Saat der Gewalt

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Warum töten Jugendliche Ausländer oder mißhandeln Behinderte?

Was treibt sie dazu, neonazistische Parolen wiederzukäuen und die Eltern, Lehrer und das Leben selbst zu hassen?  

  

Saat der Gewalt – Jugendgewalt und Wertewandel

 

Von Dr. Helmut Böttiger

  

Vorwort

Jugendgewalt ist eine schreckliche neue Erscheinung in unserer Gesellschaft. Nun nehmen Verantwortliche gerade dieses Thema als Vorwand, um noch zer­setzendere Erziehungsprogramme vorzubereiten und einzuführen. Das offen­sichtliche Scheitern der Bildungsreform der sechziger Jahre hindert sie daran nicht. Um dem entgegenzuwirken und Eltern aufzuklären, was mit ihren Kindern geschah und geschieht, haben ich den Text „Saat der Gewalt“ geschrieben. Prüfen Sie ihn!

Am 29. Mai 1993 zündeten vier Jugendliche in Solingen nachts ein Haus an, in dem zwanzig Menschen schliefen. In den Flammen starben zwei Frauen und drei Kinder. Die Täter hatten keinen erkennbaren Beweggrund für ihre Tat. Die Hausbewohner hatten ihnen nichts getan. Fünf Menschen starben, weil in den Jugendlichen eine blin­de Aggressivität wütete. Solingen ist kein Einzelfall.

„Killende Kinder gehören zum Alltag“, schreibt der Wiesbadener Kurier am 21. September 1993. „Im vergangenen Jahr wurden 21 Lehrer ermor­det… 70 mal töteten Kinder andere Kinder… In 30 Fällen töteten Kinder Elternteile… und in mehr als hundert Fällen mordeten Kinder bei Ein­brüchen und Raubüberfällen.“ Diese Zahlen beziehen sich auf die USA.

Bei uns mag es bisher noch nicht so weit gekommen sein. Aber laut Poli­zeistatistik werden in Sachsen 38 % aller Gewaltstraftaten von Jugendli­chen unter 21 Jahren verübt (Sächsische Zeitung vom 7. August 1993), in Baden‑Württemberg sind es „nur“ 28 %. Der Präsident der Landespoli­zeidirektion Dresden Paul Scholz bemerkt: „Dort, wo früher noch die Faust erhoben wurde, wird heute mit dem Messer oder mit dem Baseballschlä­ger gedroht. Täter und Opfer werden immer jünger.“ Helmut Spang, Inspektor der sächsischen Polizei erschrickt, daß „keinerlei Hemmungs­mechanismen bei der Gewaltausübung wirken“.

Die Kindergewalttätigkeit zeigt sich auch in Deutschland, man spricht ungern darüber. „Wir wollen uns nicht eingestehen, daß wir bei der Erzie­hung eines nicht kleinen Teils der jungen Generation versagt haben. Des­halb pflegen wir auch das Ideal der unschuldigen Kinder“, sagt ein betroffener Polizist bitter, aber nicht ohne Grund.  

Der Aspekt „Rechtsradikalismus“

 Warum töten Kinder und Jugendliche, wie kommen sie dazu? Als Gründe werden spontan Gewaltdarstellungen im Fernsehen, auf Videos und in Computerspielen genannt. Die sogenannte Jugendkultur, die „Rock“‑Musik ‑ und zwar der „linke“ wie der „Neonazi“‑Rock ‑ feiert die Bruta­lität. Die Polizei äußert sich hierzu nicht, erschrickt aber über die Eises­kälte, mit der Kinder Gewalttaten verüben.

Die Medien siedeln jugendliche Gewalttäter meist unbesehen unter der Kategorie „rechtsradikal“ an. Zweifellos existiert dieser Rechtsradikalis­mus, wir haben uns damit an anderer Stelle unter politisch‑strategischen Gesichtspunkten auseinandergesetzt. Aber es wäre falsch, das Problem der Jugendgewalt mit Rechtsradikalismus und Neona­zitum gleichzusetzen. Die Frage ist doch: Woher kommt die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen, was macht sie für die zum Teil aus dem Ausland eingeschwemmte Neonazipropaganda anfällig? Und schließlich: Was ist mit den Gewalttaten, die unter linker „Antifa“‑Flagge begangen werden?

Die meisten von Jugendlichen verübten Gewalttaten haben jedoch gar keinen politischen Hintergrund. Auch die Tatverdächtigen von Solingen gehörten nach Polizeiberichten keiner organisierten Bewegung an und folgten am Tatabend einer Laune.

Die mutmaßlichen Täter von Solingen sind vier mehr oder weniger nor­male Jugendliche. Einer davon kommt aus gutem Haus, sein Vater ist Arzt. Beide Eltern traten engagiert für Frieden und Umweltschutz ein. Der 16jährige selbst spielt leidenschaftlich am Computer. Ein anderer pflegt seine Gewalttätigkeit durch Mitarbeit in einer sogenannten „Death‑Metal-Band“. Der Dritte kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen und hatte zuvor schon Kinder und Tiere gequält. Der letzte entstammt einer Hand­werkerfamilie, und sein Vater war sich ganz sicher: „Der tut so etwas nicht!“

Über die Morde von Solingen ist viel geschrieben worden. Auch über den 13jährigen Marco, der in Leipzig den zehnjährigen Denny Dahl und den achtjährigen Manuel Kunze erschlagen hat. Ähnliches geschieht auch anderswo. Aber es genügt, sich in Schulhäusern und auf Schulhöfen umzusehen und auf abgebrochene Autoantennen zu achten. Die Hemm­schwelle vor Gewaltanwendung schwindet seit 1968 dahin.

Laut Polizeistatistik waren es zu 80 % Jugendliche unter 21 Jahren, die in Sachsen 1991 und 1992 Straftaten gegen Ausländer verübten. Davon ließen aber nur 29 % eine rechtsgerichtete Einstellung erkennen. Was aber ist eine „rechtsgerichtete Einstellung“, wie erkennt man sie? Die Polizei erkennt sie an alten Nazizeichen, -symbolen und ‑phrasen oder daran, daß im Gegröle häufig die Worte „deutsch“ und „Deutschland“ zu hören sind.

Wer die „politisch rechte Anschauung“ gewalttätiger Jugendlicher näher untersucht, stößt auf ein paar ebenso oberflächliche wie provokante Phra­sen. Die Jugendlichen haben keine Ahnung, sie wollen provozieren. Jugendliche einer jeden Generation versuchen, ihre Grenzen zu finden, testen aus, wie weit sie gehen können. Sie wollen ausloten, auf welche Art von Grundlagen die vorbildlich Erfolgreichen ihr Leben gründen. Dazu rütteln sie gerne an allem, was als heilig, als Wert oder als Tabu gilt.

Woran sollen Jugendliche heute rütteln? Die neulinke Revolte der 60er Jahre und ihre soziologische Führung hat schon alle Werte und Tabus nie­dergerissen. Alles, was Größe beanspruchen konnte, ist in den Dreck gezogen. Womit können Jugendliche noch provozieren und die Erwachsenen, die ihnen Vorhaltungen machen, testen? Ein Tabu ist übrig geblieben. Auf eines reagieren alle gereizt, unsicher und verlegen: Deutschlands natio­nale Vergangenheit. Nur damit und mit ihren Zeichen, Symbolen und Phrasen läßt sich heute provozieren.

Zeichen und Sprüche können in den Gehirnen derer, die damit provozie­ren, ihr Eigenleben entfalten. Das liegt schon an der existentiellen Fra­gestellung, welche das Provozieren auslöst. Kommt das unvorhersehbar? Der Nationalsozialismus war selbst eine Reaktion auf den Antinationalis­mus und die Selbsterniedrigung, worin sich „demokratische“ Kräfte schon nach 1918 überboten. Konnte man erwarten, daß der noch radikalere Antinationalismus nach 1945 weniger radikale Folgen zeitigen würde?

Daß die jugendlichen Gewalttäter sich neuerdings Ausländer als Opfer suchen, hat erst in zweiter Linie mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Auslän­der scheinen schwächer zu sein und geringeren rechtlichen Schutz zu genießen. Dies erleichtert es den Tätern, ihren Haß an Ausländern abzu­lassen. Hier können sie den geringsten Widerstand erwarten und finden am ehesten eine pseudorationale Rechtfertigung für ihr irrationales Handeln.

Gäbe es keine Ausländer, würden Jugendliche ihre aufgestaute Wut wahrscheinlich an Rothaarigen, Krummnasigen, Schwachen, Alten oder Behinderten auslassen. Schon häufen sich Berichte über Mißhandlungen von Behinderten durch Jugendliche. Redensarten, mit denen schon die Nationalsozialisten Aggressionen in eine gewünschte Richtung lenkten, sind heute wieder verbreitet. Sprach man früher von „nutzlosen Essern“, heißt das heute „Überbevölkerung“. Gemeint sind immer „die anderen“, Leute, die eigentlich nicht vorhanden sein sollten. Solche Redensarten gehen auch Leuten über die Lippen, die sich als Linke oder Grüne viel auf ihre Fremdenfreundlichkeit einbilden. Und es sind die gleichen Grün‑Lin­ken, die Alten und Kranken raten, „in Würde sterben“ zu wollen. Früher nannten sie es Euthanasie; es diente dem gleichen Zweck.

 Suche nach den Ursachen

 Wie reagiert die Gesellschaft auf die verrohende Gefühlswelt einer wach­senden Zahl von Jugendlichen? Prof. Dieter Palitzsch gab 700 Kinderärz­ten auf der Jahrestagung ihres Verbandes (BKVD) in Bremen 1993 die Antwort, die sie seit langem kennen: „Bereits die Hälfte seiner Arbeitszeit muß sich der Kinderarzt heute mit Diagnose und Therapie von Entwick­lungs‑ und Verhaltensstörungen auseinandersetzen.“

Zuerst traf es die Lehrer. Als schwächste Gruppe zwischen Eltern und Regierung gaben ihnen beide Seiten die Schuld. Der „Runde Tisch gegen die Gewalt“, den das sächsische Innenministerium einrichtete, fand in sei­nem ersten Papier rasch heraus: „Vielfach sehen sich Lehrer angesichts der zunehmenden Gewalt in den Klassen und des Scheiterns bisher bewährter Erziehungsmethoden den veränderten Bedingungen hilflos ausgesetzt.“ Und schnell weiß der Sprecher dieses Gremiums Erich Iltgen: „Für die Lehrer muß ein Erziehungsauftrag neu definiert werden.“

Iltgen übersieht aus sächsischer Sicht, daß es im Westen ‑ ohne Umbruch ‑ diese Probleme schon lange gibt. Hier verzweifeln immer mehr Lehrer an ihrem Beruf und setzen alles daran, um der Hölle, Unter­richt geben zu müssen, zu entfliehen. Daher findet man auch so viele ehe­malige Lehrer in Parteiämtern, bei Verbänden und in anderen Einrichtun­gen. Selbst Kindergärtnerinnen geben zunehmend im Tausch für eine Putzstelle erlöst die gewalttätige Umgebung des Kindergartens auf (vgl. Focus, Nr. 34, 1993).

Natürlich macht auch Eltern die Gewalttätigkeit ihrer Kinder zu schaf­fen. Wo das Wegsehen, Beschenken und Fernsehenlassen nicht mehr hilft, wenden Eltern sich an die „Beratung“. Andere schlagen hilflos und ohnmächtig auf ihre Kinder ein, bis die „Beratung“ sich an sie wendet. Oder sie leugnen das Problem verbissen und verteidigen ihre Kinder selbst dort, wo sie Autos knacken und Menschen verletzen. Viele flüchten zum Arzt.Eine Studie der Betriebskrankenkassen in Nordrhein‑Westfalen fand heraus: Jedes siebte Psychopharmaka bekommt heute ein Kind. Die Jugendforscherin Elisabeth Nordlohe weiß: Jedes dritte Schulkind nimmt regelmäßig Medikamente zu sich. Als wichtigste Gründe, warum Ärzte Be­ruhigungspillen verschreiben sollen, nennt sie: Überaktivität, Verhaltens­störungen und Konzentrationsschwäche (Die Woche, August 1993). Selbst wenn diese unglaublich hohen Zahlen übertrieben sein sollten, die Pille als letzte Erziehungshilfe findet Verbreitung.

Wie die Gewalttätigkeit unter Jugendlichen zunimmt, so läßt ihre Lei­stungsbereitschaft nach. Seit Jahren klagen Industrie‑, Handels‑ und Handwerkskammern, Universitäten und Lehrbetriebe über das schlechte Leistungsniveau der Jugendlichen. Inzwischen scheint man sich damit abgefunden zu haben. Die Leistungsfähigkeit sinkt weiter und weiter.In den USA gab Anfang September 1993 das US‑Erzie­hungsministerium in einer Studie an, daß die Hälfte der Erwachsenen funktionelle Analphabeten sind, das heißt, sie können ein­fachste Gebrauchsanweisungen und Hinweise nicht lesen und verstehen. Eine Woche später folgte eine Studie über die Schreib‑ und Lesefähigkeit der Schulkinder. Die Tests ergaben, daß nur 25 % der Viertklässler den Lehrstoff ihrer Stufe lesen und schreiben können. „41 % verstehen nicht einmal vage die Aussage eines Textes“, heißt es dort. Bei den Ächtklässlern können nur 28 % und im 12. Schuljahr nur 37 % lesen und schreiben. Soviel über das strahlende amerikanische Vorbild der Erziehungsreform in Deutschland.

„Fast 4 Millionen der knapp 81 Millionen Deutschen haben in der Schule Lesen und Schreiben nur so unzureichend gelernt, daß sie es in der Praxis nicht mehr anwenden können“, heißt es in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung am 7. September 1993. Dieser Bevölkerungsanteil nimmt nicht etwa ab, er wächst. Die Schulreformen der 60er Jahre haben von dem erfolgreichen Humboldtschen Erziehungssystem noch den Rest beseitigt, den Nazis und Entnazifizierung übrig gelassen hatten. Seitdem doktern die Experten mit wachsendem Misserfolg an der Schule herum und sträuben sich gegen die Einsicht, daß etwas an ihrem Reformansatz nicht stimmt. 

Schuldzuweisungen

 Wer sät die Saat der Gewalt? Sind es die Schulen, die Familien? Sind es die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse? Ist es die angebliche Zerstörung der Umwelt? Keiner ist verlegen, die Schuldzuweisung, wenn sie ihn trifft, weiterzugeben. In Wirklichkeit kann fast jeder für die Gewalt­tätigkeit unter Jugendlichen verantwortlich gemacht werden, und keiner ist allein schuld daran. Auch dem erwähnten Runden Tisch in Sachsen ist „unübersichtlich, wer die Verantwortung für die Jugend zu übernehmen hat“. Man sollte sich schon deshalb vor raschen Antworten hüten, weil sie in der Regel keine Folgen haben.

Den Eltern lassen sich am leichtesten Vorwürfe machen. So meint der Bielefelder Prof. Klaus Hurrelmann, in der Familie werde zu viel Gewalt ausgeübt, denn die Hälfte der befragten Eltern bekenne sich noch immer zur körperlichen Züchtigung. Daß in früheren Zeiten ohne größere Schäden mehr körperlich gezüchtigt wurde als heute, läßt er nicht gelten. Damals hätten unvergleichbar andere Bedingungen geherrscht. Natürlich kann konsequente Erziehung ohne Gewaltanwendung auskom­men, das ist nicht die Frage. Die ideologisierte Auseinandersetzung lenkt von der Tatsache ab, daß die moderne Erziehungsreform alles unternahm, um den Einfluß der Eltern auf ihre Kinder zurückzudämmen. Denn die Fortschrittlichen hielten Eltern für rückschrittlich und die Familie für „sexuell repressiv“.
Niemand wird leugnen, daß die Zerrüttung der Familien die Gewaltbereitschaft in der Jugend fördert. Aber wieder sollte man nicht übersehen, daß schon der Erste und Zweite Weltkrieg viele Familien zerrüttet hat, ohne die geistig‑seelische Verheerung zu hinterlassen, welche wir heute erleben.

Als zweiten Grund für die Gewaltbereitschaft nennt Prof. Hurrelmann die „Wettbewerbsgesellschaft“. Tatsächlich feiert die Freie Marktwirt­schaft es als Zeichen gesellschaftlicher Tüchtigkeit, egoistische Ziele mög­lichst skrupellos verfolgen zu können. Das zeigt sich eindrucksvoll überall im privaten und öffentlichen Leben und trägt zur Verrohung der Sitten und Empfindungen bei. Aber es gab auch andere marktwirtschaftlich orientierte Zeiten, in denen es dem Egoismus nicht möglich war, das Familienleben und die menschlichen Beziehungen zu prägen.

Kritiker der Ellenbogengesellschaft sollten nicht übersehen, daß die F-Skala der vorwurfsvollen Frankfurter Schule jeden, der für Ideale eintritt und dabei die eigene Bedürfnisbefriedigung hintan stellt, einen Krypto­-oder Protofaschisten nennt. Die „Emanzipatorischen“ wollten für ihre Revolution nicht nur die bürgerliche Familie zerschlagen, sondern auch die egoistischen Triebe freisetzen. Aber selbst das erklärt noch nicht ausreichend die Gewalttätigkeit in der Jugend.

Die Rockmusik der modernen Jugendsubkultur feiert, gleichgültig ob die Texte sie als Neonazi‑Rock oder als normalen Hard‑ und Metal‑Rock aus­weisen, die nackte Aggressivität und Brutalität. Hatte nicht auch die progressive Linke gefordert: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“? Damals haben Psycho‑Soziologen die Jugendkultur als Ventil verteidigt, das den Triebüberdruck abläßt. Offenbar wird hier der Druck nicht abgelassen, sondern angestachelt und ‑ im Sinne Nietzsches ‑ sogar noch genußfähig gemacht.

Manche Theoretiker halten die Jugendaggressivität für eine Folge ihrer repressiv unterdrückten Sexualität („Make love not war“). Inzwischen wurden alle Spuren „sexueller Repression“ (früher hieß das Enthaltsam­keit) gründlich getilgt. Mehr oder weniger Pornographisches ziert selbst Familienmagazine. Wahres menschliches Glück scheint sich nach der von den Medien verbreiteten Auffassung im Orgasmus zu erschöpfen. Viel­leicht wird deshalb soviel Geschrei gegen das Zölibat der katholischen Kir­che erhoben, weil es den Alleinvertretungsanspruch der Sexualität auf menschliches Glück anzweifelt.

Jugendliche haben natürlicherweise eine starke Antriebsenergie. Das ist nötig, weil sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen und bis zur Gründung einer eigenen Familie große Widerstände überwinden müssen. Statt diese Energie in sinnvolle Bahnen zu lenken und die Jugendlichen zu größeren Leistungen beim Lernen und Arbeiten, in Sport und Spiel herauszufor­dern, engt die von den Medien verhängte Jugendkultur diese Triebspannungen aufs Sexuelle ein. So eingeschränkt kann sie sich im Jugendlichen eigentlich nur verrohend und zerstörerisch äußern. Daran ist auch die Sexualaufklärung in der Schule nicht unbeteiligt.

Auf der anderen Seite schrumpft das körperliche Betätigungsfeld der Jugend ständig. Nach Auskunft der Ärzte leidet in Deutschland jedes zehn­te Kind aus Bewegungsmangel und übermäßigem Fernsehen an Fettlei­bigkeit. Statistiker haben errechnet, daß der Durchschnittsschüler im zehnten Schuljahr bereits mehr Stunden vor der Bildröhre als auf der Schulbank verbracht hat. Computerspiele überbieten das Fernsehen noch. Stundenlang vernichten Kinder dabei im Gameboy und ähnlichen Geräten pro Zeit eine möglichst große Anzahl „Feinde“. Der Markt für derartiges Spielzeug ist ungeheuer.Weniger offensichtlich, dafür aber noch viel nachhaltiger, fördert die all­seitige Klage über die Zerstörung der Umwelt und der Zukunft die Gewalt­bereitschaft unter Jugendlichen. Der Gießener Psychoanalytiker Horst E. Richter, der selbst viel zur Verbreitung der Katastrophenhysterie beitrug, beobachtet: „Auch bei oberflächlich normalen und lustigen Kindern wirkt die Angst in einer sehr tiefen Schicht.“ Er erlebte, „daß Kinder während der Therapie irgendwann herausschreien: Was soll ich denn überhaupt. Das dauert doch sowieso nicht mehr lange!“. Weltuntergangsstimmung raubt den Kindern das Wertvollste, ihre Lebenshoffnung.

Da die Umwelthysterie zugleich technik‑ und wissenschaftsfeindlich auf­tritt, eröffnet sie den Kindern keine Chance, angebliche Umweltprobleme aktiv und schöpferisch anzugehen. Alles, was in diese Richtung deutet, ist ja technisch und wird verteufelt. Große Erfinder und Forscher waren Generationen von Kindern ein Vorbild, das ihr späteres Leben und Arbei­ten geprägt hat. Sie alle wurden in den Schmutz gezogen. Ihre „Fortschrittsgläubigkeit“ wird lächerlich gemacht, ihre Leistungen als naive oder sogar bösartige Fehlentwicklung geschmäht. Woran soll ein Heran­wachsender sich orientieren, wenn nicht an der Möglichkeit des Fort­schreitens, des sich Entwickelns? Soll der Erwerb von Qualifikationen, die sich auf dem Arbeitsmarkt gut vermarkten lassen, dafür ein Ersatz sein?

Mit der Umwelthysterie hämmern die Medien folgende Botschaft in die Empfindungen der Menschen ein: Menschen nehmen einander die Luft zum Atmen, machen sich den knappen Platz streitig, belästigen einander mit ihren Abfällen und essen einander die knapper werdenden Nahrungs­mittel weg. Welche „moralischen“ Konsequenzen kann ein Kind aus sol­chen Lehren ziehen? Es bleibt ihm nur ein Schluß: Man muß sich selbst oder den anderen aus der Welt schaffen. Die zweite Schlußfolgerung wird in den meisten Computerspielen in allen denkbaren Formen durchge­spielt. Wenn man heute kaum mehr über Moral sprechen will, heißt das nicht, daß keine Moral verbreitet wird. Sie ist nur so, daß man am besten nicht darüber spricht.

Aus ideologischen Gründen geschürte Umweltängste haben auf Kinder noch eine andere Wirkung. Die Frankfurter Kindertherapeutin Angelika Wolff hatte beruhigend festgestellt: „Tatsächlich verfügen Kinder norma­lerweise über enorme Lebenskraft, sie können sich offenbar sehr flexibel an noch so schlechte Umweltbedingungen anpassen, solange ein gewisses Maß an elterlicher Liebe und erwachsener Fürsorge gewährleistet ist.“ Diese Liebe wird durch die irrationale Umwelthysterie auf zweifache Wei­se gefährdet. Einmal legt man den Kindern den Vorwurf an die Eltern in den Mund, nicht genug für die Umwelt, d.h. die Zukunft der Kinder getan zu haben. Ein andermal wird den Eltern als unverantwortlicher Leichtsinn vorgeworfen, unter gegebenen Bedingungen überhaupt Kinder zu haben.Nach Auskunft des Allensbacher Demoskopie‑Instituts glaubt bereits jeder dritte Bundesbürger, es sei nicht mehr zu verantworten, noch Kinder in die Welt zu setzen. 62 % beurteilen die Zukunft der Kinder mit Stichworten wie „sehe schwarz“, „nicht rosig“, „dreckig“, „böse“ usw. Bei der scheinbaren Ausweglosigkeit sollen Kinder Erwachsenen und ihren Eltern gegenüber nicht Haß und Verachtung empfinden? Und das sollten Umweltschützer nicht wissen?„6000 Kindergärten seien im Bundesgebiet bereits mit dem Thema Umweltschutz konfrontiert und stark motiviert worden, um eine künftig müll‑ und autofreie Gesellschaft anzustreben“, brüstet sich Erhard Schulz, Geschäftsführer des BUND Ende September 1993 auf einer Tagung der Organisation in Bad Herrenalb: „Über die Kinder erreichen wir die Eltern…“. Greenpeace widmet dem Thema eine Ausgabe seiner Zeitung. „Kinder“ sind der wirksamste Hebel, mit dem Umweltschützer auf die Geldbeutel ihrer Kunden drücken. 

 Kam das so ungewollt?

 Was die Gewalttätigkeit der Kindern fördert, stürmt nicht zufällig und ungewollt auf sie ein. Es ist wie mit dem entsetzlichen Horrorspielzeug: Obwohl es Kinder nur terrorisieren kann, haben Erwachsene es ausge­dacht, hergestellt und an Kinder vertrieben oder verschenkt. Erwachsene entwickeln und strahlen die Programme aus, deren Wirkung bekannt sind; sie entwickeln und verbreiten Computerspiele und neue Medien, sie för­dern Rockkonzerte, manchmal sogar über öffentliche Hände aus Steuer­geldern. Auch bei der Umwelthysterie ist das meiste sachlich falsch und dient ganz anderen, auch wirtschaftlichen Interessen.Seit 40 Jahren haben Wissenschaftler gegen die schädliche Wirkung der Gewaltdarstellungen in den Medien angeschrieben. Ihre Untersuchungen füllen Bibliotheken. Trotzdem nimmt die Gewalt in den Programmen nach Zahl und dargestellter Brutalität zu. Auch über die Wirkungen der mehr oder weniger pornographisch zur Schau gestellten, nackten Sexualität besteht kein Zweifel. Ihre angeblich emanzipatorische Funktion ist wissenschaftlich längst widerlegt, das Gegenteil ist wahr. Aber ‑ heißt es ‑ die Werte haben sich gewandelt, und dem müsse man sich fügen.Die Verantwortlichen überlassen es den Eltern, ihre Kinder vor solchen Dingen zu schützen. Sie wissen, wie schwierig und vergeblich das mei­stens ist. Andererseits rufen Umweltschützer und Neoliberale zur Abwehr „rechtsgerichteter“ Umtriebe unverhohlen nach der hart zupackenden Staatsgewalt.„Rechts“ ‑ das sind die Kritiker des allgemeinen Wertewandels, dem inzwischen alle Parteien als einer vom Schicksal vorgegebenen Selbstver­ständlichkeit huldigen. Und tatsächlich liefert der Wertewandel den Schlüssel zum Gewaltproblem. Die meisten Dinge, welche die Gewalttätig­keit der Jugend fördern, dienten ursprünglich dazu, den Wertewandel in der Gesellschaft durchzusetzen. 

 Der sogenannte Wertewandel

 Am Wertewandel wird seit rund hundert Jahren gearbeitet. Die Absicht des Wertewan­dels wollen wir anhand einer seiner vielen Programmschriften verdeutlichen, nämlich: David Riesman, Die einsame Masse. Das Buch war 1950 in den USA erschienen und rasch über die ganze Welt verbreitet worden. Wie die meisten dieser Programme war es nicht als politische Absichtserklä­rung, sondern als kritische Beschreibung eines allgemeinen, zwangsläufi­gen Trends verfaßt worden. Das dient dem Zweck, die Verantwortlichkei­ten zu verwischen. Verfasser war der damalige Sekretär des Obersten Bundesrichters der USA und stellvertretender Generalstaatsanwalt von New York.

Die Menschen, heißt es da, ließen sich früher leicht durch feste traditio­nelle Ordnungen und Regeln regieren. Die bürgerliche Gesellschaft löste die Traditionen auf und verwies den Menschen zur Orientierung an sein Gewissen. Der Einzelne mußte sich sein Gewissen als eine innere Beurtei­lungsinstanz aus seinen Lebenserfahrungen, seiner wachsenden Einsicht in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit und seinem Verständnis der Kraft, welche die Evolution der Natur vorantreibt, mühsam aufbauen. Damit wandelte er sich vom traditionsgelenkten zum „innengeleiteten“ Menschen. Innengeleitete waren in der Frühphase der bürgerlichen Gesellschaft gute Demokraten. Für die moderne „Massengesellschaft“ unserer Tage taugen sie nicht mehr. Sie sind ‑ meint Riesman ‑ zu „unflexibel“, werden zu sehr von Skrupeln behindert und können sich nur schwer und langsam auf neue Anforderungen umstellen.

Was liegt nun näher, als den „innengeleiteten“ durch einen „außengeleite­ten“ Menschen zu ersetzen? Dieser benötigt kein eigenes Wertesystem, weil er „spontan“ auf Reize und Ansprüche, die von außen auf ihn eindringen, reagiert. Er orientiert sich an den Möglichkeiten, die sich ihm bie­ten, und wählt nach Lust, Laune und Befürchtungen zwischen ihnen aus. Lenken lassen sich solche Menschen, wenn es gelingt, ihre Lust‑ und Be­fürchtungsgefühle an bestimmte Verhaltensweisen zu binden. Dazu unter­suchen Wissenschaftler die Triebstruktur der verschiedenen Menschenty­pen und die Möglichkeiten, ihre Gefühle zu beeinflussen.Wissenschaftler lernen, mit bestimmten Signalen und Impulsen bestimmte Lust‑ und Befürchtungsreaktionen auszulösen. Die Meinungs­macher formen die bekannten Impulse und Signale dann zu Eindrücken, Bildern und Meinungen aus und spielen sie über die Medien den verschie­denen Personengruppen vor. Die Bilder und Meinungen lösen die gewünschten Einstellungen und Verhalten aus. Auf diese Weise lassen sich Menschen führen, wohin sie nicht wollen.Eine an Erfahrungen gereifte Bildung, die das Gewissen schärft, Wert­maßstäbe setzt und Selbstreflexion ermöglicht, stört die Außenleitung. Je skrupel‑ und bedenkenloser Menschen ihren blinden Trieben folgen, desto reibungsloser funktioniert die Außenleitung. Die Mode veranschaulicht es: Die jeweils neue Mode wird von einer kleinen Gruppe von Spezialisten „gemacht“. Die Medien signalisieren die ausgegebenen Richtlinien in die Gesellschaft. Der Einzelne folgt den Signalen. Wenn er sich nun nach der neuen Mode kleidet, ist er felsenfest davon überzeugt, frei seiner Lust und Laune, seinem ureigenen Geschmack, und nicht einem äußeren Zwang gefolgt zu sein.

Riesman weiß, daß der „außengeleitete“ Mensch nur in einer entspre­chenden kulturellen Umgebung gedeiht. Die klassische bürgerliche Kultur taugt dazu nicht. Sie stellt ideale Personen vor, Menschen, die ihrem Gewissen folgen und noch in schwierigen Situationen, wenn sie tragisch scheitern, sich selbst treu bleiben. Sie feiert eine menschliche Kreativität, die frei und selbstbewußt, aber in Übereinstimmung mit den harmoni­schen Entwicklungsbedingungen der evolutionären Natur schaffen will. Ihre Kunstwerke entzünden im Betrachter den begeisternden Wunsch, an der Vervollkommnung der Gesellschaft ebenso wie an der eigenen zu arbeiten. Das ist altmodisch and out of date.

Die Moderne lehnt diese Kultur als „affirmativ“ ab. Sie verlangt eine „wirklichkeitsnahe“ Kunst. Diese feiert möglichst schockierend die trieb­haften Niederungen, die „Schattenseiten“ des Lebens. Als frei und kreativ gilt ihr nur, wer seinen Trieben ungehemmt freien Lauf lassen kann. Der Aufstand gegen bisher gültige Werte und die Mißachtung bisher eingehal­tener Tabus sind ihr Gegenstand, das „Unerhörte“ auf die Bühne oder ins Bild zu rücken, ihr Zweck. Walter Benjamin verlangte in den dreißiger Jahren „die Emanzipation von dem Druck der Moralität“. Herbert Marcu­se, CIA‑Mann und Vordenker der Neulinken, drückte den Zweck dieser modernen Kultur später etwas weniger verfänglich aus: „Die Befreiung des Denkens, Forschens, Lehrens und Lernens von dem bestehenden System der Werte und Verhaltensweisen“.

Ein Mittel, die Abneigung des Innengeleiteten gegen die Außenleitung zu brechen, war z.B. die „moderne Kunst“: Kunstbeamte loben sogenannte Kunstwerke in den höchsten Tönen mit einem hochtrabenden Interpretat­ionsgemurmel und verunsichern den unvoreingenommenen Betrachter. Wenn die Medien diese Kunstwerke als allgemein anerkannt darstellen, beginnt der Nichtfachmann zu schwanken. Er traut seinem Urteilsvermö­gen nicht mehr. Und schon bald lobt er im Chor mit den übrigen des Kai­sers neue Kleider, ganz nach David Riesmans Programm.

Dem gleichen Zweck dient die neue Sexualmoral. Sie zielt auf die bür­gerliche Familie als der wichtigsten Instanz für den nachwachsenden Menschen, sich ein Gewissen und ein inneres Wertesystem zu bilden. Vor allem die sogenannte Frankfurter Schule hat die neue Sexualmoral als Umerziehungsmittel einsatzfähig gemacht. Verbreitet wurde diese Moral von den stets kritischen Medien (vom Stern) genauso wie von den angeb­lich konservativen (Bildzeitung). An der Zahl der Ehescheidungen und Einpersonenhaushalte zeigt sich der Erfolg dieses Programms.Auch der übertriebene und meist verlogene „Antifaschismus“ hatte der Kulturrevolution zu dienen. Er sollte nicht die Prozesse aufklären, die es den Nationalsozialisten ermöglichten, ganze Bevölkerungsgruppen auszugrenzen und fabrikmäßig zu vernichten. Die kulturkämpferische Aufgabe des Antifaschismus war es z.B., die moderne Kunst als Ausdruck des moralischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu verherrli­chen, im Gegenzug die sogenannte „affirmative“ Kultur der Klassik für den Nationalsozialismus verantwortlich zu machen und zu verunglimpfen. Darüber hinaus kultivierte er Schuldgefühle und kehrte sie gegen den innengeleiteten Menschen. Allgemein gesprochen half der Antifaschismus alle moralischen Autoritäten zu demontieren, weil sie am Faschismus mehr oder weniger schuld gewesen seien.

Die Schulreform der 60er Jahre folgte den „emanzipatorischen“ Absich­ten der Frankfurter Schule. Sie gestaltete das öffentliche Bildungswesen so um, daß es dem Wertewandel dienen und den außengleiteten Menschen hervorbringen konnte. Während sich die Eltern an den formalen Äußer­lichkeiten der neuen Gesamtschule stießen, wurde kaum bemerkt die „Revision des Curriculums“ als eigentliche Bildungsreform durchgesetzt. Das Bildungs‑ und Kulturgut, an dem sich eine innengeleitete Persönlich­keit bilden konnte, entfernte man als überholtes „Luxuswissen“ aus den Lehrplänen. In ausgefeilte Motivierungsstrategien verpackte man eine Pawlow‑Skinnersche Konditionierungspädagogik. Sie schaltete alle Ansät­ze zur Persönlichkeitsbildung aus. Das neue Modewort war „Schulstress“. Er wuchs, je mehr man damit jede ernsthafte Herausforderung an das Kind abwies. Richtig übersetzt bedeutete dieser Stress nämlich „Lange­weile“.

Die Kinder sollten in der „demokratischen Leistungsschule“ nicht erzo­gen werden, es genügte, „ihr Verhalten zu ändern“. Die Lernzielkataloge der Schule umfassen das gesamte Programm der Außenleitung, nämlich sich rasch und möglichst reibungslos auf die wechselnden Anforderungen der modernen Massengesellschaft einzustellen und allem gegenüber „kri­tisch“ zu sein, was diese Anpassung behindern könnte. Auf neuhochdeutsch heißt das: „Outcome Based Education“.Inzwischen erleben Gesamtschullehrer, wie Dr. Hensel aus Kamen, den „Kulturbruch in der Schule“ mit Entsetzen. Die Mehrzahl der Kinder ver­halte sich, klagt er in einer Studie, als sei „ihr Zentralnervensystem an das Vorabendprogramm des Fernsehens angeschlossen“, es sei „ein Reflex auf schnelle Schnitte, Kliff‑Hänger und Zapping“. „Das Konstante ihrer Per­sönlichkeit ist die Flüchtigkeit, ihr Verhalten ist flüchtig wie 59 frames je Minute Fernsehfilm.“ Besonders fällt ihm die „Instrumentalisierung aller menschlichen Beziehungen, die Asozialität der Lebensstile und ‑werte und die Bevorzugung gewaltsamer Lösungen von Konflikten“ auf.

Das sind nur wenige Bereiche des sogenannten Wertewandels. Sie deu­ten an, warum der Wertewandel, wenn er auf das Innerste des heranwachsenden Menschen einwirkt, Gewaltbereitschaft auslöst. Zum Ver­ständnis benötigen wir weitere, grundsätzliche Überlegungen. 

Was läßt der Wertewandel dem einzelnen?

 Kulturen entwickeln sich um ein bestimmtes Selbstverständnis und Selbst­bewußtsein des Menschen. Dieses wandelt sich in der Geschichte aufgrund der wachsenden Erfahrungen der Menschen. Einzelne machen sich oft Illusionen über sich selbst. Das gilt ähnlich auch für Kulturen. Was einzel­ne im Grunde über sich selbst denken, erfährt man erst an ihrem Urteil über „die anderen“. Das Menschenbild, das eine Kultur prägt, äußert sich auch nicht in der Verkündigung ihrer Ideale, sondern in der Art der politi­schen Führung.

Den innengeleiteten Menschen leitete die Idee, daß der Mensch objekti­ve Zustände mit Absicht und Willen verändern kann. Er weiß, daß ihm dies nur gelingt, wenn er dabei den harmonischen Gesetzmäßigkeiten entspricht, die sich in den übrigen Formen der biologischen Evolution und der menschlichen Zivilisation ausdrücken. Dabei handelt es sich nicht um Vor­schriften, an die man sich halten muß. Erst am Ergebnis der schöpferi­schen Initiative zeigt sich, ob es ihr gelungen ist, in ein neues, harmonisch geordnetes Ganzes überzuleiten, oder ob sie nur das Durcheinander ver­mehrt hat.Erkennen, Wollen und Empfinden sind im Gewissen des selbstbewußten Individuums eine Einheit, sein Subjekt. Der Innengeleitete erfährt dort eine gewisse Übereinstimmung mit dem, das alle objektiven Veränderungen der Naturprozesse bewirkt. Christlich gesprochen war das die Gottebenbild­lichkeit des Menschen. Die Gegner in der Wertewandelbewegung verachten die christliche Religion als „cerebrotonisch“, d.h. gehirnlastig. Die wahre naturgemäße Religion erlebe der Mensch erst, wenn die naturgegebenen Triebe frei und ohne moralische Kontrolle seinen Denkapparat überfluten. Die damit verbundenen rauschhaften Zustände wollen sie als Übereinstim­mung mit den erdgebundenen oder kosmischen Kräften der Natur erleben.

Aus dem Menschenbild des innengeleiteten Menschen folgte die Freiheit und Würde, die jeden einzelnen grundsätzlich über das Tier hinaushebt. Der außengeleitete Mensch erlebt sich dagegen als „somatotonisch“, vom Körper her bestimmt, und daher als „Bruder“ Tier, diesem im wesentli­chen gleichgestellt. Die tierische Art zu empfinden macht das rauschhafte Wesen der neuen Religiosität aus.

Seine Würde verbot es dem Innengeleiteten, im Menschen das Mittel zu irgendwelchen Zwecken zu sehen. Der Außengeleitete sieht sich selbst und andere nur als Mittel zur Erzeugung „guter Gefühle“. Dem entspricht die sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise. Sie lehrt dem Menschen, sogar sich selbst als Gegenstand, quasi „objektiv“ zu betrachten. Die objektivistische Betrachtungsweise raubt ihm die „Seele“, seine Subjekti­vität. Unter Subjektivität verstand der Innengeleitete das „vernunftbezo­gene Ich will“, das alles Erkennen, Handeln und Empfinden hervorbringt und leitet. Die objektivistische Betrachtungsweise macht daraus die besondere Färbung der Triebäußerungen und Verhaltensweisen, kurz: den Gag, durch den man sich von anderen abhebt.

Auf die verschiedenen Theorien und philosophischen Verfahren, nach denen der einzelne auf ein Verhaltensbündel zurückbeschnitten wird, brauchen wir hier nicht einzugehen. Sie sollen nur die Einsicht verschlei­ern, daß sich hier eine Art wissenschaftliche Priesterschaft den restlos verfügbaren Menschen schaffen will. Die Gewalttätigkeit erwächst aus der immer verzweifelteren und unbewußten Abwehr dieser geistig‑seelischen Vergewaltigung. 

Die Saat der Gewalt geht auf

Der heutige Wertewandel berührt das Selbstverständnis und Selbstwert­gefühl jedes einzelnen, und hier findet man den Schlüssel zum Gewaltpro­blem: Die Verflachung des Menschenbildes raubt dem Menschen die See­le, wogegen sich der einzelne wehrt. Adalbert v. Chamisso beschreibt in seinem Märchen vom Peter Schlemihl dichterisch, wie unglücklich dieser Raub den Menschen macht. Dabei erkannte er noch nicht den Unter­schied, den es ausmacht, ob ein Gebildeter irgendwann seine Seele ver­kauft oder ob sie einem sich bildenden Kind verweigert wird.

Wenn Erwachsene ihre „Seele verkaufen“, dann tun sie es aus Gewohn­heit oder für eine Entschädigung. Sie bekommen dafür die „Freiheit“, sich am Genuß sonst verbotener oder nur mit Schuldgefühlen zugänglicher Vergnügungen zu berauschen. Da solche Vergnügungen selten auf Dauer befriedigen, wollen sie von selbst die rauschhaften Reize immer weiter steigern. Das macht sie immer oberflächlicher und selbst bei wachsender Gerissenheit dümmer.

Bei Heranwachsenden, denen man die Bildung und Entwicklung ihrer Seele verweigert, sieht die Sache anders aus. Sinnliche Pseudobefriedi­gungen sind für sie keine Entschädigung, sie erscheinen ihnen vielmehr als selbstverständlich. Dagegen suchen die Jugendlichen ‑ wenn auch unbewußt und in unklaren Begriffen ‑ eine Art Wesensbestimmung: Was heißt menschlich leben? Worum soll es im Leben gehen, was gibt Halt und Orientierung? Sie suchen ihre Identität, das heißt jene „Innenleitung“, die man in der heutigen Gesellschaft für zu „stressig“ hält und durch „Außen­leitung“ ersetzen will.

Die Suche nach der Identität äußert sich in Fragen an die Umgebung, vor allem an Menschen, die sich gesellschaftlich als erfolgreich erweisen. Die Heranwachsenden klopfen solche Leute ab, wollen sie ausloten. Sie suchen bei Eltern oder Lehrern, großen Brüdern oder „Gangleadern“ nach einer tragfähigen Existenzgrundlage für sich. Sie überprüfen die Qualität und Tragfähigkeit der Lebensgrundlagen ihrer angeblichen oder schein­baren Vorbilder. Sie wollen z.B. herausfinden, was hinter den Phrasen, Tricks, dem Gehabe und Getue der Leute, die etwas gelten, steckt. Mit Auf­müpfigkeit und scheinbarer Ungezogenheit haben die Jugendlichen zu allen Zeiten, in allen Kulturen immer wieder die existentielle Frage an ihre Leitbilder gerichtet: „Was seid ihr für Menschen und zu was für einem Menschen zieht ihr mich heran?“

Für die betroffenen Vorbilder können solche meist unbeholfenen Fragen unangenehm und bedrohlich werden, vor allem dann, wenn sie sich über die Grundlagen ihrer Lebensführung selbst nicht mehr im klaren sind. Wer den Jugendlichen die Antwort schuldig bleibt, verliert Achtung und Autorität. Finden die Kinder niemanden, der überzeugen kann, so werden sie hektischer, ärgerlicher und verzweifelter. Das färbt auf ihr Fragen ab, es wird immer rücksichts‑ und hoffnungsloser. Stoßen sie immer nur auf Hohlräume, Heuchelei, Potemkinsche Fassaden und Betrug, schlägt die Hoffnung auf eine tragfähige Antwort um in Verachtung, Wut und Haß. Das aber ist der Stoff ihrer Gewalttätigkeit.

Ausdruck der Verachtung ist die scheinbare Empfindungslosigkeit und Eiseskälte, die an den heutigen jugendlichen Gewalttätern so erschreckt. Die Verachtung trifft nicht nur die verantwortlichen Erwachsenen und ihre moralischen Vorstellungen, sondern mit gleicher Kälte sie selbst. Die­se Jugendlichen nehmen sich übel, solchen Leuten ihr Leben verdanken zu müssen. Sie hassen sich wegen ihrer schwachen und windbeuteligen Leit­bilder und Eltern. Am Ende steht der reine, kalte Haß auf das Leben selbst und auf alles, was Leben erhält und fördert.

Die perversen Texte der Death‑Metal‑Bands und anderer Hardrockgrup­pen bezeugen diesen Haß. Wir begegnen ihm auch in den Schreckensvisio­nen entsprechender Horror‑ und Splattervideos und anderem „Spielzeug“, mit dem hinterhältige Erwachsene skrupellos Geschäfte machen. Die Gewaltdarstellungen der „Kulturprodukte“ zeigen den Jugendlichen, wie sie ihre verachtende und haßvolle Gefühlswelt aktiv umsetzen können und leiten sie an, eiskalt, gefühllos und fast wissenschaftlich objektiv zu quälen und zu morden.Ihren religiösen Ausdruck sucht sich diese Gefühlswelt im kultischen Satanismus. Satanische Entschlossenheit bindet sich für einen Teil der betroffenen Jugendlichen auch an die Zeichen, Symbole und Phrasen, mit denen sie die Erwachsenen am nachdrücklichsten herausfordern und tref­fen können. So können sich tatsächlich Nazisymbole zu kultischen Formen des Satanismus verhärten, ohne daß dahinter ein bewußt‑politisches Naziprogramm stünde.

Das Fragen der Jugendlichen ist menschlich und findet sich ähnlich in allen Kulturen und Zeiten. Unterschiede ergeben sich durch die Antwor­ten, welche die Jugendlichen erhalten. Sie werden durch das Men­schenbild der Kultur geprägt. Der „außengeleitete“ Mensch ist eine unmenschliche, eine antimenschliche Lebenskonzeption, weil sie dem Menschen die Seele raubt.

Die Elite, die den „außengeleiteten Menschen“ verwirklichen will, kennt die unmenschlichen Auswirkungen auf die Jugendlichen. Sie glaubt, das in Kauf nehmen zu können, weil sie die Vitalität von rund 95 % der Menschen für so schwach hält, daß sie früher oder später „vernünftig“ werden, bei der Suche nach ihrer Identität resignieren, und die Orientierungsangebo­te, welche die Medien ihnen als „Außenleitung“ bieten, dankbar anneh­men.Nur ein kleiner Teil der Menschen soll so stark sein, daß er sich nicht brechen und gleichschalten läßt. Über sie schreibt Aldous Huxley, einer der Vordenker und Initiatoren des Wertewandels, in einem Brief an seinen Bruder, den späteren Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley am 4. März 1943: „Es gibt einen Prozentsatz von Menschen, die von ihrer Kon­stitution her aggressiv sind, die Abenteuer und Risiko um ihrer selbst wil­len lieben, die Lust nach Macht und Dominanz haben, die psychologisch abgehärtet sind und skrupellos töten, die gegen Schmerz unempfindlich sind und unermüdliche Energie haben.“ Diese Personen nannte er „somatotonisch“. Huxley glaubt, daß man ihre Mitarbeit dadurch gewinnt, daß man ihnen Macht über die „viel zu vielen“ läßt. An der Überbevölkerung können die Somatotoniker alle aufgestaute Verachtung und ihren Haß auf das Menschsein ausleben. Der Terror, den sie damit verbreiten, macht die Masse nur gefügiger und willfähriger. Er wirkt dann wie die Umwelthysterie, mit der man heute schon die Menschen terrorisiert. 

Zum Schluß

 Gewaltdarstellungen in Medien oder Neonazipropaganda lenken die Ge­waltbereitschaft der Jugend in gewünschte Richtungen, aber sie erzeugen sie nicht. Die eigentliche Ursache der Gewaltbereitschaft liegt im Werte­wandel unserer Gesellschaft. Will man die Gewaltbereitschaft mäßigen, muß man den Wertewandel überdenken und in wesentlichen Punkten rückgängig machen. Das heißt, wir müssen uns wieder in die Lage brin­gen, unseren Kindern in den Familien, Schulen und öffentlichen Einrich­tungen ehrliche und verläßliche Antworten auf ihre existentiellen Fragen geben zu können.

Solche Antworten geben Eltern und Erziehungsberechtigte nicht mit Worten, sondern vor allem durch die Glaubwürdigkeit ihrer Lebens­führung. Mit billiger Aufklärung ist es nicht getan. Die Bildung der eigenen Persönlichkeit ist ein Kampf, den jeder einzelne mit sich selbst führen muß. Erst, wenn wir uns um diese Auseinandersetzung mit uns selbst und unserem Leben nicht herumdrücken, können wir vor unseren Kindern bestehen. Wenn wir ihm aus dem Weg gehen, wird uns ein anderer unglücklicherer Kampf aufgezwungen. Wir werden ihn dann gegen unse­re Kinder führen müssen. Einzelne können sich um eine solche Auseinan­dersetzung herumdrücken, ebenso erfolgreich drücken sie sich damit um das eigene Leben herum. Eine Zivilisation kann das nicht.Wenn das klar ist, können wir über die Erneuerung der Schule nachden­ken und den Schülern helfen, sich aus dem Nachvollzug der geistigen und seelischen Anstrengungen, mit denen einzelne die menschliche Zivilisa­tion jeweils ein kleines Stück weitergebracht haben, ein eigenes Gewissen zu bilden. An einem solchen Bildungskonzept haben alle großen Pädago­gen der Vergangenheit gearbeitet. Wir müssen es für unsere Zeit neu ent­werfen.In der Zwischenzeit sollten Eltern ihren Kindern über die Schulter in die Schulhefte gucken und das, was sie dort vorfinden an ihrer Lebenserfah­rung prüfen. Sie sollten die Ergebnisse dieser Prüfung den Lehrern mit Nachdruck zur Kenntnis bringen. In den USA wollen die Eltern den Schu­len die Seelen ihrer Kinder nicht mehr kampflos überlassen. Die Kampa­gnen gegen neue Programme der OBE (outcome based education) nimmt immer heftigere Formen an. Wird man auch hier aufwachen? Man sollte die Medien und die sogenannte „Jugendkultur“ in diese Auseinanderset­zung miteinbeziehen. 

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