Demission des Materialismus

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 A. E. Wilder-Smith

Die Demission des wissenschaftlichen Materialismus

 

1. Die Prinzipien hinter Dialektik und Materialismus
2. Der Materialismus im Licht moderner naturwissenschaftlicher Forschung
3. Der mathematische Materialismus und die Evolutionstheorien
4. Alte und neue Epistemologie des Menschen

Hier einige Auszüge. Von Horst Koch, Herborn, im Herbst 2011

Kapitel 1 Die Prinzipien hinter Dialektik und Materialismus

1. Allgemeines über Materialismus und Positivismus
Der Positivismus ist eine Theorie, nach der Theologie und Metaphysik frühere, unvollkommene Erkenntnisformen sind, die jetzt durch das positive Wissen, das uns natürli­che Phänomene vermitteln, ersetzt werden müssen. An­ders ausgedrückt, Theologie und Metaphysik müssen durch experimentelles, nach der naturwissenschaftlichen Methode gewonnenes Wissen ersetzt werden. Demnach vermitteln uns nur die empirischen Naturwissenschaften wahres, zuverlässiges Wissen, das dann ehemaliges, theo­logisches und metaphysisches Wissen ersetzen muss. Die meisten Naturwissenschaftler des Establishments vertre­ten irgendeine Form des Positivismus. Im 18. Jahrhundert formulierte David Hiene das Hauptpostulat des Positi­vismus – dass Erfahrung die einzige Quelle des Wissens ist. Deshalb bietet das wissenschaftliche Experiment die ein­zige Methode, die Welt zu verstehen.

Der wissenschaftliche Materialismus ist eine Abzweigung des Positivismus. Seine Entwicklung finden wir in den Arbeiten von Charles Darwin, T. H. Huxley und vielen anderen vor etwa 120 Jahren und bis in die heutige Zeit hinein. Charles Darwin und T. H. Huxley haben durch ihren Positivismus das alte theistische Weltbild ersetzt. Der Ursprung des Lebens wurde nicht mehr in einem Plan und einem fixt (- es werde) Gottes, sondern in einem Spiel von Zufall, natürlicher Auslese und toten naturwis­senschaftlichen Gesetzen gesehen. So wurde der Begriff eines denkenden, planenden, konzipierenden Logos hinter der Natur und dem Leben mit dem Postulat eines plan-losen Spieles des experimentellen Zufalls innerhalb der Natur selber ausgetauscht. Nicht mehr Gott stand mit Liebe und Plan hinter dem Leben, sondern liebloser, neutraler Zufall. Die empirischen Resultate der Naturwissenschaft nach den Prinzipien des Positivismus ersetzen die Überlegungen der Theologie und der Metaphysik. So rechtfertigte sich der Atheismus – man kam ohne das Postulat eines Gottes hinter dem Leben aus – gegenüber dem Theismus. Die experimentellen und deshalb positivistischen Resultate der Naturwissenschaften schienen die Postulate der Theologen zu verdrängen.

Später ging man noch einen Schritt weiter. Man fing zu lehren an, dass alle Realität ausschließlich die des Raum-Zeit-Kontinuums ist, in dem wir leben. Metaphysische Postulate jenseitiger Realitäten wurden durch materialistische Postulate über das allumfassende Wesen der materiellen Realität, in der wir leben, ersetzt. Empirische, experimentelle Resultate der Naturwissenschaften verdrängten immer mehr die theoretischen Überlegungen der Metaphysiker und der Theologen. Der Trend ging so weit, dass es in naturwissenschaftlichen Kreisen starke Nerven und festen Charakter brauchte, wenn man einen materialistischen Positivismus abzulehnen wagte, denn die Materialisten und Positivisten verstehen auch mit Spott zu arbeiten! Sie brauchten die Metaphysiker und die alten Theologen angesichts der Riesenerfolge empirischer Naturwissenschaft nicht mehr sehr ernst zu nehmen. Die Naturwissenschaften sind als Sieger zwischen der Theologie alten Stiles und dem Positivismus hervorgegangen.

Heute ist dieser Trend so weit gediehen, dass man behaupten darf, die Elite des Westens und auch des Ostens besteht aus Positivisten und naturwissenschaftlichen Materialisten. Diese Entwicklung zum Positivismus scheint durch Ergebnisse der Erforschung der Materie nach der experimentellen Methode auch bestätigt zu werden. Zum Beispiel besitzt Materie chemische Eigenschaften und diese chemischen Eigenschaften haben sich als notwendig für das Funktionieren des Lebens erwiesen. Das Leben, das wir heute kennen, reitet ausschließlich – so behauptet man – auf Chemie und chemischen Reaktionen. Leben ist Chemie, so heißt die Parole, und Chemie ist natürlich an Materie gekoppelt. Deshalb muss das Leben ein rein materialistischer, chemischer Vorgang sein.

Man extrapoliert noch weiter: Drei Dimensionen und die Zeit, die unsere Realität ausmachen, sind ein Kontinuum, das nicht irgendwie aufgeteilt werden kann. Dieses Kontinuum stellt eine Einheit dar. Das Leben reitet auf Chemie und Materie, die ein Teil dieses Zeit-Raum-Kontinuums sind. Folglich ist das Leben ohne Materie unvorstellbar. Das Leben muss deshalb eine Eigenschaft der Materie sein. Nehme man dem Leben seine Materie, so vernichtet man automatisch und total das Leben. Folglich, so argumentiert man, sei das Leben eine rein materialistische Angelegenheit. Leben reitet auf der Materie und Materie trägt das Leben. Leben ist also bloß ein Ausdruck von Eigenschaften der Materie.

Anhand von Überlegungen obiger Art verzichten die modernen Positivisten auf Begriffe wie »Geist«, »Gott«, übernatürliche Phänomene und Metaphysik. Solche Begriffe seien nach dieser Ansicht nur sublimierte Ausdrücke von Eigenschaften der Materie. In sich selber haben sie gar keinen Bestand. Eine Übernatur schlechthin existiere nicht. Sie sei nur ein Schatten der Materie, die Menschen konstruiert haben. Mit der »Natur« können wir rechnen, denn sie ist ein Teil unserer eigenen materiellen Realität. Aber Begriffe wie »Geist« und »Gott« seien bloße Projektionen des menschlichen Gehirnes für Phänomene, die das naturwissenschaftliche »Gehirn« noch nicht im Griff haben. Der experimentelle Fortschritt werde mit der Zeit alle Lücken in unserem Wissen ausfüllen, so dass Postulate wie »Gott« und »Geist« nicht mehr nötig sein werden. Die Materie und ihre Gesetzmäßigkeiten werden alles rein materialistisch erklären. Der Trend zum Materialismus muss also zur gleichen Zeit ein Trend weg von Gott, weg von einer Obernatur und aller übernatürlichen Religion sein.

Der naturwissenschaftliche Materialist glaubt, dass die Materie allein die ganze und die einzige Realität darstellt. Der dialektische Materialist geht einen Schritt weiter, indem er zu erklären versucht; wie die Materie auf autogene Art und Weise, ohne Lenkung oder Beeinflussung von außen, komplizierter wurde. Diese Art Materialismus wurde von Karl Marx entwickelt, um die Evolution der menschlichen Geschichte ohne Gottespostulat zu erklären. Marx glaubte natürlich an keinen Gott, musste aber die Evolution der menschlichen Gesellschaft zu höherer Ordnung irgendwie rationalisieren. Die alte Idee war, dass höhere Gewalten (Engel, Teufel, Gott) von ihrem Versteck aus heimlich das menschliche Geschick leiteten. Übernatur, in der Form von Gott, Engel oder Teufel, hatte durch ein »fiat« die Materie und dann das Leben ins Dasein gerufen. Nach dieser Erschaffung postulierte man diese heimliche Lenkung durch die Übernatur aus, die für die höhere Entwicklung des Lebens und der Gesellschaft sorgte. Marx änderte all das bezüglich der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung der Geschichte. Charles Darwin tat das gleiche für die Biologie mit seinem großen Buch (»Origin of Species«). Er erklärte die Bildung von höheren Spezies aus einfacheren mit seinem Postulat des Zufalls, der kleinen Veränderungen und der natürlichen Auslese. Marx und Darwin schalteten also die Notwendigkeit des Postulates einer Übernatur, eines Gottes, der für die Höherentwicklung in der Geschichte und in der Biologie sorgte, aus.

In der gleichen Epoche arbeiteten Clausius und Clapyron an der Theorie der thermodynamischen Hauptsätze. Sie kamen zu dem kategorischen Schluß, dass Materie, sich selbst überlassen, sich spontan und evolutionsmäßig nicht höher entwickle. Materie wurde nie spontan komplexer. Sie drückten diesen Befund so aus: Entropie (ein Maß der zur Verfügung stehenden Energie oder Ordnung), sich selbst überlassen, nimmt immer zu. Das heißt, dass Ordnung immer abnimmt. Materie tendiert spontan zu Unordnung.

Wenn also Materie die einzige Realität darstellt, und wenn Materie, sich selbst überlassen, immer zu Unordnung tendiert, wie soll man für die beobachtete Ordnung in der Materie eine Erklärung finden? Materie, sich selbst überlassen, produziert Chaos. Wenn aber Materie alles ist, woher kommt die Ordnung (Leben z. B.), die man in der Materie findet? Materie «speichert« und produziert nach Clausius und Clapyron erhöhte Entropie, immer größer werdende Unordnung (bis zu einem Maximum), wenn sie sich selbst überlassen wird. Woher also die Ordnung, die wir in der Biologie selbst und in der biologischen Gesellschaft beobachten? Früher meinte man, dass Übernatur auf Materie schöpferisch einwirkte, Materie wie Ton formte, so dass die Ordnung, die wir in der Materie beobachten, der Einwirkung von Übernatur auf Natur zuzuschreiben ist. Die Positivisten und Materialisten postulieren nun, dass die einzige bestehende Realität die Realität von Materie selbst ist. Es gibt also keine andere außermaterielle Realität, die auf die Materie so einwirken könnte, dass Ordnung, gesenkte Entropie, entstehen kann. Wenn dies stimmt, woher rührt die Ordnung in der Materie? Es gibt doch keine andere Realität, die auf unsere Materie von außen einwirken kann, um die erhöhte Ordnung – die gesenkte Entropie – zu erklären.

Marx und Darwin versuchten mit ihren besonderen Postulaten gerade dieses Rätsel zu lösen. Fangen wir mit Charles Darwins Lösung. an. Er postulierte, dass es bei der Vermehrung der Zellen und Organismen in der Biologie immer kleine Veränderungen in den Tochterzellen und Tochterorganismen gab. Diese ‚kleinen Veränderungen verliehen deren Besitzer kleine Vorteile (oder Nachteile) im Konkurrenzkampf des Lebens, so dass diejenigen Organismen, die kleine Abweichungen in ihrer Struktur besaßen, Vorteile (oder Nachteile) im Existenzkampf aufwiesen. So konnten die Organismen mit günstigen Abweichungen mehr Nachkommen hinterlassen und sich besser im Kampf ums Dasein durchsetzen. Dies brachte mit sich, dass die Nachkommenschaft solcher Organismen die kleinen günstigen Veränderungen von ihren Eltern erbte. So summierten sich diese kleinen Veränderungen und verbesserten die Organismen, die sie besaßen. Auf diese Weise entstand automatisch und autogen, ohne irgendwelche Beeinflussung eines Gottes, einer Übernatur oder einer anderen Realität außerhalb unserer materiellen Realität eine Entwicklung, eine Evolution nach »oben«. Pflanzen und Tiere wurden im Laufe der Zeit durch Darwins Prinzipien autogen und automatisch höher und besser. Evolution im Leben war ohne das Postulat eines lenkenden, entwerfenden übernatürlichen Gottes möglich. So konnten die Darwinisten das Postulat eines Gottes zur Erklärung der Ordnung, die wir in der Materie beobachten, jetzt fallenlassen. Gott und Übernatur sind zur Erklärung biologisch höher geordneter Materie überflüssig. Deshalb lächeln materialistische Darwinisten mitleidig, wenn ein Christ von Gott spricht. Der Christ ist einfach zu bedauern. Er hat die Finessen der materialistischen Naturwissenschaft einfach nicht begreifen können.

Wie aber erklärte Marx die beobachtete Ordnung unter Menschen und in der menschlichen Geschichte? Wie hat sich die menschliche Gesellschaft durch Jahrtausende hindurch entwickelt? Marx erklärte, dass die menschliche Gesellschaft sich langsam auf ähnliche Weise nach »oben« entwickelte, wie wir die biologische Entwicklung nach Darwin erklärt haben. Zuerst, sagte Marx, gäbe es keinen Gott und keine Übernatur, die alles von ihrem Versteck aus heimlich leiten. Diese altmodische Idee sei jetzt endgültig überholt. Die menschliche und die biologische »Gesellschaft« habe sich genau so autonom und autogen nach oben entwickelt, wie Darwin die biologische Evolution beschrieb und erklärte.

Marx entwickelte seine Theorie der Dialektik ähnlich, wie Darwin seine Theorie der kleinen Veränderungen und darauf folgenden Auslese entwarf. Nach Marx steht die ganze menschliche Gesellschaft in einer Wechselwirkung oder Dialektik. Unsere Realität der menschlichen Gesellschaft steht in ständigem Wechsel und Kampf mit sich selbst. Die verschiedenen Bestandteile der Gesellschaft wirken nach dialektischen Prinzipien auf sich selbst ein, d. h. sie wirken nach entgegengesetzten Richtungen. Dialektik ist die Kunst der gegensätzlichen Gesprächsführung. Sie stellt einen Mechanismus dar, der durch Denken in Gegensatzbegriffen zu weiterer Erkenntnis gelangt. Somit ist der dialektische Materialismus eine Anschauung, nach der jede Entwicklung in der Materie und in der Gesellschaft als ein Ergebnis der sich ständig dialektisch verwandelnden und in Wechselbeziehung zueinander stehenden Formen der Materie (und der Gesellschaft) anzusehen ist. Die Wechselbeziehung, dieses gegensätzliche Aufeinanderprallen verschiedener Richtungen in der Materie und in der Gesellschaft, produzieren den Fortschritt in der Materie und auch in der Gesellschaft. Durch diese Dialektik erklärte Marx allen Fortschritt in unserer Realität ohne ein Gottespostulat und ohne Metaphysik irgendwelcher Art. Deshalb ist der dialektische Materialist grundsätzlich ein Atheist und ein Feind aller Religion. Der dialektische Materialismus ist auch die Grundbasis aller kommunistischer Ideologie und Theorie.

2. Kommunistische Ideologie
Auf obige Art und Weise legte Marx und die anderen Väter kommunistischer Theorie die Grundbasis ihrer Ideologie, die die Notwendigkeit des Gottespostulats abschafft, indem sie zuerst als Axiom annimmt, dass es neben unserer Zeit-Raum-Realität keine übernatürliche Realitäten gibt. Diese Basis ist somit rein materialistisch. Darwin erklärte alle Höherentwicklung in der Materie zum Leben und zu höheren Spezies hin durch seine kleinen Veränderungen und seine natürliche Auslese. Marx erklärte die Höherentwicklung bei den Menschen schlechthin durch seine Dialektik. Beide Mechanismen sind sich sehr ähnlich und schaffen das Gottespostulat als nicht notwendig ab.

Der Kommunismus ist heute nicht mehr monolithisch, wie das früher einmal der Fall war. Es gibt vielerlei Prägungen heute – russische und auch chinesische Kommunisten bekämpfen sich gegenseitig sogar mit aller Härte. Aber alle Kommunisten sind materialistisch, und alle sind dialektisch. Alle kommen ohne das Gottespostulat aus, und alle bekämpfen alle Arten von Religion. Der Kommunismus ist eine atheistische Religion, die alle theistischen Religionen bekämpft! Alles, was überstofflich sein könnte, alle Begriffe wie »Geist«, Psyche (= Seele), Jenseits, Engel, Teufel, ja, natürlich Gott selbst, sind nach kommunistischer Lehre eine bloße Illusion. Sie sind eine Projektion des menschlichen Gehirnes.

3. Kommunistische und positivistische Ideologie
Die positivistische Ideologie leugnet also alles, was experimentell durch die Methoden der naturwissenschaftlichen Beobachtung nicht bewiesen werden kann. Offenbar ist es schwer, die Evidenz für die Existenz einer Übernatur mittels wissenschaftlicher Methoden in den Griff zu bekommen. Anhand eines Bildes des Matterhorns, also eines Bildes in zwei Dimensionen auf einer Fläche, ist es schwer, die Evidenz für das wirkliche dreidimensionale Matterhorn greifbar zu machen. Von tieferen Dimensionen aus ist es prinzipiell schwer, höhere Dimensionen unter Beweis zu stellen. Der Positivismus leugnet alles, was man in den tieferen Dimensionen des Labors durch Beobachtung und Experiment nicht beweisen kann.

Die Basis kommunistischer Ideologie ist zuerst positivistisch und dann dialektisch materialistisch. Als direkte Folge ist sie auch streng atheistisch. Wie wir schon gesehen haben, liegt das große Problem beim Positivismus und beim Materialismus im Ursprung der Ordnung in unserer Realität, wenn sie die Information, die zu dieser Ordnung führt, nicht intrinsisch besitzt. Der Biologe muss irgendwie das Problem der unerhörten Ordnung in der Biologie erklären, während der dialektische Materialist und Kommunist die Ordnung und Entwicklung in der menschlichen Gesellschaft auslegen muss. Die Physiker haben längst gezeigt, dass die Materie in sich selbst keine Quelle der ordnenden Information besitzt. In ihr herrscht der eindeutige Trend zur Unordnung, der universal ist. Wenn es also keine andere Realität neben oder über unserer Realität gibt, die für die Ordnung in unserer Dimension aufkommen könnte, wo nimmt man die Ordnung her, die uns umgibt und von der wir selber ein Teil sind?

Der naturwissenschaftliche Materialist, der Biologe ist, findet seine Antwort auf dieses Problem in Darwins Lehre der kleinen Veränderungen bei der Reproduktion, die dann durch die natürliche Auslese sortiert und verewigt werden, wie wir schon bemerkt haben. Ein biologischer Materialismus würde in sich selbst statisch sein – nicht fortschrittlich und nicht evolutionär. Im Gegenteil, nach den bekannten Gesetzen und Hauptsätzen der Physik zu urteilen, würde er regressiv und nicht progressiv sein, so dass wir keine Evolution der Materie zum Leben hin durch den Materialismus allein erwarten dürften. Erst die Einführung der Idee Darwins, dass alles Leben in einem dynamischen Kampf miteinander und gegeneinander steht, verleiht dem biologischen Materialismus Dynamik. Dieser Kampf ist grundsätzlich dialektisch. Die Verwandtschaft der Darwinschen Evolution mit der Marxistischen Lehre des dialektischen Materialismus geht also noch einmal klar hervor. Die verschiedenen Formen des Lebens und deshalb auch der Materie stehen in ständigem Kampf einer dialektischen Wechselbeziehung zueinander. Sie stehen ständig in einer dynamischen »Konfrontation«. Der dialektische Materialismus und der Darwinismus besitzen also die gemeinsame Idee eines dynamischen, in ihrem Wesen verankerten Kampfes gegeneinander, der in beiden Ideologien für den Fortschritt, für die Evolution nach oben, verantwortlich gemacht wird. Ohne dialektischen Kampf wären Materialismus und Darwinismus steril und regressiv. Mit der Sortierung durch Kampf und Gegensätze werden beide Ideologien evolutionär und fortschrittlich.  . . .

Der kommunistische dialektische Materialismus hat mehr als die Hälfte der Welt an sich gerissen. Das Gleiche gilt für Darwins Leistung. Er hat der materialistischen Biologie, die vorher statisch war, Dynamik mit seiner natürlichen Auslese verliehen. Darwins Evolutionstheorie ist die Basis der Biologie in der ganzen Welt geworden. In den kommunistischen Ländern im Osten wird sie ausschließlich gelehrt. Und im Westen beinahe ebenso. Wer Darwins Form der Dialektik in seiner Biologie nicht akzeptiert, der wird in fast keiner westlichen Universität akzeptiert. Die Dynamik der Wechselbeziehungen in der Materie, die zur Evolution in Gesellschaft und Biologie führt, ist zu einem Monopol geworden. . . .

Heute wissen alle unterrichteten Menschen, dass die marxistische Idee des dynamischen, dialektischen Klassenkampfes für den sozialen Fortschritt verantwortlich gemacht wird. Denn überall fangen die Kommunisten den Klassenkampf an als Vorbote der Revolution und des sozialen Umsturzes auch dort, wo es praktisch keine Klassenunterschiede mehr gibt, weil in der westlichen Welt der Wohlstand so verbreitet ist. Marx postulierte, dass die unterdrückte Arbeiterklasse die eine Seite seiner dialektischen Verhältnisse darstellt. Von den Kapitalisten werden sie unterdrückt. Die Löhne sind zu tief, die sozialen Verhältnisse sind schlecht. Die Arbeitsstunden seien zu lang usw. Deshalb rebellieren die Arbeiter gegen ihre kapitalistischen Unterdrücker, sagt Marx. Das Ergebnis ist, dass die Kapitalisten die Arbeiterklasse noch mehr unterdrücken. Die gegensätzliche, dialektische Antwort zeigt sich in noch größerer Kampfeslust der Arbeiter. Als Reaktion entsteht nach Marx noch mehr Kampfeslust auf kapitalistischer Seite.

Nach Marx steigert sich diese dialektische Spannung, bis es zu einem allgemeinen »Knall« kommt.Der revolutionäre Zustand ist eingetreten. Die alte Ordnung kann diese Art Spannung nicht mehr ertragen, sie explodiert, und aus dieser Explosion wird die neue revolutionäre Ära geboren. Das Paradies des kommunistischen, klassenlosen Staates oder seiner Gesellschaftsordnung geht aus den Trümmern dieses dialektischen Kampfes hervor. Also, Fortschritt und Evolution in unserer Dimension, sei es in der Biologie, sei es in der Politik und Gesellschaftsordnung, ist immer von Kampf, Elend und Not abhängig. Deshalb ist es zwecklos, einen Kommunisten aufzufordern, friedfertig zu sein. Er glaubt, dass Friedfertigkeit nur Stagnation und Stillstand nach sich ziehen kann. Der Weg zum kommunistischen Paradies geht immer über Trümmerfelder. Deshalb sagt er: Laßt uns so viele Trümmerhaufen wie nur möglich heraufbeschwören. Unsere Terroristen der extremen Linken glauben genau dasselbe, denn diese Terroristen sind einfach Kommunisten, die noch kein Reich erobert haben, über welches sie herrschen können. Mit Terror sind Lenin, Trotzki, Stalin und all die anderen Revolutionäre an die Macht gekommen. Hitler und Mussolini glaubten an genau die gleichen Prinzipien. Hitler lächelte über die Menschen (wie Chamberlain zum Beispiel), die ihn zum Frieden aufforderten. Solche Menschen waren einfach ungebildet in seinen Augen. Sie hatten, meinte er, das Wesen des evolutionären Fortschrittes noch nicht begriffen.

Die Parole heißt also: Entwicklung oder Evolution geht in unserer materiellen Realität aus den Wechselbeziehungen oder der Dialektik in der Materie, in der Biologie und in der Politik automatisch hervor. Wenn einmal die Dialektik in unserer Materie gegeben ist, dann ist auch Evolution gegeben. Die Biologen lehren dies eindeutig. Sie behaupten, dass überall, wo es Materie und die richtigen Bedingungen gibt, Leben aus dem Nichtleben automatisch durch chemische Evolution hervorgehen wird. Die Kommunisten aller Schattierungen lehren das gleiche Prinzip: Wo es Klassenkampf, d. h. Kapitalisten und Arbeiter gibt, da muss es die Dialektik eines Kampfes zwischen beiden Klassen auch geben. Diese Dialektik muss, nach Marx, automatisch zu einem kommunistischen Paradies führen – so sicher, wie die Sonne jeden Morgen zum neuen Tag aufgeht. Wo eine Gesellschaft existiert, in der Ausbeuter und Ausgebeutete vorkommen, da muss Dialektik herrschen, da wird auch Revolution sein. Und da wird das klassenlose Paradies entstehen. Für die Marxisten und für die Darwinisten ist es nur eine Frage der Zeit. Leben entsteht, und der Kommunismus breitet sich aus. So sicher sind sie sich ihrer Theorie. Das Bedenkliche ist, dass mehr als die Hälfte der Welt unter der politischen Gewalt von Menschen schmachtet, die an all das glauben. Sicher ist, dass die Mehrzahl der Biologen im Westen den Darwinismus als erwiesene Tatsache annimmt. Fast die ganze akademische Welt ist vom materialistischen Darwinismus erobert worden.

Unsere nächste Frage ist die: Ergibt eine Dialektik dieser Art ganz sicher eine Evolution in der Biologie und eine Evolution in der Gesellschaft, wie die Marxisten und die Darwinisten es behaupten? Wir müssen die Frage gründlich prüfen, denn sehr viel ist sowohl in der Politik wie auch in der Biologie davon abhängig.

4. Die Wirksamkeit der politischen Dialektik
Was soll man von oben beschriebener Ideologie der politischen Dialektik halten? Wir müssen diese Frage zuerst behandeln, ehe wir zu unserer zweiten Frage übergehen: Was sagt die heutige Naturwissenschaft zu der Ideologie des Materialismus schlechthin?

An dieser Stelle möchte ich auf das Problem der Gültigkeit des evolutionären Prinzips der biologischen Dialektik, die wir natürliche Auslese nennen, nicht eingehen. In verschiedenen Büchern habe ich gezeigt, dass man heute Darwins Prinzip der natürlichen Auslese als Haupttriebfeder hinter der biologischen Evolution bezweifeln kann. Sie ist ungenügend als Theorie, weil sie eine tautologische Theorie ist. Eine Theorie, die aussagt, dass nur die biologischen Formen überleben, die überleben, ist unwiderlegbar, weil sie bar jeglicher Aussagekraft ist.

Für die Entwicklung unserer Gedanken brauchen wir aber trotzdem eine allgemeine Übersicht der Gründe, die gegen das Prinzip der automatischen Evolution (politisch und biologisch) nach oben durch Auslese und Dialektik sprechen. In einer Nußschale kann man die Argumente so zusammenfassen: Eine Evolution nach oben durch Zufall und Zufallsbewegungen, wie die darwinsche und marxistische Dialektik sie verlangen, kann man nur dort erwarten, wo zufällige Bewegungen oder Dialektik »gesiebt« oder »gleichgerichtet« werden. Das Beispiel einer sich automatisch aufziehenden Uhr dient uns hier am besten. Die Uhr benutzt zufällige Armbewegungen, Dialektik, um sich aufzuziehen. Diese Bewegungen können nach links, nach rechts, nach oben oder nach unten gehen. Sie sind ihrem Wesen nach dialektisch – jede Bewegung hat ihre Gegenbewegung. Die Bewegung nach links besitzt einen Partner die Bewegung nach rechts. Die Bewegung nach unten besitzt auch einen Partner – die Bewegung nach oben. Der Uhr selber wird also eine echte Dialektik angeboten – Bewegungen nach links und Bewegungen nach rechts, Bewegungen nach oben, die von Bewegungen nach unten ausgeglichen oder neutralisiert werden können.

Durch diese Dialektik an Bewegungen zieht sich die Uhr automatisch auf. Die Evolution, behauptet der Darwinist oder Marxist, entstammt also der Dialektik nach echt marxistischen (oder darwinschen) Prinzipien! Ist aber die Sachlage so einfach, wie Marx sie sich vorstellte? Die Antwort liegt im Beispiel des Mechanismus einer automatischen Uhr, die sich anhand von Zufall aufzieht. Sie kann dieses Kunststück nämlich nur dann fertig bringen, wenn sie eine Vorrichtung besitzt, die die Dialektik der Bewegungen sortiert oder gleichrichtet. Sie besitzt in sich nämlich eine Raste, die als Gleichrichter funktioniert. Diese Raste erlaubt, wollen wir sagen, die Bewegung nach unten, blockiert aber die entgegengesetzte Bewegung (Dialektik) nach oben. In Wirklichkeit ist diese Raste sozusagen zum Denken programmiert. Denn Denken besteht aus einer Entscheidung, »ja« zu dieser Bewegung (Dialektik) und »nein« zu einer entgegengesetzten Bewegung zu sagen. So ist die Raste unserer Uhr in Wirklichkeit eine Maschine, die ganz einfach und programmiert »denkt«. Sehr primitiv, doch effektiv, denn aus diesen ständigen Entscheidungen, »ja« zu dieser Bewegung und »nein« zu der entgegengesetzten Bewegung zu sagen, entsteht die Fähigkeit der Uhr, sich anhand von zufälligen Bewegungen aufzuziehen – oder Entropie zu senken, Ordnung zu erhöhen.

Wenn die Automatik einer Uhr kaputt geht, zieht sie sich natürlich nicht mehr auf. Meist geht die Raste, der »Denkapparat«, kaputt, so dass die Uhr nicht mehr imstande ist, ihr primitives Denken durchzuführen. Sie kann nicht mehr »ja« zu den Bewegungen nach unten und »nein« zu den Bewegungen nach oben sagen. Die Gleichrichtung in der Dialektik ist dahin. Infolgedessen kann die Uhr keine »Evolution« nach oben vollziehen. Ihre Fähigkeit, aus der Dialektik der zufälligen Bewegungen eine Evolution (eine Senkung von Entropie), ein Aufziehen der Uhr, hervorzuzaubern, ist in Wirklichkeit gar nicht von der Dialektik allein abhängig, sondern von der Dialektik plus Raste, Gleichrichter oder »Denkapparat«. Zufällige Bewegungen meines Armes (Dialektik) ziehen meine nicht automatische Uhr nie auf. Ich kann meinen Arm bewegen, so lange ich will. Die Uhr wird sich nie aufziehen, denn die Raste, der Denkapparat, der Gleichrichter, ist nicht vorhanden. Die Dialektik an sich hat nie eine Uhr aufgezogen, und die Dialektik an sich hat nie Evolution hervorgerufen. Was Uhren aufzieht, ist Dialektik plus Raste oder Denkapparat. Denn der Denkapparat trifft Entscheidungen, diese Bewegung (Dialektik) anzunehmen und jene Bewegung (Dialektik) abzulehnen.

Die Raste benimmt sich also wie ein Ventil. Sie ist ein Ventil. Und als Ventil ist sie maßgeblich für die Herausfiltrierung von Ordnung oder Evolution aus dem Chaos der Dialektik. Die große Frage, die wir uns hier stellen müssen, ist natürlich die: Wo kam die Intelligenz her, um ein solches Ventil bei einer Uhr, in der Gesellschaft oder in der Biologie zu bauen? Denn der Bau eines Ventils oder einer Raste verlangt Denken, Geist, Entscheidungen oder Intelligenz. Wer hat jemals die Fabrikation eines programmierten Gleichrichters, eines Ventils, einer Maschine oder gar einer einfachen Raste wie in einer automatischen Uhr ohne die Mitwirkung von Intelligenz konstatiert? Wo war also die Intelligenz, die das erste Ventil herstellte, um aus der Dialektik der chemischen, das erste Leben hervorgehen zu lassen? Die Tatsache ist natürlich, dass die organische und biologische Chemie, die hinter dem Leben steht, eine solche Raste nicht kennt. Denn organisch-chemische Reaktionen sind reversibel, sie laufen vorwärts und rückwärts – genau wie eine kaputte Raste, die die Uhr nicht aufziehen kann! Für die Erklärung der chemischen Evolution nach darwinschen Prinzipien müsste man eine chemische Raste in Händen haben, die immer dafür sorgt, dass die chemischen Reaktionen nach oben gehen und nicht nach unten. Diese Raste fehlt in der nicht lebenden Natur, so dass die zufälligen chemischen Reaktionen, die Dialektik der Natur, nicht imstande sind, chemische Evolution – nach Darwin – hervorzubringen. Man müsste eine Raste im chemischen System haben, ehe man für chemische Evolution sorgen kann. Wir konstatieren also, dass Zufall ein programmiertes, denkendes Ventil, eine Maschine oder eine Raste dieser Art nie hervorgebracht hat. Deshalb werden die zufälligen Reaktionen der Chemie in der Natur genauso wenig eine chemische Evolution zum Leben hinauf hervorbringen; wie eine Uhr ohne die Automatik einer Raste die Hauptfeder aus der Kraft zufälliger Armbewegungen aufziehen kann. Die nötige Raste muss aber dort fehlen, wo es keine Intelligenz im System der Natur gibt.

Denn eine Raste ist eine Maschine, und eine Maschine ist intelligenzbedingt. Dialektik allein ist also ungenügend, um für Fortschritt und für chemische Evolution zu sorgen.

Anders verhält es sich bezüglich der Dialektik der Evolution, nachdem einmal Leben entstanden ist. Wenn einmal Leben vorhanden ist, könnte die natürliche Auslese unter lebenden Organismen, die untereinander konkurrieren, tatsächlich wie ein Ventil oder eine Raste funktionieren. Dadurch – durch die natürliche Auslese und das überleben der Tüchtigeren – könnten die tauglicheren Lebensformen von den weniger tauglichen sortiert werden. Die weniger Tauglichen werden endgültig aussortiert, indem sie aussterben. Die besser Adaptierten pflanzen sich fort und hinterlassen Nachkommenschaft.

Auf diese Weise könnte natürliche Auslese wie ein Ventil oder wie eine Raste in der Dialektik der Wechselbeziehungen des Lebens funktionieren, wenn einmal Leben vorhanden ist. Es ist aber meine persönliche Überzeugung, dass das Ventil der natürlichen Auslese zu schwach ist, um für die biologische Entstehung der Spezies zu sorgen. Die Gründe für diese Überzeugung habe ich in den zitierten Werken angegeben. Die mathematischen Postulate Manfred Eigens, der chemische Evolution durch Zufall erklären will, werden später behandelt.

Wie aber verhält es sich mit der marxistischen Dialektik und mit dem Fortschritt in der Gesellschaft? In einer Revolution und im Klassenkampf ist die Dialektik sicher vorhanden . . . die »Armbewegungen« wie bei der Uhr sind vorhanden. Die Frage ist die nach der Raste oder dem Ventil. Im revolutionären Kampf muss die Dialektik des Hin und Her irgendwie sortiert werden, wenn es tatsächlich zu einer wirklich höheren Entwicklung in der Gesellschaftsordnung kommen soll. Wo aber findet man in einem revolutionären Kampf eine Sortierung, wie die einer Raste, die das Nachteilige vom Vorteilhaften trennt und unterscheidet? Man findet in den Revolutionen und Kriegen dieser Welt nur ein Kaputthauen von allem, vom Guten sowie vom Bösen. Wenn eine Revolution oder ein Krieg Evolution nach oben, wirklich nach oben, bewirken soll, müsste man eine streng sortierende Vorrichtung einbauen, die nur das vernichtet, was »Bewegung nach unten« ist und das schont und erhält, was »Bewegung nach oben« ist. Die Dialektik an sich ist sicher gut und ganz natürlich – so natürlich wie meine Armbewegungen. Sie bietet Bewegung an. Was sie aber evolutionär, progressiv macht ist die Sortierung durch eine Raste. In den meisten Revolutionen und Kriegen aber, die ich persönlich beobachtet habe, ist absolut nichts vorhanden, was nachteilige Dialektik verhindert und vorteilige Dialektik fördert. Die Raste, das Ventil, fehlt.

Nehmen wir als Beispiel die Französische Revolution. Das Morden und die Gewalttaten haben sicher manches Böse beseitigt. Aber wurde nicht zur gleichen Zeit ebensoviel oder gar mehr Gutes vernichtet? Frankreich hat sich bis zum heutigen Tag von dieser Katastrophe nicht erholt. Was nicht getötet wurde, musste fliehen. Erwähnen wir die Flucht der Hugenotten aus Frankreich. Was das Land durch diese Greueltat verlor, kam anderen benachbarten Ländern zugute. Die Wirtschaft in Frankreich wurde verletzt. Die besten Männer flohen ins Ausland oder wurden getötet. Leute wie Fouche überlebten das Blutbad. Die Revolution und der Klassenkampf vernichteten alles. Sie sind nicht selektiv genug, um wie ein Ventil zu funktionieren, was eine Vorbedingung für Fortschritt durch Dialektik wäre.

Die russische kommunistische Revolution zeigt ähnliche Züge. Wie viele Millionen von Menschen haben die Hungersnot nach der Machtübernahme seitens der Kommunisten nicht überlebt? Wäre der Westen in der Form von Lebensmitteln nicht zu Hilfe gekommen, wäre die Katastrophe noch viel schlimmer gewesen. Alles wurde durch die gewalttätigen Revolutionäre niedergehauen. Sicher waren die Umstände in Russland vor dem Krieg und vor der Revolution schlecht. Wer würde aber behaupten wollen, dass heute in Sowjetrußland mehr Freiheit für den gewöhnlichen »Bürger« herrscht als damals unter den Zaren? Nach Solschenizyns Berichten zu urteilen, sind noch Millionen von Menschen in Sibirien, die kein Verbrechen begangen haben. Der Staat des kommunistischen Paradieses braucht billige Arbeitskräfte. Da wurden Arbeitskandidaten auf der Straße zusammengetrommelt, um diesem Bedarf nachzukommen. Derjenige, der im letzten Krieg in deutscher Gefangenschaft (oder auch alliierter Gefangenschaft) war, wurde . . . stracks nach Sibirien befördert. Sie hatten zuviel Fortschritt im Westen gesehen, der nicht revolutionärdialektischen Ursprungs war und deshalb für das Volk zu Hause gefährlich sein könnte!

Man braucht nur nach Berlin zu gehen! Die Mauer ist ein permanentes Zeichen des Gefängnisses, das aus dem Staat drüben geworden ist. Die Freiheit ist dahin. Nun, Freiheit ist sicher ein höchstes Bedürfnis aller Menschen. Denn ohne sie kann kein Mensch sich richtig entwickeln. Durch die marxistischen Revolutionen geht aber Freiheit immer verloren. Man überlege die Situationen im ehemaligen Süd-Vietnam. Unter den Roten ist sogar der bloße Gedanke an Landesflucht ein Verbrechen gegen den Staat, der das sozialistische Paradies dort eingeführt hat. In der DDR ist die Lage nicht anders.

Nein, revolutionäre Dialektik allein bringt keine wahre Evolution hervor. Ein Mensch, der, wie viele Revolutionäre, mit 14 bis 16 Jahren in der Kunst der allgemeinen, sinnlosen Vernichtung erzogen worden ist, kennt keine Raste, kein Ventil. Er haut alles kaputt. Deshalb kann sein System, seine Dialektik, keine Evolution hervorbringen, sondern nur Revolution (= Umsturz, Vernichtung) und deshalb Involution (Rückbildung).

Jetzt müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Problem des Materialismus selbst lenken. Den dialektischen Teil des Materialismus haben wir kurz angeschaut. Laßt uns jetzt das Grundproblem des Materialismus schlechthin untersuchen, um festzustellen, ob er im Lichte der modernen naturwissenschaftlichen Forschung so wenig vertretbar ist wie das Prinzip der Dialektik selbst.

Kapitel 2 Der Materialismus im Lichte moderner 
                   naturwissenschaftlicher Forschung

1. Allgemeines über den Materialismus
Es ist leichter, die Frage nach der Wissenschaftlichkeit des naturwissenschaftlichen Materialismus zu beantworten als die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der marxistischen und Darwinschen Dialektik. Denn der wissenschaftliche Materialismus glaubt, dass die einzige Realität die der Materie ist. Heute besitzen wir aber klare experimentelle Beweise dafür, dass es andere Realitäten und Dimensionen gibt als unsere Zeit-Raum-Kontinuum-Realität. Ist dies der Fall, dann ist der naturwissenschaftliche Materialismus erledigt, denn er behauptet, dass die einzige existierende Realität die des Zeit-Raum-Kontinuums, in dem wir leben, sei.

Wir müssen aber ganz unten mit den Daten anfangen. Der naturwissenschaftliche Materialismus behauptet, das Zeit-Raum-Kontinuum der Materie, in dem wir leben, stelle die ganze und einzige Realität des Alls dar. Nach dieser Auffassung gibt es keine jenseitigen Dimensionen oder Realitäten, von denen wir irgendwie in unserer Realität erkenntnismäßig abgeschnitten sind. Alles, was existiert, muss unserem Blick, unserer Erkenntnis und unserer Forschung offen sein. Es darf keine unzugänglichen Realitäten oder Dimensionen geben, die wir anhand der natur-wissenschaftlichen Methode nicht erforschen können. Es darf keine letzten Mysterien geben. Was wir nicht erforschen können, das darf nach materialistischer Auffassung nicht existieren. Das ist die materialistische Parole

Also, das dreidimensionale Raum-Zeit-Kontinuum stellt in den Augen der wissenschaftlichen Materialisten die ganze, totale Realität dar . . .  Wenn es aber tatsächlich ein »Jenseits«, andere Kontinua gibt, die wir nicht erforschen können; dann wird dadurch die Glaubwürdigkeit des Materialismus in Frage gestellt. Letzte Geheimnisse anderer Dimensionen und Realitäten wie Engel, Teufel, Geister, Leben nach dem Tod, Himmel und Hölle gibt es vom materialistischen Standpunkt aus nicht. Wenn man über etwas Jenseitiges spricht, das dem Zugriff der wissenschaftlichen Methode entzogen ist, hört heutzutage kein Naturwissenschaftler (mit einigen Ausnahmen natürlich) ernsthaft zu. Der Materialist bezweifelt in Wirklichkeit die Existenz anderer Dimensionen schlechthin und zieht sie deshalb niemals in Betracht, wenn er Theorien über das Verhältnis des Menschen zum Rest des Universums aufbaut.

Auf diesem Gebiet ist die moderne führende Naturwissenschaft »gnostisch«. Dabei will ich das Wort im alten Sinn der Mysterien gar nicht benutzen. Ich will bloß darauf hinweisen, dass die moderne materialistische Naturwissenschaft definitiv »weiß« (gnosis), dass es keine anderen Realitäten außer der der Materie gibt, mit denen man ernsthaft rechnen müsse. Das will sagen, dass man »gnostisch« denkt – man weiß, dass es keine solche Realitäten in Wirklichkeit gibt. Wir Menschen sind ein Teil dieser Raum-Zeit-Realität, die alles ist, was es in Wirklichkeit gibt. Was darüber ist, muss »metaphysisch« sein, was im Grunde genommen »nicht ernst zu nehmen« heißt. Denn man kann das Metaphysische anhand der naturwissenschaftlichen Methode nicht erforschen. Kurz, was »metaphysisch« ist, ist zur gleichen Zeit ipso facto unwissenschaftlich.

Was soll man dazu. sagen? Die Antwort ist in letzter Zeit ganz einfach geworden, denn neuerdings hat man in der Astronomie Beobachtungen gemacht, die die ganze oben geschilderte Auffassung materialistischer Naturwissenschaftler unhaltbar gemacht haben. Heute weiß man sogar genau, wo es andere Dimensionen gibt, die unserer Realität und unseren naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden prinzipiell nicht zugänglich sind, die aber ganz gewiß existieren! Wenn man die Existenz von nur einer solchen Realität, die uns und unseren Forschungsmethoden nicht zugänglich ist, fest und klar beweisen kann, wird die Gesamtbasis des naturwissenschaftlichen Materialismus unhaltbar sein. Und wenn diese materialistische Basis in Frage gestellt werden kann, stellt man zur gleichen Zeit die Gesamtbasis des Weltkommunismus und der Weltrevolution in Frage.

Denn Weltkommunismus und Weltrevolution sind im Materialismus gegründet – eigentlich sind sie Produkte des Materialismus. Wenn man den Materialismus aus dem Sattel hebt, hebt man zur gleichen Zeit die Basis des Weltkommunismus und der Weltrevolution aus dem Sattel. Unsere Überlegungen auf diesem Gebiet sind also nicht müßig oder bloß von theoretischer Bedeutung. Sie können sogar die Weltgeschichte ändern, wenn man sie konsequent verfolgt.

Ehe wir mit der wissenschaftlichen Seite beginnen, müssen wir aber noch etwas erwähnen. Wenn Kommunismus und Weltrevolution materialistisch sind, und wenn der Materialismus ein Irrtum ist, dann sind Kommunismus und Materialismus Irrtümer. Viele Millionen von Menschen glauben an den Kommunismus und an die Weltrevolution. Wenn nun beide Irrtümer sind, was würde man als Folge dieser Irrtümer erwarten? »Die Wahrheit macht euch frei«, sagte Jesus Christus (Johannes 8, 32). Wahrheit aller Art befreit uns also. Da würde man das Gegenteil von Unwahrheit oder Irrtum erwarten. Irrtümer werden uns also versklaven. Sieht man nicht gerade diese Wirkung überall, wo Weltkommunismus und Weltrevolution die Macht über Völker gewinnen? Unter kommunistischer Herrschaft ist es direkt ein Verbrechen, den Bereich des Kommunismus verlassen zu wollen. Russland, China – und jetzt Südvietnam und Angola weisen das gleiche tragische Bild auf. Weil Irrtum versklavt, ist es doch wichtig zu wissen, wo genau der Irrtum des Materialismus, der Grundbasis des Weltkommunismus, liegt.

Es ist sehr leicht, die Irrtümer und Fehler anderer zu sehen. Es ist sogar pharisäerhaft, solche bei anderen zu sehen, wenn man zur gleichen Zeit etwaige ähnliche Fehler bei sich selbst nicht sehen will. Es soll doch allen, die Augen haben, um zu sehen, klar sein, dass der Westen den gleichen materialistischen Weg geht. Denn die westliche Naturwissenschaft und der westliche Intellektualismus sind fast genauso materialistisch wie die im Osten. Der Unterschied liegt bloß darin, dass der Westen immer noch die alten Formen des Gegenteils vom Materialismus walten lässt, nämlich den Supernaturalismus! Offiziell glaubt man im Westen, besonders in den USA, noch an einen Gott. Im Osten glaubt man offiziell an keinen Gott. Darin liegt fast der ganze und einzige Unterschied heutzutage. Das bedeutet, dass der Westen unstabil ist und sehr leicht in den offiziellen Materialismus übergleiten könnte. Die Mehrzahl der westlichen Bevölkerung glaubt in ihrem Herzen kaum mehr an einen Gott. Es sei denn, dass im Westen eine Umkehr geschieht, wird er schnell und plötzlich so versklavt werden wie der Osten. Finanziell und steuermäßig ist diese Versklavung schon da. Gerade aus diesem Grund sind diese Gedanken entstanden. Hoffentlich wird der Westen die Gefahr sehen und rechtzeitig handeln.

Jetzt müssen wir zur Hauptfrage zurückkehren. Welches sind denn die naturwissenschaftlichen Fortschritte der letzten zehn Jahre, die die Basis des wissenschaftlichen Materialismus untergraben?

2. Fortschritte in der Forschung, die zur Demission des wissenschaftlichen
     Materialismus führen
Welche naturwissenschaftlichen Forschungen haben nun ganz konkret dazu beigetragen, die Irrtümer des wissenschaftlichen Materialismus aufzudecken? Zuerst könnte man natürlich die Erforschung der so genannten Psi-Phänomene zitieren, die von Rhine und Soale und ihren Kollegen und Nachfolgern auf breiter Basis untersucht worden sind. Telekinese, Telepathie und Hellsehen sind heute Gegenstand allgemeinen Gesprächs geworden. Diese Psi-Phänomene sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Aber sie sind auch ein Tummelplatz für Mogeleien und Schwindel geworden. Es ist ganz klar, dass man Versuche auf diesen Gebieten nicht nach Belieben wiederholen kann, so dass es Wissenschaftler gibt, die den Versuchen jeglichen wissenschaftlichen Wert absprechen. Aber auch wenn 95 % der Teste negativ ausfallen, weil man sie nicht hundertprozentig kontrollieren kann, bleiben doch etwa 5 % bestehen, die man als echt anerkennen muss. Der Materialismus allein kann diese wenigen Restversuche, die man als echt anerkennen könnte, nicht erklären. Wie sollte der Materialismus Telepathie von einem Ende der Welt zum anderen erklären? Wie sollte er eine Telekinese erklären? Der Materialismus hat bis jetzt diese 5 % (oder auch weniger) ohne das Postulat eines zusätzlichen Kontinuums außerhalb unseres Raum-Zeit-Kontinuums nicht erklären können.

Nicht nur einige Wissenschaftler haben die Telepathie experimentell konstatiert. Viele »Laien« auf diesem Gebiet haben sie praktisch im Leben erlebt, so dass man sie nicht einfach in Bausch und Bogen verwerfen darf. Meine Frau und ich haben sie auf einwandfreie Art und Weise auch erlebt und die Erfahrung beschrieben.

Erfahrungen dieser Art darf man nicht einfach nur deswegen ablehnen, weil sie in die naturwissenschaftlich materialistische Ideologie nicht hineinpassen und sich nicht nach Belieben wiederholen lassen. Radiowellen, physikalische Gesetze, die wir kennen, können die Phänomene Telepathie, Hellsehen oder Telekinese nicht erklären. Deshalb muss man eine Ursache postulieren, die außerhalb unseres Raum-Zeit-Kontinuums liegt. Eine glatte Leugnung dieser Phänomene, nur weil sie »metaphysisch« sind, ist wissenschaftlich weniger als objektiv.

Obwohl es also zweifelsohne echte Telepathie und echte Telekinese gibt, die durch ihre Tatsächlichkeit den Materialismus vernichten, wollen wir hier andere Beobachtungen zur Hand nehmen, um zu zeigen, wie das Postulat des wissenschaftlichen Materialismus vernichtet wird. Die Gebiete, die wir durchnehmen wollen, sind experimentell gesehen viel sicherer als Psiphänomene.  . . .

(Es folgen im Buch Beispiele aus der Astronomie und dem Ende des Raum-Zeit-Kontinuums, wo ZEIT aufhört, und andere Dimensionen beginnen. – Aus Platzgründen weggelassen. H.K.)

Kapitel 3 Die Anwendung der neuen Erkenntnisse für unsere
                   Realität

1. Praktische Werte
Was hat aber all das für einen praktischen Wert? Es gibt Menschen, die behaupten, solches sei leere Spekulation ohne praktische Anwendung. Dies ist aber nicht der Fall. Denn unsere Realität, in der wir leben und sterben, wimmelt von Evidenz anderer Realitäten. Wir aber, die wir dreidimensional sind, können die Evidenz einer überdimensionalen Realität in unseren drei Dimensionen ohne weiteres wahrnehmen, vorausgesetzt, dass wir unvoreingenommen sind.

Solche Evidenz muss näher geprüft werden. Wir fangen zuerst mit umstrittener Evidenz an und dringen dann zu Evidenz vor, die nicht umstritten werden kann. Heute arbeiten einige Naturwissenschaftler auf dem Gebiet der Telepathie und der Telekinese. Es ist mir natürlich ganz klar, dass auf diesen Gebieten viel Schwindel getrieben wird.

Wenn nun Psi-Phänomene tatsächlich stattfinden – es gibt so viele moderne Menschen, die Telepathie selber erlebt haben -, wie kann man sie anhand naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten, die wir heute in unserer Realität kennen, erklären? Menschen haben Gedanken von einem Ende der Erde bis zum anderen gelesen. Die Physik kann diese Fähigkeit mit Hilfe der laufenden materialistischen Theorien nicht erklären.

Wir schlagen also vor, dass Psi-Phänomene Spuren einer anderen Überdimension sind. In diesem Lichte sehe ich auch Probleme wie die des genetischen Codes, der hinter uns und allem Leben steht. Die Materie und die Aminosäuren, die den Aufbau meines ganzen Körpers bestimmen, besitzen nicht die Information, die Ordnung, um mich zu bauen. Mir ist natürlich die Arbeit von Nobelpreisträger Manfred Eigen (Max-Plank-Institut für Physikalische Chemie, Göttingen) bekannt. Professor Eigen meint, dass Materie über die Fähigkeit verfügt, sich selbst zum genetischen Code hinaufzuorganisieren. Die Informationstheoretiker, die sich auf die Gültigkeit des zweiten thermodynamischen Hauptsatzes stützen, wonach Materie in sich den Trend zu Chaos und nicht zu Ordnung besitzt, leugnen aber diese vermeintliche Fähigkeit der Materie, durch Zufall Ordnung und Codes zu bilden.

Wenn nun die Materie weder die Fähigkeit noch die Information besitzt, die größte Ordnung, die größte Senkung von Entropie, die es im All gibt (das menschliche Gehirn z. B.), zu bilden, woher kann diese Ordnung, diese Form der Information, diese Semantik stammen? Ein menschliches Spermium und ein menschliches Ei besitzen Information (Senkung von Entropie, Erhöhung von Ordnung), die 1000 Bände von je 500 Seiten mit Kleinstdruck zu füllen vermag. Diese Information wird in »Worten« voller Semantik festgehalten. Ferner kann diese Ordnung sich selbst in ca. 20 Minuten kopieren oder abschreiben (bei der Zellteilung). Wenn man einen Informationsingenieur bitten würde, diese Menge und Konzentration von Information zu entwerfen und dann so konzentriert und so verkleinert auf einem Spermium bzw. Ei zu speichern und daraus selbsttätig einen Menschen zu bauen, würde er seinen Auftraggeber für schizophren halten!

Woher stammt die Information zum Bau einer Orchidee? Woher die Information, um den Duft des Flieders oder des Seidelbastes zu synthetisieren? Jeder Chemiker weiß, dass ein solcher Duft sich nie spontan aus Nichtinformation synthetisiert. Woher stammt die Information, um ein menschliches oder ein Krakenauge zu bauen? Besitzt die Rohmaterie, aus der das Auge gebaut wurde, solche Information? Der zweite thermodynamische Hauptsatz leugnet eine solche Quelle von Information. Woher kommt die schöne gelbe Farbe der Forsythie im April? Woher die Information der Hyazinthe, die solch herrlichen Duft herzustellen »weiß«? Wenn man behauptet, dass all diese Information per Zufall aus Nichtinformation herrührte, leugnet man die ganze Kausalität der gesamten Informationswissenschaft.

Klar ist es, dass führende Naturwissenschaftler ohne das Postulat anderer Dimensionen auskommen möchten. Sie behaupten, dass Materie durch Zufall Information und Semantik höchster Ordnung (um einen Menschen zu bauen) geliefert haben. Dieses Postulat stellen sie auf, um sich vor der Notwendigkeit zu drücken, andere Realitäten neben unserer Wirklichkeit als Tatsache anzuerkennen.  . . .

Nicht anders sehe ich die Richtung in Information und Semantik in der Materie, die wir den genetischen Code nennen. Chemische Reaktionen werden gelenkt, um Codes und Bedeutung, Information und Richtung zu geben, deren Quelle man in diesen drei Dimensionen, in denen wir leben, nie erfassen kann.  . . .

2. Alte Weisheit
Obwohl wir modernen Menschen viel Technik gelernt haben, haben wir beim Erlernen dieser Technik viel alte Weisheit und Erkenntnis verloren – was zu bedauern ist. Die alte Bibel bestätigt uns die Meinung, die wir oben vertreten haben. Nehmen wir einige Beispiele davon in der Form von Zitaten: Telepathie »Ich sitze oder stehe, du weißt es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, du ermissest es, mit all meinen Wegen bist du vertraut. Ja, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, o Herr, nicht wüßtest. Du hältst mich hinten und vorne umschlossen, hast deine Hand auf mich gelegt. Zu wunderbar ist es für mich und unbegreiflich, zu hoch, als dass ich es faßte« (Psalm 139, 2-6). »Deine Augen sahen alle meine Tage, in deinem Buch standen sie alle« (Psalm 139, 16).

Ein überdimensionales Bild: »Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste? Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; schlüge ich mein Lager in der Unterwelt auf – auch da bist du. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder zuäußerst am Meer, so würde auch dort deine Hand mich greifen und deine Rechte mich fassen. Und spräche ich: lauter Finsternis soll mich bedecken, und Nacht sei das Licht um mich her. So wäre auch die Finsternis nicht finster für dich« (Psalm 139, 7-12).

»Als es nun an jenem Tage, dem ersten der Woche, Abend war, und dort, wo die Jünger sich aufhielten, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und trat in die Mitte« (Johannes 20, 19). Als die Apostel aus Angst vor den Juden alle Türen zu ihrem Saal verschlossen hielten, waren sie trotzdem nicht imstande, Jesus fernzuhalten. Er stand auf einmal plötzlich in ihrer Mitte, ohne einen dreidimensionalen Eingang benutzt zu haben. Wiederum verschwand er plötzlich vor ihren Augen, ohne einen dreidimensionalen Ausgang benutzt zu haben. Mehrere (500) vernünftige Menschen, die nie versucht hätten, zugunsten der Wahrheit (Jesus war ihnen als der Inbegriff der Wahrheit bekannt) zu lügen, haben diese Tatsachen bestätigt. Hier sehe ich persönlich einen Beweis dafür, dass der Herr Jesus durch seine Auferstehung überdimensional (mehr als dreidimensional) geworden war. Deshalb konnten ihn drei Dimensionen und Zeit nicht mehr halten. Diese Fähigkeiten Jesu nach seiner Auferstehung sind eine Spur der Multidimensionen in unserer Dimension. Wie sollte man sie sonst deuten? Man kann nicht einfach behaupten, dass die 500 ehrbaren Männer, die dieses Phänomen sahen, alle gelogen haben.

Ein ähnliches Bild, das man als Evidenz für Überdimensionen um und in uns werten kann, findet man an anderen Stellen des Neuen und Alten Testamentes. Petrus wurde von vier Abteilungen von je vier Soldaten gefangen gehalten (Apostelgeschichte 12, 4-12, siehe auch Apostelgeschichte 5, 19). Auch während seines Schlafes war er mit zwei Fesseln gefesselt und lag zwischen zwei Soldaten. Dazu standen noch zwei Wächter vor der Tür. Es wird uns nun berichtet, dass die Ketten ihm einfach von den Händen fielen. Dann konnte er seine Sandalen unterbinden, sich anziehen und zum Gefängnis hinausgehen. Es wird uns aber mitgeteilt, dass der ganze Vorgang ihm derart merkwürdig vorkam, dass er nicht wusste, ob es sich um eine Trance handelte, oder ob er sich in der Wirklichkeit befand. Dass der ganze Vorgang ein Eingreifen einer Überdimension in unsere Dimension darstellte, geht aus der Tatsache hervor, dass Herodes die Sache so ernst nahm, dass er alle diensthabenden Soldaten sofort hinrichten ließ – ein Vorgang, der sich geschichtlich bestätigen lassen sollte! Während des Vorganges hat Petrus wahrscheinlich den Ereignishorizont, der unsere Realität von der »jenseitigen« Realität trennt, überschritten, damit die Hindernisse unserer Dimension ihn nicht binden konnten.

Beim Sterben passiert jeder Mensch einen Ereignishorizont, den wir den Tod nennen. Beim Passieren dieses Horizontes verlieren wir jeglichen Kontakt mit den drei Dimensionen und mit der Zeit unserer Realität. Der Tod als Ereignishorizont ist eine Einbahnstraße. Der Herr Jesus überquerte diesen Horizont derart, dass er ihn auflöste: er kam vom Jenseits – den Toten – in unsere Realität wieder zurück. Er hat uns auch versprochen, alle, die diesen Horizont im Tod passiert haben, in unsere erneuerte Realität zurückzubringen, wenn er bei seiner Wiederkunft in unsere Dimension zurückkommt, so dass alle, Kleine und Große, Arme und Reiche, Böse und Gute, diese Schwelle in entgegen gesetzter Richtung überqueren werden: die große Auferstehung von den Toten wird stattfinden. Jesus gab uns den Beweis dafür, dass diese Überquerung für uns stattfinden wird, indem er selber zurückkam. Denn wenn es einmal eine solche Überquerung des Todes-Horizontes gegeben hat, dann kann der gleiche Vorgang bei uns allen später einmal wieder stattfinden.

Diese Art des Eingreifens der Überdimensionen in unsere Dimensionen – oder umgekehrt, der Übergang unserer Dimensionen in die Überdimensionen – kommt immer wieder in der menschlichen Geschichte vor. Nehmen wir z. B. das Erlebnis des Apostels Paulus, das er in 2. Korinther 12 beschreibt: »Ich will aber auf Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen. Ich weiß von einem Menschen in Christus, dass vor vierzehn Jahren – ob im Leibe, weiß ich nicht, ob außer dem Leibe, weiß ich nicht, Gott weiß es – der Betreffende bis in den dritten Himmel entrückt wurde. Und ich weiß von dem betreffenden Menschen – ob im Leibe, ob ohne den Leib, weiß ich nicht, Gott weiß es -, dass er in das Paradies entrückt wurde und unaussprechliche Worte hörte, die ein Mensch nicht sagen darf. Wegen des Betreffenden will ich mich rühmen« (2. Korinther 12).

Was bedeuten diese merkwürdigen Aussagen des Apostels des Herrn Jesus Christus? Er erlebte offenbar eine Entrückung in andere Dimensionen, eine Überquerung eines Horizontes, der dritter Himmel und Paradies Gottes genannt wird. Dort hörte er unaussprechliche Dinge, die einem dreidimensionalen, zeitgebundenen Menschen nicht zustehen und die ein Mensch nicht aussprechen darf. …

Aus dem Alten Testament finden wir häufig ähnliche Geschehnisse. Elisa war mit seinem Diener in Dothan eingeschlossen. Die Syrier suchten ihn, weil er durch Telepathie (Hellsehen) die Militärgeheimnisse des Königs von Syrien herausfand. Elisa sagte nämlich dem König von Israel alle Militärgeheimnisse der Syrier weiter, so dass die Syrier Elisa um der Sicherheit des Staates willen verhaften wollten. Der Diener Elisas geht am Morgen aus dem Haus und sieht die Stadt von Syriern umzingelt, die seinen Meister verhaften wollen. Er geht sofort zu seinem Herrn Elisa herein und sagt: »Wehe, Herr, was wollen wir nun machen?« Elisa gibt keine langen Erklärungen ab, sondern betet zu seinem Gott, er möge dem Diener die Augen einfach öffnen, damit der Diener die wahre Sachlage sieht und deshalb keine Angst hat. Da öffnete Gott Elisas Diener den Ereignishorizont zwischen unserer und der himmlischen Realität, so dass die Augen des Dieners den Berg voll feuriger Rosse und Wagen sahen, die viel zahlreicher waren als die Wagen und Rosse der Syrier. Die Augen des Dieners konnten auf einmal diesen Ereignishorizont durchdringen und nahmen die jenseitige Wirklichkeit wahr. Ebenso schloss Gott die Augen der syrischen Soldaten, dass sie ihre eigene Wirklichkeit nur halb verstanden. So gerieten sie in Gefangenschaft (2. Könige 6).

Man könnte diese Fähigkeiten Elisas und seines Dieners Hellsehen nennen. Die Geschichte lehrt uns, eine solche Fähigkeit nicht einfach abzutun. Man muss sie ernst nehmen, auch wenn sie für gute Zwecke (wie bei Elisa) oder für böse Zwecke (wie bei der Hexe von Endor, 1. Samuel 28) benutzt werden kann.

Wie soll man diese Fähigkeit des Menschen, unter gewissen Umständen den Ereignishorizont zwischen verschiedenen Realitäten zu durchdringen, bewerten? Ich glaube persönlich, dass die meisten Menschen eine ähnliche Fähigkeit besitzen, dass sie aber nicht entwickelt ist. Des Menschen Körper ist offenbar zeitlich, dreidimensional und wird verwesen. Die Bibel lehrt, dass die menschliche Psyche ewig ist und nicht vergeht. So ist also der menschliche Leib dreidimensional-zeitlich gebunden. Weil aber die Psyche (oder Seele) ewig ist, muss sie Zeit und ihre Dimension transzendieren. Das heißt, sie muss eigentlich einer oberen Dimension, einer ewigen, zeitlosen Dimension angehören. Wir schließen also, dass der Mensch eine Hybride ist. Er ist hybrid zwischen Raum-Zeit und Ewigkeit. Die Bibel lehrt das gleiche: »Alles hat er gar schön gemacht zu seiner Zeit: auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt« (Prediger 3, 11).

3. Der Mensch, eine Hybride zwischen Zeit-Raum und Überdimensionen
Die Bibel gibt uns im ersten Buch Mose und an anderen Stellen eine historische und eine sinnbildliche Beschreibung des Vorganges der Schöpfung in der Form einer Offenbarung. Die Synthese des menschlichen Körpers aus den Elementen der Erde wird beschrieben. Der Geist des Schöpfers fuhr dann in diesen materiellen Leib hinein, und aus der Verbindung des Geistes Gottes mit der Materie der Erde ging eine Seele oder Psyche hervor. Nun, der Körper ist dreidimensional und zeitlich, wogegen Psyche und Geist dieser diesseitigen Dimension (Raum-Zeit) nicht angehören, so dass sie ewig sind.

Nach dieser Erkenntnis muss also der Mensch ein Wesen sein, das durch seine Dreiteiligkeit (Leib, Seele und Geist) einen Ereignishorizont zwischen den Dimensionen Raum-Zeit und Ewigkeit überbrückt. Der Mensch ist also als Wanderer zwischen zwei Welten. Sein Körper ist definitiv diesseitig-zeitgebunden, seine Psyche und sein Geist genau so definitiv nicht zeitgebunden – jenseitig, ewig.

Diese Sachlage wird im ersten Buch Mose genau beschrieben. Denn Adam wandelte am Anfang im Garten, benannte die Tiere und baute den Garten. Der Garten Eden war sein Garten, seine Dimension. Hier war er zu Hause in den drei Dimensionen des Gartens – mit den Tieren und den Pflanzen. Adam war dreidimensional und zeitgebunden, ein Mensch, wie wir Menschen kennen. Aber genau so wie er im Garten Eden zu Hause war, war er auch zu Hause in den Dimensionen des ewigen, transzendenten Gottes. Adam wandelte mit Gott selbst in Gottes übernatürlichem Paradies. Er wandelte mit Gott wie mit einem Freunde. Die Überdimensionen des Paradieses Gottes waren ihm genau so vertraut wie die Dimensionen des irdischen Gartens. Adam war eine Hybride zwischen Raum-Zeit und der Ewigkeit und den ewigen Dimensionen Gottes.

Die Bibel berichtet uns aber, dass dieser Zustand durch den Sündenfall unterbrochen wurde. Adam kehrte dem Ewigen, Gütigen, Guten den Rücken. Somit kehrte er gleichzeitig den Eigenschaften und Tugenden Gottes – Liebe, Wahrheit, Sanftmut, Gerechtigkeit – den Rücken. Man kann Gott den Rücken nicht kehren, ohne zur gleichen Zeit den göttlichen Tugenden und Eigenschaften den Rücken zu kehren. So fing Adam an, seine göttlichen, guten Eigenschaften zu verlieren.. Adam wurde aus dem Reich des irdischen und des göttlichen Paradieses ausgeschlossen. Der Sündenfall fand statt.

Seit der Zeit geschah vieles in Adam. Er war für die zwei Welten (Realitäten) gebaut worden. Gott hatte ihm nicht nur Zeit ins Herz gegeben, sondern auch die Ewigkeit. Die Folge war, dass Adam, nachdem er seine ewige Realität verloren hatte, sich nach seiner Bestimmung als Hybride zurücksehnte. Er konnte aber das Paradies nicht mehr erfahren. Die Sünde gegen den Paradiesischen, Gütigen, Gerechten schlossen ihn aus diesem Reich aus. Vor dem Fall konnte Adam den Ereignishorizont zwischen dieser dreidimensionalen Welt und der jenseitigen Überdimension Gottes leicht in beiden Richtungen passieren. Jetzt aber war dies nicht mehr der Fall. Das hauende Schwert des Gerichtsengels blockierte ihm den Weg ins verlorene Paradies. Adams Paradies war nicht mehr erreichbar.

Die Geschichte des heutigen Menschen stellt den Versuch dar, sein verlorenes Paradies zurück zugewinnen. Er versucht das durch Sublimierung zu erreichen. Er versucht (teilweise mit Recht) das paradiesische Reich auf Erden (ohne Gott) aufzurichten. Daher all die Weltverbesserer. Teilweise ist die Bestrebung gut, denn wir sollen die Erde so weit wie möglich zu einem Paradies machen und nicht zu einem einzigen Kriegsschauplatz und Konzentrationslager, wie das bisher so oft der Fall war. Der Versuch schlägt aber fehl. Denn der Mensch versucht seine Erde zu einem Paradies zu machen, ohne aber vorerst das verloren gegangene Paradies in seinem eigenen Wesen als Muster zurück gewonnen zu haben. Denn alle Paradiese haben ähnliche Regeln. Dort herrscht die Tugend des Schöpfers, die Adam und seine Nachfolger nicht befolgt haben. Man kann kein Paradies auf Erden schaffen, bevor man nicht die Regeln eines Paradieses schlechthin gelernt hat. Diese Regeln haben wir Menschen offenbar nicht wieder gelernt, seit Adam sie verlernte. Deshalb bleibt der Ereignishorizont zwischen Paradies und Erde weiterhin fest und verschlossen. Politik allein kann kein Paradies auf Erden schaffen. Der Kommunismus kann es auch nicht, solange er die Menschen selber nicht paradiesischer gesonnen macht, so dass sie die Gesetze des Paradieses, der Liebe und der Gerechtigkeit mehr lieben als die Gesetze der Hölle – Hass, Mord und Totschlag.

Dies bringt uns zu einem zweiten, großen Problem: wie kommt es, dass viele Menschen, die unbedingt Gutes wollen, dabei schlecht werden? Die heutigen Kommunisten und Materialisten wollen sicher ein Paradies auf Erden (ohne Gottes Gesetze für ein Paradies natürlich) aufrichten. Dabei verwandeln sie die Welt in ein Blutbad – in eine Hölle. Selbst die Reformatoren, die ganz bestimmt Gutes wollten, haben sich gelegentlich zu grausigen Tyrannen ihren Feinden gegenüber entwickelt. Wie kommt das?

4. Wie der Mensch zum Teufel wird
Durch die Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften haben wir große Macht in die Hände bekommen. Es ist aber fraglich, ob wir zur gleichen Zeit Fortschritte in den zwischenmenschlichen Beziehungen erzielt haben. Je grausamer unsere technischen Waffen geworden sind, desto grausamer sind wir Menschen geworden, indem wir von diesen technischen Waffen Gebrauch machen. Wie erklärt man diese beobachtete Stagnation oder Regression menschlicher Moral trotz der Evolution der Technik?

Biologisch gesehen ist der Mensch ein Tier – ein hochentwickeltes Säugetier. Er besitzt einen materiellen Körper. Die Materialisten gehen davon aus, dass dieser materielle Körper den ganzen Menschen ausmacht, dass er nur aus Körper besteht. Der Materialist ist nicht bereit zuzugeben, dass der Mensch auch aus nichtmateriellen Elementen neben seinem materiellen Körper bestehen könnte.

Alle sind sich darüber einig, dass wir eine Ratio besitzen, die höher entwickelt ist als die Ratio anderer Tiere. Mit dieser Ratio vernehmen wir Phänomene, die wir allein auf der Basis von Raum-Zeit nicht deuten können. Es gibt eine Evidenz anderer, höherer Dimensionen, die unserer Dimension nicht angehören, die wir auf der alleinigen Basis unserer Raum-Zeit-Dimension nicht erklären können.

Evidenz dafür ist die Sehnsucht des Menschen nach einem Paradies. Er hat sozusagen einen Hang zum Paradies. Auch wenn er nicht mehr an ein Paradies Gottes glaubt, glaubt er doch, dass er ein Paradies auf Erden bauen soll – und kann. Diese Tatsache ist natürlich eine wichtige Triebfeder des Kommunismus. Darüber hinaus glauben viele junge Männer – und auch junge Mädchen -, dass, wenn sie nur »sie« oder »ihn« heiraten könnten, dann gäbe es den Himmel auf Erden, dann wäre das Glück für sie gesichert. Doch sehen sie auf allen Seiten, dass diese Sehnsucht in der Mehrzahl der Fälle nicht in Erfüllung geht. Die Sehnsucht nach einem Paradies mit seiner Eva oder ihrem Adam ist schon vorhanden, geht aber meist nicht in Erfüllung. Der Mensch scheint für Glück, Paradies gebaut zu sein, doch findet er es nicht heraus, wie man diesen »Appetit nach Paradies« sättigt. Wir verspüren Hunger, Appetit nach Essen und Trinken sowie nach Geschlecht; wir können diese Art Appetit auch sättigen. Aber was soll man mit diesem anderen »Hunger« nach dem »Paradies«, nach völligem Glück, anfangen? Man sucht diesen Appetit mit Sex, Wohlleben, Kunst und Musik zu stillen. Alle diese letztgenannten Appetite können in sich gestillt werden, können aber nicht den Hunger nach dem Paradies befriedigen. Einige Menschen versuchen diese Art Appetit mit Macht – politischer Macht, naturwissenschaftlicher Macht, Macht des Geldes, Macht des Einflusses auf andere Menschen – zu stillen. Doch kommen sie alle unbefriedigt zurück. Denn dieser »Urappetit«, dieses Ursehnen, verlangt nach einem bleibenden ewigen Paradies oder Glück und wird durch zeitliches Glück nur teilweise gestillt.

In dieser Sehnsucht liegt eine Spur des »Urmenschen«. Nach dem Schöpfungsbericht wurden wir für zwei Realitäten gebaut. Erstens sollten wir Menschen sein, die einen schönen Garten pflegen und genießen. Dies tun wir als »Tiere« – mit unserem Leib und mit unserem Schönheitssinn. Adam pflegte den Garten. Er liebt auch seine Frau. Dabei fand er ganz sicher einen Teil seiner Bestimmung – aber nur einen Teil. Aller Hunger des Menschen und des Tieres wird irgendwo gesättigt. Wie kommt es also, dass dieses Ursehnen nach Glück, keine echte Befriedigung in der Raum-Zeit-Realität findet? Weil der Mensch einen zusätzlichen Hunger nach ewigen Realitäten besitzt, den die Dimension von Raum-Zeit nie befriedigen kann. So muss der Materialismus die Menschen frustrieren, denn er kann dieses Ursehnen nach dem Ewigen nie befriedigen. Und zur Befriedigung gerade dieses Urappetites wurden wir offenbar erschaffen – denn aller Hunger hat irgendwo seine Sättigung.

Dieser Urappetit ist also eine Spur, eine Evidenz einer anderen Realität, die unsere Ratio wahrnehmen und verarbeiten muss. Der Materialismus berücksichtigt diese Tatsache nicht, so dass der Mensch unzufrieden wird, was ihn zu Gewalttaten und zu anderen Symptomen der Frustration verleitet. Der Materialismus muss uns Menschen also zur Frustration verdammen, welche ein Meilenstein auf dem Weg zur Teufelei unter Menschen werden kann.

Wir können aber weitergehen. Ich glaube nicht, dass Tiere dieses Ursehnen nach dem Paradies besitzen, so wie wir Menschen es besitzen. Viele Zoologen meinen, dass, so lange Tiere ihre körperlichen und gesellschaftlichen Bedürfnisse erfüllen, sie sozusagen ständig im Paradies leben. Tiere kennen die »ewige Frustration«, die wir Menschen so gut kennen, nicht. Hier haben wir wiederum eine Ewigkeitsbestimmung des Menschen gegenüber den höheren Tieren. Wir haben zwei Bestimmungen, eine natürliche, körperliche Bestimmung – wie die Tiere – und eine ewige, transdimensionale Bestimmung, die, wenn wir es so wollen, wie die der Engel ist.

Der Mensch besteht nach der Bibel aus drei Bestandteilen,aus seinem Körper, aus seiner Psyche und aus seinem Geist. Jeder dieser Teile besitzt seinen eigenen Appetit, obwohl es sehr schwer ist, Geist und Psyche auseinander zu halten. Der Körper braucht Essen und Trinken, braucht also auch Hunger und Durst, die dafür sorgen, dass der Körper ernährt wird. Die Psyche und der Geist haben auch ihren Appetit- Sinn für Schönheit und Kunst, auch Sinn für das Göttliche. Persönlich glaube ich, dass Tiere diesen Hunger auch kennen, wenn auch nicht bewußt wie wir Menschen. Man schaue ein Amselnest an! Wie schön wird alles zurechtgemacht! Der Vogel ruht nicht, bis alles nach seinem Schönheitssinn vollkommen ist – auch wenn der Vogel sich dieses Sinnes nicht so bewußt ist wie der Mensch. Der Geist ist natürlich der Bestandteil des Menschen, durch welchen er Gemeinschaft mit seinem transzendenten Schöpfer pflegt. Nach dem Sündenfall Adams starben alle Menschen geistlich. Denn sie kehrten Gott und dem Paradies den Rücken, so dass die transzendente Gemeinschaft nicht mehr bestand.

Obwohl nun der Mensch geistlich tot ist, wurde er als eine Dreieinigkeit von Geist, Psyche und Leib erschaffen. Doch flieht er den Umgang mit seinem Schöpfer, die Sünde schneidet ihm eine transzendente Gemeinschaft ab. Aber der Appetit nach dieser paradiesischen Gemeinschaft schlummert immer noch in uns. Uns ist es oft gar nicht bewußt, dass diese Nostalgie, diese Sehnsucht nach dem Paradies, eine Folge des Getrenntseins des menschlichen Geistes von Gott ist. Weil nun der Materialist zwei der menschlichen Bestandteile nicht anerkennen und deshalb für die Befriedigung aller Teile nicht sorgen kann – er bekämpft sogar aktiv jegliche Art von geistlicher Betätigung, d. h. jede Religion -, muss er diese Sehnsucht nach dem Ewigen sublimieren. Der körperliche und psychische Hunger wird gesättigt in der Hoffnung, dass der geistliche Appetit mitgesättigt wird. Aber so wird der Mensch immer frustrierter. Er sucht eine bessere Welt, ohne zu erkennen, dass er in Wirklichkeit erfüllte Menschen sucht. Er hat die Erkenntnis verloren, dass kein System besser sein kann als die Menschen, die das System verwalten. Was wir brauchen, sind keine neuen Ideologien und keine neuen politischen Systeme. Wir brauchen neue Menschen, die nach Leib, Seele und Geist erfüllte Menschen sind. Denn solche Menschen können selbst mangelhafte politische Systeme besser verwalten als frustrierte Menschen.

Wenn der Mensch nur seinen Leib berücksichtigt, verliert er seine Bestimmung. Die menschliche Spezies besteht aus Leib, Seele und Geist. Der Materialist behandelt ihn, als ob er nur Leib wäre. Somit verliert der Mensch seine Spezies, er wird zu einem Untermenschen, zum Tier, oder, wenn die Frustration durch den Materialismus überhand nimmt, auch zu einer Bestie. Die Hybridennatur, das Hybridenwesen des Menschen wird geleugnet, so dass er tatsächlich sein menschliches dreifältiges Wesen verliert. Er ist nicht mehr dreieiniger homo sapiens, sondern tatsächlich tierähnlicher homo stultus geworden.

Wenn materialistisch gesinnte Menschen an die Macht kommen, findet man aus diesem Grund eine fast monotone Entwicklung zur Brutalisierung. Wie kann man sonst die Terroristen heutiger und vergangener Zeitalter erklären? Wie soll man einen Bertolt Brecht erklären? Sie nehmen dem Menschen seinen überdimensionalen Charakter und lassen ihm nur den diesseitigen, vorübergehenden, materiellen Wert. Sie entwerten den Menschen, nehmen ihm seine wahre »dreifältige« Spezies. So entsteht der Wegwerfmensch. Menschen allen Alters, jung, alt, Mann, Weib und Kind werden so mißbraucht. Als Saigon in die Hände der Kommunisten fiel, zogen Buben und Mädchen von 13 und 14 Jahren bewaffnet in die Stadt ein. Selbst die regulären Soldaten aus Nordvietnam waren Teenager. Menschen, die auf diese Art in ihrer Jugend zur materiellen Macht erzogen wurden, werden schwerlich das kommunistische Paradies später auf Erden aufzubauen wissen.

Die brutalisierende Wirkung materialistischer Ansichten läuft wie eine roter Faden durch die ganze Entwicklung des dialektischen Materialismus. Stalin und Lenin waren Gewaltmenschen. Stalin selbst, so berichtet uns die Geschichte, warf beim Banküberfall zu Tiflis persönlich die Bomben unter die Kutsche vor der Bank. Dass unschuldige Frauen und Kinder dabei zu Schaden kamen, spielte keine Rolle für ihn. Bertolt Brecht (in »Die Maßnahme«) bezeichnet Mitleid als die schwerste Sünde eines Revolutionärs. Stalin brauchte das Geld für seine revolutionären Zwecke. Die Geschichte von Lenin und Trotzki zeigt die gleiche brutalisierende Wirkung, bis Trotzki im eigenen Haus in Mexiko buchstäblich von hinten niedergemetzelt wurde.

Wenn man Bertolt Brechts Baal, »Der böse Baal der asoziale« liest, stellt man die gleiche Brutalisierung, ja Vertierung des Menschen fest. Im heutigen China findet man ähnliche brutalisierende Einflüsse. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass insoweit der Westen materialistisch und rot geworden ist, ähnliche Züge vorhanden sind. Wie sonst kann man die Taten einer Baader-Meinhof-Bande erklären? Sie sind ohne Mitleid, erbarmungslos, vertiert. Ist es uns je aufgefallen, dass das ganze Phänomen der Terrors mit wenigen Ausnahmen vom Materialismus dieser Art begleitet wird? Der Mensch ist um seine menschliche, humane, »dreifältige« Spezies betrogen worden. Denn der Materialismus bietet uns eine total ungenügende Doktrin des Menschen. Sein göttliches Wesen, seine über-dimensionale Beschaffenheit (auch wenn gefallen) wird mit dem Spruch geleugnet, dass die Materie und unsere materielle Dimension die ganze Wirklichkeit darstellen. So vernichtet man die Menschen genau so sicher wie durch Wasserstoffbomben und biologische Kriegsführung.

5. Speziesverlust permanent oder nicht?
Wenn Menschen erzogen worden sind zu glauben, dass sie nur aus Fleisch und Blut bestehen und demnach brutalisiert werden, besteht für sie die Hoffnung auf Rückgewinnung der Dreifaltigkeit der Spezies? Offenbar ja, denn überzeugte Materialisten sind häufig Christen geworden. Die Menschen, die ihren Materialismus verlassen und Christen werden, stammen nicht immer aus den armen Schichten des Volkes. Schriftsteller wie Alexander Solschenizyn und Wladimir Maximov zählen sich zu solchen Menschen. Die Brutalisierung, die einen Stalin zu Stalin machte, brachte Solschenizyn zu seiner christlichen Erkenntnis. Bei diesen Schriftstellern findet man also, dass der Speziesverlust reversibel sein kann.

Auf der anderen Seite gibt es unbedingt einen »Point of no return« in dieser Entwicklung. Die Bibel lehrt, und die Praxis beweist es, dass es ein Zuweitgehen in der materialistischen Entwicklung geben kann, so dass man alle moralischen Orientierungsmerkmale aus dem Auge verliert. Die Pharisäer zur Zeit Jesu erlebten diesen ernsten Vorgang. Sie schoben die Werke Christi dem Teufel in die Schuhe. So verloren sie alle moralischen Orientierungspunkte, indem sie die guten Werke Christi dem Beelzebub zuschrieben, was eine Sünde wider den Geist Gottes war. Für diese Sünde gibt es weder in dieser Zeit noch in der zukünftigen Welt Vergebung. Der Speziesverlust ist komplett und irreversibel.

Der Speziesverlust beim Menschen findet statt, wenn der Ereignishorizont zwischen ihm und dem Paradies Gottes, für das er erschaffen wurde, endgültig geschlossen wird. Dieser Horizont ging zuerst zu, als Adam Gott den Rücken im Garten kehrte. Er ging aber auf, als der Herr Jesus die Sünde der ganzen Welt durch sein Blut wegnahm. Jesus Christus öffnet den Ereignishorizont, indem er uns das Paradies kraft seines Blutes aufmacht. Alle Menschen, die sich zu ihm umkehren, erleben die Tatsache eines geöffneten Paradieses. So wird man Christ, so erfährt man die Wiedergeburt. So erlebt man auch die Wiedergewinnung unserer wahren menschlichen Spezies. Einen anderen Weg gibt es nicht.   . . .

Kapitel 5  Alte und neue Epistemologie des Menschen

Das griechische Wort »episteme« bedeutet »Wissenschaft«, und »logos« bringt die Idee von »Rede«, »Kunst«, »Wort« oder »Rat« zum Ausdruck. Obwohl die Epistemologie des Menschen schon immer ein Gebiet reger Forschung und auch Spekulation gewesen ist, gelangt man heute anhand der modernen Technik zu ganz neuen Schlüssen, besonders hinsichtlich der Struktur des menschlichen Körpers. Der Mechanismus der Physiologie des Lebens ist viel besser erforscht worden als das Wesen und der Mechanismus der Psyche. Vielleicht soll man das präziser ausdrücken: Die Mechanismen, die die Umwelt mit der Psyche verbinden, d. h. die Wahrnehmung der Psyche über Nerven und Organe, werden rege und teilweise mit Erfolg erforscht. Das Wesen des Ichs, die Natur der Psyche selbst samt ihrer Struktur, ist aber eine ganz andere Frage. Die Kommunikationslinien der Psyche mit der Umwelt werden erforscht.

Die Erforschung der Psyche selbst ist viel schwieriger. Man ist bis zu einer Grenze gelangt. Selbst die hervorragendsten Wissenschaftler, darunter Molekularbiologen, sind zu der Erkenntnis gekommen, dass man körperliche Mechanismen sehr weit verfolgen kann. Dann begegnet man aber einer unüberbrückbaren Barriere, hinter der die »Seele«, der »inwendige Mensch, der alles wahrnimmt, in dem der Sitz des Bewußtseins gesucht werden muss«, sich zu verstecken scheint. Die Psyche selbst scheint unseren bisherigen wissenschaftlichen Methoden nicht zugänglich zu sein. lylan kommt langsam zum Schluß, dass das Wesen, das wir Mensch nennen, einen transzendenten Faktor, eine Psyche, in sich schließt, die unserer Zeit-Raum-Methodik nicht offen ist.

1. Das Grundwesen der Psyche
Diese neueren Ansichten über das Grundwesen der Psyche des Menschen liegen denen nahe, die wir im Vorhergehenden erwähnt haben. Wenn man vom aus Leib, Seele und Geist bestehenden Menschen spricht, ist man heute nicht mehr so überholt. Denn die alten Erkenntnisse bestätigen sich immer mehr, besonders in gewissen molekularbiologischen Kreisen. Die Arbeit von Gunther S. Stent, Professor für Molekularbiologie, University of California, Berkeley, California, USA, zeigt sehr deutlich den modernen Trend zur alten Epistemologie des Menschen.

Professor Stent schrieb vor kurzem einen Artikel für »Science«, der den Titel »Limits to the scientific Understanding of Man« trug (»Grenzen des wissenschaftlichen Verständnisses des Menschen«).

Stent zeigt, dass der alte Positivismus und Materialismus eines David Hume für das Verständnis des Menschen unzureichend ist. Welche informierte Person kann heutzutage zum Beispiel glauben, dass alle menschliche Erkenntnis und alles Wissen ein Ergebnis kumulativer Erfahrung oder Wahrnehmung durch die fünf Sinne darstellt? Doch genau dies lehrt Hume. Schon Rene Descartes, im Rationalismus des siebzehnten Jahrhunderts, wusste, dass der Mensch ein angeborenes Wissen neben seinen nichtkonditionierten Reflexen besitzt. Dieses Wissen und diese Reflexreaktionen hat er nicht durch Wahrnehmung der fünf Sinne zustande gebracht. Sie sind nie erlernt worden.

jeder, der über ein wenig Lebenserfahrung verfügt, weiß, dass das neugeborene Kind ein gewisses Wissen und gewisse Erkenntnisse besitzt, mit denen es auf die Welt kommt, ohne sie je erlernt zu haben. Man betrachte das neugeborene Baby, wenn es zum erstenmal an die Brust der Mutter gelegt wird. Es hat nie eine Brust oder eine Brustwarze gesehen, weiß aber sofort und ohne einen Augenblick zu zögern (wenn es normal und gesund ist), wozu eine Brust da ist. In letzter Zeit hat man bewiesen, dass ein frisch geborenes Kind weiß, dass die Stimme seiner Mutter aus ihrem Mund kommt (so bald es einigermaßen sehen kann). Wenn man durch Stereophonie die Lokation der mütterlichen Stimme zur einen oder anderen Seite verschiebt, weint das Kind, weil es mit einem unlösbaren Problem konfrontiert wird. Solches Wissen ist angeboren und kann nicht als Ergebnis irgendwelcher Erfahrungen durch die fünf Sinne zustande gekommen sein.

Der positivistische Standpunkt war, dass man mit keinem Wissen und keiner Erkenntnis geboren wird. Alles, was man weiß, steigt durch die fünf Sinne ins Gedächtnis hinein. Die positivistischen Naturwissenschaftler meinen ferner, dass all ihre Erkenntnis und ihr Wissen mittels ihrer wissenschaftlichen Instrumente zustande kommt. Ihre Instrumente sind als eine Verlängerung der fünf Sinne aufzufassen, die Impulse aus der Umwelt ins Bewusstsein leiten. Wissen und Erkenntnis können nur durch positivistische Forschung erlangt werden. Die Wahrnehmung der fünf Sinne, verstärkt durch naturwissenschaftliche Forschung, vermittelt uns alles – das ist der positivistische Standpunkt -, was wir wissen können.

Der strukturalistische Standpunkt überflügelt den positivistischen Standpunkt, indem der Strukturalist zugibt, dass man ein inhärentes, angeborenes Wissen besitzen kann. Kant lehrte diesen Standpunkt, indem er behauptete, dass das menschliche Hirn ein Bild der Realität um ihn herum aus zwei Quellen konstruiert: zuerst nimmt er die Daten der Wahrnehmung durch seine fünf Sinne, und zweitens verarbeitet er dieselben anhand seines inhärenten Wissens. Deshalb ist es notwendig zu versuchen, die Struktur dieses inhärenten Wissens zu verstehen. Daten an der Oberfläche der fünf Sinne reagieren also mit Daten tief unten im menschlichen Wesen (d. h. mit inhärenten Daten), um ein Bild der Realität zu bilden. Diese tieferen Strukturen, mit denen die oberflächlichen Daten reagieren, kann man nie direkt beobachten. Man untersucht sie nur indirekt. Sigmund Freud war der bekannteste Pionier des Strukturalismus. Er sprach viel über die tiefere Struktur des Unbewußten, das man nie direkt beobachten kann.

Man kann natürlich die Theorien der Strukturalisten nie beweisen. Man kann höchstens behaupten, dass sie plausibel oder auch nicht plausibel sind. Trotz dieser Schwierigkeiten kann man aber festhalten, dass unser Wissen und unsere Erkenntnis teilweise vom Erbgut und teilweise aus der Erfahrung der fünf Sinne (und vielleicht auch aus außersinnlicher Wahrnehmung) stammen. Es ist wichtig, dass wir wissen, wie äußerst komplex dieses Erbgut, dieses angeborene Wissen, aussehen kann. Ein Kind fängt mit einigen Monaten an, seine Muttersprache zu erlernen. Es tut dies ganz automatisch, indem es seine Mutter und seine älteren Geschwister beobachtet und hört. Es nimmt Eindrücke und Laute durch die fünf Sinne auf. Diese Eindrücke liegen an der Oberfläche und sind leicht zu beobachten und zu erforschen.

2. Tiefenstruktur der Seele
Ein zweiter Prozeß geht aber zur gleichen Zeit wie dieser erste Prozeß vor sich. Im Kind, in seiner Tiefenstruktur, liegt die angeborene Fähigkeit (die keine Tiere besitzen, nicht einmal Affen oder Delphine), die oberflächlich gehörte und gesehene (Lippen etc.) Sprache so zu analysieren, dass sie dem Kind die hinter der Sprache liegende Universalgrammatik zu Tage bringt. Das Kind lernt anhand des Gesehenen und des Gehörten, die Struktur der Sprache zu verstehen. Tiere wie Delphine, Hunde und Affen können Worte und ihre Bedeutung zwar lernen, Grammatik, Syntax und Interpunktion der gesprochenen Sprachen lernen sie aber nicht. Syntax lernen Tiere nicht, obwohl Vokabeln und Semantik für sie erfaßbar sind. Aber ein Kind lernt mit Hilfe einer Tiefenstruktur im Gehirn die Syntax einer Sprache – es lernt, wie es Sätze und Sinn mittels einer Grammatik ausdrücken kann. So baut das Kind die Realität einer Sprache durch oberflächliches Hören und durch Tiefenstruktur seines Gehirnes, die bislang der Forschung nicht zugänglich war, auf. Noam Chomsky ist ein Pionier auf diesem Forschungsgebiet. Anhand dieser angeborenen Tiefenstruktur wird das Kind rasch imstande sein, die Syntax, Semantik und allgemeine Grammatik seiner Muttersprache so gut zu begreifen und zu meistern, dass es neue schöpferische Sätze und Konzepte mit Hilfe dieser Sprache ausdrücken kann.

Die oberflächliche Quelle der Sprache, die dem Kind durch die fünf Sinne ins Gehirn fließt, ist reich an Information. Wir können sie auch leicht erforschen. Was man zu oft vergisst, ist, dass die Tiefenstruktur, die auf die oberflächliche Information reagiert, auch eine reiche Informationsquelle sein muss. Denn sie ist programmiert, die Syntax und Grammatik jeglicher Sprache so zu analysieren, dass die Universalgrammatik der Tiefenstruktur des Kindergehirnes aufgeht.

Man hat seit Jahren vergeblich versucht, einen Computer so zu programmieren, d. h. mit Information zu besetzen, dass er imstande ist, eine Sprache zu analysieren. So würde man den Weg für automatische Übersetzungen bahnen. Die Programmierung eines Computers, der die russische Sprache in die englische transponiert, ist noch lange nicht geglückt. Man braucht zu viel Information, die Programmierung ist zu kompliziert. Doch tut gerade das und noch mehr die Tiefenstruktur im Gehirn eines Kindes, wenn das Kind seine Muttersprache erlernt. Sie verrichtet diese Arbeit automatisch und ohne viel Mühe im Bewusstsein zu verursachen. Noch erstaunlicher: wenn das Kind die Pubertät erreicht, baut es diese programmierte, automatische sprachenanalytische Tiefenstruktur wieder ab. Denn nach der Pubertät kann das Kind eine neue Sprache nie wieder so leicht und so vollkommen automatisch erlernen.

Wie können die Positivisten diese Tiefenstruktur des Menschen erklären? Sie ist »einfach« angeboren. Wie Gunther Stent zeigt, sitzt sie so tief im Menschen, dass man sie direkt weder examinieren noch erforschen kann. Freud hat eine ähnliche Tiefenstruktur mit seinem Postulat des Unterbewußtseins vorgeschlagen. Seit Freud arbeitet man natürlich mit dem Begriff Unterbewußtsein. Aber mit dem Unterbewußtsein an sich kann man keine Versuche anstellen, wie man sie etwa mit der DNS durchführt. Die physikalische Beschaffenheit des Unterbewußtseins kann man nicht erforschen – auch wenn man das Unterbewußtsein durch psychiatrische Behandlung zur Katharsis bringen kann. Seine Struktur kann man nicht untersuchen, obwohl man seine Existenz postulieren darf. Als Tiefenstruktur sitzt es derart im Menschen, dass es praktisch allen menschlichen Zugriffen (für immer?) entzogen ist. Physikalisch kann man es nicht fassen. Andere Strukturen – wie die von gewissen Nervenkonzentrationen – kann man fassen, nicht aber das Unterbewußtsein an sich. Das gleiche gilt natürlich für das Ich, das Selbst, das Bewusstsein.

3. Wahrnehmung
Gunther Stent behandelt das. Problem unserer visuellen Fähigkeit anhand der alten Arbeiten von Rene Descartes. Der Weg der Sehimpulse von den hundert Millionen Stäbchen und Zäpfchen bis hin zu den verschiedenen Gangliensystemen und Sehzentren wird eingehend und erfolgreich erforscht. Wir wissen, dass das Auge wie eine Fernsehkamera funktioniert. Die elektronischen Impulse werden abstrahiert und auf gewisse kortikale Zellen konzentriert, wobei eine jegliche Zelle auf bestimmte Aspekte der Signale eingestellt ist. Stent selbst glaubt, dass die visuelle (und die übrige) Fähigkeit des Gehirnes holistisch, d. h. als Ganzheit zu verstehen ist. Die Ganzheit des Gehirnes sieht. Für die visuelle Tätigkeit allein ist kein besonderes Sehzentrum verantwortlich. Es gibt offenbar eine große Redundanz in den verschiedenen Gehirnzentren.

Stent kommt zum Schluß, dass alle Wahrnehmungen wie Sehen, Hören, Schmecken, Riechen etc. bis zu einem bestimmten Grad erforscht werden können. Man kann die Impulse über bestimmte Wege, Zellen und Zentren verfolgen. Man kann sie aber nie bis zur tatsächlichen Wahrnehmung, wo sie ins Bewusstsein übergehen, verfolgen. Stent drückt sich schön aus, wenn er behauptet, dass man bei der Erforschung der Wahrnehmungswege immer zu einer unpassierbaren Barriere im Menschen gelangt. Diese Barriere steht immer direkt vor der letzten Wahrnehmung eines Impulses im Bewusstsein selbst. Man kann die Kreise in einem Fernsehgerät bis zum Bildschirm verfolgen. Aber der Bildschirm wird des Bildes, das darauf erscheint, nicht gewahr. Die tatsächliche Wahrnehmung findet nur tief im Menschen selber statt, nicht im Bildschirm des Fernsehgerätes. So ist das Gehirn mit all seinen Kreisen wie ein Fernsehgerät. Alles kann man wunderbar verfolgen – und zwar bis zur Projizierung des Bildes auf den »Schirm«. Was aber das fertige, übersetzte Bild im Psychoraum des Menschen oder auch des Tieres wahrnimmt, davon haben wir absolut keine Ahnung. Die Elektronik der Projizierung eines Bildes im Gehirn wie auch im Fernsehgerät kennen wir. Den Mechanismus aber der Wahrnehmung selbst, wie das elektronische Bild, das die fünf Sinne aufgenommen, dechiffriert, weitergeleitet, vergegenwärtigt und bewußt gemacht haben, diesen Mechanismus der inneren Wahrnehmung – wie das Ich, das Ego des Bildes gewahr wird – verstehen wir nicht im geringsten. Die holistische Theorie behauptet, dass das ganze Gehirn wahrnimmt, was sicher richtig ist. Wie aber das Selbst in der Ganzheit des Bildes der umliegenden Realität gewahr wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Denn diese Ganzheit kann man mit unserer jetzigen Forschungsmethodik nicht in den Griff bekommen.

Stent kommt deshalb zum Schluß, dass wir beim Sehen und beim Wahrnehmen schlechthin (Erkennen von Sprachen, Schmecken mit der Zunge und dem Gaumen, Wahrnehmung von Mustern, Riechen von Düften etc. immer zweierlei berücksichtigen müssen:

1. die elektronische Seite der Wahrnehmung, die prinzipiell so aussieht wie die Kreise eines Fernsehgerätes. Physikalische Forschungsmethoden können Probleme auf dieser Ebene lösen.

2. Die Wahrnehmung selbst, seitens des Ichs, so dass das Bild der Realität, das mir meine fünf Sinne vermittelt hat, in meine Persönlichkeit, in mein Ich, in mein Bewusstsein, aufgenommen und dort verkraftet wird. Meine fünf Sinne, d. h. die sich meiner Elektronik bedienen, können eine Sprache hören. Mein zentrales Ich erkennt aber, was die Sinne wahrnehmen.

Die zentrale Stelle des Erkennens liegt hinter einem Ereignishorizont, hinter einer Barriere, die jenseits mittels einer unserer Methodik unpassierbaren Grenze liegt. Die Seele, das Ich, die Psyche, die Persönlichkeit, bedient sich unserer Elektronik, liegt selbst aber jenseits der Elektronik. Die Psyche ist, verglichen mit Elektronik, transzendent. Dieser inwendige Mensch, dieses Ich, bedient sich der elektronischen Impulse, um zu einem Konzept zu gelangen. Dieser inwendige Mensch – ob er holistisch ist oder nicht, spielt für unsere Zwecke hier keine Rolle – nimmt alle Signale der Außenwelt auf und bildet sich daraus eine Konzeption, die selbst jenseits eines Ereignishorizontes liegt.

Es scheint auch ferner der Fall zu sein, dass der inwendige Mensch Signale der außersinnlichen Wahrnehmung – Psi-Phänomene – aufnehmen und sie zu einem Konzept bilden kann. Wenn Hellsehen eine Tatsache ist (wer würde das heute ernsthaft bezweifeln? Selbst die Propheten haben mit dieser Gabe die Zukunft gesehen und sie zu einem Konzept gebildet. Sicher wird diese Fähigkeit von den Okkultisten auch benutzt), gilt die gleiche Aussage.

4. Funktion des Gehirns
Also, die Funktion des Gehirnes sehe ich so: es empfängt, konzentriert, abstrahiert und verstärkt vielleicht die elektronischen Impulse der fünf Sinne und der außersinnlichen Wahrnehmungen. Dann leitet es die dechiffrierte Quintessenz dieser Impulse dem Ich zu, das an sich dem physischen Gehirn gegenüber transzendent ist. Das Ich, der inwendige, transzendente Mensch selbst liest die Signale ab und nimmt sie in sich selbst auf. Das Gehirn funktioniert sicher holistisch, seine Ganzheit verrichtet obige Arbeit, denn die Wahrnehmung selbst ist transzendent. Dies bringt mit sich, dass das ganze Gehirn bei Wahrnehmungen tätig sein muss.

Wenn das Ich transzendent ist, kann es natürlich nicht in irgendeinem Zentrum lokalisiert sein. Das Ich, wenn es transzendent ist, muss holistisch das ganze Gehirn durchdringen, transzendieren. Offenbar ist es, dass mein Auge an sich das Bild auf seiner Netzhaut nicht wahrnimmt. Offenbar ist es auch, dass mein Ohr die Melodie, die durch das Ohr empfangen wird, nicht wahrnimmt. Meine Zunge nimmt den Geschmack, der auf ihr liegt, nicht wahr. Das ganze Gehirnsystem nimmt die Melodie, das Bild und den Geschmacke holistisch wahr. All dies würde natürlich mit einem transzendenten Ich übereinstimmen, das die eigentliche Wahrnehmung »im Bewusstsein« praktiziert. Descartes hat ähnliches gelehrt.

5. Perzept

Stent nennt dieses Bewusstsein ein »Perzept« der Signale, um diesen Vorgang von Wahrnehmung im üblichen Sinne des Wortes, d. h. im Sinne des Fernsehgerätes, wo nur Elektronik in Frage kommt, zu unterscheiden. So hört das Ohr mit Hilfe der Elektronik die Laute einer Sprache, analysiert sie und leitet sie wahrheitsgetreu weiter. Das Ich, der inwendige Mensch, das Selbst, formt aus solchen Impulsen ein Perzept. Der Gaumen tut gleicherweise. Er nimmt die Signale auf, verstärkt und abstrahiert sie, aber das Ich formt aus ihnen ein Perzept. Auf diese Weise nehme ich einen Geschmack wahr. Aus den Impulsen, die meine Nase weiterleitet, nehme ich ein olfaktorisches Perzept wahr. Mein Ich liest vom »Schirm« im holistischen Sinn im Gehirn eine Realität im Psychoraum ab. Mein ganzer Innenmensch besitzt dann das Bewusstsein dieser Realität. Wenn Psi-Phänomene einmal ins Gehirn eingedrungen sind, werden ihre Signale auf ähnliche Weise behandelt. Alle Signale werden dann in bearbeiteter Form auf einen »Bildschirm« (wahrscheinlich in holistischer Form im ganzen Gehirn) »projiziert«. Von dort aus werden sie vom Ich »perzipiert«.

Ein Punkt bleibt für alle Naturwissenschaftler schwierig: Wie soll man diesen Innenmenschen definieren, der ein Schlüsselstein von Freuds analytischer Psychologie war? Eigentlich kann man keine wissenschaftlich saubere Definition dieser Entität formulieren, obwohl eine solche Entität für jeden Menschen existieren muss. Denn jeder Mensch stellt ein persönliches Ich dar, das an das Kantsche transzendente Ich erinnert. Stent meint hierzu, dass genauso, wie wir die Begriffe »Raum«, »Zeit« und »Kausalität« der Realität unserer Natur zuschreiben, so müssen wir den Begriff eines transzendenten Ichs dem Wesen des Menschen zuschreiben. Aber das Ich-Konzept eines Menschen gehört seiner »Tiefenstruktur« an und kann nicht mit Hilfe unserer drei Dimensionen allein erforscht werden.

Aus obigen Gründen ist es also notwendig, zum alten Bild des Menschen zurückzukehren. Der Mensch wurde früher als eine Art russische Puppe angesehen, die aus einem auswendigen Körper besteht, aber inwendig eine über-körperliche Entität aufweist, die man das Selbst oder das Ich nennt. Der immanente Körper der Puppe enthält also ein transzendentes Ich. Die körperliche Puppe enthält ein überkörperliches Selbst. Bei dem Menschen greifen die beiden ineinander über, weil das Ich auch den Körper transzendent durchdringt. Trennung zwischen zwei »Schalen« gibt es nicht. Der Versuch des Materialisten, diesen inwendigen, transzendenten Bestandteil des Menschen zu eliminieren, denaturiert das ganze Konzept des Menschen, so dass der Mensch psychologisch nicht mehr zu verwerten ist (Stent). Stent will damit nicht gesagt haben, dass man aufhören soll, nach diesem Ich zu suchen, um es zu erforschen. Man soll aber das transzendente Wesen des Menschen anerkennen, damit man die epistemologische Limitierung der wissenschaftlichen Methodik rechtzeitig erkennt. Erst wenn man die Leistungsfähigkeit eines Instrumentes oder einer Methodik erkennt, kann man deren Resultate richtig bewerten.

6. Schluss

Die physikalischen Wissenschaften stehen heute vor Ereignishorizonten, die vor einigen Jahren vollkommen unerkannt waren. Dies ist in der Astronomie, wie wir schon festgestellt haben, besonders der Fall. Solche Tatsachen bergen für den Positivismus und den naturwissenschaftlichen Materialismus dialektischer Prägung umwälzende Konsequenzen. Die biologischen und soziologischen Wissenschaften nähern sich ähnlichen Horizonten und Konfrontationen auch in ihrer Forschung, denn der Mensch erweist sich eindeutig als ein transzendentes Wesen, das zwischen immanenten und transzendenten Wirklichkeiten schwebt. Die Funktion seines Gehirnes weist Barrieren oder Ereignishorizonte auf, hinter die wir mit unseren immanenten Forschungsmethoden prinzipiell nicht schauen können. Die Arbeiten von Noam Chomsky und auch von Claude Levi-Strauß deuten auf die gleichen Erkenntnisse hin. Der Mensch besitzt in sich, in seiner Tiefenstruktur, eine transzendente Realität, die mit der äußeren immanenten Realität über die fünf immanenten Sinne reagiert. Beide Wirklichkeiten sind real! Auch wenn die eine immanent und die andere inwendige Realität transzendent ist und jenseits eines Ereignishorizontes liegt!

Die Folge dieser Erkenntnis ist klar. Wir werden nie zu einem befriedigenden Verständnis unser selbst kommen, solange wir das Verständnis von uns selbst nach materialistischer Art und Weise »kastrieren«. Der Materialismus schneidet das Transzendente aus unserem Wesen weg und macht uns zu einem Haufen. Chemikalien, die vielleicht US $ 10 wert sind. Da aber diese transzendente Seite von uns wichtiger sein muss als die bloße immanente Seite (die transzendente Seite bleibt, die immanente, bloß elektronische Seite von uns vergeht), wird der Mensch durch den Materialismus entwertet, entwürdigt, entmenschlicht.

Eine menschliche Gesellschaft, die aus entmenschlichten Menschen besteht, kann nie gesund werden, auch wenn man das beste politische System erfindet, das sich Intelligenz ausdenken kann. Materialismus hat den Menschen ihre wahre menschliche Spezies gestohlen. Vom Materialismus beherrschte Menschen haben buchstäblich ihre Seele verloren. So sind sie zu unerbittlichen Tyrannen geworden.

Bertolt Brecht zeigt uns, dass der materialistische, revolutionäre, kommunistische Mensch einen Fehler nie aufweisen darf. Er darf kein Mitleid mit anderen Menschen empfinden. Mitleid schwächt den Willen zur Revolution (vgl. »Die Maßnahme«). Brecht war ein ausgesprochener Materialist und Kommunist. Eine gründliche Lektüre seiner Werke zeigt, dass er dem Menschen seine Humanität durch Materialismus stehlen wollte. Denn das, was den Menschen erst zum Menschen macht, ist doch der transzendente Wert seiner Seele oder Psyche. Sein transzendentes Ich sucht Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Schönheit, Liebe – und ein zeitliches und ewiges Paradies. Nimmt man diese Seite der Hybride, die wir Mensch nennen, dann kann er zum Schwein werden. Brechts »Baal« zeigt, wie dieses Verfahren vor sich geht! Die geistige Entwicklung von Hitler, Mussolini, Stalin, Lenin und vielen anderen Geistesgenossen zeigen das gleiche. Um uns alle vor dieser Degenerierung und diesem Speziesverlust zu warnen, kam der Transzendente, der Ewige, in die Zeit, um uns Menschen zu einer regenerierten Spezies zu machen. 

Horst Koch, Herborn, 2011

www.horst-koch.de

info@horst-koch.de

 

 

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