Rote Khmer-Gefängnis

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Er malte um sein Leben

 

Vann Nath überlebte das Rote‑Khmer‑Gefängnis Tuol‑Sleng. Er will

Gerechtigkeit, nicht Rache.

 

Von Cigdem Akyol

 

PHNOM PENH, im Juni. In ein Leben von 65 Jahren passen, im Fall von Vann Nath ein kurzer Schulbesuch, den er abbrechen musste, weil seine Eltern kein Geld hatten. In dieses Leben passt eine Zwischenstation in einem buddhistischen Kloster und die Ausbildung zum Maler, die Leidenschaft für den Impressionismus, "weil sich damit der Alltag so schön atmosphärisch darstellen lässt" und ein Hang zu Filmen Deswegen malte Vann Nath früher beson ders gerne Filmplakate.

Es passen in ein solches Leben eine Ehe, die Arbeit, die Freundschaften und fünf Kinder. Zwei seiner Söhne sind schon gestorben, fünf Jahre alt der eine, sechs Monate der andere, als ihr Vater verschleppt wurde. Vann Nath sah sie nach seiner Rückkehr nie wieder. Und obwohl seine Frau überlebte und sie noch drei Kinder bekamen: Für Vann Nath ist sein Leben, das aus 65 Jahren besteht, zerstört. Zerstört in einem Jahr.

Vann Nath sitzt in einem Hinterzimmer seines Restaurants in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh und erzählt von diesen 365 Tagen. Der Mann mit dem schlohweißem Haar trägt eine Schlafanzughose zum Hemd. Seine Beine wirken darin so dünn, als könne man mit zwei Händen einen Oberschenkel umfassen. An den Wänden hängen Schwarzweißfotos von seiner Ankunft im Foltergefängnis Tuol‑Sleng. Ein junger Mann, schwarzes Haar und Schnauzer, schaut entsetzt in die Kamera. Daneben das gleiche Foto, von der Seite aufgenommen. Die Bilder entstanden am 7. Januar 1978. Es war Vann Naths 32. Geburtstag, und das neue Lebensjahr war das Ende eines bis dahin ruhigen Daseins . Er hat sich nie wieder davon erholt. Wie auch?

Vann Nath, ein Bauernsohn aus Battambang im Norden Kambodschas, arbeitete auf dem Feld, als er abgeholt wurde. Es war ein Tag im Dezember 1977, als plötzlich eines der Kommandos der Roten Khmer vor ihm stand. Der Anführer behauptete, er habe gegen die Werte der ,Kommunistischen Partei verstoßen. Er wurde mitgenommen, mit Stromschlägen gefoltert und verhört. Für wen er arbeite, wurde er gefragt. Einer schrie: "Für die CIA?" Vann Nath hatte noch nie von dem amerikanischen Geheimdienst gehört. Als er das sagte, wurde er weiter gefoltert. Daraufhin unterschrieb er ein Geständnis. Am nächsten Tag wurde er mit einem Lastwagen in das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng ‑ auch S21 genannt ‑ im Zentrum Phnom Penhs gebracht. Dort wurde er als Nummer 719‑55 geführt, fotografiert und nach seinen Daten gefragt.

Bis heute weiß der Künstler nicht, warum er überhaupt mitgenommen wurde. Ob es eine Verwechslung war oder ein Versehen? Denn er hatte sich nie politisch engagiert oder Kritik an den Roten Khmer geübt. Warum also? "Ich weiß es einfach nicht." Vielleicht ist diese Frage auch sinnlos, wenn man an die fast zwei Millionen Opfer des Pol‑Pot‑Regimes denkt; etwa ein Viertel der Bevölkerung des südostäsiatischen Landes wurde damals ermordet oder starb an Hunger und Erschöpfung. Bisher wurde nur eine Person zur Rechenschaft gezogen: Kaing Guek Eav, besser bekannt als Duch, wurde im vergangenen Jahr zu 35 Jahren Haft verurteilt. Als sich Vann Nath und sein einstiger Peiniger vor Gericht wiedersahen, wollte Duch ihm seine Frage nach dem Warum nicht beantworten. Von den mehr als 17 000 Tuol‑Sleng Häftlingen überlebten nur sieben, vier sind mittlerweile verstorben. Der Maler gehört zu den letzten drei, die das Grauen selbst erlebt haben.

In Tuol‑Sleng musste Varm Nath sich zunächst eine Zelle mit 30 anderen Männern teilen, die aneinander gekettetet waren. Vor allem der Hunger habe ihm Stärke abverlangt. Die Insassen seien so verzweifelt gewesen, dass sie die umherkriechenden Insekten aßen: "Wir stritten uns um die Käfer, die von der Decke fielen."

An einem Tag in Februar holten ihn die Wärter aus der Zelle und führten ihn zum Gefängnischef Duch. Vann Nath war so schwach, dass er vor diesem auf die Knie fiel. "Stimmt es, dass du Maler bist", habe ihn Duch verächtlich gefragt und an einer Zigarre gezogen. Dann legte Duch dem Gefangenen das Foto eines Mannes vor, den er bis dahin noch nie gesehen hatte. Es war der Diktator Pol‑Pot ‑ auch Bruder Nr. 1 genannt. Bei seinem ersten Porträt zitterten ihm noch die Hände, während Duch ihm dabei zuschaute. Das Bild misslang, aber Duch gab ihm eine weitere Chance. Das zweite Gemälde war schon näher am Original. Fortan malte Vann Nath um sein Leben. Er malte immer wieder das gleiche Motiv, Porträts des Massenmörders, mal kleine, mal drei Meter hohe. Im Hintergrund hörte er die Schreie seiner Mitgefangenen.

Jeden Tag kam Duch in das provisorische Atelier und schaute dem Gefangenen zu. Seine Bilder schmückten die Wände von Parteibüros und Versamnilungshallen. Später musste er noch Büsten des Diktators anfertigen. Für seine Arbeit erhielt er eine Einzelzelle, regelmäßige Mahlzeiten und bessere Kleidung. Als ihm ein Soldat als Lehrling zur Seite gestellt wurde, brachte Vann Nath ihm so wenig wie möglich bei. Denn ein guter Lehrling macht den Lehrer überflüssig, war eine von Pol Pots Parolen. So ging es weiter, ein ganzes Jahr lang. Bis die Vietnamesen 1979 das Land von der Schreckensherrschaft befreiten und die Türen Tüol‑Slengs öffneten. "Den Maler zum Gebrauch behalten", laulet auf einem Dokument aus dem Gefängnis ein Vermerk neben Vann Naths Namen. Duch konnte fliehen und wurde erst 1998 verhaftet ‑ da war der einstige Folterchef als christlicher Missionar unterwegs.

Vann Nath fand seine Frau wieder, die beiden Söhne blieben verschwunden. Gemeinsam bekam das Paar noch drei Kinder. Woher sie die Kraft für einen Neuanfang nahmen? Er zuckt mit den Schultern. Er musste 31 Jahre warten, um gegen seinen einstigen Peiniger vor Gericht aussagen zu können. Nach langem Tauziehen einigten sich die Vereinten Nationen und Kambodschas Regierung 2003 auf die Etablierung eines Strafgerichtshofes, um gegen die noch lebenden Funktionäre des Rote‑Khmer‑Regimes vorzugehen. War die Verurteilung von Duch ein Moment der Befreiung? "Nein, vergessen und verzeihen kann ich niemals. Aber Duch hat geweint, das war ein gutes Gefühl."

Demnächst sollen "Bruder Nr. 2", der Chefideologe der Roten Khmer, Nuan Chea, Staatschef Khieu Samphan, Außenminister leng Sary ("Bruder Nr. 3") und dessen Frau, Sozialministerin leng Thirith, vor dem Tribunal stehen. Die vier gelten als die "Architekten des Schreckensregimes". Die Zeit drängt, sie sind alle um die 80 Jahre alt. Eigentlich sollte der Prozess im Juni oder Juli beginnen. Doch die Anwälte der Angeklagten sind Meister darin, durch Anträge den Beginn hinauszuzögern. Momentan untersucht ein Gutachter, ob ihnen ein Verfahren noch zumutbar ist. "Ob das zweite Verfahren überhaupt stattfinden wird, ist ungewiss", sagt Solomon Kane, Autor des "Dictionnaire des khmers rouges" und Chefredakteur des französischen Magazins "Asies". "Aber wird der Prozess wirklich nur wegen juristischer Formalitäten aufgeschoben? Oder sind es politische Motive?"

Dem Tuol‑Sleng‑Überlebenden Vann Nath interessieren solche Details nicht. Er will keine Rache, sagt er. Der Fünfundsechzigjährige, der 15 Jahre älter wirkt, will Gerechtigkeit. "Ich bin sehr erschöpft, und all das Leid kann doch kein Gericht sühnen." Dann wird er doch einmal etwas lauter. "Wie lange will die Justiz noch warten? Bis alle Schuldigen tot sind?" Er ist krank, hat Knochentuberkulose und muss zweimal in der Woche zur Dialyse, die Behandlungskosten kann er nur durch Spenden begleichen. Ob er das nächste Verfahren noch überleben wird, weiß er nicht.

Er hat das alles in einem Buch niedergeschrieben und stellt es bis heute in seinen Bildern nach. Er malt Jungen und Mädchen, die angekettet auf dem Boden liegen. Männer und Frauen, die ausgehungert vor sich hin starren. Soldaten, die einer Mutter das Kind entreißen. So, als wäre seine Zeit in dieser blutigen Epoche stehen geblieben. "Ich habe mein Leben der Erinnerung gewidmet." Drei Jahre, acht Monate und 20 Tage dauerte die Herrschaft der Roten Khmer. 365 Tage war Vann Nath in ihrer Haft. Aber die Tage sind längst nicht zu Ende.

 Aus der FAZ, vom 8. Juni 2011

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