Die Gemeinde Jesu Christi

image_pdfimage_print

Erich Sauer

DER TRIUMPH DES GEKREUZIGTEN

– Ein Gang durch die neutestamentliche Offenbarungsgeschichte –


Erster Teil:    Das Erscheinen des Welterlösers

Zweiter Teil: Die Gemeinde der Erstgeborenen

Dritter Teil:   Das kommende Gottesreich

Vierter Teil:  Weltvollendung und Himmlisches Jerusalem

 –  Hier Teil Zwei, mit ganz geringen Kürzungen. Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im November 2009  –

Teil Zwei: DIE GEMEINDE DER ERSTGEBORENEN

 

I. Abschnitt Die Berufung der Gemeinde

 

1. Kapitel. DAS NEUE VOLK GOTTES

Durch die Welt schreitet die Botschaft vom Kreuz. Das gegenwärtige Zeitalter ist von besonderer Bedeutung. Sein Zweck ist die Berufung der Gemeinde. Daraufhin ist alles in ihm angelegt.

 

I. Das Ziel der Berufung

Das Programm für die Jetztzeit ist nicht Umwandlung der Menschheit und Schaffung christlicher Völker, – dies wird erst im sichtbaren, kommenden Gottesreich geschehen, Jes. 2, 3; 19, 21‑25 – sondern: »aus ihnen ein Volk zu nehmen für seinen Namen« (Apg. 15, 14 vgl. Tit. 2, 14; 1. Petr. 2, 9), nicht Christianisierung der Rassen, sondern Evangelisierung der Rassen zum Zweck der Berufung eines übernationalen Gottesvolkes (Matth. 28, 19; Mark. 16, 15). »Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier,. . . sondern allzumal einer in Christo Jesu (Gal. 3, 28; Kol. 3, 11).

So aber entsteht, an Stelle der bisherigen Zweiteilung, eine Dreiteilung der Menschheit (1. Kor. 10, 32!), und zu Israel und den Weltvölkern tritt die Gemeinde als das »dritte Geschlecht« hinzu. Fortan ist jeder, der nicht »Christ« ist im Sinne des Neuen Testaments (Apg. 11, 26), entweder Jude oder Heide. Eine vierte Möglichkeit besteht nicht. – Eine allgemeine (Namen)‑Christenheit hat im Neuen Testament keine Berechtigung. Sie ist Abfall vom Christentum und überhaupt nur eine »ungeheure Sinnestäuschung« (Kierkegaard). Vgl. Off. 3, 1; Jes. 29, 13.

Dies neu zu gewinnende Gottes»volk« nennt die Schrift »Ekklesia« (Eph. 1, 2‑2; 3, 10). Es ist die durch die »Heroldsbotschaft« des Evangeliums (1. Tim. 2, 7) aus Juden und Heiden (Eph. 2, 11-22) »herausberufene« Schar der Erlösten, die, im Genuß des himmlischen Bürgerrechts (Phil. 3,20) dereinst die »gesetzausführende Versammlung« des Himmelreichs sein wird (1. Kor. 6, 2) (Das griechische Wort »ecclesia« kommt sprachlich von »ek« (heraus) und »kaleo« (rufen) her.

Ihr Ziel ist ihre Erhöhung und Verherrlichung in Christo. Sie lebt vom Himmlischen, im Himmlischen, zum Himmlischen hin; ihr Weg ist ewig, ihr Wesen Ewigkeit.

»Ekklesia« hatte im Alten Bunde schon Israel geheißen. Ungefähr einhundertmal kommt das Wort in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, vor, also fast genau so oft wie im Neuen Testament. Fast überall ist es die Wiedergabe des hebräischen Wortes »kahal«. Dieses bedeutet zwar zunächst ganz allgemein jede Art von »Versammlung«, hat aber einen besonderen Sinn durch seine Zuordnung zu Jahwe (Jehovah), dem Gott Israels, erhalten. »Kahal Jahwe«,»Ekklesia Gottes«, ist Israel als berufenes, versammeltes »Gottesvolk«. Seine anschaulichste Darstellung in diesem seinem Charakter findet es in der Wüste. »Um die Stiftshütte herum liegen wohlgeordnet die Zelte des zwölfstämmigen Volkes. Auf den >Ruf< der Herolde hin >versammelt< es sich auf dem Platz vor der Hütte. Hier steht es als das Volk Gottes da, um die Befehle und den Segen seines Gottes zu empfangen«. Auch im Neuen Testament wird Israel als »Ekklesia« bezeichnet (Apg. 7, 38). Es ist das Wort für die ideale Einheit Israels als des auserwählten Volkes, auch wenn es räumlich als Kultgemeinschaft nicht »versammelt« war (2. Mose ‑16, 3; 4. Mose 15, 15).

Aber Israel als nationale Gesamtheit beschritt gar zu bald den Weg des Abfalls. Es verlor seinen praktischen Charakter als »Volk Gottes«. Es wurde »Lo Ammi«, das heißt, »Nicht-mein‑Volk« (Hos. 1, 9). Nur ein Bruchteil, die kleine Schar der Treuen, blieb ihrem Gott ergeben. Sie wurde darum der heilsgeschichtliche Kern des Volkes, der Träger seiner Berufung, das eigentliche Israel, das wahre Volk Gottes, die tatsächliche und wesenhafte Verkörperung des alttestamentlichen Ekklesia‑Gedankens. An sie richteten sich darum auch alle Verheißungen des Gottesreiches.

Während die Gesamtheit des ungläubigen Israel dem Gerichtsurteil verfällt, wird die Schar der Getreuen als »Überrest« aus den Gerichten gerettet. Zugleich wird sie zur Grundlage der Durchführung und Vollendung des Planes eines Gottesvolkes. (Micha 2,12). »Überrest« ist darum bei den Propheten geradezu die Sonderbezeichnung geworden für das Gottesvolk, die Ecclesia der Endzeit (Jes. 10, 20). Als solches ist sie übrigbleibender »Wurzelstock«,»heiliger Same«, aus dem neues Leben ersprießt (Jes. 6, 13), »kleine Herde«, die einst das große Reich empfängt (Micha 2, 12; Luk. 12, 32). Die Existenz und Geschichte dieses wesenhaften Kerns der alttestamentlichen »Ekklesia« ist darum die Voraussetzung und Vorbereitung eines endzeitlichen Gottesvolkes.

Dieses endzeitliche Volk Gottes zu sein, behaupten die Christen. Sie sind das Ziel der alttestamentlichen Geschichte (1. Kor. 10, 11) die messianische Gemeinde der Endzeit, die Erretteten der »letzten Tage«. Und dies ist der Grund, warum sie sich nicht mit irgendeiner andern, zur Verfügung stehenden religiösen Gemeinschaftsbezeichnung benannten, sondern gerade mit dem Wort »Ekklesia«, also mit dem Namen der alttestamentlichen Glaubensgemeinde, deren heilsgeschichtlicher Kern, Träger und Verkörperung der »Überrest« der Getreuen war., Was damit ausgedrückt war, war nichts Geringeres als dies: Wir sind das Gottesvolk der Endzeit, das im Alten Testament erstrebte Volk des »Überrests«, die endzeitliche Rettungsgemeinde der Vollendung. – Die ersten Christen taten damit nicht mehr und nicht weniger als Paulus, der von den Christen sagt, daß sie der Israel dem Geist nach, der Israel Gottes (Gal, 6, 16 vgl, 1. Kor. 10, 18; Gal. 4, 29), die (wahre) Nachkommenschaft Abrahams seien (Gal. 3, 29), als Petrus, der die Ehrentitel von 2. Mose 19, 6 und Jes. 43, 21 auf die Christengemeinschaft überträgt und sie nennt: >auserwähltes Geschlecht, königliches Priestertum, heilige Nation, Eigentumsvolk< (l. Petr. 2, 9) … Das Tun des Herrn selbst mußte seinen Jüngern diese Auffassung nahebringen. Denn die Auswahl von gerade zwölf Jüngern zu Aposteln konnte von ihnen nicht anders gedeutet werden, als daß sie, wie einst die zwölf Patriarchen, Stammväter eines neuen Volkes sein sollten. Das Abendmahl war, wie das Passah, die große Volksmahlzeit und die Taufe die Parallele zum Durchzug durch das Rote Meer« (1. Kor. 10,1).

Die Sammlung dieser Gemeinde, der »Gemeinde der Erstgeborenen« (Hebr. 12, 23), ist der eigentliche Hauptzweck des gegenwärtigen Zeitalters. Sein Sinn ist kein geringerer als die Schaffung einer Königsfamilie, der Herrschaftsaristokratie für die kommenden Reichsäonen (1. Kor. 6, 2; 3). »Fürchte dich nicht, du kleine Herde; denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben« (Luk. 12, 32).

II. Der Beginn der Berufung

In den Erdentagen des HErrn Jesu war die Gemeinde im neutestamentlichen Vollsinn noch nicht da. Darum spricht Christus von ihr als noch zukünftig und sagt: »Ich werde meine Gemeinde bauen« (Matth. 16, 18). Erst zu Pfingsten wurden die Gläubigen »durch einen Geist zu einem Leibe getauft« (1. Kor. 12, 13). Darum ist Pfingsten der Geburtstag der Gemeinde.

Dennoch geschah dieser Neuanfang zunächst auf durchaus jüdischem Volksboden. Nur Israeliten waren die Empfänger des Geistes und nur Juden und Judengenossen (d.h. Prosely­ten) die Hörer ihrer Predigt (Apg. 2, 5‑11). Auch in der Folgezeit waren es nur Angehörige der israelitischen Nation und ganz oder teilweise zum Judentum übergetretene andere, die in die Gemeinde aufgenommen wurden (Apg. 3, 12; 26; 6, 1; 8, 26‑40). Eine eigentliche Heidenmission, wo die Heiden als Vollheiden getauft werden konnten, gab es noch nicht. Alles geschah unter Angliederung und Beiordnung an Israel. Darum ist Pfingsten noch nicht allseitig der Beginn des gegenwärtigen Zeitalters. Ihm fehlt noch die weltumfassende Weite. Es liegt noch in der Übergangszeit aus der alten in die neue Haushaltung.

Ja, noch nach Pfingsten vollzog Petrus sogar ein ausdrückliches Heilsangebot auf dem Boden der israelitischen Nation. »So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des HErrn und er den euch zuvor verordneten Jesus Christus sende, welchen freilich der Himmel aufnehmen muß bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat« (Apg. 3, 19‑21). Hier also läßt Gott durch Petrus dem Volk Israel verkünden, daß, falls sie noch jetzt Buße tun wollen, er ihnen den Messias vom Himmel herabsenden würde und mit ihm die »Zeiten der Erquickung« und die »volle Verwirklichung« alles dessen, wovon er im Alten Bunde geredet hatte, d. h. das sichtbare Gottesreich der Prophetie. Also noch nach Pfingsten befindet sich die neutestamentliche Heilsbotschaft durchaus auf israelitischem Volksboden, und die dann folgende Beiseitesetzung Israels kam nicht eigentlich schon wegen der Verwerfung des Messias in den Tagen seines Erdenlebens zustande (vgl. Apg. 3, 17), sondern in endgültiger und entscheidender Weise erst wegen der Verwerfung des Heiligen Geistes, der ihnen den gen Himmel gefahre­nen und erhöhten Messias verklärt hatte (vgl. Matth. 12, 32).

Schließlich hat Israel sogar den »mit heiligem Geist erfüllten« Zeugen der Auferstehung (Apg. 7, 55; 6, 5; 8; 10), Stephanus, ermordet und damit selber das Wort dieses Blutzeugen bestätigt: »Ihr Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herzen und Ohren, ihr widerstrebet allezeit dem heiligen Geist, wie eure Väter also auch ihr« (Apg. 7, 51).

Dann aber, seitdem Petrus dem unbeschnittenen Kornelius in Cäsarea die Tür des Himmelreiches aufgeschlossen hatte (Apg. 10) und der Geist Gottes als die »gleiche Gabe« (Apg. 11, 17) und »in derselben Weise« (Apg. 15, 11), ohne Unterschied auch auf die glaubenden Vollheiden gekommen war, hatte Gott den heilsgeschichtlichen Unterschied zwischen »Rein« und »Unrein« aufgehoben (Apg. 10, 11-16) und die trennende »Zwischenwand der Umzäunung« zwischen Juden und Heiden auch geschichtlich hinweggetan.
Erst von da an waren die Heiden – auch ohne Angliederung an Israel ‑ des gleichen Heiles voll mitteilhaftig (Eph. 2, 16‑22; Röm. 15, 27; Apg. 28, 28). Da aber nun gerade die Heidenberufung zum Grundwesen der Ekklesia gehört, muß gesagt werden, daß die Haushaltung der Gemeinde ihren allumfassenden Vollanfang nicht in Jerusalem (Apg. 2), sondern in Cäsarea (Apg. 10), noch genauer im Hause Simons des Gerbers in Joppe, genommen hat. (Wo Petrus seine grundlegende Offenbarung bekam (Apg. 10, 5). Abgeschlossen wurde diese Übergangszeit zuletzt durch die Offenbarungen an Paulus, dem in besonderer Weise die lehrhafte Entfaltung dieses Geheimnisses (Eph. 3, 1‑7) und die evangelistische Verkündigung der Heilsbotschaft in der Völkerwelt anvertraut war (Eph. 3, 8), »Den Juden zuerst« und dann auch die Griechen ‑ das war, wie die Missionspraxis des Paulus im einzelnen, so auch der allgemeine Gang der Heilsgeschichte in der Gesamtheit (Röm. 1, 16; Apg. 13, 46).

Zugleich aber bedeutet die Gleichstellung der Heiden mit dem alttestamentlichen Bundesvolk die Ausschaltung der jüdischen Vorrechtstellung und die Beiseitesetzung Israels als Nation(Röm. 11, 25). (Vom Standpunkt der nationalen Heilsgeschichte Israels aus gesehen ist das gegenwärtige Zeitalter also eine »Einschaltung«).

Nun können die Heiden aus dem offenen Heilsbrunnen trinken, ohne vorher die jüdische Schöpfberechtigung erlangt zu haben. Israel ist zum Teil »Verstockung« widerfahren (Röm. 11, 25), doch sein »Fall« ist der »Reichtum der Welt« (Röm. 11, 11). Die »Fernen« sind »nahe« geworden (Eph. 2,11); die gläubigen Heiden sind gleichberechtigt mit den gläubigen Juden. Sie sind »Miterben, Mitleib und Mitteilhaber der Verheißung« (Eph. 3, 6). Sie sind »Mitbürger der Heiligen« (Eph. 2, 19), ihrer »geistlichen Güter mitteilhaftig« (Röm. 15, 27) und mit ihnen zusammen der »eine neue Mensch«, der »Leib« Christi (Eph. 2, 16). In der Gemeinde aber herrscht nun kein Unterschied mehr.

III. Das »Geheimnis« der Berufung

Kein alttestamentlicher Prophet hatte je diesen Wunderbau klar geschaut (1. Petr. 1, 10; Matth. 13, 17). Obwohl ewig »in Gott« beschlossen (Eph. 3, 9), war sein Aufbau »von den Äonen her« als »Geheimnis« verschwiegen (Röm. 16, 25; Eph. 3, 5; 1. Kor. 2, 7). Nirgends ist darum auch im Alten Testament die Gemeinde in ihrem neutestamentlichen Charakter unmittelbar zu finden. Erst seit Pfingsten, seit der Sendung des Petrus nach Cäsarea und vor allem seit den unabhängig davon gegebenen Offenbarungen an Paulus war das Geheimnis der neutestamentlichen Zusammensetzung der Gemeinde, »den Menschenkindern kundgetan« (Eph. 3, 5). Von nun an wird es durch »prophetische Schriften« bekanntgemacht (Röm. 16, 26; Eph. 2, 20), und die Verkündiger des Evangeliums sind »Verwalter der Geheimnisse Gottes« (1. Kor. 4, 1).

Ihre Grundlage ist das Werk Christi.‑ »Das Geheimnis der Gottseligkeit« (1. Tim. 3, 16);
ihr Bau ‑ die Gemeinde: »Das Geheimnis des Chri­stus« (Eph. 3, 3; 4; 9; 2, 11‑22)
ihr Genuß ‑ seine Gemeinschaft: Das »große« Ge­heimnis der Liebe (Eph. 5, 31)
ihre Kraft ‑ seine Innewohnung: Das Geheimnis »Christus in euch« (Kol. 1, 26)
ihre Erwartung ‑ die Verwandlung: Das »Geheimnis« der Entrückung (1. Kor. 15, 51).

Aber genau genommen ist das »Christusgeheimnis« von Eph. 3 nicht die Gemeinde an sich, sondern die gleichberechtigte Zugehörigkeit der gläubigen Heiden innerhalb der Gemeinde: »Daß die aus den Nationen mit den Gläubigen aus Israel Miterben seien und Mitleib und Mitteilhaber seiner Verheißung in Christo Jesu« (Vers 6).

Paulus sagt, er habe dies Geheimnis soeben beschrieben, und schaut damit auf Eph. 2, 13‑19 zurück. Auch dort hatte er von der Unterschiedslosigkeit zwischen Juden und Heiden hinsichtlich der Heilszulassung und der Gleichberechtigung dieser beiden als geistlicher Einheit in dem »e i n e n Leib« Christi, dem »e i n e n neuen Menschen«, gesprochen, so daß nunmehr, nach dem »Abbrechen« des Gesetzes, dieser »Zwischenwand der Umzäunung«, die einst »fernen« Heiden »nahegebracht« sind und, zusammen mit den »Nahen«, den christusgläubigen Israeliten, eine organische Einheit untereinander und mit Christo bilden. Das »Christusmysterium« hier ist also nicht die Existenz des mystischen »Christus« an sich, d. h. die Existenz des Organismus der Ekklesia, auch nicht einmal die organische Einheit der »Glieder« untereinander und mit dem »Haupt«, sondern die unterschiedslose Teilnahme der Heiden an dieser Ekklesia. Es bezieht sich also weniger auf die gläubigen Juden als auf den heidenchristlichen Teil der Ekklesia. Daß die Judenchristen mit dem Erlöser in einem organischen Lebensverhältnis sein würden, hatte Christus selbst schon vorher gesagt mit dem Bild eines »Weinstocks« (Joh. 15, 1). Nicht aber auf das Bild, sondern die übersinnliche, geistliche Realität kommt es an, und diese ist von Christus klar ausgesprochen worden.

Ausgehend von der Stelle Eph. 5, 32 ist gelehrt worden, Paulus bezeichne die Gemeinde selbst als »das große Geheimnis«. Dies ist, genau genommen, jedoch hier nicht der Fall. Das »Geheimnis«, von dem der Apostel hier spricht, ist nicht die Gemeinde, sondern die Liebesbeziehung zwischen der Gemeinde und Christus, die im Verhältnis der Ehe ihr menschliches Abbild hat. »Deswegen wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein. D i e s e s Geheimnis ist groß. Ich aber sage es in bezug auf Christus u n d die Gemeinde.« – Über die Frage, wieweit die Planung der Existenz einer aus Judenchristen und Heidenchristen bestehenden Gemeinde im Alten Testament verborgen gewesen war, spricht der Apostel an dieser Stelle nicht. –

Und wenn auch in der Gegenwart die Völkerwelt tobt, wenn in Israel das »Geheimnis« der Verstockung« (Röm. 11, 25) und in den Nationen das »Geheimnis der Gesetzlosigkeit« wirkt (2. Thess. 2, 7; Off. 17, 5): Das Ziel ist gewiß: Gott wird einst alles unter ein Haupt zusammenbringen (Eph. 1, 9; 1. Kor. 15, 28). Dies ist das »Geheimnis seines Willens« (Eph. 1, 9), sein einst ewig triumphierendes Endziel (Phil. 2, 10).

Bis dahin aber predigen wir den gekreuzigten Christus und machen den »Geruch seiner Erkenntnis« überall offenbar (2. Kor. 2, 14). Unsere Botschaft ist

ihrem Ursprung nach: »Geheimnis Gottes« (Kol. 2, 2),
ihrer Vermittlung nach: »Geheimnis Christi« (Kol. 4, 3),
ihrer Verkündigung nach: »Geheimnis des Evangeliums« (Eph. 6, 19),
ihrem Erlebnis nach: »Geheimnis des Glaubens« (1. Tim. 3,9).

Der Glaube aber ist der Schlüssel zu all diesen Geheimnissen Gottes. Für ihn sind die »Geheimnisse« keine bloßen Verborgenheiten mehr; denn »der Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit« (1. Kor. 2, 10).

IV. Der Eintritt in die Berufung

Wunderbar ist die Erlösung. Wunderbar ist auch der Eintritt in das Heil. Der Sünder erlebt alle drei Ämter des Erlösers in ihrer eigenen, geschichtlichen Reihenfolge:

das prophetische ‑ in seiner Berufung und Erleuchtung,
das priesterliche ‑ in seiner Bekehrung und Rechtfertigung,
das priesterlich‑königliche ‑ in seiner Heiligung und Verherrlichung.

Zuerst erlebt er das Prophetische:

1. Die Hinführung zum Heil, die Berufung durch sein Wort und die Erleuchtung durch seinen Geist. »Der Glaube kommt aus der Predigt« (Röm. 10, 17). Der unter der Anklage des aufgerufenen Gewissens erschrockene, unter dem Wort Gottes zusammengebrochene, sich selbst verurteilende Mensch darf im Evangelium von Christo das Heilsangebot erkennen. Dann kommt das Priesterliche, das Erlebnis von Golgatha.

2. Der Eintritt in das Heil durch Bekehrung und Wiedergeburt. Der Sünder empfängt die Vergebung seiner Schuld auf der Grundlage des priesterlichen Opfers, wird erneuert (Tit. 3, 5) und umgewandelt (1. Kor. 6, 11), »lebendig gemacht« (Eph. 2, 5) und »aus Gott geboren« (1. Joh. 3, 9).

Wiedergeburt ist darum der eigentliche Eintritt in die Erlösung (Tit. 3, 5). Sie ist das Gegenstück zur Menschwerdung Christi, die Mitteilung seines Lebens an uns, die Toten (Kol. 1, 27). Nur in ihr werden wir »neue« Menschen (Eph. 4, 24; Kol. 3, 10).

Aber die Wiedergeburt ist unzertrennbar mit »Bekehrung« verbunden (Apg. 3, 19). Wiedergeburt ist die göttliche, Bekehrung die menschliche Seite desselben Erlebens. Beides erlebt der Mensch gleichzeitig; aber die Bekehrung ist die Bedingung der Wiedergeburt, und die Wiedergeburt ist die göttliche Antwort auf die Bekehrung. Die Bekehrung ist gleichsam die letzte Tat des alten, die Wiedergeburt die erste Erfahrung des neuen Menschen. Für die Bekehrung ist der Mensch verantwortlich; die Wiedergeburt ist Gottes Werk.

Die Bekehrung ist in sich ein Doppeltes: Abkehr und Hinkehr, Buße und Glaube. Bei dem allem aber ist die Bekehrung ein vornehmlich ein­maliger Akt. Alle neutestamentlichen Bekehrungen sind plötz­liche und grundlegende. Der Mensch ist aus dem Tode ins Leben »hinübergegangen« (Joh. 5, 24). Sein Leben kennt nun ein »Einst« und ein »Jetzt« (Eph. 2, 2). Sinnbildlich dargestellt wird dieser Umbruch in der urchristlichen Taufe, dem Bekenntnis des Mitgestorbenseins und Mitauferstandenseins des Gläubigen mit Christo (Röm. 6, 1-11).

Die Buße ist eine Dreieinheit:

im Verstand ‑ Erkenntnis der Sünde,
im Gefühl – Schmerz und Trauer,
im Willen – Sinnesänderung (grch. metanoia) und Umkehr.

Als Ganzes ist sie ein Zur‑Einsicht‑Gelangen, eine Verzweiflung an sich selbst, eine Aufgabe aller Selbsterlösung (Röm, 7, 24).

Auch der Glaube ist eine Dreieinigkeit:
im Verstand – das Überzeugtsein von der vollbrachten Erlösung,
im Gefühl ‑ das Vertrauen auf die rettende Liebe,
im Willen ‑ die Hingabe an den persönlichen Heiland.

So ist der Glaube die Hand des Menschen, die die Hand Gottes ergreift, keine Gefühlssteigerung, keine Selbstzerquälung, kein Abbüßen der Schuld, sondern ein persönliches Verhältnis zu Christus (Joh. 6, 29), ein bewußtes Annehmen seiner Gnade.

Erst dann, wenn dies alles vorhanden ist, kann das Erlebnis des königlichen Amtes beginnen:

3. Die Bewahrung und Weiterführung im Heil, die »Heiligung«. Wer »gerechtfertigt« ist, ist noch nicht »fertig gerecht«. Die »Heiligen« Gottes müssen »geheiligt« werden. Der in der Wiedergeburt eingepflanzte »neue« Mensch im Menschen soll als ein Ausgangs‑ und Keimpunkt den ganzen Menschen erobern. Nur so kann der Erlöser die Verklärung vollenden.

Alle Seelen, die diese Heilsordnung erfahren, stehen im »Lebensbuch des Lammes«. Sie sind

zuvorerkannte Menschen ‑ denn das Lebensbuch besteht »seit Grundlegung der Welt« (Off. 13, 8; 2. Mose 32, 32)
bluterkaufte Menschen ‑ denn es ist das Buch des »Lam­mes« (Off. 21, 27)
wiedergeborene Menschen ‑ denn es ist das Buch des »Le­bens« (Off. 20,:15)
glückselige Menschen ‑ denn ihre Namen stehen im Him­mel (Luk. 10, 20)
heilige Menschen ‑ denn alle Eingeschriebenen werden »heilig« heißen (Jes. 4,3)
zeugenfrohe Menschen ‑ denn sie trotzen selbst dem Anti­christ (Phil. 4,3)
siegreiche Menschen ‑ denn sie sind Über‑winder (Off. 3, 5)
verherrlichte Menschen ‑ denn sie gehen ein in die himmli­sche Stadt (Off. 21, 27).

 

2. Kapitel. DER VÖLKERAPOSTEL

Von besonderer Bedeutung für die Berufung der Gemeinde war Paulus. Er war ‑ kirchengeschichtlich gesehen ‑ bei aller Wertschätzung der anderen, »der Erste nach dem Einen«. Jesus war der »Eine«, der Grundlegende, Unvergleichliche, Unübertreffbare. Paulus war der »Erste«, der Herold, der Hauptbahnbrecher des Evangeliums in den Weiten der Völkerwelt.

I. Seine missionarische Sendung

Vier äußere Kennzeichen sind die besonders charakteristischen Merkmale seiner Missionstätigkeit.

1. Paulus war Heidenmissionar. Das war er in harmonischem Unterschied zu den Aposteln der Beschneidung (Gal. 2, 7‑10; Apg. 15). Ihm war es in besonderer Weise gegeben, »den unausforschlichen Reichtum Christi unter den Nationen zu verkündigen« (Eph. 3, 1; Kol. 1, 25 ‑ 27).

2. Paulus war Pioniermissionar. Als solcher hatte er die Heilsbotschaft in immer neue Länder einzuführen. Darum geht er vornehmlich dahin, wo das Evangelium noch nie vorher bezeugt worden war. Die eigentliche evangelistische Durcharbeitung seiner Missionsgebiete überließ er den neu gewonnenen Gläubigen. Seine Aufgabe bestand darin, Lichtzentren zu schaffen, das heißt, missionarisch gesinnte Ortsgemeinden ‑ meist in den Hauptstädten ‑, die das Licht des Evangeliums hinauszustrahlen hatten in die sie umgebenden Landesteile. War ein solches Zentrum entstanden, so zog Paulus weiter. Dann hatte er, trotz Hunderttausender umwohnender Heiden, in dem betreffenden Land »nicht mehr Raum« (Röm. ‑15, 23), sondern hatte in ihm »das Evangelium des Christus völlig verkündigt« (Röm. 15, 19). Alles andere war ihm, von dieser seiner besonderen Dienstberufung aus, ein »Bauen auf eines andern Grunde« (Röm. ‑15, 20). Im ganzen ist Paulus über 25 000 Kilometer gereist.

3. Paulus war Großstadtmissionar. Die Mittelpunkte seiner Missionstätigkeit waren die hellenistischen, großen Kulturzentren. Namen wie Antiochia, Troas, Philippi, Thessalonich, Athen, Korinth, Ephesus beweisen dies zur Genüge. Daher auch sein Streben nach Rom, der »Versammlung des Erdkreises«, der Metropole des Weltreichs (Röm. 1, 11; 15, 23).  – Während Jesus, der die meisten seiner Reden unter freiem Himmel zu Bauern und Kleinstadtbewohnern hielt, eine mehr ländliche Bildersprache gebraucht, hat Paulus, der Großstadtmissionar, in ausgesprochenem Maße eine Großstadt-bildersprache. Er will nicht nur ganz allgemein »den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche« sein, sondern auch ganz insbesondere den Großstädtern ein Großstädter.
Jesus spricht mehr von den Vögeln des Himmels, den Lilien auf dem Felde, dem Hirten, dem Sämann, dem Erntefeld, Paulus aber mehr von dem Freispruch des Richters, dem Schuldenerlaß des Gläubigers, der Waffenrüstung des Soldaten, ja, er zieht sogar Vergleiche aus dem Sport‑ und Theaterleben heran (Phil. 3, 14). Alles soll ihm eben helfen, den Großstädtern das Evangelium klarzumachen und ihre Herzen zu erreichen.

Daher seine zentralen Hauptbilderkreise, die alle dem Juristischen entstammen: der Freispruch, der Loskauf, der Schuldenerlaß, die Adoption. Auch für die Weltanschauung, Dichtkunst und Philosophie seiner nichtchristlichen Großstadtumgebung hat er ein offenes Auge (Apg. 17, 16‑29), ja sogar für die örtlichen Besonderheiten an Religion und Kultur. So wie er in Athen zu den Athenern von »ihrem« Altar spricht (Apg. 17, 23), so weist er die Korinther auf die bei Korinth stattfindenden »Isthmischen Spiele« hin (l. Kor. 9, 24‑27). Paulus war eben kein papierner Dogmatiker, kein Büchergelehrter und weltfremder »Theologe«, sondern er war ein für seine Zeit durchaus moderner Mensch, ein Mann aus der Großstadt (Tarsus, Apg. 21, 39).

4. Paulus war Hafenstadtmissionar. Überblickt man aber diese Großstädte genauer und insbesondere ihre geographische Lage und Bedeutung, so erkennt man: In der Hauptsache ist die Welt des Apostels da zu suchen, wo der Seewind weht. Besonders ist es der Ägäische Bezirk, dessen rund herum liegende Hafenstädte von seiner Missionstätigkeit erfaßt wurden. Der Grund war offensichtlich. Hafenstädte waren schneller zu erreichen als tief im Landinneren gelegene Provinzstädte. Auf dem Seewege kam man rascher und zuverlässiger vorwärts. So fuhr man z. B. in vier Tagen von Spanien, in zwei Tagen von Afrika nach Rom‑Ostia (nach Plinius). Zwischen Alexandria und Kleinasien bestand tägliche Schiffsverbindung.

Und in Hafenstädten war die griechische Weltverkehrssprache viel weiter verbreitet als sonst in der Welt. Damit aber fiel für den Bahnbrechermissionar das zeitraubende Hemmnis des Sprachenlernens fort, und der Siegeszug des Evangeliums konnte mehr als doppelt so schnell vorwärtsgehen.

Von Hafenstadtgemeinden konnte sich das Evangelium auch später, nach der Weiterreise des Apostels, viel schneller  ausbreiten als von Gemeinden mehr innergelegener Landbezirke. Durchreisende Kaufleute, Hafenbesucher, Seefahrer und sonstige Reisende, die bei einem solchen Hafenstadtaufenthalt vom Evangelium erfaßt worden waren, konnten, gleichsam ganz von selbst, auf ihrer Weiterreise oder nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland, zu immer neuen Bahnbrechern der Heilsbotschaft in stets neuen Ländern und Gegenden der Welt werden.

5. Die paulinische »Missionsstrategie«. Mit Recht hat man geradezu von einer »Missionsstrategie« des Apostels gesprochen. Alles ist so planmäßig, so grundsätzlich zweckdienlich, so von vornherein auf schnellste und ausgedehnteste Ausbreitung des Evangeliums angelegt, daß man eine zielbewußte Planung, die allen Missionsbewegungen des Apostels zugrunde gelegen haben muß, gar nicht verkennen kann.

Bei dem allen aber war nicht Paulus der Planende, sondern der Herr, dem er diente. Bezeichnend hierfür ist schon das Traumgesicht in Troas, durch das der Apostel, ohne eigenen Antrieb und selbständige Erwägungen, nach Mazedonien und Griechenland gerufen wurde (Apg. 16, 8‑11), so daß nunmehr, nur auf Grund göttlicher Weisung, nicht der Osten, sondern die westliche Völkerwelt zum Hauptschauplatz der Wunder des Evangeliums gemacht wurde. Es konnte aber auch geschehen und ist geschehen, daß Paulus gewisse Reisebewegungen geplant hatte, aber: »der Geist Jesu erlaubte es nicht« (Apg. 16, 6), und Paulus folgte der göttlichen Initiative. So ist es durchaus richtig, von einer Missionsstrategie im Leben des Paulus zu reden; aber der Missionsstratege war nicht Paulus, sondern Christus, der Herr der Mission. Christus war der Führende, Paulus der Ausführende; Christus war der Feldherr, Paulus sein Soldat (2. Tim. 2, 3; 4; 2. Kor. 6, 7; Eph. 6, 10‑20).

Zu diesen mehr äußeren Kennzeichen seiner Missionstätigkeit treten noch innere Wesenszüge seiner Lehrverkündigung.

II. Seine lehrmäßige Botschaft

1. Der heilsgeschichtliche Ausgangspunkt. Im Zentrum der Menschheitsgeschichte steht Jesus Christus. Zwar in Israel geboren, war er doch »Heiland der Welt« (Joh. 4, 42). In ihm gelangt die Abrahamsverheißung vom Segen für alle Völker zur Vollendung (1. Mose 12, 3). Der vorübergehend eingeschaltete Nationalismus der alttestamentlichen Offenbarung wird durch Christus und sein Werk zum Universalismus der neutestamentlichen Heilsbotschaft ausgeweitet. Das Kreuz ist, als Erfüllung der alttestamentlichen Opfer, zugleich Abschaffung des Priestertums und des Gesetzes (Hebr. 10, 10‑14) und damit Aufhebung der trennenden »Zwischenwand« zwischen Israel und den Weltvölkern. Jetzt ist das Heil für alle offen.

Diese weltumfassende Bedeutung des Kreuzes trat erst nach Pfingsten geschichtlich klar in die Erscheinung. Das epochemachende Hauptereignis in dieser Entfaltung von Golgatha ist die Sendung des Petrus zu Kornelius in Cäsarea. Darum ist es in der biblischen Geschichtsdarstellung zugleich das am ausführlichsten geschilderte Geschehnis der ganzen Apostelzeit. In den Ereignissen selbst ist eine auffallende Häufung übernatürlicher Geschehnisse: das Gesicht des Kornelius, das dreiteilige Gesicht des Petrus, die Geistesausgießung und die Bewirkung des den Geistesempfang begleitenden Sprachenredens. Dies alles zeigt, welch großes Gewicht in diesen Ereignissen liegt und welche hohe Bedeutung der Geschichtsschreiber in der Ausführlichkeit seiner Darstellung ihnen zuschreibt.

Hier wird zum allerersten Mal ein Vollheide ohne Gesetz und Beschneidung, das heißt, ohne Anschluß an Israel, nur auf Grund seines Glaubens an das vollbrachte Werk Christi, des Heiligen Geistes teilhaftig, getauft und in die Gemeinde aufgenommen. Damit wird das, was auf Golgatha grundsätzlich eingeführt war, zum erstenmal geschichtliche Wirklichkeit. Damit ist die Unterschiedslosigkeit zwischen Juden und Heiden vor Gott ausgesprochen, die Sonderstellung Israels beiseitegesetzt und die Gemeinde statuiert. Das Gesicht des Petrus in Joppe und seine Sendung zu Kornelius in Cäsarea sind also der Beginn eines vollständig neuen Typs des Christentums, nämlich des völkerchristlichen, gesetzesfreien Typs, der nun ebenbürtig zu dem judenchristlichen Urtypus hinzutritt. Damit ist gleichzeitig zum erstenmal die neue Heilsgemeinschaft in dieser übernationalen, heilsgeschichtlich universalen Weite in Erscheinung getreten. Hier zum erstenmal ist der Grundsatz geschichtlich bestätigt, daß Gott zwischen Juden und Heiden »keinen Unterschied« macht (Apg. 15, 9) Dies beweist der Satz des Lukas: »Die Apostel aber und die Brüder, die in Judäa waren, hörten, daß auch die Nationen das Wort Gottes angenommen hätten« (Apg. 11, 1). Hier zeigt der Ausdruck »die Nationen«, daß man das Ereignis sofort als ein Prinzip im Großen erkannte, das zugleich allen Heiden gelte. …

Darstellung und Erweiterung dieses dem Petrus in klarer Form zum erstenmal geoffenbarten Geheimnisses und der damit zusammenhängenden neu entstandenen heilsgeschichtlichen Grundfragen war der lehrhafte Sonderauftrag des Paulus. Dazu kam noch Hinzufügung weiterer auf das Wesen und die Vollendung dieser Gemeinde sich beziehender Einzeloffenbarungen. …

So war Paulus zwar nicht der erste, dem das Geheimnis der Gemeinde in dieser ihrer neutestamentlichen Zusammensetzung kundgetan ward; dennoch wurde es ihm später noch durch direkte Sonderoffenbarung vom Herrn selbst mitgeteilt (Gal. 1, 11; Eph. 3, 3ff.). Dies war notwendig um der Selbständigkeit seines Dienstes willen und der Autorität seines Heidenapostolats. Dann aber hat er, unter der Leitung des Geistes, diese neue, große Wahrheit viel weiter und tiefgehender beschrieben als alle anderen vor oder nach ihm und ist in diesem Sinne nicht nur der Hauptherold Jesu Christi für die Völkerwelt, sondern zugleich auch der Hauptlehrer und Prophet für die Gemeinde geworden.

2. Die Zentralwahrheiten der Paulusbriefe. Im Mittelpunkt der paulinischen Botschaft steht Jesus Christus, und zwar er als der gekreuzigte und auferstandene Heiland. Sein Sühnwerk am Kreuz bringt die Tilgung unserer Sünden. Sein Leben in der Herrlichkeit ist die Kraftquelle unserer Hei­ligung. Seine »Ankunft« (Parusie) und »Erscheinung« (Epiphanie) ist das Ziel unserer Erwartung. Durch »Buße« und »Glau­ben« tritt der Sünder in seine Gemeinschaft, wird geistlich »auferweckt« und »lebendig gemacht«. Die Geschichte seines Heilands ist nun seine eigene Geschichte. Er ist »mitgekreuzigt«, »mitbegraben«, »mitauferstanden« und »mit ihm ins Himmlische versetzt« (Röm. 6; Eph. 2). So ist der erlöste Erdenmensch »im Himmel« (Phil. 3, 20) Ein Christ ist ein »Mensch in Christo« (2. Kor. 12,2).

Das Kreuz ist für Paulus also keine bloße Geschichtstatsache der Vergangenheit, sondern stets schaut er das Kreuz mit der Auferstehung zusammen. Ohne die Auferstehung ist das Kreuz für ihn kraftlos und leer, ja, Zusammenbruch und Niedergang, ja, katastrophalste Tragödie (1. Kor. 15, 14‑19). Nie hat er behauptet, daß er nur das »Kreuz« verkündige, wohl aber, daß er »den Gekreuzigten« bringe. Ihn aber dann allerdings auch ganz allein: nicht ein Ereignis, sondern eine Person, nicht rein Vergangenes, sondern einen ewig Gegenwärtigen, eben Christus, den Erhöhten, der auch in der Herrlichkeit ewig mit seiner Kreuzeserfahrung zusammengeschaut wird (vgl. Off. 5, 6).

Das ist paulinische Kreuzestheologie. Sie bewegt sich auf dem Boden der Auferstehung. Karfreitag wird im Sonnenglanz des Ostermorgens geschaut.

Diese Sonne strahlt dann in alle Welt. »Wenn ich erhöht sein werde, will ich sie alle zu mir ziehen« (Joh. 12, 32), hat Christus selber gesagt, das heißt »Juden und Heiden, ohne Unterschied der Nation«. Damit ist die Tür geöffnet für die Weltmission des Evangeliums.

Zum erstenmal tritt dies in offensichtlicher Form im Haus des Vollheiden Kornelius geschichtlich zu Tage. Das trennende Gesetz ist, als erfüllt, beiseitegetan.

Grundsätzlich ist also im Erlösungswerk Christi und der zu den Vorgängen im Haus des Kornelius führenden Petrusoffenbarung die Aufhebung der Beschneidung und des Gesetzes enthalten. Wenn aber seit Apostelgeschichte 10 Gesetz und Beschneidung tatsächlich nicht mehr Bedingung zum Eintritt in das Heil und die Heilsgemeinschaft sind, so entstand ganz von selbst die große Frage: »Wozu nun das Gesetz?« Da ist es Paulus gewesen ‑ und zwar er unter allen Aposteln und neutestamentlichen Schreibern vornehmlich ‑, der dies Problem behandelt und lehrhaft aufgeklärt hat: Das Gesetz ist als Aufdecker der Sünde (Röm. 3, 20; 7, 7) ein »Zuchtmeister auf Christus« hin (Gal. 3, 24), indem es dem Sünder seine Schlechtigkeit und Ohnmacht und damit die Notwendigkeit eines göttlichen Erlösers zeigt. Mit Seinem Erscheinen kann es darum verschwinden, und so folgt aus dem alttestamentlichen Zweck des Gesetzes die neutestamentliche Gesetzesfreiheit. Christus ist, als das »Ziel« des Gesetzes, zugleich auch sein »Ende« (Röm. 10, 4). Dies ist das Grundthema der Kernstücke des Römer- und Galaterbriefes, besonders Römer 1 bis 8, und Galater 2 ‑ 4.

Ferner lag in der praktischen Gleichberechtigung der Hei­denseit Apostelgeschichte 10 die tatsächliche Beiseitesetzung Israels als Nation. Von nun an hatten die Juden keine heilsgeschichtliche Vorrangstellung mehr, und die Frage mußte sich notwendig ergeben: »Hat Gott denn sein Volk nun verstoßen?« Auch dies ist von Paulus ‑ und im Neuen Testament von ihm allein ‑ behandelt worden, und zwar in jenem heilsgeschichtlichen Mittelstück des Römerbriefes (Römer 9 – 11), das uns in so einzigartiger Weise in Gottes Weltregierungspläne hineinschauen läßt.

Gottes Handeln ist frei; darum hat Israel kein Recht, etwas von ihm zu erzwingen (Röm. 9).
Gottes Handeln ist gerecht; darum muß sich Israel wegen seiner Schuld unter sein Gericht beugen (Röm. 10).
Gottes Handeln ist segenbringend; darum verwandelt er Israels Fall in Segen für die Welt und einst in volles Heil für es selber. Er wird sein Volk wieder annehmen.

Und wenn weiter grundsätzlich durch Golgatha und praktisch in Apostelgeschichte 10 alle menschlichen religiösen Leistungen als Voraussetzung für das Heilserleben ausgeschaltet waren, so daß ein Vollheide ohne vorangegangene, offenbarungsgemäß geordnete Gottesverehrung, allein durch den Glauben an Christus, zum Heil und zur Gemeinde gelangen konnte, so war damit zugleich die Frage nach dem Wert alles mensch­lichen, religiösen Tuns überhaupt, aufgerollt. Und auch hier war es Paulus ‑ wiederum er in erster Linie ‑, der die Antwort gegeben hat. Dies geschieht in seiner Lehre von der freien Gnade, von der Rechtfertigung ohne Gesetzeswerke, nur auf Grund des Opfers Christi, allein durch den Glauben. Dies ist das Herz und das Zentrum der ganzen paulinischen Botschaft, das große Generalthema im Römer‑ und Galaterbrief. »So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm. 3, 28).

Die Art der Behandlung dieser Frage ist bei ihm mitbestimmt durch seine grundsätzliche Stellung zum religiösen Judentum. Daher der scheinbare Widerspruch zu Jakobus (Röm. 3, 28 vgl. Jak. 2, 24). In Wirklichkeit handelt es sich nicht um einen Widerspruch, sondern einen harmonischen Gegensatz. Dieser erklärt sich durch den Entwicklungsgang und die vorangegangene Lebensführung beider Apostel. Paulus, der ehemalige, werkgerechte Pharisäer, sieht das Werk und die Lehre Christi in ihrem großen Gegensatz zum Pharisäismus, das heißt, zum falschen J u d e n t u m.

Jakobus dagegen, der Bruder des Herrn (Gal. 1, 19), also großgeworden im engsten Kreis der Familie Jesu, das heißt, in einer Umgebung von echten Israeliten ohne Falsch, im Kreis des messiasgläubigen, getreuen »Überrests«,stellt das Werk und die Lehre Christi dar als die Vollendung des wahren Judentums. Daher betont Paulus bei der Rechtfertigungslehre ihre Freiheit von allen toten, gesetzlichen Werken; Jakobus dagegen hebt hervor, daß wahre Rechtfertigung zugleich neues Leben ist und sich daher durch lebendige Werke offenbart. Paulus schaut also verneinend den Gegensatz zum falschen Judentum; Jakobus betont bejahend die Verbindung mit dem wahren Judentum.
Daher spricht Paulus von der Freiheit vom Gesetz, Jakobus dagegen vom «Gesetz der Freiheit« (Jak. 1, 25; 2, 12). Aber im Tiefsten betreiben beide dieselbe Wahrheit. Auch Paulus betont die Notwendigkeit der Glaubenswerke (Gal. 5, 6; Tit. 2, 7; 3, 1; 1. Kor. 7, 19). Überhaupt, was Paulus bekämpft, ist nicht so sehr die Ausübung alttestamentarischer Gesetzeseinrichtungen an sich, als vielmehr das falsche Motiv dabei. Nur dann bekämpft er Beschneidung, Sabbatfeier usw., wenn man darin Rechtfertigungs- oder Heiligungsmittel erblickt, also in den pharisäischen M i ß b r a u c h des Gesetzes fällt (Gal. 5, 2; Kol. 2, 16ff. vgl. 1. Tim. 1,8). Sonst stellt der Apostel die Sabbatfeier frei (Röm. 14, 5), ja kann sogar selber die Beschneidung ausüben (eben als jüdische, nationale S i t t e, Apg. 16, 3) und mosaische Opfergesetze auf sich nehmen (Apg. 21, 26; 18,18), wenn es gilt, damit ein Seelengewinnungsmittel zu schaffen (»um der Juden willen«, Apg. 16, 3; 21, 24b; 1. Kor. 9, 20).

Und schließlich: Wenn diese beiden, die Juden und die Hei­den, in gleichberechtigte Heilsgemeinschaft hineingestellt waren, so entstand notwendig die Frage nach ihrem Verhältnis zueinander und ihrem gemeinsamen Verhältnis zu ihrem gemeinsamen Erlöser. Und auch hierin ist Paulus der Hauptlehrer der Gemeinde. Er beschreibt diese Gemeinschaft unter dem Bilde eines Leibes: Christus ist das »Haupt« und die Erlösten seine »Glieder«. Hierbei ist Paulus der einzige Schreiber des Neuen Testaments, der dies Bild vom»Leib Christi« gebraucht. Er tut dies am ausführlichsten im Epheser- und Kolosserbrief, aber auch im ersten Brief an die Korinther.

So ergeben sich aus Golgatha und der Petrusoffenbarung in Joppe vier neue, große heilsgeschichtliche Grundfragen:

die Frage nach dem Zweck des Gesetzes,
der Beiseitesetzung und Hoffnung Israels,
der Rechtfertigung ohne Gesetzeswerke und
der organischen Einheit der neuen Heilsgemeinschaft,

und in allen diesen Fragen ist Paulus der eigentliche Lehrer der Gemeinde gewesen.

Die Krönung findet dies noch durch das Letzte. Dem Mann, dem in besonderer Weise die Deutung des Anfangs der neutestamentlichen Gemeinde gegeben war, wird nun auch die Schau in ihrer Vollendung geschenkt. Das gehört mit zur göttlichen Logik. So wird Paulus der Prophet von der Hoffnung der Gemeinde:

Die Auferstehung der Gläubigen,
die Entrückung der Gemeinde,
der Richterstuhl Christi,
die Verklärung der Seinen,
ihre kommende Geistleiblichkeit

‑ das sind alles Grundfragen der christlichen Hoffnung, über die wir bei keinem anderen neutestamentlichen Schreiber so deutliche und ausführliche Belehrung empfangen, wie wiederum gerade bei Paulus. Das ist die Hauptbotschaft der beiden THESSALONICHERBRIEFE und des Auferstehungskapitels 1. KORINTHER 15.

Durch dies alles wird Paulus der Prophet der Heilsgeschichte.

In Jahrtausende umfassender Völker und Zeiten umspannender Schau überblickt er Äonen und Ökonomien. Er spricht von den Anfängen der heiligen Geschichte, von Adam, dem Stammvater der Menschheit, dem Gegenstück zu Christus (Röm. 5). Er spricht von der Zeit der Patriarchen, von Abraham, dem Vater und Urbild der Gläubigen (Röm, 4). Er deutet den Sinn der mosaischen Haushaltung, die anderthalb Jahrtausende des alttestamentlichen Gesetzes (Röm. 7; Gal. 3). Er spricht von der »Fülle der Zeit«, in der Christus erschien (Gal. 4, 4), von seinem Kreuz, seiner Auferstehung, seiner Himmelfahrt und Erhöhung (Eph. 1, 20). Er lehrt die Grundsätze der Gemeinde, ihre Berufung und Stellung, die Verherrlichung der Erlösten und ihr Offenbarwerden vor Christus (2. Kor. 5, 10). Er weissagt das Kommen des Antichristen, sein Wesen und seine Macht, seinen Sieg und seinen Sturz (2. Thess. 2). Und er erwartet das Erscheinen des Herrn und die Aufrichtung seines Reiches (2. Thess. 2, 8; 1. Thess. 2, 12). Über dies alles aber geht schließlich sein Blick hinaus in die Ewigkeit, zum Jerusalem droben (Gal. 4, 26), zum Kommen der letzten Vollendung, zum Anbruch des Tages Gottes, »wo auch der Sohn selbst dem unterworfen sein wird, der ihm alles unterworfen hat, auf daß Gott alles sei in allem« (1. Kor. 15, 28).

In dem Ganzen aber ist ihm Christus die strahlende Zentralsonne. Nur »in« Ihm, dem Lebendigen, sind alle Lebensquellen offen. Das kleine Wörtchen »in Christo«, das in seinen Briefen über 160 mal vorkommt, ist geradezu das Schlüssel- und Kernwort seiner ganzen Heilserfahrung und Lehrverkündigung. Nur für Ihn will er leben. Nur ihn will er bezeugen, nur Ihn als die größte Gottesgabe der Völkerwelt verkünden. Das ist seine Sendung. Als solcher ist er der Lehrer der Nationen, der Hauptapostel der Gemeinde, der Prophet der Heilsgeschichte, der Herold Jesu Christi, der Bannerträger des kommenden Königs.

II. Die Stellung der Gemeinde

 

1. Kapitel. DER GNADENHAUSHALT GOTTES

Vom hohen Stand der Ekklesia wollen wir reden. »Durch Herrlichkeit und Vollkommenheit berufen«, hat sie die »größten« Verheißungen in Besitz (2. Petr. 1, 3; 4). Gerade in dem »jetzigen« Zeitalter wird der »unausforschliche« Reichtum Christi verkündigt (Eph. 3, 8).

Zu »vielgestaltig« (Eph. 3, 10) sind die »himmlischen Segnungen« der Gemeinde (Eph. 1, 3), als daß sie durch eine einzige Beschreibung ausgedrückt werden könnten. Daher gebraucht der Geist Gottes die verschiedensten Bilder und Vergleiche, um so, wie durch ein Prisma, den Sonnenglanz ihres Ewigkeitslichtes in seine Einzelstrahlen zu zerlegen.

Zu allen drei Überpersonen des göttlichen Wesens steht die Gemeinde in Beziehung, zum Vater, zum Sohn und zum heiligen Geist. In ihrer Beziehung zu Gott ist sie ein »Haushalt«. Gott ist der »Vater« (Gal. 4, 6), und die Erlösten sind seine »Hausgenossen« (Gal. 6, 10). In ihren Pflichten sind sie seine »Sklaven« (1. Petr. 2, 16), in ihren Vorrechten seine »Söhne« (Röm. 8, 14)­

I. Die Sklavenstellung der Erlösten

Durch das Blut Jesu Christi »für Gott erkauft« (Off. 5, 9), nicht mit Silber oder Gold (1. Petr. 1, 18), sondern »um den Preis« seines Lebens (1. Kor. 6, 20), das »Lösegeld« von Golgatha (Matth. 20, 28; 1. Tim. 2, 6), sind die Erlösten nicht mehr ihrer selbst (1. Kor. 6, 19), sondern Sklaven Gottes (Röm. 6, 22) und Christi (Eph. 6, 6). Sie sind ewig sein Besitz (Tit. 2, 14), seine Werkzeuge, die er gebraucht.

II. Die Sohnesstellung der Erlösten

Aber noch höher geht Gottes Ratschluß des Heils. Die aus der Sklaverei der Sünde Befreiten sollen nicht nur seine Diener sein, die, vom Verderben erlöst, nun Täter seines Wohlgefallens sind; sondern er will sie zur Anteilnahme an ihm selber gelangen lassen, zum Teilhaftigwerden seiner göttlichen Natur (2. Petr. 1, 4). Sie sollen Kinder (Römer 8, 21), und Söhne (Hebr. 12, 23) sein.

1. »Kinder«. Dies und nichts Geringeres ist es, was die Heilige Schrift meint, wenn sie immer wieder von dem Geborensein der Erlösten aus Gott spricht; denn die Erhebung der Begnadigten in die Sohnesstellung ist nicht nur eine formelle Zu‑Söhnen‑Erklärung, eine rechtliche Erhöhung und Ernennung, gewissermaßen eine juristische Adoption, sondern eine tatsächliche Zeugung (Jak. 1, 18), ein wirkliches Umgeborenwerden, ein organisches Geborensein aus Gott (Joh. 3, 3; 1. Petr. 1, 23; Joh. 2, 29). »Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater bewiesen, daß wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es auch!« (l. Joh. 3, 1)

2. »Söhne«. Als solche aber sind sie zugleich »mündig«. Gerade dies ist der Hauptunterschied zur alttestamentlichen Zeit. Denn wohl war die »Sohnschaft« schon ein israelitisches Gut (Röm. 9, 4; 5. Mose 14, 1). Gerade Israel war, offenbarungsgeschichtlich, Gottes »erstgeborener Sohn« unter den Völkern (2. Mose 4, 22) Aber sie war damals noch im Zustande der Unmündigkeit und unterschied sich in nichts von der Stellung eines Sklaven. Das Gläubigwerden bedeutet für einen Israeliten sein Selbständigwerden vom »Erzieher«, das heißt seine Freiheit vom Gesetz (Gal. 4, 1‑5); und da nun in der Gemeinde zwischen Juden und Heiden »kein Unterschied« mehr besteht, sind auch die Gläubigen aus den Nationen derselben Freiheit teilhaftig.

 

2. Kapitel. DER UNAUSFOPSCHLICHE REICHTUM CHRISTI

Unendlich mannigfaltig sind die Beziehungen zwischen Christus und seiner Gemeinde, besonders

1. Lehren und Lernen (Jüngerschaft, Schule),
2. Führen und Folgen (Herde),
3. Herrschen und Gehorchen (Staatswesen, Volk),
4. Lieben und Wiederlieben (Braut, Weib),
5. Beleben und Belebtsein (Weinstock, Leib),
6. Gründen und Aufbauen (geistliches Haus),
7. Segnen und ein Segen sein (Priestertum, Tempel).

 

I. Lehren und Lernen

Christus ist der Meister, und wir sind seine Schüler (Matth. 23, 8). Er sagt: »Lernet von mir« (Eph. 4, 20). Die Gemeinde ist eine Schule, eine Jüngerschaft.

II. Führen und Folgen

Christus ist der Hirt, und wir sind seine Herde. Aus der israelitischen »Hürde« und den Hürden der Weltkultur hat er die Seinen zu »einer« Herde zusammengebracht (Joh. 10, 16).

Als der »gute« Hirte läßt er sein Leben für seine Schafe (Joh. 10, 12) und als der »große« Hirte ist er der Auferstandene, kraft des Blutes des ewigen Bundes (Hebr. 13, 20)

III. Herrschen und Gehorchen

Christus ist der HErr, und wir sind seine »Diener«. Die Erlösten sind ein »Volk«. Die Gemeinde ist ein Staatswesen. Ihr »Bürgertum« ist im Himmel (Phil. 3, 20). Das »Reich Gottes« soll sie offenbar machen (Röm. 14, 17). Darum predigt sie das »Reich« (Apg. 20, 25; 28, 31)­.

Zum Reich gehört ein Gesetz, zum »Reich des Sohnes« das »Gesetz Christi« (Gal. 6, 2). Darum ist »Glauben« zugleich »Gehorchen«, und »Vertrauen« ist zugleich »Treue«. Gerade Paulus, der Apostel der Freiheit, spricht vom »Halten der Gebote« (1. Kor. 7, 19). Unglaube ist ihm dasselbe wie »Ungehorsam«. Die Bekehrung ist ihm ein Gehorsams‑ und Unterwerfungsakt (Apg. 26, 19), die Evangeliumsverkündigung ein Buße‑Gebieten (Apg. 17, 30)! Vom »Gesetz der Sünde und des Todes« erlöst (Röm. 8, 1) und auch vom mosaischen Gesetz frei (Röm. 3, 21), ist der Gläubige nun nicht etwa »ohne Gesetz« (Gal. 5, 13), sondern »Christo gesetzmäßig unterworfen« (1. Kor. 9, 21). Er hat das »Gesetz Christi« zu erfüllen und im »Glaubensgehorsam« zu wandeln.

Dieses neutestamentliche »Gesetz« ist

seinem Ursprung nach ‑ Gesetz »Christi« (Gal. 6, 2),
seinem Wesen nach ‑ Gesetz der »Freiheit« (Jak. 1, 25),
seinem Inhalt nach ‑ Gesetz der »Liebe« (Röm. 13, 8-10)
seiner Kraft nach ‑ Gesetz des »Geistes« (Röm. 8, 2),
seinem Wert nach ‑ das »vollkommene Gesetz« (Jak. 1, 25),
seiner Würde nach ‑ das »königliche Gesetz« (Jak. 2, 8).

Im Alten Testament stand der Mensch dem Gesetz Gottes als natürlicher Mensch gegenüber; er war »im Fleische«; daher die Kraftlosigkeit des Gesetzes (Röm. 8, 3. Im Neuen Bund aber ist er ein neuer Mensch; er ist »im Geiste«; daher sein Sieg (Röm. 8, 1‑4).

Im Alten Bund trat das Gesetz an den Menschen von außen heran, auf »steinernen Tafeln«, als Buchstabe, der da tötet (2. Kor. 3, 3). Im Neuen Bund ist es ihm in den Sinn gegeben (Hebr. 8, 10), geschrieben auf »fleischer­ne Tafel des Herzens und mit dem Geist des lebendigen Gottes«. So ist die Gemeinde ein wunderbares Volk, eine »heilige Nation« (1. Petr. 2, 9):

ihr Gebieter ist ‑ der HErr Christus (Jud. 4),
ihr Gesetz ‑ sein Wille (Gal. 6, 2),
ihr Reichtum ‑ seine Herrlichkeit (Eph. 3, ‑16),
ihr Ruhm ‑ seine Ehre (1. Kor. 1, 31),
ihre Volksgemeinschaft ‑ seine Liebe (Joh. 13, 34),
ihr Gebiet ‑ die ganze Erde (Röm. 10, 18),
ihre Hauptstadt  ‑ das himmlische Jerusalem (Gal. 4, 26).

IV. Lieben und Wiederlieben

Christus ist der Bräutigam, und die Gemeinde ist seine Braut (2. Kor. 11, 2). Christus ist der Eheherr, und sie ist sein Weib (Eph. 5, 31). Als Braut hat sie die reine und wartende Liebe, als Weib die besitzende und genießende Liebe. Wie Eva aus Adam war, als dieser von Gott in tiefen Schlaf versenkt worden war (1. Mose 2, 21; 1. Kor. 11, 8), so kommt die Gemeinde von Christus her, der als der Auferstandene den Todesschlaf überwunden hat.

Darum bezieht Paulus das Begrüßungswort des ersten Adam auf Christus, den letzten Adam, und sagt: »Wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein« (vgl. 1. Mose 2, 23) »Um deswillen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter und seinem Weibe anhangen und werden die zwei ein Fleisch sein (vgl. 1. Mose 2, 24!). Das Geheimnis ist groß. Ich aber sage es in bezug auf Christus und die Gemeinde« (Eph. 5, 30‑32).

Wie wenn ein orientalischer Fürst auf dem Sklavenmarkt ein Sklavenmädchen sieht und, von plötzlicher Liebe entflammt, sie um teuren Preis kauft, um sie dann reinigen und in Prachtgewänder einhüllen zu lassen (Esther 2, 3) und sie zuletzt als sein Weib auf den königlichen Thron zu erheben: also auch Christus und die Gemeinde. Er hat sie »geliebt«, sie, die einstige Sklavin der Sünde, hat sich dann selbst für sie als Kaufpreis »dahingegeben«, »reinigt« sie nun durch die Waschung mit Wasser durch das Wort und wird sie dereinst »sich selbst verherrlicht darstellen«, ohne Flecken und Runzeln, das heißt in Heiligkeit und ewiger Jugendschönheit (Eph. 5, 25‑27). So haben wir im Bilde der Ehe das ganze Werk Christi für seine Gemeinde:

ihre Erwählung ‑ durch seine Liebe (Eph. 5, 25a),
ihre Erlösung ‑ durch seine Hingabe (Eph. 5, 25b),
ihre Heiligung ‑ durch seine Herrschaft (Eph. 5, 26; 24; 33),
ihre Verherrlichung ‑ durch seine Wiederkunft (Eph. 5, 27).

Wie schon Augustinus sagt: »Wen Gott verordnet hat vorder Welt, den hat er auch berufen von der Welt, gerechtfertigt in der Welt und wird ihn verherrlichen nach der Welt«.

V. Einheit des Lebens

Der Urgrund von allem aber ist die organische Lebensgemeinschaft der Gemeinde mit Christus. Schon im Bilde der Ehe deutet sie sich an: »Die zwei werden ein Fleisch sein … ; ich aber sage es in bezug auf Christus und die Gemeinde«. Auch hier hat das Neue Testament eine reichhaltige Bildersprache:

Christus ist der »Weinstock« und wir sind die Reben (Joh. 15, 1‑5). Christus ist das »Haupt«, und wir sind die Glieder (Eph. 1, 22). Die Gemeinde ist ein Baum, »gewurzelt« in ihm (Kol. 2, 7). Der einzelne ist eine Pflanze (1. Kor. 3, 6‑9), mit ihm »zusammengepflanzt« (Röm. 6, 5). Sie alle sind »in Christo«.

 

A. Die Beziehungen der Glieder zum Haupt

Das wichtigste Bild ist das des Leibes. Es wird ausschließlich von Paulus gebraucht. Es stellt, wie kein anderes, die Segnungen der Christusgemeinschaft dar:

1. Zugehörigkeit zu Christo: Die Gemeinde ist »sein« Leib (Eph. 1, 23).

2. Abhängiger Dienst: In einem Leibe regiert nur ein Wille, und das Haupt ist der Wille des Leibes (Kol. 1, 18).

3. Unmittelbare Gemeinschaft: Das einzelne Glied steht in direkter Beziehung zum Haupt. Kein Mensch oder Engel steht dazwischen (1. Tim. 2, 5; Kol. 2, 18). Darum gilt es, in allem das Haupt »festzuhalten« (Kol. 2, 19).

4. Liebe und Pflege: »Niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie auch Christus die Gemeinde« (Eph. 5, 29). »Er ist des Leibes Heiland« (Eph. 5, 23).

5. Belebung und Aufbau: Das Haupt ist für den Leib die Quelle der Selbstauferbauung. Schon im irdischen Leib ist die Seele das leibbildende Element (Phrenologie). So wächst auch der Leib Christi »aus« dem Haupt heraus sein gottgeordnetes Wachstum (Kol. 2, 19).

6. »Fülle« des Hauptes: Nicht als göttliche Person, wohl aber als »letzter Adam« wäre Christus nicht »vollständig« ohne seinen »Leib«; das Weizenkorn ohne die Frucht wäre »allein« (Joh. 12, 24). Ein Erlöser ohne Erlöste wäre kein »Erlöser« mehr. So ist die Gemeinde »die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt«, das heißt »die volle Ausgestaltung von Ihm, der alles in allem zu voller Ausgestaltung bringt« (Eph. 1, 23). Durch dies alles ist die Gemeinde

7. Das Offenbarungsmittel des Christuslebens. Schon im irdischen Leben ist der Leib das Kundgebungsorgan des Geistes. So soll auch im Geistlichen durch die Gemeinde die gar mannigfaltige Weisheit Gottes kundgemacht werden (Eph. 3, 10). Das erhöhte »Haupt« setzt durch seinen »Leib« sein heiliges Leben hier unten fort. Die Gemeinde ist»der Lebensraum Gottes in der Geschichte«, die Fortsetzung der Menschwerdung Christi auf Erden. Sie lebt durch den Geist sein Leben hier unten weiter. Sie ist nicht nur »in Christo«, sondern Christus ist auch »in« ihr (Kol. 1, 27). Er gewinnt in ihr Gestalt (Gal. 4, 19), drückt sein Wesen in ihr aus, und das Haupt offenbart sich durch seine Glieder.

 

B. Die Beziehungen der Glieder untereinander

Auch hinsichtlich der Christengemeinschaft ist der »Leib« das vielsagendste Bild. (Siehe 1. Kor. 12). Die Erlösten sind eine

1. Einheit, viel tiefer als alle Volks‑ und viel weltweiter als alle Völkergemeinschaft (Gal. 6, 10). Sie sahen sich nie, und sie kennen sich doch (2. Kor. 6, 9); sie sind sich ganz fremd, und ‑ lieben sich! (Kol. 2, 1). Denn »gleichwie der Leib einer ist, obwohl er viele Glieder hat, also auch der Christus« (1. Kor. 12, 12). Er ist ein Organismus und keine Organisation, eine Schöpfung Gottes und kein Werk der Menschen. Christus, das Haupt, ist die Einheit des Leibes; sein Leib ist der »eine neue Mensch« (Eph. 2, 15).

Die Einheit der Gemeinde ist eine dreifache:

Die Einheit des Geistes »ist« da. Sie ist eine fertige Tatsache, die wir haben durch den Glauben (Eph. 4, 3);
die Einheit der Gesinnung »soll« da sein; sie ist unsere Pflicht, die wir erfüllen durch die Liebe (Phil. 1, 27; 2, 1‑4).
die Einheit der Erkenntnis »wird« da sein. Sie ist unser Ziel, ein Teil unserer Hoffnung (Eph. 4, 13)
Die Einheit des Lebens ist die »Grundlage«, die zurückschaut auf die Vergangenheit, das Werk von Golgatha;
die Einheit der Erkenntnis ist das, was wir haben werden, das »volle Maß« (Eph. 4, 13), das erreicht sein wird in der Zukunft.

Für die Gegenwart aber gilt das Wort Augustins: »Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe.«

2. Mannigfaltigkeit. »Auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? So er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch?« (1. Kor. 12). Wie auf dem Brustschild des Hohenpriesters zwölf verschiedene Edelsteine glänzten, als Darstellungen der zwölf Stämme Israels (2. Mose 28, 15), so werden auch die Glieder des neuen Bundes auf der Brust des melchisedekschen Hohenpriesters getragen: Sie sind alle verschieden; aber sie alle leuchten. Und die Einheit ihres Lichtes ist die Einheit der Sonne.

3. Gegenseitige Abhängigkeit. Jeder einzelne ist einseitig. Darum brauchen sie sich alle. »Es kann nicht das Auge zu der Hand sagen: Ich bedarf deiner nicht; oder das Haupt zu den Füßen: Ich bedarf euer nicht« (1. Kor. 12, 21). Nein, sie sind alle aufeinander angewiesen, auch der Größte auf den Kleinsten, und gerade die Geringsten hat Gott mit besonderer Ehre bedacht, »damit die Glieder einträchtig füreinander sorgen« (1. Kor. 12, 22 ‑ 25).

4. Gegenseitiges Mitgefühl. »So ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit, und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit« (1. Kor. 12, 26).

5. Gemeinsamer Dienst. Jedes Glied dient dem anderen und sie alle der Gesamtheit; und so wird der ganze Leib »durch die Gelenke und Bänder versorgt« (Kol. 2, 19) und »zusammengehalten mit Hilfe aller Gelenke, die ihren Dienst verrichten nach der besonderen Tätigkeit, die jedem Gliede zugewiesen ist« (Eph. 4, 16). Alle Glieder haben Aufgaben. Nicht ein einziges darf abseits stehen. Reichsgottesgemeinschaft ist Arbeitsgemeinschaft. Nur dadurch wird sie auch Siegesgemeinschaft.

6. Gemeinschaftliches Wachstum. Dies alles aber, »bis daß wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollkommenen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses in der Fülle Christi« (Eph. 4, 13).

VI. Gründen und Aufbauen

Mit dem Bild des »Leibes« ist in der Schrift eng das Bild des »Hausbaues« verbunden. Beide Bilder werden sogar ineinander verwoben: Das Haus »wächst« (Eph. 2, 21); der Leib wird »gebaut« (Eph. 4, 12).

Christus ist der »Eckstein«, und wir sind der Aufbau (1. Petr. 2, 6). Die Gemeinde ist ein Gotteshaus, ein Tempel. Dies Bild gilt in dreifacher Weise, in bezug auf die Gesamtgemeinde (Eph. 2, 2‑1; 22; 1. Petr. 2, 4; 5), die Ortsgemeinde (1. Kor. 3, 16; 17; 1. Tim. 3, :15), den Einzelchrist (1. Kor. 6, 19; Kol. 1, 27; Eph. 3, 17).

1. Die Grundlage ist der HErr selbst. Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist (1. Kor. 3).

Von ihm spricht das Zeugnis der ersten Generation. Darum ist alles, was darauf folgt, »aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten« (Eph. 2, 20). Die Wahrheit des Petrusbekenntnisses ist der Felsengrund der Gemeinde: die übergeschichtliche Gottessohnschaft und die heilsgeschichtliche Messiasschaft Jesu von Nazareth. »Du bist der Christus (der Messias), der Sohn des lebendigen Gottes!« ‑ »Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen« (Matth. 16, 16 ‑ 18).

2. Die Steine. Sie kommen aus zwei »Steinbrüchen«, den Juden und Heiden (Eph. 2, 11), und werden zu einem heiligen Tempel »zusammengefügt« (Eph. 2, 21). Sie kommen als tote Steine zu ihm, dem Lebendigen, und werden durch den Geist seines Lebens lebendig gemacht (1. Petr. 2, 4)

3. Der Zweck dieses Hauses ist, ein »Tempel« zu sein. Es ist ein »geistliches« Haus (1. Petr. 2, 5), und die »Steine« in der Wand sind zugleich »Priester« am Altar (1. Petr. 2, 5; Hebr. 13, 10), und die Führer sind »Säulen« in dem Tempel ihres Gottes (Gal. 2, 9; Off. 3, 12).

Damit ist zugleich das Letzte gesagt: Die Gemeinde ist ein Priestertum.

VII. Segnen und ein Segen sein

Christus ist der Hohepriester, und wir sind die Priester (Hebr. 8, 1; Off. 1, 6). Die Gemeinde ist ein »heiliges« Volk (1. Petr. 2, 9). Als Priester haben ihre Glieder einen vierfachen Dienst:

1. Sie opfern.

Ihr Leben ist. ‑ ein Schlachtopfer (Röm. 12,1),
Ihre Hingabe ‑ ein Brandopfer (Mark. 12, 33),
Ihr Dienst ‑ ein Trankopfer (2. Tim. 4, 6; Phil 2, 17),
Ihre Taten ‑ geistliche Opfer (1. Petr. 2, 5; Hebr. 13, 16),
Ihre Gebete ‑ ein Rauchopfer (Ps. 141, 2; Off. 8, 3; 4),
Ihre Anbetung ‑ ein Lobopfer (Hebr. 13, 15).

2. Sie beten. Sie beten für andere; sie »danksagen« für andere (1. Tim. 2, 1); im stillen Kämmerlein umspannen sie die ganze Welt, und im Himmel vertritt sie der Geist mit unaussprechlichem Seufzen und verleiht ihren Gebeten gottgemäße Kraft (Röm. 8, 26).

3. Sie zeugen. »Die Lippen des Priesters sollen Erkenntnis bewahren, und das Gesetz sucht man aus seinem Munde; denn er ist ein Bote des HErrn« (Mal. 2, 7)

4. Sie segnen: »Rede zu Aaron und zu seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr die Kinder Israel segnen … Sie sollen meinen Namen auf die Kinder Israel legen, und ich will sie segnen« (4. Mose 6, 23‑27). »Segnen« heißt also, »den Namen Gottes auf jemand legen«. Nur der ist ein Segen, der andere Menschen durch Wort und Wandel mit Gott in Berührung bringt.

Im Neuen Bund aber gibt es ein allgemeines Priestertum (1. Petr. 2, 9; Off. 1, 6). Sie alle genießen den Priesteranteil am Altar (Hebr. 13, 10). Sie sind alle, was Israel sein sollte, »ein Königreich von Priestern« (2. Mose 19, 6), und so kann auch im Kleinsten von ihnen die Verheißung erfüllt werden: »Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein« (1. Mose 12, 2).

 

3. Kapitel. DIE »NEUE« GOTTESSTIFTUNG

Alle Segnungen der Gemeinde, zusammengenommen, bilden den Höhepunkt des Heilsinhalts des »Neuen Bundes« (Matth. 26, 28). Dieser ist die himmlische Berufung des Abrahamsbundes (Hebr. 11, 10), der unausforschliche Reichtum Christi (Eph. 3, 8).

I. »Alter« und »Neuer« Bund

Aber »neu« ist er nur im Verhältnis zum »alten« Bunde (Hebr. 8, 13), und dieser war lediglich Israel gegeben (Ps. 147, 20). Die Nationen waren »Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung« (Eph. 2,12). Der Name »Neuer Bund«, »Neues Testament« drückt also schon aus, daß die Gemeinde vom alttestamentlichen Verheißungsboden nicht getrennt werden kann. »Das Heil kommt aus den Juden« (Joh. 4,22; Röm. 9, 5).

»Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich« (Röm. 11, 18). Doch seitdem das Reich Gottes auch den Heiden geöffnet ist, besteht im Genuß seiner Segnungen »kein Unterschied« mehr (Apg. 15, 9; 11, 17; 10, 47), und die Gläubigen aus den Völkern sind genau so wie die Gläubigen aus Israel teilhaftig der Heilsgüter des Neuen Bundes (vgl. Apg. 3, 25; 2,39)­

Dem Inhalt nach ist das »Neue« unendlich viel größer als das »Alte«. Dies zeigt besonders der Hebräerbrief. In siebenfacher Gegenüberstellung beweist er die Vortrefflichkeit des neutestamentlichen Heils, und zwar in namentlichem Vergleich zu vier alttestamentlichen Personen (bzw. Personengruppen) und drei alttestamentlichen Einrichtungen.

Christus ist größer

als die Engel ‑ die himmlischen Vermittler des Alten Bundes
als Mose ‑ der irdische Vermittler des Alten Bundes, der prophetische Führer,
als Josua ‑ der Ruhebringer des Alten Bundes, der politische Führer,
als Aaron ‑ der Hohepriester des Alten Bundes, der priesterliche Führer,
als die Stiftshütte ‑ die Offenbarungsstätte des Alten Bundes,
als die Opfer ‑ die Heilsvermittlung des Alten Bundes.

So ist er größer als alles, was der Alte Bund in sich schließt, und in seiner Kraft können wir auf dem »neuen und lebendigen Wege« wandeln (Hebr. 10, 20), das heißt

im Glauben, der nach oben blickt (Kap. 11),
in der Hoffnung, die nach vorne sieht (Kap. 12),
in der Liebe, die nach allen Seiten schaut (Kap. 13).

II. Der Abrahamsbund und der Davidsbund

Der Hauptsache nach ist dieser neue Bund die Erfüllung von zwei alttestamentlichen Bundesschließungen, dem Abrahamsbund und dem Davidsbund. Im Abrahamsbund lag die Weite, der Segen für alle Völker (1. Mose 12, 3); im Davidsbund lag die Höhe, der Königsthron des Messias (1. Chron. 17, 11‑14).

III. »Bund« und »Testament«

Genau genommen ist er weniger »Bund« als »Testament«. Denn

1. Ein Bund ist zweiseitig, ein »Testament« nur eine einseiti­ge Willensverfügung (»letzter Wille«). Im Heil aber geht alles von einer Seite ‑ Gott ‑ aus, und der Glaube des Menschen ist keine »Gegenleistung«, sondern einfach die Hand, die das Gebotene ergreift.

2. Ein »Bund« wird durch den Tod aufgelöst,ein »Testament« durch ihn erst rechtskräftig gemacht. Das Heil ist aber durchaus ein »Testament«, eine »letztwillige Verfügung«. Erst durch das Sterben des Gekreuzigten wird es wirksam und gültig (Hebr. 9, 15‑18). Seine Voraussetzung ist Christi »Tod«, sein Heilsgut das ewige »Erbe« und es selber eine heilige »Gottesstiftung« (Luk. 1, 72).

IV. Bundesvolk und Welt

Nach außen hin ist das Bundesvolk der Zeuge der erfahrenen Bundesgnade. Erst ist es Produkt, dann Organ, erst Gegenstand des Heils, dann Werkzeug des Heils. Diese Bezie­hung der Gemeinde zur Welt wird gerade in dem Kapitel am zusammenhängendsten zum Ausdruck gebracht, das uns am allermeisten ins innerste, in das von der Welt Abgekehrte, ins Heiligtum, führt: im Hohenpriesterlichen Gebet (Joh. 17). Hier nennt der HErr Jesus sieben Hauptbezichungen: Die Sei­nen sind

in ihrer Umgebung ‑ lebend in der Welt (V. 11),
in ihrer Stellung ‑herausgenommen aus der Welt (V. 6),
in ihrer Gesinnung ‑ geschieden von der Welt (V. 16),
in ihrem Zeugendienst‑ gesandt in die Welt (V. 18),
in ihrer Behandlung ‑ gehaßtvon der Welt (V. 14),
in ihrer Siegeskraft ‑ bewahrt vor der Welt (V. 15;

Der Urgrund des Ganzen aber ist der Liebesplan Gottes vor Grundlegung der Welt.

Der Vater hat dem Sohn die Erlösten schon vor aller Zeit als Geschenk seiner Liebe »gegeben«, und diese Liebe des Vaters zum Sohne vor Grundlegung der Welt ist das Fundament für die Verklärung der Erlösten am Ende der Welt. »Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen. . ., denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt« (Vers 24). So wölbt sich die vorzeitliche und nachzeitliche Liebe des Höchstens wie ein Regenbogen über aller Zeit. Das Ende kehrt zum Anfang zurück, weil der Anfang das Ende verbürgt (Röm. 11, 36).

In der Gegenwart aber sind die Erlösten die Boten Gottes an die Welt:

1. Der »Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit« (1. Tim. 3, 15),
2. Seine »Zeugen« (Apg. 1, 8),
3. Seine »Briefe« (2. Kor. 3, 1‑3),
4. Seine »Gesandten« an die Welt (2. Kor. 5, 20),
5. Seine »Darstellungen vom Lebenswort« (Phil. 2, 16),
6. Seine »Sterne« in dunkler Nacht (Phil. 2, 15),
7. Seine »sieben goldenen Leuchter« mit ihm selbst in der Mitte (Off. 1, 12).

4. Kapitel. DAS GEGENWÄRTIGE, PERSÖNLICHE HEIL

Die Erlösung in Christo ist ein Sein und ein Werden zugleich. Der einzelne hat durch den Glauben ein volles, freies, gegenwärtiges Heil und erlebt es dennoch zugleich nur in einer Reihe höchst wirksamer, dramatischer Spannungen.

I. Ein volles, freies, gegenwärtiges Heil

Besonders Paulus schildert sein Christuserlebnis in immer neuen Farben. Seiner Vorliebe für das juristische entsprechend beschreibt er es in fünf Hauptbilderkreisen, die sämtlich dem Rechtsleben entnommen sind. Es ist ihm Rechtfertigung, Erlösung, Vergebung, Versöhnung, Sohnesannahme. Seine Heilserfahrung ist dem Apostel wie eine helleuchtende Sonne mit dem vollen Glanz ‑ Christus ‑ in ihr selber, aber mit fünf Hauptstrahlen, die von ihr ausgehen ‑ nach allen Seiten hin, unbegrenzt, unermeßbar.

1. In der Rechtfertigung steht der Sünder als »Angeklag­ter« vor Gott und empfängt den »Freispruch« (Röm. 8, 33)­
2. In der Erlösung steht er als »Sklave« vor Gott und emp­fängt den »Loskauf« (Röm. 6, 8‑22; Gal. 3,:13).
3. In der Vergebung steht er als »Schuldner« vor Gott und empfängt den »Schuldenerlaß« (Eph. 1, 7; 4, 32).
4. In der Versöhnung steht er als »Feind« vor Gott und wird zum »Frieden« geführt (2. Kor. 5, 18‑20).
5. In der Sohnesannahme steht er als »Fremder« vor Gott und empfängt die »Sohnschaft« Eph. 1, 5).

Und doch! Obwohl alles geworden ist, ist ‑ abgesehen von der Rechtfertigung ‑ alles am Werden. Bis zur Wiederkunft Christi steht der Gläubige ‑ von ihm aus gesehen ‑ unter einer Reihe höchst wirksamer, kraftvoller

II. Spannungen

Zukunft und Gegenwart, Stellung und Zustand, Gottes Werk und unser Werk, Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit, Geist und Leib ‑ diese alle sind dauernd in ihm in lebendigem, noch nicht ausgeglichenem Gegensatz.

1. Zukunft und Gegenwart.

Wir »haben« die Erlösung (Eph. 1, 7) und »erwarten« die Erlösung.
Wir »haben« ewiges Leben und »ergreifen« ewiges Leben.
Wir »sind« Söhne Gottes (Röm. 8, 14) und »erwarten« die Sohnschaft (Röm. 8, 23).
Wir »sind« schon im Reich (Kol. 1, 13) und »gehen« erst ins Reich (Apg. 14, 22).
Gott »hat« uns verherrlicht (Röm. 8, 30), und er »wird« uns verherrlichen (Röm. 8, 17).

Dies ist die Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft. Wir genießen das »jetzt«, und doch ist es zugleich ein »Noch‑nicht« der Erfüllung. In Christus ist der neue Äon lebendig vorhanden, und doch besteht der alte noch fort. Das Heil ist gegenwärtig und zukünftig zugleich; denn es ist ewig.

Alles, was wir haben, erwarten wir erst; und alles, was wir erwarten, das haben wir schon. Wir sind »auf Hoffnung errettet« (Röm. 8, 24). Der Schwerpunkt liegt in der Vergangenheit (Golgatha); der Gipfelpunkt liegt in der Zukunft (Erscheinung in Herrlichkeit). Aber gerade die Zukunft ist der Hintergrund aller Gedanken des Neuen Testaments. Der Blick auf das Ziel ist der Pulsschlag aller Heiligung und Heilsgeschichte. Denn Christus ist die leibhaftige Erfüllung und die leibhaftige Verheißung zugleich.

Daher auch der Begriff des »Offenbarwerdens« im Neuen Testament (Kol. 3, 4). Denn »geoffenbart« (enthüllt) werden kann nur etwas schon vorher Vorhandenes. Die Treue und Überzeitlichkeit Gottes aber verbürgt uns das Zukünftige als schon gegenwärtig, ja als schon in der Vergangenheit geschehen. »Er hat uns verherrlicht« (Röm. 8, 30).

Gerade die Größe unseres »Heute« läßt uns sehnsüchtig ausschauen nach dem noch größeren »Morgen«.

2. Stellung und Zustand.

Wir sind gestorben (Kol. 3, 3) und »töten« unsere Glieder (Kol. 3, 5).
Wir sind »neue Menschen« (Eph. 4, 24) und werden »erneuert« (Kol. 3, 10).
Wir sind das Licht (1. Thess. 5, 5) und sollen leuchten als das Licht (Eph. 5, 9; Matth. 5, 16).
Wir sind »Heilige« Gottes (Kol. 3, 12) und wer­den »geheiligt« (1. Thess. 5, 23; Hebr. 12,:14; 2. Kor. 7,1).
Wir sind vollkommen (Kol. 2, 10) und »jagen« nach Voll­kommenheit (Phil. 3, 12).
Christus wohnt in uns (Kol. 1, 27), und er soll in uns woh­nen (Eph. 3, 17).

Dies ist die Spannung zwischen Stellung und Zustand, zwischen Würde und Verpflichtung, zwischen Wirklichkeit und Verwirklichung, zwischen Gnadenstand und Charakter. Der heruntergekommene Bettler wird, von seiner Elendshütte hinweg, unter die Fürsten gesetzt, dann aber ermahnt, sich nun auch fürstlich zu benehmen. Der Adel muß »edel« sein. Stellung verpflichtet. Hier setzt der Kampf zwischen »Fleisch« und »Geist«, zwischen dem »alten« und »neuen« Menschen ein (Röm. 6, 6), die ununterbrochene Tat des Glaubens, die Heiligung.

Aber gerade hier erleben wir immer wieder die nun folgende Spannung. Diese bezieht sich auf die Kraft.

3. Gottes Werk und unser Werk.

Es ist Gott, der alles wirkt, und auch wir sind die Wirkenden. Es ist alles »geschenkt«, und doch muß alles »errungen« werden (2. Petr. 1, 3). Die Heiligung ist ganz seine Tat (1. Thess. 5, 23) und auch ganz meine Tat (Hebr. 12, 14), ganz Geschenk und ganz Gebot, ganz Gabe und ganz Aufgabe. Bezüglich der Erwählung der Erlösten vor aller Zeit (Eph. 1, 4), der Heiligung der Erwählten im Ablauf der Zeit und der Verherrlichung der Geheiligten am Ende der Zeit gilt der gott‑menschliche, harmonische Gegensatz: »Bewirket eure eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern; denn (!) Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen« (Phil. 2, 12). Alle menschlichen Deutungsversuche sind hier unzulänglich. Sie zeigen nur, gerade wenn sie bis aufs Letzte durchdacht werden, daß der Kern der Frage unerklärt blieb. Die Freiheit (Off. 22, 17) und Unfreiheit (Apg. 13, 48) des menschlichen Willens ist ein gottmenschliches Geheimnis des Reiches Gottes. Es sind zwei Parallelen, die sich erst in der Unendlichkeit schneiden. Der Glaube erlebt diese Spannung, ohne sie deuten zu können. Ihm genügt ihr Vorhandensein. Es ist die Spannung zwischen Gnadenwahl Gottes und Verantwortlichkeit des Menschen, zwischen Unfreiheit und Freiheit des geschöpflichen Willens, zwischen Gnade und Lohn (Röm. 4, 2‑6; 1. Kor. 3, 14; 4, 5; Kol. 3, 24; 2. Kor. 5, 10).

Die nächste Spannung ist die zwischen

4. Himmel und Erde.

Christus ist der »Erhöhte« (Phil. 2, 9) im Himmel (Eph. 1, 20) und doch zu­gleich der in uns Wohnende auf Erden (Eph. 31 17; Gal. 2, 20). Dies ist die mystisch‑transzendente Polarität zwischen Transzendenz und Immanenz Christi. Daher auch das 164malige »in Christo« bei Paulus, ebenso das 19malige »im Geist«, auch der paulinische »genitivus mysticus« (z. B. Christusfriede: Kol. 3, 15; Christussegen: Röm. 15, 29; Christusglaube: Röm. 3, 22.

Der Christ lebt hienieden auf Erden (Joh. 17, 11; Phil. 2, 15) und ist doch zugleich mitversetzt in die »himmlischen Örter« (Eph. 2, 6; Hebr. 12, 22; Phil. 3, 20)

Die Verbindung von beiden ist der Geist. Der Geist kam von oben herab, von dem »Christus über uns«, vom Himmel auf die Erde (Apg. 2, 33), und der Geist führt von unten empor, als der »Christus in uns«, von der Erde in den Himmel (Kol. 1, 27; 2. Kor. 3, 17) .

Der Urgrund des Ganzen aber ist die Spannung zwischen

5. Ewigkeit und Zeit.

Ewigkeit ist mehr als nur endlose Zeit. Sie ist nicht nur als Dauer, sondern auch als Inhalt von allem Zeitlichen wesenhaft verschieden. Sie ist ein anderes, ein Höheres. Darum ist »ewiges Leben« zwar zunächst »endloses Leben« (vgl. Matth. 25, 46), aber zugleich mehr als Unsterblichkeit. Es ist göttliches Leben.

Der Glaube aber erlebt den ewigen Gott schon innerhalb der Schranke der Zeit. Gerade das ist für ihn das Erhebende und Demütigende zugleich. Alle Gottesgemeinschaft, besonders das Gebet, ist ein Teilnehmen am Leben Gottes. In ihr steht der Mensch, mitten in der Zeit, dennoch im Zeitlosen. Mitten im Wandel und Wechsel kommt das Wandellose und Bleibende zum Durchbruch. Das übergeschichtliche wird mit­ten im Geschichtlichen, das jenseitige mitten im Diesseits erlebt.

Dies ist es, was die Heilige Schrift meint, wenn sie lehrt, daß der Gläubige das ewige Leben schon »hat«. Es beginnt nicht erst nach dem Tode, sondern schon heute auf Erden, in diesem Leben. »Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben« (Joh. 3, 36).

6. Geist und Leib.

Und dennoch geschieht dies alles in der Schranke der Zeit! Wir sind »in Christo« und doch noch »in der Welt« (Joh. 17, 11); wir sind »im Geist« (Röm. 8, 9) und doch noch »im Leibe« (2. Kor. 5, 6); wir sind todüberlegen und todverfallen zugleich (2. Kor. 4, 11). Welch schwaches Organ ‑ unsere Seele! Welch zerbrechliche »Hütte« ‑ unser Leib!

So sind wir denn beides: »Fertige und Harrende, Ausruhende und Eilende (Phil. 3, 12), Gelöste und Gespannte, Siegesjubelnde und Seufzende zugleich« (Röm. 8, 31 ‑ 39). …
Unser Schauen ist ein Emporschauen auf das Ewige als das Übergeschichtliche und ein Vorwärtsschauen auf das Ewige als das Endgeschichtliche….
Zuletzt aber wird der Tag kommen, an dem sich dies alles entspannt. Die Wiederkunft Christi ist die Lösung aller Spannungen. Die Grundspannung des gegenwärtigen Zeitalters ist die zwischen der Offenkundigkeit des Reiches Satans und der Verborgenheit des Reiches Gottes, trotz des Sieges von Golgatha! Dann aber, wenn Christus erscheint, wird dies alles gelöst. Dann kommt mit seinem Offenbarwerden (Kol. 3, 4).

Das Offenbarwerden der Geistleiblichkeit und der Eintritt der Gemeinde aus der Zeit in die Ewigkeit.

Dann wird die Gegenwart verklärt in die Zukunft hinein, und unser Zustand wird vollkommen unsrer Stellung entsprechen, und sein göttliches Werk wird unser menschliches Werk in ihm selber vollenden, und, von der Erde hinweg, werden wir emporgerückt werden in die Himmelswelt.

 

III. Abschnitt

Die Hoffnung der Gemeinde

1. Kapitel. DIE ENTRÜCKUNG UND ERSTAUFERSTEHUNG.

»Marana tha! Unser Herr, komm!« 1. Kor. 16, 22.

Das gegenwärtige Zeitalter ist Osterzeit. Es beginnt mit der Auferstehung des Erlösers und endet mit der Auferstehung der Erlösten. Dazwischen liegt die geistliche »Auferstehung« der zum Leben Berufenen. So leben wir zwischen zwei Ostern, als Auferstandene zwischen zwei Auferstehungen, als brennende und scheinende Lichter zwischen zwei »Erscheinungen« (Epiphanien) des ewigen Lichts. Aber in der Kraft des ersten Ostern gehen wir dem letzten Ostern entgegen. Die Auferstehung des »Hauptes« verbürgt die Auferstehung der »Glieder«. Der Lebensbaum der Auferstehung treibt vollreife Früchte.

Die Hoffnung der Gemeinde umfaßt ein Vierfaches:

Die Entrückung und erste Auferstehung (1. Thess. 4, 13 ‑18)
den Richterstuhl Christi (2. Kor. 5, 10)
die Hochzeit des Lammes (Off. 19, 7; 8)
die kommende Weltherrschaft (1. Kor. 6, 2; 3).

 

I. Der Zeitpunkt der Entrückung

1. Die zwei Auferstehungen.

Eine allgemeine, gleichzeitige Auferstehung aller Toten und ein einziges, umfassendes End­gericht über Gerechte und Ungerechte lehrt die Heilige Schrift nicht. Sie spricht vielmehr von einer »Auferstehung aus den Toten« (Luk. 20, 35), einer »ersten« Auferstehung (Off. 20, 6), ja, einer »Ausauferstehung aus den Toten« (Phil. 3, 11 wörtl.). Sie spricht von »Abteilungen« und »Ordnungen« innerhalb der Auferstehung (1. Kor. 15, 20‑24) und betont, daß diese durch zeitliche Zwischenräume voneinander getrennt sind: »Gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden. Ein jeglicher aber in seiner Ordnung: der Erstling Christus, danach die Christo angehören, wenn er kommen wird, danach das Ende (d. h. das Ende der Auferstehung, nämlich der übrigen Toten)« (1. Kor. 15, 22‑24).
Zwar wurde im Alten Testament beides – die Auferstehung »zu ewigem Leben« und die Auferstehung »zu ewiger Schmach und Schande« ‑ in einem Bilde zusammengeschaut, desgleichen in den Weissagungen des HErrn Jesu auf Erden (Vgl. Apg. 24, 15); aber beim Fortschreiten der prophetischen Offenbarung (Joh. 16, 12) traten diese beiden als zwei Haupthandlungen auseinander: die Auferstehung der Gerechten vor dem Beginn des Messiasreiches und die allgemeine Auferstehung hinterher, am Ende der Welt. Der Schlüssel ist Off. 20, 5: »Diese (die Priester Gottes und Christi) lebten und regierten mit Christo tausend Jahre. Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis daß tausend Jahre vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung.« – »Es gehört eben mit zur Verherrlichung Christi als des >Hauptes<, dag seinen >Gliedern< eine besondere Auferstehung zuteil wird, eine Auferstehung, gleich der Seinigen, eine >Auferstehung aus den Toten<« (Mark, 9, 9; Luk. 20, 35).

Diese Auferstehung ist

ihrer Zeit nach  ‑ die »erste« Auferstehung (Off. 20, 5; 6),
ihrem Umfang nach ‑ eine »Aus«auferstehung (Phil. 3, 11; Luk. 20, 35),
ihrem Charakter nach ‑ eine Auferstehung der » Gerechten« (Luk. 14, 14),
ihrem Heilsgut nach ‑ eine Auferstehung des »Lebens« (Joh 5, 29; Dan. 12, 2).
Darum: »Glückselig und heilig, wer teilhat an der ersten Auf­erstehung!« (Off. 20, 6.)

2. Die Tage Gottes.

Mit Christi erstem Kommen beginnen im Kalender Gottes die »letzten Tage« (Apg. 2,17). Nach urchristlicher Überzeugung beginnt mit der Menschwerdung Christi die »Endzeit« (Hebr. 1,1). Denn Christus ist das Endziel, auf welches die äonenlange Vorgeschichte hinstrebte (Hebr. 9, 26). Sein erstes Erscheinen ist der Anfang des Endes, und mit seinem zweiten Erscheinen beginnt das Ende des Endes. Darum sind auch in ihm nun auf uns, die wir in der messianischen (christlichen) Zeit leben, die »Endpunkte« und »Zielpunkte« der vormessianischen (vorchristlichen) Äonen gekommen (1. Kor. 10, 11) Die Christusgemeinde ist das Ziel der Geschichte. Endgeschichte« im Sinne des Neuen Testaments ist also nicht etwa erst die Geschichte der letzten Zukunft, sondern die ganze neutestamentliche Heilsgeschichte ist stufenweise in die Vollendung eingehende Endgeschichte. In Christus ist der Anfang der Vollendung erschienen. Darum ist alles seitdem bereits »eingetretene Endzeit«. Augenblicklich ist

a) Der »Tag des Heils« (2. Kor. 6, 2), das »Heute« der suchenden Gnade (Hebr. 4,7), die »Stunde« der vollen Heilskundmachung (Joh. 16, 25), die »Stunde« der Anbetung des Vaters in Geist und Wahrheit (Joh. 4, 21‑23). Das Ziel ist

b) Der »Tag Gottes« (2. Petr. 3, 12), die Neuschöpfung von Himmel und Erde, der »Tag der Ewigkeit« (2. Petr. 3, 18)­

Dazwischen liegt

c) Der »Jüngste Tag«. Auch dieser ist eine lange Periode (vgl. 2. Petr. 3, 8). Er beginnt mit der »Auferstehung der Gerechten« (Joh. 6, 39) und endet mit dem Gericht über die Verlorenen (Joh. 12, 48). Er umfaßt also – da zwischen diesen beiden das messianische Reich liegt (Off. 20, 5) ‑ eine Zeitspanne von mehr als einem Jahrtausend (Off. 4, 1 – 20). Er beginnt mit der Entrückung, dem »Tag Jesu Christi« (Phil. 2, 16; 1, 6; 1. Kor. 1, 8; 2. Kor. 1, 14), der antichristlichen Trübsal, dem »Tag des HErrn« (2. Thess. 2, 2 ‑ 4), dem »Tage Jahwes« der alttestamentlichen Propheten (Joel 2, l; 4, 14). Er setzt sich dann fort durch das Herrlichkeitsreich des Messias, durch »jene Tage«, die Glanzzeit der alten Erde (Jer. 3, 16; Joel 3, 2; Sach. 8, 23), und er endet mit dem »Tag des Gerichts« (Matth. 10, 15; 11, 22; 12, 36), der Vergeltung für Menschen und Engel (Jud. 6), der letzten Abrechnung vor dem Großen Weißen Thron (Off. 20, 11‑15; 2. Petr. 2, 9; 3, 7; Röm. 2, 5). So gleicht er einem Tage mit dem »Morgenstern« in der Frühe (2. Petr. 1, 19; Off. 22, 16), mit Gewittersturm am Vormittag (Off. 6 – 19), mit Sonnenglanz am Mittag und Nachmittag (Mal. 3, 20, d.h. dem Tausendjährigen Reich) und mit zündendem Blitzstrahl gegen Abend, (Offb. 20, 9, d.h. Gog und Magog). Zuletzt aber geht von neuem die Sonne auf. »Um den Abend wird es licht sein«, und aus dem Weltuntergang geht auf ewig die Weltverklärung hervor.

3. Die Vollendung des Zeitalters, die »Ankunft« und »Er­scheinung« des HErrn. Der genaue Zeitpunkt der Entrückung ist nicht zu ermitteln. »Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde« (Apg. 1, 7; Matth. 24, 36; Mark. 13,32).

Die biblische Prophetie ist mehr Wesens‑ als Geschichtsprophetie. Die Herrlichkeitszeit ist nahe; denn der HErr spricht: »Siehe, ich komme bald« (Off. 22, 20; 2. Petr. 3, 8). Die Herrlichkeitszeit ist fern; denn er sagt, daß der Bräutigam »verzog« (Matth. 25, 5). Der Edle, der das Reich empfängt, zog weit über Land (Luk. 19, 11), und erst »nach langer Zeit« kommt er wieder, um mit seinen Knechten Abrechnung zu halten (Matth. 25, 19 vgl. 24, 6 – 14) So verbindet sich in der prophetischen Schau Fernsicht mit unaufgehobener Kurzsicht. Der Grund aber ist, daß wir »wachen« sollen (Matth. 25, 13). Gott will bei uns Naherwartung und Ewigkeitsbereitschaft. »Die >letzten< Dinge sollten bei uns immer die >ersten< sein.« »Lasset eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren HErrn warten« (Luk. 12, 35).

In diesem Sinne schauen wir aus nach der letzten Zeit. Sie ist

in bezug auf die Weltregierung Christi die »Vollendung des Zeitalters«;
in bezug auf die Abwesenheit Christi seine königliche Ankunft (Parusie, Advent);
in bezug auf die Verborgenheit Christi (Kol. 3, 3) seine »Offenbarung« und Enthüllung (Apokalypse);
in bezug auf die Lichtherrlichkeit Christi ‑ seine glanzvolle »Erscheinung« (Epiphanie).

 

II. Das Wesen der Entrückung

»Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden« (1. Kor. 15, 51).
»Denn er selbst, der HErr, wird mit einem Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden auferstehen zuerst. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen hinangerückt werden in den Wolken, dem HErrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem HErrn sein allezeit« (1. Thess. 4, 16). Die Entrückung ist, ihrem Wesen nach, ein Fünffaches; sie ist Wegrückung, Hinrückung, Verklärung, Triumph, Glück­seligkeit.

1. Wegrückung. Sie ist eine Entrückung in dem buchstäblichsten Sinne des Wortes, eine Hinwegrückung aus aller leiblichen und seelischen Not (2. Kor. 5, 2; 4; Phil. 3, 21), aus aller Verfolgung und Drangsal durch die Feinde (2. Thess. 1, 5 ‑ 10; Off. 12, 4), aus dem gesamten Bereich der Sünde und des Todes. Als solche aber ist sie eine Tat der göttlichen Gnade und Barmherzigkeit, eine Tat der göttlichen Allmacht, der Allmacht, die uns verklärt zur Gleichförmigkeit mit dem Erlöser, und die uns in die verherrlichte Geistleiblichkeit erhebt. An unserm Leibe wird sich einmal die Kraft betätigen, die das gesamte Weltall bewegt!
»Er wird unsern niedrigen Leib verwandeln, so daß er seinem Herrlichkeitsleibe gleichgestaltet werde, vermöge der Kraft, mit der er vermag, sich die ganze Welt zu unterwerfen« (Phil. 3, 21). Darum gebraucht Paulus für »entrücken« auch ein ganz besonders starkes Wort, ein Wort, das eigentlich »rasch ergreifen, mit Gewalt an sich reißen« bedeutet. … Darum beschreibt er die Heimholung der Gemeinde auch durch eine Anhäufung starker, militärischer Bilder. Der HErr selbst wird vom Himmel herniederkommen unter »Alarmsignalen« und »Kommandorufen«, unter »Befehlswort« und »Feldgeschrei«, unter »Trompetenklängen« von »Gottesposaunen«, und dann wird er seine irdische Streiterschar, begleitet von den Kriegsheeren des Himmels, auf ewig mit ihm selber, dem königlichen Sieger, verbinden (1. Thess. 4, 16).

Gerade dies aber ist das Wichtigste; denn die Entrückung ist eine

2. Hinrückung, und zwar eine Hinrückung der Glieder zum Haupt; denn er »selbst« wird herniederkommen, und bei ihm werden wir sein allezeit (1. Thess. 4, 16). »Ich komme wieder und will euch zu mir nehmen, auf daß, wo ich bin, auch ihr seid« (Joh. 14, 2);

und die Entrückung ist eine Hinrückung der Glieder zueinander; denn die Lebenden werden »zugleich mit« den Toten emporgerückt werden, und die Gemeinde aller Zeiten und aller Länder wird zum allerersten Male beieinander sein. Als Ganzes wird die Gemeinde also zum ersten Male nicht auf der Erde, sondern in der Luft existieren. Bis dahin gibt es nur »Gemeinden« in der Mehrzahl (Off. 22, 16) und die jeweilig auf Erden lebende Gemeindegeneration. …

Aber noch mehr. Die also Emporgehobenen werden auch ihre

3. Verklärung empfangen. »In einem Nu, in einem Augenblick, bei dem Schall der letzten Posaune«, dann werden sie aus dem Niedrigkeitsleib in den Herrlichkeitsleib umgewandelt werden (1. Kor. 15, 51; Phil. 3,21), und dieses Verwesliche wird Unverweslichkeit, dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen.

Dies alles aber gerade in der Luft! (1. Thess. 4, 17.) Welch ein

4. Triumph. Denn gerade die Luft ist die »Operationsbasis« des Feindes. Von der Luft aus wird gegenwärtig die Welt von dämonischen Gewalten regiert. Darum heißt Satan der »Fürst der Gewalt der Luft« (Eph. 2, 2 vgl. 6, ‑12). … Christus hat völlig gesiegt; seine Gemeinde hat restlos überwunden. Darum findet die Krönung der Verfolgten gerade in dem »Hauptquartier« ihres niedergerungenen Verfolgers statt.

5. Glückseligkeit. Dies ist die »glückselige Hoffnung« der Erlösten (Tit. 2, 13). »Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen« (Joh. 16, 22).

 

III. Die kommende Geistleiblichkeit

1. Ihre Notwendigkeit. Aber warum gerade leibliche Auferstehung? Warum nicht schlechthin reine Geistigkeit? ‑ Weil der Leib nicht ein Kerker der Seele ist, sondern zum Wesen des Menschen gehört. Ohne Leib ist der Mensch »nackt« (2. Kor. 5, 3). Weil der irdische Leib schon hienieden zum »Tempel« des Geistes geadelt worden war und darum nicht wüste gelassen werden kann (Röm. 8, 11; 1. Kor. 6, 19). Weil die Trennung der Geistseele vom Leibe durch die Sünde zustandegekommen ist (1. Mose 2, 17) und folglich, ohne leibliche Auferstehung, in den Erlösten etwas von den Wirkungen der Sünde zurückbleiben würde. Gott aber hat den Menschen als Ganzes geschaffen; als Ganzes will er ihn darum auch erlösen. Bloße Fortdauer des Geistes als »Unsterblichkeit« wäre jedoch nur eine teilweise Fortsetzung des Lebens, also nur eine teilweise Erlösung. Gott aber ist ein »Gott nicht der Toten, sondern der Lebendigen« (Matth. 22, 32). Er läßt nicht fahren die Werke seiner Hände; auch der Stoff ist ein Gedanke und ein Werk seiner Schöpfermacht. Darum darf nichts von den Seinen im Tode bleiben. Nur so wird der Tod »verschlungen in den Sieg« (1. Kor. 15, 55; 2. Kor. 5, 4; Jes. 25, 8; Ps. 49, 16). Es darf nicht eine Erlösung vom Leibe, sondern muß eine »Erlösung des Leibes« sein (Röm. 8, 23). Darum sieht Christus auch die Auferweckung der Toten als sein besonderes Heilandswerk an, ja, er selber ist die leibhaftige »Auferstehung«. »Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage« (Joh. 6, 44). »Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage« (Joh. 6, 54).

2. Ihre Tatsächlichkeit. Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes. Dies beweist am deutlichsten der Auferstehungsleib Jesu. Er konnte mit den Augen »gesehen« (Luk. 24, 40) und mit den Händen »betastet« werden (Luk. 24, 39; Joh. 20, 27). Er konnte Honig und Fisch essen, ja, hatte, nach dem eigenen Zeugnis des HErrn, sogar »Fleisch und Bein«. »Sehet meine Hände und meine Füße, daß ich es selbst bin. Betastet mich und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe« (Luk. 24, 39).

Der Auferstandene aber ist das Muster und Urbild aller Vollendeten am himmlischen Thron. Seinem Herrlichkeitsleibe wird der unsere einst gleichgestaltet sein. Darum können wir an seinem Leibe auch gewisse Grundzüge unseres eigenen, zukünftigen Leibes erkennen, und wenn sein Leib zur äußeren Grundlage verklärte Stofflichkeit hat, so auch der unsere. Dagegen spricht auch nicht 1. Kor. 15, 50; denn, wie der Zusammenhang zeigt, sagt Paulus dort nur von dem u n verklärten »Fleisch und Blut«, daß er das Reich Gottes nicht ererben könne. Auch die Berufung auf 1. Kor. 15, 44 ist nicht stichhaltig. Denn wohl wird dort der neue Leib ein »geistiger« Leib genannt. Das bedeutet aber nicht, daß er etwa stofflos sei und rein »aus Geist« bestehe, genauso wenig, wie der »seelische« (psychische) Leib, den wir jetzt haben, nur »aus Seele« besteht! Vielmehr soll mit »seelisch« und »geistig« hier lediglich das G r u n d w e s e n beider Leibarten bezeichnet werden. Im irdischen Leib hat die Seele, im himmlischen Leib hat der Geist die Vorherrschaft. Die »Verwandlung« des einen in den anderen aber (l. Kor. 15, 51; Phil. 3, 21) besteht nicht in einem Ausziehen des Stoffes, sondern, gerade umgekehrt, in einem »Anziehen« (l. Kor. 15, 53; 54), nicht in einem Entkleidetwerden, sondern in einem »Überkleidetwerden« dieses verweslichen Stoffes mit Unsterblichkeit und Unverweslichkeit (2. Kor. 5, 24). Das Wesen dieser Verwandlung aber ist restlos unerklärbar; es ist ein Wunder, das genauso, wie auch die Natur des himmlischen Stoffes, erst in der Ewigkeit erkannt werden wird.

Darum lehrt auch die Schrift eine Auferstehung der »Leiber« aus den »Gräbern«. »Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den >Gräbern< sind, die Stimme des Menschensohnes hören werden« (Joh. 5, 28). Dieser »Niedrigkeitsleib« wird verklärt, dieser »in Verwesung« gesäte Leib wird in Unverweslichkeit und Unsterblichkeit auferstehen (1. Kor. l5, 42; vgl. Hiob 19, 25; 26).

Wenn es aber keine Geistleiblichkeit gäbe und keine unmittelbare Beziehung des jetzigen Leibes zum zukünftigen, wozu dann das Auftun der Gräber? Wozu dann eine »Auferstehung« überhaupt? Dann wäre der neue Leib ja ein ganz anderer, nicht aber derselbe, nicht »dieser« in das Grab »gesäte« Leib! Nein, es muß ein Zusammenhang bestehen zwischen dem alten und dem neuen Leibe, ein Zusammenhang nicht nur der Seele und der Persönlichkeit, sondern gerade auch des Leibes. Zwar ist auch bei dem irdischen Leib nicht der Stoff das Entscheidende, sondern die leibbildende Kraft der Seele; – (Im irdischen Leibe sind die Atome dauernd im Fluß. Der Stoffwechsel vollzieht alle sieben Jahre eine völlige Umwandlung der ganzen stofflichen Zusammensetzung des Leibes, so daß nach dem Ablauf dieser Zeit nicht ein einziges Atom von dem früheren Stoff mehr in ihm vorhanden ist; und dennoch ist es »derselbe« Leib! Die Seele baut eben in der Kraft, die ihr der Schöpfer gibt, aus dem Stoff ihrer Umwelt fort und fort einen »neuen« Leib. Der Leib selbst aber ist der der Natur entnommene Stoff, den die Seele belebt und durchwaltet und, ihrem Charakter entsprechend, zu einer höheren Natureinheit gestaltet). –

Dennoch muß schon in dem verwesenden, alten Leibe ein unzerstörbarer Keim des Auferstehungsleibes vorhanden sein, der durch die Zeiten hindurch im Grabe bewahrt und dann bei der Auferstehung und Verklärung mit der »Behausung vom Himmel her« bekleidet werden wird (2. Kor. 5, 2). Erst so wird begreiflich, daß der alte Leib »auferstehen« muß und daß er als »Samenkorn« des zukünftigen Leibes bezeichnet werden kann (1. Kor. 15, 35-37; 42‑44). Worum es sich handelt, ist eben Abbruch und Aufbau zugleich, Auflösung und Zusammenhang, Neuschöpfung und Bewahrung in einem. Der neue Leib aber ist die Verbindung des Auferstehungskeimes des alten Leibes mit den Lichtstoffen und Lebenskräften der ewigen, himmlischen Welt.

Wie in der absterbenden Pflanze nur ein Keim zurückbleibt, welcher dann, neue Stoffe an sich ziehend, unter dem Einfluß des Lichts und der Erde sich zu einem neuen Pflanzenleibe gestaltet, der vermittels des Keimes derselbe ist mit dem erstorbenen und dennoch ein anderer, so bleibt auch nach der Auflösung des Menschenleibes ein Keim für den neuen Leib zurück mit der Möglichkeit neuer Gestaltung. Die Seele ist gleichsam der »Magnet« des Leibes, der den geheimnisvollen Zusammenschluß der Millionen seiner Atome bewirkt. Im Tode verliert er seine magnetische Kraft, und die Atome fallen auseinander; in der Auferstehung aber empfängt er sie wieder zurück, und zwar nun in weit höherem, vollendeterem Maße. Darum zieht nunmehr die Seele die himmlischen Lichtkräfte an und »umkleidet« sich (2. Kor. 5, 2‑4) mit einem neuen, vollkommenen Herrlichkeitsleibe. 

–  Über den Z w i s c h e n z u s t a n d der Seele zwischen Tod und Auf­erstehung sagt die Heilige Schrift wenig. Gewiß ist, daß die Vollendung des einzelnen an seine Auferstehung geknüpft ist, also nicht gleich beim Tode eintritt. Die Heilige Schrift aber blickt zumeist gleich auf das Endziel und übergeht die Zwischenzeit mit nur wenigen Andeutungen, legt ihr jedenfalls kein besonderes Gewicht bei. Wir sollen auf die Wiederkunft Christi warten und nicht auf den Tod. Für den gläubig Gestorbenen ist es zunächst selige Wartezeit im »Paradiese« (Luk. 23, 43), »bei Christo« (Phil. 1, 23; Apg. 7, 58), in »Abrahams Schoß« (Luk. 16, 22), wo es »weit besser« ist als hier (Phil. 1, 23) ; für den unselig Gestorbenen beginnt gleich das »Feuer« (Luk. 16, 22‑24). Für den Gläubigen ist darum nicht erst die Entrückung, sondern schon vorher ein Sterben »Gewinn« (Phil. 1, 21); für den Ungläubigen ist es ein schreckliches Erwarten des gerechten Gerichts Gottes. Die Vollendung beider aber ist die Auferstehung des Lebens bzw. des Gerichts (Joh. 5, 29). –

Von dem himmlischen »Stoff« aber fehlt uns jede Vorstellung. Nur Bildersprache ist möglich. Er verhält sich zum irdischen Stoff wie der blitzende Diamant zum dunklen Kohlenstoff, aus dem er besteht, wie der Lichtleib der Gasflamme zur finsteren Steinkohle, aus der er gemacht ist, wie der strahlende Edelstein zum lichtlosen Erdreich, aus dem er genommen ist. So aber werden die Friedhöfe der Menschheit zu »Saatfeldern der Auferstehung«, und das Leichenfeld des Volkes Gottes wird durch himmlischen Tau zum Auferstehungsgefilde der Vollendung (Jes. 26, 19).

 

IV. Die siebenfache Herrlichkeit des Auferstehungsleibes

Unbeschreiblich ist das Wesen des neuen Leibes. Nur bildhafte Andeutungen gibt uns die Schrift.

1. Geistigkeit. Der Niedrigkeitsleib ist ein »seelischer« Leib; der Herrlichkeitsleib wird ein »geistiger« sein (1. Kor. 15, 44‑46); das heißt, im Niedrigkeitsleib herrscht die Seele, im Herrlichkeitsleib herrscht der Geist vor.

2. Gefügigkeit. Der Niedrigkeitsleib ist oft Schranke und Hemmung; der Herrlichkeitsleib wird ganz Dienstbarkeit sein. Der Niedrigkeitsleib hat als »seelischer« Leib eine gewisse Selbständigkeit dem Geist gegenüber, eine Selbständigkeit, die sich gar oft steigert bis zum Widerstreit zwischen Körper und Geist (Röm. 7, 5; 23; 1. Kor. 9, 27; Röm. 6, 6). Der Herrlichkeitsleib aber wird vollständig vom Geiste durchwaltet sein. Er wird in restloser Abhängigkeit dem Geist zur Ver­fügung stehen und darum ein vollkommenes, über alle Raum- und Zeitgrenzen erhabenes Werkzeug des Vollendungslebens sein.

In bezug auf die Natur aber waltet das umgekehrte Verhältnis.

3. Freiheit. Der Niedrigkeitsleib, der dem Geist gegenüber selbständig ist, ist der Natur gegenüber abhängig und unfrei;

der Herrlichkeitsleib, der dem Geist gegenüber abhängig ist, ist der Natur gegenüber selbständig und frei. Daher bei ersterem die Notwendigkeit der Nahrung und die Gefahren an Krankheit und Unglück, bei letzterem jedoch seine königliche Freiheit und die Erhabenheit über Stoff, Raum und Zeit.

So kann er zwar essen, doch ohne es zu müssen (Luk. 24, 41‑43) ‑ Freiheit vom Stoff;
so kann er im Innern bei verschlossenen Türen erscheinen (Joh. 20, 19; vgl. Luk. 24, 31; 36) ‑ Freiheit vom Raum;
so ist er unsterblich in Ewigkeit (1. Kor. 15, 54; 42) – Freiheit von aller Begrenzung durch die Zeit.

4. Hoheit. Der Niedrigkeitsleib ist als »Niedrichkeitsleib« (Phil. 3, 21) ein Leib der »Unehre« (1. Kor. 15, 43). Der Herrlichkeitsleib aber wird ein Hoheitsleib sein. Das Demütigende des jetzigen Leibes beweisen Krankheit und Tod, sowie Zeugung, Geburt und die Art seiner Ernährung (1. Kor. 6, 13); zur Würde des zukünftigen Leibes gehört darum ihre Aufhebung. »In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sind wie die Engel Gottes im Himmel« (Matth. 22, 30; Luk. 20,35).- (Das heißt aber nicht: »Sie werden Engel selbst«, sondern nur in diesem Punkt »wie die Engel«. Kein Mensch wird ein Engel, wenn er stirbt. Wohl werden wir in Gemeinschaft mit den Engeln sein (Hebr. 12, 22; Luk. 16, 22); aber wir sollen mehr werden als die Engel (l. Kor. 6, 2; 3). Wir sind »Erstlinge seiner Kreaturen« (Jak. 1, 18) und »Söhne Gottes« (Röm. 8, 14).

5. Seligkeit. Der Niedrigkeitsleib geht durch Kummer und Schmerz (2. Kor. 5, 2) ‑ der Herrlichkeitsleib wird voll Seligkeit sein. »Sie wird weder hungern noch dürsten« (Jes. 49, 10; Off. 7, 16). »Weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen« (Off. 21, 4). »Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft« (1. Kor. 15, 42).

6. Klarheit. Der Niedrigkeitsleib ist eine armselige Hütte, der Herrlichkeitsleib ein lichtstrahlender Palast. »Die Gerechten werden … leuchten in ihres Vaters Reich« (Matth. 13, 43):

wie blendend weißer Schnee (Mark. 9,3; Phil. 3, 21),
wie lichtstrahlender Tau (Jes. 26, 19),
wie der Mond und die Sterne (Dan. 12, 3; 1. Kor. 15, 41),
wie die Sonne in ihrer Macht (Matth. 13, 43; Off. 1, 16),
wie der Herr Christus selber in seiner Lichtherrlichkeit (Phil. 3, 21; 1. Joh. 3, 2; 2. Kor. 3, 18).

Dies ist die Schönheit, auf die wir warten. Zu ihr verhält sich der irdische Leib wie ein Samenkorn zur voll entfalteten Blüte. Sowenig man einem Mohnkörnlein ansieht, daß eine so leuchtende Pflanze darin enthalten ist, sowenig die Eichel den gewaltigen Eichbaum, der Apfelkern den Apfelbaum erkennen läßt, so wenig sieht man dem gegenwärtigen Leib die Herrlichkeit des zukünftigen an.

7. Gleichförmigkeit mit Christo. Das Herrlichste aber ist, daß die Erlösten ihm gleichgestaltet sein werden.
»Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist« (1. Joh. 3, 2).
Wir werden verwandelt werden »zur Gleichförmigkeit mit seinem Herrlichkeitsleibe« (Phil. 3, 2:1).
Wir werden sein »Bild« an uns tragen, »auf daß er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern« (Röm. 8, 29; Kol. 1, 18).
»Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch ist vom Himmel. Wie aber der von Staub ist, so sind auch die, welche vom Staube sind; und wie der Himmlische, so sind auch die Himmlischen. Und wie wir das Bild dessen vom Staube getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen« (1. Kor. 15, 47‑49).

 

2. Kapitel. DER RICHTERSTUHL CHRISTI

Die Wiederkunft Christi ist »die glückselige Hoffnung« der Gemeinde (Tit. 2, 13). Dennoch ist sie nicht nur mit himmlischen Vorrechten, sondern auch mit heiliger Verantwortung verbunden. »Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf daß ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse« (2. Kor. 5, 10). Ebenso wie die Entrückung erquickend ist für das Herz, so ist der Richterstuhl Christi anspornend für das Gewissen.

Sieben Tatsachen sind es, die uns die Heilige Schrift hierüber besonders erkennen läßt:

1. Die Zeit  ‑ der »Tag Christi« (1. Kor. 1, 8),
2. Der Richter ‑ Christus selbst (2. Tim 4, 8),
3. Die Personen ‑ »wir alle« (2. Kor. 5, ‑10),
4. Die Strenge ‑ sein Feuer (1. Kor. 3, 13),
5. Der Maßstab ‑ unsere Treue (1. Kor. 4, 1‑5),
6. Das Ergebnis ‑ Lohn oder Verlust (1. Kor. 3, 14),
7. Das Endziel ‑ Herrlichkeit (1. Petr‑ 5, 4).

I. Die Zeit ist der »Tag Christi«, »jener Tag« (2. Tim. 4,8), das heißt ‑ nach dem Zeugnis des ganzen Neuen Testaments ‑ die Zeit vor der Aufrichtung des sichtbaren Herrlichkeitsreiches, also vor dem Tausendjährigen Reich.

Der »Richterstuhl Christi« ist folglich von dem »Großen Weißen Thron« zu unterscheiden. Dieser wird erst nach dem sichtbaren Herrlichkeitsreich der alten Erde, ja, nach dem Untergang der ganzen, alten Welt aufgerichtet werden (Off. 20, 11). Er ist aber auch von dem Gericht am Anfang des Tausendjährigen Reiches zu unterscheiden (Matth. 25, 31‑46; Off. 20, 4). Denn dort werden, nach der Wiederkunft Christi, die dann lebenden Nationen gerichtet. Der »Jüngste Tag«, als der »Tag des Gerichts« (1. Joh. 4, 17), umfaßt also drei zeitlich zu unterscheidende Gerichte:

a) das Gericht über die Gemeinde, d. h. die Entrückten: vor dem »Richterstuhl Christi«, vor dem Tausendjährigen Reich,

b) das Gericht über die Völker, d. h. über die dann Lebenden: vor dem »Thron seiner Herrlichkeit«, zu Beginn des Tausendjährigen Reiches (Matth. 25, 31) und

c) das Gericht über die Allgemeinheit, d. h. über die Toten (Off. 20, 12). vor dem »Großen Weißen Thron«, nach dem Tausendjährigen Reich.

II. Der Richter ist Christus, »der HErr, der gerechte Richter« (2. Tim. 4, 8). Denn alles Gericht hat der Vater dem Sohne gegeben (Joh. 5, 22). Darum ist es auch vor dem Tausendjährigen Reich sowohl der »Richterstuhl Christi« (2. Kor. 5, 10) als auch der »Richterstuhl Gottes« (Röm. 14, 10).

III. Die Personen sind »wir alle« (2. Kor. 5, 10), die »Einheimischen« und die »Ausheimischen«, alle Erlösten, die dann Lebenden und die schon Entschlafenen. Wohl ist, wer an den Sohn glaubt, von dem Endgericht befreit (Joh. 5, 24; Hebr. 10, 14) (denn es gibt »keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind«, Röm. 8, 1); aber die Frage der Treue (1. Kor. 4, 2‑5) und die Festsetzung des »Lohnes« (1. Kor. 3, 14; Kol. 3, 24) oder auch des »Verlustes« (1. Joh. 2, 28) erfordert einen besonderen »Gerichtstag« (1. Joh. 4, 17) auch für die Gläubigen! Hier handelt es sich dann nicht mehr um die Frage der Errettung, wohl aber um das Maß des Lohnes der Gnade.

IV. Die Strenge. »Der HErr wird sein Volk richten« (Hebr. 10, 30). Auch für die Seinen wird der Tag »im Feuer geoffenbart« werden (1. Kor. 3, 13). Darum spricht Paulus gerade in Verbindung mit dem Richterstuhl Christi (!) von einem »Schrecken des HErrn« (2. Kor. 5, 11)! »Schaden« und »Verlust« (1. Kor. 3, 15; 2. Joh. 8), »Beschämung« von seinem Angesicht her (1. Joh. 2, 28), »Verbrennung« des ganzen Lebenswerkes (1. Kor. 3, 13), selber gerettet werden, doch nur wie ein Brand aus dem Feuer, »wie einer, der bei einem Brande nur mit dem nackten Leben davonkommt« (1. Kor, 3, 15) ‑ das sind Möglichkeiten, denen wir ins Auge sehen müssen! Brechen wir darum dem Schwert die Spitze nicht ab (Hebr. 4, 12)! Bei aller Gewißheit der Errettung und aller Alleinigkeit des göttlichen Tuns gilt das Wort: »Bewirket eure eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern!« (Phil. 2, 12.)

V. Der Maßstab ist die Treue (1. Kor, 4, 1‑5; Matth. 25, 21), das Ganze unseres Lebens, das Ergebnis unseres Gewordenseins. Nicht nur unsere Taten, sondern auch unsere Möglichkeiten, nicht nur, was wir waren, sondern auch, was wir hätten sein können, nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Unterlassungen (Jak. 4, 17); nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter, nicht die Menge, sondern das Gewicht unserer Taten (1. Sam. 2, 3), nicht nur, was wir erreichten, sondern auch, was wir erstrebten. Von unseren Werken gelten vor allem die Opfer, von unserer Gesinnung nur selbstlose Liebe, von unserm Besitz nur, was wir in den Dienst stellten. Von unsern Sünden aber gilt der Satz: Was wir gerichtet haben, wird er nicht mehr richten (1. Kor. ‑11, 3‑1); was wir aufgedeckt haben, wird er zudecken (1. Joh. 1, 9; Hebr. 8, 12); was wir aber zugedeckt haben, wird er aufdecken (Luk. 12, 2)! In dem allen aber wird er auf das Innerste schauen, auf die Triebkräfte und Beweggründe, auf die Ratschläge der Herzen, auf die im Dunkeln verborgenen Geheimnisse der Seele (1. Kor. 4, 5; 1. Sam. 16, 7; Hebr. 4, 13; Psalm 139).

Vl. Das Ergebnis wird sehr verschieden sein. Auch den Sei­nen gegenüber ist der HErr »der gerechte Richter« (2. Tim. 4, 8).
Die einen haben Heu, Stroh und Stoppeln gebaut ‑ ihr Werk wird verbrennen; die andern haben Gold, Silber und kostbare Steine gebaut ‑ ihr Werk wird das Feuer bewähren (1. Kor. 3, 12‑15).

Die einen haben in Treue gedient ‑ sie werden groß sein im Reiche der Himmel (Matth. 5, 19; Luk. 19, 17); die andern haben auf das Fleisch gesät ‑ sie werden das Verderben ihres Lebenswerkes ernten (Gal. 6, 6‑8).

Die einen sind »lauter«, »tadellos« und »unanstößig« (Phil. 1, 10; 1. Kor. 1, 8) ‑ sie werden den »Kampfpreis« gewinnen (Phil. 3, 14); die andern sind arm (Off. 3, 17) und »unbewährt« (1. Kor. 9, 27) ‑ sie werden »Verlust« erleiden (1. Kor, 3, 15; 2. Joh. 8; 2. Tim. 2, 5).

Die einen haben »Freimütigkeit« am Tage des Gerichts (1. Joh. 4, 17); den andern wird »Beschämung« zuteil (1. Joh. 2, 28).

So empfängt jeder, was ihm zusteht (Hebr. 6, 10; 1. Kor. 4, 5; 2. Tim. 4, 8), »ohne Ansehen der Person« (1. Petr. 1, 17), je »nach dem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sei gut oder böse« (2. Kor. 5, 10; Kol. 3, 24; 25). Die »Errettung« hängt mit dem Glauben zusammen, der »Lohn« mit der Treue. Als »Söhne« empfangen wir sein Leben, als Diener seine Belohnung. »Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir« (Off. 22,12).

Aber alle werden errettet, und alle werden leuchten, wenn auch verschieden an Herrlichkeit und Glanz (1. Kor. 15, 40­42). Es wird »große« und »kleine« Gefäße dereinst geben; aber alle werden gefüllt sein. Es wird Grade und Stufen der Herrlichkeit geben (Matth. 25, 14‑30), aber unterschiedslose Glückseligkeit (Matth. 20, 1‑16)! Denn der Diener und der Dienste sind viele, aber der HErr ist nur einer.

Die Getreuen aber werden besonders gekrönt:
die siegreichen Kämpfer ‑ mit der »Krone der Gerechtigkeit« (2. Tim. 4, 8);
die zielbewußten Wettläufer ‑ mit der »unvergänglichen Krone« (1. Kor. 9, 25);
die bis zum Tode Getreuen ‑ mit der »Krone des Lebens« (Off. 2, 10; Jak. 1, 12);
die selbstlosen Arbeiter ‑ mit der »Krone des Ruhmes« (1. Thess. 2, 19 Vgl. 3‑6; Phil. 4, 1);
die Vorbilder der Herde ‑ mit der »Krone der Herrlichkeit« (1. Petr. 5, 3).

 

VII. Die Herrlichkeit.

 Durch dies alles wird für die Gemeinde die Vollendung kommen. »Und ich hörte wie eine Stimme einer großen Volksmenge und wie ein Rauschen vieler Wasser und wie ein Rollen starker Donner, welche sprachen: Halleluja! Denn der HErr, unser Gott, der Allmächtige hat das Reich eingenommen. Lasset uns fröhlich sein und frohlocken und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen und sein Weib hat sich bereitet . . . Glückselig, die geladen sind zum Hochzeitsmahl des Lammes« (Off. 19, 6‑9).

Gleichzeitig ist aber auch der große Tag angebrochen, an dem der HErr das Heer der Höhe in der Höhe und die Könige der Erde auf der Erde heimsuchen wird (Jes. 24, 2‑1), und an dem es ihm wohlgefällt, das große Reich der Macht und Herr­lichkeit seiner »kleinen Herde« zu geben (Luk. 12, 32). »Ich sah Throne, und sie saßen darauf, und es wurde ihnen gegeben, Gericht zu halten« (Off. 20, 4). »Die Heiligen des Höchsten werden das Reich einnehmen« (Dan. 7, 18; Off. 1, 6; 5, 10). Die vor dem Preisrichterstuhl Christi Gerichteten werden zu den Richtern der Welt gemacht werden. Sie werden die Herrschaftsaristokratie im ewigen Himmelreich sein.

Und weil sie »ein Leib« sind, darf der einzelne nicht vor der Gesamtheit verherrlicht werden (1. Thess. 4, 15). Das Ganze ist ein »Erbe der Heiligen im Licht«, und der einzelne hat nur einen »Anteil« daran (Kol. 1, 12). Sie alle zusammen sind ein »Königreich«, ein »Königtum« (Off. 1, 6; 5,10), und die einzelnen sind darin »Priester und Könige«. Das Ganze ist dem einzelnen übergeordnet. Der einzelne ist eingereiht in den Gesamtverlauf des Ganzen. Der einzelne kann darum seine Vollendung nicht haben in seiner Vereinzelung, sondern nur in persönlichem Lebenszusammenhang mit der vollendeten Gesamtheit.

Daher das Warten der Entschlafenen auf die Vollendung der kommenden Generationen (Hebr. 11, 40; Off. 6, 10).

Daher noch nicht gleich beim Tode die Umkleidung der »Seelen« (Off. 6, 9; Hebr. 12, 23) mit dem kommenden Herrlichkeitsleibe . – (Dies geschieht erst »bei seiner Ankunft« (l. Kor. 15, 23). Das Erscheinen von Mose und Elia bei der Verklärung (Matth. 17, 3) und die Auferstehung vieler alttestamentlicher Heiligen bei der Auferstehung Jesu (Matth. 27, 52) sind Ausnahmen um der persönlichen Herrlichkeit Jesu willen und des Triumphes seines Werkes von Golgatha). –

Daher das zeitliche Zusammenfallen der Auferstehung der Toten in Christo mit der »Überkleidung« (2. Kor. 5, 2‑4) der dann Lebenden bei der Entrückung (1. Thess. 4, 15). Denn das Endziel des Ganzen ist ein Organismus, nicht nur Errettung des einzelnen, sondern Verherrlichung der Gesamtheit, nicht nur persönliches Seligwerden, sondern das »Reich Gottes« (Matth. 6, 10).

Und gleichwie jetzt Gottes kosmisch‑universaler Weltenstaat unter der Verwaltung von Engelbezirksfürsten steht (vgl. Dan. 10, 13; 20), so wird dann die Schar der Erlösten über Sonnen und Welten mit Christo, ihrem Haupte, königlich regieren (Off. 22, 5). »Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? Wisset ihr nicht, daß wir Engel richten werden?« (1. Kor. 6, 2) Darum: »Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron« (Off. 3, 21

 

Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im November 2009

info@horst-koch.de

www.horst-koch.de

 

 

 

 

 

 

 

image_pdfimage_print