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Das Herrnmahl (R.Schmitz)

 

DAS HERRNMAHL

 

Von Richard Schmitz (1858 – 1945)

Bearbeitet und ergänzt von Wilhelm Wöhrle,  Bundes-Verlag, Witten (Ruhr) – 1962

 

INHALT

1. DAS VORBILD IM PASSAHMAHL
2. DIE EINSETZUNG
3. DIE BEDEUTUNG

a) Gedächtnismahl
b) Verkündigung des Todes des Herrn
c) Gemeinschaft des Blutes und Leibes Jesu Christi
d) Einheit der Gemeinde Jesu
e) Tisch des Herrn

4. UNWÜRDIGER GENUSS
a) Verschulden am Leib und Blut Christi
b) Der Mensch prüfe sich selbst
c) Selbstgericht statt Gottesgericht

5. ANHANG
Ist das HErrnmahl für Sterbende?
Gäst bei der Mahlfeier
HErrnmahl und Gemeindezucht
Wie sollen wir das HErrnmahl feiern?

 

VORBEMERKUNGEN

Es gibt Lebensbereiche, über die man nur mit Menschen sprechen kann, die durch eigene Erfahrung in diese Lebensbereiche eingetreten sind. Wo das nicht der Fall ist, kann kein fruchtbares Gespräch entstehen, sondern nur Streit. Bei dem HErrnmahl geht es um den Lebensbereich innerlichster Art, um die Glaubens- und Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus und mit Seiner bluterkauften Gemeinde. Im Kreise derer, die in solcher doppelten Lebensgemeinschaft stehen, kann es keinen Streit geben um eine grundlegende Wahrheit, wie sie durch das HErrnmahl bezeugt wird. Im Laufe der Kirchengeschichte ist es über das HErrnmahl zu schlimmsten Streitigkeiten, ja zu blutigen Kriegen gekommen. Dabei hat eine ungeistliche Theologie Handlangerdienste geleistet. Wir haben einer rechten Theologie gewiß vieles zu verdanken an Erkenntnis und an Licht zum Schriftverständnis. Aber wenn die Theologie nicht von Menschen stammt, die selbst durch den Geist Gottes erleuchtet sind und persönlich in Glaubens- und Lebensgemeinschaft mit Christus und Seiner Gemeinde stehen, wenn ihre Ausrüstung lediglich in menschlichem Scharfsinn und geschichtlicher Überlieferung besteht, dann kann sie nur dazu dienen, biblische Wahrheiten zu verzerren und zu vernebeln, und dann erwächst Unheil daraus. Wo man aber in demütiger Glaubenshaltung und unter Gebet die Schrift verbindlich zu sich reden läßt und wo man die Schrift mit der Schrift auslegt und ihre einzelnen Aussagen im Zusammenhang der ganzen Gottesoffenbarung zu verstehen sucht, da kann es keinen Streit geben um Wesentliches. Und wenn in dieser oder jener Hinsicht noch Unklarheiten bestehen sollten, können wir sie auf sich beruhen lassen, bis der HErr Licht darüber gibt oder bis sie geklärt werden durch brüderliche Handreichung, durch den Dienst bevollmächtigter und treuer Knechte Gottes.

Einen solchen Dienst leistet uns in den folgenden Ausführungen über das HErrnmahl Richard Schmitz (1858—1945), ein »Schriftgelehrter zum Himmelreich gelehrt«, dem wir gründliche Einführung in so manche tiefe und häufig mißdeutete Schriftwahrheiten verdanken. Möge auch diese hinterlassene Arbeit über das HErrnmahl, die erst lange nach seinem Heimgang veröffentlicht werden konnte, manchen Fragenden zur Klarheit verhelfen, und das bedeutet dann gewiß: zum Lobpreis Gottes und unseres Heilandes!

Eine ähnliche gründliche Schriftstudie über die Taufe aus der Feder von Richard Schmitz veröffentlichen wir gleichzeitig und erwarten auch davon Hilfe in einer viel umstrittenen Frage zum Segen für alle aufrichtigen Sucher der Wahrheit.

»HErrnmahl« dürfte die richtige Bezeichnung für das vom HErrn selbst eingesetzte Gedächtnismahl sein. Die Bezeichnung »Abendmahl« ist zu nahe dem alltäglichen Begriff einer Abendmahlzeit: die Beifügung »heiliges« Abendmahl schließt die Gefahr in sich, daß damit abergläubische Vorstellungen verbunden werden, als sei mit dem Genuß des »heiligen Abendmahls« ohne weiteres die Vergebung der Sünden verbunden, weshalb vielfach noch Sterbenden das »heilige Abendmahl« gereicht wird, damit sie selig sterben sollen. Der HErr selbst aber sagt bei der Einsetzung dieses Gedächtnismahles: »Das ist Mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden« (Matthäus 26, 28). Vergebung der Sünden ist also nur im gläubigen Vertrauen auf das heilige Sühnblut Jesu zu erlangen, nicht im Genuß von Brot und Wein.

In einigen gläubigen Kreisen ist für das HErrnmahl der Ausdruck »Brotbrechen« üblich, weil die ersten Christen nach dem Bericht in der Apostelgeschichte (2, 42 und 46) im »Brotbrechen« blieben und »das Brot brachen hin und her in den Häusern«. Unter diesem »Brotbrechen« haben wir sehr wahrscheinlich die in der Urchristenheit üblichen Liebesmahle zu verstehen, an die sich allerdings vielfach das HErrnmahl anschloß, wie aus der Rüge des Apostels Paulus über unwürdigen Genuß des HErrnmahles in 1. Korinther 11, 21 f. zu schließen ist. Die »Liebesmahle« waren jedenfalls ein Erfordernis der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse jener Zeit. Zum HErrnmahl aber gehört ja nicht nur das Brechen und Essen des Brotes, sondern ebenso das Trinken des Kelches. Nur in der römisch-katholischen Kirche begnügen sich die Teilnehmer an der Kommunion mit der Hostie, während der Priester als einziger »für alle« den Kelch trinkt. Der Ausdruck »Brotbrechen« erfaßt somit nicht, was unter dem HErrnmahl in beiderlei Gestalt zu verstehen ist.

Dagegen dürfte der Ausdruck »HErrnmahl« unmißverständlich und der Sache würdig sein. Dazu gehört dann freilich auch diese Schreibweise mit zwei großen Anfangsbuchstaben. Abwegig scheint die zuweilen gehörte Bezeichnung »Herrenmahl«, denn darunter könnte man ein gewöhnliches Essen für Herren verstehen. Wir wollen uns bemühen, auch im Ausdruck wahr und klar, treu und gewissenhaft, unzweideutig und würdig zu verfahren. Darum reden wir vom »HErrnmahl«. (Nach Wilhelm Wöhrle, »Die Freien evangelischen Gemeinden«.)

 Der Bundes-Verlag, Witten (Ruhr), 1962

 

1. DAS VORBILD IM PASSAHMAHL

Ein Schattenbild des HErrnmahles.

Es ist nicht ein zufälliges Zusammentreffen, daß der HErr Jesus Sein heiliges Mahl im Zusammenhang mit der Feier des Passahfestes gestiftet hat; vielmehr stehen Passahmahl und HErrnmahl in einer inneren Beziehung zueinander. Beidemal handelt es sich um die Erinnerung an eine geschehene Erlösung: bei dem Passahmahl an die Erlösung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens, beim HErrnmahl an die Erlösung aus der Herrschaft von Sündenschuld und Todesmacht. Diese Linien zwischen Passahmahl und HErrnmahl wollen wir im Folgenden aufzeigen. Zunächst lesen wir den biblischen Bericht über die Einsetzung des Passah(Passah heißt: verschonendes Vorübergehen, Verschonung):

Darauf gebot der HErr dem Mose und Aaron in Ägypten folgendes: »Der gegenwärtige Monat soll euch als Anfangsmonat gelten; der erste soll er euch unter den Monaten des Jahres sein. Gebt der ganzen Gemeinde Israel folgende Weisungen: Am zehnten Tage dieses Monats, da nehme sich jeder Hausvater ein Lamm, für jede Familie je ein Lamm, und wenn eine Familie zu klein ist für ein ganzes Lamm, so nehme er und sein ihm zunächst wohnender Nachbar eins gemeinsam nach der Zahl der Seelen; ihr sollt auf das Lamm so viele Personen rechnen, wie zum Verzehren erforderlich sind. Es müssen fehlerlose, männliche, einjährige Lämmer sein; von den Schafen oder von den Ziegen dürft ihr sie nehmen. Bis zum vierzehnten Tage dieses Monats sollt ihr sie in Verwahrung haben; dann soll die gesamte Volksgemeinde Israel sie gegen Abend scblachten. Hierauf sollen sie etwas von dem Blut nehmen und es auf die beiden Türpfosten und auf die Oberschwelle an den Häusern strei­chen, in denen sie die Mahlzeit halten. Sie sollen dann das Fleisch in derselben Nacht essen, und zwar am Feuer gebraten, und dazu ungesäuertes Brot; mit bitteren Kräutern sollen sie es essen. Ihr dürft nicht davon roh oder im Wasser gekocht genießen, sondern im Feuer gebraten, und zwar so, daß der Kopf noch mit den Beinen und dein Rumpf zusammenhängt. Ihr dürft nichts davon bis zum andern Morgen übrig lassen, sondern was etwa davon bis zum Morgen übrig bleibt, sollt ihr mit Feuer verbrennen. Und auf folgende Weise sollt ihr es essen: eure Hüften gegürtet, eure Schuhe an den Füßen und euren Stab in der Hand; und in aller Hast sollt ihr es essen: ein verschonendes Vorübergehen des HErrn ist es. Denn Ich will in dieser Nacht durch Ägypten gehen und alle Erstgeburt in Ägypten sterben lassen, sowohl Menschen als Vieh, und will an allen ägyptischen Göttern ein Strafgericht vollziehen, Ich, der HErr. Dabei soll das Blut an den Häusern, worin ihr euch befindet, ein Zeichen zu eurem Schutz sein; denn wenn Ich das Blut sehe, will Ich schonend an euch vorübergehen, und es soll euch kein tödliches Verderben treffen, wenn Ich den Schlag gegen das Land Ägypten führe.«

»Dieser Tag soll dann für euch ein Gedächtnistag sein, den ihr zu Ehren des HErrn festlich begehen sollt; von Gesdilecht zu Geschlecht sollt ihr ihn als eine ewige Satzung feiern. Sieben Tage lang sollt ihr ungesäuertes Brot essen; gleich am ersten Tage sollt ihr allen Sauerteig aus euren Häusern entfernen: denn jeder, der vom ersten bis zum siebenten Tage Gesäuertes ißt, der soll aus Israel ausgerottet werden. Weiter soll am ersten Tage eine heilige Festversammlung bei euch stattfinden und ebenso am siebenten Tage eine heilige Festversammlung; keinerlei Arbeit darf an diesen beiden Tagen verrichtet werden; nur was ein jeder zum Essen nötig hat, das allein darf von euch zubereitet werden. So beobachtet denn das Fest der ungesäuerten Brote; denn an eben diesem Tage habe Ich eure Heerscharen aus dem Lande Ägypten herausgeführt. Darum sollt ihr diesen Tag von Geschlecht zu Geschlecht als eine ewige Satzung beobachten. Im ersten Monat, am vierzehnten Tage des Monats, am Abend sollt ihr ungesäuertes Brot essen bis zum Abend des einundzwanzigsten Tages des Monats. Sieben Tage lang darf kein Sauerteig in euren Häusern zu finden sein; denn wer da Gesäuertes ißt, der soll aus der Gemeinde Israel ausgerottet werden, er sei ein Fremder oder ein Einheimischer im Lande. Nicht Gesäuertes dürft ihr essen; überall, wo ihr auch wohnen mögt, sollt ihr ungesäuertes Brot essen.«

Da berief Mose alle Ältesten der Israeliten und sagte zu ihnen: »Gehet und holt euch Kleinvieh, für jede Familie ein Stück, und schlachtet es als Passah. Dann nehmt einen Büschel Ysop, taucht ihn in das Blut im Becken und streicht etwas von dem Blut im Becken an die Oberschwelle und an die beiden Pfosten der Tür; aber keiner von euch darf bis zum andern Morgen aus der Tür seines Hauses hinausgehen. Wenn dann der HErr hindurchgeht, um die Ägypter sterben zu lassen, und das Blut an der Oberschwelle und an den beiden Türpfosten sieht, so wird der HErr an der Tür schonend vorübergehen und dem Würgeengel nicht gestatten, in eure Häuser einzutreten, um euch sterben zu lassen. Ihr sollt aber dieses Gebot als eine Satzung für euch und eure Kinder auf ewige Zeiten beobachten. Auch wenn ihr in das Land kommt, das der HErr euch nach Seiner Verheißung geben wird, sollt ihr diesen heiligen Brauch beobachten. Wenn eure Kinder euch dann fragen: »Was bedeutet dieser Brauch bei euch?«, so sollt ihr antworten: »Es ist das Passahopfer für den HErrn, der in Ägypten an den Häusern der Israeliten schonend vorübergegangen ist, als Er die Ägypter sterben ließ, aber unsere Häuser verschonte.« Da verneigte sich das Volk und warf sich auf die Erde. Hierauf gingen die Israeliten hin und taten so, wie der HErr Mose und Aaron geboten hatte (2. Mose 12, 1‑28).

Hier ist zum ersten Male in der Heiligen Schrift von Gott selber die Darbringung eines Opfers angeordnet worden, und zwar ist es ein blutiges Opfer. Daß wir es dabei mit einem Vorbild auf Christus zu tun haben, sagt uns 1. Korinther 5, 7: »Auch wir haben ein Passahlamm, das ist Christus, für uns geopfert.« Passah heißt »verschonendes Vorübergehen«. Als Gottes Zorn über Ägypten lagerte wie eine dunkle Wetterwolke, da stand Israel unter der Deckung des Blutes des Passahlammes. Während in den Häusern der Ägypter der Tod umging und angstvolles Wehklagen ertönte, feierte Israel in seinen Hütten die Verschonung von Gericht und Untergang, die Erlösung aus der Knechtschaft Ägyptens. Der Hinweis auf Christus liegt auch in der Bestimmung, daß nur fehlerlose Lämmer zum Opfer taugten. So ist nach Hebräer 9,14 auch Christus ohne jeden Fehler: »Christus hat sich selbst als ein Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht, um unser Gewissen zu reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott.«

Das Wahrzeichen der Erlösung

Jene Nacht des Passah war die letzte für Israel in Ägypten. Nun hatte der grausame Frondienst unter den Geißelhieben der erbarmungslosen Vögte ein Ende. Nun hörte die Entwürdigung Israels zu einem wehrlosen und rechtlosen Sklavenvolke auf. Dasselbe Passah, das die Verschonung des Volkes Israel vor dem Zugriff des Gerichtsengels Gottes bedeutete, war zugleich das Siegeszeichen der Erlösung von der Drangsal und Todesfurcht. Das Schreien und Wehklagen des unterdrückten Volkes war vor Gott gekommen: «Und Er gedachte an Seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob, und Er sah darein und nahm sich ihrer an« (2. Mose 2, 24).

Die Stunde der Befreiung hat geschlagen. Ein zahlreiches Volk ist angetreten mit seinem Hab und Gut und mit seinen gesamten Viehbeständen, um in das Land der Verheißung zu ziehen, das Gott dem Volk Israel zu ewigem Besitz zugesprochen hatte, wenn es in Gottes Wegen bleiben würde. Diese Erlösung aus Ägypten steht für immer da als ein Wahrzeichen der Treue Gottes. Er löst das Wort ein, das Er gesprochen hat. Das geschieht keine Stunde zu früh und keine Stunde zu spät, geradeso, wie Er es einst dem Stammvater des Volkes, Abraham, zugesagt hatte (1. Mose 15, 13). Immer wird es dem Volke von seinen Psalmdichtern und Propheten vorgehalten: »Der HErr, der dich aus Ägyptenland geführt hat«, und das Gesetz vom Sinai beginnt mit dem Zeugnis dieser Befreiungstat: »Ich bin der HErr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat« (2. Mose 20, 2).

Die Gottestat der Erlösung von Sünde und Todesmacht.

Doch wieviel mehr als die Befreiung Israels aus ägyptischem Frondienst bedeutet die Erlösung der Menschheit aus der Sklaverei der Sünde durch Jesus Christus! »Der Geist Gottes, des HErrn, ruht auf Mir, weil der HErr Mich gesalbt hat, um den Unglücklichen Frohe Botschaft zu bringen. Er hat Mich gesandt, die gebrochenen Herzen zu verbinden, den Gefangenen die Freiheit anzukündigen und den Gebundenen die Entfesselung . . .« (Jesaja 61, 1).
Diese Frohe Botschaft, dieses Evangelium, geht durch alle Lande, und ein Volk, das nicht zu zählen ist, macht sich auf, dem Zwingherrn der Hölle zu entrinnen und im Reiche des Sohnes Gottes Freiheit und Frieden und ewiges Leben zu finden. ‑ Elia hat in schlimmer Zeit geseufzt: «Ich bin allein übriggeblieben, und sie stehen mir nach dem Leben« (1. Könige 19, 14).
Doch Gott läßt den verzagten Propheten wissen: «Ich will in Israel siebentausend Männer übriglassen: alle, deren Knie sich nicht gebeugt haben vor Baal« (1. Könige 19, 18).
In der Vollendung des Neuen Bundes ist die Zahl der Überwinder unzählbar, die dem Ruf der Frohen Botschaft gefolgt sind «aus allen Nationen, Völkern und Sprachen« (Offenbarung 7, 9).

Auf dieser Erde liegt vor allen Erlösten das Land der verheißenen Sabbatruhe, die ewige Heimat, der sie entgegenwandern durch die versuchungsreiche Wüste dieser Zeit, «gegürtet um ihre Lenden, beschuht an den Füßen und den Wanderstab in den Händen als die Hinwegeilenden«. Damit ist in der Gleichnissprache, die der Morgenländer liebt und die ihm verständlich ist, die Bereitschaft ausgedrückt, den Bindungen des Weltwesens zu entsagen und dem himmlischen Ziel nachzustreben.

Der Blick nach vorwärts aufs Ziel.

Mit dem HErrnmahl ist für das Volk des Neuen Bundes ebenso der Hoffnungsgedanke verknüpft wie für das Volk Israel in Ägypten mit dem Passah. »Denn sooft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr des HErrn Tod, bis daß Er kommt« (1. Korinther 11, 26).
Jesus mahnt die Seinen: »Lasset eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren HErrn warten!« (Lukas 12, 35.)

Es gilt, feste und gewisse Tritte zu tun auf dem steilen Pfad zum Ziel. Der Wanderstab in der Hand ist das Bild des getrosten und entschlossenen Glaubens, der nur von einem Gedanken beherrscht ist: »Fortgerungen, durchgedrungen bis zum Kleinod hin« Die Kinder des Neuen Bundes sind Hinwegeilende: »Valet will ich dir geben, du arge, falsche Welt!« Das HErrnmahl hat vor allem auch eine eschatologische Bedeutung. »Eschatologisch«, das bedeutet: im HErrnmahl ist die Zukunft der Gemeinde bereits gegenwärtig. Diese Seite des HErrnmahls ist von den Reformatoren durchweg übersehen worden; einzig Calvin macht eine schwache Andeutung davon. In den sogenannten »Arnoldshainer Thesen« (1958), die durch eine Kommission von evangelischen Theologen aller Konfessionen in jahrelanger Bemühung um das rechte Verständnis des HErrnmahls erarbeitet worden sind, heißt es in der ersten These: »Im Abendmahl lädt der erhöhte HErr die Seinen an Seinen Tisch und gibt ihnen jetzt schon Anteil an der zukünftigen Gemeinschaft im Reiche Gottes.« Das Hoffnungsgut der Gemeinde Jesu wird bezeugt durch die Feier des HErrnmahls. Bei dieser Feier hat für den Glauben »die Zukunft schon begonnen«, so wie beim ersten Passahmahl in Ägypten vor dem geistigen Auge der »Hinwegeilenden« die heißersehnte Freiheit und die verheißene Heimat stand.

 

Das Fest der ungesäuerten Brote

In jener letzten Nacht in Ägypten herrschte Eile. Keine Zeit blieb zum Herrichten von Speise und Wegzehrung. Darum sollte ungesäuertes Brot gebacken werden. Was der Eile wegen geboten war, hat eine starke sittliche Bedeutung. Gärung ist Sinnbild der Zersetzung und Verderbnis. Das ungesäuerte Brot soll dem Volk eindringlich die Mahnung ins Herz schreiben: »Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig.« Daher mußten die Wohnungen der Israeliten vor der Passahfeier peinlich gesäubert werden; keine Spur von Sauerteig oder von gesäuertem Brot durfte in der Wohnung gefunden werden. Sieben Tage sollten die Feiernden ungesäuertes Brot essen, sogenannte Matzen. Darum wird die Passahfeier auch das »Fest der ungesäuerten Brote« genannt.

Für die Kinder Gottes des Neuen Bundes gehen die Tage der süßen Brote durch ihr ganzes Leben. Nach des Apostels Mahnung darf in ihrem Leben »der Sauerteig der Bosheit und Argheit« nicht geduldet werden; vielmehr soll »der Süßteig der Lauterkeit und der Wahrheit« Kennzeichen ihres neu gewordenen Lebens sein (1. Korinther 5, 8). In dem Wort »Lauterkeit« ist der Gedanke von »Sonnenglanz« aufgenommen: was nicht im hellen Licht Gottes bestehen kann, das zerstört die Gemeinschaft mit Christus und mit den Seinen. Nur in der »Wahrheit« kann diese Gemeinschaft aufrechterhalten werden. Vor Gott kann kein Schein‑ und Lügenwesen bestehen, kein Verdecken und Verstecken, sondern nur Aufrichtigkeit und Lauterkeit.

Unter der Deckung des Blutes

Das Passah bildet eine eigene Opfergattung. Es ist nicht unter die verschiedenen Opferarten unterzubringen, von denen wir in 3. Mose 1‑7 lesen. Nur das Blut des Passahlammes bewirkte die Verschonung. Das Blut an den Türpfosten und an der Oberschwelle brachte für die Bewohner des Hauses Geborgenheit vor dem Gerichtsengel Gottes.

Die Passahfeiern sind durch Christus ein für allemal beendet. Die Passahfeier ist durch das HErrnmahl auf eine höhere Stufe erhoben. Aus der Verheißung ist Erfüllung geworden, aus dem Schattenbild Wirklichkeit. Darum ist das HErrnmahl nicht bei einer beliebigen Gelegenheit, sondern im Anschluß an das Passahmahl eingesetzt worden. Jesus ist in Seiner Person das wahre Passahlamm. Der Schattendienst des Alten Bundes ist in Jesus zu seinem Ende gekommen. Der Evangelist Johannes findet eine eindrückliche Beziehung vorn Passahlamm des Neuen Bundes in der Erfüllung des Wortes: »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen!« (2. Mose 12, 46; Johannes 19, 36.) Das war für ihn Trost und Glaubensstärkung: Jesu Opfergang stand unter Gottes Ratschluß bis in den kleinsten Umstand hinein. Damit war seine Ewigkeitsbedeutung erwiesen.

Eine neue Zeitrechnung

Das Passah bildete einen Wendepunkt in der Geschichte Israels. Fortan ist es »das Volk des HErrn«: »Ihr sollt Mein Eigentum sein vor allen Völkern« (2. Mose 19, 5), und der Psalmsänger bekennt im Namen des Volkes vor Gott: »Wir sind Dein Volk und Schafe Deiner Weide« (Psalm 79, 13; 95, 7; 100, 3).

Darum beginnt mit dem ersten Passah für Israel eine neue Zeitrechnung: »Der gegenwärtige Monat soll euch als Anfangsmonat gelten; der erste soll er euch unter den Monaten des Jahres sein.« Geradeso ist es mit dem Heilsopfer Jesu am Kreuz auf Golgatha. Wenn ein Mensch die Erlösung durch Christus im Glauben erfährt, tritt in seinem Leben eine Wende ein. »Das Alte ist vergangen; es ist Neues geworden« (2. Korinther 5, 17).

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, eine neue Zeitrechnung. Eine neue Geschichte hebt an, die dem Leben des erlösten Menschen Sinn, Inhalt und Ziel verleiht. Gleichwie Abrahams Geschichte in heilsmäßigem Sinne erst beginnt mit der göttlichen Berufung, der er im Glaubensgehorsam folgte, so beginnt die eigentliche Geschichte eines Gotteskindes damit, daß es im Glauben eine volle Kehrtwendung macht und der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus folgt: »Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, das da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, nach dem Kleinod der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus« (Philipper 3, 14).

Im HErrnmahl bezeugen die Kinder Gottes, daß Christus ihr Leben ist und daß sie in der Kraft der himmlischen Speise, des Lebensbrotes in Christus, auf dem Wege zum Ziele sind. Als »Menschen unterwegs« haben sie nur eine Leidenschaft: das Ziel zu erreichen, und ihr Ziel heißt Jesus!

Mit Adolf Krummacher (1824 ‑1884) singen sie:

Stern, auf den ich schaue,
Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue,
Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe,
Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe
alles, HErr, bist Du!

Am Tisch des HErrn

Das Passahmahl vereinte die Familie zu einem Gastmahl Gottes. Die Geborgenheit unter der Deckung des Blutes, der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft, auf ein Leben in der Freiheit, gab dem Mahl in den Hütten Israels festliches Gepräge. So bedeutet auch das HErrnmahl ein Festmahl, bei dem die Familie Gottes vereint ist »am Tisch des HErrn«. Wir empfangen am Tisch des HErrn Gottes Gabe, wir sind Empfangende. Nur als Beschenkte können wir wiederum Gott das »Lobopfer der Lippen« darbringen, indem wir Seinen Namen bekennen, Ihm Lob‑ und Danklieder singen. Auch darin liegen die Berührungspunkte zwischen dem Passahmahl und dem HErrnmahl, wie Ernst Moritz Arndt (1769‑1860) es froh be­zeugt.

Kommt her, ihr seid geladen,
der Heiland rufet euch,
der süße HErr der Gnaden,
an Huld und Liebe reich;
der Erd und Himmel lenkt,
will Gastmahl mit euch halten
und wunderbar gestalten,
was Er in Liebe schenkt.

Kommt her, verzagte Sünder,
und werft die Ängste weg;
kommt her, versöhnte Kinder,
hier ist der Lebensweg!
Empfangt die Himmelslust,
die heilige Gottesspeise,
die auf verborgne Weise
erquicket jede Brust.

Drum jauchze, meine Seele!
Drum jauchze deinem HErrn!
Verkünde und erzähle
die Gnade nah und fern,
den Wunderborn im Blut,
die sel’ge Himmelsspeise,
die auf verborgne Weise
dir gibt das höchste Gut.

2. DIE EINSETZUNG

Das HErrnmahl ist sichtbares Verheißungswort

»Mich hat herzlich verlangt, dies Passahlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide!« (Lukas 22, 15.) Mit diesen Worten zeigt Jesus Sein inneres Empfinden bei dem letzten Mahl mit Seinen Jüngern. Er weiß, daß jetzt Seine Sendung sich erfüllt und daß Sein Tod die Welt erlösen wird. Demgegenüber ist die Erlösung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft nur ein schwaches Schattenbild. Jesus ist sich des qualvollen und schmachvollen Ausgangs Seines Erdenlebens gewiß. Doch jetzt bewegt Ihn gegenüber dem bevorstehenden Todesleiden der Gedanke des Sieges. Er nimmt schon vorweg die vollbrachte Erlösung und die Frucht Seines Todesleidens: Seine bluterkaufte Gemeinde. Der alte Bund geht zu Ende und macht einem neuen Bunde Platz, der zur Vollendung bringt, »was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war« und wofür der Bund vom Sinai nur Abschattung und Hinweis war. Indem Jesus das HErrnmahl einsetzt, bekundet Er feierlich den neuen Gnadenbund Gottes mit Seinem Volke.

Es ist göttliche Art, alles Große still und geräuschlos ins Werk zu setzen. Ganz unmerklich leitet Jesus vom Passahmahl über zu dem neuen Bundeszeichen, dem HErrnmahl. Doch ist der Aufmerksamkeit der Jünger nicht entgangen, daß sich in diesem Augenblick etwas Neues vollzog und ein Altes abgetan wurde. War ihnen auch das Kreuzesgeheimnis noch nicht geoffenbart, war ihnen die Bedeutung von Brot und Kelch als Zeichen und Sinnbild Seines Kreuzesleidens und Blutvergießens noch nicht erschlossen, so prägten sich doch das Handeln und die Worte Jesu unverlöschlich ihrem Gedächtnis ein. Später würde der Heilige Geist ihnen das volle Verständnis für das Zeichen des Neuen Bundes schenken. In den nachfolgenden Abschiedsreden Jesu ist nicht mehr unmittelbar Bezug genommen auf das HErrnmahl, aber sie sind angefüllt mit dem Neuen, das ihrer wartete als Frucht Seiner Versöhnung der Menschen mit Gott. Es waren Abschiedsworte, durch die ihre Herzen innig mit dem Meister verbunden wurden. Und wenn auch ihre Herzen durch die sich überstürzenden Ereignisse verwirrt und ratlos wurden ‑ zu Pfingsten sollte ihnen alles klar werden. Ohne göttliche Erleuchtung ist der Ratschluß Gottes zu unserer Erlösung nicht zu verstehen. Doch ein deutendes Zeichen jenes Geschehens, wodurch Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurden, ist das HErrnmahl, das letzte Vermächtnis Jesu auf Erden an Seine Jünger. In diesem Zeichen wird der sühnende Opfertod Jesu verkündet. Das HErrnmahl ist ein sichtbares Wort Gottes. Es sagt den glaubenden Teilnehmern: »Ihr seid mit Gott versöhnt!«

Im HErrnmahl ist vergegenwärtigt, was auf Golgatha geschah

Der Bericht über die Einsetzung des HErrnmahls liegt uns in den drei ersten Evangelien vor: Matthäus 26, 26‑28; Markus 14, 22‑24; Lukas 22, 19. 20. Außerdem findet er sich 1. Korinther 11, 23‑25, wie er dem Apostel Paulus wohl in besonderer Offenbarung kund wurde:

»Der HErr Jesus in der Nacht, da Er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmet, esset, das ist Mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu Meinem Gedächtnis, ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in Meinem Blut; solches tut, sooft ihr’s trinket, zu Meinem Gedächtnis. ‑ Denn sooft ihr von diesem, Brot esset und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr des HErrn Tod, bis daß Er kommt.«

Sooft wir das HErrnmahl feiern, soll uns jedesmal vergegenwärtigt werden, was am Kreuz auf Golgatha geschah. Dies Mahl ist damit von andern Mahlzeiten unterschieden und in zeichenhafte Beziehung gestellt zu dem Sühntod Jesu.

Der Verräter nahm nicht am HErrnmahl teil

Auffallend könnte es erscheinen, daß der paulinische Bericht mit den Worten eingeleitet wird: »In der Nacht, da Jesus verraten ward.« Offenbar ist beabsichtigt, damit hervorzuheben, daß der Verrat des Judas eine Tat war, zu der er bereits unterwegs war, als Jesus nach dem Passahmahl das heilige Gedächtnismahl einsetzte. Als Israelit hatte Judas Ischarioth ein Recht, am Passahmahl teilzunehmen; aber das HErrnmahl stand ihm nicht zu. Johannes, der nächste Augenzeuge, hat den Vorgang genau beobachtet und hat ihn in Kapitel 13, 21‑30 geschichtlich treu und ausführlich wiedergegeben; er sagt, daß Judas nach dem Essen des Bissens, den Jesus ihm gereicht hatte, »alsbald hinausgegangen« ist. Dieser Bissen aber gehörte noch dem Passahmahl an; beim anschließend eingesetzten heiligen Gedächtnismahl bediente man sich keiner Schüssel. Wenn man meint, aus dem Bericht des Lukas auf die Anwesenheit des Verräters beim HErrnmahl schließen zu können, so übersieht man, daß Lukas kein Augenzeuge war und er begreiflicherweise nicht immer genau die Zeitfolge der Ereignisse festlegen konnte. Das tut seinem Bericht keinen Abbruch, denn im Eingang seines Evangeliums sagt er, daß er mit Fleiß alles erkundet habe, weshalb seine sorgfältigen Mitteilungen Anspruch auf sachliche Wahrhaftigkeit machen können. ‑ Jesus selbst braucht beide Male, beim Brot und beim Kelch, die Worte »für euch«, wozu Luther bemerkt: »Der ist recht würdig und wohl geschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: ’Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden’. Wer aber diesen Worten nicht glaubt oder zweifelt, der ist unwürdig und ungeschickt; denn das Wort ’für euch’ fordert eitel gläubige Herzen.« Judas erfüllt diese Forderung eines gläubigen Herzens nicht. Somit ist schon aus inneren Gründen die Annahme abzulehnen, daß Judas bei der Einsetzung des Gedächtnismahles noch zugegen gewesen sei. Wenn man mit neueren Auslegern annehmen würde, daß Jesus die Brotworte zu Beginn des Passahmahles, die Kelchworte jedoch erst nach dessen Beendigung gesprochen habe, so hätte Judas zwar das Brot mit gebrochen, aber nicht den Kelch getrunken. Diese Auffassung findet in der Schrift keine Stütze.

Die Einsetzungsworte.

»Nehmet, esset, das ist Mein Leib, der für euch gebrochen wird.« Wenn das Brot durch das Wort »ist« mit dem Leib Jesu gleichgestellt wird, so muß dies, wie sooft in der Schrift, auch hier im übertragenen Sinne verstanden werden. Ohnehin gibt es das Wort ist in der aramäischen Sprache Jesu nicht, sondern es gehört den Sprachen an, in die Jesu Worte später übersetzt worden sind. Aber davon abgesehen ‑ Jesus hat sich oft ähnlicher Gleichungen bedient, ohne mißverstanden zu werden, beispielsweise in Seinen Selbstzeugnissen: »Ich bin das Brot des Lebens«, »Ich bin der Weinstock« usw. Wenn wir jemandem das Bild eines unserer Vorfahren zeigen mit den Worten: »Das ist mein Großvater«, so wird doch niemand auf den Gedanken kommen, daß Bild und Person wesensgleich, ein und dasselbe sei! Das Brot beim HErrnmahl bleibt an sich Brot wie anderes Brot; aber es tritt bei dieser Handlung in sinngemäße Beziehung zum Leib des HErrn. Das Brot ist bildhafte Rede. In dieser Handlung Jesu wird Sein Selbstzeugnis »Ich bin das Brot des Lebens« übertragen auf Seinen Sühnetod, da Er Leib und Leben in den Tod gegeben hat für uns. Der Streit zwischen Luther und Zwingli um das »ist« war gegenstandslos. Es handelt sich gar nicht um das stoffliche Brot, um den stofflichen Wein; diese irrige Auffassung gipfelt im Messopfer der römischen Kirche, wo alles auf eine Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und in das Blut Christi ankommt. Alle diese konfessionellen Streitfragen um das »ist«, um die Substanz von Brot und Wein, haben im Neuen Testament keine Begründung. Das Brot und der Wein sind Gleichnisbilder, sind Zeichen für die Dahingabe des Sohnes Gottes in den Tod, durch den wir erlöst werden von der Sünde Schuld und Macht und durch den wir zugleich das ewige Leben erlangen ‑ freilich nur in der Glaubensverbindung mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen, nicht in Brot und Wein an sich.

»Für euch!«

Durch die Worte »für euch« wird das HErrnmahl zu einem frohen Bekenntnismahl: »Jesus, Du starbst für mich!« Wenn wir mit eigener Hand das Brot brechen, so durchzittert uns der Gedanke, daß Jesus in Seinem Opfertod unsere Stelle eingenommen hat und unsern Tod gestorben ist, wodurch Er uns zu Seinem Eigentum erkauft hat. Kann Er inniger zu uns sprechen? ‑ Bekannt ist, daß der später so gesegnete Gottesmann Eduard Graf von Pückler (1853‑1924) bei einer HErrnmahlfeier, an der er als junger Justizreferendar teilgenommen hatte, jedoch nur als Zuhörer, durch dieses bei der Feier häufig wiederholte »für euch gebrochen«, »für euch vergossen«, innerlich gepackt und herumgeholt wurde auf den Weg der Jesusnachfolge. Möge auch uns dieses Wort »für euch« zu Herzen gehen!

Einer für alle!

Schärfer noch kommt der Gedanke des stellvertretenden Sühneleidens Jesu zum Ausdruck beim Kelch: »Dieser Kelch ist das neue Testament in Meinem Blut« (1. Korinther 11, 25) oder, wie es Matthäus 26, 28 heißt: »Das ist Mein Blut des neuen Testaments, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.« Das heißt: das neue Testament tritt durch das für uns vergossene Blut Jesu in Geltung und Kraft. Wo ein Neues eingesetzt ist, da ist ein Altes vorausgegangen und nun außer Kraft gesetzt worden, nämlich der sinaitische Gesetzesbund mit seinem Fluchwort für alle seine Übertreter (Galater 3, 10). Einst war auch dieser Gesetzesbund durch Blutvergießen in Kraft getreten: »Alles Volk sprach: ’Alles, was der HErr gesagt hat, wollen wir tun’. Da nahm Mose das Blut und besprengte damit das Volk und sprach: ’Sehet, das ist das Blut des Bundes, den der HErr mit euch macht’.« (2. Mose 24, 8.) Damit war dieser wechselseitige (alte) Bund fest geworden und konnte nicht einfach aufgehoben werden. Die unzähligen Opfer des Alten Bundes hatten keinerlei sühnende Kraft und konnten keine Sünde wegnehmen und tilgen. Alles blieb beim alten. Nun aber ist der große feierliche Augenblick gekommen, da dieser Alte Bund mit seinem Fluchwort verschwindet. Jesu heiliges Blut hat sühnende Wirkung. Einer tritt für alle ein, und in göttlicher Vollmacht erklärt Er: »Dies ist das Blut des neuen Testaments für viele zur Vergebung der Sünden.«

Das Grundwort des neuen Bundes heißt: Gnade.

Beachten wir, daß Jesus keine Bedingung an den Empfang Seines Heils stellt. Das Grundwort des neuen Bundes heißt: Gnade! »Wir werden geschenkweise (Luther: ohne Verdienst) gerecht durch Seine Gnade« (Römer 3, 24). Bedingungsloses Heil! Jede noch so kleine Bedingung hätte den neuen Bund bereits in seinem Ansatz aufgelöst. Eigentlich ist in diesem Zusammenhang die Bezeichnung »Bund« irreführend. Nicht von einem Bunde, der wechselseitig ist und auf einem Vertragsabschluß beruht, redet Jesus in den Einsetzungsworten des HErrnmahls, sondern von einem Testament, also von einer einseitigen, allein vom Erblasser bestimmten Verfügung. Das gebrauchte Wort (diatheke) bedeutet neutestamentlich nie einen Bund im Sinne eines wechselseitigen Vertrags, sondern immer nur Verfügung, Anordnung, eine einseitige Setzung. Jesus bietet ein Heil an aus Gnaden, wie es der verlorene und im Grund seines Wesens verderbte Sünder braucht, mit einem Heil, das an Bedingungen geknüpft wäre, könnte er nichts anfangen; er kann ja nicht aus seiner Haut heraus. Im HErrnmahl hat Jesus feierlich »das neue Testament in Seinem Blut« verkündigt. Jede HErrnmahlfeier ist eine Kundmachung der bedingungslosen, freien Gnade, durch die uns Gottes Huld und Wohlgefallen in Christus ohne menschliche Gegenleistung zuteil geworden ist.

Aus Gnaden! Hier gilt kein Verdienen,
die eignen Werke fallen hin.
Er, der aus Lieb im Fleisch erschienen,
hat diese Ehre zum Gewinn,
daß uns Sein Tod das Heil gebracht
und uns aus Gnaden selig macht.

Aus Gnaden! Dieser Grund soll bleiben,
solange Gott wahrhaftig heißt.
Was alle Knechte Jesu schreiben,
was Gott in Seinem Wort anpreist,
worauf all unser Glaube ruht,
ist Gnade durch des Lammes Blut.

Christian Ludwig Scheidt (1709 ‑1761)

Vergebung schafft eine Neuordnung des Lebens.

In der Matthäusstelle ist das Heilsgut des neuen Testaments ‑ gewirkt durch das Blut Christi ‑ bezeichnet als »die Vergebung der Sünden«. Damit hängt es zusammen, daß von der Schrift das HErrnmahl stets unter den Gesichtspunkt des Todes Christi gestellt wird. Der Sühnetod Jesu ist die Grundlage und der Inbegriff alles Heils, aller Vergebung. Vergebung der Sünden ist gleichzeitig Gemeinschaft mit Gott; sie bedeutet im Grunde Gotteskindschaft. Von dieser neuen Lebensmitte geht eine Neuordnung des ganzen Lebens aus. Mag man für unser begriffliches Denken Rechtfertigung und Heiligung gesondert betrachten, so ist doch lebensmäßig beides unzertrennbar beisammen. Christus erlöst von den Sünden, aber nicht in der Sünde. Bei der Vergebung der Sünden klingt der Gedanke der Heiligung immer mit. Ohne Erkenntnis und Bekenntnis der Sünden, ohne Bruch mit der Sünde, ohne innere Abkehr von ihr gibt es keine Vergebung der Sünden. In der Grundsprache bedeutet das Wort für Vergebung (aphesis) eigentlich ein Loslassen, nämlich aus dem Bann der Sünde, aus Schuldhaft und Verstrickung der Sünde. Befreiung von der Schuld, Entlastung des Gewissens ist erstrangig; aber eng damit zusammen hängt die Entmachtung der Sünde. In diesem Sinne kann man sagen, daß Heiligung ständiges Bleiben in der Vergebungsgnade ist. Man muß etwas wissen von einem offenen Himmel über sich, von dem freien Zugang zu Gottes Gnadenthron, um vor Gott ein geheiligtes Leben führen zu können. Man muß sich beschlagnahmt wissen für Jesus.

»Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.«

Mit den Worten: »… in Meinem Blut« weist Jesus zurück auf den alttestamentlichen Opferdienst mit seinen unzähligen blutigen Tieropfern. Jesus stellt Seinen eigenen Tod dar als eine Erfüllung dieses vorläufigen Opferdienstes, der im Grunde nur den Opfernden ihre Schuld ins Bewußtsein rückte und Hinweis war auf das verheißene vollkommene Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinwegträgt. Jesu Kreuzestod ist als Sühnopfer zu verstehen. Bei allem Opferdienst im Alten Bunde ging es um das Blut. »Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung« (Hebräer 9, 22). Der schuldige Mensch hat vor Gott sein Leben verwirkt, »des Leibes Leben ist im Blut«, wie es mehrfach im Gesetz Gottes heißt (3. Mose 17, 11. 14). Aber das Blut der Opfertiere konnte wohl die Notwendigkeit des Sühnopfers bekunden, aber es hatte in Wirklichkeit keine sühnende Wirkung. »Es ist unmöglich, durch Ochsen- und Bocksblut Sünden wegzunehmen« (Hebräer 10, 4). Auch Menschenblut vermöchte das nicht, »kann doch einen Bruder niemand erlösen noch ihn Gott versöhnen — denn es kostet zuviel, ihre Seele zu erlösen; man muß es anstehen lassen ewiglich« (Psalm 49, 7—9). Doch das Blut des menschgewordenen Gottessohnes ist heiliges Blut und hat sühnende Kraft: »Das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, reinigt unser Gewissen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott.« Jesu Blut ist göttliches Leben. »Das Blutvergießen und Sterben Dessen, der selbst Leben heißt, ist nicht etwas Totes, sondern das Lebendigste selbst, so daß in Seinem Tode der Tod vom Leben verschlungen ist« (Olshausen). Das HErrnmahl ist eingesetzt von Dem, der da ist »heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher, als der Himmel ist« (Hebräer 7, 26). Ja, »kündbar groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Gott offenbart im Fleisch« (1. Tim. 3, 16). Blut und Leben sind in der Heiligen Schrift gleichgestellte Begriffe. Aus der Fülle Seines Lebens spendet der erhöhte Herr den Gästen Seines Mahles stärkende Kraft. Der Glaube empfängt aus dem sichtbaren Verheißungswort ewiges Leben. Der Glaube begegnet im HErrnmahl Christus, dem ewigen Lebensquell; fehlt der Glaube, so ist die Teilnahme am HErrnmahl wertlos. Welche Ehre ist es doch, daß der HErr uns zu Seinem Tische lädt.

 

3. DIE BEDEUTUNG

a) Gedächtnismahl

Feier der Erlösung und Lebensweihe für Christus.

Beide Male, sowohl beim Brot wie beim Kelch, erklärt Jesus: »Solches tut… zu Meinem Gedächtnis« (1. Korinther 11, 24. 25). Dieser Nachsatz bestimmt näher das vorher Gesagte. Durch das Brechen des Brotes und Trinken des Kelches soll in unser Gedächtnis gerufen und darin vertieft werden die große Heilstat Jesu auf Golgatha in der Dahingabe Seines Lebens zur Erlösung der Welt. Jesus knüpft mit diesem Nachsatz an das Passahmahl an, das ebenfalls zum Gedächtnis eingesetzt war: »Ihr sollt diesen Tag haben zum Gedächtnis und sollt ihn feiern dem HErrn zum Fest, ihr und alle Nachkommen zur ewigen Weise« (2. Mose 12, 14). Was das Passahmahl. für Israel war — die Feier der Erlösung aus der Sklaverei Ägyptens und die Weihe des Volkes für Gott —, das soll das HErrnmahl für die Gemeinde Jesu sein: die Feier der Erlösung aus der Zwingherrschaft Satans und die immer erneute Lebensweihe für Christus. Die Passahfeier ist für die Kinder des neuen Bundes abgetan; an ihre Stelle ist eine Feier höherer Ordnung getreten: die Feier der Erlösung von Sünde und Welt, von Satan und Tod, die Lebensweihe für den himmlischen König Jesus Christus, für den himmlischen Bräutigam der bluterkauften Gemeinde.

Kein »Sakrament«!

Wenn es etwas gibt, was den landläufigen kirchlichen Sakramentsbegriff in seiner dinglichen Form verneint — als hafte am HErrnmahl an sich, ohne die Voraussetzung des persönlichen Glaubens, die Vergebung der Sünden —, dann ist es die wiederholte Aufforderung Jesu: »Solches tut zu Meinem Gedächtnis!« Das macht deutlich, daß das HErrnmahl keinerlei magische Bedeutung hat. Mit dem kirchlichen Sakramentsbegriff ist zumeist die Vorstellung einer magischen Wirkung verbunden. »Sakrament« ist die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes »Geheimnis« (mysterion). Im Neuen Testament gibt es überhaupt keinen Sakramentsbegriff, und wo das Wort in der lateinischen Übersetzung gebraucht wird, da hat es keine Beziehung zu Taufe und HErrnmahl, wie zum Beispiel 1.Tim. 3,16: »Anerkanntermaßen groß ist das Geheimnis (sacramentum) des Glaubens: Der geoffenbart worden ist im Fleisch, als gerecht erwiesen im Geist, erschienen ist den Engeln, gepredigt unter den Völkern, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit…« Den Sakramentsbegriff hat eine geistlose Theologie in den späteren Jahrhunderten der Kirche erfunden. Bevor im Hochmittelalter die römische Kirche sich auf sieben Sakramente festlegte, gab es zeitweilig ihrer sogar dreißig. Die Reformatoren ließen von den sieben Sakramenten der katholischen Kirche bekanntlich zwei gelten, Taufe und Abendmahl. Aber dem Neuen Testament ist, wie gesagt, sowohl der römische wie der protestantische Sakramentsbegriff völlig fremd.

 – So hat der Missionsdirektor Wilhelm Nitsch (Neukirchen, Kreis Moers) im »Gärtner« 28/1960 darauf aufmerksam gemacht, daß der kirchliche Sakramentsbegriff schon deshalb als irrig abgelehnt werden müsse, weil im Neuen Testament nach der lateinischen Übersetzung auch von einem teuflischen Sakrament die Rede ist, nämlich in der Offenbarung Johannes 17, 7: »Ich will dir sagen das Sakrament von dem Weibe und von dem Tier…« Wörtlich bemerkt Nitsch dazu: »Also das buhlerische Weib der Offenbarung und das Tier aus dem Abgrund sind Sakramente. In diese Reihe wird das HErrnmahl, dies heilige Mahl der Gemeinschaft der gläubigen Gemeinde mit ihrem erhöhten HErrn und untereinander, hineingestellt, wenn man es als Sakrament bezeichnet! Als ich das entdeckte, da sagte ich mir: Also nie wieder das HErrnmahl ein Sakrament nennen! Es ist ja auch kein »Geheimnis«, sondern ein schlichtes Mahl derer, die »des HErrn Tod verkündigen, bis daß Er kommt« (1. Korinther 11, 26), also derer, deren »einiger Trost« es ist (nach der köstlichen Erklärung im Heidelberger Katechismus), ’daß ich mit Leib und Seele beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin, der mit Seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt hat’, und wie es da weiter heißt. Darum ist es auch ein ganz übler Mißbrauch, der in der kirchlichen Konfirmation mit diesem heiligen Mahl getrieben wird …«

Taufe und HErrnmahl sind nicht dazu da, das zu vermitteln, was nur dem Glauben zugesagt ist. Für den persönlichen Heilsglauben gibt es keinen Ersatz. »Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen«, genauer gesagt: mit Gott in Verbindung zu kommen, in einen neuen Lebensstand zu gelangen (Hebr.11, 6). Der Glaube allein bringt den Menschen in Verbindung mit Gott und beendet die Forderungen und Anklagen des Gewissens. Da HErrnmahl — wie die Taufe — erweist sich dabei als ein Gnadenmittel, ebenso wie das Wort Gottes, die Gemeinschaft in der Gemeinde, das Gebet (Apostelgeschichte 2, 40). Ma hat darum Taufe und HErrnmahl schon das »sichtbare Wort Gottes« genannt. Es wäre sinnwidrig, diesem »sichtbaren Gotteswort« eine grundsätzlich andere Wirkung zuzuschreiben als dem gelesenen und gehörten Gotteswort, das doch allein Glauben und geistliches Leben schafft. Wie die Israeliten die eherne Schlange, die einst als ein Gnadenmittel zum Heil für die von der Schlange Gebissenen aufgerichtet worden war später abgöttisch verehrten und ein Zaubereistück daraus machten (2. Könige 18, 4), so hat eine verkehrte kirchliche Dogmatik aus den Gnadenmitteln Taufe und HErrnmahl Zaubermittel gemacht, deren Gebrauch Wiedergeburt und Vergebung der Sünden bewirken soll. Dieser böse Irrtum mindert aber nicht die hohe Wertschätzung der uns anvertrauten Gnadenmittel.

Ein wichtiges Gnadenmittel.

Wo das innere Leben gesund ist, wird sich ein Bedürfnis nach allen Gnadenmitteln finden, sowohl nach dem Hören und Lesen des Wortes Gottes, wie nach Gemeinschaft in der Gemeinde, wie nach der Teilnahme am HErrnmahl und nach dem gemeinsamen Gebet.

Das Gnadenmittel des HErrnmahls wirkt sich zudem noch segensreich aus, weil es die Bahn frei hält zu Gott und zu den Brüdern, worüber noch besonders zu reden ist. Die Verkehrswege müssen auch im geistlichen Leben immer wieder freigeräumt werden von Unrat und Schmutz. Wer auf die Dauer meint, auf die Teilnahme am HErrnmahl verzichten zu können, bei dem muß in der Regel ein Absinken des Wärmegrades seines inneren Lebens und eine bedenkliche Störung des guten Verhältnisses zu Gott und zu den Geschwistern in der Gemeinde angenommen werden. Jesus kannte das menschliche Herz mit seinem Trotz und Verzagen, mit seinen Irrungen und natürlichen Neigungen. Darum setzte Er das HErrnmahl ein als Stärkung für unsern Glaubensweg. Jesus will uns dadurch segnen und fähig machen, für andere ein Segen zu sein. Wir setzen uns der Gefahr aus, im geistlichen Leben zu verkümmern, auf dem Glaubensweg zum ewigen Ziel dahintenzubleiben, wenn wir uns einbilden, auf die Teilnahme am HErrnmahl verzichten zu können.

Ein lebendiges, unvergängliches Denkmal.

Das Wort »Gedächtnis« kommt in der Grundsprache aus der Wurzel »eingedenk sein, sich erinnern, an Vergangenes denken«; es ist hier verbunden mit einem Verhältniswort, das in Zusammensetzungen die Bedeutung von »wieder, abermals, von neuem« annimmt. Damit wird das HErrnmahl als ein Gedächtnismahl bezeichnet, das immer wiederkehren und oftmals stattfinden soll, wenn Kinder Gottes sich versammeln. Die Jünger haben den HErrn recht verstanden, wenn sogleich nach Pfingsten das »Brotbrechen« zu den regelmäßigen Zusammenkünften der Gläubigen gehörte. Auch wenn man mit den neueren Forschern unter dem Brotbrechen die damals in der christlichen Gemeinde üblichen Liebesmahle (agapen) versteht, so wissen wir aus dem Neuen Testament, daß diese Liebesmahle wohl regelmäßig mit dem HErrnmahl beschlossen wurden. Wenn es also heißt: »Und sie waren täglich und stets zusammen einmütig im Tempel und brachen das Brot hin und her in den Häusern« (Apostelgeschichte 2, 46), so dürfen wir dabei die Feier des HErrnmahles ebenso voraussetzen, wie das Lesen und Hören des Gotteswortes, wie ein inniges Gemeinschaftsleben und das gemeinsame Gebet. Es ist gewiß dem HErrn wohlgefällig und nicht zu verwehren, wenn nach dem urchristlichen Beispiel auch in kleineren Zusammenkünften der Gläubigen »hin und her in den Häusern« nach empfangenen Segnungen und auf Anregung des Heiligen Geistes der Tod des HErrn verkündigt wird durch das HErrnmahl. Denn wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind, da ist Er mitten unter ihnen (Matthäus 18, 20).

Demselben Wortstamm, dem das Wort »Gedächtnis« angehört, – entstammt die Bezeichnung »Denkmal«, nämlich ein Zeichen der Erinnerung, das etwa einer verdienten Persönlichkeit oder einem wichtigen geschichtlichen Ereignis errichtet wird. So wird dem HErrn Jesus im HErrnmahl ein Denkmal gesetzt, das uns ständig erinnert an Seine im Tode verblutende Liebe zu Seiner Gemeinde, dem teuersten Juwel Seines Herzens. Das HErrnmahl ist ein Denkmal, dauerhafter als die Denkmäler dieser Welt aus Stein und Erz; es ist ein lebendiges und unvergängliches Denkmal in den Herzen der Erlösten, errichtet dem Retter von Golgatha. »Solches tut zu Meinem Gedächtnis!« Nicht das HErrnmahl an sich ist es, das wir feiern, sondern es ist Jesus Christus selber in Seiner unausdenkbaren Größe und in dem überweltlichen Glanz Seiner göttlichen Liebe, der im Mittelpunkt der HErrnmahlfeier steht. Mitten hinein in die gläubige Gemeinde ist dieses Denkmal gestellt. Die Erlösten des HErrn sind es, die immer erneut ihrem geliebten HErrn freudig dies Denkmal errichten. Es gibt nichts an Seligkeiten und keine Gnadengaben Gottes für die Seinen, die nicht ihren ewigen Quellgrund in Christus haben.

Wegzehrung auf dem Weg zur Heimat.

Die Erfahrung lehrt, daß im Glaubensleben der Blick auf das volle Christusheil gar leicht abhanden kommen kann. Oft sind es gerade die einfachsten und grundlegenden Wahrheiten, die am schwersten verstanden und am schnellsten in unserem Bewußtsein in den Hintergrund gedrängt werden. Es handelt sich eben bei diesen grundlegenden Wahrheiten nicht um verstandesmäßiges Wissen, sondern um ein Erleben von Wirklichkeiten, die jenseits unserer Natur liegen. Wir sind vom Argen und denken leicht arg von Gott; das kindliche Vertrauen zu Gott wird nur in Proben des Glaubens geboren. Dazu kommt, daß nach Galater 5, 17 Fleisch und Geist miteinander in Fehde liegen: »Das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch; diese sind widereinander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt«. Die unausrottbare Fleischesnatur strebt allezeit danach sich vorzudrängen; daraus erwächst ein Zwiespalt, der in uns ausgetragen werden muß und unseren inwendigen Menschen immer neu vor Entscheidungen stellt. Je nachdem, welche Macht in uns die Oberhand behält, werden wir siegen oder unterliegen. Wie wichtig ist es darum, daß wir innerlich gestärkt werden durch die Gnadenmittel, die uns angeboten sind!

In dem dargelegten ständigen Widerstreit kommt es darauf an, in welcher persönlichen Geistesverfassung wir uns jeweils befinden. Die vorherrschende innere Gesinnung bestimmt unser Tun, sei es im Guten oder Bösen. Nicht auf die Tat oder das Handeln kommt es im tiefsten Grunde an, sondern auf den Beweggrund. Nach 1. Korinther 4, 5 wird der »Rat des Herzens« einst im Gericht ans Licht gezogen. Die Gesinnung des Menschen ist aber so geschaffen, wie der Geist des Menschen genährt und erfüllt ist von Gedächtnisstoff, von Bildern und Vorstellungen, von Wünschen und Begierden. Hier liegen die Ursprünge unserer Handlungen; hier ist der Quellgrund unserer Lebenshaltung. Hier entscheidet es sich, ob der Geist der Welt oder der Geist aus Gott uns bestimmt. Bleiben wir für die Einflüsse aus der oberen Welt offen, so beherrschen uns nicht die Begierden von unten. Überwinder sind Menschen, in denen das Wort Gottes reichlich wohnt und in denen Christus den Thron des Herzens eingenommen hat. Im Mittelpunkt der Schrift aber steht Jesu Kreuz, Seine Opfertat auf Golgatha, die Welterlösung. Von diesem Mittelpunkt gehen alle Linien der Heilswirkungen aus. Nichts haßt der Teufel mehr als die »Bluttheologie«. Leider ist eine ungeistliche Theologie ihm dienstbar und sucht mit wissenschaftlichen Gründen die Lehre der Schrift vom Heil in Jesu Blut und
Wunden in Verruf zu bringen.

Das Heilserlebnis muß immer wieder vergegenwärtigt werden.

Im HErrnmahl feiern wir die Erlösung durch Jesus Christus. In dieser Feier soll sich die Flamme des Glaubens immer neu entfachen. Was in der Bekehrung begonnen wurde, das soll fortgesetzt werden durch ein Leben im Glauben. »Wie ihr angenommen habt den HErrn Christus Jesus, so wandelt in Ihm!« (Kolosser 2, 6.) Immer gilt es, sich im Glauben zu üben, die täglichen Bewährungsproben zu bestehen. Das Christusheil ist so groß und tief, daß wir ihm nie entwachsen. Je besser wir Christus kennenlernen, desto mehr weitet sich der Blick für die Länge und Breite und Höhe und Tiefe Seiner unerforschlichen Person (Epheser 3,18). Der Glanz Seiner Herrlichkeit ist aufgegangen auf Golgatha. Hier ist der Bergungsort, der Ruheplatz für unsere Seele, wohin wir fliehen, wenn Satan uns nachstellt und das eigene Herz uns verdammt. Hier ist der Kraftquell, wo wir gesunden und Mut gewinnen für den uns verordneten Kampf des Glaubens. »Es ist Kraft in dem Blute des Lammes!« In dem Maße, wie ein fortgehendes Vergegenwärtigen der Sühnetat auf Golgatha unser Leben bestimmt und uns befreit von der Sündenmacht, gewinnen wir zuversichtliche Freudigkeit zu Gott und überwindende Kraft wider die Gewalten der Finsternis. »Bekümmert euch nicht; denn die Freude am HErrn ist eure Stärke« (Nehemia 8, 10).

Mit einem Befehl fordert Jesus uns auf: »Solches tut zu Meinem Gedächtnis!« Wir werden diesem Wort nicht gerecht wenn wir es nur äußerlich fassen und eine fromme Gewohnheit daraus machen. Vielmehr muß dieses Gedenken zu einen Vergegenwärtigen der Heilandstat auf Golgatha in unseres eigenen persönlichen Leben und im Leben der Gemeinde werden. Wir bedürfen dieser Wegzehrung auf der Wanderschaft zur ewigen Heimat. Der Weg ist voller Versuchungen, wie es die vierzigjährige Wüstenwanderung des Volkes Israel von dem Auszug aus Ägypten bis zur Einnahme des verheißenen Landes gewesen ist. Durch Seinen Geist weilt der HErr segenspendend in dem Kreis der Seinen: »An welchem Ort ihr Meines Namens Gedächtnis stiften werdet, da will Ich zu dir kommen und dich segnen« (2. Mose 20, 24).

 

b) Verkündigung des Todes des HErrn

»Denn sooft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr des HErrn Tod, bis daß  Er kommt.« (1. Korinther 11, 26.)

Zum Eigentumsvolk erkauft.

Mit einem denn ist der vorstehende Vers mit den Einsetzungsworten des HErrnmahles verbunden und dessen Zweck und Bedeutung herausgestellt. Der Sühnetod Jesu soll als die entscheidende Heilstat Christi fortan im Mittelpunkt des Lebens der Gläubigen und der Verkündigung der Gemeinde stehen. Damit soll nicht lediglich das einmalige heilsgeschichtliche Geschehen auf Golgatha vor bald zweitausend Jahren bezeugt werden, sondern es wird damit eine fortwirkende Tatsache bekannt, die unser Leben bestimmt und ihm Inhalt und Ziel verleiht. Das HErrnmahl ist die schlichteste und augenscheinlichste Bekundung des stellvertretenden Kreuzestodes Jesu, von dem ungeahnte Heilsstärkungen ausgehen für die ganze Menschheit.

Jesus selbst hat in Seinen Einsetzungsworten nach dem Matthäusevangelium die Bedeutung Seines Sterbens klar ausgesprochen: »Des Menschen Sohn ist gekommen, Sein Leben zu geben zu einem Lösegeld (lystron) für viele« (Matthäus 20, 28). Durch Seine Menschwerdung ist Jesus in die Schicksalsgemeinschaft der Menschheit eingetreten, um deren Löser aus Sünde, Fluch und Tod zu werden: »Er hat uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes, da Er ward ein Fluch für uns« (Galater 3, 13). Eigentlich handelt es sich bei der Erlösung nicht vorwiegend um den Loskauf der in Schuldverhaftung Verstrickten, sondern um ihren Erwerb zum Eigentum Gottes. Es ist also nicht so, wie wenn etwa ein wohlhabender Menschenfreund einen Sklaven loskauft, um ihm dann die Freiheit zu geben und ihm zu sagen: »Nun kannst du hingehen, wohin du willst, und tun und lassen, was du willst!« Nein, Christus hat einen teuren Preis für uns bezahlt, damit wir Sein eigen seien. Dies war schon bei der Erlösung Israels aus der Sklaverei Ägyptens der Fall: »Ich bin der HErr und will euer Gott sein und euch machen zu Meinem Volk!« (2. Mose 6, 6), und: »Ihr sollt Mir ein priesterliches Königreich und ein heiliges Volk sein!« (2. Mose 19, 6.) Genau darauf zielt auch die Erlösung durch Christus: »Ihr seid um einen (hohen) Preis (Luther: »teuer«) erkauft; darum so verherrlicht (Luther: »preiset«) Gott an eurem Leibe!« (1. Korinther 6, 20.) Den Ältesten der Gemeinde zu Ephesus gebietet der Apostel Paulus, »zu weiden die Gemeinde Gottes, die Christus durch Sein eigen Blut erworben hat« (Apostelgeschichte 20, 28). Der Prophet Jesaja spricht im Auftrag Gottes: »Ich habe dich erlöst; du bist Mein!« (Jesaja 43, 1.) Dieser Gedanke, ein »Eigentumsvolk des HErrn« zu sein (Titus 2, 14), ist bei der Feier des HErrnmahls erstrangig: »Christus hat uns erkauft durch Sein Blut« (Offenbarung 5, 9). Als bluterkaufte Gemeinde ist sie am Tisch des HErrn vereint, um anschaulich kundzumachen den Kreuzestod ihres HErrn, dem sie ihr Dasein und ein überschwängliches Heil verdankt. Das ist der Inhalt ihres Jubelliedes: »Gewaschen in des Lammes Blut!«

Christus, der HErr.

Beachten wir, daß in unserem Schriftwort vom Tode »des HErrn« die Rede ist, eine Bezeichnung, die in dem ganzen Schriftabschnitt, der vom HErrnmahl handelt, vom Apostel verwendet wird. Es ist der Name, der im Alten Bunde von Gott selber gebraucht wird. In den apostolischen Briefen dient er dazu, die göttliche Herkunft und die hohe Stellung Jesu zu bezeichnen. In der Pfingstrede sagt Petrus schon: »So wisse nun das ganze Haus Israel gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum HErrn und Christus gemacht hat!« (Apostelgeschichte 2, 36.) Neunundsechzigmal kehrt diese Bezeichnung in der Apostelgeschichte wieder. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes war nur möglich, weil der Mensch in seiner Gottesbildlichkeit zu Gott hin geschaffen, auf Gott hin angelegt war. Der Mensch ist so umfassend und weit angelegt, daß nur Gott ihn ausfüllen kann. Im Menschen ist ein so ungeheurer Leerraum, daß die ganze Welt ihn nicht ausfüllen kann, wie Spitta den Hunger des Menschen nach Gott kennzeichnet: »Gebt mir alles, und ich bleibe / ohne Gott doch arm und leer; / unbefriedigt, dürstend treibe / in der Welt ich mich umher.« Deshalb mußte mit dem Eintritt des Sohnes Gottes in die Menschheitslinie die schöpfungsmäßige Naturordnung unterbrochen werden: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten!« (Lukas 1, 35) wird der Maria von dem Gottesboten angekündigt. Die Nachkommen Adams konnten nicht von irgendeinem Adamssohn erlöst werden, sondern nur durch den »anderen Adam«, durch den »HErrn vom Himmel« (1. Korinther 15, 47). Ein tiefes Geheimnis: Jesus — wahrer Mensch und wahrer Gott in einer Person! Er, der nicht zu sterben brauchte, weil Er nicht gesündigt hat, geht freiwillig in den Tod, weil es in Gottes Rat so beschlossen ist.

»Anbetung Dir, dem Lamme, das unsere Sünden trug!«

Weil bei der Feier des HErrnmahles der Sühnetod Jesu im Mittelpunkt steht, kann nun mit frohem Munde die volle Vergebung der Sünden bekannt werden. Die Schuldurkunde ist am Kreuz Christi zerrissen, da Er Gottes Forderung vollkommen bezahlt hat. Verstehen wir, was das heißt? Was ich je getan, gesagt, gedacht, unterlassen habe, das ist nie zu ändern und gutzumachen; es bleibt als Tatsache bestehen in Ewigkeit. In den Büchern des Gerichts ist das alles eingetragen. Zentnerschwer ist unser Gewissen belastet mit Schuld. Und nun predigt Jesu Sühntod: Gott will meiner Sünden nimmermehr gedenken! Gott sieht mich in Christus an, dem Heiligen und Geliebten, der nie gesündigt hat. Damit ist alle Weltordnung von Ursache und Wirkung aufgehoben: meine Sünden sollen ewig ohne Folgen für mich sein! Fürwahr, hier sinken wir anbetend nieder über solch unausdenkbarer göttlicher Huld! Beim HErrnmahl sind unsere Herzen erfüllt von Rettungsjubel:

»Anbetung Dir, dem Lamme,
das unsre Sünden trug!
Dort an des Kreuzes Stamme
wardst Du für uns ein Fluch.

Preis Dir, daß Du gegeben
in heißer Liebesglut
für uns Dein teures Leben
und Dein Versöhnungsblut!

Wer könnte je ergründen
die Tiefen und die Höhn,
und wer Verständnis finden
von dem, was dort geschehn!

Du, alles Lebens Quelle,
des ew’gen Gottes Sohn,
Du hast an unsrer Stelle
geschmeckt der Sünde Lohn.

Preis und Anbetung bringen
wir Dir, o HErr, dafür;
von Deiner Liebe singen
in Schwachheit wir schon hier.

Was wird es sein, wenn droben
in Deiner Herrlichkeit
Dich jeder Mund wird loben,
o Lamm, in Ewigkeit!«    –    Julius Löwen (1822—1907).

Eine Tatpredigt von Jesu Sühntod.

Jawohl, die Feier des HErrnmahls gestaltet sich zu einer einzigartigen Verkündigung des Todes Christi. In der Grundsprache ist nicht etwa die Befehlsform gebraucht: »Ihr sollt den Tod des HErrn verkündigen«, sondern es ist eine Tatsache ausgesagt: »Sooft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr des HErrn Tod, bis daß Er kommt!« Das HErrnmahl ist eine Tatpredigt. Nicht nur die Feier an sich, sondern das Dasein einer mit Gott versöhnten Gemeinde und ihre frohen Dankeslieder verkündigen das volle Heil in der Heilandstat am Kreuz. Darum ist das HErrnmahl nicht für die ungläubige Welt da, sondern nur für die, die sich erlöst wissen durch Christus, die sich der Vergebung ihrer Sünden getrösten können, weil sie Frieden mit Gott gefunden haben. Ebenso galt das ja für das Passahmahl: »Kein Fremder und Unbeschnittener soll davon essen!« (2. Mose 12, 48.) Darauf kommen wir noch zurück.

Seliges Hungern und Dürsten!

Die immer wiederkehrende Feier des HErrnmahls ist nicht nur vom HErrn gewollt, sondern sie entspricht einem Bedürfnis der Erlösten. Es ist etwas Eigentümliches um die geschichtliche Tat, die auf Golgatha geschehen ist: sie veraltet nicht, sondern ist voll gegenwärtiger Beziehung und Spannung, daß die Herzen immer erneut höher schlagen, wenn das Geschehen auf Golgatha in unseren Gesichtskreis tritt. Der Begnadigte kann sich nicht satthören an dieser frohen Botschaft von seiner Errettung. Steht doch jeder einzelne täglich in einem Kampf, der kräfteverzehrend ist. Der Glaubende ist immer zugleich der Angefochtene. Da müssen ihm von Christus her fortgesetzt Überwinderkräfte zuströmen. Der Glaube ist keine fertige Größe, kein Abschlußzeugnis, das man wie ein Aktenstück bei sich tragen und vorweisen kann, sondern ein dauernder Kraftstrom, der nicht unterbrochen werden darf, weil sonst unsere Kräfte erlahmen und wir nicht mehr leuchten können. In dem Gleichnis vom Weinstock und den Reben ist das Wesen des Glaubens treffend gekennzeichnet als ununterbrochener Saftstrom vom Weinstock zu den Reben. Jede »Kreislaufstörung« muß schlimme Folgen haben, weil dann sofort die Todeskräfte des adamitischen Wesens die Oberhand gewinnen. Es ist ein geistliches Naturgesetz, daß eine Bewegung nur in Gang gehalten wird durch dieselben Kräfte, die sie ins Leben gerufen haben. Nur Gott hat das Leben in sich selber; Menschen sind davon abhängig, daß sie es fortgesetzt empfangen. Darum gilt es, stets in Glaubensverbindung mit dem Lebensquell zu bleiben, mit Christus.

»Heil’ges Brot, sei mir gesegnet,
weil mir Der in dir begegnet,
der mit Seinen Todeswunden
die Erlösung mir erfunden!

Daß ich einen Heiland habe,
der erblaßt und tot im Grabe
auch für meine Schuld gelegen,
will ich schmecken und erwägen.

Heil’ger Kelch, sei mir gesegnet,
weil mir Der in dir begegnet,
dessen Blut mich lasset finden
die Vergebung aller Sünden.

Daß ich einen Heiland habe,
der die matte Seele labe,
muß nicht dies mein Dürsten stillen
und mein Herz mit Wonne füllen?«  –  Ernst Gottlieb Woltersdorf (1725—1761).

 

Christus in uns, wir in Ihm!

Mit dem Essen des Brotes und dem Trinken des Weins bei der Feier des HErrnmahls wird gleichnishaft eine Form der Aneignung von Gottes Gaben bezeichnet, bei der die aufgenommene Speise ein Bestandteil unseres geistlichen Ichs wird. Jede andere Gabe, die wir empfangen, bleibt außer uns, wird nicht in unser eigenes Selbst verwandelt. Anders das Christusheil. Es wird erlebt und wird zum personhaften Eigenbesitz. Wie unser Leibesleben erhalten wird durch Aufnehmen von Speise und Trank, so sind die Erlösten durch ein tiefes Bedürfnis dauernd an Jesus gebunden. Ein geistlicher Selbsterhaltungstrieb verlangt nach Ihm. Unsere Herzen schlagen höher und unsere Augen leuchten heller, wenn uns neue Blicke in die Erlösung durch Christus geschenkt werden.

»Sel’ge Hoffnung: Du kommst wieder!«

Damit sind wir auf die letzten Worte unserer Schriftstelle geführt: » … bis daß Er kommt!« Das HErrnmahl ist ein Wahrzeichen von Jesu Wiederkommen (»Parusie« = Ankunft), ein Gruß aus der himmlischen Heimat, wie die Traube von Eskol (4. Mose 13, 23) ein Wahrzeichen aus dem verheißenen Heimatland war für das Volk, das sich noch unterwegs befand. Auch die Gemeinde Jesu ist unterwegs zu einem verheißenen Land: »Vater, Ich will, daß, wo Ich bin, auch die bei Mir seien, die Du Mir gegeben hast, auf daß sie Meine Herrlichkeit sehen, die Du Mir gegeben hast!« (Johannes 17, 24.) Jesus wartet auf die Vereinigung mit Seiner Brautgemeinde, und sie wartet auf die Vermählung mit Ihm: »Unsere Heimat ist im Himmel, von dannen wir warten des Heilandes Jesus Christus, des HErrn« (Philipper 3, 20; vergl. 1. Thessalonicher 1, 10; Titus 2, 13). Die Gemeinde ist noch unterwegs zum Ziel. Auf dieser Wanderschaft des Glaubens sind die HErrnmahl feiern liebliche Rastplätze mit weiter Fernsicht: »… bis daß Er kommt!« Hat sie Treue gehalten in dem Kampf und in den Leiden dieser Zeit, dann wird sie mit Freuden ihrem wiederkommenden HErrn begegnen. »Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm in Herrlichkeit!« (Kolosser 3,2.) Durch den Hinweis auf den wiederkommenden HErrn empfängt das HErrnmahl die volle Weihe und gibt rechte Blickrichtung dahin, wo das Haupt der Gemeinde thront, zur Rechten Gottes. Dort ist künftig ihr Platz: »Wer überwindet, dem will Ich geben, mit Mir auf dem Throne zu sitzen, wie Ich überwunden habe und Mich gesetzt mit Meinem Vater auf Seinen Thron. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!« (Offenbarung 3, 21.) Bis dahin soll das HErrnmahl Stärkung sein für die Wanderer zur seligen   Ewigkeit, für die angefochtenen Glaubenskämpfer. Sehnsüchtig wartet die Gemeinde auf Jesu Wiederkommen. Dann wird sie bei Ihm sein allezeit (1. Thess. 3, 17). Dann wird das HErrnmahl ein vollkommenes Freudenmahl sein, wenn der HErr mit den Seinen vom »Gewächs des Weinstocks neu trinken wird in Seines Vaters Reich« (Matthäus 26, 29).

»Und der Geist und die Braut sprechen: »Komm!« Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst… Es spricht, der solches bezeugt: »Ja, Ich komme bald!« Amen, ja komm, HErr Jesus!« (Offenbarung 22, 17. 20.)

»Wir warten Dein, o Gottes Sohn,

und lieben Dein Erscheinen.

Wir wissen Dich auf Deinem Thron

und nennen uns die Deinen.

Wer an Dich glaubt,

erhebt sein Haupt

und siehet Dir entgegen;

Du kommst uns ja zum Segen.

Wir warten Deiner mit Geduld
in unsern Leidenstagen.
Wir trösten uns, daß Du die Schuld
für uns am Kreuz getragen;
so können wir
nun gern mit Dir
uns auch zum Kreuz bequemen,
bis Du es weg wirst nehmen.

Wir warten Dein; Du hast uns ja
das Herz schon hingenommen.
Du bist uns zwar im Geiste nah,
doch sollst Du sichtbar kommen;
da willst uns Du bei Dir auch Ruh,
bei Dir auch Freude geben,
bei Dir ein herrlich Leben.

Wir warten Dein; Du kommst gewiß,
die Zeit ist bald vergangen.
Wir freuen uns schon über dies
mit kindlichem Verlangen.
Was wird geschehn,
wann wir Dich sehn,
wann Du uns heim wirst bringen,
wann wir Dir ewig singen!«   –   Philipp Friedrich Hiller (1699—1769).

 

C.  Gemeinschaft des Blutes und Leibes Jesu Christi

»Der Kelch der Danksagung, für den wir danksagen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?«  –  (1. Korinther 10, 16.)

Das HErrnmahl als Danksagungsfeier

Dieses Schriftwort stellt die Bedeutung des HErrnmahls in ein neues Licht, was unsere Beachtung verdient. Schon die Eingangsworte sind bemerkenswert: »Der Kelch der Danksagung, für welchen wir danksagen …« Die Übersetzung: »Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen …« ist verwirrend. Das Wort im Grundtext für »gesegnet« — übrigens ein Hauptwort — bedeutet »Danksagung, Lobpreisung« und kommt von einem Zeitwort, das die beiden Worte »wohl« und »reden« in sich aufgenommen hat und zumeist in dem Sinne von »preisen, loben, rühmen« gebraucht wird. Im abgeleiteten Sinne wird das Hauptwort je nach dem Zusammenhang zuweilen auch für »Segen« verwendet. Aber schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten redete man vom HErrnmahl als der »Eucharistie«, ein Wort, das mit unserem Grundwort sinnverwandt ist und die Worte »wohl« und »Gnade« in sich zusammenfaßt und daher den Lobpreis Gottes für eine Zuwendung aus unverdienter Güte bedeutet. Das Wort ist auch in den Einsetzungsworten des HErrnmahls nach dem Matthäusevangelium (26, 27) gebraucht, und das hat wohl zu der Bezeichnung des HErmmahles als »Eucharistie« in der ersten christlichen Gemeinde geführt. Die Beifügung in der Übersetzung »welchen wir segnen« ist erst beim Verfall der Kirche mit dem gesteigerten Klerusbegriff aufgekommen, wobei es dem Priester oblag, durch Einsegnung (»Konsekration«) das Brot und den Wein in Leib und Blut Christi zu verwandeln. Luther hat den überkommenen katholischen Sakramentsbegriff der Verwandlung (»Transsubstantiation«) und die Übersetzung »welchen wir segnen« beibehalten. Die Bedeutung des HErrnmahles als einer Danksagungsfeier für die Erlösung, wie sie nur Erlösten möglich ist, blieb so verwischt. Vollmacht zum Segnen ist aber niemals einem kirchlichen Amt in sich eigen. Segnen steht Gott zu und solchen Begnadeten, die Gott »zum Segnen gesegnet hat«, die dazu von Fall zu Fall geistliche Vollmacht besitzen. Es ist immer gut, sich einer genauen biblischen Ausdrucksweise zu bedienen, um keine irrigen Vorstellungen zu erwecken.

Tischgemeinschaft mit Christus.

Treten wir nach diesen Vorbemerkungen dem Hauptgedanken unseres Schriftwortes näher. Was zunächst die Bezeichnungen »Blut Christi« und »Leib Christi« betrifft, die beide durch »Kelch« und »Brot« sinnbildlich dargestellt sind, so haben wir bereits früher festgestellt, daß es sich dabei um Wortsymbole für den Sühne- und Erlösungstod Christi auf Golgatha handelt, wie sie in diesem Sinne auch an anderen Stellen der Schrift gebraucht werden, beispielsweise 1. Johannes 1, 7 und Kolosser 1, 22. Die Zerlegung in Brot und Kelch erinnert an das Passahmahl, bei dem neben dem Essen des Opferfleisches und der ungesäuerten Brote ebenfalls der Kelch mit Wein herumgereicht wurde, wobei zum Lobpreis Gottes die Psalmen 113 bis 118 angestimmt wurden. Beim HErrnmahl ist an die Stelle des Fleisches vom Passahlamm das Brot getreten, weil ohnehin durch den einmaligen Opfergang Jesu der schattenbildliche Opferdienst seine Erfüllung und sein Ende gefunden hat, sodann, weil das Brot eine besondere Bedeutung erhalten sollte, worauf wir bei der Betrachtung von Vers 17 zurückkommen.

Was der Apostel mit dem zweimaligen Ausdruck »Gemeinschaft« — nämlich »Gemeinschaft des Blutes Christi« und »Gemeinschaft des Leibes Christi« sagen wollte, das macht er uns klar in seinen weiteren Ausführungen in diesem 10. Kapitel. Er stellt dabei einander gegenüber die israelitischen Opfermahlzeiten im guten Sinne und die heidnischen Götzenopfermahlzeiten im bösen Sinne. Bei den israelitischen Opfermahlzeiten ist an die freiwilligen Opfer und an die Gelübdeopfer zu denken sowie an die Opfer von den erstgeborenen reinen Tieren; bei diesen Opfern standen dem Priester bestimmte Anteile zu; das übrige wurde von den Opfernden selbst und ihren Angehörigen gegessen, und zwar an heiliger Stätte (5.Mose 12, 4—12; 4.Mose 18, 8—19; 2.Mose 29, 25). Bei diesen Opfermahlzeiten war Gott selbst der Gastgeber, der mit den Opfernden in Tischgemeinschaft trat; der Apostel redet von einer »Gemeinschaft des Altars«, weil diese Mahlzeiten abgesondert von den häuslichen Mahlzeiten im Tempel eingenommen wurden.

Am längsten verweilt der Apostel bei den Götzenopfermahlzeiten, an denen teilzunehmen einige Christen keine Bedenken trugen, obwohl sie damit ihren ängstlicheren Brüdern Anstoß gaben. Dieser Mißbrauch der christlichen Freiheit war dem Apostel berichtet worden, und dazu nimmt er nun ausführlich Stellung. Die christliche Freiheit tastet er nicht an, wohl aber ihren Mißbrauch. »Soll ich sagen, daß der Götze etwas sei oder daß das Götzenopfer etwas sei?« »Die Erde ist des HErrn und was darinnen ist.« Alles ist gut und nichts verwerflich, was mit Danksagung genossen wird: »Alles, was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset und forschet nicht nach, auf daß ihr das Gewissen nicht beschwert.« Es kam vor, daß Christen von unbekehrten Verwandten zu Gaste geladen wurden und daß man Fleisch vorsetzte, das vom Götzenopfer stammte. Auch in diesem Falle bestehe volle Freiheit, das Vorgesetzte zu essen. »Denn warum sollte ich über meine Freiheit urteilen lassen von eines anderen Gewissen?« So aber jemand (es ist hier an einen anwesenden ängstlichen Bruder gedacht) sagen würde: »Das ist Götzenopfer«, so esset nicht um deswillen, der es angezeigt hat, damit ihr sein Gewissen nicht beschweret. Die eigene Gewissensfreiheit besteht zu recht; sie hat aber ihre Schranke in der Rücksichtnahme auf den schwachen Bruder, dessen Gewissensstellung ich zu achten habe: »Alles ist erlaubt, aber es frommt nicht alles. Alles ist erlaubt, aber es erbaut nicht alles.« Schon Kapitel 8 hatte der Apostel diesen Gedanken erörtert; er ist ihm aber so wichtig, daß er noch einmal darauf zurückkommt.

Das Wort gilt den Freiheitsschwärmern, die keine Bedenken trugen, an den Götzenopfermahlzeiten in den heidnischen Tempeln teilzunehmen. Nicht vom Fleischessen an sich ist die Rede, auch wenn das auf dem Markt gekaufte Fleisch vom Götzenopfer stammen sollte, sondern von einer Beteiligung an jenen Götzenopfermahlzeiten, bei denen man sich dämonischen Einflüssen in den Götzenhallen aussetzte. Schon auf der Gemeindeversammlung Apostelgeschichte 15 war einstimmig beschlossen worden, daß Christen aus den Heiden sich der »Unsauberkeit der Götzen« zu enthalten hätten. Für viele Gläubiggewordene in Korinth bedeutete die Bekehrung einen völligen Bruch mit der götzendienerischen Familie: »Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen!… Was hat der Tempel Gottes gemein mit den Götzen? Wir aber sind der Tempel des lebendigen Gottes, wie denn Gott spricht: ’Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen Mein Volk sein! Darum gehet aus von ihnen und sondert euch ab!’ spricht der HErr.«

Von hier aus fällt ein Schlaglicht auf unsere Schriftstelle 1. Korinther 10, 16. Wir wiederholen: Nicht vor dem Essen des Götzenfleisches warnt der Apostel. Fleisch bleibt Fleisch und ist von Gott zur Nahrung des Menschen zugelassen; es darf mit Danksagung genossen werden. Aber die Gemeinschaft mit dem Götzendienst bedeutet eine Verbindung mit Finsternismächten, die hierbei ihr Wesen hatten. Die heidnischen Religionen sind nicht hervorgegangen aus dem Suchen nach dem wahren Gott, sondern aus dem Abfall von dem wahren Gott durch teuflische Verführung, und damit ist der heidnische Götzendienst Teufelsdienst. Jede Teilnahme liefert den Menschen dämonischen Mächten aus, und aus deren Bannkreis kommt er so leicht nicht wieder heraus.

Ebenso bleibt Brot beim HErrnmahl natürliches Brot und Wein natürlicher Wein; aber die heilige Handlung mit ihren Zeichen ist hineingestellt in eine Bezogenheit und eine Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen HErrn selbst, und die lebendigen Wirkungen, die vom Opfertode Jesu ausgehen, treten durch den Glauben in Kraft. Die Gemeinde Jesu ist durch den Glauben in den Heilsbereich Christi hineingestellt und ist somit eins in Christus, was der Apostel in seinen Briefen gerne mit den Worten ausdrückt: » … in Christus.« In Christus ist das Erlösungsheil in die Geschichte eingetreten; in Christus ist es uns zugänglich. Es handelt sich bei diesem Christusheil nicht um eine ruhende Größe, sondern um bewegende Kräfte, die wirksam werden, wo Christus gegenwärtig ist durch Sein Wort und Seinen Geist. Beim HErrnmahl aber dürfen wir ganz besonders mit Jesu Gegenwart rechnen, da hier die sichtbaren Zeichen Seines Sühntodes den Mittelpunkt der Feier bilden.

Im Stromkreis der Todeskräfte Jesu.

Der Begriff »Gemeinschaft« bedeutet Gemeinsamkeit, Anteilhaben. Man tritt beim HErrnmahl in den lebendigen Stromkreis der vom Kreuzestode Jesu ausgehenden Erlösungskräfte, die uns überhaupt immer berühren, wenn wir in Jesu Namen versammelt sind mit den Seinen, sofern Sein Geist ungehindert wirken kann und nicht gedämpft und betrübt wird durch fleischliche Gesinnung. Wie von den übrigen Gnadenmitteln, so gehen auch vom HErrnmahl heilige und heiligende Wirkungen aus vom gegenwärtigen HErrn auf die gläubigen Teilnehmer. Man hat dieses innere Erleben ein »mystisches« — geheimnisvolles — genannt, und von dieser Glaubensmystik redet Kolosser 3,3: »Euer Leben ist verborgen mit Christus im Gott.« Was eine glaubenslose Mystik durch natürliche Kräfte des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, durch »Versenkung«, vergeblich zu erreichen sucht, das ist in Christus Wirklichkeit. Die Teilnahme am Christusleben führt zu einem Leben höherer Ordnung, wofür menschliche Begriffe und Worte fehlen, um es andern faßlich darzustellen. Dabei ist dieses innere Erleben das Gewisseste, was es geben kann.

Überwinderkräfte in Christus.

Bei der HErrnmahlfeier kommt gerade die Gewißheit des christlichen Glaubenslebens zum Ausdruck. »Bis zum Schwören kann ich’s wissen, daß mein Schuldbrief ist zerrissen.« Es gehört zu den Segnungen des HErrnmahls, daß der Glaubende durch Genuß von Brot und Wein teilhat an den Kräften des Todes Christi. Ein Gottesmann pflegte, wenn ihm Brot und Wein gereicht wurde, mit Friedrich Adolf Lampe (1683—1729) zu beten:

»Hast Du den Tod verschlungen,

verschling’ ihn auch in mir.

Wo Du bist durchgedrungen,

da laß mich folgen Dir.

Erfülle mein Verlangen

und laß den Kopf der Schlangen

in mir zertreten sein!

Lebst Du, laß mich auch leben

als Glied an Deinem Leib,

daß ich gleich einem Reben

an Dir, dem Weinstock, bleib’;

gib Geisteskraft zur Nahrung,

gib Stärke zur Bewahrung

der Pflanzung Deiner Hand!«

Der Beter dachte daran, daß Jesus durch Seinen stellvertretenden Sühnetod am Kreuz dem Satan, der alten Schlange, den Kopf zertreten und ihn entmachtet hat. Somit sind diese Todeskräfte zugleich Lebenskräfte für den neuen Menschen »in Christus«, denn Der um unserer Sünde willen hingegeben wurde in den Tod, ist um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden und lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. In der Kraft solcher geistlichen Erquickung und Stärkung können wir Wege der Selbstverleugnung gehen und den alten Menschen in den Tod geben. Man frage Gottesmenschen, die in mancherlei Glaubensproben bewährt sind, was in langen Leidensnächten sie getrost macht und über den Tod triumphieren läßt! Ein über die Maßen schwer geprüfter Christuszeuge erklärt: »Ich weiß, an wen ich glaube!« (2. Timotheus 1, 12.)

Von Christus, der am Kreuz überwunden hat alle Anfechtungen Satans, gehen heute noch Überwinderkräfte aus auf Glaubende, die sich durchaus nicht vom Satan überwinden lassen wollen, sondern die sich im Glauben immer neu hineinstellen lassen in die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen. Das HErrnmahl ist — neben anderen Gnadenmitteln — ein solcher Weg, darauf wir Christus begegnen dürfen.

»Ich kenne mich nicht mehr im Bilde
der alten seufzenden Natur.
Ich jauchze unter Gottes Schilde,
ich kenne mich in Christus nur.

In Christi Schmuck, Triumph und Schöne
heb ich getrost mein Haupt empor
und mische meine Harfentöne
schon in den ew’gen Siegerchor.«   –   Friedrich Wilhelm Krummacher (1796—1868).

 

d) Einheit der Gemeinde Jesu Christi

 »Denn weil es ein Brot ist, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.«  –  (1. Korinther 10,17.)

Ein Brot — ein Leib.

Dieses Wort ist ein leuchtender Edelstein in der Reihe der Schriftaussagen über das HErrnmahl. In gedrängter Kürze wird das Größte ausgesagt. Die zweimal gebrauchten Bindewörter »weil« begründen den vorangegangenen Vers und erschließen uns nun recht die tiefere Bedeutung der »Gemeinschaft des Blutes und Leibes Christi«.

In der Tatsache, daß es ein und dasselbe Brot ist, das gereicht wird, damit jeder Teilnehmer ein Stück abbreche, erblickt der Apostel ein bemerkenswertes Sinnbild der Einheit der Gemeinde Jesu. Gleichwie das Brot aus unzähligen Getreideteilchen besteht und nun doch ein einheitliches Ganzes bildet, so ist auch die buntgegliederte Vielheit der Gemeinde aus allerlei Nationen und Sprachen keine zusammenhanglose Masse ohne innere Verbindung, sondern eine geschlossene Gemeinschaft derer, die gerechtfertigt sind durch den Glauben an Jesu vollgültiges Opfer am Kreuz. Sie bilden eine organische Einheit mit demselben Christusleben. Und wie jedes kleinste Teil des Brotes gleichartig ist, so sind in der Gemeinde Gottes durch die Christusgemeinschaft alle gleichartig und einander gleichgestellt. Der Apostel betont mehrfach mit Nachdruck: »Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus« (Galater 3, 28). Da sitzt der Fürst neben dem Handwerker, der Professor neben dem Bauern, der Vorgesetzte neben dem Untergebenen in einem Geist. Durch den Sündenfall ist die Menschheit zerrissen worden; durch den Opfertod Jesu sind alle geeint, die im Glauben daran Anteil haben. 

Die ungläubige Welt hat kein Recht am HErrnmahl.

Übrigens haben wir hier die klassische Stelle vor uns als Beweis, daß das HErrnmahl nicht für die ungläubige Welt eingesetzt ist, sondern nur für diejenigen, die »in Christus« sind und der Gemeinde Jesu durch Neugeburt von oben gliedhaft angehören. Das HErrnmahl spendet nicht Vergebung der Sünden, sondern setzt bei den Teilnehmern die Vergebung der Sünden voraus, die bei der Feier dankbar bezeugt wird. Es ist ein schuldhafter Mißbrauch des HErrnmahles, wenn es von unbekehrten kirchlichen Amtsträgern ausgeteilt wird, die selbst nicht durch die enge Pforte auf den Weg des Lebens gelangt sind, und wenn von ihnen die heiligen Zeichen des Todes Jesu Menschen dargereicht werden, die unbußfertig den breiten Weg des Verderbens dahingehen. Das ist um so schuldhafter, als diese Ungläubigen durch ihre Teilnahme an dem heiligen Mahl in dem Irrtum bestärkt werden, als sei in ihrem Leben alles in Ordnung, nachdem sie durch das angebliche »Sakrament« Vergebung der Sünden erlangt hätten.

Viele Glieder — ein Leib.

Wenden wir uns nun der zweiten Satzaussage zu, die der Schriftstelle ihr Schwergewicht verleiht: » … weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.« Damit ist verwiesen auf die vorhergegangene Aussage: »Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?« Der Organismus der Gemeinde steht nun vor unserem Auge als der Leib des Christus im Sinne einer einheitlichen Größe und einer innigen Verbindung mit Christus, dem Haupte dieses Leibes. Von dieser geheimnisvollen Einheit der Gemeinde mit Christus wird man beim Essen des Brotes aufs neue umfaßt. Epheser 1,23 begegnen wir demselben Gedanken: »Die Gemeinde ist Christi Leib, Seine Fülle«, die Ihn erst vervollständigt und die anderseits durch Ihn, das Haupt, wieder vervollständigt wird zu einer einheitlichen Größe. 1. Korinther 12,12 kommt der Apostel in anderem Zusammenhang wieder auf dieses Geheimnis der Personeinheit von Christus und Seiner Gemeinde zu sprechen: »Gleichwie ein Leib ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder aber des Leibes, wiewohl ihrer viel sind, doch ein Leib sind: so auch der Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft, wir seien Juden oder Griechen, Unfreie oder Freie, und sind alle mit einem Geiste getränkt.« Die Gemeinde wird in Christus mitgeschaut als Sein Ich. Die Gemeinde hat nicht nur Christus zum Haupte, sondern Christus bildet mit ihr in ihrer reichen Gliederung eine Gesamtpersönlichkeit, und diese Persönlichkeit ist Christus selber, denn Sein Geist schuf die Gemeinde, Sein Geist durchtränkt sie, wie der Blutkreislauf beim menschlichen Leib Haupt und Glieder zu einer lebensvollen Einheit macht. Wenn der Apostel davon redet, daß wir durch einen Geist zu einem Leibe getauft — eigentlich hineingetaucht — seien, so ist damit bildhaft gesagt, daß jedes einzelne Glied der Gemeinde umflutet ist vom Geiste Jesu Christi, wie beim Untertauchen der Mensch vom Wasser umflutet ist; aber nicht genug damit: Jesu Geist »durchtränkt« die Glieder des Leibes, dringt in ihr Inneres, erfüllt sie und ist so in ihnen zu einer bestimmenden Lebensmacht geworden. Dieser Gedanke beherrscht den ganzen Brief. Schon Kapitel 6, 15.17 heißt es: »Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Christi Glieder sind?… Wer dem HErrn anhangt, der ist ein Geist mit Ihm.«

Werdet, was ihr in Christus seid!

Wir tun damit einen tiefen Blick in das Geheimnis der Erlösung in Christus, das im Grunde schon aus dem HErrnmahl herausleuchtet. Es geht beim Christusheil nicht vom Werden zum Sein, sondern umgekehrt vom Sein zum Werden: es geht darum, daß wir immer mehr werden, was wir in Christus sind. Mit der Wiedergeburt durch den Geist Gottes sind die Anfänge gesetzt zur Vollendung hin, denn »auch unsere sterblichen Leiber werden lebendig gemacht um deswillen, daß Sein Geist in uns wohnt« (Römer 8, 11). Der Geist Christi ist der Träger des Lebens Christi, der uns mit Ihm zur Personeinheit verbindet. Von diesem Gedanken sind auch Jesu letzte Reden mit Seinen Jüngern (Johannes 14 bis 16) beherrscht, besonders anschaulich gemacht in dem tiefen Gleichnis vom Weinstock und den Reben: »Bleibet in Mir und Ich im euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von ihr selber, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibet denn in Mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne Mich könnt ihr nichts tun« (Johannes 15, 4. 5). Und noch im hohenpriesterlichen Gebet Jesu ist es Sein Anliegen, daß sie alle eins seien, »gleichwie Du, Vater, in Mir und Ich in ihnen« (Johannes 17, 21). Die Personeinheit Jesu mit Seiner Gemeinde nimmt ihren Maßstab vom Verhältnis des Sohnes zum Vater. Gegenüber diesem Geheimnis der Christuserlösung verbleicht alle Erkenntnis des göttlichen Wortes, die wir auf Erden gewinnen können. Erst »wenn kommen wird das Vollkommene, dann werden wir erkennen, gleichwie wir erkannt sind« (1. Korinther 13, 12).

»Gnade, mach mich dir zum Preise, führe du mich bis ans Ziel!«

Hier kann die Frage nicht aufkommen, ob das Christusheil ausreiche, das gottgesetzte Ziel zu erreichen. Wir verstehen es, daß der Apostel immer wieder von einem »Überschwang« der Gnade redet (2. Kor. 4, 7; Eph. 1, 19; usw.). Ist es da nicht schmachvoll, wenn wir bei dieser Übermacht der Gnade nicht Überwinder werden. Es hängt alles daran, daß wir »in Christus« bleiben. Geht es durch Proben, so geschieht es, damit uns vermehrte Kraft dargereicht werde und wir wachsen in der Erkenntnis und im Gnadenstand. Können wir noch im Streit leben mit denen, die Christus um teuren Preis erkauft hat zu Seinem Eigentum?  Muß nicht die Bruderliebe in uns brennen?! Vergessen wir nicht, daß die Einheit der Gemeinde gründet in der Christusgemeinschaft. Ist die Bruderliebe verletzt, ist die Gemeinschaft in der Gemeinde gestört, so ist allemal der Grund darin zu suchen, daß das Verhältnis der Glieder der Gemeinde zu Christus gestört ist. Solche geistlichen Kreislaufstörungen verunehren den HErrn. Die hohe Würde, dem Leibe Christi eingegliedert zu sein, verpflichtet zu christuswürdigem Verhalten.

Ein eindrucksvolles Zeugnis von der Einheit der Gemeinde in ihrer Vielfalt hat ein Mann der gläubigen Gemeinde und zugleich der Evangelischen Allianz uns in einem Lied geschenkt:

»Ein einig Volk von Brüdern,
das ist das Volk des HErrn,
verzweigt in seinen Gliedern,
doch eins in seinem Kern;

 von oben her geboren,
vom Heil’gen Geist getränkt,
von Gott selbst auserkoren,
der liebend sein gedenkt!

An Seinem Gnadenthrone,
da sammelt sich die Schar,
geheiligt in dem Sohne
und mit Ihm offenbar;

ihr Leben, hier verborgen,
oft dunkel wie die Nacht,
glänzt dort im lichten Morgen
der Auferstehungspracht.

Durch Christi Blut gereinigt
von aller Sündenschuld,
fühlt es sich ganz vereinigt
mit Ihm in Seiner Huld;

noch eh die Welt gegründet,
schloß Er es in Sein Herz:
wer je dies Glück empfindet,
den zieht es himmelwärts.

Dann ist es überwunden,
was uns noch schmerzt und drückt;
wir haben dann gefunden
die Ruh, die uns erquickt;

wir sind bei Ihm in Frieden,
verkläret in Sein Bild,
auf ewig ungeschieden
und ganz von Ihm erfüllt.

O Jesus, uns bescheine
in Deiner Liebe Glanz!
O Jesus, uns vereine
mit Dir und in Dir ganz!

Ein einig Volk von Brüdern,
das laß, o HErr, uns sein,
in allen seinen Gliedern
auf ewig, ewig Dein!«    –    Hermann Heinrich Grafe (1818—1869).

e) Der Tisch des HErrn

»Ihr könnt nicht am Tisch des HErrn teilhaben und an
einem Tisch der Dämonen.« (1. Korinther 10, 21.)

Ein Mahl der Gemeinschaft

Der Grundgedanke des HErrnmahls ist: Gemeinschaft mit dem HErrn und in dem HErrn – Er in uns und wir mit Ihm – und gleichzeitig Gemeinschaft mit den Seinen. Diese Gemeinschaft gründet in demselben Leben, das in Haupt und Gliedern, in Christus und in der Gemeinde gleichermaßen pulsiert. Schon bei manchen Opfermahlzeiten in Israel war Gott der Gastgeber, wie wir bereits früher gesehen haben. Diesen Gedanken der Tischgemeinschaft hat Jesus in der Stiftung des HErrnmahls wieder aufgenommen, allerdings in einer höheren Ordnung, nämlich im Sinne der heilsgeschichtlichen Erfüllung durch die Erlösungstat auf Golgatha. Jesus selbst ist dabei Geber und Gabe.

Ein Familientisch

Das HErrnmahl ist ein Angeld dafür, daß wir einmal Gäste unseres HErrn sein werden in Seinem ewigen Reich. Noch haben wir das Ziel nicht erreicht; wir sind noch unterwegs. Aber im Glauben wissen wir uns bereits als »Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen« (Epheser 2, 19). Daß wir Jesu Eigentumsvolk sind, ist unverbrüchlich: »Leben wir, so leben wir dem HErrn; sterben wir, so sterben wir dem HErrn; darum wir leben oder sterben, so sind wir des HErrn« (Römer 14, 8). Die Tischgemeinschaft mit dem HErrn beim HErrnmahl soll den Gedanken wach erhalten, daß wir mit unserer Übergabe an den HErrn unser Selbstbestimmungsrecht aufgegeben haben und nun ausschließlich dem HErrn Jesus zur Verfügung stehen. Dabei ist der HErr immer der Gebende, wir sind die Empfangenden. Beim HErrnmahl sitzen wir am Familientisch, wobei Jesus als der Gastgeber unsichtbar gegenwärtig ist.

Teilnahmerecht und Hinderungsgründe.

Es entspricht dem eigentlichen Sinn des HErrnmahls, daß jeder zur Teilnahme berechtigt ist, der zur Familie Gottes gehört. Eigentlich sollte die Teilnahme für jedes Familienglied ein selbstverständliches Bedürfnis sein. Niemand soll sich etwa dadurch zurückhalten lassen, weil die innewohnende Sünde ihm Not macht. Dies ist gerade ein Zeichen davon, daß wir im Lichte wandeln, wenn wir die Schmutzflecken an uns wahrnehmen, die Reste unseres adamitischen Wesens. Hier setzt die allezeit reinigende Kraft des Blutes Christi ein: »Ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist« (l. Johannes 1, 7; 2, 1). Der Erzfeind unserer Seele spielt auf allen Tasten: den Leichtfertigen stößt er tiefer in die Sünde hinein, indem er diese verharmlost; dem Redlichen malt er jeden Fehltritt in schwärzesten Farben und nimmt ihm dadurch den Mut, mit der Bitte um Vergebung völlig zu vertrauen auf das gegenwärtige vollkommene Christusheil. Im HErrnmahl haben wir jedoch ein Unterpfand dieses Heils, und keine Macht kann uns hindern, an dieser Tischgemeinschaft teilzuhaben, zu der Jesus uns selbst einladet. Nur unvergebene und mit Willen festgehaltene Sünde kann uns den Zutritt wehren.

Entweder am Tisch des HErrn — oder am Tisch Satans.

Korinth als bedeutende Hafenstadt der alten Welt galt allgemein als Ausbund der Sittenlosigkeit, und die ausschweifende Lebensart seiner Bewohner war sprichwörtlich. Die hier entstandene Gemeinde hat ihrem Gründer, dem Apostel Paulus, immer große Not bereitet. Scharf ist seine Sprache auch in dem vorliegenden Kapitel. Den Schwarmgeistern, die sich nicht scheuten, an offenen Götzenopfermahlzeiten teilzunehmen, schreibt er die Worte ins Gewissen: »Ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Tisches des HErrn und des Tisches der Dämonen.« Das Wort, das hier für »können« steht, bezeichnet eine sittliche Unmöglichkeit. Es gibt durchaus keine Gemeinsamkeit zwischen Christus und Satan, zwischen dem Tempel Gottes und dem Haus der Götzen (2. Korinther 6, 15. 16). »Gemeinschaft« ist hier immer im Vollsinn des Wortes als »Anteilhaben, Teilhaberschaft« zu verstehen. Wie man durch Kontakt mit einem unter Spannung stehenden Stromnetz in einen Stromkreis eingeschlossen wird, der bestimmte Wirkungen auslöst, so wirkt sich die Tischgemeinschaft mit dem HErrn oder mit den Dämonen folgenschwer aus — zum Segen oder zum Fluch. Die Tischgemeinschaft mit Jesus zieht uns in einen Stromkreis lebendiger Geisteswirkungen hinein; sie stärkt und kräftigt und erhebt uns. Die Gemeinschaft mit den finsteren Mächten von unten zieht uns in deren Bannkreis, verfinstert uns, lähmt unsere Kraft, bringt uns zu Fall. Ohnseitigkeit gibt es hier nicht. Entweder tritt man auf die Seite Gottes und wird dann vom Geiste Gottes bestimmt, oder man tritt auf die Seite des Fürsten der Finsternis und wird vom Geiste der Welt bestimmt und nach unten gezogen.

»Lasset uns die Heiligung vollenden in der Furcht Gottes.«  –  (2. Korinther 7, 1)

Der Tisch des HErrn ist heilig. Seine Tischgenossen nennt die Schrift ,,Heilige und Geliebte« (Kolosser 3, 12), denn so stehen sie in Christus vor Gott. Das bedeutet, daß wir am Tisch des HErrn ein Mahl feiern zum Gedächtnis der einzigartigen Offenbarung der Heiligkeit Gottes. In der schonungslosen Dahingabe des Sohnes in den Fluchtod am Kreuz ist die Spannung zwischen der Heiligkeit Gottes und der Sündhaftigkeit des Menschen zum Austrag gekommen und durch eine vollkommene Sühne gelöst worden. Ohne diese Sühne- und Erlösungstat auf Golgatha würde kein Mensch am Tisch des HErrn teilnehmen können. Jesus erklärt im hohenpriesterlichen Gebet: »Ich heilige Mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt seien in Wahrheit« (Johannes 17, 19), und der Apostel Paulus bekennt nun frohgemut: »Er hat uns mit dem Leibe Seines Fleisches mit Gott versöhnt, auf daß Er uns darstellte heilig und unsträflich und ohne Tadel vor Ihm selbst« (Kolosser 1, 22).

Rechtfertigung und Heiligung begrenzen den Teilnehmerkreis

Damit ist wiederum klargestellt, daß nur diejenigen Tischgäste Jesu sein können, die aus Sünde und Welt herausgenommen und Gottgeweihte geworden sind. Die Heiligkeit des Mahles kann nicht in einer Zeremonie oder heiligen Handlung bestehen, sondern sie muß ihren Ausdruck finden an den Tischgästen. Dazu sandte der HErr Seinen Geist, der »da heiligt, seit Christus auferstanden ist aus den Toten« (Römer 1,4). In der »Heiligung des Geistes« (2. Thessalonicher 2, 13; 1. Petrus 1, 2) ist durch dessen Sendung und Innewohnung ein Neues, Mächtiges, Göttliches mit zwingender Gewalt in den Menschen eingetreten, damit nun »die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt wird« (Römer 8, 4). Jene vollkommene Heiligkeit in Christus einerseits und diese werdende Heiligkeit in uns durch den Heiligen Geist anderseits sind in 1. Korinther 6, 11 nebeneinandergestellt: » … geheiligt und gereckt gemacht durch den Namen Jesu und durch den Geist unseres Gottes.« Die Unvollkommenheit der in uns selbst durch Gottes Geist gewirkten Heiligung hindert nicht, Tischgenossen des HErrn zu sein, sofern wir innerlich uns vom Bösen abgekehrt und geschieden haben und die Christusgemeinschaft unversehrt geblieben ist. Mit ausgesuchter Achtung behandelt der HErr Seine bluterkauften und geistgetauften Tischgenossen. Ihnen ist eine Würde beschieden, die den Engeln im Himmel nicht eigen ist, denn der Geist des Sohnes hat den Glaubenden und Wiedergeborenen das »Abba, Vater« auf ihre Lippen gelegt.

Wir brauchen ständig Zuflüsse des Christuslebens.

Noch einmal sei gesagt: nicht um Brot und Wein handelt es sich bei diesem heiligen Mahl, sondern um Jesus Christus selbst. In den Zeichen von Brot und Wein genießen wir die Auswirkungen und Früchte Seines Todes, wir nehmen sie im Glauben in uns auf und eignen sie uns an. Damit wird das Mahl zu einer Stärkung für unsern inwendigen Menschen, damit wir in dem uns verordneten Kampf des Glaubens nicht ermüden, sondern den Sieg gewinnen. Ohne solche Aneignung der Todeskräfte Jesu haben wir kein göttliches Leben in uns. Jesus sagt mit harter Rede: »Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken Sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch!« (Johannes 6, 53.) Das ist gleichnishaft geredet: »Der Geist ist es, der Leben schafft; das Fleisch hilft zu nichts. Die Worte, die Ich rede, sind Geist und Leben« (Johannes 6, 63). Während in der räumlichen Welt das Gesetz der Geschiedenheit waltet — denn wo ein Gegenstand Raum beansprucht, kann nicht gleichzeitig ein anderer Gegenstand denselben Raum einnehmen —, waltet in der Geisteswelt das Gesetz der gegenseitigen Durchdringung im Ineinander: »Ihr in Mir und Ich in euch« (Johannes 15, 4). In dem Gleichnis vom Weinstock und den Reben ist das anschaulich gezeigt: die Reben sind durch den Saftstrom ein Bestandteil des Weinstocks, der Weinstock wirkt in den Reben die Frucht. Wie unser Leibesleben ohne Essen und Trinken nicht erhalten bleiben kann, so kann auch unser geistliches Leben nicht erhalten bleiben ohne diese ständigen geheimnisvollen Zuflüsse göttlicher Kräfte: »Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, bringt viele Frucht; denn außer Mir könnt ihr nichts tun« (Johannes 15, 5).

4. UNWÜRDIGER GENUSS

Nachdem wir ausführlich den tieferen Sinn und die eigentliche Bedeutung des HErrnmahls herausgestellt haben, müssen wir noch die abschließenden Verse 1. Korinther 11, 27—32 behandeln. Es sind ernste und eindringliche Worte des Apostels, wozu eine sittliche Laxheit der Gemeinde in Korinth unmittelbaren Anlaß gegeben hatte. Doch diese gewissenweckenden Worte des Apostels behalten ihren Wert für alle Zeiten.

Der Apostel nennt in dem vorliegenden Schriftteil die Folgen einer unangemessenen inneren Geisteshaltung beim Nahen zum Tisch des HErrn. Damit gewinnt das, was er sagt, ein Schwergewicht und eine Schärfe gegenüber der Leichtfertigkeit, die es vergißt, daß wir in dem Brot und Kelch des HErrnmahls die heiligen Zeichen von Leib und Blut des HErrn vor uns haben. Wenn es schon beim Passah des Alten Bundes, dem »Fest der ungesäuerten Brote«, heißt: »Wer gesäuertes Brot isset, dessen Seele soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel« (2. Mose 12, 15. 19), so kann erst recht beim heiligen Mahl des Neuen Bundes ein Frevler der göttlichen Zucht nicht entgehen. Es bleibt immer bestehen: »Heiligkeit ist die Zierde Deines Hauses ewiglich« (Psalm 93, 5). Gott wacht darüber, daß die Grundrechte Seiner Herrschaft nicht angetastet werden. Die Folgen einer unziemlichen Haltung Ihm gegenüber werden wir zu verspüren bekommen. Das ist Gott Seinem heiligen Namen schuldig.

a) Verschuldung am Leib und Blut des HErrn

»Deshalb, wer irgend unwürdig von diesem Brot isset oder
von dem Kelch des HErrn trinket, der ist schuldig an dem
Leib und Blut des HErrn.« 1. Korinther 11, 27.)

Eine unwürdige Art und Weise der Feier.

Nicht zu übersehen ist, daß hier mit dem Begriff »unwürdig« zunächst eine Art und Weise der HErrnmahlfeier verurteilt wird, die sich nicht ziemte und die eine Mißachtung der Heilstat Christi bedeutete. Es ist also zunächst nicht an die Unwürdigkeit der Teilnehmer am Tisch des HErrn gedacht, sondern an unwürdige Umstände bei der HErrnmahlfeier in der korinthischen Gemeinde. Das hing zusammen mit den vorausgegangenen Liebesmahlen. Die Gemeinde war in verschiedene Gruppen gespalten, die einander bekämpften (1. Korinther 1, 10 f.; 3, 3 f.; 11, 17 f.). Diese Parteiungen zeigten sich auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten und vermutlich ebenso bei der jeweils anschließenden HErrnmahlfeier. Während sich einige Teilnehmer an den mitgebrachten Speisen und Getränken reichlich gütlich taten, scheinen andere — vielleicht weil sie einer anderen Partei zuneigten — leer ausgegangen zu sein. Man scheint schließlich die HErrnmahlfeier nicht mehr als besondere Feier abgegrenzt zu haben, sondern sie scheint mit dem allgemeinen Liebesmahl gleichgesetzt worden zu sein, oder man konnte das HErrnmahl wegen der Gespaltenheit der Gemeinde in verschiedene Parteien überhaupt nicht mehr feiern. Der Apostel rügt diese Mißachtung und Verkennung des HErrnmahls. Er gibt den Rat, lieber die Mahlzeiten zu Hause einzunehmen, als das HErrnmahl durch vorausgehende Unmäßigkeit beim Essen und Trinken oder durch herausfordernd bekundete Zwietracht zu mißachten und es so zu mißbrauchen durch eine unwürdige Art und Weise der Feier.

Es geht um die innere Einstellung der Teilnehmer am HErrnmahl.

Das vorausgesetzt, können wir doch nicht so schnell über den Begriff eines »unwürdigen« HErrnmahlgenusses hinweggehen, als handle es sich nur um eine unangemessene Form der Feier. Der Begriff »unwürdig« bestimmt sich aus der vorhergehenden Erörterung der Bedeutung des HErrnmahles, was durch das Bindewort »deshalb« in Vers 27 angedeutet ist. Deshalb — weil es sich beim HErrnmahl um die Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi handelt, um ein Hineinbezogenwerden des Teilnehmers in den Wirkungsbereich von Jesu Erlösertod —, deshalb bestimmt sich der Begriff »unwürdig« im Grunde danach, ob und inwieweit in diesem Doppelverhältnis zu Christus und zur Gemeinde eine Störung eingetreten ist. Das für »würdig« dienende Grundwort bedeutet ursprünglich das einem Gewicht genau Entsprechende, und im neutestamentlichen Sprachgebrauch hat es den Sinn von »entsprechend, geziemend, angemessen« angenommen. Es handelt sich also auch um die innere Einstellung der Teilnehmer an der Feier des HErrnmahles, ob diese der heiligen Handlung angepaßt ist und übereinstimmt mit der geziemenden Haltung zu Christus und den Brüdern.  Sehen wir näher zu!

Unvergebene Sünde macht unwürdig.

Unvergebene Sünde trennt uns schon deshalb vom Tisch des HErrn, weil das HErrnmahl durch seinen inneren Charakter Vergebung der Sünden voraussetzt; die Feier ist das Frohbekenntnis zu Jesu Sühnetod; wir verkündigen damit des HErrn Tod. Auch das Kind Gottes bedarf täglich der Vergebung, damit der Zustrom des göttlichen Geistes nicht gehemmt und unterbrochen wird. Das Wandern auf den Straßen dieses Lebens macht unsere Füße staubig. Darum hat Jesus Seinen Jüngern vor dem letzten Passahmahl die Füße gewaschen, obwohl sie an sich durch das Reinigungsbad des Wortes Jesu gegangen waren. Jesus sagt sogar zu Petrus, der sich den Dienst der Fußwaschung nicht gefallen lassen wollte: »Werde Ich dich nicht waschen, so hast du kein Teil an Mir« (Joh.13,8). Wie leicht wird unsere Gedankenwelt befleckt, wofür wir immer wieder Reinigung durch das Blut Christi benötigen! Indem wir dem HErrn bekennen, was unser Herz und Gewissen befleckt, und Ihn um Vergebung bitten, vertrauen wir dem Blut Christi, daß es uns »reinigt von aller Untugend« (1.Joh. 1,8). Es geht nicht an, unvergebene Sünde mitzuschleppen. Jede Ansammlung von unvergebener Schuld belastet unser Gewissen und läßt keine Freudigkeit zu Gott aufkommen. Fehlt aber diese Freimütigkeit, ist der Weg zu Gott versperrt durch Schuld, so widerspricht es der Wahrheit, wenn wir dennoch am Tisch des HErrn teilnehmen.

Festgehaltene Sünde macht unwürdig.

Bedenklicher als unvergebene Sünde ist festgehaltene Sünde. Jede festgehaltene Sünde gibt dem Satan einen Rechtsanspruch an uns. Der Feind unserer Seele ist damit in unser Inneres eingedrungen; wir sind Ihm ausgeliefert. Das ist ein unmöglicher Zustand für einen Christusangehörigen und Gottverlobten. Die festgehaltene Sünde zerstört die Christusgemeinschaft, die im HErrnmahl bekannt wird. Deshalb ist die Teilnahme am HErrnmahl unmöglich, solange die Sünde nicht preisgegeben wird durch ein offenes Bekenntnis und durch einen Bruch mit ihr. Je nach seiner Naturveranlagung bestehen hier für jeden Christen Gefahrenstellen, bei denen er besonders wachsam sein muß. Wenn er nicht Überwinder wird, dann wird er ein Überwundener. Den Siegespreis erlangen nur Überwinder.

Nicht unwürdig macht Anfechtung zur Sünde.

Zu unterscheiden davon ist die Anfechtung zur Sünde, zu der man in bewußter Gegnerschaft steht. Anfechtung zur Sünde ist nicht Sünde, wiewohl sie den unheimlichen Herd der innewohnenden Sünde anzeigt. Das ist das Merkmal des lebendigen Glaubens und eigentlich ein Wunder, daß der Glaubende die ihm naturhaft anhängende Sünde haßt, wie Gott sie haßt. Das kann nur deshalb der Fall sein, weil Gottes Geist in dem Glaubenden wohnt. Wer sich aber wegen dieser Anfechtung durch die innewohnende Sünde »unwürdig« fühlt zur Teilnahme am Tisch des HErrn, der soll wissen, daß gerade er dazu würdig ist. Wir haben oben gezeigt, daß das für »würdig« gebrauchte Wort nicht genau den Sinn hat, den es im Deutschen besitzt, sondern eine Haltung meint, die der Bedeutung des HErrnmahls entspricht und ihr »angemessen« ist. Wir treten aber beim HErrnmahl in eine Gemeinschaft mit dem HErrn ein, der deshalb für uns in den Tod ging, weil wir selbst uns nicht erlösen können. Der Erzfeind der Kinder Gottes sucht gerade gewissenhafte und aufrichtige Seelen vom Tisch des HErrn fernzuhalten, um bei ihnen nicht das getroste Vertrauen auf das gegenwärtige, vollkommene Christusheil aufkommen zu lassen. Niemand, auch nicht der gefördertste Christ, steht außerhalb der Anfechtung der Sünde, deren Herd unausrottbar ist, solange wir in diesem sterblichen Leibe leben. Das HErrnmahl aber ist dazu eingesetzt, um uns immer wieder die Tatsache vor Augen zu führen, daß Jesus gekommen ist in diese Welt als ein Arzt für die Kranken, nicht für die Gesunden. Christus hat mit Seinem Leben unsere Schuld bezahlt. Am Kreuzesstamm ist die Schuldurkunde zerrissen, die wir vertrauensvoll Ihm ausgeliefert hatten.

Mit Zuversicht können wir mit dem Dichter beides bejahen: unsere persönliche Unwürdigkeit und unsere vollkommene Würdigkeit in Christus:

»Die Handschrift ist zerrissen,
die Zahlung ist vollbracht;
Er hat mich’s lassen wissen,
daß Er mich frei gemacht,

Er, der versank in bittern Tod
und der für meine Seele
Sein Blut zum Opfer bot.
Ich weiß sonst nichts zu sagen,
als daß ein Bürge kam,
der meine Schuld getragen,
die Rechnung auf sich nahm
und sie, so völlig hingezählt,
daß von der ganzen Menge
auch nicht ein Heller fehlt.

Die Nägel Seiner Wunden
zerrissen meinen Brief,
der alle Tag und Stunden
an Zahlen höher lief.
Sein völlig ausgeströmtes Blut,
Sein heil’ges Tun und Leiden
macht meinen Schaden gut.
Wenn ich mich selbst betrachte,
so wird mir angst und weh;
wenn ich auf Jesus achte,
so steig ich in die Höh,
so freut sich mein erlöster Geist,
der durch das Blut des Lammes
gerecht und selig heißt.

Lamm Gottes, Deinen Wunden
verdank ich’s Tag und Nacht,
daß sie den Rat gefunden,
der Sünder selig macht.
Gelobet sei Dein Todesschweiß,
und allen Deinen Schmerzen
sei ewig Ehr und Preis!«    –    Ernst Gottlieb Woltersdorf (1725-1761)

Unwürdig ist, wer die Einheit der Gemeinde Jesu zerstört.

Es muß noch etwas gesagt werden über die Einheit der Gemeinde, die durch das HErrnmahl bekannt und dargestellt wird. Aus dieser Tatsache ergibt sich, daß eine Störung des guten Verhältnisses unter Brüdern oder gar ein Zerwürfnis unter ihnen den Betroffenen die Teilnahme am Tisch des HErrn unmöglich macht. Gerade hierüber redet die Schrift deutlich, denn die Gemeinschaft der Heiligen ist die höchste Versichtbarung der Frucht des Todesleidens Jesu und der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Jesus selbst gibt genaue Anweisung im Falle einer Störung der Brüderliebe (Matthäus 18, 15—17):

»Sündigt aber dein Bruder, so gehe hin und halte es ihm vor zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf daß jegliche Sache stehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so sei er dir wie ein Heide und Zöllner.«

Aus den apostolischen Briefen sei Kolosser 3, 13 angeführt: »Vertrage einer den andern und vergebet euch untereinander, wenn jemand Klage hat wider den andern; gleichwie der HErr euch vergeben hat, so auch ihr.«

Es kommt nach dieser Kolosserbriefstelle nicht darauf an, daß ich nichts wider den Bruder habe, sondern umgekehrt darauf, ob ein Bruder etwas wider mich hat. Übrigens fehlen in guten Handschriften die in der Übersetzung Luthers bei Matthäus 18, 15 einschränkenden Worte »an dir«. Nicht nur dann, wenn der Bruder »an dir« sündigt, sondern überhaupt dann, wenn du wahrnimmst, daß er sündigt und somit in großer Gefahr ist, verlangt die brüderliche Liebe eine seelsorgerliche Ermahnung. — Das brüderliche Verhältnis zueinander steht und fällt mit der gemeinsam erfahrenen Vergebung unserer Sünden durch Christus: »Wenn ihr den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Übertretungen auch nicht vergeben.« (Matthäus 6, 15.) Angesichts dieses ernsten Wortes sollte es uns unmöglich sein, mit Brüdern zu hadern. Der Tisch des HErrn ist nicht zugänglich für Menschen, die durch ihr Verhalten die Einheit der Gemeinde zerstören. Es ist Sache der Gemeinde, wachsam zu sein und durch eine geistlich gehandhabte Gemeindezucht zu verhüten, daß sich ein Bann die Gemeinde legt und Gottes Geist gedämpft und betrübt wird.

Unwürdiger Genuß des HErrnmahls ist Verschuldung am Heiligsten

Durch das Gesagte sind die Schlußworte beleuchtet: »…. der ist schuldig am Leib und Blut des HErrn.« Der Apostel weist damit zurück auf Kapitel 10, 16: »Der Kelch der Danksagung, für welchen wir danksagen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi?« Alles, was diese Gemeinschaft zerstört, ist Schuld, ja eine Entweihung dessen, was durch Brot und Wein zeichenhaft dargestellt wird: des Leibes und Blutes des HErrn. Die Verschuldung ist deshalb so groß, weil sie sich richtet gegen das Heiligste, was es gibt. Dem Blute Jesu verdanken wir unser ewiges Heil; außer ihm gibt es kein anderes Heil. Es ist Vermessenheit, leichtfertig mit dem HErrnmahl umzugehen, als ob es ein gewöhnliches Mahl wäre, und es ist schwere Schuld, eine Sünde festzuhalten, die durch Gottes heiliges Gericht am Kreuz von Golgatha an unserem Bürgen gerichtet worden ist.

b) Der Mensch prüfe sich selbst!

»Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch.« (1.Kor. 11,28).

Die Christen sollen als Bewährte am HErrnmahl teilnehmen.

Das in unserem Textwort gebrauchte Wort »prüfen« bedeutet, eine Sache auf ihre Echtheit zu untersuchen, ihre eigentliche Beschaffenheit festzustellen. In dem Zusammenhang mit dem HErrnmahl handelt es sich darum, ob die Voraussetzungen zur Teilnahme, zum »würdigen« Genuß des HErrnmahls gegeben sind, nämlich die ungetrübte Gemeinschaft mit Christus und ein ungestörtes Verhältnis zu den Brüdern. Sind diese beiden Voraussetzungen nicht gegeben, so müßte das zuvor in Ordnung gebracht werden, ehe wir dem Tisch des HErrn nahen. Freilich ist eine solche Selbstprüfung ohnehin täglich am Platze. Schlatter übersetzt unser Wort: »Es bewähre sich aber der Mensch…« Es ist also nicht damit getan, daß die Teilnehmer am HErrnmahl nach einer vorgedruckten Beichtregel vor dem Mahlgenuß sich einer Herzensrührung überlassen und in einem gemeinsamen Sündenbekenntnis um Vergebung bitten, sondern es geht darum, ob sie im Glaubensleben bewährt sind, ob sie mit Gott und Christus im reinen und mit den Brüdern in Ordnung sind. Das gilt freilich nicht nur für den Augenblick, da wir zum Tisch des HErrn schreiten, sondern das gilt für jeden Tag unseres Lebens, den Gott uns schenkt. Wir sollten uns am Abend nicht schlafen legen, ohne vor Gott unser Tun und Lassen geprüft zu haben, ohne für jeden Fehltritt, jedes unnütze Wort, jede Befleckung des Fleisches und des Geistes, jede Lieblosigkeit um Vergebung gebeten, für jede Durchhilfe unseres Gottes, für jeden Sieg in der Versuchung gedankt zu haben. Das gehört einfach zur Gesunderhaltung des Glaubenslebens.

Tief im Herzen des Menschen ist das Wurzelgebiet seines Wesens, der Quellgrund seines Handelns, die geheime Werkstätte seiner Gedanken, Pläne und Entschlüsse. Alles, was der Mensch tut und läßt, alle seine Willensentscheidungen, alle seine Wege haben ihren Anfang tief im Inneren des Menschen. »Aus dem Herzen des Menschen geht das Leben« (Sprüche 4, 23). Der Mensch glaubt, sich selbst in der Hand zu haben, aber in Wirklichkeit wird der Mensch von verborgenen Mächten und Triebkräften gelenkt. Sein eigener Sinn ist ja verfinstert, ehe Licht von oben in seine Seele fällt und ihn erleuchtet. Der Mensch durchforscht den Weltenraum und die Tiefen der Meere und der Erde; aber sein eigenes Ich bleibt ihm ein unbekanntes Land. Es sind Tiefen und Abgründe in der menschlichen Seele, die er nicht ahnt.

»Nur im Licht geht man gewiß.«

Das wird anders, wenn Gottes Geist dem Menschen das Herz erschließt für Gottes Wort, für Gottes Wahrheit, für Gottes Heil. Nun lernt der Mensch sich selbst erkennen. Er erkennt im Lichte der Gnade Gottes seine tiefe Verlorenheit. Er erkennt aber auch das Erbarmen Gottes, Seine unergründliche Liebe, Seine Heiligkeit. Er wird ein Wissender. Darum kann der Apostel schreiben: »Der geistliche Mensch ergründet alles« (1. Korinther 2, 15). Durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes vermag der Mensch sich selbst zu prüfen, sein Wesen zu durchforschen, wobei immer das Wort Gottes Maßstab und Richtschnur ist. Der unerlöste Mensch tappt im Dunkel, er läßt sich von seinem eigenen Herzen betrügen. Aber der erlöste Mensch hat in dem göttlichen Sachwalter, dem Heiligen Geist, einen treuen Führer gefunden, durch dessen zarte Leitung er sich in allen Wirrnissen des Lebens zurechtfinden kann. Nur im Lichte Gottes erkennen wir das Licht, erfahren wir den Willen Gottes.

In einer Welt, die den Menschen mit undurchdringlichen Wirrnissen umgibt, die ihm tausend ungelöste Fragen aufgibt, bedarf der Mensch eines sicheren Führers. »Wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten«  (Joh. 16,13), verheißt der HErr vor Seinem Scheiden Seinen Jüngern. Somit ist der erlöste Mensch — und nur er — in den Stand gesetzt, sich selbst zu prüfen  und am Kompaß des Wortes Gottes festzustellen, ob er nicht abgewichen ist von der rechten Zielrichtung. Ohne diese ständige Selbstprüfung wäre unser Glaubensleben zu vergleichen mit einem Schiff, das sich ohne Kompaß auf die hohe See hinauswagt, das nie prüft, ob es nicht durch Wind und durch die Trift der See von der ursprünglichen Richtung abgekommen ist und das unversehens an verborgenen Riffen zerschellen muß. Es hat je und je Menschen gegeben, die »am Glauben Schiffbruch erlitten haben« (1. Tim. 1, 19); das ist die Folge davon, wenn man nicht täglich sich prüft (2. Kor. 13, 5). Nur auf diese Weise werden wir bewahrt und somit zu Bewährten. Der Schreiber des Hebräerbriefes mahnt: »Sehet darauf, daß nicht jemand Gottes Gnade versäume!« Das gilt nicht nur jedem einzelnen Gotteskind, sondern auch der ganzen Gemeinde: »… daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und die Gemeinde dadurch befleckt werde« (Hebr. 12, 15).

Bekehrung allein genügt nicht; Jesus fordert Nachfolge.

Alle Fehlentwicklungen unseres inneren Lebens und des christlichen Gemeindelebens beginnen damit, daß es an der Selbstbesinnung und Selbstprüfung, an der inneren Einkehr fehlt. Es ist nicht so, daß nun alles in Ordnung ist, wenn man zu Jesus bekehrt wurde. Von selbst wächst nur das Unkraut des Bösen; die Früchte des Geistes Gottes bedürfen großer Achtsamkeit, bedürfen des Wachens und Betens, der Selbstzucht und der Opferbereitschaft. Es gibt keine billige Gnade. Jesus fordert von Seinen Jüngern: »Wer Mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach…« (Markus 8, 24.

Der Apostel Paulus erfleht für die Gemeinde in Philippi, daß »ihre Liebe je mehr und mehr reich werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, daß ihr prüfen möget, was das Beste sei, auf daß ihr seid lauter und unanstößig auf den Tag Christi, erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus geschaffen wird zu Gottes Ehre und Lob« (Philipper 1). Gerade diese Stelle zeigt das Wechselverhältnis, in dem die Selbstprüfung zu einem Wachstum in der Gotteserkenntnis und einem gesunden Glaubensleben steht. Nur durch aufrichtige Selbstprüfung vor Gott kommen wir zur Bewährung im Glaubensleben, zu einem Wachstum in der Erkenntnis und Liebe, zur Entfaltung geistlicher Kräfte und zur inneren Reife. In diesem Sinne dürfen wir mit Gerhard Tersteegen (1697-1769) beten:

Du durchdringest alles;
laß Dein schönstes Lichte,
HErr, berühren mein Gesichte!
Wie die zarten Blumen
willig sich entfalten
und der Sonne stille halten:

laß mich so
still und froh
Deine Strahlen fassen
und Dich wirken lassen!

Wegweiser zu Christus müssen in Ordnung sein.

Die Notwendigkeit zur Selbstprüfung im Lichte Gottes zieht sich durch die ganze Heilige Schrift, wie sich jener rote Faden durch alles Tauwerk der englischen Marine zieht. Schon der Psalmsänger betet: »Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine, und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege« (Psalm 139, 23. 24). Das unbeugsame Gesetz von Saat und Ernte begleitet den Menschen auf Schritt und Tritt. Nur auf dem Wege ständiger Selbstprüfung und Bewährung jedes einzelnen Mitgliedes wird die gläubige Gemeinde zu einer »Stadt auf dem Berge«, die der Welt etwas von der Lebensneuheit in Christus sichtbar macht.

Ohne ständige Selbstprüfung und innere Durchrichtung durch den Geist Gottes kann sich das neue Leben in uns nicht entfalten und nicht heranreifen zur Festigkeit. Niemand wird zum Überwinder, der nicht täglich sich darin übt, dem Teufel mit der Waffe des Gotteswortes zu begegnen und seine listigen Angriffe abzuwehren, wie Jesus es getan hat. Wir erreichen nicht das Ziel, wenn wir nicht wachsam sind und so unsere »Gedanken verkehrt werden hinweg von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus« (2. Korinther 11, 3). Darum konnte der Apostel Paulus, als er über die Einsetzung des HErrnmahles und über dessen würdigen Genuß sprach, das Wort von der Selbstprüfung, von der Bewährung im Glaubensleben, nicht unterschlagen.

c) Gott züchtigt, die Er liebt

»Denn welcher also isset und trinket, daß er nicht unterscheidet den Leib des HErrn, der isset und trinket sich selbst zum Gericht. Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und ein gut Teil sind entschlafen.«(1.Kor.11,29)

Diese Stelle gibt den Auslegern viele Rätsel auf, und die Übersetzer versuchen, den etwas dunklen Text aufzuhellen durch erklärende Beifügungen. Genauer sagt die Elberfelder Übersetzung: »Denn wer (unwürdiglich) ißt und trinkt, ißt und trinkt sich selbst Gericht, indem er den Leib nicht unterscheidet …«
Wie durch Klammer kenntlich gemacht, fehlt im Grundtext das Wort »unwürdiglich«, ebenso die im Luthertext zu »Leib« hinzugefügten Worte »des HErrn«. Schlatter übersetzt: »Wer ißt und trinkt, ißt und trinkt für sich ein Urteil, wenn er den Leib nicht unterscheidet.«
Nein, sagt D. Dr. Wilhelm Oehler, man muß lesen: » … wenn er den Leib nicht richtet«, denn davon spricht ja Paulus, daß man sich selber richten soll (Vers 31). Daß hier unter »Leib« nicht Leib des HErrn gemeint ist, wie Luther sagt, sondern daß das Wort »Leib« hier für die Person des HErrnmahlteilnehmers steht, kann nicht befremden. Auch Römer 12, 1 ermahnt Paulus die Christen, ihre »Leiber« Gott als Opfer darzugeben, womit eben doch die ganze Person gemeint ist. Oehler meint, diese Schreibweise sei auch im Stil begründet; Paulus habe nicht zweimal das Wort »selbst« in einem Satz gebrauchen wollen. Er hatte gesagt: »… zum Gericht über sich selbst (eauton)«, und wollte nun wohl nicht fortfahren: »… wenn er nicht sich selbst richtet (eauton)«,  sondern setzt dafür, im Ausdruck abwechselnd: » … wenn er nicht den Leib (to sooma) richtet.« Das würde dem Satz in Vers 31 entsprechen: »Wenn wir uns aber selber richteten, würden wir nicht gerichtet werden.« Daraus folgt: »Wenn wir uns selber nicht richten, so werden wir gerichtet werden.«

Es mangelte die Bewährung im Glaubensleben.

Wir können uns nicht damit befreunden, daß der Apostel hier nur tadelt, die Korinther hätten sich verfehlt, indem sie das HErrnmahl nicht von einer gewöhnlichen Mahlzeit unterscheiden. Natürlich ist das zu tadeln, aber dieser Mangel an Unterscheidungsvermögen, diese unwürdige Art der HErrnmahlsfeier, ist nicht Ursache, sondern Folge eines tieferen Mangels, den wir bei der Behandlung von Vers 27 herausgestellt haben: es mangelte die Bewährung im Glaubensleben, es mangelte der Wandel im Geiste des HErrn, im Lichte von oben. Das Wort »unterscheiden« ist zu schwach übersetzt. Besser wäre schon die von manchen gebrauchte Übersetzung »beurteilen«, weil es auf einen Mangel an geistlicher Urteilskraft zurückzuführen ist, wenn die Korinther bei der Feier des HErrnmahls übersahen, daß es sich dabei um eine innige Gemeinschaft mit Christus handelt, um einen Anteil an den Segenswirkungen, die vom Sühnetod Christi ausgehen.

Der Sinngehalt von Vers 29 dürfte der sein, daß wir uns beim Essen und Trinken von Brot und Wein ein Gericht essen, wenn wir uns nicht selbst richten. Es heißt im Grundtext nicht: »das« Gericht. Gemeint ist in unserem Wort nicht das endgültige Verwerfungsgericht Gottes, sondern vielmehr ein züchtigendes Eingreifen Gottes, so wie Kinder bei ungehörigem Verhalten mit einer Strafe durch die Eltern rechnen müssen. Wo es an Gemeindezucht fehlt, da setzt die göttliche Gemeindezucht ein durch Heimsuchungen mancherlei Art.

»Der Tempel Gottes ist heilig — der seid ihr!«

Dieses Wort bringt uns die Heiligkeit der Gemeinde Jesu zum Bewußtsein. Diese Heiligkeit ist darin begründet, daß Christus sie um den Preis Seines Blutes »sich zu eigen erworben« hat (Apostelgeschichte 20, 28). Wer von Christus beschlagnahmt ist durch Bekehrung und Wiedergeburt, dessen Eigenleben ist damit beendet. Weil die Lebenshaltung der Jünger Jesu im Urteil der Welt auf Jesus selbst zurückfällt, denn Seine Jünger nennen sich ja als Angehörige und Nachfolger des Christus »Christen«,  darum muß  der HErr uns je und dann durch strenge Zucht in Sein Bild gestalten. In den sieben Sendschreiben Offenbarung 2 und 3 ist das deutlich gezeigt. Jesu Augen entgeht nichts. »Ich weiß deine Werke…« In gewissem Sinne sind die Mitglieder einer gläubigen Gemeinde miteinander solidarisch, das heißt gemeinschuldnerisch verpflichtet. Denn der geistliche Stand der Gemeinde hängt zusammen mit dem geistlichen Stand der einzelnen Mitglieder. Wenn der einzelne in Jesu Nachfolge versagt und zurückbleibt, so wirkt sich das aus auf die ganze Gemeinde und lähmt ihre Kraft, trübt ihr Licht. Darum kehrt in den apostolischen Briefen des Neuen Testaments in allen Tonarten die Ermahnung wieder: liebet, tröstet, ermahnet, vergebt und dient einander! Die Gemeinde ist ein lebendiger Organismus. Wenn ein Glied lahmt, so ist der ganze Leib behindert. Darum ist der Gemeinde die Gemeindezucht übertragen, damit nicht durch offenbare Sündenfälle Schande auf den Namen Jesu komme und den Draußenstehenden ein Anstoß und Ärgernis bereitet werde. Das geht so weit, daß der unverbesserliche Sünder hinausgetan werden muß, eine erschreckend ernste Maßnahme, denn der HErr Jesus sagt der Gemeinde: »Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein« (Matthäus 18, 18). Was die gläubige Gemeinde — allerdings nur unter der Leitung des Heiligen Geistes — auf Erden beschließt und verfügt, ist auch im Himmel rechtskräftig, handle es sich um Verurteilung oder Vergebung. Alle Gemeindezucht muß das Ziel haben, den Schwachen zurechtzubringen, damit er wieder Anteil an der Heiligkeit Gottes erlangt.

Der Herzenskündiger greift ein.

Wo Gemeindezucht versagt, da greift der HErr selber ein. Er prüft auf Herz und Nieren. Längst ehe andere im Leben eines zurückbleibenden Bruders eine Verfehlung bemerken, hat der HErr die verborgenen Anfänge gesehen. Mit Gnade und Gericht sucht Er dem Gefährdeten zu helfen, aus den Schlingen Satans herauszukommen. Er verzäunt die Wege derer, die in Gefahr sind, irrezugehen. Er zerstreut eitle Lebenspläne, die zum Verderben führen müßten, wenn sie gelängen. Er läutert das Gold des Glaubens durch Trübsale, wenn es vermengt ist mit fremden Bestandteilen. Durch solche Züchtigungswege werden im Leben der Gläubigen Gefahrenquellen beseitigt, Vergötzungen verhütet, dem Hochmut die Wurzel durchschnitten, die scharfen Ecken des adamitischen Wesens abgeschliffen. Ohne die erziehende Hand des HErrn würde niemand das Ziel erlangen. Es ist Treue unseres Gottes, daß Er die Seinen nicht ihre eigenen Wege gehen läßt. Gerade fruchtbare Reben beschneidet der himmlische Weingärtner mit scharfem, aber heiligem Winzermesser, damit sie mehr Frucht bringen und dadurch den Vater im Himmel ehren (Johannes 15, 2. 8). Erst allmählich und oft viel zu spät kommt man dahinter, daß Gottes Erziehungswege Erweise Seiner Liebe und Güte sind: »HErr, ich weiß, daß Deine Gerichte recht sind. Du hast mich treulich gedemütigt« (Psalm 119, 75). Gottes Erziehungswege mit den Seinen sind Meisterwerke. Will Er aus einem ungefügen Marmorblock ein Denkmal Seiner Gnade machen und uns in Jesu Bild gestalten, dann geht kein Schlag daneben. Nur so werden wir ein Lobpreis Seiner Gnade, wozu wir erschaffen, erlöst und mit heiligem Ruf berufen sind.

»Unter Leiden prägt der Meister
in die Herzen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein;
wie Er dieses Leibes Töpfer,
will Er auch des künft’gen Schöpfer
auf dem Weg der Leiden sein.

Leiden bringt empörte Glieder
endlich zum Gehorsam wieder,
macht sie Christo untertan,
daß Er die gebrochnen Kräfte
zu dem Heiligungsgeschäfte
sanft und still erneuern kann.

Leiden sammelt unsre Sinne,
daß die Seele nicht zerrinne
in den Bildern dieser Welt,
ist wie eine Engelwache,
die im innersten Gemache
des Gemütes Ordnung hält.

Leiden stimmt des Herzens Saiten
für den Psalm der Ewigkeiten,
lehrt mit Sehnsucht dorthin sehn,
wo die sel’gen Palmenträger
mit dem Chor der Harfenschläger
preisend vor dem Throne stehn.

Leiden macht das Wort verständlich,
Leiden macht in allem gründlich;
Leiden, wer ist deiner wert?
Hier heißt man dich eine Bürde,
droben bist du eine Würde,
die nicht jedem widerfährt.«  –  Karl Friedrich Hartmann  (1743 – 1815).

Krankenstuben sind Stätten der Gottesbegegnung.

Der himmlische Vater hat viele Wege und Mittel, um mit den Seinen ans Ziel ihrer himmlischen Berufung zu kommen. Er verfährt nie nach einer Schablone. Der Apostel erwähnt in unserem Schriftabschnitt die auffallend vielen Kranken und Schwachen in der Gemeinde, ja eine Anzahl von Sterbefällen als Heimsuchung Gottes zum Gericht über solche, die sich unwürdig dem Tisch des HErrn genaht hatten.

Uns ziemt heute keusche Zurückhaltung bei der Beurteilung der Ursache von Krankheitsfällen. Krankheit darf nicht einfach auf Sünde im Leben des Kranken zurückgeführt werden. Es gibt auch Verherrlichungsleiden zur Ehre Gottes. Der Apostel Paulus trug an seinem Leibe die Malzeichen Christi, die er sich in harter und heißer Erntearbeit zugezogen hatte. Krankenstuben sind allemal heilige Stätten, weil Gott hier den einzelnen begegnen will. Der Prophet sagt als Mund Gottes der alttestamentlichen Gottesgemeinde: »Siehe, Ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden« (Hosea 2, 16). In der Krankenstube will Gott unter vier Augen ein seelsorgerliches Gespräch mit Seinem Kinde führen. Es ist niemals unsere Sache, sondern es ist Sache der Leidenden selbst, durch Beten und aufrichtige Selbstprüfung vor dem HErrn, durch Nachsinnen und wohl auch durch Austausch mit geistlich gereiften Brüdern oder Schwestern herauszufinden, was der HErr ihnen zu sagen hat und wo Er mit ihnen hinaus will. In jedem Fall hat der HErr Segensabsichten, und wir müssen alle Sorgfalt darauf verwenden, daß wir den uns durch die Leidenszeit zugedachten Segensertrag erlangen und ihn nicht aufs Spiel setzen durch Murren und Klagen und Unzufriedenheit und Ungeduld. Mit einem Gottesmann wollen wir beten:

»HErr, habe acht auf mich
und reiß mich kräftiglich
von allen Dingen;
denn ein gefesselt Herz
kann sich ja himmelwärts
durchaus nicht schwingen.

HErr, habe acht auf mich!
Schaff, daß mein Herze sich
im Grund bekehre;
trifft vom verborgnen Bann
Dein Auge noch was an,
HErr, das zerstöre!

HErr, habe acht auf mich!
Die Schlange mühet sich,
mit ihren Tücken
ein Herz, das Du befreit,
von der Einfältigkeit
bald zu verrücken.

HErr, habe acht auf mich!
Die Welt legt listiglich
in solchen Dingen,
die sie unschuldig nennt,
weil sie sich selbst nicht kennt,
viel Netz und Schlingen.

HErr, habe acht auf mich!
Töt in mir mächtiglich
die Eigenliebe,
Trägheit, Lust, Furcht und Neid,
Menschengefälligkeit,
unlautre Triebe.

HErr, habe acht auf mich
und laß mich ritterlich
den Kampf bestehen;
wenn Satan, Sünd und Welt
mich stürmend überfällt,
nicht übergehen.

HErr, habe acht auf mich
beim letzten Kampf, wann ich
von hinnen scheide;
führ mich durch Dein Geleit
in Deine Herrlichkeit
zur ew’gen Freude!«   –   Ludwig Konrad Allendorf (1693-1773).

 

Gott gibt neue Anfänge.

Steht aber die über uns hereingebrochene Krankheit im Zusammenhang mit Versündigungen, mit unordentlicher Lebensführung, vielleicht indem wir über das Maß unserer Kraft uns verzehren um Besitz und Ehre, daß wir uns im geschäftlichen Treiben keine Ruhepausen gönnen, keinen Sonntag feiern, daß wir durch unbeherrschtes Benehmen uns und andere unglücklich machen, daß wir unsern Leidenschaften und Naturtrieben keinen Zaum und Zügel anlegen, daß wir in ungebrochenem Eigenwillen, durch Habsucht und Geiz und Weltlust uns um die Ruhe und gesunden Schlaf bringen, — kurz: indem wir einfach versagt haben, wo wir uns hätten bewähren sollen zur Ehre des HErrn und zum Segen für andere —, dann gibt der HErr uns durch Krankheitstage Raum zur Besinnung, Zeit zum Lesen Seines Wortes und zum Beten, Zeit zur Einkehr und Umkehr, einen neuen Anfang.

Mit jedem Gericht Gottes ist zugleich Seine Gnade verknüpft, denn noch ist der Tag des Heils. Immer, wenn wir Gott begegnen, sind wir unter einem Gericht. Hat doch der fromme Prophet, als er Gottes Herrlichkeit schauen durfte, erschrocken ausgerufen: »Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen« (Jesaja 6, 5). Aber ebenso gewiß ist, daß uns bei jeder Begegnung mit Gott Seine Gnade zuteil werden kann mit neuer Berufung und Ausrüstung zum Dienst. Das sehen wir bei Petrus, als er nach dem reichen Fischzug seine Unwürdigkeit erkannte und Jesus zu Füßen fiel mit den Worten: »HErr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch« (Lukas 5, 8). Doch gerade dann, als er mit sich selbst ins Gericht ging und zerbrochen vor Jesus lag, bekam er die Berufung zum Menschenfischer. Was Jonathan Paul (1853—1931) als Erlebnis bekennt, das werden viele Gotteskinder so oder anders gleichfalls erleben müssen, wenn sie das Ziel ihrer himmlischen Berufung erlangen wollen:

»Es schaut bei Nacht und Tage
Dein holdes Bild mich an
und legt mir vor die Frage,
ob ich Dich lassen kann.

Mein Gott, ich bin entschieden:
auf ewig bin ich Dein;
ich kann ja ohne Frieden
und ohne Dich nicht sein!«

Gott gibt die Seinen nicht schnell auf.

Das Mahl des HErrn stellt uns wie sonst nichts die Heiligkeit Gottes vor Augen. Darum kann Gott keine Leichtfertigkeit dulden, keine Mißachtung Seiner Ehre und Heiligkeit. Das Mahl des HErrn stellt uns aber auch die Heiligkeit der Gemeinde Jesu vor Augen. Man muß staunen, wie der Apostel Paulus nicht müde wird, in seinen Briefen an die Gemeinde in Korinth zu ringen um ihr geziemendes Verhalten, wie er sie zurechtzubringen sucht durch freundliche und durch harte Worte. Groß waren die Verfehlungen und Sünden, die bei der Leichtlebigkeit der Korinther zutage traten. Man muß bedenken, aus welchem sündigen Treiben sie herausgerettet worden sind! Da lag es nahe, daß vieles an ihnen hängen blieb, was sich nicht ziemte für Gotteskinder und was abgelegt werden mußte. Der Apostel vertraut dem Werk Gottes in Seinen Gläubigen. Selbst die Heimsuchung Gottes durch viele Krankheitsnöte waren ihm nur ein Beweis dafür, daß Gott die gläubigen Korinther nicht aufgegeben hatte, sondern daß Er dabei war, sie zu reinigen und vor dem Verderben zu bewahren. Wie vertrauensvoll schreibt er gleich zu Beginn des ersten Briefes: »Jesus Christus wird euch erhalten bis ans Ende, daß ihr unsträflich seid auf den Tag unseres HErrn Jesus Christus. Denn Gott ist treu, durch welchen ihr berufen seid zur Gemeinschaft Seines Sohnes Jesu Christus, unseres HErrn« (Kapitel 1, 8). Der Apostel sieht auch in der innerlich zurückgebliebenen korinthischen Gemeinde eine Schar, die der HErr um hohen Preis zu Seinem Eigentum erkauft hat. Gott gibt Seine teuer Erkauften nicht so schnell auf, wie wir sie zuweilen aufgeben. Er hat zuviel an sie gewandt, um sie wieder loszulassen.

»O Vaterhand, die mich so treu geführet,
o Vaterauge, das mich treu bewacht,
o Vaterherz, das meine Bitte rühret
und das mit ew’ger Liebe mein gedacht:

Du wollest mich denn ferner treulich leiten,
daß ich den graden Weg zum Himmel geh,
und mich zum ew’gen Leben zubereiten,
es sei durch Lieb und Leid, durch Wohl und Weh!

O mein Erlöser, der für mich gestorben,
und der mich Gott erkauft mit Seinem Blut
der mir Vergebung meiner Schuld erworben
daß nun mein Herz im Frieden Gottes ruht:

Du wollest mich denn immer mehr erlösen,
von allen Banden völliger befrei’n,
bei aller List und aller Macht des Bösen
der starke Held, durch den ich siege, sein!

O Heil’ger Geist, der Du mit sanftem Triebe
mich strafest, tröstest, treibst und beten lehrst,
der Du den Gottesfrieden und die Liebe,
die Hoffnung und den Glauben mir bescherst:

regiere mich und drücke mir den Stempel
der Gotteskindschaft in die Seele ein,
und laß mich meines Gottes heil’ger Tempel
voll Stille, voll Gebet und Frieden sein!«     –   Philipp Spitta (1801-1859).

 

d) Selbstgericht statt Gottesgericht

»Aber wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet. Wenn wir aber von dem HErrn gerichtet werden,
so werden wir gezüchtigt, auf daß wir nicht samt der Welt
verdammt werden.« (1. Korinther 11, 31)

Gottes Heimsuchungen sind ein Ruf zur Buße.

Das Wort »aber« verbindet die folgende Aussage mit dem vorher Gesagten. Doch die Aussage des Apostels hat auch eine allgemeine Gültigkeit und ist nicht beschränkt auf ihre Bezogenheit zum HErrnmahl. Der Apostel mußte diese grundsätzliche Wahrheit sagen, um keine irrigen Meinungen aufkommen zu lassen. Die Gottesgerichte im Erdenleben lassen keine bindenden Rückschlüsse zu auf das unabänderliche Urteil im Endgericht. Gott beabsichtigt mit Seinen Heimsuchungen in dieser Zeit, daß der Mensch sich zur Buße kehre und Gnade finde. Erst wenn der Mensch bewußt im Bösen beharrt, erst wenn der Mensch trotz der züchtigenden Hand Gottes nicht zur Einkehr und Umkehr kommt und in seiner von Gott abgekehrten Lebensrichtung weitergeht, erst dann tritt jene Verhärtung des Gewissens ein, da Gottes Geduld und Langmut ein Ende hat und der Mensch selbst durch sein Verhalten sein endgültiges Schicksal herbeiführt.

Selbstprüfung in Gottes Licht führt zum Selbstgericht.

Der Apostel hatte Vers 28 zur Selbstprüfung aufgefordert: »Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch.« Jede Selbstprüfung im Lichte des göttlichen Wortes führt notwendig zu einem Selbstgericht, und eben damit ist der Mensch würdig, am HErrnmahl teilzunehmen. Es scheint widersprüchlich und ist doch so: Begnadigte sind Leute, die sich der Liebe des himmlischen Vaters rühmen und gleichzeitig sich selber verurteilen! Wohl kann auch Satan den Menschen dahin bringen, daß er sich selber verurteilt und verdammt; der alt böse Feind tut das aber nur, um sein Opfer der Verzweiflung und Pein auszuliefern, wie wir es bei Kain sehen: »Meine Sünde ist größer, als daß sie mir vergeben werden könnte« (1. Mose 4, 13). Der an sich selbst verzweifelte Mensch flieht wie Kain weg von dem Angesicht des HErrn, statt zu Ihm hin. Anders ist es bei dem gottgewirkten Selbstgericht: »Die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut« (2. Korinther 7, 10). Man sucht keine andere Flucht vor Gott, als die Flucht zu Ihm hin, wie der verlorene Sohn sich flüchtete in die ausgebreiteten Arme des Vaters. Am Tisch des HErrn sitzen nur Sünder, die alle sich vergleichen mit »einem Brand, aus dem Feuer gerissen« (Sacharja 3, 2). Nur eins haben sie — mit Philipp Friedrich Hiller — zu rühmen:

Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung, deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren:
mein stolzes Herz hat’s nicht begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit!

Ich hatte nichts als Zorn verdienet
und soll bei Gott in Gnaden sein!
Gott hat mich mit sich selbst versühnet
und macht durchs Blut des Sohns mich rein.
Wo kam dies her, warum geschieht’s?
Erbarmung ist’s und weiter nichts!

Das muß ich Dir, mein Gott, bekennen,
das rühm ich, wenn ein Mensch mich fragt;
ich kann es nur Erbarmung nennen,
so ist mein ganzes Herz gesagt.
Ich beuge mich und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.

»Kommt, denn es ist alles bereit!«

Menschen, die ebenso sprechen, sind eingeladen vom HErrn zu Seinem Tisch. Hier verkündigen sie als einzigen Grund zu ihrer Seligkeit den Tod des HErrn. Hier ist das HErrnmahl ein zeichenhafter Ausschnitt der Ewigkeit, wo vielstimmig dem Lamm auf Gottes Thron der Choral ertönt: »Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel, denn Du bist erwürgt und hast mit Deinem Blut für Gott erkauft Menschen aus allen Geschlechtern und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden« (Offenbarung 5, 9. 10). Wir wiederholen: Niemand bleibe dem Tisch des HErrn fern, weil das Grundgefühl der anklebenden Sünde in seinem Herzen lebendig ist und er sich der Gnade Gottes nicht wert hält! »Kommt, denn es ist alles bereit!«

Selbstgericht ist Bruch mit der Sünde.

Ein Grundgesetz des Reiches Gottes ist mit den Worten ausgesprochen: »Wenn wir uns selber richten, so werden wir nicht gerichtet.« In dem Verdammungsurteil über uns selbst wird das gerechte Urteil im künftigen Gericht vorweggenommen, so daß dieses hinfällig wird. Doch auch zu unserer Befreiung von der Macht des Bösen ist das Selbstgericht unumgänglich. Erst wenn wir dadurch zu Gegnern der Sünde werden, fallen ihre Fesseln von uns ab. Jedes Sündenbekenntnis setzt die Absage an die Sünde voraus, einen Bruch der Hörigkeit im Verhältnis zur Sünde. Dann gilt das Psalmwort: »Der Strick des Voglers ist zerrissen, und wir sind frei« (Psalm 124, 7). Jener Pharisäer, dem das Geheimnis des Reiches Gottes verborgen war, sonnte sich im trügerischen Glanz seiner Rechtschaffenheit; ihm war es unerträglich, ein Sünder zu heißen. Doch jener reumütige Zöllner gab Gott recht und flehte um Gnade, und deshalb ging er gerechtfertigt heim. Das Selbstgericht öffnet die Tore der Gnade; dem Selbstgerechten bleiben sie verschlossen.

Ein ewiger Trost

Eine weitere trostreiche Wahrheit eröffnet uns der Apostel mit den Worten: »Wenn wir aber von dem HErrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden.« Dieser Ton wird auch Hebräer 12, 5 angeschlagen: »Ihr habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu Seinen Kindern: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des HErrn und verzage nicht, wenn du von Ihm gestraft wirst. Denn welchen der HErr lieb hat, den züchtigt Er, und Er straft einen jeglichen Sohn, den Er aufnimmt.« Gott erzieht euch, wenn ihr dulden müsst. Als Seinen Kindern begegnet euch Gott: denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, welche sie alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder.«

Züchtigungen sind Erziehungsmittel. Sie sind ein Beweis dafür, daß Gott uns liebt, wie ein Vater seine Kinder liebt und alles daransetzt, daß sie nicht verwildern und entarten und elend verderben. Gott will an uns Freude haben, und wir sollen Ihm eine Ehre sein. Was würde aus uns werden, wenn Er uns dahingehen ließe, ohne sich um unsere innere Entwicklung zu kümmern. Und doch gleichen wir oft eigenwilligen Kindern, die einen Trotzkopf aufsetzen, wenn es nicht nach ihrem Willen geht. Wir sollten vielmehr dankbar dafür sein, wenn der HErr Seine Hand auf uns legt, damit wir auf Sein Wort hören und Seine Wege erwählen. Gott züchtigt Seine Kinder nicht willkürlich, wie es oft unbeherrschte, jähzornige, törichte Väter tun, sondern Seine Weisheit wägt genau ab, was uns dienlich und tragbar ist (1.Korinther 10, 13).

Selbstsicherheit ist der erste Schritt zum Fall und zum Verlorengehen

Beachtenswert ist die Zielsetzung des Apostels: »… auf daß wir nicht samt der Welt verdammt werden.« Der HErr ist mehr auf unser ewiges Heil bedacht, als wir selbst es sind. Weil unser Herz immer den Irrweg und Abweg wählt, muß der HErr durch mancherlei schmerzhafte Führungen uns zurückbringen zu den heiligen Linien göttlicher Wahrheit und Gerechtigkeit. Ein Zurücksinken in das Wesen der Welt würde uns das gleiche Schicksal bereiten, dem die Welt entgegengeht. Das darf nicht sein! Wie ernst dem Apostel diese Wahrheit ist geht daraus hervor, daß er sich durch das »wir«, das er in diesem Vers gebraucht, mit einschließt in seine Aussage. Das ist nicht etwa eine bloße Form, um sein ernstes Wort ansprechend zu machen. Soeben hatte er noch gesagt: »Wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle« (1. Korinther 10, 12). Auch der Apostel läßt sich nicht in falsche Sicherheit wiegen, sondern er steht in der Furcht des HErrn. Er weiß, daß das Menschenherz ein trotziges und verzagtes Ding ist, wie der Prophet sagt (Jeremia 17, 9). Selbstsicherheit ist der erste Schritt zum Fall, weil sie die allezeit gebotene Wachsamkeit vermissen läßt. Auch der Apostel trägt »seine Seele allezeit in seinen Händen« (Psalm 119, 109). Diese Haltung bekräftigt aufs neue, daß das Mahl des HErrn nicht für die Welt ist. Nur in den Herzen der Gotteskinder hat der Heilige Geist Seine Werkstätte aufgeschlagen, und unwürdig zum Genuß des HErrnmahls wird man nur, wenn man aufhört, auf das zarte Mahnen des Geistes zu achten, und wenn man die tägliche Selbstprüfung und das Selbstgericht aufgibt. Kraftlosigkeit im Widerstand gegen das Böse ist die Folge. Und eben dann setzt Gottes Gericht und Zucht ein, wenn wir die verborgene Zucht des Geistes Gottes verlassen. Möge es so geschehen, daß nicht durch uns Schande auf den Namen des HErrn fällt! Ein Gottesmann betete: »HErr, wenn Du mich züchtigen mußt, so tu es im Keller und nicht auf dem Marktplatz, daß nicht Deine Feinde Deinen Namen verhöhnen und frohlocken: Seht, so sind die Frommen!«.

Wir beugen uns und beten an!

Der ganze letzte Schriftteil, der das Mahl des HErrn zum Gegenstand hat, ist beherrscht von dem Gedanken der Heiligkeit der Gemeinde Gottes, und das HErrnmahl ist der Kern dieses Gedankens selbst. Schon die Ausführungen des Apostels in Kapitel 10 zielten darauf: »Der Kelch der Danksagung, für den wir danksagen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? … Ihr könnt nicht zugleich trinken des HErrn Kelch und der Dämonen Kelch!« Die Gemeinde Jesu besteht aus solchen, die herausgerufen sind aus Weltwesen und Sündenleben und nun ein teuer erkauftes Eigentum Jesu sind. Jeder einzelne wiedergeborene Christ ist ein Geweihter des HErrn, ein »Geistlicher«. Darauf gründet die Tischgemeinschaft mit Jesus und mit den Seinen. Diese Zugehörigkeit zu Jesus Christus bekennen wir durch unsere Teilnahme am HErrnmahl. Damit verkündigen wir feierlich den Tod des HErrn, in den Er als der himmlische Goel (Löser) sich selbst dahingab zur Erlösung für viele. Wenn aber dies Mahl zugleich hinausweist auf Jesu »Parusie« (Ankunft): »…bis daß Er kommt!«, so wird die Gemeinschaft am Tisch des HErrn zugleich ein Angeld ewiger Verbundenheit mit Jesus und Seiner Gemeinde. Dieser erbebende Hoffnungsgedanke wird im HErrnmahl froh bezeugt: »Wir werden bei dem HErrn sein allezeit!« (1. Thessalonicher 4, 17.) Da bleibt für uns nur Beugung und Anbetung unseres HErrn!

5. ANHANG

Weitere Fragen um das HErrnmahl

Ist das HErrnmahl für Sterbende ?

Mit dieser Frage rühren wir an einen wunden Punkt im Leben der Volkskirche. Der Empfang des HErrnmahls vor dem Sterben, wie er in evangelisch-kirchlichen Kreisen vielfach üblich ist, nimmt in mancher Hinsicht die Stelle des »Sakraments der letzten Ölung« der römisch-katholischen Kirche ein. Es liegt uns gewiß fern, mit dem, was wir sagen, die Gefühle anderer verletzen zu wollen. So wie wir für unsere Überzeugung und für unsere Handlungen — wie beispielsweise für die mit dem Bekenntnis des persönlichen Glaubens an Jesus Christus verbundene und durch Untertauchen vollzogene Taufe — die gebührende Achtung wünschen auch von denen, die in solchen Dingen anderer Ansicht sind, so wollen wir ebenfalls die Anschauungen und die Handlungen anderer mit geziemender Rücksicht behandeln, selbst wenn wir sie für irrig halten müssen. Diese Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen darf uns jedoch nicht hindern, einen von uns erkannten Irrtum zu bekämpfen. Freilich soll das geschehen nur mit geistlichen Waffen, die das Wort des HErrn uns darbietet. Es wäre sogar lieblos, wenn wir unsern Nächsten nicht auf die Gefährlichkeit gewisser Irrtümer hinweisen würden. Wir wollen dabei nicht verkennen, daß selbst in gläubigen Kreisen noch manche sind, die sich nicht freimachen können von unbiblischen Anschauungen, die sie gleichsam mit der Muttermilch eingesogen haben. Auch solche, denen ein gewisses Maß von Erkenntnis neutestamentlicher Grundsätze nicht fehlt, finden es oft schwer, diese Grundsätze nun auch im gegebenen Fall praktisch anzuwenden, etwa gegen nahestehende Angehörige und Bekannte.

Wer die bisherigen Ausführungen über das HErrnmahl aufmerksam gelesen hat, der wird wohl bereits eine klare Antwort zu geben wissen auf die Frage, ob Sterbenden das HErrnmahl gereicht werden soll. Er weiß ja, daß das HErrnmahl kein »Sakrament« ist, kein magisches Mittel zur Vergebung der Sünden und zum Seligwerden. Vergebung der Sünden erlangen wir nur durch den lebendigen Glauben an Jesus Christus und Sein vollgültiges Erlösungswerk. Nicht der Empfang des HErrnmahls wirkt in uns diesen Glauben. Das geschieht durch das Hören des Wortes Gottes (Römer 10, 17). Durch Buße und Bekehrung erlangt der Glaubende die Vergebung der Sünden. Für ihn ist das HErrnmahl ein frohes Bekenntnis der Gemeinschaft mit Christus und der Gemeinde der Gerechtfertigten und Geheiligten in Jesus Christus, ein Mahl des Dankes und der Freude und ein hoffnungsvoller Ausblick auf den wiederkommenden HErrn und auf ein ewiges Vereintsein mit Ihm.

Für solche Kinder Gottes, die auf ein längeres Krankenlager gelegt sind, ist die Feier des HErrnmahls mit einigen Brüdern und Schwestern eine geistliche Wegzehrung auf der letzten Strecke ihrer Lebensreise. In diesem Sinne sollte die gläubige Gemeinde öfter ihren kranken Mitgliedern hilfreiche Handreichung des Glaubens erweisen. Doch ist nach dem Gesagten der Genuß des HErrnmahls selbst für Gläubige unmittelbar vor ihrem Heimgang ohne erkennbaren Zweck. Da ist es angebracht, Schriftworte des Glaubens und Vertrauens im Blick auf Jesus Christus und Sein Erlösungswerk zu lesen und im Gebet das sterbende Gotteskind den Händen Jesu anzubefehlen, auch ein Glaubens- und Hoffnungslied zu singen, zum Zeichen, daß der HErr den Seinen nahe ist auch im dunklen Tal der Todesschatten. So fühlt sich der Sterbende nicht einsam und merkt, wie Hände des Gebets ihn auf seinem letzten Weg stärken und stützen.

Doch für Sterbende, die nicht im Glauben an Jesus Christus stehen, hat der Empfang des HErrnmahls keine Heilsbedeutung. Es ist dabei nicht in Abrede gestellt, daß ein Mensch, der nicht im Glauben gelebt hat, wenn er sich unmittelbar vor die Todespforte geführt sieht, innerlich erwacht und sich sorgt um das Heil seiner Seele. Auch ihm gilt dann die Verheißung: »Wer den Namen des HErrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Apostelgeschichte 2, 21). Das muß aber im Glauben geschehen im Bewußtsein dessen, um was es sich handelt. Das kann nicht geschehen durch eine äußere Handlung, durch irriges Vertrauen auf eine magische Wirkung des HErrnmahls, die nirgends in der Schrift verheißen ist und sogar seiner Bedeutung widerspricht. Durch solche irrtümliche Sitte können Menschen in ihrer Gleichgültigkeit bestärkt werden, so daß sie das Suchen nach Rettung und Heilsgewißheit verschieben aufs letzte Krankenlager. Eine verhängnisvolle Selbsttäuschung! »Heute, so ihr Seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht!«, mahnt uns Gottes Wort. »Eile, rette deine Seele!« — das gilt zu jeder Zeit allen Menschen, Gesunden und Kranken. Es gibt ein »Zuspät«! Darüber darf uns der volkskirchliche Brauch der Austeilung des HErrnmahls an Sterbende nicht hinwegtäuschen. Gewiß gibt es eine Schächergnade. Aber der Schächer zur Rechten des Kreuzes Jesu hat doch die rettende Gnade nicht erlangt durch den Genuß des HErrnmahls, sondern durch bußfertiges, gläubiges und bewußtes Vertrauen auf Jesus! Es gibt keinen anderen Weg zum Seligwerden.

Gäste beim HErrnmahl

Nach dem Muster der Genfer Freien evangelischen Gemeinde war von der ersten Freien evangelischen Gemeinde in Deutschland die Einrichtung übernommen worden, neben Mitgliedern, die den Kern und festen Bestand der Gemeinde ausmachten, auch Abendmahlsgäste aufzunehmen, die in einem loseren Verhältnis zur Gemeinde standen; aus irgendwelchem Grunde mochten oder konnten sie sich nicht von der Staatskirche trennen, legten aber Wert darauf, das HErrnmahl mit Gläubigen zu feiern. Heute dürfte diese Gepflogenheit nur noch ganz vereinzelt zu finden sein. Sie ist biblisch nicht zu begründen und kann nur in ganz seltenen und außergewöhnlich gelagerten Fällen gutgeheißen werden. Wer am Tisch des HErrn teilnimmt, der bekennt sich damit zur Gemeinde Jesu. Die Gemeinde hat aber nicht zweierlei Mitglieder, Kernmitglieder und Randmitglieder, jedenfalls sollte das nicht der Fall sein. Es versteht sich von selber, daß Gemeindemitglieder, die an den Vorrechten der Gemeinde teilhaben, ebenso an ihren Aufgaben und Verpflichtungen teilhaben müssen. Vor allem müssen alle, die sieh durch die Teilnahme am HErrnmahl zur Gemeinde Jesu bekennen, sich der Gemeindezucht durch die örtliche Gemeinde unterstellen.

Etwas anderes ist es, wenn Brüder oder Schwestern von auswärts bei Gemeindegliedern zu Besuch weilen und am Gottesdienst teilnehmen, daß sie dann auch am Tisch des HErrn willkommen sind. Dabei wird vorausgesetzt, daß sie Kinder Gottes sind und ihr Wandel dem nicht widerspricht. Es ist sinnvoll, wenn am Tisch des HErrn durch Anwesenheit von Gästen aus anderen Gemeinden die Einheit der Gesamtgemeinde Jesu bekundet wird. Man sollte diese Gäste freundlich begrüßen und ihnen des HErrn Segen wünschen, ihnen auch Grüße mitgeben für ihre Heimatgemeinde.

HErrnmahl und Gemeindezucht

Das Neue Testament gibt weder eine Anweisung noch zeigt es uns ein Beispiel dafür, daß an einem fehlsamen Gemeindemitglied Gemeindezucht geübt wird, indem man ihm die Teilnahme am HErrnmahl verwehrt. Wohl aber ist nach dem Neuen Testament jedes Mittel recht, wodurch auf geistliche Weise den Mitgliedern gedient und ihnen geholfen wird, innerlich zurechtzukommen. Freilich grenzt die Verwehrung der Teilnahme am HErrnmahl nahe an den Ausschluß aus der Gemeinde. Immer fällt auch ein solcher Schritt unter das Apostelwort: »Alle eure Dinge lasset in der Liebe geschehen« (1. Korinther 16,14). Gemeindezucht muß wohl je nach den vorliegenden Umständen und nach dem Verhalten des betreffenden Gemeindemitglieds in verschiedenen Stufen geübt werden, wie Jesus das andeutet in Matthäus 18, 15 f. Vor allem sollte der Gemeindezucht viel ernste Fürbitte vorausgehen und nachfolgen. Von der brüderlichen Ermahnung unter vier Augen reicht die Gemeindezucht bis zur Verwarnung vor der Gemeinde und auf der letzten Stufe bis zum Ausschluß aus der Gemeinde. Dieses letzte Mittel der Gemeindezucht setzt eigentlich voraus, daß die betreffende Person unbußfertig ist, ja daß sie als unfruchtbare Rebe am Weinstock Jesus Christus von dem himmlischen Weingärtner abgeschnitten worden ist. Innerhalb der gebotenen Stufenfolge der Zuchtmittel kann es sehr wohl heilsam sein, wenn durch eine zeitweilige Verwehrung der Teilnahme am HErrnmahl dem fehlsamen Gemeindemitglied der Ernst seines Zustandes vor Augen geführt wird. Aber auch dieses schmerzliche Mittel sollte nicht vorschnell und nicht ohne ernsthafte Überlegung der verantwortlichen Brüder und selbstverständlich nicht ohne vorausgegangene seelsorgerliche Aussprache angewandt werden. Wenn dieser Weg notwendig erscheint, so wird die ganze Gemeinde sich beugen müssen vor dem HErrn über solche Verunehrung des Namens Jesu durch untreue Mitglieder der Gemeinde.

Wenn Brüder und Schwestern mehrmals nicht am HErrnmahl teilgenommen haben, sollten die verantwortlichen Brüder darin einen Grund sehen, die Betreffenden zu besuchen und ihnen seelsorgerlich zu dienen. Es ist immer ein bedenkliches Zeichen, wenn wir uns selber des Segens und der Stärkung unseres inneren Menschen berauben, indem wir ohne triftigen Grund dem HErrnmahl fernbleiben. Dann ist Gefahr im Verzug! Durch eine offene Aussprache vor dem HErrn kann vielfach einer bösen Entwicklung vorgebeugt werden. »Sehet darauf, daß nicht jemand Gottes Gnade versäume, daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch dieselbe verunreinigt werden« (Hebr. 12, 15).

 

Wie sollen wir das HErrnmahl feiern ?

Darüber sagt Richard Schmitz in seiner ausführlichen Abhandlung über das HErrnmahl kaum ein Wort. Das ist insofern erklärlich, als er das HErrnmahl »in biblischer Sicht« darlegen wollte. Die Bibel aber sagt nichts über die äußere Form der HErrnmahlfeier, über seine Verwaltung, seine Häufigkeit. So genau die Gestaltung des Passahmahls vorgeschrieben war nach Art und Weise, Frage und Antwort, Zubereitung, Ort und Zeit, bis auf die Lieder, die dabei gesungen wurden — das Neue Testament läßt der gläubigen Gemeinde volle Freiheit, die HErrnmahlfeier zu gestalten.

Das hängt zusammen mit dem Wesen der neutestamentlichen Gemeinde, die dem Haushalt des Geistes angehört, einer neuen Schöpfung. Im Alten Bund galt es, die gegebene Form mit Wahrheitsgehalt zu füllen. Im Neuen Bund schafft sich der Geist, der die gläubige Gemeinde durchwaltet, die Formen für die geistlichen Lebensäußerungen. Der Geist Gottes wirkt von innen nach außen. Darum ist eine große Mannigfaltigkeit der Formen und Lebensäußerungen durchaus dem Wesen des Neuen Bundes angemessen. Der Grundsatz der ersten Schöpfung: »Ein jegliches nach seiner Art«, ist auch ein Grundgesetz der neuen Schöpfung des Geistes. Jede Schablone widerspricht dem geistlichen Leben. »Wo der Geist des HErrn ist, da ist Freiheit« (2. Korinther 3, 17).

Allerdings hängen die vielerlei äußeren Formen der HErrnmahlfeier in erster Linie damit zusammen, daß das Verständnis der Bedeutung des HErrnmahls durch die Theologie weithin verdunkelt worden ist. Es gibt römisch-katholische, lutherische, calvinische, zwinglianische, darbystische und viele andere Auffassungen über Bedeutung und Wesen des HErrnmahls. Dementsprechend gibt es vielerlei Formen bis hin zu einem ausgesprochenen Formalismus.

Niemand wird jedoch sagen dürfen, daß die Form der Feier unwesentlich und nebensächlich sei. Die Würde der Bedeutung des HErrnmahls verlangt ohne weiteres eine würdige Form. Innerhalb dieser Grenzen besteht jedoch volle Freiheit zur Gestaltung der Feier. Aber diese Freiheit ist kein Freibrief zur Willkür und zur Mißachtung der äußeren Form. Wie scharf hat der Apostel die christliche Gemeinde in Korinth gerügt, weil sie infolge der Verkennung der Bedeutung des HErrnmahls die gebührende würdige Form der Feier mißachtete und sich damit schuldig machte! Die Korinther machten durch die Art der Feier nicht deutlich, daß  ein Unterschied besteht zwischen dem Mahl des HErrn und einer gewöhnlichen Mahlzeit. Damit verwischten sie eine wichtige Grenzlinie und verwandelten einen gesegneten Gebrauch in einen Mißbrauch, wodurch der HErr verunehrt wurde.

Pfarrer Walter Dignath (»Stimme der Gemeinde« 6/1959) tadelt die vorherrschende kirchliche Abendmahlpraxis: »… Da ist weiter die schreckliche Oblate, womöglich noch mit eingeprägtem Corpus (Christus am Kreuz). Warum nimmt man nicht richtiges Brot? Da ist die peinliche Form der Abspeisung, wo der Pfarrer jedem einzelnen Brot und Kelch reicht, womöglich noch die Oblate in den Mund gibt. Warum bildet man keine ordentliche Tischrunde, wo jeder seinem Nächsten selber die Brotschale und den Becher weiterreicht? Warum übrigens kein Einzelkelch wie zu Jesu Zeit? Und warum wird aus Sparsamkeitsgründen nicht selten unedler Wein verwendet? Hier sollte das Beste gut genug sein. Und dann die Hygiene! … Es darf beim HErrnmahl nicht weniger hygienisch zugehen als zu Hause bei Tisch …«

Als Gegenstück dieser gerügten »sakramentalen« Form rühmt Dignath eine Abendmahlsfeier (vermutlich in einem Diasporakreis der Mährischen Brüder), wie der Katholik Peter Rosegger sie schildert: »Da drinnen, an einer langen Tafel, die weiß gedeckt war, saßen sie beisammen, ihrer etwa dreißig Personen, Männer und Frauen, junge Menschen und Greise. Neben dem Großbauer saß der Häusler, neben dem Kammerherrn der Sensenschmied. An der Mitte des Tisches saß ein alter Mann mit glattrasiertem Gesicht und schneeweißem Haar. Ungefüg, aber deutlich las er die Worte der Heiligen Schrift, und alle Anwesenden hörten aufmerksam zu … In der Mitte des Tisches lag ein Laib Brot, gerade so, wie man ihn im Haushalt hat, und ein breites Messer. Der Alte stand auf, so wie in der Familie der Hausvater es tut, langte nach dem Brote, nach dem Messer und machte mit dessen Spitze auf dem Laib das Kreuzzeichen. Dann sprach er langsam und leise die Worte: »In der Nacht, da Er verraten ward…« Als der Greis so gesprochen hatte, schnitt er sich vom Brot ein Stück ab und aß es. Den Laib gab er weiter von Nachbar zu Nachbar um den ganzen Tisch. Jeder und jede schnitt sich ein Stück Brot ab und aß. Hernach faßte der Alte den irdenen Krug, in welchem Wein war, trank daraus und reichte ihn ebenso weiter, daß Nachbar um Nachbar daraus trinken konnte… Dann sprach der Greis laut: ’Brüder und Schwestern, wir werden selig durch die Gnade unseres HErrn Jesus Christus…’ Die Andacht war vorüber. Die Teilnehmer erhoben sich ungelenk, und einer schaute den andern freundlich an…«

Freilich ist das nun ein gewaltiger Unterschied zwischen der hochfeierlichen »sakramentalen« Form und der schlichten familiären Form, die Peter Rosegger schildert, bei der »einer den anderen freundlich anschaute«. Damit ist schon ein Wesenszug der HErrnmahlfeier gut getroffen, nämlich als Gemeinschaftsmahl. Dieses kennzeichnende Merkmal setzt allerdings einen kleineren Kreis voraus, in dem die Teilnehmer einander kennen; ein größerer Teilnehmerkreis dürfte schon aus räumlichen Gründen nicht die Möglichkeit haben, sich um einen Tisch zu setzen und »einander freundlich anzuschauen«. Große Konferenzen scheinen ohnedies nicht geeignet zu sein für eine HErrnmahlfeier, schon weil hier keine Übersicht ist über den Kreis der Teilnehmer und weil es schwer fällt, die nötige innere Stille zu bewahren.

Diese »innere Stille« ist nicht zu verstehen als eine Versammlung von Menschen, die düsteres Schweigen bewahren und dabei eine Leichenbittermiene aufsetzen, sondern als Sammlung der Gedanken auf Jesus hin, auf das Werk, das Er am Kreuze vollbracht hat, wobei Er »auch an mich gedacht« hat! Diese Ausrichtung der Gedanken auf Jesus hin wird die unterschiedlichsten Schwingungen der Seele und des Geistes annehmen — von tiefer Beugung im Blick darauf, daß wir solcher Gnade nicht wert sind, bis zur freudigsten Erhebung der Herzen im Blick auf den wiederkommenden HErrn. Es kann nicht anders sein, als daß dieser Bewegung der Herzen Ausdruck gegeben wird durch Vorlesen von Schriftworten, durch das Singen passender Lieder und durch eine rege Gebetsgemeinschaft. Es muß aber nicht ununterbrochen gesungen werden! Besonders bei einem kleinen Kreis von Teilnehmern ist es zweckmäßig, den einzelnen während des Herumreichens von Brot und Wein eine Pause innerer Zwiesprache des Herzens mit Jesus einzuräumen. Aber bei einem größeren Teilnehmerkreis sollte dazwischen immer wieder ein Lied angestimmt werden, vorzugsweise der Dankbarkeit und der Freude, der Beugung und der Anbetung.

Um das hier einzuflechten: der Begriff der »Anbetung« ist vielfach durch allzu häufigen Gebrauch des Wortes verflacht worden. Anbetung besteht nicht darin, daß man im Gebet oder im Lied dieses Wort dauernd benutzt. Anbetung ist in der Heiligen Schrift immer Ausdruck einer ganz besonderen Lage, eines die Tiefe der Seele ergreifenden Erlebnisses. In der Schrift ist Anbetung stets verknüpft mit innerer Beugung vor einer besonderen Gottesoffenbarung und mit dankbarer Erhebung der Seele. Dies ausführlich darzulegen, ist hier nicht der Platz; nur das eine müssen wir uns merken: ohne Beugung vor dem HErrn kann nicht von Anbetung gesprochen werden. Diesem Zusammenhang von Beugung und Anbetung hat Ernst Gottlieb Woltersdorf Ausdruck gegeben in seinem Lied:

»Wer ist der Braut des Lammes gleich?
Wer ist so arm und wer so reich?
Wer ist so häßlich und so schön?
Wem kann’s so wohl und übel gehn?

Lamm Gottes, Du und Deine sel’ge Schar
seid Menschen und auch Engeln wunderbar!
Aus Gnaden weiß ich auch davon;
ich bin ein Teil von Deinem Lohn;

so elend, als man’s kaum erblickt,
so herrlich, daß der Feind erschrickt;
so gottlos, daß wohl alle besser sind,
und so gerecht wie Du, des Vaters Kind.

Die Gemeinde hat also einen ziemlich weiten Spielraum in der Form der HErrnmahlfeier, sie hat sich nur zu hüten vor einer unmöglichen hochfeierlichen »sakramentalen« Form, die bei den Teilnehmern die Vorstellung erweckt, als seien im HErrnmahl magische Kräfte wirksam geworden zur Vergebung der Sünden und zur Heiligung, und vor einer ebenso unmöglichen Formlosigkeit, die nicht den bedeutsamen Unterschied zwischen dem HErrnmahl und einer gewöhnlichen Mahlzeit erkennen läßt. Diese beiden Auswüchse sind unter allen Umständen zu vermeiden.

Wichtig ist, daß die Feier des HErrnmahls nicht unter Zeitdruck steht, was häufig der Fall ist, wenn sie an den Vormittagsgottesdienst angehängt wird. Daß die HErrnmahlfeier mit dem üblichen Gottesdienst der Gemeinde zusammenhängt, ist eine Ordnung seit urchristlichen Zeiten. Das gehörte Wort und das sichtbare Wort sind nicht voneinander zu trennen. Aber es ist vom Übel, wenn im Anschluß an den Gemeindegottesdienst die Zeit fehlt zur würdigen Feier des HErrnmahls, wenn die innere Stille und Sammlung leidet durch eine bemerkbare Hetze. Es muß Zeit sein zum Singen der Loblieder, zu einer Gebetsgemeinschaft, in der aus verschiedener Brüder Mund dem HErrn Lob und Dank gesagt wird für das, was Er für uns und an uns und in uns getan hat, in der auch die Anliegen der Gemeinde vor den HErrn gebracht werden, vor allem Fürbitte für kranke und gefährdete Mitglieder, für solche, die an besonders verantwortungsvoller Stelle stehen, daß der HErr durch sie nicht verunehrt wird, für die Kinder der Gemeinde, für die Gemeindejugend, sonderlich auch für die Söhne bei der Wehrmacht, für die Missionsarbeiter und für alle, die im diakonischen Dienst stehen. Gerade bei der HErrnmahlfeier soll deutlich werden,  daß  die  Gemeinde  eine Familie ist,  noch mehr: daß sie ein Leib ist in Christus, und wenn an diesem Leibe ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit.

Es dürfte angebracht sein, wenn der Leiter der HErrnmahlfeier, sei es der Gemeindeälteste oder der Prediger, zu Beginn in einer ganz kurzen Ansprache jeweils eine bestimmte Seite der Bedeutung des HErrnmahls in Verbindung mit einem Schriftwort kenntlich macht. Auf diese Weise wird immer wieder die Bedeutung des HErrnmahls den Teilnehmern zum Bewußtsein gebracht. Man muß mit der Vergeßlichkeit und Oberflächlichkeit rechnen. Leicht wird die Teilnahme am HErrnmahl sonst zu einer leeren Gewohnheit. Die vielseitigen gründlichen Betrachtungen über das HErrnmahl von Richard Schmitz dürften reichlich Stoff zu kurzen Ansprachen bieten. Aber um alles keine Predigt, durch die sonst die Hauptsache — die Feier des HErrnmahls — an den Rand gerückt würde!

Die Aufnahme neuer Gemeindemitglieder, die in einer vorausgegangenen Brüder- oder Gemeindeversammlung beschlossen worden ist, geschieht am besten in Verbindung mit der Feier des HErrnmahls. Es ist dabei kurz die Bedeutung der Gemeinde Jesu als Sein bluterkauftes Eigentum herauszustellen, die große Gnade der Errettung durch das Geschenk des geistgewirkten Glaubens, aber auch die hohe Verpflichtung, den HErrn zu ehren und zu bekennen durch einen Wandel im Licht, Ihm zu dienen und den Mitwanderern zur Ewigkeit hilfreiche Handreichung zu bieten. Mit Handschlag wird das neue Gemeindemitglied willkommen geheißen und ihm ein mutmachendes Gotteswort zugerufen. — Ist seit der letzten HErrnmahlfeier ein Gemeindemitglied in die Ewigkeit gerufen worden, so ist es gewiß angebracht, dem HErrn zu danken, daß Er eins von den Unseren ans himmlische Ziel gebracht hat — Brüder und Schwestern, die etwa verziehen an einen anderen Ort, sollte man bei der HErrnmahlfeier verabschieden mit Segenswunsch und Fürbitte.

Diese »Familienangelegenheiten« mögen der Feier des HErrnmahls vorausgehen. Diese selbst wird eingeleitet durch Verlesen der Einsetzungsworte nach einem Evangelienbericht oder nach 1. Korinther 11, 23-26.

In der Regel werden der leitende Bruder und die Diakone zuerst Brot und Kelch genießen, sodann die Brotschale und den Kelch weiterreichen von Reihe zu Reihe, falls die Teilnehmer nicht an Tischen sitzen.

Am besten wird Weißbrot gereicht, in länglichen Streifen geschnitten, von denen jeder sich ein Stück abbricht, es ißt und die Schale weiterreicht. Unschön ist es, etwa ganze Brötchen zu verwenden, von denen nur mit Gewaltanwendung ein Bissen abgerissen werden kann. Man soll sich dazu nicht verleiten lassen durch das irreführende Wort »Brotbrechen«, mit dem in der Schrift nicht die Feier des HErrnmahls bezeichnet wird, sondern die vorausgehenden Liebesmahle. Es ist bereits darauf verwiesen worden, daß mit »Brotbrechen« nicht das HErrnmahl gemeint sein kann, weil doch zum HErrnmahl nicht nur das Brot, sondern auch der Kelch gehört. Zu Jesu Zeit waren als Brot die sogenannten »Matzen« üblich, dünne Brotfladen, von denen sich jeder leicht einen Bissen abbrechen konnte. — Als Wein — natürlich Rotwein — verwende man nicht die billigste Sorte. Das wäre unwürdig. Wenn in einem Kreis, der sich besonders die Trinkerrettung zur Aufgabe gemacht hat, statt des Weines unvergorener Traubensaft verwendet wird, um ehemaligen Trinkern keinen Anlaß zum Rückfälligwerden zu geben, so ist das gewiß unbenommen. Es ist aber unzulässig, daraus ein Gesetz für alle zu machen. Jesus und Seine Jünger haben zweifellos zum Passahmahl nicht unvergorenen Traubensaft, sondern Wein getrunken.

Brotschale und Kelch sind vielfach versilbert, Kelch und Kanne innen vergoldet. Wenn es sich dabei um billige Geräte handelt, dann ist damit zu rechnen, daß durch die Weinsäure die hauchdünne Schicht der Vergoldung im Laufe der Jahre zerstört wird. Das Trinken aus solchen Kelchen ist unappetitlich. Besser und leichter sauber zu halten ist edles Kristallglas.

Über die Häufigkeit der HErrnmahlfeier in der Gemeinde gibt Jesus keine Weisung. Die Urgemeinde in Jerusalem kam täglich zusammen zur Verkündigung und zum Hören des Wortes Gottes, zum Gebet, sowie zu Liebesmahlen mit anschließendem HErrnmahl. Das kann in unseren Verhältnissen nicht einfach nachgeahmt werden, wenn man sich nicht zu einer Art Mönchtum entschließen will. Für die Urgemeinde bedeutete das Heilserlebnis einen so tiefen Einschnitt in die Lebensführung, daß davon das ganze soziale Leben betroffen wurde. In unseren Verhältnissen ist das nicht möglich. Allenfalls können einzelne Gotteskinder das im kleinsten Kreis eine Zeitlang beibehalten, wie wir das z. B. von dem Gottesmann Eduard Wächter (1865—1947) wissen; er hat das aber nicht der von ihm gegründeten Gemeinde zugemutet. In der Gemeinde muß die Wortverkündigung und Schriftbetrachtung vorherrschend sein. Das HErrnmahl ist im Grunde sichtbares Wort, aber begrenzt auf das Kernstück des Heilsglaubens. Es wäre nicht im Sinne der Schrift, wenn von der gläubigen Gemeinde nicht der ganze Reichtum der Gotteswahrheit aufgenommen würde. Anders könnten wir nicht wachsen in der Gnade und Erkenntnis, wären ohne Wegweisung für die Nachfolge Jesu, könnten unseren Zeugendienst nicht recht erfüllen. Alles, was über das Maß unserer Empfänglichkeit hinaus wiederholt wird, verliert schließlich seine Aussagekraft und wird am Ende zur leeren Gewohnheit. Für die Häufigkeit des HErrnmahlgenusses muß das innere Bedürfnis entscheidend sein. In den darbystischen Kreisen versammelt man sich sonntäglich um den Tisch des HErrn. Soll darüber nicht die Schriftbetrachtung und Wortverkündigung zu kurz kommen, muß eine zweite gottesdienstliche Versammlung am Sonntag ausschließlich der Schriftbetrachtung vorbehalten sein. Das wird wohl nur in kleineren Orten und Verhältnissen möglich sein, kaum aber in großen Städten mit den weiten Entfernungen. In den Freien evangelischen Gemeinden pflegt man das HErrnmahl einmal im Monat zu feiern, in der Regel im Anschluß an den Vormittagsgottesdienst. Zuweilen wird das Mahl des HErrn zweimal im Monat gefeiert, und zwar einmal am Vormittag, das andermal, vierzehn Tage später, am Nachmittag, was insofern sinnvoll ist, als dann auch solche Gemeindemitglieder am HErrnmahl teilnehmen können, denen dies am Sonntagvormittag nicht möglich ist, wie z. B. jungen Müttern mit kleinen Kindern. Wo in einer Gemeinde das geistliche Leben gesund ist, findet sich eine Regel, die dem vorhandenen Bedürfnis gerecht wird, ohne daß hierfür ein Gesetz aufgerichtet wird.

Eine Beichtvorbereitung ist in der Heiligen Schrift nicht begründet und widerspricht der Bedeutung des HErrnmahls. Diese kirchliche Sitte erweckt bei den Teilnehmern abergläubische Vorstellungen, als seien sie durch die Teilnahme an der gemeinsamen »Beichte« in den Stand gesetzt, »würdig« für die Teilnahme am HErrnmahl zu sein und dadurch Vergebung der Sünden zu empfangen. Das innere Verhältnis zum HErrn kann nicht durch eine formularmäßige Beichte in Ordnung gebracht werden, sondern das muß geschehen mit dem HErrn unter vier Augen, ehe wir zum Tisch des HErrn nahen.

Auf jeden Fall empfiehlt sich eine schlichte Form der HErrnmahlfeier, denn sie entspricht der ersten HErrnmahlfeier Jesu mit Seinen Jüngern und auch den Feiern in den Hausgemeinden der ersten Christen.

Wiederum muß die Form der HErrnmahlfeier ein sichtbares Wahrzeichen davon sein, daß wir es mit dem Mahl des HErrn zu tun haben, mit dem Gedächtnismahl an das heilige Opfer Jesu auf Golgatha, eine Bekundung unserer Gemeinschaft mit dem erhöhten Haupt der Gemeinde und zugleich mit Seiner bluterkauften Gemeinde, ein Mahl des Dankes und der Freude, eine Verkündigung des Sühntodes Jesu, ein hoffnungsvoller Ausblick auf das Wiederkommen unseres HErrn. Was dieser Bedeutung des HErrnmahls widerspricht, muß bei der Feier ausgeschaltet bleiben.

Man sieht: der Rahmen für die Gestaltung der HErrnmahlfeier ist weit gespannt und darf nicht eingeengt werden durch Gesetzlichkeit, durch kirchliche Überlieferung und leere Gewohnheit. So wundervoll reich und beglückend die Aussage der HErrnmahlfeier ist, so reich und mannigfaltig mag seine Form sein.

Eine Gebetsgemeinschaft dürfte zum Schluß des HErrnmahles nicht fehlen. Dem HErrn soll das Lobopfer unserer Lippen dargebracht werden. Wir bekennen uns zu Ihm, und durch Fürbitte bekunden wir unsere Gemeinschaft mit der ganzen bluterkauften Gemeinde. Das soll auch durch die Lieder zum Ausdruck kommen, die gesungen werden. Mit diesen Liedern haben wir zugleich Gemeinschaft mit der oberen Schar, ein herzergreifender Gedanke!

 

Eine unverbindliche Ordnung für eine HErrnmahlfeier

 Gemeinsames Lied, etwa: »Eines wünsch ich mir vor allem andern«.

Schriftlesung, etwa Hebräer 10, 19—25 oder Offenbarung 5 oder andere Schriftworte.

Kurzes Gebet des leitenden Bruders.

Fünfminuten-Andacht. Etwa über 2. Mose 12, 11: Wir genießen das HErrnmahl als »Hinwegeilende«, oder über 1. Mose 14, 18—20: »Wir empfangen Brot und Wein zur Stärkung für den uns aufgetragenen Kampf des Glaubens«, oder über Johannes 13, 1: »Das Mahl erinnert uns daran, daß wir noch immer umfangen sind von Jesu Liebe«, oder Johannes 10, 12: »Der gute Hirte hat Sein Leben gelassen für Seine Schafe« usw. Der Hebräerbrief und das Johannesevangelium sind besonders reich an Hinweisen auf die Bedeutung des HErrnmahls.

Gemeinsames Lied, etwa: »Anbetung Dir, dem Lamme«.

Mitteilungen, etwa: Begrüßung neu aufgenommener oder aus einer anderen Gemeinde zugewiesener Mitglieder, Begrüßung eines HErrnmahlgastes, Verabschiedung eines wegziehenden Mitglieds, Bekanntgabe eines Heimgangs und dergleichen.  –  Gemeinsames Lied: »Wir wollen Deinen Tod verkünden!«

DAS MAHL:

Verlesen der Einsetzungsworte: 1. Korinther 11, 23—26. Frage des Leiters: »Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?« (l. Korinther 10,16.) Antwort der Gemeinde: »Ja!«

Der leitende Bruder und die Diakone genießen das Brot; die Diakone geben es weiter. Bei einer größeren Teilnehmerzahl kann währenddessen wieder ein Lied gesungen werden, etwa: »Dem König, welcher Blut und Leben«. Nachdem alle Teilnehmer das Brot gegessen haben, fragt der leitende Bruder: »Der Kelch der Danksagung, für welchen wir danken, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi?« Die Gemeinde antwortet: »Ja!«

Der Leiter und die Diakone trinken, darauf wird der Kelch von den Diakonen weitergereicht. (Manchenorts ist es üblich, daß sich beim Genuß von Brot und Wein die Teilnehmer reihenweise erheben.) Wenn der Teilnehmerkreis an Tischen sitzt, reicht einer dem anderen Brotteller und Kelch weiter. Ist die Teilnehmerzahl größer, kann wieder ein Lied gesungen werden, etwa: »Es ist ein Born, draus heilges Blut». Nachdem alle Teilnehmer den Kelch bekommen haben, bekundet der Leiter die Leibesgemeinschaft der Gemeinde Jesu: »Ein Brot ist es; so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.»

»Amen!« antwortet die Gemeinde. Gemeinsames Lied (etwa: »Die Handschrift ist zerrissen«). Gebetsgemeinschaft (wobei die Beter aufstehen und kurz und laut beten, damit alle »Amen« sagen können).

Segenswort des leitenden Bruders (etwa Hebräer 13, 20 oder sonst ein Schriftwort, wobei die Gemeinde sich erhebt.

Gemeinde singt stehend die Liedstrophe: »Die wir uns allhier zusammenfinden, schlagen unsre Hände ein…«

Ein Beispiel aus der Schweiz

Der Prediger einer größeren Freien evangelischen Gemeinde in der Schweiz schreibt uns, daß dort ebenso wie in Deutschland keine einheitliche Ordnung der HErrnmahlfeier besteht, sondern mancherlei — allerdings unbedeutende — Abweichungen in der Form üblich seien. »Ich halte es in meiner Gemeinde folgendermaßen:

Da im Hauptgottesdienst stets eine Schriftbetrachtung — meist Predigt — vorausgeht und dieser erste Teil mit Gebet und Lied geschlossen wird, gebe ich vor der eigentlichen Feier des HErrnmahls die Mitteilungen bekannt, die für die Gemeinde im engsten Sinn bestimmt sind. Da ist etwa die Begrüßung und Vorstellung neu aufgenommener Geschwister, Namensnennung von Kranken oder von solchen, bei denen ein besonderes Ereignis zu nennen ist (Jubiläum und dergl., Leid oder Ungemach). Auch besondere Vorkommnisse in der Gemeinde werden erwähnt.

Zur eigentlichen Einleitung der Feier lese ich meist einen kurzen passenden Schriftabschnitt, der sich nicht unmittelbar aufs Mahl zu beziehen braucht, aber doch sinngemäß Zusammenhang damit hat, z.B. Psalm 40, 6—11; Römer 8, 31—39; Epheser 2, 13—22; Hebräer 4, 12—16; 1. Johannes 1, 5 bis 2, 2. Daran knüpfe ich etwa — nicht immer — einige kurze Bemerkungen und bitte dann zwei oder drei Brüder, kurz zu beten. Dann lasse ich ein HErrnmahllied singen, währenddessen ich die Kelche fülle (so stört das Geräusch des Eingießens nicht). Dann bitte ich die Brüder des Vorstandes, nach vorn zu kommen. Sie stellen sich neben mich, der Gemeinde zugewendet. Das Brot wurde vorher zerschnitten bis auf vielleicht zwei streng eiförmig gelassene Stückchen, die ich breche, während ich die eigentlichen Einsetzungsworte Jesu spreche, ein Stück für mich nehme, esse und den Teller dem neben mir stehenden Bruder reiche, der auch nimmt, ißt und ihn weitergibt. Danach kommt der Teller wieder zu mir zurück und auf den Tisch. Ich nehme den Kelch und spreche die darauf bezüglichen Worte der Einsetzung (also: »Jesus spricht: »Nehmet hin usw.«). Dann reiche ich den Kelch dem Nächststehenden, der trinkt und ihn weiterreicht; ich trinke, wenn der Kelch wieder zu mir kommt, oder als letzter. (Oft habe ich auch vom Brot als letzter genommen.) Daraufhin gehen zwei Brüder mit dem Brot zu den ersten Reihen der Versammlung, die in diesem Augenblick aufsteht, und reichen es ihnen. Ebenso gehen nachher andere Brüder mit den Kelchen, und ein Bruder geht mit der Kanne, um nachzufüllen. Wenn die ersten Bankreihen Brot und Wein empfangen und noch einige Augenblicke im stillen Gebet verharrt haben, setzen sie sich, ebenso dann die nachfolgenden. Ich selber bleibe in der Regel vorn stehen, um den Verlauf der ganzen Handlung zu überwachen, und lese etwa einen Schriftabschnitt, der von der Sündenvergebung oder von der Bedeutung des Todes Jesu oder der Kraft Seines Blutes handelt (z.B. etwa Johannes 10, 14—18 oder 27—30; Johannes 6, 32—35. 37—40 oder 53—58; Verse aus Jesaja 53 oder Psalm 103).

Haben alle Brot und Wein empfangen, dann lasse ich als gemeinsames Dankgebet noch mehrere Strophen aus einem passenden Lied singen, worauf die Feier mit Segenswunsch — etwa 2. Korinther 13, 13 oder Hebräer 13, 20. 21 oder Judas Vers 24. 25 geschlossen wird.«

 

        DAS HERRNMAHL von R. Schmitz. Eingestellt von Horst Koch, Herborn, im März 2007 –

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