Handauflegung

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Alexander Seibel

 

Betrachtungen über das Händeauflegen

 

 

Handauflegung im Alten Testament, in den Evangelien . . .

Nach Hebräer 6, 2 gehört die Lehre von dem Händeaufle­gen zu den Grundlagen des Neuen Testaments.

Dieses Thema soll hier primär vom Standpunkt der Identifikation aus betrachtet werden, also des »Sich‑Einsmachens« vor Gott. Dies wird am besten im Alten Testament durch die Anordnungen, die Gott im 3. Buch Mose gab, veran­schaulicht.

Wenn jemand aus dem Volk oder auch ein Priester ge­sündigt hatte, so benötigte er ein Opfertier, das im Ein­gang der Stiftshütte dargestellt wurde (3. Mose 1, 3). Es folgte danach die Handauflegung, und ich zitiere dazu F. Rienecker: »Der Opfernde legte seine Hand auf das Haupt des unschuldigen Opfertieres und übertrug da­durch seine Sünde auf das Opfer« (Lexikon zur Bibel). Diese Identifikation wird sehr deutlich in 3. Mose 4 ge­zeigt, wo die Gebote bezüglich des Sündopfers festgehal­ten sind und fünfmal die Handauflegung erwähnt wird (V. 4. 15: 24. 29 u. 33). Das Prinzip der Übertragung von Sün­den tritt sehr augenscheinlich in 3. Mose 16, 21 zutage. Der Hohepriester hatte dem Bock die Hände aufzulegen und die Missetat des Volkes Israel zu bekennen. Wieder fand in gewissem Sinne eine Übertragung statt.

Ein solches Opfertier konnte erst dann stellvertretend ge­schlachtet werden, wenn der Sünder sich mit ihm eins ge­macht hatte. Vor uns ist das Sinnbild des Sündenbockes, eine wunderbare Illustration für das stellvertretende Sühnopfer Jesu Christi. Das Sündenbekenntnis und die Identifikation mit Jesus (Röm. 6, 6) ‑ durch die Bejahung des Kreuzes ‑ sind die beiden Voraussetzungen für das Gerechtwerden vor Gott. Dies alles geschieht in der Be­kehrung.

Wenn zwei Geschöpfe bzw. zwei Personen sich vor Gott eins erklären, so ist dies in Gottes Augen eine sehr ernste Angelegenheit. Zwischen diesen beiden Personen sieht der Herr keinen Unterschied mehr. Was für den einen gilt, gilt auch für den anderen. Gott betrachtet beispielsweise den Sünder als geheiligt und rein durch Jesus (Kol. 1, 22). Al­les, was für Jesus zutrifft, ist auch für denjenigen gültig, der sich mit Jesus eins gemacht hat. Deshalb heißt es auch, daß wir mit Jesus gestorben und auferstanden sind und in das himmlische Wesen mit ihm versetzt wurden (Eph. 2, 6). Wer sich mit Jesus identifiziert, erhält den Heiligen Geist, wird also mit dem Geist getauft (Kol. 2,12). Es fin­det Übertragung statt.

Es muß nun allgemein gesagt werden, daß durch die Iden­tifikation zweier oder mehrerer Personen in der unsicht­baren Dimension geistliche Mächte ausgetauscht werden können. Sünde verbindet, wie es einmal jemand sagte, mit dem Feind. Schwere Sünde kann uns so sehr dem Teufel öffnen, daß er, wie vorher schon erwähnt, in Herz und Seele Einlaß findet. Besonders die Vergehen, welche Gott im Alten Testament als Greuel bezeichnet, bewirken prak­tisch eine Identifikation mit Satan und führen zur Dämo­nisierung. Ein drastisches Beispiel, das auch die Bibel bringt, soll diesen schöpfungsmäßigen Grundsatz aufzei­gen. Macht sich jemand mit einer Dirne eins (1. Kor. 6, 16‑17), so kann Übertragung stattfinden, können unreine Geister auf den Betreffenden übergehen, wie bereits oben dargelegt wurde.

Wer sich dieser Tatsache bewußt ist, wird sich natürlich gründlich überlegen, mit wem er sich eins erklärt (fast könnte man sagen: »sich verheiratet«). Handauflegung be­deutet nun einmal in der geistlichen Dimension eine völ­lige Identifikation, zeichenhaft sichtbar dargestellt. Aus dieser Perspektive wird es begreiflich, warum Paulus an Timotheus schreibt: »Die Hände lege niemand zu bald auf«. Anschließend sagt er ihm, warum. »Mache dich auch nicht teilhaftig fremder Sünden; halte dich selber rein« (1.Tim. 5, 22). Man lege also nicht vorschnell die Hände auf, da man sich so unter Umständen mit einer Person eins macht, über deren geistlichen Zustand man nicht genau informiert ist. Dadurch kann man sich fremder Sünden teilhaftig machen; ja, es kann eine unsichtbare Fin­sternisübertragung stattfinden.

Dies will manch einer nicht wahrhaben. Hat man aber die geistlichen Grundlinien erkannt, wird es nicht mehr so unbegreiflich erscheinen.

Von diesem Gesichtspunkt her wird es klar, warum die Jünger beim Austreiben von Dämonen nie die Hände auf­legten. Leider wird dies immer häufiger praktiziert. Man identifiziert sich dabei mit der Finsternis, der Bindung. So schreibt Peter Mayer: »In der Seelsorge an okkult gebun­denen Menschen stellt sich oft die Frage, wie weit das Händeauflegen notwendig oder erwünscht sei. Wir halten dafür, daß diesbezüglich Zurückhaltung geboten ist; in Fällen von starker dämonischer Gebundenheit oder Beses­senheit dürfen unter keinen Umständen Hände aufgelegt werden. Jesus hat beim Befreien von besessenen Men­schen nie Hände aufgelegt; Seelsorger, die dies schon ta­ten, gerieten selbst unter den Bann der finsteren Mächte, die sie auszutreiben suchten. ‑ Im Neuen Testament sehen wir, daß Hände vor allem Kranken aufgelegt wurden . . . «.

Im Falle der Krankenheilung kann auch nicht unbedingt von Identifikation gesprochen werden. Tatsächlich wird in den Evangelien dies immer wieder un­terschieden, z. B. in Lk. 4, 40‑41. Diese Verse zusammen mit ihrer Parallelstelle Mt. 8, 16 zeigen, daß Jesus die bö­sen Geister austrieb mit seinem Wort, den Kranken aber die Hände auflegte. Dies zeigt eine Bedeutung der Handauflegung, nämlich diejenige der Bes­serung und der Heilung von Kranken. Wir finden dies bei unserem Herrn (Mk. 8, 23) und auch bei den Aposteln. So lesen wir in Apg. 28, 8, daß Paulus dem kranken Vater des Publius die Hände auflegte und ihn gesund machte. Dies steht auch im Einklang mit der Aussage in Mk. 16, 18 b, wo der apostolische Zeichencharakter im Vordergrund steht. Wo Gemeinde Jesu entstanden ist, zeigt der Jako­busbrief, wie dies auszuführen ist. Der Kranke soll die Äl­testen der Gemeinde (also nicht Wundertäter, Krankenheiler oder »Wanderprediger«) rufen, damit diese über ihm beten (Jak. 5, 14‑15).

Es ist klar, daß Jesus sich mit den Sündern identifizierte. Er wurde ja »für uns zur Sünde gemacht« (2. Kor. 5, 21). So lesen wir, daß er, der Reine, Aussätzige und Unreine anrührte (Mt.8, 3 u.a.). Jesus selbst ist nur Licht; wer von ihm erfaßt, berührt wurde, wurde dementsprechend rein bzw. gesegnet (Mk. 10, 16). Meines Wissens lesen wir nur von einem einzigen Fall, wo Jesus einem satanisch gebun­denen Menschen die Hände auflegte, nämlich der Frau, die achtzehn Jahre lang verkrümmt war. Auch hier lag im Prinzip ein Krankheitsfall vor, ist doch ausdrücklich von einem »Geist der Krankheit« die Rede (Lk.13, 11). Jesus identifizierte sich so mit seinem Volk ‑ heißt es doch, daß er unsere Schwachheit auf sich genommen und unsere Krankheit getragen hat (Mt. 8, 17). Es ist klar, daß dies ausschließlich für unseren Herrn gilt und auf ihn allein an­zuwenden ist, nicht etwa auf uns.

Damit wollen wir die Evangelien hinter uns lassen und uns mit dem Blick für das Prinzip der Identifikation der Apo­stelgeschichte zuwenden. In diesem Buch wird sechsmal von Handauflegung berichtet. Der sechste und letzte Fall (in Kap. 28) wurde bereits erwähnt. Hier sollen nun die übrigen fünf Fälle, von denen einige sehr umstritten sind, näher beleuchtet werden.

  

. . . und in der Apostelgeschichte

Jerusalem

In Apostelgeschichte 6, 6 wird erstmals diese Handlung erwähnt. Es war innerhalb der Urgemeinde zu Unstim­migkeiten gekommen, und man bestimmte sieben Diakone, die für eine gerechte Verteilung der Hilfeleistungen für die Witwen zu sorgen hatten. Sie wurden vor die Apostel gestellt, welche für sie beteten und ihnen die Hände auf­legten. Warum war dies notwendig? Damit wurde der ganzen Gemeinde gezeigt, daß sich die Apostel mit ihnen in ihrer Verantwortung identifizierten und sich eindeutig hinter sie stellten. Dies sagte mit anderen Worten aus: »Schaut, wenn ihr ihnen (den Diakonen) nicht gehorcht, dann gehorcht ihr in dieser Sache eigentlich uns (den Aposteln) nicht. Nehmt also ihre Anweisungen an.« Eine solche Einsetzung nach dem Grundsatz der Identifikation wird uns im Prinzip auch in 4. Mose 27, 18‑23 geschildert.

Diese Art Gleichstellung finden wir in der Schrift immer wieder; sie ist letztlich auch in der Beziehung Jesu zu sei­nem Vater wie auch zu seinen Jüngern gegeben (Lk. 10, 16). Wer in Jerusalem meinte, er hätte nur den Aposteln zu gehorchen, wurde dadurch eines Besseren belehrt. Ohne Autorität gibt es keine Ordnung. In Jerusalem wurde sichtbare Einheit demonstriert und apostolische Autorität an die Almosenpfleger delegiert. Man wußte damit: Hin­ter den Diakonen steht das Ansehen der Apostel. Mit die­ser Handlung wurde die Einmütigkeit und damit auch der Friede wiederhergestellt.

 

Samarien

Das zweite Ereignis dieser Art wird in Apg. 8, 17 berich­tet. Dieser Bericht hat zu viel Verwirrung Anlaß gegeben. Warum mußten die Apostel kommen und Hände aufle­gen? Wir erfahren, daß Philippus, einer der Diakone, mit großer Kraft und Vollmacht unter den Samaritern evangelisierte. Obwohl der Herr sich mächtig zu der Pre­digt des Philippus bekannte (V. 6‑8) und viele sich taufen ließen (V. 12), empfingen sie noch nicht den Heiligen Geist (V. 16). Wie ist das zu erklären? Die Samariter wa­ren, obwohl auf Jesus getauft, erst gläubig geworden im Sinne der Heilszeit des Alten Testaments, in der man noch nicht die Gabe des Heiligen Geistes empfing (Eph.1,14; 2. Kor.1,22; 5,5).

Zunächst ist zu beachten, daß hier eine neue Volksgruppe mit dem Evangelium erreicht wurde. Die Samariter waren ein richtiges Mischvolk, sowohl religiös als auch rassisch (2.Kön. 17, 24) ‑ und dies seit der Zeit, als Israeliten mit den verschiedensten Völkern aus dem as­syrischen Reich vermischt wurden. Dem Apostel Petrus waren, sinnbildlich gesagt, des Himmelreichs Schlüssel anvertraut worden, er öffnete tatsächlich die Tür der christlichen Gemeinde für Israel, er wird später in dem Hause des Cornelius auch die Tür für die Heiden öffnen (Apg. 10, 34‑38). Jeder einzelne Neubeginn war, wie dies für heilsgeschichtliche Anfänge auch einleuchtend ist, mit sichtbaren Ereignissen, wie z. B. dem Zungenreden ver­bunden, fragten doch die Juden bekanntlich nach Zeichen (Apg. 10, 45; 1.Kor. 1, 22). So wird eine Begründung für diese Handauflegung darin zu sehen sein, daß Petrus als »Schlüsselapostel« zunächst kommen mußte, ehe bei einer neuen Volksgruppe neutestamentliche Gemeinde entste­hen konnte. (Am Rande sei vermerkt: Die Tatsache, daß Petrus und Johannes von den anderen Aposteln gesandt wurden (V. 14) ‑ im Zusammenhang mit Joh. 13, 16‑, wi­derlegt eindeutig das von den röm. Katholiken ge­lehrte päpstliche Primat.) 

Noch eine andere Erklärung für dieses Verhalten ist er­wähnenswert und leuchtet mir persönlich am meisten ein. Lt. Joh. 4, 9 hatten Juden und Samariter keine Gemein­schaft miteinander. Sie waren erklärte Gegner, und bei Flavius Josephus (Der Jüdische Krieg) können wir le­sen, daß zwischen ihnen ein Haß unglaublichen Ausmaßes loderte. Kleinste Anlässe lösten fast bürgerkriegsähnliche Zustände mit richtigen Blutbädern aus. Gegenseitig be­trachtete man sich als Abtrünnige und Hunde. Die einen beteten in Jerusalem an, die anderen am Berg Garizim. Das Wort »Samariter« war für israelitische Ohren ein Schimpfwort (Joh. 8, 48). In eine solche Situation wurden nun die Apostel gesandt.

Es ist denkbar, daß die bekehrten Samariter trotz allem ihre Rassenvorurteile mit in die Gemeinde hineinnahmen. Es ist ja bekannt, daß manches sich erst allmählich abbaut, manche eingefleischte Vorstellung nur langsam weicht (Eph. 4, 22). Man denke nur daran, wie sehr zum Teil die bekehrten Pharisäer noch am Alten hingen (Apg. 15, 5) und u. a. die Beschneidung in den Neuen Bund einführen wollten. So ist es vorstellbar, daß die Samariter, wäre der Heilige Geist bereits durch die Predigt des Philippus in ihre Herzen gekommen, die Autorität der Apostel zu­rückgewiesen und auf die Israeliten verzichtet hätten ‑ etwa mit dem Hinweis, daß sie ja alles selber besäßen und keine »jüdische Bevormundung« nötig hätten. Der Leib Christi wäre zertrennt gewesen. Der Geist Gottes kennt nun aber keine Rassenschranken (Kol. 3,11), und wir sind nun einmal erbaut auf dem Grunde der Apostel und Pro­pheten (Eph. 2, 20), welche Israeliten waren. Es ist leicht einzusehen ‑ Haß wirkt ja immer Trennung ‑, daß diese besondere Situation eine spezielle Handlung, eben die Identifikation, erforderte,

So mußten die Apostel kommen und sich durch die Hand­auflegung sichtbar mit den Samaritern eins erklären. Es war für beide Teile, wie Evangelist Ralph Shallis einmal sagte, wahrscheinlich ein demütigendes Erlebnis. Sie, die sich früher gegenseitig als Hunde, als Gojim bezeichnet hatten, bezeugten sich nun eins in Jesus. Jeder ungläubige Zuschauer mußte zur Kenntnis nehmen: In Christus gibt es tatsächlich keine Vorurteile, keine Trennungen mehr. Was völlig unvorstellbar schien und niemand für möglich hielt, war durch die Kraft Gottes und das vollbrachte Werk vom Kreuz geschehen. Juden und Samariter wurden ein Herz und eine Seele. Nach ihrer gemeinsamen demüti­genden, kreuzbejahenden Handlung kam sogleich der Heilige Geist (Apg. 8, 17). In Kapitel 2 der Apostelge­schichte durchschlägt der Heilige Geist die Sprachschran­ke, in Kapitel 8 die Rassenschranke.

Aus diesem Bericht nun ableiten zu wollen, daß zum Empfang des Heiligen Geistes stets eine Handauflegung ­womöglich noch eine apostolische ‑ notwendig wäre, wie dies leider in bestimmten Richtungen immer häufiger ge­schieht, ist völlig verkehrt.

 

Damaskus

Der dritte Fall wird in Apostelgeschichte 9 berichtet. Ein Ereignis von größter Tragweite hatte stattgefunden: Die Bekehrung des Saulus von Tarsus. Blind und innerlich zer­stört war er in Damaskus angekommen. Man kann kaum ahnen, welch ein Schock für ihn die Erkenntnis sein muß­te, daß Jesus der wahre Messias ist. Sein ganzes altes Leben ‑ alles, was er vorher getan hatte ‑ war in dem Augenblick der Begegnung auf der Straße nach Damaskus zerstört worden, war zusammengebrochen. Er hatte damit seine alten Freunde verloren, nämlich die Pharisäer, die noch seine schlimmsten Gegner werden sollten. Die Christen hatte er mit ganzer Intensität verfolgt. Wer von diesen würde sich nun zu ihm halten? Im Grunde genommen saß er völlig einsam und verlassen da und betete. Gott begann nun, diesen Mann wieder aufzubauen und ihn zuzuberei­ten für seinen Dienst (9, 15).

Zunächst erfahren wir, daß ihm Hände aufgelegt werden sollten, damit er wieder sehend werde (V. 12). Es ist ja auch verständlich, daß in diesem Fall ‑ Saulus war doch der schlimmste Verfolger der Gemeinde ‑ ein besonderer Akt der Identifikation notwendig war. Ananias nennt ihn Bruder (V. 17), und Saulus mußte erkennen, daß dies nicht nur ein Lippenbekenntnis war. Durch den Akt der Hand­auflegung (als Pharisäer wußte er genau, was dies bedeute­te) wurde ihm vielmehr klar: »Tatsächlich! Ist das mög­lich? Obwohl ich die Christen so verfolgte, tragen sie mir nichts nach, erklären sie sich mit mir sogar eins, bin ich wirklich ihr Bruder!«

Es wirkt fast wie eine Bestätigung des Rufes Jesu: »Warum verfolgst du mich? K (9, 4). Der Herr sagt nicht : »Warum verfolgst du meine Jünger?« Übertragen ausgelegt kann man sagen: Dadurch, daß Saulus sich mit den Christen identifiziert, sich zu ihnen hält, wird er wieder sehend und bekommt das wahre Licht, nämlich Jesus. Vorher war er geistlich blind, völlig verblendet gewesen.

Auch hier liegt also ein besonderes Ereignis vor, das von besonderen Umständen und Handlungen begleitet wird. 

Antiochien

Zu Beginn des 13. Kapitels wird uns der nächste Fall be­richtet. Die Erklärung ist eigentlich bald gefunden. Es war das erste Mal, daß eine Gemeinde Missionare ausschickte. Für Außenstehende konnte dies so aussehen, als würden Paulus und Barnabas die anderen Jünger verlassen, als würden sie sich von ihnen trennen. Obwohl tatsächlich in gewisser Hinsicht eine Trennung stattfand, bezeugte die Handauflegung: »Wir sind eins, wir stehen hinter euch. Wenn wir nun auch geographisch gesehen auseinanderge­hen werden, so sind wir doch dem Herzen nach (1. Thess. 2,17) völlig miteinander verbunden«. Durch diese Identi­fikation (V. 3) zog sozusagen im Geiste die sendende Ge­meinde mit ihnen.

Dieser Bericht dient gewöhnlich als Beleg dafür, warum bis heute bei Aussendungsfeiern Hände aufgelegt werden. Ich will nun wirklich nicht sagen, daß dies nicht gut ist, doch sollte man vielleicht im Auge behalten, daß wir hier nicht unbedingt eine Anleitung für die Gemeinden, son­dern einfach eine Mitteilung haben. Es liegt ja ein Ge­schichtsbuch vor uns. Weiter handelt es sich hier wie­derum um ein Erstlingsgeschehen, und dies ist meistens, wie bereits gesagt, mit besonderen Gegebenheiten und Handlungen verknüpft.

Ephesus und Malta

In Apostelgeschichte 19 ist uns der fünfte und schwierigste Fall berichtet. Schwierig vom Gesichtspunkt der Interpre­tation aus. Diese Stelle ist ein Lieblingskind vieler Irrleh­rer, z. B. der Neuapostolen, eine Gruppe, die sich interes­santerweise von der »Pfingsterweckung« des Schotten Edward Irving im Jahre 1830 ableitet. Mit diesen Versen begründet manch einer, warum Handauflegung einfach notwendig sei (es fehlt einem ja meistens noch etwas . . .) und warum mehr oder weniger alle in Zungen reden soll­ten. Dies ist doch eine so »eindeutige« Stelle ‑ wer wollte da noch solchen Dingen wehren?!

Gehen wir also an die nicht leichte Aufgabe heran, diese Stelle zu deuten. Auch hier hat mir, wie in den anderen Fällen, Evangelist Ralph Shallis die Grunderklärung ge­geben. Zunächst waren diese Jünger aller Wahrschein­lichkeit nach Anhänger oder »Bekehrte« des Apollos (18,24). Von ihm heißt es, daß er zwar richtig von Jesus lehrte, aber nur von der Taufe des Johannes wußte (18, 25). Mit anderen Worten: Der Übergang vom Alten zum Neuen Bund war noch nicht gänzlich voll­zogen worden.

Johannes war der letzte und größte Repräsentant der Heilszeit des Alten Testaments (Mt. 11,11; Lk. 16, 16), und er hatte viele Nachfolger. Mit dem Beginn der Gna­denzeit wurde nun von Gott etwas völlig Neues gewirkt (2. Kor. 5, 17). Manch einer fand gewisse Dinge des Alten Bundes jedoch so schön, daß er gerne einiges davon in die neue Heilszeit hinüber gerettet hätte (Apg. 15,1). So lesen wir, daß gerade der Urgemeinde auf diesem Gebiet die größte Gefahr der Vermischung drohte (Gal. 3,1; 5,4; 6,12). Wegen dieser Frage der Vermengung von Altem und Neuem Testament entwickelten sich die hitzigsten Dis­kussionen und Streitigkeiten (Apg.15,2 u. 6‑7; Gal. 2,5‑6). Als Jesus über dieses Thema sprach (seine Jünger wurden ja aufgefordert, es doch den Nachfolgern des Jo­hannes gleichzutun, Mt. 9, 14), gab er die berühmte Ant­wort, daß man nicht ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch flicke noch jungen Wein in alte Schläuche fül­le: Also keine Vermischung von Altem und Neuem. Gott hat zwar zu Beginn noch einige Übergänge »toleriert«, doch im Prinzip wird klare Trennung, klare Unterschei­dung gefordert.

Die Jünger zu Ephesus wußten einerseits von Jesus, anderer­seits kannten sie, wie Apollos, nur die Taufe des Johannes (V.3) und hatten noch nicht den Heiligen Geist empfan­gen (V.2). Ähnlich wie die Leute zu Samarien waren sie gläubig im alttestamentlichen Sinne. Die Gefahr der Ver­mischung war hier besonders gegeben, und Paulus wußte, daß eine klare Stellungnahme, ein entschiedenes Handeln notwendig war. Mit dem Akt der Handauflegung deutet uns die Schrift an, daß Paulus eine klare Trennung von dem Alten Bund, von Johannes dem Täufer voll­zog. So sollen Menschen, die sich zu Jesus hinwenden, vorher klar der Welt und dem Alten absagen. Manch einem mag dies vielleicht etwas zu radikal vorgekommen sein, doch das nachfolgende Zeichen des Zungenredens bestätigte die Richtigkeit der Handlungsweise des Apo­stels. Man kann über diesen Abschnitt verschiedene Mei­nungen haben; jedenfalls sollte man keine gemeindlichen Lehren daraus ableiten, da es sich hier um einen einzigartigen Fall handelt.

So schreibt Frau Dr. Wasserzug: »Dasselbe Zeichen des Zungenredens wurde noch einmal gegeben, als in Ephesus zwölf Männer von Paulus auf den Namen Jesu Christi ge­tauft wurden, nachdem sie vorher nur die Taufe zur Buße nach der Art Johannes des Täufers erhalten hatten. Diese zwölf Männer waren in der Zeit des Königreiches, das Jo­hannes der Täufer verkündigte, steckengeblieben; durch die Predigt des Paulus wurden sie nun in die neue Zeit der Gemeinde eingeführt. Es war ein einzigartiger Fall, und die Aufnahme dieser zwölf Männer in die Gemeinde war darum von dem Zeichen des Zungenredens begleitet.« ‑Zu dem »Pfingsten der Heiden« im Hause des Cornelius sagt sie: »Petrus betont, daß sie ’den Heiligen Geist emp­fangen haben, gleichwie auch wir’; er sagt nicht etwa, daß sie ’mit Zungen redeten, gleichwie wir’. Das Reden in Zungen, das heißt in einer fremden Sprache, war ein Zei­chen, welches für die gläubigen Juden bestimmt war, die mit Petrus gekommen waren und sich entsetzten, daß die Heiden den Heiligen Geist empfingen. Heute löst die Aufnahme von Heiden in die Gemeinde kein Entsetzen mehr bei den Juden aus. Darum sind auch keine Zeichen mehr nötig . . . Im Gegenteil, das Zeichen des Zungenre­dens wird als eine Besonderheit nur in drei Fällen in der Apostelgeschichte erwähnt: am Pfingsttag bei den Gläubi­gen aus den Juden, im Hause des Cornelius bei den Gläu­bigen aus den Heiden und in Ephesus bei zwölf Männern in der jüdischen Diaspora, die noch in der Zeit des ange­sagten Königreiches lebten.«

Biblisch Unerfahrenen werden solche Stellen oft vorgele­sen, weil man ihnen zeigen will, wie selbstverständlich diese Gabe sein soll. In den 28 Kapiteln der Apostelgeschichte erscheint die Zungenrede tatsächlich sozusagen gleichmäßig verteilt, doch wenn wir bedenken, daß dieses Buch einen Zeitraum von ungefähr dreißig Jahren umfaßt und wir nur drei definitive Fälle von Sprachenreden er­wähnt finden, so ist dies herzlich wenig. Dieses Zeichen begleitete nur besondere Ereignisse.

In Kapitel 28 der Apostelgeschichte, Paulus ist auf Malta, haben wir den sechsten und letzten Fall; es handelt sich um eine Krankenheilung, wie sie oben bereits dargelegt wur­de. Hier und bei den zu vermutenden anschließenden Handauflegungen (V. 9) handelt es sich nicht primär um ein »Sich‑Einsmachen«. 

Handauflegung in den Briefen

Die Handauflegung wird in den beiden Timotheusbriefen erwähnt, und zwar dreimal. Die beiden Stellen 1. Tim. 4, 14 und 2. Tim. 1, 6 geben wohl dasselbe Ereignis wieder. So schreibt F. Rienecker: »Das Amt des Timotheus war das des Evangelisten (2. Tim. 4, 5), er war also nicht an ei­nen bestimmten Ort gebunden. Für dieses Amt war er durch Weissagung bestimmt worden (1. Tim. 1, 18; 4, 14) und hatte dazu besondere Gaben empfangen (2. Tim. 1, 6), als er durch die Handauflegung des Paulus und der Ältesten eingesetzt wurde.« Der Bibeltext spricht von ei­ner Gabe. Welche das war, kann man nicht mit Bestimmt­heit sagen. Vielleicht diejenige des Evangelisten. Die dritte Stelle ist bereits früher zitiert worden, nämlich 1. Tim. 5, 22. Schließlich spricht noch der Jakobusbrief davon; näm­lich Krankenheilung durch Älteste (Jak. 5,14).

Sonst wird diese Handlung nur noch in Hebr. 6, 2 ange­führt, wo sie als eine der Grundlagen der biblischen Lehre aufgezeigt wird. Nach den Evangelien kommt die Hand­auflegung insgesamt elfmal im Neuen Testament vor; es muß also ausdrücklich festgehalten werden, daß die Handauflegung an sich wirklich biblisch ist. Dort aber, wo uns in den Briefen die gemeindliche Situation aufge­zeigt wird, erkennen wir, daß das Händeauflegen durch die Ältesten und innerhalb der Gemeinde zu geschehen hat. So steht es in Jakobus, so lesen wir es im 1. Timotheusbrief.

Dieses rein biblische Faktum schützt allerdings nicht vor einem Mißbrauch , wie dies so oft bei göttlichen Dingen der Fall ist. Man denke nur an das Abendmahl. Paulus hatte immerhin gewisse apostolische Vollmachten (z. B. das Wort Gottes zu vollenden, Kol. 1, 25, wahrscheinlich auch in bezug auf die Vermittlung von Gaben (2. Tim. 1, 6). Erwähnenswert ist auch, daß Paulus und Timotheus sich schon lange kannten und in nahezu allen Belangen praktisch eins waren. Schreibt doch der Apostel wörtlich: »Du aber bist nachgefolgt meiner Lehre, meiner Weise, meiner Meinung, meinem Glauben, meiner Langmut, meiner Liebe, meiner Geduld, meinen Verfolgungen, meinen Leiden . . .« (2. Tim. 3, 10‑11). Eine größere Übereinstimmung zwischen zwei Personen ist kaum denkbar. Hier war die Handauflegung nur noch die sichtbare Demonstration einer bereits unsichtbaren Realität. Paulus selbst beherzigt also seine Ermahnung, nicht zu bald Hände aufzulegen (1. Tim. 5, 22). Ein ähnli­ches Verhältnis bestand auch zwischen Mose und Josua.

Gewisse Kreise wollen die Aussage dieses Verses damit neutralisieren, daß behauptet wird, es beziehe sich dies nur auf die Einsetzung von Ältesten. Nun werden tatsäch­lich Älteste in Kap. 5, 17 und 19 dieses Timotheusbriefes erwähnt, und es ist durchaus möglich, daß dies auch gemeint ist, doch heißt es ausdrücklich in dieser Stelle, daß niemand, also nicht nur Ältester, vorschnell so behandelt werden solle. Auch wird das einzige Mal, wo wir in der Apostelgeschichte die Einsetzung von Ältesten mitgeteilt finden (14, 23), berichtet, daß man zwar betete und faste­te, aber Handauflegung wird nicht erwähnt. Doch soll hier keine lehrmäßige Aussage getroffen werden, weil eben die Apostelgeschichte kein Lehrbuch ist.

 

Mißbrauch der Schrift

Ein Hauptwunsch des »Diabolos« liegt darin, womöglich über Bibelstellen (Mt. 4, 6), uns falsche Lehren einzuge­ben.

»Die Gefahr für den Christen besteht darin, daß eine fal­sche Lehre in seine Gedanken eingeimpft wird, um ihn von einer wahren und reinen Hingabe an Christus abzu­halten. Das ist das verbrecherische Wirken der »Schlange« in unserer Zeit. Satan hat sich als Engel des Lichts verstellt, um die Gläubigen zu verführen, mit dem Intellekt einen anderen Jesus als den Herrn anzubeten, einen anderen Geist zu empfangen, als den Heiligen Geist, und da­durch ein anderes Evangelium als das von der Gnade Got­tes zu verkündigen. Paulus erklärt, daß dies nichts anderes sei, als das Wirken Satans im Verstand der Christen. Der Feind formt diese »Lehren« zu Gedanken um und zwingt sie dann dem Verstand des Gläubigen auf. Es ist traurig, daß nur wenige die Realität dieses satanischen Wirkens er­kennen«, meint Watchman Nee. Welch wahres Wort! Wie viele aber opponieren gegen solche Warnungen.

Die ganze Wahrheit der Schrift, wie wir sie letztlich in den Lehrbriefen finden, ist der Schutzschild gegen Irrlehren.

Es soll deshalb hier noch einmal betont werden, daß die Apostelgeschichte kein Lehrbuch ist. Peter Mayer schreibt: »Die Apostelgeschichte ist kein Lehrbuch über Gemeindeleben oder über den Heiligen Geist. Die Apo­stelgeschichte ist ein Bericht der Ereignisse während des Übergangs zwischen einer alten Heilszeit (des Gesetzes) und einer neuen Heilszeit (der Gnade).« Wir müssen un­terscheiden zwischen Anweisung und Mitteilung. Beson­dere Ereignis‑Mitteilungen der Bibel zur Lehre erheben ‑ das führt zum Irrtum und Irrlehre. Das ist die Entste­hungsgeschichte fast aller Sekten.

Die Handauflegungen in der Apostelgeschichte stellen be­sondere Gegebenheiten dar. Von solchen Mitteilungen abzuleiten, daß man für die »Geistestaufe« oder gar zum Empfang des Heiligen Geistes für alle Zukunft die Hand­auflegung benötige, ist, wie oben gezeigt, biblisch nicht vertretbar. Beispielsweise soll als »Beweis« Apg. 8, 17 die­nen, doch wir lesen in den Kapiteln vorher, wie Tausende zum Glauben kamen, ohne daß irgendeine Handaufle­gung erwähnt wird.

So schreibt Michael Griffiths zu dem gleichen Thema:

»An vielen anderen Stellen der Apostelgeschichte lesen wir von Menschen, die zum echten Glauben kamen ohne jegli­che besonders wahrnehmbare Wirkung des Geistes. Hoe­kema zählt sie folgendermaßen auf: Heilung des Lahmen (Apg. 3);  jene, die daraufhin gläubig wurden (Apg. 4, 4;  jene, die nach dem Tode des Ananias zum Glauben kamen (Apg. 5, 14);  die vielen Priester (Apg. 6, 7);  der Kämmerer aus dem Mohrenland (Apg. 8, 36);  die vielen, die zu Joppe gläubig wurden (Apg. 9, 42);  die große Zahl derer, die sich in Antiochien zum Herrn bekehrten (Apg. 11, 21);  der Landvogt auf Cypern (Apg. 13,12);  die Gläubigen in Pisi­dien (Apg. 13, 43);  die Gläubigen zu Ikonien (Apg. 14, 4); die Jünger in Derbe (Apg. 14, 21); Lydia (Apg. 16, 14); der Kerkermeister zu Philippi (Apg. 16, 34); die Gläubigen in Thessalonich (Apg. 17, 4); die Leute von Beröa (Apg. 17, 11‑12); die Athener (Apg. 17, 34); die Korinther (Apg. 18, 4); Krispus und andere Korinther (Apg. 18, 8); etliche Ju­den in Rom (Apg. 28, 24).

Man kann also unmöglich diesen Sonderfall in Samaria all den anderen Fällen gegenüberstellen und behaupten, daß das, was in Samarien geschah, das normale kennzeich­nende Erlebnis aller sei, die zur Zeit der Apostelgeschichte Christ wurden.«

Ähnlich bemerkt er zu Apostelgeschichte 19 in bezug auf die Jünger zu Ephesus: »Man kann wohl sagen, daß hier in Ephesus ein besonderer Fall vorlag.«

Aus diesen speziellen Fällen Handauflegung als für den Geistesempfang notwendig abzuleiten, widerspricht auch ganz klar den Briefen des Neuen Testaments, wo die Situa­tion für die örtlichen Gemeinden lehrmäßig dargelegt wird. So schreibt Paulus bezeichnenderweise gerade an die Epheser, daß sie mit dem Heiligen Geist versiegelt wur­den, als sie gläubig wurden (Eph. 1, 13).

Außerdem fragt er ja auch diese Jünger zu Ephesus, ob sie den Heiligen Geist erhielten, als sie gläubig wurden (Apg. 19, 2). Und so steht in Übereinstimmung damit im Gala­terbrief, daß der verheißende Geist durch den Glauben ge­schenkt wird (Gal. 3, 14), nicht durch irgendwelche ge­setzliche oder vermittelnde Werke (Gal. 3, 2). –  Man beach­te: Ein oder zwei Bibelverse geben eine Irrlehre. Die ganze Bibel ergibt eine Lehre.

Wenn wir uns nochmals 1. Tim. 4, 1 in Erinnerung rufen, muß man annehmen, daß derartige Aktivitäten des Wider­sachers in den letzten Tagen stark zunehmen dürften.

Liegt vielleicht hier der Grund für die vielen Schriftver­drehungen (2. Petr. 3, 16) ?

Der Mißbrauch, der besonders von neuapostolischen Kreisen wie von manchen pfingstlichen Richtungen mit Apostelgeschichte 19 getrieben wird, ist geradezu er­schreckend. Viele ahnungslose Gläubige, die es oft sehr ehrlich und ernst meinen, geraten in den Sog der Verführung. Die Verwirrung ist beängstigend. Auf die Entste­hung der Neuapostolischen Kirche wurde bereits oben kurz hingewiesen. Wenn man die Ereignisse von damals mit dem vergleicht, was heute so oft geschieht, dann ge­winnt man den Eindruck, daß die Gemeinde weithin we­nig gelernt und wenig von den Prinzipien der Verführung Satans durchschaut hat. Zur Geschichte dieser Sekte zi­tiere ich Bautz:

»Seine (Irvings) Anhänger waren gewiß: Es ist nahe gekommen das Ende aller Dinge (1. Petr. 4, 11), aber ebenso fest davon überzeugt, daß dem Weltende und der Wiederkunft Christi ein neues Pfingsten voraus­gehen müsse. Mit heißem Gebet erflehten sie es und warte­ten in fieberhafter Spannung auf eine neue Geistausgie­ßung und die Wiedererweckung der apostolischen Geistes­gaben. Man brauchte nicht lange auf den Tag der Pfingsten zu warten. In Fernicarry in Schottland . . . erlebte am 21. März 1830 eine Näherin die Gnadengabe des Zungenre­dens: Lallende, unverständliche Gebete sprach sie. Kurz darauf kamen in der Familie eines Schiffszimmermanns in dem nahen, am anderen Ufer des Clyde gelegenen Glas­gow, aufsehenerregende Krankenheilungen vor. Man war außer sich vor Jubel und Freude. Nun waren ja die ersehn­ten und apostolischen Geistesgaben da! Nur die Apostel fehlten noch. Darum betete man in den Versammlungen stürmisch: Sende uns Apostel! Die Bewegung griff wie ein Feuer um sich. Hin und her in den Häusern fanden neue Versammlungen statt. Zungenreden, Krankenheilungen und Weissagungen waren ihr besonderes Merkmal. Immer mehr nahm die Bewegung schwärmerischen Charakter an. Irving konnte es nicht verhindern, daß auch in seiner Kir­che das Zungenreden begann und sich immer mehr Gel­tung und Raum in den Gottesdiensten verschaffte.« –  Fast könnte man sagen: Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Wenn man heute »Erweckungsberichte« aus pfingstlichen Kreisen liest, so klingt es praktisch genau gleich. Dämmert vielleicht einigen von uns, was sich wirk­lich abspielt? Sind wir bereit, aus der Geschichte zu ler­nen? Was steht eigentlich geschrieben? Daß Erweckung kommen werde – oder daß kräftige Irrtümer gesandt wer­den? Möge der Herr Gnade schenken und verblendete Augen öffnen.

 

Zeichen und Wunder

Es ist hier des weiteren zu beachten, wie schon kurz ange­deutet, daß die Apostel gewisse Sonderstellungen und ‑vollmachten hatten ‑ genau wie auch ihre Briefe beson­dere Bedeutung haben. Außerdem standen die Apostel unter gewissen Zeichenaspekten, wurden also durch Zeichen und Wunder bestätigt (2. Kor. 12, 12). So wird uns von Paulus berichtet, daß die Schweißtüchlein seiner Haut Dämonen vertrieben und Kranke heilten (Apg. 19, 12) und daß er Eutychus vom Tode erweckte (Apg. 20, 9‑10). Frau Dr. Wasserzug meint dazu: »Es ist für uns von größ­ter Bedeutung, durch das vom Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes klar zu wissen, daß Paulus ein wahrer Apo­stel ist, der durch die Zeichen der Apostel als solcher er­wiesen wurde. Seine Briefe gehören zu den wichtigsten Schriften des Neuen Testaments. Ist er ein Apostel, so haben alle seine Schriften in jedem Wort für uns göttliche Autorität. Ist er aber kein Apostel, so haben seine Briefe für uns nur den Wert eines subjektiven Zeugnisses, das wertvoll sein kann, aber nicht unbedingt bindend ist. Die Apostel haben uns das schriftliche Wort im Neuen Testa­ment hinterlassen, das unter dem Zeugnis des Heiligen Geistes steht: Alle Schrift ist von Gott eingegeben (2. Tim. 3, 16). Diese Offenbarung Gottes im Neuen Testament ist mit der Zeit der Apostel abgeschlossen, und niemand kann auch nur ein Wort hinzufügen. Das Neue Testament ist das Wort Gottes und bedarf als solches keiner Zeichen und Wunder; seine göttliche Autorität ist unantastbar und braucht nicht unter Beweis gestellt zu werden. Darum ver­schwinden mit den Aposteln auch die Zeichen und Wun­derer der Apostel.

Wir haben heute nicht nur Mose und die Propheten, sondern auch Jesus Christus und die Apostel, um jede Verkündigung auf ihre Wahrheit hin zu überprü­fen . . . Es ist heute sogar sehr gefährlich, nach Wundern und Zeichen zu verlangen. Jesus Christus warnt uns davor und sagt: “Denn mancher falsche Christus und falsche Propheten werden aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß, wenn es möglich wäre, auch die Aus­erwählten verführt würden.“ Es ist gerade ein Zeichen der letzten Zeit, daß so viele, sogar unter den Gläubigen, nach etwas Besonderem verlangen und sich nicht mit dem schlichten, herrlichen Wort Gottes begnügen wollen.«

Diese Sorge ist berechtigt. Man sehnt sich nach »apostoli­schen« Zeiten und Ereignissen. Dazu gehören, so meint man, die regelmäßig auftretenden Zeichen und Wunder. Wir haben schon erwähnt, wie Jesus sich gegen die Sucht nach Zeichen gestellt hat. Doch auch die Bibel bringt nicht ständig große Wundertaten. Man kann erkennen, daß Wunder gewöhnlich neue Offenbarungen im Heilsplan Gottes begleiten. So betont Paulus, daß die Zeichen eines Apostels (2. Kor. 12, 12) unter den Gläubigen geschehen sind. Mit anderen Worten, er hält diese Zeichen für »apostolisch«.

Auch ist es erwähnenswert, daß die Worte Zeichen und Wunder im Bericht über die zweite Missionsreise des Pau­lus überhaupt nicht mehr auftauchen. Zwar werden in der dritten Missionsreise noch einmal gewaltige Taten (Apg. 19, 11) des Apostels erwähnt, doch kann man allgemein sagen, daß die Wunderzeichen zurückgingen.

Erklärt dieses Wunder heute für überflüssig oder gar un­möglich? Ich möchte mit Hans Brandenburg antworten: »Wir wissen, daß dem Herrn nichts unmöglich ist und daß er auf die Gebete seiner Kinder hin ganz gewiß Außeror­dentliches tut. Warum sollten wir dann nicht auch von Wundern reden? Aber das sind persönliche Glaubenser­fahrungen, die nicht in die allgemeine Verkündigung oder gar in Druckschriften gehören, in denen man Ähnliches als Zeichen gehobenen Christentums bezeichnet.«

So läßt auch Hebr. 2, 1‑4 darauf schließen, daß Gott sein Wirken im Prinzip von den Zeichen zum Wort verlagerte. Wir haben bei der Abhandlung über den Korintherbrief gesehen, wie der Herr noch im Gericht erkennbar eingriff und auch die erste Sünde im Zusammenhang mit der Gemeinde (Ananias und Saphira) sichtbar richtete. Es wäre gefährlich und verleitet zu Unnüchternheiten, wenn man das Besondere verallgemeinert, das anfänglich mehr zeichenhafte Wirken Gottes (Mk. 16, 20b) zur Lehre erhebt.

Wer nun bittet, der Herr möge doch so wie zur Zeit der »Urchristenheit« wieder eingreifen und handeln, der müßte ehrlicherweise auch verlangen, daß der Herr die Sünde wieder so sichtbar richtet wie bei Ananias und Sa­phira. Doch wird in dieser Richtung gewöhnlich nicht an­haltend gebetet. Man verlegt sein Flehen mehr auf ange­nehmere und bequemere Manifestationen der Gegenwart Gottes.

Wunder können meines Erachtens auch nicht in dem Maße die wahren Tiefen der Gottheit offenbaren wie das Wort. Darauf dürfte Joh. 14, 21 u. 23 hinweisen. Der Herr sagt damit eigentlich, daß er über das Wort bei uns Woh­nung machen, sich uns offenbaren möchte. Offensichtlich kann uns der Herr umso mehr offenbaren und Raum in uns gewinnen, je mehr wir sein Wort lieben. So wird bei­spielsweise in Joh. 2, 23 gezeigt, daß viele an Jesus glaub­ten, als sie seine Zeichen sahen. Doch war es offensichtlich nicht der Glaube, der Menschen rettet, verrät uns doch der nächste Vers, daß der Herr Jesus sich ihnen nicht anvertraute. Gerade der uns rechtfertigende Glaube aber besteht in einem gegenseitigen Anvertrauen. Auch die nachfolgende bekannte Ge­schichte des Nikodemus zeigt, wie man trotz des Sehens von Zeichen und Wundern geistlich tot sein kann. Die neue Geburt aber (Joh. 3, 3) geschieht durch den Glauben an das vollbrachte Werk Jesu und die Zusage des Herrn, nicht durch Ereignisse, die unsere Sinnesorgane beeindrucken. Als eine enttäuschte, wundersüchtige Menge (Joh. 6, 30) sich von Jesus abwendet (Joh. 6, 66), erklärt uns die Schrift, praktisch im Gegensatz zu diesem Hunger nach Zeichen, daß Jesus Worte ewigen Lebens hat (Joh. 6,63 u. 68).

Genau diese Entwicklung läßt sich in der Bibel verfolgen. Die Zeichen sind nie Selbstzweck. Wo sie aber diese Funk­tion einnehmen, handelt es sich um Kinderkrankheiten des Glaubenslebens. Der fleischliche Christ hält gewöhn­lich Zeichen und Wunder für das Aufregendere und Grö­ßere. Der geistliche Mensch aber weiß, daß das Wort hö­her zu achten ist. Erklärt doch der Apostel Paulus in 1. Kor. 14 lang und ausführlich, warum die Wortgabe größer als die Zeichengabe ist. Auch stellt unser Herr Je­sus gerade den Zeichen‑ und Wundertätern (Mt. 7, 22) die gegenüber, die im schlichten Glauben seinem Wort gehor­chen (Mt. 7, 24).

Auch sagt Joh. 20, 8‑9 aus, wie das Verständnis der Schrift gewisse Bezüge des Schauens ersetzt. Denn: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (Joh. 20, 29). Nun, wie es auch sei, wir werden jedenfalls ermahnt, im Glau­ben zu wandeln und nicht im Schauen (2. Kor. 5,7), auf das Unsichtbare zu sehen und nicht auf das Sichtbare (2. Kor. 4, 18).

 

Über den Missbrauch der Handauflegung

Das schnelle Handauflegen ist in meinen Augen eine der größten Gefahren für die Gemeinde. Es hängt mit dem Okkultismus, mit der Zau­berei zusammen und nimmt folglich parallel damit zu.

In Apostelgeschichte 8 lesen wir von der »Bekehrung« (V. 13) eines gewissen Zauberers Simon. Ehe Philippus kam, verwechselte das Volk seine satanische Macht mit der Kraft Gottes (V. 10). Dies ist heute auch unter Gläubigen gang und gäbe.

Wie dieser Simon nun sieht, daß der Herr große Taten durch die Apostel wirkt, bietet er ihnen Geld an, um die Macht zu bekommen, den Heiligen Geist durch Handauf­legung zu vermitteln. Hier versucht Simon im Prinzip dasselbe, wie vorher als Magier. Er nimmt of­fenbar seine okkulte Vergangenheit, nur jetzt mit anderen Vorzeichen, in seinen neuen Glauben mit hinein. Diese Geschichte zeigt sehr eindrücklich, woher die Eingebun­gen zum schnellen Handauflegen kommen dürften, wer der Urheber solcher Lehren ist, den Heiligen Geist durch Auflegung der Hände zu vermitteln.

In der Zeitung »Die Tat« vom 22. August 1973 erschien ein Arti­kel unter dem Titel »Handauflegung ist Trumpf«. Es wurde da berichtet, wie der Wunderarzt Hermano durch Handauflegung (pro Mal 50 Franken) die Leute mit ho­hem Erfolg frei mache vom Alkohol, Drogen und Ziga­rette, bei letzterem sogar mit 90 Prozent positiver Be­freiung. –  Ist auch das ein Wirken des Heiligen Geistes?

Oder Guru Maharaj Ji. Er hat viele Anhänger aus der Drogenszene, die durch ihn »befreit« wurden. Muß auch das der Heilige Geist sein?

In Offenbarung 13, 2 wird uns am Beispiel des Antichri­sten gezeigt, wie er vom Teufel seine große Macht emp­fängt. Es gibt heute viele, die ihre »wunderbare« und große Macht nicht von Gott haben. Wer sich nach Ruhm und Macht (»Vollmacht«) und nicht nach dem Kreuz, das zerbricht, ausstreckt, der kann viel von unten »geschenkt« bekommen (Mt. 4, 9). Wenn der Satan nicht einmal vor Je­sus damit zurückschreckte, wird er es bei uns noch viel mehr versuchen.

Von Hermano hieß es in jenem Artikel, daß er sich wäh­rend des Krieges als Hypnotiseur im Schaugeschäft einen Namen machte. Wenn wir uns erinnern, daß der Arzt Kil­dahl in seinem Buch »The Psychology of Speaking in Tongues« wörtlich berichtet, daß Hypnotisierbarkeit die Grundvoraussetzung für das Zungenreden, hier ist natür­lich das unechte gemeint, darstelle, dann ahnt man viel­leicht, was wirklich gespielt wird. Man macht heute zum Teil genau so ein Schaugeschäft mit seinen »Bekehrungen, Wundern, Heilungen und Geheilten«. Tatsache ist, daß da, wo viel Zauberei und Magie getrieben wird, neue »Apostel, große Propheten, ja Christusse, Messiasse und andere Charismatiker« aufstehen.

Daher leitet sich oft die Überzeugung der »besonderen Berufung« ab. Stolz, geistlicher Hochmut begleitet häufig solche falschen Charismen. In seinem oben erwähnten Buch schreibt Kildahl: »So ist es auch mit den Zungenrednern. Sie schließen sich Gruppen von Kollegen, die diese Gabe praktizieren, an und unterstüt­zen sich gegenseitig in vielfältiger Weise, so daß sie sich wie eine Gesellschaft von ganz besonderen Leuten vor­kommen.«

Auch beobachtete Kildahl: »Alle Zungenredner hatten eine gewisse magische Vorstellung von dem, was Zungen­reden bedeutet. Der Begriff magisch wurde definiert durch die Überzeugung, daß Gott oder der Heilige Geist ihr Leben in mechanischer Weise kontrollierte oder steuerte. Zum Beispiel betete eine Person in einer Gruppe von Zungenrednern: ’Gott, mach mich zu einer Marionette.’ Andere erklärten: ’Gott steuert nun mein Leben; das heißt, Gott steuert di­rekt die Bewegung meiner Zunge; und er gestattet mir, diese Laute hervorzubringen.’ Solche Gläubige entwickel­ten gewöhnlich unerhörtes Selbst‑ und Machtgefühl.«.

Daß man bei solcher Einstellung über den Auftrag, die Gabe zu prüfen nicht besonders erfreut ist, sollte einleuchten. Damit verbunden ist eine ausgesprochene Unbelehrbarkeit ‑ oft wird mit überlegenem Lächeln jeder Einwand anderer ignoriert. Solche Menschen haben die in­nere Überzeugung, daß sie besonders gesegnet sind. Sie weisen auf das hin, was der Herr schon durch sie gewirkt habe, glauben sich wunderbar geführt und sehen dies als Bestätigung für ihren Weg. Damit ist oft ein brutales Durchsetzen des Eigenwillens und der eigenen Wege, auch auf Kosten anderer, verbunden. Mit biblischen Stellen »beweist« man seine Haltung. Oft ist dies eine Folge von Zaubereisünden und okkulten Handlungen, kann aber auch das Resultat unbiblischer Handauflegungen sein.

Manchmal sind grobe Fleischessünden, ähnlich wie in Ko­rinth, nahe Begleiter von Übergeistlichkeit. Diese bewirkt eine besondere Anfälligkeit für charismatische Richtun­gen, da der falsche Pfingstgeist, mit einem Lügen‑, Hure­rei‑ und Hochmutsgeist parallel läuft. Solche Gläubige können bald vom Feind, zumindest zeitweise, verwendet und umfunktioniert werden, da Hochmut seine (Satans) spezielle Begabung ist. Dieser geistliche Stolz ist oft sehr tief eingeprägt. Gerade er wird besonders getroffen, wenn man Verführung oder Betrug andeutet. Oft gibt es deswe­gen heftige Gegenwehr.

Aus leidvoller eigener Erfahrung darf ich sagen, daß die schnellste Methode, sich unbeliebt zu machen, darin be­steht, bei Gläubigen auf dieses Gebiet vorzustoßen. Man hält sich für besonders begnadigt, und nun soll man auf einmal betrogen worden sein? »Zahllose Gläubige halten es für ausgeschlossen, daß gerade sie verführt werden könnten, wo sie so viele geistli­che Erfahrungen gemacht haben. Gerade dieses Selbstver­trauen verrät die Täuschung, der sie bereits erlegen sind. Wenn sie nicht demütig genug sind, zuzugeben, daß auch sie getäuscht werden können, werden sie immer mehr ver­führt werden«(W. Nee).

Es besteht heute auch die Gefahr, daß man die Vermitt­lung von Segen durch Handauflegung zu stark betont und zu schnell ausführt. Es finden immer häufiger sogenannte Segnungsgottesdienste statt, in denen derartiges prakti­ziert wird. Ich kann dies aber nicht als Lehre im Neuen Te­stament finden. Als Begründung für die »segensreichen« Handauflegungen zitiert man manchmal den Alten Bund, beispielsweise die Segnung Ephraims durch Jakob (1. Mose 48, 14) u. a. Nun muß gesagt werden, daß Israel da­mals unter den sichtbaren, irdischen Bezügen stand. Man war Angehöriger des Volkes Gottes durch Geburt, nicht durch Wiedergeburt, und der Segen wurde sichtbar ver­mittelt. Von den Gläubigen im Neuen Testament heißt es dagegen, daß sie nicht nur durch das vollbrachte Werk Jesu Christi in himmlische, also unsichtbare Örter ver­setzt (Eph. 2, 6), sondern dazu auch mit jeder geistlichen Segnung gesegnet worden sind (1,3).

Dies soll das Gebet um Segen (Lk. 6, 28) nicht für überflüssig erklären. Auch weiß ich von wirklich wunderbarem Eingreifen des Herrn, teilweise aus eigener Erfahrung, bei Diensten gemäß Jak. 5, 15, und hier könnten die Kinder Gottes die Gemeindeältesten noch viel öfter rufen. Doch ich fürchte, daß die vorschnelle Handauflegung zur Vermittlung von Segen unbewußte Selbsterhöhung verrät; wird doch laut Hebr. 7,7 das Niedrige vom Höheren gesegnet. Laut Phil. 2, 3 sollte unsere Haltung aber genau umgekehrt sein.

Sehr oft weist man darauf hin, wie Jesus im Neuen Testa­ment die Kinder durch Handauflegung gesegnet habe (Mk. 10, 16). Nun stimmt es zweifelsfrei, daß jeder, der von Jesus angerührt oder erfaßt wird (auch geistlich ge­meint), gesegnet ist, ja dies immer Segen bedeuten wird. Doch sich in dieser Hinsicht auf die gleiche Stufe mit dem Herrn zu stellen, scheint mir etwas fragwürdig zu sein.

Ich fürchte, es liegt da bei etlichen getarnte Übergeistlich­keit vor, daß sich Gläubige ziemlich vorschnell mit Jesus unbewußt gleichsetzen wollen. Diese Form von subtilem Hochmut, daß man sich zu rasch erhöht, widerspricht klar der Kreuzeshaltung von Phil.2.

Eine andere weit verbreitete Handlungsweise ist die Pra­xis, Gläubigen nach Seelsorgediensten noch die Hände aufzulegen. Der Betreffende ist von allen Bindungen, so meint man, nun gelöst. Der Feind ist völlig gewichen, so glaubt man jedenfalls, und jetzt »segnet« man nachträglich noch durch Auflegen der Hände. Ich kann diese Praktik nirgends in der Bibel finden. Obwohl manch einer zu be­richten weiß, wie durch zu schnelles Handauflegen ein Geist überging, der erst nach viel Gebetskampf wieder weichen mußte, ist diese »Segnungsvorstellung« ziemlich weit verbreitet. Ich persönlich hatte schon Fälle, wo ge­rade wegen dieser Handlungsweise durch den Seelsorger Finsternis auf Gläubige übertragen wurde.

 

Infektion durch Finsternis

Irgendwie muß sich die Meinung festgesetzt haben, daß die Hände eine spezielle Kraft haben oder gar »ausstrah­len« oder ähnliches. Ich fürchte, auch hinter dieser Auffas­sung verbirgt sich derselbe Hochmut, manchmal handelt es sich gar um eine mediale Veranlagung.

Der Feind der Menschheit im allgemeinen und der Ge­meinde im besonderen, läßt sich seine besten Waffen un­gern wegnehmen. Wenn man die obigen Aspekte der Handauflegung anschneidet, trifft man einen Hauptnerv der Finsternisstrategie; die Reaktion ist dementsprechend heftig. Der Grund: Die Verschwörung der unsichtbaren Welt gegen die Gemeinde Jesu soll nicht ans Licht kom­men. Leute, die auf diesem Gebiet warnen, sind besonders gefährdet. Der Gegner Gottes versucht alles, sie zu ver­leumden oder sonstwie unglaubwürdig zu machen. Am schlimmsten ist dabei der Widerstand aus den eigenen Reihen. Erschreckend ist es, zu erleben, wie schnell manch ein Kind Gottes vom Feind dazu verwendet wer­den kann.

Im Alten Testament gab Gott seinem Volk Israel anschau­liche Vorschriften, um der sichtbaren Infektion zu entge­hen. Er warnte sein Volk deutlich davor, Aussätzige, Tote u. a. m. (3. Mose 5, 2) zu berühren, damit es sich nicht verunreinige. Heute herrscht in manchen Gemeinden kaum noch geistliche Hygiene. Man legt wahllos und bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit die Hände auf. Anstatt daß man neu zum Kreuz kommt, ruft man nach Gaben und Erlebnis­sen. Nicht Buße und Zerbruch, sondern Handauflegung soll die ersehnte Geistesfülle vermitteln. Irgendein Evan­gelist kann praktisch schon ganze Gemeinden durch Handauflegung »segnen«. Es herrscht eine richtige geistli­che Masseninfektion.

In gewissen Versammlungen ist es auch üblich, durch Händereichen beim Gebet einen Kreis zu bilden. Es ist si­cher kein Zufall, daß diese Kreisbildung bei Spiritisten die übliche Praxis darstellt. Der Ausdruck »Zirkel« leitet sich davon ab.

So lesen wir bei dem Spiritisten Greber zum Thema Händereichen bzw. Kettebilden folgendes: »Das Ket­tebilden hat auch eine hohe symbolische Bedeutung. Denn so, wie die Anwesenden durch das Händereichen äußerlich zu einer Einheit verbunden werden, so sollen sie auch untereinander ein Herz und eine Seele sein. Sie sollen einander lieben, sich gegenseitig helfen, einer des anderen Fehler verzeihen und alles aus dem Herzen entfernen, was die innere Harmonie stören könnte.« Ähnlich »fromm« motiviert man heute auch in christlichen Kreisen solche Handlungen.

Die seelische Manipulation heute ist schrecklich. Wir haben greuliche Wölfe in unseren Rei­hen. Ein bekannter Theologe meinte sogar, der Geist der Gruppendynamik, der liberalen Theologie sowie der pfingstlichen Richtung schwinge auf einer Ebene. Kildahls Untersuchungen weisen ebenfalls in diese Richtung.

Vom Standpunkt dieser Identifikation her ist es verständ­lich, warum uns die Bibel nie berichtet, daß Frauen Hände aufgelegt haben. Dort, wo Frauen Hände auflegen, ist ge­wöhnlich »Alarmstufe eins« gegeben. Auch dies kann man heute mehr und mehr beobachten.

»Wanderprediger«, die besonders nach Seelsorgen gerne Hände auflegen, sind mit Vorsicht zu genießen. Biblisch ist es jedenfalls nicht zu be­gründen, und aus leidvoller Seelsorge-Erfahrung kann ich vor solchen Dingen nur warnen. Es gibt keine Abkürzun­gen zur Geistesfülle.

Solche »segensreichen« Handauflegungen können im gün­stigsten Fall keine negativen Nachwirkungen haben. Mir sind aber mehrere Fälle bekannt, wo Gläubige durch sol­che Praktiken mit Finsternis »gesegnet« wurden. Fast möchte man mit Jakobus rufen: »Reiniget die Hände, ihr Sünder, und heiliget eure Her­zen« (Jak. 4, 8).

Gewiß, dies ist harte Kost, doch hier liegt eine schauerli­che Strategie des Gegners. Sein Ziel ist es immer, in den Tempel Gottes einzudringen (2. Thess. 2, 4). Wenn er es nicht durch grobe Sünden schafft, dann versucht er es eben als »Engel des Lichts«. Und sehr oft erreicht er es über die biblisch getarnte Handauflegung. Es bedeutet nun einmal Sich-Einsmachen, und dies ist in Gottes Augen eine schwerwiegende Angelegenheit. Der Herr ändert seine Prinzipien nicht. Er hat seine Fülle auf den Wegen des Zerbruchs und der Buße verheißen. Wenn ich nicht zerbrochen bin und jemand legt mir die Hände auf, dann kann es leider geschehen, daß ein anderer Geist mich »er­füllt« ‑ besonders wenn es aus falschen Motiven geschieht oder ich um unbiblische Dinge bete. So hat der bekannte Seelsorger Pfr. Dr. Kurt Koch einmal festgestellt, daß die Handauflegung von manchen Pfingstlern die gleiche Auswirkung haben kann wie eine okkulte Besprechung.

 

Die wachsende Gefahr

Es ist eine wenig bekannte Tatsache, daß der Feind Gottes wiedergeborene Gläubige als Waffe in seinem Kampf ge­gen Gott verwenden kann. So hat es einmal Francis Schaeffer anhand des Verses Röm. 6, 13 formuliert. Tatsache ist, daß der Teufel Gottes Bundesvolk verwendete, um den Messias zu kreuzigen. Heute holt er zum schlimmsten Schlag gegen die Gemeinde aus, durch die Gläubigen. Es ist ein satanischer, schauerlicher Plan. Wir haben einen Gegner, der jede Schwäche, ob geistlich, seelisch oder körperlich, ganz brutal ausnützt und in erster Linie von unserer Unwissenheit und Ah­nungslosigkeit profitiert. Deswegen sagt Petrus, daß wir nicht durch Irrtum verführt werden sollen, weil wir sol­ches zuvor wissen (2. Petr. 3, 17).

Ernst Modersohn schreibt in seinem Buch Im Banne des Teufels: »Und nur, wenn der heilige Wille zu ganzer Hingabe vorhanden ist, kann Gott das Auflegen der Hände segnen. Andernfalls besteht die erschreckende Gefahr, daß man seinen eigenen Sündengeist auf den ande­ren überträgt und somit nicht zum Segens‑, sondern zum Fluch‑ und Sündenmittler wird . . . Deshalb muß hier noch einmal nachdrücklich auf das Pauluswort hingewie­sen werden: ’Die Hände lege niemand zu bald auf’ (1. Tim. 5, 22). Und ganz gewiß hat der Apostel gerade in diesem Zusammenhang mit Bedacht die Mahnung angefügt: Ma­che dich auch nicht teilhaftig fremder Sünden«.

Welch eine Tragödie! Nicht zufällig kam der Verräter Jesu aus der Schar der Nachfolger Christi und stehen die schlimmsten Feinde der Gemeinde bis heute aus ihren eigenen Reihen auf. Die fast noch größere Tragödie ist diese, daß solche oft echte Kinder Gottes sind und somit hier die große Gefahr droht, daß wir beim Kampf um die Reinheit der Lehre und der Gemeinde die Liebe verletzen.

Tatsache ist nun, daß ein schnelles Handauflegen oder Be­rühren von Körperstellen das Kennzeichen aller Okkultisten, Wunderheiler, Spiritisten und Spiritualisten ist. Viele Gläubige haben sich in einen ähnlichen Sog hineinziehen lassen. Es ist eine alte Beobachtung, daß Träger solch eines Imitationsgeistes innerlich gedrängt, fast möchte man sa­gen gesteuert, werden, diese Kraft, die sie selber empfan­gen haben, an andere weiterzugeben. Dies geschieht ge­wöhnlich durch Handauflegung oder durch das Bilden einer Kette. Man wird förmlich getrieben, eine körperli­che Verbindung herzustellen.

Oft fühlt man bei diesen Handauflegungen ein Kribbeln oder ein Durchströmen mit Kraft, ein Durchfließen wie bei einem elektrischen Strom. Häufig spürt man auch ein Zittern. Manchmal wird man schwindlig, wie trunken oder sogar ohnmächtig.

In einem Bericht über die »Geistestaufe« des Bischof Burnett in »Wort u. Geist« heißt es: »Sein Kör­per prickelte, er machte seltsame Geräusche, und er reali­sierte später, daß er in einer fremden Sprache gebetet hatte.«

Bei Kathryn Kuhlman kann man folgendes merkwürdi­ges Ereignis berichtet finden: »Ich bebte heftig, es war, als ob Feuer durch meinen Körper ginge. Ich wandte mich an die Helferin und sagte: Ich kann gar nicht richtig atmen. Mir ist so heiß. Dann hörte ich jemand sagen: Rührt sie nicht an, sie ist unter der Salbung.« – So spielt sich die Salbung des Heiligen Geistes ganz sicher nicht ab.

Bemerkenswerterweise schreibt Dennis Bennett: »Wenn Leute darum beten, daß sie mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, erleben sie oftmals ungewolltes Zittern, Bewe­gungen oder Beben der Zähne. Dies sind physische Re­aktionen dem Heiligen Geist gegenüber, die an sich keine Bedeutung haben, außer, daß sie die Gegenwart des Heili­gen Geistes anzeigen können.«

Ähnlich sonderbar heißt es in dem Bestseller »Das Kreuz und die Messerhelden«, wo David Wilkerson von der »Geistestaufe« seines Großvaters berichtet: »Doch dann geschah es eines Tages: Während er auf der Kanzel stand und gegen die Pfingstler predigte, fing er selbst an zu zit­tern und zu beben ‑ eines der Dinge, die oft geschehen, wenn jemand zum erstenmal diese Kraft in sich strömen fühlt. Man kann es spüren, es ist ein bißchen wie ein Schock, nur daß das Gefühl keineswegs unangenehm ist. Großpa war jedenfalls, als ihm dies widerfuhr, der überraschteste Mensch in der Welt, und er empfing selber die Taufe und fing an, in Zungen zu reden.«  –  Hier ist festzustellen, wie dieser Geist über diesen Mann kam und ihn offensichtlich gegen seinen Willen veranlaß­te, in Zungen zu reden. So wirkt der Heilige Geist, wie wir an Hand von 1. Kor. 12, 2 gezeigt haben, ganz sicher nicht.

Das obige Kriterium allein würde genügen, um den fal­schen Geist zu entlarven. Die körperlichen Begleitsymp­tome allerdings schließen alle Zweifel aus. Hier liegt Ver­führung in bedenklichem Ausmaße vor.

Dabei ist dieses Buch von David Wilkerson wirklich packend und hat sicher manchem geholfen bzw. den Weg zu Jesus gezeigt ‑ obwohl ich selber gerade durch dieses Werk am meisten betrogen wurde ‑, doch es liegt leider religiöse Vermischung vor.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Ich schaue auf die Erfah­rung und folgere: Das Erlebnis ist zwar eher sonderbar, doch die Auswirkungen offenbar positiv. Also ist es gött­lich. So wird leider heute vielfach »geprüft«.

Oder aber ich komme von der Autorität des Wortes Gottes und den kla­ren Schriftzusammenhängen her; dann wird die Sache öf­ters schnell durchschaubar. Hier entscheidet es sich oft, ob jemand das beseligende Erlebnis oder den Herrn und sein Wort mehr liebt. In Zusammenhang mit Joh. 14, 23 ist man hier fast geneigt an die Warnung von 5. Mose 13, 2‑4 zu denken bzw. an die Worte Jesu in der finsteren Stunde der Versuchung: »Der Satan hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen« (Lk. 22, 31).

Wer allerdings die Erfahrung zum Prüfstein macht, ist lei­der oft bereit, viele Merkwürdigkeiten kritiklos zu schlucken.

 

Die wachsende Verführung

Es ist meine Beobachtung, daß Leute mit okkulter Ver­gangenheit oder nach einer Handauflegung aus pfingstli­cher Richtung für diese Dinge besonders anfällig sein kön­nen. Denken wir nur an die Prinzipien der Vermischung. Sie können auch ‑ wenn sie nicht nüchtern bleiben ‑ vom Feind Gottes sehr schnell umfunktioniert werden, in Ex­tremfällen bis hin zu medialer Verbindung mit der Fin­sternis. Tatsache ist, daß der Teufel heute viele mediale Umschaltstellen hat, die er übergeistlich getarnt in die Reihen der Gläubigen einschleust. Gewöhnlich steigert sich dann die Wirrnis und das Stimmengewirr. Man weis­sagt, treibt Dämonen aus, legt Hände auf, redet in Zungen usw., und das Durcheinander wie die Verführung nehmen zu (Jer. 23, 15b).

Leider muß man sagen, daß manche, von denen gewisse Kreise heute hell begeistert sind, weil eben so große Zeichen und Wunder geschehen ‑ nicht besondere »Gesalbte« Gottes, sondern spirituali­stische Medien sind. Sie sind regelrecht umfunktioniert worden. Sie vermitteln nicht den Heiligen Geist, sondern Abgrundsgeister. Die großen »Heiligen« der Römisch‑Katholischen Kirche waren gewöhnlich dasselbe, nämlich Medien Sa­tans. Man war fasziniert von den Visionen, Engel‑ und Marienerscheinungen, Gaben, Ekstasen (Kol. 2, 18), von der wunderbaren »Demut« und Gottergebenheit, ja, manch einer konnte sogar die Wundmale Christi aufweisen. Am Rande sei vermerkt, daß dies typische Symptome des Spiritismus sind. Auch Gesichte und das Hören von Stimmen haben meistens diese Quelle. Dies soll nicht heißen, daß Gott nicht auch hörbar reden kann. Doch ist dies das Außerge­wöhnliche und nicht Alltägliche.

Vergegenwärtigt man sich die biblischen Prinzipien und forscht man dann bei den Gläubigen nach, so findet sich ein erschreckend hoher Prozentsatz von Christen, die be­reits eine unbiblische Handauflegung erfahren haben. Sol­ches muß ans Licht gebracht und Buße muß darüber getan werden, wenn das Blut Jesu es wegnehmen soll. Doch auch hier stößt man auf wachsenden Widerstand. Manch einer meint, sein sittlicher Perfektionismus erspare ihm die Reinigung. Der Glaubende fühlt sich schon sündlos und bedarf der fünften Bitte des Vaterunsers nicht mehr: »Ver­gib uns unsere Schuld«

Dieser Hochmutsgeist vermittelt dann Eingebungen und Überzeugungen wie: Lehren von Geistestaufe, vom zweiten Segen, vom reinen Herzen, vom Leben auf höherer Stufe, Leben in neuen Dimensionen usw. »Man steigert sich schon hier auf Erden in jenen Zustand hinein, der uns für einen späteren Äon verheißen ist, wo ’kein Leid noch Geschrei noch Schmerz sein wird’ (Offb. 7, 17; 21, 4)«, schreibt Hans Brandenburg.

Die noch gesteigertere Form des Hochmuts, daß man sich, wie wir oben bereits erwähnt haben, zu schnell an die Stelle Jesu setzt, findet sich auch in dem Phänomen der Weissagung in der Ich‑Jesusform. Dies widerspricht of­fensichtlich Hebr. 1, 2. Hier werden Gläubige als Medien verwendet. So meint beispielsweise Watchman Nee: »Diese Christen verwechseln die übernatürliche Stimme mit der Stimme Gottes. Sie verachten ihren Verstand, ihr Gewissen und den Rat anderer Menschen. Sie werden äußerst unzugänglich und hören auf niemanden. Sie sehen sogar mit Verachtung auf andere Christen herab und be­trachten sich selbst als weitaus geistlicher.«

Leute, welche diese »gesegneten Handauflegungen« erlebt haben, lassen sich leider oft ziemlich schnell gegen die Wenigen mobilisieren, die es noch wagen, solches beim Namen zu nennen. Jedenfalls stehen sie ihnen sehr ableh­nend gegenüber. Auch haben sie gewöhnlich keinen oder fast keinen Durchblick und verwechseln oft Finsternis­aufbrüche mit Erweckung, Abgrundsgeist mit Heiligem Geist, Geistergaben mit Geistesgaben, seelische Kraft mit Kraft Gottes, Medien Sa­tans mit Vollmächtigen des Herrn, »Geistergetaufte« mit Erweckungspredigern usw. (Jer. 28, 15‑16).

 

Religiös sakramentale Vermischung

Die Grundlage bzw. das Ergebnis von Verführung ist Verblendung. Diese geistliche Blindheit verhindert auch eine klare Trennungslinie zwischen Evangelium und My­sterienreligion. Dahin tendiert nämlich die Theorie von der Handauflegung. Der Gläubige erhebt sich in eine Art vermittelnde Position zwischen Gott und den Menschen, ähnlich wie ein katholischer Priester. Das Ritual der rö­misch‑katholischen »Wandlung« allein hat vier Elemente aus dem antiken Dionysoskult übernommen. Der Ge­danke der vorschnellen Segnung oder Vermittlung der »Geistestaufe« durch Handauflegung dürfte auf ähnlicher Ebene liegen; denn da entscheidet nicht mehr meine per­sönliche Herzenshaltung vor Gott, stattdessen sollen die »Stellung« bzw. die sakrale Handauflegung wie auch die Worte des »Mittlers« oder des »geweihten und gesalbten« Mannes Segen bewirken. Dies ist das Prinzip des Katholi­zismus und der Mysterienreligionen, ferner auch der sa­kramentalen Handlungen bis hin zum religiös getarnten Aberglauben.

Insofern ist die Handauflegung mehr und mehr ‑ ähnlich der Kindertaufe, die einfach automatisch wirken soll ‑ in eine sakramentale, mystische Handlungsweise umfunktioniert worden. Man legt völlig unterschiedslos die Hände auf, egal ob Leute wollen oder nicht, Buße tun oder nicht, wissen was los ist oder nicht. Wer dies nicht glaubt, möge es in den Büchern von Bennett nachlesen. Das ist ein »anderes Evangelium«. Statt Buße und Zerbruch helfe oder rette Taufe bzw. Handauflegung. Dann wäre alles »vollbracht«. Es geht dies wie so vieles, z. B. die Sakra­mentslehre, an dem Ärgernis des Kreuzes vorbei.

Die Gemeinde hat ein doppeltes Schlachtfeld, sie führt einen Zweifrontenkrieg auf einer äußeren und einer inne­ren Angriffslinie (Apg. 20, 28‑30). Deshalb ermahnt der Apostel uns, gerade auf dieser inneren Front wachsam zu sein (Apg. 20, 31). Die Apostelgeschichte zeigt uns, wie die Attacken bald von außen, bald auch aus den eigenen Reihen kamen. Während die Gemeinde die äußeren An­griffe gewöhnlich schnell abwehrte, wurde sie von der in­neren Linie her oft überrollt. Die Gefahr eines Einschleichens des Feindes über das falsche Händeauflegen wird entweder gar nicht erkannt oder sie wird weitgehend un­terschätzt.

Bei mangelnder Wachsamkeit ermöglicht diese innere Frontlinie nun eine Infiltration, ein Eindringen (Gal. 2, 4) des Gegners in erhöhtem Maße. Wir sehen ja auch, wie solche Literatur aus dem christlichen Lager kommt. Diese innere Unterwanderung resultiert in der so wirksamen Finsternisstrategie der Vermischung.

Galater 2, 4: „Was aber die eingeschlichenen falschen Brüder betrifft, die sich eingedrängt hatten, denen gaben wir auch nicht eine Stunde nach, daß wir uns ihnen unterworfen hätten, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bestehen bliebe“.

So schreibt ein Reporter über den Wunderheiler Jean Seif in dem Artikel »Heilung durch Magnetopathie«: »Herr Seif legte die Hand auf und wußte, was ich habe. Bei jeder Behandlung fühle ich mich besser.« Dies wird mehr und mehr das Evangelium unserer Tage. Das Allheilmittel heißt Handauflegung. Es überrascht infolgedessen nicht, daß die Neuapostolen die Versiegelung mit dem Heiligen Geist zu einem Sakrament erklärt haben, das nur durch Handauflegung des Stammapostels bzw. seiner Vertreter vermittelt werden könne. Dahinter steht ein Abgrunds­geist. Die einen wollen mit dem Heiligen Geist versiegeln, die anderen die Geistestaufe durch Handauflegung »spen­den«. Beides aber, so lehrt die Schrift, wirkt Gott im Au­genblick der bußfertigen Zuwendung des Sünders zu Jesus Christus ‑ ohne irgendwelchen anderen Mittler, denn der Herr »läßt sich nicht von Menschenhänden dienen. . ., da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt« (Apg. 17, 25).

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