Willow Creek –

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Willow Creek: Ein anderes Evangelium

 

Eindrücke vom Willow Creek- Kongreß, der Anfang Februar in Oberhausen stattfand

Von Walter Rominger

 

Eine neue Welle

Neunzig Jahre sind es her, daß von einer farbigen Baptistengemeinde in Los Angeles ausgehend der Pfingstgeist nach Deutschland herüberwehte. Seither ist so manche geistliche und ungeistliche Welle zu uns herüber geschwappt.

Erinnert sei nur an die seit den sechziger Jahren in die beiden Großkirchen und genauso in die Freikirchen eindringende Charismatische Bewegung, die der Pfingstbewegung geistverwandt ist. Die Charismatische Bewegung ist inzwischen in annähernd allen Konfessionen und Determinationen der deutschen Kirchenlandschaft etabliert.

Eine neue Bewegung ist dabei, sich in den evangelischen Landes- und Freikirchen zu etablieren. Nachdem Ende 1996 der Chicagoer Pastor Bill Hybels und seine Mitarbeiter in Hamburg erstmals ihr Willow Creek-Konzept vor etwa 4500 Personen vorstellten, und auf dem letztjährigen Leipziger Kirchentag begeisterte Anhänger fanden, waren sie vom 4.-7. Februar 1998 in Oberhausen und füllten die "Arena" mit sechs- bis siebentausend Multiplikatoren; denn die Zuhörer sollen Gedanken des Willow Creek-Konzepts in die Gemeinden hineintragen und andere davon begeistern. Bereits für Ende 1999 ist ein weiterer Kongreß mit Hybels vorgesehen, dann in Nürnberg.
Ich glaube, daß von einer neuen Welle, die die Kirche umspült und auch kräftig hineinschwappt, gesprochen werden kann. Als eine neue Welle versteht sich Willow Creek wohl selbst, denn auf ihrem Emblem ist eine Welle abgebildet.

 

Ernsthaftes Bemühen

Ich hatte mich mit Willow Creek beschäftigt, hatte eine Portion Wissen darüber im Kopf und hatte mir eine Meinung gebildet, war jedoch offen dafür, diese notfalls auch zu korrigieren. Mit diesen "Voraussetzungen" fuhr ich nach Oberhausen und nahm teil am ganzen Kongreß und dazuhin noch an zwei fast ganztägigen Themenkonferenzen ("Der Gemeinde-Gottesdienst als Ort von Lobpreis, Lehre und neuer Gemeinschaft"; "Change Management: Eine Gemeinde verändern ohne sie zu ruinieren").
Dabei fiel mir zunächst durchaus recht positiv die Ernsthaftigkeit und die Perfektion auf. Ich glaube den Leuten von Willow Creek, wenn sie sinngemäß davon sprechen, für Gott sei das Beste gerade gut genug! Weil ich die Ernsthaftigkeit der Leute nicht bestreiten möchte und der Überzeugung bin, daß sie subjektiv ehrlich von ihrem Vorhaben, nämlich Kirchenferne in die Kirche(n) zurückzuführen, überzeugt sind, und weil ich weiterhin vom guten Willen, der Wißbegierde und dem Ernst der überwiegenden Anzahl der Teilnehmer überzeugt bin, fällt mir Kritik nicht leicht und fließt sie mir deshalb nicht so einfach aus der Feder. Aber als Theologe weiß ich auch, daß ich mich bei der Beurteilung nicht von gefühlsmäßigen Eindrücken leiten lassen darf, denn sonst beginge ich, das sei vorneweg vermerkt, den Fehler von Willow Creek, auch nicht von der Ästhetik, sondern lediglich vom in der Heiligen Schrift geoffenbarten Wort Gottes, in welches ich mich ganz gefangen geben muß. Dann wird mir auch klar, daß aller gute Wille und Ernsthaftigkeit nicht ausreichen, sondern alles zu prüfen ist (vgl. 1. Thess. 5,21). Damit aber stellen sich in der Tat ernsthafte Anfragen an Willow Creek.

 Freilich hängen theologische und mehr praktische Anfragen zusammen. Ich beginne mit der praktischen Seite.

Praxis

Ich war von der gekonnten Darbietung fasziniert. Ohne Pannen wurde ein Programm perfekt "abgespult": Jazz, Chorusse, Anspiele, Ansprachen. Die Zuhörer und Zuschauer waren bei der Musik teilweise einbezogen. Aber gerade in diesem Perfektionismus liegt auch eine nicht zu übersehende Gefahr. Bundesdeutsche Kirchengemeinden sind dazu nicht fähig. Also endet der Versuch einer Übernahme zunächst im Diletantismus und anschließend, weil sich kein Erfolg einstellt, worauf das ganze Konzept aufgebaut ist, im Frust. Das trifft für die Gemeinde als solche zu, aber leicht auch für den einzelnen Multiplikator. Er kommt als vielleicht bislang "erfolgloser Arbeiter" in der Gemeinde zu so einem Kongreß und erhält Empfehlungen dafür, wie er es besser machen kann. Und trotzdem geschieht nachher nichts. Wie verkraftet er das? Denn daß "wir… im Glauben und nicht im Schauen" wandeln" (2. Kor. 5,7), scheint der ganzen Aufmachung zufolge, in Willow Creek nicht beachtet zu werden. Amerikanische Verhältnisse sind einfach anders als deutsche. Was dort klappt, kann hier noch lange in die Binsen gehen. Dass man ja einfach Teile des Programms übernehmen könnte, das wurde wohl gesagt, leuchtet mir aber überhaupt nicht ein, da es sich hier um eine Gastkonzeption handelt, die nur als solche Erfolg verspricht, nicht aber dann, wenn man sie als Steinbruch benutzt, aus dem man sich das gerade passend scheinende herausbricht. Zudem wird eine Zuschauermentalität gefördert . Es ist ähnlich dem, was man zu Hause vor dem Bildschirm erlebt. Ich beobachtete das, was schon festgestellt worden ist, dass eine vertraute Atmosphäre erzeugt wird.

Mit der Feststellung, dass das Evangelium etwas Fremdes ist, der Glaube entgegen der Ansicht von Willow Creek nicht Spaß macht und "Nachfolge nicht zum Erfolg, sondern in die Verfolgung führt" (Reinhard Slenczka), habe ich bereits Theologisches gestreift. Aber, und auch dies sei angesprochen, Willow Creek hat Erfolg in Deutschland, zumindest in finanzieller Hinsicht. Wenn auch berücksichtigt wird, dass die Veranstaltungskosten hoch sind, so dürfte doch noch allerhand herausspringen. Schliesslich bezahlt jeder der gut 6000 Teilnehmer allein für den Kongress 260 DM; Übernachtung und Verpflegung waren darin nicht inbegriffen. Die Themenkonferenzen wurden ebenfalls mit je 60 DM berechnet. Aber damit bestätigt sich das Sprichwort: "Was nichts kostet, ist nichts wert". Aufs Geschäft versteht man sich. Das ist zwar im Wirtschaftsleben eine Tugend, aber nicht eine geistliche Gabe. Doch auch hierin zeigt sich, dass das Management der Wirtschaft eine entscheidende Triebfeder in Willow Creek ist. Dass man von der Unternehmensstrategie in Amerika viel bei Willow Creek entdecken könne, wurde in einer Themenkonferenz offen gesagt. Auch Bill Hybles war so zu verstehen. Es wurde zwar davon gesprochen , wie erfolgreich das Konzept auch in Deutschland eingesetzt werde, und dabei nicht einmal verschwiegen, dass damit auch Schwierigkeiten in den Gemeinden auftauchen. Wie ich mir sagen ließ, soll es bereits zu Spaltungen in Gemeinden gekommen sein. Das empfiehlt diese Praxis keinesfalls. Dann wird "Christus.. zerteilt" (l.Kor. l,l3), was man in Willow Creek anscheinend nicht will, jedoch entgegen allen Beteuerungen bewirkt.

Massensuggestion

Nach der Psychologie der Masse sinkt der einzelne Mensch in der Masse um einige Kultusstufen zurück. Es entsteht ein Massengefühl. Es macht den einzelnen leichter manipulierbar. Das wurde schon oft ausgenutzt. Man wird nicht so tun können, als sei dieses Phänomen in der "Arene" in Oberhausen nicht aufgetreten. Hermann Bezzel, der Rektor Neuendettelsaus und bayerischer Krchenpräsident zu Beginn des Jahrhunderts, jedenfalls stand mit gutem Grund Massenveranstaltungen skeptisch gegenüber. Es bestand also die Gefahr der Massensuggestion. Die Veranstaltung entglitt den Veranstaltern nie. Zwar waren charismatische Elemente aufgenommen, aber es ging immer ordentlich zu. Dennoch erschien mir das ganze bewusst gesteuert. Auf der seelischen Klaviatur der Masse wurde meines Erachtens geschickt gespielt. Wenn dann Hybels davon sprach, man könne die Anwesenheit Gottes im Raum spüren, so ist das schwärmerisch. Wenn er dann auch noch meinte, dass Gott große Pläne mit der Kirche in Deutschland vorhabe und sie mit neuem Leben entfachen werde, so konnte er sich wohl der Zustimmung des rheinischen Präses und EKD-Ratsvorsitzenden, Manfred Kock, der gerade an diesem Tag anwesend war und mit viel Beifall begrüßt wurde, sicher sein und fand wohl auch bereitwillige Hörer, die diese Botschaft als prophetische aufnahmen. Ich halte mich da lieber an Luthers Wort, wonach das Evangelium einem fahrenden Platzregen gleicht und meine, in der Aussage des Apostels Paulus, "Gott" "hat" "sie… dahingegeben in verkehrten Sinn" (Röm. 1,28) eine prophetische Zeitansage zu entdecken. Daß alles ordentlich und perfekt lief, das schaltet ja die Massensuggestion nicht aus. Gerade da kann doch manipulativ gewirkt werden.

Theologische Anfragen

 Dass meine theologischen Anfragen an dieses Konzept nach dem Besuch in Oberhausen nicht vom Tisch sind, sondern sich verstärkten, wurde im Vorausstehenden mehr implizit gesagt; jetzt soll es expliziert werden. Dietrich Bonhoeffer hat die treffliche Unterscheidung zwischen geistlichem und seelischem Christentum getroffen. Bleibt man bei dieser Unterscheidung, so ist Willow Creek dem seelischen zuzuordnen, welches das Gefühl anspricht, das Wesen des Menschen aber nicht ändert. Herz und Gewissen bleiben dabei unverändert. Von einer Bekehrung kann nicht die Rede sein; die Veranstaltungen waren denn auch auf Wohlfühlen und Erfolg ausgerichtet, Ernst mache depressiv. Deshalb komme ich zum Ergebnis, daß hier ein Erfolgsevangelium verkündet wird. Erfolg ist der Heiligen Schrift jedoch fremd; sie will Frucht. Wenn je doch Erfolg das oberste Ziel ist, und zwar in dem Sinne, dass er in Zahlen meßbar wird, dann sind auch alle Methoden dafür recht, auch wenn die Heilige Schrift dazu kein Ja gibt. Weil die (sichtbare) Menge zählt, deshalb ist Willow Creek bei einem Gutteil der bundesdeutschen Kirchenrepräsentanten, gleichgültig, ob sie dem liberalen oder evangelikalen Lager zuzurechnen sind, gut angesehen. Schliesslich sind die, die zu einer Kirche gehören, ja auch deren Geldgeber. Und davon gibt es nie genug.

Mit dem Streben nach Erfolg hängt die Methodengläubigkeit und der Gedanke, geschickt angestellt, sei fast alles machbar, von Willow Creek zusammen. Es war von einem Sieben- Schritte-Schema die Rede, das dazu dienen soll, einen entkirchlichten Menschen zu einem kirchlichen zu machen. Freilich, in die Wohlfühlatmosphäre von Willow Creek wird so mancher unserer gefühlsbetonten Zeitgenossen gelockt werden können. Aber Glaube ist das noch nicht. "Der Glaube ist nicht jedermanns Ding" (2. Thess. 3,2), stellt der Apostel Paulus realistisch fest. Da lässt sich nichts methodisieren, vielmehr wirkt Gott durch den Heiligen Geist "den Glauben, wo und wenn er will (ubi et quando visum est Deo), in denen, so das Evangelium hören" (CAV, "Vom Predigtamt", BSLK,, S. 58).

Freilich, der theologische Tiefgang reformatorischer Lehre darf in einer stark pragmatisch orientierten amerikanischen Freikirche im Regelfall nicht erwartet werden. Deshalb spielt die Heilige Schrift auch mehr eine untergeordnete Rolle. Sie gab nicht einmal die Rahmenbedingungen für die Ansprache ab. Hybels ging nicht von einem bestimmten Bibeltext aus, sondern thematisch vor. Dabei hatten dann allerdings die biblischen Berichte keine größere Bedeutung als Hybels eigene Erlebnisse. Sie dienten der Illustration, waren aber nicht vorgegebene Norm der Ansprache. Weil sie lediglich Beispielgeschichten sind, aber nicht der Verkündigung vorgeordnete und damit dieser zugrundegelegtes Evangelium. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass Lehrmässiges auf der Strecke bleibt. Man kann dies auch umdrehen: Weil Lehrmässiges keine Rolle spielt, deshalb ist die heilige Schrift lediglich eine Sammlung von Beispielgeschichten, die je nach Belieben eingesetzt werden. Wie schwach Willow Creek lehrmässig ist, eben weil die Heilige Schrift praktisch nicht Lehrnorm ist, sondern der entkirchlichte Zeitgenosse und damit der natürliche Mensch, wird an zwei Beispielen deutlich. Entgegen der Heiligen Schrift kommen Wiedertaufen vor – und diese waren nun allemal ein Spaltpilz in den Gemeinden (CA IX, "Von der Taufe", BSLK, S 62 verwirft die Wiedertaufe in aller wünschenswerten Deutlichkeit). Auf ausdrückliche Nachfrage nach der Gemeindeleitung durch Frauen antwortete Hybels, Gott verteile die Gaben nicht nach dem Geschlecht; deshalb seien sämtliche Aufgaben an Frauen übertragbar und könne er sich gut vorstellen, dass seine Nachfolge bei der Leitung der Willow Creek Church eine Frau übernehme. Das ist jedoch gegen das klare Gebot Jesu, das uns der Apostel Paulus überliefert (1. Kor. 14, 34-37) und gegen seine ausdrückliche Anweisung an seinen Schüler Timotheus (1. Tim. 2, 12). Mein Gesamteindruck von Willow Creek – und damit schliesse ich diesen Abschnitt – ist, dass hier Richtiges und Falsches, jedoch in der Tendenz Falsches, geboten wird. Ich scheue mich nicht davor zu behaupten, dass hier das eintritt, wovor der Apostel Paulus so nachdrücklich warnt: "Es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken" (2. Tim. 4, 3; vgl. 1. Tim. 4, 1), und diese Lehrer springen erfolgreich auf den Zug der Zeit auf. Willow Creek illustriert dies. Der Oberhausener Kongress hat dies gezeigt. Massen setzten sich in Bewegung. Dies ist auch ein Beleg dafür, in welchem Zustand unsere Gemeinden sind und wie weit es mit dem geistlichen Urteilsvermögen gekommen ist. Ein anderes Evangelium Ich greife nochmals auf das eingangs erwähnte Herüberwehen des Pfingstgeiste vor 90 Jahren zurück. Mit der "Berliner Erklärung" (3) "wurde" 1909 "von 56 Vertreten, die zur guten Hälfte zur Gemeinschaftsbewegung, ansonsten zur Evangelischen Allianz gehörten, die Trennung von der Pfingstbewegung vollzogen" (4). Geistesgegenwärtig und geistgewirkt hatten diese Vertreter aus Gemeinschaftsbewegung und Allianz diese Erklärung nach Prüfung der Phänomene an der Heiligen Schrift verfasst. Sie warnten vor der Pfingstbewegung als "von unten her (d.h. seelischen, z.T. auch dämonischen Ursprungs) (5). Sie sprachen keinem den Glauben ab und waren durchaus der Ansicht, dass es auch in diesen Kreisen zu wahrhaftigem Glauben kommen könne. Dennoch galten ihnen die Anhänger der Pfingstbewegung "als der Irrlehre verhaftete" (6)Daran musste ich nach Abschluss des Kongresses denken. Freilich, Willow Creek ist nicht die Pfingstbewegung. Aber dass auch von ihr Verführung ausgehen kann – durchaus in sublimerer Art – und sie wie die Pfingstbewegung seelisch wirkt, darin besteht Gleichheit. Aber in der Beurteilung gehen heutige Gemeinschafts- (Morgner), Allianz- (Hille, Strauch) und CVJM-Vertreter (Parzany) andere Wege. Sie empfehlen dieses Happening (7). Zwar bleibt das letzte Urteil, das sei abschliessend gesagt, Gott vorbehalten und es kann niemandem der Glaube abgesprochen werden. Aber damit ist keine Empfehlung ausgesprochen, weil das diagnostizierte Erfolgsevangelium, das die amerikanische Lebensart und einen Machtbarkeitswahn widerspiegelt, eben doch "ein anderes Evangelium" (Gal. 1, 6.8.9.) ist, und weil uns die Aufgabe, die Geister zu unterscheiden und Lehre zu beurteilen bleibend gestellt ist. Die Wichtigkeit dessen wurde mir nach diesem Kongress aufs neue deutlich.

Walter Rominger

www.horst-koch.de

 

 

 

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