Sünde wider den Geist – Karl Heim

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Karl Heim

 

DER GEÖFFNETE VORHANG

 

INHALT

1.    Der Wandel im Himmel
2.    Die Sünde wider den Heiligen Geist
3.    Das Festmahl Gottes
4.    Die Auferstehung der Toten
5.    Jenseits des reißenden Stromes

 

AUSZUG:

Kapitel II: Die Sünde wider den Heiligen Geist

Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben.
Und wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird’s nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt.
Setzt entweder einen guten Baum, so wird die Frucht gut; oder setzt einen faulen Baum, so wird die Frucht faul. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.
Ihr Otterngezüchte, wie könnt ihr Gutes reden, dieweil ihr böse seid?
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz des Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.
Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben.
Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.
Matthäus 12, 31 – 37

Als ich vor Jahren in einer größeren deutschen Stadt über das Rätsel des Todes einen Vortrag zu halten hatte, legte mir eine Mutter eine schwarzumränderte Todesanzeige aufs Pult, in der der Tod ihres Sohnes mitgeteilt war. Auf diese hatte sie mit Bleistift und mit zitternder Hand die Worte geschrieben: »Mein Sohn ist gestorben, ohne Christus gefunden zu haben. Gibt es für ihn noch eine Rettung?« Damit ist eine Frage aufgeworfen, die heute Tausende bewegt. Denn wir leben in einer Zeit, in der oft täglich tausend und abertausend Menschen durch Erdbeben, Bombenangriffe und andere Katastrophen plötzlich und unvorbereitet aus diesem Leben abgerufen werden, darunter viele junge Menschen, die noch mitten im weltanschaulichen Ringen stehen. Wenn nicht, wie ja viele annehmen, mit dem Tode alles aus ist, wenn es vielmehr ein Fortleben gibt, so können wir dabei der Frage nicht aus dem Wege gehen: Ist das Erbarmen Gottes über uns Menschen tatsächlich grenzenlos? Stehen die Tore des Vaterhauses für alle Menschen und für alle Zeiten immer offen? Oder gibt es eine Grenze für die Vergebung Gottes? Gibt es für uns Menschen einen Punkt, von dem an es keine Rettung mehr für uns gibt? Es hat keinen Wert, wenn wir auf diese schwerwiegende Frage durch eigenes Nachdenken eine Antwort suchen. Denn da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Entscheidung über unser ewiges Schicksal richtet sich ja nicht nach unseren Wünschen, sie liegt nicht in unserer Hand. Wir können nicht darüber verfügen. Wir können uns darum mit dieser schweren Frage nur an die Stelle wenden, an der die Entscheidung über unser aller ewige Zukunft fällt, an den, vor dessen Richterthron wir alle einmal erscheinen müssen. Christus gibt uns in unserem Evangelium eine Antwort auf diese Frage. Er gibt sie in zwei gewaltigen Sätzen, die jedenfalls auf den ersten Blick in einem unvereinbaren Gegensatz zueinander zu stehen scheinen, die wir aber beide in ihrer ganzen Wucht auf uns wirken lassen müssen.
Der erste Satz heißt: Ich sage euch: Alle Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben.«
Der zweite Satz heißt: »Aber die Lästerung wider den Geist Gottes kann nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der anderen Welt.«

 

I.


»Alle Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben.«
Bei diesem ersten Satz ist es uns, als würden wir in einen großen, weiten Dom eintreten, von dessen Türmen alle Glocken läuten, um die Menschen einzuladen, und zu dessen Toren von allen Seiten her die Menschen hereinströmen, alte und junge, gesunde und kranke, tugendhafte und schuldbeladene. Gottes Barmherzigkeit über alle Menschen hat keine Grenzen. »Alle Sünden« können vergeben werden. Gottes Bereitschaft zu vergeben, ist also weder begrenzt durch die Zahl noch durch die Schwere unserer Sünden. Bei uns Menschen sind ja, wie wir alle wissen, der Kraft, einander zu verzeihen, enge Schranken gezogen. In leichten Fällen, wenn es zum Beispiel einmal einen Streit im Hause gab und uns jemand ein Schimpfwort an den Kopf geworfen hat, für das er aber gleich nachher um Verzeihung bittet, da können wir ihm die Hand hinstrecken und sagen, es soll alles zwischen uns wieder gut sein. Aber sobald uns ein Mensch eine schwere Wunde geschlagen hat, merken wir sofort die Grenze unserer Vergebungskraft. Da war zum Beispiel eine Krankenschwester, die ein krankes Kind zu pflegen hatte. Sie hatte etwas Morphium in die Kindermilch hineingebracht und das Kind starb. Die Schwester wurde schwer dafür bestraft. Sie tat auch Buße wegen dieses verhängnisvollen Versehens und schrieb der Mutter des Kindes einen langen Brief, in dem sie innig um Vergebung bat. Diese schrieb aber kurz und kalt zurück: »Der Mörderin meines Kindes kann ich niemals verzeihen.« Das ist menschlich begreiflich. Auch wenn wir uns in einem solchen Fall alle Mühe geben, zu vergeben und zu vergessen, immer brennt die Wunde. Die Erinnerung an das Furchtbare, das der andere uns angetan hat, steigt immer wieder herauf. Gott sei Dank, es gibt einen, der nicht an diese menschliche Schranke gebunden ist. Für Gott gibt es keine Grenze des Verzeihens. In manchen unserer Gefängnisse sitzen in den Zellen, wo die Todeskandidaten auf ihre Hinrichtung warten, Menschen, denen Hunderte ihrer Mitmenschen fluchen, weil sie durch Mordtaten, Ehebruch und Trunksucht das Glück ganzer Familien zerstört haben. Dennoch können sie im Frieden sterben, wenn sie in völligem Glauben ihre Schuld unter dem Kreuz niedergelegt haben.

Es heißt in unserem Evangelium aber nicht bloß: »Alle Sünde wird den Menschen vergeben«, es wird noch hinzugefügt: »auch alle Lästerung.« Im Markusevangelium heißt es noch deutlicher: »Alle Sünden werden vergeben den Menschenkindern, auch die Gotteslästerungen, womit sie Gott lästern.« Es gibt heute viele Menschen, denen all ihr Hab und Gut vernichtet worden ist und die dann die Fäuste gegen den Himmel geballt und Gott geflucht haben, daß er so etwas zulassen konnte. Man sollte denken, Gott könnte einen Menschen, der ihn gelästert hat, niemals mehr als sein Kind annehmen; auch wenn er in sich schlüge, wie der verlorene Sohn, werde er das Vaterhaus verschlossen finden, weil er die Majestät Gottes beleidigt hat. Aber Jesus sagt ausdrücklich: »Auch die Gotteslästerungen werden vergeben, womit sie Gott lästern.« Auch an dieser Stelle hat die Barmherzigkeit Gottes noch kein Ende. Weil Gottes Vergebung tatsächlich grenzenlos ist, so kann jedes Verhältnis zwischen uns Menschen, das durch Schuld zerstört ist, wieder zurechtgebracht werden, wenn beide ihre Schuld vor Gottes Thron bringen. Auch eine zerbrochene Ehe kann auf diese Weise wieder zurechtgebracht werden, auch wenn sie durch eine noch so schwere Schuld zu einer unglücklichen Ehe geworden ist. Jeremias Gotthelf erzählt einmal von zwei Eheleuten in einem Berner Bauernhaus, die es nicht leicht miteinander hatten. Dennoch lebten sie glücklich. Was war das Geheimnis ihres Eheglücks? Mann und Frau beteten jeden Abend von ganzem Herzen miteinander das Vaterunser mit der Bitte: »Vergib uns unsere Schuld.« Diese Vergebung Gottes war, sagt Gotthelf, wie ein tiefer See. In diesen wurde jeden Abend aller Groll, der sich den Tag über angesammelt hatte, versenkt. So kam es, daß die Sonne, wenn sie am andern Morgen wieder aufstieg, den Schatten nicht mehr sah, der bei ihrem Untergang das Herz des einen oder andern verdunkelt hatte. Wir alle, denen der Glaube an den für uns gekreuzigten Erlöser geschenkt ist, gleichen in der Tat Menschen, die am Ufer eines tiefen Sees wohnen. Jeden Abend können wir den Groll und die Verbitterung, die sich den Tag über in unserem Herzen angesammelt haben, in die Tiefen dieses Sees versenken. Dieser tiefe See ist die grenzenlose Bereitschaft Gottes, uns zu vergeben.

Aber es gibt nicht nur keine auch noch so schwere Schuld oder Gotteslästerung, die Gott hindern könnte, uns zu verzeihen. Jesus nennt noch etwas von dem man denken sollte, es müßte ein unübersteigliches Hindernis für Gottes Barmherzigkeit sein. »Und wer etwa redet (wörtlich: wer ein Wort sagt) wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben.« Wieviel verächtliche Worte sind gerade in der neueren Zeit bis in unsere Tage hinein gegen Christus gesprochen worden. Was war es für ein blinder, abgrundtiefer Haß gegen Christus, wenn Heinrich Heine beim Anblick eines Bildes des Gekreuzigten sagt: »Grüß Gott, mein lieber Vetter, der du die Welt erlösen gewollt, du Narr, du Menschheitsretter!« Vor noch nicht allzu langer Zeit ist das Wort gefallen: »Wir brauchen keinen krummnäsigen, plattfüßigen Heiland!« Aber die trübe Flut von Christushaß und Christusverachtung mag noch so hoch emporbranden, auch heute noch ragt über allem das Kreuz empor, an dem der Heiland für alle die betet, die Lästerworte zu ihm hinaufgerufen haben: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Auch für die Christushasser gibt es noch eine Rettung, auch ihnen können noch einmal die Augen darüber aufgeben, was sie getan haben. Sie werden, wie es in der Offenbarung heißt, noch einmal weinen, wenn »sie sehen werden, in welchen sie gestochen haben«.

Und noch etwas darf hier gesagt werden (wenn es auch nicht ausdrücklich in unserem Evangelium steht), was von entscheidender Wichtigkeit ist im Blick auf die Tausende, die heute aus diesem Leben abgerufen werden, ehe sie innerlich zurechtgekommen sind. Auch das Ende dieser irdischen Gnadenzeit ist nach der Schrift noch keine Grenze für Gottes Barmherzigkeit. Es heißt 1. Petrus 4: »Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf daß sie gerichtet werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gott leben.« Für solche, die hier noch keine wirkliche Begegnung mit Christus gehabt haben, gibt es also noch eine Möglichkeit der Rettung jenseits des Grabes. Das darf uns natürlich keinen Augenblick sicher machen und auf den Gedanken führen: Nun, dann kann ich ja meine Hingabe an Christus auf die Zeit nach dem Tode aufschieben. Aber wenn Menschen, die uns nahestehen, mitten aus ihrem inneren Ringen heraus abgerufen worden sind, so dürfen wir gewiß sein: Ihre Entwicklung ist nicht abgerissen, wie eine Melodie, die mitten im Satz abbricht, weil eine Saite gerissen ist. Auch mit ihrem Tod hat Gottes Barmherzigkeit mit ihnen noch kein Ende. Das Ende dieses zeitlichen Lebens ist noch nicht die Grenze von Gottes Vergebung.

II.

Wir haben aus alledem gesehen, daß Gottes Erbarmen in der Tat grenzenlos ist. Dennoch gibt es eine Grenze der göttlichen Vergebung. Diese Grenze liegt nicht in Gottes Bereitschaft, uns zu verzeihen. Gottes Herz ist weit. Die Grenze liegt vielmehr in uns selber. Es gibt einen inneren Zustand des Menschen, durch den Gottes Vergebung unmöglich wird. Das führt uns zu dem zweiten Heilandswort in unserem Evangelium, das im Gegensatz zu dem ersten zu stehen scheint: »Wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird es nicht vergeben, weder in diesem noch in dem kommenden Äon.«

Beim ersten Christuswort, von dem wir bisher gesprochen haben, treten wir in einen weiten Dom, dessen Tore nach allen Seiten hin offenstehen. Beim zweiten ist es, als wäre eine schwere Eisentür ins Schloß gefallen, die niemand mehr öffnen kann.
Dieses zweite Wort Jesu ist so schwer,
daß schon manche Menschen darüber verzweifelt und in Schwermut gefallen sind. Dennoch dürfen wir, die wir die Aufgabe haben, der Gemeinde das ganze Gotteswort auszulegen, auch dieses zweite Wort nicht verschweigen oder verharmlosen. Wir müssen es in seiner ganzen Gewalt auf uns wirken lassen, auch auf die Gefahr hin, daß es uns in schwere Anfechtung führt. Warum ist der Barmherzigkeit Gottes an dieser Stelle eine unerbittliche Grenze gezogen? Warum können Gotteslästerung und Verhöhnung Christi vergeben werden, aber die Lästerung des Geistes kann nicht vergeben werden? Um dieses Geheimnis zu verstehen, müssen wir daran denken, was eigentlich geschieht, wenn wir Menschen unter die Wirkung des Heiligen Geistes kommen. Die Ausgießung des Geistes ist ja die Krönung des ganzen Erlösungswerkes. Es ist schon etwas Großes, wenn wir unter gewaltigen Natureindrücken oder im Weltgeschehen das Rauschen der Schritte Gottes hören oder wenn uns in den Evangelien die unvergleichliche Gestalt des geschichtlichen Jesus vor Augen tritt. Aber die Pfingstgabe ist noch größer als das alles. In ihr kommt uns Gott noch näher. Paulus sagt: »Gottes Geist gibt Zeugnis unserem Geist.« Gott neigt sich hier also ganz persönlich zu jedem einzelnen von uns herab und will Wohnung in unserem Herzen machen, so wie in der Weihnachtsgeschichte der Heiland der Welt im armen Stall zu Bethlehem Wohnung machte. Wenn wir so reich beschenkt sind, dann ist damit das Größte geschehen, was in unserem Leben überhaupt geschehen kann.

Aber nun ist es mit unserem Verhältnis zu Gott wie bei dem Verhältnis, in dem wir Menschen untereinander stehen. Wir können es wenigstens von fern damit vergleichen. Wenn wir gegen einen Menschen Schimpfworte ausstoßen, der uns noch ganz fernsteht, von dem wir vielleicht nur aus der Zeitung wissen oder der uns nur einmal einen Brief geschrieben hat, dann ist es verhältnismäßig einfach, diese Sache wieder in Ordnung zu bringen. Vielleicht genügt eine persönliche Begegnung mit der betreffenden Persönlichkeit, um das Mißverständnis zu beseitigen. Aber ganz anders ist es, wenn ich einen Menschen kalt zurückstoße und mit ihm breche, der mir ganz nahegekommen ist, der mir sein ganzes Herz aufgeschlossen und sich mir hingegeben und sich für mich geopfert hat. Wenn ich einen solchen Menschen zurückstoße, dann ist etwas zerbrochen, was nie mehr geheilt werden kann. So ist es auch in einem viel tieferen Sinn mit unserem Verhältnis zu Gott. Wenn ein Mann, dem Gott noch eine ferne, unbekannte Macht ist, die er, wie das viele heutige Menschen tun, mit dem Schicksal verwechselt, unter einem furchtbaren Schicksalsschlag die Fäuste gegen den Himmel ballt, wenn etwa ein Bauersmann, dem in einer Viertelstunde kurz vor der Ernte der ganze Ernteertrag durch ein Hagelwetter vernichtet wird, einen Fluch gegen Gott ausstößt, so wird Gott selbst dadurch ja gar nicht getroffen. Der Fluch richtet sich gegen den »unbekannten Gott«. Der Mann hat auf ein Zerrbild losgeschlagen, das er sich selber von Gott gemacht hat. Das kann nach Jesu Wort vergeben werden.

Oder wenn ein Mensch, der kaum einmal in der Bibel gelesen hat, Christus mit Schmutz bewirft und etwa sagt: »Mit diesem weichen Heiland kann ein kämpferischer Mensch überhaupt nichts anfangen«, dann wird Christus selbst durch ein solches Mißverständnis überhaupt nicht getroffen. Wer so spricht, der redet von Christus wie der Blinde von der Farbe. Sein Urteil ist von Sachkenntnis ungetrübt. Wenn er einmal vor dem Richterthron Christi erscheinen muß, so wird er bald genug erfahren, daß der »weiche Heiland«, über den er gespottet hat, so gewaltig ist, daß die größten Helden der Weltgeschichte vor ihm zittern müssen. Er wird merken, daß sein Lästerwort gegen Christus auf einem Mißverständnis beruht. Es kann darum vergeben werden.

Aber ganz anders ist es, wenn sich uns Gott durch seinen Geist persönlich zu erfahren gegeben hat, wenn wir, wie es in Hebräer 6 heißt, »geschmeckt haben die himmlische Gabe und die Kräfte der zukünftigen Welt«, wenn wir dann in ein Lästerwort gegen die Macht ausbrechen, die uns so nahegetreten ist, dann richtet sich unser Haß nicht gegen ein Zerrbild, das wir uns selbst von Gott zurechtgemacht haben oder gegen einen mißverstandenen Christus, sondern gegen Gott selbst. Gott ist uns kein unbekannter mehr. Wir haben seine suchende Liebe erfahren. Wir wissen auch, daß er uns aus allen unseren Fesseln befreien will, in die wir uns durch eigene Schuld geschlagen haben. Aber »wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche«. Wir wollen unsere eigenen Herren bleiben. Das ist bewußte Auflehnung gegen Gott. Das ist die satanische Empörung gegen Gottes Willen.

So war es bei den Pharisäern, denen Christus in unserem Evangelium entgegen trat. Vor ihren Augen war eine unerhörte Siegestat Gottes geschehen. Ein besessener Mensch, der blind und stumm war, war mit einem Schlag von seiner dämonischen Gebundenheit befreit worden, und alle Ketten waren von ihm abgefallen. Auch die Pharisäer standen unter dem überwältigenden Eindruck von Gottes Geistesmacht; aber sie wollten sich nicht beugen. Und so kamen sie auf ein Mittel, wie es nur eine teuflische Intelligenz ersinnen konnte, um den Eindruck zu verwischen, den Christi Tat auf das Volk gemacht hatte. Sie sagten: Wir geben zu, der besessene Mensch ist befreit worden und Christus war das Werkzeug seiner Befreiung, aber »er treibt die Teufel aus durch Beelzebub, der Teufel Obersten«. Damit hatten sie alles auf den Kopf gestellt. Sie hatten die Siegestat Gottes als Teufelswerk bezeichnet. Damit sind sie aber selbst auf die Seite des Satans getreten. Mit dem Satan aber kann Gott in alle Ewigkeit keinen Frieden schließen. Denn Gott läßt seiner nicht spotten. Mit dem Satan kann Gott nie paktieren oder sich an einen Verhandlungstisch setzen. Hier gibt es nur den totalen Krieg bis zum furchtbaren Ende, bei dem es nur noch Vernichtete und Überlebende geben kann.

Wenn wir Menschen uns bewußt gegen den erkannten Willen Gottes auflehnen,
dann haben wir uns in diese satanische Empörung hineinziehen lassen. Wir haben uns vom Feinde Gottes als Werkzeuge gebrauchen lassen. Dadurch schließen wir uns aber selber von der Vergebung Gottes aus. Bei Menschen, die sich dazu hinreißen lassen, brechen darum unwillkürlich satanische Lästerworte aus ihrem Herzen hervor. Der Lästergeist kommt über sie. Dadurch wird aber die Vergebung zur inneren Unmöglichkeit.

Wir alle können das, was Christus hier von der Sünde wider den Heiligen Geist sagt, nur mit innerem Zittern lesen.
Denn was hier gesagt wird, geht ja zunächst nicht die Weltmenschen an, die noch nichts von der Kraft Gottes erlebt haben und von der Erlösung nur wie der Blinde von der Farbe reden können. Es geht vielmehr uns an, die wir vielleicht schon in unserer Jugend den tiefen Frieden erfahren haben, der in unser Herz einströmt, wenn unser Leben nicht mehr uns selber, sondern Gott gehört, und die es immer wieder erleben durften, was für eine tiefe Ruhe selbst in Todesgefahr und Schreckensnächten über uns kommt, wenn wir ganz in Gott geborgen sind und seine Gegenwart in dauerndem Gebetsumgang unmittelbar spüren.

Aber gerade auf uns, denen Gott schon nahegetreten ist, richtet der Feind Gottes seinen Hauptangriff. Er will uns um jeden Preis den Segen wieder rauben, der uns geschenkt worden ist, und uns aus der Festung wieder herauswerfen, in der wir geborgen sind. Ein Seelsorger, den ich gut kenne, wurde nachts zu einem Mann gerufen, der, wie es schien, im Sterben lag. Seine Frau bat den Geistlichen, mit ihm zu beten. Er sagte ihm die stärkenden Worte von der Versöhnung durch Christus, die in der Schrift stehen, und die Verheißungen der kommenden Herrlichkeit, an der wir teilnehmen sollen. Der Schwerkranke faltete die Hände und wurde ganz still und von innerem Frieden durchströmt. Der Geistliche hatte noch einen Gang zu tun und kam nach einer halben Stunde wieder, um noch einmal nach dem Kranken zu sehen. Zu seinem Staunen fand er die ganze Szene verwandelt. Der Kranke hatte sich im Bett aufgerichtet und sagte triumphierend: »Die Krisis ist überstanden, jetzt darf ich noch einmal ins Leben zurückkehren.« Der Seelsorger sagte ihm: »Nun bleiben Sie aber auch fest bei dem, was Christus Ihnen in dieser schweren Stunde geschenkt hat!« Da schlug der Kranke ein teuflisches Gelächter an und sagte: »Nein, Herr Pfarrer, das habe ich jetzt nicht mehr nötig!« Welch eine furchtbare Lästerung! Gott war diesem Mann ganz nahegetreten, aber nun hatte eine starke Woge von Weltlust und Lebensfreude den ganzen Zusammenhang wieder zerrissen, in den er mit Gott gekommen war, und er hatte die vergehende Hand Gottes mit Verachtung wieder zurückgestoßen. Das ist Sünde gegen den Heiligen Geist.

Wenn etwa einer von uns bekümmert ist, weil ihm die Frage zu schaffen macht, ob er nicht die Sünde wider den Geist begangen haben könnte, dann hat er sie sicher nicht begangen. Er verlangt ja gerade nach der Gemeinschaft mit Gott. Er hat Gottes Hand noch nicht zurückgestoßen. Sein innerer Zusammenhang mit Gott ist noch nicht zerrissen. Aber sobald es dem Feind unserer Seele gelungen ist, den Gebetszusammenhang zwischen Gott und uns zu zerreißen, stehen gerade wir, die Gottes Gnade schon erfahren haben, in der allergrößten Gefahr, unter satanische Einflüsse zu geraten. Sobald das aber geschieht, nähern wir uns einem Punkt, von dem an keine Rettung mehr möglich ist.

Ich stand einmal vor Jahren oberhalb des Niagarafalls. Dort sind die stärksten Stromschnellen der Welt, in deren tiefste Tiefe noch kein Taucher eindringen konnte. Dort ist eine Stelle, wo auf einer Tafel steht: »Von hier ab keine Rettung mehr!« Bis zu dieser Stelle kann vielleicht ein sehr starker Schwimmer noch einige Meter stromaufwärts kommen, wenn er alle seine Kräfte zusammennimmt. Ein Motorboot mit einem sehr starken Motor kann noch ganz langsam stromaufwärts fahren. Aber von da an ist keine Rettung mehr. Die Strömung ist zu stark, sie reißt alles, was sich ihr entgegenstellt, hinunter bis zu der Stelle, wo es durch die stürzenden Wellen in die Tiefe gerissen wird, in der es zerschellt. Das ist ein Bild für die gefährliche Lage, in die wir Menschen kommen, wenn das innere Band zerrissen ist, das uns mit Gott verbindet, der sich um uns angenommen hat. Eine Zeitlang können wir uns innerlich noch aufrechterhalten, wenn wir alle Willenskräfte anstrengen. Aber wir sind in eine gefährliche Strömung hineingeraten und kommen dem Punkt immer näher, von dem an keine Rettung mehr möglich ist. Das ist die Grenze des göttlichen Erbarmens, die innere Haltung, in der keine Vergebung mehr möglich ist.

Wir haben gesehen, wie grenzenlos Gottes Barmherzigkeit mit uns ist, aber es ist uns auch deutlich geworden, was für eine ernste Sache es ist, wenn der heilige Gott sich um uns angenommen hat und wenn wir uns dennoch bewußt gegen ihn auflehnen. Durch die heutige Zeit gehen starke Strömungen, die uns von Gott losreißen wollen. Die Hetze und Überlastung unseres Alltags läßt Tausende nicht mehr zur inneren Stille kommen, und die Gottlosigkeit hat in weiten Kreisen überhand genommen, so daß sich niemand ihrem unheimlichen Einfluß ganz entziehen kann. Aber wir dürfen auch im Blick auf die heutige Lage unseres ganzen Volkes immer wieder die Bitte an Gott richten:

Ach, bleib mit deiner Gnade
bei uns, Herr Jesu Christ,
daß uns hinfort nicht schade
des bösen Feindes List!

Entnommen dem Buch von Prof. Dr. Karl Heim: DER GEÖFFNETE VORHANG
Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, den 30. 10. 2008

Karl Heim, geboren am 20. Januar 1874, stammte aus dem württembergischen Pietismus. Wie viele der berühmten »Schwabenväter« war er ein tiefsinniger und eigenständiger Denker. Die eigentliche Quelle seines Lebens und Wirkens lag in seiner persönlichen Begegnung mit Christus, die er als junger Mensch hatte. Durch das Zeugnis des gesegneten Erweckungspredigers Elias Schrenk erlebte er seine Bekehrung. Persönlich blieb Karl Heim immer der schlichte Jünger Jesu, auch als er auf dem Höhepunkt seiner theologischen Wirksamkeit stand.
Die wichtigsten Stationen in seinem Leben: 1899 1905 Reisesekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung; ab 1905 Wirksamkeit an der Universität in Halle; ab 1914 Theologieprofessor in Münster; 1920 1939 Theologieprofessor in Tübingen.
Am 30. August 1958 starb Karl Heim im Alter von 84 Jahren. Weil er die Vergänglichkeit der Welt und das Geknechtetsein der Menschen unter Satan, Sünde und Tod so tief erkannt hatte, richtete sich sein Blick um so mehr auf den wiederkommenden Herrn und das Werk der Weltvollendung. Obwohl in der bestimmten Situation seiner Zeit gesagt, bleiben die hier vorgelegten endgeschichtlichen Auslegungen auch für uns heute brennend aktuell.

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