Zerstörungswerk d. Feminismus

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Georg Huntemann

 

Klassenkampf zwischen Mann und Frau?

  –  Das Zerstörungswerk des Feminismus für Glaube, Theologie, Kirche und Gesellschaft  –

 

Der Feminismus will die Verfraulichung der Welt

Das Programm der Entmythologisierung (sagen wir das Programm der Verohnmächtigung Gottes, das in den fünfziger Jahren alles, was sich Theologie nannte, in Atem hielt) hat sich innerhalb großkirchlicher Theologie in jedem einzelnen Punkt siegreich durchgesetzt. Die in der Heiligen Schrift bezeugten Taten und Worte Gottes wurden zu zeitgebundenen »Symbolen« eines eben nur »damaligen« Verständnisses von Gott, Welt und Mensch. Die Bibel wurde als Material für unsere Interpretation, zu unserem Gebrauch also, freigegeben.

In schneller Folge führten diese rasanten »Interpretationen« des sogenannten »biblischen Materials« konsequenterweise zur Gott-ist-tot-Theologie und dann – meistens auch schon parallel laufend – zur Theologie der Revolution und Befreiung, nachdem im zaghaften Anlauf zunächst nur von der Theologie der Hoffnung viel geschrieben und noch mehr gesprochen wurde.

Heute ist die Bibel Interpretationsmaterial in dem Sinne, daß Worte wie Gott, Christus, Erlösung, Exodus (Auszug des israelitischen Gottesvolkes aus der Gefangenschaft Ägyptens) als Reizworte zum Gebrauch einer Art religiöser Verklärung für die Weltrevolution der Einheitsgesellschaft bereitgehalten werden.

Die – bislang – letzte und radikalste Phase einer die Aussagen der Bibel zerstörenden Interpretation ist der Feminismus, der keineswegs nur die Befreiung der Frau aus der »Jahrtausende währenden Sklaverei durch christlich patriarchalische Männer« erstrebt, sondern im Zusammenhang einer Theologie der Revolution die Veränderung der Gesellschaft auf dem Wege des Klassenkampfes zwischen Mann und Frau vorantreiben und die Pervertierung des Christentums in eine Muttergottes-Einheitsreligion als Ausdruck kollektiver Gesellschaftsform durchsetzen will.

»Es ist klar«, schreibt die Professorin für Feminismus und Christentum an der Universität Nijmegen, Catharina J. M. Halkes, »daß es uns schon lange nicht mehr um die Frage oder um den Platz der Frau geht, um die Formulierung der Aufgabe oder um Zulassung zu den Ämtern. Schon diese Begriffe deuten die Herrschaftsstruktur an: Andere, das andere Geschlecht soll für mich ausmachen müssen, was mein Platz ist? Man’s World (Die Welt des Mannes) hat die Macht, Woman’s Place (den Platz der Frau) zu bestimmen. Darauf haben wir schon unzählige Ballen Papier verschwendet« (»Gott hat nicht nur starke Söhne – Grundzüge einer feministischen Theologie«, 1980).

Der zeitgenössische Feminismus kämpft nicht um den Platz der Frau für die Frau in dieser Gesellschaft, um die »Gleichberechtigung«, sondern er will die Veränderung dieser durch Männer strukturierten Gesellschaft. Feministen wollen eine andere Kultur, eben eine Kulturrevolution.

In letzter Konsequenz wollen sie nicht nur die andere Frau, sondern auch den anderen Mann, sie wollen eben – elementar ausgedrückt – die Welt auf den Kopf stellen, denn »offenbar ist die Frau in der herrschenden, androzentrischen (auf den Mann bezogenen) Kultur zum Opfer eines immer dualistischen Denkens, eines Denkens und Erlebens in Gegensätzen geworden« (Halkes, a. a. O., S. 21). Gegen die herkömmliche, christlich motivierte Kultur in der Spannung von Himmel und Erde, Gott und Schöpfung, Mann und Frau, Eltern und Kindern, Schuld und Versöhnung soll die spannungslose, eben mütterlich-eindimensionale Kultur gesetzt werden.

Der Feminismus liegt damit ganz und gar auf der Welle des Neomarxismus der kritischen Theorie. Herbert Marcuses Theorien feiern hier jubilierende Triumphe. Das Ziel ist der sozialistische Feminismus, der im Bündnis mit allen anderen »Gegenkulturen« als Revolution die »fundamentalste Bewegung« ist, »weil alle die genannten Formen der Herrschaft und Unterdrückung von Menschen durch Menschen soziale Ausdrucksformen jenes Dualismus sind, der am meisten in die Tiefe geht: die Erhebung des männlichen Geschlechtes über das weibliche« (Halkes, a. a. O., S. 30).

Der Mann, das männliche Prinzip, das Vatersein, Vaterherrschaft – eben das Patriarchat – ist an allem schuld. Die Revolution des Feminismus hat also ihr Feindbild, ohne das es eine Revolution bekanntlich nicht geben kann. Die einzige Alternative zum verhaßten Kapitalismus ist – so meint auch die Feministin und Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel (»Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit. Zur Emanzipation der Frau«, 2. Aufl. 1978, S. 51) – die Revolution der Frau.
Auch sie sieht den Zusammenhang mit der neomarxistischen kritischen Theorie und zitiert Herbert Marcuses für den Feminismus so charakterisierende Sätze: »Die weiblichen Qualitäten, auf der biologisch-gesellschaftlichen Grundlage entstanden, könnten die Realisierung eines neuen Realitätsprinzips bringen, weil sie die Antithese zu den die kapitalistische Gesellschaft regierenden Werten darstellen.«

Der Feminismus will also nicht nur eine Befreiung der Frau für ihren Platz in dieser Gesellschaft oder nur eine Kulturrevolution in dem Sinne, daß auch die Frau Möglichkeiten eigener kultureller Entfaltung gewinnt, er will im Gegenteil verändern, was man überhaupt nur verändern kann. Er will eine neue Realität: Die Wirklichkeit selbst soll verändert werden.

Aus diesem Grunde kann besagter Herbert Marcuse befriedigt, und den Feminismus in seiner Bedeutung richtig einschätzend, feststellen: »Ich glaube, daß die Frauen-Befreiungsbewegung (Woman’s Liberation Movement) derzeit die vielleicht wichtigste und potential radikalste politische Bewegung ist, die wir haben, auch wenn das Bewußtsein dieser Tatsache die Bewegung als Ganzes noch nicht durchdrungen hat« (in »Marxismus und Feminismus« – Jahrbuch Politik 6, Berlin 1974, S. 86, bei Jutta Menchik, »Feminismus – Geschichte – Theorie – Praxis«,1977).

Marcuse hat recht mit diesem Urteil. Hinzufügen möchte ich, daß brave Bürger und Bürgerinnen keine Ahnung davon haben, welche starken Kolonnen einer kollektivistischen Welt-Kulturrevolution wir schon in unserer Mitte haben, auch und gerade in unseren Großkirchen, Freikirchen und Gemeinschaften.

Das Feindbild Mann

Dem Kampf um die »neue Realität« steht der Mann, so wie er ist, als Feind Nummer eins im Wege. Der Feminismus will das Weibliche befreien und entfalten, ja zum Triumph in einem neuen Realitätsprinzip führen; aber das Männliche kann weder befreit noch entfaltet, es muß abgeschafft werden.

Valerie Solanas (»Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer«,1969 – »S. C. U. M.« heißt: »Society for Cutting Up Man«) meint: »Den Mann ein Tier zu nennen, heißt ihm schmeicheln. Er ist eine Maschine, ein >Gummipeter auf zwei Beinen<. Die Männer sind verantwortlich für alles Böse, für Unterdrückung, Haß und Gewalt, sie sind unfähig zur Zivilisation, denn > jeder Mann gleicht einer Insel<. In sich selbst eingesperrt, emotional isoliert, unfähig, mit anderen zu kommunizieren, hat der Mann einen Horror vor der Zivilisation, vor Menschen, vor der Stadt, vor Situationen, die die Fähigkeit verlangen, Menschen zu verstehen und mit ihnen in Beziehung zu treten« (bei Menchik, a. a. O., S. 53).

Das Männliche ist – darauf legt diese kollektivistisch orientierte feministische Revolution allergrößten Wert – unfähig für die Einpassung in die Gruppe und zum Leben aus der Emotionalität eben dieser Gruppe. Das Zueinander von Gruppe und Emotionalität, das Nein zum Willenhaften und zur Individualität, sind Hauptziele dieser das mütterlich-bergende Kollektiv anstrebenden feministischen Weltrevolution.

Nicht nur das Feindbild, sondern die treffende Diagnose von der Selbstzerstörung des Mannes, seine Krise zum Tode ist bedeutungsvoll. Denn »Mann sein« und »Vater sein« befinden sich heute  in einer Krise zum Tode, und die von Valerie Solana erwähnte »schmerzlose Vergasung der Männer« erinnert an den bislang größten Vatermord der Geschichte, an die Vernichtung jüdischer Menschen, wobei wir uns daran erinnern, daß der Nationalsozialismus eine feminin-heldische Vatermordrevolution war, für die der biblische und damit eben auch der jüdische Mann als verhaßter Repräsentant der Vaterkultur galt.

Der Feminismus kann noch radikaler an die Ideologie des Nationalsozialismus anknüpfen. Elisabeth Gould Davis (»The First Sex«,1975) gebraucht zwar nicht den im Nationalsozialismus üblichen Begriff »Untermensch«, aber mit biologischer Argumentation degradiert sie den Mann zu einem zumindest – und gelinde ausgedrückt – zweitrangigen, eben auf niedererer Stufe als die Frau stehenden Lebewesen. Hätten doch – so ihre Argumente – Geneologen erkannt, daß das Y-Chromosom, aus dem der Mann hervorgeht, ein abgebrochenes X-Chromosom sei, von dem die Frau sogar zwei besitze, so »daß Frauen eine Rasse für sich, das starke erste Geschlecht, und Männer die biologische Nachhut« seien.

Auch hier weigere ich mich, in solchen phantastischen Aussagen nur Komisches zu sehen. Rassenbiologisch motivierte Urteile über das Menschsein haben in vergangenen Jahrzehnten zu furchtbaren Konsequenzen trotz aller Absurdität der Argumentation geführt. Auf diese Beurteilung des Mannes »auf zoologischer Basis« wollen wir uns hier auch gar nicht erst weiter einlassen, aber schon jetzt, mit um so größerem Ernst, die Frage stellen, welche ethischen Orientierungsdaten der Feminismus seinem Urteil über Menschen eigentlich zugrunde legt.

Zweifellos stehen diese Aussagen, wie wir sie eben hörten, auf der Außenseiterposition des Feminismus – gegenstandslos sind sie deswegen nicht. Sie erhellen vielmehr die Grundtendenz des Feminismus, nämlich sein Bestreben, das herkömmliche Zueinander von Natur und Menschsein radikal nicht nur in Frage zu stellen, sondern aufzuheben.

Es gibt im Feminismus einen breiten Konsensus darüber, daß herkömmliches, geschlechtliches Zueinander von Mann und Frau zu verneinen sei. Der Feminismus unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen der vaginalen und der klitoridischen Frau.

Für Carla Lonzi (»Die Lust, Frau zu sein«, 1975) bedeutet die normale Lust, die im herkömmlichen, also natürlichen Geschlechtsverkehr durch die Einführung des Penis in die Vagina erreicht wird, nicht die umfassendste und vollkommenste Lust, sondern die Lust der patriarchalischen Sexualkultur. Sie zu erreichen bedeute für die Frau, sich verwirklicht zu sehen in dem einzigen Modell, das ihr Belohnung verspricht, in dem Modell, das die Erwartung des Mannes erfüllt. Das patriarchalische Paar ist das Paar Penis-Vagina, Ehemann und Ehefrau, Vater und Mutter der fortpflanzungsgebundenen animalischen Kultur: »Ihr Verhältnis zueinander wird nicht durch die Funktionsweise der Sexualität bestimmt, sondern durch die Fortpflanzung, der die weibliche Sexualität untergeordnet wird. Die vaginale Frau ist das Ergebnis dieser Kultur. Sie ist die Frau des Patriarchen und der Herd eines jeden Mythos der Mütterlichkeit, die Sklavin, die die Fesseln der Unterwerfungen weitergibt, durch die die männliche Herrschaft jede historische Veränderung hat überdauern können.
Diese Sexualität, so wie sie die europäische Frau »im christlichen Abendland normalerweise« erlebt, ist »Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frau in allen Lebensbereichen«, meint Alice Schwarzer Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung«,1975, S. 71).

Ähnlich urteilt Kate Miller (»Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft«, 1971): Das Eindringen des Penis in die Vagina sei Ausdruck männlicher »Penetrationswut«, der aggressiven Herrschaftshaltung des Mannes.

In dieser Weise der geschlechtlichen Begegnung – so meinen die Feministinnen – zeige sich die Feindschaft des Mannes gegen die Frau. Es versteht sich von selbst, daß das Zueinander und Miteinander von Geschlechtlichkeit und Zeugung, Liebe und Ehe, Ehe und Familie vom Feminismus verneint wird.

Die Lust wird zur selektierten, einsamen, nur auf Selbstbefriedigung abzielenden Lust. Der Feminismus ist also in seiner radikalen Form in sich selbst die Zerstörung von Ehe und Familie.

Bejaht wird im Feminismus nur die klitoridische Sexualität, die nach seiner Meinung die Sexualität der emanzipierten Frau ist. Nur diese Art sexueller Verwirklichung schließt die Herrschaft des Mannes aus. Sie verwirklicht das Lustbild einer neuen Zärtlichkeit, eine neue ganzheitliche erotische Kultur, einen neuen umfassenden »Mann-weiblichen-Horizont«, wie Kurt Lüthi, der evangelische Ethiker an der Theologischen Fakultät Wien, es in seinem Standardwerk »Gottes neue Eva« (1978, S. 32) ausdrückt.

Der klitorale Orgasmus ist unabhängig von der Partnerschaft mit dem Mann, er kann lesbisch oder durch Masturbation oder im wechselseitigen Liebesspiel erfahren werden, wobei ohne oder gegen den natürlichen, eben vaginalen Geschlechtsverkehr völlig neue Aspekte der Sexualität entdeckt würden.

Kurt Lüthi sieht das Ergebnis der »Orgasmusforschung« darin, »daß die weibliche Klitoris das für die Lustempfindung der Frau wichtigste Organ ist«. »Allerdings ist die Klitoris nicht isoliertes Lustorgan, sondern Spitze einer ganzen Struktur von Lustempfindungen. Die Klitoris scheint überhaupt keinen speziellen biologischen Sinn zu haben, sondern nur der Lust zu dienen … Der vaginale Orgasmus deutet eher auf eine Anpassung der Frau und auf eine Beziehung der Frau auf männliche Bedürfnisse … Im klitoralen Orgasmus erlebt die Frau die ihr gemäßen Ekstasen.«

Lüthi bedauert, daß »so etwas wie eine Sprache der klitoralen Gefühle völlig fehlt«. »Auch die Sprache ist«, so meint der Wiener Theologieprofessor klagend, »vom Vorrang männlicher Bedürfnisse geprägt«. Er meint: »Schließlich ist für die Dimension des Körperlichen die Einsicht wichtig, daß die Frau in ihrem ganzen Körper Lust empfindet; der Vorrang bloß genitaler Lust gehört zur Vorstellungswelt einer männlichen Sexualität« (a. a. O., S.18).

Für die feministische Bewegung ist der Aspekt der Ganzheitlichkeit der geschlechtlichen Lust (»Wholeness« ist ein Leitwort der feministischen Revolution überhaupt) sehr wichtig: »One makes love with genitals not with selves«, kritisiert J. M. Halkes (a. a. O., S. 47) mit Vehemenz und kommt dabei zum anderen Leitwort des Feminismus, zur Androgynie, das man am besten mit »Mannweiblichkeit« übersetzen würde.

Nicht die Spannung in der Begegnung zwischen Mann und Frau, sondern ein Einswerden im Sinne der Auflösung dieses spezifischen Zueinander von Mann und Frau soll erreicht werden. Ziel der Umstrukturierung herkömmlicher Sexualität ist der neue Mensch, der Mann- und Frausein in sich vereinigt.

Der Feminismus will, daß der Mann von der Frau integriert, ein Teil ihres eigenen Wesens wird. »… Ich glaube nicht mehr daran, daß Mann und Frau komplementär sind, geschweige denn, daß die Frau eine nützliche und nötige Ergänzung des Mannes ist. Beide Geschlechter tragen die Möglichkeit in sich, das, was bis heute als männliche und weibliche Komponente oder Polarität bekannt war, zu integrieren und auf diese Weise autonome, auf Ganzheit und Androgynie (Mannweiblichkeit) zuwachsende Menschen zu werden«, meint die Professorin für Feminismus aus Nijmegen (a. a. O., S. 26) und kündigt damit an, daß das Mannweib bzw. der Weibmann schon an der Schwelle einer neuen Kultur, eben der Kultur des Feminismus, steht.

Der Kampf um die neue Realität

Schon Simone de Beauvoir, die zu ihrer Zeit noch vom französischen Sozialismus und Kommunismus belächelte Großmutter des modernen Feminismus, hat in ihrem den Feminismus stark bewegenden Buch »Das andere Geschlecht« (zuerst 1949 erschienen) proklamiert: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.« Nicht die Natur ist »schuld daran, daß die Frauen so sind, wie sie leider jetzt sind, sondern die Kultur hat sie dazu gemacht«.

Hinter dieser These stand die damals starke Position der existentialistischen Philosophie im Sinne von Jean-Paul Sartre. Was der Mensch ist, wählt er in freier Entscheidung; es gibt keine vorgegebene, ewige, etwa von Gott gesetzte Ordnung. Letztlich schafft der Mensch sich selbst.

Seit Simone de Beauvoir wirkt diese atheistische Schöpfungsordnungsfeindlichkeit als munter sprudelnde Quelle in der Bewegung des Feminismus und ist mittlerweile jetzt, auf dem Höhepunkt dieser feministischen Bewegung, zu einem breiten Strom der Schöpfungsfeindlichkeit angeschwollen.

Betty Friedan (»Der Weiblichkeitswahn«,1968) und Margarete Mead Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften«, Bd. 1-3, 1971) werden nicht müde zu betonen, daß Frauen nicht von Natur und grundsätzlich und für alle Zeiten auf ihr Frausein festgeschrieben sind, sondern daß eine böse, androzentrische, eben männlichkeitsbezogene Unkultur Frauen zu dem gemacht hat, was sie heute sind.

Die »Natur«, meint die Protestantin Elisabeth Moltmann-Wendel in Erinnerung an die Ergebnisse dieser sogenannten Forschungen im Geiste des Feminismus, »stellte sich vor allem seit den Forschungen Margarete Meads als etwas Neutrales, nicht Beeinflußbares und als eine sehr abhängige Erscheinung heraus. Die Frau ist demnach keine Schöpfung der Natur, sondern ein Zivilisationsprodukt« (a. a. O., S. 45). Also – und das ist Sinn dieser herbeigesehnten Erkenntnisse – die Frau kann sich selbst, so wie sie ist, abschaffen.

Dieser Protest gegen vorgegebene Realität und für eine neue Realität wurde radikal formuliert durch Shulamith Firestone (»Frauenbefreiung und sexuelle Revolution«, 1975). Menstruation, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt sind Geißeln der Frau. Alle technischen Möglichkeiten dieser Zeit und der nahen Zukunft können und müssen genutzt werden, um die Frau von diesen Geißeln zu befreien. Sexualität muß befreit werden von Ehe, Kind und Familie«.

Noch radikaler verlangt Ernest Borneman (»Das Patriarchat«, 1975, S. 534) überhaupt die Abschaffung der Geschlechtlichkeit. Für ihn ist der Zerfall der mütterlich geleiteten, im Urkommunismus lebenden Urhorde durch die Herrschaft der Väter eben der Sündenfall der Menschheit. Für eine geschlechtslose Gesellschaft fordert er: »Die endgültige Befreiung der Frau kann nur in der Befreiung von der Geschlechtlichkeit liegen. Die klassenlose Gesellschaft der Zukunft kann nur eine geschlechtslose Gesellschaft sein … Sie muß polymorph sein, oder sie führt das Prinzip der Herrschaft, das wir eben durch die soziologische Tür hinausbefördert haben, durch die Hintertür der Sexualität wieder ein.«

Die Gesellschaft muß anders werden, dann muß zwangsläufig eben auch die Natur anders werden. Die Natur muß sich – wie Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und natürlich auch die Kirche – nach der Gesellschaft richten.

Angesichts dieser radikalen Revolution, die eben nicht nur Mensch und Gesellschaft, sondern auch die Natur selbst packen will, wirkt die Revolution des Marxismus-Leninismus als eine romantisch-idyllische Erinnerung an das 19. Jahrhundert.

Im Feminismus werden Übergänge zwischen Natur und Kultur »verflüssigt«, eben damit die Natur nach dem Bilde des Feminismus verändert wird: »Denn Biologie ist nicht Schicksal, sondern wird erst dazu gemacht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur. Sie sind die in jeder Generation nur erzwungene Identifikation mit Herrschaft und Unterwerfung. Nicht Penis und Uterus machen uns zu Männern und Frauen, sondern Macht und Ohnmacht«, meint die Feministin Alice Schwarzer.

Dieses Aufbegehren gegen herkömmliche Ordnung bleibt keineswegs nur feministische Theorie. Schon längst ist – wie gesagt, für die meisten Bürger verborgen – dieser Weg in die Praxis »multifrontal«, d. h. an vielen Fronten, in Medien und Schulen, beschritten. Der Bürger sieht am Ende nur das Ergebnis eines Prozesses, den er als solchen nicht erkennen konnte oder wollte.

Der Weg in die Praxis geht vor allem über die Pädagogik mit ihrer Armada von Pädagogen, mehr oder weniger ausgebildet im Sinne dieser im Buch aufgezeigten Theorien.

Einer der großen Theoretiker unter den Pädagogen, die die Phase der Kindheitssexualität »sozial durchformen wollen«, ist Helmut Kentler (vgl. »Die soziale Dimension der Sexualität« in »Sexualmedien«, 1975). Traditionelle, geschlechtsspezifische Verhaltensweisen sollen dadurch relativiert werden, daß Jungen tun, was Mädchen tun, und Mädchen tun, was Jungen tun. Mit Puppen spielende, ihre Gefühlswelt wie Mädchen regulierende Knaben sollen zu einem zärtlichen Lebensstil finden; denn der Mann ist »unterentwickelt im Geben und Nehmen von Zärtlichkeit«, meint Kentler.

So sind wir auf dem Wege zu einer nicht nur klassenlosen, sondern auch geschlechtslosen Gesellschaft, zu einer sexuell polymorphen, panerotischen Urhorde, in deren wohlfühliger Geborgenheit alle alle lieben. Nur wenn wir diese Zielvorstellung des Feminismus, die übrigens auch von der kritischen Theorie Marcuses angestrebt wird, kennen, verstehen wir den Kampf für die Abtreibung und das Recht der Homosexuellen, der nun schon bald im Sinne der »Schwulen-Initiativen« siegreich durchgetragen ist.

Im letzten geht es in diesem Streit nicht um Hilfe für die Frau oder um den Platz »des Homosexuellen in der Gesellschaft – wie viele leider immer noch verkennen. Ziel ist vielmehr, daß überhaupt Sexualität von Mutterschaft ein für allemal getrennt und daß – im Blick auf die Emanzipation der Homosexuellen – die polymorphe, nicht mehr heterosexuell orientierte Pansexualität zum Triumph geführt wird: »Frauenbefreiung und Schwulenbefreiung streiten beide für ein gemeinsames Ziel: eine Gesellschaft, die frei davon ist, Menschen aufgrund von Geschlecht und oder sexueller Übervorteilung zu definieren und kategorisieren«, forderte Kate Miller schon 1970 in einem Aufsatz der Times (bei Menchik, a. a. O., S. 91).

Bevor auf die radikale Herausforderung des biblischen Verständnisses von Mann und Frau Antwort gegeben wird, muß deutlich werden, wie sehr der Feminismus in die Theologie sowohl in die protestantische als auch in die katholische, ja in das Leben der Christenheit überhaupt, in Kirchen und Freikirchen und Gemeinschaften bereits eingebrochen ist.

Entpatriarchaisierung des Christentums

Den Einbruch der feministischen Revolution in die christliche Theologie mit dem Ziel der Entpatriarchaisierung des Christentums hat Mary Daly in ihrem mittlerweile schon klassisch gewordenen Buch »Beyond God the Father« (1974) zum Programm erhoben. Sie gehört zu den vielen, sich auf Theologie einlassenden Feministinnen, die meinen, daß sich das patriarchalische Christentum feministisch umfunktionieren lasse, während andere Feministinnen den biblischen Glauben – Judentum und Christentum in gleicher Weise – als hoffnungslos androzentrisch beurteilen und wie eine alte, nicht restaurationswürdige Ruine auf dem Müllplatz der Weltgeschichte liegenlassen wollen.

Mary Daly aber will diese »alte Ruine« renovieren und sanieren, zunächst die patriarchalischen Projektionen entlarven. Sie erwartet durch Geröll und Schutt des Patriarchismus hindurch, also eben jenseits Gottes, des Vaters, den mütterlichen Ursprung des biblischen, insbesondere des neutestamentlichen Glaubens zu finden. Schon bei der Interpretation des Gottesnamens Jahweh (»Ich bin das Sein«, oder »Ich werde sein, der ich bin«) meint sie, fündig geworden zu sein. Das Sein ist eben, so argumentiert sie, ein »Es«, besser noch ein werdendes Es, ein werdendes, ausströmendes, dynamisches Sein, die Fülle all dessen, was lebt und webt und ist. In freier, phantasievoller Interpretation vergleicht sie Gott mit einem Elektrizitätswerk. Er ist die Energiequelle allen Seins. Nicht die »Projektion« auf den Gottvater, sondern das unmittelbare, vitale, emotionale, unter die Haut gehende Erleben dieses dynamischen Seins ist Religion im letzten, entmythologisierten, »entprojizierten«, und das heißt im entpersonalisierten Verständnis der Bibel. Diese Feminisierung der Bibel – und es ist wichtig, diesen Kernprozeß gleich von Anfang an zu sehen – betreibt die Depersonalisierung Gottes. Aus dem Du wird ein Es, aus Gottvater ein sogenannter Gott, »der schwanger ist, in Geburtswehen liegt, ein Kind gebärt und stillt« (so P. Trible, »God an the rhetoric of Sexuality«, 1978, S. 200).

Die Feministinnen aber, die sich der Theologie und der Bibel für ihre Ideologien bedienen wollen, müssen immer wieder traurig-seufzend erkennen: »Der patriarchalische Stempel, der der Bibel aufgedrückt worden ist, läßt sich nicht mehr entfernen« (Halkes, a. a. O., S. 35). Man kann eben die Bibel nicht auf das Gegenteil von dem festschreiben, was sie wirklich sagt, trotz raffinierter Entmythologisierung und Interpretation. Deswegen wurde die kontextuale Theologie erfunden, die die Bibel zusammen mit anderen Texten liest, um dann von diesen anderen Texten aus die Bibel einfach anders, eben kontextual, zu »verstehen«.

Die gegenwärtige Erfahrung der befreiten Frau wird als ein solcher Text verstanden, von dem aus die Bibel zu verstehen ist. Dann kann der Feminismus aus solchen »Texten«, die eigene Selbsterfahrung ausdrücken, die Bibel richtig, eben feministisch, verstehen. Deswegen ist für den Feminismus auch ganz und gar wichtig, die Offenbarung als weitergehende Offenbarung zu verstehen.

Die Offenbarung geht weiter! Wo geht sie weiter? Eben in der Revolution des Feminismus. Nur die durch den Feminismus befreite Frau kann überhaupt erkennen, was die Bibel meint. Das ist die verblüffend einfachste Form, um die biblische Offenbarung auszutricksen, die subjektive Erfahrung über oder gar gegen das Wort zu stellen, sich dann noch zynisch Theologe oder Theologin zu nennen, um im kirchlichen Apparat, mit Kirchensteuern subventioniert, Karriere zu machen.

Wie diese feministische Weise der Versubjektivierung der Bibel vorangeht, zeigt uns Theologieprofessor Kurt Lüthi. Er meint, daß Bilder, »die aus der männlichen Erfahrung, aus männlichen Rollen konstruiert sind, für Gottesaussagen untauglich und unzureichend sind«. Mit dem Sterben dieser männlich geprägten Bilderwelt sterben auch Vorstellungen wie Gott der Herr, Vater, König, Patriarch, Hirte. Konsequente Forderung Lüthis: »Hier sollen neue Gottesnamen und Gottesbilder entstehen, die dann umgekehrt ein reifes, bewußtes, mündiges, erotisch-reiches Existieren im Gegenüber von Mann und Frau unterstützen und anregen« (a. a. O., S. 202).

In seinem Plädoyer für ein erotisches und in diesem Sinne auch emotionalisierendes Bild von Gott meint Lüthi, daß ein neues Menschenbild ganz konsequenterweise eben auch ein neues Gottesbild verlangt. Gegenwärtiges Menschsein will keine Himmel-Erde-Spannung, keinen Dualismus, will nicht das Gegenüber von Gott und Welt, will vielmehr das Göttliche in Symbolen der Ekstase, der Feste, des Eros erleben, in einer neuen erotischen Vereinigung mit Leib und Materie, »wodurch die Fülle und Intensität des Lebens erfahren wird« (a. a. O., S. 207).

Verständlicherweise sind diese Symbole mehr der Frau als dem Männlichen zugeordnet, deswegen wird von Lüthi in Erinnerung an Mary Daly »das Stichwort der Selbsttranszendierung der Frau« als Grundlage einer Theologie des Weiblichen vorgeschlagen (a. a. O., S. 221).

Das Programm der feministischen Thеоlоgiе ist dann: »In einem Prinzip der Vereinigung wird der Tod Gottes als Tod des grossen Patriarchen und als Tod des phallozentrischen Wertsy¬stems verstanden. Positiv soll eine neue Symbolik des Weiblichen gesucht werden, und es soll der Glaube an Gott und an die Erlösung zum Impuls weiblicher Befreiung und Selbstfindung werden« (a. a. O., S. 211).

Der mann-weibliche, androgyne, Gott oder – was ganz schlicht dasselbe ist – die Rückkehr jener heidnischen Muttergottheiten, die ihre Fruchtbarkeitsgötter gaben und verschlangen, eben das alte und letztlich immer neue, nun allerdings nicht mehr vor-, sondern nachchristliche Heidentum, zieht mit fraulichem Schritt und Tritt ein in unsere Kathedralen und besetzt deren Katheder und Altäre.

Der weibliche Gott

Je radikaler der Feminismus sich darstellt, um so deutlicher wird das Ziel dieser von ihm in Gang gebrachten Kulturrevolution. In der Wirklichkeit des protestantischen Alltags leben wir allerdings nicht mit der Radikalität und Ursprünglichkeit dieser Bewegung. Die sich gemäßigt gebenden Vulgär- oder Sekundär-Feministinnen, die schon etliche Kanzeln und Katheder der Großkirchen erklommen haben und die mild und listig zugleich den Ausgleich mit Bibel und kirchlicher Tradition suchen, sind gefährlicher als die radikale Ursprünglichkeit des Feminismus; denn eben diese Anknüpfung an Bibel und Kirche, in dem Versuch, sich in raffinierter Interpretation doch noch mit Bibelwucht durch die Institutionen der Kirche schlagen zu können, wird zum trojani¬schen Pferd des radikalen Feminismus in der Stadt Gottes.

Aus diesem Grunde müssen die Künste des Klerikal-Feminismus, der eines Tages auf den Stühlen der Pröpste und Bischöfe thronen wird, um den Feminismus zur verpflichtenden Normal¬theologie einer Welteinheitskirche zu deklarieren, als falsche Kunst entlarvt werden.

Können nicht doch weibliche Züge im Gott der Bibel entdeckt werden, vielleicht doch noch eine Muttergottheit hinter (wenn auch dann ganz hinten, hinter »dem Gott-Vater«) aufgespürt werden?

Kurt Lüthi hat entdeckt: »Nach Genesis 30, 22 und Jesaja 66, 9 ist es nun Jahweh, der den Mutterschoß öffnet. Jahweh steht auch hinter Wirkungen des Lebensbaumes, des Blutes und der Erde. Und mit dem Anspruch auf die Erstgeburt tritt Jahweh in eine im Matriarchat den Göttinnen zugeordnete Rolle ein« (a. a. O., S. 177). Und im Blick auf die Psalmen meint er zu erkennen, daß oft mit »dem Bilde gearbeitet« wird, in dem Jahweh als »schützende Vogelmutter« charakterisiert ist. »Anrufe an Jahweh lauten: >Im Schatten deiner Flügel wollest du mich bergen< (Ps.17, 8), >bei dir ist mein Leben geborgen, und in den Schatten deiner Flügel flüchte ich< (Ps. 57, 2), >denn du bist meine Hilfe geworden, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich< (Ps. 63, 8). Mit seinem Fittich bedeckt er mich, und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht< (Ps. 91, 4; 61, 5; 131, 2 usw.).«

Auch C. J. M. Halkes suchte und fand – wie sie meinte – weibliche Züge im Gott der Bibel. Daß die Feministinnen auf diesen so mühevollen Erkundungen nicht zuviel entdecken, ergibt sich schon daraus, daß der eine dasselbe Material des anderen – oft wie in einer Liturgie – weitergibt. Sie schreiben nicht voneinander ab, sondern sie haben alle gemeinsam nicht mehr gefunden.

So schreibt – analog zu Lüthi und vielen anderen – Catharina J. M. Halkes: »Obwohl die Mehrheit der Gottesbilder männlich ist, stoßen wir doch auf eine Anzahl weiblicher Bilder: Der Herr ist der Vater seines Volkes, aber seine Zärtlichkeit ist die einer Mutter für ihr Kind (Jes. 49,14-15). Wenn der Herr auszieht, um sein Volk zu erlösen, klingt sein Kriegsgeschrei wie das eines Kriegers, aber er wimmert auch wie eine Frau, die am Gebären ist (Jes. 42,13-14). Gott ist sowohl unser Fels und unsere Festung wie die Quelle lebendigen Wassers … In den Evangelien trifft uns aufs neue, wie Christus für sein Werk ohne Zögern auch weibliche und mütterliche Bilder braucht: das Gleichnis von der Frau, die ihr Haus auf der Suche nach dem verlorenen Groschen sauber fegt (Luk. 15, 8-10); das Bild von der Henne, die ihre Kücken unter ihre Flügel sammelt (Matth. 23, 37). Sogar der maskuline Paulus vergleicht sich in seinem ersten Brief an die Thessalonicher mit einer Mutter, die ihre Kinder pflegt (1. Thess. 2, 7) … Hosea und Jeremia sprechen über einen neuen Exodus (Jer. 31) aufgrund eines erneuerten und vertieften Liebesbandes zwischen Jahweh und der Tochter Zion.«

Auch in Jesaja werde sowohl Zion wie Gott mit einer Frau verglichen: »Zion sagt: >Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.< Und Gott wird in den Mund gelegt: >Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?< (Jes. 49, 14-15). In а11 diesen Beispielen sehen wir, daß Bilder ineinander übergehen: Zion, die Witwe geworden ist, wird wieder Jungfrau, worauf sie zu einer neuen Ehe berufen wird. Zugleich sehen wir, daß Bilder auch ausgetauscht werden: Einerseits wird Jahweh mit dem Ehemann verglichen, andererseits wird ihm in der Beschreibung seiner Zärtlichkeit und Barmherzigkeit auch das Bild des Mutterschoßes zugeschrieben (hebräisch >raham< bedeutet >Uterus, Gebärmutter<)« (»Gott hat nicht nur starke Söhne«.

Wie die Feindschaft gegen den Androzentriker Paulus ist allen Feministinnen die Freundschaft mit dem Heiligen Geist gemeinsam. Gerne erinnert man sich dann an die Sophia, die Weisheit, die den Vorteil hat, weiblichen Geschlechtes zu sein, und die dann gern mit dem Heiligen Geist identifiziert wird. Ist die Frau erst mit einem Fuß in der Trinität drin, dann wird sich die weitere Feminisierung schon ergeben. Da der Geist wieder in besonderer Weise der Gemeinde zugeordnet ist, kann nun die Gemeinde zum mütterlichen Wohlfühlschoß der Gruppe werden mit neuer Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit, in stets vertauschenden Rollen durch gruppendynamische Prozesse, die das Bewußtsein verändern. In der Gruppe wird dann die feministi¬sche Subkultur entfaltet.

Die Gruppe wird schlicht zur Repräsentation der Sophia selbst, sprich die Wohlfühlkirche, zur Quelle von Wahrheit und Offenbarung, ja nur hier wird dann noch Wahrheitgelebt-außerhalb dieser Gruppe, dieses Heilig-Geist-Kollektivs, ist dann kein Heil.

Einheit ist wichtiger als Wahrheit- Verbrüderung und Verschwesterung ist wichtiger als Gott. Keine Spannungen, keine Auseinandersetzungen, kein Kampf, immer nachgeben, unbedingt den Kompromiß suchen und jede Spannung einnivellieren – wer sich auf diesen Weg in der Kirche einläßt, betreibt schon wissend oder unwissend die Revolution des Feminismus.

Für Geborgenheits- und Wohlfühlwerte werden Wahrheitswerte geopfert. Wenn immer wieder, Schritt für Schritt, statt Überwindung einer Spannung die kompromittierende Einnivellierung mit dem Ziel abgeschlaffter Spannungslosigkeit gesucht und gefunden wird, dann verneinen die Feministen Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wer predigt heute noch von dem Zorn und von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes? Wer verkündigt und lebt die Spannung von Gerechtigkeit und Vergebung, Zorn und Liebe, Gericht und Versöhnung? Das Wohlfühltuch allversöhnender Liehe wird einfach über alle Gegensätze dahingeworfen. Liebe wird wertlos, die Gnade wird billig.

Wertlose Liehe ist quasi-erotische Gefühlsduselei – mit der christlichen Agape, die durch das Kreuz hindurchgegangen ist, hat sie nichts gemeinsam. Billige Gnade, die ohne das Opfer des Kreuzes verschleudert wird, ist unversöhnlich, eben weil die Versöhnung am Kreuz verneint wird; und unversöhnlich ist sie zum Mitmenschen, denn sie gibt nicht Vergebung, sondern zwingt zur Anpassung.

Wo immer in gleichnishafter Weise mütterliche Züge auf die Aussage von Gott übertragen werden, da ist jeweils vorher vom Gericht, von der Gerechtigkeit, von Gottes Zorn die Rede gewesen. Die sogenannten weih ichen Relationen in der Aussage von Gott – und das gilt in gleicher Weise für das Alte wie für das Neue Testament – sind immer korrespondierend zum Heiligsein Gottes, es sind eben spannungsreiche Aussagen über Gott zwischen Gerechtigkeit und Gnade, Liebe und Zorn, Gerechtigkeit und Vergebung. Die feministische Theologie möchte diese Dialektik aufsprengen, um zu einer einnivellierenden, von ihr so bezeichneten Mütterlichkeit vorzustoßen.

Der vom Feminismus gemalte Gott, der Abgott als Urmutter ist das Ziel radikalen Feminismus schon lange. Inhalt gegenwärtiger Predigtweise vieler Pastoren offenbart diese feministische Tendenz, die einen erdichteten Gott verkündigt, dessen »Liebe« an den Realitäten zerbricht, weil die Gütigkeitsidylle dieses Abgottes in der Spannung dieser Welt, die auch dann noch sein wird, wenn es keine Männer mehr gibt, eine gefährliche Illusion ist.

Jesus – ein androgynes Wesen?

Der androgyne Mensch, die Mannfrau, ist der Zielwunsch, die Erwartung der Zukunftserfüllung, das Paradies auf Erden für feministische Revolution. Ist denn nicht in Jesus dieser androgyne Mensch schon Wirklichkeit gewesen? War Jesus wirklich in dem Sinne ein Mann? Die noch in der Welt der Theologie weilenden Feministen behaupten die Androgynität des Jesus von Nazareth. Der Versuch einer feministischen Androgynisierung Jesu kann, auf das Ganze gesehen, in folgende Argumentationsbereiche eingeteilt werden.

1. Jesus lebte und lehrte in einer für damalige Zeiten ungewöhnlichen Zuwendung zur Frau. Er ist auch nicht nur mit seinen zwölf Jüngern, sondern mit »mindestens sechs Frauen durch Palästina gezogen« (Moltmann-Wendel). Die neutestamentliche Überlieferung allerdings muß – das geben die Feministen zu – »hinterfragt«, sogenannte »judenchristliche Redaktionen« müssen entlarvt werden. Anders gesagt: Man muß die Geschichtsquellen auseinandernehmen und dann nach feministischen Aspekten wieder neu zusammensetzen, denn an der »urchristlichen Frauentradition« sind später Abstriche gemacht worden, behaupten die Feministen. So ist zum Beispiel zum Ostererlebnis der Frauen eine »männliche Ersatzgeschichte« hinzugefügt worden.

Unnütz zu fragen, woher die Feministen das wissen. Sie wissen gar nichts, sondern analysieren und kombinieren spekulativ mit geschichtlichen Quellen, so daß sich ein Historiker nur mit Grauen abwenden kann. Daß Frauen als erste das leere Grab sahen, macht sie nach E. Moltmann-Wendel gleich zu den ersten Aposteln. An die Stelle der herkömmlich männlichen setzt Jesus – Elisabeth Moltmann-Wendel folgt hier den Lehren von Hanna Wolf (»Jesus der Mann«) – die von Frauen verkörperten Werte.

»… Hanna Wolf hat gezeigt«, meint E. Moltmann-Wendel, »daß Jesus eine neue Gotteserfahrung verkündigt hat. Er kann die Menschen zu neuen Partnern untereinander machen, weil er sie von Gott ganz neu und ganz anders erfahren läßt. Zum erstenmal in der Religionsgeschichte wird ein Gott verkündigt, der nicht nach religiöser Leistung, Besitz und Aktion mißt . . . Glücklich, heil, selig sind für ihn die Empfänglichen, Armen, Hungernden, Leidenden. Damit stellt er alle Werte dieser männlich geprägten, auf Leistung, Besitz und Aktion gegrün¬deten Welt auf den Kopf. An die Stelle setzt er die meist von Frauen verkörperten, empfangenden, duldenden, geöffneten Seinsweisen. . .  Das Gottesbild Jesu fordert heraus durch die Betonung der weiblichen Seins- und Verhaltensweisen.«

2. Jesus ist – das betont vor allem Hanna Wolf – ein androgyner Mensch. Daß Jesus als Mann dargestellt wurde – schon in der biblischen Überlieferung, dann in der Geschichte der Kirche -, hängt nach ihrer Meinung damit zusammen, daß Jesus – wie auch Gott selbst – eine Projektionswand gewesen ist, auf die eine patriarchaische Kultur ihre Männlichkeitswerte projiziert hat. In Wirklichkeit aber war Jesus – so mutmaßt kühn diese Feministin – androgyn in dem Sinne, daß er das Frauliche und das Männliche in sich wie in einer neuen Schöpfung vereinigt.

Hat Jesus nicht selbst einmal gesagt – so wird argumentiert -, daß man im Himmel nicht heiratet, sondern sein würde wie die Engel, also androgyn existieren würde? Mann und Frau sind eben nach dem Urteil des Feminismus eine vorübergehende Aufspaltung des Menschseins, durch die der Frau nur Schaden zugefügt wurde und die nicht erst im Himmel (an den viele Feministen sowieso nicht glauben), sondern schon jetzt überwunden, besser noch abgeschafft werden muß. Aus dem androgynen Christus wird nun der weibliche Messias.

Not tut eine »Entmaskulinisierung Jesu«. Kurt Lüthi stellt sich das so vor (er beruft sich dabei auf den indischen religiösen Denker Keshab Candra Sen): »Gegen den verarmten und soldatischen Christus des Westens« soll eine Christusvorstellung gestellt werden, die Männliches und Weibliches verbindet, und in verschiedenen religiösen Gruppierungen, Sekten und protestantischen Erlösungswerten sieht Lüthi schon lange die »Sehnsucht nach einem weiblichen Messias am Werk«. So meint der von Lüthi zitierte Ernst Eggimann in der Zeitschrift »Kontakt«: »Aber vielleicht wäre heute die Zeit reif, daß Gott eine Tochter schickt …«

3. Ein anderer, ein androgyner Jesus bedeutet auch eine andere Art und Weise der Versöhnung und Erlösung, als sie »im androzentrischen Christentum« seit Jahrtausenden gedacht und gelebt wurde. Unbefangen wird in diesem Zusammenhang von Lüthi eine neue dionysische Theologie erwartet, denn die Inkarnationstheologie, daß der ewige Gottessohn Mensch wurde, bedeutet nun, daß nicht »Fremderlösung«, also Versöhnung in der Begegnung mit Gott durch Christus, die eigentliche Erlösung sei, sondern man will eine Erlösung mit, aus oder in der Stimme des Leibes und der Sinne, die ganzheitliche, eben gefühlte, total verinnerlichte, aber doch innerlich aufgebaute, durch Meditation stimulierte, Visionen und Utopien gebärende “ Selbsterlösung.

Harvey Cox »Das Fest der Narren. Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe«,1971) hat mit seinem sehr weitreichenden Einfluß auf zeitgenössische Jesus-Darstellungen in Filmen und Bühnenstücken diesen androgynen, »entmaskulinisierten« Jesus längst propagiert: der clownige, kindlich-naive, pathetisierte, stimmungsvoll-emotionale, Wohlfühligkeit um sich verbreitende, auch immer irgendwie wieder hilflose, weltfremde Jesusmensch! Der zärtliche Christusharlekin ist die Leitfigur der sogenannten modernen emotional¬stimulierenden »Verkündigung«.

Hier knüpft die feministische Theologie erwartungsfroh an die moderne jugendliche Subkultur, an die Antivater-Kultur der jungen Leute an, die zweifellos Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch des Feminismus ist.

4. Der Opfertod Christi als Versöhnung durch das Kreuz wird aus der Begegnung mit Christus eleminiert. Über das Abendmahl schreibt Lüthi: »Vom Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern wird man – wenn eine psychoanalytische Hermeneutik aus Interpretationsmethoden gewählt wird – sagen müssen, daß es sowohl orale wie ödipale Elemente enthält.«

Lüthi folgt hier der psychoanalytischen Interpretation biblischer Texte von Y. Spiegel. Die Vision ist diese: Orale Begegnung mit Gott – ein Leitwort feministischer Jesus-Interpretation – soll (in Erinnerung an die unmittelbare Muttergeborgenheit des Säuglings) den mütterlich bergenden Kontakt mit dem androgynen Gott bzw. androgynen Jesus fühlbar machen. So sind bei der Abendmahlsfeier Essen und Trinken und die Gemeinschaft untereinander orale Elemente, während Abendmahl als Opfer einen überholten, ödipalen Aspekt darstellt.

Die ödipale Phase ist ja dem androzentrischen Menschen zugeordnet. Ist dieser aber »überwunden«, dann ist die unmittelbare, orale Kommunikation mit Gott und Jesus gegeben. Das Abendmahl ist dann nicht mehr Erinnerung an das Opfer Christi, weil dieses in einer androgynen, d. h. ausgesöhnten Kultur keine Bedeutung mehr hat.

Abendmahl wird dann nur noch Wohlfühlkontakt in der bergenden Gruppe, Ausdruck der emotionalisierten Zärtlichkeit. Abendmahl wird zum Feierabendmahl. Das Gedenken – von Jesus geboten, vom Apostel Paulus wiederholt – an Opfer und Tod des Heilandes, der für uns starb, wird in modernen Beatmessen und Feierabendmahlen dionysisch umfunktioniert.

(Vgl. hierzu Werner Schilling, »Heiliges Abendmahl oder Feierabendmahl«, 1980). An die Stelle des Heiligen Geistes, der Christus im Abendmahl vergegenwärtigt, tritt die Emotionalität. Ja, man will die Identifizierung einer stimulierten Emotionalität mit dem Heiligen Geist.

Ich kann diesen Vorgang nicht anders verstehen als eben den Greuel der Verwüstung im Tempel Gottes, wie er in der endzeitlichen Ölbergrede Jesu vorausgesagt wurde. In den gegenwärtigen Exzessen von Beatmessen und Feierabendmahlen stirbt gleichsam die Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott, der uns gegenübersteht, durch den wir im Opfer der Versöhnung unseren Weg der Wiedergeburt gehen. In diesen neuheidni¬schen Kulten wird wider den Heiligen Geist gesündigt.

Der Schöpfungshaß der Feministen

Der Feminismus sagt Nein zur Schöpfung Gottes: Der Haß gegen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde, ist der Haß gegen die Ordnung der Schöpfung, wie sie in der Bibel geboten ist. Der Feminismus ist Symptom modernen, sich gegenwärtig immer mehr steigernden Schöpfungshasses.

In einer fast prophetischen Weise haben zu Anfang dieses Jahrhunderts unter anderem Aldous Huxley und George Orwell diesen Schöpfungshaß in ihren Visionen vorausgesehen. In Huxleys Zukunftsvisionen von einer zukünftigen, total kollektivierten Gesellschaft – »Brave New World« (engl. 1932, 1. deutsche Übersetzung in Zürich 1952) – sind Ehe und Familie nur noch Feind, letztlich Stacheldraht gegen die Gesellschaft und sollen nach dem vom Kollektiv propagierten Leitspruch »Jedermann ist seines Nächsten Eigentum« abgeschafft werden.

Bereits 1952 habe ich in einer Arbeit über »Utopisches Menschenbild und utopisches Bewußtsein im 19. und 20. Jahrhundert« die quasi-prophetischen Aussagen von Aldous Huxley, der voraussah, daß Vater und Mutter einmal obszöne Ausdrücke sein würden, so zusammengefaßt:

»Die Grundvoraussetzung für das Funktionieren der utopischen Staatsmaschine ist also der aus den Grundordnungen herausgestoßene Mensch, der Mensch, der nichts weiter ist als ein Rad der Maschine. Damit der Mensch nun so ist, wie er von der Gesellschaftsordnung gewünscht wird, muß er genormt werden. Diese Normung beginnt damit, daß der Mensch in Brut- und Normzentralen künstlich hergestellt wird. Hier wird er auf seinen späteren Beruf als Alpha- oder Beta-Mensch genormt: >Wir prädestinieren und normen auch, wir entkorken unsere Keimlinge als vergesellschaftete Wesen, als Alphas oder Epsilons, als künftige Kanalreiniger oder künftige Brutdirektoren. Der Weltstaat steht vor der großen Alternative zwischen Weltaufstieg und Weltvernichtung.<

Das Leben ist nur dann gewährleistet, wenn die bestehende Ordnung unter allen Umständen aufrecht erhalten wird. Das Kollektiv, die Vermassung dürfen durch nichts erschüttert werden. Ihre Gefahr ist der einzelne; deswegen muß der einzelne vernichtet werden. Es darf nur noch Kollektivwesen geben. Der Wahlspruch in diesem Weltstaat heißt deswegen: >Der Gesellschaftskörper bleibt bestehen, auch wenn die Einzelzellen vergehen.<

Der einzelne lebt also nur als Glied eines Ganzen innerhalb der Schranken, die ihm durch die Normen gesetzt sind. Auf diesen Normen bewegt sich das Leben wie auf Gleisen. Die vorgeschriebenen Bahnen können aber auch nicht verlassen werden: Ungewöhnlichkeit bedroht mehr als das Leben des einzelnen, sie ist ein Schlag gegen die Allgemeinheit: Der utopische Mensch ist glücklich. Das Glück beruht darauf, daß jeder Mensch – eben wegen der Normung, die er erfahren hat – gerne das tut, was er tun muß.

>Unser ganzes Normungsverfahren verfolgt dieses Ziel, die Menschen ihre unentrinnbare soziale Bestimmung lieben zu lehren. Die Menschen werden in der Flasche, also bereits im Embryonalzustand, auf ihr Glück genormt, daß sie auf dem Kopf stehen und Wohlbehagen assoziieren; ja, sie sind geradezu nur dann glücklich, wenn sie auf dem Kopf stehen können. Durch die in der Flasche erfolgte Normung ist das Glück gesichert.< Es besteht eben darin, daß der Mensch nicht anders handeln kann, als er will, und umgekehrt nicht anders will, als er kann; er kann nicht anders, es ist ihm vorherbestimmt. Auch nach der Entkorkung befindet er sich noch immer in der Flasche, einer unsichtbaren Flasche infantiler und embryonaler Fiktionen. Den Menschen erregt kein Gefühl der Angst, der Furcht, des Ärgers usw.

>Gefühl lauert in der winzigen Zeitspanne zwischen Begehr und Gewähr. Verkürzt diese Spanne, und ihr reißt alle jene unnötigen Schranken von einst nieder! Es wird keine Mühe gescheut, um den Menschen das Gefühlsleben leicht zu machen … ihn vor Gefühlen überhaupt zu bewahren.<

Die Frage, an den utopischen Menschen gerichtet, ob er jemals vor einem ernstlichen Hindernis gestanden habe, ob er jemals länger warten mußte, sobald er merkte, daß er begehre, wird mit Nein beantwortet. Von dem Utopier gilt der uneingeschränkte Satz: >Jeder ist heutzutage glücklich.< Man lebt geborgen, wie der Embryo in der Flasche, vor der rauhen Wirklichkeit durch >Soma-Tabletten< geschützt, für den Fall, daß trotz Normung widerwärtige Gefühle eintreten sollten. Es gibt nur einen Sinn des utopischen Daseins, der besteht in der Erhaltung des Wohlbefindens. Ein anderes Lebensideal darf es in dieser Gesellschaft nicht geben. Es ist unmöglich, an Stelle des Glaubens an das Glück als an das höchste Gut (Glück natürlich als Wohlbefinden verstanden) ein darüber hinausliegendes Ziel weltanschaulich zu vertreten.

Diese Vision von Aldous Huxley stellt das Verlangen der Zivilisation nach einer Wohlfühlzivilisation dar, deren Symbol eben die Muttergottheit ist. Die absolute Glückseligkeit in der Anonymität des Kollektivs – das ist es, was der Mensch heute im Grunde sucht und was er als Überwindung des >Dualismus<, eben des biblischen Glaubens, propagiert.

Nach dem letzten Weltkrieg schrieb auf einer einsamen Insel vor der Ostküste Schottlands ein ehemaliger Mitstreiter der >Internationalen Brigade< im spanischen Bürgerkrieg, der aber dann vom Kommunismus abtrünnig geworden war, Eric Blair, seine einfach niederschmetternde Zukunftsvision für das Ende dieses Jahrhunderts nieder. Dieser am Kommunismus irre gewordene Schriftsteller wurde weltbekannt unter dem Namen George Orwell, und sein schriftstellerischer Welterfolg heißt >1984< (1. deutsche Ausgabe 1948). In dieser Schau der Zukunft findet sich genauso wie bei Huxley das radikale Nein zur Schöpfung, vor allem zu Familie und Ehe. Eine allmächtige Partei, die >grausame Mutter< der Gesellschaft, wütet gegen Natur und Schöpfungsordnung.

Die Partei wendet sich gegen alles, was den Menschen an die Natur bindet. So richtet sie sich beispielsweise gegen die Sexualität – nicht nur, weil die Sexualität sich eine Welt für sich zu schaffen verstand, sondern vor allen Dingen, weil die sexuelle Enthaltsamkeit zur Hysterie führte und damit ein erstrebenswertes Ziel erreicht wurde, denn diese Hysterie konnte in Kriegsbegeisterung und Führerverehrung umgewandelt werden. Sie wollen, daß man ständig zum Platzen mit Energie geladen ist. Dieses ganze Auf- und Abmarschieren, Hurrabrüllen und Fahnenschwenken ist weiter nichts als sauer gewordene Sinnlichkeit.

Wenn man innerlich glücklich ist, kann man weder über den großen Bruder noch den Dreijahresplan, die Zwei-Minuten-Haßsendung und den ganzen übrigen Schwindel in Begeisterung geraten. Die seelischen Energien sollen also nicht durch natürliche Triebe ausgelebt, sondern durch von der Partei gelenkte Ersatzformen abreagiert werden. Die Partei will das Sexualgefühl abtöten, es in den Schmutz ziehen. Es gibt die Jugendliga gegen Sexualität, die für die geschlechtliche Enthaltsamkeit eintritt und die künstliche Befruchtung (in der Neusprache heißt das Kunstsamen) fordert.

Ein wirkliches Liebeserlebnis war ein nahezu unvorstellbares Ereignis. Die Frauen dieser Partei waren sich alle gleich. Die Enthaltsamkeit war ihnen ebenso tief eingeimpft wie die Treue zur Partei … Der Akt der geschlechtlichen Verschmelzung, wenn er glückhaft vollzogen wurde, war ein Akt der Auflehnung. Die Begierde war ein Gedankenverbrechen.

Alle großen Gefühle wie Liebe, Freundschaft, Tragik usw. sind ausgerottet. Tragik, so muß der Außenseiter Smith erkennen, gehört einer vergangenen Zeit an, als es noch Eigenleben, Liebe und Freundschaft gab und die Mitglieder einer Familie, ohne nach dem Grund zu fragen, füreinander eintraten … Heutzutage gibt es Angst, Haß und Leid, also keine starken und wertvollen Gefühle, keine tiefen und echten Schmerzen.

Der utopische Mensch ist ein destruierter Mensch. Die Partei hat ihn abgebaut, damit seine Eigenständigkeit aufgehoben werden konnte und er für das Kollektiv reif wurde: Die alten Kulturen erhoben Anspruch darauf, auf Liebe oder Gerechtigkeit gegründet zu sein. Die unsrige ist auf Haß gegründet, für unsere Welt wird es keine anderen Gefühle geben als Haß, Wut, Frohlocken und Selbstbeschämung. Die Zertrümmerung der Grundordnungen, der systematische und planmäßige Abbau all dessen, was den herkömmlichen >alten< Menschen ausmacht, legt den utopischen Menschen frei.

Der Funktionär von >1984< sagt an: >In Zukunft wird es keine Gattinnen und keine Freunde mehr geben. Die Kinder werden ihren Müttern gleich nach der Geburt weggenommen werden, so wie man einer Henne die Eier wegnimmt. Der Geschlechtstrieb wird ausgerottet. Die Zeugung wird eine alljährlich vorgenommene Formalität wie die Erneuerung einer Lebensmittelkarte werden. Wir werden das Wollustmoment abschaffen; unsere Neurologen arbeiten gegenwärtig daran. Es wird keine Treue mehr geben, außer der Treue gegenüber der Partei. Es wird keine Liebe mehr geben, außer der Liebe zum Großen Bruder. Es wird kein Lachen mehr geben, außer dem Lachen des Frohlockens über einen beseitigten Feind. Es wird keine Kunst geben, keine Literatur, keine Wissenschaft. Wenn wir allmächtig sind, werden wir die Wissenschaft nicht mehr brauchen. Es wird keinen Unterschied geben zwischen Schönheit und Häßlichkeit. Es wird keine Neugierde, keine Lebenslust geben … Wenn Sie sich, so fährt der Parteifunktionär von 1984 in seiner Rede fort, >ein Bild von der Zukunft machen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der einen Menschen tritt, immer und immer wieder. Die Zerstörung der Grundordnung ist die Voraussetzung dafür, daß die Macht der Partei, die ja in der Ausschaltung des Individuellen besteht, erhalten bleibt. Macht heißt, einen menschlichen Geist in Stücke zu reißen und ihn nach eigenem Gutdünken wieder in neuer Form zusammenzusetzen. Der Mensch soll seines eigentliches Ichs beraubt werden, er soll nichts weiter als eine Schöpfung der Partei sein. Es gibt keine über alle Wechsel- und Umwandlungsversuche erhabene menschliche Natur.<

Der Parteifunktionär kann sagen: >Sie bilden sich ein, es gäbe so etwas wie die sogenannte menschliche Natur, die durch unser Tun unbefriedigt sein und sich gegen uns auflehnen werde. Aber wir machen die menschliche Natur!«< (Huntemann, a. a. O., S. 128 ff.).

Der moderne Feminismus könnte zumindest dem letzten Satz dieses Terrorkommissars in George Orwells »1984« vollauf zustimmen! Es gibt nicht die Natur – die Natur wird gemacht; es gibt nicht die Frau, sondern die Frau wurde gemacht – sagen alle Feministen.

Wer als Christ diese Zukunftsahnungen liest, weiß sich erinnert an viele Aussagen der Bibel über das Ende dieser Welt. In diesem Zusammenhang sei vor allem an 1. Timotheus 4, 1-5 erinnert:

»Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und auf irreführende Geister und auf Lehren von Dämonen achten werden. Eine Folge der Heuche¬lei von Lügenrednern, die in ihrem Gewissen gebrandmarkt sind, die verbieten zu heiraten und gebieten, sich von Speisen zu enthalten, die doch Gott für die, welche gläubig sind und die Wahrheit erkannt haben, geschaffen hat, damit sie mit Danksagung genossen werden. Denn alles von Gott Geschaffene ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird, denn es wird durch Gottes Wort und Gebet geheiligt.«

Hier steht der Apostel Paulus schon im Kampf mit einer »Gnosis« genannten religiösen Bewegung, die Gott und Schöpfung trennen und dem eine dem Menschen verfremdete Natur als das Nichtige entgegen stellen wollte. Dieser gnostische Schöpfungshaß bricht heute im nachchristlichen Heidentum wieder auf, wobei unsere Gegenwart hin- und herschwankt zwischen Naturalismus als Verklärung und Vergöttlichung der Natur einerseits und totaler Manipulation der Natur andererseits.

Einerseits wollen Zivilisationsflüchtlinge in kleinen Hütten von den Früchten der Felder leben und, in Fellen gekleidet, am Busen dei Natur hängend, die Technik abschaffen und Straßen in Gärten, Industriegelände in traute Gartenlauben verwandeln, und andererseits wird Muttersein verflucht, sollen Babys in Reagenzgläsern aufwachsen und das sexuelle Glück der Frau im Lesbismus gefunden werden.

In jedem Fall wird Nein gesagt gegen das Zueinander von Natur und Gottes Ordnung, also Nein gegen Gott und seine Ordnung der Schöpfung. Die Bibel versteht Natur als Schöpfung Gottes, die aber eine durch Feindschaft gegen Gott gefallene Schöpfung ist; Natur als Idylle oder Paradies auf Erden kennt die Bibel nicht.

Unter dem Worte Gottes gibt es weder Naturschwärmerei noch Weltverachtung. Die Natur ist weder Quelle des Glücks noch Ursache allen Verderbens. Die Natur ist aber vor allem nicht der unbegrenzte, nach dem Willen des Menschen knetbare Teig«! Dieser kann mit der Natur und auch mit sich selbst und natürlich auch mit seinem Nächsten, also mit dem Mitmenschen, nicht machen, was er will.

So wahr es Naturgesetze gibt, so wahr gibt es Ordnungen, absolute und zu jeder Zeit und an jedem Ort dieser Welt gültige Gesetze Gottes, die allein ein menschenwürdiges und wenn auch nicht ein idyllisch-glückliches, so doch sinnerfülltes Leben bieten.

Unmittelbar zum Thema Feminismus bedeutet das: Sexualität erschöpft sich nicht in der »Legitimation durch die Fortpflanzung« – Sexualität hat ihren Sinn auch in sich durch die ganzheitliche Hingabe von Mann und Frau. Aber sie erfüllt sich erst dann, wenn die Ehe zur Familie wird, wenn Sexualität und Muttersein als eine wirkliche Ganzheit nicht verneint, sondern bejaht werden.

Mann und Frau haben die biblische Bestimmung zum Vater- und Muttersein. Das ist die biblische Ganzheitlichkeit, die eben wirklich etwas ganz anderes aussagt als die »wholeness« der Feministinnen.

»Die Frau sei dem Manne untertan«

Die für den theologischen Feminismus wohl herausforderndste Aussage im Neuen Testament steht im ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus (Kap. 2, Vers 11-15):

»Eine Frau lerne still in aller Unterordnung; zu lehren aber gestatte ich einer Frau nicht, auch nicht, sich über den Mann zu erheben, sondern ich gebiete ihr, sich still zu verhalten. Denn Adam wurde zuerst geschaffen, darnach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, das Weib vielmehr wurde verführt und ist in Übertretung geraten. Sie wird aber gerettet werden durch das Kindergebären, wenn sie in Glauben und Liebe und Heiligung mit Sittsamkeit verbleibet.«

In diesen wenigen Sätzen steht fast alles, wogegen der Feminismus Sturm läuft. Aber es steht nun einmal da – gar nicht vereinzelt, auch nicht begrenzt auf die Schriften des vom Feminis¬mus so gehaßten Apostels Paulus.

Daß Adam, der Mann, »zuerst erschaffen wurde«, bedeutet nicht nur hier bei Paulus, sondern im biblischen Verständnis überhaupt eine Vorordnung des Mannes. Das »zuerst« ist nicht nur eine zeitliche, sondern eine wesenhafte Vorordnung. In 1. Mose 1, 27 lesen wir, daß Gott den Menschen »als Mann und als Weib« nach seinem Bilde schuf, und beide sollen die Erde beherrschen. Der Mensch ist als Mann und als Weib und damit in der Zuordnung von Mann und Weib.

Diese ursprüngliche Zuordnung der Frau zum Mann als eine »Hilfe« (1. Mose 2,18) war unbedingt schon vor dem Fall gegeben – aber es war vor dem Sündenfall eine repressionsfreie Vorordnung des Mannes über die Frau. Diese repressionsfreie Vorordnung ist für den gefallenen Menschen nicht vorstellbar – wie ursprüngliche, ungefallene Schöpfung überhaupt nicht vorstellbar ist.

Daß die Frau die »Hilfe« des Mannes ist, wird durch Paulus (1. Kor. 11, 9) so erklärt und bestärkt: »Denn der Mann wurde nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen.«

In diesem Zusammenhang fordert der Apostel, daß »die Frau eine Macht haben soll um der Engel willen«. In der katholisch-evangelischen »Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift« (Neues Testament 1979) wird das griechische Exousia, das Macht und Vollmacht heißt, so verstanden, daß die Frau durch Paulus die Vollmacht erhalten habe, prophetisch zu reden, um sich charisma¬tisch (also etwa durch Reden in Zungen) vor der Gemeinde zu akzentuieren.

Das aber ist feministisches Wunschdenken mit feministischer Fehlinterpretation dieser Aussage des Apostels. Die »Macht auf dem Haupte« ist Zeichen dafür, daß im gottesdienstlichen Leben sichtbar werden soll, daß die Frau dem Mann zugeordnet und ihm untertan ist, »denn der Mann braucht sein Antlitz nicht zu verhüllen, da er Abbild und Abglanz Gottes ist. Die Frau ist aber der Abglanz des Mannes« (1. Kor. 11, 7).

Die Engel, von denen hier die Rede ist, sind (vgl. dazu den klassischen niederländischen Kommentar »Korte Verklaring« zu 1. Korinther, S. 136) Zeugen gewesen von der Erschaffung des Menschen. Sie leben das Leben der Gemeinde mit (1. Kor. 4, 9; Eph. 3,10; 1. Tim. 5, 21; Hebr. 1, 14). Nicht nur um des Mannes willen, sondern um der Ordnung des Kosmos und der himmlischen Mächte, also einer unbedingten und absoluten Ordnung willen, soll die Frau sich zu der Autorität bekennen, der sie von Gott unterworfen ist.

Im Zueinander von Mann und Frau als Befreiung von der Einsamkeit (1. Mose 2,18: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei«) liegt der Sinn der Erschaffung des Menschen eben als Mann und Frau. Diese Befreiung aus der Einsamkeit findet ihre Erfüllung in jeder geschlechtlichen Begegnung, in der Mann und Frau ein Leib sind (1. Mose 2, 24).

Dieses »Ein-Leib-Sein« meint eindeutig jene Weise geschlechtlicher Begegnung, die gerade von den Feministinnen verurteilt wird, nämlich das vaginale Zueinander von Mann und Frau. Dieser Modus sexueller Kommunikation ist – bei aller Variationsbreite sexueller Begegnung in phantasievoller Gestaltung der Lust – Ziel und Erfüllung geschlechtlicher Begegnung, eben konkret das »Ein-Leib-Sein«.

Durch den Sündenfall ist das Zueinander von Mann und Frau ein repressives Zueinander geworden. Die Geschichte ist voll grauenhafter Beispiele für die Erniedrigung der Frau und für den Kampf zwischen Mann und Frau.

Aber ist durch die Erlösung in Christus nicht alles radikal neu und anders geworden? Die wohl am häufigsten im Feminismus zitierte Bibelstelle ist Galater 3, 26-28. Dort heißt es: »Denn ihr seid alle Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen; da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.«

Ausgerechnet bei dem von den Feministen so verachteten Apostel Paulus holt sich eben dieser Feminismus seine Belegstelle dafür, daß die Vorordnung des Mannes vor der Frau durch Christus aufgehoben sei, obgleich dann wieder im 1. Korintherbrief – wie wir gerade gesehen haben – das Gegenteil ausgesprochen wird.

Sinn dieser Aussage im Galaterbrief und in allen anderen paulinischen Briefen ist doch nicht, daß es »in Christus» nun keine Männer und Frauen gäbe! Die Erlösung in Christus bedeutet doch nicht die Zerstörung, sondern die Erlösung der Schöpfung! Die Erlösung gilt für alle, die Gott erwählt hat, gleichgültig, ob Jude, Grieche, Sklave, Man oder Frau! Alle haben Teil an Gottes erwählendem Heilshandeln! Alle leben durch Gott und in der Verantwortung vor Gott, der kein Ansehen der Person hinnimmt: »Doch im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Manne, so auch der Mann durch die Frau, alle aber von Gott« (1. Kor. 11, 11-12).

Die Erlösung in Christus verwandelt das durch den Fall repressiv gewordene Zueinander von Mann und Frau. Die schöpfungsgege¬bene Herrschaftsstruktur wird nicht abgeschafft, sondern erlöst! Aus der Sündenordnung wird das Zueinander von Мапп und Frau in die Heilsordnung gebracht, in die befreite Schöpfungsordnung:

»Ich will aber, daß ihr wißt, daß das Haupt des Mannes Christus ist, das Haupt der Frau aber der Mann, das Haupt Christi aber Gott«, sagt derselbe Apostel Paulus (1. Kor. 11, 3).

Der Mann soll seine Frau so lieben, wie Christus seine Gemeinde geliebt hat.

Klassisch sind die Aussagen im 5. Kapitel des Epheserbriefes: »Ihr Frauen, seid untertan euren Männern wie dem Herrn! Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, der es als Erlöser seines Leibes ist. Wie nun aber die Kirche Christus untertan ist, so sollen auch die Frauen ihren Männern in allem sein. Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben hat .. . So haben die Männer die Pflicht, ihre Frauen zu lieben als ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und hegt es, wie auch Christus die Kirche; denn wir sind Glieder seines Leibes …« (Verse 22-25. 28-29).

Das biblische Zeugnis von der christifizierten Vorordnung ist so eindeutig, daß der Feminismus mit seinem Programm der Egalisierung oder gar Matriarchaisierung am klaren Text der Bibel zerbricht und ihr dringend zu raten ist, sich vollends zu emanzipieren, also doch nun endlich darauf zu verzichten, sich irgendwie und irgendwo durch raffinierte Interpretation doch noch mit der Bibel zu arrangieren.

Wenn aber – wie listige Modernisten argumentieren – alle diese Aussagen der Bibel über die Frau zeitgebunden sein sollen, obgleich sie in entscheidende Heilsaussagen eingebettet sind, dann kann nach Belieben und Willkür in der Schrift relativiert und in letzter Konsequenz alles als soß »zeitgebunden« vom Tisch der Gegenwart weggefegt werden.

Die Bibel, das Wort Gottes, kann so wenig – als Ganzes – verneint werden wie die Schöpfung. Die Parallelen dieser Verneinungen sind offenkundig: Die Bibel in ihren Aussagen wird pervertiert, sie wird zerstückelt und zerschnitten, um dann nach eigenem Geschmack gebraucht zu werden. Die Schöpfung wird ebenso pervertiert, weil im radikalen Feminismus die Frau eben nicht mehr Frau, vor allem nicht mehr Mutter sein will und sein soll.

Die Schöpfungsordnung Gottes ist eben eine Wirklichkeit, denn Mann und Frau sind als Geschöpfe, also von Natur aus, verschieden! »Die Natur lehrt selbst«, sagt Paulus (1. Kor. 11, 14). Um es einfach zu sagen: Ein Mann kann eben keine Kinder gebären – jedenfalls so lange nicht, bis radikale Feministen in einer zukünftigen sekundären Welt, motiviert durch Schöpfungs¬haß, auch dieses erreichen.

Gleichberechtigung steht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Schöpfungsordnung Gottes. Das geschlechtliche Zueinander von Mann und Frau ist und bleibt strukturiert durch das den Feministen verhaßte Zeugen des Mannes und die Hingabe der Frau.

Das Abenteuer der Feministen ist das Abenteuer der Schöpfungs- und Lustfeindlichkeit – das Abenteuer der Selbst- und Menschenfeindlichkeit. Der Feminismus ist inhuman.

Der Untergang des Mannes.

Eine der Ursachen (wenn nicht vielleicht die Ursache überhaupt) für die Revolution der Frau ist die Krise oder – noch schärfer ausgedrückt – der Untergang des Mannes. Wir leben im Zeitalter der »Entmannung des Mannes«, in einer »kastrativen« Epoche, gekennzeichnet durch den härtesten Klassenkampf, den es je gegeben hat und der zerstörend und aufsprengend durch die Familie schleicht: Ich meine den Klassenkampf der Frau gegen den Mann.

Schon 1954 konnte Abram Kardiner (»Sex and Morality«,1954) im Blick auf die amerikanische Gesellschaft feststellen, daß in den Massenmedien die Frau mehr und mehr als ein Wesen erscheint, »das den unbeholfenen Ehemann nach Belieben herumscheucht« (vgl. Hoffmann R. Hays, »Mythos Frau. Das gefährliche Geschlecht«, 1978, S. 361): »Gehorsam und unterwürfig sorgt er für den Familienunterhalt, während in Wirklichkeit seine Frau alle Macht in Händen hält. Ist ihr Kind-Mann durch eigene Schuld in Schwierigkeiten geraten, so muß sie ihm heraushelfen, und er zahlt für ihren Beistand mit dem Verlust seiner Würde.«

Die damalige einflußreiche amerikanische Wochenzeitschrift »Look« veröffentlichte schon 1958 eine Dokumentation mit dem alles sagenden Titel »The Decline of the American Male« (Der Untergang des amerikanischen Mannes). Dieses Schlagwort deckte nun plötzlich die Tatsache auf, daß die US-Gesellschaft direkt auf dem Wege in ein Matriarchat war – und das alles vor 25-30 Jahren!

Abram Kardiner versteht in diesem Zusammenhang die Homosexualität als ein – so wie H. R. Hays es interpretiert – »Ausweichen des Mannes vor zu hoch gespannten Forderungen an seine Männlichkeit … Betrachtet man also die moderne Flucht vor der Frau als ein Ausweichen vor den Forderungen, die an die Männlichkeit gestellt sind, so scheint es – auch im Blick auf die Haltungen vergangener Zeiten -, als habe der Mann als Mann von Anbeginn mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt« (Hays, a. a. O., S. 363).

Diese Diagnose von der immerwährenden Krankheit der Männlichkeit des Mannes ist insofern richtig, als Mannsein eine immer angefochtene und zu erkämpfende Schöpfungsordnung war, ist und sein wird. Schöpfungsordnungen können ihre Ordnungswirklichkeit verlieren, sie können preisgegeben und verraten werden. Feindschaft gegen Gott ist eben Feindschaft (und auch weitgehend Zerstörung) gegen die Schöpfungsordnungen. Feindschaft gegen Gott ist in der legten Konsequenz für den Mann Feindschaft gegen seine Männlichkeit.

»Und lehrt euch die Natur nicht selbst, daß, wenn ein Mann lange Haare trägt, es eine Schmach für ihn ist?« (1. Kor. 11, 14). Die äußerlich sichtbare Feminisierung des Mannes – in der damaligen homoerotischen Zivilisation Griechenlands offenkundig-, eben die »Verweichlichung«, wird vom Apostel Paulus (und wahrlich nicht nur von ihm) verurteilt: »Irret euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, nicht Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder … werden das Reich Gottes erben« (1. Kor. 6, 9).

Gott ist ein Vatergott (wir werden im nächsten Absatz die Gewichtigkeit dieser Aussage noch bedenken)! Zu Gott hin, als Repräsentation Gottes, begründet sich erst die Männlichkeit des Mannes. Im Gottesverlust des Unglaubens verliert er seine Männlichkeit.

Der Glaubenszerfall des »modernen Menschen« in der westlichen Zivilisation mußte zwangsläufig zur Entmannung des Mannes führen! Der Mann ist nicht mehr Wille, weil er den Willen Gottes nicht mehr aufnimmt! Der nicht mehr von Gott gerufene, der Gott fliehende Mann ist der sinnlose, der an seinem Mannsein zerbrechende, in der Krise kaputtgehende und sich in seinem Selbst auflösende Mann.

Die Frau lebt aus der Hingabe zum Mann. Wenn aber der Mann nicht mehr Mann ist, verliert die Frau – ganz einfach und allen Feministen zum tödlichen Ärgernis gesagt – ihre Zuordnung zum Mann. Wo soll ergänzende Begegnung zwischen Mann und Frau sein, wenn der Mann nicht mehr Mann ist? Wie soll die Frau den Mann fürchte, oder – wie es in der Zürcher Bibel übersetzt heißt, wie soll sie »vor dem Маnn Ehrfurcht haben« (Eph. 5, 33), wie soll sie – noch ärgerlicher für die Feministen – dem Mane untertan sein, wenn der Маnn selbst Gott, seinem Herrn, nicht mehr untertan ist?

Wie soll sich die Frau dem Mann »hingeben« und darin, letztlich wirklich nur darin, die Erfüllung ihres erotischen Verlangens erfahren, wenn der Mann »mutterschutzsuchenderweise« in der Frau eben nur noch die Mutter sucht? Eine Frau kann und soll einen Mann nicht »ehrfürchten«, sie kann dem Mann nicht untertan sein »wie dem Herrn«, wenn eben der Mann durch Unglaube das Mandat, die Vollmacht, die Bevollmächtigung Gottes verloren hat!

Von daher gesehen, ist der Feminismus Strafgericht über die heilsverlorene Gottesflucht des Mannes in unserer Zeit. Männerherrschaft ohne Gottesfurcht ist Maskulinismus, der das Strafge¬richt des Feminismus erleiden muß, oder, anders ausgedrückt, die Quantität des maskulinen Atheismus schlägt um in die Qualität eines atheistischen Feminismus.

Gerade in diesem »dialektischen Sprung« leben wir heute! Hier liegt auch die qualvolle Herausforderung der Frau! Sie hat weder dem maskulinen noch dem »weichlichen« Mann untertan zu sein! Ihre Ehrfurcht gegenüber dem Mann ist – wie es der Epheserbrief ausdrückt – »im Herrn«! Nur im Herrn gilt das Zueinander von Mann und Frau – alles andere wäre Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, wäre Versklavung des Mannes oder der Frau. Genau das will die biblische Schöpfungsordnung nicht.

Gott, der allmächtige Vater

Der Feminismus meint mit seinem Leitwort »Wholeness« das nicht mehr differenzierte, aus der Spannung befreite »Ganze«. Das bergende und schützende, umhüllende Eintauchen in den Schutz der großen Mutter steht gegen das Gegenüber von Gott und Mensch, gegen die Spannung von Fleisch und Geist, Himmel und Erde, Tod und Leben – gegen all die Wirklichkeiten, die mit der Relation Männlichkeit in den Aussagen der Bibel repräsentiert sind.

Der Gott im Alten Testament ist Trennung und Spannung zur Welt und zum Menschen. Er ist dieses dynamisch-dramatische Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf, Himmel und Erde. Gott der Herr (die Septuaginta wird immer den Namen Gottes »Jahweh« mit Kyrios, also »Herr« übersetzen) ist eben – wie Karl Barth es in seiner großen theologischen Jugendzeit wieder entdeckte – der »ganz Andere«, der heilige, der unsichtbare, auch durch Gefühl und Begriffe nicht fallbare Gott.

Vor allem ist er das heilige Gegenüber zu jener Welt und zu jenem Menschsein, das der Sünde verfallen ist. »Die Ägypter sind Mensch und nicht Gott, ihre Pferde sind Fleisch und nicht Geist«, ruft Jesaja (31, 3). Gott ist der Herr, aber Gott ist nicht ein Mann.

Dem Gott des Alten Testamentes fehlt jeder geschlechtlich bestimmte Zug. Das unterscheidet ihn sofort und grundlegend wesenhaft von allen Göttern des Alten Testamentes. Denn sie sind ausnahmslos geschlechtlich bestimmt: »Dem Gott steht keine Göttin zur Seite … Aber der Gott des Alten Testamentes ist einer. Er ist Person, ist Mann, wird für einen Mann gehalten (Gen. 18) und handelt wie ein Mann. Aber diesem Mann stelit keine Frau zur Seite. Gott hat keine Göttin neben sich«, schreibt der Züricher Alttestamentler L. Köhler (»Theologie des Alten Testaments«,1947).

Gott – wir werden nicht müde, es zu wiederholen – ist nicht ein Mann, sondern – im Alten Testament vornehmlich – Gott offenbart sich in männlichen Relationen. Weil Gott sich in diesen Relationen offenbart, kann es überhaupt nur die Verwirklichung des Mannes als Geschöpf Gottes geben. Gott ist nicht Person, weil der Mensch Person ist, sondern der Mensch ist Person, weil Gott personiert, – also im Anruf, also durch sein Wort – sich offenbart. Gott ist nicht zur Manne gemacht, weil es Männer gibt, sondern es gibt männliche Menschen, weil Gott sich in Relationen offenbart, die wir männlich nennen.

Dieser offenbarte Gott ist eben nicht verschlungen in die Geschicke und Schicksale des Kosmos – er ist frei, und in seiner Zuwendung zur Welt ist er Wille. Diese Offenbarung vom lebendigen Gott »verwehrt den Irrtum, als sei Gott eine ruhende, unbeteiligte abstrakte Idee oder ein starres, den Menschen wie eine stumme, aber festhaltende Mauer entgegengestelltes Prinzip«, sagt L. Köhler (a. a. O., S. 6). Gott ist im Kampf gegen die Sünde – er ist der Kriegsgott -, gegen eine gottfeindliche Welt. Er ist der Herr der himmlischen Heerscharen (2. Mose 17, 15; 4. Mose 14, 42 ff.; 5. Mose 33, 29; Jos. 6,16;1. Sam. 28,18; vor allem eben 2. Mose 15, 3 und Ps. 24, 8). Dieser Gott ist ein Gott, der sich in Donner, Blitz, Rauch und Feuer offenbart.

Diese Art und Weise der Offenbarung Gottes zeigt gerade das Gegenteil des »seid umschlungen, Millionen« der Wohlfühlgesellschaft. Er ist der Gegensatz zur Idylle der »Mutter Natur«.

Materie kommt von Mater, und Mater heißt Mutter: Der moderne Materialismus, in welcher Gestalt er auch immer auftreten mag, mehr ideologisch fixiert oder als Konsumgenossentum, will die »Mutter Erde« als letzten Inhalt gegen Gottvater denken und ausleben.

Dieser moderne Materialismus ist aber im Grunde ein alter Materialismus; denn die Fruchtbarkeitskulte der Muttergottheiten der Heiden zur Zeit des alttestamentlichen Gottesvolkes wollten nichts anderes als dieses fleischliche Eintauchen, diese emotionale Dynamis, dieses Verschlungenwerden von Mutter Erde.

Ur- und Zeugungskraft der Erde, die durch Göttinnen vermittelt wurde, das war es, worauf der Mensch aus war, genau das will er heute: Vitalität diesem Leben und dieser Welt abzaubern.

Hiergegen steht Gott als Wille, Kampf und Freiheit – eben als der Herr nicht von dieser Welt, sondern über dieser Welt. Jahweh – dieser Gottesname meint nicht die Identität Gottes mit dem Sein, sondern dieser Name meint, daß Gott der Herr ist über das Sein. Alles, was ist, ist geschaffen und abhängig; allein Gott ist ungeschaffen und unabhängig.

Den Zugang zu ihm haben wir nicht dadurch, daß wir uns stimulieren, uns zu ihm emporjubeln, sondern dadurch, daß wir ihn anreden, weil er ja auch uns angeredet hat. Den Zugang haben wir im Gebet. Und Gott antwortet mit Taten, mit Zeichen in unserem Leben.

»Über 6700mal findet sich im Alten Testament der Gottesname Jahweh. Das Judentum spricht durch Ehrfurcht vor diesem Namen statt seiner Adonaj, d. h. meinem Herrn, im Sinne von meiner Herrschaft« (Köhler). 6700 mal hat die Septuaginta diesen hebräischen Namen mit Kyrios, d. h. Herr, übersetzt. »Daß Gott der gebietende Herr ist, das ist der eine und grundlegende Satz des Alten Testamentes« (Köhler, a. a. O., S. 12).

Wenn Gott Wille ist – dann ist das Gottesvolk Gehorsam; wenn Gott der Herr ist – dann ist das Gottesvolk sein Diener, sein »Gottesknecht«. Aber wenn Gott Wille ist, dann ist der Glaubende auch Wille; und wenn Gott der Herr in seiner Freiheit ist, dann ist der Glaubende auch frei, denn er trägt den »Abglanz Gottes«.

Durch Jesus ist eine neue Anrede Gottes in die Geschichte des Gottesvolkes eingebracht worden. Auch im Alten Testament gibt es die Anrede Gottes mit Vater (vgl. 5. Mose 32, 6; Hiob 38, 28; Ps. 68, 6; Jes. 63,16; Jer. 3, 4). Aber die Anrede Gottes als Vater steht nicht so im Mittelpunkt des Alten Testamentes wie die Anrede »Herr«. Die entscheidenden Anreden Jesu sind Anreden Gottes mit Vater. In dieser Anrede steht die Aussage: Gott als der Herr ist die Liebe! »Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben!« (Joh. 3, 35).

Die Anrede Gottes mit Vater ist möglich durch das versöhnende Handeln des Sohnes, der gehorsam war bis zum Tode am Krеuz (Phil. 2, 8).

Der Feminismus mißachtet Versöhnung am Kreuz als »ödipal«, also androzentrisch und damit irrelevant für eine androgyne Gesellschaft. In der Wirklichkeit des Neuen Testamentes aber ist Versöhnung, der willenhafte Gehorsam bis zum Tode am Kreuz, die einzige, entscheidende und heilbringende Realisierung der Liebe Gottes. Nur durch diese Versöhnung sind wir in der Liebe, in der wir Gott als Vater bekennen und an ihn glauben. Ohne diese Versöhnung, durch die auch unser Leiden, das Leiden der Welt, sinnvoll wird, wäre es Hohn, von der Liebe Gottes zu reden – es sei denn, daß man sich durch Drogen wegträumt aus den harten Wirklichkeiten dieser Welt.

Gott offenbart sich als Herr und als Vater. Daran ändern auch Hinweise auf hier und da gemachte und gefundene Relationen der Mütterlichkeit Gottes gar nichts. Relationen der Mütterlichkeit (der mütterlichen Liebe) stehen immer in einer Zuordnung zum Herrsein, zum Vatersein Gottes. Gott ist ja kein Mann und kein Vater, wie ein Mensch Vater oder Mann ist. Gott ist anders, und darum ist seine Liebe anders als unsere Liebe. Diese Offenbarung Gottes als Herr und Vater ist unteilbar; sie gilt so lange, bis wir ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, bis zu der Stunde, da wir nicht mehr glauben, sondern schauen (1. Kor. 13).

Beinhaltet dies nun eine »Diskriminierung« der Frau? Ist also – wie die Feministinnen behaupten – die Bibel eine Projektionswand für Patrismus und Androzentrismus?

Dazu sagen wir, geleitet durch das biblische Wort: Mann und Frau leben in gleicher Weise durch den und in dem einen Vater. Gott als Vater und Herr bedeutet für Mann und Frau, daß sie in der Begegnung mit diesem Gott aus der Hingabe leben und die Empfangenden sind; beide leben nicht aus sich selbst, sondern in, durch und zu Gott. Der Mensch als Mann und als Frau ist gegenüber Gott nur Hingabe.

In diesem Zusammenhang erinnern wir an die vielen Aussagen des Apostels, daß Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Gott hat keine Helden zum Gegenüber, sondern Menschen, die er aus dem Nichts herausruft, damit sie überhaupt sind.

Der Mann lebt diese Hingabe dann in der Hereinholung der Willenhaftigkeit Gottes! Er empfängt (!) das Mandat des Herrseins. Die Frau hingegen hält die Wahrheit der Hingabe wach, auch in der hingebenden Zuordnung an den Mann!

Zwischen Мапп und Frau ist – natürlich und heilsgeschichtlich – kein Wesens-, sondern ein Relationsunterschied. Der Mann zeugt Leben, die Frau empfängt es – der Маnn repräsentiert die Kreativität Gottes, die Frau repräsentiert das Empfangen dieser Kreativität. Sie tun und leben dieses beide als Geschöpfe Gottes, beide als Kinder Gottes, beide als Erlöste; beide aber auch als solche, die auch in der Erlösung einander Ergänzende sind, weil jeder seine besondere Gabe einbringt.

Der Wille des Mannes lebt von der Hingabe der Frau, und die Hingabe der Frau lebt von dem Willen des Mannes. In jedem gläubigen Mann ist die Gnade der Hingabe, in jeder gläubigen Frau ist die Gnadenkraft des Willens – aber die Dominante im heilsgeschichtlichen Auftrag des Mannes ist der Wille, und die Dominante im heilsgeschichtlichen Auftrag der Frau ist die Hin¬gabe.

Die Repräsentation der Hingabe ist Maria: »Ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort« (Luk. 1, 38), die Repräsentation des Willens ist Christus: »… daß ich tue den Willen des, der mich gesandt hat« (Joh. 6, 38).

Jesus, der Mann

Der Prozeß der Feminisierung oder Androgynisierung Jesu begann nicht mit der Revolution des Feminismus, sondern kam mit ihr zum Abschluß.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gottessohn Jesus Christus auf den frommen Tischler Jesus von Nazareth und sein sogenanntes »Ethos der Bergpredigt« reduzierte, hat nicht zuletzt durch eine Flut vulgär-liberaler Jesusbücher (z. B. Renans »Leben Jesu«) ein quietistisches, sozusagen »vorfeministisches« Jesusbild produziert. Diese »Jesus von Nazareth-Produktion« lieferte aber gar nicht eine Projektion der Männlichkeit, wie die Feministen in Unkenntnis der Leben-Jesu-Forschung des 18. und 19. Jahrhunderts behaupten, sondern viel eher die Projektion einer quietistisch-idyllischen, sehnsüchtigen Wirklichkeitsverfremdung, die in ihrem Kernprozeß feministisch ist.

Das Kreuz wurde zum Ohnmachtssymbol eines »Edlen«, der an der Wirklichkeit der Welt zerbrach. Die Entmythologisierung des Christus wurde zur Entmächtigung des Jesus Christus. Er ist nicht mehr der Kyrios, der Herr, als der er im Neuen Testament bekannt wird, der als Pantokrator zur Rechten Gottes im Himmel regiert, sondern er ist der entmachtete, entvollmächtigte, einhorizontalisierte, eben dieser Weltwirklichkeit ausgelieferte und unter der Ohnmacht Gottes rebellierende ohnmächtige Mensch.

Diesen Trümmerhaufen alt- und neuliberaler Theologie fand feministische Quasitheologie schon überall herumliegen an Hochschulen und in den Kirchen. Dieses quietistisch-idyllische Jesusbild ist so sehr eingerahmt in eine allgemeine, volkskirchliche und außerkirchliche Bewußtseinslage, daß hier mehr als nur Theologie am Werk gewesen ist.

Die im volkskirchlichen (und ganz sicherlich nicht nur hier) Raum vermittelten Rudimente einer bim fischen Jesusüberlieferung wurden zum Projektionsfeld einer quietistisch-mütterlichen Geborgenheitssehnsucht, so daß insbesondere eben neuprotestantisches Jesusverständnis die katholische Marienfrömmigkeit kompensieren konnte.

Diese Verfälschung der neutestamentlichen Zeugnisse von Jesus Christus bringt Degeneration und Retrogression: Zerfall der Jesusüberlieferung aus unchristlicher, weltflüchtiger (nicht weltüberwindender) Geborgenheitssehnsucht. Die Geborgenheitssehnsucht will Flucht vor, aber nicht Überwindung der gottfeindlichen Wirklichkeit. Dieser gemalte Jesus repräsentiert die billige Gnade einer als Idylle mißverstandenen Welt.

Versöhnung und Erlösung des Heilands sind Kampf. Christus kämpft gegen die Gottfeindlichkeit der irdischen und himmlischen Gewalten – im Kosmos (vgl. Die Sturmstillung) und im Menschen (vgl. Heilungen und Vergebung). Er gebietet in der Vollmacht und in der Kraft Gottes. Jesus vergibt die Schuld (er redet sie nicht weg) durch sein willenhaftes Leiden am Kreuz. Er tilgt die Schuld, weil er sie in der willenhaften Überwindung des Schmerzes am Kreuz vernichtet hat.

Christus ist das Licht in der Finsternis. Er scheidet Licht und Finsternis und bewirkt die Spannung, die erst mit seiner Wiederkunft in der Herrlichkeit überwunden sein wird. Er redet diese Spannung eben nicht weg, sondern durchleidet und durchkämpft sie.

Der androgyne Jesus aus der Vorstellungswelt des Feminismus, dieser heitere, clownartige, naiv-quietistisch Zwergidylliker, leugnet den wahren Christus und das wahre Christwerden. Hier wird der Schmerz in der Wiedergeburt so sehr verhöhnt wie die Wirklichkeit der Versöhnung am Kreuz. Dieses Pseudo-Christentum ist Fleisch, aber nicht Geist. Es ist Aufstand von unten, aber nicht Rettung von oben.

Daß sich Jesus erbarmend den Frauen zuwendet, daß Frauen ihm nachfolgen, daß sie unter dem Kreuz stehen und Zeugen seiner Auferstehung sind, bedeutet doch Zuwendung des Hei¬lands an alle, die ihn als Henn annehmen und die er, als der Heiland, erwählt hat. Obgleich aber Frauen Jesus nachfolgten, hat er zu Aposteln eben nur Männer eingesetzt, denn das Amt der Leitung (durch die Lehre des Wortes Gottes) in der Gemeinde blieb dem Mann vorbehalten – daran kann keine Interpretation der Feministen etwas ändern. Das kann der Feminismus nur bestreiten, wenn er die neutestamentliche Überlieferung mit Theorie und Hypothesen auseinandernimmt und nach seinen Bedürfnissen wieder zusammensetzt. Ohne Fälschung der Überlieferung spricht da nichts für den Feminismus.

Feminismus ist Irrlehre

In dieser zwiespältigen, von der Feindschaft gegen Gott überfallenen und dunkel beschatteten Welt ist Christus der Erlöser als der Kämpfer, Überwinder und Sieger. Diese Mächtigkeiten des Heils gelten als die Repräsentation des Männlichen. Also – wenn man so will – dann eben doch Jesus, der Mann. Aber diese Thematisierung des Feminismus meldet die altliberale oder, wenn man so will, neuliberale, auf jeden Fall urhäretische, eben arianische Motivation dieser feministischen Theologie!

Jesus, der Sohn Gottes, war Gott und wahrer Mensch, und auch als der in das Fleisch Gekommene, als der Erniedrigte, der die Knechtsgestalt annahm, die unser Menschsein prägt, hörte er niemals auf, Sohn Gottes zu sein. Der Heiland Jesus Christus kann nicht anthropologisiert werden seine Männlichkeit ist nicht unsere verfehlte Männlichkeit. Seihe Menschlichkeit – dem dreieinigen God sei Dank – ist nicht unsere verfehlte Menschlichkeit. Jesus ist der Christus – der Sohn Gottes, der in kein Bild und auch in keine Philosophie und Psychologie (auch nicht in die von Carl Gustav Jung) eingezwungen werden darf und kann.

Der Feminismus ist die Verneinung des in der Bibel geoffenbarten Gottes und seiner Schöpfung, des in der Bibel bezeugten Zueinander von Mann und Frau. Der Feminismus betreibt die Geschäfte jener Muttergottheiten, gegen die die Propheten des Alten Testamentes kämpften. Der Feminismus treibt die Kirche in die undifferenzierte, spannungslose Wohlfühlgesellschaft, in der sich das entpersonalisierte Kollektiv verwirklicht. In der Kirche, wie sie der Feminismus will, verschlingt – wie ehedem – die Muttergottheit das Individuum und zerstört die Botschaft von Christus, so wie damals die Göttinnen Kleinasiens ihre Götter verschlungen haben. Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Mann und Frau, Gott und Mensch werden durch sehnsüchtig erwartetes Kollektivmenschentum verschlungen.

Unsere Gegenwart tendiert auf Kollektivismus, und der Feminismus betreibt – wie jede Häresie – das Geschäft der Anpassung der Kirche an diesen gesellschaftlichen Trend. Der Feminismus mit seinen »großen Frauen«, angefangen von Simone de Beauvoir (»Das andere Geschlecht«, 1949), über Betty Friedan (»Der Weiblichkeitswahn oder die Selbstbefreiung der Frau«, 1970), Kate Miller (»Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft«, 1971) bis Mary Daly (»Beyond God the Father«, 1974) und vielen anderen, die wir in diesem Aufsatz nannten oder nicht nennen konnten, ist wohl die bislang letzte, aber auch wichtigste Aktualisierung des modernen Atheismus, der im Grunde die Retrogression, die quasimütterliche, sprich kollektive Gesellschaft anstrebt.

Der Feminismus ist keine Schreibtischrevolution, er ist Ausdruck des Verlangens der Masse nach kollektivistischer Geborgenheit.

Der Feminismus betreibt nicht den Kampf gegen den Mann, sondern gegen das Menschsein. Soweit er den Maskulinismus einer atheistisch sich mißverstehenden Supermännlichkeit als unchristlich und unmenschlich entlarvt, wollen wir gerne von ihm lernen. Aber der Feminismus zerstört das biblische Verständnis der Frau, verneint die besondere Geschöpflichkeit der Frau und treibt sie dadurch in eine tiefgreifende Einsamkeit und quälende Sinnlosigkeit. Die Feministinnen haben recht: Die Frau kann gegen die Schöpfungsbestimmung leben – wir fragen nur, ob sie diese Verneinung der von Gott gesetzten Schöpfung als Mensch überleben wird. Der Feminismus (femina heißt ja Frau) kämpft gegen die Frau, gegen die Mütterlichkeit in unserer immer einsamer, unpersönlicher und kälter werdenden Gesellschaft. Durch den Feminismus wird es noch kälter werden auf dieser Erde.

Entnommen dem Buch von Dr: Georg Huntemann:

DIE ZERSTÖRUNG DER PERSON

a. Umsturz der Werte

b. Gotteshaß der Vaterlosen

c. Feminismus

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