Anfechtung u. ihre Überwindung

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Hans Rohrbach

 

ANFECHTUNGEN UND IHRE ÜBERWINDUNG

 

Inhalt

Grundsätzliches über Anfechtungen

Vom Sinn der Anfechtung
Vom Wesen der Anfechtung
Ursache und Ziel der Anfechtung

Anweisungen zur Überwindung

Die erste Art von Anfechtungen
Die erste Weisung: Flucht
Die zweite Weisung: Zum Kreuz hin
Die zweite Art von Anfechtungen
Die erste Weisung: Abstand
Die zweite Weisung: Umwandlung
Die dritte Art von Anfechtungen
Die erste Weisung: Widerstand
Die zweite Weisung: Vom Kreuz her

Abschluß und Hilfen

Gebete in der Anfechtung
Trost und Verheißung
Die große Versuchung

Grundsätzliches über Anfechtungen

 

Vom Sinn der Anfechtung

»Lasset uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus!« Dieser Rat des Paulus aus Epheser 4, 15 gibt uns eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Anfechtungen, denen ein Christ sich immer wieder ausgesetzt sieht. Denn wer wissen will, wie das geschieht, daß wir »wachsen in allen Stücken« zu Christus hin, der darf sich sagen lassen: Ein Mittel dazu sind die Anfechtungen, vor allem das Aushalten in ihnen und ihre Überwindung. Unser Glaube muß erprobt werden, ebenso unsere Treue, unsere Liebe, unsere Geduld, unsere Freude, unsere Hoffnung, unser Friede und alle anderen Stücke in unserer Verbindung zu Christus hin. Und diese Erprobung geschieht in, mit und unter Anfechtungen.

Solche Anfechtungen haben mancherlei Gesicht. Allen gemeinsam aber ist, daß eins oder mehrere der Stücke bei uns eine Krise durchmacht, sei es, daß wir an Grenzen unseres Vermögens und unserer Erkenntnis stoßen, sei es, daß uns Zweifel anfallen, sei es, daß wir in Schuld geraten. Als von jesus Christus Herausgerufene sind wir nicht mehr von der Welt, aber immer noch in der Welt. Diese Spannung löst die Krisen aus, denen wir standzuhalten haben. Es ist letzten Endes der Herrschaftsanspruch Jesu an das persönliche Leben des einzelnen Christen, durch den wir immer neu in Frage gestellt werden, aber auch gerade dadurch das Wachsen zu ihm hin in allen Stücken lernen.

Die Gegenwart zeichnet sich wohl dadurch aus, daß Krisen und Spannungen ein immer größeres Ausmaß annehmen. Hier hinein versuche ich ein Wort der Hilfe und der Stärkung zu sagen. Dazu möchte ich eine Krise als die eigentliche angesehen wissen; nicht nur als eine vorübergehende, die im Leben des einzelnen kommt und wieder geht. Ich denke an die Krise, in der wir alle stehen, und die man wohl am besten als einen ungeheuren Sog zu verstehen hat. Er geht im wesentlichen von der Welt um uns aus, erfaßt den natürlichen Menschen in uns und zwingt damit dem geistigen Menschen in uns einen Kampf auf, nämlich, diesem Sog zu widerstehen, mindestens Distanz zu halten, sich nicht hineinziehen zu lassen. Dieser Sog ist, um es biblisch auszudrücken, ein endzeitliches Geschehen. Denn es gehört zu den Kennzeichen der Endzeit, daß wir, die wir uns zur Gemeinde Jesu zählen, abgezogen werden sollen von dem Weg, den unser Herr für seine Gemeinde in dieser letzten Zeit bestimmt hat. Das ist der Weg der Trübsal. Es ist der Weg der Bedrängnis und der Verfolgung, der Weg der Anfechtung und der Verachtung, der Weg der Einsamkeit und des kleinen Haufens. Demgegenüber steht immer wieder die Welt da mit vielen starken Verlockungen.

Jeder wird heute dort hineingezogen. Ob es nun das Auto ist oder der Kühlschank, das Einfamilienhaus oder die Sicherungen gegen Wechselfälle, der Lebensstandard oder ein angenehmes Leben   wir können uns praktisch nicht heraushalten. Damit soll nicht gesagt sein, daß diese Dinge nicht auch für Christen möglich sind. Aber es geht um die Haltung, die Paulus mit den Sätzen umreißt: »Alles ist euer, ihr aber seid Christi« (1. Kor. 3, 22. 23). »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen« (1. Kor. 6, 12). Ich halte es für außerordentlich wichtig, rechtzeitig darauf zu achten, daß dieser Sog da ist, daß er immer stärker nach uns greift und uns ein Leben aufzwingen will, das sich immer mehr der Welt angleicht.

Man verherrlicht eine Freiheit ohne Bindung und sieht nicht   oder will nicht sehen  , daß man in Gefahr steht, sich in neue Bindungen zu verstricken (Drogen, Sexualität, Alkohol, Ängste u. a.). Von anderer, aber nicht weniger bedrängender Art sind die Abhängigkeiten, die die Völker und die einzelnen durch die weltweiten wirtschaftlichen und politischen Krisen der Gegenwart zu spüren bekommen.

Wir müssen das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung Johannis, einmal von der Seite her verstehen und lesen, daß uns unser Herr jesus darin eine seelsorgerliche Hilfe geben will, dem Sog und den Sorgen zu widerstehen. Er zeichnet uns den Weg seiner Gemeinde in der letzten Zeit in vielen Einzelheiten auf. Wir sollen wissen, wie es uns ergehen wird, aber wir dürfen zugleich wissen, daß er uns durchtragen wird. Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Die Frage ist nur: Sind wir noch bei ihm? Wachsen wir in allen Stücken zu ihm hin oder verkümmern wir?

Vom Wesen der Anfechtung

Um nicht zu verkümmern, müssen wir um die Gefahren wissen, die unser geistliches Leben mit jesus bedrohen, und um die Mittel, mit denen wir diesen Gefahren zu begegnen haben. über das eine wie das andere bekommen wir von der Schrift her klare Weisungen. Vieles in der Welt führt uns in Versuchung und Anfechtung hinein. Dahinter steht eine Macht, die nur das eine Ziel hat, jeden einzelnen von uns, der sich zur Nachfolge Jesu entschlossen hat und sich bemüht, diesen Weg zu gehen, von den vier geistlichen Kraftquellen abzuschneiden, über die er die Verbindung mit seinem Herrn haben kann. Das sind die vier Übungen, die uns die Urgemeinde als Vorbild überliefert hat: Sie blieben einmütig beieinander in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet (Apg. 2, 42). Das heißt: Das Wort Gottes, Verkündigung im Gottesdienst, in der Versammlung, in Bibelstunden und bei Bibelarbeiten, ist die eine Kraftquelle, die wir für unser geistliches Leben nötig haben. Die Gemeinschaft untereinander ist die zweite. Das Brotbrechen, die Teilnahme am Tisch des Herrn, ist die dritte. Das Gebet, das gemeinsame, sowohl wie das Einzelgebet, ist die vierte. Und nichts ist Satan widerwärtiger, als daß wir uns von diesen Kraftquellen her speisen lassen. Deshalb versucht er mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, uns davon zu scheiden.

Es sind im wesentlichen drei Richtungen, von denen her sein Angriff erfolgt, und drei Zielpunkte in uns, auf die sein Stoß sich richtet. Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Diese drei Bereiche sind es, die Satan von unterschiedlichen Seiten her angreift. Es sind die Versuchungen vom Fleisch her, die auf den Leib hin gezielt sind. Es sind die Versuchungen von der Welt her, die auf die Seele sich erstrecken. Und es sind die Versuchungen vom Satan direkt, die auf unseren Geist sich richten. Man muß unterscheiden können. Er übt die Macht, die ihm gegeben ist, in allen drei Richtungen aus, wie es ihm zweckmäßig erscheint, und tut es jeweils meisterhaft; er betrügt und täuscht uns auf die listigste Weise. jeder von uns sollte es wissen, daß es diese drei Zielpunkte in uns und diese drei Angriffsrichtungen auf unser Menschsein gibt. Er braucht es, um die Diagnose stellen zu können, wenn er in der Anfechtung steckt. Wir müssen ferner wissen, was uns die Schrift als Gegenmaßnahme sagt, als Kampfmittel und Verhaltensweise gegen die erste Angriffsart, gegen die zweite und gegen die dritte.

Zuvor aber noch einige weitere Bemerkungen zum Wesen der Anfechtung bzw. der Versuchung. Beide Worte gebrauche ich hier im gleichen Sinne, wie auch Luther das Wort peirasmos des griechischen Urtextes im Neuen Testament sowohl mit Versuchung wie auch mit Anfechtung wiedergibt. Ich verstehe darunter jede Art von Verlockung, die von den eben genannten vier Kraftquellen des geistlichen Lebens abziehen will. Damit beschränke ich mich also auf Anfechtungen der Menschen, die an Jesus Christus glauben, und ihn, den Auferstandenen, als ihren Herrn anerkennen. Dabei sind natürlich alle die mit eingeschlossen, die   gerade von der Anfechtung her  immer wieder zitternd ihm bekennen müssen: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben« (Mark. 9, 24).

Als Erprobung unseres Glaubens gehören Anfechtungen zum Leben mit Christus notwendig dazu. Daß wir in Anfechtungen hineingeraten, ist also   wenn wir uns nicht mutwillig hineinbegeben, etwa um die »Tiefen des Satans zu erkennen« (Offb. 2, 24)   keine Schuld. Erst wenn wir in ihr versagen, werden wir schuldig und sind auf Jesu Vergebung angewiesen.

Ursache und Ziel der Anfechtung

Die Anfechtungen kommen, wie gesagt, vom Satan auf uns zu. Ich erinnere nur an die drei großen Beispiele, die uns die Bibel dazu gibt: Den Sündenfall des Menschen (1. Mose 3, 1 ff.), das Leiden Hiobs (Hiob 1, 6 ff.; 2, 1 ff.) und die Versuchung Jesu (Matth. 4, 1 ff.). Die Anfechtungen kommen nicht von Gott (Jak. 1, 13). Gott läßt sie nur zu. Wenn in 1. Mose 22, 1 übersetzt wird, Gott versuchte Abraham, so ist das nur im Sinne eines Erprobens zu verstehen. In gleicher Weise wird es vom Volke Israel ausgesagt: »Du sollst gedenken des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geführt hat in der Wüste, um dich zu demütigen und zu erproben, auf daß er erkenne, wie du gesinnt seist, ob du seine Gebote halten werdest oder nicht« (5. Mose 8, 2).

Die Grundsituation einer Versuchung besteht also darin, daß Gott uns   scheinbar   allein läßt und damit dem Teufel die Möglichkeit gibt, mit seinen Listen und Verlockungen an uns heranzukommen. Am uns ist es, gerade dann durch Jesus an Gott festzuhalten, unsere Ohnmacht zu erkennen, demütig zu werden und in ihm allein unsere Stärke zu haben (2. Kor. 12, 9. 10). Jesu Verlassenheit am Kreuz ist hier das eindrücklichste Beispiel. Nicht also die Anfechtung, wohl aber die Situation für eine Anfechtung kommt von Gott   als ein Mittel, uns in allen Stücken zu Christus hin wachsen zu lassen. Er ist es dann aber auch, der uns darin beisteht (vgl. dazu 1. Kor. 10, 13 und die Berichte Matth. 8, 23 26; 14, 22 27; 28 32). So muß Satan wider Willen Gott als Werkzeug dienen, damit er   der dreieinige Gott darüber gepriesen werde, wie er mit uns selbst zu seinem Ziele kommt. Dies Ziel ist die Heiligung derer, die zu Jesus Christus gehören (l. Thess. 4, 1 3), ihr Umgestaltet werden in sein Ebenbild (Röm. 8, 29).

Dazu bedarf es der Überwindung in den Anfechtungen. Auf ihr ruhen die großen Verheißungen Jesu in den Sendschreiben an die sieben Gemeinden (Offb. 2 und 3).

Deshalb dürfen wir uns schließlich der Anfechtungen sogar freuen  »Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet und erkennt, daß die Erprobung eures Glaubens Geduld wirkt! Die Geduld aber soll ein vollkommenes Werk zur Folge haben, damit ihr vollkommen und ganze Leute seid, die in nichts einen Mangel zeigen« (Jak. 1, 2 4). Abschließend sei bemerkt, daß von allen Versuchungen und Anfechtungen, die hier in Rede stehen, eine bestimmte sich grundsätzlich abhebt, nämlich die Versuchung, von der es in Offenbarung 3, 10 heißt: »Weil du bewahrt hast das Wort von meiner Geduld, will ich auch dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die da wohnen auf Erden.« Das griechische Wort hypomonä (Geduld) des Urtextes bezeichnet hier ein beharrliches Warten, und als Inhalt des Wartens ist die Wiederkunft Jesu zu verstehen. Wer also die Erfüllung dieser Verheißung beharrlich erwartet (vgl. Mark. 13, 13), wird der weltweiten Stunde der Versuchung enthoben werden. Daß das dem Beter geschenkt werde, ist der Sinn der 6. Bitte des Vaterunsers: »Führe uns nicht in Versuchung!« Damit bitten wir um die von Jesus zugesagte Bewahrung vor der Stunde der Versuchung, die im endzeitlichen Geschehen als Gericht Gottes über die Menschheit gewiß kommen wird.
Diese Bitte um Bewahrung ist uns geboten. Sie hat endzeitliches Gewicht. Doch hat auch unser Glaube und unser Verhalten dem zu entsprechen. Darauf gehe ich im Anhang (Abschluß und Hilfen) näher ein.

Anweisungen zur Überwindung

 

Die erste Art von Anfechtungen

Jeder von uns weiß wohl aus eigener Erfahrung: Mit unserem Leibe sind wir sehr vielen Verlockungen und damit Anfechtungen ausgesetzt. Es sind vielleicht die bekanntesten. Mancher verengt sogar das Wort »Sünde« auf diese Richtung hin, was aber irreführt. Man kann diese erste Art kennzeichnen durch die beiden Worte »Lust« und »Genuß«. Die Sinneslust, alles was mit der Erotik, mit unserer Geschlechtlichkeit zusammenhängt, ist eine äußerst versuchliche Seite in uns, und Satan weiß sie kräftig in uns anzusprechen. Man braucht nur auf die leichte Literatur in Kiosken zu achten, auf viele Illustrierte, Magazine u. a. Oder man denke an die zahlreichen Sex  und Pornofilme mit ihren Bildern, die so gerne in den Schaukästen ausgehängt und betrachtet werden. Oder man denke an die Anzeigen in Tageszeitungen, mit denen zum Besuch von Bars mit Nacktbedienung eingeladen wird. Es läuft alles nur darauf hinaus, die Sinnenlust in uns zu erregen. Auch die Mode hilft da kräftig mit.

Und daneben regt sich die Genußsucht, der Bauch. Auch der wird immer wieder gern zum Götzen gemacht. Unmäßigkeit und Völlerei nennt es die Bibel. Das ist uns ja aus den Lasterkatalogen im Neuen Testament geläufig (etwa 1. Kor. 6, 9. 10; Gal. 5, 19 21; Phil. 3, 18. 19; Kol. 3, 5). Und wie gerne machen wir da mit! Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß beides   die Lust und der Genuß  schwache und wunde Stellen in uns sind, mindestens im Wunschdenken und in der Phantasie. Es ist das natürliche Wesen des gefallenen Menschen.
Die Bibel weiß um das Treiben der Menschen, auch derer von heute, und spricht ganz nüchtern davon (2. Tim. 3, 1 8). Sie weiß auch, daß Menschen dies Treiben nicht hindern können, sondern es erst von Gott her sein Ende finden wird (2. Tim. 3, 9). Solange die verführerische Macht Satans sich auswirken und mehr und mehr steigern darf, leiden Christen darunter für die Menschen, die nichts von jesus wissen, und beten darum, daß Gott sein Wort wirken lasse und dem Treiben der Welt durch die Wiederkunft Jesu bald Einhalt gebieten möge (2. Thess. 3, 1. 2).
Es wäre daher kein biblischer Weg, wenn Christen sich und ihre Kinder in bester Absicht vor den Verführungen durch Lust und Genuß mit Verboten schützen und etwa festsetzen wollten, als Christ dürfe man nicht mehr tanzen, nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken, nicht mehr ins Kino gehen, dies und jenes nicht mehr tun. jesus hat uns vom Gesetzesdenken nicht dazu befreit, daß wir einer neuen Gesetzlichkeit verfallen. Schon die Fragestellung ist verkehrt. Es geht nicht um die besorgte Frage: Was darf ich als Christ tun, was muß ich lassen? Sondern es geht um die beglückende Erfahrung: Als Christ brauche ich die Freuden der Welt nicht mehr, kann ich gern alles lassen   weil meine Freude darin besteht, ihm Freude zu machen, so wie es ihm eine Lust ist, mir Gutes zu tun. Und gebunden an ihn sind wir völlig frei.
Wie aber komme ich zu dieser beglückenden Erfahrung? Wie lerne ich, in der Freiheit zu bestehen, zu der Christus midi befreit hat (Gal. 5, l)? Dazu brauche ich nur zweierlei zu wissen   eine Bewegung und ein Ziel  , und es zu tun! Die Bibel läßt mich darüber nicht im Unklaren. Es kommt nur darauf an, ob ich willens bin, mich auf das Ziel hin in Bewegung zu setzen.

Die erste Weisung: Flucht!

Der erste Schritt auf dem Wege ist ein Innehalten und ein Innewerden über dem schon eingangs genannten Schriftwort: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles ist heilsam. Alles ist mir erlaubt, aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen. Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird sowohl jenen wie diese zunichte machen. Der Leib dagegen ist nicht für die Unzucht, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib … Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Christi Glieder sind? Oder wißt ihr nicht, daß, wer einer Dirne anhängt, ein Leib mit ihr ist? … Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und daß ihr nid it euch selbst angehört? Denn ihr seid teuer erkauft worden; so verherrlicht nun Gott mit eurem Leibe!« (1. Kor. 6, 12.f).

Das bedeutet praktisch: Wenn ich spüre, daß ich durch Dinge der Lust und des Genusses von Jesus abgelenkt werde, wenn ich etwa merke, daß Illustriertenberichte mir die Bibellese unmöglich machen, daß Film oder Fernsehen in meine Träume und in mein Gebetsleben hineinfunken, daß ich beim Anblick von Süßigkeiten diesen nicht widerstehen kann   dann gibt es tatsächlich nichts anderes, als diese Dinge aus freiem Entschluß zu lassen.

Jesus sagt: »Wenn dich dein Auge ärgert, dann reiß es aus. Es ist dir besser, daß du einäugig in den Himmel eingehst, als mit zwei gesunden Augen in die Hölle« (Mark. 9, 47 ff.). Das ist klar und deutlich. Anders ausgedrückt: Die erste Maßnahme, die die Schrift uns diesen Verlockungen gegenüber befiehlt, die auf unsere Sinneslust und unsere Genußsucht abzielen, ist schlicht und einfach: Flucht. Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange (Sir. 21, 2)! Fliehe die Hurerei (1. Kor. 6, 18)! Fliehe vor dem Götzendienst (1. Kor. 10, 14)! Fliehe die Lüste der Jugend (2. Tim. 2, 22). Du, Gottesmensch, fliehe solches 1. Tim. 6, 11)!

Immer wieder die klare Anweisung: Flucht! Das ist keine Feigheit, sondern schriftgemäße Weisung. Gottes Wort empfiehlt es so. Und wenn wir es zehnmal erleben müssen, daß wir darüber ausgelacht werden. Wenn wir es hundertmal hören müssen: »Sei doch kein Spielverderber.« Wir sollen nicht die Hand bieten, wenn wir zu unlauteren Dingen aufgefordert werden.

Wir sollen den Fuß nicht gehen lassen, sondern umkehren, wenn andere uns auf schlüpfrige Wege führen wollen. In der Schule, bei der Berufsausbildung, am Arbeitsplatz, überall werden wir, ob jung oder alt, von Dingen der Lust und des Genusses angefochten, meist durch Verführung. Hier sich abzuwenden, erfordert Mut. Das Mitmachen ist in Gottes Augen Feigheit. In der Welt dagegen gilt das Mitmachen als Mut, und wer sich davon fernhält, wird als feige verspottet.

Aber noch einmal: Bei diesen Anweisungen der Bibel geht es nicht um Ver  oder Gebote, sondern um verläßliche Empfehlungen Gottes, der uns liebt. Alles ist erlaubt   aber nicht alles ist heilsam. Alles ist erlaubt   aber ich darf mich von nichts beherrschen lassen. Ich habe also die Wahl: Mitmachen oder krank werden. Mitmachen oder unfrei werden. Darum geht es, daß meine freie Entscheidung Konsequenzen hat. Deshalb sind die Ratschläge Gottes wert, beachtet zu werden. Sie wollen uns weder die Freiheit beschneiden noch die Lebensfreude nehmen. Sie wollen uns vor uns selber schützen. Denn wer sich an Lust und Genuß verliert, muß dafür zahlen. Er ist in Wirklichkeit unfrei und verliert letzten Endes sein Menschsein. Gott aber will, daß wir frei sind und uns freuen und daß unsere Freude vollkommen sei. Es ist viel von Freude in der Bibel die Rede, gerade im Neuen Testament. Und der Weg zur echten Freude besteht darin, daß Gott uns durch jesus frei macht von den Dingen, damit wir uns an den Dingen freuen können. Denn sie sind ja von ihm für uns gemacht worden.

Auch die natürliche Reaktion des anständigen Menschen dieser ersten Art von Anfechtungen gegenüber ist fehl am Platze, weil sie nichts nützt. Wenn wir etwa anfangen, Askese zu treiben, solchen Versuchungen aus eigener Kraft mit Selbstbeherrschung widerstehen zu wollen, so werden wir dabei elendig Schiffbruch erleiden. Idi habe es an mir selber erfahren müssen. Mir wurde es auch in der Seelsorge immer wieder eingestanden. Die Schrift hat recht: Der einzige Weg ist die Flucht. Schau nicht hin, wenn die Bilder und Plakate locken! Gehe nicht mit, wenn man dich zum Mittun verführen will oder wenn es dich nach dem »süßen Leben« gelüstet! Halt deine Hand fest, wenn sie nach Schmutz und Schund greifen oder sich an deinem oder eines andern Leib vergreifen will! Laß die Leute über dich lachen, über dich reden! Es geht um dich, um dein Menschsein, daß dein Leib ein Tempel des Heiligen Geistes sein darf. Um mehr noch geht es: um dein ewiges Leben, das Jesus dir erworben hat. Setze es nicht aufs Spiel!

Die zweite Weisung: Zum Kreuz hin!

Jeder von den Ratschlägen, den die Schrift uns für das Verhalten in der Anfechtung gibt, unterscheidet, wie schon gesagt, zwei Stücke: eine Bewegung und ein Ziel. Das eine habe ich für die erste Art eben genannt: Flucht! Das andere ist ebenso wichtig: Nicht blindlings fliehen! Wir müssen wissen, wohin wir zu fliehen haben vor den Verlockungen, die vom Fleische her auf uns zukommen. Da heißt es: »Du aber, o Mensch Gottes, fliehe dies, jage aber der Gerechtigkeit nach« 1l. Tim. 6, 11). Das Ziel ist also niemand anders als Jesu selbst, und zwar der Gekreuzigte. Denn er ist uns von Gott gemacht zur Gerechtigkeit (l. Kor. 1, 30), d.h. in ihm haben wir durch seinen Kreuzestod die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, in ihm sind wir vor Gott richtig. Hier erweist sich Jesus eindeutig als der Herr in einer irrenden und berührenden Menschheit. Denn weil er gelitten hat und da Del selbst versucht worden ist, vermag er denen, die versucht werden, zu helfen (Hebr. 2, 18).

Das geschieht, wenn ich es fertig bekomme, bei Angriffen vom Fleische her, die in mir Sinnlichkeit und Begierde erregen, innezuhalten, die Augen zu schließen und zu rufen: »Herr Jesus, hilf mir bitte! Ich will nicht unterliegen, aber ich schaffe es nicht allein. Gib mir bitte Kraft aus deinem Sieg!« In dieser Weise ehrlich zu beten, heißt sich zu jesus hinzuflüchten, an seinem Kreuz sich zu bergen. Dann kann die Anfechtung dieser Dinge nicht mehr gefährlich werden. Ein Spruch von Zinzendorf faßt beide Stücke der biblischen Anweisung kurz und treffend zusammen:

»Wenn mich die böse Lust anficht, so sag ich nur: Ich muß ja nicht.
Ich sprech zur Lust, zur Welt, zum Geiz.
Dafür hing ja mein Herr am Kreuz.«

Das soll und darf unsere Einstellung sein: Ich muß nicht mehr sündigen. jesus hat mich von Gebundenheit an Leib und Triebe frei gekämpft. Dafür ist er ans Kreuz gegangen, daß ich, von diesen Dingen angefochten, nicht mehr zu unterliegen brauche. Solange ich aber immer noch damit spiele, solange ich meine, ich könnte bis zu einer gewissen Grenze mitmachen, bin ich noch der selbstherrliche Mensch, der zu stolz ist, sich dem Worte Jesu zu beugen: »Wer in mir bleibt und ich in ihm, der trägt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun»« (Joh. 15, 5). Auch Überwindenkönnen ist eine Frucht, die nur aus dem Bleiben in Jesus erwächst. Wir dürfen nicht ausprobieren, wieweit wir vielleicht aus eigener Kraft widerstehen können. Wir müssen wissen, daß hier unsere schwachen Punkte sind, und uns an die Weisung halten: Flucht von der Anfechtung hin zum Kreuz!

Das Alte Testament hat hierfür ein sehr charakteristisches Beispiel, den Bericht der Bibel über das Volk Israel, das auf der Wanderung durch die Wüste immer wieder darüber murrt, daß nicht genug zu essen da sei. Und einmal schickt Gott ihnen Schlangen, durch deren Bisse viele Israeliten sterben (4. Mose 21, 4 9). Da wenden sie sich an Mose: »Bete doch für uns zum Herrn, daß er uns die Schlangen wegnimmt.« Mose tut es, aber die Erhörung fällt anders aus, als die Leute es sich gewünscht haben. Gott nimmt nicht die Schlangen weg. So nimmt Gott uns auch nicht die Anfechtung weg. Das wäre uns wohl das liebste. Er sagt stattdessen zu Mose: Richte eine eherne Schlange auf und lasse jeden in Israel, der von einer Schlange gebissen ist, dorthin schauen. Dann wird er nicht sterben.»« Diese eine Kopfwendung genügt: Blick von der leiblichen Anfechtung weg, die auf dich zukommt, und schau den Gekreuzigten an   dann hast du überwunden!

Die zweite Art von Anfechtungen

Betrachten wir als nächstes die zweite Stoßrichtung, die Anfechtungen von der Welt her, den Sog, der von der Welt auf unsere Seele zielt. Er geht insbesondere aus von der Hetze, der Hast und Unruhe, der Geschäftigkeit und dem Tempo, das das Leben um uns herum bestimmt. Lassen wir uns nicht auch in der Reichgottesarbeit allzu oft von Betriebsamkeit und falschem Eifer mitreißen? Erleben wir es heute nicht auch unter Christen, daß wir vieles mitmachen wollen, was die Welt tut? Fortschrittlich und modern sein, überkommene Traditionen als überholt abwerten – das ist die Parole. Auch an die Gemeinde tritt immer wieder die Versuchung heran, sich der Welt anzupassen, d.h. in einem falschen Sinne – unter Verkürzung der Botschaft, die wir der Welt zu geben haben – weltoffen zu sein. Das birgt eine große Gefahr für jeden einzelnen von uns.

Weitere Einflüsse, die von der Welt her auf unsere Seele zielen, sind falscher Ehrgeiz, Geltungssucht, Ehre suchen bei den Menschen, Stolz, das Streben nach Besitz, nach Macht und Einfluß, nach Herrschaft. Das gilt zunächst für das gesellschaftliche Leben in Beruf, Bekanntenkreis und Familie. Sind nicht auch wir Christen in der Gefahr, bei Feiern und Festen groß anzugeben? Mit großartigem Essen und aufwendigem Drum und Dran Eindruck zu machen? Wer wagt es dem gegenüber, um Jesu willen eine Familienfeier in einem bescheidenen Rahmen auszurichten und nicht das Essen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Wort Gottes?

Gerade diese Mitte soll uns ja genommen werden. Hetze, Unruhe und Terminkalender, Streben nach Ansehen und Einfluß sollen uns die tägliche stille Zeit rauben. Das ist der Sinn, den Satan damit verbindet. Er will uns vom Bibellesen abbringen, von der Stille und vom Gebet.
Das Streben nach Macht und Einfluß, nach Wohlstand und Sicherheit prägt aber auch das Handeln in der Politik und Weltwirtschaft. Neben die großen Machtblöcke der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken Rußlands mit ihren Satelliten auf der einen Seite und den Vereinigten Staaten von Amerika mit ihren Partnerländern Westeuropas auf der anderen Seite sind inzwischen die Volksrepublik China, die Staaten des afrikanischen Kontinents und die reichgewordenen arabischen Erdölländer getreten. jeder denkt nur an sich, schaut nur auf das Seine, strebt nach oben oder will oben bleiben, vertritt seine Ideologie und will damit die Welt überziehen.

Und so entstehen politische und wirtschaftliche Probleme weltweiten Ausmaßes mit Krieg, Revolution, Terrorismus, Unterdrückung, Inflation, Teuerung, Arbeitslosigkeit, Hungersnot, Rohstoffverknappung, Umweltverschmutzung und aus alledem tiefgreifende Sorgen der Völker, der gesellschaftlichen Institutionen bis hin zu Fragen der Existenz, des Überlebens, des Davonkommens der einzelnen. Auch von dieser Seite dringt die Welt mit ihren Problemen und Sorgen auf die Seele des Christen ein und bringt ihn in Unruhe, raubt ihm die Möglichkeit der Stille.

Die erste Weisung: Abstand!

Welche Weisung gibt uns nun die Schrift als Gegenmaßnahme gegen all die Unruhe und Angeberei, die von der Welt her uns ergreifen und vom Eigentlichen, den vier Kraftquellen, ablenken will? Hier heißt das erste Stück, die Bewegung: »«Stellet euch dieser Welt nicht gleich»« (Röm. 12, 2). Mit anderen Worten: Haltet Abstand! Wahrt Distanz! Wagt es, anders zu sein als die anderen, und haltet in dieser Spannung aus! Es geht tatsächlich um ein Aushalten.

Unser irdisches Leben als Christen vollzieht sich ja in dreifacher Hinsicht in unreiner Umgebung. Da sind zunächst wir selber, unser Fleisch, von dem es im Neuen Testament heißt: »Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt. Denn das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, das Vollbringen des Guten aber nicht. Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das führe ich aus. Nach dem inwendigen Menschen habe ich Lust zum Gesetz Gottes; ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Innern widerstreitet und mich zum Gefangenen des Gesetzes der Sünde macht, das in meinen Gliedern ist« (Röm. 7, 18. 19. 22. 23). Diese unreine Umgebung meines eigenen Ichs – Selbstsucht in Form von Lust und Genuß – überwinde ich in dem Wissen: »Was ich aber jetzt im Fleische lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat« (Gal. 2, 20). In diesem Wort leuchtet noch einmal die Weisung zur Überwindung der ersten Art von Anfechtungen auf.
Die zweite unreine Umgebung ist die Welt, die Menschheit als solche. Von ihr heißt es: »Und wie sie (die Menschen) es verworfen haben, Gott recht zu erkennen, so gab sie Gott in einen verworfenen Sinn dahin, zu tun, was sich nicht geziemt; sie, die erfüllt sind mit jeglicher Art von Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, Betrug, Tücke, Ohrenbläser, Verleumder, Gottesfeinde, Frevler, Hochmütige, Prahler, erfinderisch im Bösen, ungehorsam gegen die Eltern, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig; sie die das Recht Gottes zwar kennen (daß nämlich die, welche solches verüben, des Todes würdig sind), aber nicht nur selbst dies tun, sondern auch ihr Wohlgefallen an denen haben, die es verüben« (Röm. 1, 29 32). Von solcher Umgebung geht die zweite Art von Anfechtungen aus, und ihr gegenüber sollen wir – das ist hier die erste Weisung der Schrift – Abstand wahren.

Die dritte unreine Umgebung, in der wir leben, ist das Reich der Finsternis. Darauf komme ich bei der dritten Art von Anfechtungen zurück. Zunächst geht es um die Anfechtungen von der Welt her, zu deren Überwindung wir noch das zweite Stück, das Ziel, hören müssen.

Die zweite Weisung: Umwandlung!

Die Weisung von Römer 12, 2 lautet vollständig: »Stellet euch dieser Welt nicht gleich, sondern laßt euch umwandeln durch Erneuerung eurer Sinne.« Das bedeutet wieder etwas ganz Entscheidendes. Es wäre für manche z. B. sehr einfach, Abstand von der Welt zu halten, indem sie sich aus ihr zurückziehen, in dieser oder jener Form ein Einsiedlerleben führen oder in engen Kreisen und Gemeinschaften zusammenhocken und nichts mehr von der Welt wissen wollen. Das aber wäre verkehrt. Damit sage ich nichts gegen Bruderschaften oder Schwesternschaften, die sich gerufen wissen, zur Anbetung Gottes, zum Mitleiden mit Jesus Christus (Kol. 1, 24) und zur Seelsorge an den Menschen sich zusammenzuschließen. Für uns, die wir in Beruf und Familie stehen, ist das Abstandhalten von der Welt anders gemeint. Wir haben das Hohepriesterliche Gebet unseres Herrn zu beachten . »Sie sind nicht mehr von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin, aber ich bitte dich nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst. So wie du mich geschickt hast in die Welt, sende ich sie in die Welt« (Joh. 17, 15 18).

Wir haben einen Auftrag in der Welt und an die Welt. Deswegen dürfen wir uns nicht aus der Welt zurückziehen, müssen aber stets darauf achten, daß wir der Welt gegenüber Distanz wahren. Wir dürfen nicht alles mitmachen   um unseres Auftrags willen. Vielmehr sollen wir uns umwandeln lassen. Das Abstandhalten von der Welt bedeutet also, daß wir in diesem Abstand die Stille gewinnen, die wir brauchen, um Gemeinschaft mit Jesus zu haben, um seine Stimme zu hören und von ihm her uns sagen zu lassen, was bei uns anders werden soll. Wir werden unter seinem Wort laufend umgeprägt, und das große Ziel, auf das hin wir umgestaltet werden sollen, ist das Wesen Jesu Christi, sein Ebenbild. Das aber ist unmöglich, wenn wir uns vorn Wesen der Welt mitreißen lassen. Deshalb ist der Abstand von der Welt notwendig und in ihm die Stille, die Bibellese, das immerwährende Gebet zu Jesus, damit er uns umprägen und zurüsten kann. Alles das aber in dem Wissen um das Wort Jesu: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht tragt und daß eure Frucht bleibe. Wenn die Welt euch haßt, so erkennet, daß sie mich zuerst gehaßt hat. Wenn ihr aus der Welt wäret, würde die Welt das Ihrige lieben; weil ihr aber nicht aus der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, deshalb haßt euch die Welt« (Joh. 15, 16. 18. 19). Und die Frucht, um die es dabei in erster Linie geht, wird uns wie folgt verheißen: Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Gal. 5, 22).

Das also ist für die zweite Art von Anfechtungen die Anweisung der Schrift. Bei jedem Angriff auf unsere Seele durch Unruhe, Ehrgeiz, Geltenwollen, Stolz, durch Habsucht, Geiz oder Neid, durch Sorgen oder Existenzangst   loslassen, von der Welt Abstand wahren und in diesem Abstand stillehalten, beten und auf das Wort Gottes in der Bibel hören, damit Jesus uns umwandeln und mit neuer Vollmacht in die Welt senden kann! Abstand von der Welt zur Umwandlung für die Welt!

Die dritte Art von Anfechtungen

Nun die dritte Richtung und das dritte Ziel der Anfechtungen, unser Geist, d. h. unser Verstand und unser Denken. Hier, sagte ich schon, kommt Satan selbst auf uns zu in Form von Einflüsterungen, Eingebungen, Gedanken. Bei den beiden ersten Arten von Anfechtungen tarnt er sich und verschanzt sich hinter unserem Ich oder hinter der Welt.

Das erste, was er uns schickt, ist Zweifel am Worte Gottes. Sollte Gott gesagt haben? Ist die Bibel wirklich Gottes Wort? Ist nicht so vieles in der Bibel spätere Zutat? Von den Nachbarreligionen übernommen oder von der Urgemeinde hinzugefügt? Ist Jesus wahrhaftig auf erstanden? Ist er Gottes Sohn? Haben sich die Wunder wirklich ereignet? Oder handelt es sich dabei nur um Märchen und Mythen und Legenden? Der Zweifel an der absoluten Zuverlässigkeit des Wortes Gottes schleicht sich wohl bei jedem Blatt der Bibel in unser Denken ein.

Und immer steckt der Teufel dahinter, der uns aus dem Kraftbereich des Wortes Gottes herauslocken will auch wenn er sich in Menschengestalt tarnt. Der Spötter, der sich über den auf die Bibel Vertrauenden lustig macht; der Gottlose, der Bibel und Gemeinde mit Haß und Verachtung verfolgt; der Humanist, der die in der Bibel überlieferten göttlichen Normen um einer neuen, menschlichen Wünschen angepaßten Moral willen beiseite schiebt; der Irrlehrer, der die Bibel als Menschenwort hinstellt und Gottes große Taten in menschliche Reflektion umdeutet   sie alle dünken sich klug und dem Glaubenden überlegen und sind doch nur Werkzeuge im Dienste einer Macht, von der sie nichts wissen wollen. Sie kommen uns mit bestechenden logischen Argumenten, sie bringen uns wohltemperierte philosophische Konzeptionen, sie verweisen uns auf religionsgeschichtliche Parallelen in antiken Sagen und beseitigen uns das Ärgernis in der Botschaft und der Passion Jesu.

Und das alles aus »ehrlicher« Überzeugung, daß es nicht so gewesen sein kann, wie es die Bibel überliefert. Wenn überhaupt noch Glaube möglich sei, so meinen sie, dann nur als verstehender Glaube. Gott sei Dank, daß sie sich selbst nicht darüber einig sind, wie unser Glaube zu verstehen sei, und daß alles, was sie anbieten, so kompliziert ist, daß es kaum einer versteht!

Jesus urteilt darüber: »Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes« (Matth. 22, 29). Und Paulus sagt es in gleicher Weise: »Werdet rechtschaffen nüchtern und sündigt nicht; denn gewisse Leute haben keine Erkenntnis Gottes« (l. Kor. 15, 34). Schließlich schreibt Tertullian, einer der ersten christlichen Apologeten (um 200): »Welche Weise könnte ihnen (dem Satan und seinen Dämonen) mehr am Herzen liegen, als daß sie den Menschen vom Gedanken an die wahre Gottheit abbringen durch falsche Gaukeleien … Alle Mittel gegen die Wahrheit sind auf der Wahrheit selbst aufgebaut, und diese Rivalität bewirken die Geister des Irrtums. Von ihnen sind … Verfälschungen der Heilslehre aufgebracht worden, von ihnen auch manche dichterische Mythen eingegeben, die durch ihre Ähnlichkeit den Glauben an die Wahrheit erschüttern oder vielmehr ihn sich selber verschaffen sollen, so daß man deshalb den Christen nicht glauben zu müssen meint»« (Apologeticum, übersetzt von C. Becker, 22, 7 und 47, 11).

Hier wird die dritte unreine Umgebung, in der wir leben, das Reich der Finsternis, in seinen Auswirkungen besonders deutlich. Jesus warnte einmal Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren, in denen aber sein Wort keinen Fortschritt machte (Joh. 8, 31. 37), sehr scharf: »Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt die Gelüste eures Vaters tun. Der war von Anfang an ein Menschenmörder und stand nicht in der Wahrheit; denn Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben. Wer aus Gott ist, hört die Worte Gottes; deshalb hört ihr sie nicht, weil ihr nicht aus Gott seid« (Joh. 8, 43. 44. 47).

Wo immer Lüge und Irrtum herrschen, ist Satan am Werk, sogar wenn es ihn selbst betrifft. Ihm liegt nichts daran, daß wir an seine Existenz glauben. Er freut sich, wenn man ihn und seine Dämonen als mythologische Figuren erklärt oder ihn lediglich als Idee, als Prinzip, als das Böse versteht. Auch wer von seiner Existenz überzeugt ist, wird immer wieder von ihm getäuscht. Satan versucht nicht, gute Menschen schlecht oder böse Menschen noch schlechter zu machen. Im Gegenteil, er redet Menschen ein, sie könnten von sich aus gut werden – ohne Jesus Christus, etwa nach der Devise: Tue recht und scheue niemand. Eine Religion sei so gut wie die andere. Man brauche es mit dem christlichen Glauben und der Bibel nicht so genau zu nehmen.

Hand in Hand mit dem Ausstreuen von Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der biblischen Zeugnisse und von Irrtümern in ihrer Bewertung bewirkt Satan eine Stärkung des Vertrauens zu uns selbst. Das drückt sich etwa in einer anthropozentrisch ausgerichteten Theologie aus, aber ebenso im einseitigen Herausstellen einzelner Bibelworte ohne Rücksicht auf das Gesamtzeugnis der Bibel. Einen solchen fanatischen Gebrauch des Wortes Gottes finden wir bei Sektierern, Schwarmgeistern und anderen Eiferern. Sie verführen manchen zu einem falschen Glaubensleben. Eine weitere Folge sind christlich gefärbte Religionsgemeinschaften, die neben dem Erlösungswerk Jesu Christ, noch eine Leistung seitens des Menschen für notwendig erachten. Damit sind wir nicht weit vom Weg der Selbsterlösung durch eigenes Tun oder Verhalten. Selbst in den christlichen Gemeinden und Gemeinschaften kommen leider immer wieder selbstische Eigenschaften wie Ichbezogenheit, Lieblosigkeit, Hochmut vor und zeugen von einem Denken, das nicht unter der Zucht Christi steht, sondern noch vom Gegenspieler beherrscht wird. Aber auch Müdigkeit im Glaubensleben, Verzagtheit, Unlust zum Bibellesen, Abhaltungen vom Beten Satan uns auf dein Umweg über unser Denken. Sowie er merkt, wir wollen Gemeinschaft mit Jesus und seinem Wort haben, ist er auf dem Plan und läßt uns störende Gedanken einfallen oder macht uns müde und läßt uns einschlafen. Das deutlichste Beispiel aus dem Neuen Testament ist Jesu Erfahrung in Gethsemane: »So wenig vermochtet ihr, eine Stunde mit mir zu wachen? Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber ist schwach … Und er kam und fand sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren vom Schlaf überwältigt« (Matth. 26, 40 43).

Ebenso gehören die Anfechtungen, die uns durch Krankheiten, schweres Geschick und Leid jeder Art bereitet werden, in diese dritte Kategorie. Denn sie bringen uns ins Grübeln: Warum läßt Gott das zu? Warum geht es mir so schlecht? Warum haben es die Gottlosen so viel besser? Wir kennen solches Fragen aus manchen Psalmen und aus eigener Erfahrung. Jedes »Warum?« zu Gott hin ist im Grunde ein Zweifel an seiner Gerechtigkeit und seiner Güte und deshalb vom Satan.

Die erste Weisung: Widerstand

Was ist nun dieser dritten Art von Anfechtungen gegenüber die Maßnahme, die die Bibel uns als erstes vorschreibt? Da heißt es ganz eindeutig: »Widerstehet dem Teufel, dann fliehet er von euch« (Jak. 4, 7). Hier geht es tatsächlich um Widerstand. Ich erinnere an dieser Stelle an den ersten Punkt unserer Betrachtung. Wir sind meist geneigt, dort Widerstand zu leisten, wo Versuchungen vom Fleische her auf uns zukommen. Da versuchen wir es mit Askese und Selbstbeherrschung. Da meinen wir, wir hätten die Kraft mitzumachen, ohne zu fallen. Und hier, bei den Versuchungen vom Denken her, wo der Teufel auf uns zukommt, laufen wir weg. Denn ein Nachgeben gegenüber den Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Wortes Gottes, ein Ansiechreißen und Uminterpretieren seines Wortes, ein Nachlassen im Wachen und Beten, ein Grübeln über der Gerechtigkeit Gottes ist Flucht – Flucht in autonomes Denken, in das eigene Ich, in Kleinglauben und Irrglauben. Das lehrt uns insbesondere die Geschichte vom Sündenfall, die mit Zweifel beginnt (1. Mose 3, 1) und Flucht vor Gott zur Folge hat (1. Mose 3, 8).

Die Schrift aber gibt uns die umgekehrte Weisung. Flucht bei all den Verlockungen, die auf unseren Leib zukommen, jedoch Widerstand gegenüber den Versuchungen vom Denken und vom Verstand her. Wie der Widerstand zu praktizieren ist, zeigt uns am besten Jesus selbst, als er vom Teufel versucht wurde (Matth. 4, 1  11): »Es steht geschrieben!« Das ist die Waffe, mit der Jesus gestritten hat und die auch wir anzuwenden haben. Wenn heute einer von jenen Theologen auf uns zukommt, die uns einen verkürzten Christus verkündigen – einen Christus, der nicht der Sohn Gottes ist, der nicht für uns gestorben ist, der uns nicht durch sein Blut erlöst hat, der nicht auferstanden ist, der nicht zum Gericht wiederkommen wird – so sollen wir uns nicht auf Diskussionen mit ihm einlassen. Da werden wir immer den kürzeren ziehen, weil er uns im Argumentieren überlegen ist. Aber wenn wir ihm »naiv« erklären: »Das leuchtet mir nicht ein; in meiner Bibel steht es anders!«, dann wird er sich geschlagen geben. Denn er kommt mit einem großen Sendungsbewußtsein zu uns, daß er endlich die richtige Art bringe, wie die Bibel auszulegen sei, und daß wir glücklich sein müßten, diese neue Erklärung zu bekommen.

Die zweite Weisung: Vom Kreuz her

Allerdings muß man selbst fest im Worte Gottes, d.h. in Christus gegründet sein, ehe man sagen kann: »Das leuchtet mir nicht ein; es steht geschrieben!« Es kann sein, daß der Teufel trotz unseres Widerstandes durchaus nicht flieht. Denn auch diese Weisung der Schrift hat ihre andere Hälfte. Es heißt (Jak. 4, 7): »Unterwerfet euch Gott und widerstehet dem Teufel; dann fliehet er von euch.»« Wir können dem Teufel nicht aus eigener Kraft widerstehen. Ein solcher Versuch wäre vollkommen nutzlos. Wir können ihm nur dann Widerstand leisten, wenn wir uns zuvor Gott unterworfen haben. Anders ausgedrückt. Wir brauchen die volle geistige Waffenrüstung, die uns im Epheserbrief genannt wird (Eph. 6, 13 17), den Panzer der Gerechtigkeit, d. h. das Blut Jesu Christi, das uns deckt und schützt, ferner den Helm des Heils, den Schild des Glaubens, das Schwert des Geistes, den Gürtel der Wahrheit, die Schuhe der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verkünden. Diese Rüstung anlegen heißt: »Unterwerfet euch Gott!« Oder noch anders ausgedrückt: Kämpfe vom Kreuze her! Denke daran, daß der Gekreuzigte für dich gestorben ist! Sei gewiß, daß du in der Beugung und Buße vor Gott Vergebung und Vollmacht empfangen hast!

Auch als Glaubende können wir nicht hindern, daß uns schlechte Gedanken kommen: selbstsüchtige, nachtragende, zweifelnde, schmutzige, böse, mitunter sogar lästerliche. Satan schickt sie uns. Aber wir können und müssen verhindern, daß sie sich bei uns festsetzen. Kommt es zu solchen Gedanken, dann sofort mehrmals nachdrücklich zu Jesus rufen: Herr Jesus, ich will so etwas nicht denken. Wehre du bitte dem Bösen, daß er von mir abläßt!

Und wenn dich Satan ganz hartnäckig angreift und verfolgt, dann gehe gegen ihn an mit dem stillen Gebet  »Ich bin ein Jünger Jesu; ich stehe unter dem Schutz des Blutes Jesu, das auch für mich geflossen ist. In seinem Namen gebiete ich dir: Hebe dich hinweg, Satan!«
Vom festen Gegründetsein im Worte Gottes, gewonnen aus ehrfürchtigem Forschen in der Schrift und treuem Umgang mit dem Herrn im Gebet, bis hin zu dieser schärfsten Form des Widerstandes: »Hebe dich hinweg, Satan!« brauchen wir die ganze Waffenrüstung Gottes, um Anfechtungen, die auf unseren Geist zukommen, überwinden zu können.

Abschluß und Hilfen

Zusammenfassung

Damit habe ich die drei Richtungen angegeben, aus denen Anfechtungen auf uns zukommen und uns abziehen wollen von den Kraftquellen des Glaubens. Wir haben aber auch die drei Gegenmaßnahmen gehört, die den Jüngern Jesu von der Schrift her gewiesen werden und die auch wir gebrauchen sollen. Noch einmal: Im ersten Falle, bei den Versuchungen vom Fleisch her, Flucht von den Anfechtungen weg zum Kreuz Jesu hin. Im zweiten Fall, bei den Anfechtungen von der Welt her, Abstand von ihr wahren und in diesem Abstand bei Jesus am Kreuz sein. Und im dritten Fall, bei den Anfechtungen vom Teufel selbst her, Widerstand gegen Satan vom Kreuze aus. Diese drei Mittel sind so einprägsam in ihrer Bewegung – Flucht auf das Kreuz zu, Verharren am Kreuz, Vorstoß vom Kreuz her – daß sie jedes Kind behalten kann. So wunderbar einfach und klar ist die Schrift in ihren Anweisungen.

Wir müssen sie uns nur einmal deutlich gemacht haben. Dann erkennen wir zugleich, daß wir die Anfechtungen brauchen, da wir an ihnen im Glauben wachsen und reifen. Und wir wissen uns in ihnen gehalten vom Herrn und gestärkt durch sein Wort: »Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle! Es hat euch noch keine Versuchung erfaßt als nur menschliche; Gott aber ist getreu, der euch nicht über euer Vermögen wird versuchen lassen, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, so daß ihr sie ertragen könnt« (1. Kor. 10, 12. 13).

Nun heißt es nur noch lernen, im Einzelfall die Diagnose zu finden. Ich habe hier betont systematisch gesprochen. Häufig sind die Zusammenhänge nicht immer so einfach auseinanderzulegen, sondern es kommen Anfechtungen auch in gemischter Form auf uns zu, etwa Welt und Fleisch zugleich auf unseren Leib oder Welt und Teufel zugleich auf Geist und Seele. Aber wenn wir überhaupt einmal die drei Angriffsrichtungen und  ziele zu unterscheiden gelernt haben, sollte es uns leicht fallen, auch in Anfechtungen gemischter Art die Hauptquelle herauszufinden. Daß wir dann wissen, wie wir uns zu verhalten haben, ist das Entscheidende.

Aber so einfach die Anweisungen der Schrift sind, sie müssen geübt werden. Wir können sie nicht von selber. Wir lernen sie auch nicht von heute auf morgen. Und wenn wir fallen, so wollen wir nicht aufgeben, nicht verzweifeln. Wir lernen dadurch nur um so besser die schwachen Stellen in uns kennen, und das ist wichtig. Denn das Ziel jeder Anfechtung ist ihre Überwindung. Dazu haben wir bei unserem Herrn noch einmal in die Schule zu gehen, und es schadet nichts, wenn wir zu wollen Fünfen schreiben oder nicht versetzt werden. Nur ei dadurch, daß wir versagen, aber dann doch wieder zurückfinden zu unserem Herrn und uns vergeben lassen, üben wir uns im Überwinden, spüren wir seine Nähe und seine Hilfe. Er ist ein wunderbarer Lehrer, unbestechlich in seiner Gerechtigkeit, unübertroffen in der rechten Anwendung von Liebe und Strenge. Er bringt uns durch, auch wenn wir noch so ungeschickt sind. Die Hauptsache ist, daß wir an ihm bleiben. Das ist der Weg zur Lösung jeder Krise, für den Christen wie für den autonomen Menschen. Beide brauchen dazu seelsorgerlichen Beistand und sollten ihn suchen und in Anspruch nehmen. Der Weltmensch verliert dabei zwar seine Autonomie, tauscht jedoch etwas Besseres ein: Er wird frei von sich selbst, frei von den Dingen dieser Welt, frei von der Angst und von der Macht der Finsternis.

Gebete in der Anfechtung

Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott. Wann werde ich kommen und Gottes Angesicht schauen? Tränen sind meine Speise geworden bei Tag und Nacht, da man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Was bist du so gebeugt, meine Seele, und so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, ihm, meinem Helfer und meinem Gott!  –  Psalm 42, 3. 4. 6.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir, höre auf meine Stimme! Laß deine Ohren merken auf mein lautes Flehen! Wenn du die Sünden anrechnest, Herr, wer kann bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, auf daß man dich fürchte. Ich hoffe auf dich, o Herr, meine Seele hofft auf dein Wort. – Psalm 130, 1- 5

Zu dir, o Herr, erhebe ich meine Seele, deiner harre ich allezeit, mein Gott. Auf dich vertraue ich, laß mich nicht zuschanden werden, laß meine Feinde nicht über mich frohlocken.
Nein, keiner, der auf dich harrt, wird zuschanden. Zuschanden werden die schnöden Verräter.
Zeige mir, o Herr, deine Wege, deine Pfade lehre mich. Leite mich in deiner Wahrheit, lehre mich. Denn du bist der Gott meines Heils.
Gedenke, o Herr, deiner Barmherzigkeit und deiner Gnaden, die von Ewigkeit her sind. Der Sünden meiner Jugend gedenke nicht! Nach deiner Gnade gedenke mein, o Herr, um deiner Güte willen.  –  Psalm 25, 1 – 7

Das will ich zu Herzen nehmen, darum will ich hoffen. Die Guttaten des Herrn sind noch nicht aus, ja, sie sind noch nicht zu Ende. jeden Morgen neu ist sein Erbarmen, und groß ist seine Treue. Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. Der Herr ist gütig gegen den, der auf ihn hofft, gegen die Seele, die ihn sucht. Es ist gut, in Stille zu harren auf die Hilfe des Herrn.  –  Klagelieder 3, 21 – 26

Trost und Verheißung

In allem werden wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet. Daher werden wir nicht mutlos, sondern ob auch unser äußerer Mensch zerstört wird, so wird doch unser innerer von Tag zu Tag erneuert. Denn die schnell vorübergehende leichte Last unserer Trübsal schafft uns nach überreichem Maße zu überreichem Ertrag ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, da wir nicht schauen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig.  –  2. Korinther 4, 8. 9. 16-18
Selig ist der Mann, der die Versuchung standhaft erträgt, denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche er (Gott) denen verheißen, die ihn lieben.  –  Jakobus l, 12
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.  –  1. Johannes 3, 8

Die große Versuchung

Neben all den vielen Versuchungen und Anfechtungen, von denen hier gesprochen wurde, kommt in der heutigen Zeit, die ja bereits endzeitlichen Charakter trägt, einer Versuchung ein besonderes Gewicht zu. Von ihr spricht Jesus im Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia (Offb. 3, 10): »Weil du bewahrt hast das Wort von meiner Geduld, will ich auch dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Erdkreis, zu versuchen, die da wohnen auf Erden.« Worin die Versuchung im einzelnen bestehen wird, sagt Jesus nicht, aber daß auch die Gläubigen in ihr nicht ohne ihn werden standhalten können, sagt er zum einen in Matthäus 24, 21, zum andern in der sechsten Bitte des Vaterunsers: »Führe uns nicht in Versuchung.« Diese Bitte schließt das ein, was Jesus der Gemeinde in Philadelphia verheißt: sie zu bewahren vor der Stunde der Versuchung, d.h. sie gar nicht erst in die Versuchung hineingeraten zu lassen.

Die Gemeinde in Philadelphia ist die einzige der sieben Sendschreiben-Gemeinden, die Jesus durch diese Verheißung auszeichnet. Was ist das Wesentliche an ihrem Verhalten? Was ist es, das Jesus an ihr anerkennt und lobt? Es sind die Worte, mit denen er ihr die offene Tür zusagt, d.h. die Möglichkeit, im Segen für ihn zu wirken: »Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort behalten und hast meinen Namen nicht verleugnet« (Offb. 3, 8). Wie dürfen wir das verstehen?

Kleine Kraft, das bedeutet: Die Gemeinde überhebt sich nicht, bildet sich nichts ein auf ihr Leben in der Nachfolge und auf ihre Missionstätigkeit. Sie gibt in allem Jesus die Ehre. Sie begnügt sich nicht nur mit der kleinen Kraft, sie bittet darum. Denn ihr liegt an seiner Gnade, weil sie weiß: Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Kor. 12, 9). Sie schaut nicht auf sich, sondern auf ihn in allem, was sie tut.

Mein Wort behalten, das bedeutet: Für sie ist die Bibel Gottes Wort, absolut zuverlässig und alleiniger Maßstab für Glauben und Leben. Die Gemeinde läßt sich nicht irremachen durch neue Lehren, weiß aber auch daß nicht der Buchstabe, sondern der Geist das Bibelwort mit Leben füllt und daß über dem geschriebenen Wort das lebendige Wort, Jesus, steht. Er ist es, der zu behalten ist. Insbesondere hebt jesus hervor, daß die Gemeinde »das Wort von seiner Geduld« behalten hat, d.h. von seiner sich hinziehenden Wiederkunft. So erwartet er auch heute von den Seinen, daß sie nicht nur fest mit seiner Wiederkunft rechnen, sondern sich in großer Freude und sehnendem Verlangen darauf zubereiten.

Meinen Namen nicht verleugnen, das bedeutet: Die Gemeinde bekennt sich zu Jesus als dem Sohne Gottes, von der Jungfrau Maria geboren. Sie bekennt, daß in ihm der allmächtige Gott Mensch geworden ist, um stellvertretend für die verlorene Menschheit das Sühnopfer zu bringen, das jeden, der es annimmt, mit Gott versöhnt. Sie bekennt, daß jesus gekommen ist, die Werke des Teufels zu zerstören und daß er durch seinen Gehorsam bis zum Tode am Kreuz Hölle Tod und Teufel überwunden hat. Sie bekennt sich zu Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Damit ist in Kürze angegeben, was Jesus von den Seinen erwartet, wenn er sie vor der Stunde der Versuchung bewahren soll. Dazu läßt er seinen Ruf hören: »Tut Buße und glaubt an das Evangelium!» Wir dürfen daran glauben, daß in Jesus die Herrschaft Gottes begonnen hat und bald zum vollen Durchbruch kommen wird. Alle andern Mächte, so stark sie sich geben und so heftig sie die Gemeinde Jesu verfolgen, sind im Vergehen. Im Namen JESUS liegt die Kraft, vor der sie weichen müssen, vor der aber auch alles in uns weichen muß, was Sündenerkenntnis und Buße hindern will.

Weitere Schriften von Prof. Rohrbach auf meiner Internetseite sind:

1. Unsichtbare Mächte und die Macht Jesu
2. Die Jungfrauengeburt

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

 

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