Geisterunterscheidung

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Peter Beyerhaus

Geisterfüllung und Geisterunterscheidung

– Die schwarmgeistige Gefährdung der Gemeinde heute –

I. Das neue Fragen nach dem Heiligen Geist

Nach Wesen und Wirken des Heiligen Geistes aufgebrochen. Das beobachten wir auf verschiedenen Ebenen:

1. In der Theologie sind gerade in den letzten Jahren eine ganze Reihe von neuen Büchern erschienen, die die Person und das Werk des Heiligen Geistes behandeln. Noch vor etwa 10 oder 20 Jahren konnte man sagen: Die Lehre vom Heiligen Geiste ist das unterentwickelte Lehrstück der christlichen Theologie. Auch in den einschlägigen dogmatischen Lehrbüchern fand man über ihn eigentlich nur sehr wenig. Diese Lücke ist in den letzten Jahren ausgefüllt worden. Es gibt mehrere Untersuchungen. So hat der Berliner Systematiker Dillschneider 1969 im Verlag Rolf Brockhaus ein Buch veröffentlicht „Ich glaube an den Heiligen Geist“ und der Holländer H. Berkhof 1968 ein Buch geschrieben „Die Theologie des Heiligen Geistes“ (Neukirchen). Der katholische Systematiker in Paderborn, Heribert Mühlen, hat ein zweibändiges umfangreiches Buch über die Lehre vom Heiligen Geist verfaßt, und so könnte ich eine ganze Reihe von anderen Erscheinungen hier nennen. Es ist symptomatisch, daß die Theologie jetzt die Herausforderung spürt, gerade zu diesem bis dahin unterentwickelten Gebiet etwas zu sagen.

2. Ebenfalls kann man feststellen, daß in der jungen Generation ein großes Interesse gerade für diese Fragen aufgebrochen ist. Mir fiel dies erstmalig auf, als ich im Jahre 1972 an einer großen christlichen Jugend‑ und Studentenkonferenz in Uppsala teilnahm, auf der mehrere Hundert Jugendlicher aus allen fünf skandinavischen Ländern zusammengekommen waren. Die Konferenz war aufgeteilt in 14 verschiedene Seminare. Keins war so stark besucht wie das, welches sich mit dem Wirken des Heiligen Geistes heute befaßte. Mir fiel auf, daß der ganze Büchertisch direkt übersät war mit Büchern, die kürzlich auf diesem Gebiete erschienen waren.

3. Ähnlich sieht es in der Mission aus. In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Reisen in die Länder Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Ozeaniens unternommen. Dort habe ich an vielen Stellen reden müssen, auf theologischen Seminaren, Mitarbeiterkonferenzen und Missionarskursen. Immer wieder wurden Themen wie „geistliches Leben“ oder auch „Geistesprüfung“ bevorzugt. Oft war die erste Frage, die man mir stellte, die: „Was halten Sie eigentlich von der charismatischen Erneuerungsbewegung?“

4. Damit habe ich schon das große Feld derjenigen Bewegungen genannt, die sich selber zusammenfassen als die “charismatische Erneuerung”. Ich weiß nicht, welches Jahr man für ihren Ursprung angeben soll. Im Grunde genommen ist es gar keine neue, sondern eine recht alte Bewegung. Man kann sie in ihren Wurzeln zurückführen auf die erste Pfingstbewegung. Diese ist in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern auch in die großen Kirchen eingedrungen. Das begann in Nordamerika. Von dort her ist sie dann auch in viele andere Länder gekommen; besonders auch im Rahmen der weltweiten Mission.

Soviel zunächst zur Aktualität unseres Themas.

Nun müssen wir uns fragen: Was ist der Grund dafür, daß es zu diesem großen Aufbruch bzw. zu diesem Komplex von Bewegungen gekommen ist?

Fragt man ihre Anhänger, so nennen sie an erster Stelle oft das Gefühl einer gewissen geistlichen Kühle, Trockenheit und Verarmung, das sie in unseren Kirchen, Freikirchen, aber auch Gemeinschaften und Missionen empfinden. Es gehe dort so nüchtern zu. Die Predigten glichen vielmals Lehrvorträgen. Man spüre nicht richtig, daß der Prediger von der Macht innerlich bewegt und berührt ist, von der er hier ein Zeugnis abzulegen hat. Auch das allgemeine Fluidum unter den Gemeindegliedern sei nicht immer von jener urchristlichen Herzlichkeit gekennzeichnet, wie wir sie doch im Neuen Testament finden. Man komme zusammen zum Sonntagvormittagsgottesdienst, setze sich, wie man gekommen ist, nebeneinander, ohne doch Beziehungen zueinander aufzunehmen. Dann gehe man wieder auseinander.

Einzelne klagen auch darüber, daß ihr eigenes Leben nicht von der inneren Führung und der Sieghaftigkeit gekennzeichnet ist, die dem Glauben an Christus doch verheißen ist. Sie hatten sich deshalb nach mehr Kraft gesehnt.

Schließlich müssen wir noch einmal auf die erste Beobachtung zurückkommen:
Die Theologie selber hatte sich viele Jahre hindurch kaum mit der Frage des Heiligen Geistes beschäftigt. Es ist aber nicht möglich, irgendein Gebiet des christlichen Glaubens unbeachtet zu lassen, ohne daß eines Tages eine Reaktionsbewegung kommt und nun gerade hier mit einem verstärkten Interesse einsetzt. Soweit es sich um diese Ursachen handelt, kann man das neue Interesse an der Person und dein Wirken des Heiligen Geistes für durchaus berechtigt erklären. Es gibt in der Tat eine Mattheit im geistlichen Leben, es gibt eine mangelnde geistliche Erkenntnis sowohl im Leben des einzelnen wie auch im Leben der Gemeinde, die vom Herrn nicht gewollt ist, die schuldhaft ist. Auch Paulus hat seine Gemeinden immer wieder ermahnen müssen „werdet voll des Heiligen Geistes“ (Eph. 5, 18), „den Geist dämpfet nicht“ (1. Thess. 5, 19).

In der Gemeinde werden diejenigen zu Verantwortungsträgern berufen, die selber das Zeugnis haben, „voll des Heiligen Geistes“ zu sein. So finden wir es schon im 6. Kapitel der Apostelgeschichte (Vers 3). Einer von jenen Männern, die zu den ersten Diakonen berufen wurden, war ja Stephanus. Von ihm wird ausdrücklich bezeugt, er sei ein Mann voll des Heiligen Geistes gewesen (Apg. 7, 55).

Nun sind diese Beweggründe aber nicht die einzigen Ursachen für das neue Fragen nach dem Heiligen Geist. Zugleich kann man nämlich feststellen, daß bei vielen Menschen auch eine gewisse Neugier vorhanden ist, durch unmittelbare Offenbarungen bestimmte Dinge­ näher zu erfahren, von denen die Schrift nicht ausdrücklich spricht. Oder man empfindet das Bedürfnis, tiefere Erlebnisse zu machen, wie sie in einem normalen, gesunden geistlichen Leben nicht ohne weiteres gewährt werden. Man möchte Kraft empfangen, Einfluß gewinnen. Man möchte die unsichtbaren Dinge, denen wir uns doch nur im Glauben anbetend nähern können, gewissermaßen in den Griff bekommen, um sich auf diese Weise dann als besonders begabter Christ gegenüber anderen Christen hervorheben zu können.

Angesichts dieser zweiten Möglichkeit, daß das gesunde Streben nach einem größeren Erfülltsein mit dem Heiligen Geiste ausschlägt in eine ungesunde Lüsternheit, müssen wir nun fragen: Was bedeutet es eigentlich, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden?
Diese Frage müssen wir für uns selber beantworten können; denn jeder von uns wird irgendwann einmal in die Verlegenheit geraten, daß ein anderer auf ihn zukommt und fragt: „Hast du schon den Heiligen Geist?“ bzw. „Hast du die Fülle des Geistes?“ oder „Hast du eigentlich die Gnadengaben?“
Ein normaler Kirchenchrist fällt dann leicht in ein merkwürdiges Stammeln; denn gewiß, er bekennt sich zum Glauben an den Heiligen Geist; aber er weiß doch nichts von den ganz besonderen Wirkungen dieses Geistes aus seinem eigenen Leben zu berichten. Deswegen ist es wichtig, biblische Klarheit darüber zu suchen, was es eigentlich zu bedeuten hat, wenn Paulus uns zuruft „Werdet voll des Heiligen Geistes“ (Eph.5,18).

II. Das Wesen des Heiligen Geistes

A. Was bedeutet es, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden?
Das erste,
was wir uns bei jeder Besinnung über den Heiligen Geist in Erinnerung rufen müssen, ist, daß er eine Person ist. Er ist die dritte Person der Heiligen Dreieinigkeit, der mit dem Vater und dem Sohn von Ewigkeit her in der innertrinitarischen Gemeinschaft steht. Er ist zu einem bestimmten Augenblick der Heilsgeschichte von dem Vater und dem Sohne in die Gemeinde ge­sandt worden, um hier das Werk Jesu Christi zur Vollendung zu bringen (Apg.2, 33). Der Heilige Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen beim Vater (Römer 8, 26). Das kann er nur, wenn er selber Person ist. Er ist also nicht eine Macht, ein Es, ein Fluidum, eine Kraft, sondern er ist eine Person, die uns an­redet und die wir anrufen können.

Die zweite wichtige Aussage ist die: Es ist die Aufgabe des Heiligen Geistes, nach der Erhöhung des Sohnes Jesu Christi sein Werk weiterzuführen, indem er Gott, den Vater und den Sohn in unser Herz bringt. Unser neues Leben der Wiedergeburt beginnt mit diesem eingreifenden Geschehen. Das ist kennzeichnend für das Christenleben überhaupt, daß sie mit dein Heiligen Geiste gesalbt sind (1. Joh. 2, 27). Wer den Heiligen Geist nicht empfangen hat, als er Christ wurde, der ist nicht etwa ein Christ im Vorstadium, oder ein Christ zweiter Klasse oder ein unterentwickelter Christ, sondern er ist überhaupt kein Christ. Wir haben also entweder den Heiligen Geist empfangen und sind damit wiedergeborene Christen, oder aber wir stehen noch außerhalb des Leibes Jesu Christi. Als einmal in der Stadt Ephesus eine Gruppe von Jüngern dem Paulus vorgeführt wurde, weil es den Gemeindeleitern nicht ganz klar war, ob es sich hier um wirkliche Christen handele oder nicht, stellte Paulus ihnen die Frage, „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen als ihr gläubig wurdet?“ Darauf antworteten diese Männer: „Wir haben noch niemals gehört, daß der Heilige Geist Überhaupt gekommen ist“ (so muß man diese Stelle wohl übersetzen). Darauf stellte man fest, daß diese Leute zwar getauft worden waren, aber nicht christlich, sondern mit der Wassertaufe des Johannes. Sie waren also Menschen, die noch auf den Messias warteten. Darum gab Paulus den Befehl, sie auf den Namen Jesu taufen zu lassen. Damit verband sich in urchristlicher Zeit die Handauflegung; und nun empfingen auch sie den Heiligen Geist (Apg. 19, 1‑7).
So könnten wir eine ganze Reihe von neutestamentlichen Stellen heranziehen, die alle deutlich machen:
Mit dem Christwerden ist die Vermittlung des Heiligen Geistes verbunden. Nach Apostelgeschichte 2 geschieht dies in dem Augenblick, wo man durch die Taufe in die Gemeinde aufgenommen wird. Als Petrus seine große Pfingstpredigt vollendet hatte, ging es den Dreitausend wie ein Stich durch das Herz. Sie fragten: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Petrus antwortete: „Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“ (Apg. 2, 38).

Das dritte ist: Der Heilige Geist bringt uns in die rechte Gemeinschaft mit Gott. Luther sagt in seiner wunderbaren Erklärung zum Dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesu Christum, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten. Der Heilige Geist wirkt in uns den Glauben an Jesus Christus als Herrn und Erlöser. Er bringt den Herrn in unser Herz. Er ermöglicht uns auch das Gespräch mit Gott. Er vertritt uns im Gebet durch unaufhörliches Seufzen. Ohne den Heiligen Geist vermögen wir überhaupt nicht, christlich zu beten.

Das vierte ist: Der Heilige Geist wirkt in uns die rechte geistliche Erkenntnis. Der natürliche Mensch versteht deswegen auch nicht die Heilige Schrift (1. Kor. 2, 14), sondern sie ist ihm toter Buchstabe. Es ist der Heilige Geist, der die innere Erleuchtung vollbringt. Aber es ist nicht etwa ein Werk, das nun zu der Lehre durch das Wort Gottes hinzutritt. Vielmehr erleuchtet der Heilige Geist, wenn das Wort Gottes gepredigt und bezeugt wird oder wir es andächtig lesen, durch diese Gabe des Wortes das Herz des Hörenden. Er erinnert uns an all das, was Jesus gesagt hat (Joh. 14, 26). Jeder von uns, sofern er wirklich Christ geworden ist, bekommt dieses Geschenk, daß der Heilige Geist ihn innerlich erkennen und verstehen lehrt. Der Christ ist also kein Unmündiger, der wie ein Schulkind gehalten ist, genau auf das zu achten, was der Lehrer ihm sagt. Vielmehr hat er ein inneres Verständnis von den göttlichen Dingen, das dadurch kommt, daß der heilige Geist das Lehramt in uns wahrnimmt. Deswegen ist Lehre in der Gemeinde Jesu nicht die Instruktion über Dinge, die dem Hörer völlig neu sind, sondern es ist ein immer wieder erneutes Erinnern und Entfalten dessen, was den Christen bereits geschenkt ist. Ich glaube, es ist ganz wichtig, darauf hinzuweisen. Denn diese Erkenntnis schützt uns vor der Anmaßung modernistischer Theologen, die mit ihrer angeblich tieferen, wissenschaftlichen Einsicht die Gemeinde in die Irre führen. Daß der Heilige Geist diese innere Verbindung im Erkenntnisvollzuge zustande bringt, ist auch meine persönliche Erfahrung. Auf meinen Reisen durch die ganze Welt habe ich zu hochgelehrten Menschen in Amerika und Japan gesprochen, aber auch zu Menschen auf den Bergen von Neuguinea, die gerade erst aus dem Steinzeitalter gekommen waren. Ich hatte mich zuvor gefragt, wie ich mich diesen Menschen überhaupt verständlich machen sollte. Aber es war sofort ein inneres Verstehen da; denn der gleiche Geist, unter dessen Leitung ich versuchte, zu ihnen zu sprechen, war auch schon bei ihnen. So war die innere Verbindung sofort gegeben.

Das fünfte: Der Heilige Geist wirkt die Frucht des Geistes wie sie geschildert ist in Galater 5, 22, also Liebe, Freude, Friede, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Es gibt kein christliches Leben, das sich nicht darin entfaltet, daß der Heilige Geist in unserem ganzen Sein Frucht hervorbringt, so daß wir uns als die Kinder Gottes erweisen und dadurch ein Lebenszeugnis für seine Macht sind. as ist ein wichtiger Test. Wenn wir uns fragen, ob jemand vom Geist erfüllt ist, so lassen wir uns darauf achten: Wie sieht sein ganzer Lebenswandel aus? Das behütet uns vor solchen Abwegen, daß wir das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist an den Besitz von außerordentlichen Gnadengaben binden wollen.

Das bringt uns zur sechsten Aussage: Der Heilige Geist gibt uns nun auch die besonderen Charismen, die Gnadengaben. Sie gibt er uns nicht zur persönlichen Ergötzung, nicht dazu, damit wir selber uns glücklich, mächtig oder gar außerordentlich fühlen sollen. Vielmehr verweisen uns die Gnadengaben an die Gemeinde. Die Gnadengaben gehören nämlich ‑ unter Theologen gesagt ‑ nicht so sehr in die Lehre vom Heil, die Soteriologie, als vielmehr in die Lehre von der Kirche, die Ekklesiologie. Es kann keine Auferbauung des Leibes Jesu Christi geben, ohne daß die einzelnen Mitglieder dieses Leibes sich als Glieder verstehen, die besondere Aufgaben haben. Und für diese Dienste, die wir den anderen Mitchristen schuldig sind, ertüchtigt uns der Heilige Geist nun durch besondere Gnadengaben. Sie erscheinen uns als völlig neue Gaben, sind aber vielfach Weckung, Stärkung, Heiligung, Vertiefung und Indienstnahme dessen, was uns schöpfungsmäßig schon geschenkt ist. Die Gnadengaben sind verschieden. Das ist ein ganz besonders wichtiger Punkt in Römer 12 und 1. Kor. 12: Nicht alle können weissagen, nicht alle können leiten, nicht alle können prophezeien, heilen usw. Vielmehr hat Gott hier in seiner Weisheit bewußt Verschiedenheit walten lassen, damit keiner sich vom Leibe Jesu unabhängig erklären könne. Wir brauchen einander. Und damit bin ich schon beim siebenten Punkt: Der Heilige Geist führt uns in die Gemeinschaft, zunächst in die mit Christus als dem Haupt des Leibes, damit aber auch in die Gemeinschaft untereinander. Der Heilige Geist ist ein Geist, der uns zusammenführt in der Wahrheit, im Glauben und in der Liebe. Deswegen ist auch dies ein wichtiges Erkennungszeichen, ob ein bestimmter Geist, der sich als Heiliger Geist ausgibt, wirklich von Gott ist: Führt er zur Trennung von den Brüdern in Christus oder aber zu größerer Gemeinschaft in Ihm?

B. Wie bekommen wir den Heiligen Geist?

Es ist festzuhalten: Der Empfang des Heiligen Geistes ist ein Eingangsereignis in unserem Christenleben. Die Wiedergeburt des Menschen aus der alten Adamsnatur hinein in das Wesen Jesu Christi, das Anziehen des neuen Menschen, wird durch die Vermittlung des Heiligen Geistes gewirkt. In dem Augenblick, wo ich in Buße und Glaube Christus annehme und mich auf seinen Namen taufen lasse, da vollzieht sich in mir auch die Mitteilung des Heiligen Geistes. Jetzt ist Christus in uns, und damit haben wir Gemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott. Das kann zunächst also von jedem Christen gesagt werden.Aber nun tritt eine weitere Erkenntnis hinzu. Der Heilige Geist ist ja nicht ein statisches Etwas, sondern eine lebendige Person. Sein Wirken ist lebendig, und er möchte mich mit seinen Gnadengaben, mit seinen Gnadenwirkungen immer wieder erneut durchdringen. Es gibt ein Wachsen im Heiligen Geiste. Und das ist es, was viele Christen nicht genügend beachten. Sie leben dahin, als wenn das Christsein nur ein Gewordensein wäre, aber nicht ein werden, wie Martin Luther sagt. Deswegen bleiben sie auf einem bestimmten Stadium stehen. Aber da es im geistlichen Leben eben so wie im biologischen Leben keinen Stillstand geben kann, gehen sie zurück. Es kommt bei ihnen zum geistlichen Schlaf, zur geistlichen Krankheit, bis hin zum geistlichen Tod.Wie vollzieht sich das immer stärkere Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist?

1. Durch den treuen Umgang mit den Gnadenmitteln Wort und Sakrament, die ja die Instrumente des Heiligen Geistes sind. Das ist eine ganz wichtige Feststellung. Martin Luther sagt in den Schmalkaldischen Artikeln, daß es Gott gefallen hat, uns auf keine andere Weise als durch die Gnadenmittel Wort und Sakrament seinen Heiligen Geist zu geben.

2. Die Gnadenmittel möchten aber im treuen Gebet gebraucht werden. Bevor wir das Wort hören, bevor wir den Herrn anrufen, daß er uns diese Mitteilung der Gnade Jesu zum Segen werden lasse.

3. Dazu ist es nötig, daß wir unser Herz reinigen lassen. Der Heilige Geist möchte Wohnung nehmen in einem Herz, das sich immer wieder vom Blute Jesu von der Befleckung der Sünde reinigen läßt. Das bedeutet eine Erkenntnis meiner Schuld, ein Bekenntnis meines Getrenntseins von Christus, eine erneute Hingabe an ihn. Es gibt eine Art Blockade gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes dann, wenn der Mensch sich in seiner Selbstsucht und seinem Eigensinn verhärtet hat. Dann geht das Wirken des Heiligen Geistes an uns vorbei. Wenn wir also von einer geistlichen Erweckung oder auch einer „charismatischen Erneuerung“ (besser wohl „Erneuerung der Charismen“; denn nur Gott, der Geber der Gaben, kann erneuern!) sprechen, dann kann sie nicht dadurch geschehen, daß ich etwas in mich hineinpumpe. Vielmehr muß diese innere Blockade, diese Verstopfung gelöst werden, die durch mein bewußtes Leben in der Sünde eingetreten ist. Deswegen ist eine echte Erweckung immer eine Erweckung, in der Gerichtspredigt zusammengeht mit vollmächtiger Gnadenverkündigung. Blicken wir doch einmal zurück auf die ganze Geschichte der Erweckungsbewegungen! Ob es nun J.H. Volkening im Minden‑Ravensbergischen Land gewesen ist, oder in Württemberg ein L. Hofacker oder in Baden ein Aloys Henhöfer. Es waren alles Männer, die in besonderer Weise den Menschen das Gericht Gottes über ihre Sünde ansagen und sie zur Buße treiben konnten, um ihnen dann aber noch freudiger und strahlender das Evangelium neu zu verkünden. Das bedeutet Erweckung, das bedeutet zugleich aber auch erneutes Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist.

4. Schließlich: Wir haben die Aufträge, die uns Gott durch die Weisungen des Neuen Testamentes gegeben hat, gehorsam auszuüben. Es gibt keine Mitteilung irgendeiner Gnadengabe, die nur dafür bestimmt ist, daß ich mich im Heilsbesitz sonnen kann. Vielmehr ruft mich der Herr mit ihr in seinen Dienst. Indem ich seinen Geboten und Weisungen treu bin, indem ich mich als ein Instrument zur Rettung anderer gebrauchen lasse, benutzt mich der Heilige Geist und erfüllt mich immer stärker mit seiner Gnade und seinem Reichtum.

C. Woran erkennen wir, daß wir vom Heiligen Geist erfüllt werden und in ihm wachsen?

1. Die entscheidende Frage, die sowohl mein Christsein Überhaupt wie meine Geisterfüllung betrifft, ist auf jeden Fall die: Glaube ich an Jesus Christus als meinen persönlichen Herrn und Heiland, der für meine Sünde ans Kreuz gegangen ist? Fliehe ich jeden Tag aufs neue zu ihm, um meine Sünde vor ihm abzuladen, neu die Vergebung zu empfangen und mich von ihm neu ausrüsten zu lassen? Steht Jesus Christus als Gekreuzigter im Mittelpunkt meines ganzen Fühlens, Denkens und Wollens?

2. Eine weitere Frage könnte sein: Habe ich Freude im geistlichen Leben? Gewiß, das ist kein absoluter Test ; denn es gibt Zeiten der Anfechtungen, wo Gott uns durch Tiefen führt. Aber diese Anfechtungen werden ja auch wieder Überwunden. Wenn ich also mit Freude an Jesus glaube und die Glaubenslieder singe in dem Bewußtsein: Jawohl, das ist mir geschenkt, und dazu bekenne ich mich! ‑ dann darf ich gewiß sein, daß der jeweilige Geist wirklich in mir lebt.

3. Dann kann ich auch die nächste Frage positiv beantworten: Spüre ich in mir einen Drang, dies weiter zu geben im liebenden Dienst am Bruder und an der Schwester sowie auch im mündlichen Zeugnis von dem, was mir widerfahren ist?

4. Nach Römer 8, 14 ist auch folgendes wichtig: Nehme ich den Kampf auf mit den Begierden des alten Menschen, der mir noch nicht ganz weggenommen worden ist, bemühe ich mich um die Heiligung? Nicht etwa: Bin ich sündlos geworden? Sondern: Leide ich an meiner Sündennatur, und verlange ich danach, daß Christus in mir Gestalt nehme?

5. Schließlich: Bin ich der eigenmächtige Herr meines eigenen Lebens, versuche ich alle Entscheidungen über meinen weiteren Weg nach Vernunftgründen zu treffen, ‑ oder aber lasse ich mich vom Heiligen Geiste leiten und lege deswegen meine Entscheidungen immer wieder dem Herrn im Gebet über seinem Worte vor? Er selber muß mich ja an seiner Hand nehmen.Wenn ich diese fünf Fragen mit „Ja“ beantworten kann, dann brauche ich nicht mehr in Verlegenheit zu geraten, wenn jene Menschen mich fragen: Hast du den Heiligen Geist empfangen? Vielmehr darf ich dann mit einem ebenso dankbaren wie demütigen „Ja“ antworten. Wenn sie aber weiter fragen: Hast du aber „die Fülle des Geistes“?, so werde ich entgegnen: Die Fülle des Geistes liegt nur in Christus und in seinem Gesamtleibe der Gemeinde. Was wir als Christen empfangen haben, sind nach Römer 8, 23 die Erstlinge des Geistes.Aber nun ist es auch wichtig, diesen Heiligen Geist zu unterscheiden von einem falschen Geist oder Schwarmgeist.

III. Das Wesen des Schwarmgeistes

A. Der Begriff Schwarmgeist
Woher kommt der Begriff „Schwarmgeist“?
Dem normalen Zeitgenossen wird nicht ohne weiteres deutlich sein, was wir mit diesem Wort eigentlich meinen. Denn Schwärmerei bringt man im allgemeinen in Verbindung mit einer gewissen Gefühlsseligkeit. Man denkt an ein junges Mädchen, das für ihren Liebsten schwärmt. Ein anderer schwärmt von seiner letzten Sommerfrische oder einem frohen Erlebnis. Geht es also um eine leicht exaltierte Gefühlsstimmung?

Nein, das ist nicht das Schwärmertum, das wir hier meinen, obwohl es gewisse Verbindungen gibt. Ich versuche, den Begriff immer vom Bild des Bienenschwarms her zu erklären. Wenn es den Bienen in ihrem Stock zu eng geworden ist, – und zwar geschieht das immer, wenn eine zweite Königin geboren ist, – dann halten sie es nicht mehr aus in der Begrenzung ihres Baues. Sie müssen hinaus und schwärmen mit furchtbarem Getöse aus.

Damit habe ich das Entscheidende schon gesagt: Der Schwärmer hält es nicht aus in der Begrenzung, in die er auf Grund des Willens Gottes in seinem Glaubensleben in dieser heilsgeschichtlichen Zwischenzeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft des Herrn gestellt ist. In dieser Zeit ist ja unsere Sünde zwar schon vergeben auf Grund des Kreuzestodes Christi; aber wir müssen doch immer noch den alten Sündenleib mitschleppen. Deswegen bekommen wir von ihm immer wieder sündige Versuchungen zu spüren. Gleichzeitig müssen wir auch leiden unter der Vergänglichkeit dieses alten Äons, dieses alten Weltzeitalters, an das wir mit aller Kreatur gekettet sind; so sind wir auch dem Sterbenmüssen unterworfen. Dies will der Schwärmer nicht anerkennen. Er möchte im Grunde genommen schon das Leben führen, das uns der Herr verheißen hat für das kommende Reich der Herrlichkeit, wenn Jesus Christus wiedergekommen ist, um alle Dinge neu zu machen. Der Schwärmer erkennt diese Grenzen der Zwischenzeit nicht an. Er will sie sprengen. Er möchte deswegen nicht glauben, sondern er will schauen, spüren und schmecken. Er will nicht mehr dulden, wie es uns doch Paulus in Römer 5 und 8 ans Herz legt, sondern er möchte genießen, er möchte volle Kraft und Gesundheit spüren, die in keiner Weise mehr in Frage gestellt wird.

Deswegen ist für den Schwärmer das Phänomen der Krankheit immer ein Ärgernis, mit dem er nicht fertig werden kann. Eigentlich meint er, keinen Arzt mehr zu brauchen. Der Schwärmer möchte nicht mehr durch die Gnade allein leben, die Gnade, die ja doch in der immer erneuten Zusprechung der Vergebung der Sünden besteht. Nein, er möchte schon in der eigenen vollendeten Gerechtigkeit leben, wo er die Sünde endgültig hinter sich gelassen hat. Er ist also Perfektionist, meint in der Vollkommenheit zu stehen. Er möchte sich in die Gemeinde nicht einordnen, in den Dienst am anderen stellen, sondern er möchte sich schrankenlos selber verwirklichen. Er möchte niemanden über sich haben, der ihn zur Korrektur ruft. Er möchte nicht dienen, sondern er möchte herrschen. Er möchte sich nicht Schritt für Schritt führen lassen, sondern bereits das Ende des Weges, den ihn der Herr führt, in aller Klarheit wissen und berechnen können.

Das alles sind Kennzeichen des Schwärmers, der die uns gegebenen Grenzen nicht respektiert. Nun, dieser Haltung liegt ein Drang zugrunde, den wir als Christen in gewisser Weise verstehen können. Denn wir alle leiden ja an der Gebrochenheit unseres jetzigen Daseins. Es ist auch vom Willen Gottes her nicht der Normalzustand, dai3 wir im Sündenleibe leben. Es ist nicht der Wille Gottes, daß diese Welt gekennzeichnet ist von Leiden, Tod, Haß und Zerrissenheit. Denn ursprünglich war die Welt geschaffen worden in Harmonie mit dem Schöpfer ‑ und die neue Welt wird die Jetzige Zerrissenheit nicht mehr kennen. Auch hat Gott in uns und alle Kreatur das Seufzen gelegt, die Sehnsucht nach der Wiederherstellung und Verklärung der guten Schöpfung Gottes (Römer 8, 19‑25). Deswegen wird jeder lebendige Christ immer wieder von dieser Sehnsucht ergriffen werden, die manchmal in ihm auch bestimmte schwärmerische Züge hervorrufen kann. Solange er aber noch ein gesunder Christ ist, wird er sich durch das Wort Gottes immer wieder zurechtweisen lassen. Er wird sich sagen lassen: Jawohl, diese Zukunft ist dir verheißen, aber du mußt dich noch gedulden, bis der Herr kommt und dich aus dem Glauben in das Schauen hineinführt. Der schwärmerisch versuchte Christ wird sich also vom Worte der Schrift berichtigen und sich an die Bedingungen dieser heilsgeschichtlichen Zwischenzeit erinnern lassen. Anders ist es, wenn Christen nicht mehr in der Demut, der Heiligung, bleiben, sondern ihre Hand nach den Gaben ausstrecken, die ihnen nicht gegeben sind. Wenn wir nicht mehr auf die Bedingungen achten wollen, die uns gesetzt sind, dann beginnen wir, wirklich in das Schwärmen zu geraten und für den Einbruch eines ausgesprochenen Schwarmgeistes offen zu werden. Dies bedeutet zunächst einmal eine Gefahr für unser eigenes geistliches Leben. Die Verführung mach­t den Betreffenden, der diesen Geist empfangen hat, aber alsbald auch zu einer Bedrohung für andere. Die durch den falschen Geist hervorgerufene ungesunde und unnüchterne Haltung, die hier zum Ausdruck kommt, findet ihren Niederschlag in bestimmten ungesunden Ideen und falschen Lehren, die der Betreffende dann anderen mitteilen will. Hat er damit Erfolg, so kann er schließlich sogar zum Stifter einer neuen Glaubensgemeinschaft oder Sekte werden. Wenn schließlich der Schwarmgeist vollends von ihm Besitz ergriffen hat, so macht er ihn zum Medium des altbösen Feindes.

Ich möchte also unterscheiden zwischen dem ins Schwärmen geratenden Christen, der aber noch bereit ist, sich wieder in die Schranken weisen zu lassen, und jenem Christen, der sich von dieser schwärme­rischen Tendenz weiter und weiter führen läßt, bis er schließlich die Schranken durchbricht und sich für den Empfang des Schwarmgei­stes öffnet. Schwarmgeist, das muß nun ganz deutlich gesagt werden, ist nicht einfach eine menschliche ungesunde Haltung, sondern geistige Beeinflussung (Inspiration) aus dem Abgrund und letztlich Wirkungsweise des Satans.

B. Die Einbruchsmöglichkeiten des Schwarmgeistes
Wie kann es dazu kommen, daß ein Christ von einem solchen Geiste befallen wird? Was sind die Einbruchsstellen für ein so furchtbares Geschehen? Drei Punkte können genannt werden:

1. Geistliche Unachtsamkeit. Wenn ich aufhöre, Schritt für Schritt auf das Wort Gottes zu achten, wenn ich anfange, mich von mei­nen Gefühlen oder anderen Menschen stärker beeindrucken zu las­sen als von dem, was Gott mir durch sein Wort sagt, dann be­steht diese Gefahr. Gewiß dürfen wir dafür dankbar sein, daß es in der Gemeinde Jesu geistesvollmächtige Persönlichkeiten gibt, die uns etwas bedeuten, uns geistlich dienen und weiterführen können. Trotz­dem gilt auch hier, daß alles, was sie uns geben, immer wiedergeprüft werden muß an der gesunden Norm der Heiligen Schrift.

2. Eigene Unlauterkeit. In dem Augenblick, wo in meinem Leben an irgendeiner Stelle etwas nicht mehr ganz stimmt, wo ich nicht mehr in völliger Gemeinschaft mit Gott wandele, weil ich unwahrhaftig, unehrlich in meinem Geschäftsgebaren, genußsüchtig oder auch unkeusch werde ‑ und wer von uns ist frei von diesen Versuchungen? ‑ tritt eine Trübung in meinem geistlichen Erkenntnisvermögen ein. Wo das nicht bereinigt wird, geschieht schließlich, wenn ich trotzdem weiter bewußt einen religiösen Weg gehen und das Fleischliche mit dem Geistlichen verbinden will, der Einbruch falscher Geistesmacht. ‑Ich meine, dies gilt auch für den Versuch, eine bestimmte Form von Musik, die die Triebe aufpeitscht, in den geistlichen Dienst zu stellen.

3. Hochmut. Das Wesen Luzifers ist ja, daß er selber Gott nicht über sich anerkennen wollte, sondern sein wollte wie ER (Hesekiel 28). Und so liegt auch unsere heimliche Zugeneigtheit, unsere Affinität zum satanischen Versucher in unserer Versuchlichkeit zum Hochmut. Sie gibt es auch in der Gemeinde Jesu. Auch wir Christen stehen bisweilen in der Gefahr, heiliger scheinen zu wollen als andere, ans mit unseren vermeintlichen oder echten Gaben brüsten zu wollen, oder mehr Einfluß ausüben zu wollen. in dem Augenblick, wo ich als aktiver Christ von solcher religiösen Eitelkeit oder Herrschsucht befallen werde, da habe ich dem Schwarmgeist bereits das Tor geöffnet. Ein Mensch, der von einem Schwarmgeist befallen ist, erkennt sich nicht mehr wirklich als irdisches Geschöpf an. Er möchte bereits das Tor in die Ewigkeit durchschritten haben. Er kennt sich auch nicht mehr als Sünder an, sondern betrachtet sich als Vollkommenen. Er reiht sich nicht mehr als ein Glied unter anderen in die Gemeinde ein, sondern er benimmt sich entweder als Individualist oder aber als absoluter Herrscher in der Gemeinde. Er will immer höher hinaus. Er ist unzufrieden mit den eigenen Gaben, und zwar nicht nur unzufrieden mit sich selbst und seiner mangelnden Entwicklung dieser Gaben, sondern unzufrieden damit, daß Gott ihm diese Gabe und nicht auch gleich alle anderen gegeben hat. Er möchte letztlich also sein wie Gott selber, allwissend und allmächtig. Hier also liegt die entscheidende Einbruchsmöglichkeit für Satan, der ja wie Gott sein wollte. Satan hat immer das gleiche Ziel. Er möchte die Herrschaft über die Weit behalten und er möchte die Herrschaft des Sohnes Gottes, Jesu Christ, zunichte machen. Um dies zu tun, richtet er auf die Gemeinde, wo Christus der Herr ist, Angriffe von außen, aber auch von innen. Er versucht, durch Verlockung oder Terror, den Gehorsam der Jünger Jesu gegenüber ihrem Herrn zunichte zu machen. wo ihm das aber nicht gelingt, da dringt er in die Kirche ein und imitiert den Heiligen Geist.

C. Schwarmgeist als Meister der Imitation
Ein Wesenszug des Schwarmgeistes ist also die Kunst der Nachahmung der Imitation. Hier ist nun eine ganz entscheidende Beobachtung die, daß es kaum irgendeine Erscheinungsweise des Heiligen Geistes gibt, wie sie unser Neues Testament bei der Behandlung der Gnadengaben schildert, für die es nicht auch eine Imitation gäbe.

Wenn Paulus davon spricht, daß er sich in der Ekstase befunden habe und in den dritten Himmel entrückt wurde (2.Kor.12,2), so weiß davon auch die hinduistische Mystik zu erzählen.

Wenn wir im Neuen Testament davon lesen, daß die Jünger am Pfingsttage in anderen Zungen sprachen oder die Zungengabe auch in der korinthischen Gemeinde erschien, so kennen die Völkerkundler eine Zungengabe auch im afrikanischen Animismus.

Wenn wir von der prophetischen Gabe sprechen, so erinnert uns die Bibel daran, daß es Hellseher auch in allen anderen, nichtchristlichen Religionen gibt.

Wenn wir von der Gabe der Wunderheilung sprechen, so müssen wir wissen, daß es bis zum heutigen Tage Religionen gibt, die ebenfalls wunderhafte Heilungen vollbringen. – Daran hat der bekannte Autor Kurt Koch wohl nicht genügend gedacht, als er sein Buch schrieb über die indonesische Erweckungsbewegung „Uns Herr wirst du Frieden schaffen“. Er hat darin die Ansicht vertreten, daß in Indonesien eine große Geisteserweckung ausgebrochen sei und in ihr alle urchristlichen Gnadengaben wiedergeschenkt wor­den seien, die der Kirche in der Zwischenzeit verloren gegangen wa­ren. Dies sei das Zeichen dafür, dass das Ende der Geschichte gekommen sei, denn am Ende müsse es wieder sein wie am Anfang. Welch ein Irrtum! Nun bin ich bald darauf im Jahre 1971 selbst nach Indonesien gekommen und mußte mir dort sagen lassen, daß es eine sogenannte „javanische Mystik“ gibt. Sie ist eine Bewegung, die aus dem Hinduismus kommt. Es gibt javanische Mystiker, die okkulte Kräfte in sich tragen, durch die sie psychosomatische Wirkungen hervorrufen können, also geistleibliche Kräfte ausstrahlen. Mir erzählte ein indonesischer Kirchenführer, er habe einen solchen Mystiker gekannt, der einen mehrfach gebrochenen Arm durch Überstreichen auf der Stelle wieder zum Heilen gebracht hat. Wenn uns nun erzählt wird, daß es ähnliche Wunder auch in der indonesischen Erweckungsbewegung gegeben habe, dann brauchen wir nicht alle diese Berichte in das Reich der Legende zu verweisen. Aber wir müssen sofort die Testfrage stellen: Was ist der Ursprung solcher Kraftwirkungen? Ist es wirklich der Heilige Geist gewesen? Gewiß ist seine Kraft heute nicht geringer als in apostolischer Zeit. Aber könnte der Betreffende nicht noch unter dem Einfluß jener okkulten Bindungen gehandelt haben, in denen er zuvor gestanden hatte? Die reiferen unter den Führern jener indonesischen Christenheit haben schreckliche Erfahrungen machen müssen, bis sie gelernt hatten, hier zu unterscheiden. –

Kann also der Schwarmgeist alle Geistesgaben imitieren, so schafft er sich auch menschliche Träger, die ihn vermitteln. Und so tritt an die Stelle des echten Apostels der Pseudo‑Apostel, der falsche Apostel; an die Stelle des echten Propheten tritt der falsche Prophet . Das Furchtbarste aber ist, daß am Ende an die Stelle des echten Christus der Antichrist treten wird. Antichrist heißt ja nicht nur, daß er gegen Christus ist, sondern daß er sich an die Stelle Christi setzt. Und zwar tut er dies in einer Weise, daß er zunächst nicht als sein Gegenspieler erkannt wird, sondern von vielen arglosen Christen als der wiedergekommene Christus begrüßt werden wird. Ich glaube, daß die Geschichte schwarmgeistiger Bewegungen innerhalb der Kirchengeschichte nichts anderes ist als ein ständiges Präludium, ein Vorspiel, für den Schlußakt des Erscheinens des Antichristen selber. Ich bin allerdings der Überzeugung, daß dieser antichristliche Imitationsschwarmgeist in unserer heutigen Zeit sich in einer ganz neuen Fülle offenbart, so daß man sich oft fragen muß, ob es wirklich schon dem Ende zugehen soll.

D. Das Wirken des Schwarmgeistes

Der Schwarmgeist hat mannigfache Weisen zu wirken.

1. Er wirkt z.B. dadurch, daß er den Christen das Angebot eines starken gefühlsmäßigen Erlebnisses macht. Ihnen wird verheißen, daß all das, wovon sie bis jetzt nur gelesen und gehört hatten, nun von ihnen wirklich erfahren werden kann. Kürzlich berichtete man mir von einer Aussage des international bekannten Pfingstevangelisten David du Plessis. Man hatte ihn gefragt: „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen deiner Lehre und unserer? Denn was du sagst, das sagen wir doch auch?“ Du Plessis antwor­tete: „Der Unterschied ist der, Ihr serviert es auf Eis, ich in der Bratpfanne.“ Damit wollte er sagen. Bei normalen Predigern ist zwar theoretisch auch alles da, aber so unterkühlt, ungenießbar ist. Ich aber biete euch dasselbe mit der rechten Wärme. Jetzt könnt ihr schmecken und spüren.

Uns wird also ein tiefes Gefühlserlebnis verheißen, vielleicht sogar eine Ekstase, ein Verzücktsein, ein Schauen von herrlichen Bildern sowie das Spüren von Kräften aus der anderen Welt. Es wird den Menschen versprochen, daß es sie wie ein elektrischer Strom durchfahren werde , der sie mit Kräften in Verbindung bringt, von denen sie bis jetzt nur gehört hatten.

Bei einer Jugendgroßveranstaltung des amerikanischen Pfingstevangelisten David Wilkerson erlebte ich, wie er die Menschen nach vorne rief mit den Worten: „Ich rufe euch jetzt nach vorne, und ihr werdet das Ziehen einer unwiderstehlichen Kraft empfinden. Sträubt euch nicht gegen dieses Ziehen, es ist der Heilige Geist.“ Und in der Tat, kaum hatte er es gesprochen, setzte sich ein Zug von Menschen in Bewegung, zunächst Jungen im Alter von 12, 13, 14 Jahren, die gefühlsmäßig besonders beeinflußbar waren. Aber dann folgten auch viele andere. Wilkerson fuhr fort: „Wenn ihr jetzt weinen wollt, dann scheut euch nicht, diese Tränen zu vergießen, es ist der Heilige Geist, der das wirkt.“ So kamen sie dann nach vorne, und der Redner stellte ihnen nun einzeln die Frage: „Warum bist du nach vorne gekommen?“ Die Antwort war jedesmal die gleiche: „Das kann ich nicht sagen, ich mußte ganz einfach.“ Die nächste Frage war. „Und was möchtest du jetzt bezeugen?“ Einer der so Gefragten antwortete: „Bisher war ich nur ein fünfundneunzigprozentiger Christ. Nun aber bin ich ein hundertprozentiger Christ. Ich werde nicht mehr sündigen.“ Darauf bestätigte ihm David Wilkerson: „Das glaube ich dir, denn du hast die Vibrationen (das Zittern) des Heiligen Geistes.“
In der Tat, da standen diese Leute vorn und zitterten am ganzen Leibe. Es war eine Kraft in sie gefahren, eine Wirkung, wie sie sie vorher nie verspürt hatten. Menschen, die von solcher Kraft erfaßt werden, geraten in eine ekstatische Stimmung, die von ihnen zunächst als ein ganz großes, freudiges Widerfahrnis empfunden wird.

2. Schwärmer verheißen ihren Anhängern, daß sie neue Offenbarungen empfangen werden: Sie würden Botschaften, himmlische Stimmen hören. Ich war 1972 in der Calvary Chapel, der Golgatha‑Kapelle in Kalifornien. Das ist der Ursprungsort der sogenannten Jesusbewegung, deren Initiator, ein gewisser Chuck Smith, dort als Leiter tätig war. Er hielt eine Bibelarbeit über ein Daniel Kapitel. In seiner ganzen Auslegung hörte ich kein einziges Wort vom Kreuze Jesu Christi, kein einziges Wort von Buße und Sündenvergebung. Chuck Smith hatte nur das eine Thema: „Werdet sensibel für den Geist Gottes.“ Wir sollten uns empfänglich machen, um die Stimme Gottes zu vernehmen. Wir müßten es lernen, abzuschalten gegenüber den äußerlichen Sinneseindrücken. Statt uns in das Getriebe der Welt hineinzubegeben, müßten wir uns durch Meditation innerlich empfänglich machen. Wenn wir das schließlich erreicht hätten, wenn wir die rechte Sensibilität erworben hätten, dann würde Gott anfangen können, wirklich zu uns zu sprechen. Smiths letzte Sätze waren: „Was dann mit dir geschehen wird, kann ich im einzelnen für dich nicht bestimmen; du magst Visionen empfangen, vielleicht sendet dir Gott einen Engel oder du hörst seine eigene Stimme.“

Das waren für solch schwarmgeistiges Angebot typische Versprechen. In der Tat, dieses Angebot ist kein leeres, sondern es kann in Erfüllung gehen. Schwarmgeistig bewegte Menschen können wirklich außersinnliche Stimmen hören.
So war es z.B. in Neresheim bei der Bruderschaft eines gewissen Pfarrer Geyer. Es fing damit an, daß Menschen in einer besonderen Weise ernst machen wollten mit ihrem Christsein. Sie hatten zunächst tiefgehende Bibelarbeit miteinander. Dann ging man dazu über, seine geistlichen Erfahrungen auszutauschen und schwärmerisch zu beten. Eines Tages begann man plötzlich, die „Stimme Jesu“ unmittelbar zu hören. Diese Stimme sprach zunächst im biblischen Sinne. Aber später wich sie immer stärker von den biblischen Worten Jesu ab. Zum Schluß gab sie direkt unsittliche Anweisungen. Und da war es nun deutlich ‑ aber viel zu spät, daß der Verführer über die schwärmerische Gruppe Gewalt bekom­men hatte.

3. Manchmal verspricht der schwarmgeistige Prediger seinen kranken Hörern auch, daß eine Kraft sie ergreifen werde, die körperliche Wiederherstellung schenken wird.

4. Eine weitere wichtige Beobachtung ist die, daß der Träger des Schwarmgeistes gedrängt zu sein scheint, die Kraft, die ihn selber bewegt, an andere weiterzugeben. Er kann offenbar nicht an­ders, als ständig diese inneren Impulse zu vermitteln. Er tut das im allgemeinen durch Handauflegung oder dadurch, daß er sie mit sich in eine Kette körperlicher Berührungen bringt.

In dem Semester, als ich erstmals ein Seminar über charismatische Bewe­gungen hielt, wurde Tübingen von einem holländischen „charisma­tischen“ Evangelisten besucht, Piet van Zutphen, der dort schon zuvor einen Anhängerkreis gesammelt hatte. Einige Teilnehmer mei­nes Seminars äußerten den Wunsch, wir sollten doch einmal einen „Charismatiker“ einladen, damit wir persönlich einen Eindruck bekämen, was er eigentlich lehrt, und damit wir mit ihm disku­tieren könnten. Ich tat es unter gewissen Vorbehalten, nämlich mit der Absicht, ihn zunächst anzuhören und dann zu widerlegen. Ich hätte es nicht tun sollen. Der Eingeladene hat dann nämlich nicht nur seine Lehre entfaltet. Vielmehr hatten wir von vorn­herein den Eindruck, daß ein merkwürdiger Charme von diesem Men­schen ausging, der unsere Seminarteilnehmer faszinierte und sie innerlich zwang, sich seinem Einfluß zu öffnen. Auch ich selber war nicht ganz davon frei.

Er begann damit, auf eine recht bana­le Art Witze zu reißen. Und doch erreichte er damit, daß schließ­lich alles an seinem Munde hingen. Seine Lehren waren kaum von biblischer Tiefe erfüllt. Plötzlich hielt er inne und erklärte: „Und jetzt möchte ich das tun, was ich bei solchen Gelegenhei­ten immer tue, ich möchte für Sie beten.“ Bevor wir überhaupt darauf antworten konnten, war er schon dabei, ein Gebet zu sprechen, das im Grunde genommen eine sakramentalistische Segens­handlung war: „Herr, laß mich jetzt meinen Segen auf jeden ein­zelnen hier legen.“ Was er also in diesem Falle nicht vermittels einer körperlichen Handauflegung tun konnte, geschah nun durch dieses „Gebet“.

 – Ich habe aber erfahren, daß jener Reisepredi­ger in anderen Zusammenhängen immer wieder seinen Hörern gesagt habe: „Wenn sich einer von euch schwach fühlt oder niedergeschlagen oder Schmerzen hat, dann möge er nach vorne kommen. Ich werde ihm die Hände auflegen, und er wird von mir einen Segen und eine Hilfe erfahren.“ Seine Hörer pflegen dann in der Tat nach vorne zu kommen, und er lädt sie durch Handauflegung mit seinen Impulsen auf. ‑

In unserem Fall geschah nun folgendes: Mehrere von meinen Seminarteilnehmern gerieten in Unruhe. Sie konnten nachts nicht schlafen. Tatsächlich war also hier eine fremde Macht in ihr Leben eingebrochen. Es wurde mir deutlich: Ich habe hier eine Schuld auf mich geladen. Sobald ich dies erkannte rief ich das ganze Seminar noch einmal zusammen, um im einzelnen mit den Studenten zu besprechen, was hier geschehen war. Daraufhin sagte jeder einzelne von ihnen sich im Namen Jesu von diesem falschen Geiste los, der über sie gekommen war. Das von uns Erlebte war bezeichnend für viele von diesen falschen „Charismatikern“: Sie bieten eine geistliche Kraft an, die durch körperliche Berührung oder suggestive Beeinflussung übertragen wird, und der ahnungslose Christ läßt sich davon verführen. Sie fragen auch gar nicht, ob der Betreffende innerlich gerüstet sei für einen solchen neuen Geistempfang. Der Geistessegen erscheint ihnen wie eine objektive Größe, die man einfach wie Lebensmittel an Hungrige verteilt.

5. Ich gebe noch ein Beispiel für jenes Drängen auf Handauflegung zum Zwecke einer größeren „Geisteserfüllung“
‑ Eine Bibelschule in Indonesien wurde eines Tages von einem reisenden Vertreter einer „charismatischen Bewegung“ besucht. Die Missionare waren gerade auf einer großen evangelistischen Tour und hatten ihre Frauen eine Woche allein zu Hause zurückgelassen. Jener „Evangelist“ hielt jeden Tag Andachten und Bibelandachten, die alle auf das gleiche Ziel zugingen: Wer noch nicht in Zungen redet, der habe noch nicht den Heiligen Geist. Ihm könne aber geholfen werden: Durch Auflegung der Hände und Gebet könne er die „Fülle des Geistes“ empfangen. Zum Zeichen dafür werde er in Zungen reden. Eine der beiden Frauen widerstand dieser Lehre, weil sie ihr als unbiblisch erschien. Die andere Missionarsfrau erlebte gerade in jener Zeit eine geistliche Dürre und Niedergeschlagenheit und empfand, daß sie wirklich mehr Kraft brauche. So entschloß sie sich, es doch einmal zu versuchen und sich die Hände auflegen zu lassen. In der Tat, auf der Stelle konnte sie in Zungen reden. Gleichzeitig aber fiel sie in eine geistliche Nacht. Sie verlor ihre Heilsgewißheit und konnte nicht einmal mehr die Bibel lesen oder beten. Dieser Zustand verließ sie ein halbes Jahr nicht mehr. Schließlich meinte sie, ihre Zelte in Indonesien abbrechen und nach Hause zurückkehren zu müssen, weil sie nichts mehr zu geben hatte. Gerade zur rechten Zeit stieß sie auf das Buch von Dr. Kurt Koch „Between Christ and Satan“, in dem diese von ihr erfahrenen Phänomene geschildert waren. Da wurde ihr deutlich, daß der Geist, der über sie gekommen war, nicht der Heilige Geist, sondern eine dämonische Macht in schwarmgeistiger Verhüllung war. Der Anweisung des Verfassers entsprechend sprach sie schließlich ein Absagegebet, so wie man sich von einer okkulten Behaftung lossagen muß und übe­rgab sich aufs neue Jesus Christus ihrem Herrn und Erlöser.

6. Bei bestimmten Menschen, die schon vorher unter dem Einfluß von okkulten Kräften standen oder psychisch belastet waren, kann sol­che Handauflegung noch zusätzliche Gefahren mit sich führen. Das unmittelbare Ergebnis ist dann, daß es mit ihnen noch schlimmer wird. Sie bekommen religiöse Wahnvorstellung, hören Geisterstimmen und müssen sich schließlich in nervenärztliche Behandlung be­geben. In einem Fall, der mir bekannt wurde, geriet der Betreffen­de auf dem Weg ins Sanatorium in Raserei, fiel dem Fahrer in den Arm und verursachte einen tödlichen Verkehrsunfall.Solche Erfahrungen zeigen, was letztlich das Ziel des Schwarmgeistes ist. Er will Menschen sowohl in das leibliche wie auch in das geistliche Verderben führen.

7. Das nächste Stadium schwarmgeistigen Wirkens ist, daß diejenigen, die von solchem Geist erfüllt sind, auf Alleingültigkeit ihrer Erfahrung in der Gemeinde drängen. Wenn ein Teil der Mitchristen dem nicht nachgibt, kommt es unter Anstiftung der Schwärmer zur Unordnung und schließlich zur Spaltung in der Gemeinde.
Norwegen wird gegenwärtig stark von der charismatischen Erneuerungsbewegung heimgesucht. Zunächst gab es eine Fülle von durchaus positiv beurteilten Wirkungen: eine größere Gebetsfreudigkeit und verstärkte Hinwendung zur Bibel. Aber jetzt ist es dahin gekommen, daß in vielen solchen Gemeinden, in die diese Bewegung eingedrungen ist, Abspaltungen entstehen, die sich oft mit der Forderung verbinden, sich wiedertaufen zu lassen.

8. In manchen Fällen drängt sich der Schwärmer neben den Gemeindeleiter, versucht ihm Vorschriften zu machen, kritisiert seine Verkündigung und sucht ihn schließlich zu verdrängen. Die usurpierte Herrschaft der Charismatiker in der Gemeinde kann sich schließlich sogar zur regelrechten geistlichen Tyrannei entwickeln. Einzelne Charismatiker behaupten eine absolute Autorität. Jeglicher Widerspruch wird von ihnen als „Betrübung des Geistes“ bezeichnet. Auch das ist uns nicht neu; denn genau das war die unmittelbare Wirkung des Einbruchs des Pfingstgeistes in Kassel, Großalmerode und Mülheim/Ruhr in den Jahren 1906 und 1907, daß jene „Propheten“ mittels ihrer Weisungen nun die Herrschaft in den Gnadauer Versammlungen zu ergreifen suchten.

9. Schließlich sei noch ein bedeutsames Kennzeichen genannt:
Im Gegensatz zu den schwärmerischen Absonderungen innerhalb der Gemeinden entwickelt sich zugleich auch eine neue ökumenische Gemeinsamkeit auf dem schwarmgeistigen Fundamente.
Denn jeder Geist fühlt sich vom gleichen Geist angezogen. Überall, wo es zur Bildung schwärmerischer Kreise gekommen ist, wird man sich auch darum bemühen, mit den anderen zusammenzukommen. So entsteht heute eine weltweite Gemeinschaft, die sich als die wahre Gemeinde Jesu, bzw. als entscheidende Kraft zur Erneuerung der ganzen Kirche empfindet. Eine solche Einheit, die durch den Schwarmgeist erstrebt wird, geht immer auf Kosten der Lehre. Man sagt also: Die Lehre trennt, das Entscheidende ist vielmehr, daß wir die gleiche geistliche Erfahrung gemacht haben und miteinander in der Liebe verbunden sind. Auch über die Irrlehre wird großmütig der Deckmantel der „Liebe“ gebreitet. So haben wir heute neben der Genfer Ökumene, die im wesentlichen eine Ökumene in der gemeinsamen sozialpolitischen Aktion geworden ist, auch eine charismatische Ökumene des schwärmerischen Erlebens.

Eins ihrer Zentren ist das Schloß Craheim. Es nennt sich ja ökumenisches Lebenszentrum“. Hier kommen Männer und Frauen aus den verschiedensten Konfessionen, Orthodoxe, Katholiken, Baptisten, Methodisten und Lutheraner zusammen, um eine neue ökumenische Gemeinschaft in der gemeinsamen Geisterfahrung zu erleben. Sogar internationale Führerkongresse der charismatischen Bewegung haben in Craheim schon stattgefun­den. Es ist nun interessant festzustellen, daß es eine direkte Verbindungslinie zwischen dem Schloß Craheim und Genf gibt. Einer der Mitbegründer des ökumenischen Zentrums Craheim ist der luthe­rische Pfarrer Arnold Bittlinger, den ich übrigens erstmalig in eben jener Golgatha‑Kapelle bei den Jesus‑People in Kalifornien kennengelernt habe.

Bittlinger hält auch regelmäßig charismati­sche Seminare in dem Ökumenischen Institut des Genfer Weltkirchen­rates in Bossey, Schweiz, ab. Umgekehrt lädt Craheim auch führende Ökumeniker ein. Walter Hollenweger, der selber aus der Pfingst­bewegung hervorgegangen ist, kommt immer wieder nach Craheim, um dort Kurse über Bildbetrachtung und ähnliche Themen durchzufüh­ren. Emilio Castro, der Direktor der ökumenischen Kommission für Weltmission und Evangelisation in Genf, kommt aus Uruguay. Er hat es als besonderes Ziel seiner Amtsführung bezeichnet, die südame­rikanischen Pfingstler in den Weltrat der Kirchen hineinzubringen.Diese Bewegung wurde durch Hollenweger ja schon auf der 3. ökume­nischen Vollversammlung in Neu‑Delhi 1961 eingeleitet.

Wir sehen also: Auf der einen Seite führt der Schwarmgeist zu Spaltungen in der Gemeinde, auf der anderen Seite bemüht er sich, eine neue Einigungsbewegung in Gang zu setzen, die aber auf Kosten der Wahrheit geht. Und ich glaube, daß sich letztlich zwischen der ökumenischen Bewegung Genfer Fasson und der ökumenischen Bewegung im Craheimer Stil keine unüberwindlichen Gegensätze befinden. Auch wenn hier noch etwas mehr von der Bibel die Rede ist und das religiöse Erleben eine größere Rolle spielt als bislang bei den Sozialaktivisten in Genf, so befruchten sich beide Stile schon jetzt gegenseitig. Eines Tages werden sie sich möglicherweise ganz finden. Die Anfänge dazu waren auf der Weitmissionskonferenz in Bangkok 1973 und in Nairobi 1975 bereits zu spüren. Dort wurden Gottesdienste veranstaltet, die deutlich pfingstlerische Elemente trugen, was für viele Teilnehmer ein ganz neues Erlebnis war. Wichtig war mir dort auch die Gleichsetzung von „Geisteswehen“ mit den auf jenen Konferenzen praktizierten gruppendynamischen Experimenten.

Leider war aber auch der Internationale Kongreß für Weitmission, der im Juli 1974 in Lausanne tagte, teilweise durch ein schwärme­risches Verständnis des Heilligen Geistes und durch eine deutliche Öffnung zur „charismatischen Bewegung“ gekennzeichnet. Hoffent­lich erweist sie sich nicht eines Tages als eine Brücke zwischen der internationalen Bewegung der „neuen Evangelikalen und dem Weltrat der Kirchen! Es stimmt bedenklich, wenn einer der Führer der amerikanischen „Charismatiker“, der Lutheraner Larry Christen­son, 1974 als Referent nach Lausanne und als Ratgeber für Fragen der Spiritualität nach Nairobi eingeladen wurde.

IV. Die Abwehr des Schwarmgeistes

Wie können wir die schwarmgeistige Bedrohung der Gemeinde abwenden? Durch geistliche Vorbeugung, durch Prüfung der Geister und durch geistlichen Widerstand.

1. Vor allem ist es wichtig, selber ein wahrhaft geistliches Leben zu führen. Das bedeutet, daß wir reichlich und ständig Gebrauch von den Gnadenmitteln machen, durch die der Herr uns seinen Heiligen Geist schenken möchte. Jeder Tag soll mit dem Lesen des Wortes Gottes unter Gebet und persönlicher Beugung beginnen. Laßt uns die Versammlungen der Brüder nicht verlassen. Laßt uns auch treue Gäste am Tisch des Herrn sein. Der Austausch mit erfahrenen Christen, die wirklich im Evangelium verwurzelt sind, kann uns zu immer tieferer Erkenntnis führen, so daß wir dadurch das Echte vom Unechten unterscheiden lernen.

2. Das nächste ist, daß wir den Herrn für seine Gemeinde um die besondere Gabe der Unterscheidung der Gemeinde bitten. Wenn es heute so oft heißt: „Wir brauchen eine Erneuerung der Gnadengaben“, dann würde ich dem im Grundsatz zustimmen. Aber ich würde gleich hinzufügen: Ganz besonders brauchen wir Christen mit der Gnadengabe, die Geister unterscheiden zu können. Nicht jedem wird diese Gabe im Vollsinn geschenkt. Darum sind die übrigen Gemeindeglieder auf den besonderen Dienst der so Ausgerüsteten angewiesen und sollen sie auf ihr Urteil hören. Aber sie sollen es nicht im blinden Vertrauen tun, sondern verantwortlich nachvollziehen. Denn jeder Christ hat die Aufgabe, die Geister zu prüfen. Das Charisma der Unterscheidung ist nur eine besondere, geistlich intuitive ‑Fähigkeit dies zu tun. Aber das Urteil muß in jedem Fall auf Kriterien der Lehre gegründet sein, die allen biblisch verankerten Christen einsichtig sind. Ich möchte vier solcher Kriterien nennen:

a) Für mich fiel das Urteil über bestimmte Vertreter der Pfingstbewegung, als ich feststellen mußte, daß sie den gekreuzigten Herrn nicht predigen. Sie hielten lange Ansprachen; aber vom Kreuze Christi und seinem Blute, von wahrhafter Buße, Vergebung und Gnade war nicht die Rede, sondern immer nur von dem dynamischen Wirken des Heiligen Geistes. Auch hier kann sich der falsche Geist allerdings manchmal verstellen, und zwar dann besonders, wenn er weiß, mit wem er es zu tun hat. Dann paßt er sich in der Sprache der Begriffswelt seiner Hörer an, um diese zentralen Lehrpunkte aber bei nächster Gelegenheit wieder fallen zu lassen, weil sie ihn nicht wirklich bewegen.

b) Ein weiteres Erkennungszeichen ist der Gebrauch der Schrift überhaupt. Viele angebliche Charismatiker predigen ganz unbiblisch. Meist legen sie ihren Ansprachen gar keinen Schrifttext zugrunde. Wenn aber die Bibel doch gebraucht wird, dann sind es immer nur ganz wenige ausgewählte Texte, auf denen man herumreitet. Es wird nicht das biblische Zeugnis in seiner ganzen Fülle ausgebreitet. Das ist auch eine Anfrage an manche erwecklichen Kreise heute. Oft fällt einem auf, daß in ihnen wirkliche Schriftauslegung weitgehend zurücktritt hinter das „persönliche Zeugnis“. Ich habe nichts gegen den rechten Gebrauch des Zeugnisses zur Unterstreichung dessen, was die Schrift uns sagt; aber wo das Zeugnis das Eigentliche geworden ist, da ist das Zentrum verdrängt. Denn das Evangelium verkündet Gottes Heilstat in Jesus Christus, nicht unsere innere Erfahrung.

c) Auch eine ungesunde Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) kann ein Erkennungszeichen sein. Oft spielt die Vorstellung von der vorzeitigen Entrückung der Brautgemeinde Jesu vor der großen Trübsal und dem Erscheinen des Antichristen eine große Rolle. Sie habe ich schon im Schrifttum der ersten Pfingstbe­wegung gefunden, und auch heute ist sie wieder da. Nur wenige wissen, daß diese unbiblische Lehre früheren Generationen der Christenheit unbekannt war. Erst im Jahre 1830 hat ein in der schwarmgeistigen Bewegung des Irwingianismus stehendes schotti­sches Mädchen, Margaret Campbell, sie in einem privaten Offenbarungserlebnis­ empfangen! Durch Darby ist diese Idee dann in den angelsächsischen Neupietismus eingeschleust worden. Ich halte sie für eine ganz verhängnisvolle Irrlehre. Denn die Konsequenz der Hoffnung auf die vorzeitige Entrückung ist ja, daß man nicht mehr wachsam gegen den Geist der Verführung ist. Man glaubt dann nämlich, daß die Gemeinde dem kommenden Antichristen gar nicht mehr begegnen werde. Christen dieses Irrglaubens werden ihm aber um so sicherer auf den Leim gehen.

d) Die Frage nach der Demut bildet ein wichtiges Kriterium der Geistesprüfung. Allerdings kann sich auch schwarmgeistige Anmaßung unter einer Decke scheinbarer Demut verbergen. Ist der Betreffende bereit, seine Lehre biblisch berichtigen zu lassen? Oder aber ist er völlig unnachgiebig und wiederholt zunächst liebenswürdig, dann immer fanatischer ‑ was er schon als seine besondere Lehre dargelegt hat? Kann es unter Umständen sogar dazu kommen, daß er, wenn man ihn wirklich grundlegend in Frage stellt, explodiert? Ein solch jäher Zornesausbruch könnte sehr wohl eine Selbstenthüllung des falschen Geistes sein.

3. Schließlich ist die Wachsamkeit sowie die Bereitschaft zum Kampf und Widerstand als Mittel zur Abwehr der schwarmgeistigen Bedrohung zu nennen. Die Gemeinde Jesu Christi war in ihrer Geschichte vom Schwarmgeist stets gefährdet und ist es auch heute. Aber in der Endzeit wird diese Bedrohung wachsen. Satan hat viele Weisen, die Gemeinde Jesu anzufechten und zu versuchen.

Für die einen reicht der äußerliche Materialismus und der Sex völlig aus, um sie vom Glauben abzuziehen. Für die anderen ist die Unterminierung des Vertrauens in die Gültigkeit der Heiligen Schrift die tödliche Einbruchsstelle. Anderen wiederum wird die Öffnung zu den mystischen Religionen des Ostens zur Verlockung. Man sagt ihnen, Christus habe sich auch im Hinduismus und Buddhismus geof­fenbart. „Wir brauchen einen größeren Christus“, heißt es heute in der Ökumene. Einige wähnen sogar, ihn in den Revolutionen zufinden und verschreiben sich so dem Marxismus.

Es gibt Christen, die gegenüber dem allen gefeit erscheinen. Sie sagen nein zum Materialismus und zur sexuellen Welle. Sie lehnen die Schriftkritik und auch die genannte Art von ökumenischer Be­wegung ab. Aber doch sind sie merkwürdig schutzlos gegenüber der allersublimsten, nämlich der schwarmgeistigen Versuchung durch den Widersacher, der umhergeht „wie ein brüllender Löwe, suchend welchen er verschlinge“.

Ich möchte deswegen abschließen mit einem Bilde, um gerade dies noch einmal deutlich zu machen. Ich habe das Gleichnis von 1. Petrus 5, 8 neu verstanden, als ich einmal in einem afrikanischen Wildpark bei Nairobi gesehen habe, wie Löwen wirklich jagen. Der Löwe, d.h. das Löwenmännchen, jagt gar nicht selber. Er ist ‑ abgesehen von seiner Fortpflanzungspflicht ‑ ein faules Tier. Meist liegt er nur und läßt sich bedienen. Er ist im allgemeinen Polygamist und hat vier oder mehr Frauen. Es sind die Löwinnen, die auf die Jagd gehen. Sie veranstalten gemeinsam ein Kesseltreiben. Sie streifen aus und jagen die Gazellen oder Antilopen vor sich her. Wenn ein Beutetier in genügende Nähe zu dem auf der Lauer liegenden Löwen gekommen ist, dann erhebt dieser sich, schüttelt seine Mähne und stößt ein furchtbares Gebrüll aus. Das bringt das gejagte Tier ins Erschrecken. Es schlägt einen Haken um 180 Grad und läuft nun den Löwinnen, die nur darauf gewartet haben, todsicher in die Pranken hinein. Es warten also mehrere Löwinnen.

Auch der Satan hat mehrere, verschiedene Weisen, uns zu verführen. Es kann sogar sein, daß eine Bewegung, die uns in rechter Weise vor bestimmten antichristlichen Gefahren unserer Zeit warnt, selber Trägerin einer andersgestaltigen, widergöttlichen Gefahr ist. Es klingt ungeheuerlich: Wir mögen vor bestimmten Verführungen durch Menschen gewarnt werden, die ihrerseits selber Verführer anderer Art sind! Das ist die allersublimste und verfeinertste Form der endzeitlichen Versuchung der Gemeinde Jesu. Unsere Situation wäre geradezu hoffnungslos, wenn nicht Christus seinen Beistand durch seinen Heiligen Geist denen verheißen hätte, die ihm wirklich treu nachfolgen und bereit sind, mit ihm zu wachen.

Letztlich müssen ja nicht wir selber den Versucher überwinden, sondern Jesus Christus, unser Herr, hat es bereits getan. Er steht für uns ein, er begleitet uns, er kämpft für uns. Aber es gilt, uns Tag für Tag erneut unter die Bedeckung seines Blutes zu stellen und ihn zu bitten, uns auf das aufmerksam zu machen und davor zu schützen, was wir in der heutigen Zeit als Bedrohung erkennen müssen. Nur so können wir durch den schwarmgeistigen Nebel unserer Zeit hindurchdringen, um in Ihm den Sieg zu erlangen.

Weitere Beiträge von Prof. Dr. Peter Beyerhaus auf meiner Webseite:

1. Die okkulte Welle
2. Völker in heilsgeschichtlicher Sicht

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

 

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