Herkunft u. Zukunft d. Menschen

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HERKUNFT UND ZUKUNFT DES MENSCHEN


Ein kritischer Überblick der dem Darwinismus und Christentum zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen und geistlichen Prinzipien

Von A. E. Wilder-Smith,  –  Dr. phil., Dr. rer. nat., Dr. es. Sc.

 

Inhaltsverzeichnis

I. Der Mensch – ein Tier höchster Intelligenz?
a) Was lehrt die Deszendenztheorie?
b) Was lehrt die Bibel?

II Sind die Hauptpostulate des Darwinismus von der Naturwissenschaft her
   tragbar?  
 
1. Die Ähnlichkeiten zwischen Menschen, Tieren und allen lebenden Zellen
2. Ist eine Emporentwicklung durch Zufall theoretisch möglich oder wahrscheinlich?
3. Etwas mehr über den zweiten thermodynamischen Hauptsatz
4. Einige Gedanken zur Frage der Umwandlung einer Spezies in eine andere während der Entwicklung
5. Das Problem der rudimentären Organe 
 
III. Das Problem des Alters der Menschheit nach der Bibel und nach der
     Evolutionstheorie.

1. Biblische Chronologie
2. Stammbäume
3. Der Turmbau zu Babel   
4. Geologische Zeitrechnung   
5. Die C/14 – Datierungsmethode   
6. Leitfossilien (Index Fossils)
7. Der Piltdown-Mensch
8. Professor Dr. S. B. Leakey
9. Fußtritte eines Dinosauriers und eines Menschen in einem Flußbett
10. Menschliche Fußtritte in Karbonformationen   
11. Das Problem der Zwischenstufen   
12. Zeitrechnung und Alter, ihre Zusammenhänge mit der Schöpfung

IV. Gesteuerte Evolution
1. Aufbesserung einer Rasse durch gezielte Züchtung
2. Die synthetische Erzeugung des Lebens und Verleugnung des Postulats eines Gottes
3. Evolution mit Gottespostulat?   
4. Einige Folgen der Darwinschen Lehre in der politischen Welt . . .

V. Die Zukunft des Menschen
1. Nihilismus des einzelnen im Darwinismus
2. Stoffwechsel und Individualität
3. Das Tao
4. Die Wesensstruktur des Menschen
5. Metamorphose des Leibes anläßlich der Auferstehung Jesu
6. Die Metamorphose des Menschen

  –  Vorliegender Beitrag ist ein von mir stark gekürzter Auszug aus dem oben genannten Buch. Dabei geht es mir weniger um die Darstellung einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung als um die Folgen der Evolutionstheorie in der politischen Welt.      H. Koch, im Mai 2006 –

Vorwort

Von zahlreichen Pfarrern, Predigern und sogenannten Laien bin ich in den letzten Jahren aufgefordert worden, das schon seit einigen Jahren vergriffene Heft „Die Problematik der Deszendenzlehre“ (Brockhaus-Verlag, Wuppertal 1949) neu herauszugeben. Einige Jahre sind nun seit der Abfassung dieser Abhandlung vergangen, Jahre des Fortschritts in allen geistigen Bereichen. Viele neue Erkenntnisse sind auch auf diesem Gebiet gewonnen worden. Trotzdem stelle ich mit Freude fest, daß die neuen Erkenntnisse mich in meiner ersten These nur bestärkt haben. Obwohl ich jetzt manches berücksichtigen muß, was vor wenigen Jahren noch unbekannt war, bleibt die Hauptsache noch fester bestehen als vor fünfzehn Jahren.

Ich weiß, daß die Naturwissenschaft zu dem von Gott geschenkten Glauben nichts beitragen kann. Doch habe ich auf meinen Reisen oft feststellen müssen, daß es manchen bibeltreuen Pfarrern und Predigern Not bereitet, denen, die ihnen anvertraut sind, eine wissenschaftlich und theologisch tragbare Basis zur Bibel als Wort Gottes zu ermöglichen. Es genügt in diesem technologischen Alter durchaus nicht, dem jungen gläubigen Menschen zu beteuern, daß er „blind“ glauben muß, auch wenn die Bibel sagt, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen, Eva sei aus Adams Seite genommen worden, und eine Schlange habe die ersten Menschen zum Sündenfall verführt. Man meint, daß die „sicheren Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft“ alle diese Berichte der Bibel überzeugend widerlegen. An offenbaren „Unsinn“ kann ich jedoch nicht glauben – und sowohl die Naturwissenschaft als auch die Theologie, die oft hinter der Naturwissenschaft herhinkt, behaupten, daß es gerade das ist, was viele Bibelchristen tun, nämlich, daß sie an diesen offenbaren „Unsinn“ glauben.
Sicher muß der Glaube, um wirksam zu werden, oft „blind“ sein, und die Gebete Alten und Neuen Testaments beweisen dies. Aber beim besten Willen könnte ich, auch wenn die Bibel mich dazu auffordern würde, zum Beispiel nicht glauben, daß der Prophet Jona einen Wal veschluckt habe – das wäge doch „Unsinn“, intellektuell unehrlich und deshalb zu verwerfen. Umgekehrt aber, daß ein großer Fisch den Jona verschluckt habe, ist schon möglich, wenn es auch rein menschlich gesehen unwahrscheinlich ist. Doch ist diese Angelegenheit nicht unsinnig. Es wird nun heutzutage oft so getan, als ob der biblische Bericht über die Entstehung der Welt und des Menschen unglaubwürdig, ja fast unsinnig sei, wenigstens vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus.

Wenn aber Jesus an die sieben Tage der Schöpfung, an Adam und Eva, an den Garten Eden, an die Schlange, an den Sündenfall usw. naiv glaubte, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob diese Berichte naturwissenschaftlich gesehen unsinnig sind. Die moderne Naturwissenschaft und die Theologie lehren uns fleißig, daß das Weltbild der Bibel heutzutage unhaltbar geworden sei, daß also Jesus ein Kind seiner Zeit war und an diese Märchen (Unsinn), wie alle seine Zeitgenossen, glaubte. Wenn nun der Herr Jesus wirklich an „Unsinn“ glaubte, kommt der gottesfürchtige Christ in intellektuelle Schwierigkeiten, die für seinen Glauben ernsthafte Folgen haben können. Sagte Jesus uns nicht immer die exakte, präzise Wahrheit, war sein Geist mit allerlei der Wahrheit nicht entsprechenden Vorstellungen über die Schöpfung erfüllt? Er nannte sich doch selbst „die Wahrheit“! Wußte der Sohn Gottes alles oder nicht alles, hatte er als Mensch falsche Vorstellungen über irgend etwas? Konnte man ihn irgendwie täuschen? Judas versuchte es. War sein Weltbild ein Niederschlag seiner Generation – und also falsch?
Ich glaube es nicht. Ich bekenne mich, auch als Naturwissenschaftler, zu der Überzeugung, daß Jesus, auch bezüglich seines biblischen Weltbildes, die Wahrheit war und daß auch die Naturwissenschaft ihn und seine Ideen nie überholt hat noch überholen wird. Durch und für ihn sind doch alle Dinge erschaffen worden. Er dürfte also Bescheid wissen.
Ich hoffe, daß die nachfolgenden Ausführungen dazu beitragen werden, es dem bibeltreuen Menschen leichter zu machen zu glauben, daß die großen Linien der modernen Wissenschaft die Aussagen der Heiligen Schrift auch über Schöpfungsfragen völlig bestätigen, daß man naturwissenschaftlich durchaus intellektuell ehrlich sein und zur gleichen Zeit an Jesus Christus von Herzen glauben kann.  –  A. E. Wilder-Smith

I.  Der Mensch  –  ein Tier höchster Intelligenz?

Seit alters her beschäftigt den Menschen die Frage seiner Herkunft. Heutzutage stehen sich zwei Meinungen dabei gegenüber: einmal die allgemeine Auffassung, die in allen Universitäten, Hochschulen und Schulen des Westens sowie auch des Ostens ohne ernsten Widerspruch gelehrt wird, der Mensch habe sich aus den niederen Lebewesen zu seinem jetzigen Stand nach den Vorstellungen von Darwin und seinen Schülern emporentwickelt. Der Mensch sei also letzten Endes nichts anderes als ein Tier höchster Intelligenz. Zum andern aber der Bericht der Bibel, der den Menschen als fertige Schöpfung hinstellt. Auf die verschiedenen Vorstellungen gewisser heidnischer Religionen über die Schöpfung kann ich hier nicht eingehen.

Wollen wir über das eine gleich am Anfang ganz klar sein, nämlich daß der Darwinismus und der Neodarwinismus in den Händen der Atheisten die Hauptwaffen gegen christliche Lehre und christlichen Glauben überall in der modernen Welt gewesen sind. Die Kommunisten benutzen offiziell die „Tatsachen“ der Evolution, um allen Glauben theistischer oder christlicher Art unmöglich, ja lächerlich zu machen. Atheismus und Darwinismus sind im Osten offizielle Staatslehre, und der Darwinismus bietet dafür die wissenschaftliche Basis.

Im folgenden wollen wir untersuchen, ob
a) der moderne Darwinismus den Gottgedanken überflüssig macht und deshalb wirklich als Waffe in der Hand der Atheisten dienen kann, und
b) ob Gott durch Evolution in der Pflanzen- und Tierwelt die heutige Schöpfung zustande brachte, d. h. ob man Gott in der Tat in der Evolution am Werke sieht.

Beide Meinungen geben eine Evolution als Tatsache zu. Allerdings werden wir im Laufe unserer Ausführungen noch prinzipiell prüfen müssen, ob diese in beiden Auffassungen enthaltene Annahme einer langsamen Evolution von Tieren und Pflanzen nach oben naturwissenschaftlich zu begründen ist.

A) Was lehrt die Deszendenztheorie?

a) Alle Tiere und Pflanzen, die wir in der heutigen Naturwelt kennen, entstammen einer primitiven Urzelle. Das Leben, vom primitivsten Anfang an, ist also kontinuierlich, und alle Lebensformen sind deshalb genetisch verwandt und voneinander abgeleitet.

b) Aber wenn alle Lebensformen von einer Form (Urzelle) abgeleitet sind, haben sich diese Formen offenbar im Laufe der Zeit verändert. Die Verschiedenartigkeit hat sich aus einer „genormten“ Primitivität herausentwickelt. Die Entwicklungslehre versucht, eine Erklärung der Methodik dieses Entwicklungsverfahrens darzustellen.

Die postulierte Methodik ist die, daß Modifikationen durch Zufall entstanden sind. Man nennt diese Veränderungen Mutationen, die dann genetisch, d. h. in der Nachkommenschaft der Zelle, erhalten bleiben. Die zufälligen Mutationen, die der Zelle oder dem Organismus im Kampf ums Dasein einen Vorteil verleihen, bleiben also erhalten – die Besitzer der Mutationen haben einen Vorsprung vor den Nichtbesitzern und können sich deshalb zahlreicher fortpflanzen als die anderen. Es gibt kleine und große Veränderungen, die durch ionisierende Strahlen oder auch durch chemische Substanzen hervorgerufen werden. Einige entstehen ohne besonders feststellbare Ursache bei der Zellteilung. Die Distribution dieser Veränderungen wird dem Gesetz des Zufalls zugeschrieben. Mutationen (Megamutationen) erklären die sprunghaften Erscheinungen von neuen Spezies, die man in den geologischen Schichten festgestellt zu haben meint.

c) Zwischen allen Organismen besteht ein Kampf ums Dasein. Friedliches Zusammenleben (Symbiose) kommt weniger vor als Kampf. Aber nur auf Grund dieses Kampfzustandes ist eine Entwicklung nach oben im Darwinschen Sinne möglich. Ohne Kampf gäbe es keine Vorteile im Kampf für die neu hervorgerufenen Mutationen den älteren Organismen gegenüber, und darum gäbe es auch keine fortschreitende Entwicklung ohne Kampf. Evolution ohne den Grundsatz des Kampfes ums Dasein kann man nicht erklären, denn sie ist von Vorteilen gerade in diesem Kampf abhängig.

d) Weil Evolution so langsam vor sich geht, nimmt sie ungeheuer große Zeitspannen in Anspruch – Millionen von Jahren.

An Hand dieser vier Hauptpostulate zeigt sich, wie eine primitive Zelle – nach der Methode des Darwinismus und vorausgesetzt, daß überhaupt Leben vorhanden ist – sich langsam in der Rangordnung der lebenden Organismen von „unten“ nach „oben“ emporentwickelt, und zwar ganz „automatisch“, d. h. ohne dаß irgendein Gott nötig wäre, der alles ordnet oder leitet. Deshalb lehrt man heute, dаß vom wissenschaftlichen Standpunkt aus der Gottgedanke vertrieben worden ist. Seine leitende Hand ist heute ein überflüssiges Postulat.

Die meisten Darwinisten tun noch einen weiteren Schritt. Sie behaupten, weil das primitive Leben und die primitive Zelle so sehr einfach gewesen sein müssen, sei sie auch durch reinen Zufall entstanden. In einem Urmeer, in dem anorganische Salze, Ammoniak, Kohlensäure usw. in den richtigen Proportionen vorhanden waren, entstanden zufällig Aminosäuren, die sich dann zu Polypeptiden kondensierten. Aus den Polypeptiden entstanden Eiweiße, die dann Nukleinsäuren usw. produzierten. Schließlich stand die primitive lebende Zelle da (Urzeugung), und zwar ohne jeglichen Schöpfungsakt Gottes. Der einzige Schöpfer, der am Werk war, heißt Zufall, der über große Zeitspannen verfügt, um sein Werk zu vervollkommnen.
So weit die Deszendenzlehre in ihren groben Zügen!

B) Was lehrt die Bibel?

Was lehrt uns nun die Bibel, die sich ausgibt, Offenbarung Gottes zu sein, auch in bezug auf die Entstehung der Naturwelt und des Weltalls, also in bezug auf das gleiche Thema, das die Entwicklungslehre behandelt? Skizzenhaft müssen wir den biblischen Bericht schildern, denn manches wird der Bibel in die Schuhe geschoben, besonders auf diese Gebiet, was sie gar nicht lehrt.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die wüst und leer waren. Nach dieser ersten Handlung werden sieben spezifische Tage genannt, während derer Gott das, was wir heute kennen, erschaffen oder geformt hat. Alle Tiere und Pflanzen werden ihrer Art gemäß erschaffen, und ihrer Art gemäß besamen sie sich und tragen Frucht. Das heißt also, daß der Bibel nach die lebendigen Organismen relativ konstant in ihren Spezies bleiben und daß die verschiedenartigen lebendigen Wesen genetisch nicht kontinuierlich sind – im Gegensatz zu der Deszendenzlehre.

Andererseits aber ist nach dem biblischen Bericht keine absolute Konstantheit der Spezies postuliert. Es wird z. B. berichtet, daß die verschiedenen menschlichen Rassen, die schwarze, die weiße, die semitische usw., sämtlich von einem Paar stammen, nämlich von Noah und seinem Weib.

Nach dem biblischen Bericht sind also kleine Veränderungen beschrieben; es wird aber nicht behauptet, daß alle Tiere und Pflanzen von einer primitiven Urzelle abstammen. Wenn man es in die Bibel nicht bewußt hineinliest, würde man wohl nie auf die Idee kommen, daß die Schöpfung des dritten Tages (Pflanzen) und die des fünften und sechsten Tages (Tiere und Menschen) eine langsame Evolution von einer Lebensform in eine andere durch Millionen von Jahren darstelle.
„Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art“ (1. Mose 1, 24) und:
„Jehova formte den Menschen, Staub der Erde, und hauchte ihm den Hauch des Lebens in seine Nase ein“ (1. Mose 2, 7) und:
Jehova ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloß ihre Stelle mit Fleisch; und Jehova baute aus der Rippe …. ein Weib, und er brachte sie zu dem Menschen.“
(1. Mose 2, 21. 22.)

Alle diese Stellen klingen kaum wie die Darwinschen Beschreibungen eines Millionen von Jahren hindurch währenden Vorgangs, in dem ein Tier sich allmählich aus anderen primitiveren Formen herausentwickelt habe, und zwar nicht unter der persönlich formenden Hand Gottes, sondern unter der Macht des Gesetzes des Zufalls und des Kampfes ums Dasein. Wenn das erste Buch Mose in Wirklichkeit die Prozesse der Entwicklungslehre durch Millionen von Jahren hindurch tatsächlich beschriebe, warum ist diese „wahre“ Bedeutung und Auslegung der Bibel nicht klarer beschrieben worden?

II. Sind die Hauptpostulate des Darwinismus von der Naturwissenschaft her tragbar?

In diesem Abschnitt wollen wir der Reihe nach einige Hauptpostulate der Deszendenzlehre auf ihren naturwissenschaftlichen Inhalt und auf ihre wissenschaftliche Basis prüfen.

1. Die Ähnlichkeiten zwischen Menschen, Tieren und allen lebenden Zellen

Es ist klar, daß Ähnlichkeiten zwischen allen lebenden Zellen, zwischen Menschen und Tieren und zwischen den verschiedenen Pflanzen bestehen. Die Ähnlichkeiten zwischen Menschenaffen und Menschen sind einmal da; sie sind Tatsachen, die man nicht leugnen soll und nicht leugnen will, wenn man ehrlich ist. Die Entwicklungslehre erklärt nun diese Ähnlichkeiten auf der Basis der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen: Weil Menschen direkt oder indirekt vom Menschenaffen abstammen – miteinander verwandt sind -, sehen sie sich ähnlich. Alle Lebewesen sind sich also ähnlich, weil sie miteinander verwandt sind, voneinander abstammen. Je näher sie miteinander verwandt sind, desto größer ist die Ähnlichkeit.
Jetzt müssen wir daher die Frage stellen, ob Ähnlichkeit genetische Verwandtschaft voraussetzt.

a) In der ganzen Welt kommt das Phänomen des Doppelgängers vor. Oft sind sich Doppelgänger so täuschend ähnlich, daß man sie kaum auseinanderhalten kann. Es wäre aber ein Trugschluß, anzunehmen, daß die Doppelgänger, je mehr sie sich ähneln, desto näher verwandt miteinander sein müssen. Ähnlichkeit kann Verwandtschaft bedeuten, ist aber in keinem Fall ein zwingender Beweis für Verwandtschaft. Oft sind Familienglieder sich weniger ähnlich als Doppelgänger, die gar nicht verwandt sind.

b) Es ist bekannt, daß das Krakenauge sehr viel Ahnlichkeit mit dem menschlichen Auge aufweist. Doch hat, nach der Deszendenzlehre, die Ontogenie des Krakenauges und des menschlichen Auges mit deren Phylogenie sehr wenig gemeinsam; sie sind genetisch nicht miteinander verwandt, sehen sich aber sehr ähnlich. Ähnlichkeit ist kein zwingender Beweis des Verwandtseins.

c) Es ist bekannt, daß es unter den Beutetieren in Australien eine wolfähnliche Art (Thylacinus) gibt, die nicht zu den Säugetieren gehört. Doch sehen diese „Wölfe“ dem Säugetierwolf ähnlich. Zur Gattung der Beutetiere gehören auch „Mäuse“ und „Bären“, die den echten Mäusen und den echten Bären unter den Säugetieren ähneln. Aber diese Ähnlichkeit wird in wissenschaftlichen Kreisen nie als Beweis ihres nahen Verwandtseins gedeutet. Man sagt, daß diese Ähnlichkeit das Resultat von Konvergenz in der Entwicklung sei. Weil die Habitate solche Tiere verlangten, entstanden sie durch Evolution von selbst, ganz gleich wie die Urbewohner des Gebiets beschaffen waren. Australien brauchte einen Wolf, darum entstand ein „Wolf“ aus den vorhandenen Beuteltieren. Weil letztere nun Beuteltiere waren und keine Säugetiere, mußten diese „Wölfe“ eben aus Beutetieren entstehen. Meines Erachtens ist in dieser Beziehung die darwinistische Denkweise weniger als wissenschaftlich. Sie erklärt nichts.

2. Ist eine Emporentwicklung durch Zufall theoretisch möglich oder wahrscheinlich?  Die Entropiefrage.

Jetzt müssen wir auf einige grundlegende wissenschaftliche Probleme eingehen, die selten berührt werden und die doch von großer prinzipieller Bedeutung sind.

Die heutige Naturwissenschaft baut sich auf drei thermodynamischen Hauptsätzen auf, die all unser Wissen bedingen. An dieser Stelle kann ich nur die zwei ersten Hauptsätze berühren. Der erste Hauptsatz lehrt, daß Energie (= Stoff) heute weder erschaffen noch vernichtet wird. Lassen wir den Hauptsatz so stehen, obwohl wir die Theorien von Professor Dr. Fred Hoyles kennen, der mit der kontinuierlichen Erschaffung von Stoff (= Energie) spekuliert und der von einem pulsierenden Kosmos ohne Anfang und Ende spricht!) Wir beschränken uns hier auf die uns im Labor bekannte praktische, experimentelle Naturwissenschaft und möchten mög¬lichst wenig philosophieren.
Der zweite Hauptsatz legt fest, daß, obwohl die Gesamtenergie im Kosmos konstant bleibt, die Menge derjenigen Energie, die uns für nützliche Arbeit zur Verfügung steht, immer und fortwährend geringer wird.

Wir wollen diesen zweiten Hauptsatz etwas klarer formulieren, indem wir Wasser mit Energie vergleichen. Wenn Wasser oben auf dem Berg ist, kann man es zur Erzeugung von elektrischem Strom mittels Turbinen benutzen. Wenn aber das Wasser einmal unten im Tal angekommen ist, kann man seine kinetische Energie nicht mehr benutzen, um Strom zu erzeugen. Die Menge an Wasser bleibt sich gleich, aber die ausnutzbare Energie des Wassers nimmt ab. So bleibt die Gesamtenergie des Kosmos gleich, die ausnutzbare Energie nimmt aber ab – die Energie kommt sozusagen im Tal an, wo man sie nicht mehr benutzen kann.

Weder Stoff noch Energie werden heute erschaffen, aber Stoff kann in Energie umgewandelt werden, wie bei der Atombombe, jedoch bleibt die Menge des Stoffs und der Energie konstant, während die uns zur Verfügung stehende Energie immer mehr abnimmt. Die Naturwissenschaft drückt diese Tatsache aus, indem sie behauptet, daß die Entropie (ein Maß der nicht mehr zur Verfügung stehenden Energie) ständig zunimmt.

Man kann diese Tatsache wiederum anders ausdrücken, indem man sagt, daß alles in der Natur sich in der Richtung der größeren Probabilität oder Wahrscheinlichkeit bewegt. Es ist doch unwahrscheinlich, daß Wasser bergauf läuft oder gar auf dem Berg stehen bleibt; Wasser neigt ja immer dazu, bergab zu laufen. Es ist wahrscheinlicher, Wasser unten im Tal zu finden als oben auf dem Berg. Sich selbst überlassen, fließt Wasser immer bergab. So verhält es sich auch mit der Energie. Sie neigt stets dazu, in eine Lage immer größerer Wahrscheinlichkeit, größerer Entropie zu kommen.

Zusammengefaßt also, neigt alles zu einer Entwicklung im Sinne und in der Richtung größerer Wahrscheinlichkeit. Dies trifft auch bei aller Ordnung oder allem Geordnetsein zu. Es ist unwahrscheinlich, daß Ordnung bestehenbleibt, genausowenig wie Wasser die Neigung besitzt, oben auf dem Berg zu bleiben. Ordnung, sich selbst überlassen, löst sich in Chaos auf, wie Wasser bergab läuft. Wenn eine Stadt nicht ständig gefegt, repariert, geordnet wird, verfällt sie rapid in einen chaotischen Zustand. Lassen Sie Ihr Auto unter einem Baum einige Jahre stehen, wenn Sie erkennen wollen, daß Ordnung, sich selbst überlassen, sich in Chaos auflöst!
So verlangt es auch der zweite thermodynamische Hauptsatz: Chaos nimmt zu. Kosmos (Ordnung) löst sich in Chaos (Unordnung) auf, das ist der natürliche Gang der Dinge.

Was nun die Deszendenzlehre, im Grunde genommen, lehrt, ist, daß die Kohlenstoffatome, Wasserstoffatome, Stickstoffatome usw., indem sie durch die Millionen von Jahren, seit Bestehen, sich langsam von selbst geordnet haben.

Auf ähnliche Weise bilden sich spontan einfache Aminosäuren und Polypeptide – etwa wie die Bruchteile eines I-Punkts. Aber die Bildung ganzer Moleküle von Nukleinsäuren, Genen oder Chromosomen würde eine derart hochgradige Unwahrscheinlichkeit mit sich bringen, daß man nicht mit ihr rechnen darf.

Die Lebensfähigkeit der „einfachsten“ Zelle, des „einfachsten“ Protoplasma ist aber vom Vorhandensein gerade solcher Moleküle abhängig. Das heißt, solche hochgradig unwahrscheinlichen Moleküle und Strukturen müssen vor der Eistenz des Lebens vorhanden sein, um es zu tragen, genauso wie die Wiege vorher dasein muß, ehe das Kind geboren wird, um es zu betten. Gerade diese Tatsache erkennen die heutigen Forscher, die diese Moleküle mühsam synthetisieren in der Hoffnung, daß, wenn solche Strukturen einmal vorhanden sind, sie das kommende Leben tragen werden. Sie bauen also die Wiege in der Hoffnung, daß das Baby eines Tages ankommen wird. Durch Zufall, ohne die Mitwirkung von Leben, entstehen aber solche hochgradig unwahrscheinlichen Moleküle nicht. Ehe das Leben kam, konnten keine Wiegen dasein. Wer hat also diese Wiegen für das kommende Baby gebaut? Der Zufall kann das nicht tun. Die Darwinisten können uns hier keine wissenschaftlich saubere Antwort geben. Wenn das Leben einmal da ist, können sie mit der „natürlichen Auslese“ arbeiten, wie es auch Professor Sir Gavin de Beer tut. Aber ohne das Vorhandensein von Leben gibt es nicht einmal diese Ausweichmöglichkeit. Die chemischen Träger des Lebens müssen vor der Urzeugung des Lebens vorhandengewesen sein.

Als Naturwissenschaftler weiß ich, daß, wenn ich in einem Reagenzglas Millionen von Kohlenstoffatomen, Wasserstoffatomen, Stickstoffatomen usw. einfach zusammenschütte, keine Moleküle entstehen, die etwa gegen Krebs oder Lepra aktiv sind. Mit Mühe ordne ich die Moleküle durch spezifische chemische Reaktionen, um die Strukturen zu erreichen, die ich gebrauchen kann. Sie entstehen nicht von selbst. Und dieser Gedanke bringt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt.

Die Deszendenzlehre lehrt, daß die Bildung von höheren Lebensformen nur dadurch möglich wurde, daß sehr große Zeitspannen ihre Rolle spielten, um die Möglichkeit für dieses Ordnen zu schaffen. Die riesengroßen Zeitspannen sind für die Entwicklungslehre ein conditio sine qua non für die Glaubwürdigkeit der Theorie. So verhält es sich mit dem Ordnen von Molekülen, um Leben zu bilden. Je größer die Zeitspannen sind, desto größer ist auch die Möglichkeit der chemischen Zersetzung. Ich weiß, daß, wenn ich einmal meine Moleküle synthetisiert habe, die Möglichkeit der Zersetzung mit der Länge der Zeit zunimmt. Warum soll es anders gewesen sein bei der Bildung des Lebens nach der Entwicklungslehre? Warum sollen sich Moleküle heute von anderen Gesetzen beeinflussen lassen als gestern?
Sich selbst überlassen, ordnen sich tote Moleküle nie zu einem höheren Grad, als sie in sich selbst tragen. Man kann hier einwenden, daß Ordnung aus Chaos spontan entsteht, wenn ungeordnete Moleküle in einer Lösung kristallisieren. Eigentlich entsteht aber auch hier bei der Kristallisation keine höhere Ordnung; denn die Ordnung der Kristalle war in der molekularen Struktur vorher schon vorhanden. Eine Kraft außerhalb der Moleküle muß in Kraft treten, um sie zu höherer Ordnung zu gestalten, als sie selbst in sich tragen. Die Bibel nennt diese Kraft den Gott des Lebens, der durch seine schöpferische Kraft den Tendenzen des zweiten thermodynamischen Hauptsatzes entgegenwirkte und Ordnung schuf, wo Chaos regierte. Gott ist der Gott des Lebens, und diese Tatsache ist so wunderbar, daß wir sie noch nicht haben ergründen können.

Es ist erstaunlich, zu bedenken, daß in einer einzigen menschlichen reproduktiven Zelle die Chromosome die „komprimierte“ Ordnung für alle die nachfolgenden Generationen enthalten – Augen- und Haarfarbe, Hautfarbe, Größe, Intelligenz, Charakterzüge usw. – alles „komprimiert“ in einigen Mikronen. Diese „komprimierte“ Ordnung, die sich selbst fortpflanzt, ist fast atemberaubend.

Dieser zweite thermodynamische Hauptsatz scheint den ganzen Zustand der Welt, wie wir sie heute kennen, trefflich zusammenzufassen. Aber auch Röm. 8, 22 lehrt uns, daß die ganze Schöpfung der Nichtigkeit oder Verwesung unterworfen ist. Alles geht bergab sozusagen, genau wie wir es beschrieben haben. Als aber Gott die Welt aus Nichts erschuf, war dies nicht der Fall, sondern alles ging mit dem Schöpfungsakt plötzlich bergauf, so daß während der Schöpfung die heutigen Gesetze der Verwesung im „Rückwärtsgang marschierten“. Energie und Stoff entstanden, Ordnung entstand. Und gerade hierin besteht ein fundamentaler Trugschluß der Naturwissenschaft heute. Man versucht, die Prozesse der Schöpfung mit den Maßstäben der Verwesung, „Entschöpfung“, zu messen.

Unser Kosmos läßt auf ungeheure Geisteskraft, Organisation und Vollmacht schließen. Deshalb sagt der Apostel Paulus (Röm. 1), daß, wer die Schöpfung ansieht und Gott, den Schöpfer, nicht ehrt, ein schuldiger Narr ist. Die Beobachtung des Kosmos im Licht der einfachen gesunden Vernunft führt uns unweigerlich zu Ehrfurcht und Anbetung Gottes, auch wenn wir durch dieses Studium nur ein wenig Aufschluß über seine „Fabrikationsmethoden“ erhalten. (Für die Behandlung des Problems des Bösen in dieser Schöpfung siehe meine Abhandlung: „Warum läßt Gott es zu?“ (siehe: info@horst-koch.de)
 

3. Etwas mehr über den zweiten thermodynamischen Hauptsatz

Als Carnot, Clausius und Kelvin die thermodynamischen Hauptsätze vor etwa hundert Jahren an ihren Dampfmaschinen studierten, war Darwins Buch „Origin of Species“ kaum geschrieben. Die thermodynamischen Prinzipien von Kelvin und anderen sind heute jedem Studenten der Physik bekannt; damals aber war das gar nicht der Fall, die Ideen waren neu, Darwin konnte diese Gesetze nicht kennen. Ferner ahnten Kelvin und seine Freunde kaum, daß ihre Versuche mit der Dampfmaschine Prinzipien an den Tag legen würden, die von allgemeiner, ja von kosmischer Gültigkeit sind. Denn heute hat man diese alten Arbeiten an der Dampfmaschine so erweitert, daß man zu der Erkenntnis gekommen ist, daß sie allgemeine Gültigkeit besitzen. Die gleichen Prinzipien bestimmen auch das Funktionieren und auch das Entstehen des Lebens selbst, was damals nicht so klar war. (Obwohl Louis Pasteur schon bewiesen hatte, daß spontane Entstehung des Lebens [Urzeugung] nicht stattfindet.)

Früher meinte man, daß die normalen „Laborgesetze“ der Chemie und der Physik für das Funktionieren der lebendigen Gesetze keine Gültigkeit besäßen. Heute weiß man, daß die gleichen Gesetze, die die Chemie einer Substanz in der Retorte bestimmen, auch in der lebenden Zelle gültig sind. Es ist nicht mehr nötig, um die Chemie einer Zelle zu verstehen, eine „vitale Kraft“, die außerhalb der „normalen Chemie“ steht, zu postulieren. Die Darwinisten bestehen mit Recht darauf, daß wir diese Vorstellung einer vitalen Kraft aufgeben, was wir auch bezüglich Biochemie und Enzymfunktion längst getan haben. Warum tut aber der Darwinist nicht den nächsten wissenschaftlichen Schritt? Die „normalen“ thermodynamischen Hauptsätze bestimmen die Entwicklung des übrigen Kosmos gar fein, warum sollen sie die Entstehung des Lebens nicht auch bestimmen? Damit verliert der Darwinist sein eigenes Spiel, denn in diesem Fall müßten seine Vorstellungen über die Entstehung des Lebens den Gesetzen der Thermodynamik entsprechen (genauso wie die Chemie in der Retorte die gleiche ist wie die in der lebendigen Zelle), nämlich daß in einem geschlossenen System Entropie und somit Chaos und Ungeordnetsein zunehmen.

Ist es aber nicht klar, daß wir überall um uns herum eine örtliche Zunahme von Ordnung nebst einer allgemeinen Zunahme von Chaos beobachten? Ein Kind wird empfangen, geboren und beginnt zu wachsen, Organisationsgrad in ihm nimmt zu, Entropie und Unordnung senken sich. In Pflanzen findet Photosynthese statt, Kohlendioxyd wird reduziert und zu komplizierten Zucker- und Eiweißmolekülen ausgebaut, Entropie senkt sich, Probibilität senkt sich. Eiweiße und Nukleinsäuren werden aufgebaut, und zwar aus einfacheren Substanzen. Wie steht es nun hier um den zweiten thermodynamischen Hauptsatz? Wo liegt der Konflikt? Oder hat Huxley recht?

IV. Gesteuerte Evolution

1. Aufbesserung einer Rasse durch gezielte Züchtung

Die Möglichkeiten einer gezielten Züchtung bezüglich „Aufbesserung“ der menschlichen Rasse haben Naturwissenschaftler und andere schon lange interessiert. Bei der Viehzucht hat man Großes erreicht: Kühe geben mehr Milch, besseres Fleisch, sind wirtschaftlicher bezüglich des Fraßes im Verhältnis zu dem, was sie an Fleisch und Milch liefern. Allerlei wunderbare (und wunderliche) Hundearten, Taubenarten, Katzenarten usw. hat man durch gesteuerte Züchtung erzielt. Könnte man nicht die gleichen Prinzipien beim Menschen anwenden, um eine bessere menschliche Rasse zu erzeugen? Könnte man nicht einen „Supermenschen“ aus der heutigen Rasse herauszüchten?

Wir wollen uns darüber im klaren sein, daß man, biologisch gesehen, sicher bessere Menschen als die heutigen erzeugen könnte. Es wäre vielleicht theoretisch möglich, einen Menschen herauszuzüchten, der die Eigenschaften von Adam haben und neunhundert Jahre leben würde. Man müßte die Rezessiven, die oft schädlich sind und die teilweise durch Degenerierung in die menschliche Erbmasse hineingekommen sind, durch gezielte Züchtung ausscheiden.

Alle Eigenschaften des Menschen, der Tiere und der Pflanzen sind in kleinen Knoten (Genen) auf den spiralartigen Chromosomen chemisch festgehalten. Diese Eigenschaften sind in einer chemischen „Sprache“ („Code“) gedruckt. Bei verschiedenen Spezies weiß man, wo spezifische Knoten liegen, und man hat festgestellt, daß, wenn man diese Knoten ändert, die Eigenschaften (Augenfarbe, Hautfarbe usw.) sich auch ändern. Einen sehr wichtigen Punkt betreffs Vererbung vergißt man aber leider zu oft. Durch das Verfahren der gezielten Züchtung allein kann man nur die Eigenschaften herauszüchten, die in der Erbmasse schon vorhanden sind. Alle Eigenschaften eines Frosches sind in der Erbmasse eines Frosches vorhanden. Durch gezielte Züchtung könnte man also alle Arten von Fröschen herauszüchten, die in der Erbmasse potentiell enthalten waren: grüne Frösche, rote Frösche, langbeinige Frösche, kurzbeinige Frösche usw. Aber gezielte Züchtung einer Froschrasse würde nie und nimmer eine Krokodilrasse ergeben, und zwar aus dem sehr einfachen Grund, daß in der Froscherbmasse keine Krokodileigenschaften enthalten sind. Aus den gemischten Eigenschaften eines Wolfes und einer Hyäne könnte man vielleicht schon einen Schäferhund oder einen Pudel herauszüchten, weil Pudel oder Schäferhundeigenschaften bei den Wolfeigenschaften vorhanden waren.

Diese Tatsache muß man sich fest vor Augen halten, wenn man an gezielte, gesteuerte Evolution denkt: Nur das, was in der Erbmasse enthalten ist, kann durch Züchtung zum Vorschein kommen. Nur was in der Flasche enthalten ist, kann man herausgießen. Theoretisch könnte man also einen Adam aus uns heutigen Menschen herauszüchten, der z. B. über neunhundert Jahre leben würde, wenn durch schädliche Einflüsse (wie z. B. ionisierende Strahlen) nicht zu viel von der „guten“ ursprünglichen Erbmasse endgültig verlorengegangen wäre. Aber einen „Supermenschen“, der mehr „super“ wäre als Adam, könnte man nicht herauszüchten. Auch könnte man keinen Schimpansen herauszüchten – soweit sich kein Schimpanse in unserer Erbmasse befindet.

In der Erbmasse aller lebenden Wesen finden sich nun viele Genenstücke, die das Ergebnis degenerativer Prozesse sind und oft als Rezessive auftauchen. (Rezessive Gene sind Gene, die paarweise vorkommen können; erst wenn zwei davon in einer Zelle vorhanden sind, können unerwünschte Eigenschaften zum Vorschein kommen. Wenn nur eins vorhanden ist, wenn das Rezessive mit einem Dominanten gepaart ist, erscheinen lediglich die Eigenschaften des Dominanten, das Rezessive bleibt „verborgen“.)

Durch Züchtung kann man die Rezessiven heraussieben, was oft vorteilhaft ist. So kann man durch gezielte Züchtung gewissermaßen degenerative und andere Erscheinungen entfernen. Gesteuerte Züchtung ist also eine Art Sieb, das gewünschte Eigenschaften von unerwünschten trennt. Aber schöpferisch wirkt gezielte Züchtung nicht. Was nicht in der Erbmasse vorliegt, kann nicht herausgezüchtet werden, deshalb kann man prinzipiell durch gesteuerte Züchtung kein Krokodil aus einem Frosch herauszüchten. Die Froscherbmasse enthält eben die chemische Information nicht, um ein Krokodil zu bauen. Wenn das nun der Fall ist, erscheint es mir persönlich noch weniger aussichtsvoll, einen Menschen aus einer Amöbe herauszüchten zu wollen, auch wenn man Millionen von Jahren voraussetzt, um dies fertigzubringen. Wenn die Gene eines Menschen in der Amöbe nicht enthalten sind, wird man sie nicht herauszüchten können, genausowenig, wie man eine Kuh aus einem Hund züchten oder Wein aus einem gewöhnlichen Wasserhahn holen könnte. . .

2. Die synthetische Erzeugung des Lebens und Verleugnung des Postulats eines Gottes

Es ist also theoretisch möglich, Synthesen in der Erbmasse vorzunehmen, womit man neue, höhere Eigenschaften in einen Organismus einführen könnte. Darauffolgende gesteuerte Züchtung könnte dann unerwünschte Eigenschaften ausscheiden und zur gleichen Zeit die neuen höheren Eigenschaften festhalten, so daß eine Emporentwicklung geschehen wäre.

Worin unterscheiden sich nun diese Vorstellungen von denen des Darwinismus? Darin, daß Darwin und seine Schüler diese Emporentwicklung des Organismus dem Zufall – der „Suppentopftechnik“ – zuschreiben, während wir von einer „geplanten Experimentierkunst“ ausgehen. Wir leugnen bloß diese „Suppentopftechnik“ des Darwinismus als eine ernstzunehmende technische Methode, wahrhaftige Synthese, echtes Emporsteigen an Organisationsgrad zustande zu bringen. Mit anderen Worten: Planung, Intelligenz, Experimentierkunst sind erforderlich, um jegliche Emporentwicklung wissenschaftlich sauber zu erklären. Wie wäre dies möglich, ohne eine Person irgendwelcher Art zu postulieren? Intelligenz und Experimentierkunst können wir uns kaum vorstellen, wenn sie nicht mit einer Person verknüpft sind. Wissenschaftlich gesehen kommt man also um die Vorstellung eines persönlichen Gottes als Urheber des Lebens nicht herum.

Die Biologie von heute nimmt nun merkwürdigerweise diese neuen Tatsachen als Basis neuer Verleugnung der Notwendigkeit des Gottespostulats. Professor Dr. George Gaylord Simpson (Harvard, USA) z. B. schrieb in  „Science“ (1. April 1960) anläßlich eines Vortrags vor „The American Association for the Advancement of Science“, daß die modernen Fortschritte in den biologischen Naturwissenschaften den „religiösen Aberglauben“ Nordamerikas unhaltbar gemacht hätten. Die ganze Welt, wie wir sie heute kennen, sei aus dem nicht lebenden Stoff spontan hervorgegangen, und es sei deshalb „höchst unwahrscheinlich, daß irgend etwas in der ganzen Welt existiere, was spezifisch für das Wohl der Menschen erschaffen sei“.
Dr. Simpson betont, daß eine Rundfrage bei einer Reihe internationaler Experten in Chicago das Resultat ergab, daß die Mehrzahl dieser Naturwissenschaftler der Überzeugung waren, dаß das Leben aus toten Stoffen bald im Labor erzeugt wird. Ein Sachverständiger war sogar der Meinung, daß dieses Experiment schon gelungen ist, daß man also Leben aus toten Stoffen erzeugt hat. Dr. Simpson benutzt diese Tatsachen, um seine These zu begründen, daß es höchste Zeit sei, daß gebildete Amerikaner ihren naiven Theismus so bald wie möglich aufgeben, denn die Gottesdienste sonntags und die Abendmahlsfeiern überall in der USA seien, nach Dr. Simpsons Meinung, Beweis für den Mangel an Naturwissenschaft und für das Überhandnehmen des Aberglaubens.

Diese Gedankengänge und diese Art Logik sind ganz typisch. Man hat sie schon hundert Jahre monoton wiederholt, aber niemand scheint sich die Mühe gegeben zu haben, sie einmal konsequent durchzudenken. Wir wollen nun versuchen, dies zu tun. Denn Naturwissenschaftler des Westens und des Ostens wiederholen obige Gedankengänge ad nauseam. Sie sind die Basis alles populären wie auch „naturwissenschaftlichen“ Atheismus.

Es ist natürlich wahr, daß man daran ist, aus toten chemischen Molekülen lebende Einheiten herzustellen. Was beweist aber diese Tatsache, wenn wir alle Slogans und Propaganda beiseite lassen? Diese Experimente liefern den Beweis dafür, daß, wenn man gewisse Moleküleinheiten, die tot sind, gewissen exogenen Einflüssen, die experimentell genau geregelt sind, unterwirft, Leben entstehen könnte. Wenn man also gewisse Moleküle gewissen von außen gesteuerten experimentellen Bedingungen aussetzt, könnten neue Einheiten entstehen, die lebensfähig sind. Die exogene Steuerung experimenteller Bedingungen muß sehr fein eingestellt sein: pH, Konzentration, Temperatur, Mengen von Katalysatoren usw. müssen rapide und oft gewechselt werden, und zwar je nach dem Verlauf der Reaktionen. Ein guter Biochemiker, der sein Fach gründlich versteht, wird nötig sein, wenn das Experiment Aussicht auf Gelingen haben soll. Wenn ein Oratoriensänger oder ein Landwirt die Versuche ohne jegliche biochemische Vorbildung durchführen würde, käme man kaum zum Ziel der Erzeugung von Leben aus totem Stoff. Es wäre naturwissenschaftlicher Nihilismus zu meinen, daß man das geplante Experiment durch die „Suppentopftechnik“ ohne weiteres ersetzen könne. Man brauche nur ein paar Jahre oder ein paar Millionen von Jahren hinzuzugeben, dann würde schon alles richtig herauskommen. Jeder ernsthafte Naturwissenschaftler weiß, daß nichts den geplanten Versuch ersetzen kann, wenn er zum Ziel kommen will. Es ist also geplante, intelligente Arbeit, naturwissenschaftliche Leistung erforderlich, wenn man ein derartiges Experiment durchführen will. Wenn nun diese Bedingungen für die Erzeugung des Lebens heute unbedingt erforderlich sind, warum sollte es in der Vergangenheit anders gewesen sein? Wenn die Reaktion heute nicht einfach „geschieht“, warum sollte die Reaktion in der Vergangenheit anders verlaufen sein? Warum schlagen die Darwinisten gerade diese Ausnahme vor? Die chemischen Eigenschaften der Stoffe, auf denen das Leben aufgebaut ist, sind gleichgeblieben, sonst könnte das Leben selber nicht gleichgeblieben sein. Deshalb braucht man heute die gleichen experimentellen Bedingungen für das Leben, heute wie vor Millionen von Jahren.

Dazu haben die Forschungsfortschritte der vergangenen zehn Jahre immer deutlicher gezeigt, daß das Leben immer komplizierter und immer organisierter wird, je tiefer man in dessen Geheimnisse hineinforscht. Darwin meinte, daß das Protoplasma einer Amöbenzelle „einfach“ sei und deshalb leicht durch Zufall entstehen könne. Heute weiß man, wenigstens in biochemischen Kreisen, wie sehr er sich getäuscht hat. Selbst die „einfachsten“ Lebensformen sind unvorstellbar kompliziert. Und unsere wachsende Erkenntnis bestätigt von Jahr zu Jahr wachsende Kompliziertheit. Dies bringt eine naturwissenschaftliche Folge mit sich: Je größer der Organisationsgrad des Lebens, desto komplizierter die Labortechnik, die erforderlich wäre, das Leben synthetisch herzustellen, und desto geringer die Probabilität der spontanen Entstehung des Lebens.

Alle diese Überlegungen führen uns wissenschaftlich gesehen zu einer Überzeugung, die der christlichen sehr nahe steht, nämlich, daß am Anfang ein „Experimentator“ die Lebensformen synthetisierte. Das heißt, daß eine exogene Einmischung, und zwar eine intelligente, fachmännische exogene Einmischung, nötig war, ehe Leben in einem toten chemischen System entstehen konnte. Eine exogene chemische Steuerung der Moleküle und Atome war nötig, um Bedingungen für das Leben zu schaffen, denn eine solch hohe Ordnung in der Materie, die das Leben trägt, kann spontan ohne exogene Einmischung prinzipiell nicht entstehen. Heute arbeiten die Naturwissenschaftler emsig daran, gerade diese Bedingungen auszuarbeiten, die für die Entstehung einer solch hohen Ordnung notwendig sind, damit Leben synthetisch im Labor entstehen kann. Intelligenz, fachmännisches Können, Experimentierkunst usw. sind unbedingt in hohem Maße erforderlich, wenn man zum Ziel kommen will. Wenn wir es wollen, können wir die Bedingungen, die zur Erlangung dieses Zieles erforderlich sind, mit einem Wort zusammenfassen: Intelligenz. Und die Biochemiker gehen gerade mit Intelligenz – nicht „Suppentopftechnik“ nach Darwin – daran! Ich sehe keinen naturwissenschaftlichen Grund, warum es ihnen nicht gelingen soll, Leben synthetisch zu erzeugen, wenn sie mit genügendem Maß Intelligenz – und Experimentierkunst – darangehen. Wer die Intelligenz oder die Experimentierkunst ausübt, ist einerlei, solange sie ausgeübt wird. Dies lehrt uns die bittere Erfahrung.

Der Mensch war während der Erschaffung des Lebens am Anfang nicht anwesend. Aber irgendein Experimentator muß vorhanden gewesen sein, um den Versuch durchzuführen. Die Naturwissenschaftler sind heute dabei, die Technik des ursprünglichen Experimentators aus- bzw. nachzuarbeiten!

Die Bibel lehrt uns, gerade diese heutige Situation zu erwarten, nämlich daß Menschen die Gedanken Gottes hinsichtlich der Erzeugung des Lebens nach ihm durchdenken werden. Denn sie lehrt uns, daß der Schöpfer den Menschen schöpferische Gedanken mit in das Leben hineingab. Sie nennt die Menschen an verschiedenen Stellen „Götter“ (z. B. Joh. 10, 34. 35). Ist es also verwunderlich, daß der Mensch fähig ist, in kleinem Maß die Gedanken Gottes nachzudenken? In keiner Weise; man würde es geradezu erwarten, wenn man die Bibel kennt. Nun sind wir also in diesem Zeitalter dabei, die schöpferischen Gedanken Gottes bezüglich der Erschaffung des Lebens nachzudenken. Unsere Gedanken sind noch sehr unreif und primitiv, aber der Mensch ist auf die Spur der Gedanken bezüglich des chemischen Trägers des Lebens gekommen. Und er wird diese Spur verfolgen, wenn Gott ihm die Zeit und Gelegenheit dazu gibt. Wir fangen an, die synthetischen Gedanken Gottes bezüglich der Erschaffung des Lebens teilweise zu wiederholen.

Jetzt kommt aber etwas wirklich Erstaunliches. Dr. George Gaylord Simpson und Tausende von anderen modernen Naturwissenschaftlern mit ihm ziehen eine Schlußfolgerung, die einfach verblüffend, wenn nicht erschütternd ist. Sie behaupten nämlich, daß, weil wir Naturwissenschaftler heute in der Lage sind, die synthetischen „Experimente“ Gottes nachzuahmen, weil wir die Prinzipien – oder, besser gesagt, einige Prinzipien hinter dem Leben – bloßgelegt haben, gerade deshalb das Gottespostulat absolut nicht mehr nötig sei. Der ganze Artikel Dr. Simpsons arbeitet auf diesen Höhepunkt der „Logik“ hin: Wir haben entdeckt, wie man das Leben synthetisieren kann, deshalb postulieren wir keinen Gott, keinen Hauptexperimentator, mehr. Das Gelingen des Versuchs, synthetisches Leben zu erzeugen, wird das Gottespostulat total und endgültig überflüssig machen.

Schauen wir uns diese „Logik“ ein wenig an! Ich veröffentliche jedes Jahr die Resultate meiner Forschungen auf dem Gebiet der Lepra und der Tuberkulose. Anläßlich dieser Veröffentlichungen gebe ich die genauen synthetischen Methoden an, nach denen ich zu den verschiedenen neuen Wirkstoffen gelangt bin. Zuerst werden die biologischen Eigenschaften der neuen Substanzen angegeben, dann die synthetischen Methoden, die ich bei der Herstellung benützte. Nun wollen wir annehmen, daß ein Kollege diese Veröffentlichungen von mir liest, sich dafür interessiert und sich entscheidet, einige der neuen Wirkstoffe selber herzustellen. Er liest meine veröffentlichten Vorschriften sehr genau durch, dann macht er mir im eigenen Labor alles nach. Und die Versuche gelingen ihm!

Seine Wirkstoffe sind mit den meinigen identisch, chemisch und biologisch gesehen. Es ist ihm gelungen, meine Versuche tadellos zu wiederholen. Hocherfreut setzt er sich hin, um seine Resultate zu veröffentlichen. Wenn er zur Zusammenfassung am Ende der Veröffentlichung kommt, schreibt er, daß er alle meine Versuche tadellos wiederholen konnte, und gibt die übereinstimmenden Eigenschaften an. Dann zieht er den verblüffenden Schluß, daß, weil es ihm gelungen ist, meine Versuche zu wiederholen, ich, der ursprüngliche Experimentator, deshalb in Wirklichkeit nicht existiere. Deshalb ist das Wilder-Smith-Postulat von jetzt an total und end gültig überflüssig. Einfach unvorstellbar!
Doch ist dies genau die Lage von Dr. Simpson und Tausenden anderer Naturwissenschaftler. Mühsam wiederholen sie das, was der große Experimentator vorgemacht und in der Natur veröffentlicht hat, und wenn ihnen der Versuch gelingt, schreiben sie, daß der große Experimentator nicht existieren kann, denn es ist ihnen gelungen, seine Experimente zu wiederholen. Und weil der große Experimentator nicht existiert, braucht man nicht mehr mit ihm zu rechnen. Das ist leider die „naturwissenschaftliche Welt, in die uns Darwin hineinführte“. Oft sieht es so aus, als ob einige primitivste Vorstellungen der Logik irgendwie in dieser neuen Welt verlorengegangen sind.

Wie allgemein diese Art „Logik“ selbst unter den besten Wissenschaftlern auch aus dem Westen vorkommt, geht aus einem Artikel in Science News Letter vom 3. Juli 1965 hervor. Professor Dr. Harlow Shapley, Direktor i. R. der Harvard College Observatory, Cambridge, Mass., USA, schreibt wie folgt: „There is no need for explaining the origin of life in terms of the miraculous or the supernatural. Life occurs automatically whenever the conditions are right. It will not only emerge but persist and evolve.“ („Es ist nicht mehr nötig, die Entstehung des Lebens durch Wunder oder übernatürliche Geschehnisse zu erklären. Leben entsteht automatisch, wenn die Bedingungen günstig sind. Das Leben wird nicht nur entstehen, es besteht und entwickelt sich empor.“)

Ist es nicht wirklich erschütternd, daß ein angesehener Naturwissenschaftler wie Professor Dr. Shapley sich so unwissenschaftlich ausdrücken kann? Woher hat er die Beweise, daß Leben überall da entsteht, wo die Bedingungen günstig sind? Solche Beweise existieren bloß in seiner darwinbedingten Phantasie. Die experimentellen „Beweise“ existieren nämlich nirgends. Das Ansehen der heutigen Naturwissenschaften rührt davon her, daß sie vor allen Dingen „experimentell“ sind.

Halten wir also noch einmal fest: Die moderne synthetische und analytische Naturwissenschaft hat mit entscheidender Klarheit als Ergebnis vieler Versuche festgestellt, daß verfeinertste Experimentierkunst und Technik unumgängliche Notwendigkeiten sind, um einen Ordnungsgrad in der Welt der Atome und Moleküle zu erreichen, der entwickelt genug ist, um Leben zu tragen. Erfahrung und Intelligenz technischer Art sind unumgängliche Notwendigkeiten eines exogenen Ordnens der Materie, wenn man letztere so ordnen will, daß sie Leben tragen soll. Menschen, die hochverfeinerte Experimentierkunst entwickelt haben, ist dieses heikle Ordnen der Atome und Moleküle, das für die Entstehung des Lebens aus totem Stoff nötig ist, teilweise gelungen. Es stellt also den reinsten naturwissenschaftlichen Nihilismus dar, nach all dieser Erfahrung zu behaupten, daß heute oder in der Vergangenheit die „Suppentopftechnik“ genügt, dieses heikle Experiment des Ordnens der Materie vorzunehmen, um Leben zu erzeugen. . .

3. Evolution mit Gottespostulat ?

Wir erwähnten schon am Anfang, daß es in vielen Ländern christliche und theistische Naturwissenschaftler gibt, die die ganze „spontane“ Entstehung und Entwicklung des Lebens durch Millionen von Jahren hindurch von der ursprünglichen amöbenartigen Urzelle bis zum homo sapiens hin als die Handlungsweise oder gar Schöpfungsmethodik Gottes ansehen. Mutation und darauffolgende Darwinsche Selektion sind – nach ihrer Ansicht – die praktischen Methoden gewesen, die Gott benutzte, um die heutige Tier- und Pflanzenwelt (einschließlich der Menschen) zustande zu bringen. Darwinismus stellt also demnach einen Teil von Gottes Schöpfungsmethoden dar. Die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt durch Millionen von Jahren hindurch zeigt uns Gott an der Arbeit. Er bedient sich der Mutation und der darauffolgenden natürlichen Selektion im Kampf ums Dasein, um die Schöpfung, wie wir sie heute kennen, ins Dasein zu bringen.

Abgesehen von den thermodynamischen Prinzipien, die wir bereits besprachen und die eine spontane Entstehung des Lebens und daraufhin eine spontane Emporentwicklung nicht gestatten, wäre es natürlich möglich, daß ein Schöpfer sich der langsamen Entwicklung nach oben bedienen könnte – thermodynamisch steht ihm als Schöpfer nichts im Wege. Er würde die langsame Entwicklung nach oben als der große „Experimentator“ benutzen. So würde man die Saurier usw. und andere ausgestorbene Arten als „Versuche Gottes“ in der Schöpfung ansehen, die er als Zwischenstufe gebrauchte, um zu höheren Organismen, einschließlich Menschen, zu gelangen.

Wie sollte nun prinzipiell ein Christ oder Theist zu dieser Vorstellung der Schöpfungsmethodik Gottes stehen? Es ist wahrscheinlich, daß die Mehrzahl der europäischen Theisten und Christen, die zur gleichen Zeit Naturwissenschaftler sind, tatsächlich glauben, daß sie in der Evolution Gott an der Arbeit sehen, so daß die Frage in keiner Weise bloß akademisch ist.

Wir wollen zuerst das Problem ein wenig vom philosophischen und ethischen Standpunkt aus analysieren. Der Darwinismus ist von Mutationen und darauffolgender natürlicher Selektion im Kampf ums Dasein abhängig. Mutation findet heute ständig statt, da sollen und können wir vom philosophischen Standpunkt aus nichts gegen diese Mutationen als Schöpfungsprinzip Gottes einwenden, auch wenn sie meist degenerativer Art sind. Denn die Möglichkeit einer Synthese durch Mutationen und somit einer Neuschöpfung besteht, wie wir schon besprochen haben.
Wie steht es aber vom christlichen und theistischen Standpunkt aus um die natürliche Selektion im Kampf ums Dasein? Was für philosophische und ethische Prinzipien walten hier? Was für philosophische und ethische Folgen können entstehen?

Nach dem Prinzip der natürlichen Selektion im Kampf ums Dasein stirbt der schwache, kranke oder minderbegabte Organismus langsam oder schnell aus. Der Stärkere behauptet sich und siegt über den Schwächeren. Zugunsten des Wohls der Gesamtrasse wird der einzelne zurückgedrängt und erwürgt. Wenn nun der Schöpfer dieses philosophische und ethische Prinzip der natürlichen Selektion benutzt, um die Rasse aufzubessern, heißt das mit anderen Worten, daß Gott prinzipiell als Schöpfungsmethodik die Kranken, die Schwachen und Minderbegabten zugunsten der Starken, Gesunden und Höherbegabten ausradiert. Hier geht es um Prinzipielles: um die Prinzipien der Arbeitsmethoden Gottes.

Die Frage, die wir uns nun stellen müssen, ist die: Kann ein Christ sich vorstellen, daß Gott diese Arbeitsmethode wählen würde? Ist Gottes Charakter, der in der Bibel eingehend geoffenbart wurde, so gestaltet, daß diese Arbeitshypothese denkbar ist?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einige Beschreibungen des Charakters Gottes erwähnen, und dann wollen wir uns die Frage stellen, ob sein Charakter es zulassen würde, nach der postulierten Methodik des Darwinismus seine Schöpfung zustande gebracht zu haben.

Nur eine Person (vernunftbegabtes Individuum) kann einen Charakter besitzen. Die Bibel lehrt uns, daß Gott eine Person ist und daß er einen ausgesprochenen Charakter hat: Er liebt den Sünder, er haßt die Sünde. Weil er die Person des Universums ist, hat er einen Plan für jeden Menschen. Ferner lehrt uns die Bibel, daß derjenige, der den Sohn als Mensch gesehen hat, zur gleichen Zeit den Vater gesehen hat (Joh.14, 9). Daraus schließen wir, daß, wenn Gott eine Person ist und einen Charakter hat, dieser Charakter uns in der menschlichen Form von Jesus Christus gezeigt wurde. Es ist durchaus verständlich, dаß viele Menschen zurückschrecken, wenn man sie bittet, den Charakter Gottes zu analysieren. Doch ist der Begriff „Liebe“ („Gott ist Liebe“) eine Charaktereigenschaft Gottes. Davor schrickt man nicht zurück. Eine Person, die Liebe besitzt, wird auch andere Charaktereigenschaften aufweisen (Geduld, Treue, Beständigkeit, Wahrhaftigkeit usw.).

Trotzdem ist es schwierig, sich die Charaktereigenschaften Gottes vorzustellen, gerade deswegen, weil er ewig ist, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig usw., d. h. daß er unendlich ist. Wenn sich Gott aber in menschlicher Gestalt als menschlicher Charakter geoffenbart hat, dann ist die Situation viel leichter; Menschen haben klar definierbare, vorstellbare Charakterzüge, anhand derer wir uns vorstellen können, ob sie nach dieser oder einer anderen Methode in bestimmten Lagen vorgehen werden oder nicht. Die Bibel lehrt uns deutlich, daß der Charakter Gottes für uns Menschen im Charakter des Menschen Jesus Christus geoffenbart und verständlich gemacht worden ist.

Unsere Frage wird jetzt also bedeutend einfacher: Könnte Jesus Christus nach der Methodik der Selektion im Kampf ums Dasein vorgegangen sein, um seine Welt zu erschaffen? Wir sind uns darüber im klaren, daß diese Frage nicht bloß eine akademische ist, denn die Bibel lehrt uns, daß alle Dinge in dieser Welt von ihm (Christus) und für ihn (Christus) in der Tat erschaffen worden sind (Kol. 1, 16).
Wir haben also sozusagen das doppelte Recht, uns zu fragen, ob Christus die Prinzipien der Selektion im Kampf ums Dasein als Schöpfungsmethodik benutzen konnte. Gott in Christus ist der Schöpfer, und Christus offenbart uns Gottes Charakter. Was sagt Christus über seinen eigenen Charakter aus? Wir können erst, wenn wir seinen Charakter kennen, feststellen, wie er wahrscheinlich in Schöpfungsfragen vorgehen würde.

Eine der ausführlichsten Enthüllungen des Charakters Jesu Christi (und deshalb Gottes) finden wir im Matthäus-Evangelium, Kapitel 5. Wir zitieren einige Verse:
„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr …
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen …
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen …
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matth. 5, 3.5.7.9.)

„Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte … darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matth. 5, 44.45.48.)

Der Herr Jesus Christus zeigt uns hier, was in den Augen des Vaters (und deshalb auch des Sohnes) Vollkommenheit des Charakters ist, und mahnt uns zur gleichen Zeit, diese Vollkommenheit des Charakters für uns selbst in Anspruch zu nehmen. Laßt uns seine Äußerungen, wie oben zitiert, ein wenig unter die Lupe nehmen!
„Selig sind, die geistlich arm sind.“
Hier ist kaum eine Beschreibung des sich im Kampf ums Dasein brutal Durchsetzenden zu finden. Hier handelt es sich um einen Charakter, der höhere intellektuelle Eigenschaften besitzt, aber sich demütig korrigieren und zurechtweisen läßt. Wer das nicht tut, bleibt brutal und hochmütig und lernt keine höheren Eigenschaften. Der geistlich Arme wird das Himmelreich, also das Höchste, besitzen. Im Kampf ums Dasein kommt nach Darwin und den Neodarwinisten ein solcher Charakter (auch im heutigen Geschäftslebenskampf?) gar schnell um, ein Beweis, daß Selektion nach den Prinzipien des Kampfes ums Dasein die gröberen (niedrigeren?) intellektuellen und charakterlichen Eigenschaften begünstigt (eine geistige Entwicklung nach unten?).

„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Menschlich gesehen, könnte man es eher verstehen, wenn es „die Schlauen“ heißen würde. Durch Sanftmut setzt man sich im Kampf ums Dasein nicht durch. Der Herr Jesus war sanftmütig und von Herzen demütig und wurde gekreuzigt. Wie könnte der Sanftmütige selber Selektion im Kampf ums Dasein als seine Schöpfungsmethodik benutzen? Heute besitzen die Sanftmütigen nicht die Erde. Selbst Gandhis Indien, das diese Methode zur Politik machte, ging anders als sanftmütig mit Rotchina um, als letzteres Indien angriff. Goa wurde den Portugiesen von den Indern nicht durch Gandhis Sanftmut abgenommen. Und die Inder besitzen diesen „goaischen“ Teil des Erdreichs noch immer, jedoch nicht durch Sanftmut.

„Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“  Ist denn der Kampf ums Dasein barmherzig? Wenn er das wäre, würde er aufhören, Kampf zu sein.

„Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“  Gerade die Friedfertigen sind doch die, die sich im brutalen Kampf nicht behaupten; sie lieben eben den Frieden, nicht den Kampf. Und wie steht es um das Lieben des Feindes im Kampf ums Dasein, der darum geht, ob man überhaupt weiter existieren soll?

Wir wollen uns darüber im klaren sein, daß diese Prinzipien der Bergpredigt für die heutige Welt unvorstellbar und unmöglich sind. Hier in dieser Welt herrscht brutaler Kampf, hier herrscht Rücksichtslosigkeit, hier herrschen Leid, Schmerz, Kampf und Tod, genau wie Darwin es beobachtet hat, weil die ganze Schöpfung unter der Gewalt des Fluchs der Sünde seufzt. Wir müssen Realisten sein: Dies ist der heutige Zustand!
Eine andere Frage ist, ob der Christ bewußt mitmachen soll. Wenn wir Jesus Christus lieben, werden wir seine Worte halten (Joh. 14, 23), auch die Worte der Bergpredigt. Weil Jesus Christus nicht mitmachte, wurde er gekreuzigt (Er verzichtete auf die zwölf Legionen Engel (Matth. 26, 53), die seine Feinde augenblicklich ausgerottet und ihn befreit hätten. So widerstand er dem Bösen nicht).

Was aber für uns hier wichtig ist, ist die Enthüllung des vollkommenen Charakters Gottes. Er ist vollkommen, deshalb schätzt sein Charakter geistliche Armut, liebt Sanftmut, übt Barmherzigkeit aus und bevorzugt die Friedfertigen. Welche Enthüllung seines Innenlebens, seines Charakters! Er ist vollkommen, und er wird deshalb sofort mit einem Schöpfungsakt – seinem Charakter nach zu urteilen – eine vollkommene Schöpfung nach einer Methodik zustande gebracht haben, die seinem vollkommenen Charakter entspricht. Er wird hier nie mit unvollkommenen Zwischenstufen in seiner Schöpfung herumexperimentiert haben, bis er den Gipfel, die Krone der Schöpfung gefunden hat. Er ist allezeit vollkommen. Er sagt ein Wort und siehe, es geschieht Vollkommenheit! Er wird nie seinen eigenen vollkommenen Charakter dadurch kompromittiert haben, indem er Schöpfungsmethoden benutzt, die nach seinem eigenen Wort weniger als vollkommen sind.

Wenn nun seine Schöpfungsmethode als Prinzip die „Unfriedfertigen“ bevorzugen soll, könnte er sie dulden? Könnten seine Schöpfungsmethoden davon abhängig sein, daß Feinde sich hassen und sich gegenseitig ausradieren, wenn er selber seine Feinde liebt und für sie am Kreuz stirbt? Er stirbt lieber selber, als daß er seine Feinde sterben läßt. Er gebietet uns, unsere Feinde zu lieben; wenn sie hungern, sie zu speisen. Hier in Matth. 5 sehen wir wenig von nacktem Kampf ums Dasein als Methodik Gottes. Eher umgekehrt: Er stirbt, um einen geistlichen – nicht biologischen – Sieg zu gewinnen. Es wäre nach der Bergpredigt fast eine Gotteslästerung, die Schöpfungsmethodik des Kampfes ums Dasein Gott zuschieben zu wollen als seine freiwillig bevorzugte Art zu arbeiten.

Nun wendet jemand ein: Im Neuen Testament mag das wohl sein. Im Alten Testament war das aber nicht der Fall. Da gab es Kampf, Gericht und Tod im Auftrag Gottes. Sicher gibt es mehr Gericht im Alten Testament als im Neuen, obwohl es am Ende des Neuen Testamentes viel mehr Gericht geben wird als im ganzen Alten Testament von Mose bis Maleachi. Denn die ganze Welt, alle, die da leben, und alle, die tot sind, werden vor Gericht – am Ende des Neuen Testaments – erscheinen, und da wird es ein schreckliches, jedoch gerechtes Gericht geben.

Jesus Christus selber wird nach den Aussagen des Alten und Neuen Testaments der Richter sein, gerecht und barmherzig. Man sagt, daß Kampf ums Dasein einfach Gericht sei und daß Gott, wenn er richtet, Kampf ums Dasein ausübt.
Nein, das kann nicht sein, denn wir müssen uns die Frage stellen, ob Gericht dadurch verdient wird, daß man krank, unterentwickelt oder schwach ist, was die Basis von Selektion nach dem Darwinismus ist. Er richtet ein gerechtes Gericht.
Aber auch im Alten Testament mit den vielen Gerichten findet man einen David, der ein Mann nach Gottes Herzen war und der, wie Gott, das Gericht nicht liebt. Schauen wir uns einmal Davids Charakter an! Er hatte zwei Möglichkeiten, den Mann zu töten, der ihm nach dem Leben stand, nämlich den König Saul. Einmal in der Höhle zu Engedi hätte er Saul ohne Lärm oder Schwierigkeiten töten können. Davids eigene Leute sagten zu ihm: „Siehe, das ist der Tag, davon dir der Herr gesagt hat: ,Siehe, ich will deinen Feind in deine Hände geben, daß du mit ihm tust, was dir gefalle.`“ (1. Sam. 24, 5.)
David zog es vor, seinen Erzfeind zu lieben und nahm einen Zipfel von Sauls Rock, um Saul den Beweis zu liefern, daß er ihn ohne weiteres hätte töten können, daß er aber seinen Feind liebte. Diese Begebenheit stellt keinen Einzelfall dar, denn David wiederholte das gleiche in der Wüste Siph. Als Saul und seine Leute schliefen, kam David mit Abisai und stahl Saul Spieß und Wasserbecher, die zu seiner Seite waren. Als Abisai das sah, flüsterte er David zu: „Gott hat deinen Feind heute in deine Hand beschlossen; so will ich ihn nun mit dem Spieß stechen in die Erde einmal, daß er’s nicht mehr bedarf“ (1. Sam. 26, 8).
Aber David wollte keine Hand an ihn legen. David kannte eine Ritterlichkeit und eine Abneigung gegen Gericht, was ihm wichtiger war als alle Gedanken seiner eigenen Sicherheit oder Vorteile. David nützte seine Machtposition nicht aus. Er hätte im Kampf ums nackte Dasein zweimal leicht siegen können, verzichtete aber aus höheren Gründen darauf und liebte seinen Erzfeind.

Nach dem Tode Sauls zeigte David wiederum die gleiche Gesinnung. Er suchte irgendeinen Entronnenen des Hauses Jonathans, des Sohnes Sauls, um ihm Güte zu erweisen (2. Sam. 9). Er findet den Krüppel Mephiboseth, der an beiden Füßen lahm war, läßt den armen Mann kommen und stellt ihn den eigenen Königssöhnen gleich, so daß der Krüppel Mephiboseth alle seine Tage an des Königs Tisch mit den Königssöhnen essen durfte. Mephiboseth bekam auf ausdrücklichen Befehl Davids hin alle Äcker seines Großvaters Saul – des Feindes Davids – zurück, damit er nicht als Bettler an des Königs Tisch zu erscheinen brauchte. Welche Feinfühligkeit! Und David war ein Mann nach Gottes Herzen. So ging er mit seinen Feinden um.
Die andere Seite dürfen wir natürlich auch nicht übersehen. Als Gott den Befehl gab, gerechtes Gericht auszuüben, gehorchte David auch. Auch hier zeigte er das Herz Gottes. Gott richtet aber nur dann, wenn andere Methoden nicht mehr helfen. Er will nicht den Tod des Sünders, sondern daß dieser sich von seinen Sünden bekehrt und lebt.

Diese gerechte Strenge des Charakters Gottes bewahrt uns vor einer weichlichen Vorstellung des Charakters Gottes. Strenge und Güte sind beide da. Es ist immer das Wesen einer Karikatur, einige Gesichtszüge auf Kosten anderer zu betonen: Die Nase wird zu lang, das Kinn zu klein, der Hals zu kurz, obwohl man trotzdem den Gegenstand der Karikatur erkennen kann. Durch diese Über- oder Unterbetonung wird das Bild lächerlich und somit eine Karikatur. So dürfen wir mit dem Charakter Gottes nicht verfahren. Wir dürfen Liebe und Geduld nicht auf Kosten von Strenge und Gerechtigkeit überbetonen, sonst entsteht ein Zerrbild seines Wesens und somit eine Karikatur. Alle Charakterzüge müssen gezeigt werden, und zwar in der biblischen Betonung und in den richtigen Proportionen, sonst entsteht eine Karikatur Gottes.

Können wir uns nun angesichts seines vollkommenen Charakters, seiner Liebe, Geduld, Sanftmut, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Strenge, Allmacht, Allgegenwart, Allwissenheit usw. vorstellen, daß er sich der Methodik der Selektion im Kampf ums Dasein bedienen würde, um seine Schöpfung zustande zu bringen? Damit hätte er seinen ganzen Charakter kompromittiert. Der Vorschlag, daß er diese Methodik benutzte, kam offenbar von einem Mann, der die heutige gefallene Schöpfung genau beobachtete. So geht es ohne jeglichen Zweifel heute zu.

Hat Gott aber die Methoden einer gefallenen Schöpfung benutzt, um eine vollkommene, nicht gefallene Schöpfung, wie sie am Anfang war, zu erschaffеn?

Am Anfang, sagt Gott, war alles „sehr gut“. Was sollen wir aber unter „sehr gut“ verstehen? Die Bibel gibt uns darüber klaren Aufschluß, denn am Ende dieser Schöpfung wird Gott wieder alles „sehr gut“ machen. Er beschreibt diesen Zustand am Ende der heutigen Schöpfung mit folgenden Worten:
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen“ (Offb. 21, 4).
An anderen Stellen nennt sich dieser Zustand die „Wiederherstellung aller Dinge“ (Apg. 3, 21).

Der Urzustand kehrt wieder zurück, wo kein Kampf, kein Geschrei, noch Schmerzen, Tod oder Tränen sind. Wenn dies der Zustand am Anfang der Schöpfung war, daß alles in Harmonie lebte, und wenn eines Tages alles wieder in Harmonie leben wird, wie kann man behaupten, daß alles durch Selektion im Kampf ums Dasein entstand! Es gab eben am Anfang der Schöpfung keinen Kampf, sondern Harmonie, weil Gottes Charakter harmonisch ist.

Dieser Kampf soll nach Darwin schöpferisch sein, denn durch Millionen von Jahren Selektion im Kampf entstand eine schöpferische Leistung, etwas Neues. Die Bibel lehrt uns, daß Kampf erst dann begann, nachdem die Schöpfung schon da war und zu sündigen anfing. Der Kampf ist also ein Beweis für Degenerierung. Der Kampf ist ein Ausdruck der Zunahme von Entropie und Probabilität (Degenerierung) und kein Ausdruck von Senkung der Entropie und Probabilität (Schöpfung).

Wir fassen zusammen: Nach Darwin soll die Evolution die Folgen des Sündenfalls in der Schöpfung, nämlich Leid, Tränen, Schmerz und Tod, dazu benutzt haben, um die Schöpfung zustande zu bringen.

Welche Verwirrung der Logik unter den Christen und Theisten, dies überhaupt eine Sekunde für möglich zu halten! Denn die Erschaffung der Welt fand vor dem Sündenfall statt. Nach Darwin und den an Darwin glaubenden Christen geht die Wirkung vor der Ursache. Denn nach der Bibel war alles am Anfang harmonisch und vollkommen: Leid, Schmerz und Tod gab es nicht.
Erst nachher kam der Sündenfall, der Kampf und Tod mit sich brachte. Wie können nun diese Folgen des Sündenfalls (Kampf und Tod) in einer bereits bestehenden Schöpfung die Ursache derselben sein?

4. Einige Folgen der Darwinschen Lehre in der politischen Welt

Die Geschichte der politischen Welt ist mit wenigen Ausnahmen von jeher die Geschichte von Krieg, Gewalttat, Ausrottung ganzer Völker, Tyrannei und Versklavung der vielen zugunsten der Herrschaft von wenigen gewesen. Doch erkannten zu fast allen früheren Zeiten wenigstens einige Menschen, daß diese ständigen Kämpfe zur Vernichtung oder wenigstens zur Verrohung der Menschheit im ganzen (auch der Sieger) führen würde. Individuelle Tapferkeit und Ritterlichkeit im Kampf mögen Tugenden sein, und die besten mögen sich im Einzelkampf behaupten und davonkommen. Aber im großen ganzen wirkten sich diese Kriege mit ihren Massenvernichtungen zum Nachteil der Menschheit aus, denn wenn Menschen umkamen, waren es meistens die Besten im Volk.

Aber seit der Publikation des „Origin of Species“ von Darwin verbreitet sich ungehindert die Lehre der „Tugend des Kampfes“: Der Kampf an sich ist eine Tugend, denn durch ihn allein wird die Emporentwicklung der Rasse gefördert. Wenn die ganze Schöpfung, wie wir sie heute kennen, wenn die „ganze Realität“ (Huxley) der Emporentwicklung der kosmischen wie auch der biologischen Welt durch den erbitterten Kampf ums Dasein geradezu zustande kam, was kann man, moralisch gesehen, gegen den Kampf an sich einwenden? Der Kampf ums Dasein nebst seinen Schattenseiten (Angst, Schmerz, Agonie, Tod) muß eigentlich „gut“ sein, denn er ist mit wunderbaren Erfolgen gekrönt worden. Professor Dr. C. Waddington kommt gerade zu diesem Schluß (vgl. Science and Ethics, S. 14), als er schrieb: „An existence which is essentially evolutionary is itself the justification for an evolution towards a more comprehensive existence.“ („Eine Existenz, die wesensgemäß evolutionär ist, besitzt in sich selbst die Rechtfertigung für eine Entwicklung in die Richtung einer allumfassenden Existenz.“) Evolution muß „gut“ sein, auch wenn die Begleiterscheinungen (Sich-gegenseitig-Auffressen, Sieg der Brutalsten und Rohsten) abscheulich sind, denn das Endresultat ist etwas Umfassenderes, eine vollkommenere Existenz in der Zukunft. Mit anderen Worten: Das „fait accompli“ (Emporentwicklung) erlaubt alle Methoden, es zu erreichen.

Für Menschen, die zu dieser Überzeugung gekommen sind, daß Emporentwicklung nach Darwinscher Lehre „gut“ sein muß, weil ihre „Früchte“ (eine bessere Rasse) gut sind, kann es nicht verwerflich sein, wenn man der Emporentwicklung ein wenig dadurch „nachhelfen“ will, indem man die natürliche Selektion im Kampf ums Dasein bei Pflanzen, Tieren und Menschen fördert. Demnach muß es eine „gute“ Tat sein, wenn wir gewisse minderwertige Individuen oder Rassen aussterben lassen bzw. „ausradieren“. Die Natur (bzw. Gott) hat doch praktisch diese Methode selber benutzt, was können wir also auf intellektueller oder moralischer Basis dagegen einwenden? Dadurch, daß wir die gleiche Methode benutzen, werden wir die Emporentwicklung zu einem Supermenschen, ja zu einer Superschöpfung nur beschleunigen. Nach diesen Prinzipien müssen wir die Ausrottung minderwertiger Rassen und Individuen zum Wohl der Rasse gutheißen. Auch die Beherrschung der „Sklavenrassen“ vom „Herrenvolk“, das den Plan für die Emporentwicklung der „Rasse“ entwirft, kann im gleichen Licht betrachtet werden. So steigert man die Integrierung und Emporevolution der biologischen Welt. Es ist eigentlich nur logisch, so zu denken, auch wenn die Darwinisten dagegen Protest erheben.

Also ist die erste Folge der Darwinschen Lehre in der politischen und auch in der biologischen Welt die Verherrlichung des Kampfes schlechthin. Alles, was zum Kampf und deshalb zur Selektion (Auslese) im Kampf führt, dient zur Emporentwicklung und muß gutgeheißen werden. Unsere intellektuellen Darwinisten lieben es natürlich nicht, wenn man diese Folgerung zieht. Aber obwohl sie diesen logischen Schluß nicht ziehen wollen, haben es andere für sie lange getan, wie z. B. Hitler, Mussolini, Castro, Karl Marx, Lenin, Stalin und andere. Man muß bedenken, daß Darwinismus die offzielle Staatslehre der Kommunisten ist und sich nicht nur auf die biologische Welt, sondern auch auf die politische bezieht. Die „überholte“ kapitalistische Welt wird sich nach den Prinzipien des „politischen Darwinismus“ in die sozialistische umwandeln; auch diese Umwandlung stellt eine „Evolution“ dar. Die heutige Literatur der Kommunisten und Sozialisten ist durchtränkt von Darwinismus dieser Art.

Viele unserer westlichen Intellektuellen sind Darwinisten, und viele von ihnen stehen auch extrem links in ihrer politischen Überzeugung. Beides hängt wohl zusammen. Aber merkwürdigerweise ist Darwinismus nicht nur die offizielle Doktrin der Kommunisten, er ist auch die Basis der Nationalsozialisten gewesen, auch wenn die äußere Form etwas umgeändert wurde.
Die Nationalsozialisten entwickelten natürlich ihre Ideen von Blut und Boden etwas anders als die Russen, aber folgende Zitate aus Hitlers „Mein Kampf“ werden genügen, um unter Beweis zu stellen, daß Hitler vom Darwinismus begeistert war und seine Rassenpolitik darauf basierte

Hitler schrieb („Mein Kampf“, Verlag Franz Eher Nachfolger, München 1933): „So große Bedeutung im völkischen Staat die Art der körperlichen und geistigen Erziehung haben wird, ebenso wichtig wird auch die Menschenauslese (Selektion) an sich für ihn sein“ (S. 44). „(Der Staat) hat, was irgendwie ersichtlich krank und erblich belastet und damit weiter belastend ist, zeugungsunfähig zu erklären und dies auch praktisch durchzusetzen … er muß ohne Rücksicht auf Verständnis oder Unverständnis, Billigung oder Mißbilligung in diesem Sinn handeln“ (S. 447/448). „Eine nur sechshundertjährige Verhinderung der Zeugungsfähigkeit und Zeugungsmöglichkeit seitens körperlich Degenerierter und geistig Erkrankter würde … zu einer Gesundung beitragen, die heute kaum faßbar erscheint. Wenn so die bewußte, planmäßige Förderung der Fruchtbarkeit der gesündesten Träger des Volkstums verwirklicht wird, so wird das Ergebnis eine Rasse sein, die … die Keime unseres heutigen körperlichen und damit auch geistigen Verfalls wieder ausgeschieden haben wird“ (S. 448). – Ist es aber wahr, dаß körperlicher Verfall die gleiche Erscheinung ist wie geistiger Verfall, wie Hitler behauptet?
Eins ist von vornherein klar: Ein Diktator ist die letzte Person, die absolute Macht über die persönliche Zukunft eines Untertanen ausüben soll. Denn als Hitler über genügend Macht verfügte, um „erblich Belastete“ auszuscheiden, waren es sehr oft „politisch Belastete“ die tatsächlich liquidiert wurden. Hitlers Feinde wurden in der Praxis liquidiert – neben all den wirklich kranken Kindern und anderen, die in die Gaskammern kamen -, wie bei allen Diktaturen von Anfang der Welt an. Die Doktrinen mögen noch so gut klingen, aber ihre praktische Durchführung versagt, weil der Mensch selber moralisch versagt. Er ist in der Praxis ein gefallenes Wesen, das von Haß und Neid mehr bestimmt wird als von Tugenden. Also in der Praxis wurden von Hitler ganze Volksgruppen „ohne Rücksicht auf Verständnis oder Unverständnis, Billigung oder Mißbilligung“ vergast. Die Lehre, die wir offensichtlich daraus ziehen müssen, ist daher, keinem System zuzustimmen, das irgendeinem Mann oder irgendeiner Gruppe absolute Macht in die Hände gibt. „Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut“, sagte der weise Engländer Lord Alton. Der Mensch ist derart gefallen (die Geschichte beweist es), daß er absolute Macht nie in die Hände bekommen darf. Er ist moralisch zu unterentwickelt, um uneingeschränkte Macht verkraften zu können; sie wird ihn nur noch mehr korrumpieren, als er es vorher war. In der Praxis also, als Hitler einmal die absolute Macht in Händen hatte, erwürgte er seine Feìnde, wie nur zu erwarten war. Er rechtfertigte dies aber mit der Lehre, seinem Volk einen Dìenst getan, nämlich die „Reinigung“ des Volkes dadurch gefördert zu haben.

Auf der anderen Seite ist es klar, daß, wenn der Mensch ein  „Engel“ wäre, der weder die Kranken noch die Schwachen mißbraucht, man sicher viel gesunde Vernunft in Hitlers Worten finden könnte. Man muß sich aber die praktische Tatsache fest vor Augen halten, daß Hitlers und der Darwinisten an sich vernünftig klingende Worte die Basis einer Massenvernichtung der Juden und anderer und einer Massenverrohung der Deutschen wurde, wie die Welt in der Vergangenheit sie kaum je gesehen hat.

Hitler meinte aber durch diesen Glauben und durch seine dadurch bedingten Taten ein „edles“ Zeitalter herbeiführen zu können. Durch diesen Glauben wollte er die starken, reinrassigen Arier zum Wohl der ganzen arischen Welt emporheben: „Der völkischen Weltanschauung muß es im völkischen Staat endlich gelingen, jenes edlere Zeitalter herbeizuführen, in dem die Menschen ihre Sorge nicht mehr in der Höherzüchtung von Hunden, Pferden und Katzen erblicken, sondern im Emporheben des Menschen selbst“ (S.449).

Hitler läßt uns über seine menschlichen Züchtungsziele nicht im dunkeln: „Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine ganze Erziehungsarbeit ìn erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als letztes die wissenschaftliche Schulung.“ – Im schweren Schicksalskampf unterliegt selten, der am wenigsten weiß, sondern immer derjenige, der aus seinem Wissen die schwäch¬sten Konsequenzen zieht“ (S. 452/453).

Der Darwinsche Kampf ums Dasein beherrschte Hitlers ganzes Denken, und durch die Auslese in diesem Kampf wollte er der Natur ein wenig nachhelfen, indem er einige „minderwertige“ Rassen „ausradierte“. In diesem Kampf sollte der arische Mensch zum Supermenschen erhoben werden. Die Ironie der ganzen Situation besteht darin, daß Hitlers „Halbaffen“ (d. h. seine Feinde, die Juden) wissenschaftlich besser geschult waren als er, mit der Folge, daß sie im bitteren Existenzkampf siegten. So siegte ein „kerngesunder Geist“ über den „kerngesunden Körper“.
Als vor hundert Jahren Professor Dr. Sedgwick aus Cambridge Darwins „Origin of Species“ ausgelesen hatte, bemerkte er, daß die Folgen dieses Buches, wenn es allgemeinen Anklang fände, eine Verrohung und eine Brutalisierung der Menschheit auf bisher nie erlebte Weise sein würde. Professor Dr. Sedgwick hatte recht. Dr. R. E. D. Clarke (Darwin before and after; Paternoster Press, London 1948) schreibt: „Unsere eigene Generation hat lange genug gelebt, um die unvermeidlichen Folgen der Evolutionslehre zu sehen, ein Resultat, das Sedgwick voraussah, sobald er ,Origin of Species` ausgelesen hatte. Mussolinis Lebensanschauung war von Evolution total beherrscht. In seinen öffentlichen Reden benutzte er ständig die Darwinschen Slogans und spottete der Idee eines ewigen Friedens, weil dadurch das Evolutionsverfahren verhindert würde. In Deutschland finden wir das gleiche. Hitlers Wesen war von evolutionärer Doktrin beherrscht, wahrscheinlich von seiner Jugend auf. Evolutionsideen stehen unverblümt hinter den abscheulichsten Gedanken von ,Mein Kampf` und seinen öffentlichen Reden.“

Noch einige Zitate aus „Mein Kampf“ (schon der Titel ist doch , „darwinistisch“) sollen dazu dienen, diese Eindrücke zu erhärten. Hitler pries z. B. das Boxen als eine Methode, den „Angriffsgeist“ zu fördern: „Es gibt keinen Sport, der wie dieser den Angriffsgeist fördert“ (S. 454).
Hören wir auch folgendes Wort: „Doch hat der völkische Staat eben nicht die Aufgabe, eine Kolonie friedsamer Ästheten und körperlicher Degeneraten aufzuzüchten. Nicht im ehrbaren Spießbürger oder der tugendsamen alten Jungfer sieht er sein Menschheitsideal, sondern in der trotzigen Verkörperung männlicher Kraft und in Weibern, die wieder Männer zur Welt zu bringen vermögen“ (S. 455).

Wiederum: „Von Zeit zu Zeit wird in illustrierten Blättern dem deutschen Spießer vor Augen geführt, daß da oder dort zum ersten Mal ein Neger Advokat, Lehrer, gar Pastor, ja Heldentenor oder dergleichen geworden ist. Während das blödsinnige Bürgertum eine solche Wunderdressur staunend zur Kenntnis nimmt, voll von Respekt für dieses fabelhafte Resultat heutiger Erziehungskunst, versteht der Jude sehr schlau, daraus einen neuen Beweis für die Richtigkeit seiner den Völkern einzutrichternden Theorie von der Gleichheit der Menschen zu konstatieren. Es dämmert dieser verkommenen bürgerlichen Welt nicht auf, daß es sich hier wahrhaftig um eine Sünde an jeder Vernunft handelt, daß es ein verbreche¬rischer Wahnwitz ist, einen geborenen Halbaffen so lange zu dressieren, bis man glaubt, aus ihm einen Advokaten gemacht zu haben …“ (S. 479.)

Dieses letzte Zitat stammt aus einem Kapitel von „Mein Kampf“, das die Überschrift trägt: „Staatliche Auslese der Tüchtigen“. Hitler und die Nationalsozialisten betrachteten die Neger, die Juden und auch andere als Zwischenstufen im Darwinschen Sinne des Wortes. Sie stellten Zwischenstufen zwischen dem arischen Menschen und den Menschenaffen dar, waren also, genau wie Hitler sich ausdrückte, „Halbaffen“. Es ist also klar, daß auch dieser Gedanke des „Halbaffen“ seinen Ursprung in der Darwinschen Denkweise Hitlers hatte, auch wenn sein Darwinismus primitiv war. Viele seiner Ideen auf biologischem Gebiet würden ortho¬doxe Darwinisten mit Recht ablehnen, so z. B. seine Gedanken zum Thema Rassenreinheit, Blut und Boden, usw. Eins aber steht fest: Hitler glaubte mit ganzem Herzen an den Sieg der Tüchtigen im Kampf ums Dasein und war der Überzeugung, daß dieser Kampf durch Auslese für die Emporentwicklung einer arischen Superrasse unumgänglich war. Dieses Gedankengut stellt natürlich den Kern und Eckstein der Darwinschen Methodik und Lehre dar. Und Sedgwicks prophezeite Verrohung und Brutalisierung des Volkes und der Partei ließ auch nicht lange auf sich warten. Wer diese fast unvorstellbare Brutalisierung der Nationalsozialisten verfolgen will, möge Kogons „Der SS-Staat“ (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 1964) lesen.

Will man den Keim dieser Brutalisierung finden, braucht man nur bei Hitler nachzulesen, wenn er schreibt: „Wenn man bedenkt, daß außerdem noch eine möglichst große Einschränkung der Zeugung an sich erfolgt, so daß der Natur jede Auslese unterbunden wird, da natürlich jedes auch noch so elende Wesen erhalten werden muß …“ (S. 275). Hitler lebte begeistert in der Welt der biologischen Auslese; für ihn bedeutete das arme Kind, das in der Auslese zugrunde geht, nichts. Wie anders ist die Denkweise Jesu, wenn er uns sagt, daß Gott selbst um die Spatzen auf dem Dach besorgt ist und daß jedes Haar unseres Hauptes gezählt ist (Matth. 10, 29. 30)!
Aber es blieb leider nicht nur bei schwachen, elenden Kindern; ganze Rassen wurden genauso behandelt: „Dann muß man … nach einer neuen Kraft suchen, die gewillt und fähig ist, den Kampf für ein solches Ideal aufzunehmen. Denn um einen Kampf handelt es sich hierbei, insofern die erste Aufgabe nicht heißt: Schaffung einer völkischen Staatsauffassung, sondern vor allem: ,Beseitigung der vorhandenen jüdischen`.“ (S. 505.) Es blieb natürlich nicht bei der Beseitigung einer „jüdischen Staatsauffassung“, sondern es kam bald zu der Ausrottung des ganzen jüdischen Volkes, zu der „Endlösung des Judenproblems“.

Das waren also einige Folgen und Auswirkungen der Darwinschen Lehre bei der nationalsozialistischen Bewegung. Erstaunlicherweise findet man eine ähnliche Entwicklung bei den Kommunisten.

Es ist z. B. bekannt, daß Karl Marx sein Buch „Das Kapital“ Charles Darwin widmen wollte, weil er einige Grundprinzipien Darwins in die politische Welt übernommen hatte. Aber aus politischen Gründen lehnte Darwin ab. Wer die politische und antireligiöse Propaganda der modernen Kommunisten liest, weiß, daß sie von primitivstem Darwinismus durchtränkt ist. Man findet die gleichen Gedankengänge wie bei den Nationalsozialisten, und die brutalisierende Wirkung bleibt auch nicht aus.

Dr. J. C. Pollock beschreibt in seinem vor einigen Monaten erschienenen Buch „The Christians from Siberia“ (Hodder and Stoughton Ltd., London E. C. 4, 1964; für Deutschland: Friedrich Bahn Verlag, Konstanz, 1966) die Entwicklung der atheistischen Propaganda im heutigen Rußland. Um diese Propaganda zu intensivieren, gab 1964 die kommunistische Partei die Gründung verschiedener Universitätslehrstühle für „wissenschaftlichen Atheismus“ bekannt (S. 129). Nun, wenn der Staat der ehrlichen Überzeugung ist, daß Atheismus die Wahrheit und wissenschaftlich zu begründen ist, darf man gegen die Gründung dieser Universitätslehrstühle nichts einwenden. Aber ein Zweck dieser Neugründungen ist folgender: „Wir wollen nicht, daß unsere Jungen und Mädchen bezüglich religiöser Fragen bloß unwissend erzogen werden. Wir wollen, daß sie überzeugte, kämpferische Atheisten werden.“ (S. 129.) Die Kommunisten halten alle Religion für falsch, für „Opium für das Volk“. Religion ist schädlich für das Volk, sie macht die Leute zu „moralischen Krüppeln“. (Diesen Ausdruck finden wir oft.) Die Neugründungen der Lehrstühle in den Universitäten sollen also propagandistischen Zwecken dienen, um das „Übel“ der Religion aller Arten zu entfernen.

Dieser aktive Kampf gegen alle Religion wird streng durchgeführt, und der Schauplatz ist natürlich vor allen Dingen die Schule. Die kommunistische Auffassung ist, daß kein Junge und kein Mädchen „normal“ oder „voll entwickelt“ sein kann, wenn Religion ihr Leben bedingt. Sie müssen „moralische Krüppel“ sein, wenn sie sich auf die „Spuren der toten Vergangenheit“ (d. h. Religion irgendwelcher Art) verlassen: „Es ist die Pflicht der Schule, so zu kämpfen, daß die Kinder religiöser Eltern keine moralischen Krüppel, sondern tätige Erbauer des Kommunismus und voll entwickelte Menschen werden“ (S. 130). Der Kommunist betrachtet Kinder, die gläubig erzogen sind, als „Heuchler mit zwei Gesichtern“ (S. 130). Da Kinder aus gläubigen Häusern Gefahr laufen, „moralische Krüppel“ zu werden, muß sich die Partei noch mehr Mühe geben, den „neuen kommunistischen Menschen“ zu erziehen, „der selbstsicher, hochmütig ist, der Bescheidenheit und Demut verabscheut, der kopfhoch als Meister seines eigenen Schicksals durchs Leben marschiert. Die Brüder und Schwestern in Christus verbiegen und zerstören selbst den Charakter eines Menschen, stehlen einem Mann alles, was er hat, führen ihn irre, so daß er seinem Traum des Glücks nach dem Tode nachjagt und seinen Stolz und Vertrauen zu seinen eigenen Kräften verliert“ (S. 131). Es liest sich fast wie „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Die Philosophie ist ja die gleiche und die „wissenschaftliche“ Basis die des Darwinismus, die Philosophie des Kampfes, der zur Emporentwicklung notwendig ist und der deshalb an sich und in sich „tugendsam“ sein muß.

Wenn ein christliches Ehepaar dieser Propaganda Widerstand leistet und die eigenen Kinder dazu erzieht, den Schöpfer über alles zu lieben, verlieren sie heutzutage immer häufiger ihr Elternrecht. Die Kinder werden von den Eltern entfernt und in Internate beson¬derer Art verschickt, wo sie fern von den Eltern und dem Elternhaus nach atheistischen, d. h. für den Kommunisten nach Darwinschen Prinzipien, erzogen werden.

Dr. Pollock zitiert folgendes Beispiel, das diese Tendenz beleuchtet, und zeigt, daß das Volk oft nicht mitgehen will. Wie in allen Diktaturen setzt sich aber die politische Minorität rücksichtslos durch: Ein Junge, namens Sasha Turkin, siebzehn Jahre alt und gläubig, wollte Mitglied des Bundes junger Kommunisten werden. Sein Antrag wurde vor den Komsomolzen seiner Klasse vorgelesen, die die Macht haben, den Antrag abzuweisen. Alles ging gut, und man bereitete sich zur Abstimmung vor, als Vitaly Bonzhenko aufstand und die Frage stellte: „Glaubst du an Gott?“ Die ganze Klasse hielt den Atem an, denn Sasha war als überzeugter Christ bekannt und auch sehr beliebt. Außerdem war er fähig und intelligent. Alle hatten ihn gern, aber diese Frage könnte ihm die Mitgliedschaft kosten, was seine Chancen weiteren Studiums beeinträchtigen würde. „Ja“, sagte Sasha ruhig, „ich glaube an Gott.“ War das nun möglich: Sasha, der an der Tafel gestanden und die Darwinsche Theorie erklärt hatte, glaubte an Gott? Einige Mitglieder der Klasse retteten plötzlich die Situation, indem sie ausriefen, daß alles ein Witz sei. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wurde Sasha Turkin einstimmig gewählt. Die Zeitung Komsomolskaja Prawda erstattete über obige Begebenheit Bericht und war sehr betrübt darüber, daß der Bund junger Kommunisten in Sasha seinen ideologischen Feind nicht erkannt hatte (S.137-138).
Als Sasha seine Mitgliedskarte entgegennahm, bekannte er sich noch einmal eindeutig zu seinem Glauben. Die Zeitung war regelrecht schockiert und kritisierte Schule, Klasse und Rathaus, die alle direkt oder indirekt diesen schrecklichen Zustand gebilligt hatten.

In den Universitäten geht es aber oft härter zu. Im Jahre 1963 wurde eine Studentin des Ingenieurinstituts und des Ökonomischen Instituts in Moskau entlassen, nur weil sie gläubig war.
Die Kommunisten betonen immer wieder, bis man es kaum noch hören kann, daß Darwinismus die wissenschaftliche Basis des Kommunismus sei. Das Leben entstand nach Darwinschen Gesetzen spontan aus totem Stoff. Gott war nicht die Ursache des Lebens, sondern der Zufall war allein die Ursache. Nur die Priester postulieren Gott, damit sie ein Schmarotzerleben führen können, damit sie dem dummen Volk Angst machen können, das ihnen dann Geld gibt. Nicht nur Leben und Weltall sind aber Produkte toter Einflüsse, die nach den Prinzipien des Darwinismus funktionieren, selbst die Geschichte, auch die politische Geschichte unserer Erde, ist das Produkt toter Gesetze. Gott ist total und absolut ausgeschlossen, Atheismus ist die einzige Wahrheit. Alles andere verbiegt den Charakter, ruiniert die Menschen und ist ein Feind des kommunistischen Systems, der zugunsten des kommunistischen Paradieses „ausradiert“ werden muß. Wer nicht an Zufall, Selektion, Mutation und Kampf als Erklärung für alles glaubt, der ist ein Feind, der für die Liquidierung reif ist.

Also auch die Darwinisten roter Färbung glauben wie ihre westlichen Vettern, daß tote Materie im Grunde genommen schöpferisch ist, daß sie imstande ist, im geschlossenen System Entropie zu senken, was in Wirklichkeit heißt, daß tote Materie göttliche, schöpferische Eigenschaften besitzt.

Warum entwickelt sich die kommunistische Doktrin nicht diesen Fortschritten gemäß? Warum verharrt der Kommunismus und auch westliche Biologie doktrinmäßig in mittelalterlichen Vorstellungen, die mit heutigen Erkenntnissen gar nicht zu vereinbaren sind? Sie sind durch ihre veraltete Naturwissenschaft dazu gezwungen worden, an eine „schöpferische“ Materie zu glauben, eine Naturwissenschaft, die der nüchternen Wirklichkeit nicht mehr entspricht. Und ihre westlichen Brüder sind natürlich in der gleichen Lage. Materie ist in beiden Lagern zum Schöpfer geworden. So haben die Kommunisten, wie alle Darwinisten, auch ihren Gott, der sich vom Gott der Christen darin unterscheidet, daß er pantheistisch ist. Gott ist die Materie, die Welt, der Kosmos – es ist ganz gleich, wie wir es ausdrücken wollen, wenn wir den Kern der Lehre verstehen. Die Kommunisten sind also in Wirklichkeit religiöse Leute, nur haben sie einen anderen Gott als wir. Und weil sie religiös sind, besitzen sie einen Missionseifer, der den christlichen oft beschämt.

Wir wollen also den einen Punkt festhalten: Die kommunistische Lehre der Entwicklung des Kosmos, des Lebens und der Geschichte ohne Gott ist genauso unbegründet – wissenschaftlich gesehen – wie der Darwinismus selber. Weil aber die Doktrin bei den Kommunisten verfassungsmäßig festgelegt ist, kann sie nicht geändert werden. Mit wachsender wissenschaftlicher Erkenntnis darf sich beim Kommunismus nichts ändern. Lenin, Marx und die anderen haben alles vor Jahren festgelegt. Da muß nun auch alles so bleiben, sonst fällt man unter das Urteil der Reaktion. Aus diesem Grund muß der Kommunismus immer fanatischer werden, sonst wird er sich nicht durchsetzen können. Liberalisierende Einflüsse kann er nicht vertragen, sonst wird das Ganze aufgedeckt, die ganze Unwahrheit kommt an den Tag.

Wir sind jetzt in der Lage, bezüglich der Auswirkungen Darwinscher Lehre einen Schluß zu ziehen. Alle Bewegungen und Nationen, die den Darwinismus offiziell und praktisch ausgewertet haben, sind Professor Dr. Sedgwicks vorausgesagten Auswirkungen nicht entgangen: Die Verrohung der Lehre des Kampfes um des Kampfes willen hat ihre Wirkungen nicht verfehlt. Man betrachte Mussolinis Faschismus, Hitlers Nationalsozialismus oder Stalins oder Maos Kommunismus: Sie alle lehnen die höheren Eigenschaften wie Demut, Enthaltsamkeit, Geduld, Sanftmut, objektive Wahrheit (im Gegensatz zu tendenziöser Propaganda) zugunsten des nackten Kampfes ab. Sie ziehen den Kampf um des Kampfes willen vor, um der natürlichen Auslese nachzuhelfen. Die Parole ist, daß Schöpfung nach oben dort stattfindet, wo Kampf das Minderwertige niedermetzelt. Hitlers letzte öffentliche Äußerung vor Kriegsende (1945) faßte alles zusammen, als er den Befehl gab, alle Lebensmittellager, alle lebenswichtigen Werke (wie Wasserwerke, Kanalisation, Brücken usw.) restlos zu vernichten. Die Deutschen hätten im harten Existenzkampf versagt, hinfort seien sie des Lebens und der Existenz also unwürdig, man solle sie deshalb allesamt „ausradieren“. Ob Greise und Kinder, Mütter und Kranke elend verenden, spielt keine Rolle in diesem Denksystem. Das Volk habe im Kampf versagt, deshalb habe es keine Existenzberechtigung mehr. Deshalb sollten alle Lebensmittelvorräte sofort vernichtet werden, die Wasserversorgung sollte sofort unterbunden werden, alles sei dem Tode geweiht. Der Nihilismus und die Verrohung waren vollkommen.

Bei den Nationalsozialisten und bei den Kommunisten sehen wir die Folgen des Darwinismus in einem etwas drastischen Licht. Aber sie bleiben auch in unserer westlichen Welt nicht aus, auch wenn die Symptome der gleichen Krankheit etwas milder verlaufen. In den Schulen wird der Darwinismus gelehrt, wonach der Mensch ein intelligentes Tier ist, das sich im Daseinskampf emporgearbeitet habe. Man lehrt das Evangelium des Kampfes, damit die Rasse – und der einzelne – vorwärts komme. Man kann es also verstehen, wenn die Schüler die Konsequenzen ziehen und sogar der Behörde den Kampf ansagen. Die jungen Menschen sind auch „Tiere“, die Geschlechtstriebe besitzen. Die Tiere unterdrücken diese Triebe nicht und sind dabei „glücklich“. Gut, machen wir es auch so! Durch Verhütungsmittel verhütet man die Folgen des geschlechtlichen Verkehrs. Was hindert uns, daß wir uns ausleben“ und geschlechtlichen Verkehr mit jedem haben, der uns gefällt? Triebe sind natürliche Instinkte, die der Erhaltung der Rasse dienen; laßt sie also ihren Zweck erfüllen!

Dagegen lehrt die Bibel, daß der Geist Gottes in uns ein Geist der Enthaltsamkeit ist (Gal. 5, 16.24). Enthaltsamkeit veredelt den Charakter. Aber heutzutage spricht man lieber nicht darüber. Die Musik ist ausschweifend, die Kunst surrealistisch oder pornographisch, die Literatur besteht aus brutalen Kriminalromanen und Kämpfen im Raum und auf den Planeten. Was schön ist, was wohllautet, was sanft und edel ist, findet heute wenig Anklang. Eher hört man sich Musik an, die Laute wie die einer explodierenden Dampflokomotive produziert. Und die Spieler in solchen Orchestern gleichen sehr den Spielern von Dschungelmusik im Herzen Afrikas, ehe der weiße Missionar kam. Ihre Bewegungen sind wild, ihre Instrumente geben eher Rhythmus und Schwung als Musik von sich. Und wenn die „Beatles“ erscheinen und gestikulieren, schreien die jungen Mädchen und fallen ohnmächtig zu Boden. Die Verrohung und Brutalisierung bleiben nicht aus, auch wenn die Temperatur anders ist und die Symptome milder sind als die, die wir beim Kommunismus und Nationalsozialismus feststellten.

V. Die Zukunft des Menschen

 

1. Nihilismus des einzelnen im Darwinismus

Der Darwinismus hat bezüglich der Zukunft des einzelnen nichts zu sagen, außer daß beim Einzelwesen, nachdem es gestorben ist, alles aus ist. Der Zweck des ganzen Lebens des einzelnen besteht in der Emporentwicklung der Rasse, und wenn das irdische Leben vorbei ist, ist für ihn alles vorbei. Es gibt für ihn keine Zukunft. Ich und mein Fleisch sind eins. Wenn mein Fleisch tot ist, bin ich nicht mehr. Mit anderen Worten hat der sogenannte wissenschaftliche Darwinismus für den sterblichen einzelnen nichts zu bieten. Eine persönliche Hoffnung eines Zwecks dieses irdischen Lebens nach dem Tode kennt er nicht. Der ganze Zweck und die ganze Bedeutung des Lebens besteht in der Rasse allein, der einzelne darf ein ganz klein wenig dazu beitragen, daß die Rasse sich zu einem Supermenschen entwickelt. Aber die siebzig Jahre, die der Mensch lebt, sind von keiner großen Bedeutung allein vom Standpunkt des einzelnen aus. Hier hat also der Darwinismus nicht viel mehr zu bieten als praktischen Nihilismus. Aber auf welchem Gebiet der Philosophie oder der Wissenschaft hat sich jemals der Nihilismus als richtig erwiesen?

Auch in bezug auf die persönliche Zukunft des „kommenden Supermenschen“ hat der Darwinismus nichts zu bieten. Denn die biologische Bestimmung (der Darwinismus kennt keine andere) des Supermenschen oder der Superrasse unterscheidet sich praktisch nur quantitativ vom materiellen Leben, das wir heute kennen. Die Superrasse und der Supermensch werden essen, trinken, heiraten, schlafen, sich fortpflanzen und sterben, genau wie wir es heute tun. Sicher wird man zu den Planeten fliegen können, sicher wird man in wunderbaren Häusern wohnen, sicher wird man nur zwei Tage in der Woche arbeiten müssen, dann wird man unternehmen können, was man will. Aber prinzipielle neue Gedanken zur Lebensart bietet uns der Darwinismus nicht. Alles ist bloß eine Extrapolierung dessen, was wir heute schon kennen. Gedanken in einer neuen „Dimension“ habe ich nicht entdeckt.

Die neue Rasse wird vielleicht, wie man meint, wiederum solange leben wie Adam (über neunhundert Jahre). Der Lebensstandard wird höher sein, sonst aber bleibt alles beim alten. Der Mensch (und das Tier) geht der totalen Auflösung, der totalen Vernichtung, entgegen. Und die modernen Darwinisten sind in diesem Punkt ganz logisch, sie legen wenig Wert auf den einzelnen, sie lieben eher die „Masse“. Der einzelne kann ruhig „Kanonenfutter“ werden, solange das „Volk“ oder die „Rasse“ davonkommen und siegen. Wie kann man sonst die Einstellung moderner Kommunisten erklären, bei denen es fast nichts Billigeres gibt als ein Menschenleben? Sie schicken ihre Soldaten massenweise an die Front und lassen sie hingeschlachtet werden, bis die Gegner keine Munition mehr haben. Die Nationalsozialisten haben ebenso gehandelt: Man ließ die Häftlinge hinrichten mit genausowenig Bedenken, wie wenn man das Fenster aufmachte (vgl. Kogon: Der SS-Staat). Diese Einstellung ist eine Frucht ihres Glaubens. Nachdem der einzelne seinen biologischen Zweck erfüllt und Kinder gezeugt hat (wenn seine „Rasse“ überlegen war), kann er ruhig für die „höheren“ Zwecke der Siege der Superrasse benutzt werden. Man wirft ihn weg, wie man eine leere Sardinenbüchse wegwirft; sie hat ihre Pflicht getan, Schluß! Mit einer Zukunft des einzelnen muß man nicht mehr rechnen.

Doch spricht unsere biologische Welt, die um uns herum wächst und von der Darwin seine Weisheit gelernt haben will, eine ganz andere Sprache als die des bloßen Nihilismus für den einzelnen und der Heilsverheißung für die Rasse allein. Denn in der Natur finden wir ständige, wenn auch leise, Mahnungen und „Gerüchte“, die uns zuflüstern, daß mit dem „Staub“ des einzelnen alles gar nicht „aus“ ist. Überall finden sich Hinweise, daß nichts umkommt und nichts verlorengeht. Große Umwandlungen und Verwandlungen finden statt, während plötzliche, bedeutungslose Fälle von Hiatus, wie der Darwinismus sie beim Sterben des einzelnen postuliert, eine große Ausnahme bedeuten. Das Samenkörnlein fällt in die Erde, um in dieser Form als Individuum zu sterben und nicht mehr als solches zu existieren. Aber nun findet eine erstaunliche Metamorphose statt, und aus dem kleinen, gelben Körnlein entsteht eine große, wehende, grüne Weizenpflanze. Wenn man nur das Weizenkörnlein allein gekannt hätte, wäre man nie auf die Idee gekommen, daß es eine so schöne, große Pflanze in sich trägt. Die Raupe erweckt kaum den Verdacht, daß sie eines Tages zum Schmetterling wird. Die Metamorphose ist „unwahrscheinlich“ und auch vollkommen.

Das Prinzip geht aber weiter. Das Ei wird vom Eierstock ausgestoßen und tritt den Weg an, der männlichen Zelle entgegenzugehen. Das Ei und die Spermatozoen sind winzig kleine Zellen, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit einem Menschen zeigen. Beide sind sehr kompliziert, denn sie enthalten fast unvorstellbar viel chemische Information, die sie für alle kommenden Generationen auf den Genen speichern. Aber weder die äußere Form der reproduktiven Zellen noch ihre gespeicherte chemische Information bergen in sich irgendeine Ähnlichkeit mit dem Organismus, der werden soll: mit einem erwachsenen Menschen. Die Metamorphose ist komplett.

2. Stoffwechsel und Individualität

Jetzt müssen wir aber noch einen Aspekt dieser Metamorphose anschauen. Der Frosch liegt auf einem kühlen, nassen Stein. Mit Hilfe gewisser Zucker- und Eiweißmoleküle in seinem Hirn und seinen Muskeln erhält er die Energie für bestimmte elektrische Impulse (seine „Gedanken“) und für Muskelkontraktionen (seine Bewegungen beim Fliegenfang). Nervenimpulse und Zungenbewegungen kosten Energie, die durch den Abbau der Zucker- und Eiweißmoleküle geliefert wird. Dabei wird Kohlenstoffdioxyd gebildet und ausgeatmet. Eine Metamorphose in der Welt der Kohlen¬stoffatome hat stattgefunden. Um „Gedanken“ zu unterhalten und Bewegungen zu ermöglichen, wurde Kohlenstoff von Zucker- und Eiweißmolekülen in Kohlenstoff von Kohlendioxydmolekülen umgewandelt. Er ist nicht mehr ein Bestandteil komplizierter Moleküle, sondern einfacher Kohlendioxydmoleküle. Das Kohlenstoffatom blieb gleich, nur die äußere Form änderte sich. Denn Kohlenstoffdioxyd ist ein Gas mit ganz anderen Eigenschaften als die der ursprünglichen Zuckermoleküle. Eine große Metamorphose hat stattgefunden. Andere folgen.

Die vom Frosch ausgeatmeten Kohlendioxydmoleküle werden von einer Kartoffelpflanze aufgenommen und durch Photosynthese (mit Hilfe von Sonnenstrahlen) zu Zucker- und Stärkemolekülen reduziert, die dann in den Kartoffeln gespeichert werden. Eines schönen Tages esse ich diese Kartoffeln und verbrenne deren Stärke- und Zuckermoleküle, um die Energie zu gewinnen, die ich brauche, um diese Gedanken heute niederzuschreiben. Die gleichen Kohlenstoffatome waren die materiellen Träger der Energie für Frosch- und Menschengedanken; dabei werden aber weder die Individualität des Frosches noch meine Individualität angetastet. Daß unsere Persönlichkeiten beide die gleiche stoffliche Basis teilten, ändert an der Persönlichkeit nichts; denn die Persönlichkeit ist offenbar von der Stofflichkeit oder der stofflichen Basis unabhängig, obwohl sie auf dieser Basis „reitet“.

Die Individualität des Frosches und seiner Gedanken liegt also nicht bei der Identität noch bei der Beständigkeit seines körperlichen materiellen Aufbaus, der ständig im Fluß ist und wechselt. Wenn dies nicht der Fall wäre, müßten meine Gedanken mit Froschgedanken „infiziert“ werden, denn ich benutze doch als stoffliche Basis meiner Gedanken „Froschmoleküle“. Als weiteres Beispiel sei das Wachstum des menschlichen Körpers angeführt. Sämtliche Bestandteile meines Körpers tauschen sich ungefähr alle sieben Jahre total aus, so daß ich, materiell gesehen, alle sieben Jahre materiell erneuert werde. Wenn also Stoff allein die Basis und die Erklärung alles menschlichen und organischen lebendigen Wesens wäre, müßte Individualität längst aufgehört haben. Doch bleibe ich der „alte“, obwohl ich, materiell gesehen, der „Neue“ bin. Das Leben und die Individualität „reiten“ auf auswechselbaren materiellen Atomen und Molekülen, die aber nicht das Wesen des Lebens selber sind, genausowenig wie das Pferd, auf dem ich reite, mein Ego (= ich selbst) ist. Umgekehrt ist es doch klar, daß mein Ego sogar mancherlei bezüglich meiner physikalischen Beschaffen¬heit bedingt und bestimmt, wie z. B. meinen Gesichtsausdruck, oder ob ich Magengeschwüre bekomme usw. Aber mein Ego ist nicht das gleiche wie meine körperliche Beschaffenheit; sonst würde ich ja, wenn ich ein Glied in einem Unfall verlöre, zur gleichen Zeit auch einen Teil meines „Ichs“ verlieren. Es mag sein, daß ich nicht weiß, wer oder was ich eigentlich bin. Eins ist aber klar: Mein Ich (ganz gleich, was mein Ich ist) ist imstande, unter toten Molekülen eine Metamorphose vorzunehmen. Es baut einen Körper. Man mag einwenden, daß die chemische Information, die auf den stofflichen Genen gespeichert ist, dafür verantwortlich sein muß und daß deshalb der Leib sich selber baut. Demnach wäre nur mein Leib mein Ich, was zur Folge hätte, daß, wenn mein Leib tot ist, mein Ich nicht mehr existiert. Aber auf diese Weise darf man nicht räsonieren, denn damit macht man Ordnung weniger beständig als Stoff , was unter Umständen absurd sein kann. Denn die Materie, die unseren fünf Sinnen so wunderbar „fest“, „beständig“ und „konkret“ erscheint, besteht, soweit wir beurteilen können, aus Ordnung, d. h. aus mathematisch beschreibbaren Bahnen von Elektronen um einen positiv geladenen Kern. Diese „feste“, „konkrete“ Materie besteht größtenteils aus leerem Raum, aus nichts. Das, was den Unterschied zwischen „wahrem Nichts“ und „fester Materie“ ausmacht, ist bloß die Bewegung von Körperchen, die übrigens auch wie Bewegung oder Wellen mathematisch behandelt werden können. Diese Ordnung von Wellenpartikelchen im Raum macht unsere Materie aus. Wie sollte also dann die Ordnung, die auf Genen und Chromosomen sitzt, prinzipiell anders behandelt werden als die Ordnung, die wir Stoff oder Materie nennen? Beide sind Ordnung, wenn auch Leben Ordnung unter Molekülen in sich schließt, während Materie Ordnung auf subatomarer Basis darstellt. Wenn Stoff (= Ordnung) und Energie (= Stoff) weder erschaffen noch vernichtet werden können, warum soll man postulieren, daß die hohe Ordnung, die mit Leben asso¬ziiert ist, mit der Auflösung des materiellen Trägers vernichtet sein wird?

Die Ordnung des Lebens, die ich als Naturwissenschaftler kenne, nämlich die Ordnung der Moleküle auf den Genen und Chromosomen, wird sicher den normalen Tendenzen der thermodynamischen Hauptsätze unterworfen sein, d. h. die Moleküle, auch die auf Genen, werden sich zersetzen. Das können wir chemisch feststellen. Entropie wird zunehmen. Aber wagen wir damit als Naturwissenschaftler zu behaupten, daß wir mit der Zersetzung der Ordnung auf den Molekülen, die das Leben tragen, das Leben in toto mit zersetzt haben? Wir haben doch bewiesen, daß in einem geschlossenen System organische und anorganische Moleküle sich zu lebenden Formen nicht ordnen. Um zum Leben zu kommen, muß gewissermaßen die „Intelligenz“ eines Biochemikers (oder eines Gottes, wenn man sich so ausdrücken will) auf den Stoff so einwirken, daß gewisse Reaktionen stattfinden. Mit anderen Worten verbindet sich „Intelligenz“, was ich nicht definieren möchte, mit Stoff, um Leben zu zeugen. „Intelligenz“ und Materie sind also die beiden „Bestandteile“ des Lebens. In einem geschlossenen System ist diese „Verbindung“ zwischen Intelligenz“ und Materie unumgänglich, wenn Leben entstehen soll. Wenn nun die chemische Ordnung zerstört wird, was materiell beim Tod der Fall ist, was wird dann aus dem zweiten „Bestandteil“ des Lebens? Auch wenn es dem Chemiker gelingt, Moleküle so zu synthetisieren, daß sie leben, ist er doch noch weit davon entfernt, die „Intelligenz“ und seine „Fingerfertigkeit“ bei der Synthese mit synthetisiert zu haben. Und doch war die ganze Synthese von seiner Intelligenz abhängig. Es scheint mir, daß das „Leben“ auf einer gewissen chemischen Ordnung „reitet“. Der „Reiter“, wenn er einmal auf ein ganz kleines „Roß“ gestiegen ist, kann Materie sammeln und sie zu einem recht großen „Roß“ entwickeln. Aber der „Reiter“ muß in den Sattel gehoben werden, er kann nicht selber „aufsteigen“. Die Bibel lehrt uns, daß der Schöpfer der große „Reiter“ ist, und daß er viele kleine „Reiter“ in den Sattel gehoben hat. Das „Roß“ ist den thermodynamischen Hauptsätzen unterworfen und kann zerstört werden. Die „Reiter“ bestehen aus geist¬licher „Ordnung“ oder „Intelligenz“, die natürlich die materialistische Naturwissenschaft von heute nicht kennt, weil sie nicht aus Materie bestehen und deshalb nicht zu beobachten sind. Weil sie aber nicht materiell und deshalb ewig sind, wird man sie beim Tod des „Rosses“ nicht mittöten können. Auch die Bewegung (Wellen), die wir Elektronen nennen, wird weder erschaffen noch vernichtet. Warum soll man etwas anderes für das Leben postulieren?

Unsere Körper, unsere leiblichen „Häuser“, werden aus Atomen und Molekülen gebaut, die ständig im Fluß sind, die ständig ausgewechselt werden. Wenn wir diese Moleküle, diese „Backsteine“, auswechseln, können sie von anderen Organismen aufgenommen und für ihren „Leib“ gebraucht werden. Aber das „Haus“ ist nicht der Backstein oder gar ein bloßer Haufen von Backsteinen, das Haus besteht aus der Ordnung von Backsteinen, in einem ständigen Fluß von Backsteinen, die ausgewechselt werden. Es wäre aber pri¬mitiv anzunehmen, daß die toten Backsteine sich selber zu Häusern ordnen. Wir wissen, daß tote Materie, tote Atome und Moleküle, sich selber überlassen, sich nie ordnen können. So wird Entropie nicht gesenkt. Es wäre doch ehrlicher – und auch demütiger -, zu bekennen, daß wir nicht wissen, wie die Backsteine sich zu einem Haus oder einem Leib ordnen, als zu behaupten, daß das von selber geschieht.

3. Das Tao

Dieser ständige Wechsel in der Ordnung der Materie, die wir Metamorphose nennen, ist allgemein und ist das Phänomen, das uns noch ein wenig beschäftigen muß. In der biologischen Welt findet man gewisse Regeln, die diese Veränderungen von Ordnung (Metamorphosen) bedingen. Dies haben schon die Denker des Altertums erkannt. Ein gewisser „Lauf der Dinge“, ein „Weg“ in der Abwicklung der Dinge ist zu postulieren. Bestimmte Gesetze und Regeln werden immer eingehalten im Kosmos wie auch in der biologischen Welt. Die Chinesen besitzen sogar ein besonderes Wort, um diesen „Lauf der Dinge“, der nach bestimmten Gesetzen arbeitet, zu beschreiben: Sie sprechen von dem „Tao“. Menschen haben diese Regeln nicht erfunden, sie haben sie bloß beobachtet. Die Regeln walten, ob wir Menschen es wollen oder nicht, und wer mit diesem Weltlauf in Harmonie leben will, muß ihn respektieren. Wer aber das Tao außer acht läßt, der ist zur gleichen Zeit mit dem Lauf des ganzen Universums in Mißklang. Zwischen einem solchen Menschen und dem „Gang“ des Universums besteht eine „Dissonanz“. Um konkret zu werden: Da das Universum z. B. die Wahrheit darstellt, bleibt ein Lügner außerhalb des Tao und deshalb außerhalb der Weltharmonie. Da das Universum nach Gesetzen und Regeln arbeitet, ist der prinzipiell Gesetzlose außerhalb des Laufes dieser Welt, außerhalb des Tao. Die alten Inder besaßen einen ähnlichen Begriff, den sie Rta nennen.

Um den chinesischen Begriff zu benutzen, bleiben wir also innerhalb des Tao, wenn wir z. B. wahrhaftig sind. Wir sind innerhalb des Tao, wissenschaftlich gesehen (wir wollen unsere Terminologie hiermit ein wenig erweitern), wenn wir glauben, daß nichts verlorengeht, denn Energie und Materie bleiben nach thermodynamischen Hauptsätzen erhalten. Das Tao lehrt uns – wir haben diese Tatsache so oft beobachtet, daß wir die Erkenntnis gewonnen haben, daß sie zum Tao gehört -, daß ein Stoff in einen anderen verwandelt werden kann, eine Ordnung in eine andere übergeht. Wir wären aber außerhalb des Tao, wenn wir die Vernichtung von Stoff (= Ordnung) oder Energie postulieren würden. Metamorphosen und Verwandlungen sehen wir überall um uns herum, aber Neuschöpfungen von Materie oder Vernichtung derselben oder der Energie stellen wir nie fest. So grenzt sich das uns bekannte Tao ab. Wenn wir deshalb überall um uns herum Verwandlung über Verwandlung, Metamorphose über Metamorphose feststellen, kommen wir zu dem Schluß, daß wahrscheinlich der Tod selber eine verkappte Metamorphose sein muß. Auf alle Fälle blieben wir innerhalb des uns bekannten Tao, wenn wir dies annähmen. Der materialistische Darwinismus dagegen wird zur gleichen Zeit außerhalb des Tao sein, wenn er annnimmt, daß für den einzelnen mit dem Tode alles aus ist. Das Tao lehrt uns eher, daß wir mit irgendeiner Verwandlung oder Metamorphose nach dem Tode rechnen sollen.

Wir wollen diesen Gedanken einer Metamorphose noch ein wenig weiterentwickeln. Das Ei wird vom Eierstock ausgestoßen und geht der reproduktiven männlichen Zelle entgegen. Wenn sie sich treffen, wird der Mechanismus in Gang gesetzt, der für die Verwirklichung der Metamorphose verantwortlich ist. Die beiden Zellen verschmelzen, und nach dieser Verschmelzung besteht eigentlich weder Ei noch Spermatozoon als einzelnes mehr. Aus dem gegenseitigen „Tod“ der beiden entsteht der neue Mensch. Aber ehe der neue Mensch entstehen kann, muß wirklicher, durchgreifender Tod der einzelnen Zellen vorausgehen. Dieser Tod ist die absolute Basis der Metamorphose, „Tod“ des Ei’s als Ei und „Tod“ des Spermatozoons als Spermatozoon muß vorausgehen. Und doch leben alle beide auf neue und auch vollkommenere Weise, denn die Bestimmung des Ei’s liegt in der Begegnung mit dem Spermatozoon, und die Bestimmung des Spermatozoons liegt in der Begegnung mit dem Ei, das ist das „Tao“ der biologischen Welt.

Aber die geistliche Welt kennt ein ganz ähnliches Tao. Wenn ein Mensch seinem Schöpfer in Jesus Christus begegnet, stirbt er sich selbst. Die ganze Heilige Schrift des Neuen Testaments spricht davon; der Mann, der zur Wiedergeburt in Jesus Christus kommt, „stirbt“, indem er ihm begegnet, und hinfort lebt er „dem Herrn“ (Römer 6, 5-8). Diese Art „Verschmelzung“ zwischen seinem Wesen und dem des Herrn findet statt; das „Ei“ „stirbt“ in dieser „Verschmelzung“, dabei entsteht „eine neue Kreatur“: „Das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden“ (2. Kor. 5, 17). Um mit uns „verschmelzen“ zu können, mußte der Herr auch sterben. Deshalb mußte er Mensch werden wie wir, um unser Bruder zu werden. Aber aus diesem Tod entstand das Leben für alle Kinder Gottes. Das ist das Tao auch der geistlichen Welt. Ohne „Tod“ auf beiden Seiten wird der „Mechanismus“ nicht ausgelöst, um neue, vollkommenere Kreaturen zu bilden, denn die Bestimmung der Kreatur liegt in der Begegnung mit ihrem Schöpfer, genau wie die Bestimmung des Ei’s in der Begegnung mit dem Spermatozoon liegt. Und wenn die Kreatur dem Schöpfer aus dem Weg geht, bleibt sie allein – und stirbt, wie das Ei oder das Spermatozoon sterben, wenn sie sich nicht begegnen. Und obwohl diese Begegnung der Kreatur mit ihrem Schöpfer den Tod mit sich bringt, den Tod des alten, sterilen Lebens, bringt sie zur gleichen Zeit eine herrliche, unerwartete Metamorphose, eine neue Art Leben. Sie bringt mit sich die „Freiheit der Kinder Gottes“. Sie ist die Basis der Wiedergeburt selber, denn sie verlangt „Tod“ auf beiden Seiten: Tod des Sohnes Gottes für uns und unseren „Tod“ uns selbst gegenüber in ihm.

4. Die Wesensstruktur des Menschen

Aber was hat all das mit der Zukunft des Menschen zu tun? Sehr viel; aber zunächst müssen wir noch ein wenig die Wesensstruktur des Menschen erörtern. Obwohl das Tao uns hier die großen Richtlinien erkennen läßt, müssen wir die Details selber einfügen, was aber ohne die Hilfe der Heiligen Schrift und ihrer Offenbarung über unsere Wesensstruktur unmöglich wäre. Die Bibel lehrt uns, daß der Mensch aus einer Dreieinigkeit (Trinität) besteht, wie Gott auch aus einer Trinität besteht. Als Gott Adam in seinem eigenen Ebenbild erschuf, gab er ihm diesen Aufschluß über sein Wesen, den Adam von sich aus vielleicht nie geahnt hätte. Obwohl der Schöpfer der Unendliche ist und wir die unvergleichlich kleinen Kreaturen seiner Hand, sind wir „nach seinem Ebenbild“ erschaffen worden und – ganz schwach – ihm ähnlich.

Es wird also jetzt notwendig sein, die „Struktur“ des Menschen nach der Heiligen Schrift zu untersuchen, was natürlich für einen Nichttheologen recht schwierig ist. Wenn ein Nichttheologe theo¬logische Probleme anfaßt, verärgert er oft die Theologen, genauso wie die Naturwissenschaftler sich ärgern, wenn Theologen Bücher über die naturwissenschaftlichen Aspekte des Darwinismus schreiben. Aber wie soll ich das Dilemma vermeiden? Die Herkunft des Menschen wird von der Bibel und der Naturwissenschaft behandelt; hier können Theologen und Naturwissenschaftler an die Arbeit gehen, ohne sich gegenseitig zu stören. Aber die Zukunft muß viel stärker von der religiösen, ja von der biblischen Seite her behandelt werden. Woher soll man sonst die Information über die Zukunft nehmen? Ich muß deshalb das Problem biblisch behandeln. Deshalb bitte ich die Theologen, recht geduldig mit dem Naturwissenschaftler zu sein, besonders wenn er theologisch „naiv“ wird.

Wenn man in gewissen theologischen Kreisen von bestimmten Themen der Heiligen Schrift hört, wie Wiedergeburt, Bekehrung, Vergebung der Sünden, Wiederkunft Jesu, um sein Reich aufzurichten, die Wundermale Jesu, die im Himmel erkennbar sind, wird man oft mit „Zynismus begrüßt“. Alle diese Dinge sind, nach den Ansichten dieser Kreise, nicht mehr so zu verstehen, wie unsere Väter sie verstanden. Man muß sie „entmythologisieren“, erst dann würden wir sie zu verstehen beginnen.

Als ich Student war, lernte ich sehr schnell, daß es ein Irrtum ist, kompliziertere Theorien einfacheren vorzuziehen; vielmehr soll man zuerst ganz einfach denken lernen. Es galt bei uns als Fehler, ein unnötig kompliziertes Postulat anzunehmen, wo etwas Einfacheres das Problem gelöst hätte. Es scheint mir zunächst nötig, dieses Prinzip bei unserem jetzigen Problem anzuwenden. Bis man mir das Gegenteilige beweist, nehme ich die Bibel einfach so, wie sie ist. Wenn sie mir sagt, ich müsse von neuem geboren werden, nehme ich das ernst und suche die Wiedergeburt. Wenn sie sagt, daß ich mit dem Geist und seiner Frucht (Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit usw.) erfüllt werden muß, suche ich diese Frucht in meinem Leben. Was ich nicht verstehe, ist der Zynismus, mit dem einem seitens liberaler Theologen oft begegnet wird, wenn man so unkompliziert glauben möchte. Hat nicht ihr eigener Herr gesagt, daß auch sie so werden müssen wie die Kinder (auch in Glaubensangelegenheiten), wenn sie ins Reich Gottes, dessen Verkündiger sie sind, eingehen wollen? Zynismus findet man ja oft dort, wo eine Enttäuschung oder Desillusion erlebt worden ist, die die Seele traumatisiert hat. Ein froher, biblisch basierter Glaube, sowohl bei einem Naturwissenschaftler als auch bei einem liberalen Theologen, sollte Gegenstand der aufrichtigen Freude sein, nie aber zu Ärger und Zynismus reizen, sonst stelle ich die Diagnose einer traumatisierten Seele in religiösen Angelegenheiten.

Die „Bestandteile“ des Menschen sind also nach der Heiligen Schrift Geist, Seele und Leib, so wie Gott der Allmächtige Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist ist. Da Gott der Unendliche ist, können wir nicht einmal anfangen, sein Wesen zu verstehen. Es ist schwierig genug, unser eigenes Wesen zu begreifen, selbst wenn die Heilige Schrift und die moderne Psychologie uns zur Seite stehen. Deshalb kann man und darf man auf diesem heiklen Gebiet nicht dogmatisch sein. Es ist geziemender, als Schüler sich die Daten, die uns zur Verfügung stehen, vor Augen zu halten und eine endgültige Schlußfolgerung zu vertagen. Aber anläßlich der Erschaffung Adams berichtete uns Gott der Heilige Geist durch sein Wort, wie der erste Mensch „zusammengestellt“ wurde. Gott formte Adams Leib aus dem Staub der Erde, d. h. aus den Elementen und Chemikalien, die die Bestandteile unserer Erde sind. Der Körper ist heute noch aus den gleichen Bestandteilen zusammengestellt. Aber dieser Leib aus Staub war nicht sofort lebendig. Gott blies deshalb den „Odem des Lebens“ in diesen toten Leib hinein, wobei Adam eine lebendige Seele wurde. Weder der Odem des Lebens noch der Leib aus Staub allein machten Adam zu einer lebendigen Seele. Es brauchte die Verbindung, die „Verschmelzung“, von Gottes Odem oder Geist des Lebens mit Adams Leib, um Adams Seele zu synthetisieren. Wiederum sind wir innerhalb des Tao, die Verbindung dieser beiden Einheiten löst den Mechanismus der Metamorphose aus, um etwas Neues zu bilden. Die neue Trinität war da und bestand aus Leib, Seele und Geist. In der Praxis ist es schwer, den Unterschied zwischen Seele und Geist zu definieren. Seele und Geist sind derart verwachsen, daß ein scharfes „Messer“ benutzt werden muß, um sie zu trennen. Das Wort Gottes ist dieses zweischneidige Schwert, das zwischen Seele und Geist unterscheiden kann (Hebr. 4, 12).

Die Bibel beschreibt nicht nur die „Synthese“ des Lebens aus Leib, Seele und Geist, sie beschreibt auch den „Abbau“, den Tod des Menschen, wobei Leib, Seele und Geist wiederum getrennt werden. Von der Synthese und von dem „Abbau“ können wir bezüglich der Zukunft des Menschen mancherlei lernen. Der Tod Jesu wird besonders genau beschrieben in der Heiligen Schrift, weil er so überaus wichtig ist, denn von diesem Tod ist das Heil der Welt abhängig. Es wäre aber ehrfurchtslos, einfach an seinen Tod heranzugehen, nur um Probleme zu lösen. Wir müssen sozusagen die Schuhe ausziehen, bevor wir ihm nahen. Als es zum Sterben ging, regelte Jesus Christus, der Herr, das, was noch zu regeln war, und versorgte seine Mutter, die am Kreuz ihres Sohnes stand. Dann neigte er das Haupt und befahl seinen Geist in des Vaters Hände: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Luk. 23, 46).

Der Urheber und Erhalter des Lebens, Jesus Christus, der Herr, verschied. Nach der englischen Übersetzung war dieser Akt des Sterbens aktiv: Er gab den Geist auf, er überlieferte seinen Geist. Als der erste Märtyrer Stephanus gesteinigt wurde, wiederholte sich (passiv) dieser Akt, als er ausrief : „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“ (Apg. 7, 58.)

Nachdem der Geist verschieden war, trat Jesus Christus selber die Reise an, die unser Glaubensbekenntnis die Höllenfahrt nennt, was eine unglückliche Übersetzung ist. Denn der Herr Jesus ging nach seinem Tod zum Ort der Toten. Die Hebräer nannten diesen Ort „Scheol“, wo es zwei Gebiete gibt, nämlich den Ort der seligen Toten und den Ort der Verlorenen. Das griechische Wort heißt Hades und bedeutet „Ort der Toten“. Wahrscheinlich ging nun der Herr Jesus, d. h. sein Ego, sein Ich, sein entkleidetes Wesen (denn sein Geist war in des Vaters Händen und sein Leib noch am Kreuz oder im Grab), in beide Gebiete des Hades, denn er ist „hingegangen … und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die vorzeiten nicht glaubten, da Gott harrte zu den Zeiten Noahs, da man die Arche zurüstete …“ (1. Petr. 3, 19. 20; Luk. 16, 22). Hier sagt der Apostel Petrus, daß der Herr „im Geist“ – im Gegensatz zu „im Fleisch“ – hinging, um zu predigen. Das gibt uns etwas Aufschluß auf einem Gebiet, wo wir ihn dringend benötigen, nämlich auf dem Gebiete der Tätigkeit und des Zustands eines Menschen nach dem Tode. Der Herr war „entkleidet“, er ging hin „im Geist“. Dies will aber nicht besagen, daß er seine Persönlichkeit verloren hatte, im Gegenteil, alle Merkmale einer Persönlichkeit sind da, sonst hätte er nicht predigen können. Irgendwie hat er „gepredigt“, d. h. Gedanken übermittelt. Er hat sich sicher an Stellen aus der Heiligen Schrift erinnern können, denn wo finden wir sonst eine Predigt Jesu Christi ohne Zitate aus dem Wort? Seine Persönlichkeit war also intakt, auch wenn er „entkleidet“, also ohne Leiblichkeit, war. Das gleiche gilt für seine Zuhörer, die Geister im Gefängnis. Ihre Individualität ist auch geblieben, denn sie waren eben die Geister, die vormals ungehorsam waren zur Zeit Noahs, also die gleichen. Sie sind auch „entkleidet“, behalten aber ihre volle Identität und ihr Bewußtsein in diesem Zustand. Ohne Intelligenz hätten sie nicht zuhören können. So bestätigt die Heilige Schrift die Kontinuität des Lebens nach der Metamorphose des Todes.

In dem Zustand der Metamorphose im Tode gibt es aber mindestens zwei Möglichkeiten des Aufenthalts im Scheol. Entweder kann man am Ort der seligen Toten sein, wie es bei Lazarus der Fall war, oder man kann bei den Unseligen sein, wo der reiche Mann war, der seine Identität auch nicht verloren hatte. Der Herr ging nicht in den Ort des ewigen Feuers, wohin der Teufel und seine Engel am Ende dieses Zeitalters verbannt sein werden. Er ging nicht in den „Tartarus“ (2. Petr. 2, 4), sondern in den Scheol. Dort wurde seine Persönlichkeit in keiner Weise beeinträchtigt, obwohl er „entkleidet“ war (2. Kor. 5, 3).

Während der Herr die drei Tage im Hades war, lag sein Leib (ohne Verwesung) im Grab. Ehe der Herr starb, hatte ihm sein Vater die Macht gegeben, sein Leben zu lassen und es wieder zu nehmen, so daß der Herr am dritten Tage den Geist des Lebens wieder zu sich nahm, was zur Folge hatte, daß sein schwerverletzter Leib, jetzt verherrlicht, wiederum seine „Behausung“ wurde. Leib, Seele und Geist fanden sich am Auferstehungsmorgen wieder, und der verherrlichte Herr kam aus dem Grabe hervor.

Soweit wir beurteilen können, blieben während dieser ganzen Metamorphose Geist und Seele wesensmäßig unverändert. Damit möchte ich in keiner Weise meinen, daß die Leiden des Todes ihn nicht verklärt und verherrlicht hätten. Sicher haben sie das getan, denn um seiner Leiden willen ist er verherrlicht worden und sitzt zur Rechten der Majestät in der Höhe (Hebr. 2, 10). Von diesem Standpunkt aus ist er nebst Geist und Seele herrlicher geworden durch die Metamorphose des Todes. Ich möchte aber unsere Aufmerksamkeit auf die Metamorphose des Leibes lenken, denn gerade hier finden wir Stoff, der die Zukunft des Menschen beleuchtet.

5. Metamorphose des Leibes anläßlich der Auferstehung Jesu

Zunächst müssen wir die Punkte (theologisch naiv, siehe Gal. 5, 22) aufzählen, bei denen wir keine Metamorphose des Leibes erblicken können:

a) Maria scheint nach seiner Auferstehung seine Stimme wiedererkannt zu haben, als sie „Rabbuni“ ausrief (Joh. 20, 16). Die Stimme blieb also nach dem Tode und der Auferstehung gleich.

b) die Wundenmale waren an seinem Auferstehungsleib noch zu erkennen. Wahrscheinlich waren sie noch ziemlich offen, denn Thomas wurde aufgefordert, seine Hand in die Wunden hineinzulegen (Joh. 20, 27). Also bezüglich der Wundenmale hatte der Tod keine große Metamorphose hervorgerufen, sie blieben für alle Zeit die Identifizierungsmerkmale des Herrn, selbst im Himmel (Offb. 5, 6).

c) Nach seiner Auferstehung konnte der Herr laufen, trinken, Fisch und Honig essen (Lukas 24, 43) und wahrscheinlich Feuer machen (Joh. 21, 9). Bei diesen Begebenheiten war sein Leib nicht durchsichtig. Er selber sagte, als die Jünger ängstlich waren, daß ein Geist nicht Fleisch und Blut habe wie er (Lukas 24, 39). Körperlich gesehen war er also durchaus „normal“ nach der Auferstehung, so „normal“, daß die Emmaus-Jünger ihn erkannten, als er das Brot am Tische brach.

Was uns nun zeigt, daß dennoch eine tiefgreifende körperliche Metamorphose stattgefunden hat, ist folgendes:

a) Er konnte durch verschlossene Türen gehen (Joh. 20, 19. 26).

b) Vor ihren erstaunten Augen konnte er verschwinden oder erscheinen (Joh. 21, 4; Luk. 24,15.31). – Vor ihren Augen wurde er gen Himmel aufgenommen (Apg. 1, 9).

c) Obwohl er äußerlich gesehen nicht anwesend war, als Thomas zweifelte, war er dennoch imstande, alles Gesagte genauso zu hören, als ob er leiblich anwesend gewesen wäre, d. h. er war gewissermaßen wie allgegenwärtig und doch zur gleichen Zeit eine determinierte Person, die wie wir eine ortsgebundene Leiblichkeit besitzt.

d) Der auferstandene Herr konnte auf diese neuen zusätzlichen leiblichen Eigenschaften je nach Wunsch verzichten oder nicht. Nach dem Gang nach Emmaus verschwand er vor den Augen der Jünger, obwohl er einige Augenblicke vorher leiblich mit ihnen gegangen war und die Schriften ausgelegt hatte. In einem Augenblick wurde er immateriell und wahrscheinlich allgegenwärtig, allwissend und als Gott allmächtig.

Also der Schwerpunkt der Metamorphose des Herrn nach seiner Auferstehung scheint bei dem Leib zu liegen. Soweit wir feststellen können, geschah im Bereich der Seele und des Geistes weniger, was wirklich als Metamorphose bezeichnet werden kann, als beim Leib. Seele und Geist scheinen recht kontinuierlich zu sein. Und gerade diese Konstatierung verleiht uns viel Aufschluß über die Zukunft des Menschen schlechthin.

6. Die Metamorphose des Menschen

Die Heilige Schrift hat dem gläubigen Mann und der gläubigen Frau zwei große Verheißungen gegeben. Die erste Verheißung bezieht sich auf die Erneuerung der Persönlichkeit anläßlich unserer Begegnung mit dem Herrn in der Wiedergeburt und betrifft die innere Erneuerung durch die Vergebung der Sünden. Sie ist also eine Metamorphose der Seele: „Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur“ (2. Kor. 5, 17).

Diese Metamorphose des Ichs beginnt also während unseres irdischen Lebens und entwickelt sich während unserer siebzig Jahre durch Gemeinschaft mit dem Herrn und mit anderen Christen. Das Ziel dieser Metamorphose besteht darin, daß die menschliche Seele Jesu Seele ähnlich wird. Um mich biblisch auszudrücken: Man wächst in der Gnade und Erkenntnis des Herrn (2. Petr. 3, 18). Dies ist der Anfang der ersten Verheißung, die wir nannten und die darin besteht, daß ein Mensch in seinem Innenleben Jesus Christus ähnlich wird.

Aber dieses Verfahren in der Seele kann nicht isoliert bleiben, es greift rapid um sich, es greift auf den Leib über. Die Augen beginnen anders zu leuchten, der Gesichtsausdruck wird anders. Nur derjenige, der die Vergebung der Sünden im biblischen Sinne nie erfahren hat, wird bezweifeln, daß auch äußerlich gesehen das „Leben“ ganz anders wird: „Nun aber spiegelt sich in uns allen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verklärt in dasselbe Bild von einer Klarheit zu der anderen, als vom Herrn, der der Geist ist“ (2. Kor. 3, 18). Die Zunge bekommt ein „neues Lied“ (Ps. 96, 1-4; 98, 1-3); die verbrauchten Kräfte werden erneuert ( Jes. 40, 31).

Vorsichtigerweise schrieben wir aber, daß die Metamorphose um sich greift. Ja, sie greift auf den Körper über, kann aber leider nicht sehr weit gehen, denn der Körper erlebt seine eigentliche Metamorphose erst nach dem Tod. Die Metamorphose der Seele in der Wiedergeburt leitet die Metamorphose des Leibes ein, doch kann diese nicht eher vervollkommnet werden, bis wir einen verklärten Leib erhalten, was entweder nach der Auferstehung oder anläßlich der Entrückung zum wiederkommenden Herrn stattfinden kann. Die erste Metamorphose legt das Fundament für die zweite, die Verklärung des Leibes, die dann zu ihrer Zeit vervollkommnet werden wird.

Der Apostel Paulus beschreibt diese Art Metamorphose des Leibes, die dem Christen bevorsteht, womit wir uns ein wenig beschäftigen wollen, weil sie so wichtig ist – und so vernachlässigt wird.

Er schreibt: „Wir wissen aber, so unser irdisch Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel. Und darüber sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlangt, daß wir damit überkleidet werden; so doch, wo wir bekleidet und nicht bloß erfunden werden. Denn dieweil wir in der Hütte sind, sehnen wir uns und sind beschwert; sintemal wir wollten lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden, auf daß das Sterbliche würde verschlungen von dem Leben.“ (2. Kor. 5, 1-4.)

Der Apostel sagt uns, in moderner Sprache ausgedrückt, also, daß dieser Leib, in dem wir jetzt wohnen, zerbrochen wird, daß wir aber getrost sein können, denn unser Schöpfer hält für uns einen anderen, ewigen Leib, in dem wir wohnen können, bereit. Es ist schwer, diesen alten Leib abzulegen, d. h. zu sterben, „entkleidet“ zu werden. Es wäre dem Apostel viel lieber, wenn er nicht sterben müßte, wenn der Herr ihn plötzlich verwandeln könnte, ihn „verschlingen“ lassen könnte vom Leben, ohne daß er den „entkleideten Zustand“ erfahren müßte. Er denkt wahrscheinlich an die Stelle, die er selber schrieb: „Danach wir, die wir leben und übrigbleiben, werden zugleich mit ihnen hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem Herrn sein allezeit“ (1. Thess. 4, 17). Die Wiedergeborenen, die zur Zeit des wiederkommenden Herrn noch leben, werden nicht mehr sterben müssen, sie brauchen nicht „entkleidet“ zu werden. Sie werden plötzlich vom Leben „verschlungen“, „überkleidet“ werden, ohne sterben zu müssen. Der Apostel sehnt sich nach diesem großen Tag der Offenbarung der Herrlichkeit Jesu bei seiner Wiederkunft. Die Metamorphose des Leibes wird an diesem Tage ohne Hadesfahrt stattfinden können. Fleisch und Blut, wie sie jetzt sind, können das Reich Gottes nicht ererben, die große Verwandlung muß zuerst stattfinden, in diesem Fall bei der Entrückung.

Der Apostel behandelt das gleiche Thema, wenn er schreibt: „Unser Wandel aber ist im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi, des Herrn, welcher unseren nichtigen Leib (gemeint ist die Verweslichkeit des Leibes) verklären wird (verwandeln, eine Metamorphose durchführen), daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe, nach der Wirkung, mit der er kann auch alle Dinge sich untertänig machen“ (Phil. 3, 20.21).

Da haben wir die ganze zweite Verheißung. Da haben wir die ganze, gottgewollte Zukunft der Menschen, da haben wir unsere wahre Bestimmung. Zuerst fängt der Herr eine Metamorphose des Ichs, der Seele, in der Wiedergeburt an. Ein Mann fängt an, in sich zu gehen, sich selbst zu erkennen. Er bekommt einen Hunger nach Gerechtigkeit, Klarheit, Vergebung seiner Vergehungen und Wiederherstellung vor Gott und Menschen. Dies findet er auf der Basis, die der Apostel Johannes niederlegte: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.“ (1. Joh. 1, 8-10.)

Wenn einmal die Basis einer wiederhergestellten Persönlichkeit da ist, die dann weiter wachsen kann, lenkt der Herr unsere Aufmerksamkeit auf unser Leiblichkeit. Die Seele wird auf den Himmel vorbereitet (der Erlöste lebt, geistlich gesehen, schon jetzt da) (Eph. 2, 6; Hebr. 12, 22 ff.). Da muß unsere Leiblichkeit ebenfalls eine Metamorphose durchmachen. Und weil der Leib, unsere jetzige Leiblichkeit, die Basis des verklärten Leibes liefert, mahnt uns die Heilige Schrift wiederholt, daß dieser jetzige Leib „dem Herrn gehört“ und daß er „heilig“ ist (1. Kor. 6, 13. 19). Wir dürfen nie in die Falle des Feindes geraten, der uns zuflüstert, daß, weil unser Leib „nichtig“ ist und aufgelöst“ wird, er deshalb in jeder Hinsicht vergänglich ist. Dies ist nicht der Fall. Unser Leib wird so verklärt werden wie Jesu Leib. Wer an einer Hure hängt, sündigt an seinem eigenen Leib, mahnt uns die Heilige Schrift (1. Kor. 6, 15-17). Der Leib ist heilig, deshalb soll es keine Ausschweifung außerhalb und innerhalb der Ehe geben. Und gerade weil diese Wahrheit der Heiligkeit des Leibes im Zeitalter des Darwinismus vergessen worden ist, meint man, daß man ungestraft und unbehelligt mit jedem beliebigen Menschen geschlechtlichen Verkehr haben darf. Die „Pille“ verhütet die gewöhnlichen leiblichen Folgen, daß Kinder geboren werden, verhütet aber nicht, daß Seele, Geist und Leib daran zugrunde gehen. Ich spreche vom kasualen Verkehr zwischen Jugendlichen. Jeder, der ein Auge dafür hat, erkennt die seelischen Folgen innerhalb kurzer Frist. Der Leib soll heiliggehalten werden, denn er ist die Basis des verklärten Leibes des erlösten Menschen.

Jetzt müssen wir uns unsere letzte Frage stellen: Warum will der Herr uns samt Leib, Seele und Geist unsträflich darstellen (1. Thess. 5, 23)? Was ist der Zweck der Erlösung und der Verklärung des Menschen? Was soll diese Metamorphose? Die Heilige Schrift lehrt uns zunächst, daß der Herr uns aus Liebe erlöste, so daß wir dort sein können, wo er ist. Er will uns bei sich haben, er legt Wert auf unser Nahesein (Joh. 17, 24). Warum dies der Fall ist, ist mir ein Geheimnis. Wenn es aber nicht so wäre, dann wäre der Herr wohl nie Mensch geworden, um für uns Menschen zu leben und dann zu sterben.

Die Antwort auf unsere Frage ist seit Äonen ein Geheimnis geblieben. Erst nach der Menschwerdung des Herrn ist sie klargeworden. Gott der Vater hat beschlossen, daß der Herr Jesus, weil er die geeignetste Person ist, die Regierung des Weltalls zu übernehmen, oberster Regent, König werden soll. (Er hat seine Fähigkeit dadurch bewiesen, daß er für die Erlösung der ganzen Welt starb.) Heutige Regenten auf Erden lassen ihre Untertanen für sich sterben, unser Herr handelte umgekehrt: Er starb für seine Untertanen. Die Worte der Heiligen Schrift machen diese Gedanken noch klarer, als ich es tun kann: „Er hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen, so er sich vorgesetzt hatte in ihm, daß es ausgeführt würde, da die Zeit erfüllet war, auf daß alle Dinge zusammengefaßt würden in Christo, beides, das im Himmel und auf Erden ist, durch ihn …“ (Eph. 1, 9. 10). Eine andere Übersetzung teilt uns mit, daß Christus das Oberhaupt aller Dinge wird, alles wird in ihm zusammengefaßt, alle Autorität endet und beginnt in seinen Händen. Christus ist der Herr.

Das ist die eine Seite der Frage. Die andere ist die: Durch seinen Tod für mich und durch mein Vertrauen zu ihm ist er mein Erlöser geworden. Aber nicht nur mein Erlöser, ich bin sein Eigentum, und zur gleichen Zeit ist er mein „Erbteil“ geworden (Kol. 1, 12; Eph. 1, 11). Hinfort gehören wir zusammen, so daß ich dort sein kann, wo er ist (Joh. 12, 26). Wenn ich als Christ einmal „entkleidet“ werde, trete ich mein „Erbe“ an, das Jesus Christus selber ist.

Und damit haben wir den Schlüssel der Zukunft des Menschen in die Hände bekommen: Wo er ist, da werden wir als seine Kinder auch sein. Gott erschuf den ersten Menschen, so daß dieser sein Gegenüber, sein Du brauchte. Es war nicht gut, daß der Mensch allein sei (1. Mose 2, 18). Wenn der Herr Jesus als König offenbar geworden ist und sein erneuertes Reich aufgerichtet hat, will er, daß die Seinere bei ihm sind, dort, wo er ist. Wenn er ein Urteil ausspricht, werden die Seinen mit ihm das Urteil aussprechen. Wenn er lobt, werden sie mitloben. „Wisset ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? … Wisset ihr nicht, daß wir über die Engel richten werden?“ (1. Kor. 6, 2. 3) „Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung; über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre“ (Offb. 20, 6). Deshalb müssen wir einen verklärten Leib erhalten, der Christi verklärtem Leib ähnlich ist.

Gott, in seiner großen Weisheit und Liebe, hat beschlossen, Menschen in seine Pläne einzubeziehen. Es warten auf uns Menschen die vielen „Wohnungen“, die der Herr Jesus für uns vorbereitet (Joh. 14, 2). Aber nicht nur die vielen „Wohnungen“ warten, es warten auch viele „Ämter“, mit denen er uns bekleiden will, wenn wir durch die Leiden dieser Erdenzeit dazu reif geworden sind. Selbst der Sohn lernte durch das, was er litt, Gehorsam (Hebr. 5, 8) und wurde auf sein hohes Amt vorbereitet, denn er ist mit seinem „Amt“ gekrönt worden, weil er die Leiden des Todes auf sich nahm. Warum soll es uns, den Jüngern, anders oder „besser“ ergehen? Der Apostel Paulus lehrt uns das gleiche, wenn er uns mitteilt, daß wir durch viele Trübsale ins Reich Gottes eingehen müssen (Apg. 14, 22). Alles dient als Vorbereitung auf das Amt, das Gott für uns bereithält. Aber hohes Amt setzt voraus gestrenge Vorbereitung und Erziehung. Unsere Zukunft, insoweit wir Erlöste des Herrn sind, ist davon abhängig, wieweit wir uns auf „das Amt“ vorbereiten lassen. Der Herr hat für eine vollkommene Metamorphose des Ichs und des Leibes gesorgt, er will uns samt Leib, Seele und Geist unsträflich darstellen (1. Thess. 5, 23). Doch sucht er unsere aktive Mitarbeit bei dieser wichtigen Umformung unseres ganzen Wesens.
Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre, an der Universität Tübingen innerhalb der Studentengemeinde eine Evangelisation durchzuführen. Prof. D. Karl Heim verfolgte trotz seines hohen Alters die Veranstaltungen und lud mich ein, mit ihm an seinem Geburtstagstisch eine Tasse Tee zu trinken. Es war für mich eine große Ehre, als junger Naturwissenschaftler am Tisch des ehrwürdigen, alten Theologieprofessors zu sitzen und seinen Gesprächen zuzuhören.

Ehe die wenigen Freunde, die eingeladen waren, sich verabschiedeten, bat ich ihn, ob ich ihm zwei Fragen stellen dürfte, bevor ich zu meinem Abendvortrag ging. Er willigte sofort ein. Meine erste Frage war die: „Glauben Sie, Herr Professor, daß der Mensch von Tieren abstammt oder nicht?“ Und die zweite Frage war: „Welche Mittel können wir benutzen, um den modernen, philosophisch und naturwissenschaftlich gebildeten Menschen überzeugend zu evangelisieren, so daß er im Sinne des Neuen Testaments wiedergeboren wird?“

Über die erste Frage diskutierten wir eine Zeitlang. Der Professor meinte, daß sein guter Freund, Professor Dr. Freiherr von Huene, besser antworten könne als er. Es war die typische Antwort eines demütigen, gütigen alten Mannes. Bezüglich meiner zweiten Frage sagte mir Professor Heim, die Antwort sei einfach, die Erfahrung seines ganzen Lebens stecke dahinter und habe ihn darin voll bestätigt als Wissenschaftler und Theologen. Hier ist der Inhalt seiner wichtigen Antwort: „Das Zeugnis des lebendigen Christus in einem Menschen ist das stärkste und überzeugendste Mittel, das wir beim Evangelisieren Gebildeter und Ungebildeter benutzen können. Ohne dieses Zeugnis können und sollen wir nicht evangelisieren. Tragen wir aber dieses Zeugnis im Herzen, so können wir es nicht unterlassen, zu evangelisieren. Und wenn Gebildete und Ungebildete diesem wahren Zeugnis keinen Glauben schenken, stehen uns keine anderen Mittel zur Verfügung, womit wir ihnen helfen können.“

Das erinnert uns an das Wort Jesu, als er sagte, daß, wenn ein Mensch das Zeugnis Moses verwirft, er schlechthin überzeugungsunfähig ist und nicht überzeugt werden würde, auch wenn jemand von den Toten auferstünde (Luk.16, 31).

Wenn die Zukunft des Menschen eine Metamorphose grundlegendster Art im Menschen in sich birgt, die den Menschen mit neuen Fähigkeiten ausrüstet, dann natürlich wird ein neues Habitat, eine neue, verwandelte Heimat, für den verwandelten Menschen nötig sein. Wir sterblichen Menschen besitzen bisher einen vergänglichen, materiellen Leib in einer stofflichen Welt. In der verwandelten, wiederhergestellten Welt, die uns Gott als neue Heimat verspricht, im Tausendjährigen Reich der neuen Erde und des neuen Himmels, wird es schon ganz anders sein – und doch gleich, genau wie der wiederhergestellte Mensch auch ganz anders sein wird und doch der gleiche: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken wird noch sie zu Herzen nehmen; sondern sie werden sich ewiglich freuen und fröhlich sein über dem, was ich schaffe … Es sollen nicht mehr dasein Kinder, die nur etliche Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen … Sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen …. Denn die Tage meines Volkes werden sein wie die Tage eines Baumes. Und es soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.“ (Jes. 65,17-25) Dann nach Ablauf des Tausendjährigen Reiches gestaltet Gott die noch größere endgültige Metamorphose, die große ewige Herrlichkeitswelt, wie sie uns in der Offenbarung des Johannes, Kap. 21 und 22 beschrieben wird.

Und nur siebzig kurze Jahre unseres jetzigen Erdenlebens sind uns beschieden, uns auf diese ewigen Freuden zubereiten zu lassen.

Auszug aus dem Buch A.E. Wilder-Smith: HERKUNFT UND ZUKUNFT DES MENSCHEN.
Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Mai 2006-05-23

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