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Aktuell: Römer 13

Richard Wurmbrand

Lehrt das Christentum Unterwürfigkeit gegenüber tyrannischen Obrigkeiten?

– Auszug aus dem Buch: Antwort auf Moskaus Bibel. Seiten 125 bis 135. Leicht gekürzt von Horst Koch, Herborn, im Coronajahr 2020. Auch die Hervorhebungen sind von mir. In dem Beitrag geht es mir hauptsächlich um die Frage, inwieweit eine Regierung in dieser Coronazeit Gottesdienste usw einschränken darf, lediglich aufgrund von rein einseitigen medizinischen Bewertungen. Kritische Fachmeinungen wurden nicht angehört. Dies ist letztlich unzulässig, unseriös, ja katastrophal. Im Dezember 2020. – (Das Buch ist ursprünglich als Antwort zur kommunistischen Unterdrückung gedacht. Es ist schon 1975 erschienen, aber seltsamer Weise wieder sehr aktuell.)

Ab Seite 125:
Lehrt das Christentum Unterwürfigkeit gegenüber tyrranischen Obrigkeiten?

Die Worte Jesu »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist« (Matth. 22, 21) sind für die Autoren des »Handbuches des Atheisten« Beweis genug für die Behauptung, Jesus habe die Unterwürfigkeit gegenüber dem, was wir heute Kolonialherrscher nennen würden, gelehrt.

Zunächst einmal sagte Jesus diese Worte nicht zu seinen Jüngern, sondern zu seinen schlimmsten Gegnern, den Pharisäern, deren ganzes Leben eine Verhöhnung der Religion war. Er sagte zu ihnen: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!« Er war sicher, seine Gegner würden in diesem Bestreben bald heraus finden, daß für Gott nicht mehr viel übrig bliebe, wenn sie verrückten Herrschern gefällig wären (viele römische Kaiser waren verrückt).



Die Jünger Jesu müssen die Bedeutung dieser Worte, die schon so oft mißbraucht worden sind, richtig verstanden haben.


Wenn jemand unehrlich war und den Schaden bei den Betrogenen wieder gutmachen möchte, muß er zuerst so genau wie möglich feststellen, was er schuldet, und es dann zurückzahlen. Was schuldete ein Jude dem Kaiser? Was schuldet ein Tscheche Tschernenko oder Gorbatschow? – Nichts.



Sogar in Rom gehörte dem Kaiser rechtmäßig nichts. Julius Cäsar, ein siegreicher römischer General, stürzte bei seiner Rückkehr von einem Feldzug in Gallien die Republik mit militärischer Macht. Er war also kein rechtmäßig eingesetzter Herrscher. Seine Nachfolger waren Tyrannen, von denen die meisten eher in ein Irrenhaus gehört hätten als auf einen Thron. Diese Tyrannen beraubten die Bevölkerung des Römischen Reiches ihrer Freiheit. Sie gaben ihm nichts dafür.

Noch weniger gehörte in Palästina etwas dem Kaiser. Gajus Pompejus nutzte die Spaltung innerhalb der Juden aus, besetzte dieses kleine Land und zwang ihm eine Herrschaft des Terrors und der Korruption auf.
Cäsar baute nie eine Straße in Palästina. Die Juden verrichteten die Arbeit. Er baute keine Häuser. Er pflanzte keinen Baum. »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist«, ist ein revolutionärer, patriotischer Ausspruch, der dem Usurpator im Grunde jegliches Recht abspricht.

Wenn einem aufrichtig denkenden Bürger in der Sowjetunion während der Invasion der Nationalsozialisten gesagt worden wäre: »Gib Hitler, was Hitlers ist, und Gott, was Gottes ist«, hätte er diese Worte folgendermaßen verstanden: »Wirf Hitler und seine Truppen hinaus, weil ihm in der Sowjetunion nichts gehört. Er hat nicht einmal das Recht, sich hier aufzuhalten.« Dasselbe würde für den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei, in Afghanistan usw. gelten.

Die römische Obrigkeit und die jüdischen Hohenpriester, die deren Strohmänner waren, wandten auf die Worte Jesu offensichtlich meine Interpretation an. Der Beweis dafür ist, daß sie ihn nicht als treuen Bürger des Reiches betrachteten, sondern als Rebellen, und ihn kreuzigten.

Das »Handbuch des Atheisten« verfälscht die Wahrheit, wenn es die Autoren des Neuen Testaments als Schmeichler der römischen Obrigkeit darstellt.

»Es enthält keine Anklagen gegen die römische Regierung«, sagen sie. »Die ganze Schuld an der Kreuzigung wird den Juden zugeschoben, während Pilatus als passiver Beobachter beschrieben wird.«

Es ist einfach, eine solche Behauptung in einem Land aufzustellen, in dem Bibeln eine Seltenheit sind. In der Apostelgeschichte 4, 27 ist zu lesen: »Wahrlich ja, sie haben sich versammelt über deinen heiligen Knecht Jesus, welchen du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und dem Volk Israel.« Der jüdische Mob forderte, von Priestern angestachelt, die Kreuzigung Jesu. Aber Pilatus fügte von sich aus Grausamkeit um Grausamkeit hinzu. Wir wissen dies aufgrund der Worte: »Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn« (Joh. 19, 1). Der Text deutet die völlige Erniedrigung eines römischen Statthalters an, der Freude daran hat, einen Gefangenen eigenhändig auszupeitschen, von dessen Unschuld er offensichtlich überzeugt ist. Dann sagt das Evangelium ganz klar, Pilatus habe ihn ausgeliefert, damit er gekreuzigt würde (Joh. 19, 6).

Mit welchem Recht behaupten die Kommunisten, die ersten Christen hätten, da sie der römischen Obrigkeit untertänig gewesen seien, Pilatus nur als passiven Beobachter beschrieben? Nun, mit dem »Recht« von Usurpatoren mit einem Monopol bei der Veröffentlichung von Büchern, mit Verboten gegen Christen und der Verweigerung des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Johannes ist nicht der einzige, der den römischen Statthalter anklagt. Alle Evangelisten stellen ihn als Gefolgsmann dar. Matthäus schreibt: »Jesum ließ er geißeln und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt würde« (Matth. 27, 26). Markus schreibt: »Pilatus aber geißelte Jesum und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt würde« (Mark. 15, 15). Lukas zitiert Pilatus wörtlich: »Ich finde an dem Menschen der Sachen keine, deren ihr ihn beschuldigt;… Darum will ich ihn züchtigen« (Luk. 23, 14—16).

Die Verfasser des Neuen Testaments beschönigten die Beteiligung der Römer an der Kreuzigung Jesu nie. Sie beteiligten sich an der Schuld. Spätere Kirchenhistoriker berichten pflichtbewußt, wie römische Herrscher Christen den wilden Tieren vorwerfen ließen und sie allen möglichen Greueltaten aussetzten.

Wahre Christen waren zu allen Zeiten weit davon entfernt, sich Tyrannen zu unterwerfen, wie ihnen vorgeworfen wird, und sie anerkannten sie nie als ihre rechtmäßigen Herrscher. Auch hielten sie es nicht für ihre Pflicht, ihnen Gehorsam zu leisten. Das erste uns bekannte Buch gegen das Christentum ist »Das wahre Wort« von Celsus. Es stammt etwa ausdem Jahr 175 n. Chr. Es wirft den Christen vor, den Kaiser nicht zu verteidigen, weder für ihn zu kämpfen noch an seinen militärischen Expeditionen teilzunehmen und auch nicht für ihn zu arbeiten. Christen in der Sowjetunion betrachten die kommunistischen Führer als ihre Unterdrücker. Sie werden von den Jüngern Christi keine Schmeicheleien zu hören bekommen.

Das »Handbuch des Atheisten« zitiert eine weitere Schriftstelle, um zu zeigen, das Christentum lehre die blinde Unterwerfung unter ungerechte Herrscher, und es sei deshalb ein Hindernis für den Fortschritt der Humanität. Der Text steht in Römer 13, 1—2:
“Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.«

Doch dasselbe Kapitel definiert, was ein Christ unter der »Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat« und der er Gehorsam schuldet, versteht: Nur der verdient diesen Namen, der als Diener Gottes diejenigen lobt, die Gutes tun, und über diejenigen zornig ist, die Böses tun (Verse 3 und 4). Wenn ein Herrscher das Gegenteil tut, wenn er das Gute bestraft und das Böse belohnt, können wir ihn nicht länger als eine von Gott eingesetzte Autorität betrachten.

Bibelverse wie die vorhergehenden veranlaßten Christen, der Tyrannei zu widerstehen.

Savonarola wurde im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er gesagt hatte: »Es gibt nichts, was dem Tyrannen verhaßter wäre als der Dienst Christi und das rechte christliche Leben, denn es ist geradezu sein Gegenteil, und ein Gegenteil sucht das andre zu vertreiben.«

Ich zitiere aus einem Gespräch zwischen der schottischen Königin Maria Stuart und dem protestantischen Reformator John Knox:

Maria Stuart: »Ihr habt das Volk gelehrt, einen anderen Glauben anzunehmen, als ihn seine Fürsten erlauben können. Wie kann diese Lehre von Gott sein, wo doch Gott den Untertanen gebietet, ihren Oberen zu gehorchen?«

Knox: »Hoheit, da die rechte Religion weder ihre ursprüngliche Kraft noch ihre Autorität von weltlichen Fürsten, sondern allein von dem ewigen Gott bekam, sind die Untertanen nicht daran gebunden, ihre Religion nach den Gelüsten ihrer Fürsten zugestalten… Wenn die Nachkommen Abrahams die Religion des Pharaos angenommen hätten, … welche Religion hätte in der Welt bestanden? Oder wenn alle Menschen in den Tagen der Apostel die Religion der römischen Kaiser ausgeübt hätten, welche Religion wäre auf dem Erdboden zu finden gewesen?«

Maria Stuart: »Ja, aber keiner dieser Männer erhob das Schwert gegen seine Fürsten.«

Knox: »Und doch, Hoheit, könnt Ihr nicht leugnen, daß sie widerstanden. Denn wer nicht gehorcht, … widersetzt sich irgendwie.«

Maria Stuart: »Doch widersetzten sie sich nicht mit dem Schwert.«

Knox: »Hoheit, Gott hatte ihnen die Kraft und die Mittel dazu nicht gegeben.«

Maria Stuart: »Denkt Ihr, daß Untertanen, die solche Macht haben, sich ihren Fürsten widersetzen sollen?«

Knox: »Wenn die Fürsten ihre Grenzen übertreten, Hoheit, … wird ihnen ohne Zweifel widerstanden, sogar mit Gewalt. Was, wenn ein Vater in seinem Wahn seine eigenen Kinder umbringen wollte? Sollte man ihn nicht ergreifen und ihm das Schwert oder die Waffen gewaltsam entreißen? So ist es auch mit Fürsten, Hoheit, die die Kinder Gottes, die ihnen untertan sind, umzubringen gedenken. Ihr blinder Eifer ist nichts als eine wahnsinnige Raserei … Deshalb ist es nicht Ungehorsam gegen Fürsten, ihnen das Schwert wegzunehmen, ihre Hände zu binden und sie ins Gefängnis zu werfen, bis sie wieder bei klarem Verstand sind, sondern nur Gehorsam, weil es mit dem Willen Gottes übereinstimmt.«

Welcher Kommunist wagte so mit Stalin zu sprechen?

Die Bibel inspirierte Lincoln und Wilberforce, für die Abschaffung der Sklaverei zu kämpfen. Sogar Marx anerkannte in seinem »Kapital« die Rolle des Christen Shaftesbury bei der Einführung von Gesetzen zum Schutze der Arbeit in England.

Ein russischer Christ, Graf Lew Tolstoi, sprach dem Zaren jede Autorität ab.

Thomas Jefferson, Präsident der Vereinigten Staaten, schrieb: »Ich habe vor dem Altar des ewigen Gottes jeder Tyrannei über die Menschen ewige Feindschaft geschworen«; und »Rebellion gegen Tyrannen ist Gehorsam gegen Gott.«
Lincoln schrieb: »Wenn die Sklaverei nicht falsch ist, ist nichts falsch.«

Emerson schrieb: »Wenn du eine Kette um den Hals eines Sklaven legst, schlingt sich ihr Ende von selbst um den deinen.«
Emersons Worte erwiesen sich als prophetisch.
Die sowjetische kommunistische Partei legte ihren politischen Gegnern eine Kette um den Hals: zuerst den Monarchen, dann den Grundbesitzern, den Kapitalisten, den oppositionellen Sozialisten, den nationalistischen Führern der russischen Nation und den unterdrückten Völkern, wie den Ukrainern, Weißrussen und Grusiniern.
Doch dann schlang sich das andere Ende der Kette auch um den Hals der Kommunisten.
Genosse Chruschtschow sagte dies in seiner Rede auf dem zwanzigsten Parteikongreß. Er wies darauf hin, Stalin habe bei seinen berüchtigten Säuberungsaktionen fast alle Mitglieder des Zentralkomitees liquidieren lassen.

Das Christentum steht, im Gegensatz zum Kommunismus, nicht auf der Seite der Sklaverei.

Lincoln sagte in seiner Rede vor dem Kongreß am 1. Dezember 1862: »Indem wir den Sklaven die Freiheit geben, geben wir den Freien die Freiheit.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg befreiten christliche Nationen alle ihre Kolonien. Auf der anderen Seite unterjochte die Sowjetregierung die baltischen Völker, die Ungarn und die Tschechen. Die chinesischen Kommunisten versklavten Tibet.
Ich empfehle meinen atheistischen Freunden, das alte Sprichwort zu beachten: »Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.« Die Kommunisten täten besser daran, die Sklaverei nicht zu erwähnen. Ich selbst war Sklave in einem kommunistischen Lager.

Doch alle diese Argumente sind nicht wirklich notwendig, da sich das »Handbuch des Atheisten«, wie gewöhnlich, widerspricht. Zur Erklärung des erstaunlichen Wachstums und des Sieges des Christentums behaupten die Atheisten, die nicht zugeben können, daß Gott in seiner Gemeinde arbeitet, es hätten sich hauptsächlich Sklaven bekehrt, »weil Sklaven in christlichen Kreisen Positionen erreichten, die ihnen sonst nicht zugänglich gewesen wären«.

Im Philemonbrief fordert Paulus einen Sklavenbesitzer auf, seinen entflohenen Knecht nicht nur ohne Strafe wieder aufzunehmen, sondern wie »einen lieben Bruder« (V. 16). So war der Geist des ursprünglichen Christentums.

Weshalb aber schafften die ersten Christen die Sklaverei nicht ab? Sie wurden verfolgt. Sie hatten keine Macht im Staat. Die meisten waren selbst Sklaven. Erst kurze Zeit zuvor waren der große Sklavenaufstand unter Spartakus blutig niedergeschlagen und Zehntausende von Sklaven getötet worden. Nur Narren rebellieren, wenn der sichere Ausgang der Rebellion eine Niederlage ist.
Gott erschien auf dem Berg Sinai, um uns die Zehn Gebote zu geben (2. Mose 19, 20). Die Einleitung dazu lautet: »Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause, geführt hat« (2.Mose 20,2). Als er sich seinem Volk vorstellt, charakterisiert er sich lieber als Sklavenbefreier und nicht als den Schöpfer des Himmels und der Erde. Das ist unser Gott!

Es amüsiert uns, wenn wir im »Handbuch des Atheisten« lesen, die christlichen Religionen »dienten und dienen den herrschenden Klassen, sie unterstützen und festigen die auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhende soziale und politische Ordnung usw.«

Wir wissen, daß wir uns über solche Anklagen keine Sorgen zu machen brauchen, da wir es hier mit Akademiemitgliedern zu tun haben. Mit charakteristischer Kurzsichtigkeit wissen sie sich nicht klar auszudrücken. Wir lesen daher einfach weiter und werden in unseren Erwartungen nicht getäuscht. Lesen Sie, was dieselben Autoren in einem anderen Teil ihres Buches zu sagen haben: »Die Führer der Reformation übersetzten die Heilige Schrift in die Sprachen verschiedener Völker. Große Volksmassen, denen die Bibel zum ersten Mal zugänglich war, entdeckten in einigen ihrer Thesen sogleich eine Rechtfertigung ihres Kampfes um soziale Gleichheit.«

Da haben wir es: »Die Bibel rechtfertigt den Kampf um soziale Gleichheit.« — »Die Bibel lehrt Sklaverei und Unterwerfung unter Tyrannen.«
Zwei Behauptungen derselben Autoren in ein und demselben Buch!
Die Akademiemitglieder, die das »Handbuch des Atheisten« verfaßt haben, mögen denken, was sie wollen. Ihre Vorgesetzten wissen es besser. Sie wissen, daß Christen Diktatoren gegenüber nicht unterwürfig sind. Sie haben dies bewiesen, indem sie Millionen unserer Glaubensbrüder umbrachten und noch immer Zehntausende unserer Mitchristen gefangen halten.

Atheisten sollten die Unterwerfung unter grausame Herrscher besser nicht erwähnen. Vergötterten sie nicht Stalin, den sie nun als den größten Massenmörder der Geschichte verdammen? Mitglieder einer Akademie der Wissenschaften können nicht sehr jung sein. Sie müssen also gestern noch zu Stalins Bewunderern gehört haben, sonst wären sie heute nicht mehr am Leben und könnten ihn folglich nicht verurteilen.

Ich war unter Stalin und seinen Nachfolgern im Gefängnis. Hätte die Untergrundkirche Rußlands nicht ein größeres Recht, über die Opposition gegen die Tyrannei zu sprechen als die Atheisten? Was ist über die Vergötterung eines anderen Mörders, MaoTse-tung von Rotchina, zu sagen? Chinesische Kommunisten, alles Atheisten, fügten sich ihm. Über eine Million chinesischer Christen wurde umgebracht, weil sie es vorzogen, zu sterben, als sich zu fügen.

Wahre Christen waren und sind Kämpfer für die Freiheit. In dieser Hinsicht müssen wir von unseren atheistischen Freunden nichts lernen. Die Vereinigten Staaten, Westdeutschland, die Schweiz, Großbritannien und Australien haben keine Arbeitslager. Die Sowjetunion und Rotchina haben Arbeitslager.
Christen als eine Gruppe von Speichelleckern gegenüber Tyrannen zu bezeichnen, dient nur dazu, sie lächerlich zu machen. Was die Atheisten also ablehnen, ist nicht das Christentum, sondern sein Zerrbild.

Ein himmlisches oder ein irdisches Paradies

Das »Handbuch des Atheisten« zitiert die Aussage von Friedrich Engels, die Hoffnung des Christentums sei auf den Himmel, das ewige Leben nach dem Tod, gerichtet. Seiner Meinung nach will das Christentum in dieser Welt eine soziale Veränderung nicht herbeiführen.

Im Gegensatz dazu sei die kommunistische Bewegung auf die Befreiung aller werktätigen Menschen auf Erden ausgerichtet.

Dies ist eine reine Erfindung.

Es stimmt nicht, daß das Christentum nur ein himmlisches Ziel hat. Jesus lehrte uns zu beten: »Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel« (Matth. 6,10). In Johannes 3,12 erinnert er uns: » . . .wenn ich euch von irdischen Dingen sage, . . . «

Als zu Beginn des Lukasevangeliums die Leute Johannes den Täufer fragten, was sie tun sollten, antwortete er ihnen nicht: »Jaget dem ewigen Leben nach!« Die Antworten des Täufers waren sehr irdisch: »Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, der tue auch also.« Zu den Zöllnern sagte er: »Fordert nicht mehr, denn gesetzt ist.« Zu den Soldaten sagte er nicht: »Sucht den Himmel«, sondern »Tut niemand Gewalt noch Unrecht und lasset euch genügen an eurem Solde«, der höher war als der Lohn der Durchschnittsbevölkerung (Luk.3,11-14).

Jesus trieb Händler mit der Peitsche aus dem Tempel (Joh. 2, 15). Er klagte die Schriftgelehrten und Pharisäer öffentlich an, die Häuser der Witwen zu fressen (Matth. 23, 14). Zu einem reichen jungen Mann sagte er: »Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen« (Matth. 19,21).

Das Christentum sieht auch eine soziale Veränderung in dieser Welt vor. Es ist eine seltsame Tatsache, daß Mitglieder der Sowjetregierung selbst sagen, sie müßten den wirtschaftlichen Stand von Ländern mit christlichem Erbe, wie beispielsweise der Vereinigten Staaten von Amerika, erreichen und übertreffen. Demnach führen die letzteren im Schatten des Christentums wohl ein wesentlich reicheres Leben in dieser Welt als die Sowjetbürger.

In Amerika und anderen westlichen Ländern können Arbeiter im eigenen Auto zur Kirche oder zu Streikposten für höhere Löhne fahren. In der Sowjetunion besitzen Arbeiter nicht einmal ein Fahrrad, mit dem sie zu den kommunistischen Veranstaltungen fahren könnten, bei denen keiner fehlen darf.
Der Reichtum und die Freiheit des Westens sind nicht ohne Kampf erreicht worden. Wären die Vorwürfe richtig, die Engels dem Christentum macht, hätte dieser Kampf nicht stattgefunden. Engels schrieb:
»Die sozialen Dogmen der Evangelien stellen einen passiven religiösen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit dar, eine Revolte auf den Knien, was inWirklichkeit einer Rechtsprechung der Unterdrückung gleichkommt, an erster Stelle der Rechtfertigung der ursprünglichen sozialen Ungerechtigkeit des Altertums — der Sklaverei. Das Christentum war nicht die Ideologie unterdrückter Menschen, die sich an einen revolutionären Kampf wagten, sondern die Ideologie unterdrückter Menschen, die jede Hoffnung auf den Kampf verloren hatten und die im Gebet und in der Hoffnung auf eine wundersame Erlösung einen Ausweg suchten.«
Dies ist irreführend.
Die Hauptlehre des Evangeliums ist, ein Christ müsse dem Beispiel Christi folgen. Stand Christus selbst der Ungerechtigkeit passiv gegenüber? Was dachten die Händler, die mit der Peitsche hinausgejagt wurden, über seine Haltung? War es passiver Widerstand, als er den Priestern und Pharisäern im Tempel entgegentrat und sie Otterngezüchte und Heuchler nannte (Matth. 12, 34)?
Ist das »Magnifikat«, der Gesang der heiligen Jungfrau Maria, ein Lied der Resignation? Sie sagt, ihr Sohn werde die Mächtigen von ihrem Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen. Er werde den Hungrigen gute Gaben geben und die Reichen mit leeren Händen wegschicken (Luk. 1, 46—55). Das klingt nicht nach sanftmütiger Unterwerfung gegenüber Ausbeutern.

Die Weisheit lehrte die Jünger Christi, sich passiv und sanftmütig zu verhalten, wenn keine Hoffnungauf den Sturz einer Tyrannei bestand. Doch wenn dieVoraussetzungen für einen solchen Umsturz günstig waren, haben Christen stets gekämpft.

Als sich die Bauern zur Zeit der Reformation gegen die Grundbesitzer erhoben, waren ihre Hauptargumente religiöser Art. Ihre Revolutionslieder lauteten:

»Als Adam pflügte und Eva spann,

Wer war da der Edelmann?«

Und »Ein feste Burg ist unser Gott,

Ein gute Wehr und Waffen.«

Als in England die Bewegung des industriellen Proletariats ins Leben gerufen wurde, sangen die Chartisten:

»Britannias Söhne, obgleich ihr Sklaven,
Gott, euer Schöpfer, macht’ euch frei;

Leben und Freiheit war’n seine Gaben,

Doch macht nie er einen Sklaven.«

Die ersten, die die Demonstrationen organisierten, die in Rußland zur Revolution von 1905 führten, waren nicht unsere kommunistischen Freunde, sondern christliche Arbeiter unter der Leitung eines Priesters Gapon. Die Kommunisten profitierten davon und hängten den Priester später.

Das Christentum ist so revolutionär wie der Kommunismus, doch unsere Revolutionen unterscheiden sich von den seinigen.

Kommunistische Revolutionen beginnen mit dem Blutvergießen ihrer Gegner, Unschuldiger oder anderer. Bald wird der Aderlaß zur Gewohnheit, ja zum Vergnügen, und am Ende haben wir eine schlimmere Tyrannei als die, die gestürzt wurde.

Lenin schrieb einst: »Der Terror und die Tscheka sind unbedingt notwendig.« Zar Nikolaus II. hätte den Terror nie zu den absoluten Notwendigkeiten der Politik gezählt.
Wie viele Menschen brachte er um? Wie viele tötete Kerenskij? Fragen Sie sich selbst, wie viele Menschen Stalin umbringen ließ.
Höchstwahrscheinlich war er es, der Lenin, der ihm die Technik des Terrors beigebracht hatte, vergiftete. Danach ließ er beinahe alle engen Freunde Lenins umbringen.
Heute noch sterben unzählige Sowjetbürger an Unterernährung und Überarbeitung in den Konzentrationslagern Rußlands. Der Kommunismus tötete Millionen Menschen in Rotchina. Der dortige Terror wurde sogar von sowjetischen Zeitungen bestätigt. In Polen erschossen Gomulka und Jaruselskij in Ausübung der Diktatur des Proletariats Proletarier. Kommunistische Revolutionen sind immer negativ und zerstörerisch.

Wir Christen sind in einem ganz anderen Sinn revolutionär. Christen gebrauchen vor allem das Schwert des Geistes, das Sünde töten kann, ohne den Sünder umzubringen.

Mit dem Schwert des Geistes korrigierten Christen viele Mißstände. Wo christliche Zivilisation herrscht, sind die Menschen frei; sie haben sogar die Freiheit, Atheisten zu sein. Ich fordere meine geehrten Gegner auf, mir den Namen eines einzigen Menschen zu nennen, der in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien oder in Westdeutschland wegen seiner atheistischen Gesinnung im Gefängnis ist. In kommunistischen Ländern sind jedoch Millionen meiner Glaubensbrüder in Gefängnisse gesperrt oder umgebracht worden. Wer hat für die Freiheit gekämpft und sie erlangt — Atheisten oder Christen?

Christen schließen die Notwendigkeit der Rebellion gegen Tyrannei nicht aus. Wenn Tyrannen sie durch ihre Unmäßigkeit zur Rebellion zwingen und die Gelegenheit dazu günstig ist, wird ihr Ziel immer sein, die Tyrannei durch ein politisches System zu ersetzen, das Frieden und Gerechtigkeit unterstützt, wogegen Marx seine »permanente Revolution« befürwortete. Permanente Revolution wofür? Revolutionum der Revolution willen? Nie ein erreichbares Ziel? Nicht einmal die Utopie eines zu erreichenden Ziels?

Das ist reiner Sadismus.

Christen vergessen nie, daß der erste Rebell der Teufel war. Sie greifen nicht voreilig zur Rebellion, nicht einmal zur Rebellion gegen das kommunistische Regime.
Sie interessieren sich für irdische Schicksale, sie haben jedoch auch höhere als nur irdische Ziele. Menschen sind wie Frösche, die auf dem Grund eines dunklen Brunnens leben, von dem aus sie nichts von der Außenwelt sehen können. Gläubige sind Menschen, die, obwohl sie unter solchen Umständen leben, eine Lerche singen hören. Und Wunder aller Wunder — sie verstehen das Lied! Es spricht von Sonne, Mond und Sternen, von baumbewachsenen Bergen und Hügeln und einer wunderschönen See. Sie glauben an dieses Lied. Sie haben die Versicherung, daß es ein himmlisches Paradies gibt. Ohne ihre irdischen Pflichten zu vernachlässigen, streben sie ihm entgegen und fordern andere auf, ihnen zu folgen.

Wenn es einen Menschen gibt, der noch mehr an die Möglichkeit der Evolution glaubt als Darwin, dann ist es der Christ. Er glaubt an eine Wiedergeburt. Er glaubt, daß aus einem Frosch eine Lerche und aus einem menschlichen Wesen ein Teilhaber an der göttlichen Natur werden kann, und dies nicht durch einen langen Prozeß, sondern augenblicklich, durch den Glauben an Jesus Christus.
In diesem Glauben kämpfen Christen für die Gerechtigkeit in dieser Welt und streben gleichzeitig nach dem himmlischen Paradies.

– Soweit der Auszug aus ANTWORT AUF MOSKAUS BIBEL, 1975, in welchem Pfr. Wurmbrand eine Stellungnahme zum „Moskauer atheistischen Handbuch“ schreibt. Inzwischen hat der Atheismus fast ganz Europa eingenommen, und der Kampf gegen das Christentum nimmt an Schärfe sehr zu.



Horst Koch, im Dezember 2020


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