht, daß er selbst eine andere (materialistische, evolutionistische) Weltanschauung einführte.
Watson war zwar in seiner neuen Arbeitsweise konsequent. »Denken« sei nach seiner Auffassung nichts Mentales; es sei nichts anderes als eine Form unhörbaren Sprechens und werde daher von äußerst kleine Muskelbewegungen im Kehlkopf, der Zunge und den Lippen begleitet. »Emotionen« könnten seiner Meinung nach auf Absonderungsprodukte verschiedener Drüsen zurückgeführt werden. Der Mensch ist im Grunde nichts anderes als ein Roboter. Selbst die »nobelsten« Gefühlsreaktionen des Menschen beruhen seiner Meinung nach auf nichts anderem als konditionierten Reflexen.
In den zwanziger Jahren beherrschte Watsons Schule die gesamte amerikanische Psychologie; doch in den dreißiger Jahren begann man einzusehen, daß er sich mit seinen Ansichten etwas zu sehr verstiegen hatte. Viele Psychologen »bekehrten« sich vom radikalen Behaviorismus, und andere Psychologen entwickelten eine gemäßigtere Form: den »Neo-Behaviorismus«. Am berühmtesten unter diesen Neo-Behaviorsten ist B.F. Skinner geworden, bekannt vor allem durch seine Ratten- und Taubenversuche in dem sogenannten Skinner-Käfig, dem Nachfolger von Thorndikes Rätselkäfig. In dem Skinner-Käfig befindet sie ein Hebel, auf den die Ratte drücken kann, oder eine Platte, gegen die die Taube picken kann. Wenn das geschieht, rollt sofort ein kleiner Nahrungsballen in einen Napf innerhalb des Käfigs. Auch hier »lernt« das Tier allmählich den Zusammenhang zwischen dem Betätigen des Hebels und der hereinrollenden Nahrung kennen. Mit diesem einfachen Apparat sind zahllose scharfsinnige Versuche durchgeführt worden, um die Bildung konditionierter Reflexe zu untersuchen.
Wenn wir hier über »Konditionierung« und »Reflexe« sprechen (wie es auch Skinner tut), dann müssen wir daraufhinweisen, daß natürlich ein großer Unterschied zwischen den Konditionierungsversuchen Pawlows und denen Skinners besteht. Es handelt sich hier um das Erlernen bestimmter Verhaltensweisen, wodurch das Tier selbst angenehme Veränderungen in seiner Umgebung bewirken kann – oder, wie andere Versuche zeigen, unangenehmen Veränderungen in seiner Umgebung entgehen oder sie meiden kann. Pawlow dagegen ging von einem bestehenden, unbedingten Reflex wie dem Speichelreflex aus. Dadurch bleibt das Versuchstier selbst auch immer passiv; doch in der Konditionierung, wie Skinner sie anwandte, lernt das Versuchstier, selbst aktiv bestimmte Handlungen zu verrichten, die für das Tier nützlich sind. Pawlows Konditionierung nennt man klassische Konditionierung und die Skinners nennt man instrumentelle Konditionierung. Es ist sehr wichtig zu bemerken, daß beide Arten von Konditionierung auch beim Menschen vorkommen, wie wir später noch sehen werden. Das ist ebenso eine Tatsache wie die Tatsache, daß alles menschliche Lernen durchaus nicht auf Konditionierung zurückzuführen ist, wie die extremen Behavioristen meinten. Es gibt Konditionierung beim Menschen; aber es gibt beim Menschen genauso »höhere« Formen des Lernens, die von einer ganz anderen Ordnung sind.

3.5. HUMANISTISCHE PSYCHOLOGIE
In den fünfziger Jahren entstand eine völlig neue Schule innerhalb der Psychologie, und zwar durch das Wirken des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908-1970). Diese Schule widersetzte sich als »dritter Weg« kräftig einerseits der Psychoanalyse und andererseits dem Behaviorismus. Maslow nahm es den Behavioristen übel, daß sie so taten, als könnten Ratten und Tauben als eine Art vereinfachtes »Menschenmodell« dienen. Viele menschliche Verhaltensweisen sind seiner Ansicht nach völlig einzigartig und können durchaus nicht auf das Verhalten von Ratten und Tauben oder sogar Menschenaffen zurückgeführt werden. … Nun, sagt Maslow, ich will vor gesunden Menschen ausgehen. Die Psychologie muß endlich einmal eine echte Menschenpsychologie werden! Daher die einigermaßen verwirrende Bezeichnung »humanistische Psychologie«.  
Die erste Frage, die sich nun natürlich stellt, ist: Was ist denn eigentlich ein gesunder Mensch? Das ist, sagt Maslow, ein Mensch, der alle seine inneren Möglichkeiten entfaltet hat. Es geht um die Selbstverwirklichung des Menschen. Um dahin zu kommen, behauptet Maslow, ist eine große Dosis Lebenserfahrung nötig plus günstige gesellschaftliche Umstände. …
Diese starke Betonung der »Bedürfnisse« ist ein Symptom der Tatsache, daß auch Maslow nicht wirklich über den Darwinismus hinauskommt, … geschweige denn, daß Maslow je zu dem Wesentlichsten des Menschen vordringt: dessen Herz oder dessen Beziehung zu Gott (oder den Götzen). Bei Maslow steht in typisch humanistischer Weise der Mensch im Mittelpunkt mit der Befriedigung seiner auf sich selbst gerichteten Bedürfnisse und mit seiner »Selbst«-Verwirklichung. Im Christentum hingegen geht es um die Verwirklichung, die Entfaltung der Beziehung zu Gott und des neuen Lebens in Christus. …
3.7. GESTALTPSYCHOLOGIE …
3.8. EXISTENTIALISTISCHE PSYCHOLOGIE
Natürlich gibt es auch heutzutage noch immer materialistische Behavioristen, doch sie bilden eine Minderheit. In der Praxis kümmern sie viele Psychologen nicht mehr so sehr um ihr »Menschenbild«. … Eine große Ausnahme hierzu bilden die Existentialisten wie Karl Jaspers (1883-1969), Martin Heidegger (1889-1976) und Jean-Paul Sartre (1905-1980). Ihre Lebensanschauung fragt sehr bestimmt nach dem »Wesen« des Menschen. Sie betonen sehr den totalen Menschen, seine Einzigartigkeit, seine wahre, volle »Existenz« inmitten einer unbegreiflichen, absurden Welt, in der der Mensch lernen muß zu wählen. Ihre Betrachtungsweise hat einen großen Einfluß auf die moderne Psychologie ausgeübt.
Der Psychoanalyse und dem Behaviorismus gegenüber betonten die Existentialisten, daß das Bewußtsein des Menschen nicht auf physikalisch-chemische Prozesse zurückzuführen ist, sondern lediglich von solchen Prozessen »getragen« wird. Dem kann der Christ noch zustimmen, doch nun folgen die Unterschiede. Laut Existentialisten ist das Bewußtsein (oder der Geist) völlig frei. Ja, der Mensch lebt erst, »existiert« erst wirklich wenn seine Freiheit auch durch nichts eingeschränkt wird. Hiermit kann der Christ nicht einverstanden sein, denn das bedeutet, daß unter »Freiheit« hier auch gemeint ist, »frei« zu sein von den vom Schöpfer in der Schöpfung und durch Sein Wort gegebenen Verordnungen. Der Existentialist verherrlicht den sich frei entfaltenden Geist des Menschen. Das Triebleben bei den Psychoanalytikern ist hier durch den geistigen, kreativen Entfaltungsdrang ersetzt. Doch auch hierin liegt nicht die Antwort. Das Geistesleben des Menschen kann nicht auf Triebe und Reflexe reduziert werden, wie die Psychoanalytiker das wollen. Das Geistesleben ist gerade unterworfen, nicht den Trieben oder Reflexen, sondern dem Herzen. Und in diesem Herzen ist der Mensch entweder auf Gott und Seine Gebote gerichtet – und dann wirklich frei – oder auf die Knechtung durch die Götzen, seien es nun die Götzen innerhalb des Menschen (z.B. seine Triebe), seien es die Götzen seiner Umgebung, seien sie stofflicher, seien sie geistiger Art.
3.9. CHRISTLICHE PSYCHOLOGIE
Der Mensch ist göttlichen Normen unterworfen – logischen, technischen, Sprach-, sozialen, ökonomischen, ästhetischen, juristischen, ethischen, Glaubensnormen. Normen, die der Mensch nicht selbst erdacht hat, sondern die von Gott in Seiner Schöpfungsordnung niedergelegt worden sind. Wahre Freiheit ist gerade nicht Unabhängigkeit von diesen Normen, sondern Unterwerfung unter diese Normen. Alle bisher behandelten Schulen innerhalb der Psychologie, seien sie nun psychoanalytisch und behavioristisch oder humanistisch und existentialistisch, verkennen diese »vertikale« Beziehung des Menschen zu Gott. Psychologen möchten etwas vom Menschen verstehen; aber das »Wesen« des Menschen liegt gerade im Herzen des Menschen verborgen, das nur aus der Beziehung zu Gott (oder den Götzen) heraus verstanden werden kann. Die christliche Psychologie möchte von der biblischen Weisheit ausgehen, die nur Gott uns über diese Beziehung, in die Er den Menschen gestellt hat, schenken kann. Weiterhin ist der christliche Psychologe offen dafür, seine Erkenntnisse durch zielgerichtete Beobachtungen und Experimente kritisch zu vertiefen und zu bereichern.

4. Die mentalen Strukturen (Aus Platzgründen weggelassen)
5. Die normale Persönlichkeit
5.1. Entwicklung des Ethos
Verschiedene Forscher haben untersucht, wie das Ethos, die religiös ethische Einstellung des Menschen, sich in der Jugend entwickelt. Sie versuchten das herauszufinden, indem sie die »moralische Argumentation« bei Kindern in unterschiedlichen Altersstufen und bei Erwachsenen untersuchten. Natürlich unterscheiden sich moralische Werte und Normen stark je nach Kultur und sozialer Klasse. Aber merkwürdigerweise zeigte sich, daß doch von einem bestimmten Grundmuster in der moralischen Argumentation gesprochen werden kann, das heißt, Menschen kommen im großen und ganzen doch ungefähr auf dieselbe Weise zu einer moralischen Beurteilung menschlichen Verhaltens. Trotz der gewaltigen Auswirkung der Sünde scheinen wir doch bei sehr unterschiedlichen Gruppen von einer Art gemeinsame »moralischer Anlage« sprechen zu können. Beachte wohl: Es geht hier (noch) nicht um die moralischen Motive des eigenen Verhaltens des Menschen, sondern um die moralischen Argumente, mit denen er das Verhalten anderer beurteilt. Gerade durch die Sünde können diese beiden sich sehr unterscheiden; man braucht nur an das zu denken, was Christus über den »Balken« und den »Splitter« gesagt hat (Mt 7,3-5).
Es ist nun interessant, daß verschiedene Menschen in völlig unterschiedlichen »Entwicklungsstadien« in der moralischen Entwicklung steckenbleiben. Viele Menschen erreichen eine Art »konventionelles Niveau«: Sie beurteilen das Verhalten nur nach den »guten Absichten« der betreffenden Person oder fragen sich nur, ob diese Person sich an die festen Regeln der gesellschaftlichen Ordnung (oder z.B. der Glaubensgemeinschaft) hält. Manche Menschen erreichen nicht einmal das und bleiben auf einem »präkonventionellen Niveau« stecken, wie das bei kleinen Kindern ganz normal ist. Solche Menschen beurteilen bestimmte Taten nur nach den materiellen Folgen – »zehn Tassen (aus Versehen) zu zerbrechen ist schlimmer als eine Tasse (absichtlich) zu zerbrechen« – oder nach dem Maß, in dem bestimmte Taten die eigenen Bedürfnisse befriedigen: »Du kratzt mir den Rücken, dann kratze ich dir den deinen.« Andere Menschen jedoch erreichen durchaus ein höheres, ein »postkonventionelles Niveau«. Sie erkennen die Relativität der geltenden Gesetze und Regeln, erkennen, daß diese zu höheren geistigen Werten im Widerspruch stehen können. Es geht nicht nur um bestimmte konkrete Gebote und Verbote, sondern um die eigenen, höheren Werte oder sogar universelle Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit und gegenseitige Achtung.
Es ist klar, daß dieses letzte »Niveau«, wenn wir es so formulieren, genausogut von Humanisten wie von Christen erreicht werden kann. Mancher Humanist kann sogar ein weitaus höherstehendes moralisches Bewußtsein haben als allerlei konventionelle Christen (oder welche als solche gelten). Das bedeutet, daß wir eigentlich ein noch höheres »Niveau« formulieren müßten, und zwar ein religiöses Stadium, das über alle Ethik hinausgeht. Warum sollte ja der Mensch sich inmitten einer Welt voller Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit an »universelle Grundsätze« der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit halten? Der Humanist ist arm dran, wenn er sein »Fundament« in dem unwahrhaftigen und ungerechten Menschen suchen muß; der Christ ist reich, wenn er sein »Fundament« in der vollkommenen Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes sucht.
Wer das einmal erkannt hat, sieht übrigens auch, wie relativ es ist, über »Niveaus« und »moralische Entwicklungsstadien« zu sprechen. Dieses höchste, religiöse »Stadium« ist gar keine Phase, die dem höchsten ethischen »Stadium« folgt. In weitaus den meisten Fällen spielt sich die Entwicklung des religiösen Menschen gerade in einem Mikro-Milieu ab, der Familie, in der die Religion vom frühesten Anfang an lenkend vorhanden war. Stärker noch: Wiedergeburt und Erleuchtung durch den Heiligen Geist sind nötig, um zu dieser hochstehenden religiöser Beurteilung der Taten zu kommen, ja, aus der Beziehung zu Gott her aus auch selbst zu Taten zu kommen, die Ihm wohlgefällig sind. Der »Christ«, der die Gebote Gottes nur hält, um die Wertschätzung anderer zu erwerben, oder aus Unterwerfung unter die Autorität der Glaubens-Gemeinschaft und der Tradition, ist nur ein »konventioneller Christ« wer sie hält aufgrund einer bestimmten Vorstellung von »persönlichen« bzw. »universellen« ethischen Werten, ist nur ein »postkonventioneller Christ«. Wer sie hält aus wahrer Liebe zu Gott, in inniger Geneinschaft mit Gott, vollkommener Hingabe an Gott, andächtigen Umgang mit Seinem Wort und Unterwerfung unter Sein Wort, ist ein Christ.
Aus der Arglist des natürlichen Herzens des Menschen (vgl. Jer 17,9) erklärt sich, wie es kommt, daß Menschen manchmal so hoch-moralisch argumentieren und gleichzeitig so tief-moralisch handeln können, stärker noch: Sozialpsychologen haben ausreichend Beweise dafür gefunden, daß »anständige« Menschen mit einer hochentwickelten Form moralischen Denkens unter bestimmten Umständen fähig sind zu betrügerischer Anpassung an die Masse, zu sehr üblen Praktiken unter dem »Befehl-ist-Befehl«-Motto, zu weitgehender Gleichgültigkeit hinsichtlich des Lebens anderer Menschen, zu unerwarteter Aggression und unerwartetem Vandalismus. Wir hätten das natürlich schon längst aus der Bibel wissen können, aber es dauerte doch eine Weile, bis die Psychologen diesen Zusammenhang auch durchschauten: Wenn jemand von sich meint, daß er anständig und gesetzestreu sei, wie kommt es dann, daß er manchmal zu den niedrigsten Taten fähig ist? Christen wissen die Antwort: Wie hoch wir auch von uns denken, wenn die Umstände »geeignet« sind, wird unsere sündige Natur häufig in schmerzlicher Weise ans Licht treten. Das mag aus den folgenden Abschnitten noch deutlicher werden.

5.2. DAS ETHOS UND UNSERE BEZIEHUNGEN

5.2.1. Das Ethos und Ich
Wir haben gesehen, daß wir einen Unterschied zwischen unseren (objektiven) Bedürfnissen machen müssen – dem, was wir wirklich »nötig« haben und unseren (subjektiven) Trieben – dem, wonach wir verlangen. Wir können jetzt einmal unsere Bedürfnisse und unsere Wünsche mit einer dritten Größe vergleichen: unserem Ethos oder sagen wir: unseren Werten. Alle drei werden durch sensitive und spiritive Faktoren bestimmt, aber zutiefst durch das Herz. Doch sind sie längst nicht immer in Harmonie miteinander. … Man kann daher drei Arten von Menschen unterscheiden:
1. Ein »harmonischer« Mensch ist jemand, bei dem die Bedürfnisse, Wünsche und Werte (fast) ganz zusammenfallen, indem seine Wünsche auf seine wirklichen Bedürfnisse abgestimmt sind, also auch auf Gottes Normen, und indem seine Werte auch mit diesen Normen Gottes, wie Er sie in Seinem Wort offenbart hat, harmonieren.
2. Ein »pseudoharmonischer« Mensch ist jemand, der es fertigbringt, sein Gewissen so zu verhärten, daß seine Werte von allerniedrigster Art sind und deshalb mit seinen niedrigen Wünschen zusammenfallen können. Wenn der Satan seine Sklaven ganz in seiner Macht hat, haben sie »Frieden« (Lk 11,21). Aber in Wirklichkeit ist so jemand natürlich gerade völlig »unharmonisch«, indem seine Werte und Wünsche zwar miteinander, aber nicht mit seinen Bedürfnissen zusammenfallen.
3. Ein völlig »unharmonischer« Mensch ist jemand, bei dem nicht einmal zwei der drei Elemente in vernünftigem Ausmaß zusammenfallen. Seine niedrigen Wünsche weichen stark von seinen Bedürfnissen ab, stehen aber zugleich in Konflikt mit seinen noch nicht völlig degenerierten Werten, wenn diese Werte auch stark von Gottes Normen abweichen. So jemand ist ein Sklave der Sünde, ist das aber zudem noch mit einem schlechten Gewissen. Doch für so jemand besteht viel mehr Hoffnung als für den »pseudoharmonischen« Menschen, gerade deshalb, weil sein Gewissen noch tätig ist.
Kognitive Dissonanz
Um die Sache kompliziert zu machen, müssen wir bemerken, daß in den (objektiven) Bedürfnissen des Menschen nun gerade der Drang gehört, seine Wünsche so weit wie möglich mit seinen Werten in Harmonie sein zu lassen (wie hoch oder niedrig diese Werte auch sind). Jeder Mensch will ja gern ein »harmonischer« Mensch sein. Anders ausgedrückt: Menschen haben im allgemeinen ein starkes Bedürfnis nach »Selbstrechtfertigung«. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang gern von kognitiver Dissonanz. Sie meinen damit, daß, wenn eine Person z.B. bestimmte Dinge tut, an die sie selbst nicht glaubt, sie sich unbehaglich fühlt: es besteht eine Dissonanz zwischen dem, was sie tut, und dem, was sie meint tun zu müssen. Darum wird sie versuchen, diese Dissonanz »aufzuheben«, sei es, indem sie ihre Taten ändert (doch das geht häufig nicht), oder sei es, indem sie ihre Werte anpaßt. So wird die kognitive Dissonanz durch Selbstrechtfertigung »aufgelöst«.
Wir erleben das täglich. Jemand ist z.B. im Zwiespalt, entweder zur Kirche zu gehen oder sich dieses Fußballspiel im Fernsehen anzusehen. Er wählt letzteres und erfährt nun »kognitive Dissonanz«: er hätte eigentlich zur Kirche gehen müssen, aber er hat das nicht getan. Er »löst« diese Dissonanz nun »auf«, indem er sich selbst weismacht, daß er sich eigentlich auch nicht so besonders fühlt, so daß er auch, wenn kein Fußballspiel ausgestrahlt worden wäre, zu Hause geblieben wäre … Das ist eine Methode, um die Harmonie zwischen Werten und Wünschen aufrechtzuerhalten.
Der Deutlichkeit wegen: Diese unethische Selbstentschuldigung ist natürlich im vollen biblischen Sinn des Wortes eine Sünde; aber kognitive Dissonanz kommt nicht nur auf der ethischen Ebene vor. Wir begegnen ihr auch bei der Anschaffung von allerlei Artikeln. Eine Hausfrau kauft ein teures Waschmittel, weil sie denkt, daß es weißer wäscht. Sie wird nun sehr dahin tendieren, das auch tatsächlich zu glauben, wenn auch eigentlich kein objektiver Unterschied besteht. Wer zu einer anderen kirchlichen Gemeinschaft übergetreten ist, wird sich selbst weismachen, daß es dort tatsächlich viel besser ist – um damit seinen Schritt vor sich selbst zu rechtfertigen -, auch wenn er eigentlich keine Fortschritte gemacht hat. Oder z.B.: Je teurer eine Medizin ist, um so mehr tendiert der Patient dahin zu glauben, daß die Behandlung doch helfen muß. Diese Formen des Selbstbetrugs sind keine konkreten Sünden; aber sie sind natürlich doch Folgen der sündigen Gebrochenheit des Menschenlebens.
Die Theorie der kognitiven Dissonanz kann auch auf die Erziehung angewandt werden. Wenn ein Kind unter schwerem Druck etwas unterläßt, was es gern tun würde, entsteht eine kognitive Dissonanz. Diese kann das Kind auflösen, indem es argumentiert: »Ich will eigentlich damit fortfahren, aber ich gebe es auf, weil ich gezwungen werde.« …
Sehr wichtig bei der kognitiven Dissonanz ist selbstverständlich auch die Unterstützung, die Gleichgesinnte beieinander finden. Je mehr Menschen etwas glauben, um so mehr ist man geneigt, das auch zu glauben, denn, so argumentiert man, wenn so viele kluge, sachverständige Menschen das glauben, dann kann es doch fast nicht unwahr sein. Diese Erscheinung kommt auch ebensogut unter bibeltreuen Christen vor. Es gibt auch unter ihnen nur wenige Menschen mit einem völlig unabhängigen Urteil, das sich nur auf die Schrift gründet. Das ist kein Tadel, denn viele können wenig mehr, als sich bewußt oder unbewußt auf das Urteil von »Sachverständigen« aus ihrer Gruppe oder auf das Urteil der Masse stützen. Wenn sie mit einer anderen, ebenso großen und überzeugten »Masse« in Berührung kommen, entsteht kognitive Dissonanz. Sie wird im allgemeinen nicht durch eine objektive Untersuchung aufgelöst, denn das könnte dazu führen, daß man die eigene Überzeugung zurechthobeln oder sogar eintauschen muß … Das will man im allgemeinen nicht, selbst wenn man den vagen Eindruck hat, daß die anderen immerhin einmal recht haben könnten. Ohne eine gründliche Untersuchung, ohne manchmal sogar die Überzeugung der anderen zu kennen, kommt man schon mit »Argumenten« – die eigentlich mehr den Zweck haben, sich selbst zu beruhigen, als die anderen zu überzeugen. Das ist dann, wenn auch viele offensichtlich nicht mehr als das bringen können, immerhin eine Folge der sündigen Gebrochenheit des Lebens. Daher kann das (An)erkennen dieser kognitiven Dissonanz und unserer Selbstrechtfertigung sehr heilsam sein. »Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verderbt ist es; wer mag es kennen?« (Jer 17,9). Wie schwierig ist es, wirklich »ehrlich vor sich selbst« oder, noch besser, »ehrlich vor Gott« zu sein!« …

5.3. DAS HERZ
5.3.1. Herz und Gewissen
Mit vorstehendem haben wir uns immer mehr dem tiefsten Inneren des Menschen genähert, das für den Wissenschaftler eigentlich ein Geheimnis bleibt, worüber nur Gottes Wort Licht verschaffen kann. Wir haben bereits einige Male auf das Gewissen angespielt, das laut der Bibel eine Funktion des Herzens ist. Das Alte Testament kennt nicht einmal ein Wort für »Gewissen«, sondern spricht da, wo es um das Gewissen geht, immer vom »Herzen«; siehe z.B. 1. Samuel 25,31; 1. Könige 2,44; 8,38; Psalm 24,4. Gerade dadurch, daß das Gewissen eine Funktion des Herzens ist, ist es immer direkt auf Gott bezogen. Ein gut funktionierendes Gewissen klagt uns daher an, wenn wir Gott und Seinem Wort ungehorsam gewesen sind. Das Gewissen ist nicht der eine oder andere religiös-ethische »Bestandteil« des Menschen, sondern es ist der Mensch selbst in seinem tiefsten Inneren (dem Herzen), in seinem ganzen Selbstbewußtsein, Wollen und Handeln, das auf Gottes Wort bezogen ist oder nicht.
Das sehen wir sehr deutlich im Neuen Testament, wo das Wort »Gewissen« wohl viele Male vorkommt. So ist ein »schwaches Gewissen« (1. Kor 8,7), d.h. ein Gewissen, das leicht verletzt wird, ungefähr dasselbe wie ein »schwacher Glaube« an Gott im Sinn von Römer 14,1. So ist »sein Gewissen« in 1. Korinther 8,9-12 eigentlich immer der Mensch selbst in seiner Verantwortung Gott gegenüber. Das »Gewissen« ist auch in Römer 13,5 deutlich der innere Ausdruck des Willens Gottes in unserem Leben. Am deutlichsten ist das vielleicht in 1. Petrus 2,19, wo wir einen Ausdruck finden, den wir mit »Gewissen vor Gott« übersetzen können. Das liegt nicht so weit auseinander: Das »Gewissen« ist ein Bewußtsein von Gott, der unser tiefstes Inneres kennt und beurteilt. Wenn Gott nichts an uns auszusetzen hat, haben wir ein »reines Gewissen«, und wenn Gott unsere inneren Gemütsbewegungen und unsere äußeren Taten nach Seinem Wort verurteilt, haben wir ein »böses« oder ein »beflecktes« Gewissen (2. Tim 1,3; 2,22; Hebr 10,22; Tit 1,15).
Wir müssen dabei gut bedenken, daß Gottes Wort und der Heilige Geist einen vollkommenen Maßstab bilden, unser Gewissen dagegen an sich nicht. So schreibt Paulus: »Denn ich bin mir selbst nichts bewußt [= ich habe ein gutes Gewissen], aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt. Der mich aber beurteilt, ist der Herr« (1. Kor 4,4). Es ist also möglich, daß unser Gewissen uns nicht anklagt, daß der Herr uns aber doch zu tadeln hat. Auch das Umgekehrte kann vorkommen: Wenn unser Herz (das ist hier das Gewissen) uns »verurteilt«, dürfen wir doch alles dem Herrn übergeben in dem Bewußtsein, daß Er uns völlig durchschaut und uns deutlich machen wird, ob etwas falsch ist, so daß wir es wegtun können (1. Joh 3,19-21). Das Gewissen ist also nicht immer ein genaues Bewußtsein des Willens Gottes. Das zeigt sich übrigens auch in der Tatsache, daß Heiden, die das Wort Gottes nicht kennen, doch ein »Gewissen« haben, wie dürftig das auch sein mag (Röm 2,15). Jeder Mensch wird mit einem tief in seinem Herzen verborgenen, vagen Bewußtsein von Gott geboren (vgl. Röm 1,19-21), wodurch er auch ein vages Bewußtsein des Willens Gottes, von »Gut und Böse« hat Aber dieses dürftige natürliche moralische Bewußtsein wird nachher in der Erziehung und in dem kulturellen Milieu weiter geformt und vor allem verformt.
Gewissen und Konditionierung
Obwohl das Gewissen eine Funktion des Herzens ist, spielen in seiner Entwicklung doch auch sensitive und spiritive Faktoren eine große Rolle. Selbst die (perzeptive) Konditionierung (Bedingung) spielt darin eine Rolle (was einige Psychologen veranlaßt hat, das Gewissen sofort als »nichts anderes als« eine Sammlung konditionierter Reflexe zu betrachten). Alle Eltern wissen um diese Rolle, wenn sie einem hartnäckigen Kind mit Hilfe (milder) körperlicher Strafen ein bestimmtes Verhalten beizubringen oder abzugewöhnen versuchen. Eine Zeitlang war es Mode, daß Psychologen das Schlagen von Kindern scharf ablehnten, aber viele sind davon längst wieder abgegangen. Körperliche Strafen haben durchaus großen Nutzen, vorausgesetzt, daß sie sofort und konseqi angewendet und auch dem Kind erklärt werden. Zudem müssen sie immer in Übereinstimmung mit der Schwere des verübten Vergehens sein und vor allem gepaart gehen mit »Belohnungen« (z.B. das Kind loben), wenn es das gewünschte Verhalten zeigt. Siehe die Weisheit Salomos in Sprüche 13,24; 22,6.15; 23,13f. und 29,15.
Es gibt heute ausreichend Beweise dafür, daß Schüler, die in größerer moralischer »Freiheit« erzogen worden sind, mehr Vergehen und Verbrechen ausüben als Schüler, die eine strengere, »konventionellere« Erziehung erfahren haben. Aber, wie gesagt, eine strengere Erziehung bedeutet (ab und zu) körperliche Strafe plus Erklärung. Dadurch, daß der Mensch eine spiritive Struktur hat, kann er über seine Taten nachdenken, verstehen, warum etwas gut oder verkehrt ist, einsehen, was man anderen durch verkehrtes Verhalten antut. Außerdem hat er ein Herz, wodurch er, wenn er wiedergeboren ist, einsehen kann, weshalb dieses oder jenes Verhalten »Sünde gegen Gott« ist. So wird das Gewissen der christlichen Erziehung nach dem Maßstab des offenbarten Wortes Gottes gebildet.
Gerade dadurch, daß das Gewissen während der Erziehung verformt werden kann, können Menschen (und sogar höhere Tiere!) durch Konditionierung (sensitive) »Schuldgefühle« bekommen. Es ist sehr wichtig, das klar von konkreter, ethischer »Schuld« zu unterscheiden. Von dieser letzteren ist nur die Rede, wenn man ein konkretes Gesetz übertreten hat. Diese (objektive) »Schuld« kann mit einem (subjektiven) »Schuldgefühl« gepaart sein oder nicht. Ein »gehärtetes« Gewissen (1.Tim 4,2) kann die größte Schuld auf sich laden, ohne jemals Schuldgeühle zu haben. Andererseits kann ein »schwaches« Gewissen (1.Kor. 8,7.10.12) leicht ein Schuldgefühl auf sich laden, ohne daß gemäß Gottes Geboten von konkreter Schuld die Rede ist. In manchen christlichen Familien werden den Kindern allerlei Tabus beigebracht, die im allgemeinen nicht in der Bibel begründet sind, die aber manchmal sehr schwierig wieder wegzunehmen sind. Darum ist gute, gediegene, wirklich biblische Erziehung so schwierig und so wichtig. Der Sprüchedichter wußte nicht nur ums Schlagen, sondern konnte in einer innigen Beziehung zu seinem Kind sagen: »Mein Sohn … vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand. Erkenne ihn auf allen deinen Wegen, und er wird gerade machen deine Pfade. Fürchte den Herrn und weiche vom Bösen« (Sprüche 3,1.5-7).
5.3.2. Herz und Liebe
Das Wesen der Beziehung zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mitmensch ist die Liebe (Mt 22,37-39: vgl. 5. Mo 6,5; 3. Mo 19,18). Wenn der Mensch liebt, geht sein Herz zu dem anderen aus, wie das in unzähligen Bibelstellen und volkstümlichen Redensarten zum Ausdruck kommt.
Sprechen wir zuerst über die »horizontale« Liebe zwischen Mensch und Mitmensch, dann könnte man unterscheiden zwischen einseitiger Liebe oder »Nächstenliebe« und gegenseitiger Liebe. Psychologen sprechen, wenn sie Nächstenliebe meinen, gern von prosozialem Verhalten und meinen dann damit: Verhalten, das positive soziale Folgen hat. Das klingt schon etwas anders als »Liebe«, aber diese Definition hat den Vorteil, daß sie die Motive, die Gesinnung des prosozialen Menschen außer Betracht läßt. Wir wissen ja nur zu gut, daß man sich mit den edelsten, aber auch mit den bösartigsten Motiven prosozial verhalten kann. Oder jedenfalls liegen zwischen diesen beiden Extremen doch häufig noch sehr selbstsüchtige Motive. Mancherlei Hilfe und Wohltätigkeit bedeutet für den Betreffenden einerseits häufig nur ein kleines Opfer, verschafft ihm aber andererseits häufig Ehre, Ruhm, Ansehen, Belohnungen. Wirkliche Nächstenliebe sehen wir dort, wo dem Betreffenden ein großes Opfer zugemutet wird, dem kaum ein oder kein Vorteil gegenübersteht.
Ein sehr deutliches Beispiel davon sehen wir in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Erstens war der Samariter nicht verantwortlich für den Zustand des verwundeten Mannes (vieles prosoziale Verhalten gründet sich in Wirklichkeit auf Schuldgefühl). Zweitens war er durch niemanden verpflichtet oder gedrängt zu helfen (viel Nächstenliebe geschieht unter sozialem Druck). Seine Tat war völlig freiwillig und sogar non-konformistisch, da soziale Führer (der Priester und der Levit) Hilfe verweigert hatten. Drittens wurde der Samarit nicht getrieben durch Volkssolidarität, denn der verwundete Mai gehörte zu einer anderen, sogar feindlichen Nation. Viertens erforderte seine Tat einen hohen Aufwand an Zeit, Anstrengung, Risiken und Geld. Fünftens suchte er keine Belohnung und bekam auch keine.
Die Frage ist nun: Gibt es in der Praxis solch eine Nächstenliebe? Psychoanalytiker und Behavioristen haben das rundweg geleugnet. Ausgehend von evolutionistischen Gedanken wie dem »Kampf ums Dasein« und dem »Überleben des Stärksten« konnten sie nicht anders als behaupten, daß das Verhalten des Menschen durch und durch selbstsüchtig sei. In gewissem Sinn können Christen dem wohl zustimmen, ab dann nicht wegen der evolutionistischen Unvollkommenheit des Menschen, sondern wegen der Tatsache, daß der ursprünglich gut geschaffene Mensch aus eigener freier Wahl in die Sünde gefallen ist. Selbst bei dem Christen, der zwar wiedergeboren ist, in dem aber doch noch die sündige Natur vorhanden ist, stellt sich die Frage, ob man bei ihm jemals eine zu 100% uneigennützige Tat der Opferbereitschaft antreffen wird.
Ein beschämendes Beispiel trat zutage bei einem Versuch mit vierzig Theologiestudenten. Sie bekamen den Auftrag, sich zu einem bestimmten Gebäude zu begeben, um dort eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Dabei war die Situation so arrangiert, daß einige Studenten sich beeilen mußten, um pünktlich zu sein. In einigen Fällen beinhaltete die Aufgabe, daß sie in dem bestimmten Gebäude einen Vortrag über den barmherzigen Samariter halten sollten! Alle Versuchspersonen kamen unterwegs direkt vorbei an einem stöhnenden Mann, der sich offensichtlich in Not befand, aber in Wirklichkeit ein Handlanger der Versuchsleiter war. Die Anzahl der Studenten, die anhielt, um dem Mann zu helfen, erwies sich als betrüblich klein. Wie Priester und Leviten eilten sie an dem notleidenden Mann vorbei, um nur pünktlich zu ihrem wichtigen und ehrenvollen Vortrag über den barmherzigen Samariter dazusein…
Wie mangelhaft unsere Hilfsbereitschaft auch ist, sie kann doch in gewissem Maß erlernt werden. Das ist im Blick auf die Erziehung sehr bedeutungsvoll. Man kann Hilfsbereitschaft bei Kindern fördern, indem man sie hinterher mit materiellen oder sozialen Belohnungen belohnt. Vorher Belohnungen zu versprechen, hat jedoch eine falsche Wirkung: Kinder werden darin trainiert, ihr eigenes Verhalten falsch zu beurteilen. Sie denken von sich, daß sie etwas tun wegen der versprochenen Belohnung statt aus Nächstenliebe. Dadurch werden sie in anderen Lagen, wo keine Belohnungen zu erwarten sind, nicht so schnell hilfsbereit sein. Wichtig ist es auch, während der Erziehung in Kindern die Fähigkeit zu entwickeln, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen und so Hilfe zu leisten, nicht einer Belohnung wegen, sondern um Schmerz zu lindern und Freude zu bereiten.
Dabei ist das gute Vorbild äußerst bedeutungsvoll. Kinder folgen leicht dem guten Vorbild, vor allem, wenn sie die positiven Folgen der erwiesenen Hilfsbereitschaft sehen. Kinder folgen außerdem leichter jemandes Taten als jemandes Worten: Wenn Vater zwar schön über Nächstenliebe sprechen kann, beweist sie selbst aber nicht, werden seine Kinder es im allgemeinen auch nicht tun. Allerdings haben Vaters Worte dennoch Einfluß: Sie beeinflussen die Worte, die seine Kinder selbst über Nächstenliebe sprechen werden: Schönredner ziehen sich Schönredner heran. Siehe weiter Matthäus 23,3f.; Römer 2,1-2; 1. Timotheus 4,12.15f.; 2. Timotheus 3,10f.l4.
5.3.3. Herz und Glaube
Selbst letzteres, die Liebesbeziehung zu Gott oder die Religion, ist Gegenstand psychologischer Studien geworden, und zwar der sogenannten Religionspsychologie. Übrigens haben sich auch alle möglichen anderen Wissenschaftler, Theologen, Historiker, Ethnologen, Soziologen und Philosophen mit diesem schwierigen Thema beschäftigt. Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, daß die religiöse Beziehung des Menschen zu Gott im tiefsten nicht der wissenschaftlichen Analyse zugänglich ist. Wissenschaftler haben daher auch den größtmöglichen Unsinn über die Religion aufs Tapet gebracht. Selbst auf die aller-»einfachste« Frage, wie Religion eigentlich definiert werden muß, sind schon die unterschiedlichsten Antworten gegeben worden.
Diese Verwirrung ist sehr verständlich. Gerade wenn Wissenschaftler sich mit der Religion (einer Sache des Herzens) beschäftigen, ist das Engagement ihres eigenen Herzens am größten. Nirgends ist der Wissenschaftler also »subjektiver«, als wenn die Religion sein Studienobjekt ist. Forscher haben auch auf diesem Studiengebiet die »wissenschaftliche Unvoreingenommenheit« befürwortet, aber in Wirklichkeit ist es vom christlichen Standpunkt her gerade umgekehrt. Man kann nur sinnvoll über die religiöse Beziehung sprechen, wenn man selbst »mit Herz und Seele« darin einbezogen ist. Nur der religiöse Mensch hat aus seiner persönlichen Erfahrung heraus »Wissen« über gerade die wesentlichen Aspekte der religiösen Beziehung, worüber sich »streng-wissenschaftlich« nun gerade nichts Vernünftiges sagen läßt. Der religiöse Mensch meint nicht nur die »höhere Welt« zu erfahren und damit in Verbindung zu stehen, sondern er erfährt sie und steht damit in Verbindung – sei es nun die »Welt« Gottes oder die (dämonische) Welt der Götzen. Das Herz hat seine eigenen Gründe, das glauben.
Wenn jemand sich jedoch »echt wissenschaftlich« auf die »objektiv wahrnehmbaren Fakten« beschränken will, dann ist das natürlich sein gutes Recht. Nur darf er dann nicht erwarten, die »Religion« zu studieren. Er wird höchstens die sichtbaren und also weniger interessanten Aspekte »religiöser Erscheinungen« studieren. Er ist geradeso wie jemand, der ein Auto studieren will, aber nicht an Benzin glaubt; er wird vielleicht ganz nette Dinge über das Auto feststellen können, aber das Wesen des Fahrzeugs wird ihm doch entgehen. So haben auch Religionswissenschaftler sich in religiöse Auffassungen, Verhaltensweisen, Rituale, Gefühle, in Theologie, Glaubensbekenntnisse, kirchliche Einrichtungen und Zeremonien vertieft – ohne zu verstehen, daß sie damit nur »Religiosität« studieren, aber nicht die religiöse Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es hat alles damit tun, aber es ist sie nicht.
Echt und unecht
Wir müssen jedoch zugeben, daß in letzter Zeit die Psychologen von selbst auch in etwa dahintergekommen sind. Hätte man früher auf die Bibel gehört, dann hätte es nicht so lange zu dauern brauchen, bis sie einen solch fundamentalen Unterschied zu machen lernten wie zwisch äußerlichem religiösen Verhalten und innerer religiöser Erfahrung des Herzens. Heute würde man sagen: zwischen »extrinsischer« und »intrinsischer Religiosität«. Extrinsische Religiosität ist »äußere« Frömmigkeit, eine Sache des sozialen Status (irgendwo zugehören) und des Eigennutzes (was bringt mir die Religion?). Außerdem sind extrinsisch-religiöse Menschen von Natur aus sehr autoritär und stark überzeugt, daß die eigene Volksgruppe überlegen ist. Diese Art Menschen kommt sowohl in freisinnigen wie auch in äußerst konservativen kirchlichen Gruppierungen vor. Es scheint so, daß die Eigenschaften dieser Menschen eigentlich alle auf dieselben eigenen Bedürfnisse an Sicherheit und Geborgenheit zurückzuführen sind. Sie übernehmen die Glaubensauffassungen ihrer »Gruppe« ziemlich unbedenklich und verbergen ihre Unsicherheit hinter ihrem religiösen Eigendünkel und ihrem Herabschauen auf andere »Gruppen« (= Kirchen).
Bei dem intrinsisch-religiösen Menschen erweist es sich als viel schwieriger, eine Persönlichkeitsbeschreibung zu geben. Das kommt daher, daß sein religiöses Erleben nicht auf einzelne sensitive Kennzeichen zurückgeführt werden kann, sondern eine Sache seines Herzens ist, dem alle anderen Bedürfnisse und Werte im Leben vollständig untergeordnet worden sind. Es sind die Menschen, die nicht so sehr über ein bequemes Leben, Vergnügen, Ehrgeiz, soziale Anerkennung, Fähigkeiten, als vielmehr über Erlösung, Vergebung, Liebe und Hilfsbereitschaft sprechen. Der intrinsisch-religiöse Mensch wird nicht durch bestimmte mentale Eigenschaften gekennzeichnet, sondern durch eine Beziehung zu Gott. Diese Beziehung hat dennoch selbstverständlich Einfluß auf sein mentales Leben. Und so erweist sich, daß der wirklich religiöse Mensch nicht »neurotisch«, »psychisch ungesund« ist, wie Freud früher meinte, sondern gerade »gesünder« als der extrin-sisch-religiöse Mensch: weniger starr, weniger gesetzlich, flexibler, mutiger für die eigene Überzeugung einstehend, weniger dogmatisch, weniger die eigene »Gruppe« verherrlichend. Christen kannten diesen Unterschied natürlich längst, aber es ist doch schön, daß auch nichtchristliche Psychologen allmählich zu solchen Einsichten gekommen sind.
Selbstverständlich behalten wir dabei im Blickfeld, daß auf dem Weg der Wahrnehmung und des Experiments nur die Randerscheinungen der Religion untersucht werden. So kann der Forscher beispielsweise nur sehr schwierig einen Unterschied machen zwischen dem gläubigen Christen, der in Gemeinschaft mit Gott lebt, und dem okkulten Mystiker, der in der dämonischen Welt allerlei durch die Bibel verbotene Erfahrungen sammelt. Der weltliche Psychologe wird sie gewöhnlich beide als intrinsisch-religiöse Personen betrachten, während aus Sicht der Schrift ein himmelweiter Unterschied zwischen diesen beiden besteht! Dieser Psychologe wird behaupten: Beide stehen in einer religiösen Beziehung zu der »höheren Welt«. Der christliche Psychologe wird antworten: Aber es geht dabei wohl um zwei entgegengesetzte »höhere Welten«.
Wir wollen also die Frage stellen, was wahre Religiosität vom Standpunkt der Schrift aus ist. Religiosität ist Gemeinschaft mit Gott, Dienst für Gott, Gottesverehrung, Hingabe an Gott, wie das nur bei dem wiedergeborenen, erlösten, gläubigen Menschen möglich ist: »… eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, welches euer vernünftiger Dienst [oder: Gottesdienst, besser: Religion] ist« (Röm 12,1). Mit Hilfe unserer psychologisch Begriffe können wir dann weiter die folgenden Elemente unterscheiden:
a. den perzeptiven Aspekt: Religion ist zuerst ein im Herzen begründetes und auf dem Wort Gottes basierendes Bewußtsein der Gegenwart Gottes;
b. den sensitiven Aspekt: diese religiöse Empfindung wird affektiv »gefärbt«, »beladen«, wodurch die Rede ist von Freude, Erhabenheit, Harmonie, Frieden, Ergriffenheit oder von Ehrfurcht, Schauder, Furcht oder einer Mischung davon; das hängt davon ab, wie man Gott kennt und wie der Herzenszustand im Augenblick ist;
c. den spiritiven Aspekt: ein kognitives Erkennen, Anerkennen und Kennen dessen, was von Gott wahrgenommen wird. Das ist sehr wichtig: Empfinden und Affektion ohne Kennen ist Mystik; Kennen ohne Empfinden und Affektion ist Dogmatismus.
d. Diese ganze religiöse Erfahrung, die eine Sache des ganzen Menschen, also aller Humanstrukturen ist, ist im menschlichen Herzen »konzentriert«.

6. Die abnorme Persönlichkeit

6.1. GESTÖRTES VERHALTEN
Haben wir uns im vorigen Kapitel ein wenig in die »normale« menschliche Persönlichkeit vertieft, wollen wir uns jetzt mit der »abnorme Persönlichkeit beschäftigen. Wir meinen damit nicht die »positiv Abnormen« oder die außergewöhnlich begabten Menschen, sondern die »negativ Abnormen« oder die Menschen mit »mentalen Abweichungen«, die Menschen, die »anders als andere« sind, »gestört«, »psychisch krank« oder wie man sie auch nennen will. Doch damit stoßen wir natürlich direkt auf ein Problem. Was ist »normal« und was »abnorm«? Was sind die »Normen«, an denen wir das messen? Jemand, der denkt, daß er Napoleon sei, oder der sich wegen »Platzangst« nicht auf die Straße wagt, ist selbstverständlich nicht »normal«. Doch jemand, der denkt, daß er ein Prophet des (Hindu-Gottes) Wischnu sei, oder der aus Höhenangst nicht in einer Etagenwohnung wohnen will oder der nur mit jemand seines eigenen Geschlechts zur sexuellen Befriedigung kommen kann, ist der auch nicht »normal«? Das ist viel weniger selbstverständlich.
6.1.1. Normen für gestörtes Verhalten
Welche Norm bestimmt, was »normales« und »abnormes« Verhalten ist? Manche Menschen sagen: Nur eine statistische Norm. Das »Normale« ist nichts anderes als das durchschnittliche Verhalten einer Gruppe, das heißt, normal ist, was die meisten Menschen tun. Das Problem ist nur, daß in unserer westlichen Gesellschaft gerade so schrecklich viele mentale Störungen vorkommen, daß man nach der statistischen Norm den Neurotiker beinahe schon normal und die ausgeglichene Persönlichkeit abnorm nennen müßte. Tatsächlich befinden sich im Westen Millionen von Menschen in psychiatrischen Einrichtungen. Und dann geht es uns nur um die schwereren Störungen. Denkt man an alle mentalen Störungen, die schwer genug sind, um das tägliche Leben zu stören, dann ergibt sich, daß nicht weniger als ein Drittel der Bevölkerung daran leidet, sowohl in industrialisierten wie auch in »primitiven« Gesellschaften.
Eine andere Norm ist die sozial-kulturelle Norm, nach der »abnormes« Verhalten sozial unannehmbares Verhalten ist. Das ist also Verhalten von Menschen, die ihre »sozialen Rollen« nicht erfüllen, sich nicht an die gängigen Sitten halten und bestimmten Erwartungen bezüglich ihres Verhaltens nicht entsprechen. Aber auch diese Norm bewährt sich nicht sehr. Wir finden, daß Orientalen sich häufig »sonderbar« verhalten; aber sind sie deshalb auch »sonderbar«? Und auch innerhalb unserer eigenen Gesellschaft sagen wir schnell von allen möglichen Menschen, daß sie sich absonderlich verhalten oder kleiden, daß sie »verrückt« seien; aber sind sie deshalb auch »verrückt«? In einer dem Christentum entfremdeten Gesellschaft wird Beten und Kirchenbesuch bald vielleicht auch als »unsinnig« betrachtet werden; aber sind Christen deshalb auch »unsinnig«?
Wir kommen der Sache schon näher mit der sogenannten Persönlichkeitsnorm. Menschen unterscheiden sich voneinander in ihrer Persönlichkeitsstruktur; dadurch, daß manche mental verkehrt funktionieren, zeigen sie gestörtes Verhalten. Nach dieser Norm wird abnormes Verhalten vor allem gekennzeichnet durch (a) eine perzeptiv-kognitive Abweichung, d.h. ein verdrehtes Bild von der Wirklichkeit – man hat eine unangemessene Angst vor Spinnen, man hört seltsame Stimmen, und (b) eine sensitive Abweichung, das heißt, man fühlt sich unglücklich, niedergeschlagen, ängstlich, man kann nicht schlafen, man hat keinen Appetit, man hat allerlei unbestimmte Leiden und Schmerzen. Diese beiden Symptome machen eine gute Anpassung an das tägliche Leben ganz unmöglich und weisen ganz allgemein auf mentale Störungen hin. Doch ist auch diese Persönlichkeitsnorm nur relativ. Wir haben wohl alle einmal unangemessene Ängste, und wir fühlen uns alle wohl einmal ganz niedergeschlagen. Oder es gibt beispielsweise die Tatsache, daß manche Menschen ein völlig normales Leben führen und »auf einmal« zu völlig gestörten Handlungen kommen – und dabei noch nicht einmal Angst oder Schuld empfinden. Gerade das Fehlen solcher Gefühle kann ein Hinweis auf eine mentale Störung sein. Oder nimm jemanden, der besonders ängstlich oder schuldig ist: Vielleicht ist seine Angst völlig begründet, und vielleicht ist seine Schuld sehr konkret (z.B. Schuld gegenüber Gott).
Das beste ist natürlich die christliche Norm. Diese hat wirklich ein Auge für die situativen Aspekte mentaler Störungen, auf die die soziale Norm hinweist, und auch für die persönlichen Aspekte, auf die die Persönlichkeitsnorm hinweist; doch diese Norm umfaßt mehr. Aus unserem christlich-psychologischen Menschenbild weisen wir hin auf:
a. Perzeptive Faktoren: Der mental abnorme Mensch steht nicht in (gutem) Kontakt mit der Wirklichkeit und beweist das dadurch, daß in vielen Situationen nicht zweckentsprechend und nicht realistisch reagiert.
b. Sensitive Faktoren: Er weiß sich nicht mit genügender Selbstbeherrschung und Disziplin auf neue Situationen einzustellen, sondern erfährt übermäßige Angst und Niedergeschlagenheit.
c. Spiritive Faktoren: Seine Taten sind oft schädlich für ihn selbst oder für andere, er kann oder will dafür nicht immer die volle Verantwortung übernehmen. Er hat, nach Gottes Norm gemessen, keine sehr wertvollen Ziele im Leben, und soweit er sie hat, versucht er sie nie innerhalb der göttlichen Normen und innerhalb der Gesellschaft zu erreichen, und/oder sie verschaffen ihm nicht sehr viel Befriedigung.
d. Das, was sein Herz betrifft: Optimales Funktionieren ist vor allem dann nicht möglich, wenn es nicht im Rahmen persönlicher Gemeinschaft mit Gott und mit Jesus Christus als Heiland und Herr geschieht, denn außerhalb dieser Gemeinschaft ist ein Leben nach Gottes Normen nicht einmal möglich (wenn es auch zu weit geht, alle Ungläubige mental »gestört« zu nennen).
6.1.2. Erklärungen für gestörtes Verhalten
Ebenso kompliziert wie die Normen sind auch die Erklärungen für gestörtes Verhalten. Im Lauf der Geschichte haben Psychologen sich gewöhnlich in einer der Humanstrukturen eine dazu passende Erklärung für mentale Abweichungen überlegt. Aber gerade dadurch, daß man gestörtes Verhalten gänzlich auf nur eine einzige Humanstruktur zurückführen wollte, konnte man natürlich der vollen Art mentaler Störungen niemals gerecht werden. Das behavioristische Modell sucht die Ursachen in der perzeptiven Struktur und behauptet, daß Angst- und Schuldgefühle auf konditionierten Responses auf Stimuli aus der Umgebung beruhen. Das psychoanalytische Modell sucht die Ursachen von Verhaltensstörungen in der sensitiven Struktur, und zwar in allen möglichen psychischen Jugendkonflikten und Verdrängungen. Das humanistische Modell sucht es mehr im Spiritiven und behauptet, daß mentale Störungen entstehen, wenn Menschen in ihrem Streben nach »Selbstverwirklichung« behindert werden. Und daneben haben wir dann auch noch das gesellschaftskritische Modell, das die Ursachen für Verhaltensstörungen nicht so sehr in den Humanstrukturen als vielmehr in der Gesellschaft sucht, z.B. in Unterdrückung und Armut.
Selbstverständlich sieht das christlich-psychologische Modell einen Wahrheitskern in jedem dieser Modelle. Es gibt tatsächlich unstreitig physikalisch-biotische, perzeptive, sensitive, spiritive und soziale Ursachen für mentale Störungen, und gerade in einem christlichen Menschenbild können wir ausreichend Verständnis für diese ganze Mannigfaltigkeit von Ursachen haben. Aber vor allem haben wir einen Blick für das menschliche Herz mit seiner Bezogenheit oder seinem Nichtbezogensein auf den lebendigen Gott. Dadurch hat die christliche Psychologie im Hinblick auf mentale Störungen Raum für Begriffe, die anderswo häufig kaum eine Rolle spielen, wie Verantwortung, Bekenntnis von Sünden, Dienst, Glaube, Hoffnung, Liebe. Darauf kommen wir natürlich noch ausführlicher zurück.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das heute so populäre medizinische Modell, zu dem sich eigentlich auch Psychoanalytiker und Behavioristen bekennen. Nach diesem Modell ist die mental gestörte Person »krank« und muß also auch »medizinisch« behandelt werden. Dann hängt zusammen, daß man gegenwärtig von psychiatrischen »Krankheiten« und »Patienten« spricht und von »Psychiater« und »Psychotherapeut«, was beides »Seelenheiler« bedeutet. Aber das ist doch eigentlich nur »allgemeiner Sprachgebrauch«, wenn es auch ein wenig charakteristisch ist. Wir sprechen jedoch erst von einem »medizinisch Modell«, wenn auf zwei Dingen beharrt wird:
(a) Es gebe so etwas wie spezielle psychiatrische »Krankheiten«, jede mit eigenen Ursachen, eigenen Symptomen und einem eigenen Verlauf; und weil
(b) der Patient »krank« sei, trage er deshalb keine Verantwortung für seinen Zustand; er müsse nicht angepredigt, sondern »geheilt« werden.
Was den ersten Punkt betrifft, erhebt sich heute immer mehr die Frage, ob es solche verschiedenen »psychiatrischen Krankheits-Einheiten« wirklich gibt. Bei mentalen Abweichungen ergibt sich, daß dieselben Ursachen zu ganz verschiedenen Störungen führen können; und dieselben Störungen können ganz verschiedene Ursachen haben. Die Zusammenhänge sind hier viel komplizierter als in der »körperlichen« Medizin. Bei mentalen Abweichungen haben wir es nicht nur mit Viren, Bakterien, erblichen Abweichungen u.ä. zu tun, sondern auch mit Ehe-, Familien-, Arbeits-, gesellschaftlichen und kirchlichen Problemen. Menschen leiden unter Kränkungen, Enttäuschungen und Ärger, unter altem Ballast aus ihrer Jugend: zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit, zu strenge oder zu schwache Eltern, und so könnte man fortfahren. Was das erste Kennzeichen betrifft, hat das medizinische Modell deshalb so langsam ausgedient. Wie steht es nun mit dem zweiten Punkt? Kann man jemand in allgemeinem Sinn noch »psychisch krank« nennen, und ist er für solch einen »Krankheitszustand« wirklich nicht verantwortlich?
6.1.3. »Psychisch Krank«
Auch mit der Umschreibung »psychisch krank« müssen wir sehr viel vorsichtiger umgehen, als das medizinische Modell es will. So kann man, um damit zu beginnen, die konstitutionell gestörte Person, die wir mit dem Begriff Psychopath bezeichnen, nicht »psychisch krank« nennen, höchstens »mental behindert«. So jemanden kann man nicht »heilen«, denn seine Abweichung ist in seiner Konstitution verankert; man kann nur versuchen, ihn zu lehren – und das versuchen wir in der christlichen Seelsorge -, wie er mit seiner »Behinderung« als Christ leben muß. Manche Verhaltensweisen des Psychopathen passen »zufällig« schlecht in die Gesellschaft, zu der er gehört; in anderen Gesellschaften würde er vielleicht gar nicht auffallen. Aber andere Verhaltensweisen von Psychopathen verstoßen auch gegen Gottes Normen, und das ist viel schwerwiegender. Das muß ihm in der Seelsorge deutlieh gemacht werden.
Neben dem Unterschied zwischen »krank« und »behindert« gibt es einen zweiten Unterschied, den wir machen müssen, nämlich den zwischen »krank sein« und »sich krank fühlen«, oder, schöner ausgedrückt, zwischen objektivem und subjektivem Krank-Sein. Auf der einen Seite kann jemand z.B. einen bösen Tumor haben, ohne daß er davon »krank« ist. Man will damit sagen, daß er sich nicht schlecht fühlt und seine normale Lebensweise fortsetzen kann. Umgekehrt kann jemand sich sehr krank fühlen, ohne daß der Arzt eine körperliche Ursache finden kann. In solch einem Fall wird der Arzt die Ursache in den mentalen Strukturen suchen. Wir haben hier übrigens einen Unterschied zwischen dem Psychopathen und dem sogenannten »Neurotiker«: Der Psychopath fühlt sich im allgemeinen nicht schlecht; er ist nicht in sich selbst gefangen, sondern stößt nur mit seiner Umgebung zusammen. Der Neurotiker jedoch fühlt sich elend, er macht aus seiner Art ein Problem, er »leidet an seinem Dasein«. Die Ursachen dazu können in einer oder mehreren seiner Humanstrukturen oder ganz direkt in seinem Herzen liegen – das wird der Seelsorger herausfinden müssen. Doch er wird damit beginnen müssen, das »subjektive Krank-Sein« des Neurotikers ernstzunehmen.
Einige Seelsorger scheuen zurück vor dem Begriff »Krank-Sein«, weil sie denselben Fehler machen wie die Anhänger des medizinischen Modells: Sie denken, daß, wenn sie den Neurotiker »krank« nennen, wir ihn folglich nicht-verantwortlich für seine Situation machen. Aber das ist natürlich gar nicht zu Recht. Selbst bei körperlichen Krankheiten ist der Mensch, wie »krank« er auch ist, häufig selbst verantwortlich für seine Infektion oder für die Zerstörung, die beispielsweise eine zügellose Lebensweise in seinem Körper anrichtet. Noch stärker: Einige Mediziner haben behauptet, daß alle körperlichen Krankheiten mentale (Neben-)Ursachen haben. Das gelte sogar für eine echte Infektionskrankheit wie Tbc, aber auch für solch eine »aktuelle« Krankheit wie Krebs. Auch haben alle körperlichen Krankheiten faktisch mentale Folgen (Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Angst, Wut). Biotische und mentale Aspekte sind so verwoben, daß es nicht vertretbar ist wohl von biotischen »Krankheiten« zu sprechen, aber den Begriff »mentale Krankheiten« zu verwerfen. Mit Verantwortung hat das jedenfalls nichts zu tun: Menschen sind häufig verantwortlich sowohl für ihre körperlichen als auch für ihre mentalen Leiden, wenigstens teilweise. Diese Verwobenheit des Biotischen und des Mentalen macht eine strenge Trennung zwischen (körperlicher) Medizin einerseits und Psychotherapie oder Seelsorge andererseits geradeso verwerflich wie eine scharfe Trennung zwischen »Leib« und »Seele« (oder »Geist«). In gewissem Sinn geht es bei allen Krankheiten oder Störungen um alle Humanstrukturen und vor allem um das Herz. Und so ist nichts dagegen einzuwenden, auch von mentalem Krank-Sein zu sprechen, solange wir dabei nichts von der menschlichen Verantwortung wegnehmen.
Es gibt noch einen dritten Grund, weshalb es vernünftig sein kann, von »mentalem Krank-Sein« zu sprechen. Und das ist »Krank-Sein« in der Bedeutung »den Umständen nicht gewachsen sein«. Der Psychopat kann sich nicht »anpassen«, der Neurotiker ist in »Konfliktsituationen« gekommen, und es ist mit körperlichen Krankheiten genauso: De Grippepatient kann nicht mehr herumlaufen, sondern muß im Bett bleiben; der Herzpatient kann nicht mehr in die Berge. Immer geht es ur das Verhältnis zwischen zwei Faktoren: der Tragfähigkeit des Menschen (das heißt: Was kann er bewältigen? Wieviel kann er vertragen); und der Traglast des Menschen (das heißt: Wieviel hat er zu ertragen? Das Herz des Herzpatienten hat eine geringere Tragfähigkeit als das Herz eines gesunden Menschen; darum kann der Herzpatient viel weniger bewältigen. Die Traglast, die er tragen kann, ist ein Stück kleiner, und darum muß er unten im Tal bleiben. Wenn seine Tragfähigkeit wieder größer wird – wenn sein Herz sich erholt -, dann kann er auch wieder eine größere Traglast verkraften.
Es zeigt sich, daß es mit mentalen Problemen die gleiche Bewandtnis hat. Wir haben es da einerseits mit der (vor allem) mentalen Tragfähigkeit zu tun, also dem, was jemand mental ertragen kann, und andererseits mit der Traglast, die durch das, was von außen auf ihn zukommt, gebildet wird: die Krankheits-Angriffe auf seinen Körper (vor allem Hirnschädigungen) wie auch die schwierige Situation um ihn herum. Wenn jemand mit mentalen Störungen zu kämpfen hat, ist entweder seine Traglast zu groß – er ist seiner körperlichen Krankheit und/oder seinen Umständen mental nicht gewachsen -, oder seine Tragfähigkeit ist zu klein – er hat zu wenig mentale Ausdauer, um seiner Probleme Herr werden zu können. Solange die Tragfähigkeit größer ist als die Traglast, gibt es kein Problem.
Aber selbst Menschen mit der größtmöglichen Tragfähigkeit können in Umstände geraten, worin die Traglast die Tragfähigkeit übersteigt. Was tut der Betreffende dann? Er versucht, seine Probleme zu kompensieren, indem er bestimmte »Abwehrmechanismen« aufbaut, wie wir noch sehen werden; er versucht, seine Tragfähigkeit gewaltsam und auf unnatürliche Weise hochzuschrauben. Dadurch wird er »neurotisch«, kann es aber so doch eine Zeitlang aushalten. Aber wenn die Situation noch schlimmer wird, wird er schließlich seiner Traglast erliegen. Er bricht zusammen und wird »psychotisch« (der Volksmund nennt das »durchgedreht« oder »geisteskrank«). In solch einer Situation wird er nicht einmal mehr den leichteren Lasten, die er vorher noch tilgen konnte, gewachsen sein. Zugleich jedoch sehen wir – um einstwillen unserem Thema vorauszugreifen – hier einen deutlichen Hinweis auf das Verfahren der Seelsorge. Die ist darauf gerichtet, bei dem Betreffenden, wenn möglich, die Tragfähigkeit, vor allem mental und geistlich, zu vergrößern und/oder die biotische und soziale Traglast verkleinern.

6.2. FORMEN MENTALER STÖRUNGEN
Wir werden nun zuerst eine kurzgefaßte Übersicht über die wichtigst Symptome mentaler Störungen geben, wobei wir wieder von den verschiedenen Humanstrukturen ausgehen. …
6.2.1. Übersicht über Symptome
1. PERZEPTIVE STÖRUNGEN. Wir nennen hier nur Bewegungsstörungen, weil die (Reflex-) Bewegungen von der perzeptiven Struktur ausgehen. Bestimmte Störungen bezeichnet man als Katatonie: übermäßige, bizarre Bewegungen oder gerade Bewegungslosigkeit
2. SENSITIVE STÖRUNGEN. Wir denken hier an Angst (eine vage, unbestimmte, manchmal panische Angst, ohne daß man weiß, wovor man Angst hat) und Depression (übermäßige Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, häufig gepaart mit Selbstanklage und Minderwertigkeitsgefühl; wir sprechen hier von einer Störung, wenn die Depression übertrieben stark ist und lange anhält oder immer schlimmer wird). Wir nennen auch die »Nervenschwäche« (psychische Labilität, Reizbarkeit, Schwermut).
3. SPIRITIVE STÖRUNGEN: (a) kognitiv. Wir nennen ein »bizarres Gedankenleben« (unzusammenhängend, sonderbar, vom Hundertsten ins Tausendste kommen), Gedächtnisstörungen, »Depersonalisation« (Verlust der Persönlichkeit; der Patient hat sich von sich selbst entfremdet; er verliert sein »Ich-Bewußtsein«).
4. SPIRITIVE STÖRUNGEN: (b) kreativ. Der Patient bildet sich allerhand ein: Er leidet z.B. an einer Phobie (einer lähmenden Furcht vor etwas, das in Wirklichkeit ungefährlich ist, z.B. Furcht vor bestimmten Tieren, vor geschlossenen Räumen, vor Menschenmengen, vor Höhen, vor der Dunkelheit), an Hysterie, an Wahndenken (hartnäckige Irrtümer, von denen man nicht abzubringen ist, z.B. über sich selbst: Krankheitswahn, Selbstverurteilungs- oder Größenwahn …
5. SPIRITIVE STÖRUNGEN: (c) konativ. Hier müssen wir vor allem die Zwangsstörungen nennen; der Patient fühlt sich gezwungen, Dinge zu denken, die er eigentlich nicht denken will (Zwangsgedanken), oder Dinge zu tun, die er eigentlich nicht tun will (Zwangshandlungen), z.B. sich Dutzende Male am Tag sehr sorgfältig die Hände waschen. Ich nenne weiterhin die Enthemmung, … und man kann hier wohl auch die sexuellen Störungen nennen …
6. DAS HERZ: Störungen, die das tiefste Innere der Persönlichkeit betreffen: Man ist frustriert im Blick auf den Sinn des Lebens, fühlt sich schuldig, weil man nicht alle Möglichkeiten genutzt hat, (Depression), oder versucht zwanghaft, dennoch die »wahre« Leber erfüllung zu erreichen.
Eine Reihe der oben genannten mentalen Störungen wurde früher unter dem veralteten Begriff Neurose zusammengefaßt, und zwar Symptome wie Angst, Depression, Nervenschwäche, Phobie Hysterie …
6.2.2. Mental-gestörte Zustände
Die soeben aufgezählten Symptome treten häufig in Zusammenhang miteinander auf. Wir werden daher auch von bestimmten »Zuständen« sprechen, denen wir bei Patienten begegnen können… Dabei müssen wir zwischen mehr permanenten und mehr zeitweiligen Zuständen unterscheiden. Im ersten Fall geht es um Zustände die wahrscheinlich angeboren sind. Wir sprechen dann von Persönlichkeitsstörungen, und die betreffenden Personen nennen wir Psychopathen. Das sind Menschen mit einem sehr schwierig Charakter.
Es gibt alle möglichen Arten von Psychopathen, variierend von übtrieben fröhlichen bis zu äußerst grüblerischen, kalt-distanzierten, unter Zwang stehenden Personen. Der »Psychopath« in dem gebräuchlicheren Sinn des Wortes ist der antisoziale Psychopath: die Person ohne Gewissen, ohne Moral, ohne Verantwortungsgefühl oder Schuldgefühl. Häufig handelt es sich um einen echten »Gentleman« oder eine echte »Lady«, doch im Grunde ist er oder sie eine lieblose, aggressive Person, die niemals gelernt hat, auf andere Rücksicht zu nehmen, Enttäuschungen zu ertragen, sich Normen zu unterwerfen und Wünsche zurückzustellen, und die auf diese Weise leicht zu kriminellem Verhalten kommt.
Daneben kennen wir zeitweilige Zustände, die in dem Leben des Betreffenden eine bestimmte »Geschichte« mit bestimmten »Ursachen« haben. Wir können sie global einteilen entsprechend dem Maß, in dem biotische oder mentale Ursachen beim Entstehen solcher mental-gestörten Zustände eine Rolle spielen. So kommen wir zu vier Kategorien:
1. Biotische Zustände: Die direkte Ursache und auch die wichtigsten Symptome sind hier biotisch, doch es gibt eine Reihe bedeutender mentaler Nebenerscheinungen (in gewissem Sinn gilt das für alle körperlichen Krankheiten). Denken wir an Gehirnerschütterung, Hirnverletzung, Hirnhautentzündung, aber auch an Krankheiten anderswo im Körper wie die Zuckerkrankheit.
2. Biotisch-mentale Zustände: Die direkte Ursache ist hier immer biotisch, und zwar liegt sie im Nervensystem, doch die Symptome sind zuallererst mentaler Art. Wir denken hier an allerlei Formen von »Geisteskrankheiten« (der Fachmann spricht von »Psychosen«), doch auch an Zustände wie Hirnblutungen, Gehirnentzündung und den Hirntumor.
3. Mental-biotische Zustände: Wir nennen diese meist »psychosomatisch«. Das betrifft hier allerlei körperliche Leiden, die unter dem Einfluß des autonomen Nervensystems entstanden sind und deren allererste Ursachen mental sind. Das kann z.B. gelten für Herzklopfen, hohen Blutdruck, Migräne, Magen- und Darmbeschwerden, Verstopfung, Bronchialasthma, Schluckauf, Jucken, Hautentzündung, Gelenkrheuma, Schmerzen unten im Rücken, Muskelkrampf, Lähmungen, Zuckerkrankheit, Impotenz, Frigidität… Beachte: Alle diese Leiden können auch angeboren sein oder ebensogut rein körperliche Ursachen haben. Das muß der Arzt herausfinden.

6.3. URSACHEN MENTALER STÖRUNGEN
 6.3.1. Persönliche Faktoren
Wir haben bereits auf den äußerst wichtigen Punkt hingewiesen, daß eine gleiche Ursache unterschiedliche mentale Störungen zustande bringen kann und daß eine gleiche mentale Störung viele unterschiedliche Ursachen haben kann. Meistens geht es hier um ganze Komplexe von Ursachen und außerdem um eine Wechselwirkung zwischen Ursachen von außen und der eigenen »Anfälligkeit« der Person. Wir haben das früher bereits so ausgedrückt: Es geht um das Verhältnis zwischen der Traglast und der Tragfähigkeit der Person. Es gibt Wechselwirkungen zwischen der Person und ihrer Umgebung, es gibt auch noch einmal Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Humanstruktur innerhalb der Person. Darüber hinaus müssen wir immer berücksichtigen, daß alle diese Wechselwirkungen unter der Leitung des menschlichen Herzens stehen… Wir werden dies nun je Humanstruktur behandeln.
I. BIOTISCHE FAKTOREN. Diese haben direkt oder indirekt immer mit dem Gehirn zu tun. Was die angeborenen Faktoren betrifft, nennen wir erbliche Abweichungen, Hirnschädigungen und Stoffwechselkrankheiten. Auch was die erworbenen Faktoren betrifft, können wir an allerlei Arten von Hirnschädigungen denken.
II. PERZEPTIVE UND SENSITIVE FAKTOREN. Die angeborenen Faktoren werden hier zwar häufig mit dem Biotischen zu tun haben… Jedes Temperament hat seine schwachen Seiten, die zur Entstehung mentaler Probleme beitragen können. Vor allem der Melancholiker hat eine starke Neigung zu Neurosen… Die wichtigsten Abwehrmechanismen sind:
a. Verdrängung: das »Wegschieben« unangenehmer Erinnerungen. Das kann sehr nützlich, doch auch sehr krankhaft sein. Manchmal, z.B. nach Kriegserlebnissen, tritt sogar echter Gedächtnisverlust auf. Oft gelingt die Verdrängung so schlecht, daß der Betreffende unter allerlei unbegründeten Ängsten leidet.
b. Rationalisation: nachträglich eine rationale »Erklärung« für Situationen erfinden, die sonst Angst oder Enttäuschung zustande bringen würden…
c. Umkehrung in das Gegenteil: Emotionen oder Motivationen verschleiern, indem man völlig übertrieben genau das Umgekehrte äußert. Übertriebenes Agieren gegen Sittenlosigkeit kann auf Unterdrückung der eigenen Sexualität hinweisen, übertriebene Besorgtheit für jemanden kann gerade Feindschaft gegenüber dieser Person maskieren, Tapferkeit kann Angst verschleiern usw.
d. Regression: Rückkehr in eine jugendliche Lebensform, um dadurch angsteinflößenden Situationen die Stirn zu bieten und z.B. die Sympathie der Umgebung zu erlangen (z.B. durch jämmerliches Weinen). Eine Form der Regression besteht auch darin, daß Menschen in hilflosen Situationen wie Gefangenschaft anfangen, sich mit ihren Unterdrückern zu identifizieren, so wie kleine Jungen das mit ihren strengen Vätern tun.
e. Projektion: das Umgekehrte der Identifikation: Statt die bewunderten Eigenschaften des anderen auf sich selbst zu übertragen, überträgt man die eigenen, unerwünschten Eigenschaften auf den anderen. Vgl. 1. Mose 3,12.13: aus Angst vor Mißlingen gibt man einem anderen die Schuld…
f. Transfer: Die verdrängten Gefühle werden auf jemanden »abreagiert«, bei dem das sicherer möglich ist. Z.B. die Wut gegen den Chef auf die eigene Frau abreagieren. Das Verlangen nach Kindern auf ein Schoßhündchen oder ein Nachbarskind abreagieren. Vielleicht sind Phobien Ängste, die auf andere, »sicherere« Objekte als die Ursprünglichen abreagiert werden.
Im allgemeinen kann man neurotische Störungen als übertriebene Formen von Abwehrmechanismen ansehen, wodurch man seine Ängste unterdrückt, jedoch auf Kosten eines Teils der Bewegungsfreiheit: Der Mann mit der Phobie muß fliehen, die Frau mit dem Waschzwang muß waschen. Wenn der Streß zunimmt, müssen auch die Abwehrmechanismen verstärkt werden, bis das Gummi überdehnt ist. Dann reißt es; der Betreffende erliegt seinen Ängsten und wird psychotisch (»geisteskrank«). Die Psychose ist in gewissem Sinn auch wieder eine »Abwehr«, doch dafür muß man dann den teuren Preis des Verlustes des Wirklichkeitssinns und des Persönlichkeitsbewußtseins bezahlen.
III. SPIRITTVE FAKTOREN. Die angeborenen Faktoren sind hier nicht von den körperlichen Faktoren und dem Temperament zu trennen. Bei den erworbenen Faktoren (wobei übrigens wie immer die Anlage eine große Rolle spielt) können wir an Probleme in allen Facetten des Geisteslebens denken: Denkprobleme, Schwierigkeiten mit Autorität, mit dem Sichausdrücken in Worten, mit dem Knüpfen sozialer Beziehungen, mit dem Verwalten und Erkennen des Wertvollen, mit dem Mangel an Harmonie im Leben, Gewissensbissen, Schwierigkeiten mit dem Geben oder Empfangen von Liebe und dem Legen und Fortführen einer Verbindung zu Gott.
6.3.2. Situative Faktoren
Mentale Probleme, die ein Mensch in Wechselwirkung mit seiner Umgebung erlebt, unterscheiden wir nach drei »Ebenen«:
I. MIKRO-EBENE, d.h. die Situation des Augenblicks. Im Leben jedes Menschen können plötzliche, unerwartete Ereignisse stattfinden, die jemandes mentale Kraft schwer auf die Probe stellen. Eine derartige Erprobung nennen wir Streß. Es gibt drei besondere Kategorien von Faktoren, die Streß verursachen können:
a. Angst, sei es Angst vor etwas oder ein vages, undefiniertes Angstgefühl;
b. Frustration, d.h. (das Gefühl,) beim Erreichen eines bestimmten Zieles gehindert zu werden. Menschen fühlen sich durch allerlei Situationen und Ereignisse frustriert und können darauf sehr unterschiedlich reagieren. Sie werden z.B. ruhelos, angespannt, sie rauchen oder kauen Nägel. Oder sie werden aggressiv… So kann eine ganze Gemeinschaft ihre Frustration abreagieren gegen z.B. die Neger oder die Juden oder gegen die ausländischen Arbeitnehmer. Schließlich können Menschen als Folge von Frustration völlig apathisch werden; sie wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll.
c. Konflikt: Man muß z.B. eine sehr schwierige Wahl treffen zwischen zwei Dingen… (z.B. entweder die alte Mutter versorgen oder es anderen überlassen, doch dann ein schlechtes Gewissen haben); oder man will etwas, und zugleich will man es nicht… Dann haben wir es mit einer Konfliktsituation: tun, und die kann zu Streß führen.
II. MESO-EBENE: Wir haben nicht nur mit Streß-verursachenden Ereignissen zu tun, sondern auch mit dem mehr oder weniger permanenten Milieu, zu dem wir gehören. Vor allem die Familie, in der wir aufgewachsen sind, hat einen enormen Einfluß auf uns ausgeübt. Natürlich spielen auch die Veranlagung des Kindes und die Verantwortung des jungen Menschen eine große Rolle. Doch auch in der Erziehung selbst kann man Faktoren aufzeigen, die die normale Entwicklung des Kindes fördern oder hemmen. Welches diese Faktoren sind, darüber ist schon viel Staub aufgewirbelt worden. Wir haben im 20. Jahrhundert eine Art Wellenbewegung gehabt: Einmal meinte man, daß Liebe, Wärme, Verzärtelung und vor allem Nicht-Strafen das Heilmittel gegen alle emotionalen Probleme bei Kindern wäre, und das andere Mal meinte man, daß das gerade alles vom Übel wäre und daß es auf Strenge, Disziplin, straffe Regelmäßigkeit und eiserne Konsequenz ankäme. Aufgrund der Bibel hätten wir natürlich längst wissen können, daß beide Standpunkte falsch sind. Es kommt bei der Erziehung gerade auf das Gleichgewicht von Liebe und Wärme einerseits und konsequenter Disziplin andererseits an.
Übrigens haben auch viele Christen zu wenig den Unterschied zwischen autoritativen und den autoritären, herrschsüchtigen Eltern gesehen. Letztere sind die Eltern, die den Willen des Kindes »brechen« wollen, die es gefügig machen wollen und ihm allerlei unbegründete Gruppennormen aufzwingen. Demgegenüber stehen die autoritativen Eltern, die den Willen und das Verhalten des Kindes zu lenken versuchen, die der Diskussion mit dem Kind nicht aus dem Weg gehen, die ihre Erziehungsweise so gut wie möglich darzulegen und liebevoll erläutern versuchen, die sich bemühen, das Kind zu »verstehen«, wenn es starrköpfig ist, die den eigenen Willen, die Weisen und Interessen des Kindes respektieren, doch ihm auch mit Bestimmtheit widerstehen, wenn es ungehorsam ist – sowohl mit Argumenten als auch mit Kraft -, und von dem Kind verlangen, daß es sich diszipliniert anpaßt. Untersuchungen haben gezeigt, daß autoritäre Eltern weitaus aggressivere Kinder »züchten« als autoritative Eltern. Auch psychopathische, neurotische und psychotische Störungen können durch eine verkehrte Erziehung gefördert werden. …
III. MAKRO-EBENE, d.h. die heutige westliche Gesellschaft, zu der wir gehören. Auch die Gesellschaft führt zu allerlei Frustrationen: Verkehrsstauungen, lange Wartezeiten, zu wenig Geld für populäre Luxusgüter, Entfremdung… Es gibt denn auch zahllose Faktoren in unserer Gesellschaft, die für viele Menschen »neurotisierend« wirken.
Wie locker ist doch die Gesellschaft: Wir gehören zu allerlei Gruppen, die überhaupt keinen Zusammenhang mehr miteinander haben. Die moderne Fortbewegung mit Auto und Flugzeug ermöglicht allerlei flüchtige Kontakte, die der Einsamkeit des Menschen in die Hand arbeiten. Dabei fehlt einem die frühere Geborgenheit der Straße, der Nachbarschaft, der kirchliche Gemeinde. Selbst die Familie ist kein Bollwerk der Sicherheit und Geborgenheit mehr: Die Familienmitglieder haben zu viele unterschiedliche Interessen… Eltern nur noch wenig Autorität, und dieses Autoritätsproblem nagt auch an vielen anderen gesellschaftlichen Strukturen.
In der modernen Gesellschaft ist es zudem viel schwieriger geworden, erwachsen zu werden. Das Erwachsenendasein ist sehr kompliziert geworden, und außerdem sind manche wichtigen Aspekte dieses Daseins für die Kinder unsichtbar geworden: Vater arbeitet außer Haus, Kranksein, Gebären und Sterben geschehen nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus. Damit wird auch der Tod totgeschwiegen… Die Gesellschaft ist überhaupt sehr hart, die Reklame ist aggressiv, die gesellschaftlichen Muster sind unumstößlich. Wer sich nicht anpaßt, wer anders ist als andere, wird daran glauben müssen…
6.3.3. Religiöse Faktoren
Ängste, Schuldgefühle, Depression, psychosomatische Leiden, Enthemmung und Verwirrung können die Folge rein persönlicher Faktoren sein. Doch es wäre ein großer Irrtum, sie immer darauf zurückzuführen. Sie können nämlich auch mit der Beziehung zu Gott zu tun haben. Schuldgefühl hat dann mit echter, konkreter Schuld zu tun. Selbstverurteilung ist dann kein Wahn, sondern wirklich und zu Recht. Die Ängste und Depressionen sind dann real, denn sie basieren auf dem Bewußtsein von dem künftigen Gericht Gottes. Natürlich wissen wir sehr gut, daß es auch eine Reihe religiöser Wahnzustände gibt. Und natürlich sind wir uns bewußt, daß religiöse und persönliche Faktoren manchmal stark miteinander vermengt sind. Der Pastor muß wissen, daß echte Schuld zB. mit falschen Schuldgefühlen vermischt sein kann. Doch es gibt durchaus mentale Not, die zuallererst durch das Verhältnis zu Gott bestimmt wird; anders ausgedrückt: die zuerst einmal die Not des Herzens ist.
Jemand, der in solche Not kommt, braucht keine »Behandlung«, sondern das Evangelium von Jesus Christus, der das Gericht für die Sünden stellvertretend für alle diejenigen auf sich genommen hat, die an Ihn glauben. Durch den Glauben, und nur dadurch, kann so jemand von seiner Angst und Schuld befreit werden. Wenn seine Not jedoch mit durch persönliche (und soziale) Faktoren beeinflußt wird, braucht so jemand daneben zusätzlich weitergehende Seelsorge (Belehrung, Ermutigung, Trost). Daneben können auch noch okkulte Einflüsse in Betracht kommen, wozu der Betreffende wieder eine besondere Seelsorge nötig hat.

6.4. MENTALE THERAPIEN
Nachdem wir in Kürze die Symptome und die Ursachen mentaler Störungen besprochen haben, müssen wir nun auf die »Heilmethoden« eingehen. Das ist nicht so leicht, denn es gibt buchstäblich Hunderte von verschiedenen »Psychotherapien«, die alle etwas unterschiedlich sind. Wir wollen wieder versuchen, sie ein wenig in den Griff zu bekommen, indem wir von den verschiedenen Humanstrukturen ausgehen.
6.4.1. Übersicht über Therapien
1. Biotische Therapien. Ohne weiter darauf einzugehen, nennen wir hier die Psychochirurgie (Entfernung von gesundem Hirngewebe, um das Betragen des Patienten zu verändern), die Elektroschockkur (Anwendung elektrischer Schocks, zum Beispiel, um jemanden aus einer Depression zu holen) und die Therapie mit Psychopharmaka mit ihren vielen Schlafmitteln, Beruhigungsmitteln und antidepressiven Mitteln. …
2. Perzeptive Therapien. Das sind die behavioristischen Therapien, die von nichts anderem wissen (wollen) als von angeborenen oder konditionierten Reflexen. Verhaltensstörungen werden hier als falsch erlernte Reflexe gesehen, die in der Therapie wieder abgewöhnt werde können, und neue Verhaltensmuster können durch Konditionierung erlernt werden.
3. Sensitive Therapien. Das sind die psychoanalytischen Therapien, die die Ursachen aller Konflikte in dem »unbewußten« Triebleben des Menschen suchen. »Psychische Krankheiten« entstehen, wenn der Mensch nicht länger mit den Konflikten, die er in seinem Innern aufgebaut hat, leben kann.
4. Spiritive Therapien. Das sind Therapien, die mehr Nachdruck auf kognitive Prozesse (»kognitive Therapien«) legen oder auf die freie Selbstentfaltung des »Klienten« (»humanistische Therapien«) oder die sogar allerlei östlich-mystische Methoden wie Transzendentale Meditation, Yoga usw. anwenden. Weiterhin gibt es natürlich zahllose Mischformen zwischen all diesen verschiedenen Kategorien von Therapien.

6.5. DER CHRIST UND DIE PSYCHOTHERAPIE
6.5.1. Weltliche und christliche Therapie
Wenn wir auch bereits gesehen haben, daß die theoretischen Ausgangspunkte der verschiedenen Psychotherapien nicht so sehr entscheidend sind, wird doch der Christ, der sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterzieht, häufig mit den zugrundeliegenden Lebensanschauungen in Berührung kommen. Er könnte meinen, daß die sehr wichtig seien, und so könnten sie ihm doch sehr schaden. Deshalb ist es gut zu bedenken, daß alle die genannten weltlichen Psychotherapien die Leitung des Herzens über alle Humanstrukturen verkennen. Oder anders gesagt: Sie verkennen die tiefste Ursache aller mentalen Probleme, denn die liegt in dem Herzen bzw. in der Beziehung des Menschen zu Gott oder zu den Götzen. Das bedeutet, daß diese weltlichen Therapien als solche in der christlichen Seelsorge prinzipiell unbrauchbar sind. Ob es nun um perzeptive, sensitive oder spiritive Therapien geht, sie verkennen alle das Wesen des Menschen und also auch das seiner Probleme…
Der Weg der christlichen Seelsorge muß ein grundsätzlich anderer sein. Sie weiß von den mentalen Ursachen mancher körperlicher Leiden, sie weiß auch von den körperlichen Ursachen mancher mentaler Leiden, sie weiß von mental beinahe nicht zu ertragenden Situationen und Ereignissen. Doch sie weiß auch, daß damit nicht alles gesagt ist, gerade weil das Eigentliche des Menschen nicht sensitiv oder nicht einmal spiritiv ist. Die weltliche Psychotherapie meint den ganzen Menschen in ihren Begriffen und Rahmen einfangen zu können, das Wesentliche des Menschen wissenschaftlich analysieren zu können. Und daher glaubt sie auch den »psychisch kranken« Menschen »heilen« zu können. Doch sie sieht nicht, daß alle menschlichen Aspekte und Strukturen ihre Einheit in dem Herzen finden, das nun gerade nicht der wissenschaftlichen Analyse zugänglich ist. Die Kenntnis, die der christliche Psychologe über das Herz besitzt, bezieht er daher auch nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Heiligen Schrift. Das bedeutet auch, daß die eigentliche »Seelsorge« nicht »wissenschaftlicher« Art ist, sondern ein schriftgemäßes Gespräch von Herz zu Herz im Rahmen des christlichen Zusammenlebens zweier Menschen, des Hilfeleistenden und des Hilfesuchenden, in ihrer persönlichen und gemeinsamen Beziehung zu Gott.
Das bedeutet nicht, daß christliche Psychologen nichts von den weltlichen Psychotherapien lernen könnten. Wenn sich erweist, daß sie diese Art von »Verbesserungen« zustande bringen können, wie wir sie oben beschrieben haben, dann ist das schön. Doch wenn es auch schön ist, kann es für den christlichen Seelsorger niemals ausreichend sein. Er könnte niemals damit zufrieden sein, Menschen von Streß, Phobie oder Süchten zu befreien oder Menschen wieder zu »flicken« für die Gesellschaft, ohne dabei ihr Herz zu erreichen. Menschen sind (mit-verantwortlich dafür, daß sie in Streß oder in Süchte geraten, sich psychopathisch verhalten usw. – wie viele »mildernde Umstände« aufgrund ihrer Konstitution, ihrer falschen Erziehung oder der »verdorbenen« Gesellschaft auch anzuführen sind. Menschen sind ihren Mitmenschen gegenüber verantwortlich und vor allem Gott gegenüber verantwortlich. In einer christlichen Seelsorge müssen Menschen darauf angesprochen werden. Gerade in Angst und Streß sind Menschen ehe empfänglich dafür, auf das Evangelium zu hören, um so den höchsten Weg der Wiederherstellung zu finden, den es gibt. Es ist wahr, daß ein Sozialarbeiter und ein Arzt nicht immer evangelisieren können; doch je »enger« die Probleme des Menschen bei dem Herzen liegen – wie bei mentalen Problemen -, um so wichtiger ist es, daß die Seelsorge evangelistisch ist.
Wenn es um die Psychotherapien geht, ist es für den christlichen Seelssorger auch eine sehr wichtige Tatsache, daß, wie sich gezeigt hat, Psychotherapien nicht durch ihren lebensanschaulichen Hintergrund oder ihre Methodiken helfen, sondern durch bestimmte »heilsame Faktoren«, deren man sich meist wenig bewußt ist. … Niemand kann daher behaupten, daß christliche Seelsorge schlechter wäre, denn wenn es um das Wegnehmen gestörten Verhaltens oder um gesllschaftliche Wiederanpassung geht, dann spielen nachweislich in der christlichen Seelsorge dieselben heilsamen Faktoren eine Rolle wie in den weltlichen Psychotherapien. Wir werden nämlich sehen, daß diese heilsamen Faktoren sich bereits jahrhundertelang in der Bibel finden! Wenn weltliche Therapien daher auch ein bestimmtes Maß an (äußerem) »Erfolg« verbuchen, dann liegt das daran, daß sie nachweislich wesentlich nichts anderes als jahrhundertealte biblische Weisheit anwenden (wenn auch oft in verstümmelter Form).
Wenn es also um äußere Verbesserung des Menschen geht, ist die christliche Seelsorge den weltlichen Therapien mindestens gleichwertig. Doch in Wirklichkeit ist sie überlegen, und zwar erstens dadurch, daß sie die heilsamen Faktoren sauberer anwendet, indem sie direkt von der biblischen Weisheit auf diesem Gebiet Gebrauch macht. Zweitens behandelt sie den ganzen Menschen, sowohl die verschiedenen Humanstrukturen als auch das Herz, in dem all diese Strukturen ihre Einheit finden. Und in diesem Herzen steht der Mensch in einer guten oder in einer schlechten Beziehung zu Gott bzw. in Beziehung zu den Götzen. Was man auch über die Bibel sagen mag, man muß doch zumindest zugeben, daß sie ein Buch ist, das beansprucht, uns zu lehren, wie Menschen leben sollen. Christliche Seelsorge unterscheidet sich von anderen Therapien dadurch, daß sie die überlegene göttliche Weisheit dieses Buches ernstnimmt, gerade wo es darum geht, Menschen mit Problemen zu lehren, wie sie es lernen, anders und besser zu leben. … Der Arzt beschäftigt sich mit der eventuellen physikalisch-biotischen Basis von Problemen, der eventuell hinzugezogene Psychologe beschäftigt sich mit den mentalen Seiten der Probleme, doch der Seelsorger beschäftigt sich mit dem, was das tiefste Innere, das Ich, das Herz, die Persönlichkeit des Menschen ist. Das Schönste wäre natürlich, wenn der »Spezialist« selbst seelsorgerlich zugerüstet wäre; doch es kann auch sein, daß er eng mit einem Seelsorger zusammenarbeitet.
6.5.2. Seelsorge und Psychologie
Es hat übrigens ziemlich viele Diskussionen über das richtige Verhältnis zwischen Psychologie und Seelsorge (oder Pastorat) gegeben. Man könnte dabei vier Modelle unterscheiden, die von Christen entworfe wurden:
1. Das dualistische Modell beschränkt die Seelsorge auf Glaubensprobleme und überläßt alle mentalen Probleme dem (weltlichen) Psychotherapeuten. Dieser Standpunkt ist sehr populär unter christlichen Psychologen – vor allem dadurch, daß viele an »neutralen« Einrichtungen arbeiten… Wir dürfen nämlich Glaubensprobleme nicht von mentalen Problemen trennen. Die biotischen und mentalen Probleme des Menschen können niemals von seiner Beziehung zu Gott gelöst betrachtet werden. Das gilt nicht nur für solche die Seelsorge suchen, sondern auch für den Seelsorger, der sich als Christ niemals auf »neutrale« Ratschläge beschränken dürfte.
2. Das biblizistische Modell beschränkt die Psychologie auf höchstens physiologische Probleme und weist das ganze Gebiet des Glaubens und der mentalen Probleme dem Pastor zu. … Hier wird die Einheit des Menschen wieder verkannt…
3. Das integrationistische Modell durchschaut glücklicherweise die verwerflichen Trennungen, die die beiden vorhergehenden Modelle durchführen wollen. Doch es scheint häufig nicht deutlich genug der Status der weltlichen Psychologie zu durchschauen. Es geht nicht an, die sogenannte »neutrale« Psychologie in biblische Ideen »integrieren« (damit verschmelzen) zu wollen, denn die gebräuchliche Psychologie ist gar nicht neutral. Sie ist in ihren Wurzeln antibiblisch. Wir wollen keine Verschmelzung antibiblischer Psychologie mit biblischen Gedanken, sondern wir wollen eine bibeltreue Psychologie, die von Grund auf auf christlichem Fundament erbaut ist.
4. Das Modell, das wir hier vertreten, will einen anderen Weg gehen. Es stellt die christliche Seelsorge der weltlichen Psychologie nicht entgegen, es unterwirft sie ihr nicht, es trennt sie nicht davon, es bringt sie nicht damit in Übereinstimmung, sondern es beurteilt und durchleuchtet die weltliche Psychologie und nimmt das Brauchbare davon umgebildet in sich auf. Und dieses Modell kann das tun, weil es eine radikalchristliche Psychologie zu seiner Verfügung hat, die als »Sieb« dienen kann, um die »Korinthen« aus dem weltlich-psychologischen Brei herauszufischen und auszukochen. Diese Psychologie will sowohl wissenschaftlich als auch vor allem seelsorgerisch sein.

6.6. CHRISTLICHE SEELSORGE
6.6.1. Der gute Therapeut
Dieses Buch ist eine populär-psychologische Einführung, keine praktische Anleitung für Seelsorger. Und doch kann es nicht anders sein, wenn es um so etwas Praktisches wie Seelsorge geht, daß auch praktische Fragen zur Sprache kommen. Solch eine Frage ist zum Beispiel, welchen Anforderungen der gute (christliche) Seelsorger entsprechen muß.
Zuallererst ist der Seelsorger durch den Heiligen Geist zu seiner Aufgabe berufen. Zweitens muß er völlig zum Dienst bereit sein in uneingeschränktem Gehorsam gegenüber dem Herrn und Seinem Wort. Er muß Fähigkeiten haben, das Wort in der Seelsorge anzuwenden. Er muß praktische Weisheit und Lebenserfahrung haben, ein warmes Herz für den Hilfsbedürftigen, eine selbstaufopfernde Gesinnung, einen lebendigen Glauben, ein frohes Herz, einen guten Lebenswandel, eine vorbildliche Familie, ein gutes Zeugnis vor den »Außenstehenden« und ein tiefes Bewußtsein der Verantwortung, die man Gott gegenüber ablegen muß. …
Bevor zukünftige Seelsorger meinen, daß sie für ihre Aufgabe eine lange Ausbildung nötig haben, erinnern wir sie noch einmal daran, daß nachweislich ausgebildete, professionelle Therapeuten nicht viel mehr »Erfolg« haben als unerfahrene »Amateure«, die warme, mitfühlend reife Persönlichkeiten waren, die zuhören konnten. …
6.6.2. Der Grundplan der Seelsorge
Aus allem, was wir oben dargelegt haben, folgt beinahe wie von selbst eine Reihe von Richtlinien für die christliche Seelsorge. Die erste Regel für die Seelsorge ist, daß der Seelsorger sich immer davor hüten muß, zu schnell eine einzige Ursache als die Erklärung für ein bestimmtes Problem zu nennen. In Wirklichkeit hat er es ja mit einer enormen Wechselwirkung biotischer, mentaler und sozialer Faktoren zu tun. Deshalb stellt der Seelsorger sich immer folgende Fragen:
1. Welche biotischen (»körperlichen«) Faktoren spielen eine Rolle? -Wenn der Seelsorger solche Faktoren vermutet, muß er den Hilfesuchenden zu einem Arzt schicken (wenn er das selbst nicht ist).
2. Welche Streß verursachenden Faktoren sind in der Mikro- und Meso-Situation des Hilfesuchenden vorhanden, die zu Angst, Frustration oder Konflikten führen? – Hier muß soziale Hilfe geboten werden, das heißt, die soziale Situation muß, wenn möglich, erleichtert werden.
3. Welches Temperament hat der Hilfesuchende, und was ist seine Charakterstruktur? Welche (übertriebenen) Abwehrmechanismen und welche Trugschlüsse hat er entwickelt? Wie steht er gegenüber seiner Vergangenheit, vor allem gegenüber seinen Eltern? Welchen Beitrag liefert die Gesellschaft und ihre soziale Struktur zu seinen Problemen? – Hier muß mentale Hilfe geboten werden, d.h. vor allem Belehrung.
4. Welche religiösen Faktoren spielen eine Rolle? – Hier muß Ungläubigen das Evangelium gebracht werden, und Gläubigen muß pastorale Hilfe geboten werden.
Natürlich sind diese vier Punkte in der Praxis stark miteinander verwoben. Wir erinnern uns auch, daß sie in zwei Elemente zerfallen:
a. die Traglast, bestehend aus biotischen (vor allem erworbene Hirn-Schädigungen) und sozialen Faktoren. Der Seelsorger muß versuche diese Traglast zu verringern (das tun vor allem der Arzt und der Sozialarbeiter);
b. die Tragfähigkeit, bestehend aus biotischen (körperliche Konstitution und Kondition des Augenblicks), mentalen und religiösen Faktoren. Der Seelsorger muß versuchen, diese Tragfähigkeit zu vergrößern (das tun vor allem der Arzt, der Psychotherapeut und der Seelsorger/Evangelist). …
6.6.3. Das Seelsorgeklima
Das erste, was nötig ist, ist eine intensive, vertrauliche, helfende Beziehung, die der Beziehung zwischen Eltern und Kind etwas ähnelt. Dazu muß der Seelsorger eine gewisse Autorität ausstrahlen. Der Hilfesuchende muß der Geheimhaltung sicher sein und das Vertrauen haben, daß der Seelsorger nur auf sein Wohl bedacht ist. Der Seelsorger hört ihm zu mit niemals nachlassender Aufmerksamkeit, voller Mitempfinden und dem beständigen Versuch, das zu verstehen, was der Hilfesuchende meint. In der christlichen Seelsorge ist diese besondere Beziehung natürlich auf die göttliche Liebe gegründet, die dem Seelsorger durch den Heiligen Geist geschenkt ist (Röm 5,5). Durch diese Liebe und diesen Geist gibt es zwischen dem Seelsorger und dem Hilfesuchenden eine wirkliche geistliche Einheit und Gebetsgemeinschaft, wenn beide Christen sind (Eph 4,3; Jak 5,14-16), und bei nicht-christlichen Hilfesuchenden bedeutet das tiefe Nächstenliebe von Seiten des Seelsorgers (Röm 12,7; Gal 6,10).
Zweitens ist das erforderlich, was weltliche Psychologen einen theoretischen Rahmen nennen. Der Seelsorger muß mit einer »Theorie« arbeiten, die nach Meinung dieser Psychologen eigentlich eine »Mythe« ist. Das tut nichts zur Sache, es tut auch nichts zur Sache, welche Mythe das ist, solange der Hilfesuchende und der Seelsorger beide daran glauben; dann wird die Mythe die Probleme des Hilfesuchenden »erklären und eine mögliche »Lösung« zeigen, so daß das, was der Hilfesuchende und der Seelsorger tun, einen Sinn bekommt. Welch ein Unterschied zu dem christlichen Seelsorger, der von der Schrift ausgeht! Kein menschliche Theorie, keine Mythe, sondern das inspirierte und unfehlbare Wort Gottes! Die Bibel gibt nicht auf alle Fragen eine konkret und spezifische Antwort, aber sie gibt doch einen unfehlbaren »Rahmen«, der zumindest in seiner Allgemeinheit eine Erklärung für das Leben nach Gottes Gedanken liefert – ein Leben, das auch zum höchsten Wohl des Hilfesuchenden ist.
Ein drittes, sehr bedeutendes Element ist das Vermitteln von Hoffnung. Dadurch, daß der Hilfesuchende sich »einer Therapie unterzieht«, wir er motiviert. Er glaubt an die Möglichkeiten der Seelsorge, und er erwartet Hilfe von dem Seelsorger. Allein schon diese Erwartungen des Hilfesuchenden können zu seiner Wiederherstellung beitragen und bieten also einen »heilsamen Faktor«. In der christlichen Seelsorge bedeutet das, daß der Seelsorger von sich selbst und seinen Methoden wegführt, um das Herz des Hilfesuchenden auf Gott zu richten. Der Hilfesuchende muß verstehen, daß der Seelsorger auch nur ein Mensch ist mit einer beschränkten Einsicht und beschränkten Möglichkeiten aber doch mit einem vollkommenen Buch und einem allmächtige Gott, der durch Seinen Geist eine völlige Lebenserneuerung bewirken kann. Die Hoffnung auf Gott und Seine Verheißungen und auf die Wirksamkeit Seines Geistes (die weit über menschliche Hilfe hinausgeht) ist der »Startmotor« einer christlichen Seelsorge (vgl. Ps 42,5.11; 43,5).
6.6.4. Spezielle Seelsorgeprozesse
Psychotherapeuten haben über die sogenannte Katharsis schwer debattiert, das ist das »Ventilieren« starker, unterdrückter Emotionen, das sogenannte »Abreagieren«. Die einen meinen, daß dieses gefühlsmäßige »Wiedererleben« früherer Emotionen sehr bedeutend sei, die anderen denken, daß es viel mehr auf eine streng verstandesmäßige Bewältigung der eigenen Emotionen ankomme. Dieser uralte Konflikt zwischen Gefühl und Verstand kann nur überwunden werden innerhalb einer Sichtweise, die sowohl Verstand als auch Gefühl auf das Herz zurückführt, durch das beide letztendlich regiert werden. Das reine Ventilieren der Gefühle an sich bringt keine Lösung. Das menschliche Herz ist nun gerade eine unerschöpfliche Quelle sündiger (sensitiver) Gefühle und (spiritiver) Gedanken, und diesen Hahn sollte man nicht ohne weiteres aufdrehen. Die Bibel warnt deutlich davor (Eph 4,26.29.31). Hier kommt alles auf den verständnisvollen Seelsorger an; unter seiner vernünftigen Begleitung können Emotionen sehr heilsam »abfließen«, und das kann sogar dazu führen, daß der Hilfesuchende den Menschen, gegen die sich seine Emotionen richten, vergeben lernt.
Ein zweiter »heilsamer Prozeß« besteht darin, Hinweise zu geben, Rat zu geben, zu überzeugen, mit dem Hilfesuchenden zusammen Ziele festzulegen. Dabei versucht der Seelsorger deutlich zu machen, daß guter Rat nur bei Gott und in Seinem Wort zu finden ist (vgl. Ps 32,8; Spr 19,20f., 21,30). Der Seelsorger muß den Hilfesuchenden davon überzeugen, daß er zu seinem Besten biblischen Richtlinien folgen muß, und er versucht, dessen Verhaltensweisen in biblischem Sinn zu »reorganisieren« (Vgl. Eph 4,22; Kol 3,8).
Damit hängt direkt ein dritter »heilsamer Faktor« zusammen: Der Hilfesuchende hat einsichtsvolle Unterweisung nötig. Zuerst muß der Seelsorger Informationen über seine Diagnose und über seinen Behandlungsplan geben. Er muß dem Hilfesuchenden deutlich machen, daß er z.B. in seinem Verhalten unbewußt sich selbst schädigt, daß er mit verdrehten Vorstellungen von der Wirklichkeit behaftet ist usw. Vielen Problemen liegen falsche Vorstellungen zugrunde, die der Seelsorger aufspüren und biblisch korrigieren muß zu einer wahren »Erneuerung des Denkens« (Röm 12,2; Eph 4,23). So führt er den Hilfesuchenden zur Selbsterforschung: Er muß Erkenntnis über sich selbst bekommen, über die eigenen Motivationen und Gefühle. Das geschieht, indem ihm der Spiegel des Wortes Gottes vorgehalten wird (Jak 1,23). Es kommt nicht nur darauf an, sich selbst zu erforschen, sondern von Gott erforscht zu werden und aus Seinem Wort über das eigene Herz, die eigenen Gedanken, den eigenen verhängnisvollen Weg zu lernen, und so zu einem Schuldbekenntnis zu kommen. So lernt der Hilfesuchende seine persönlichen Sünden zu bekennen, anderen zu vergeben und selbst aus der Vergebung und Annahme seitens Gottes zu leben. Selbstprüfung, die gänzlich auf die eigene Person gerichtet ist, kann gerade unglücklich machen; darum muß das Herz auf Christus gerichtet werden (Röm 7,7-25).
Eine andere Form einsichtsvollen Lernens ist das Feedback: Der Seelsorger gibt die Eindrücke wieder, die das Verhalten des Hilfesuchenden bei ihm und bei anderen hervorruft. Dadurch lernt der Hilfesuchende, sich selbst vom Standpunkt anderer aus zu sehen und bekommt so mehr Selbsterkenntnis. In der christlichen Seelsorge ist es natürlich sehr wichtig, daß der Seelsorger dabei nicht seine eigene, subjektive Meinung betont, sondern deutlich macht: »Dein Verhalten macht diesen und jenen Eindruck auf mich; das Wichtigste ist jedoch nicht, was ich davon halte, wie ich es empfinde, sondern was die Bibel darüber sagt.«
Wichtig dabei ist, daß der Seelsorger als ein persönliches Vorbild der Reife, als Vorbild eines guten und angepaßt funktionierenden Menschen fungiert. Es ist durchaus üblich und gesund, daß wir bewußt oder unbewußt die Werte, Haltungen und Verhaltensweisen der Menschen übernehmen, von denen wir empfinden, daß sie über uns stehen. Der Hilfesuchende kann von dem Seelsorger lernen, wie man auch inmitten von Wutanfällen ruhig bleiben, impulsive Verhaltensweisen unterdrücken und aus verwirrenden Alternativen eine Auswahl treffen kann (was natürlich von dem Seelsorger große Selbstbeherrschung und Selbstsicherheit verlangt). Noch wichtiger ist, daß der Seelsorger nicht nur selbst als Vorbild fungiert, sondern auch in der Lage ist, auf das große Vorbild hinzuweisen: Christus (vgl. Röm 13,14; 2. Kor 3,18; Phil 2,5).
Sehr bedeutend ist, daß der Seelsorger dem Hilfesuchenden eine Überzeugung über den Sinn des Lebens und die eigene Verantwortung und den eigenen Einsatz vermittelt. Der Hilfesuchende muß lernen, sich den Möglichkeiten, Beschränkungen und Unvermeidlichkeiten des menschlichen Daseins zu stellen und sein Leben danach einzurichten. Jeder Mensch muß nun einmal manche Entscheidungen im Leben »allein« fällen, und man muß diese Selbständigkeit lernen. In der christlichen Seelsorge wird man dabei fragen, welchen Sinn das Leben des Menschen hat, das nach Gottes Wort geregelt und auf Seine Ehre und Seinen Dienst entsprechend der Bibel gerichtet ist (1. Kor 1,9.24; 2. Kor 4,4-6; Eph 3,16-19; 1. Tim 3,16).
Zum Schluß weisen wir auf die Korrektur hin, die wie von selbst stattfindet, wenn der Hilfesuchende aus seiner guten Beziehung zu dem Seelsorger heraus entdeckt, daß es tatsächlich auch anders in seinem Leben sein kann. Das verändert die Bitterkeiten, die unverarbeiteten Konflikte in seinem eigenen Gefühlsleben. In früheren Beziehungen wurde der Hilfesuchende abgelehnt, unterdrückt usw., doch in seiner neuen Erfahrung mit dem Seelsorger entdeckt er, was es bedeutet, Liebe zu empfangen, angenommen zu werden. Natürlich nimmt das meist viel Zeit in Anspruch, denn der Hilfesuchende muß die Möglichkeit haben, sich in einer neuen, liebevollen und bedeutungsvollen Beziehung zu »üben«, bevor er beginnt, neue Haltungen »auszuprobieren« vor einem Publikum, das einerseits weniger liebevoll, andererseits weniger kritisch ist. Sehr wichtig ist dabei, daß der Hilfesuchende sich in einer echten, liebevollen Gemeinschaft von Christen befindet oder dort aufgenommen wird. Doch vor allem muß der Hilfesuchende natürlich eine enge Gemeinschaft mit Christus und mit Gott, dem Vater, entwickeln. Er muß lernen, es mit Gott zu »wagen«, dann wird er erfahren, daß Gott ihn liebt und ihn in Christus annimmt.

6.7. SCHLUSSFOLGERUNG
Im Grunde kommen dieselben »heilsamen Faktoren«, die sich in der weltlichen Therapie als wirksam erweisen, auch in der christlichen Seelsorge vor. Doch was den Inhalt betrifft, zeigen sich große Unterschiede. Die weltliche Therapie wirkt vom Menschen aus, für und durch den Menschen; der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Christliche Seelsorge dagegen wirkt von Gott aus, für und durch Gott; Christus steht dort immer im Mittelpunkt. Bereits deshalb sehen die »heilsamen Faktoren« Stück für Stück anders aus. Daneben gibt es auch konkrete Unterschiede. Der christliche Seelsorger wirkt nicht von einer »Mythe« aus, sondern aus der Gottesoffenbarung; er weckt keine Pseudo-Hoffnung, sondern konkrete Hoffnung auf den lebendigen Gott; er läßt keine Gefühle unkontrolliert »abreagieren«, sondern dämmt sie ein, begleitet sie von der Schrift her, ermutigt zu Selbsterforschung, richtet dabei aber nicht die Aufmerksamkeit auf die eigene Person, sonde auf das große Vorbild, Christus; er bringt dem Hilfesuchenden keine selbstgemachte »Sinngebung« des Lebens bei, sondern zeigt ihm den wahren Sinn des Lebens mit Gott.
Die gesamte christliche Psychologie geht unter anderem von der Überzeugung aus, daß selbst der größte Feind der Schrift durch seine Äußerungen uns ungewollt auf Gesichtspunkte der ganzen Wahrheit Gott aufmerksam machen kann – und alle Wahrheit ist Gottes Wahrheit! – die man vordem nicht beachtet hatte. Doch vor allem gründet sich die christliche Psychologie auf eine Überzeugung, über die ihre Feinde sie niemals etwas werden lehren können. Das ist diese, daß keine Wissenschaft jemals wirklich etwas von dem Menschen verstehen wird, wenn man den Menschen nicht von seiner Beziehung her als Geschöpf und (bei dem Christen) von seiner Beziehung her als Gläubiger zu Gott, seinem Schöpfer, Erhalter und Erlöser betrachtet.
–    Stark gekürzter Text, auch die Hervorhebungen sind von mir. Horst Koch, Herborn, im Januar 2017 –
–    info@horst-koch.de

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