Orthodoxie in Israel

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Orthodoxie in Israel

Von Klaus Mosche Pülz

Vorsitzender des ZeLeM-Vereins e.V. und der  „Messianischen Bekenntnisgemeinschaft“ in Israel

OH-Dokumentationen – www.orientierung-heute.de/oh040.pdf  –  Stand: 12.01.2011

 

Die jüdische Orthodoxie in Israel erschwert die Lösung des Nahost-Problems und die wirtschaftliche Entwicklung Israels.

 

1. Orthodoxes Judentum

„Das orthodoxe Judentum hat seine Wurzeln in der Tora, im Talmud und in den nachfolgenden Werken des rabbinischen Judentums. Daraus entwickelte sich ein Verhaltenskodex, der den Lebensablauf jedes orthodoxen Juden umfassend regelte. „Macht einen Zaun um die Thora“ war der Leitspruch der Rabbiner. Dies wird von orthodoxen Juden so interpretiert: Praktiziert die Tora als ein Regelwerk in eurem täglichen Leben. Daraus folgert das orthodoxe Judentum die Forderung nach einer strikten Befolgung der jüdischen Gesetzesvorschriften, der Halacha, wie sie in traditionellen Werken wie dem Schulchan Aruch festgelegt wurden. Neuerungen werden anhand dieser Halacha interpretiert. Das orthodoxe Judentum ist dadurch in der Lage, auf Änderungen zu reagieren, ohne die Gesetzgebung selbst zu ändern. Das orthodoxe Judentum zeichnet sich somit in erster Linie durch seine Religionspraxis aus.“ (Wikipedia, Orthodoxes Judentum 12/2010)

2.Orthodoxes Judentum in Israel

Das orthodoxe Judentum (OJ) in Israel zeichnet sich vorwiegend durch seine Religionspraxis aus und lehnt jede Modernisierung ab. Dies zeigt sich in der Abgrenzung von der übrigen israelischen Bevölkerung, so daß sich in Bnei Brak (Tel Aviv) und Mea Schearim (Jerusalem) Ghettos gebildet haben, welche zum Schabbat-Beginn abgesperrt werden, so daß kein Straßenverkehr mehr möglich ist.

Auch die Geschlechtertrennung in bestimmten Linienbussen geht auf das OJ zurück. Das OJ verwehrt den Frauen an der Klagemauer, die von der Sektion der Männer abgetrennt sind, den traditionellen Gebetsschal (talit) anzulegen und laut zu beten.

Das intolerante Verhalten des OJ führte dazu, daß zunehmend die säkularen Juden Jerusalem verlassen, weil sie sich unfrei und observiert fühlen. Das OJ genießt bei der israelischen Bevölkerung keine sonderliche Beliebtheit, weil es sich nicht am täglichen Leben aktiv beteiligt. Überall, wo sich ultra-orthodoxen Juden niederlassen, wie in Raanana oder Ramat Aviv, gibt es seitens der weltlich eingestellten Bevölkerung laute Proteste, Demonstrationen und Ablehnung. Der Anteil des orthodoxen Juden an der Gesamtbevölkerung beträgt 10 Prozent mit steigender Tendenz, da die orthodoxen Familien durchschnittliche acht Kinder haben. Im politischen Leben repräsentieren die orthodoxen Juden 20 Prozent, so daß sie im Parlament und im öffentlichen Leben überrepräsentiert sind.

3. Privilegien der Orthodoxen

Die Orthodoxen genießen in Israel Privilegien. Da sich ihre Tätigkeit auf das Studium von Thora und Talmud beschränkt, kommt der Staat für den Lebensunterhalt der Orthodoxen und ihrer Familien auf. Die Orthodoxen weigern sich, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Als ein Rabbiner von Orthodoxen eigenen Broterwerb verlangte, forderte der Mentor der sephardisch-orthodoxen SCHAS-Partei, Rabbi Ovadia Joseph, dessen Ausschluß aus dem Judentum. (Quelle…)

Die Orthodoxen sind vom Wehrdienst befreit. Dagegen sind 20 Prozent der israelischen Armeeangehörigen Einwanderer aus Rußland, deren Judentum von den orthodoxen Rabbis in Zweifel gezogen wird. Betroffen sind 250.000 Einwanderern aus Rußland, die schon als Fünfte Kolonne diskreditiert wurden.

Sowohl die aschkenasischen als auch die  sephardischen Orthodoxen unterhalten eigenständige Schulsysteme, die den modernen Anforderungen nicht gerecht werden. Naturwissenschaftliche oder neusprachliche Fächer werden nicht unterrichtet, so daß es in Israel kein einheitliches Curriculum für alle Schüler gibt. Dies führt dazu, daß das Kontingent an heranwachsenden jungen Menschen aus den orthodoxen Kreisen ihre Zukunft nur in den Talmudschulen finden kann, in denen antidemokratische und gegenüber anderen Glaubensauffassungen intolerante Thesen vertreten werden.

Die unheilvolle Entwicklung im Schulsystem wird dazu führen, daß sich das Heer der ungebildeten jungen Menschen in Israel in einem Maße vergrößern wird, daß die israelische Wirtschaft mit den Bedürfnissen und Anforderungen der Weltwirtschaft nicht mehr wird konkurrieren können. Israel wird demzufolge zunehmend auf ein Niveau von Ländern der Dritten Welt zurückfallen. Mit 1,2 Milliarden Schekel jährlicher Zuschüsse an die orthodoxen Parteien fördert Premier Netanjahu diese Entwicklung, wobei sowohl die SCHAS-Partei als auch die aschkenasische orthodoxe „Torah-Judaismus-Partei“ mit dem Austritt aus der Regierungskoalition gedroht haben, wenn sie keine entsprechende Förderung für ihr marodes Schulsystem erhalten.

Die  orthodoxen Juden besitzen das Sonderprivileg, ein ganzes Leben lang in den „Jeschivot“ (Talmudschulen) auf Kosten des israelischen Steuerzahlers zubringen zu können. Diese finanzielle Bürde wird aufgrund der erwähnten Kinderzahl für den kleinen Staat Israel immer größer werden, so daß ein wirtschaftlicher Kollaps unausweichlich ist, falls die Regierung dieser Fehlentwicklung keinen Einhalt gebietet.

4.Ethische Normierung der Gesellschaft

Das OJ versucht auch auf politischem Wege, der der übrigen Bevölkerung ihre Normen aufzunötigen.

Die Orthodoxen rechnen mit dem demographischen Faktor, um den demokratischen Staat Israel in einen Rabbinatsstaat umzugestalten, ähnlich dem islamischen Mullah-Regime in Teheran. Bei den letzten Knessetwahlen drohte Rabbi Ovadia den israelischen Wählern mit dem Höllenfeuer, wenn sie nicht die orthodoxe SCHAS-Partei wählten. Sie gehen in ihrer Religionsauffassung so weit zu sagen, nur wenn ganz Israel zwei Schabbatot korrekt einhielte, bliebe Israel von drei Dingen verschont:

1.     Vor dem „Gog aus dem Lande Magog-Krieg“ (Rußland), der nach Hesekiel Kap. 38 Israel für die Endzeit verheißen ist;
2.     von den messianischen Leiden
3.     vom göttlichen Endgericht.

Durch ihre Intransigenz wollen die orthodoxen Juden damit das Kommen des messianischen Erlösers erzwingen.

5. Torpedierung der Demokratie

Die Orthodoxen verhindern die Entwicklung Israels zu einem demokratischen Staat.

Staatsgründer David Ben-Gurion nahm seinerzeit die orthodoxen Juden in den Parlamentarismus auf, um keine außerparlamentarische Opposition zu schaffen. Dennoch sagte er, daß die orthodoxen Juden in ihren Synagogen bleiben sollten wie die Soldaten in ihren Kasernen. Hätte Ben-Gurion die Folgen seiner damaligen Entscheidung geahnt, hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden.

Lediglich Arik Scharon hatte eine Regierung ohne Beteiligung der orthodoxen Juden gebildet. Auch die jetzige Oppositionsführerin Zippi Livni hatte nach den letzten Wahlen den orthodoxen Juden Fördergelder in Höhe von 900 Millionen Schekel angeboten, was Netanjahu mit 1,2 Milliarden überboten hatte.

Der Zionismus gilt bei den orthodoxen Juden als eine weltliche Bewegung, obschon der Zionist Theodor Herzl der Wegbereiter eines Staates Israel war. Die orthodoxen Sekten der Satmar-Juden sowie der KACH des ermordeten Rabbi Kahane lehnen den Staat Israel in seiner Gesamtheit ab. Rabbi Teitelbaum von den Satmar-Juden flog mit seinem Gefolge nicht mit der staatlichen EL AL – Fluggesellschaft, sondern mit amerikanischen Fluglinien nach Israel.

Da in Israel Staat und Religion nicht getrennt sind, obschon die Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1948 die demokratischen Grundrechte proklamiert, hat sich in Israel eine Mehr-Klassen-Gesellschaft gebildet. Problematisch wird dies, wenn keiner Regierung eine Koalition ohne die orthodoxen Parteien gelingt. Das OJ verhindert die Entwicklung Israels zu einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, in welchem jeder Bürger – egal ob Jude, Araber, Christ, Druse oder Beduine – die gleichen Rechte und Pflichten erhält. Bereits aus der Identitätskarte ist ersichtlich, wer wirklich Jude ist oder nicht.

 

6. Rassismus

Die Orthodoxie hat eine Einstellung gegenüber Andersdenkenden entwickelt, die mit Rassismus vergleichbar ist, obwohl „Rasse“ ein biologischer Begriff ist.

Das OJ verhindert durch eine rassistische Ideologie das friedliche Zusammenleben innerhalb seiner Bevölkerung. Es ist besonders tragisch, ja unverständlich, daß nach den jahrhundertelangen Verfolgungen der Juden unter den Völkern aufgrund eines rassistischen Antisemitismus nunmehr ein Segment religiöser Juden nach ihrer Rückkehr ins Land der Väter selbst zu Rassisten geworden ist. Dies geschieht unter dem Vorwand, nicht nur die halachische Tradition zu wahren, sondern damit auch das Kommen des verheißenen Messias zu beschleunigen, der nach Ansicht dieser Kreise ein politischer sein wird.

Vom kommenden Messias wird erwartet, daß er einen Dritten Tempel errichtet, ein Großreich Israel aufrichtet (daher möchte man die Westbank als biblisches Land – Judäa und Samarien –  nicht aufgeben) sowie die Feinde Israels ein für allemal niederwirft.

Ein Messias, der an einem der vielen Kreuze der römischen Okkupanten sein Leben ausgehaucht hat, ist für die Juden untragbar. Daher reden nicht nur die orthodoxen Juden über Jesus als „etnan sonah“ (Geschenk einer Hure) und mit der abwertenden Bezeichnung „Jeschu“ als Abbreviation zu „imach schmo u-sichero“ (sein Name und das Andenken an ihn soll ausgelöscht sein). (Quelle: Talmud-Traktat Tossafot Chul. II. 22,24; Sabbath 104 b; Sanhedrin 67 a; Origines C. Cels. 1.9).

7. Verfolgung von Judenchristen

Legt man die Definition des Lukas zugrunde, dann sind unter „Christen“ Menschen zu verstehen, die den jüdischen Messias Jesus von Nazareth als höchste Autorität anerkennen. Die „messianischen Juden“ sind Juden, betrachten sich als Juden, wollen Juden bleiben und erkennen Jesus an als den Messias der Juden. Jesus, seine ersten Schüler und die Mitglieder seiner ersten Gemeinde waren Juden.

Der jüdische Messias Jesus ist nach der Verheißung in Micha 5:1 in Bethlehem geboren als der in Jesaja 9:5 geweissagte Held Gottes (el-Gibor) und nach Jesaja 53 als der wahre leidende Gottesknecht (ewed ha-Schem), der für die Missetaten Israels sein Leben geopfert hat.

In Unkenntnis der Geschichte identifizieren die Orthodoxen die israelischen Judenchristen mit den Mitgliedern der triumphalistischen Großkirchen, die in grausamer Weise Juden verfolgt haben. Ignoriert wird die europäische Geschichte der Freikirchen, die ebenfalls von den Großkirchen blutig verfolgt wurden, selber aber niemals Juden verfolgt haben. Die Freikirchen haben sich an der Lehre von Jesus orientiert, der seinen Anhängern jede Anwendung von Gewalt in Glaubensfragen untersagt hat.

Zwar gelten die Judenchristen als Israelis, aber falls ihr Glauben an den noch immer verachteten Messias (Jesus = Jeschua) bekannt wird, müssen sie mit Diskriminierung rechnen. Ausführendes Organ ist die vom Staat Israel subventionierte Antimissionsliga „Jad le-Achim“ unter der Leitung des Rabbi Schalom Dov Lifschitz, die Jagd auf Missionare und judenchristliche Evangelisten oder auch nur auf Mitglieder von solchen Gemeinden macht.

Wenn ein gebürtiger Jude sich zur Auswanderung nach Israel bei der Jewish Agency (sochnut) vorstellt und dabei auf seinen Glauben an die Messianität Jesu Christi hinweist, wird ihm ein Einwanderungsvisum verweigert.

Die Verfolgungssituation dokumentiert die Zeitschrift „Bote Neues Israel“ (Sondernummer) des ZeLeM-Vereins. Im Jahre 1994 wurde ein Brandanschlag auf das Zentrum der „Messianischen Bekenntnisgemeinschaft“ in Aschdod verübt, über den ausführlich in Israels Zeitungen berichtet wurde. Darin wurde deren Vorsitzender, Klaus Mosche Pülz, als „Führer einer Nazipartei“ bezeichnet, seine Visitenkarte in der hauseigenen Zeitung der „Jad le-Achim“ veröffentlicht, um ihn auf diese Weise für vogelfrei zu erklären. Im November 2008 wurde gegen ihn ein Brandanschlag vorgenommen, über den in der BNI-Nr. 169 ausführlich berichtet wurde. Obschon wir der Polizei klare Hinweise gaben, zumal ein Anrufer von der „Jad le-Achim“ einen solchen Anschlag per Telefon in Aussicht stellte, erfolgten bis zur Stunde keine Festnahmen.

8. Theologische Wertung

Die Kirche darf demzufolge das Evangelium nicht widerchristlich verkürzen und unter Bezugnahme auf Israel im Sinne einer falsch verstandenen Ökumenizität auf einen partnerschaftlichen Dialog reduzieren.

Das Bekenntnis und Zeugnis zur Messianität und Gottessohnschaft Jesu (Matthäus 16:16) und seines insbesondere für Juden provokativen Todes am Fluchholz, zu seiner Auferstehung, Entrückung, Erhöhung und Wiederkunft darf niemals um den Preis der Annäherung an die anderen monotheistischen Religionen aufgegeben werden. Dies wäre nicht nur Glaubensabfall, sondern würde auch eine nachträgliche theologische Rechtfertigung der Verwerfung und Verurteilung Christi durch die damaligen Führer Israels bedeuten und zur Entwicklung eines antichristlichen Messiasbildes führen (2. Korinther 11:3-4), was allerdings der jüdischen Orthodoxie sehr zustatten käme.

                                                                                        

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