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Jesus – Gott und Mensch (W.Rominger)

Walter Rominger

Jesus Christus: ganz Gott und ganz Mensch

 

Jesus ist Gott
Das Neue Testament geht zum einen vom Dasein Christi vor Grundlegung der Welt in Gottes Ewigkeit (Johannes 1,1; Philipper 2,6; 1. Korinther 8,6; Galater 4,4; Römer 8,3) aus (Präexistenz) und zum andern davon, daß Jesus Gott ist. An drei Stellen wird ausdrücklich die Gottheit Jesu bekannt (Johannes 1,1; Johannes 20,28; Römer 9,5), und zwar nicht nur die Gottheit des Auferstandenen, sondern auch die des Präexistenten (Johannes 1,1: »Am Anfang war das Wort.«). Damit kennt bereits das Neue Testament die Gottheit Jesu von allem Anfang an und geht von seiner ewigen aus. Dadurch wird gleichzeitig die Vorstellung abgewiesen, Jesus sei erst durch die Taufe bzw. die Auferweckung göttlicher Natur geworden und zum Sohn Gottes adoptiert worden (Adoptianismus), vordem sei er nur Mensch gewesen. Ebenso entschieden widerstreitet dies der Anschauung, die im theologischen Liberalismus teilweise vertreten wird, Jesus sei nur Mensch gewesen. Diese Sicht hat allerdings Vorläufer im Nestorianismus der alten Kirche, der, wie dessen Namengeber Nestorius, bestritt, Maria sei Gottesgebärerin, womit die Gottheit Jesu nicht mehr festgehalten werden konnte. Das dritte ökumenische Konzil in Ephesus hat 431 n. Chr. den Nestorianismus als Irrlehre verworfen. Die Zeugung Jesu aus dem Heiligen Geist (Jungfrauengeburt, siehe Matthäus 1,18ff.; Lukas 1,26ff.) ist die geschichtliche Weise, wie Gott im Sohn in die Welt kommt.

Doch mit derselben Eindeutigkeit, mit welcher das Neue Testament die Gottheit Jesu vertritt, hält es auch die ganze Menschheit Jesu fest. Früh schon gab es die Ansicht, Jesus sei gar kein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen(Gnosis), sondern habe lediglich einen Scheinleib gehabt (Doketismus, von dokeo = scheinen). Doch in besonders deutlicher Weise hält gerade Johannes, welchem Ausleger schon eine Nähe zur Gnosis nachgesagt haben, am tatsächlichen Eingehen Christi in diese Welt fest (Johannes 1,14: »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit«; 1.Johannes 1,1.2a: »Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschaut haben und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen.«).

Daß Jesus Gott und Mensch ist – und zwar beides ganz und gar, nicht nur teilweise –, das ist demnach nicht erst eine Erfindung von Kirchenvätern und Konzilien, sondern bereits im Neuen Testament enthalten. Freilich bedurfte es immenser theologischer Arbeit an den neutestamentlichen Aussagen, bis dies lehrmäßig geregelt war.

Jesus: wesenseins mit dem Vater
Wenn Jesus wahrer Gott ist, dann heißt dies auch, daß er wesenseins mit dem Vater ist. Diese Wesenseinheit leitet sich mit Notwendigkeit aus der Offenbarungseinheit her, welche besagt, Gott offenbart sich in dem geschichtlichen Jesus. »Wer mich sieht, sieht den Vater« (Johannes 14,9), sagt Jesus. Zum Heil offenbart er sich nur in Jesus. Deshalb wird er auch, wie Gott, als der »Herr« (Kyrios) bekannt. Wenn Gott in Jesus diese Erde betritt, so heißt dies, daß Gott Mensch wird. In Jesus wird Gott Mensch, ohne damit aufzuhören, Gott zu sein. Das Nizänische Glaubensbekenntnis, das als ökumenisches Symbol von allen Großkirchen weltweit anerkannt wird, hat in seinem Trinitätsdogma die Wesenseinheit Jesu mit Gott sachgemäß in die Worte gefaßt: »Wahrhaftiger Gott aus wahrhaftigem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.«

»Wahrer Mensch und wahrer Gott«
Jesus ist göttlicher, aber er ist genauso menschlicher Natur. Der Ausdruck Natur mag etwas irreführend sein. Er ist kein Ausdruck des Neuen Testaments. Jesus ist »eines Wesens mit dem Vater«. Und doch ist die ganze Gottheit im Menschen Jesu, und damit Gott vollkommen in ihm gegenwärtig. All die zahlreichen Versuche im Laufe der Kirchengeschichte, die Gottheit und Menschheit Jesu in Übereinstimmung zu bringen, sind häufig nicht recht gelungen. Deshalb wurde so manches Mal nur der eine Aspekt auf Kosten des anderen berücksichtigt. Wurde die Gottheit Jesu stark betont, verschwand die volle Menschheit Jesu. Demnach wäre Christus in eine einzige, die göttliche Natur verwandelt worden, so daß in ihm nicht zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, verbunden wären (Monophysitismus; Monophysiten sind die koptischen und armenischen Christen.). Wenn jedoch die menschliche Seite Jesu stark herausgestellt wird, wie etwa bei den bereits erwähnten Nestorianern, verschwindet die Gottheit Jesu mehr und mehr (Nestorius wurde zwar exkommuniziert, dennoch betrieben die Nestorianer eine weitreichende Mission und existieren bis heute als selbständige Kirche, die Mitglied im Weltrat der Kirchen in Genf ist).

Auch das ökumenische Konzil von Chalcedon (am Bosporus), 451 nach Christus, hat keine logische Lösung des Problems der zwei Naturen Christi mit seinem Bekenntnis gebracht, welche ja auch nicht möglich ist. Das Chalcedonense hält (gegen Eutyches) vielmehr fest, Jesus Christus sei eine Person in zwei Naturen, welche »unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar« seien. Es löst das Persongeheimnis Christi nicht auf, weist aber diejenigen Vorstellungen zurück, welche die Zweiheit der Naturen und die Einheit der Person Christi nicht festzuhalten vermögen.

Bei der Aussage, Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, handelt es sich um Gegensätze, die nicht ausgeglichen werden können, von denen aber jede Aussage sich begründen läßt und daher Anspruch auf Gültigkeit hat. In der Person Jesu ist das vereinigt, was unausgleichbar wesensverschieden ist, daß er nämlich wahrer Gott und wahrer Mensch ist, wie wir dies bekennen (Nicänisches Glaubenbekenntnis) und auch besingen (»Wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod«, aus: »Es ist ein Ros entsprungen«, EG 30,3 = EKG 23,3).

Nur der gottgleiche Jesus erlöst
Weshalb aber ist es so wichtig, das Dogma der zwei Naturen Christi, er sei wahrer Gott und wahrer Mensch, festzuhalten? Zum einen, weil dies der Befund des Neuen Testaments eindeutig nahelegt. Aber allein damit können wir uns noch nicht zufriedengeben, denn damit wäre letztlich die Frage nicht in ihrer eigentlichen Bedeutungsschwere beantwortet. Jesus muß Gott sein, weil nur Gott die Sünde aus der Welt schaffen kann, nicht aber ein noch so vorbildlicher Mensch. Anselm von Canterbury (1033–1109) ist dieser Frage, wie bereits der Titel seiner bekannten Schrift »Warum Gott Mensch wurde« (Cur Deus homo) zeigt, nachgegangen. Andererseits mußte Jesus ganz Mensch werden, sich erniedrigen, ohne aufzuhören, Gott zu sein, um für fremde Schuld zu leiden und zu sterben. Gott kann nur seiner menschlichen Natur nach sterben, ist ansonsten aber unsterblich.

Nicht handeln wie Jesus, sondern glauben an Christus
Kirchliche Praxis der letzten Jahrzehnte und neuere theologische Entwürfe legen nahe, daß die Gottheit Christi zugunsten der Menschheit Christi unterbetont ist. Damit besteht die Gefahr, in einen Nestorianismus oder Adoptianismus abzugleiten, dadurch aber faktisch eine falsch lehrende (häretische) Kirche zu werden, da beide Lehren als Irrlehren bereits von ökumenischen Konzilien der (noch) ungeteilten Kirche verworfen wurden. Es geht darauf hinaus, nicht mehr an Jesus als den Christus zu glauben, sondern wie Jesus zu handeln. Jesus ist Vorbild, aber nicht mehr Glaubensgrund (Urbildchristologie). Dem theologischen Liberalismus, der mit Friedrich Schleiermacher (1768–1834) begann, ist diese sogenannte Urbildchristologie eigen. Jesus hört damit auf, der Erlöser zu sein, wobei er dies für Vertreter einer Urbildchristologie auch nicht zu sein braucht, da diese, im Unterschied zur Heiligen Schrift und biblisch-reformatorischer Theologie, nicht mehr von dem unermeßlichen Gewicht der Sünde ausgehen. Theologie, die auf das »wahrer Gott« verzichtet, kann letztlich Erlösung nicht mehr vermitteln.

Machtlos gegenüber Religionen
Die Auseinandersetzung mit fremden Religionen macht eine eindeutige Position darin nötig, daß Jesus der Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Denn was unterscheidet einen Jesus, der an sich nur noch Mensch ist, grundlegend von einer Jesus-Verehrung, wie sie in anderen Religionen auch vorkommt? Der Islam verehrt Jesus als einen Großen. Im Judentum gibt es Versuche, Jesus in das Judentum zu integrieren (Schalom Ben Chorin, Pinchas Lapide). Modernes Judentum und liberaler Protestantismus haben eine Gemeinsamkeit: Sie reduzieren sich letztlich auf Humanismus.

Einem selbstbewußten Islam wird eine Kirche, die die grundlegende Lehre, wonach Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, in ihren Lebensäußerungen nicht mehr vertritt, nur noch wenig entgegenzusetzen haben. Denn wenn Jesus nur noch ein großer Mensch ist, aber nicht mehr Gott, dann unterscheidet sich diese Vorstellung nicht mehr wesentlich von der islamischen. Es sei zudem daran erinnert, daß ganz Nordafrika einmal christliches Stammland war. Innerhalb weniger Jahrzehnte fiel dieses große Gebiet dem Islam zu. Das war nur deshalb möglich, weil das Christentum kein gesundes mehr war. Außer daß die Christen miteinander zerstritten waren, hielten sie vielfach nicht mehr zusammen, daß Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist; Jesus war nur noch Mensch. Könnte sich dann nicht eventuell schon in absehbarer Zukunft in Europa Vergleichbares wiederholen, wenn doch ähnliche Voraussetzungen herrschen?

Keine Abstriche
Über das Bekenntnis, Jesus der Christus, sei wahrer Gott und wahrer Mensch, kann man nicht einfach großzügig hinweggehen. Wenn dies aufgegeben wird, wird der Lebensnerv des Christseins getroffen. Zum einen wird die Erlösung des einzelnen Christen in Frage gestellt, zum anderen wird einer der wesentlichen Unterschiede zu den Religionen eingeebnet. Christlicher Glaube ist nicht einfach Religion, sondern Antwort auf die Religionen. Es läßt sich dann auch nicht mehr aussagen, weshalb man Christ werden bzw. auch nur bleiben sollte, wenn sich christlicher Glaube nicht mehr wesensmäßig von den vielfältigen religiösen Verehrungen unterschiede.

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