Weihnachtsglanz auf dem Sterbebett

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Wilhelm Hesemann

 

»Weihnachtsglanz auf dem Sterbebett«

 

Unter dieser Überschrift berichtet Pfarrer Ludwig Schneller über einen Krankenbesuch in Berlin an einem Heiligabend. Ludwig Schneller war der Sohn von Johann Ludwig Schneller, der im 19. Jahrhundert das »Syrische Waisenhaus« in Jerusalem gründete. Die Vorfahren der Familie Schneller wurden durch die Katholiken aus Salzburg vertrieben und fanden in Württemberg (Erpfingen/Schwäbische Alb) eine neue Heimat.

Pfarrer Ludwig Schneller wollte mit diesem Bericht deutlich machen, wie entscheidend wichtig es ist, daß der Mensch sich vor seinem Tod vom Worte Gottes her auf die Ewigkeit vorbereiten läßt. »Wer so stirbt, der stirbt wohl!«

 

Ludwig Schneller schreibt:

Wieder war der Abend des 24. Dezember da und die Weihnachtsglocken läuteten. Die Kaiserglocke vom Dom tönte mit ihrem tiefen Brausen und Summen, daß die Erde leise mit erbebte, und all die großen und kleinen Glocken der kirchenreichen Stadt mischten sich in den weihnachtlichen Glockenchoral.

Ich hatte draußen auf dem Kirchhofe Melaten eine Beerdigung gehabt und war durchfroren und müde nach Hause gekommen. Aber hier gab es liebe Arbeit, über der man leicht alle Müdigkeit vergißt. Galt es doch, den Christbaum vollends zu schmücken und die letzte Hand an die Bescherung zu legen! Da schellt es plötzlich drunten an der Haustür heftig. Ein Bote tritt herein und sagt: »Kommen Sie schnell ins Augustiner-Klösterchen in der Severinstraße. Da liegt ein Schwerkranker, der nach dem Heiligen Abendmahl verlangt.«

Da verschob ich unsere Feier für eine spätere Stunde und eilte durch die hell erleuchteten, mit Schnee bedeckten Straßen. An der alten Georgskirche mit ihrem traulichen Zwiebelturm ging es vorbei, dann über den Waidmarkt, wo noch Dutzende von Christbäumchen gekauft und von Knaben oder Vätern im Jubel durch das großflockige Schneegestöber nach Hause getragen wurden. In der Severinstraße drängte sich noch alles in die Kaufläden. Nur da und dort schimmerte schon ein angezündeter Christbaum festlich durch die Fenster.

Ich trat in das Augustiner Klösterchen ein, ein großes, prächtig eingerichtetes Krankenhaus, in dem die Augustinerinnen pflegen. Eine Schwester mit großer weißer Haube führte mich durch die von Karbolgeruch erfüllten Korridore. Sie teilte mir das Nötigste von dem Kranken mit. Es sei ein achtundsiebzigjähriger Mann von auswärts, fast ohne Verwandte. Nur eine einzige Anverwandte sei vorhin angekommen und sei eben bei ihm drinnen im Zimmer. Er sei wegen Zungenkrebs operiert. Dabei sei nicht nur die Zunge, sondern ganze Teile des Kopfes, Oberkiefer, Backenknochen entfernt worden. Aussicht, sein Leben zu retten, sei nicht mehr vorhanden. Damit öffnete sie mir die Tür zu einem Krankenzimmer erster Klasse und ließ mich ein.

Da lag vor mir ein Kranker, ein Bild des Jammers, in seinen weißen Kissen. An Stelle des Kopfes war nur ein großer Wulst von weißen Binden zu sehen. Bloß die Nasenlöcher waren des Atmens wegen freigehalten, und ein paar große Augen schauten mich erwartungsvoll an.

Meinen Gruß erwiderte er mit einem stummen Zeichen der Hand. Auf seinen Wink verließ die Verwandte das Zimmer. Nun waren wir allein.

Ich sprach mit ihm, und er antwortete auch. Aber da er keine Zunge mehr hatte, und überdies auch der ganze Mund verbunden war, konnte er wie der alte Zacharias im Adventsevangelium seine Antworten nur auf eine Schreibtafel schreiben, die auf seinem Bette bereit lag.

Ich begann mit dem Ausdruck meiner herzlichen Teilnahme, und bedauerte besonders, daß er nicht mehr mit mir sprechen könne. Da nahm er schnell seine Tafel und schrieb: »Psalm 39: Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun. Denn du, Herr, hast's getan. Psalm 63: Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.«

Diese wenigen Worte sagten mir am im besten, mit ich es zu tun hatte. Es war ein frommer, gläubiger Christ, dessen Angesicht mir da hinter den weißen Binden verhüllt lag, ein Mann, der seinen Gott kannte und der von Gottes Wort lebte.

Ich sprach mit ihm über den schweren Weg, den ihn Gott noch im hohen Alter führe, und sagte ihm, daß der Herr, der ihn 78 Jahre lang gewiß durch viele Höhen und Tiefen geführt habe, ihn  gewiss auch auf der letzten Strecke Weges nicht verlassen würde. Daraufhin schrieb er die Antwort: »Jesaja 38: Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe. Denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich.«

Darauf lenkte ich auf den Heiligabend über, auf die selige Botschaft, die heute wieder aller Welt verkündigt würde, und die auch ihm gelte: Euch ist heute der Heiland geboren. Ich erwähnte dabei, daß ich morgen früh über die alte Weihnachtsepistel aus dem Titusbrief predigen wollte, und führte auch ihre Anfangsworte an: »Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.«

Er schien aber damit nicht zufrieden und machte mir lebhafte Zeichen, die ich jedoch nicht verstand. Da nahm er wieder seine Tafel und schrieb: »Die Fortsetzung dürfen Sie nicht vergessen, die ist für mich jetzt besonders wichtig: und züchtigt (dies Wort unterstrich er zweimal) uns daß wir sollen verleugnen  das ungöttliche Wesen. Ich stehe jetzt unter der Züchtigung des Herrn. Aber mein Trost steht im Psalm 23: Ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir! Dein Stecken und Stab trösten mich«.

Ich fragte ihn, ob er nicht manchmal recht traurig sei auf seinem einsamen Schmerzenslager. Da schrieb er: »Als die Traurigen und doch allezeit fröhlich! Als die Sterbenden, und siehe wir leben!«

Als ich mit ihm über seliges Sterben und über unsere gewisse Hoffnung des ewigen Lebens gesprochen hatte, schrieb er: »Vor dem Sterben fürchte ich mich nicht. Ich halte mich an das große Wort des Heilandes Johanness 17: Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, auf daß sie meine Herrlichkeit sehen.«

Es war mir eine wahre Feierstunde, die ich am Bett des Alten zubrachte. Endlich sagte ich ihm, das Heilige Abendmahl könne ich ihm freilich nicht geben, da ja sein Mund ganz verbunden sei. Er solle sich darüber nicht grämen. Wer so seines Heilandes gewiß sei, der trage ihn auch ohne äußeres Abendmahl durch den Glauben im Herzen. Jesus sei unsichtbar doch bei ihm und werde ihm in der schwersten Stunde unendlich nahe sein und ihm die Hand unters Haupt legen, daß er im Frieden heimgehen könne.

Aber er schüttelte lebhaft den Kopf und schrieb: »Nein, ich will und muß noch einmal das Heilige Abendmahl feiern.«

"Aber wie denn? Ich kann es Ihnen ja nicht geben!«

»Geben Sie mir es sinnbildlich!« schrieb er.

Dieser Fall war mir bisher in meinem amtlichen Leben noch nicht vorgekommen. Auch wußte ich nicht, ob kirchliche Vorschriften für eine so eigenartige Lage bestünden. Aber das herzliche Verlangen eines gläubigen Gotteskindes war da und mußte befriedigt werden.

So begann ich denn die Feier wie immer bei Sterbenden. Als ich zur Beichte kam, konnte ich wohl sehen, wie er die Worte des Sündenbekenntnisses mit tiefer Bewegung innerlich mitsprach. Sein Ja sprach er dazu durch ein dreimaliges tiefes Neigen seines Hauptes.

Und als ich die Einsetzungsworte gesprochen hatte und ihm Brot und Kelch darreichte mit den Worten »Nehmet hin und esset« und »Trinket alle daraus alle daraus, das ist das Blut des Neuen Testaments, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden«, da hob er mit seligem Ausdruck der ganzen Gestalt beide Arme in die Höhe und sah mit verklärtem Blick nach oben.

So hat er denn das Heilige Abendmahl »sinnbildlich« empfangen. Ich betete noch mit ihm und legte ihm beim Segen die Hand auf das verhüllte Haupt. Darin schrieb er mir noch auf die Tafel: »Römer 8: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Fährlichkeit? Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn«

Als ich es gelesen hatte löschte er die Schrift mit dem Schwämmchen aus und schrieb: »Bitte kommen Sie doch morgen wieder.«

Das versprach ich. Aber ich konnte nicht anders, ich mußte ihm noch einmal meine Freude ausdrücken, daß ich so gewiß sein durfte, daß ein ganz anderer bei ihm sei und bleibe, von dem es nie ein Abschiednehmen gebe: Jesus.

Da ging noch einmal ein frohes Leuchten über seine Augen. Er schrieb und reichte mir die Tafel, während er die linke Hand wie frohlockend zum Himmel hob: »Mein Ein und mein Alles, mein seligstes Heil!«

In tiefen Gedanken wie einer, der etwas Großes, Weihnachtliches erlebt hat, ging ich durch die von einer geschäftigen Menge durchwogte Severinstraße zurück. Welches Glück, musste ich denken, wenn man seine Bibel nicht nur in Prachtband und Goldschnitt auf dem Bücherbrett stehen hat, sondern ihre Worte als Lebensquell im Herzen trägt.

Diesem todkranken, nach Ansicht der Welt so unglücklichen Manne brannte es wie goldene Weihnachtslichter im dunkeln Tal des Todes. Wie elend wäre der vereinsamte, sterbende Greis gewesen, wenn er sie nicht gehabt hätte! So aber konnte er sich aus der reichen Schatzkammer der Heiligen Schrift ein Weihnachtslicht nach dem andern anzünden und in ihrem Lichte selig heimgehen.

Als ich am nächsten Abend nach Predigt, Kindergottesdienst und verschiedenn Weihnachtsfeiern noch ins Augustiner-Klösterchen eilte und in das Krankenstübchen des lieben Alten trat, hatten sich seine Augen schon für dies Erde geschlossen. Aber wenn ich auch das verhüllte Totenantlitz nicht sehen konnte, sondern nur die gefalteten Hände, sah ich doch im Geist ein Angesicht voll Weihnachtsglanz und Weihnachtsfrieden, so wie wir uns den greisen Simeon mit dem Jesuskinde auf den Armen vorstellen, während seine Lippen in seliger Freude den Psalm anstimmen: »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben den Heiland gesehen!«

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