Nazis und Zionisten nach 1933

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Joseph Croitoru

 

Ein irritierendes Kapitel der Geschichte

 

Zionisten und Nationalsozialisten nach 1933

Die Frage, wie sich deutsche Antisemiten und Zionisten bis in die Zeit des Dritten Reichs hinein gegenseitig wahrnahmen und einander gegenüber verhielten, wurde von Historikern lange gemieden. 1985 veröffentlichte der amerikanische Holocaust-Forscher Francis R. Nicosia seine Pionierarbeit The Third Reich and the Palestine-Question, in der er diese Problematik erstmals insbesondere vor dem Hintergrund der NS-Außenpolitik untersuchte. Nicosia zeigte schon damals, dass die Nationalsozialisten in den deutschen Zionisten einen nützlichen Partner für ihre Politik sahen, die auch noch bis ins Jahr 1939 das Ziel verfolgte, die deutschen Juden in die Emigration zu treiben – besonders auch nach Palästina. Die Studie hatte seinerzeit ein deutscher Verlag ohne Wissen des Autors ins Deutsche übertragen und mit einer tendenziösen Einführung versehen, in der Nicosias wissenschaftlich fundierte Arbeit auf eine Ebene gestellt wurde mit einem Pamphlet des amerikanisch-jüdischen Antizionisten Lenni Brenner. Er diffamiert die Zionisten bis heute als „Kollaborateure“ der Nationalsozialisten.

Nicosia, der sich von all dem ausdrücklich distanziert hatte, betrieb weitere Forschungen auf diesem Gebiet und legte 2008 ihre Ergebnisse auf Englisch vor. Der Titel der beim Wallstein-Verlag erschienenen Übersetzung, Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich, lässt nicht darauf schließen, dass das erste Viertel des Buches einen weit ausholenden historischen Abriss enthält über die Art, wie deutsche Antisemiten den Zionismus wahrnahmen und Zionisten den Antisemitismus rezipierten. Dass schon Martin Luther die Juden nach Palästina jagen wollte, dürfte den wenigsten bekannt sein. Von Vertretern der antisemitischen Bewegung im Kaiserreich wurde dieses Ansinnen ähnlich artikuliert. Auch Alfred Rosenberg und mit ihm Hitler machten diesen Gedanken schon früh zu einem festen Bestandteil der NS-Ideologie.

Überlagerung der Ideen

Auf zionistischer Seite forderten schon Denker wie Rabbi Zvi Hirsch Kalischer (1795 bis 1874) die jüdische Kolonisation Palästinas. Und die Assimilation der Juden lehnten sowohl Antisemiten wie Zionisten ab, wobei sie die Existenz der jeweils anderen Gruppe als Begründung anführten. Für die Antisemiten verkörperte der Zionismus die „doppelte Loyalität“ der Juden und diente als Beleg für deren angeblichen Integrationsunwillen. Für die Zionisten wiederum war der Antisemitismus der Beweis für das Scheitern der Assimilation. Dass hier durchaus eine gewisse Überschneidung der Interessen vorlag, erkannten beide Seiten früh. So wurden die Ideen des Gründervaters des modernen Zionismus, Theodor Herzl, von vielen Antisemiten befürwortet. Sie, so Nicosia, waren über die Aussicht erfreut, „dass die Juden Europa aus eigenem Willen verlassen würden“.

Trotz der sich „überlagernden Ansätze von Zionisten und Antisemiten“ bestanden weder im Wilhelminischen Deutschland noch in der Weimarer Zeit direkte Kontakte zwischen den beiden Gruppen. Denn gegen die in der Zwischenkriegszeit erstarkende antisemitische Bewegung kämpften auch die Zionisten in Deutschland, wenngleich sie dies mit weit weniger Überzeugung taten als die – nichtzionistisch eingestellte – Mehrheit der deutschen Juden, die mit der Abwehr des Antisemitismus ihre infrage gestellte Stellung als gleichberechtigte Staatsbürger zu verteidigen suchten. Im Krisenjahr 1932 signalisierte die Führung der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ (ZVfD), wie wenig sie sich von dieser Abwehrarbeit versprach. Entsprechend gab sich ihr Vorsitzender Kurt Blumenfeld damals optimistisch darüber, dass sich aufgrund der sich verschärfenden Krise immer mehr deutsche Juden dem Zionismus zuwenden würden. Vor diesem Hintergrund schien man auf zionistischer Seite Überlegungen anzustellen, inwieweit eine Kontaktaufnahme zu den Nationalsozialisten sinnvoll wäre. Die Einladung des NSDAP-Vertreters Gregor Strasser im Herbst 1932, gemeinsam über die „Judenfrage“ in Deutschland zu diskutieren, lehnte der ZVfD-Vorstand jedoch ab.

Das Transferabkommen

Nach der Machtübernahme Hitlers begann im Hinblick auf den Umgang miteinander für Nationalsozialisten wie für die von ihnen nun kontrollierten Zionisten eine Zeit voller Widersprüche. Die Führung des NS-Regimes setzte zwar neben der systematisch betriebenen Enteignung und Entrechtung der deutschen Juden alles daran, sie in größeren Zahlen zur Emigration – auch nach Palästina – zu bewegen. Doch die dortige Gründung eines jüdischen Staates lehnte sie kategorisch ab. Ein solcher hätte aus Sicht der NS-Ideologen, die an eine „jüdische Weltverschwörung“ glaubten, den Juden nicht nur die Basis geliefert, die von ihnen angeblich angestrebte „Weltherrschaft“ zu verwirklichen. Auch kam für die NS-Spitze eine Unterstützung des jüdischen Strebens nach Eigenstaatlichkeit nicht in Frage, weil dies die Beziehungen zu England, der Mandatsmacht in Palästina, gefährdet hätte. Die deutschen Zionisten wiederum, die die repressive Judenpolitik der Nationalsozialisten aufs Schärfste verurteilten, mussten schließlich erkennen, dass ihre aktive Einbeziehung in die Realisierung der auf Palästina bezogenen Auswanderungspolitik des NS-Staates der zionistischen Bewegung nutzte.

Nicosia hat eine beachtliche Fülle von Dokumenten aus deutschen und zionistischen Archiven ausgewertet, die nun Einzelheiten dieser Zusammenarbeit beleuchten – und zwar weit über das mittlerweile gut erforschte Transferabkommen (Haavara) hinaus, das deutschen Juden in den Jahren 1933 bis 1939 ermöglichte, einen Teil ihres Vermögens nach Palästina mitzunehmen. Wenngleich die Nationalsozialisten Juden grundsätzlich verachteten, wurden die Zionisten in Deutschland bis 1939 in mehrerer Hinsicht bevorzugt behandelt. So waren ihren bereits nach Palästina emigrierten Anführern Deutschland-Besuche erlaubt. Zionistische Aktivitäten wurden geduldet, wenn auch von Gestapo und SD streng überwacht. Die Stärkung der Zionisten gegenüber den jüdischen „Assimilanten“ – vom Autor ebenso eindrucksvoll dokumentiert wie die innerjüdischen Auseinandersetzungen – war vom Regime gewollt und führte mit der Zeit zu einem deutlichen Zuwachs der Zionismus-Anhänger. Vor allem die jüngeren unter ihnen durften in den zahlreichen Umschulungslagern der Zionisten auf die bevorstehende Auswanderung nach Palästina vorbereitet werden. Hier waren die Nationalsozialisten sogar bereit, ein Auge zuzudrücken, wenn es dabei auf deutschen Bauernhöfen zu Kontakten mit „Ariern“ kam.

Nicosia weist anhand von Archivmaterial nach, dass Hitler noch Anfang 1938
an Palästina als erwünschtem Auswanderungsziel für deutsche Juden festhielt.
Und obgleich ihre immer weiter forcierte wirtschaftliche Ausgrenzung die Emigration der deutschen Juden generell erschwerte, wurden für die Auswanderungswilligen unter ihnen noch bis weit
in das Jahr 1939 hinein nicht nur Umschulungskurse veranstaltet. SD und Gestapo kooperierten auch mit zionistischen Aktivisten aus Palästina bei dem
Versuch, deutsch-jüdische Auswanderer
über Südosteuropa illegal ins Land zu
schmuggeln. Was das irritierende Kapitel der Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nationalsozialisten anbetrifft, so unterstreicht Nicosia, dass es
sich keineswegs um ebenbürtige Akteure handelte, sondern um Verfolger und
Verfolgte – und Letztere wurden der Vernichtung sofort zugeführt, sobald der
NS-Staat keine Verwendung mehr für
sie hatte.

JOSEPH CROITORU

 

Francis R. Nicosia: „Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich“. Aus dem Englischen von Karin Hanta. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 400 S., geb., 39,90 €.

 

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