Der Dreieine (B.Philberth)

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Bernhard Philberth

DER DREIEINE

Anfang und Sein – Die Struktur der Schöpfung

 

Inhalt

ANFANG
Der unnennbare Name
Der allmächtige Dialog
Der dreifaltige Abglanz
Die vielfältige Dreiheit
Der herrschaftliche Auftrag
Das lebendige Wissen
Die überragenden Ordnungen

SEIN
Welt und Wirklichkeit
Geist und Erkenntnis
Personalität und Selbst
Bestand und Grenzen
Weltall und Wahrheit
Allmacht und Ewigkeit

Nachfolgend einige Auszüge aus diesem Buch – von Horst Koch, Herborn, im März 2011

 

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, Finsternis lag über der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Da sprach Gott: «Es werde Licht!» Und es ward Licht. Gott sah, daß das Licht gut war. Genesis 1, 1-3

Der unnennbare Name
Gott hat die Welt geschaffen durch Sein Wort. Wie ein Kunstwerk das Wesen des Künstlers widerspiegelt ‑ was immer es darstellen mag ‑, so spiegelt die Schöpfung das Wesen des Schöpfers in allen ihren Bereichen. Gott ist alles in allem ‑ und die Anschauung Gottes umfaßt die Anschauung der Welt mit allen ihren Dingen.

Der Mensch ist als Gottes Ebenbild geschaffen. Weder Engel noch Tier, weder reiner Geist noch reine Materie, ist er die Begegnung des Geistes mit der Materie, des Göttlichen mit dem Irdischen; eine Begegnung im Erkennen und Erkanntsein; in der christlichen Offenbarung und der intellektuellen Forschung, in der Lehre der Kirche und der Aufklärung der Wissenschaft.

Die Welt ‑ vom Atom bis zu den Sternenheeren des Weltalls, vom flüchtigen Gedanken bis zu den Ideologien der Weltmächte, vom Kindertreiben bis zu den Großtaten der Weltgeschichte ‑ ist ein ebenso gigantisches wie geheimnisvolles Spiegelbild des allgewaltigen Gottes. Aber doch nur ein Spiegelbild, denn als geschaffenes, gewordenes, bedingtes Sein ist es ganz anders als das ungeschaffene, ungewordene, unbedingte Sein des ewigen Gottes, der Seinen Namen als der jenseits aller Geschichtlichkeit Seiende, als «Der Ich Bin» geoffenbart hat: JAHWE, der unnennbare Name; denen, welchen er geoffenbart, bei Strafe des Todes unaussprechbar; für kein geschaffenes, der Geschichte unterworfenes Sein vollziehbar.

Die Welt ist dem Wandel unterworfen: Aus dem Nichts geworden, ist sie ‑ und seiend vergeht sie wieder in das Nichts. Alles Werden und Vergehen, alle Mächte und Kräfte sind Wort des unwandelbaren Gottes, der in ewiger Ruhe alle Schöpfungskraft inne hat.

Und doch ist die Welt Spiegelbild, Gleichnis Gottes. Und Gott ist der Dreieine. Aus dieser Dreiheit des Ewigen entspringt die gewaltige dreiheitliche Mächtigkeit alles endlichen Seins mit seiner Mannigfaltigkeit, Großartigkeit und Freiheit.

Warum dies gerade eine Dreiheit ist, warum dies überhaupt eine durch eine Zahl orientierte Mächtigkeit ist, ist ein unfaßbares Geheimnis. Viel mehr noch! Schon im ersten Satz der Schöpfungsgeschichte ist der Geist: der Geist Gottes schwebte über den Wassern; als der schöpfungsmächtige Gott. Im Neuen Bunde offenbart sich uns der Vater und der Sohn: der uns liebende und zu uns tretende, weltenbeherrschende Gott; Gott als unser Gott. Die ganze Offenbarung ist erfüllt von Gott, dem Vater, Sohn und Geist. Aber nirgends in der gesamten Offenbarung von Gott steht die Zahl «3» oder das Wort «drei». Denn nichts steht über Gott. Keine Zahl steht vor Gott; Ihn überkommend, Ihn kennzeichnend. Sondern jede Zahl, die Zahl als solche, ist Gestalt, Form, Inhalt Seiner Schöpfung. «Du sollst dir weder Bild noch Gleichnis von Mir machen» ist das Gebot vor allen anderen Geboten. Dies muß uns im Tiefsten durchdringen und mit Schauder erfüllen, wenn wir es wagen, Ihn den «Dreieinen» zu nennen.

Gott ist der Dreieine. Und dies ist eben so; wie Gott selbst ursachlos, fraglos, ungeworden IST. All unsere Einsicht kann dieses Geheimnis nicht begreifen, weil alle Vernunft, alle Weisheit und alle Einsicht durch diese Dreieinheit überhaupt erst gegeben wird. Alles Reden über Ihn ist nur Gleichnis. Was sollen da nochmals Bilder und Gleichnisse über Ihn: die ganze Schöpfung ist selbst Bild und Gleichnis des Dreieinen.

Gott ist dreieinig in Seiner heiligen Personalität. Gott ist Person als das bewußte ICH, das dem Geschaffenen als dem «du» gegenübersteht.

In feuriger Lebendigkeit ist Gott als Vater, Geist und Sohn dreifaltig Einer. Nicht ist eine dieser drei göttlichen Personen den anderen göttlichen Personen übergeordnet, untergeordnet oder auch gleichgeordnet; jede Zuordnung ist verfehlt: Jede erfüllt alles Leben.

Trotz ihrer Verschiedenheit sind sie nicht trennbar; ‑ ein Wesen, ein einziger, lebendiger Gott. Der Geist ruht im Vater in unentwegter Unwandelbarkeit und ewigem Frieden als «alles in allem». Der Vater schöpft im Geiste in allerleuchtendem Feuer und allumfassender Gewalt nach Seinem Willen. Der Sohn herrscht mit dem Vater im Geist über alles Seiende und über alles Geschehen.

Dieser personale Gott ist das regierende, schöpfungsmächtige, höchstrichterliche ICH, das allem Geschaffenen als Herr gegenübersteht ‑ und an dem dennoch die Gemeinschaft der Heiligen in Vereinigung mit Gott‑Sohn ungeteilt Anteil hat: vereint mit Gott und doch von Person zu Person im Angesicht zu Angesicht vor Gott dem Herrn stehend.

Die Personalität Gottes ermöglicht und verlangt die Anrufung und Anbetung: Wir können und dürfen zu Gott «DU» sagen; DU, vor dem «ich» mich stehend begreife. Wir selbst sind Person, weil Gott, der Schöpfer, Personalität ist. Jeder von uns ist «eigene» Person und zugleich Teil der allumfassenden Personalität Gottes, welche nicht nur das Person‑sein aller Mächte, Engel, Geister und Menschen in sich vereint, sondern ‑ unendlich viel mehr ‑ zugleich der Urgrund aller Personalität überhaupt ist.

Unser Ich ist uns buchstäblich selbstverständlich eigen ‑ und den­noch ist dieses Ich unserer Personalität etwas unfaßbar Erstaunliches: Ich, ich selbst; ich, nicht du; ich, nicht jener! Unfaßbare Personalität, indem jedes Fassen und Begreifen ein persönlicher Akt eben eines konkreten Ich ist; eines Ich gegenüber dem Anderen, der es schon längst begriffen hat und doch nie begreifen wird. Und wenn wir noch so darüber nachdenken: «ich bin», ‑ nicht einmal die eigene Personalität vermögen wir einzuholen; geschweige denn die allumfassende, alles «Ich‑du» aller Wesen begründende Personalität Gottes.

Gott ist dreieinig in Seiner Absolutheit. Gott ist die Absolutheit als die vollkommene Ausschließlichkeit alles Anderen; derart, daß nichts Anderes ist. Ja sogar in so vollkommener Ausschließlichkeit, daß sogar das Nichts selbst in Gott inbegriffen ist.

In erhabener Großartigkeit ist Gott die allumfassende Wirklichkeit, die allerleuchtende Erkenntnis und der ewige Er‑Selbst. Nicht eine dieser Absolutheiten ist den anderen übergeordnet, untergeordnet oder auch gleichgeordnet; jede Zuordnung ist verfehlt: Jede umfaßt das All und die Ewigkeit. Trotz ihrer Verschiedenheit sind diese Absolutheiten nicht trennbar; ‑ ein Feuer, ein all‑ein‑seiender Gott.

Alles Wirkliche ‑ die Realität aller erkennenden und selbstbewußten Geister, die Realität aller Räume, Zeiten und Massen, die Realität des Verschiedenen nebeneinander, nichts ausgeschlossen existiert in Gott, der alles Wirkliche in ewigem Erkennen und ewigem Dasein durchdringt und belebt; Gott ist das Reich.

Alles Erkennen ‑ die Einsicht aller Mächte, Geister und Wesen, wie Gesetz und Ablauf aller Welten, nichts ausgeschlossen ‑ lebt in Gott, dessen ewiges Erkennen alle Wirklichkeit und Eigenart schafft und erhält; Gott ist die Kraft.

Alles Selbst‑sein ‑ das Selbstbewußtsein, die eigenständige Erkenntnis aller Geister wie die eigenartige Wirklichkeit aller Weltgegenstände, nichts ausgeschlossen ‑ gründet sich in Gott, dessen unwandelbare Selbst‑Mächtigkeit alles Wirkliche und alles Erkennen begründet und heiligt; Gott ist die Herrlichkeit.

Dies bestimmt das gesamte Weltgeschehen. In fortwährender Ergänzung und Verdrängung von Erfahrung und Einsicht, von Theorie und Experiment führt die individuelle Geschicklichkeit des Wissen­schaftlers zu den äußersten Grenzen. Als die beiden Geschlechter des Seins zeugt die Wirklichkeit immer neue Erkenntnisse und gebiert die Erkenntnis immer neue Wirklichkeiten ‑ und in immer neuen Seinsgenerationen entstehen unübersehbar viele Dinge in erstaunlicher Selbständigkeit und Eigenartigkeit; eine unfaßbare Vielheit und Mannigfaltigkeit ‑ das eine neben dem ganz anderen ‑ tut sich abgrundlos auf: Eine urgewaltige Schöpfung des allumfassenden Gottes.

In Gott ist die absolute Dreiheit von Allmächtigkeit, Allwissenheit und Allgegenwart. Er ist der All‑Eine in Ewigkeit.

Gott ist dreieinig in Seiner allherrscherlichen Majestät. Gott ist die Majestät, als Herr über Leben und Tod und als Herr des Gerichts.

In unnahbarer Ungeheuerlichkeit erschöpft sich in Gott das Sein, das Nichts und das Wort. Nicht eine dieser Majestäten ist den anderen übergeordnet, untergeordnet oder auch gleichgeordnet; jede Zuordnung ist verfehlt: Jede hat die Allmacht inne.

Trotz ihrer Verschiedenheit sind sie nicht trennbar; ‑ eine Allgewalt, ein einziger schöpfungsmächtiger, höchstrichterlicher Gott. Mit Seinem Wort wird Sein aus dem Nichts und wiederum Nichts aus dem Sein. Als «der, der IST», gestaltet Er das Nichts zu Raum, Zeit und Dasein. Selbst gegründet in nichts, im Nichts, trägt Er das Sein über der raumlosen, zeitlosen und gehaltlosen Leere. So unaussprechlich ist diese allgewaltige Majestät, daß es noch zu wenig ist, würde man sagen: Nichts ist außer Gott.

Dieser eine und einzige Herr über das Nichts ‑ diesem unheimlichen, undenkbaren, unvollziehbaren Anderen zu allem Sein ‑ vermag die staunenswerte Freiheit zu geben, die das Geheimnis des Bösen in sich birgt. Nur dieser Herr über das Nichts ‑ eine Herrschaft, die nie und nirgends ihresgleichen hat ‑ ist Stifter jener unerklärlichen Freiheit, kraft derer geschaffenen Mächten die Möglichkeit gegeben ist, Gott anzuerkennen oder zu leugnen ‑und frei zu wählen zwischen einem Reich des Lebens und Lichts, in welchem Gott ist, und einem Reich des Todes und der Nacht, in dem Gott . . . .: ein Gedanke, dessen existentieller Vollzug das Urgrauen des ewigen Todes bedeutet und die Herrschaft des «Geistes der Verneinung» aufrichtet.

Gott ist gut: Und der Löwenruf der Erlösung hallt durch alle Räume und Zeiten. Hat aber Gott überhaupt Eigenschaft, die Ihm zwingend anhaftet ‑ und wer hätte Ihm diese fraglos gegeben? Kommt Ihm Eigenschaft jenseits von Ihm selbst, von Ewigkeit zu Ewigkeit zu; gleichsam Ihn selbst bestimmend? Vielmehr macht Gott erst alle Eigenschaftlichkeit in souveräner Machtfülle ‑ und niemand und nichts ist, soweit das Sein reicht, Ihn anzuweisen; niemand und nichts.“ kann Ihn hindern.

Gott ist gut. Wer sagt dies, wer kann garantieren, daß Gott ‑ der Eine und Einzige, von dem alles, alles abhängt ‑ wahrhaft gut ist; Gott, der mit Seinem Wort das Sein aus dem Nichts hebt; das Sein, in welchem auch der «Fürst dieser Welt», der Böse und das Böse, da ist? Die Frohbotschaft des Sohnes verkündet, daß Gott gut ist, daß Gott der Vater ist, der uns liebt und uns die Gnade gewährt, daß wir Ihn lieben: Eine überwältigende Verkündigung; gerade als würde alles, alles umgekehrt. Aber ist Gott außerhalb dieser Verheißung gut; ist Er in Ablehnung des Vaters, in der Abkehr vom Sohn, in der Sünde gegen den Geist gut; ist Er gut, wenn wir Ihm und Seinem schöpfungsmächtigen Wort mißtrauen, uns nicht auf Ihn und Sein verheißendes Wort verlassen, uns nicht auf Ihn und Sein höchstrichterliches Wort hin richten? Wer garantiert uns dann noch irgendetwas: «Mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird euch gemessen?»

Er selbst, der Unheimliche, Dreieine sagt, daß Er gut ist. Wie, wenn wir belogen und betrogen wären, weil Er, weil jener eben doch ‑ ‑; hätte der Mißtrauende dann nicht sogar noch recht? Und furchtbar, wie aus Nacht und Nebel aufsteigend, wie eine Ausdünstung der Hölle streift ein Hauch des schrecklichsten Geheimnisses, des Geheimnisses des Bösen das Antlitz. In Grauen gehüllt ist die Urbosheit anwesend. Wer ist der Teufel? Es ist, als wollten Krallen den Schleier vor der Gegenwart dessen heben, den Aug‘ in Aug‘ anzuschauen ewige Verdammnis ist.

Gott ‑ der selbst Ungeschaffene, selbst alles Schaffende ‑ umfaßt alles Sein und alles Nichts so vollkommen und Gott hat das Geschaffene so unfaßbar weitgehend an sich teilnehmen lassen, daß es geschaffenen Mächten möglich ist, das Nichts gegen den Schöpfer selbst zu kehren. Und der Satan, seine Macht und sein Reich sind die Personifikation, die Anschauung und Realisation jener Ur‑Antinomie, jener unheimlichsten aller Antinomien, jener wahrhaft weltbeherrschenden und weltvernichtenden Antinomie, in welcher Geschaffene das Nichts gegen ihren Schöpfer selbst kehren und über Gott selbst das Nein sprechen; über Gott selbst, der in Wahrheit in so ganz anderer Mächtigkeit zugleich als das Sein, als das Nichts und als das Wort IST.

In der göttlichen Dreieinheit vereinigen sich die Personalität, die Absolutheit und die Majestät in Vollkommenheit in einem Gott. In diesem dreieinen Gott ist zugleich ewige Ruhe und allwirkende Tatkraft, unausweichliche Gerechtigkeit und überfließende Barmherzigkeit; in diesem unfaßbaren Gott, in welchem sich Einzigkeit und Fülle, Ordnung und Freiheit, Gesetz und Wunder vereinen ‑ und keine Grenze des Möglichen sichtbar ist. Gott ist die Schönheit und Herrlichkeit, die Wahrheit und Treue, die Güte und Liebe: Weil Er in Seinem schöpfungsmächtigen, verheißenden, höchstrichterlichen Wort es sein will.

All unser Begreifen scheitert vor diesem Heiligen. Nur Glaube, Hoffnung und Liebe führen zu diesem all‑einen und ewigen Gott. Der Glaube führt zur ungetrübten Erkenntnis Gottes im Geiste; er wird zur Anschauung von Angesicht zu Angesicht. Die Hoffnung führt zur unwandelbaren Wirklichkeit des Reiches Gottes des Vaters; sie wird zur Erfüllung der himmlischen Verheißung. Die Liebe führt zur Gotteskindschaft in der untrennbaren Zugehörigkeit zu Christus, dem Sohne Gottes; sie wird zur Vereinigung mit Gott selbst.

Aber auch über Glaube, Hoffnung und Liebe verfügen wir nicht. Wenn uns der Unglaube beschleicht, können wir den Glauben nicht erzwingen; wir belügen uns selbst, wenn wir uns trotz Zweifel als Glaubende wähnen. Wenn uns die Hoffnungslosigkeit überfällt, können wir die Hoffnung nicht halten; wir betrügen uns selbst, wenn wir uns trotz Verzagen wie Hoffende gebärden. Wenn uns die Kälte in die Seele dringt, können wir die Liebe nicht entzünden; wir verstören uns selbst, wenn wir uns trotz Abscheu wie Liebende aufspielen. Glaube, Hoffnung und Liebe sind überirdische Gnaden; Geschenke des dreieinen Gottes.

Wir können uns für diese Geschenke nur bereiten, indem wir Demut, Geduld und Ehrfurcht lernen. In Demut müssen wir unsere flüchtige Einsicht leiten lassen; ohne Demut wird das Glauben törichter Aberglaube und sichernde Gewohnheit. In Geduld müssen wir den harten Realitäten standhalten; ohne Geduld wird das Hoffen zu eitler Hoffart und kurzatmiger Oberflächlichkeit. In Ehrfurcht müssen wir uns vor dem Herrn beugen; ohne Ehrfurcht wird das Lieben zu selbstsüchtigern Buhlen ohne wahrhaftes Gegenüber. Die Gottesfurcht ist die Stärke des Glaubenden und Hoffenden. Wer Gott fürchtet, ist von Seiner Allmacht beschattet ‑und es gibt nichts, was der Gottesfürchtige zu fürchten hätte.

Gott, der Dreifaltig‑Eine! In geheimnisvoller Ferne Ist Er als Personalität, Absolutheit und Majestät. Und so vereinigen sich ohne Unterscheidung die Personalität, die Absolutheit und die Majestät in Vollkommenheit in einem einzigen Gott. Alles Fragen, wie das sein könne und warum dem so sei, verhallt im All und in der Ewigkeit, woraus wir selbst mitsamt unseren Fragen ungewesen und fraglos zum Dasein gerufen sind.

Aber Gott ist zugleich der Große‑Nahe, der grenzenlos sich Verschenkende. Seit Anbeginn ist der Mensch angelegt, das Wahre, Schöne und Gute zu suchen. Der Höchste und Heilige selbst soll unser Zielen und Trachten erfüllen. Und wer Ihn sucht, der findet Ihn; überall. Denn der Schöpfer ist in Seiner Schöpfung gegenwärtig; überall.

Der allmächtige Dialog
Gott führt ein machtvolles Selbstgespräch. Wer könnte Ihm dazwischenreden, Ihn korrigieren, Ihm das Wort abschneiden. Gott in Vater und Geist führt einen allmächtigen Dialog im Wort. Und vom Vater gezeugt und im Geist geboren, Ist der Sohn; gezeugt, nicht geschaffen. Der Sohn ist das Wort, das Wort aber ist die ganze Schöpfung. Welten entstehen und vergehen in diesem Wort.

Im menschgewordenen Sohn wird das Wort zum Gespräch Gottes mit dem Menschen. «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt»; das Wort, das vor aller Schöpfung steht: «Wahrlich, ehe Abraham ward, Bin Ich.»

Vor der Schöpfung war kein Raum und keine Zeit, auch kein leerer Raum und keine ereignislose Zeit, in welchen Gott hätte wohnen müssen. Raum und Zeit sind nichts neben Gott, nichts um oder über Gott, sondern sind selbst Schöpfung; zusammen mit den kosmischen Massen geschaffen und entstanden. Von «vor» oder «außer» der Schöpfung zu sprechen ist überhaupt sinnlos; da doch kein Raum und keine Zeit, in welchen diese Ausdrücke erst Sinn hätten: Wie in faustischer Vision «Um sie kein Raum, noch weniger eine Zeit, von ihnen sprechen ist Verlegenheit.»

Als Schöpfer von Raum und Zeit ist Gott der überräumliche und überzeitliche Herr. Alle Räume und alle Zeiten sind Ihm gleich nahe. In Ihm ist alle Vergangenheit und Zukunft eins. Er ist die Unwandelbarkeit. In Ihm ist alles beschlossen; wie aufgezeichnet. «Wer im Endgericht nicht in den Büchern des Lebens seit Anbeginn der Welt geschrieben gefunden ward, wurde in das ewige Feuer geworfen» und war dem Tode verfallen.

Und doch ‑ erstaunlich, unfaßbar, erschreckend ‑ ist in Ihm, dem über Raum und Zeit Thronenden, ewig da, was die Menschen immer und überall frei getan haben und tun werden. Er ist der Herr der Geschichte; der Schöpfungsgeschichte, der Menschheitsgeschichte, der Heilsgeschichte. Er ist der herrschende, fordernde, handelnde Gott der Geschichte. Und diese Geschichte ist kein Geschehensablauf eines programmierten Automaten, sondern lebendige Geschichte unheimlich freier Wesen. Denn Gott ist der Lebendige.

Dieser Gott ist der Dreieine. Der Sohn ist im Vater und im Geist. Die Schöpfung ist ja Sein Wort; Wort des lebendigen Gottes. Zugleich ist aber auch der Vater und Geist im Sohn. Der ewig unwandelbare, überzeitliche Herr ist zugleich in allen Räumen und Zeiten aller Schöpfung lebendig gegenwärtig. Es ist der sich «im Abendwind ergehende», den Menschen ansprechende Gott. Er ist der DA‑SEIENDE, bei‑uns‑seiende Gott, der mit uns durch den Wandel der Zeiten schreitet; als unser Gegenüber. Er ist der Gott des Bundes und der Verheißungen, der sich mit Seinem Volk und mit Seinen Menschen verbindet und in den mannigfaltigen Veränderungen einer frei gestaltbaren Geschichte bei uns lebt. Der überräumliche und überzeitliche Herr wohnt zugleich so sehr in diesem unserem Raum und in dieser unserer Zeit Seiner Schöpfung, daß man Ihn sogar anspucken, ergreifen und kreuzigen kann.

Er ist der im Sein der Schöpfung wohnende, in den Dingen greifbare, in den Lichtstrahlen sichtbare, in den Klängen hörbare Gott. Er ist der im Menschen lebende, unabweisbare Gott, der uns im Mitmenschen begegnet; der jedem einzelnen Menschen nacheilt und jeden anrührt und ausfüllt. Er ist der das Denken schaffende, alle Gedanken ermöglichende und tragende, in der Wissenschaft sich offenbarende Gott.

Er ist der in uns Wohnende und zugleich von uns zeitlebens zu Suchende. Er ist der unmittelbar Nahe und doch unerreichbare Fremde. Er ist der mit uns Eine und zugleich der ganz Andere.

Im Wort, als Wort treten Räume, Zeiten und Massen ins Dasein und gewesen, verschwinden sie wieder. Eine urgewaltige Entwicklung schafft einen Kosmos, eine Erde, immer höhere Lebewesen und schließlich den Menschen. Nach ehernen Gesetzen läuft die Evolution ihrer Bestimmung zu; Gesetze, welche «die Hypothese Gott entbehrlich» werden lassen. Aber auch diese Gesetze haben keinen Raum und keine Zeit jenseits der Schöpfung; keinen festen Punkt außerhalb, von wo aus sie ihren Hebel ansetzen und das Sein begründen könnten. Sie stehen selbst in den Büchern des Seins dieser umfassenden Schöpfung. Die Gesetze sind Gesetzte; auch Geschaffene. Sie sind vom überzeitlichen Gott der Schöpfung Eingeschriebene, in denen von Anfang an der Schöpfung alle Wirklichkeiten bis zum Ende, alle Wirkungsmöglichkeiten künftiger Entfaltung mitgegeben sind. «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott»: Ein in ewiger Unwandelbarkeit ruhender Gott.

Zugleich aber sind in eben dieser Überzeitlichkeit Gottes alle Zeiten eins: Das Schöpfungswort Gottes klingt durch alle Zeiten. Unentwegt schöpft Gott. Entwicklung ist ununterbrochene Schöpfung; Evolution, unaufhörliche Machtentfaltung: Ein in ewigem Feuer schaffender Gott. Erstaunlich, furchtbar, unfaßbar: Alles in überzeitlicher Übermacht beschlossen ‑ und zugleich lebendiges Geschehen freier Geschöpfe; Gott, von der unwandelbaren Ruhe der Überzeitlichkeit ‑ und zugleich im Feuer durch den Wandel der Zeiten schreitend; der Eine und zugleich ganz Andere. Wie ist dies vereinbar?

Im allmächtigen Dialog Gottes ruhen alle Gegensätze und alle Widersprüche werden leer; alle unsere Aussagen ‑ die einen wie die ganz anderen ‑ werden zu Gleichnissen. Wessen Denken könnte Gott, der alles Denken geschaffen hat, nochmals überdenken? Wer könnte Gott in Seinem Dialog mit sich selbst und aller Schöpfung das Wort abschneiden oder begrenzen? Das ist keine Frage des Denkens und seiner Gesetze mehr, sondern eine Frage der Macht.

Der Dialog Gottes ist das absolut Mächtigste; unvergleichlich mächtiger als alle Gesetze der Natur, des Lebens, des Denkens, die selbst in eben diesem Dialog ins Dasein gerufen sind ‑ und gewesen, wieder verschwinden. Das Erfassenwollen des Geheimnisses Gottes in Seiner Macht, das Dazwischenredenwollen in diesen allmächtigen Dialog, das Ermessenwollen dieses schöpfungsgewaltigen Wortes mit den uns eingeschriebenen Denkgesetzen ist wahnhafte Verkennung der Mächtigkeiten; ist Verstörung.

Wer könnte einen Elefanten an einen Esel binden; dem Elefanten den Schritt des Esels aufzwingen? Der Übermächtige geht einfach wohin er will; aller Fesseln spottend und zermalmend, was ihm im Wege. «Der Geist weht wo Er Will.» Wir kennen Ihn, so Er sich uns offenbart. Wir fassen Ihn, so Er sich uns darbietet. Wir sprechen mit Ihm wie mit dem Vater, so Er sich uns neigt. Furchtbar, erstaunlich, unfaßbar ist der lebendige Gott, der Dreieine.

Der Dreifaltige Abglanz
Der Sohn ist vom Vater gezeugt und im Geist geboren. Er ist das Wort des allmächtigen Dialogs. Die ganze Schöpfung ist aus dem Wort. Die ganze Schöpfung Ist auf den Sohn hin ‑ und ist‑nicht ohne den Sohn.

Gott Ist in Dreiheit Einer. Und Jeder ist in Dreiheit der Ganze: So ist auch der gesamten Schöpfung die Dreiheit eigen. Die ganze Schöpfung ist der dreifaltige Abglanz des Dreieinen. Das ist eben so.

Das ist gleichsam wie in unserem dreidimensionalen Raum: In jeder einzelnen Richtung ‑ noch so weit nach rechts oder noch so weit nach hinten oder noch so weit nach oben ‑ ist auch immer wieder dreidimensionaler Raum mit den drei Richtungen links‑rechts, vorne-hinten, unten‑oben. Der kleinste, noch so weit in irgendeiner Richtung betrachtete Raumteil ist vollkommen dreifaltig; ist «Raum» einfachhin; ist Abbild, Abglanz des Gesamtraumes, des Raumes einfachhin.

Dies ist Gleichnis, ein schemenhaftes Bild der lebendigen Mächtigkeit der Schöpfung ‑ und ist doch mehr als ein Gleichnis: Die ganze Schöpfung ist eine dreieinige Hierarchie von überwältigender Mannigfaltigkeit, Beweglichkeit und Freiheit; Mannigfaltigkeit von Dreiheiten, Beweglichkeit in den Dreiheiten; Freiheit durch die Dreiheiten; Dreiheiten, die sich mannigfaltig ineinander spiegeln, beweglich auseinander hervorgehen und frei einander gestalten. Auch unser physikalischer Raum ist eine jener Dreiheiten dieses Spiels der Mächtigkeiten in einer geheimnisvollen hierarchischen Einheit, Ruhe und Ordnung.

Bei Betrachtung der Schöpfung drängen sich geradezu drei Mächtigkeiten auf; Das Sein, der Mensch und die Wissenschaft; jede in ihrer Dreiheit, in ihren vielerlei Dreiheiten. Oder bilden vielleicht Sein, Mensch, Wissenschaft auch miteinander eine Dreiheit?

Der Mensch ist als Einwohner des Seins nur Teil des Seins. Die Wissenschaft ist als Akt des Menschen wiederum nur Teil des Menschen. Das Dasein der Menschheit umfaßt nur Sekunden der Schöpfungswoche; das Dasein der Wissenschaft umfaßt wiederum nur Sekunden des Menschheitstages. Der Mensch ist im Kosmos nur Staub; die Wissenschaft ist wiederum nur ein Hauch in den Erscheinungen menschlichen Lebens. So ist das Sein von höherer Mächtigkeit als Mensch und Wissenschaft. Das ist wirklicherweise so. Und doch ist dies nur eine, die erste Dimension.

Der Sohn beherrscht die ganze Schöpfung. Jeder Mensch ist mehr wert als der gesamte Kosmos und mehr wert als alles Wissen. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung; Personalität, selbstbewußtes Leben, lebendiges Ich‑selbst gegenüber dem Anderen, gegenüber Welt und Geist, gegenüber Sein und Wissenschaft. Erst im Menschen und durch den Menschen wird aus dem Sein Wissenschaft hervorgebracht und ins Dasein gerufen; Wissenschaft über das Sein ‑ und das Sein wiederum umfassend und gestaltend. So ist der Mensch von höherer Mächtigkeit als Sein und Wissenschaft: personaler Träger des Auftrags, sich die Erde untertan zu machen, als selbstbewußter, eigenmächtiger Herr. Dies ist eigenartigerweise so. Und doch ist auch dies nur eine, die zweite Dimension.

Was unterscheidet den Menschen der Jetztzeit von dem der Steinzeit? Was gestaltet die Erde zu dem, was sie brauchbar und wertvoll macht? Was hat der Kultur‑ und Zivilisationsmensch dem Natur‑ und Höhlenmenschen voraus? Was hat diese Welt der Erde etwa jener des Jupiter, mit all seinen gigantischen Stürmen, Eismeeren und Vulkanen, entscheidend voraus? Was hat diese Erde dem unbewohnten Kosmos, den Sonnen und Milchstraßen unabschätzbar weit voraus? Die Wissenschaft ist jene neue Qualität, die den Menschen sich selbst und sein Leben erkennen läßt, ihn erhebt und zu dem macht, was er in dieser Welt ist ‑ und als ihr Objekt selbst sogar in sich einschließt. Die Wissenschaft ist jene Mächtigkeit, die über den Menschen und durch den Menschen das Sein erfaßt und gestaltet, es zu dem entwickelt, was es entscheidend ist ‑ und alles Sein in sich einschließt. So ist die Wissenschaft von höherer Mächtigkeit als der Mensch und das Sein. Das ist erkannterweise so. Und doch ist dies auch nur eine, die dritte Dimension.

Sein, Mensch und Wissenschaft sind die drei Dimensionen des Abglanzes von Vater, Sohn und Geist innerhalb der Schöpfung. Im Sein wirkt der in Seiner Schöpfung wohnende Gott; im Menschen lebt der in Sein Eigentum gekommene Gott personal; in der Wissenschaft erkennt der in Seinem Werk durch den Menschen weiterschöpfende Gott.

Dennoch ist Sein, Mensch, Wissenschaft keine vollständige Dreiheit: Der Mensch ist einfach nicht das alleinige, personale Wesen der Schöpfung. Und die Wissenschaft ist einfach nicht der alleinige, nicht einmal der höchste schöpferische Akt des Menschen; schon nicht des Menschen, geschweige überhaupt. Somit ist Sein‑Mensch‑Wissenschaft auch eine Reihe absteigender Mächtigkeit. Es ist eine unvollständige Dreiheit; ein Dreisitz mit ungleich langen Füßen: Schon ist die Unvollkommenheit treuer Begleiter.

Aber wir kommen über uns selbst, über unser Menschsein nicht hinaus. Nur ein Münchhausen vermag sich an den eigenen Haaren dem Sumpf zu ziehen. Damit ist Sein, Mensch und Wissenschaft die uns Menschen existentiell angehende Mächtigkeit; Dreiheit in bezug auf uns in unserem Menschsein. Damit sind sie doch Abglanz des Reiches, der Herrlichkeit und Macht des Dreieinen.

Die vielfältige Dreiheit
Jeder Mächtigkeit ist selbst wieder die Dreiheit eigen.
Dem Sein ist die Dreiheit eigen; in Wirklich‑sein, Selbst‑sein, Erkannt‑sein. Dem gehört die Dreiheit der Maßstäbe des Schönen, Guten und Wahren zu.

Dem Menschen, dem geheimnisvollen Wesen der Mitte, ist die Dreiheit in unübersehbarer Fülle von allen Seiten her eigen. Als Ebenbild Gottes ist der Mensch in der Dreiheit von Mann, Frau und Kind, wobei sich im Kind, in der Nachkommenschaft, in der Geschlechterfolge tatsächlich eine ganz neue Dimension erschließt. Dem Mensch als er selbst ist die Dreiheit von Leib, Seele und Geist eigen. Das Leben des Menschen richtet sich nach einer Dreiheit aus, die sich erstaunlich in den drei Seins‑ und Wissenschaftskomponenten spiegelt und die in drei grundverschiedenen Arten von Kriegen ausgetragen wird: wirklichkeitsartig, realistisch in den Nationalitäten und Wirtschaftsräumen; selbstbezüglich, existentiell in den Rassen, Typen, Geschlechtern, Sippen, Familien; erkenntnisartig, ideell in den Ideologien und Religionen. Merkwürdigerweise haben die drei Grundrassen der Menschheit im okzidentalen, ostasiatischen und orientalen Kulturkreis je eine dieser drei Komponenten zum Fundament.

Der Wissenschaft ist die Dreiheit eigen; in Naturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaft, Geisteswissenschaft. Dazu gehört die Dreiheit der Maßstäbe als sach‑, lebens‑ und wesensgemäß.

Jede einzelne Komponente ist wiederum dreiheitlich; jede Unterkomponente wieder und immer wieder. So könnte man etwa folgenden Weg einer fortschreitenden Aufschlüsselung verfolgen: In der Dreiheit von Sein, Mensch und Wissenschaft fächert etwa das Sein wieder als Wirklichsein, Erkanntsein und Selbstsein auf. Innerhalb dieser Dreiheit teilt sich das Wirklichsein wiederum in Naturvorgänge, Gesellschaftsleben und Geistesgeschehen. Wiederum innerhalb dieser Dreiheit etwa speziell in der physikalischen Natur findet man die Dreiheit von Raum, Zeit und Energie vor. Und schließlich ist sogar auch der Raum dreidimensional in Länge, Breite und Höhe.

Aber ebenso wäre auch in jeder anderen Komponente und Unterkomponente diese dreihafte Entfaltung verfolgbar: Etwa die Energie im physikalischen Bereich ist in ihren drei Grundformen des elektri­schen und magnetischen Feldes und des Schwerefeldes dreidimensional; auch die Zeit über kosmischen Weiten.

Auf der nächsthöheren Ebene entfaltet sich so auch das Gesellschaftsleben und Geistesgeschehen in all ihren Komponenten und Unterkomponenten ‑ und auf der noch höheren Ebene das Menschliche und die Wissenschaft in ihrer gesamten Mannigfaltigkeit. Speziell die Physik innerhalb der Naturwissenschaften ist dreiheitlich in Quantenphysik als aktueller Aspekt, in Elementarteilchenphysik als existenzieller Aspekt, in Relativitätsphysik als essentieller Aspekt. Speziell die Philosophie innerhalb der Geisteswissenschaften unseres abendländischen Denkens ist in ihren Grundformen dreiheitlich: mit Materialismus, Spiritualismus, Dualismus als wirklichkeitsartigem (ontologischem) Aspekt; mit Existentialismus, Nihilismus, Personalismus als selbstartigem Aspekt; mit Realismus, Idealismus, Agnostizismus als erkenntnisartigem (erkenntnistheoretischem) Aspekt; jeder Aspekt wieder auffächernd.

Auf jedem Weg von den höchsten bis zu den niedersten Ebenen ergibt sich diese Entfaltung der Dreiheiten in einer solchen Mannigfaltigkeit, daß dies nicht entfernt erschöpfend dargestellt werden könnte.

Damit gewinnt man den Eindruck von einem Baum mit drei Stämmen, jeder mit drei Ästen, jeder mit drei Zweigen, jeder wiederum mit drei Blättern. Aber dieses Bild ist nur in dieser einen Richtung gemäß der im Geist aufgerichteten Rangfolge passend. Sich auf dieses Bild festzulegen, würde gerade das Wesen der Vielfalt im Dreiheitlichen erkennen lassen. Dies Bild einer sich einfach‑aufspaltenden Dreiheitlichkeit ist selbst wieder nur eine Dimension innerhalb einer größeren Mächtigkeit; eine Dimension, der für sich allein Mangel anhaftet: So ist etwa in diesem Bild die Dreiheit von Raum, Zeit und Energie (Energie = Masse) nur ein beblätterter Zweig am Ast des Stammes eines großen Baumes.

Zugleich ist diese Dreiheit von Raum, Zeit und Energie aber der gesamte Kosmos, der alles in sich einschließend trägt; alles Sein, alle Menschheit, alle Wissenschaft umfassend; eine Dreiheit, die in den Grenzgrößen dem Nichts unmittelbar gegenübersteht. In dieser anderen Richtung gemäß der in der Welt gegebenen Mächtigkeiten wäre diese Dreiheit von Raum, Zeit und Masse der große Ausgangspunkt; der Baum mit drei Stämmen, aus denen sich Zweige, Äste und Blätter entfalten.

Aber auch damit ist es noch nicht genug. In der noch anderen Richtung gemäß den Eigenarten des in Verschiedenheit Geschaffenen erheben sich in beunruhigender Weise noch ganz andere Dreiheiten; so ganz anderer Art und auch in ihrer Dreiheit selbst so sonderbar, daß jede Hoffnung schwindet, je zu einer einheitlichen Gliederung dieser Vielfalt gelangen zu können: Im Sein das Eine, das Andere und das Viele mit dem Dualismus von Teil und Ganzheit; im Menschen das Ich, das Du und die Gemeinschaft mit dem Dualismus von Individuum und Kollektiv gegenüber der Autorität, mit den drei Grundformen des Staatswesens in Demokratien, Diktaturen und Monarchien und mit all den Erscheinungsformen der Politik, der Jurisprudenz und Soziologie; in der Wissenschaft das Richtige, das Falsche und das Ungewertete mit dem Dualismus von Einfach und Kompliziert. Sonderbare Fragen drängen sich auf: Wieso besteht das Eine neben dem Anderen und Vielen; was erhält Mich gegenüber Dir und Allen; wer behauptet das Richtige gegen das Falsche und Ungewertete? Auch in dieser, ganz anderen Richtung entfalten sich stammbaumartig Dreiheiten in Vielfalt.

Beunruhigend, unbefriedigend, ungeheuerlich: Auch die Hierarchie der Dreiheiten ist selbst nicht einheitlich, ist selbst dreifaltig; in verschiedenen Richtungen, Weisen, Hinsichten. So sind Dreiheiten in überwältigender Tiefe, in unbewältigbarer Macht, in unübersehbarer Fülle; Dreiheiten, die sich unentwegt ineinander spiegeln, auseinander hervorgehen, einander ergänzen und doch verdrängen. Ein vielfältiges, bewegliches, freies Spiel der Dimensionen, der Komplementaritäten, der Fundamente.

So entfaltet sich in der Mitte der Schöpfung eine unübersehbare Mannigfaltigkeit im gegenseitigen Durchdringen der vielfältigen Dreiheiten von allen Seiten her; so daß da sogar die diese Vielheit hervorbringende Dreiheitlichkeit selbst zu einem blutleeren Schema wird und überhaupt verloren geht ‑ und sich ein unerschöpflicher, unübersehbarer, erdrückender Formenreichtum auftut. In der Mitte der Schöpfung im Spiel der Mächtigkeiten tost ein sich ständig wandelndes, überschäumendes, mit keiner Formel mehr bändigbares Leben; Leben, das dort erst beginnt, wo alle Philosophie aufhört. Leben, Leben, Leben.

Wo ist in diesem Spiel der Mächte Ferne und wo Nähe, wie Anfang und wie Ende, was Über und was Unter? Sind diese Maßstäbe denn selbst über diesem Spiel oder auch nur Mitspieler; darin auf‑ und untertauchend und sich vielfältig verschieden gestaltend und wendend?

Warum gibt es überhaupt solches und anderes, warum gibt es überhaupt mich und dich, warum gibt es überhaupt richtig und falsch und warum sollte es all das auch nicht geben? Ist solches Fragen Weisheit oder Torheit ‑ oder belästigt man vielleicht mit solchen Fragen nur die Fraglosigkeit? Ist man wie Prometheus mit diesen Fragen in das Kraftwerk der Schöpfung eingedrungen und spielt mit unheimlichen Schalthebeln ‑ oder sitzt man damit schlicht im Vorzimmer des Irrenhauses, wo einfach Selbstverständliches fraglich wird? Oder ist das vielleicht der Angelpunkt, wo niemand mehr ist, der machtvolle Genialität von ohnmächtigem Wahnsinn zu scheiden vermag; der Thronsessel Buddhas, vor dem sich Weit und Wahn unlösbar vermählen?

All dies sind Fragen, die zutiefst das Wesen alles Bestehenden berühren und die sich zugleich in ihrer Fraglosigkeit ungreifbar entwinden. Aber wie, wenn diese Fragen in keinem festen Punkt außerhalb des turbulenten Treibens verankerbar sind, sondern selbst diesem Spiel der vielfältigen Dreiheit zugehören; darin auf‑ und abgewertet und in Zweifelskreisen mit herumgewirbelt werden! Dann gibt es keine Grenze zwischen Möglich und Unmöglich. Und eine unheimliche Dreiheit wird drohend spürbar: die Leerheit, Offenheit, Nichtigkeit der Schöpfung in sich selbst.

Es führt kein Weg der Schöpfung über sie hinaus. Die Pflanze gedeiht auf einer Handvoll Erde; der Bär fühlt sich wohl in seinem behaupteten Revier; der Primitive ist sich genügend in seinem verengten Umkreis. In der Geborgenheit der Fraglosigkeit gründet der Bestand. Aber das Große, Weitfassende, Tiefgreifende ist in sich selbst bedroht ‑ und es erwachsen ihm aus der Wesenlosigkeit, so es sich selbst genügt, Verzweiflung und Verstörung. Denn die ganze Schöpfung ist sich nicht selbstgenügend, in sich nicht selbstbeständig, sich nicht selbstverständlich. Denn alles Geschaffene ist aus dein Wort. Aber das Wort ist bei Gott dem Dreieinen.

Nichts führt über sich selbst hinaus. Nichts ist mehr als es eben ist; .mehr als es selbst. Jeder Gedanke ‑ sogar der klügste unter lauter dümmeren ‑ ist immer nur einer unter vielen; und wenn man die Dummheit übersieht, ist dies selbst eine ganz fundamentale Dummheit. Jede Handlung ‑ sogar die praktischste unter lauter ungeschicklicheren ‑ ist immer nur eine unter vielen; und wenn man das Ungeschickliche übergeht, ist dies selbst eine ganz folgenschwere Ungeschicklichkeit. Und es gibt Menschen, die ärgern sich schrecklich über Dummheiten und Ungeschicklichkeiten. Jedes Leben ‑ sogar das beständigste unter lauter wandelhafteren ‑ ist immer nur eines unter vielen; und die Wandelhaftigkeit beseitigen zu wollen, ist selbst eine ganz aufwühlende Umwandlung. Ein jedes ‑ indem es als solches da ist ‑ist immer nur ein Teil des allumfassenden Ganzen ‑ und ist damit nicht das Ganze, nicht das Allumfassende.

Dem jeweils Anderen das Da‑sein absprechen zu wollen, das jeweils Andere aus dem Dasein ausrotten zu wollen, das jeweils Andere als Nichts achten zu wollen, macht kein Alleindasein, sondern macht gerade dadurch die Beschränktheit um so kenntlicher, um so einschneidender, um so unheilvoller. Kein Teil kommt über seine Teilhaftigkeit hinaus; nichts kann sich selbst einholen‑, nichts ist sich selbst genügend; nur der allein auf nichts und im Nichts gegründete Gott. Der Hochmütige, der Gewalttätige, der Selbstherrliche geht ‑ indem er so ist ‑ des wahren Seins verlustig; er verurteilt sich selbst vor dem Allerhöchsten, dessen Dreieinheit der Urgrund einer unbegrenzten Mannigfaltigkeit, Großartigkeit und Freiheit und allen Lebens mit all seiner Beweglichkeit und Veränderlichkeit ist.

«Ich will nicht dienen» war die Empörung des «Engels des Lichtes», des Fürsten dieser Welt, gegen Gott den Schöpfer und Herrn der Welt. Und «ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen»: im Blitz der Entstehung dieses Kosmos. Diejenigen, die dem Geist dieser gefallenen Welt zugehören, die dem Fürsten dieser Welt folgen, sind die «begnadeten Herrn der Welt»; Herrscher in der Gnade dieses «Regierenden Monarchen». Sie erstreben die Macht und üben diese Macht auch aus, die Mitmenschen in ihren Dienst zu zwingen. Die rücksichtslose Herrschaft wird erkämpft, der Gewaltherrscher angebetet. Der wohlwollende Dienst wird verabscheut, der Freundesdienende verachtet. Die Christen mit ihrer «Sklavenmoral» sind die den «königlich Erleuchteten» zur Ausbeutung überlassenen. In der «Herrenmoral» dieses Geistes ist Selbstherrlichkeit und Selbstsucht der gewaltige Motor eines mörderischen Kampfes eines Jeden gegen Jeden. Aber eben in diesem Geist des «Vaters der Lüge und Mörders von Anbeginn» wird zwangsläufig jeder zum Sklaven seiner selbst und aller seiner Gegner in Haß und Neid in einer höllischen Welt von Gewalttat und Terror, mit Angst und Grauen.

Christus ist «gekommen um zu dienen». In der Liebe zu Gott ist es jedem eine Freude, dem Nächsten zu dienen ‑ und so ist jeder in Hingabe und Wohlwollen bedient, wie sich nie ein Herrscher auf dieser Erde Dienste erzwingen konnte. Das ist die wahre Herrschaft Christi in der vollendeten Freiheit der Heiligen.

In «Liebe und Hingabe ist Vollkommenheit»: in Gott selbst, weil und nur weil Gott will, daß dem so sei. Der unfaßbare Gott bietet sich uns selbst dar und weilt personal unter uns. Er gibt uns Sein Gebot und Seine Offenbarung. Dieser Gott ist unser Gott; «du sollst Mir Volk sein und Ich will dir Gott sein». In Glaube Hoffnung und Liebe ist ein Zugang, wenn man demütig, geduldig und ehrfürchtig an dieses Geheimnis herantritt; demütig, weil kein noch so großes Vermögen die ganze Mächtigkeit erfassen kann; geduldig, weil kein noch so ausdauerndes Bemühen die ganze Mannigfaltigkeit umfassen kann; ehrfürchtig, weil kein noch so erhabenes Leben die ganze Herrlichkeit ausschöpfen kann.

Es gibt einen Weg zur Vollkommenheit ‑ und im Feuer ewigen Lebens leuchtet gegenüber der Leerheit, Offenheit, Nichtigkeit eine Dreiheit, die den Tod verschlingt: Gott mit Seiner Schöpfung und Seinen Heiligen.

Vor der Übermacht Gottes ist diese Dreiheit des Himmels in Gott, Heiligen und Schöpfung eigentlich keine vollständige Dreiheit. Diese himmlische Dreiheit ‑ in der Erlösung, nach der seinsvernichtenden Absonderung des Bösen ‑ ist aber doch vollständig, vollkommen, weil Gott will, daß sie es ist: Er ist der in Sein Eigentum gekommene, unter ihnen wohnende Gott. Er ist der Gott, der Seine Schöpfung und Seine Heiligen in Seine Dreieinheit aufgenommen hat. Er ist der, von dem es heißt: «Er wird sich gürten und ihnen dienen»; so wie auch diese gesamte, erlöste und verklärte Schöpfung und alle Heiligen unentwegt Gott dienen. Gott will dies, kann dies und tut dies, weil diese Seine Schöpfung und alle Seine Heiligen Ihm in ewigem Lobpreis Ehre, Macht und Herrlichkeit immerdar zurückgeben; in urgewaltiger, geheimnisvoller Freiheit und Gnade.

Dies ist die vollkommene Dreiheit des Himmels in Ewigkeit; des Reiches, der Macht und der Herrlichkeit des Dreieinen.

Auszug aus dem Buch: DER DREIEINE, von Dr. Bernhard Philberth. –  Horst Koch, Herborn,  im Mai 2011

info@horst-koch.de

 

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