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Zwischen Gott und Satan (H.Thielicke)

Helmut Thielicke

ZWISCHEN GOTT UND SATAN

– Die Versuchung Jesu und die Versuchlichkeit des Menschen –

 

INHALT
1. Brot, Tempelzinnen und leuchtende Länder im Wüstensand

2. Die erste Versuchung: Die Realität des Hungers
3. Die zweite Versuchung: Das verlockende Schauwunder
4. Die dritte Versuchung: Jesu Reich von dieser Welt

Matthäus 4, 1 – 11

Die Versuchung Jesu Christi

Darauf ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf daß er vom Teufel versucht würde. Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn hernach.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden! Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.»
Darauf nimmt ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht, zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: «Er wird seinen Engeln deinethalben Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein stoßest.»
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht geschrieben: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.» Wiederum nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und spricht zu ihm: Dieses alles will ich dir geben, wenn du  niederfällst und mich anbetest.
Da spricht Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen!»
Da verließ ihn der Teufel; und siehe, Engel traten herzu und dienten ihm.

 

PRÄLUDIUM: Brot, Tempelzinnen und leuchtende Länder im Wüstensand

 

1. Vision der Wüste

 Die Geschichte, die so anhebt, bestürmt uns mit Bildern und Gedanken.

Mit Bildern: Wir sehen die Einöde, die Ferne von Menschen und Dingen, eine grenzenlose Weite und den Schatten des Geheimnisses. Und darin zwei Gestalten, die miteinander spielen um einen ungeheuren Einsatz. Oder kämpfen sie? Und worum geht der Kampf in dieser Einsamkeit und Ferne? Wo ist ein Preis?

Aber wir wissen es ja, worum der Kampf geführt wird: Hier, mitten in der Wüste, in der Ferne von allem wird um die Erde gekämpft und um den Menschen. Und diese Erde ist meine und deine Welt. Und dieser Mensch – das bin ich und das bist du. Und die da kämpfen, das ist Gottes Sohn und ist der Satan.

Eine Stunde später ist der Kampf entschieden. Geschlagen, verfemt und besiegt verläßt die eine der beiden Gestalten das Feld. In geheimnisvoller Vision sieht Jesus später der Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (Luk.10,8). Das “Wetterleuchten dieses Blitzes, dieses Sturzes zuckt hier am Horizont der Wüste, als der Teufel flieht. Denn wahrlich: nun hat er die Flucht ergriffen und nur eine Zeitlang (Joh.12,21) noch darf er in seinem Exil vegetieren, darf er die Welt unsicher machen (Offb.12,9), jene Welt, deren heimlicher Fürst er ist und in deren Atmosphäre (Eph.2,2), in deren Nächten und Tagen er sich verbirgt und aus der er die Jünger mit seinen Nachhutgefechten quält (1.Tim.4,1), ihr Herz wankend zu machen strebt und zusieht, welchen er verschlinge.

Und die andere Gestalt in der Wüste? Schreitet sie so von dieser Walstatt, wie wir es erwarten: erhobenen Hauptes, bestärkt in ihrer Herrschaft, gekrönt als Sieger, mit einem Namen, der von nun an und sichtbar über alle Namen ist? (Phil.2,9)

Ach nein; wie anders ist dieser Sieg als die Siege der Menschen sind!

Die Gestalt erhebt sich und tritt in diesem Augenblick ihren Leidensgang an. Auch sie geht in die Welt. Und noch einmal wird der Kampf toben, noch einmal werden die Mächte der Tiefe gegen sie anbranden. Durch diese Welt, die ein Kriegsschauplatz ist und ein Kampffeld zwischen Gott und Satan, geht sie hindurch. Das Tor dieser Welt hat sie nun durchschritten, indem sie von ihrem ersten Siege aufsteht. Und der Kampf wird um die Menschen gehen, denen Christus begegnet, um die Zöllner und Pharisäer, um die geistlich Armen und die Klugen dieser Welt, um die reichen Jünglinge und die armen Männer, um die Proletarier und die Industriemagnaten, um die Hungernden und Dürstenden und die Satten und Sicheren – um dieser aller Seelen wird er kämpfen. Und er wird an ihnen sterben, für die er doch auferstanden ist, zu kämpfen. So geht der Sieger dieses Kampfes von dannen und geht geradewegs auf sein Kreuz zu, und es will scheinen, als ob Gott ihn verlassen hätte (Markus 15,34).

Ist er nicht doch ein heimlich Besiegter, ein heimlicher Bankrotteur und ein König mit verspielter Krone, als er diesen seinen Gang antritt von der Wüste zum Kreuz? Hat er vielleicht einen Pyrrhussieg errungen? Er, der nun den Weg des Kreuzes, des Schmerzes und der ewigen Verwundung geht und  nicht  den  Weg  der Glorie, den Weg des Triumphators, den Weg – – – Gottes (denn wie sollte Gott einen andern als den triumphalen Weg gehen können?!).

Vielleicht ist doch dieses Spiel in der Wüste unentschieden ausgegangen. Vielleicht hat auf ganz große Sicht doch der dunkle und große Gegenspieler die Welt in jenem Augenblick gewonnen und seine Herrschaft neu inthronisiert (wer meint es heute, im zwanzigsten Jahrhundert, nicht allerorten zu sehen?). – Alles scheint dafür zu sprechen.

Aber die Wüste sieht noch etwas, als beide Gestalten auseinandergehen: »Die Engel traten herzu und dienten ihm«. Es muß dennoch ein großer Sieg errungen sein . . .

2. Das Geheimnis der Versuchung: Der Mensch als der Gott Gottes

Wir beginnen zu ahnen, daß es in dieser Geschichte zwischen Christus und dem Teufel um uns selbst geht. Und so wollen wir auf das zu achten suchen, was hier in der Wüste uns gesagt ist und an uns geschieht. Denn es geht in dieser Geschichte um unser Schicksal: Jesus Christus, der hier kämpft, ist nicht nur der »Spiegel des göttlichen Herzens« (Martin Luther),  sondern  auch unseres Herzens (Phil. 2,7), ein Spiegel unserer Nacktheit und Blöße und Armut und Gefangenschaft (Matth. 25,35). Indem Jesus Christus hier in der Wüste ist und die Versuchung trägt, ist uns gesagt: Siehe, hier in diesem Leiden und in diesem Kampf ist Gottes Sohn dein Menschenbruder geworden. Denn er trägt und leidet hier das, was auch dein Leben bedrückt und wie sonst nichts auf der Welt bestimmt: Jesus leidet hier mit dir die Versuchung. Er zeigt dir, wie man das Leben an diesem seinem brennenden, seinem schrecklichsten Punkte aushält: in solcher Versuchung. Er, der hier dem Argen selbst gegenübertritt, zeigt dir, wo dieser tödliche Punkt deines Lebens liegt und wo die Rettung.

Wieso aber ist die Versuchung das, was unser Leben bestimmt, ja, was es am meisten bestimmt und gefährdet?
Denn so ernst steht’s doch mit der Versuchung. Wie
wäre sonst die Bitte zu begreifen: Führe uns nicht in
Versuchung!?

In der Versuchung sein, das heißt: ständig in der Lage sein, daß man Gott untreu werden möchte. Es heißt: ständig auf dem Sprunge sein, sich von Gott frei zu machen. Es heißt: ständig im Zweifel an Gott leben: »Wie kann ich deine Gebote erfüllen, du unheimlicher König? Laß mich von dir! Brechen nicht die Weisen darunter zusammen und die Propheten und Helden? Wie kann ich die Gedanken meines Herzens ändern (Matth.5,28), du schrecklicher Kündiger dieses  Herzens!? (Mk.2,8).  Ich bin doch nicht einmal Herr über meine Taten und muß sie ohnmächtig meinen Händen entgleiten sehen! (Röm.7,19) Wenn du Gott wärest, so könntest du dies alles nicht gebieten, so könntest du uns nicht schwarz machen und dann verlangen, daß wir weiß werden! Ja, solltest du über Gott sein? Sollte Gott wirklich gesagt haben? (1. Mo.3,1). Sollte dies schreckliche Gesetz nicht die Ausgeburt böser Phantasien sein?«

So nagt die Versuchung an unserem Herzen. Sie macht, dass wir auf dem Sprunge sind, von Gott frei zu werden. Wir zweifeln an seiner Gottheit und beginnen, uns unserer Menschheit zu erinnern. Oder die Versuchung kommt von einer anderen Seite auf uns zugeschritten:

»Wie kann Gott mir dies und jenes schicken? Gewiß: daß er mir eine Krankheit schickt, das begreife ich. Das ist sogar weise von ihm, denn ich hatte es nötig. Brauchte ich nicht einen Dämpfer? Brauchte ich nicht >Besinnung<? Brauchte ich nicht Schmerz, um daran zu reifen, und die Nähe des Todes, um das Leben zu begreifen, das ich – unwissend um seine Abgründe und um seine Grenze – durchstürmte? Gewiß: dies alles hatte ich nötig und muß ich für weise halten. Und weil so das Leiden weise und sinnvoll scheint, nun, so mag’s auch  von einer weisen und wissenden Vorsehung stammen, so mag es – von Gott kommen.«

Das sind meine Gedanken über Gott. Ich und meine Vernunft bestimmen über Gott. Ich und meine Vernunft wissen, wie Gott handeln »muß«, um wirklich Gott zu sein: er muß zum Beispiel weise (aber in mir verständlicher Form weise) sein, er muß sinnvoll und mir zum Besten handeln, Er muß mein Leben durch Freude — und vielleicht auch durch Leid reich und köstlich machen (wir klugen Menschen wissen ja auch etwas vom Sinn des Leidens!). Er muß unser Volk erhalten, denn dies unser Volk weiß sich zu einer Sendung in der Welt berufen, und darum ist Vorsehung und ist Gott nur dort, wo diese Sendung zur Erfüllung kommt. Gott muß dies, Gott muß das, wenn er wirklich Gott sein will. Gott muß Steine in Brot verwandeln. Er muß von den Zinnen des Tempels springen können, wenn er wirklich Gott sein will. So sind wir es, die Bedingungen stellen, denen Gott Genüge tun muß, damit wir ihn zu Gott ernennen können. Wir sind die Herren Gottes.

Aber in Wahrheit ist alles umgekehrt, was wir zu meinen
belieben. Es ist nämlich so – und diese Wahrheit klingt
erstaunlich einfach, wenn sie so »theoretisch« als Gedanke ausgesprochen wird -: es ist so, daß entgegen all
diesen Illusionen Gott unser Herr ist und daß seine
Gedanken höher sind als unsere Gedanken, und seine Wege höher als unsere Wege.

Aber grade weil diese Tatsache, die wir theoretisch so gerne zugeben, in der Wirklichkeit unseres Lebens so ganz anders aussieht, grade weil wir hier nämlich umgekehrt verfahren und nichts Geringeres als die Götter Gottes sein wollen, darum kommt nun der Zweifel: Denn wenn wir, die wir das Maß Gottes sein wollen, ihn nicht mehr verstehen bei seinem Tun, dann steht die Anfechtung auf: Sollte Gott wirklich gesagt haben? Sollte es wirklich Gott sein, der dies getan hat? Nein: wenn es einen Gott gäbe, wahrlich, so müßte er göttlicher handeln!

 

3. Hiob: Die Folter und das Stundenglas des Versuchers

Diesen Zweifel erfährt jeder, der das Leid, von dem wir sprachen, über das erträgliche und damit über das uns sinnvoll erscheinende Maß hinaus spüren mußte. Der Versucher schlug Hiob mit vielen Plagen: Er nahm seine Güter, seine Knechte, seine Kinder. Er stürzte ihn von der Höhe eines befriedigten und frommen Lebens (ach, wie leicht ist da fromm sein!) in den Schrecken entblößter und hungriger Armut. »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt« (Hiob 1,21). Ja: mit letzter Kraft errafft Hiob noch den Sinn des Geschehens, reißt er das Wort Gottes an sich, das ihn aus diesem Unglück anblickt, und klammert sich an seinen Trost: »Der Gott redet hier, der geben und nehmen kann. Wie hätte ich dies Geben und Nehmen Gottes aber je begreifen und ernst nehmen können, wenn er nicht auch genommen hätte, wenn ich nicht bitter von ihm geschlagen worden wäre -? Er wäre dann ein frommer Schmuck meines Lebens geblieben, und sein Dienst wäre wohl ein erhebender Kultus in meinem reichen Hause gewesen; aber eben ein >Schmuck<, der Gott in der >Sonntagsecke<. Gewiß: ich hätte redlich gelebt, meinen Nächsten und meine Freunde liebgehabt, ich hätte tapfer gearbeitet und mich gut mit ihm gestellt. Aber bei alledem wäre er doch nicht der wirkliche Herr meines Lebens gewesen: Er wäre nicht jener unheimlich reale Herr gewesen, der unerforschlich geben und nehmen kann und dessen Ratschluß zu hoch ist, als daß man ihn verstehen könnte (Hiob 42,3). Er wäre auf keinen Fall jener Herr für mich gewesen, dem in allem und unter allen Umständen recht gegeben hätte. Nein: Er wäre ein Herr für mich gewesen und geblieben, mit dem ich von Herzen gestritten, gehadert und gerechtet hätte«.

Das alles ahnt Hiob noch, als Gott ihm sein Liebstes und seine Lieben nimmt. Und er hält diesen frommen Gedanken noch fest, als der Versucher wiederum kommt und nicht nur Güter und Kinder nimmt, sondern ans Leben selber geht und Gebein und Fleisch antastet, als er an den Augapfel des Lebens rührt und ihn mit Schwären schlägt von der Fußsohle bis an den Scheitel.

So sitzt er in der Asche seiner verbrannten Güter und schabt sich die entstellte Haut und klammert sich noch einmal an die Stimme, die in all dem tönt: Auch das Böse, das Schreckliche, müssen wir aus seinen Händen nehmen, so wie wir das Gute ja auch von ihm geschenkt bekommen (Hiob 2,7). Oder sollte es keine Güte sein, wenn ein schmerzliches Schicksal uns lehrt, daß alles von Gottes Händen und Herzen zu uns hernieder kommt, Liebes und Leides?

Aber dann starrt ihn die nackte Sinnlosigkeit an, dann sieht er nur Asche und Schwären, klagende Freunde, brennenden Schmerz. Und im Hintergrund steht der Versucher und mißt mit der Sanduhr, gespannt, wann die Grenze   des   Möglichen, des Menschenmöglichen im Leiden überschritten sein wird: Die Sanduhr läuft; aber zunächst will Hiob reifer werden seiner Erkenntnis Gottes; er meint zu spüren, was Gott ihm durch all den zugefügten Schmerz sagen will. Aber der Versucher lächelt überlegen. Er wird das Spiel gewinnen. Er ist sich klar, daß zweierlei für ihn arbeiten wird: Die Zeit und der Schmerz.

Er weiß: Reifer werden wollen durch das Leid, das kann doch nur heißen, daß man sich das Leid »zur Lehre« dienen lassen will; so wie Hiob sich durch den Verlust seiner Güter darüber belehren lässt, dass sie ihm nicht gehören, sondern Gott, und daß Gott sie ihm nehmen kann, und daß Gott sich folglich als Herrn über Leben und Tod und Güter offenbaren will, wenn er so schmerzvoll in unser Leben fährt.

Der Versucher lächelt über diese fromme Regung. „Ja, – denkt er – wir wollen den Augenblick abwarten, wo das Leid den guten Hiob genügend in diesem Sinne >belehrt< hat. Das kann doch nicht lange dauern. Die frommen Weisheiten, die ihm im Unglück erwachsen und die man später einmal fett drucken wird – – nun, die werden verstummen, wenn das Leid weitergeht.« Jawohl: »wenn das Leiden weitergeht«. Der Versucher ist ein guter Psychologe, er rechnet so: Hiob meint, wenn er genügend aus seinem Leiden gelernt hätte (zum Beispiel, daß Gott gibt und nimmt und der Herr ist), dann müßte das Leiden wieder aufhören, weil es ja seinen Sinn erfüllt hätte. Denn wenn es einfach weiterginge, dann könnte er doch nichts mehr dazulernen, dann hätte es keinen »Sinn« mehr.

Und also läßt der Versucher, wenn er einen ernstlichen Angriff vorhat, das Leiden weitergehen, über die Spanne dessen hinaus, was der Mensch für sinnvoll hält. Wenn er meint, nun müsse es aufhören, nun habe er genügend gelernt, dann hört es gerade nicht auf, dann geht es sinnlos weiter. Die Zeit ist der unheimlichste Diener dieses Fürsten der Nacht. Sie macht uns mürbe. Nicht deshalb zunächst, weil sie so lang ist, sondern weil sie so sinnlos ist, weil das immer weiter dauernde Leid zu einer fratzenhaft höhnischen Frage wird: »Was sagst du nun?« – »Wo ist nun dein Gott«? (Ps.42,4) – »Meinst du noch immer, daß dir dies Leiden von Gott geschickt sei? Worin sollte denn sein Sinn noch bestehen? Wie könnte es denn jetzt noch, nach all den Monaten, nach all den Jahren, >zum Besten dienen<«? (Röm.8,28) – »Hältst du wirklich noch fest an deiner Frömmigkeit – noch immer … wie lange noch«? »Ja, sage Gott ab und stirb«!  

Das ist das eine Mittel des dunklen Versuchers: die Zeit. Die Zeit wird die Predigerin der Sinnlosigkeit. Sinnlosigkeit aber ist der stärkste Einwurf wider Gott. Denn wie sagten wir doch? Wir und unsere Vernunft (die Künderin des Sinns) machen uns von Natur zum Herrn und Richter Gottes. Wir sehen – kraft der Zeit – keinen Sinn mehr, erst recht keine höheren Gedanken. Darum: Sage Gott ab und stirb! Die Mittel des Versuchers sind plump und listig zugleich.

Er tut im Grunde nichts anderes, als daß er die natürliche Stellung des Menschen zu Gott in Rechnung stellt und sie zur äußersten Konsequenz vortreibt. Er macht einfach mit dem Menschsein des Menschen ernst: Der Mensch will von Natur Herr und Richter Gottes sein. Seine höheren Gedanken müssen immer dem entsprechen, ja müssen sich dem fügen, was der Mensch sich für Gedanken macht und für sinnvoll hält. Da tut der Versucher nichts anderes, als was wir bei Hiob sahen: Er fuhrt den Menschen mit Hilfe der Zeit, mit Hilfe der langen Dauer seines Leidens an einen Punkt, wo er das Leiden nicht mehr als sinnvoll und reifend und fördernd erkennen kann. Und das ist dann mit teuflischer Notwendigkeit auch der Punkt, wo sein Gottesglaube absurd wird, wo er Gott abschwört. Der Versucher sieht seinen Erfolg bei Hiob. Er sieht ihn bei den vielen, vielen Menschenkindern, er sieht um bei langen Kriegen (wie voll waren die Kirchen zu Beginn der letzten Weltkriege und wie leer waren sie an deren Ende!); er sieht ihn bei langen, unheilbaren und grauenvollen Krankheiten; er sieht ihn bei grausamem, unbegreiflichem Tod, dessen trauernde Hinterbliebene in die Anzeige drucken: Ein unbegreifliches Schicksal hat das getan … Dies alles sieht der Versucher und streichelt glücklich und mit triumphierender Gebärde das Stundenglas, in dem er diese Zeit gefangen hat.

 

4. Der Zweifler von Anbeginn

Und sein anderes Mittel ist der Schmerz. Das weiß jeder von sich selber. Das Leiden ist nur so länge erziehlich, wie wir bei klarem Verstande sind und uns Gedanken machen können, nur so lange, wie es uns – »zur Besinnung« dient. Aber diese Besinnung hört sofort auf, wenn  der  rein  körperliche  Schmerz  eine bestimmte Grenze überschreitet, die Grenze, hinter der wir ganz ausgefüllt von ihm sind: entweder so, daß wir krampfhaft die Zähne aufeinanderpressen oder laut schreien, oder auch so, daß wir – geschüttelt von Angst und Entsetzen – im Tal einer sekundenlangen Schmerzlosigkeit auf die nahende Welle eines neuen ungeheuren Schmerzes warten. Und jedes Unglück und jeder Kampf, im Schützengraben oder daheim im Bereich der politischen oder bürgerlichen Existenzfragen, in Kranken- und Irrenhäusern ist ein solcher Schmerz, der uns immer wieder an jene Grenze heranführt, wo wir »ausgefüllt« sind und wo die Frage als Frage verklingt.

Wie sollten wir da noch erbauliche Gedanken über Sinn und Unsinn, über Reiferwerden und Wachsen am Schmerz haben können?

Ja: das ist die andere These des Versuchers: Es gibt einen Grad des Leidens, wo man nicht mehr reifer wird an ihm. Und dieser Schmerz ist der andere Pfeil im Köcher des Feindes: der Schmerz, der einfach durch seine Stärke sinnlos ist. Welcher unheilbar und schrecklich Kranke und welcher im Trommelfeuer zermürbte, selbst fürs Fluchen zu schwache Soldat wüsste davon kein Lied zu singen, kein Lied zu schreien!

Und darum setzt auch der Mensch, der Gott mit seinem Sinnglauben das heißt doch nun: mit diesem Glauben an sich selber halten möchte, diesen seinen Gott ab, sobald er nichts anderes mehr ist als ein solcher Haufen in sich gekrümmten Wehs . . .

So ist der Mensch ein Zweifler und Versuchter von Anbeginn. Das hängt mit seinem Menschsein zusammen. Denn er ist ein Gefallener und Gesonderter und ist nicht mehr Gottes Freund. Er ist es nicht mehr, auch wenn er sich das tausendmal verschweigt und mit der Inbrunst des Hiob den Namen Gottes nennt; auch wenn er vom Weihrauchduft der Religionen umhüllt ist wie von einem Nebel, durch den man kaum noch das Blitzen des Cherubimschwertes sieht, das ihn von dem Garten zurückhält, in dem die Nähe Gottes war.

So muß er ein Zweifler sein vom Anbeginn dieser seiner Bahn und jedes Exemplar des Menschen von seiner Wiege an. Er ist immer der Hiob, dessen Glaube an Gott zerschellt: denn Gott ist anders, als dieser sein Glaube war. Dieser Glaube war ja nichts anderes als ein kluges Rechnen mit einer göttlichen »Gerechtigkeit«, mit einer Art sittlichen Weltordnung, die dafür sorgt, daß es dem Frommen gut und dem Bösen schlecht geht. Es war der Glaube daran, daß die »Weltgeschichte das Weltgerichte« sei, weil ein gerechter Gott diese Weltgeschichte in der Hand hielte.

Und siehe: Gott ist ungerecht – wohlverstanden: er ist im Sinne dieses Glaubens, dieses nun versuchten, in eine Zerreißprobe gestellten Glaubens ungerecht. Ja, Gott ist »ungerecht«: er setzt den frommen Hiob verarmt und entstellt in einen Haufen Asche, wo er sich seine Geschwüre schabt. Und währenddem geht es den Bösewichtern, den Gaunern, den Schiebern und Strebern gut, und die Sonne Gottes leuchtet – mit schmerzender »Ungerechtigkeit«! – über Böse und Gute (Matth.5,45).

Ja, Gott ist anders als dieser Glaube; denn dieser Glaube ist ein Glaube an den Sinn (zum Beispiel: an den Sinn des Leidens); und Gott ist plötzlich Un-Sinn; man versteht seine Wege nicht, und darum fragt man: Ist Gott überhaupt auf seinem Wege? Sollte Gott wirklich sein?

Dieser Glaube ist ein Glaube an die höchste Weisheit; und siehe, Gott ist Torheit (1.Kor.1,18). Dieser Glaube ist ein Glaube an die Glorie Gottes und an seine Herrlichkeit; und siehe: Gott naht uns verschmäht und verspeit und geheftet ans Marterholz. Dieser Glaube ist ein Glaube an das Wunder; und siehe: Gott schweigt (Matth.12,39) und steigt nicht vom Kreuze (Matth.27,40).

Dieser Glaube ist ein Glaube an das Große in und über der Welt; und siehe: Gott ist klein und ist Ärgernis (Jes.8,14).

Dieser Glaube stürmt voran und errafft das Gewand Gottes; und siehe: Gott kommt leise und von niemand bemerkt durch die Hintertür der Welt und ist im Stalle von Bethlehem.

Dieser Glaube ist ein Glaube an den Tag; und siehe:
Gott kommt zur Nacht, und den Klugen und Weisen ist es verborgen, aber die Hirten der Weihnacht, die
»Tumben«, die kennen ihn – und die Dämonen und 
Kinder.

Dieser Glaube ist eben immer, heimlich und unter der Decke, ein Glaube an den Menschen selber, und siehe: Gott ist Gott und nicht dieser Mensch.

Darum ist Mensch und sind wir alle Zweifler und Angefochtene von Anbeginn. Denn wir wissen: Dieser Gott zerschlägt uns erst, ehe er uns erhebt. Dieser Gott treibt uns mit Geißeln aus dem Tempel unserer Selbstanbetung und zerschmeißt den babylonischen Turm unseres Hochmutes, ehe er unser Vater wird. Dieser Gott stürzt uns in ein Meer der Unsicherheit über uns selbst und in Ziellose Unruhe, ehe er uns Frieden gibt.

Und mit diesem Gott wollen wir nichts gemein haben. Wir wollen billigeren Frieden. Und darum nehmen wir die Flügel der Morgenröte und fliehen zum äußersten Meer, fliehen in die Trunkenheit des Vergessens, in der wir uns selbst und den fragenden, verfolgenden Gott nicht mehr spüren. Wir fliehen in die Trunkenheit jenes Vergessens, wie es vielleicht unsere Arbeit gewährt oder der Betrieb, in dem wir untergehen, oder die Masse oder der Alkohol oder der Sexus oder das Zeremoniell der Masse, in dem wir begeistert, fanatisiert und von Fanfaren umtönt die Gottheit über dem Stadion oder der Riesenhalle zu sehen glauben: Ha, du bist unser!

Wir sind Zweifler von Anbeginn: Wir zweifeln an Gott in dem gleichen Maße, wie wir an uns selbst glauben; und wir glauben unbändig an uns selbst. Wir glauben zum Beispiel an unsere Unsterblichkeit, und das heißt doch wohl: Wir glauben an unsere Ewigkeit, an die Ewigkeit unseres Geschlechtes. Und darum beißen wir lachend in die verbotene Frucht: wer sollte uns schon etwas verbieten! Wer hätte schon das Recht, uns zuzurufen: Bis hierher und nicht weiter? – Gott etwa? Ha, wir sind seines Geschlechtes, und unser ist die Erde und das Paradies.

Wir glauben an unsere Ebenbürtigkeit mit Gott (1.Mose 3,5), und darum sprechen wir mit dem Versucher, mit dem Meister des Zweifelns: »Sollte Gott wirklich gesagt haben?« und zweifeln an Gott.

Die Stunde der Versuchung, das ist die Stunde, in der wir an uns selbst glauben, in der wir aufhören, an uns zu zweifeln, und eben darum an Gott zweifeln. Das ist unsere Stunde und die Macht der Finsternis (Luk.22,53). So lehrt die Heilige Schrift den Bruch des Menschen mit Gott.

 

5. Die Sehnsucht, von Gott frei zu sein

Auf dem Hintergrund dieser biblischen Sicht der Dinge müssen wir die Versuchungsgeschichte sehen. Wir verstehen nunmehr, warum der Mensch versucht und angefochten ist von Anfang an: weil er an sich selbst glaubt.

Und wir verstehen, was es nun letztlich heißt, daß der Mensch in der Versuchung ist: daß er nämlich ständig auf dem Sprunge ist, Gott untreu zu werden und sich zu Gott zu machen; daß er ständig wünscht, von Gott frei zu werden.

Dieser Wunsch, von Gott frei zu werden, ist die tiefste Sehnsucht des Menschen. Sie ist größer als seine Sehnsucht nach Gott. Ja: es wird uns sogar gesagt, daß in dieser Gottessehnsucht und mitten in der Frömmigkeit und sogar mitten im klüglich gebrauchten Wort Gottes selber, daß mitten in alledem die Absage, das Loskommen wollen von Gott da ist. Wie trieft doch der Versucher in der Wüste von Worten Gottes! Warum wettern und predigen sonst die Propheten wider die Götter und Götzen, wider die Kulte und Fetische, wider den Gott »Natur« und den Gott »Schicksal«? Weil all dies bequeme Götter, weil sie Ruhe- und Sicherheitsgötter sind, weil man sie schauen kann und nicht an sie zu glauben braucht, weil sie ja sagen zu dem, was der Mensch bejaht haben will, ja, weil sie die Nickegötter und die Urheber  unverbindlichen frommen Rausches und glückhafter Ekstasen sind. Deswegen: »Groß ist die Diana der Epheser«; deswegen: »Heil den andern Göttern«! »Auf zum Tanz um das Goldene Kalb«! »Baal, erhör’ uns«! »Schicksal, komme über uns!«

Das ist die ungeheure Monotonie, die durch alles Reden und Künden der biblischen Männer geht: Es gibt keine größere Sehnsucht des Menschen als den Abfall und die eigene »tiefe, tiefe Ewigkeit«. Das haben sie gewußt, daran sind die Märtyrer unter ihnen gestorben. Und diese Monotonie klingt noch wider aus dem »Kreuzige ihn, kreuzige ihn!«, das nur wie eine kurze dramatisch bewegte Welle über diesem ewig gleichen Grunde spielt.

Das ist das Geheimnis der Welt: daß sie so zwischen Gott und dem Widerspieler hängt und daß sie immer auf dem Sprunge ist zum Widerspieler hin. Das ist die Stunde der Versuchung. Es ist die Erdenstunde, die Stunde dieses Äons. Darum muß Gott an dieser Welt sterben. Darum markiert das Kreuz die Grenze zwischen Ewigkeit und Zeit. Gott und Welt stehen »übers Kreuz« zueinander. Das ist die Wahrheit, und die Bildnisse und Gleichnisse der Götter lügen.

Aber Gott kämpft um uns alle. Es ist ganz unbegreiflich, aber es ist so: Gott hat uns lieb. Wir können ihn nicht erobern, wir sind ja nur Fleisch und Blut; aber er ringt um uns, so sehr, daß die Stirne Jesu Christi von Schweißtropfen und von Blut benetzt ist.

Aber freilich: wir müssten diesen Kampf Gottes um unsere Seele, den die Bibel uns kündet, allzu schlecht begreifen, wenn wir ihn so verstünden, daß wir hier die Kämpfenden, die faustisch um Gott Ringenden, die Gottsucher wären1. Wir könnten Gott ja gar nicht suchen, wenn er uns nicht schon gefunden hätte, wir könnten ihn nicht lieben, wenn er uns nicht zuerst geliebt hätte.

Nein, wir sind nicht die Helden in diesem Kampf. Wir sind weniger Held und Heer als Schlachtfeld. Um uns wird gekämpft, denn wir sind die Fliehenden. Wir leben in der Stunde der Versuchung. Wir leben in einer Welt, die einen Herrn hat (Joh.12,31). Wir leben »auf dem Sprunge«. In diese Tiefe hinein ist Jesus zu uns gekommen. Hier hat uns der Aufgang aus der Höhe besucht. Diese Not, dieses Schicksal hat er mit uns durchlitten – hier in der Wüste. Wir haben damit den Hintergrund dieses Geschehens gemalt.

Nun blicken wir auf die beiden Gestalten im Vordergrund, die der Evangelist uns zeigt, auf Jesus und den Versucher. Jesus Christus ist zu uns gekommen, um die Versuchung, um unser Schicksal mit Gott zu erleiden und unser Bruder zu werden. Wir wollen zu ihm gehen in die Wüste, um zu sehen, was er hat leiden und kämpfen müssen, um dieser unser Bruder zu sein. Hier werden wir lernen, wer wir sind und wie es mit dieser unserer Welt steht. So geht die Bibel immer vor: Wie tief wir gefallen sind, wird uns an dem klar, was Gott hat aufwenden müssen, um uns zu helfen. Die Theologen sagen: Es wird in letzter Tiefe nicht am Gesetz, sondern am Evangelium deutlich.

Und so ist es auch hier: Wer ich bin, wer wir Menschen sind, das wird uns daran klargemacht, daß Jesus unser Leben an seinem tiefsten Punkte durchleben, daß er versucht werden muß so wie wir. Auch hier erfahren wir, wer wir sind: an der Größe dessen, was Jesus für uns aufgewendet und gelitten hat, indem er an unsere Stelle tritt.

Die Wüste ist unsere Welt; der Versucher ist unser Versucher; die vierzig Tage und Nächte – die sind unsere Zeit; und Jesus —: der sind wir, denn er steht hier an unserer Stelle. Wer sind wir also, o Gott, wer sind wir? 

 

6. Vom Geist in die Wüste geführt

Jesus ward vom Geist in die Wüste geführt. Dort fastete er vierzig Tage und gehörte der Einsamkeit.

Wir hören Ähnliches von Moses: Er war bei dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser (2.Mo.34,28). Dort schrieb er die Tafeln des Bundes. Und mitten in dieser Einsamkeit redete Gott mit ihm von Angesicht zu Angesicht, so wie ein Freund mit seinem Freunde redet. In dieser Einsamkeit geschieht etwas von Gott her. Es ist die Stunde der Nähe Gottes.

Und auch der Mann Gottes, Elia, so erzählt die Schrift, wird in seiner Angefochtenheit, seiner Verzweiflung und Leere von Gott gestärkt und geht in Kraft der göttlichen Speise durch vierzig Tage und vierzig Nächte hindurch zum Berge Gottes. Dort erscheint dem Müden, Zerschundenen, Angefochtenen der Herr. Und er hat – wider Erwarten – nicht die Gestalt eines wilden Wettersturms  und hervorbrechender  Gewalten  der  Natur, nein: er hat das überraschende Gesicht eines stillen, sanften Sausens im Winde (1.Kö.19,12). Es ist anders, ganz anders, als der Prophet es erhoffte.

Und in der Reihe der biblischen Menschen, die wohl
nicht unbeabsichtigt ist und die wieder den Hintergrund für das Geschehen in der Wüste bildet, wird
nun auch Jesus in die Stille der vierzig Tage und
Nächte geführt, einer ungeheuren Begegnung zu. Aber
ehe er Gott gegenübertritt und ehe die Engel kommen,
um ihm zu dienen, und ehe die Freude des Himmels ihn
überglänzt, muß er erst dem »Andern« begegnen und
standhalten.

Keiner hat den »Andern« so gesehen, so furchtbar nahe, so unübersehbar wirklich wie er, keiner, Mose nicht und Elia nicht und kein Mensch. Und doch steht er hinter uns allen und ist der heimliche Fürst dieser Welt. Eben darum aber, weil er so der Fürst unserer Welt ist, stehen wir hier selber bei Jesus in der Wüste und wissen: Es geht hier um uns.

Es scheint mir sehr wichtig, daß der Versucher dem Herrn in der Einsamkeit, in der Wüste begegnet. Es ist eine unvorstellbare Einsamkeit: Nicht nur die Menschen fehlen, die Gefährten, die Eltern, Freunde und Fremden. Nein, auch die Dinge fehlen: Kein Verkehr umwogt ihn, keine Landschaft fesselt ihn, er kann nicht interessiert auf dies oder jenes zugehen und es betasten, er kann nicht arbeiten, er kann sich kein Vergnügen leisten. Es ist nichts da, nicht einmal Speise und Trank. Nur Sand und Wüste umgeben ihn.

Und hier, wo er von nichts abgelenkt, verführt, gefesselt werden kann, ausgerechnet hier wird er versucht -? Konnte der Versucher nicht einen günstigeren Augenblick erhaschen? Warum wählte er nicht die Stunde, als ihn das Volk zum König machen wollte (Joh.6,15)? Oder als er am Kreuze hing und die Möglichkeit hatte herabzusteigen (Mark.15,32)? Oder als er vor Pilatus stand und im Augenblick der höchsten Bedrängnis wußte: er würde mehr denn zwölf Legionen Engel alarmieren können? — Waren das nicht versuchlichere Stunden? Waren hier nicht Anreize, erregende Chancen und faszinierende Fernblicke in traumhafte Möglichkeiten? Und dennoch kommt der Versucher hier in die Wüste, in die größte aller Einsamkeiten, in eine Stunde, die gerade nicht – wie die anderen, späteren – im gefährlichen Zenit des Lebens liegt -?

Mir scheint, gerade diese Einsamkeit will bedacht sein. In ihr zeigt sich das Geheimnis der Versuchung. Sie ist nicht nur Bild und Staffage des biblischen Erzählers. Nein: »der Heilige Geist führt Jesum in die Wüste«. Wir müssen darüber nachsinnen, was diese Einsamkeit bedeuten mag. Wie sollte der Geist Gottes etwas »ohne Bedeutung« tun?

7. Das babylonische Herz

Was geht in uns vor, wenn wir versucht sind -? Am besten machen wir uns das an ganz einfachen und alltäglichen Formen der Versuchung klar, wie etwa daran, daß wir versucht sind zu lügen, zu stehlen, eitel zu sein und »anzugeben« oder auch die Ehe zu brechen. Zunächst – so scheint es – ist immer eine Gelegenheit da, die uns reizt und lockt, die uns »versucht«. »Gelegenheit macht Diebe«, sagt kurz und richtig die Volksweisheit. Dasselbe zeigt die Bibel mit scharf eindringendem Licht bei der Versuchung von Adam und Eva. Es ist eine überaus markante Gelegenheit zum Sündigen da: denn mitten im Garten steht ein Baum, von dessen Früchten man nicht essen darf. Er ist vom gefährlichen Reiz des Geheimnisses umlagert. Und sein Geheimnis ist ein ständiger Lockruf an den ewigen und unbändigen Drang im Menschen, jedes Geheimnis zu lüften. Es ist ein Lockruf an jene Neugierde, die Wissenschaft und Technik beseelt, die die Erde erobert und die auf ihrem untersten Grunde sogar das Geheimnis des Höchsten zu stören und »aufzuklären« strebt.

Aber der Apfel mit seinem lockenden Geheimnis war es trotz alledem nicht, der den Sündenfall »verschuldete«. Wer anders verschuldete ihn als Adam und Eva selbst? Nicht der Apfel war das gefährliche in dieser paradiesischen Stunde, sondern allein der Mensch war gefährlich. Seine Gier, daß er sei wie Gott, sein maßloser Hunger nach Eben-»bürtigkeit« mit Gott, die sich nicht genügen ließ am bloßen Gleichnis und an Eben-»bildlichkeit« — der brachte die Katastrophe.

So war nicht die Schlange gefährlich und nicht der Apfel; überhaupt nichts, was von außen kam, war ihm gefährlich, sondern allein er selbst, der Mensch, wurde sich gefährlich. Sein prometheisches Herz, das explodierte, das war sprengendes Dynamit. Was »von außen« kommt, das verunreinigt den Menschen nicht, das berührt ihn gleichsam nicht,  höchstens  wie eine Tangente, und gehört irgendwie nicht zu ihm. Aber was seinem Herzen entströmt: das ist er selbst. An seinem Herzen – an sich selbst! – kann er sterben und gnadenlos werden. »Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung (Matth.15,19)«.

Dann haben Apfel und Schlange nur noch ein kleines Stück Arbeit zu leisten: Der Apfel hat nichts zu tun, als dies übervolle, drängende Herz ein wenig anzulachen und bunt und lustig im Morgenwind sich wiegen zu lassen, um ein letzter, ein allerletzter Anstoß für dieses Herz zu sein, das auch schon vorher reif war für den frevlerischen Griff. Und die Schlange hat weiter nichts zu tun, als ein wenig Gift in dieses Herz zu träufeln und damit einen kleinen chemischen Prozeß anzuregen, durch den das Bild dieses Herzens sichtbar und deutlich wird, so wie das Bild einer photographischen Platte sich entwickelt, das ja auch vorher schon »da« ist.

Hier erkennen wird das Geheimnis der Versuchung: Der Versucher thront im Herzen selbst und erregt uns zu Diebstahl und Mord. Und die Gelegenheit, die Diebe macht, all das, was von außen kommt, das sind nur Hilfstruppen für seine Macht – aber nicht diese Macht selbst. Das erfahren wir immer wieder an uns selbst: Wenn wir versucht sind, um unserer beruflichen Karriere willen eine Überzeugung zu verleugnen; wenn wir lügen oder uns zum stummen Hunde machen wo wir reden müssten; wenn wir versucht sind, einen andern, der mehr kann als wir selbst, fortzuwünschen: wenn wir »ein Weib ansehen, ihrer zu begehren«, wenn dies alles in unserem Herzen aufsteigt, um im  nächsten  Augenblick  schauerliche Tat zu werden -, dann gelingt es uns vielleicht,  allem Drängen zum  Trotz, diese Gier zu bändigen und der Versuchung Herr zu werden. Dann zähmen wir uns vielleicht und tun statt der bösen Tat das, was die herkömmliche Sprache der Kirche als »gute Werke« bezeichnet. Und so kann es geschehen, daß ein Produkt, eben ein »Werk«, bei alledem herausspringt, dem man die Anfechtung und den schrecklichen Abgrund, in den es beinahe gestürzt wäre, nicht mehr ansieht.

Aber wer vermöchte sich dieser Werke zu rühmen? Wer von allen, die im Angesicht des Gesetzes Gottes, und das heißt: vor seinem Auge stehen, könnte es je vergessen, daß in ihnen all dies Abgründige als Möglichkeit steckte und schauerlich sein Haupt emporreckte: daß er ein Mörder war, indem er seinem Bruder zürnte; daß er ein Ehebrecher war, indem er ein Weib ansah, ihrer zu begehren; daß er einen Meineid schwor, indem er mehr sagte als ja, ja; nein, nein? Das Geheimnis der Versuchung liegt in uns selber, in den Gedanken unseres Herzens. Es liegt darin, daß wir »Versuchliche« sind.

8. Der sittliche Ausfall aus Babylon

Dies allein ist auch der Grund dafür, daß die sogenannten guten Werke uns nicht helfen können. Vielleicht ist es wirklich so, daß mit ihrer Hilfe unsere Versuchung überwunden wurde; vielleicht helfen wir wirklich einem armen Epileptischen, wo wir ihn wegen seiner abstoßenden Anfälle und seiner geistigen Versehrtheit lieber verachtet hätten. Vielleicht fangen wir uns im letzten Augenblick auf und erinnern uns, daß es Christus ist, der uns auch in diesem Bettlergewand begegnet, und daß sein schmerzvolles Kreuz auch über diesem armen Leben errichtet ist. Vielleicht helfen wir ihm nun, legen ihm die Hand auf den Kopf und gönnen ihm ein gutes Wort. Aber haben wir damit die Versuchlichkeit selber überwunden? Ist damit der Abgrund zugeschüttet, den wir im Augenblick der Versuchung in unserm Herzen gähnen sahen, als wir zu Mord und Lüge und Euthanasie bereit waren -? Weh dem, der dies meinte! Es wäre trügerische Illusion, zu meinen, dies »gute Werk« habe die Versuchung getötet und es könne also gerecht machen und man dürfe sich seiner rühmen vor dem, der das Herz kennt und dem dieses Herz in keinem seiner Wallungen und Schläge entgeht (1.Kor.1,29). Diesem Manne wäre zu sagen, daß sein gutes Werk (warum sollte es nicht wirklich gut, blendend gut sein?) mit all seiner Güte unter anderem eben auch die Tarnungsdecke ist für sein Herz, ja daß er sein böses Herz vor sich und anderen und Gott selbst in guten Werken verbirgt. Inwendig aber ist er voll Totengebeine, voller Heuchelei und Untugend.

Das ist der Fluch derer, die aus Werken gerecht werden wollen: sie überwinden mit der großen Tapferkeit der Pharisäer die Versuchung – – und bleiben dennoch Versuchte, bleiben solche, in denen der Abgrund gähnt  und die Wunde blutet und die Kette rasselt, mit der sie gefesselt bleiben. Kein Mensch kann über seinen Schatten springen.

Hier wird das Geheimnis der Versuchung ganz klar: Sie wird nicht von außen, nicht durch Äpfel und Schlangen und »Gelegenheiten« in uns hineingeworfen, so wie man eine Fackel in einen Tempel wirft: nein, wir selber sind die Versuchten und sind als Versuchte allen Gelegenheiten immer schon vorweg.

9. Die Fata Morgana des Herzens

Damit hängt es zusammen, daß man der Versuchung nicht entfliehen, sondern nur darum bitten kann, daß Gott uns nicht in die Versuchung führe; denn man kann nicht so vor ihr fliehen, daß man in die »guten Werke« hineinflieht, um durch solche »Werke des Gesetzes« Gott recht zu werden und ins reine mit ihm zu kommen. Das ist darum unmöglich, weil wir uns selbst ja immer mitnehmen, wohin wir auch fliehen mögen; und wir selbst — nun: wir bleiben ja immer die Versuchten, die auf dem Sprunge Liegenden, die ungeschützte Grenze. Und folglich können wir der Versuchung nicht so entfliehen, daß wir vor den Gelegenheiten fliehen und daß wir etwa die so sündhaft schöne Welt meiden in der törichten Meinung, daß die versuchliche Welt dort draußen sei und nicht vielmehr in uns selbst, in unserem babylonischen Herzen:

Das große Babylon ist nur ein Scherz,
Will es im Ernst so groß und maßlos sein
Wie unser babylonisch Herz.

Nein: es gibt keine Einsamkeit und keine Wüste, in die wir fliehen könnten, um der Versuchung zu entgehen: Wo wir sind, da ist die Welt; und unser Herz ist nichts anderes als der Mikrokosmos dieser Welt. Deswegen geht das Gelüsten und Versuchen und Reizen und Locken immer mit (Gal.5,17).

Es ist gut, sich das klarzumachen. Denn nur so erkennen wir, daß du und ich das Thema in allen Versuchungsgeschichten sind und nicht etwa die arge Welt »da draußen« oder die »bösen Buben« oder die Schlangen und Äpfel. Nein: du und ich sind gemeint, wenn von Versuchung die Rede ist: unser leibhaftiges Fleisch ist’s, das wider den Geist gelüstet. Unser »rechtes Auge« ist’s, das uns ärgert, und unsere Hand, die uns versucht.

Ich meine: hierin werde der große Sinn dessen deutlich, daß Jesus einsam und abgeschieden ist, daß er in die Wüste mußte, um versucht zu werden. Hier in der Wüste ist das unübersehbar einsame Gegenüber von Gottessohn und Versucher. Hier sind alle Mißverständnisse ausgeschaltet, als ob die Versuchung etwas Zufälliges wäre, als ob sie ein Stück Welt und ein wenig betörender Tand wäre. Ach, wo sollte in all dem Sand, in all der schweigenden Unendlichkeit etwas zu finden sein, das den Menschensohn locken und betören könnte?

10. Der Schrecken der Einsamkeit

Es ist der Mensch in ihm, der hier versucht ist »gleich wie wir« (Hebr.5,15). Es ist der Mensch in ihm, den hungert und der Berge von Brot sieht, die seine Qual stillen könnten (aber wo sollte in dieser Wüste wirkliches Brot sein, das ihn verführte -?). – Es ist der Mensch in ihm, der die Zinne des Tempels erblickte und seinem Ehrgeiz einen phantastischen Ausblick eröffnet sah (aber wie sollte in dieser Wüste der wirkliche Tempel gesehen werden können, dessen Zinne ihn verführt hätte? – Nein, der lauernde Ehrgeiz, eben der Gedanke des Herzens zauberte jenes Bild hervor; der Weg der Versuchung geht von innen nach außen, nicht umgekehrt, und der Tempel ist eine Projektion). – Es ist der Mensch in ihm, den danach hungert und dürstet, ein Herr und Gott dieser Welt zu sein, und siehe: schon steht er auf einem hohen Berg und sieht das leuchtende Land und hört die Verheißung, daß ihm dies alles gehören solle, wenn … (aber wo in aller Welt ist in dieser Wüste ein wirklicher Berg, von dem er herabsehen könnte, und wo sollen in dieser Wüste jene glänzenden Länder zu sehen sein -? Nein, der lauernde, auf dem Sprung liegende, tigerhafte Hunger nach einem unendlichen Reich, nach unbändiger Kraft und betörender Herrlichkeit, dieser heimliche und noch nicht ausgedachte Gedanke des Herzens malt hier das Bild unglaublicher Möglichkeiten: eine tolle Fata Morgana des Herzens).

Ja: der Mensch in ihm begehrt auf, ist versucht. Den Menschen in ihm gelüstet es — mitten in der lustlosen Umgebung. Deshalb sind hier alle Mißverständnisse ausgeschlossen. Deshalb ist es klar, wo die Versuchung sitzt: daß sie nicht draußen lauert, sondern drinnen ist, daß sie nicht vor uns ist, sondern daß sie von hinten kommt und im Rücken steht. Nicht irgendein Satan steht zwischen Gott und uns. Sondern wir selbst stehen zwischen Gott und uns (indem uns der Arge »hat«), so wie der Mensch in Christus hier zwischen ihm und Gott steht.

Und wissen wir Menschen dies selber nicht allzu gut? Wußte das nicht auch der reiche Jüngling? Es war in letzter Linie eben doch nicht der Reichtum, der zwischen Gott und ihm stand, sondern er selbst stand an dieser Stelle, er, der sich vom Reichtum besitzen ließ. Er selbst war es, der eben nicht besitzen konnte, als besäße er nicht, und der tödlich erschrak, als er alles verkaufen sollte, was er hatte.

Nicht sein Reichtum, sondern sein Verkauftsein an den Reichtum war der wunde Punkt 3. So ist auch der Mammon nicht die eigentliche Scheidewand zwischen Gott und uns, sondern wir selbst sind jene feurige Zone, indem wir von jenen falschen Herren besessen werden: Knechte, die sich verkauft haben und hörig sind ihrem Drange, Kaiser und König und Gott zu sein oder auch der Mann im Märchen (wie dies der lächelnde Knabe Humor dann nennt). – Es ist nicht der babylonische Turm, der uns von Gott trennt: er ist nur ein Gleichnis, ein nach außen projiziertes Gleichnis für unsern Willen, von Gott getrennt zu sein. Dieser Wille baut den Turm. 

11. Der verwundbare Punkt

Nur deshalb, weil wir selbst die Versuchten und Verwundeten sind, ist es zu erklären, daß wir alle (und gerade wir modernen Menschen) eine so maßlose Angst vor der Einsamkeit haben. Wir wissen: hier stehen wir vor uns selbst. Nun müssen wir uns ins Auge blicken, und wen fürchten wir mehr als uns selbst! Jetzt ist es nicht mehr möglich, alles Entscheidende unseres Lebens und alles, was uns beschuldigt, nach außen hin abzuschieben. Wir sagen: »Das Weib, das du mir zugesellt hast…« – das hat es vollbracht. Nein! du bist’s. – »Die Schlange betrog mich also, daß ich aß« (1.Mo.3,13). Nein! du hast dich betrogen! — »Das Schicksal in meiner Brust oder das kosmisch gefügte Schicksal dort draußen – das hat es getan«, so rufen die Tragödien. Nein! du bist’s, du ganz allein. — »Meine Veranlagung, die du mir gegeben hast, die war es« (wobei »Veranlagung« immer als etwas außer mir Bestehendes, von mir Ablösbares, mich Überwältigendes verstanden ist) -, so ruft der Angeklagte nach mildernden Umständen und beruft sich auf »§51«.

Deshalb fürchtet der unerlöste Mensch die Einsamkeit: weil all dies, worauf er sich berufen könnte, hier fehlt, weil er sich selbst hier in geheimnisvollem Doppelgängertum begegnet und sonst nur ein großes Schweigen herrscht. Ja: man kann diese Einsamkeit nur mit vorgehaltenem Kreuz betreten (Kol.1,13), so wie der Mensch des Mittelalters sich der dämonischen Macht mit dem Kruzifix erwehrte.

Dies ist das Geheimnis der Einsamkeit: daß hier der Mensch am Ort seiner tödlichen Versuchung steht und sich aus tausend Spiegeln anblickt wie einer, der gefangen ist in einem Prunksaal. Deshalb flieht der Student seine Bude, macht sich zum anonymen Bummelanten der Hauptstraße und verkriecht sich in die Cafes: er hat Angst vor sich selbst. Deshalb nimmt der einsame Wochenendfahrer wenigstens ein Koffer-Radio mit: der kleine Kasten gibt ihm die Illusion, daß er nicht allein sei.

Deshalb fliehen wir – und gerade auch wir Christen, je angefochtener wir sind – in die Arbeit, in den betäubenden Betrieb, in Genuß und Begierde, aber jedenfalls in etwas. Und ist diese Flucht nicht in unserm öffentlichen Leben – durch unser Jahrhundert hin und in allen Kulturstaaten – schon zu Programm geworden? Ist nicht alles organisiert, sogar unsere Freiheit? Steht nicht überall eine Menge bereit, in der wir untertauchen können, berauscht, entzückt, orgiastisch, rasend, selbstvergessen, alles preisgebend, so wie man nur in der Masse sein kann, die einen trägt und untergehen läßt wie eine ungeheure Woge und dabei maßlos, maßlos beglückt -?

Und ist dieser Lebensstil des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ein schauerliches Zeichen dessen, daß wir gnadenlos geworden sind, daß wir nicht mehr allein zu sein wagen, sondern daß wir vor dem Antlitz Gottes, das uns auf unsere Identität festlegen könnte, fliehen in das bunte Treiben? Fliehen in den rasenden Programmablauf unserer Feier- und Werktage, fliehen in all das, worin man untergehen, mit dem man sich entschuldigen und »rechtfertigen« könnte, so wie Adam das tat: Siehe, der Zeitgeist, dem ich unterworfen war… Siehe die Masse, in deren Strom ich willenlos getrieben wurde … Siehe, siehe, siehe …

Das ist es: Man kann die Einsamkeit nicht ertragen,
weil das Verhältnis zu Gott nicht in Ordnung ist. In der
Stunde der Einsamkeit wird sichtbar, daß es nichts
zwischen Himmel und Erde gibt, worauf wir uns berufen
könnten. Und deshalb läßt man diese letzte Einsamkeit,
in der Jesus hier an unserer Stelle steht, nie aufbrechen,
sondern verhütet sie mit allen Mitteln. Man läßt es nie
zu ihr kommen, so wie man es auch nie dazu kommen
läßt, Gott dem Schöpfer gegenüberzutreten, sondern
immer zu den ungefährlichen Göttern, zu den vierfüßigen, kriechenden und fliegenden Tieren und zu
Bildnissen vom Menschen flieht. Aber im Grunde weiß der Mensch – in der Gesellschaft dieser
seiner Götter – eben doch, daß ein Gott ist, der uns
erkannt hat und ein verzehrendes Feuer ist, auch wenn
er es lebhaft vermeidet, sich ihm auszusetzen.

Liegt nicht auch hier das tiefste Geheimnis der Todesfurcht? Der Tod ist entscheidend dadurch charakterisiert, daß er die Stunde der größten Einsamkeit bringt.
Menschen und Dinge bleiben zurück. König und Bettler, reicher Mann und armer Lazarus sind ganz allein.
Es ist wie ein Fall von einer Leiter: wir greifen nach einer Sprosse; aber siehe, alle Sprossen sind weg und wir greifen blind in die Luft. Kein Geldbeutel ist da, den wir schwingen könnten und der behende unsere Schuldner bezahlte. Und die Masse, in der wir untertauchten, bleibt zurück – spätestens am Hügel unseres Grabes. Und der Zeitgeist (wie trug er uns doch und wie wenig konnte man sagen, wo wir aufhörten und er anfing!…), der Zeitgeist brütet über Wassern, denen wir längst, längst entrückt sind und die uns nun nicht mehr tragen. Das ist die tiefste Einsamkeit, und deshalb fürchten wir den Tod. Denn nun wird Gott uns haben, wenn wir ihn nicht haben. Und deshalb umhüllt und umfriedet auch die Dichtung diesen Tod mit versöhnenden Illusionen und träumt vom Übergang in eine andere Form dieses Lebens, mit neuen Schlupfwinkeln und Kampffeldern und Barrikaden, mit neuen Massen und Geistern und Taumelkelchen.

12. Jesus unser Schicksal

So fürchten wir also die Einsamkeit und den Tod, weil da die Stunde kommt, in der wir mit unserer Schuld allein sind und in der wir uns selbst zum Gericht werden. Und deshalb läßt sich der Tod und die Einsamkeit – illusionslos – nur so ertragen, wenn die Gnade Gottes unser Leben trägt und der unser Heiland ist, der Tod und Hölle und alle Mächte unter seine Füße getreten hat. Wir können in die Einsamkeit der Wüste nur so gehen und wir können uns selber nur so gegenübertreten, wie es hier der Sohn Gottes tut: daß wir das Wort für uns streiten lassen (Matt.4,7) und nicht unser Fleisch und Blut und das heißt letzten Endes: daß wir Gott für uns kämpfen lassen, weil wir ihn zum Freunde haben dürfen und in Frieden mit ihm sind. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? – Gott ist hier, Christus ist hier (Röm.8,33)!

So verstehen wir, warum Christus vom Geist in die Wüste geführt wird, um die Versuchung zu leiden gleich wie wir. Wir fürchten die Einsamkeit, die ja immer eine Einsamkeit vor den Augen Gottes ist, weil hier die Wahrheit unseres Lebens hemmungslos aufbricht. Dieses Aufbrechen der menschlichen Abgründe – und das heißt: der Abgründe zwischen Gott und Mensch -, das duldet hier Christus an unserer Statt. Jesus lebt uns unser Leben an seiner geheimnisvollsten Stelle, nämlich in seiner Einsamkeit, vor. Darum gibt es nun keinen Punkt unseres Lebens mehr, auch nicht den teuflischsten oder alltäglich fadesten, an dem wir noch einsam sein könnten, wenn wir Jesus zum Herrn haben. Er ist ja der Bruder unserer Anfechtung und Einsamkeit, er ist »der Mensch gleich wie wir«, er hat Gott in diese Einsamkeit herabgezwungen und den Versucher besiegt. Er ist Bruder und Herr. Darum wollen wir mit ihm in die Wüste gehen und die Stationen seiner Anfechtung und tödlichen Einsamkeit mit ihm durchwandeln, so wie fromme Pilger an den Stationen seines Leidens niederknien.

DIE  ERSTE  VERSUCHUNG:  DIE REALITÄT DES HUNGERS

Der Versucher trat zu ihm und sagte ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, daß diese Steine zu Broten werden!

13. Der Ort der Anfechtung: Das reale Leben
An dieser Versucherfrage ist ein Doppeltes charakteristisch. Einmal: Die Versuchung des Herrn ergibt sich nicht aus Spekulationen, nicht aus Widersprüchen oder Ungereimtheiten in der Gottesfrage – wie wir Heutigen uns wohl ausdrücken würden. Ihn zerreißt nicht die Frage, wie es sich zusammenreime, daß Gott auf der einen Seite in unfaßlicher Allmacht über den Menschen erhaben sei, und daß er auf der andern Seite ins Verborgene des Menschen hinabschaue und sich seiner eben doch annehme. Mehr noch: Diese Ungereimtheiten und Widersprüche versuchen ihn nicht. Und doch ist gerade er, wie es scheint, ein lebendiges Zeugnis dieser Ungereimtheit und vieler anderer Widersprüche, zum Beispiel gerade jenes Widerspruchs zwischen Gottes überweltlicher Majestät und seiner väterlich tröstenden Nähe. Ist nicht alles dies Ungereimte in ihm da: Gericht und Gnade, Gott und Mensch, Jüngster Tag und Stall von Bethlehem? Ist Christus nicht ein wandelndes Problem, ein einziges Knirschen sich reibender und aufeinanderprallender Gedanken? Muß er nicht darum auch der wandelnde Gegenstand aller Zweifel sein?

Doch dem scheint nicht so: die Anfechtung Jesu ergibt sich keineswegs aus Gedanken und Spekulationen über Gott oder sich selbst, sie ergibt sich überhaupt nicht aus dem Geiste, sondern die Anfechtung Jesu ergibt sich aus einer ganz realen Tatsache: aus dem Hunger. Er hat vierzig Tage und Nächte gefastet und nun hungert ihn. Und an diesem höchst realen Punkt bemüht sich der Versucher, seine Gemeinschaft mit Gott zu gefährden.

Das ist wichtig. Denn in Wahrheit ist unsere Gemeinschaft mit Gott niemals dadurch in Frage gestellt, daß uns diese oder jene Lehre, sagen wir kurz: daß uns das Dogma rationale Schwierigkeiten bereitete: daß wir etwa die Menschwerdung Christi nicht begreifen könnten oder daß uns die Gnade und das Richtertum Gottes intellektuell unvereinbar schienen. Gewiß sind diese Schwierigkeiten in bedrängender Fülle da. Aber etwas ist ebenso gewiß: daß aus diesen Intellektualitäten niemals der Bruch mit Gott und die Anfechtung entstehen. Sondern wenn jene rationalen Schwierigkeiten eintreten dann ist das immer ein Zeichen dessen, daß etwas viel Realeres nicht in Ordnung ist, nämlich unsere Gemeinschaft mit Gott, unser Leben vor seinem Angesicht. Und nachdem wir so mit Gott in Unordnung geraten sind und unser Leben von ihm abgeschnitten haben, »nachdem« dies alles geschehen ist, forschen wir nach Gründen – und die stellen sich auch geschwinde ein. Im ersten Kapitel des Römerbriefes wird uns geschildert, daß die Heiden Gott in den kriechenden und fliegenden Tieren zu erkennen meinen. Man könnte also sagen, und nichts anderes will Paulus auch hier sagen, wo die Heiden dem einen Herrn, der in kein Bildnis oder Gleichnis zu bannen ist, untreu geworden seien und daß sie also – um unseren Ausdruck nun anzuwenden – der »Versuchung« zur Untreue und Abgötterei verfallen wären. Spräche man aber mit diesen Heiden, so würden sie diese ihre Götzen und Mythen gewiß mit vielen guten Gründen zu verteidigen wissen. Sie würden mit guten Gründen dartun, warum sie an Gott dem Schöpfer (an diesem in der Bibel verkündigten Schöpfer) irre geworden, warum ihr Glaube an ihn erschüttert sei und warum sie nun bei Göttern und Götzen und Weltanschauungen Zuflucht gesucht hätten.

 

14. Der Wunsch als Vater der Gedanken über Gott

Und doch wären alle jene Gründe nicht der wahre Grund für die Anfechtung der Heiden und für den Fall des natürlichen Menschen in seine Götter- und Götzenreligion: Dieser eigentliche Grund liegt auf keinen Fall in den Erwägungen des Verstandes (der etwa zu kurzsichtig, intellektuell zu schwach wäre für die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung). Sondern dieser Grund für die Anfechtung liegt in der ganzen Haltung des Menschen Gott gegenüber, liegt darin, daß sie konsequent es ablehnen, Gott zu preisen und ihm zu danken und also in alledem die schuldige Ehre zu erweisen.

Der wahre Grund für die Anfechtung der Heiden ist also eine ungeheuer reale Tatsache: ihr gestörtes Verhältnis zu Gott. Diese ungeheuer reale Tatsache formt nun (aber erst nachträglich!) ihre Gründe, formt ihre falsche Erkenntnis Gottes, formt ihre Bilder und Religionen, formt die Wolken ihres Weihrauchs. Die ungeheuer reale Tatsache, daß sie Gott nicht anerkennen, bestimmt ihre Erkenntnis Gottes. Und daß sie ihn so nicht wahrhaben wollen, spielt ihnen nun nachträglich Gründe genug in die Hand, mit denen sie ihren Willen legitimieren. Wenn irgendwo so gilt es hier, daß der Wunsch der Vater der Gedanken ist, ja daß er erschreckenderweise der Vater unserer Gedanken über Gott ist. Wie billig sind Gedanken und Gründe zu haben, und wieviel realer und mächtiger ist das Leben und sind unsere Wünsche, welche die Gründe hervorzaubern – so viele und so zeit- und wunschgemäße, wie wir nur wollen! Es wäre eine wertvolle Aufgabe, die Geschichte der Philosophie als eine Geschichte der Wünsche und die Geschichte der Geschichtsschreibung als eine Geschichte der Wunschbilder und endlich die Geschichte der Religionen als eine Geschichte der frommen Wünsche zu schreiben.

Das Entscheidende, was hier gesehen werden muß, ist dies: Zweifel und Anfechtung ergeben sich nie aus Gründen, aus intellektuellen Zweifeln; sondern genau umgekehrt ergeben sich die Gründe für den Zweifel aus der immer schon vorangegangenen Versuchung, aus der immer schon empfangenen Wunde. Und deshalb müssen wir Gott bitten, daß er uns erforsche und uns erfahren lasse, wie wir es meinen. Denn wir wissen es nicht. Wir kennen unser Herz eben gerade nicht. Wir wissen nur unsere Gründe, und die sind nur ein Schatten der wirklichen Gründe, und die sind gleichsam nur ihr ideologischer Überbau. »Die Überzeugung ist eigentlich das, was die Gründe trägt, nicht die Gründe das, was die Überzeugung trägt«, – sagt Kierkegaard. Es ist nicht nur beim Diplomaten, sondern es ist wohl bei jedem Menschen so, daß er sich in seinem Reden und Begründen mehr verhüllt als offenbart.

Die Kunst der politischen Rede überhaupt – sowohl beim kleinen Moritz wie bei der offiziellen Persönlichkeit – besteht deshalb immer darin, daß man Gründe für sein Handeln sucht und »vorgibt« und dies Handeln eben damit in seinen wahren Zielen – für sich behält.

Und die Kunst der Diplomatie oder, in anderer Weise, auch der Seelsorge und der Psychiatrie besteht allemal darin, die Gründe zu durchschauen, das Herz anzusehen und also das eigentliche Leben zu erkennen, das jene Gründe vorschickte. Hinter den Gründen zeigt sich erst das wahre Leben, und dieses Leben ist dann die eigentliche Realität, die die Gründe erst emportreibt. Wie wir sind (real sind!), so ist auch unser Gott; und deshalb: Wie wir sind, so sind auch die Gründe, mit denen wir unsere Götter verteidigen und mit denen wir an Gott dem Herrn zweifeln – sind die Gründe, mit denen der Versucher arbeitet.

 

15. Die Schattenkunst der Apologetik

Das ist grundlegend wichtig: Wer im Feuer der Versuchung und im Glutofen der Anfechtung ist, der ist in der Regel auch in einem inneren Kreuzfeuer der Argumente, d. h. der Gründe für und wider Gott, für und wider Christus. Aber es wäre töricht, aus dieser Not heraus nun eine Hilfe von weiteren Gründen und schlagkräftigen Gegenargumenten zu erwarten. Diese hohle Kunst der Gegenargumente, die Abhilfe aus Versuchung und Irrewerden bringen soll, nennt man Apologetik. Diese Apologetik will eine Wissenschaft sein, die den Glauben verteidigt, und zwar wider die Anfechtung verteidigt. (Als ob der Glaube etwas wäre, was verteidigt werden könnte – ausgerechnet von uns! -, und nicht vielmehr etwas, das immer im Angriff wäre und das durchaus nicht auf die Zweifelsfragen der Menschen patentierte Antworten gibt, sondern den Spieß umkehrt und von sich aus fragt, radikal fragt und den Menschen ins Herz trifft.)

Nein: Mit Gegenargumenten und Gegengründen, mit Diskussionen und Apologetik die Anfechtung vertreiben wollen, das hieße soviel, wie den Schatten mit dem Schatten verjagen wollen. Es geht um etwas viel Tieferes in der Versuchung. Es geht darum, daß unser ganzes Leben im geheimen von Gott los ist, daß wir seine Gnade und Herrschaft nicht wollen und daß dies alles dann auch in unserm Leben überaus leibhaftig offenbar wird: in seiner Hast und Unbefriedigung, in seiner Lieblosigkeit und Untreue und vor allem in dem maßlosen Schreien und Reden, mit dem wir dies alles übertönen und uns und andere belügen wollen. Darum geht es, darum allein: Die Grundrealität unseres Lebens, unsere Gemeinschaft mit Gott ist nicht in Ordnung. Und dieser schreckliche Zustand des Unfriedens mit dem, von dessen Liebe wir doch nicht loskommen, sucht nun nach Gründen, die ihn rechtfertigen. Die Versuchung sucht nach Gründen wider Gott – wie Küstenbewohner, die einen Damm aufwerfen wider die hereinbrechende See. Und die Gründe und Argumente steigen aus ihr empor wie giftige Dünste aus einem Sumpf. Der versuchte Mensch denkt versuchliche Gedanken. Aber hierbei ist eben das Versuchtsein die Hauptsache. Die Realität, um die es geht, ist nur und ausschließlich diese akute oder chronische Krise unserer Gemeinschaft mit Gott. Die Gedanken, Gründe und Argumente, die dabei auftauchen, sind dieser Realität gegenüber nichts als die Träume, die nur ein Symptom der eigentlichen Krankheit sind.

Hier wird es erst ganz klar, warum man die Versuchung nicht mit Gedanken, nicht mit Apologetik bekämpfen kann. Man würde sonst Dünste mit Dünsten (mit Weihrauchdünsten?) und damit den Teufel mit Beelzebub austreiben wollen. Nein: es geht doch um einen Sumpf, der auszuräumen, um eine höchst reale Störung der mächtigsten Realität, nämlich unserer Gemeinschaft mit Gott, die zu beseitigen wäre. Also geht es nicht um Gedanken, sondern um eine Tat, die notwendig ist; also geht es nicht um Gründe, die heranzuführen sind, sondern um die Gnade und das unermeßliche Erbarmen Gottes, das wir erbitten müssen. Darum können wir nur bitten: Führe uns nicht in Versuchung, wir können aber die Versuchung nicht durch Gründe widerlegen. Diese Bitte und diese Lehre, zu bitten, ist die einzige Waffe, die Jesus uns schenkt. Es gibt keine andere. Es gibt kein Bekenntnis und keine Theologie, überhaupt nichts, was mit Logos und »… logie« zu tun hätte, dawider. Denn wir selbst und unsere Gedanken sind ja alle dafür. Sie blasen alle letzten Endes in das gleiche Hörn mit dem, der im Garten Eden zu blasen und zu sprechen begonnen hat. Der einzige, der dawider ist, ist Gott selbst und sein Wort. Und darum können wir ihn nur bitten: »Es streit’ für uns der rechte Mann.« Denn wahrlich: hier gibt es keine Waffe und hier (an dieser Stelle) gibt es auch keine nervige Faust, die sie schwingen könnte, sondern hier sind wir Schlachtfeld.

16. Hunger und Zweifel

Dies alles lernen wir so aus Jesu erster Versuchung: Sie ergibt sich nicht aus Gedanken, sondern die versuchlichen Gedanken ergeben sich aus einer Realität: aus der Realität des Hungers. Und ist der Hunger nicht auch etwas, das an die größte Realität unseres Lebens rührt: an unsere Gemeinschaft oder unsern Bruch mit Gott? Sind wir mit knurrendem Magen zum Gebet bereit? Und wenn wir gar verhungern? Stirbt dann nicht die Gemeinschaft mit Gott, die Frömmigkeit, die Religion mit uns selbst, verhungern nicht die Götter mit, so wie sie mit-sterben und mit-verhungern müssen, wenn die Völker untergehen, die sie verehrten, oder wenn die Kulturen sich wandeln, in deren Rahmen sie lebten (»Christentum« und »Untergang des Abendlandes«)? So verkünden es ja die Jünger und Meister des religiösen Mythus laut und begründen damit den Primat der biologischen Lebenssubstanz vor der Religion.

Dies alles sind versuchliche Gedanken, die aus der Realität »Hunger« emporsteigen. Und wenn es auch Gedanken sind, die der Arge eingibt und mit denen er in die wunden und schwachen Stellen unseres Lebens einbricht, so ist es doch bezeichnend, daß eben das Leben selbst in seinem realen Bestand, in dem, was mit seiner Fristung und Sättigung oder auch mit seinem Untergang und seinem Verhungern zu tun hat, versucht ist, und daß von daher jene zweifelnden und versuchlichen Gedanken wie eine Sumpfblase aufsteigen.

Davon weiß auch Jesus, wenn er uns das Vaterunser sprechen lehrt: Denn hierin knüpft er die Bitte um das tägliche Brot zusammen mit der Bitte um das Reich Gottes. So hoch wertet der Realismus der göttlichen Gedanken unsere reale körperliche Existenz, so hoch steht ihm der Leib, ja so gleichnishaft wichtig wird er für ihn. Ist nicht das ewige Wort selber Fleisch geworden und hat sich an diese unsere Erde gebunden?

Hier am Leibe, an der Realität unseres Lebens, dort, wo es um Fressen oder Darben geht – dort ist die verwundbarste Stelle für den Stich des Versuchers. Von dort steigen die versuchlichsten Gedanken empor. Dort ist vielleicht auch die Stelle, wo der marxistische Mensch seine erste Versuchung erlitt – wenn wir wagend und tastend einmal davon reden wollen. Auch die »Dreigroschenoper« weist darauf hin: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«

Die Versuchung entsteht immer an der Realität unseres Lebens. Und dennoch ist festzustellen, daß selbst jenes Leibliche und brutal Physische unseres Lebens nicht der letzte Grund der Versuchung ist. Sondern ihr letzter Grund ist die noch tiefere, noch realere Realität unserer Gemeinschaft und unseres Bruchs mit Gott. Diese Realität, daß die Gemeinschaft mit Gott verloren ist oder auf dem Spiele steht; diese Realität, daß verlorene Söhne! – in  der Fremde wandern und nicht mehr aus Gott leben: das ist der eigentliche
Grund aller Versuchung, das ist die Ursache dessen,
daß wir Angefochtene, Geschlagene und Zerschlagene
sind.

Demgegenüber sind dann jene äußeren Realitäten, wie etwa die brutale Gefährdung unserer physischen Existenz, die Krankheit, der Hunger, die tausend Bedrängnisse – nur der Anlaß, an dem jene abgründige Macht aufbricht; sie sind nur die Mittel, nach denen der Versucher Hiobs und Jesu Christi und aller Propheten und Weltkinder greift. Und auch die irdischen Minister dieses großen Gegenspielers gebrauchen zu allen Zeiten und Orten sehr gerne das Mittel, »den Brotkorb höher zu hängen«, benutzen das Mittel des Terrors und der Existenzbedrohung, um die Knechte Gottes zu versuchen. Aber jene Mittel könnten uns nichts anhaben, wenn wir — nicht versuchlich wären und wenn wir nicht in einem Äon wandelten, der auf dem Weg vom Sündenfall zum Gericht ist.

Das also ist die große Lehre, die uns der Hunger unseres Herrn erteilt: daß der Versucher ihn bei der Realität seines Lebens und nicht bei spintisierenden theoretischen Fragen packt. Wir können an dieser Stelle nur ehrfürchtig und mit tröstlicher Gewißheit erkennen, wie tief ihn Gott »ins Fleisch gezogen« hat: denn an diesem seinem Fleisch, an seinem und unserm Körper, erlebt er die Versuchung, hier und nicht in seinem Haupt, das an die Sterne rührt, beginnt die Krisis seiner Gemeinschaft mit Gott.

An keiner Stelle kommt uns Jesu Versuchung so nahe wie hier. Eine Versuchung, die aus Gefühlen und Gedanken bestände, bliebe uns fremd. Denn Gefühle und Gedanken sind bei jedem wieder anders. Aber was Hunger ist und Not, was Schmerz und Todesangst sind, das weiß oder ahnt jeder. So hat uns Jesus Christus als unser Bruder die Versuchung vorgelebt, hat Schmerz und Anfechtung von seinem Körper, von der »Existenzfrage« her erfahren.

Er hat uns vorgelebt und vorgelitten.

Die Anfechtung aus den großen Realitäten, aus Schicksalsschlägen, Ungerechtigkeiten, Erdbeben, Kriegen, Revolutionen, die hat er in jener Stunde durchlitten. Es war die Anfechtung aus dem Schweigen Gottes, aus der großen Stille um Gott, der ihn eben warten, »sinnlos« warten ließ in den Stunden des Hungers und ihm aus den Steinen kein Brot erweckte.

» . . . Gott schweigt – -?!« Das ist die große Anfechtung bei jenen Realitäten.

Dürfte Gott schweigen zur Ost-West-Frage, dürfte Gott schweigen zu dem Erdbeben in Lissabon, dürfte Gott  schweigen zum Sterben eines jungen, reichen Lebens, dürfte Gott schweigen – wenn er wirklich Gott wäre?

 

17. Der Teufel auf dem Boden der Tatsache »Gott«

Wenn Gott wäre:  das ist das zweite, was jene Versucherfrage bestimmt. »Wenn es einen Gott gibt, muß er dir jetzt Brot geben … Wenn du Gottes Sohn bist, mußt du jetzt sagen können, daß diese Steine Brot werden.«

Das entscheidend Wichtige an diesem neuen Gedanken ist dies, daß sich der Teufel auf den Boden der Tatsachen stellt. Er stellt sich sehr kaltblütig und wie selbstverständlich auf den Boden der Tatsache, daß es Gott gibt. Das tat schon die Schlange im Paradies, als sie die Versucherfrage stellte: »Sollte Gott wirklich gesagt haben – ?« Diese Frage bedeutet doch dies: »Liebe Eva: über Gott wollen wir nicht streiten. Er ist eine Tatsache, mit der wir rechnen müssen (wie Balsam tröpfelt das in die fromme Seele der Eva!). Auch darüber will ich nicht mit dir streiten, daß er wirklich gesprochen hat, daß es so etwas wie ein solches »Wort Gottes gibt« (was kann man mehr verlangen, jubelt’s in Eva, warum nicht freudig ja sagen und mitmachen?). Ach nein, liebe Eva, ich stehe auch auf dem Boden dieser positiven Tatsachen. Doch über etwas anderes muß ich mit dir reden – in aller Sachlichkeit natürlich und streng loyal! -, ob er nämlich gerade dies… gesagt hat, ob er zum Beispiel gesagt hat, daß »ihr nicht essen sollt von allerlei Bäumen im Garten«.

»Nun ja« – fährt die Schlange fort – »und wenn er es auch gesagt hat, auch dann bin ich noch bereit, mich mit dir auf den Boden der Tatsachen (nämlich der Tatsache dieses >Wortes<) zu stellen. Aber dann muß sich ein ernster, verantwortungsbewußter Mensch doch fragen, was er mit jenem Wort gemeint hat, ob es so wörtlich zu verstehen oder nur dem Sinne nach aufzufassen ist und ob es dann in deinem Fall nicht ganz anders angewendet werden muß« (1.Mo.3,5).

So redet die Schlange mit dem Weibe und sagt dies alles mit ergreifendem Aufblick gen Himmel, zugleich preßt sie die Kiefer ernst aufeinander; sie ist ganz Verantwortung, ganz Fassung.

Wahrhaftig: Die Schlange ist kein plumper bolschewistischer Atheist, der gleich mit seiner Höllentür in das paradiesische Haus fiel: Die Schlange ist durchaus gottgläubig. Die Schlange weiß sehr genau um Gott – und zittert (Jak.2,19). Aber freilich, sie ist listig und geschickt und bringt es fertig, daß sie nur mit dem Schwanze zittert, während ihr Schlangenantlitz ruhig und voll faszinierenden Bannes ist. Jedenfalls: Sie steht auf dem Boden der Tatsache »Gott«. Und das ist gerade das Unheimliche und Bedrohende, das Abgründige, das Höllische an ihr, daß sie von hier aus arbeitet (trägt sie nicht darum auch die Maske des Lichtengels? (2.Kor.11,14). 

Aber noch mehr! Sie steht sogar – warum nicht? – auf dem Boden der Tatsache, daß Jesus Gottes Sohn ist. In den Bedingungssätzen (»wenn du…«) rechnet der Verführer durchaus mit dieser Tatsache. Er ist durchaus darauf gefaßt, daß Jesus seine ja nur aus taktischen Gründen von ihm angezweifelte Gottessohnschaft nun unter Beweis stellt und einige repräsentative Wunder tut. Der Versucher ist gar nicht so unvornehm, den Herrn zu blamieren und ihn auszulachen, weil er das Wunder nicht fertig brächte.

Nein, diese Blamage und Bankerotterklärung ist keineswegs sein Ziel. Er hat durchaus positive, aufbauende Absichten. Sein Ziel ist ganz anders. Sein Ziel ist gerade, Jesus zum Wundertun, zum Erweis seiner Gottessohnschaft zu veranlassen! Aber warum denn? Was könnte hierbei denn des Teufels Geschäftlein sein? Nichts Geringeres als dies: daß er, der Teufel, es ja dann wäre, der ihm das Gesetz seines Handelns vorschriebe. Er wäre dann der eigentliche Machthaber. Er wäre dann der, in dessen Namen und zu dessen Ehre jene Wunder geschähen, dessen Namen und zu dessen Ehre dann Jesus Gottes Sohn wäre.

Das ist die grauenvolle Folge dessen, daß der Teufel auf dem Boden der Tatsache »Gott« steht. Deshalb ist er so gefährlich in seiner Tarnung. Deshalb ist er so gefährlich als Verführer in der Kirche, als »Irrlehrer«, weil hier seine Eigenschaft, auf dem Boden der Tatsache »Gott« und eines positiven Christentums zu stehen, am wirksamsten in Erscheinung tritt. Man kann geradezu sagen: Das ist das Teuflische am Teufel, daß er so auf dem Boden der Tatsache »Gott« steht. Darum gilt er als Lügner von Anbeginn. Darum gilt er als »Affe« Gottes. Darum kann man ihn mit Gott verwechseln.

 

18. Rechner und Ränkeschmied

So müssen wir gewissenhaft darauf achten, in welcher Art der Versucher hier auf dem Boden der Tatsache »Gott« steht. Wieso steht der Versucher anders darauf als etwa Jesus?

Dies scheint entscheidend dabei zu sein: Der Teufel steht wohl »auf«, aber nicht »unter« der Tatsache »Gott«. Er steht nicht im Gehorsam – als Knecht oder Sohn – unter Gott, sondern er stellt sich, soweit er kann, außerhalb seiner Hoheitszone und sieht ihn von außen. Er beugt sich nicht unter Gott— aber er rechnet mit ihm. Er rechnet mit ihm, wie ein kluger Schachspieler mit seinen Figuren oder besser: wie er mit dem Brett rechnet, auf dem er spielt. Gott ist ein wichtiger Faktor, er ist der Faktor in seinen Ränken. Und nur insofern steht er auf dem Boden der bitteren Tatsache »Gott«. Das bedeutet also nichts anderes als dies: Er rechnet mit ihm als einer Realität, die er in sein Spiel einbaut und die er als teuflischer Spieler so nur »von außen« sieht. »Von außen«, das bedeutet: Er sieht sie nicht aus dem Hause Gottes, im Lichte Gottes, er sieht sie nicht mit den Augen des Sohnes und des Knechtes (Joh.10,27), sondern er sieht sie eben – aus der Hölle. Was ist aber die Hölle anderes als dieses »Außerhalb« Gottes, als dieses schlechthinnige Ausgeschlossensein?

»Wenn Gott Gott ist und wenn du sein Sohn bist, dann müßte er und dann müßtest du doch jetzt diese und diese Konsequenzen ziehen. Jawohl: >Konsequenzen<, mein Lieber, denn ich drücke mich gern logisch und exakt, streng naturwissenschaftlich und dennoch populär aus. Zum Beispiel wäre hier in der Wüste nun die Konsequenz zu ziehen, daß du Brot machst…«

So rechnet der Teufel und spielt Schach mit Gott. So arbeitet er »von außen« her mit menschlichen und göttlichen Figuren. Und es ist gut, wenn man sich das Wort des Verführers einmal so in Gestalt eines logischen Exempels klarmacht: Gott wird unter seinen argen Händen zur Prämisse in einem Satz – der Teufel rechnet ja mit der Tatsache »Gott«! -, zu einer Prämisse, aus der man dann Konsequenzen zieht, die einem recht sind. Und was hätte dem hungrigen Menschen Jesus erwünschter sein können, als daß es gestimmt hätte: Aus Gott folgt, daß ich jetzt Brot kriege? Aus Gott folgt, daß es dem Gerechten gut geht und daß er nicht zu hungern braucht. Aus Gott folgt, daß Frömmigkeit Glück ist und nicht ein – menschlich gesehen – sinnloses Abenteuer mit dem Jenseits? Muß nicht jeder, der A sagt, auch B sagen? Und muß nicht jeder, der »Gott« sagt, auch dies andere sagen: Brot, Gerechtigkeit, Friede-?

So geht das Rechenexempel des Versuchers, in kluge Sätze der philosophischen Logik oder auch des natürlichen Menschenverstandes gehüllt, immer weiter: »Wenn es einen Gott gäbe, dann müßten seine Christen erlöster aussehen« (das ist: gleich: aus Gott folgt, daß man und daß die Welt erlöster aussieht).

Wenn es einen Gott der Liebe gäbe, dann dürfte es keine Kriege, keine Naturkatastrophen, keinen Krebs, keine Irrenanstalten geben.«

»Wenn es einen Gott der Gerechtigkeit gäbe, dann müßte ein Blitz herniederfahren und die Mörder und Blutschuldigen und Gewissenschänder aus allen Zeiten und Enden der Erde treffen – ja dann müßte wirklich die Weltgeschichte das Weltgerichte sein . . . «

Sollte Jesus Christus die erste Versucherfrage nicht vor dem Hintergrund all dieser andern Fragen und Rechenexempel gesehen haben? Sollte er nicht das düstere Heer dieser Zweifel und Anfechtungen auf den Fersen des Versuchers erblickt haben, jenes Heer, das nun wirklich die Luft erfüllt, und wie mit unzähligen Habichtschnäbeln auf das unbewaffnete Gewissen der Menschen niederstößt?

Doch wahrlich: all dies hat Christus in dieser Stunde, die nächst dem Kreuze die düsterste seines Lebens war, gesehen. Und wir dürfen sagen, daß er in dieser Stunde seinen Kreuzweg begann und die Sünde und die Zweifel der Welt in einem ersten mächtigen Ruck auf seine Schultern lud.

Es geht eine gerade Linie von dieser Stunde in der Wüste bis hin zu jener andern Stunde, da die Sonne ihren Schein verhüllte und der Vorhang im Tempel zerriß. Denn hier kam der Versucher noch einmal im Dunkel der Nacht auf das Kreuz zu und bildete einen klugen Rechensatz über die Tatsache »Gott«, zog ein faszinierendes Fazit: »Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab…« – »Merkst du nicht, du schmerzvoll Gekreuzigter, daß es aus deinem Berufe folgt, daß du herabsteigen und uns führen und das Gottesreich errichten mußt?« – »Merkst du nicht, Kirche des Kreuzes, merkst du nicht, du verfolgtes Häuflein, daß du nicht unter die Übeltäter und Staatsfeinde gehörst, unter die du gerechnet wirst? Siehst du nicht, wie der Allmächtige deine Verfolger segnet und in der Glorie ihrer Siege und Triumphe gepriesen sein will? Hier ist darum dein Platz, Kirche. Gott und dir und deinem Meister
gehört der Ehrenplatz in der Geschichte. Und dieser
Ehrenplatz ist dort, wo die Geehrten und Vergötterten
sitzen. Zu ihnen mußt du dich setzen. Zu ihnen darfst
du dich freudig bekennen. Denn sie hat Gott gesegnet.
Und aus dieser segnenden Bestätigung folgt, daß du
als Kirche dieses Gottes zu ihnen gehörst.«

»Gott ist ein Gott des Lichtes. Daraus folgt, daß du
bestimmt bist, an der Sonnenseite des Lebens zu wohnen: bei den Königen und Großen, bei den Weisen und
Starken, dort, wo die Volkesstimme laut ertönt und die
Gottesstimme preist, die aus ihr spricht. Dorthin gehörst du, dorthin! Denn aus Gott folgt — Glorie, nicht
Kreuz. Aus Gott folgt — Einigkeit mit der Welt, nicht
Ablehnung und Gericht. Darum, du Kirche des Gottes
Sohns: Steige herab, steige herab!«

Und nun steht Jesus vor diesem Rechenexempel, das so
niederschmetternd genau aufgeht.
Aber er weiß: Diese Folgerungen (diese erstaunlich
richtigen Folgerungen!) aus der Prämisse »Gott« sind
nicht nur dem Menschen in ihm, sondern vor allem dem
Teufel erwünscht. Denn was könnte dem Teufel erwünschter sein als – zwar den Gottessohn Gottessohn sein zu lassen, so wie ein siegreicher Revolutionär ja auch einen König beibehalten kann als seinen Popanz-, aber ihm dann das Gesetz des Handelns vorzuschreiben? Was könnte ihm lieber sein, als die Macht
des Gottessohnes in seine Gewalt zu bringen und ihn
nach seiner Pfeife tanzen zu lassen?

So hat er eine farbige, frohe Vision. Er meint, in die
Zukunft zu sehen, in eine Zeit voller Triumphe, die
sich alle aufbauen werden auf den einen Sieg, den er im
nächsten Augenblick nun erringen wird; so bewegen
sich leise seine Lippen, weil es ihn drängt, die betörende
Vision dieser Stunde in Worte zu fassen.
»Der Gottessohn und seine Kirche tanzen nach meiner
Pfeife! Sie sind auf der Sonnenseite des Lebens, auf der
Seite des Erfolges, auf der Seite der größten Machthaber zu finden, sie geben dem allem die religiöse
Weihe. Ja: dem Gottessohn und seiner Kirche diktiere
ich das Gesetz des Handelns; ich bestimme, was der
Allmächtige, segnen und wozu die Kirche amen sagen
muß; ich bestimme, wie die Kirche aufzufassen ist und
was aus dieser Auffassung folgt. Ich bestimme, was sich
aus alledem ergibt für Leben und Lehre der Kirche, für
ihre Öffentlichkeit, überhaupt für das ganze Verhältnis
der Kirche zu jenem Reich, dessen Herr ich bin: nämlich
zur Welt.«

 

19. Die teuflische Konsequenz

 Dies alles sieht Jesus. Er sieht, wie eifrig der Teufel darauf bedacht ist, das Gesetz des Handelns – auf dem Boden der Tatsache »Gott« in die Hand zu bekommen. Er sieht, wie seine Strategie mit den verblüffend aufgehenden Rechenexempeln: »Aus Gott folgt…« arbeitet. Aber er weiß auch, daß der Teufel hier blufft. Er weiß: wer diese teuflischen Konsequenzen aus der Prämisse »Gott« zieht, der hat schon jene Prämisse gefälscht.

Was der Teufel unter Gott und Gottessohn versteht, das ist eben nicht Gott, sondern der Affe des Teufels, den er springen und tanzen, Brot machen und von seinem Kreuz herabsteigen lassen kann nach seiner Manier. Dieser Gott ist nicht der Herr des Teufels, sondern sein Knecht. Er wird benutzt, um die ganz großen Dinger für ihn zu drehen und mit seinem gestohlenen Namen zu sanktionieren. Indem dieser kluge Stratege so seinen Apfelgott wie eine Marionette an seidenen Fäden tanzen läßt und ihm das Gesetz des Handelns diktiert, benutzt er ihn, um die Menschen in seine Macht zu bringen:

Er »benutzt« ihn als Opium für das Volk, um die irdischen Machthaber religiös zu glorifizieren. Er »benutzt« ihn, damit er ein religiöses Kitt- und Bindemittel sei. Er »benutzt« ihn als Gegenstand der mythisch religiösen Kulte, in denen die Zeiten das Idol ihrer Gottgleichheit anbeten und die große Messe von ihrer Ewigkeit zelebrieren. Und wie der Teufel dies alles unter der Decke biblischer und christlicher Worte tut, so kann er auch das Christentum selber zu einem solchen Mythus und zu solchem Opium machen. Er »benutzt« es, »benutzt« es, »benutzt« es. Und die Augen derer, die er als Herr seiner Welt betört, verlieren den Blick für das Blasphemische dessen, daß die göttliche Majestät hier das Mittel zu einem Zweck wird, und sehen nicht mehr die schaurige Verkehrung der Wahrheit: Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen. (Röm.11,36)

Wahrlich, der Versucher treibt ein gewiegtes Spiel. Er weiß: Wenn das Volk nicht für Gott da sein will, sondern Gott für das Volk da sein soll (so ähnlich wie die Wirtschaft mit Recht für das Volk da ist und nicht umgekehrt), dann ist das Volk auf seiner, des Argen, Seite, dann lebt es mitten im orgiastischen Kult und mitten in der frommen Zitierung heiliger Worte – zur größeren Ehre der Blasphemie.

Das ist der letzte Satz des Versuchers, der mit »Wenn…« beginnt. Und diesmal stimmt die Prämisse und stimmt die Konsequenz. Aber diesen Satz spricht er nicht aus. Er sagt ihn voller Triumph nur zu sich selber oder vergräbt ihn in seiner schwarzen Seele, dort, wo sie am tiefsten ist. Denn dieser Satz mit »Wenn…« ist die listige Pointe seiner Anschläge. Und die verrät ein kluger Stratege nicht, sie ist sein Geheimnis. Und wir wüßten sie bis auf den heutigen Tag nicht, wenn Christus nicht hier in der Wüste gestanden und dann an seinem Kreuz gehangen hätte und wenn er ihm nicht in Kampf und Leiden die letzte Tiefe seiner schwarzen Seele ausgeräumt und aller Welt offenbar gemacht hätte.

Wir ziehen das Fazit jener ersten Versucherfrage: Der Versucher steht eben nur scheinbar auf dem Boden der Tatsache »Gott«. In Wahrheit gebraucht er nur fromme Vokabeln, redet von Gott und Gottessohn und Religion, aber »von außen« her, von dort her, wo Gott konsequent: und kategorisch nicht anerkannt wird, auch wenn man ihn tausendmal kennt (und zittert!), von dort her, wo nicht ein Hauch jenes Geistes weht, indessen Namen wir allein Jesum einen Herrn und Gottessohn heißen können (1.Kor.12,3), von dort her also, wo die Hölle ist.

Und im Feuer dieser Hölle werden alle Begriffe umgeschmolzen: Gott wird – unter der Hand – Nicht-Gott. Christus wird Diener der dämonischen Glorie. Kreuz wird Bankerott. Wahrlich, es ist mehr als nur ein Symbol, nein, es ist der wahre Abgrund dieser Geschichte, daß die Versuchung beginnt mit: »Wenn du Gottessohn bist…« und daß sie schließt mit: »Wenn du niederfällst und mich anbetest…« Beides sind die Friedensbedingungen der gleichen dunklen Macht. Aber siehe, sie wird entmächtigt.

 

20. Der Gehorsam Jesu

So begegnet Jesus der teuflischen Konsequenzmacherei:»Es ist geschrieben: Der Mensch lebt nicht einzig vom Brot, sondern von jedem Wort, das von Gottes Mund ausgeht.«

Gewiß: der Hunger schreit in ihm. Und wie er selbst der Stellvertreter der Menschen ist, so ist auch sein Hunger der Stellvertreter aller Nöte und Bekümmernisse. Darum schreit mit seinem Hunger die ganze Not der Menschen in ihm, es schreien ihre Krankheiten und Schmerzen und das viele, viele Leid, der Jammer der Gefängnisse und Irrenhäuser, das Blut der Kriege, es schreit die Sinnlosigkeit von so vielem, und es schreien die Tränen von unendlich vielen Nächten.

Der Hunger des Gottessohnes ist ein unheimlicher Hunger, denn in ihm lebt die Qual aller Versuchung, die das Leid den Menschenbrüdern bereitet. Wirklich: er trägt das Leid der Welt. Die Stunde des Kreuzes hat ja begonnen. Und nun ist ihre erste Minute.

Gewiß, es schreit »Hunger« in ihm. Aber er weiß, daß nicht das geschaffene Brot es ist, das ihn stillt oder uns erhält. Nicht die Früchte des Feldes ernähren uns, nicht die prangenden Saaten, die wir im Sommer dankbar und ehrfürchtig durchschreiten, sondern Gott ernährt uns nur mit ihrer Hilfe. Es sind die Mittel seiner guten Hand.

Das bringen wir in unserem Erntedank zum Ausdruck: denn darin danken wir doch nicht dem Bauern oder der mütterlich fruchtbaren Natur, sondern mit diesen beiden und mit dem ganzen Kosmos danken wir der Güte des Herrn, der seine Hand aufgetan und alles, was lebet, mit seinem Wohlgefallen gesättigt hat.

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land;
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.
Der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf,
und träuft, wenn wir heimgehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Der sendet Tau und Regen, und Sonn- und Mondenschein,
der wickelt Gottes Segen gar zart und künstlich ein,
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.
(Matthias Claudius)

 

21. Die Larven Gottes

Es wäre eine arge Sünde und gehörte mit in das höllische Rechenexempel hinein, wenn wir unsere Hände und die Nahrung, die sie halten, mit Gott selber verwechseln wollten: das wäre nichts Geringeres als die Schändung des täglichen Brotes. Aber dieser Glaube an das Brot statt an den Vater, der es seinen Kindern gibt, liegt ebenso auf der Lauer wie der Glaube an die Schöpfung statt an den Schöpfer, an den Bauern statt an den Herrn des Bauern. »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr suchet mich nicht darum, daß ihr Zeichen gesehen habt, sondern daß ihr von dem Brot gegessen habt und seid satt geworden«, ruft Jesus in Bitterkeit aus, als er den Fünftausend zeichenhaft Nahrung gegeben hatte. Das Zeichen verliert in den argen Händen der Menschen seine Durchsichtigkeit, sie sehen nicht mehr den Meister dahinter, der mit ihm auf etwas zeigt und mit ihm Gott preisen möchte, sie fühlen nur noch das wohlige Gefühl vollkommener Sattheit, und so wird der Bauch ihr Gott und mit ihm das Brot und also die Gabe Gottes statt des Gebers.

Der Versucher verfährt mit der Gabe Gottes genau so wie mit Gott selbst. Auch hier stellt er sich auf den Boden der Tatsachen. Natürlich würde er bereitwillig erklären, sobald Jesus Brot aus den Steinen gemacht hätte: »Dies ist dein Werk und also auch Gottes Gabe (denn du bist ja Gottes Sohn). So darfst du deinen Hunger mit ihr stillen.«

Aber gleichwohl wäre an dieser Gabe Gottes, die so der Teufel bewirkt, eines anderes geworden, was sie eben zur Gabe des Teufels gemacht hätte: sie wäre Gott entrissen worden, sie wäre ein Zeichen des Ungehorsams und der Vertrauenslosigkeit geworden. Denn Jesus hätte in seinem Hunger mehr auf das Brot als auf Gott vertraut. Er hätte nicht mehr zu glauben gewagt, daß der Mensch von einem jeglichen Wort lebt, das aus dem Mund Gottes geht, und daß dieses Wort erhalten und nähren kann auf die vielfältigen Weisen, die seinem göttlichen »Es werde…« zur Verfügung stehen und von denen nur eine das Brot ist (Markus 8,1-9).

Er hätte nicht mehr zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet und nach seiner Gerechtigkeit und sich Brot und Fische, Butter, Fleisch und Obdach »zufallen« lassen. Nein, er hätte gierig nach diesen »Zu-fall«-Gaben gegriffen und mit der andern Hand – er war doch Gottes Sohn! – das Reich noch als Dreingabe zu behaupten gestrebt: Und so wäre dies Reich wirklich mit sich uneins gewesen. Denn der Versucher hätte die höllischen Ketten zerrissen und wäre mit starkem Fuß auf den Plan getreten, wäre der heimliche Usurpator des Reiches geworden.

So wäre dem Versucher, der auf dem Boden der Tatsache »Gott« steht, nicht nur die Fälschung Gottes, sondern auch die Fälschung seiner Gabe gelungen. Es gibt nichts zwischen Himmel und Erde – kein menschliches Werk, keinen edlen Willen, keine Gabe der Schöpfung, ja nicht einmal das Haus Gottes -, dessen er nicht mit diabolischer Tücke habhaft werden wollte und das nicht wehrlos, aus eigener Kraft wehrlos, seiner Bemächtigung preisgegeben wäre.

Aber mitten bei diesem klugen Versuch wird der Teufel geschlagen. Jesus tut das ganz einfach dadurch, daß er von seinem Hunger weggeht und sich auf der Burg Gottes und seiner Verheißung verschanzt, daß er sich auf jenes Wort, das  aus seinem Munde geht, stellt, wie auf eine trutzige Feste. Denn wahrlich: in diesem Worte weht der Odem, der Menschen und Dinge schafft und der die Gestalt der Erde erneuert.

In diesem Worte werden die Gedanken gedacht, die höher sind als unsere (Brot-, Fleisch- und Fisch) Gedanken, und die Wege gegangen, die höher sind als unsere (Sorgen- und Arbeits-) Wege. Gewiß: wir kennen diese Wege und Gedankt nicht, mit denen er uns führt. Wir kennen den Ort und die Zeit und die Art nicht, worin und wonach uns Gott sättigt.

Nein, wir sehen oft nur weichende Berge und fallende Hügel (Jes.54,8) und ein in Zorn verborgenes Angesicht. Wir sehen und spüren oft nur den Hunger. Aber wir kennen das Ziel, das Gott verfolgt, und die Verheißung, die unserem Glauben gegeben ist: Welche Wege der Vater auch gehen und welcher Mittel er sich bedienen mag, was immer als düstere Wolke vor Gottes Liebe zu hängen scheint (Röm.8,35): es ist dennoch die Liebe, die den Bund seines Friedens nicht hinfallen läßt, und welche die Geschichte seines Heiles, allen Irrsalen der Menschen zum Trotz, eben doch an seinem Throne zu Ende bringt.

Er ist der, der unsere Wangen frisch und rot macht, der den Kühen Weide und den Kindern Brot gibt und der den Seinen eben nicht eine Schlange, sondern einen Fisch, und nicht einen Stein, sondern Brot gibt. Gott will nicht, daß wir an seine Mittel glauben, mit denen er unser Leben sättigt – so daß wir meinen, nur vom Brot leben zu können -, sondern daß wir ihm glauben wie die lieben Kinder und zu ihm sagen: »An Mitteln fehlt dir’s nicht« (Paul Gerhardt).

Mit alledem will er nichts anderes als eben dies, was Jesus hier dem Teufel sagt: daß wir uns ganz dem Versprechen und der väterlich gütigen Zusage Gottes unterstellen. Und das heißt: daß wir nicht vom Brote leben, sondern von jenem Worte Gottes, das uns Brot und Leben verheißt und die Felder zur Sommerzeit golden wogen läßt!

 

22. Der Geist der Sorge

So können wir im Hunger und in der Ausweglosigkeit stehen, in der politischen oder kirchlichen oder privaten Ausweglosigkeit und in beklemmenden welthistorischen Perspektiven, ohne kleingläubig zu sein oder um Wege zu sorgen. So können wir auf den Wogen wandeln, ohne kleingläubig und dann auch versinkend nach Mitteln und Rettungsringen zu schauen, auf die wir unsere Hoffnung setzen (Matth.8,25).

Dieser Geist der Sorge, der unser Leben durchzieht, ist der Geist der Klein- und Falschgläubigkeit. Denn Sorge bezieht sich immer auf die Mittel, mit denen man allein meint, seine Sorge loszuwerden: Man ist besorgt um Lebens-Mittel, um finanzielle Mittel, um politische Mittel als die einzige Rettung, als den Weg aus der Ausweglosigkeit. Man lebt vom Brot allein; Sorge ist nichts anderes als die Anbetung dieser Mittel, als die Anbetung des Brotes — oder des irdischen Brotherrn, der den »Brotkorb höherhängen« kann.

So wird hier ganz und gar deutlich, warum die Sorge Klein- und Falschglaube ist. Sie ist innerhalb der Praxis unseres Lebens genau das gleiche, was die Götzenanbetung auf religiösem Gebiet ist: die Anbetung des Geschöpfes statt des Schöpfers, der Hilfe statt des Helfers, der Wege statt des Herrn, der Arznei statt des Arztes, des Brotes statt des sorgenden Vaters. Hüben und drüben ist Kleinglaube und Vergötterung die tragende Kraft. Wo man Gott zur Tür hinausjagt, da steigen die Gespenster zum Fenster herein, die Gespenster der Sorge und der anderen Götter.

Ist es nicht fromm, Götter zu haben und sie anzubeten? – Und doch kniet der Arge neben uns. Ist es nicht fromm, Brot zu machen (natürlich im Namen Gottes!) und es anzubeten? Und doch hat der Arge dies Brot zu Gott gemacht und es mit frommer Gebärde an seine Stelle gesetzt. Gott ist erschlagen mit dem Brot, das er seinen Kindern brechen wollte. Das ist das Kainszeichen an der Stirn der Sorge.

 

23. Die Fronten in unserer Brust

Dies ist so das große Bekenntnis, das Jesus hier ablegt: »Gottes Verheißung erhält mich, sie allein. Ich lebe im Glauben an sie und nicht im Schauen des Brotes. Nein, ich sehe kein Brot und bin am Verhungern; ich sehe kein Wasser und bin am Verdursten; ich sehe keine Menschen, die an mich glauben und doch soll ich ihnen das Reich bringen.«

»Ich sehe wie Abraham kein Vaterland und keine Freundschaft und keine Kinder, und dennoch glaube ich an deine Verheißung, daß du mir Kinder geben willst wie den Sand am Meer und wie die Sterne am Himmel. Allein dein Wort soll mein Bangen und Hoffen leiten, allein deine Verheißung,  allein deine Gnade,  lieber Vater, immer nur du allein bist meine Hoffnung –!« (1.Mo15,2). So glaubt Jesus nicht an das Brot, sondern an die Verheißung; er glaubt »an ein jegliches Wort, das aus dem Munde Gottes geht«. Und wenn dies Wort ihm nun Brot beschert in seinem großen Hunger, nun, dann wird er Gott danken, es brechen und mit Freuden essen. Und wenn das gleiche Wort ihm den Brotlaib versagt – dann wird er weiter hungern und der Verheißung Gottes glauben, daß er ein großes Werk mit ihm vorhat und daß er nicht verhungern wird. Das leibhaftige Wort Gottes – das allein ist der Herr dieser Stunde, von dem Jesus lebt.

Und so zeigt sich das Merkwürdige und Wunderbare: Jesus tut nichts weiter, als daß er dies Wort wider den Versucher antreten läßt und daß er selbst nichts weiter ist als ein treuer Gefolgsmann dieses seines Feldherrn. Es ist nicht Tapferkeit, Disziplinierung des Hungers, es ist nicht Widerstandskraft, Angriffsfreude, die er hier dem Versucher entgegenstellt (wer würde zu leugnen wagen, daß er dies alles auch und gleichsam nebenbei in jener Stunde besessen hätte). Dies alles ist ja nur »Fleisch und Blut« und hält dem Versucher nicht stand. Denn das, was die Versuchung von allem andern Kampf und vom Kämpferischen selbst unterscheidet, ist dies, daß sie sich im Menschen abspielt, daß sie das Herz des Menschen selber aufteilt in zwei Fronten, zum Beispiel hier in die Front: Treue zur Verheißung, Treue zur Treue Gottes, und auf der andern Seite in die Front der Zweifelsfrage: »Sollte Gott seine Verheißung wirklich so verstehen, daß du jetzt hungern mußt? Und nicht vielmehr so, daß dir jetzt Brot verheißen ist, daß du nur diesen Steinen zu sagen brauchst: Werdet Brot -?«. Es ist also gerade nicht so – wie bei allem sonstigen Kampf -, daß wir Menschen da in einer Front stehen und eine andere gegen uns heranmarschiert, so daß wir hier stehen und die andern dort; so daß wir – etwa – Christi wären und drüben käme der Antichristus, so daß wir – etwa – der Welt entnommen wären und drüben käme die Welt.

Ja, wenn es so wäre, dann könnte Tapferkeit und Einsatzwille helfen, und wenn es auch nur die Bereitschaft des Soldaten von Pompeji wäre.

Aber leider liegen die Dinge anders: Dies alles marschiert nicht von außen heran, sondern all dies marschiert auf der Stelle – mitten in unserer eigenen Brust: Der Antichrist ist darin, und die Welt ist darin, und die Grenzscheide zwischen ihnen und uns verläuft mitten durch unser eigenes Herz: Wir sind Welt und Reich Gottes; wir sind gerecht und Sünder zugleich. Das ist es ja: Wir sind immer schon Versuchte, der Versucher ist immer schon in unserm Herzen. Er kommt nicht als Feind, sondern als Freund. Und so hat er Schlüssel und Eintrittskarte und Vertrauen immer schon gestohlen und ist mittendrin. Er stand und steht ja doch auf dem Boden der Tatsache »Gott«. Er sagte so freundlich das gleiche, was wir auch schon immer gedacht hatten: »Sollte Gott wirklich gesagt haben? Sollte er es nicht so gemeint haben … ? Würde es ihm nicht entsprechen, wenn du jetzt dies und das tätest, statt sein Wort allzu wörtlich zu nehmen?«

Noch mehr: Der Versucher ist so sehr in unserm eigenen Herzen tief drinnen, daß seine Stimme nicht von der Stimme dieses Herzens selbst und vom Raunen und Rauschen unseres Blutes zu unterscheiden ist. Er ist so sehr darin, wie später Christus darin sein wird und wie wir in Christus sein werden. Wir dienen ja immer einem Herrn (Matth.6,24).

 

24. Das kosmische Schauspiel

Wer hätte das als Christ in dieser unserer Zeitenwende noch nicht erfahren und erführe es nicht immer wieder, daß unser Glaube und unsere Treue uns aus den Händen hinwegrinnt wie Sand, den auch die stärkste Faust nicht zu halten vermag? Oder wäre es anders? Sollten wir Gott so und in der Art treu sein können, wie man etwa einer Fahne treu ist, mit der zu stehen und zu fallen man geloben, und zwar ernsthaft geloben kann? Wie einfach wäre das Christsein – oder wie schwer? -, wenn es sich so verhielte! Aber es ist mitnichten so. Wir können gerade nicht treu sein, an diesem Punkt und aus eigener Kraft wahrhaftig nicht, nein! Denn jene Mythen und Kulte – das sind ja unsere Mythen und Kulte, das ist unser Herz, das hier schlägt, oder – wie man theologisch sagt – das ist der »natürliche« Mensch, der »Adam« in uns, der hier laut wird. Und was in unserm Herzen heimlich flüstert, das tritt uns von der Front der Antichristentümer und Menschenmythen her nur vergrößert und programmatischer entgegen und ist hier zur Fahne und zum offenen Bekenntnis geworden.

Deswegen können wir nicht mit Fleisch und Blut widerstehen, denn unsere Front ist zersetzt, und diese Welt liegt im Zwielicht zwischen Gott und Satan. Der Abgrund der Versuchung gähnt nicht vor uns, sondern in uns. Und darum können wir Gott nicht treu sein, sondern Gott muß uns treu sein. Darum können wir seine Hand nicht halten, sondern er muß unsere Hand halten. Deswegen können wir nicht für ihn kämpfen, sondern er muß für uns kämpfen (»Es streit’ für uns der rechte Mann…«). Darum können wir Gott nicht lieben, sondern er muß uns zuerst lieben (1.Joh.4,19).

Und erst nachdem dies alles an uns geschehen, aus unergründlicher Güte uns widerfahren ist, erst nachdem Gott uns seine Treue kundgetan und die Äonen gewandt und es Weihnachten hat werden lassen auf dieser armen Erde, erst jetzt kann es heißen: »Lasset uns ihn lieben . . .«. – »Nun sei auch du getreu bis in den Tod«. – »Nun preise auch du Gott an deinem Geiste und an deinem Leibe« (1.Kor.6,20)  – »Nun ergreife auch du den Schild des Glaubens, mit welchem du auslöschen kannst alle feurigen Pfeile des Widersachers« (Eph.6,16), denn siehe: dies alles ist an dir geschehen …

Und weil so unser Fleisch und Blut entmächtigt ist in seiner eigenen Kraft, darum lehrt Jesus uns, nicht im eigenen Namen dem Versucher zu widerstehen, sondern den göttlichen Helfer herbeizurufen. Er lehrt uns »Führe uns nicht in Versuchung… Erlöse uns von dem Argen«, damit jener Helfer uns bewahre und für uns streite und wir nun erst – nun erst! – hinter ihm dreinlaufen und treue Soldaten sind. Hier erst wird die ganze Tiefe dessen deutlich, was Jesus dem Versucher sagt:

Inmitten seiner Versuchung, inmitten dieses Kampfes der Mächte, in dessen Feuerlinie er steht, inmitten der Abgründe des Hungertodes und der Abgründe des (scheinbar gehorsamen) Ungehorsams, inmitten von alledem ruft er das Wort und die Verheißung Gottes auf den Plan, damit es den Versucher verschlinge, und tritt vertrauend in den Schirm und Schatten dieses Wortes. Das ist es eben: Er glaubt Gott auch da, wo er kein Brot sieht.

 

25. Unser Bitten und Gottes majestätischer Wille

Damit hat Jesus uns das Vertrauen auf seinen himmlischen Vater unter Schmerzen vorgelebt. Darüber hinaus lehrt er uns noch, unser Leben und unser Beten auf das gleiche Vertrauen zu gründen.

Wir dürfen um das tägliche Brot bitten. Und wir dürfen bitten um Hilfen und Auswege aus unseren Nöten. Über all dies dürfen wir mit unserm Vater im Himmel reden. Wir dürfen ihm sagen, welche Wege wir sehen, auf denen er uns helfen kann: das tägliche Brot für unsern Hunger, Arbeit für unsere Werktage, Stille bei unserer Nervosität, Gesundheit in unserm Leiden, den Freund in unserer Einsamkeit. Um all dies dürfen wir ihn bitten, und von alledem dürfen wir mit ihm sprechen, so wie die lieben Kinder mit dem Vater reden. Und doch hat er uns gelehrt, vor dieses unser Bitten immerfort ein Vorzeichen zu setzen: »Dein Wille geschehe!« und eine Bedingung gelten zu lassen: »Wenn es dein Wille ist« (Luk.22,42) — und dann dürfen wir wacker bitten, daß aus den Steinen Brot werde.

Aber ist diese Bitte »Dein Wille geschehe!« nicht doch eine heimliche Preisgabe dessen, was man gerade erbeten hat oder zu erbitten gedenkt? – Dem ist nicht so. Es heißt ja nicht: »Mir ist nicht geheuer bei meiner Bitte, lieber himmlischer Vater … Sie war nur provisorisch gemeint, und ich nehme sie lieber zurück… Ja, Vater, ich verzichte auf mein Brot. Dein Wille soll sich nicht an meine kleinen Wünsche binden. Dein Wille soll groß und erhaben über meine kleinen, kleinen Angelegenheiten hinwegbrausen… «

Dies alles will jene Bitte »Dein Wille geschehe!« gerade nicht sagen. Sondern sie bittet:

»Du verstehst mein Bitten besser, als ich es selbst verstehe. Du weißt, ob mir Hunger oder Brot nötig ist. Was auch immer komme, ich sage auf alle Fälle: >Ja, lieber Herr!<. Denn ich weiß, daß in allem, was immer kommen mag, Dein Wille mir Erfüllung schenkt – über mein Bitten und Verstehen.«

In diesen drei Wörtlein »Dein Wille geschehe!« sage ich also nichts anderes, als dies, was der Heiland in der Wüste spricht, wenn er sagt: Ich lebe vom Worte Gottes, ich lebe von der Verheißung — wie immer die Gestalt auch aussehen mag, in der sie in Erfüllung geht, ob die Steine nun Brot werden oder ob sie Steine bleiben und ob dann in der Nacht die Hilfe unversehens hereinbricht.

Ich sage mit jenen drei Wörtlein nichts anderes als dies: »Ich lebe von Deinem Willen, lieber Herr. Und ich weiß, daß, dieser Wille nichts anderes will, als Deine Verheißung erfüllen. Ja, Herr, Dein Wille ist Verheißung. Und so lebe ich nicht vom Brot allein. Ich habe um mein Bestes gebeten: daß Du mein Leben mir schenken mögest und mir mein tägliches Brot geben. Und ich weiß, lieber Herr, daß Dein Wille mein Bestes tut und mir Hunger und Brot zum Besten dienen läßt 1. So weiß ich, daß mein Bitten in Erfüllung geht.«

Das Vaterunser, das Jesus uns vorbetet, hat er in der
Wüste uns vorgehandelt. Er lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht. Er lebt von
dem geschehenden Willen Gottes. Er lebt von der Verheißung. Und was er dem Teufel sagt, heißt nichts
anderes als dies: »Siehe, ich rufe den, der mich leben
läßt, auf den Plan. Mit ihm hast du es zu tun, nicht mit
mir. Er ist Sonne und Schild 2. Siehe, ich lebe ganz von
ihm und nicht von deinem Brot. Und darum, darum
allein bin ich Gottes Sohn. Aber das wirst du wohl nie
verstehen. Wie könntest du auch – – ?«

DIE ZWEITE VERSUCHUNG:

DAS VERLOCKENDE SCHAUWUNDER

Dann nahm der Teufel ihn mit in die heilige Stadt, stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sagte zu ihm: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürz’ dich hinab. Denn es steht geschrieben: Er wird seine Engel zu dir hinbefehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß an keinem Stein stoßest.« Jesus sagte ihm: »Wiederum steht geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen . . .«

26. Die Ehre Gottes und seines Wortes

Meist ist das, was der Teufel sagt, sehr fromm. Er geht auf dem Boden der Tatsache »Gottes« noch einen Schritt weiter. Denn es geht jetzt nicht mehr nur um die Ehre des Gottessohnes (»Bist du Gottes Sohn, dann bist du dir dies und das schuldig…«), sondern es geht um die Ehre Gottes selber: »Er wird seine Engel zu dir hinbefehlen«. Diese Macht Gottes wird man respektieren, und das heißt nach der Logik des Versuchers: »wirken« lassen und »zum Ausdruck« bringen müssen. Aber nicht nur dies ist hier wesentlich, daß es um Gott selber geht, an dessen Ehre dem Versucher so viel gelegen zu sein scheint; sondern darüber hinaus bekräftigt er seine Frage noch mit Gottes eigenem Wort: Es steht geschrieben . . .« – Kann man mehr tun?

Warum sollte Jesus nicht darauf eingehen? Das würde doch nicht, wie bei der ersten Frage, der Verheißung widersprechen! – Im Gegenteil! Man gäbe der Verheißung Gottes die Möglichkeit einer ungeheuren Demonstration! -Warum sollte er nicht von den Zinnen des Tempels springen, warum sollte er nicht im Namen Gottes zu einem der Berge sagen: Versetze dich und wirf dich ins Meer? Warum sollte er nicht vom Kreuze herabsteigen – – ad majorem Dei gloriam! — ? Und doch ist dies alles nichts andres als die Frage des Teufels! Wieso?

Wir wollen an dieser Stelle nicht abermals davon reden, daß der Teufel mit all seiner frommen Gebärde und seinen heiligen Worten nur das Gesetz des Handelns an sich reißen, daß er eben über die Macht Gottes verfügen möchte, indem er so an den »Ehrgeiz« Gottes appelliert. Diese Taktik ist ja schon überwunden und ist bereits schüchterner geworden in dieser zweiten Frage, auch wenn sie noch heimlich und dummschlau mitschwingt.

Nein, bei dieser zweiten Frage, die so fromm auf die Macht Gottes spekuliert, müssen wir noch ein Weiteres beachten, nämlich dies: Jenen Gott der Macht gibt es gar nicht. Er ist ein eingebildeter Götze der Menschen. Denn dieser Gott der Macht ist ein bequemer Gott: Er hat die Macht, und wir gebrauchen sie (oder lassen ihn seiner Wege gehen), so ähnlich wie hier der Teufel auf seine Art mit dem Gott der Macht umgeht – oder umgehen möchte.

 

27. Die Anbeter des »Gottes der Macht«

Warum das so ist, erkennen wir sofort, wenn wir die Anbeter des Gottes der Macht betrachten, jene Toren, die in ihrem Herzen sprechen: »Es ist – – so gut wie kein Gott, es ist nur ein Gott der Macht« (Ps.14,1). Wer kennte diese Anbeter nicht, wer hätte noch nicht mit ihnen gesprochen, an welchem Stammtisch, in welcher Gesellschaft, bei welcher Massenversammlung könnte man sie nicht hören?

Sie reden davon, daß ihr Gott hoch erhaben sei über die
menschlichen Züge eines redenden Gottes, von dem die
Sage geht, daß er etwas Schriftliches von sich gegeben
habe. Sie reden davon, daß ihr Gott der Macht verachtend und voller Ironie herabblicke auf das Duz-Verhältnis, mit dem die Kleinen und Zukurzgekommenen dieser Welt in der Gemeinschaft ihres persönlichen
und menschelnden Gottes zu stehen meinen – als
»Knechte«, als »Kinder«, als »Freunde«, als »Söhne«.
Aber ist dieser »Gott der Macht« und sind seine Freunde
nicht höchst verdächtig? Die Erhabenheit dieses Gottes
der Macht nimmt allzu leicht so gigantische Ausmaße
an, daß er auch über das erhaben ist, was wir das Privatleben nennen. Ihn kümmern weder die Sperlinge, die
Haare, die Lilien, noch die Gedanken unseres Herzens,
unsere heimliche und offene Revolution, ihn kümmert
nicht Wille und Werk und nichts von dem vielen, was vor der Sonne verborgen sein muß. Gewiß: er schläft
nicht und geht nicht spazieren und dichtet nicht, aber
er ist – erhaben.

Wenn es anders wäre — wie müßte es dann erklärt werden, daß jene Verehrer des Gottes der Macht so erstaunlich wenig, ja daß sie keine Konsequenzen aus diesem ihrem Gotte ziehen, daß man in ihrem Leben so wenig von ihm merkt?

Wie kommt es, daß er mit all seiner Macht doch eine so geringe Kraft, ein. so gewichtloser Faktor im Grau ihrer Alltage ist -? Wie kommt es, daß er nur bei ihren Feiern und in pathetischen Stimmungen – wirklicher oder erdichteter Art – genannt wird, um hier die himmlische Staffage und den Goldgrund, den frommen Zauber ihrer Stimmung zu bilden? »Droben über’m Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen.«

Wie kommt es, daß er nur dazu da ist, als Vorsehung die Gegenzeichnung zu dem zu leisten, was die Menschen immer schon getan und besiegelt haben und was sie nun sanktioniert sehen möchten? Wie kommt es, daß er so wenig als Wille und Gesetz und Gericht in den entscheidenden Stunden des Lebens erlebt wird, daß man statt dessen nur nachträglich seine Zustimmung einholt und dann laut proklamiert -, seine Zustimmung folglich zu dem, was man aller frommen Gebärde zum Trotz nach eigenem Gutdünken gedreht hat und in das man sich nicht hereinreden läßt?

Wie kommt es, daß die Anbeter des Gottes der Macht immer meinen können: Dieser Gott habe es mit dem Jenseits zu tun (dort sei er gut aufgehoben…), während sie das Diesseits zu gestalten hätten? Sie wissen: Der Spatz des Diesseits in der Hand ist besser als die Taube des Jenseits auf dem Dach.

O ja: die Anbeter des Gottes der Macht verstehen etwas von den Realitäten des Diesseits: Sie rechnen mit Gott, sie schalten ihn ein und aus und gleich, sie lassen ihn religiöse Komplexe abreagieren, die sonst zum gefährlichen Explosivstoff werden (Weiß man nicht aus historischer Erfahrung, daß außer der Magenfrage nichts so die Geschichte vorwärtspeitscht wie die religiöse Frage?). Sie mischen den Gott der Macht mit Opium.

Wahrlich, es ist verdächtig, daß auch der Teufel in der Wüste jenen Gott der Erhabenheit, jenen Gott der Macht kennt, ja daß er sich fröhlich auf ihn beruft und – wenn der Schein nicht trügt – sich völlig ungeniert von ihm fühlt. Die Existenz des Teufels scheint durchaus nicht unbequem in seiner Obhut. Warum denn auch? Wie sollte denn ein so erhabener Gott nicht imstande sein, sich auch einen Teufel zu leisten? Erhabenheit heißt doch unter anderem: alle Möglichkeiten umfassen. Warum nicht auch die Möglichkeit des Teufels, des Bösen? Gut und Böse, »Trug und Wahrheit sind am Baum der Menschheit nur die zwiegefärbten Blüten«. Wieviel mehr nicht dann am Baume Gottes -? Ist Mephistopheles nicht ein herrschaftlicher Diener -?

So ist es schon: Man hat seine Ruhe vor diesem Erhabenen, vor diesem Gott der Macht. Er ist ein bequemer Gott. Jeder von uns wünscht ihn sich in seinen müden Stunden – oder auch in der Stunde der Wildheit und des hemmungslosen Vorpreschens, in der Stunde, wo nur unser Blut rauscht und die Nerven fiebern und kein Gott uns im Wege stehen darf. Diese Stunden sind durchzittert von den Geburtswehen des Gottes der Macht, denn dieser Gott ist vom Menschen geboren. Und der Teufel weiß auch, warum er Ruhe vor ihm hat und warum er ihn als Versucher all seinen Opfern suggeriert. Er kennt als erster, vielleicht als Erfinder, das Urgesetz aller Religion, jenes Gesetz, das wir tausendfach bestätigt finden, wenn wir um uns und in uns blicken, jenes Gesetz, das man formulieren könnte: Je »erhabener« der Gott der Menschen ist, um so unverbindlicher ist er. Seine Unverbindlichkeit wächst mit dem Grad seiner Erhabenheit. Man braucht keine Furcht vor ihm zu haben, er stört die irdischen Kreise nicht. Dieser Gott ist nur Schmuck von Reden, aber nicht der Grund einer einzigen Tat. Er ist das Geschwollene an allem Pathos, er ist das Klingende an allen Schellen.

Aber Gott der Herr ist nicht dieser Gott der Macht, er ist nicht der »Erhab’ne«, mit dem wir unsere Reden schmücken und der so beglückend unverbindlich ist. Nein! Unser Gott hat einen Willen, einen heiligen Willen, er ist die leibhaftige Majestät.

Und es ist unter allen Umständen nicht so, daß zwischen Gott und uns nur eine unpersönliche dynamische Begehung, ein bloßes Kräfteverhältnis bestände; ein Verhältnis zwischen ihm als der unendlichen Kraft und Macht und uns als dem Minimum an Kraft, als dem kleinen Menschlein (wenn es so wäre, warum hätte dann Jesus nicht dankbar die göttliche Allmacht in Anspruch nehmen und das Schauwunder des Tempelsprungs vollziehen sollen?).

Nein, ein solches unverbindliches, neutrales Kräfteverhältnis liegt gerade nicht vor, sondern das Verhältnis des Fordernden zu dem Geforderten, des Heiligen zu dem Unheiligen, des Richters zu dem Gerichteten und des Vaters zu den Kindern.

 

28. Wille und Macht Gottes

Dies alles beschreibt man ein wenig abstrakt, wenn man vom »persönlichen Gott« redet, das heißt von einem Gott, der einen persönlich was angeht … Darin soll vor allem die Abgrenzung liegen gegen den Gott der bloß neutralen und unverbindlichen Kraft, gegen den nur »All-Mächtigen«. Wir machen uns den unendlichen Abstand Gottes des Herrn von diesem neutralen Kräftegott am besten so klar, daß wir daran denken: Gott der Herr ist Wille, ist persönlicher, uns fordernder Wille. Darum bitten wir ihn ja auch: »Dein Wille geschehe« und sagen nicht bloß – wie die unbeteiligten Zuschauer des Kräftespiels sagen -: »Die Vorsehung geht ihren Gang.«

Und diesen Willen Gottes verschweigt der Teufel. Denn diesen Willen haßt er, und diesen Willen tut er kategorisch nicht. Er weigert sich ja, »unter« Gott zu stehen. Er steht nur »auf« der Tatsache Gott. Er steht »außerhalb« – so sahen wir – als der klug Beobachtende, als der Rechner und Ränkeschmied. Nur darum redet er doch vom Gotte der Macht, von jenem Gott, der so unverbindlich ist und mit dem er schalten und walten kann. Und das war auch der Grund, warum der Teufel den Willen Gottes verschweigt, jenen totalen Willen, der uns in Beschlag legt und über uns verfügt, mit dem wir gerade nicht schalten und walten können.

Der Teufel weiß, daß dieser Wille Gottes die eigentliche Gefahrenzone für ihn ist. Er weiß, daß er – der Teufel – unter diesem Willen erst ganz zum Teufel wird, so gewiß er nun offen die Rolle des Gegenspielers ergreifen muß. Im Angesicht der Heiligkeit wird der Teufel erst ganz Teufel. Im Angesicht des Gesetzes – und das heißt: im Angesicht der leibhaftigen Majestät Gottes – wird die Sünde erst ganz Sünde (Röm.7,13) Im Angesicht des Gottessohns stehen die Dämonen mit doppelter Wucht auf (Matth.8,29). Unter diesem Willen ist das »Spiel« beendet. Darum muß man – so denkt der Teufel – diesen Willen in die Hand bekommen. Man muß sich seine Macht dienstbar machen. Hier in der Wüste ist die beste Gelegenheit dazu. Es wäre töricht und allzu zynisch, zu diesem Gottessohn vom »heiligen Willen Gottes« zu reden. »Das Predigen steht mir schlecht«, denkt der Teufel, »und außerdem könnte ich meine gefährlichsten Karten dabei aufdecken …« – Darum verschweigt er den Willen Gottes, und darum redet er lieber vom Gott der Macht. Und darum provoziert er diese Macht. »Er wird seinen Engel zu dir befehlen! (wahrlich, er hat doch die Macht dazu!)« …

Gelingt diese Provokation, so ist der Staatsstreich geglückt. Er diktiert dann – wie wir sahen – das Gesetz des Handelns. Er triumphiert dann über diesen Willen Gottes. Es ist eine unerhörte Möglichkeit, die der Versucher hier hat, eine Aussicht, wie sie niemals ein Mensch besaß: Für die Menschen ist der Gott der Macht nur ein Hirngespinst oder ein frommer Traum oder eine Tendenzdichtung (Opium für das Volk usw.). Aber der Teufel hat hier die Chance, aus diesem erdichteten Gott Wahrheit werden zu lassen, fürwahr eine teuflische Perspektive: Gelingt die Versuchung des Gottessohns, springt er vom Tempel, so ist der Wille Gottes in seinem Bann, so ist dieser Wille durch ihn auf die Erde und in die Hölle gezwungen. Er befiehlt, und Gott handelt. Er kommandiert: und der Gottessohn springt, und sein Vater schickt helfende Engel. Hier wird das gleiche, was wir früher schon sahen, aus einer noch düstereren Perspektive deutlich: Hier ist Gott wirklich zum willenlosen Gott der Macht geworden. Und er, der Teufel, ist dann der Wille. Und ihm gehört eben darum auch — die Macht. Er ist dann der mächtige Ministerpräsident und Gott seine königliche Puppe.

Das ist das Geheimnis dieser Stunde: Der Gottessohn, der das Reich bringt und die Wende der Äonen, steht vor dem Satan, steht in der Versuchung. Und siehe: In dieser Stunde ist dies Reich in Gefahr. Kann es eine größere Bedrohung geben, als diese Stunde sie bringt -? Wem wird das Reich gehören, wenn diese Stunde vorüber ist, wem — von beiden?

Aber Jesus entreißt dem Versucher sein Geheimnis, das er so klüglich verschwiegen hat. Er weiß, daß er ganz und gar unter dem Willen seines Vaters im Himmel steht, daß er gekommen ist, diesen Willen und sein Gebot zu verwirklichen. Er erinnert sich ferner daran, kein Befehl seines Vaters ihn von der Zinne zu springen heißt. Er weiß, daß er mit der Macht seines Vaters und mit seiner eigenen Macht niemals spielen darf – das heißt: daß er nichts aus bloßem Vergnügen und ohne Befehl tun darf, sondern daß er in jedem Moment allein – allein! – von Gottes Geboten und von seiner Verheißung lebt. Diese Macht Gottes dient ja nur seinem Befehle und ist das Instrument seiner Verheißung.

Jesus aber weiß mit aller Bestimmtheit: Diesen heiligen Willen Gottes würde er verletzen und verlästern, wenn er im Namen eines vermeintlichen Gottes der Macht vom Tempel herabspränge. Denn spränge er – wider alle Weisung – herab, so würde er Gott auf die Probe stellen, ob er seine Verheißung wahr macht; er würde begierig schauen, ob Engel kämen, die ihn herabtrügen; es wäre ein Augenblick namenloser Spannung; es wäre die Kraftprobe Gottes.

Und hier würde das innerste Motiv dann deutlich, das ihn zu dieser Kraftprobe triebe; es wäre das Mißtrauen, wäre der Unglaube: »Sollte Gott wirklich gesagt haben – « »Und wenn er es gesagt hat, sollte er wirklich tun können, was er sprach? Ich habe ein Recht, das zu wissen. Ja: Ist Gott es mir nicht schuldig? – ist Gott (!) es mir (!) nicht schuldig? – – ist Gott nicht mein Schuldner –  – bin ich nicht gottebenbürtig? – – hab’ ich nicht auch ein Recht darauf, zu wissen, was gut und böse ist? – hab’ ich nicht auch ein Recht darauf, Gottes Macht zu gebrauchen? – – muß ich nicht herabspringen? – – wer verbietet mir festzustellen, ob Gott meines Vertrauens würdig ist, der ich ihm vertraue, daß er mich auf Fittichen seiner Engel herunterträgt?«

Diese Gedanken ließ der Versucher gar langsam durch Jesu Seele ziehen, jeden einzeln und alle nacheinander. Da war die Wüste plötzlich ein Paradies, und neben ihm standen Adam und Eva. Vor den beiden hing der Apfel des Lebensbaumes, lieblich anzusehen, erregend, verheißungsvoll. Und in diesem Augenblick leuchteten die Zinnen des Tempels vor dem Gottessohn auf, ein paradiesisches Schauspiel: lockend, erregend, verheißungsvoll.

Aber Jesus wendet sich ab, wo Adam und Eva zugriffen. »Er lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.« Er lebt in dieser Stunde von dem Wort: »Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.«

 

29. Der fromme Dämon

Das Abgründige an dieser zweiten Versucherfrage ist dies, daß sie so fromm ist. Sie ist frömmer als die erste, weil sie nicht nur mit einer religiösen Phrase und dem schlechten und rechten Gebrauch der Tatsache »Gott« arbeitet, sondern weil sie die Bibel zitiert und Gott »beim Wort nimmt«.

Das ist die gefährlichste Maske, die der Teufel besitzt: die Maske Gottes. Sie ist noch schauerlicher als das Kleid des Lichts. Von ihr hat Luther etwas gewußt. Vor ihr ist er zu Tode erschrocken. Er sah sich gleichsam von Gott umringt. Er mußte vor Gott (vor diesem maskierten Dämon) zu Gott fliehen. Diese Flucht gehört zu den letzten Geheimnissen seines. Glaubens. Man muß in der Wüste bei Jesus Christus gestanden haben, um ein wenig davon zu ahnen. Auch Luther tritt der Anfechtung entgegen, mit Worten der Heiligen Schrift; er will das Wort für sich streiten lassen. Aber das ist keine einfache Sache.

Denn nun erfährt er, daß der gegen ihn aufgestandene Fürst der Dämonen so bewaffnet ist mit Bibelsprüchen bis an die Zähne, daß seine eigene Kenntnis der Heiligen Schrift vor ihm zerrinnt. Und so muß er das wahre Wort um sich selber kämpfen lassen. Er selbst muß Schlachtfeld sein.

Ja: das Wort Gottes, Frömmigkeit, Kultus, Religion, Wunder und Zeichen sind die mächtigsten Waffen des bösen Feindes. Nach der Offenbarung Johannis ist der menschliche Vertreter der Satansherrschaft, der mächtige Repräsentant des Antichristentums auf Erden, nicht ein Feind der Religion, sondern umduftet vom Weihrauch seines Kultus und umgeben von den Ordnungen der neuen Religion, die das totale Leben durchdringen, so daß niemand kaufen und verkaufen kann ohne das Malzeichen, dieses Herrn (Offb.13,11-17).

Und gerade dort ist der Versucher am mächtigsten, wo er an der Stelle Gottes und Jesu Christi zu stehen scheint, wo man sagt: »Siehe, hier ist Christus, siehe, da ist Christus« (Matth.24,23)

Wir müssen dies Geheimnis der widergöttlichen Macht noch tiefer durchdringen: Es wird hier allem Anscheine nach doch offenkundig, daß man Gott gegen Gott ausspielen kann, daß es möglich ist, mit dem einen Wort das andere totzuschlagen: »Es steht geschrieben«, sagt der Versucher. »Es steht wiederum geschrieben«, antwortet der Gottessohn. Und hier könnten wir lange fortfahren, denn hier wird ein Geheimnis des Wortes selbst offenkundig:

»Es steht geschrieben«: »Schaffet (und das heißt doch: schaffet ihr) mit Furcht und Zittern, daß ihr selig werdet…«

»Wiederum steht geschrieben«: »Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen«. (Phil.2,12-13)

An diesem Wort des Philipperbriefes kann man sich das
Geheimnis, das wir hier andeuteten, klarmachen. Wenn irgendwo, so ist hier die
höchst versuchliche Möglichkeit gegeben, Gott gegen
Gott auszuspielen. Sie ist gegeben, sobald man von
außen sieht und also wieder in der teuflischen Perspektive verweilt. Und ist es nicht immer schon so gewesen,
daß die Häretiker und Irrlehrer und Dämonen mit
Hilfe jenes Wortes, und gerade nicht mit Hilfe dröhnender antichristlicher Parolen in die Kirche eingeschlichen sind – -?

Da stehen die einen und sagen: Es liegt alles daran, daß wir schaffen mit Furcht und Zittern. Auf, laßt uns »gute Werke« tun, wir wollen die Hälfte unserer Güter den Armen geben, wir wollen die Gebote halten: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis reden, du sollst niemand täuschen, ehre Vater und Mutter; wir wollen dies alles halten von unserer Jugend auf (Mark.10,20) – -; mit Furcht und Zittern wollen wir’s tun, damit wir selig werden. Und noch mehr: Wir wollen mit Furcht und Zittern Gott suchen gehn; er soll der Kampf unserer Tage und die Sehnsucht unserer Nächte sein. Wir wollen unsere Seele auf die Streife nach dem Ewigen senden und wollen nicht rasten und ruhn, bis sich Gott unserm Kampfe ergibt – -, auf daß wir selig werden.

Aber spüren wir nicht – wenn wir so reden -, wie hier Gott gelästert wird und wie diese Lästerung doppelt schrecklich ist, weil sie in seinem Namen geschieht? Ist Gott wirklich ein Gegenstand unseres Erringens und Strebens, und können wir ihn wirklich in die Abhängigkeit von unserer Leistung zwingen und also wiederum heimlich und klug über ihn verfügen?

 

30. Das Wort Gottes im Zwielicht

Es ist die uralte Geschichte: Wenn wir nicht gehorsame Knechte dieses Wortes sind und demütig darunterstehen, sondern umgekehrt nach teuflischer Manier dieses Wort zum Knecht unserer Lust machen, dann wird dieses göttliche Wort mitten in unserer argen Hand zu einem zerrenden Dämon, der diese Hände emporreißt, bis sie zur geballten Faust wider Gott werden. Und wir können noch meinen, wir grüßten Gott mit jener erhobenen Faust und täten ihm einen »Gottes«-Dienst.

Und da stehen die andern und sagen: »Nein, Gott ist’s, der in uns wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen. Hinweg mit eurem Streben und Gottsuchen, hinweg mit eurer Werkerei! Wir treiben den wahren Gottesdienst: Wir legen, voller Ergebung in jenen schaffenden Willen Gottes, die Hände in den Schoß und warten auf das große Wunder, daß Gott kommt, daß er zu uns spricht. Und wenn er kommt, nun – dann werden wir schon sein heimliches Wirken an unserer Seele spüren. Was sollen wir auch schon tun -?«

Und so verfälschen sie ebenfalls dieses Gottes Wort und schlagen ihn mit dieser seiner eigenen Rede. Sie spielen Gott wider Gott aus. Und die Zaungäste des Reiches Gottes sagen achselzuckend: »Mit Bibelworten kann man alles beweisen.« Und tatsächlich ist ja durch diese populäre Devise jene abgründige Wahrheit bekanntgeworden, die Wahrheit: daß wir Gott gegen Gott ausspielen können.

So geht der Teufel wieder vor nach seinem Zuschauer- und Rechnerprinzip: »Aus Gott folgt.« Und hier also folgt aus Gott oder soll aus Gott folgen entweder das, was die Bibel als Gesetzes- und Werk-Gerechtigkeit brandmarkt, oder das, was jener quietistische Standpunkt ausdrücken sollte, der die Hände in den Schoß zu legen befahl und aus eingebildeter »Ruhe in Gott« alles seinen Gang gehen lassen wollte.

Es sind immer die gleichen Schliche des großen Verführers: Er scheint Gott bei seinem Wort zu nehmen, und doch dreht er ihm dies Wort im Munde herum. Denn man kann Gott nur bei seinem Worte nehmen, wenn man sich unter und nicht über dieses Wort stellt. Nur so erfahren wir, wie beides zusammengehört: der Imperativ, der Befehl des heiligen Gottes: »Schaffet, schaffet ihr!« und der Indikativ, die Aussage: »Ich bin’s, der in euch wirkt, beides: das Wollen und das Vollbringen. Ich bin das A und O, und ich bin der Ozean, der von allen Seiten an das Gestade eurer Zeit schlägt.«

Wer wagte angesichts dieses lebendigen Gottes zu sagen: »Du wirkst alles, damit bin ich entlastet? Denn du bist’s ja allemal, der mich hat schuldig werden lassen.« – Oder wer wagte angesichts des lebendigen Gottes zu sagen: »Du sagst ja selbst: Schaffet!? So laß mich nur alleine machen. Ich werde ohne dich selig, ich komme ohne dich in Ordnung.« – Nein: keiner kann dies wagen, der vor ihm steht und unter das zweischneidige Schwert seines Wortes gedemütigt wird.

Nur hier – unter dem Wort und gedemütigt unter seine Autorität – erfahren wir, wie die Wahrheit Gottes immer auf zwei Füßen steht. Auf der Verheißung: Ihr seid dem Gesetz abgetötet durch meine Gnade (Gal.2,19) und zugleich auf dem Befehl: Darum seid nun von euch aus Knechte der Gerechtigkeit (Röm.6,4). Oder: Ihr seid teuer erkauft, darum führt euch in eurem Leben so auf, wie es dem Eigentum Gottes geziemt, das heißt: Preiset Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes (1.Kor.6,20)!

Und in diesem Gehorsam, in dieser Demut wird auch verständlich, daß beide Tatsachen zusammengehören, um die hier in der Wüste gerungen wird: daß Gott seine Engel zum Gottessohn befiehlt und daß dennoch von diesem Sohne Gottes gefordert sein kann, daß er diese Hilfe nicht provoziere, daß er still seinen Weg gehe und nur das tue, wozu er Befehl hat.

So muß Jesu Antwort dem Teufel unverständlich sein, denn er steht ja nicht unter dem Wort, sondern knetet es zu diabolischen Figuren, wie man eine Masse Ton formt. Er sucht sich die »passenden Worte« heraus und setzt sie zusammen wie ein Kind die Steine seines Baukastens. Welche Weltanschauung und Ketzerei im Abendland hätte sich nicht in dem gleichen Sinne auf die Bibel berufen und täte das noch -?

 

31. Das Wort als Autorität

Wie konnte aber Jesus annehmen, daß ausgerechnet sein Bibelwort von größerer Autorität sein und nicht in den Verdacht kommen sollte, daß es beliebig herausgegriffen sei im Sinne des Wortes: »Mit der Bibel kann man alles beweisen … und mit der Bibel kann ich nun auch – Gott sei Dank! – beweisen, daß ich jenen gefährlichen Sprung von der Tempelzinne, jenes Glaubenswagnis nicht zu exerzieren brauche, ja, daß ich’s nicht einmal darf? Welches Glück, daß mir dieses Wort noch rechtzeitig einfiel: Du sollst Gott nicht versuchen! Nun kann ich mich vor jenem Wagesprung drücken, und kein Mensch kann mir nachweisen, daß ich im Namen der göttlichen Majestät gekniffen hätte. Ich hab’ mich allzu gut durch das Bibelwort gedeckt. O ja: ich bin dem Teufel an Schläue gewachsen. Auch ich kann die Bibel geschickt und im rechten Augenblick auf das Kampffeld manövrieren.« – Ein feines Florettgefecht mit lauter Worten Gottes!

Aber wenn es so wäre – warum sollte dann die Waffe und der Stich Jesu besser sitzen und überlegener sein als die Wortwaffe und des Teufels?

Das Wort Gottes, das Jesus hier dem Teufel entgegenhält, hat allein darum höhere Autorität, weil es für ihn, für Jesus selbst, Autorität ist und er darunter steht.

Das Wort Gottes ist eben nur so lange Wort Gottes und so lange Autorität, wie wir selber demütig und gehorsam, als Jünger Jesu Christi, unter ihm stehen (Eph.3,1). »Gebrauchen« wir es, sagen wir aus klugen Zweckgründen »Herr, Herr!«, dann wird dieses Wort aus einem Worte Gottes zu einem Wort des Satans. Deswegen sagt Jesus zum Volke (Luk.6,46): »Was heißt ihr mich Herr, Herr! und tut nicht, was ich euch sage!?« Das heißt doch: Ihr gebraucht wohl fromme Worte; ihr verdreht die Augen gen Himmel und scheint mit dem lieben Gott auf du und du zu stehen; ihr redet die Sprache Kanaans; ihr sagt »Herr, Herr!« und »Gott spricht!« —; und doch ist dies alles Lüge und gemeine Satanslist. Denn ihr tut ja gerade das nicht, was jenes Wort will, und nehmt ihm so seine Autorität.

So kommt es, daß jene autoritätslos gebrauchte Verheißung, Gott werde seine helfenden Engel schicken, im Munde des Versuchers wahrhaftig zum Teufels-Wort wird. Und so ist es immer gewesen und geblieben. Die Zeitungen, Bücher und Kampfschriften der Feinde Gottes – natürlich stehen auch sie auf dem Boden der Tatsache »Gott«, natürlich haben auch sie »Religion im Leib!« -, diese Zeitungen und Bücher laufen ja über von Zitaten der Schrift, aus dem Zusammenhang gezupft, zur höllischen Fratze verzerrt. Es ist nicht Gott, sondern der Affe Gottes, der hier spricht — mit geliehenen und zum Krüppel geschlagenen Worten des Herrn selber.

So gebraucht dieser Affe Gottes immer dieselben Listen und wechselt nur die Gestalt, in der er uns begegnet. Einmal kommt er als Pfaffe mit geölter, verführerischer Stimme, einmal in heldische Pose sich setzend, einmal gereckt und imponierend wie das Standbild eines Reformators und eines religiösen Befreiers! Wie demütig weiß er »Herr, Herr!« zu sagen; wie erleuchtend klingen seine Worte: »Siehe, hier, siehe, da ist Christus!«; wie befreiend seine Bibelzitate; wie schmalzig klingt sein Harmonium oder wie donnernd seine kultische Riesenorgel.

Aber wir wissen nun, warum diese Worte zum Wort des Versuchers werden, warum sie keine Autorität haben. Wir wissen nun, warum Jesus allein hier die Vollmacht, die zerschmetternde Vollmacht hat zu sagen: »Wiederum steht geschrieben . . . nein, dies allein und sonst nichts steht geschrieben.«

 

32. Mächte und Knechte

Dies Wort hält Jesus wie ein gebietendes Panier in der Schlacht wider den Teufel hoch. Diesem Panier folgt er, und in seinem Zeichen gewinnt er den Kampf. Aber indem dieses Panier des Siegers nun einsam über dem Schlachtfeld steht, enthüllt sich zugleich der letzte strategische Rahmen, in dem dieses ganze Geschehen steht: Es geht hier nicht um ein Schicksal, das zwischen der dämonischen Macht, also zwischen jener obersten Realität nächst Gott, und dem Menschen, dem Menschen Jesus zum Beispiel, sich vollzieht. Sondern die Hauptakteure in diesem Kampf sind Gott und der Arge.

Und der Mensch ist eingeschaltet in diesen Kampf, wird der Bundesgenosse und Knecht entweder des einen oder des andern. Wir sind ein Instrument, auf dem entweder Gott spielt oder der Arge. Wir sind Soldaten, die entweder von Gott befehligt werden oder vom Argen. Wir stehen immer (auch der, welcher dies schreibt, zusammen mit dem, der es liest) in jemandes Diensten und Sold, entweder des einen oder des andern (Röm.6,16). Wir haben alle einen »Schatz«, an dem unser Herz hängt, der unser Herr ist. Und dieser Schatz ist entweder Gott oder der Arge (Matth.6,21). Von diesem Entweder-Oder befreien uns nicht unsere Werke, unsere Lebensleistung. Wir sahen: auch dies alles kann heimlich (tief im Herzen) wider Gott und zur eigenen Ehre vollbracht sein und so gerade im Dienst des Argen stehen. Von diesem Entweder-Oder befreit auch nicht die sonnig-tumbe und doch so naiv-schlaue Meinung, als seien wir frei: »Wir sollen jemandes Knechte und immer schon andern hörig sein als uns selbst?«, so fragt die Naivität erstaunt und rhetorisch und klug. Sie kann nur bitter oder humorvoll jene Unterstellung auslachen; und sie beginnt, sich stolz der zwei menschlichen Beine zu erinnern und des Hauptes, das bei dem Menschen oben sitzt und an die Sterne rühren kann und das Haupt eines Titanen ist.

Jawohl: Wir gehören immer einem Herrn und schwimmen immer auf einer Woge, die im Ozean Gottes oder im Ozean des Argen ist. Es ist sogar manchmal so, daß auch der »natürliche Mensch« einen Moment lang diese Tatsache ahnt, auch wenn er nicht weiß, von wannen sie kommt und wohin sie treibt. Gelegentlich sieht er, wie der einzelne Mensch seine Meinung vom Zeitgeist ins Ohr geflüstert bekommt oder von der Masse und wie er (der sonst im Leben ein besonnener Mann ist, auf dessen Urteil man Häuser bauen kann) in eine Masse gestellt, von deren Dynamik emporgerissen wird und heute »Hosianna« und morgen »Kreuzige!« mit ihr schreit und daheim im Kämmerlein dann fassungslos in den Spiegel starrt: Bin ich das, der da gerufen hat, ich, Hans Schulze? Ja, es war wohl so: über mir hat es gerufen, um mich herum, durch mich hindurch, die Nerven waren elektrisch geladen, die Atmosphäre hat geglüht, es rief und schrie durch mich hindurch, und meine Stimme war wohl auch darunter. Der Mensch dieser Welt redet hier von »Massensuggestion«, ohne daß er freilich weiß, was er damit sagt. Dies heißt aber doch – im Licht unserer Geschichte und ihres Entweder-Oder betrachtet – nichts anderes als dies: Hier ist über dem Menschen eine bannende Einflüsterung (Suggestion), die ihn als gebieterische Stimme lenkt. So kam es (»es« »kam« »so«), daß er tat, was diese bannende Stimme wollte. So schrie er: »Kreuzige!« Dabei war er der Meinung, er selbst sei es, der hier schrie und der den Entschluß gefaßt und den Willen habe zu schreien. Und doch schrie er auf Befehl. Und doch war er im Banne der unsichtbaren Geister in der Luft. Und doch war er jemandes Knecht — welches Herrn?

 

33. Technik als Werkzeug und Technik als »Macht«

Es gibt noch andere Erscheinungen, an denen auch dem »natürlichen Menschen« eine kleine Ahnung davon aufgehen kann, wie wir geritten werden, wo wir meinen, Reiter zu sein: Ist nicht die Technik auch so ein Reiter? Offenbar ist sie in unsere Hand gegeben, damit wir mit ihr die Erde beherrschen (1.Mo.1,26) . Gott gab sie als ein Mittel in unsere Hand. Aber ist nicht im Turmbau zu Babel zum ersten Male das Dynamit explodiert, das in jenem Mittel – oder im Menschen, der es gebraucht? – verborgen liegt, ein Dynamit, das losbricht, sobald es mit dem Funken des menschlichen Ehrgeizes und seiner titanenhaften Hybris zusammentrifft?

Denn die Technik ist doch ein Ding, das zu Größe und Macht erheben, ja, das dem Menschen zu einer Burgfeste wider Gott werden kann. Und sobald der verantwortliche Ingenieur »Mensch« dies alles an sich geschehen läßt oder vielmehr: sobald er dies »mit Hilfe« der Technik tut (nicht als ob die Technik an sich böse wäre!), gibt er sich dem Argen preis und legt sich mitsamt seiner technischen Mittel in seine Hand.

Ist nicht irgend so etwas in der Menschheit geschehen? Meint man es nicht mit Händen greifen zu können? Wer wagte heute noch zu sagen, daß die Technik, jenes Mittel der menschlichen Macht, wirklich noch ein Mittel wäre, das der Mensch in Händen hielte und über das er verfügte? Wer müßte nicht – wenn auch mit Schrecken – erkennen, daß es heute gerade umgekehrt ist, daß die Technik den Menschen hat, daß sie gleichsam losgebrochen ist und aus einer Macht in des Menschen Hand zu einer Macht über den Menschen geworden ist? Hat sie nicht im neunzehnten Jahrhundert schon die entscheidenden wirtschaftlichen und politischen Bewegungen hervorgerufen (wobei nur das Schlagwort »Kapitalismus« als ein Symptom dieser Ereignisse beschworen sein soll)?

Wäre das Entstehen des »vierten Standes« ohne die technisch bedingte Industrialisierung zu denken …?

Wäre der Marxismus ohne das Aufkommen des »vierten Standes« zu denken? Und wäre wiederum auch nur eine einzige der heute die Erde in Atem haltenden Mächte, die religiös fundiert sind, ohne den dämonischen Unruheherd des Bolschewismus zu denken, selbst wenn sie sich dazu aufgerufen wissen, ihn zu bekämpfen; selbst wenn sie mir eine Antwort auf ihn sein wollen, aber eben eine erzwungene Antwort und eine in ihrer Haltung nicht zuletzt durch diesen Gegner bestimmte Antwort?

Hier wird es deutlicher denn irgendwo:

In letzter Linie ist die Technik einer der entscheidenden Faktoren, die das Gesetz des Handelns unserem Jahrhundert diktieren. Und auch die gewaltigsten »Wundermänner«, wie Luther sie nennt, wirken, in diesem
Lichte gesehen nur wie Männer, die auf dieser Woge
schwimmen, die von dieser Seenot auf den Plan gerufen
sind (und wahrlich auch von vielen andern!) und einige
Barken zimmern.           

Unter diesem Aspekt gesehen ist es eine gefährliche Illusion, daß »Männer die Geschichte machen«. Ach nein! Wir schwimmen alle in dem gleichen Schiff, aus dem niemand aussteigen kann. Und in diesem Schiff sind einige Kapitän und Offizier. Sie lenken das Schiff über die Woge der erregten, in ihren Abgründen zitternden Zeit. Das ist alles, was sie auszeichnet, mehr nicht. Das andere ist Wahnbild und Traum der Angst. Denn das Meer diktiert das Gesetz des Handelns. Und das Meer tobt nach Gesetzen, über die wir nicht verfügen. Und eines dieser Gesetze ist die Technik, jene wild gewordene, dem Menschen aus der Hand geratene Technik, vor der er Deckung suchen muß und aus deren entfesselter Kraft er immer noch das Beste herauszuholen sich bemüht.

Wir wagen mit alledem keine Geschichtsdeutung. Nur dies scheint hier beispielhaft klar zu werden: daß der Mensch immer jemandem gehört, daß es ihn hat, daß erniemals der Herr des Meeres ist, sondern höchstens ein imponierender Schwimmer in seinen Wogen. Damit ist aber herzlich wenig gesagt. Es kommt vielmehr alles darauf an, das Geheimnis der Herrschaft zu erkunden, in deren Dienst wir stehen. Und darüber redet unser Text.

Er spricht davon, daß es zwei Herren gibt, deren Knechte wir sein können, entweder des einen oder des andern. Einen werden wir lieben, den andern werden wir hassen (Matth.6,24). Einem werden wir verfallen sein: entweder als Knechte dem Argen oder als Kinder dem Vater, der uns rettet (In wessen Dienst stehen wir — etwa durch Vermittlung jener Mächte, auf denen wir schwimmen und die uns hienieden schon haben? Unter welchem Vorzeichen geschieht das alles, wem »gehört« dies alles, wem von beiden —? Wer aber könnte diese Frage beantworten? Und wer dürfte sie anders beantworten als durch die Bitte: »Dein Reich komme« – »Erlöse uns von dem Argen«!?).

Um dieses Kräftespiel geht es. Es ist der Kampf Gottes um unsere Seele, es ist sein stürmisches Anklopfen an die verschlossene, von einem andern schon verschlossene Tür unseres Herzens (Luk.12,32-Off.3,20). Es ist das Aufgehen seines Lichtes über der Finsternis, deren heimlicher Herrscher wider dieses Licht kämpft und es nicht begreifen läßt (Joh.1,5).

Es ist gut, den Kampf Gottes um unsere Welt einmal so als den Kampf der Mächte zu verstehen und nicht immer den Menschen in falscher Eindeutigkeit als den Kämpfer und damit als vermeintlichen Mittelpunkt dieses Geschehens zu begreifen. Das alles müssen wir uns klarmachen, wenn wir die Hintergründe dieses Kampfes in der Wüste begreifen wollen. Wir sind zu aufgeklärt, zu besessen von dem Gedanken, daß wir das Maß aller Dinge und das Thema der Weltgeschichte seien und daß deshalb auch wir die Kämpfenden, die um Gott Kämpfenden wären, als daß wir diese Hintergründe von selbst begriffen.

Es geht hier eben um einen Ort — und damit ist jener Hintergrund angedeutet —, an dem nicht wir kämpfen, sondern an dem wir umkämpft sind, so sehr, daß Gott für uns bluten kann, daß er am Kreuze hängt. Und im Abendmahl feiern wir dieses Blut und diesen Tod als das Zeichen der Gemeinschaft mit ihm; als Zeichen dessen, daß wir ihm gehören und aller andern Hörigkeit entrissen sind; als Zeichen dessen, daß Gott für uns ist und daß so keine Macht im Himmel und auf der Erde und in der Hölle wider uns sein und uns von Gott scheiden darf (Röm.8,31). Das ist der letzte strategische Rahmen dieses Geschehens. Das ist der Kampf Gottes und des Versuchers um unsere Seele.

Aber wir wissen, wer in diesem Kampfe immer schon gesiegt hat. Wir wissen, wer in dieser Wüstenstunde siegen wird. Wir wissen es, auch wenn wir als Umkämpfte und Angefochtene durch diese Weltzeit schreiten, bis wir Gott in seiner Glorie schauen von Angesicht zu Angesicht. Wir wissen es, auch wenn wir in dem Kampfe, der uns verordnet ist (in unserem Herzen oder draußen in der Welt oder in der Kirchengeschichte), blutende Köpfe haben und nicht glauben wollen, daß wir im Heer des Siegers sind und daß der Sieg schon errungen ist in jenem Kampf, den wir noch kämpfen. Das ist die frohe Nachricht inmitten der Schrecken der Endzeit, und das ist die göttliche Labung, die den Hufschlägen der apokalyptischen Reiter standhält.

So blicken wir auf den Sieger in diesem Kampf und auf den entscheidenden Augenblick seines Sieges, auf das dritte und letzte Stadium. Aber wir wissen schon: Wer zuletzt gekrönt wird, der ist Sieger. Und dieser letzte wird Jesus Christus sein.

 

DIE DRITTE VERSUCHUNG: JESU REICH VON DIESER WELT

Da nahm ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: »Dies alles will ich dir geben – wenn du niederfällst und mich anbetest.« – Da antwortete ihm Jesus: »Hinweg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen!«

34. Die leuchtende Landschaft

Der Versucher rückt mit dem letzten Angriff hervor. Königskronen blinken, Staaten stehen bereit, von ihren Göttern und Götzen zu lassen und Christus als Haupt anzunehmen. »Die Erde für Jesus Christus« klingt es verheißungsvoll in Jesu Ohren. Er hört ein Rauschen wie von vielen, vielen Fahnen. Eine Chance von unerhörtem Ausmaß! Er soll die Erde nicht schmerzlich erringen und im steten Kampf um sie bleiben müssen, er soll nicht immer nur über »Jerusalem« zu weinen brauchen, er soll nicht immer nur gekreuzigt werden, es soll nicht immer so bleiben, daß die Finsternis ihn nicht begreift, es soll nicht immer nur der Schmerz Gottes seine Brust zerreißen, der Schmerz über diese Welt: Nein, hier kommt die Welt selber her, hier sieht er sie leuchtend vor sich liegen und seiner Hand dargeboten: Jerusalem, die Schmerzensstadt, das mächtige und schon müde werdende Römerreich, das junge Germanien und die vielen, vielen andern Dörfer und Städte und Länder. Sie alle tun ihre Tore weit auf, und dieses Auftun scheint wie von fernem Singen begleitet: »Siehe, dein König kommt zu dir!« Und er, niemand anders als er, der Christus, soll dieser König sein. Und die Tore der Welt sind weit auf getan für die Bewegung, die er auf Erden entfachen wird und die man das »Christentum« nennt. Man wird nicht mehr von diesem Christentum abfallen: Alles, was in Raum und Zeit diese Erde erfüllt, wird ihm gehören: »Siehe, dein König kommt zu dir!«

Aber ist dieser Gesang nicht eine Parodie? Die Parodie auf einen Gesang, der ihm aus der eigenen Zukunft entgegen dringt: »Siehe, dein König kommt zu dir«? Dort singen sie wahrhaftig von seinem Königtum und streuen Palmen und jubeln ihm zu und wissen sich nicht zu lassen vor taumelnder Huldigung. Ist das nicht die Erfüllung dessen, was der Teufel ihm hier verheißt: die jubelnde Erfüllung seines purpurnen Königtums und seine Inthronisation als Herr dieser Erde?

O nein! Es ist der Weg zum Kreuze. Es ist der Weg zum Bankrott des Königtums oder zu jenem ironischen Königtum, dessen Majestätsbrief als Fetzen am Kreuze hängt: »Dies ist der Juden König!«. Dann wird die grölende Menge dem Barabbas zujubeln und nicht ihm (Matth.27,16). Welches von beiden ist nun das wirkliche Königtum und welches die Parodie? Ist das Königtum am Kreuz die Parodie auf dieses reale öffentliche Königtum, das ihm hier in der Wüste angeboten wird, oder – ist es umgekehrt -?

 

35. Der Globus in der teuflischen Hand

Aber da fällt es wie Schuppen von seinen Augen, und erschaudernd muß er sehen, wie diese Erde, die ihm angeboten wird, ein Globus ist in der Hand des Teufels, und wie der Teufel diesen Globus verführerisch dreht und vor ihm glitzern läßt. Nur in der Gestalt dieses Globus wird ihm die Erde angeboten. Und das Gesicht des Verführers lächelt hinter der kleinen Kugel, hinter dem            Apfel, der so lieblich anzusehen und so lustig ist, weil er so mächtig macht(1.Mo3,6). Der Verführer weiß:

»Wissen« und »Macht«, das sind seine besten Reißer! Das, was man so bildlich sich klarmachen kann, steckt deutlich in dem lapidaren Sätzlein, mit dem der Verführer sein Angebot schließt und das so leicht überlesen wird wie der Briefschluß »Hochachtungsvoll!« oder »Mit besten Grüßen!«. Denn es ist so, wie wenn der Verführer sich schon wieder abgewandt hätte von Jesus, um selbst ganz gebannt in die leuchtende Landschaft zu blicken, und wie wenn er sich nun doch noch ein letztes Mal mit einer kleinen Wendung seines Kopfes zu Jesus hinwendete und ganz beiläufig flüsterte: Natürlich nur, wenn du niederfällst und mich anbetest!

Dann wendet er sich vermutlich wieder ab, stellt sich gleichgültig und hofft, daß Jesus dies kleine Zusätzlein nicht gehört und seinen Pferdefuß übersehen habe. Der Teufel weiß nämlich, daß man den Menschen Gelegenheit geben muß, etwas zu überhören, daß man ihnen goldene und moralisch erleichternde Brücken zur Sünde bauen muß. Er weiß, daß es töricht wäre zu sagen: »Hör’ mal her, du Gottessohn: ich möchte, daß du mir untertan wärest. Unterschreibe zunächst mit deinem Blut. Dafür will ich dich so oder so entschädigen.« Nein! So nicht! Man muß das Gewissen von Gottes- und Menschensöhnen sehr vorsichtig, taktisch klug behandeln. Man muß dem Gewissen Gelegenheit geben, etwas nicht gehört zu haben oder nicht zu bemerken. Das, was man eigentlich will – so denkt der Teufel -, das muß man flüstern und dabei in eine andere Richtung blicken. Jesus hat das sofort durchschaut und gemerkt, daß der Nebensatz »So du niederfällst und mich anbetest« recht eigentlich der Hauptsatz war, daß es die Karte war, auf die der Verführer alles gesetzt hatte.

Aber der Verführer, der nachher allein auf den Trümmern seiner Hoffnungen sitzt, denkt: »Was mir bei dem Herrn nicht gelungen ist, das kann ja bei den Knechten noch glücken. Ich werde das Experiment an der Kirche dieses Christus jedenfalls immer neu machen. Das »Christentum« wird mein Todfeind bleiben. Aber ich werde doch nicht so dumm sein und das dem Christentum sagen! Nein, dann wird dieses Christentum höchstens hellhörig, dann wird sein Gewissen lebendig, dann fühlt es sich zum status confessionis1  aufgerufen. Diesen Status hasse ich mehr als alle Weihwasserkessel und Weihrauchgerüche. Sind die Menschen ihm erst verfallen, dann kann man gar nichts mehr mit ihnen machen. Dann lassen sie sich verbrennen, in Stücke reißen, von den Löwen fressen, kreuzigen, schlachten, hängen, ehe sie vor mir niederfallen und mich anbeten. Nein, den status confessionis muß ich vermeiden, koste es, was es wolle!

Wie ich das mache -? Da gibt es höllisch einfache Rezepte: Man muß nichts anderes tun, als den Gottes- und Menschensöhnen, den Kirchen und Christentümern Gelegenheit geben, zu übersehen und zu überhören, daß sie im status confessionis sind, man muß alles, was damit zu tun hat, in die Neben- und Nachsätze und zwischen die Zeilen drängen und sie dann nachher damit überraschen, daß sie sich — mir verschrieben haben.

 

36. Die Vision Jesu auf dem sehr hohen Berg

Ob der Teufel wohl noch oft jammern muß, daß seine Taktik jämmerlich Schiffbruch leidet – wenn auch nie wieder so furchtbar wie hier in der Wüste? Ob er noch öfter merken muß, daß er es nicht nur mit den Christen, sondern mit dem lebendigen Gott zu tun hat? Wird er mit seinen Neben- und Nachsätzen und seinen Tarnungsmanövern siegen?

 » … so du niederfällst und mich anbetest.«  Das war der kleine, scheinbar achtlos hingeworfene Nebensatz. Und doch steht dieser Nachsatz hinter allem als heimliche Bedingung:

»Du kannst Brot haben, du Sohn Gottes – so du niederfällst und mich anbetest.«

»Du kannst dich durch ein Wunder der Welt kundtun und von den Zinnen des Tempels herabspringen – so du niederfällst und mich anbetest.«

»Du kannst alle Reiche der Welt haben mit ihrer Herrlichkeit — so du niederfällst und mich anbetest.«

Was mag hierbei durch Jesu Seele gegangen sein —?
Nicht als ob wir dies Geheimnis ermessen dürften. Aber wir dürfen die Möglichkeiten ermessen, die sich seinen Augen boten, und einen Moment vor den Perspektiven erschauern, die seinen Augen erschlossen waren.

Da stand er auf einem »sehr hohen Berg« und sah seine Jünger aus allen Zeiten, die da wußten: »Dieser Jesus (das heißt: ich, der ich hier oben stehe), dieser Jesus hat das entscheidende und lösende Wort für die Welt zu sagen.« Und nun sah er, wie sie die verstockten Menschen gewaltsam zum Hören dieses Wortes bringen und wie sie seiner Lehre mit Gewalt zum Sieg verhelfen wollten. Die Fürsten und unbekannten Soldaten der Kirche würden seinen Namen zur Fahne der Gewalt, zu einer heiligen Fahne machen, und sie würden diese Fahne vorantragen und unter ihr sterben – auf tausend kleinen und großen Kreuzzügen und Kreuzrückzügen. War das alles nicht ähnlich dem, was er hier billiger haben konnte und was er, doch ablehnen mußte? Würden die Menschen diesen Verzicht begreifen? Oder würden vielleicht auch die, welche das Licht begriffen hatten, ihn doch wieder verwerfen, wenn sie solchen unerhörten Verzicht sahen?

Er sah Kulturen und Jahrhunderte, die seinen Namen trugen. Er sah »christliche Staaten«. Er, der nicht wußte und nie wissen würde, wohin er sein Haupt legen sollte, der hier in einsamer Wüste hungernd und dürstend darbte, er sah Prunk und Repräsentation, die man in seinem Namen entfaltete.

Dies alles sah er. Und dahinter stand das Kreuz als die andere Möglichkeit. Waren die Länder nicht eine berauschende Möglichkeit? Konnte er sie nicht seinem heiligen Ziel nutzbar machen? Warum sollte das Ja zu diesem Angebot denn heißen müssen, seiner Aufgabe untreu werden? Gewiß: Sein Reich war nicht von dieser Welt; aber wäre es nicht gut, auch diese Erde schon jenem kommenden Äon unterwerfen?

Dies alles mochte Jesus in diesem Augenblick bedenkt Es war der Augenblick, in dem er – kaum am Anfang schon im Zenit seines Lebens zu stehen schien. War er nicht auf einem sehr hohen Berg — wo würde er im nächsten Augenblick sein, wo — dort unten?

Von welchem der vielen Könige und Statthalter dort unten, die ihm auf einen Wink hin jetzt die Füße küssen würden, wird er verfolgt und gequält und – gekreuzigt werden?

Alle diese Reiche mit ihrer Herrlichkeit und dem Prunk ihrer Fürsten sah Jesus. Und dann sah er auch das andere, das Dunkle seiner eigenen Zukunft, und Fragen stiegen vor ihm auf:

Warum sollte Gott immer so wehrlos sein auf dieser Welt? War er nicht der Herr? Warum durfte man Ihm lästern und seinem Sohn ins Gesicht speien?

Sollte die Bewegung, die er auf Erden entfachen würde, sollte das »Christentum« nicht eine Weltanschauung sein können, der ganze Völker, Kultur und Jahrhunderte zusammenhielt?

Sollte er etwa nur ein Ferment der Zersetzung auf dieser Erde sein, ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses, woran sich die Geister immer nur scheiden und auseinandergehen? So wie ein Brückenpfeiler den Strom scheidet, der hoch an ihm emporbrandet?

Und wenn Jesus dies auch nicht selber gedacht hat, seine Jünger aus allen Zeiten und Völkern haben gehadert mit diesem Gedanken und haben mit dem schimmernden Anblick gerungen, der sich vom Gipfel der Berge aus bot, auf denen sie standen und auf die sie immer neu geführt wurden. Gewiß: dieser Jesus war gekommen, daß er ein Feuer anzünde auf Erden. Aber war dieses Feuer nicht zu schwach, um die Erde in Asche zu legen und die neue Welt herabzuzwingen? Und war es nicht zu stark, um erstickt werden zu können? Und, war es nicht also ein Unruheherd, eine flackernde, irritierende, die Menschen in Atem haltende, sie schmerzende Flamme?

So dachten und denken die Christen, wenn sie nach ihrem Meister auf jenen »hohen Berg« geführt werden und mit Gott hadern.

 

37. Die Verzagtheit der Christen

Jesus sah dies alles. Er sah, daß es so kommen würde. Er sah, wie die Menschen verzweifelten über seine Wehrlosigkeit, seine Verborgenheit und seine unkönigliche Knechtsgestalt: »Wie lang hältst du unsere Seele auf? Bist du Christus, so sage es uns frei heraus«, sag’ es uns offen, machtvoll, imponierend, unbezweifelbar, so riefen die Menschen. »Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten« – so haderten sie und warteten auf eine neue Fahne, auf ein offen und glanzvoll erhobenes Panier, für das sie gerne gestorben wären.

Er sah – welch ein Gegenstück zu den leuchtenden Reichen da unten! -, er sah die Kreise der zwei oder drei, die verzagt und angefochten waren ob ihrer Machtlosigkeit. Würden sie noch glauben können, daß durch Gott, zu Gott und von Gott alle Dinge seien, wenn man so wenig von ihm und seinem Sohne merkte? Er sah die Jünger, wie er beim Abschied ihren Blicken entschwand und sie alleine zurückließ. Er hörte seinen eigenen Ruf: Eli, Eli, lama asabtha das heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mark.15,34).

Warum mußte er die Welt in Unruhe setzen und doch so ohnmächtig sein, ja gerade durch seine Ohnmacht (durch das Mysterium der Ohnmacht Gottes) solche Unruhe stiften?

Vielleicht oder bestimmt war es ja richtig, daß die Menschen dieser Welt Rebellen und Empörer sind, daß unfromm in ihrem Herzen sind, ihre eigenen Götter anbeten und nicht nach Gott fragen. Aber wäre es nicht barmherziger und besser, wenn Gott dies Geheimnis für sich behielte, statt es durch seinen Sohn, durch Apostel und Propheten in diese Welt hineinzurufen und dann so still auf die Menschen zu warten? Und wenn er’s schon ruft, nun, warum dann nur vom Kreuz her und nicht mit donnernder Himmelsstimme, von Schwert und Macht und Königreichen begleitet, so daß die Menschen hören müssen, um der Barmherzigkeit willen dies Geheimnis hören müssen?!

Ach, es war schwer, nur ein Gekreuzigter zu sein. Es war schwer, nur ein Stein zu sein, der in den Tümpel der Welt gefallen ist und der nun immerfort seine Kreise zieht, während er selbst nicht mehr gesehen wird.

Dies alles flüstert der Teufel dem Gottessohn zu, mit Worten, Gebärden und mit der Demonstration seiner Herrlichkeit. Dann wendet er sich wieder ab. Denn man muß das, was man gesagt und demonstriert hat, auch nachwirken lassen. Man muß die Menschen dem Hader ihrer Seele überlassen. Der Versucher weiß, daß er in dieser Seele seinen besten Stützpunkt hat.

 

38. Der Zusammenprall des Verführers mit Gott

Aber da geschieht die Antwort von Jesus her. Eine Antwort, die den Teufel herumfahren läßt. Und diese Antwort geschieht, wie alle andern Antworten geschehen waren: nämlich so, daß Jesus Christus zurücktritt vom Mittelpunkt des Kampfes, daß er hinter Gott tritt. Denn er weiß, es ist Gott, um den und mit dem hier gekämpft wird. So stellt Jesus Christus den Rahmen dieses Geschehens heraus, indem er hinter Gott zurücktritt. Er gibt diesem Kampfe die Perspektive, aus der er allein gesehen werden kann, von der aus allein die Mächte sichtbar werden, die hier im Streit sind. Aber Jesus tritt genau so hinter Gott zurück, wie er es schon früher tat, nämlich so, daß er dabei unter sein Wort tritt: »Es steht geschrieben«.

Und in diesem Worte heißt es: »Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen«. Der Herr wird hier auf den Plan gerufen. Weiß der Teufel, was das bedeutet? Ahnt er jetzt, mit wem er sich eingelassen hat? Ahnt er, was es heißt, daß er gegen Christus antritt, in dem doch Gott selbst ihm die Stirne bietet und mit dem Schwerte herniederfährt? – Und ahnt er, was es heißt, die Kirche jenes Christus zu verfolgen, die sein Leib ist (1.Kor.10,16); und das Volk Gottes anzurühren, das er behütet wie seinen Augapfel (5.Mo.32,10), und die Jünger jenes Christus zu bedrängen, die doch mit ihm gestorben, sich selbst und der Sünde abgestorben sind und nun in ihm leben ( und Christus in ihnen (Gal.2,20)?

Ahnt er, mit wem er ein Spiel begonnen hat und daß es nicht Fleisch und Blut ist, das sich als mächtiger Arm ihm entgegenreckt und ihn hinwegschlägt vom Berg hinab in seine düsteren Täler und Abgründe: »Hebe dich hinweg von mir, Satan!« -? Ahnt er; daß er erkannt ist, wenn er mitten in die Kirche einbricht, daß er selbst dann erkannt ist, wenn der Husarenstreich ihm gelingt, Apostel und Bischöfe und Generalsuperintendenten in feierlichem Zuge vor sich hergehen zu lassen -? Wie es auch dann ihm entgegendröhnt: »Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir ärgerlich. Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!« -?

Ja: Der Versucher mag ahnen, daß er nicht in Fleisch gestochen hat, sondern daß er auf den lebendigen Gott, auf den Herren selber getroffen ist. Er hat das Statut gehört, daß der Gottessohn Mensch geworden ist, ja daß er versucht ist gleich wie wir und daß alles, was gegen die Seinen geschieht, gegen ihn selber geschieht. »Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an« (Sach.2,12; 1.Joh.5,18). Das ist gerade der Rahmen dieses Geschehens, der hier deutlich wird, der Rahmen: Gott und Satan; und der Mensch als Schwert des einen oder des andern; als Augapfel des einen oder des andern; aber nicht selber als Thema; Gott ist das Thema.

 

39. Das Geheimnis der Wehrlosigkeit Jesu

Was heißt das alles? Doch wohl dies:

Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, ist an unserer Stelle und mit uns zusammen als unser Bruder und Gefährte vom Argen bedrängt. Das ist, in den dürren Worten des Dogmas gesprochen, zunächst das Geheimnis dessen, warum Gott so wehrlos scheint auf dieser Welt, warum er am Kreuz so wehr- und klagelos sich seinen Feinden preisgibt und anspeien und töten läßt. Das ist das Geheimnis dessen, daß Jesus hier die Mächte und Königreiche verschmähen muß, warum er arm bleibt und ohne Waffen und den Menschen – dargeboten. Seine Wehrlosigkeit gehört zum innersten Wesen seines Berufs:

Sein Beruf besteht darin, daß er die Liebe Gottes verkündet, nein, daß er diese Liebe bringt, daß sie leibhaftig in ihm selber da ist: »Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab…« (Joh.3,16). Und diese Liebe ist darum so unbegreiflich in ihrem Wunder, weil sie besagt:

Siehe, da ist Gott an deiner Seite als dein Bruder, ein Mensch geworden gleich wie du. Und der da zu deiner Rechten geht, Mensch, das ist der Gott, den du verleugnest in allen deinen Werken, Worten und Gedanken, ohne den du leben und vor dem du Ruhe haben und sicher sein willst, vor allem, weil du ihn fürchtest. Du gleichst jenen, die rufen: »Haltet den Dieb!«, denn du sagst: »Gott ist tot!«, und siehe: Du selbst bist tot, bist schon längst an Gott und von ihm weg gestorben und vegetierst dahin, wie deine Götter vegetieren (trotz aller Aktivität deines Lebens!). – Du berufst dich auf deine Größe und Tatkraft, Mensch? Ach, sind nicht auch deine Götter und Ideologien groß und imposant, voll Goldes und vieler Kunst und hoher Gedanken, und sind dennoch tot, und sind Nichtse, wenn du auf den schaust, der alles ist, und sind versunken, wenn dir der kund wird, der das Nichts rief, daß es »sei« ? – So bist du selber tot, Mensch, vor dem lebendigen Gott, mitsamt deinen Göttern.

Und weißt du, worin dieser dein Tod besteht? Er besteht darin, daß du keine Gemeinschaft mit Gott hast. Und darum mußt du immer wieder zuerst an Gott sterben, so wie Menschen und Kreaturen sterben müssen, die in den Umkreis seiner Majestät kommen und den heiligen Berg berühren: das ist deine Krankheit zum Tode. Und tot sein, das heißt hier: daß Gott dir unendlich ferne rückt, ja, daß er über den Horizont deines Lebens hinaus flieht und du keine Gemeinschaft mehr mit ihm hast und nun umherirrst. Deinen Religionen, Mensch, nachgehen und die Tröstungen deiner Weltweisheit studieren, heißt nichts anderes, als den Spuren dieser Irrsal nachgehen.

Und siehe: Nun ist dieser ferne Gott dir in unbegreiflicher Liebe nahegekommen. Wo du ihn nicht greifen konntest, hat er dich ergriffen. Wo du ihn nicht suchen konntest, hat er dich gefunden. Wo du ihn verfolgtest, hat er dich geliebt.

Du fragst, wie das geschah? Es geschah so, daß Gott zu dir niederfuhr, daß er dich aufsuchte. Es geschah so, daß er dein Bruder wurde. Es geschah so, daß er sich selbst in den Abgrund stellte, der zwischen dir und ihm gähnt und den du im Trotze aufgerissen hattest. Es geschah so, daß er mit dir in eine Reihe rückte, daß er an Gebärden als ein Mensch erfunden ward, daß er versucht ist gleich wie du und ich und mit dir und an deiner Seite den Argen erträgt. Es geschah so, daß er deine Einsamkeit auf seine Schultern nimmt, deinen Tod stirbt, deine Angst kostet, dein Gefängnis ertragen und selber gefangengenommen hat, – auf daß sich kein Fleisch rühme (Eph.4,8).

Begreifst du nun, was Gottes Wehrlosigkeit auf dieser Welt bedeutet? Begreifst du, daß sie das Zeichen seiner Liebe, seiner Bruderschaft mit dir, das Zeichen seiner – Menschwerdung ist? Ahnst du, daß es ein Opfer Gottes ist, das Opfer, das hier kund wird? Er gibt sich dir hin, und was du aus ihm gemacht hast, das zeigt das Kreuz. Aber ist das Kreuz nicht darum — trotz allem! – sein größtes Liebeszeichen? Steht es nicht eben am Ende seines Liebesweges zu und mit dir -? Und ist nicht auch das noch Liebe – wehrlose Liebe -, daß er im Kreuze enthüllt, wie du im tiefsten Herzen zu ihm stehst: nämlich ablehnend, unbegreifend, ohne Gegenliebe, und wie er in einer letzten Demonstration seiner wandellosen Liebe und deines wandellosen Hasses – an dir stirbt?

Gott muß am Menschen sterben, damit dieser Mensch sein Herz erfährt und damit er geprüft und enthüllt sieht, was er selber nicht von sich weiß oder nur dunkel ahnt8. Gott muß für den Menschen sterben, damit dieser Mensch zugleich und über all dies hinausdas Herz Gottes erfährt und erkennen darf, daß es ihm ganz geöffnet und voller Evangelium ist. Das ist das Geheimnis von Gottes Wehrlosigkeit.

40. Gnade und Gericht in Jesu Wehrlosigkeit

Und wenn dies Geheimnis umschrieben werden solldann ist es nur möglich mit einem neuen Geheimnismit dem geheimen Wort »Gnade«. Es ist Gnade, daßGott, der ferne Gott, zum Menschen kommt, sich ihmhingibt und damit das Preisgegebensein an ihn erträgt.Es ist Gnade, wenn er aus dieser Verhüllung und Maske – und wahrlich: mehr als Maske! —, aus dieser Maskedes Bruders, des Knechtes, des Gekreuzigten, des Versuchten, des – Wehrlosen je und je hervorstößt und mitten im Bettlergewand und unter »der Decke des Kreuzes« als der Herr aller Herren und König allerKönige sichtbar wird (Matth.16,16).

Gott ist im menschgewordenen Wort, ist in Christus offenbar, leibhaftig da. Das ist Gnade. Aber daß er uns in dieser Verhüllung – dir und mir – offenbar und niemit Bettlern und Religionsstiftern verwechselt wird, wie unsere blöden, gehaltenen Augen es möchten, das ist wiederum Gnade. Es ist alles Gnade: daß Christus da ist und daß er für uns da ist; daß das Licht in die Finsternis kam und daß er zu uns und zu mir kam (wie hätten wir es sonst erkennen können?). So hat es Luther gewußt und wieder und wieder bezeugt: Gottes Gnade ist Wehrlosigkeit und nicht Macht; sie ist Kreuz und nicht Glorie; sie ist leiser Wind und nicht Erdbeben oder Feuer, sie ist zu »glauben« und nicht zu »schauen«, sie ist Geschenk des Geistes und nicht offene Demonstration.

Dies alles ist Gottes Gnade mit ihrem Geheimnis. Und ihr tiefstes Geheimnis ist dies, daß sie immer zugleich Gericht ist, ja, daß sie stets auch diese andere, düstere Seite besitzt: Denn ist es nun nicht so, schrecklicherweise so, daß man sich vor dieser Gnade verstecken kann, daß man sie – gerade weil sie so wehrlos ist – verlästern und sich wider sie entscheiden darf, während dies alles vor der weltlichen Macht, vor den »Reichen und ihrer Herrlichkeit« nicht möglich ist? Darf man nicht ungestraft reden von dem »imaginären Herrn«? Darf man nicht ungestraft diese wehrlose Gnade und den wehrlosen Herrn zu allem und jedem mißbrauchen, zu falschem Schwören, zu kluger Religionspolitik, zu goldenen Schmuckstücken, zu frommem Nervenkitzel oder auch zum Sündenbock, dem man die angebliche Fehlentwicklung des Volkes oder gar der abendländischen Geschichte aufhalsen darf? Und kein Blitz fährt hernieder.  Nein,  das  Lamm geht zur  Schlachtbank (Jes.53,7) – immer neu, immer neu -, und seinen Missetätern geschieht nichts, was man ja sehen könnte.

Die Gnade Gottes ist eine Anfrage an die Welt, und nun hat die Welt (und das sind doch wohl wir, die wir hier schreiben und lesen) die Antwort. Und dann kommt der Tag Gottes – da ist es mit dem Fragen vorbei, da ist Gott allein und nur noch — der Antwortende. Und seine Antwort ist Wehr und Waffe, Feuer und Macht, Erdbeben und Sturm. Der Wehrlose wird aller Welt als der Allmächtige kund, als der, der dieser Allmächtige immer schon war.

Der ohne Königreiche und ohne die Herrlichkeit dieser Welt unter uns weilte, trug doch diese Erde in seiner Hand. Der ärmer war und heimatloser als die Füchse, war doch aller Kreaturen Herr. »Ich (der Allmächtige!) bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich (der Allmächtige!) bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich (der Allmächtige!) bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich (der Allmächtige!) bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich (der Allmächtige!) bin krank und gefangen – bin wehrlos — gewesen, und ihr habt mich nicht besucht« (Matth.25,42).

Dann werden sie fragen: Wo warst du denn? Wir sahen dich ja nicht! Wir sahen nur Kreuz und Niedrigkeit, wo wir Glorie erwartet hätten! Wo war deine Legitimation? Wer sagte es uns denn, daß du es warst? Es gibt so viele Lügenpropheten und Pseudokönige! Dann wird der Herr auf die lange Reihe seiner Knechte deuten, auf die Verfolgten, die Nackten, die Bloßen, die Hungernden und Dürstenden, die Gekreuzigten und Verbrannten, die doch seinem Leib angehörten, in denen man seinen Augapfel antastete und ihn selber quälte und kreuzigte und verachtete.

Und nun kommt die Antwort: »Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir nicht getan«.

So ist alle Wehrlosigkeit des Gottessohnes und seiner Gnade eine Weissagung auf seinen Tag, auf die offene Gottesherrschaft, die hier erst angebrochen und heimlich da ist und als verachteter Lazarus an der Hintertür der Welt wartet, weil der reiche Herr im Hause nicht will, daß sie seine Portale durchschreite. Sie wartet und erbebt in heimlicher Macht, denn alles ist ihrer. Es rieselt schon im Gebälk des Hauses, und ein Zittern wie von abgründigen Mächten schüttelt wieder und wieder die Säulen und Fassaden.

Aber der reiche Mann meint: das Stampfen seines gewaltigen Fußes täte dies alles. Und er legt kostbare Teppiche über den Stein, damit das Grollen der Tiefe ihn nicht mehr störe.

EPILOG
Als Jesus dies alles gesagt und wider den Teufel ausgerichtet hatte, »da verließ ihn der Teufel und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm«.

Welcher Schluß dieser Stunde! Und was beschließt diese Stunde in sich an Abgründen und Himmelreichen! Christus war »versucht gleich wie wir« – das ist das eine Wunder dieser Stunde. Denn weil er so versucht ist, hat er »Mitleiden mit unserer Schwachheit«, haben wir einen Bruder in der tiefsten Gefahr unseres Lebens. Es gibt nun keinen einsamen Punkt dieses Lebens mehr.

Doch liegt noch ein anderes Wunder in alledem: »Er ist versucht gleich wie wir – –  doch ohne Sünde.«

Können wir ermessen, was das heißt? Wir denken an unsern Ausgangspunkt, wir denken daran, daß Jesus in die Wüste, in die Einsamkeit mußte, um versucht zu werden, und nicht – wie es doch nahe lag! – in die Welt der sündlichen, verführerischen Gelegenheiten. Das war uns ein Hinweis auf den Sinn der Versuchung. Denn wir sahen: Das Geheimnis der Versuchung ist die Versuchlichkeit des Menschen. Dies Geheimnis liegt in ihm, nicht außerhalb  seiner, zum Beispiel nicht in den sündlichen Gelegenheiten. In ihm gähnt der Abgrund, auch wenn er ihn tausendmal überspringt. Er ist vom Diebstahl versucht, weil er ein Dieb ist, auch wenn er faktisch nicht stiehlt. Er ist zum Töten versucht, weil er ein Mörder ist, auch wenn er faktisch den Bruder nicht erschlägt.

Die Möglichkeit also, daß wir überhaupt in die Versuchung zur Lüge, zum Diebstahl, zum Ehebruch kommen können, zeigt uns schon, daß wir lügnerische Geschöpfe sind. Wir kommen aus dieser Grundverfassung unseres Lebens nicht heraus, auch wenn wir uns totsiegen gegen die Lüge und wenn wir die Wahrheit mit allen Kräften des Leibes und der Seele erkämpfen. Die Versuchung zur Lüge bleibt; der Abgrund in uns gähnt; die Sünde lauert in unerbittlicher Gier.

Das ist die erschütternde Lehre von der Versuchung. »Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes«(Röm.7,24)?

Hier wird das letzte, das tiefste Wunder von Jesu Versuchung offenbar, das unbegreifliche Wunder, das anzubeten ist: daß er versucht ward ohne Sünde. Es ist das Wunder, das ihn über uns erhebt und sein Wesen nicht darin erschöpft sein läßt, daß er bloß unser mitleidender Bruder ist: Weil er versucht ist gleich wie wir, ist er in unsere tiefste Niedrigkeit eingegangen. Aber weil diese Versuchung nicht ein Zeichen dafür war, daß ein Abgrund in ihm gähnte und daß der Satan schon irgendwie in ihm steckte, sondern weil diese Versuchung über ihn, den Reinen, Sündenlosen, kam und er durch sie hindurchschritt, unberührt, wie später durch die Volksmenge, die ihn greifen wollte, darum ist er der Herr der Versuchung, der königliche Sieger. Sündlos und dennoch versucht – das ist ein Rätsel, dessen unser Verstand niemals mächtig wird.

So sehen wir ihn mitten in seiner Niedrigkeit hoch erhöht über alles Menschliche. Wir sehen ihn erhöht als den Herrn, der die Sünde unter die Füße getreten hat, als den Hohenpriester, der mehr ist als alle Priester des Menschen -geschlechtes in ihrer Verfallenheit an Sünde und Tod.

So haben wir einen doppelten Trost: Weil Christus unser Bruder ist, sind wir nicht einsam in unserer Versuchung. Er leidet sie mit uns in alle Tiefen hinein, die Satan ersonnen hat.

Und weil er der Herr ist, der jenseits aller Sünde in der Reinheit des Himmels steht, darum dürfen wir ihn bitten, daß er uns vor der Versuchung bewahre. Wir sind seiner Liebe in alle Ewigkeit gewiß. Christus schreitet nicht nur zu unserer Rechten wider Tod und Teufel, sondern er hält uns auch aus seiner ewigen Höhe, weil er der Herr ist.

Das Geborgensein unter seiner Macht gibt uns jenen Frieden, den die Welt nicht zu geben und zu nehmen vermag. Wie klein ist doch der Friede, den die Welt gibt! Vielleicht daß es die Ruhe derer ist, die glauben, den Sinn des Weltgeschehens entschleiert zu haben, und die sich friedvoll darein schicken, weil sie einen Ruhepunkt in der Erscheinungen Flucht fanden — oder daß es die uninteressierte Gleichgültigkeit derer ist, die kommen lassen, was da kommt. Der Friede Jesu aber, den die Welt nicht geben und nicht nehmen kann, ist der Friede jener doppelten Gewißheit, daß Christus der Herr des Geschehens ist, das um uns brandet, der Herr auch jener Tiefe im menschlichen Geschehen, die wir als Versuchung, als Hangen zwischen Gott und Satan fanden. Und er ist der Friede jener anderen Gewißheit, daß Christus auch in jenem Geschehen, in jener Tiefe bei uns ist.

Herr und Bruder, König und Gefährte, herrschend und mitleidend: das ist das hohe Wunder von Jesu Heilandsmacht. Wir schreiten unter diesem Wunder wie unter dem Himmel, der uns überwölbt, wo immer wir stehen mögen. Wir leben im Namen dieses Wunders. Jesus unser Herr und Bruder! Das schenkt uns den Frieden, der höher ist als alle Vernunft.

Die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Februar 2014

 

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ANHANG

Helmut Thielicke wurde 1908 in Barmen geboren. Nach einem Studium in Greifswald, Marburg, Erlangen und Bonn erfolgte die Promotion in Theologie und Philosophie. Thielicke ist Ehrendoktor der Universitäten Heidelberg und Glasgow. 1936 wurde er mit dem kommissarischen Ordinariat für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Heidelberg betraut. 1940 ist Thielicke durch das Nationalsozialistische Regime abgesetzt worden und mit Reichs-Reise- und Redeverbot belegt worden. Bis Kriegsende war Thielicke dann Pfarrer in Ravensburg und Leiter des Theologischen Amtes der Württ. Landeskirche. 1945 wurde er ordentlicher Professor in Tübingen, 1951 Rektor der Universität und Präsident der Rektorenkonferenz. 1954 erfolgte die Berufung an die Universität Hamburg und als Prediger an St. Michaelis.