Neue religiöse Welle (F.Schaeffer)

Francis A. Schaeffer

DIE NEUE RELIGIÖSE WELLE

 

Vorwort

Die Zeiten ändern sich. In den letzten paar Jahren haben wir Aufstieg und Fall der Neuen Linken mit ihrem politischen Optimismus erlebt, die zunehmende Verstrickung der studentischen Generation in Drogen, die Geburt der Jesus People ‑ alles Erscheinungen, die in sich vielschichtig und vielgesichtig sind.

Ein soziologischer Kommentar muß deshalb von kurzfristiger Gültigkeit sein. Die Situation ändert sich unter den Augen des Beobachters. Aber obwohl sich das Bild erneut sehr schnell verändern kann, müssen wir anhalten, um zu beobachten und eine erste Wertung vorzunehmen. So schrieb Dr. Schaeffer das Buch Die Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts und Die Kirche aus der Sicht der Welt. Diese Arbeit wurde vorgelegt, um den Kommentar, der bereits im zweiten Kapitel des ersteren und im ersten Kapitel des letzteren Buches aufgenommen wurde, zu vertiefen und weiterzuführen. Hier untersucht Dr. Schaeffer nun die letzten Entwicklungen unter der Jugend ‑ besonders die sich langsam abzeichnende neue Bourgeoisie und die Rückkehr zu einer platonischen Spiritualität. Er führt aus, wie die Antwort der Christen lauten sollte.

Noch vor wenigen Jahren stellten Studenten in den Diskussionen in Hörsälen und Cafes etwa folgende Fragen: Kann Religion mit dem Verstand vereint werden? Muß man intellektuellen Selbstmord begehen, wenn man Christ wird? Was hat das Christentum in gesellschaftlicher Hinsicht geleistet? Und die Christen unter den Studenten fragten: Was können wir tun, um das Christentum in alle kulturellen Bereiche hineinzutragen? Welche Relevanz hat mein Leben als Christ für die Gesellschaft?

Aber irgend etwas ist in den letzten Jahren geschehen. In vielen Ländern, die ich und andere Mitglieder unserer L’Abri‑Gemeinschaft besucht haben, wird radikal anders gefragt.

Was bedeutet dies? Bedeutet es, daß wir als Christen eine andere Antwort geben müssen bei dem Versuch, unserer gesamten Umgebung mitzuteilen, was Christsein heißt?   

Neue Trends in einer säkularisierten Gesellschaft

Wir müssen zunächst die säkulare Seite der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen. Zu diesem Zweck müssen wir kurz auf das zurückgreifen, was ich in Die Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts ausgeführt habe. Aber die dort (besonders in den beiden ersten Kapiteln) beschriebene gesellschaftliche Situation hat sich weiterentwickelt.

Anfang der 60er Jahre wurde es den Studenten klar, daß wir in einer nach‑christlichen Zeit leben. Die Sprechchöre der Studenten in Berkeley brachten dies mit der Kennzeichnung »Plastik‑Kultur« zum Ausdruck. Die Beat-Generation hatte das schon vor ihnen gesagt. Aber jetzt war eine ganze studentische Generation davon überzeugt. Die Studenten fuhren von ihren Universitäten zurück nach Hause, stellten ihren Eltern Fragen und bekamen nur oberflächliche Antworten: Ihr müßt hart arbeiten, damit ihr die Universität schafft. Warum? Damit ihr Geld verdient. Aber warum sollten wir Geld verdienen? Damit ihr eure Kinder zur Universität schicken könnt. Allzu oft waren persönlicher Friede und Wohlstand bis zum Überfluß die einzigen Werte, die diese jungen Leute bei ihren Eltern vorfanden. Das hat sie ihnen verständlicherweise entfremdet.

Die Christen hätten sich über die Aussagen dieser Studenten freuen sollen. Mehr noch: sie hätten diese Aussagen selbst längst machen sollen. Denn diese jungen Leute hatten ihren Finger auf die wunde Stelle gelegt. Einerseits waren die Kirchen weithin von einer modernistischen Theologie gekennzeichnet, die gar nichts mit dem christlichen Zeugnis zu tun hat. Andererseits war die Gesellschaft völlig verweltlicht, man konnte von einer säkularisierten Kultur sprechen. Obwohl die meisten Menschen keine Christen waren, konnte man doch vor wenigen Jahren noch von einer Art christlichen Grundübereinstimmung sprechen, die von der Erinnerung an wahres Christsein herrührte. Die Menschen glaubten noch, daß es eine Wahrheit gab. Und obwohl die Nichtchristen keine Grundlage für diese Einstellung hatten, war es doch ein allgemeines Ideal, zu dem man streben konnte. Aber zu Beginn der 60er Jahre war dies weithin verlorengegangen; wir lebten in einer nach‑christlichen Ära. Und die heutige Generation glaubt überhaupt nicht mehr an die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit. Jedoch merkte die ältere Generation nichts von dieser Entwicklung, bis ihre Kinder sich umsahen und frei heraus erklärten, daß der Kaiser überhaupt keine Kleider anhabe. Sie sagten es mit ihren Worten: »Wir leben in einer Plastik‑Gesellschaft.«

Einer der Gründe, warum ich mich diesen jungen Leuten so nahe fühlte, war mein Wunsch, daß die bibeltreue Gemeinde dies schon längst hätte sagen sollen. Aber selbst unsere evangelikalen Gemeinden waren weithin Teil dieser Plastik‑Gesellschaft geworden, und es erhob sich keine Stimme.

Eine zweite Tatsache, die wir im Blick auf die Veränderungen der jüngsten Vergangenheit ins Auge fassen müssen, ist die schweigende Mehrheit. Wir müssen uns darüber klar sein, daß diese schweigende Mehrheit jeden Mann wählen kann, den sie in einem bestimmten Amt haben will. Wie ich an anderer Stelle schon ausgeführt habe, läßt sich die schweigende Mehrheit in zwei Gruppen aufteilen: eine Minderheit und eine Mehrheit. Der Politiker, der heute gewählt werden will, muß sich an beide Gruppen wenden.

Die Minderheit der schweigenden Mehrheit sind entweder Christen (und haben folglich absolute Maßstäbe für ihr Denken und Handeln) oder sie haben zumindest eine christliche Erinnerung und halten sich an absolute Maßstäbe, auch wenn ihnen die eigentliche Basis dafür fehlt. Die Mehrheit der schweigenden Mehrheit sind die Menschen, die wirklich in einer nach‑christlichen Welt leben. Sie gehen vielleicht zur Kirche, aber sie kennen keine verbindlichen Maßstäbe. Sie kennen lediglich zwei Werte: persönlichen Frieden und Überfluß. Dieser persönliche Frieden darf nicht mit Pazifismus verwechselt werden. Es handelt sich vielmehr um die Einstellung: »Laß mich in Ruhe. Die Probleme der anderen Menschen sollen mir ja nicht zu nahe kommen. Ich will meinen Frieden, meinen persönlichen Frieden.« Und was den Überfluß betrifft, heißt es: »Ich will ein neues Auto. Und zwar eins mit mehr Chrom. Und dann könnte ich auch ein zweites Auto gebrauchen ‑ vielleicht drei. Auch ein Motorboot. Und dann ein Sommerhaus und einen Swimmingpool oder auch zwei.« Je mehr von dem allem, um so besser.

Bei der Mehrheit der schweigenden Mehrheit handelt es sich also nicht um einen theoretischen Materialismus, sondern um praktizierten Materialismus. Und wenn die junge Generation aufschreit: »Dies ist gräßlich! Dies ist eine Plastik‑Gesellschaft!«, dann wollen wir als Christen sagen: »Jawohl, ihr habt völlig recht. Eure positive Antwort ist vielleicht unzureichend, möglicherweise habt ihr überhaupt keine Lösungen anzubieten, aber leider trifft eure Kritik zu.«

Zu der Zeit, als in Berkeley die »Free‑Speech‑Bewegung« begann, verdichtete sich auch die Drogenszene. Die Beatanhänger waren nicht so sehr in der Drogenszene verwurzelt wie die Hippiegeneration. Schon bald nach 1964 wurde der Drogenkult das Erkennungszeichen von vielen jungen Menschen.

Die philosophische Grundlage der Drogenszene geht auf Aldous Huxley zurück, der erklärt hatte, die Vernunft könne auch dem denkenden Menschen keine letzte Antwort geben, und wir müßten uns deshalb nach einem letztlich gültigen Erlebnis, nach einer Erfahrung ausstrecken, die »auf Abruf« zu machen sei, auf die wir nicht warten müßten. Das heißt mit anderen Worten, daß es sich bei der Drogenszene zunächst um eine Ideologie handelte, eine Ideologie mit sehr praktischen Konsequenzen. Einige von uns in L’Abri haben über junge Menschen Tränen vergossen, die ihren Verstand zugrunde gerichtet hatten. Viele von ihnen dachten‑ wie Alan Watts, Gary Snyder, Alan Ginsberg und Timothy Leary ‑, daß das Sehnsuchtsfragen der Menschheit dann beantwortet sei, wenn sich schließlich alle unter Drogeneinfluß befänden. Es waren nicht nur die ganz extremen Freaks, die davon sprachen, Drogen dem Trinkwasser einer ganzen Stadt beizumischen, damit alle »high« wären und sich Blumen ins Haar steckten. In jenen Tagen handelte es sich tatsächlich um ein optimistisches ideologisches Konzept.

Es muß hier also zweierlei gesagt werden: Erstens war die Kultur‑ und Gesellschaftsanalyse der jungen Menschen richtig, und zweitens waren sie wirklich davon überzeugt, eine Antwort auf das Problem gefunden zu haben. Bis Woodstock (1969) glaubte die junge Generation optimistisch an die Droge als ideologische Antwort. Der Wunsch nach Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, der hinter Woodstock stand, war natürlich nicht verkehrt. Gott schuf uns nach seinem Ebenbild, und ihm ist an einer starken horizontalen, d. h. zwischenmenschlichen Beziehung gelegen. Die christliche Botschaft wendet sich zwar an das Individuum‑ aber sie ist nicht individualistisch. Gott will, daß wir Gemeinschaft haben. Es gibt eigentlich zwei Arten von Orthodoxie: die Orthodoxie der Lehre und die Orthodoxie der Gemeinschaft. Und beides gehört zusammen. Die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit in Woodstock war gut und richtig. Aber der Weg, der zu diesem Ziel führen sollte, war falsch.

Zwei Ereignisse waren es, die nach Woodstock »das Zeitalter der Unschuld beendeten« ‑ um eine Formulierung der Zeitschrift Rolling Stones zu gebrauchen. Das erste trug sich zu in Altamont, Kalifornien, wo die Rolling Stones ein Festival veranstalteten und die Hell’s Angels engagierten (für einige Fässer Bier), um für Ordnung zu sorgen. Statt dessen töteten die Hell’s Angels mehrere Leute ohne den geringsten Anlaß. Es war eine fürchterliche Tragödie. Aber man dachte noch immer, daß es sich vielleicht um einen unglücklichen Zufall gehandelt hätte, daß so etwas nur in Kalifornien vorkommen könnte. Es mußte eine zweite Tragödie kommen, um alle zu überzeugen.

Auf der Insel Wight versammelten sich 450 000 Menschen ‑ und es war ein Alptraum. Ein paar von unseren Leuten von L’Abri waren dort. Und ich kenne eine Persönlichkeit der Rockmusik, die wiederum mit dem Veranstalter dieses Festivals gut bekannt ist. Sie waren sich alle einig: es war gräßlich.

Nach diesen beiden Rock‑Festivals änderte sich das Bild. Die jungen Leute haben nicht etwa aufgehört, Drogen zu nehmen. Es werden im Gegenteil immer mehr. Und niemand weiß vorherzusagen, wie es einmal enden wird. Ich weiß, daß vielerorts, z. B. in Kalifornien, bereits der Schülern von zehn oder elf Jahren Drogen zugänglich sind. Aber heute werden die Drogen nicht mehr als die Ausdrucksweise einer Weltanschauung angesehen. Unter den ganz jungen Schülern handelt es sich einfach darum, in ihrer Gruppe anerkannt zu werden. Es ist ganz ähnlich wie mit der sogenannten freien Liebe. Wenn man »in« sein will, muß man eben mit so oder so vielen Jungen geschlafen haben. So muß man auch eine bestimmte Droge ausprobiert haben, oder man ist nicht »in«. Aber die optimistische Ideologie ist tot.

Die Beatles sind eine Art Testfall. Zuerst waren sie einfach eine Rock‑Band wie viele andere. Dann nahmen sie Drogen und brachten das in Songs wie Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band zum Ausdruck. Als die Drogen nicht hielten, was man sich davon versprach, als die Beatles sahen, was in Haight-Ashbury geschah, wandten sie sich der psychedelischen Musik von Strawberry Fields zu, dann waren die östlichen Religionen an der Reihe. Aber auch das brachte nicht die Erfüllung. Ihre Karriere endete als Gruppe mit dem Film The Yellow Submarine. Als sie diesen Film drehten, sagten einige Leute: »Das ist das Comeback der Beatles.« Aber dem war dann nicht so. Es war in Wirklichkeit das traurige Ende einer Gruppe auf der Suche nach einer Ideologie. Es ist interessant, daß Eric Segal, der das Drehbuch verfaßte, anschließend die Love Story schrieb.

Lange vor dem Tod der Drogen‑Ideologie schlugen einige junge Leute einen anderen Weg ein und formierten die Neue Linke, die sich allgemein nach den politischen Theorien Marcuses orientierte. Bei der Neuen Linken handelte es sich um politische Aktivisten, die durch politische Aktionen eine Lösung für die Misere der Plastik‑Gesellschaft herbeiführen wollten. Sie hatten ihre Wurzeln in der Free-Speech-Bewegung in Berkeley, aber sie verwandelten sich bald in eine totalitäre Bewegung, das Gegenteil von dem, was sie ursprünglich gewollt hatten. Die Neue Linke lehrt und praktiziert, daß eine Elite in allem das Sagen haben muß und die Mehrheit zu schweigen hat. Dies führte in den Vereinigten Staaten dazu, daß im Jahre 1968 Studenten der Columbia Universität Gebäude auf dem Campus besetzten. Es wirkte sich in gleicher Weise auch an der Sorbonne und in West‑Berlin aus. Als dann die junge Generation herausfand, daß die Drogenkultur keine wirkliche Lösung anbot, erkannten sie auch gleichzeitig das Versagen der Neuen Linken. Den Scheußlichkeiten auf der Insel Wight stand das nicht nach, was die Weatherman‑Fraktion, eine konsequente Weiterführung der Neuen Linken, inszenierte. Der Höhepunkt war das Bombenattentat auf ein naturwissenschaftliches Gebäude der Universität von Wisconsin im Jahre 1970. Was Altamont und die Insel Wight für die Drogenszene bedeutete, war für viele Anhänger der Neuen Linken dieser Bombenanschlag. Bisher hatten viele Studenten noch mit dem Gedanken gespielt, eine nette, kleine Revolution anzuzetteln. Mit der Gewalttätigkeit würde es schon nicht so schlimm werden. Diese Illusion war nun völlig zerstört.

Jetzt hatte sich der Kreis geschlossen: Free-Speech-Bewegung, Drogen, Neue Linke mit politischem Aktivismus und Gewalttätigkeit. Und hier hauchte die Kulturrevolution ihr Leben aus. Weder der politische Aktivismus noch die Drogen haben eine echte Alternative zur Plastik‑Gesellschaft anbieten können.  

Die neue Bourgeoisie

Was resultiert nun aus dem Versagen dieser zwei soziologischen Bewegungen? Wir erleben heute den Aufstieg einer neuen Bourgeoisie. Diese Bourgeoisie praktiziert einen Lebensstil, der sich wesentlich von der alten Bourgeoisie unterscheidet. Das neue Bürgertum nimmt Drogen, ist freizügig in sexuellen Dingen und hat eine hedonistische Einstellung. Aber ihrem Wesen nach unterscheiden sich die beiden nicht. Sie haben dieselben Wertmaßstäbe. Sowohl die alte wie auch die neue Bourgeoisie haben persönlichen Frieden und Wohlstand als Wertnormen auf ihre Fahnen geschrieben. Seltsam ist nur, daß die junge Generation zunächst die Werte der älteren und die ganze Plastik‑Generation verabscheute, um dann in einen Kreislauf zu geraten, der sie an den genau gleichen Punkt brachte wie die ältere Generation ‑ und das oft noch auf einer niedrigeren Ebene.

1964 waren die Studenten in Berkeley etwa 22 Jahre alt. Heute sind sie über 30. Für sie hat sich der Kreis geschlossen. Und was wünschen sie sich? Erstens persönlichen Frieden, um ihr eigenes Leben genießen zu können, um Drogen nehmen zu können und sich sexuellen Ausschweifungen hinzugeben. Zweitens brauchen sie den Überfluß, den Wohlstand, um ihren »Stoff« kaufen zu können und sich ihre Dingwelt aufzubauen. Sogar ihr Pazifismus entspringt oft nur dem Wunsch nach persönlichem Frieden und hat mit eigentlichem Pazifismus nichts zu tun. Diese Haltung ist nicht edler als der Wunsch ihrer Eltern nach persönlicher Ruhe um jeden Preis. Die Zeit der Free-Speech-Bewegung ist vorbei, und es gibt keinerlei Zeichen dafür, daß sie je wiederkommen wird. Die Tage der leidenschaftlichen Rufe nach Frieden in der Welt und nach echten Werten angesichts einer Plastik‑Gesellschaft sind weithin vergangen. Die Stimme der Neuen Linken ist verstummt. Der Wunsch nach persönlichem Frieden und Wohlstand hat den Nerv des Aktivismus durchschnitten, der vielleicht eine Änderung hätte bringen können ‑ wenn es auch eine Veränderung in der falschen Richtung gewesen wäre.

Was aber die soziologischen Wirklichkeiten unserer Tage betrifft, unterstützt und verstärkt die neue Bourgeoisie im wesentlichen die alte Bourgeoisie. Natürlich können sie sich gegenseitig nicht ausstehen, und es wird auch weiterhin Spannungen zwischen den beiden geben. Aber was die soziologischen Ergebnisse angeht, unterscheiden sie sich nicht gravierend voneinander.

Der neuen Bourgeoisie ist es völlig gleichgültig, woher der Überfluß kommt. Sie fragen nicht danach, ob ihre Eltern oder die Gesellschaft die Rechnungen bezahlen. Viele sind auch bereit, von 9.00 bis 17.00 Uhr ins Büro zu gehen, um für sich selbst aufzukommen. Wenn sie nur am Wochenende ihren »Stoff« haben und sonst tun und lassen können, was sie wollen, sind sie zufrieden. Die utopischen Visionen eines Henry David Thoreau und eines Jean‑Jacques Rousseau sind verschwunden.

Ich bin sicher, daß viele Eltern diese Situation vorziehen. Sie sagen: »Ist das nicht prima? Der harte Beat ist passe, unsere Kinder sind wieder ruhig geworden.« Sie begreifen nicht, daß The Yellow Submarine um nichts besser ist. Love Story ist nicht besser. Die Hoffnung ist geschwunden. 

Transzendentaler Mystizismus

Der Tod des Drogen‑Optimismus und der Niedergang der Neuen Linken haben einen anderen wichtigen Faktor ins Licht gerückt. Ein transzendentaler Mystizismus (der viele Erscheinungsformen kennt) ist in den Vordergrund gerückt. Im Grunde haben jedoch alle Erscheinungsformen des transzendentalen Mystizismus eines gemeinsam: Nichtachtung des Verstandes. Es ist der Versuch, einen neuen »Trip« zu unternehmen, der nicht aus Drogen kommt. Manchmal handelt es sich um echtes östliches Gedankengut, manchmal ist es auch eine erstaunliche Mischung aus Mystizismus und Okkultismus ‑ und manchmal ist es durch und durch dämonisch. Es handelt sich eigentlich um eine Form von Religion, die sich gar nicht so sehr von der unterscheidet, die von den jungen Leuten in ihren eigenen Kirchen abgelehnt wurde. Genau wie die Kirchen es versäumten, den jungen Menschen vernünftige Antworten auf ihre Fragen zu geben, so gibt auch diese neue Form des transzendentalen Mystizismus keine Antworten. Und dieser Zustand wird jetzt von der jungen Generation glorifiziert, als wäre es etwas Neues, eine vielversprechende Entdeckung.

Durch die Ablehnung der Vernunft öffnet der transzendentale Mystizismus, genau wie der Drogenkult, die Türen weit für Dämonismus und Okkultismus. Ohne rationale Kategorien bedeutet das Wort Christus nicht mehr oder nichts anderes als das Wort Krishna. George Harrisons My Sweet Lord hört sich vielleicht zunächst so an, als singe es von Christus. Aber das trifft nicht zu. Und es ist im Grunde auch gleichgültig, denn in dieser religiösen Mentalität befindet man sich auf einer »höheren Ebene«, wo zwischen Christus und Krishna kein Unterschied besteht. Jesus und Krishna sind einfach der bessere »Stoff« oder: »Jesus ist besser als Hasch.«

Eine weitere nicht‑christliche, aber doch religiöse Reaktion auf das Ende der Drogenszene und der Neuen Linken ist die ungeheure Geschäftemacherei im Zusammenhang mit Phänomenen wie Jesus Christ Superstar. Hier erleben wir den Gipfel eines religiösen Kommerzialismus. Die jungen Menschen, die mit Recht ihre Stimmen gegen die religiöse Verlogenheit ihrer Kirchen erhoben, tragen heute Jesus‑Christus‑Armbanduhren, ‑Turnhemden, ‑Hosen und so fort. Der Handel mit solchen religiösen Artikeln christlichen und nicht‑christlichen ‑ mag einem Übelkeit verursachen, aber das Geschäft läuft. Sowohl die neue Bourgeoisie als auch jene, die ihre Zuflucht in transzendentaler Meditation suchten, sind heute so arm und so »plastic« wie ihre altmodischen und komischen Eltern in den modernistischen und versnobten Kirchen. Hier geht es nicht um die Frage, was nun schlimmer wäre. Beide liegen falsch, und beides ist abscheulich.  

Jüngste Entwicklungen im christlichen Lager

Bis jetzt haben wir uns mit Entwicklungen der säkularen Seite der Kultur beschäftigt. Jetzt wollen wir uns dem zuwenden, was sich innerhalb der Christenheit zugetragen hat. Nach meiner Sicht kann man auf der christlichen Seite dieselben Phänomene beobachten wie auf der nichtchristlichen. Vieles von dem, was sich als Trend innerhalb der Christenheit abzeichnet, kann nicht als isoliertes Geschehen betrachtet werden, sondern muß als eine weitere Infiltration der sie umgebenden nicht‑christlichen Welt verstanden werden. Wir blenden einige Jahre zurück.

Während der vergangenen Jahrzehnte kamen jedes Jahr zwei‑ oder dreihundert junge Menschen von orthodoxen (oder bibelgläubigen, oder fundamentalistischen, oder evangelikalen) Familien in den Vereinigten Staaten, England, Holland usw. nach L’Abri, und sie haben uns gesagt: »Ihr seid unsere letzte Hoffnung.« Wir hätten dies nie so formuliert. Aber mit diesen oder ähnlichen Worten brachten sie selbst es immer wieder zum Ausdruck. Diese Studenten kamen aus Gemeinden, die vorgeben, daß sie sich dem Wort Gottes verpflichtet. wissen, und die an der biblischen Lehre festhalten wollen. Ich rede hier nicht von den vielen Studenten, die von Haus aus einer modernistischen Kirche angehörten. Denn das ist wieder eine ganz andere Sache. Es waren die konservativ‑christlichen jungen Menschen, die sagten: »Ihr seid unsere letzte Hoffnung.« Warum? Weil man ihnen immer wieder gesagt hatte, daß sie glauben sollten, ihnen aber vernünftige Antworten auf ihre schwerwiegenden Fragen schuldig geblieben war.Mit einer Art mißverstandenem Kierkegaardianismus klopften die Eltern und Pfarrer ihren Zöglingen auf die Schulter und sagten: »Stell keine Fragen, mein Kind, glaube nur.« Es war geistlicher, zu glauben, ohne Fragen zu stellen, als die Fragen auszusprechen.

Der zweite Grund, warum sich die jungen Menschen von ihren Gemeinden abwandten, lag darin, daß sie dort nichts Schönes fanden. Die Familien fielen z. B. auseinander, und die ältere Generation lebte weithin nicht das aus, was sie lehrte. Es gab oft wenig Liebe, wenig Interesse für die anderen Menschen, wenig oder gar keine Gemeinschaft.

Was war geschehen? Warum nahmen diese Kirchen einen anti‑intellektuellen Standpunkt ein? Warum blieb ihr Glaube weithin Theorie? Eine teilweise Erklärung ist nach meiner Meinung darin zu finden, daß diese Gemeinden mit einer gehörigen Portion platonischen Gedankengutes infiziert waren. Dieser Platonismus zeigte sich auf verschiedenste Weise. Zunächst vielleicht in der Haltung, die viele Pietisten dem Körper gegenüber eingenommen hatten. Alles, was mit Sex zu tun hatte, war tabu. Man konnte über dieses nicht reden, und man durfte jenes nicht erwähnen. Man durfte nicht einmal den Eheleuten helfen, mehr Freude an ihrem geschlechtlichen Miteinander zu haben. Die Bibel hat nichts Negatives über sexuelle Freuden zu sagen, wenn es sich um eine lebenslange ein‑Mann‑eine-Frau‑Verbindung handelt. Die Bibel begrenzt diese Freuden auf eben diese Form der Ehe. Aber innerhalb dieser Form gibt es eine herrliche Freiheit für die Freude miteinander und aneinander. Diese Tatsachen wurden nicht beachtet. Warum? Weil der Platonismus den Körper gering wertete, der Körper war verdächtig, nur die Seele war gut.

So kam es zu einem Gefälle. Man tat so, als sei es allein von Bedeutung, daß die Seele des Menschen errettet würde und in den Himmel käme. Der Mensch an sich war unwichtig. Nur die Seele war wertvoll, und der Wert der Seele hatte mit dem Himmel zu tun und sehr wenig mit dem gegenwärtigen irdischen Leben, dem Körper, dem Intellekt, der Gesellschaft oder der Kultur.

Vor einigen Jahren besuchte ich Florenz mit einer Gruppe von Menschen, die schon seit Jahren in Italien Missionsarbeit taten. Viele von ihnen hatten noch nie die Museen gesehen, und am Ende sagte ein Missionar zu mir: »Sie sind der erste Mensch, dem ich als schriftgebundenem Theologen Vertrauen schenke und der mir gesagt hat, daß ich nach der Schönheit in diesen Bildern ausschauen soll. « Wir standen vor Botticellis Geburt der Venus, und ich sagte: »Ist das nicht wunderschön?« Einer der Männer sah mich an und fragte: »Was ist denn so schön da dran?« Wie ist es nur möglich, daß ein Mensch vor Botticellis Geburt der Venus steht und die Schönheit nicht sieht? Es ist sehr schwer, eine solche Frage mit drei Sätzen zu beantworten. Diese negative Einstellung zur Kunst und zur Kultur überhaupt war oft ein wesentlicher Faktor in evangelikalen und orthodoxen Kreisen.

Viele Menschen aus einer solchen Tradition kamen nach L’Abri. Sie lehnten sich dagegen auf, daß man ihnen keine Antwort gab, sie lehnten sich gegen die latente Unterstellung auf, daß der Körper irgendwie schlecht und der Intellekt und die Kultur verdächtig seien.

Ein Faktor, der die jungen Leute vor etwa 10‑15 Jahren nach L’Abri zog, war folgender: Sie wußten, daß wir die Bibel lehrten und daß unser ganzes Denken auf biblischer Grundlage geschah. Gleichzeitig war uns sehr daran gelegen ‑ und wir baten unseren Herrn, dies glaubwürdig ausleben zu können‑, daß für uns Christen der Intellekt und der gesamte Bereich Kultur unter die Herrschaft Christi kam. Mit anderen Worten, wir glaubten, daß für uns als Christen diese Dinge nicht an sich verdächtig sind, daß sie aber unter die Herrschaft Christi gehören.

Ein anderer Punkt, der die jungen Leute in ihren Kirchen abstieß, war die Gesetzlichkeit. Es hatte sich eine ganze Serie von Tabus entwickelt, die überhaupt nichts mit der Heiligen Schrift zu tun hatten. Die historischen Zufälligkeiten, aus denen diese Gruppen erwachsen waren und ein ganzes Panorama von Mittelklasse‑Normen war »heilig gesprochen« worden, und man hatte sie mit den absoluten biblischen Maßstäben gleichgesetzt. Als Ergebnis wurden die biblischen Wertmaßstäbe in den evangelikalen Kreisen fast so sehr zerstört wie bei den Modernisten, für die es keine biblischen Normen gibt.

Aus vielen Ländern strömten die Studenten nach L’Abri. Die Diskussion drehte sich immer wiederum die intellektuelle Integrität der christlichen Wahrheit. Wir wissen, daß die christliche Wahrheit wahr ist, und wir wissen etwas von der Schönheit, die sie hervorbringen kann. Wir wissen, daß der Körper an sich nicht schlecht ist, und wir wissen, daß es innerhalb der biblischen Normen unter der Leitung des Heiligen Geistes Freiheit gibt. Wir wissen, daß die Mittelklasse‑Regeln nicht auf einer Ebene mit biblischen Normen stehen. Plötzlich wurde die Freiheit, Mensch zu sein, erkannt, die Freiheit, zu sein, was wir wirklich sind.

Heute scheint sich nun selbst unter den Christen die Situation zu ändern. Wir empfinden etwas von der Infiltration der gleichen Kräfte, die wir in der nicht‑christlichen Welt beobachten. Besonders seit Beginn der 70er Jahre hat sich diese Strömung der Veränderung bemerkbar gemacht. Und ich frage mich, ob nicht diese neue Veränderung, die eine Parallele zu der Veränderung in der säkularisierten Gesellschaft darstellt, die Auseinandersetzung für die nächsten zehn Jahre bestimmen wird.

Wenn meine Analyse richtig ist, befinden wir uns mitten in einem titanischen Kampf. Ich kann für diese neue Mentalität keine bessere Bezeichnung finden als neoplatonischer Spiritualismus. Es handelt sich um eine geistige Haltung, die zwei Hauptströmungen aufweist: das Neupfingstlertum und ‑ allgemeiner gefaßt ‑ die neue Super-Frömmigkeit.  

Die neue Pfingstbewegung

Mit der Pfingstbewegung sind wir sicherlich vertraut. Sie entstand Anfang dieses Jahrhunderts und ist seither gewachsen. Meines Erachtens war die Pfingstbewegung immer in der Gefahr, äußere Zeichen und Manifestationen als Merkmale geistlichen Lebens überzubetonen. Wenn diese äußeren Dinge nicht vorhanden waren, wurde man leicht als eine Art Christ minderer Qualität eingestuft, als Folge eines unbiblischen Perfektionismus. Positiv ist zu sagen, daß die alte Pfingstbewegung lehrmäßig weithin biblisch orientiert war, wenn sie auch eine eigene und unbiblische Lehre vom Heiligen Geist und den Geistesgaben verkündigte. Dogmatische Übereinstimmung wenigstens war die Mindestvoraussetzung für Gemeinschaft und Aufnahme. Wenn man nicht die richtige Lehre vertrat, konnte man weder Mitglied noch Pastor in dieser Gemeinschaft werden. Die alte Pfingstbewegung legte großes Gewicht auf die Schrift, was der Evangelisation der Pfingstbewegung, z. B. in Südamerika, eine ungeheure Dynamik verlieh.

Es handelt sich also um Menschen, die das Evangelium lehrten, die Hochachtung vor der Schrift hatten und dem Heiligen Geist den gebührenden Platz einräumten. In einer solchen Situation wird Gott die Menschen gebrauchen ‑auch wenn sie Fehler machen. Und wir machen alle Fehler. Wenn wir das Evangelium klar verkündigen, die Heilige Schrift in ihren Aussagen als Maßstab anerkennen und dem Heiligen Geist den ihm zukommenden Platz einräumen, dann wird Gott uns segnen, auch wenn wir Fehler machen. Und ich wiederhole: keiner von uns ist ohne Fehler.

Mit dem Aufkommen des Neupfingstlertums hat sich die Situation verändert. Allgemein kann gesagt werden, daß die neue Pfingstbewegung die Betonung auf die äußeren Zeichen selbst legt und nicht auf die Inhalte, und sie macht diese äußeren Zeichen zum Maßstab für Gemeinschaft und Aufnahme. Mit anderen Worten, wenn man diese Manifestationen aufweisen kann, gehört man dazu, ist man »in«.

Die Schwierigkeit ist nur: es gibt auch Gruppen bei den Unitariern und auch bei den Buddhisten, die diese äußeren Merkmale aufweisen. Darüber hinaus können diese äußeren Dinge imitiert und vom Teufel gefälscht werden. Somit stehen wir heute vor einer Situation, die sich wesentlich von der Zeit der alten Pfingstbewegung unterscheidet. Die alte Pfingstbewegung hat einen Pastor entlassen, der eine führende Rolle im Neupfingstlertum innehatte, weil man der Meinung war, er führe sie in einen kompromißbereiten Ökumenismus und Synkretismus. Sie erkannten darin eine Aufweichung der biblischen Position.

Man kann auch Ähnlichkeiten zwischen den Neupfingstlern und der modernistischen Theologie entdecken. Die modernistischen Theologen glauben nicht an die Verbindlichkeit der biblischen Aussagen und an religiöse Wahrheit. Bei ihnen handelt es sich in Wahrheit um Existenzialisten, die eine theologische, christliche Terminologie benutzen. Daraus folgert, daß sie mit allen anderen erfahrungsorientierten Gruppierungen, die sich einer religiösen Sprache bedienen, Gemeinschaft haben können.

Im Neupfingstlertum hat eine Preisgabe oder zumindest Verwässerung biblischer Inhalte stattgefunden. Bislang war es die christliche Praxis, eine Person auf der Basis dessen anzunehmen, was er glaubt. Heute werden die äußerlichen Manifestationen zum Kriterium erhoben. Fragen, die bisher für wichtig genug angesehen wurden, um Unterschiede zu markieren ‑ und das gilt bis zurück zur Reformation und noch weiter ‑, werden heute unter den Teppich gekehrt. Es scheint, daß bei der neuen Pfingstbewegung, genau wie bei den Modernisten, bei wichtigen Lehrfragen völlig entgegengesetzte Standpunkte eingenommen werden können ‑ und beide als richtig akzeptiert werden. Mit anderen Worten: Inhalte zählen nicht, wenn nur die äußeren Zeichen und die religiöse Emotion vorhanden sind.

Wenn wir die jungen Menschen ansehen, die dieser neuen Pfingstbewegung verhaftet sind, können wir bestimmt nicht zu dem Schluß kommen, daß viele von ihnen überhaupt keine Christen seien. Ich bin ganz sicher, daß viele von ihnen wirklich Christen sind. Aber auch dies ist wahr: Wo wir diesen jungen Menschen begegnen, haben wir es immer wieder mit dem Faktum zu tun, daß viele von ihnen einen Glauben ohne rechten Inhalt haben. Die Erfahrung ist alles. Gefühl (oder Emotionalismus) ist die Grundlage.

Natürlich müssen wir an dieser Stelle vorsichtig sein. Wir vertreten nicht den Standpunkt, daß es keine Erfahrungen und keine Gefühle geben sollte. Es gibt sie, und es muß sie geben. Aber weder Erfahrung noch Emotion ist die Grundlage unseres Glaubens. Die Grundlage unseres Glaubens ist, daß es verbindliche Wahrheiten gibt. Der ganze Mensch, einschließlich seines Verstandes, muß der Tatsache Rechnung tragen, daß gewisse Dinge wahr sind. Das wird uns selbstverständlich in eine erfahrbare Verbindung mit Gott bringen. Aber die Basis ist der Inhalt und nicht die Erfahrung. Paulus, Jesaja und andere Propheten, und auch Jesus Christus selbst, sehen das zumindest so. Diese Sicht der Dinge zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Schrift.Aber wenn wir Menschen begegnen, die in dieser Art christlichen Platonismus verfangen sind und ihnen die Frage stellen, woher sie denn wissen, daß sie Christen sind, reden sie sehr oft nur von ihren eigenen Erfahrungen und ihren eigenen Gefühlen.  

Die Kinder Gottes

Zusätzlich zum Neupfingstlertum gibt es noch andere Gruppierungen von super‑geistlichen, platonischen Christen. Die Gruppe, die ich zuerst erwähnen will, gehört vielleicht nicht genau hierher, aber wir dürfen sie nicht ausklammern.

Es handelt sich um die Kinder Gottes (Children of God) und ähnliche Gruppierungen. Es ergibt sich eine eigenartige Situation. Wir erinnern uns an die Gesetzlichkeit, die in orthodoxen Kreisen aufkam, an die außerbiblischen Gesetze, die man halten mußte, wenn man keine Schuldgefühle haben wollte. Denn es handelte sich dabei nicht um geistliche Ratschläge, sondern um Tabus. Wenn jemand eine dieser Regeln mißachtet hatte, dann sorgte man dafür, daß er sich so schuldig fühlte, als habe er die Ehe gebrochen oder einen Mord begangen ‑ Dinge also, die schriftgebundene Normen betreffen. Viele junge Menschen rebellierten gegen diese Gesetzlichkeit und kehrten ihren Kirchen den Rücken. Erst nachdem sie Freiheit in den schriftgegebenen Grenzen gefunden hatten, beruhigten sie sich wieder und kamen in ein richtiges Verhältnis zu ihrem Herrn. Nun ist es eigenartig, daß einige von diesen jungen Leuten, die gegen die Gesetzlichkeit rebellierten, heute zu den Kindern Gottes oder ähnlichen Gruppen gehören, die weitaus gesetzlicher sind, als es je eine orthodoxe Gemeinde war.

In diesen Gruppen wird eine vollständige Askese praktiziert. Sie sind wie die Säulenheiligen der Vergangenheit, die sich völlig von der Welt absetzen wollten und sich tatsächlich auf eine Säule setzten ‑ und nicht wieder herun­terkamen, bis sie starben. Die Kinder Gottes und ähnliche Gruppen vertreten einen mönchischen Lebensstil, wie er sich im Mittelalter entwickelte. Diese Lebensweise hat überhaupt nichts mit Christsein zu tun, denn sie leugnet die Herrschaft Christi über den ganzen Menschen. Der dahinterliegende Gedanke ist, daß man Leute zu geistli­chen Persönlichkeiten machen kann, wenn man sie in ein Zimmer einsperrt, oder die Mauern hoch genug sind, um einen Kontakt mit der Umgebung unmöglich zu machen. Das ist eine Umkehrung biblischen Christseins. Jesus bat nicht darum, daß seine Jünger aus dieser Welt herausge­nommen, sondern daß sie vor dem Bösen in dieser Welt bewahrt würden. Die Verbreitung des Mönchtums grün­dete sich auf ein platonisches oder asketisches Konzept, das im Widerspruch zu biblischem geistlichem Leben stand. In einigen orthodoxen Kreisen war, obwohl es sich da nicht direkt um mönchische Lebensformen handelte, dieser gleiche Trend zu beobachten. Es wurden ungeheure Mauern aufgerichtet. Und wenn man sich schön innerhalb dieser Mauern aufhielt, dann war und blieb man automa­tisch geistlich.

Hier entdecken wir heute eine Parallele bei den Christen. Für einige dieser jungen Menschen hat sich innerhalb von etwa sechs Jahren ein Kreis geschlossen: Sie haben die Enge ihrer Kirche oder Gemeinschaft verlassen und die Freiheit wahren Christseins erfahren. Dann haben sie sich einer Gruppe, wie den Kindern Gottes, angeschlossen, die eine Gesetzlichkeit kennen, wie man sie sich extremer nicht vorstellen kann. Keinerlei Kontakt mit der Außen­welt wird gestattet. Man darf keiner geregelten Arbeit nachgehen und den Eltern keine Briefe schreiben. Außer der Bibel dürfen keine Bücher gelesen werden, und es gibt keine kulturellen Interessen. Die Ältesten müssen jeder Eheschließung zustimmen. Und diese Ältesten sind oft nur 22 oder 23 Jahre alt. Es ist erschreckend! Ich muß in Gedanken um diese jungen Menschen weinen ‑ denn ich kenne einige von ihnen. Nachdem sie gesetzliche Kirchen und Gemeinden verlassen und abgelehnt hatten, sind sie zu etwas zurückgekehrt, das noch gesetzlicher ist und sie noch mehr einengt.  

Die neue Super‑Frömmigkeit

Man kann die Kinder Gottes und ähnliche Gruppen sehr leicht erkennen und feststellen, wo sie speziell falsch liegen. Aber es gibt ein allgemeineres Phänomen, das viel schwieriger zu identifizieren ist. Es ist nicht leicht, ein Lackmus‑Papier zu finden, das empfindlich genug ist. Wenn jemand eine falsche Lehre vertritt (z. B. daß Jesus nicht der ewige Gottessohn ist, oder daß die Jungfrauengeburt ein Mythos ist und die leibliche Auferstehung gar nicht stattfand), dann können wir das leicht feststellen. Entweder man glaubt an die leibliche Auferstehung Jesu oder nicht. Wo wir es aber mit der neuen Super‑Geistlichkeit zu tun haben, fehlt uns diese eindeutige Richtschnur. Wir müssen trotzdem versuchen, eine Identifizierung (so gut wie möglich) vorzunehmen und darüber zu sprechen. Wir müssen das tun, wenn es zutrifft, daß sich gerade an dieser Stelle die Auseinandersetzung der kommenden Jahre abspielen wird. Und wenn wir uns gegen den alten, orthodoxen Platonismus gewandt haben, der weder Interesse noch Verständnis dafür hatte, daß die Herrschaft Christi die Kulturfragen und den ganzen Menschen einschließen, dann müssen wir unsere Stimme auch gegen die neue platonische Super‑Frömmigkeit erheben, die in gleicher Weise, wenn nicht vermehrt, echtes biblisches Christsein ablehnt.

Was kann uns nun helfen, die Kennzeichnung vorzunehmen? Nicht jeder, der mit dieser Übergeistlichkeit zu tun hat, ist an den gleichen Merkmalen zu erkennen. Aber eine Kennzeichnung ist die unbiblische Auslegung von 1. Korinther 1 und z. Einige glauben aus diesen Kapiteln herauslesen zu sollen, daß sich Paulus hier gegen die Weisheit und die Vernunft als solche wendet. Als ob Paulus den Verstand verachtet hätte! Dann wird auch die Lehre wiederbelebt, Paulus habe bei seiner Areopagrede in Athen einen Fehler gemacht, indem er einen intellektuellen Einstieg wählte (Apg. 17). Es wird argumentiert, Paulus habe, wie 1. Korinther 1‑2 beweise, seine Einstellung im Blick auf den Verstand geändert. Das ist schlechte Exegese. Paulus geht es darum, den aufkommenden Gnostizismus zurückzuweisen (die Lehre, daß man Heil durch Wissen erlangen kann) und die weltliche Weisheit (humanistisch oder rationalistisch) als im Widerspruch befindlich zum göttlichen Wissen, das uns durch Offenbarung gegeben ist, aufzuzeigen. Paulus lehnt sowohl einen autonomen Intellektualismus als auch die verfeinerte Kontemplation ab. Es geht also hier um den Unterschied zwischen autonomer, humanistischer Weisheit und göttlicher Offenbarung.

Die Gefahr, einem stolzen Intellektualismus zu verfallen, ist sehr real. Aber wir stehen auch in der Gefahr, den Menschen nicht genug Liebe und Anerkennung zu schenken, um dadurch die harte Arbeit auf uns zu nehmen, die Fragen der Menschen zu verstehen und ihnen ehrliche Antworten zu geben. Während seines ganzen Dienstes hat Paulus mit dieser Liebe und diesem Verständnis zu den Menschen gesprochen. Und er hat auch in dieser Weise geschrieben, z. B. die beiden ersten Kapitel im Römerbrief. Auch Christus hat während seiner Erdentage mit Feingefühl Fragen beantwortet und ist auf Gespräche eingegangen.

Ein zweites Merkmal der Super‑Frömmigkeit, die sich oft auf eine falsche Auslegung von 1. Korinther 1 und 2 stützt, ist die Ablehnung von Diskussion und Apologetik. Es ist eigenartig, daß manche jungen Leute, die es satt hatten, mit Bibeltexten gefüttert zu werden, ohne daß ihre Fragen beantwortet wurden, heute das gleiche mit anderen Menschen tun. Es ist, als ob man einem Phantom begegnet, wie ein deja vu. Wir haben dies in der Vergangenheit in einigen orthodoxen und evangelikalen Kreisen erlebt, und es hat uns um die leid getan, die dabei verletzt oder gar zerstört wurden. Und ich sagte zu mir selbst: Es ist nicht fair, diesen Studenten nicht zu sagen, daß es intelligente Gründe für den Glauben gibt. Es ist nicht fair, ihnen zu sagen, daß es ungeistlich ist, intellektuelle Fragen zu stellen. Und nun hat sich in wenigen Jahren der Kreis geschlossen ‑wir haben wieder die gleichen Probleme. Sobald wir eine Diskussion beginnen und ernsthafte Fragen beantworten, erhebt sich plötzlich diese Stimme und sagt: »Das ist aber nicht geistlich!«

Es geht die Vorstellung um, bei der Beantwortung von geistlichen Problemen müßte sich die Stimme verändern. Das ist wie bei einigen der älteren Pfarrer, die damit die Jugend vergrault haben. Viele Pfarrer und Prediger beteten und predigten nicht in ihrer normalen, natürlichen Stimme, sondern mit einer besonderen, heiligen Stimme. Man lernte es, in einer unnatürlich erhabenen Stimme zu beten. Das gehörte dazu, das war die »heilige Stimme«. Und die kann man auch heute wieder hören.

Die Erscheinungsformen dieser »Heiligkeit« ändern sich natürlich von einem Land zum anderen. So war es z. B. in Holland in den 40er Jahren so, daß die Heiligkeit eines Pfarrers von seiner Kleidung und von seinem Fahrrad abzulesen war. Er trug immer gestreifte Hosen und fuhr ein Fahrrad, das fünf Zentimeter höher war als alle anderen. Man erkannte ihn, wenn er die Straße entlang radelte. Studenten aus Holland kamen zu uns und sagten: »Es ist nicht zum Aushalten. Wir könnten schreien!« Und heute, nur wenige Jahre danach, kommen die besonderen Kennzeichen und die besondere Stimme wieder.

Ein drittes Kennzeichen (das man aber nicht überall findet) ist eine negative Einstellung dem Körperlichen gegenüber. Askese als Selbstzweck kommt wieder auf. Wir erinnern uns an grausige Zustände in einigen christlichen Familien in gewissen orthodoxen oder pietistischen Kreisen, die dadurch zum Ausdruck kamen, daß man ganz offen oder auch stillschweigend die Ansicht vertrat, es sei geistlicher, auf die körperlichen Freuden in der Ehe zu verzichten. Auch das kommt wieder auf uns zu. Das heißt nicht, die Eheleute könnten nicht übereinkommen, zu gewissen Zeiten geschlechtliche Enthaltsamkeit zu üben, um zu beten. Es geht hier vielmehr um die Form der Enthaltsamkeit, die an sich schon »heilig« ist. Es ist eine ganz natürliche Folgerung, daß die Menschen mit einer negativen Einstellung zum Körper auch immer weniger Gewicht auf die leibliche Auferstehung des Gläubigen legen. So wird der Körper ebenso verachtet wie der Intellekt.

Ein viertes Kennzeichen der Super‑Frömmigkeit ist darin zu sehen, daß bestimmte Fragen überhaupt nicht mehr gestellt werden. Von den jungen Leuten, die an dieser Stelle gefährdet sind, höre ich kaum noch Fragen kulturellen Inhalts. Vor 5 oder 6 Jahren hörte ich noch in jeder Diskussion Fragen wie: »Was bedeutet dieses für die Kunst? Was bedeutet jenes für die Dichtung, für das Drama, für die Musik? Was bedeutet es? Heute können Tage vergehen, ohne daß ich eine einzige solche Frage höre. Und wenn diese Fragen nicht gestellt werden, dann heißt das, die Leute denken nicht darüber nach. Die Herrschaft Christi über den gesamten menschlichen Betätigungsbereich ist ihnen einfach zwischen den Fingern zerronnen.

Die Entwicklung geht parallel. Auf der nicht‑christlichen Seite haben die Studenten, die die bürgerliche Tradition ihrer Eltern haßten, eine neue Bourgeoisie gebildet. Studenten, die den Anti‑Intellektualismus ihrer Eltern haßten, haben sich dem transzendentalen Mystizismus verschrieben. Auf der christlichen Seite treten die Studenten, die gegen die Gesetzlichkeit ihrer Eltern und Kirchen kämpften, heute den strengsten Sekten bei. Die jungen Leute, die den Anti‑Intellektualismus ihrer Eltern nicht ausstehen konnten, begnügen sich heute mit einem Jesus, der ihnen nicht mehr bedeutet als ein besonderer »Trip«, losgelöst vom Denken, vom ganzheitlichen Menschen.

Ein weiteres Kennzeichen der neuen Super‑Frömmigkeit ist die Betonung des Spektakulären, des Außergewöhnlichen. Hand in Hand mit dieser Erscheinung geht eine eschatologie‑orientierte Theologie. In evangelikalen Kreisen in England und Amerika war in den vergangenen 10 bis 15 Jahren die Prophetie und Eschatologie verdrängt worden. Sie wurden von den jungen, schriftgebundenen Theologen verachtet, weil sie erlebt hatten, wie sich ihre Eltern um selbst die winzigsten eschatologischen Details gestritten hatten. In diesen Kreisen konnte es vorkommen, daß jemand plötzlich gegen einen anderen vom Leder zog, weil er die Reihenfolge heilsgeschichtlicher Ereignisse etwas anders sah. Der eine sagte: »Eins, zwei, drei, vier«, und der andere behauptete: »Eins, zwei, vier, drei. « Und bäng! ‑ war der Krieg fertig. Die jüngere Generation machte dies krank, und sie wurde der Streitigkeiten müde. So kam es, daß in einigen theologischen Seminaren ‑ und ich habe dort gelehrt ‑wenig Interesse für Prophetie und Eschatologie vorhanden war. Heute dagegen ist die Prophetie für viele junge Leute nicht ein Teil der Gesamttheologie, sondern ist zum Angelpunkt ihrer Theologie geworden. Eschatologische Themen sind ungebührlich aufgebauscht worden. Ich habe im Blick auf die Eschatologie einen festen, biblischen Standpunkt, aber die Eschatologie ist nicht das Zentrum meiner Theologie. Ich befürchte, Prophetie ist heute vielfach deshalb so populär, weil das Interesse am Spektakulären so groß ist. Je außergewöhnlicher, um so besser. Es muß prickelnd sein. Außerdem verlangt man nach einer schnellen und leichten Lösung. Sowohl bei den Nicht‑Christen wie bei den Christen findet sich ein Kaleidoskop sich schnell verändernder Moderichtungen. Was man will, ist »Instant‑Alles«.

Bei all den aufgeführten Kennzeichen dieser Super-Frömmigkeit müssen wir uns über die Schwierigkeiten klar sein, die jede Differenzierung mit sich bringt. Im Blick auf die Lehre und für bestimmte moralische Gebiete ist es leicht, die Grenzen zu ziehen. Wenn jemand die ewige Gottessohnschaft Jesu ablehnt, dann ist der Fall klar. Da gibt es ein ganz klares Ja oder Nein. Eine fifty‑fifty‑Haltung ist nicht möglich. Wenn es darum geht, ob ein Ältester mit der Frau eines anderen die Ehe gebrochen hat, dann hat er es entweder getan oder nicht. Es ist einfach. Aber wenn wir zu der Super‑Frömmigkeit kommen, dann wird die Differenzierung schwieriger. Wir werden gewiß auch Fehler machen, und wir müssen uns gegenseitig helfen, auf dem Boden der Heiligen Schrift und unter der Kontrolle des Heiligen Geistes zu stehen, damit wir hier keine schwerwiegenden Fehler machen.  

Eine biblische Antwort auf die neue Super‑Frömmigkeit

Was sollen wir nun als Christen im Blick auf die Entwicklung zu einem neuen Platonismus tun? Unsere Antwort kann keine oberflächliche sein, sie muß wohlüberlegt und fundiert sein. Und doch glaube ich, daß wir vier Grundsätze herausstellen können.

Zunächst gilt es, uns die Kennzeichen echten Christseins zu vergegenwärtigen.* Wir müssen uns in unserem Denken und Fühlen ganz klar darüber sein, daß es sich bei denen, die wirklich Christen sind, um unsere Brüder in Christo handelt. Die Welt hat ein Recht darauf, unser Christsein daran zu messen, ob wir als Christen Liebe untereinander üben. Darum muß diese unsere Liebe für die Welt sichtbar sein. Darüber hinaus hat Christus uns in Johannes 17 gesagt, daß die Welt ein Recht darauf hat, die Sendung des Sohnes vom Vater daran zu messen, ob die Liebe aller wahren Christen für die Welt offenbar wird. Deshalb dürfen wir uns nicht in gräßliche Parteien zersplittern. Wir wollen sagen, was wir glauben und auch danach handeln. Aber das soll nicht zur Spaltung führen, sondern dem Miteinander unter den Christen dienen.

In unserer Auseinandersetzung mit der platonischen Spiritualität müssen wir zweitens immer wieder den Inhalt betonen. Darauf kommt es an! Und dieser Glaubensinhalt muß sich auf die uns gegebene Offenbarung in der Schrift gründen. Und alle unsere Freiheiten unter der Herrschaft des Heiligen Geistes müssen sich in den von der Schrift vorgegebenen Grenzen bewegen. Wir müssen immer wieder betonen, daß nicht Erfahrung und Emotion die Grundlage unseres Glaubens bilden, sondern die Wahrheit, wie Gott sie uns ausdrücklich und endgültig in der Heiligen Schrift gegeben hat. Und wir nehmen diese Wahrheit zuallererst mit unserem Verstand auf ‑ obwohl der Mensch dann ganzheitlich darauf reagieren muß.

Drittens müssen wir uns dem Trend »Hin zu einer neuen Super‑Frömmigkeit«, widersetzen. Es ist wichtig, daß wir uns gegen die neue, nicht‑christliche Bourgeoisie und die alte, nicht‑christliche Bourgeoisie erheben, denn beide sind bereit, Freiheit für den Preis des persönlichen Friedens und des Wohlstandes zu verkaufen. Wie wir uns gegen eine Form der Frömmigkeit gewandt haben, die in Wirklichkeit platonisch ist und Jesus Christus nicht auch über den Verstand und den gesamten Kulturbereich die Herrschaft einräumt, so müssen wir uns auch gegen eine neue Super‑Frömmigkeit wenden. Dies kann auf verschiedene Art und Weise geschehen.

Zunächst gilt es, sehr vorsichtig zu sein, wenn wir jungen Christen raten, wo sie am besten den Gottesdienst besuchen und welcher Jugendgruppe sie sich anschließen sollen. Es hat immer wieder Gruppen gegeben, die das Gefühl zu sehr betonten und es versäumten, in ausreichendem Maße die intellektuellen Probleme lösen zu helfen, die aber sonst recht gut waren. Man konnte wirkliche Gemeinschaft dort haben. Aber heute ist es so, daß sich die beiden Strömungen ‑ alter und neuer Emotionalismus vereinigt haben und sich gegenseitig stärken. Festzustellen, ob eine bestimmte Gemeinde auf dem Boden der Heiligen Schrift steht, ist nicht schwer. Man fragt einfach den Pfarrer und die Gemeindeglieder, ob sie bestimmte lehrmäßige Wahrheiten glauben, und wenn sie dann nein sagen, weiß man, daß man es nicht mit einer auf Schrift und Bekenntnis stehenden Gemeinde zu tun hat. Wenn wir aber feststellen wollen, ob eine bibeltreue Gemeinde auch das biblische Konzept der Gemeinschaft praktiziert, dann ist das weitaus schwieriger. Die Linien lassen sich nicht so klar ausziehen. Mit dem Problem der neuen Super‑Frömmigkeit ist es noch komplizierter. Aber wir haben die Verantwortung, den jungen Menschen, die Christen werden, zu raten, wo sie am besten hingehen, um sich einer Gemeinde anzuschließen.

Wenn wir Verantwortung für eine örtliche Gemeinde oder Gruppe tragen, dann dürfen wir die neue, platonische Super‑Frömmigkeit nicht ausufern lassen. Und das ist nicht leicht, weil man ja auch keine sterile Situation schaffen will. Wenn wir drogengebundenen Menschen helfen wollen, dann bekommen wir es ganz praktisch auch mit Drogen zu tun. Die Umgebung ist nicht etwa antiseptisch. Aber weil wir dieses Risiko immer wieder eingegangen sind, kamen Dutzende von jungen Leuten frei und wurden lebendige Christen. Und das ist großartig und gut. In gleicher Weise können wir die Studenten und andere, die es mit dieser neuen Super‑Frömmigkeit zu tun haben, nicht einfach isolieren. Man kämpft um sie und geht Risiken ein, man bleibt die ganze Nacht auf und betet für sie ‑ und weiß immer um die Gefahren, die damit verbunden sind. Man kann den Menschen nicht helfen, wenn man die Türen nicht weit öffnet. Und die jungen Menschen, von denen wir hier sprechen, brauchen dringend Hilfe, denn sie stehen nicht dort, wo der biblische Standort ist. Dies trifft auf die Anhänger des transzendentalen Mystizismus ebenso zu wie auf die Gruppen, die einen super‑frommen Platonismus praktizieren. Andererseits dürfen wir aber auch nicht zulassen, daß diese Leute anderen Schaden zufügen. Wenn wir es mit Drogen zu tun haben, kann einmal der Augenblick kommen, wo wir jemandem sagen müssen: »Ich liebe dich immer noch, und ich will dir auch in Zukunft weiterhelfen, aber du mußt uns jetzt verlassen, denn was du tust, ist für andere, die von den Drogen loskommen wollen, ein ernsthaftes Hindernis! Es tut mir leid, denn ich habe dich lieb, und du weißt das auch, aber du kannst nicht länger bleiben.« In gewisser Weise kann das auch für die Super‑Frommen zutreffen, die entschlossen sind, anderen ihren Frömmigkeitsstil aufzuzwingen.

Es ist eine Tatsache, daß es schwieriger ist, für den zuletzt genannten Fall Maßstäbe zu finden, als für Drogenabhängige. Aber wir müssen es liebevoll versuchen, wenn wir nicht einer gräßlichen Gesetzlichkeit oder einer total platonischen Denkweise verfallen wollen, die den Glauben reduzieren auf ein Zerrbild.

Darüber hinaus liegt es an uns, immer wieder zu betonen, daß auch der Verstand Christus gehört, denn der ganze Mensch soll ja zu Christus kommen. Mit anderen Worten: wenn keine intellektuellen oder kulturellen Fragen bei unseren Vorlesungen gestellt werden, dann müssen wir diese Fragen selbst aufwerfen. Als ich vor 10 oder 12 Jahren Vorträge in evangelikalen Gemeinden und in Schulen hielt, waren es nicht immer die Schüler und die Lehrer, die diese Fragen stellten. Ich mußte sie oft selbst artikulieren. Ich bin mir dessen bewußt, die Vorträge waren damals revolutionär. Ich betonte die geistige und kulturelle Seite des Christseins, die Herrschaft Christi über den ganzen Menschen. Das tat ich auch dann, wenn keine Fragen in dieser Richtung kamen. Vielleicht müssen wir wieder damit anfangen. Wenn wir lehren, predigen oder Vorträge halten, müssen wir wieder diese Aspekte hervorheben. Das ist genauso wichtig, wie auf die neue Bourgeoisie zu achten und zu begreifen, daß sie uns den Boden unter den Füßen weg­ziehen und uns einer Elite ausliefern wird‑ genau wie das die alte Bourgeoisie getan hat. Wir müssen also die Herr­schaft Christi über den Kulturbereich und über den Intel­lekt unterstreichen. Das ist für die junge Generation ge­nauso wichtig wie für ihre Eltern.

Viertens und letztens: Wo immer wir der Herausforde­rung der neuen Super‑Frömmigkeit begegnen, dürfen wir nicht übertrieben reagieren. Ich habe wirklich Angst vor einer Überreaktion, vor einer Überbetonung des Intel­lekts, vor einer Überbetonung des kulturellen Anliegens, wo dann das Christentum lediglich wie ein System behan­delt wird. Das Christentum ist zwar ein System ‑ aber nicht nur ein System. Es geht um den existenten Gott und ein lebendiges Verhältnis zu ihm. Darum liegt die Gefahr auf der Hand, daß wir angesichts der neuen Super‑Fröm­migkeit zu heftig reagieren und das Werk des Heiligen Geistes dabei zu gering veranschlagen.

Es ist sehr interessant, zu beobachten, wie Irrlehren funk­tionieren, und wie der Teufel immer wieder gewinnt. Zur Veranschaulichung wollen wir einmal annehmen, daß die Summe der christlichen Lehre aus einer Skala von 1‑100 besteht. Wir müssen uns dabei vergegenwärtigen, daß die christliche Lehre nicht nur aus Dogmatik besteht, sondern auch die Bedürfnisse des Menschen, so wie er von Gott er­schaffen wurde und wie er seit dem Sündenfall ist, umfaßt. Wenn also der ganze Mensch Erfüllung finden will, dann braucht er dazu die Lehre der ganzen Skala von 1‑100. Ein Blick auf die Kirchengeschichte zeigt uns, daß Irrlehren etwa so entstanden: Die Kirche vernachlässigte oder strich vielleicht ganz aus ihrer Verkündigung die Punkte 40‑50. Natürlich leben wir in einer gefallenen Welt, und niemand hält die christliche Lehre in einem vollkommenen Gleich­gewicht, aber wir müssen uns gegenseitig helfen, es zu ver­suchen.

Wir nehmen also an, daß die Punkte 40‑50 nicht betont werden. Daraus ergeben sich zwei Dinge. Zunächst haben wir eine unbiblische Situation. Wahres Christsein ist ein ausgeglichenes Ganzes. Zweitens nimmt nun Satan diese Punkte von 40‑50 aus dem Gesamtzusammenhang heraus und veranlaßt jemanden, sie überzubetonen. Und daraus entwickelt sich Häresie. Mit anderen Worten: Anstatt die­sen Teilabschnitt im Zusammenhang und in Verbindung mit dem Ganzen der christlichen Lehre zu belassen, wird er aus dem System herausgelöst. Losgelöst wird diese an sich christliche Lehre dann verfälscht oder umgekehrt.

Aber warum gewinnt Satan? Er gewinnt, weil der Geist des Menschen und sein Herz von einem Sehnen erfüllt ist; es geht nicht ohne die Punkte 40‑50. Der Mensch braucht die gesamte christliche Lehre. Nicht nur, um ein geschlos­senes und richtiges System zu haben, sondern erst die ganze christliche Lehre erfüllt das Sehnen des ganzen Menschen in unserer gefallenen Welt. Satan gewinnt, weil die Menschen plötzlich erkennen, daß die Punkte 40‑50 geschwächt oder ausgeklammert wurden. Und wenn dann jemand kommt, der sich gerade auf diese Punkte speziali­siert, dann werden sie leicht in diesem Netz gefangen. Eine Gruppe überbetont die Punkte 40‑50 und reißt sie somit aus ihrem Gesamtzusammenhang. Eine andere Gruppe erkennt diese Überbetonung als unrichtig, sieht darin eine Irrlehre und verfällt in das andere Extrem. Um ja sicher zu gehen, werden hier die Punkte 40‑50 noch weiter ver­drängt als vorher, denn man will sich ja klar gegen die Gruppe absetzen, die eine Irrlehre vertritt. Satan fischt in beiden Teichen ‑ und ist in beiden erfolgreich.

Die richtige, biblische Antwort auf solche Art der falschen Lehre besteht nicht darin, diese betreffende Lehre nun ganz zu vermeiden, sondern sie in den rechten Zusammenhang einzuordnen. Der wirkliche Christ, der sich auf dem Boden der Heiligen Schrift bewegt und unter der Leitung des Heiligen Geistes steht, muß nach Ausgewogenheit trachten, auch dann, wenn es zunächst so aussieht, als bringe er damit die Gemeinde in gefährliche Nähe zur Irrlehre. Wenn eine Gruppe das Werk des Heiligen Geistes auf Kosten des gesamten biblischen Lehrinhaltes überbetont, oder wenn die Bedeutung des Intellekts und der kulturellen Verantwortlichkeit herabgemindert wird, dann besteht die Gefahr, daß immer weniger vom Heiligen Geist geredet wird, aus Angst, man könnte mit der anderen Gruppe verwechselt werden. Richtig ist es aber, an dieser Stelle den Mut zu haben, zuzugeben, daß die Punkte 40‑50 (worum es sich auch immer dabei handelt) nicht gebührend beachtet wurden und daß man damit anfängt, ihnen im Verhältnis zur Gesamtlehre den richtigen Platz einzuräumen.

Im vorliegenden Falle bedeutet dies: Wir müssen die Frömmigkeit, das Leben im Geist, seiner Bedeutung entsprechend betonen. Das haben wir in L’Abri versucht, und wir würden nicht für uns in Anspruch nehmen wollen, daß wir Erfolg gehabt haben, aber wir haben es versucht. Die eigentlichen Grundlagen unserer Arbeit in L’Abri sind in einer Serie von Tonbändern und jetzt einem Buch über echtes Leben im Geist niedergelegt, wirkliche Frömmigkeit. Im Blick auf die intellektuellen Probleme hat Gott diese Tonbänder gesegnet. Aber sie wären ein Nichts ohne die Betonung wahren geistlichen Lebens. Sie wären ein Nichts ohne die Wirklichkeit des Gebetes. Auch beim Schreiben unserer Bücher kam es uns auf ein gutes Gleichgewicht an‑ auch wenn das noch schwieriger ist als in direktem Zusammenleben in L’Abri.

Sind wir ausgeglichen? Ich bin mir bewußt, daß das nicht in vollkommenem Maße gelingt. Aber wir stehen vor unserem Herrn, und wir bitten ihn, uns zu helfen. Und das müssen wir wohl alle tun.

Christsein hat es nicht nur mit dem Intellekt zu tun, erstreckt sich nicht nur auf unsere gesellschaftliche und kulturelle Verantwortung. Christsein heißt, aufgrund des vollbrachten Werkes Jesu Christi, seines stellvertretenden Todes in Raum und Zeit, d. h. in der Geschichte, wiedergeboren zu sein. Christsein heißt, wirkliche, lebendige Gemeinschaft mit Gott in diesem irdischen Leben zu haben. Der Christ weiß um die Innewohnung des Heiligen Geistes, weiß um die immer neue Kraft des Heiligen Geistes. Christsein läßt sich an den Früchten des Geistes messen: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Christsein bedeutet, daß diese Früchte des Geistes für alle Gläubigen eine Wirklichkeit darstellen. Es bedeutet, daß Gebet nicht nur eine fromme Übung, sondern eine Realität ist. Es stimmt schon, wir dürfen auf die neue platonische Super-Frömmigkeit nicht übertrieben reagieren, aber wir müssen betonen, daß Christus der Herr des ganzen Menschen ist und nicht nur Herr der Seele. Er ist der Herr des Verstandes und der Herr des Körpers. Er will, daß wir das Leben bejahen und es nicht negieren. Das ist das Ideal. Möge Gott uns eine lebendige Balance zeigen und uns in seiner Gnade helfen, diese Ausgewogenheit auszuleben. 

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