Europa ohne Christentum?

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Günter Rohrmoser

 

Kann es ohne Christentum Europa überhaupt geben?

 

Die Frage nach der europäischen Identität fällt mit einem leider nicht beglückenden Augenblick zusammen. Denn nachdem nun beschlossen worden ist, die Verhandlungen zur Aufnahme der Türkei als Vollmitglied in die Europäische Union zu beginnen, haben wir vom englischen Außenminister Straw die Begründung gehört, dass Europa nicht auf der Geschichte, sondern auf Werte gegründet sei. Und das sagt ein Außenminister, dessen Demokratie wie keine andere aus der Gegenwart und den Quellen der Geschichte lebt.

Damit sind wir bei dem Begriff der Werte. Was sind europäische Werte und was bedeuten Werte als Basis eines Urteils für den geschichtlichen Vorgang, den wir gegenwärtig erleben?
Ich nehme die Aussage unseres Altbundeskanzlers Helmut Schmidt zum Ausgangspunkt, der erklärt hat, die Aufnahme der Türkei in die europäische Gemeinschaft sei Unfug und zwar im Blick auf die zu erwartende Zahl von Türken, die früher oder später nach Europa aufbrechen werden. Zur Begründung dieses Eindrucks erzählte er von einem Gespräch, das er mit dem türkischen Ministerpräsident, dem Vorgänger von Ministerpräsident Erdogan, Demirel, gehabt hat. Herr Schmidt hat ihm gesagt, soviele könnten wir nicht aufnehmen, denn es würden mindestens 5 Millionen kommen. Und daraufhin hat ihn dieser türkische Ministerpräsident ausgelacht und erklärt: „Herr Schmidt, Sie täuschen sich, es kommen nicht 5 Millionen, es kommen 15 Millionen“. Dieses Gespräch ist der Hintergrund für diese Äußerung.

Der Präsident des Gremiums, das die Europäische Verfassung ausgearbeitet hat, der ehemalige französische Präsident Giscard d´Estaing, hat erklärt, dass, wenn die Türkei Vollmitglied werde, das das Ende der politischen Union Europas bedeuten würde.
Und der Papst hat erklärt, die Türkei käme aus einem anderen Kulturkreis und sei mit der europäischen Kultur nicht vereinbar und könne aus diesem Grunde nicht aufgenommen werden.

Ich nehme an, dass diese drei Urteile durchaus im Bewußtsein dessen erfolgt sind, was hier der englische Außenminister und derzeitige Vorsitzende der EU „europäische Werte“ genannt hat.

Es gibt aber auch die andere Meinung. Vor einigen Tagen erklärte der Grünen-Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit, der Anstoß daran nahm, dass auch nur einer auf den Gedanken kommen könnte, Europa mit einem christlichen Club in Verbindung zu bringen, was er sinngemäß etwa so formuliert hat, dass wer vom christlichen Argument bei der Diskussion einer solchen Frage Gebrauch mache, im Grunde genommen ein Rassist sei.

Dieser Grünen-Abgeordnete ist sicher auch der Meinung, dass er das im Namen „europäischer Werte“ geäußert hat, so wie der Noch-Bundeskanzler erklärt hat, dass eine demokratisierte, eine moderne Türkei, in der der Islam einen Ausgleich mit europäischer Aufklärung gefunden hätte, unsere Sicherheit vermehren werde, weil die Türkei auf dem Wege zu einer modernen Demokratie sei. Gerade hat vor wenigen Tagen eine Türkin in Deutschland, die Schriftstellerin Kelek, die den Geschwister-Scholl-Preis bekommen hat, erklärt: „Als ich 1967 die Türkei verlassen habe, war sie eine Republik. Heute ist sie ein islamisches Land.“ Das zu dem Thema, daß die Türkei auf dem Wege ist, sich mit westlichen aufgeklärten Werten zu versöhnen.

Der Begriff des Wertes ist ein außerordentlich gefährlicher und problematischer Begriff. Denn „Wert“ ist immer das, was jeweils als Wert gesetzt, als Wert gemeint ist und ist als Wert im Prinzip interpretationsbedürftig. Eine Politik, eine Republik oder auch Europa, das versuchen würde, sich auf Werte zu gründen, würde damit einen Interpretationskampf als die Substanz der Politik um die Auslegung dieser Werte eröffnen. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass die sogenannten bürgerlichen Kräfte in unserer Bundesrepublik das immer noch nicht begriffen haben. Denn wenn sie das begriffen hätten, dann hätte die Vorsitzende der CDU nicht einen Wahlkampf geführt, der knappe erbärmliche 35 % zum Ergebnis gehabt hat. Wenn die Werte interpretiert sind, dann müssen sie durchgesetzt werden. Die Durchsetzung von Werten ist ein Machtkampf, d.h. der Begriff der Werte ist keineswegs so harmlos, wie wir häufig tun, weil die verantwortlichen Politiker, wenn nicht von Wirtschaft, Wachstum und wissenschaftlicher Rationalität die Rede ist, im düsteren Nebel des Geredes von den Werten versinken. Dann ist alles „Wert“, dann ist die Familie ein Wert, dann ist der Staat ein Wert, dann ist die Kirche ein Wert, dann ist der Glaube ein Wert, dann ist die Moral, die ich bevorzuge, eine abhängige Größe von der Wertpräferenz, die ich getroffen habe. Dieses Auseinanderfallen zwischen einem pragmatisch-rational bewältigbaren Sachbereich der Gesellschaft und das Versinken aller religiösen, moralischen Substanz im Nebel des Wertbegriffs ist die eigentliche tiefere Ursache für die Entwicklung, die unsere Gesellschaft genommen hat.

Wenn man die Frage stellt, was soll denn nun die Basis für die Werte sein, dann kommen wir gar nicht an der Erkenntnis vorbei, dass Werte ja nicht vom Himmel fallen. Auch die, die sie setzen, erfinden sie ja nicht nach freier Imagination, sondern natürlich sind die Werte ein Ergebnis der Geschichte und der Gegenwart von Geschichte. Es ist ein fundamentaler Irrtum zu glauben, die Geschichte sei etwas Vergangenes. Diese Bundesrepublik lebt in allen Institutionen und in allen ihren Lebensformen als ein Ergebnis der Geschichte, die damit der einzige Boden sein kann, aus der man überhaupt Werte kreieren kann, die die Chance haben, als solche erkannt zu werden. Zu sagen, Europa gründet nicht in der Geschichte, sondern auf Werten, ist schlichter Unsinn. Es gibt keine Wertsetzung und -beschwörung ohne die Geschichte. Die Geschichte ist das Fundament, das Reservoir aus dem wir, auch wenn wir sie verneinen und nicht kennen, leben.

Wenn man die Frage stellt, was soll denn nun von der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte für uns maßgebend sein, dann gibt es darauf zwei Antworten. Einmal die, die der Verfassungskonvent der EU gegeben hat, indem er den Gottesbezug aus der Verfassung gestrichen hat. In dem zuständigen Paragraphen ist von Humanismus und Religion, aber vom christlichen Erbe in dieser Eindeutigkeit keine Rede. Was das bedeutet, hat uns dann wieder unser Bundeskanzler mitgeteilt, als er sagte, „Europa gründet auf der Aufklärung.“ Also ist nur noch das öffentlichkeitsfähig, begründungsfähig und akzeptierbar, was zu seiner Voraussetzung die Aufklärung und ihre Philosophie hat. Dies ist ein Urteil, das am geschichtlichen Tatbestand völlig vorbeigeht. Wenn man seriösere Antworten bekommen will, dann hört man, zu Europa gehört die Antike, zu Europa gehört das Christentum, zu Europa gehört das römische Recht und natürlich auch die Aufklärung. Warum gehören diese vier zur identitätsstiftenden Kraft Europas und was bedeutet innerhalb dieser vier das christliche Erbe?

Wir müssen den Blick zurücklenken auf die Antike, auf den großen Anfang, den in der antiken Kultur die Philosophie vor 2800 Jahren genommen hat. Als die Philosophie sich konstituierte, beginnt eigentlich die Geschichte dessen, was man Europa nennen kann. Was ist aber für diesen großen Anfang maßgebend? Nicht wie man häufig sagt die Antworten, die damals gegeben worden sind. Diese Antworten sind vorbei, sondern das was bleibt und gegenwärtig konstituierend ist, ist die Frage, die damals in „Europa“ am Anfang der antiken Kultur gestellt wurde, nach der „arche“, d.h. nach dem Ursprung, dem Grund von allem. Worin alles, was ist, gründet. Worin alles, was geworden ist, seinen Ursprung hat. Wo hinein alles gerichtet sein Ziel oder seinen Zweck hat. Und diese Frage nach dem Grund wird an alles gerichtet Aristoteles sagt „ta panta“, an alles, was ein Seiendes ist. Das ist der Anfang Europas.

Warum ist das der Anfang Europas? Weil durch diese an das Ganze, an den Grund und an die Herkunft des Ganzen gerichtete Frage sich ein universaler Horizont der Vernunft auftut. Dass die Vernunft sich als Horizont vorgibt, der alles einschließt und nichts ausschließt, in dem nichts ausgenommen ist, in dem das Ganze in den Blick genommen wird. Warum ist das so wichtig für Europa? Weil diese Horizonterweiterung auf das Ganze eigentlich der Grund der Freiheit ist. Freiheit und Vernunft sind durch diesen Horizont das Gleiche. Denn jede andere Theorie, jede andere Ideologie, ja selbst die Wissenschaft sind alles geistige, intellektuelle, theoretische Bemühungen des Menschen, die sich aus dem Ganzen, was überhaupt ist, einen Teil herausschneiden und diesen Teil für das Ganze setzen. Das Wesen der Ideologie ist, dass ein interessenbedingt gewählter Standpunkt für das Ganze ausgegeben wird. Die Wissenschaft wird selber zur Ideologie, wenn sie ihre Grenzen überschreitend sich zuständig erklärt für das Ganze.

Das ist höchst aktuell. Nehmen Sie die gegenwärtige Diskussion um die Hirnforschung. Wenn die Hirnforscher meinen, letztgültige Aussagen über Freiheit und Unfreiheit des Menschen machen zu können, können sie das nicht als Wissenschaftler tun, sondern sie verwandeln damit die Wissenschaft in Ideologie, denn die Wissenschaft selber ist nicht zuständig für das Ganze, sondern immer ein Ausschnitt unter Bedingungen von Modellen, Hypothesen, Vermutungen und hat nie das Ganze im Blick und ihr ganzer Erfolg beruht darauf, dass sie sich auf Richtigkeiten und nicht auf die Wahrheit über das Ganze erstreckt.

Das zweite, was wichtig ist, ist der Wendepunkt, in dem dann sozusagen der Kurs auf Europa genommen wird, sozusagen ein zweiter Anfang durch Sokrates. Wenn wir Sokrates vergessen, dann vergessen wir Europa. Nach Jesus Christus gibt es keine für das europäische Selbstverständnis und für die europäische Kultur so maßgebende Gestalt wie Sokrates. Wir können die ganze Philosophie vergessen, aber wenn wir Sokrates im Gedächtnis behielten, könnten wir sie mit Sokrates wiedergewinnen. Was ist das Entscheidende, was ist die Frage die es so vorher nicht gegeben hat? Es ist die Frage nach dem Vollzug des Menschseins des Menschen, durch den der Mensch ein besserer, oder ein guter wird. Das ist die Begründung der Ethik. Der Mensch, so wie er ist aufgrund von Geburt, ist der Möglichkeit nach Mensch, er muss erst zum Vollzug seines Lebens, seines Seins gebildet werden und durchdringen, indem er ein guter genannt werden kann oder sich dem annähert und in Richtung dessen bewegt, das gut ist.

Die Frage ist, wodurch wird der Mensch ein guter? Auch hier kann ich den Begriff nur nennen und übersetzen. Die Antwort von Sokrates und Platon lautet: durch die „arete“. Was heißt „arete“? Wenn wir wörtlich übersetzen, müssen wir sagen Tugend, gemeint ist aber Tauglichkeit als Geeignetsein. Durch welche Qualität, durch welche Dynamis ist ein Mensch, aber auch eine Sache befähigt, den Vollzug zustande zu bringen, das in seiner Natur, in seinem Wesen angelegte Werk zu leisten und zu vollziehen. Arete, Ethik ist eine Kraft, eine Dynamis und nur der kann eigentlich ethisch werden, der über das Wissen verfügt, das allein die Philosophie herbeiführt, nämlich den Menschen zu den Urteilen „gut“ oder „schlecht“ zu befähigen.

Wir können doch gar nicht ohne diese Urteile leben. Wir fällen doch täglich Urteile, indem wir Sachen, Vorgänge, Menschen beurteilen nach gut oder schlecht. Goethe sagt, „Ethik ist alles“. Sokrates sagt, „die Tugend kommt nicht aus Vermögen und Reichtum, sondern Reichtum und Vermögen kommen aus der Tugend“, aus dieser „arete“. Die Wiedergewinnung der Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik ist nicht primär ein Frage des Wachstums. Ein Staat, der sich in seiner Existenz von Wachstum abhängig macht, ist keiner mehr, sondern die entscheidende Frage ist die „arete“, die ethische Tüchtigkeit und Tauglichkeit der Menschen, die allein aufgrund dieser Tauglichkeit imstande sind, Wachstum und überhaupt eine Demokratie zustande zu bringen. Wenn man also die Ausbreitung von Korruption, von Resignation und Verfall vermeiden will, wird das primär die Beschwörung und Vergegenwärtigung der Einsicht in die alles bestimmende Kraft der Ethik bedeuten, die uns Sokrates am Anfang der europäischen Geschichte vermittelt hat.

Im abgelaufenen Wahlkampf war von Ethik keine Rede. Da war keine Rede davon, dass dieses Volk dabei ist, sich biologisch selbst zu dezimieren und im letzten Jahrhundert Schaden angerichtet hat, der schlimmer ist als der „Dreißigjährige Krieg“. Da war keine Rede von den Billionen de facto Staatsverschuldung. Von allen diesen Überlebensfragen war keine Rede. Warum nicht? Weil diese Politiker glauben, sie könnten den Bürgern die harte Wahrheit nicht mehr zumuten, sie sei unerträglich geworden. Und Wertbeschwörungen „Auch Du bist Deutschland“ oder was auch immer, werden nichts daran ändern, wenn wir uns nicht wieder auf den Boden einer gemeinsamen Ethik, meinetwegen einer gemeinsamen Moral, verständigen können.

Und dann kommt das Christentum. Nun bräuchte man eine ganze Vorlesungsreihe, um gegenüber den Meinungen, die heute über das Christentum verbreitet sind, zu referieren. Ich will mich nur auf einen Punkt beschränken, von dem wenig die Rede ist.

Wenn man zunächst mal Europa als ein welthistorisches Phänomen nimmt, dann zeichnete diese europäische Kultur etwas Einzigartiges aus. Dieses Europa hat eine ungeheuere Dynamik entwickelt, die weit über sich selbst hinaus expansiv ausgegriffen hat auf die ganze Welt. Wenn es eine Welteinheitskultur geben sollte, wird die Basis dieser Welteinheitskultur europäisch sein. Ohne die Aneignung der Wissenschaft, die in Europa entstanden ist, der Technik, die in Europa entwickelt wurde, ohne die Produktionsstrukturen und -verfahren werden alle diese Kulturen nicht den Anschluss an das Niveau finden, auf dem sich überhaupt eine Weltkultur entwickeln kann. Aber wenn es sie gibt, dann wird sie im Kern und in der Intention europäisch sein. Dieses kleine Anhängsel an Eurasien, diese kleine europäische Provinz birgt den Kern und den Ursprung aller geistigen und materiell-technischen Universalität in sich, die allein der Boden und das Band einer kulturell auch verständigen Menschheit sein kann.

Ich glaube, dass diese einzigartige Dynamik, die Europa hat, mit dem Christentum zusammenhängt, und zwar mit einem Zug des Christentums, der heute kaum noch zur Sprache kommt, der aber einem großen Philosophen wie Hegel noch völlig bewusst war. In der Hegel´schen Geschichtsphilosophie wird das Christentum „die größte Revolution der Weltgeschichte“ genannt. Hegel sagt, alle Geschichte ist auf diese Revolution hin und alle Geschichte ist von dieser Revolution her. Und was ist der Kern, der Mittelpunkt dieser christlichen, wie Hegel meinte und wie man nachweisen kann „größten Revolution der Weltgeschichte“? Das ist einmal das, was Hegel die Bedeutung von Tod und Auferstehung nennt. Er nennt es, „hier stirbt der Tod, wird der Tod selber getötet“. Tod des Todes. Die aus diesem Kernereignis hervorgehende todüberwindende Kraft bedeutet: Für Leben. Nicht für Katastrophe, nicht Versinken aller Dinge ins Nichts, sondern Hoffnung auf ein „gutes Ende“.

Keine andere Kultur hat sich mit einem solchen Wagnis, fast Leichtsinn, aus ihrer Partikularität, ihrer Herkunftsfesselung und -bedingtheit selbst transzendiert, wie das eigentlich nur eine Kultur tun kann, in deren Mittelpunkt die Botschaft vom „Tod des Todes“ steht. In dieser christlichen Revolution ist die Freiheit in ihrer ganzen Tiefe aufgegangen, d.h., dass der Mensch in seinem Sein, in seiner Subjektivität, in seinem Fürsichsein ein Unendliches, ein Absolutes ist, ein Moment, das selbst zur göttlichen Natur gehört, wie Hegel es ausdrückt.

Am Anfang unserer Verfassung steht der Satz „die Achtung vor der Würde des Menschen“. In der Verfassung gibt es keine Begründung für die Würde des Menschen, sondern sie wird als selbstverständliches Axiom vorausgesetzt. Es gibt keine andere Kultur, in der die Würde des Menschen als des bloßen Menschen so an den Anfang gesetzt wird. Und wir sehen, dass dieser Satz alles andere als selbstverständlich ist. Auch unter uns ist er ein bekämpfter, ein umkämpfter Satz geworden. Die Zeit reicht nicht aus, um zu demonstrieren, wie weit wir uns von der in sonntäglichen Reden bekannten Würde des Menschen und ihrer Anerkennung entfernt haben. Der Grund, und zwar der von Menschen selber unabhängige, nicht durch sein Verhalten gesetzte und definierbare Grund ist, dass er in der christlichen Religion, in der Menschwerdung Gottes als ein Absolutes anerkannt wird. Wer will, dass der Mensch in seiner Würde und die menschliche Person als ein Absolutes, d.h. nicht als ein Mittel und Instrument für wechselnde Zwecke, anerkannt wird, der müsste ein Interesse daran haben, dass diese christliche Begründung wenigstens im Gedächtnis gegenwärtig bliebe.

Lassen wir mal das Römertum beiseite, dann kommt natürlich als dritte entscheidende Kraft, die Aufklärung hinzu. Wenn Bundeskanzler Schröder sagt, die Grundlage Europas sei die Aufklärung, dann muss man doch fragen, was ist eigentlich die Aufklärung? Gibt es die überhaupt? „Die Aufklärung“ gibt es ja gar nicht.
Die Aufklärung ist in England empirisch-pragmatisch, in Frankreich materialistisch-atheistisch und in Deutschland fromm. Und wenn wir uns an die deutsche Aufklärungsformation erinnern, dann kann man doch nicht sagen, dass die Aufklärung das Christentum eliminiert oder vergessen hätte, sondern das, was die deutsche Aufklärung leistete, ist eine neue Interpretation des Christentums.

Ihr größter Geist, Lessing, sagt, das worauf die Menschheit nicht verzichten kann, und ohne das sie nie auf den Weg zu einer höheren Bewusstheit und Kultur gekommen wäre, ist die Person dieses Jesus von Nazareth, der ein praktischer Lehrer der Unsterblichkeit ist. Lessing weiß, dass an diesem, über den Tod hinausweisenden Zug das ganze Christentum hängt. In der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, sagt der große Aufklärer Lessing.

Jesus Christus ist ein praktischer Lehrer derselben. Warum hat Lessing daran festgehalten und warum ist das eine Überlebensfrage der Aufklärung? Aus dem einfachen Grunde, dass wenn mit der Lehre von der Auferstehung oder Unsterblichkeit der Seele die Instanz entfernt wird, in der der Mensch mit sich selbst konfrontiert und rechenschaftspflichtig gemacht wird, wird der Gedanke der Verantwortung selbst lahm und leer. Wir können zwar die Verantwortung ständig beschwören, nur wer weiß, wann einer seiner Verantwortung gerecht wird. Wer will das wissen?
Verantwortung hat nur einen Sinn, wenn es auch eine Sanktion für den gibt, der seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Sonst bleibt es ein leerer Sonntagsappell. Und daher ist dieser hinausweisende Zug des Christentums auf eine Instanz, an der der Mensch mit sich selbst konfrontiert wird, Identitätsfeststellung. Der Mensch kann nie selbst um seine eigene Identität wissen und sie feststellen, sondern festgestellt wird er, wenn er als der offenbar wird, der er selbst durch sein Tun und Lassen geworden ist. Um diese Feststellung geht es. Und ohne diese Instanz wird der Gedanke der Verantwortung hohl.

Und nehmen wir das zweite große, wichtige Postulat der Aufklärung, die Autonomie. Wenn wir mal von allen historischen Unterschieden in der Ausprägung des Gedankens der Aufklärung absehen, so haben sie doch eins als Zentrum gemeinsam, nämlich die Forderung der Autonomie, d.h. der Mensch bestimmt sich selbst. Der Mensch ist der Herr seiner selbst, seines Lebens, seines Lassens und Handelns. Das ist uns heute selbstverständlich. In Autonomie steckt aber das Wort „Nomos“ das Gesetz. D.h. autonom ist, nach dem größten Philosophen der Aufklärung, nicht der Mensch, der tut und lässt was er will, sondern der, der dem Gesetz, und zwar dem in seiner Vernunft erschlossenen intelligiblen Sittengesetz gehorcht. Autonomie schließt das Moment des Gehorsams gegen ein selbst gegebenes, aber nicht selbst erzeugtes Gesetz, das Sittengesetz ein. Das ist Aufklärung im eigentlichen Sinne.

Leider fehlt die Zeit, um die Kant´sche Religionsphilosophie zu interpretieren, wie der späte Kant seine Zeitgenossen, die Schillers und Goethes, überraschte mit dem, was er die „Lehre vom Radikal Bösen“ genannt hat.
Goethe war entsetzt und sagte, „Kant hat seinen Philosophenmantel mit der Lehre des Bösen beschlabbert“.
Auch Schiller war entsetzt. Plötzlich das Böse. Was war das Böse? Die Realität des Bösen in dieser Welt ist manifest, aber keiner darf mehr sagen, dass es das gibt. Sondern das „Radikal Böse“ das Kant wieder entdeckt hat, ist, dass das Böse zu seinem Ursprung nicht die verführbare sinnliche Natur, sondern die geistig-intelligible Natur des Menschen hat. Das Böse ist ein geistiges Phänomen und zwar eine selbst verursachte Verkehrung und Perversion des Willens, der aus eigener Kraft nicht mehr ein guter werden kann.

Wo ist da ein Unterschied zu Luther? Wieso kann man meinen, wenn man Europa auf die Aufklärung gründet, das hätte nichts mit dem Christentum zu tun? Die ganze Aufklärung können Sie dann vergessen, denn sie wird mit dem Christentum auch untergehen. Was mit der Aufklärung heute passiert ist, kann man ganz einfach benennen, die geistige, intelligible, die sittliche Natur des Menschen ist weg. Und was übrig geblieben ist, ist die Setzung des Menschen als Trieb- und Bedürfniswesen. Höchster Zweck der Gesellschaft ist es die natürlichen Triebe und Bedürfnisse zu befriedigen.
Der große klassische Liberalismus ist von jeder Form des bloßen individualistischen Hedonismus weit entfernt gewesen. Die Quelle des klassischen Liberalismus, das ist Kant. Und das ist ohne das, oder billiger nicht zu haben.

Eine Gesellschaft, die nur um die Reproduktion der natürlichen Trieb- und Bedürfnisnatur des Menschen kreist, hat Hegel in der Rechtsphilosophie den „Atheismus der sittlichen Welt“ genannt. Wenn Hegel unter uns gelebt hätte und würde die Bundesrepublik interpretieren, dann würde er sagen, wir haben heute einen klassischen Fall von Atheismus der sittlichen Welt vor uns. Sie brauchen sich nur einen Abend vor das Fernsehen zu setzen und vielleicht „Big Brother“ angucken. Da wälzt sich einer im Schlamm, frisst Ungeziefer und Kröten, dann ist er prominent in diesem Land. Glauben Sie im Ernst, dass mit dieser Nahrung in diesem Lande noch eine Kultur wachsen kann, dass überhaupt der Begriff Kultur mit dieser Art von Öffentlichkeit noch in eine sinnvolle Verbindung gebracht werden kann?

Alles das, was uns groß und stark gemacht hat – als wir es noch waren -, unsere Institutionen, der Rechtsstaat, der Sozialstaat, alle Werte, die die Verfassung beschwört, sind alle nicht direkt dem Christentum zu verdanken, sie sind zum Teil sogar im Kampf gegen eine bestimmte historische Form des Christentums erkämpft worden, aber sie verlieren alle ihre Wurzel mit dem Christentum. Worauf beruht denn der Sozialstaat, wenn er nicht zu einer öden mechanischen Umverteilungsapparatur und -maschinerie werden soll? Er beruht auf dem Grundsatz, dass der Starke dem Schwachen, der Reiche dem Armen, die Jungen den Alten beistehen und helfen sollen. Das ist die Wurzel des Sozialstaates. Und was ist die Begründung dafür? Warum soll der Starke dem Schwachen helfen, warum der Gesunde dem Kranken, der Junge dem Alten? Woher bekommt eine solche Forderung ihre Evidenz? Streichen Sie das Christentum und seine Lehre von der Nächstenliebe durch, dann ist das alles ohne Grund und in der Durchsetzung eine Frage der Manipulation des Bewusstseins und der Propaganda.

Wir wollen alle eine solidarische Gesellschaft und denken diese Solidarität aber so, dass sie die Freiheit immer mehr einschnürt. Solidarität wird zu einer Art Erpressungsformel, durch die jeder ungefragt und ohne seine Zustimmung zu Leistungen und Opfern verurteilt wird, denen er, seiner eigenen sittlichen Gesinnung nach, vielleicht gar nicht zustimmen würde. Die Deutschen, auch das sollten die Liberalen wieder zur Kenntnis nehmen, sind wie kein anderes Volk, vielleicht außer dem russischen, dem Gedanken der Gemeinschaft, der Gemeinsamkeit verpflichtet. Das ist die Schranke jedes durchsetzbaren modernen zeitgemäßen Liberalismus in unserem Lande. Diese Solidarität, der innere Zusammenhang, bewahrt eine Gesellschaft davor, zu zerfallen. Das gibt es, wenn wir die Geschichte zur Kenntnis nehmen, eigentlich durch drei geistige Mächte.

Die eine Macht ist der „sozialen Mythos“, das was jetzt unter sozialer Gerechtigkeit interpretiert wird. Darum hat Herr Schröder in seinem Wahlkampf so viele Stimmen geholt. Er hat einen Wahlkampf gemacht, der nicht übereinstimmte mit der Politik, die er gemacht hat. Er wollte eine Legitimation für die Reformpolitik und hat die Wahlen fast gewonnen mit der Beschwörung des „sozialen Mythos“. Das ist das Bemerkenswerte.

Und die zweite große Macht ist der „Mythos des Nationalen“. Und diesen „nationalen Mythos“ haben wir so zertrümmert und zerstört, selbst die CDU hat jede nationale Regung ausgetreten wie einen Flächenbrand, So dass heute der Platz frei ist und alle, die gegen das System sind, aus Protest Herrn Lafontaine wählen müssen. Was sollen „die Armen“ sonst tun. Es gibt keine andere Quelle des fundamentalen Protestes als die, die sich aus den Verwässerungen und den trüben Quellen eines gescheiterten Sozialismus nährt.

Die dritte Quelle ist, dass wir uns besinnen und um die bildende Aneignung dessen bemüht sind, was wir unser geschichtliches, unser kulturelles Erbe nennen.

Europa wird eher eine Handelsgemeinschaft sein, als ein politisch handlungsfähiges Europa, wenn es nicht seine Identität definiert. Der Kampf um die Identitätsfindung Europas, dieser geistige Kampf hat überhaupt noch nicht begonnen, er hat überhaupt noch nicht stattgefunden. Wenn wir nach einem Boden, nach einer Substanz für die Bildung europäischer und deutscher Identität fragen, dann wird dies nur kultureller Art sein, es wird nur die Kultur sein können. Was ist Europa, wenn es nicht als eine Kulturgemeinschaft, bei allen Verschiedenheiten und Vielfältigkeiten, verstanden wird. Was soll Deutschland als öde, durch die totale Herrschaft des Ökonomieprinzips beseelte Gesellschaft sein, wenn dieses Land seine große Kultur nicht mehr vor Augen hat? Wodurch sollen Heranwachsende erzogen und gebildet werden, wenn nicht durch die Begegnung mit großen Werken und Gestalten unserer Kultur?
Nietzsche sagt einmal, was allein bilden kann, ist der Anblick von Größe. Der Grund für den traurigen Zustand unserer Bildungsinstitutionen ist, dass dieser Anblick der Größe nicht mehr vermittelt wird, sondern da sind wir ein stigmatisiertes Verbrechervolk, dessen Geschichte reduziert ist auf 12 Jahre und alles andere ist Vorgeschichte auf diese Verbrechergeschichte hin. Da kann keine Bildung gedeihen.
Es ist doch einfach nicht wahr, dass es nicht auch in der deutschen Geschichte Größe gibt.

Nehmen wir noch einmal den Zusammenhang zwischen Christentum und Aufklärung. Die Aufklärung ist nicht das Ende der christlichen Geschichte, sondern eine Epoche in der christlichen Geschichte, und wenn Sie sich daran erinnern, was Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms, als ihm die Bibel dargereicht wird, sagt, er könne nicht abschwören, es sei denn er würde widerlegt in seinem Gewissen durch das Wort und die Vernunft. Durch die Vernunft, niemand wäre auf die Idee gekommen, zwischen Christentum und Vernunft einen Graben zu ziehen. Diese Berufung, nur im Glauben, im Gewissen durch Vernunft überwunden zu werden, ist die eigentliche Geburtsstunde alles dessen, was dann später als Aufklärung im 18. Jahrhundert hervorgetreten ist.

Wenn ich nocheinmal, da ich das „Unglück“ habe, in ihn verliebt zu sein, Hegel zitieren darf, diesen großen verkannten Mann, wie ihn Karl Marx genannt hat, er wird behandelt wie ein toter Hund, und Marx und Engels fügen hinzu, das hat dieser großartige Kerl nicht verdient. Hegel sagt am Beginn seiner Rechtsphilosophie, „dass nichts im Gewissen und im Glauben anerkannt werden kann, es sei denn, es ist durch den Gedanken gerechtfertigt“. Was bedeutet das, es muss auch durch den Gedanken gerechtfertigt sein? Das bedeutet, dass Christentum und Aufklärung essentiell zusammengehören. Der Gegensatz zwischen Aufklärung und Christentum heute ist einer der gravierenden Irrtümer, die unsere Kirchen, vor allen Dingen die evangelische, in die Irre geführt haben. Alle meinen, sie seien aufgeklärt und könnten auf das Christentum als eine abgelegte Sache der Ur- und der Steinzeit zurückblicken und nehmen die Christen als die letzten Übriggebliebenen der Steinzeit, die noch unter uns herumirren. Dieses Denken bedeutet Vernichtung der Kultur, die ohne die Einheit von Christentum und Aufklärung nicht zu denken ist.

Geht es nicht heute, wenn wir mal genauer hinsehen, eigentlich darum, die Aufklärung zu retten? Im Fernsehen wird immer die Frage gestellt, ob das Christentum die Moderne überleben wird. Die neue entscheidende Frage ist, ob die Moderne das Christentum überleben wird. Ob es da noch einen Unterschied zum Rückfall in barbarische Zustände und Verhältnisse gibt? Europa ist nicht allein auf der Welt. Sondern das, was unter uns passiert, sind welthistorische Veränderungen, die im Kern die Religion betreffen. Wenn wir es kurz auf einen Nenner bringen wollen, können wir sagen, die Religion ist in die Weltpolitik zurückgekehrt. Sie ist zurückgekehrt, weil die Religion die Kraft entfaltet, Fronten zu schaffen.

Die Renaissance des Islam in allen unterschiedlichen Erscheinungsformen ist ein welthistorischer Vorgang. Und wenn wir zu unserer Schutzmacht den Vereinigten Staaten von Amerika blicken, und manche meinen ja, Europa müsste eine Gegenmacht zu Amerika bilden, die kann ich nur davor warnen, denn jedesmal wenn es ernst werden sollte, werden die Deutschen, die nicht mal ein Flugzeug zum Transport von Decken zur Verfügung stellen können, zittern und beten, dass die Amerikaner sie nicht im Stich lassen. Und diese Stunde und Situation kann schneller kommen als wir denken.

Aber was erleben wir in Amerika, einem Land, das uns Sir Ralf Dahrendorf vor dreißig Jahren als das Land der vollendeten Aufklärung vorgestellt hat? Da erleben wir bei den letzten amerikanischen Wahlen, sehen wir mal von der Person Bush ab, der nach 4 Jahren geht, eine dramatische Entwicklung, nämlich eine Art national-christliche religiös-fundamentalistische Kulturrevolution, in der das ländliche und breite Amerika sich gegen libertäre Dekadenz formiert hat.

Und der Graben, der uns heute von Amerika trennt, ist der Graben zwischen unserer Neigung, uns vom Christentum zu verabschieden und der amerikanischen Kultur, die diesen Kern jetzt als beflügelnde und inspirierende Macht auch wieder zu einer Kraft ihrer Politik macht. Das kann uns gefallen, das kann uns auch missfallen, wir können das als Rückfall bezeichnen, manche erklären sogar, Bush sei ein zweiter Bin Laden. Das ist völlig uninteressant, sondern die für die nächsten Jahrzehnte noch entscheidende Hegemonial- und Weltmacht, die Führungsmacht des Westens, entwickelt sich fundamental anders als dieses Europa und die Kultur in Deutschland, und das wird auch politische Folgen haben.

Und wer glaubt denn im Ernst, dass Europa im Blick auf die aufsteigenden neuen Weltmächte China und Indien noch die Kraft haben könnte, sich zu behaupten, wenn es nicht endlich zu dem käme, um dessen willen man in Europa die politische Einheit angestrebt hat, nämlich eine gemeinsame Verteidigungs- und Außenpolitik. Aber wir sind heute weiter von diesem Ziel entfernt denn je.

Die Ablehnung der EU-Verfassung durch Frankreich und durch die Niederlande hat die Krise nicht verursacht, sie hat die Krise Europas nur sichtbar gemacht und uns eine Frist gegeben, in der wir neu nachdenken können und müssen über Europa. Und das haben wir hiermit getan.

Günter Rohrmoser 

www.horst.koch.de

info@horst-koch.de

 

 

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