Menschlichkeit – von Annie Kraus

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ICH WAR ERSCHÜTTERT VON DIESER NIE GEAHNTEN MENSCHLICHKEIT

– Den stillen Ruhm des anderen Deutschland laut verkünden: Die Jüdin Annie Kraus über ihre Erlebnisse als Getauchte während der Nazizeit –

Tausende überlebten den Judenmord nur, weil sie auf Retter trafen, die sie unter Gefahr des eigenen Lebens versteckten und versorgten. Annie Kraus erwähnt in ihrem Brief an den emigrierten Juristen Waldemar Gurian nicht nur prominente Helfer wie den Solf Kreis, eine Gruppe von Kritikern und Gegnern Hitlers, und den katholischen Widerstand. Auch Portiersfrauen, Wirtinnen und Kindergärtnerinnen, “Weddingbewohner“, die selbst fast nichts besaßen, rühmt sie für ihren Anstand und ihre riskante Hilfe. Es handelt sich um die verborgenen Helden einer inoffiziellen Widerstandsbewegung, ohne die sie und andere nicht überlebt hätten. Den Hinweis auf diesen unbekannten Brief, den wir hier gekürzt wiedergeben, verdanken wir den Historikern Andreas Mix und Reinhard Mehring.

F.A.Z., 20. Juli 2007

 

Sommer 1947

Sehr verehrter Herr Dr. Gurian!

Ich bin Ihnen und H. H. Peter Thomas Michels sehr dankbar für Ihre große Freundlichkeit, zumal ich das versprochene Carepaket weniger für mich als für meine caritativen Zwecke bitter notwendig brauche.

Sie bitten mich um Mitteilung meiner Erlebnisse als Getauchte während der Nazizeit. Aber ganz Deutschland ist jetzt in unvorstellbarer leiblicher und seelischer Not, und so ist in. E. nicht mehr der Moment, auf Deutschland Steine zu werfen, trotzdem die nicht zu leugnende Reuelosigkeit und Unbußfertigkeit der „ewigen Nazis“ den Anschein eines Rechtes dazu erwecken könnte. Auch ist jene Unbußfertigkeit und alles neue Oberwasser, das man leider konstatieren muß, nicht ganz unverschuldet. Denn die Dinge, die jetzt tatsächlich von anderer Seite geschehen, sind nicht dazu angetan, das eigene begangene Unrecht bereuen zu lassen in Köpfen, die man auf keine Weise in der ihnen entsprechenden Art aufgeklärt hat (eine Art, in der Hitler Meister war). Das aber hätte unbedingt geschehen müssen.

Auch aus privaten Gründen möchte ich darauf verzichten, das Quälende und Schreckliche, das ich durchmachte, und die unvorstellbaren Strapazen, die ein minutiöser Kampf mit der Materie mit sich brachte, heraufzubeschwören: ich möchte die erst vor kurzem erfolgte ärztliche Beseitigung der nervlichen Folgen jener Zeit nicht mutwillig in Frage stellen. Vor allem aber wäre mein spontaner Bericht ohnehin niemals eine bloße Schilderung der erlebten Schrecken geworden. Denn da diese körperlich und seelisch schwersteiri  unvorstellbar schweren   Jahre meines Lebens auch die gnadenreichsten und geseg netsten waren, so bleibt mir gar nichts an: deres übrig, als von ihnen in diesem Sinne zu zeugen.

Weiß ich doch inzwischen, daß im Ausland leider in keiner Weise hinreichend bekannt ist, welch unerhörte Leistungen des Widerstandes, z. B. auch in der individuellen Betreuung politisch und rassisch Verfolgter, seinerzeit in ganz Deutschland und in Berlin, wo ich im ersten Jahr meines „Untertauchens“ lebte, vollbracht worden sind. In jenen Jahren ist das „andere Deutschland“ so sichtbar geworden und so strahlend erglänzt, dass ich zu sagen wage: es wiegt das Grauen des Übrigen auf. Dieses andere Deutschland ist eine Realität, vor der alles Übrige, von dem das Ausland mehr Notiz nimmt, vergeht, wie das Nichts des Bösen vor einem Funken der Liebe was wiederum keineswegs heißen soll, daß jenes andere Deutschland quantitativ so gering war.

Ich selbst habe es persönlich in a l l e n Schichten erlebt, angefangen von den oberen Zehntausend, von meiner hochverehrten Excellenz Frau Hanna Solf und ihrer Tochter Gräfin Lagi Ballestrem, die mich als Erste 6 Wochen lang beherbergte, ohne mich vorher gekannt zu haben, von Graf Albrecht Bernstorff und Geh. Legationsrat Kuenzer, diesen prachtvollen, edlen Menschen, die nach grauenvollen Marterungen im KZ am Tage des Russeneinmarsches von der SS erschossen wurden; über Weltgeistliche beider Konfessionen und Ordensleute hinweg bis hinunter zu Portiersfrauen und Weddingbewohnern, welch letztere sich ganz besonders wunderbar erwiesen und unauslöschlich in meinem Dankesgedächtnis eingetragen bleiben werden. Ohne die Hilfe, die diese Menschen mir angedeihen ließen, nachdem ich bereits von der Gestapo erfaßt war, und die ich   das ist das Allerbemerkenswerteste!   annehmen konnte, wäre ich wohl heute nicht mehr am Leben.

Unermüdlich waren diese Menschen des Solfkreises (unter ihnen auch Prof. Erxleben, der Beichtvater unseres Berliner Kardinals, der mich, nachdem er schon ein furchtbares Gestapoverhör hinter sich hatte, 5 Tage in seiner Wohnung beherbergte) und die Anderen, von denen ich noch reden werde, bemüht, mich und viele Andere zu retten, sei es durch schwarzen Grenzübertritt, durch Beschaffung von Quartieren (das schwierigste und für mich furchtbarste Problem damals, weil es mit der stärksten Gefährdung der Quartiergeber verbunden war), sei es durch Auftreiben von Lebensmittelkarten, durch pekuniäre Hilfe und durch Beschaffung falscher Papiere. Sie alle riskierten ganz bewußt unaufhörlich ihr Leben, und zwar in umso höherem Grade, als sie selbst bereits durch ihre antinazistische Haltung  und Tätigkeit „oben“ sehr schlecht angeschrieben waren. Das war bei dem prominenten Solfkreis und den mich betreuenden Geistlichen und Schwestern, namentlich dem Gründer des Kath. Friedensbundes, Dr. Metzger und seinen Piusstift Schwestern, durchgängig der Fall.

Was ich auf Bitten Frau Solfs einem Herren in der Schweiz über Kuenzer schrieb, das kann ich mit anderen gleichwertigen Einzelheiten auch über alle anderen Personen sagen, die ich in diesem Brief an Sie, verehrter Herr Doktor, nennen werde: „Seine erstaunliche Lauterkeit und Güte waren von all dem Schrecklichen, das damals als das Leiden Anderer auf ihn zukam, so tief und schmerzlich beeindruckt, und es löste ein so so großes Mitleid und Erbarmen bei ihm aus, daß seine Selbstlosigkeit und Hingabe Formen annahm, die zu dem Rührendsten gehörten, was ich erlebte. So führte er z. B. mich, die er damals kaum kannte, persönlich zu kleinen, abgelegen wohnenden Winkeladvokaten, von denen er sich für mich und meinesgleichen eine besondere Hilfe versprach. Er holte mich von weither ab, um mir irgendeinen Tip zu geben. Er brachte persönlich einen Mantel zu einer mir helfenden Freundin, um den wir ihn für einen französischen Kriegsgefangenen gebeten hatten, dem wir zur Flucht verhelfen wollten. Er lud mich zum Essen ein, um mit mir Hilfsmöglichkeiten für andere Juden zu besprechen, die ihm am Herzen lagen. Er beherbergte mich unter größter eigener Gefahr fast eine Woche lang. Er veranstaltete Geldkollekten für mich   und ich weiß, daß ich nur ein Fall unter vielen, vielen anderen war. Er hatte Kontakt und suchte ihn weiter mit allen Widerstands  und helfenden Kreisen, die der Betreuung getarnter Juden galten. Er machte zu diesem Zweck Informationsreisen in die Schweiz, um uns dort Übergänge zu besorgen. Und dies alles in einer ganz stillen, zutiefst noblen Art, immer nur den Blick auf den Andern, den leidenden, verfolgten Andern gerichtet, nie auf sich selbst.“

 Alle diese Leute schämten sich Deutschlands so furchtbar, konnten nicht an die längere Dauer eines solchen politischen Zustandes glauben und waren von einem in meinen Augen unfaßlichen kindlichen Optimismus beseelt bezüglich des Zeitpunktes des Zuendegehens jener Schreckensherrschaft sowie dessen, was sie an Vergiftung der Gemüter und an Leiden angerichtet hatte. Der kindliche Optimismus jener zum Teil politisch doch höchst erfahrenen Leute war indes der unmittelbare Ausfluß der Güte und Lauterkeit ihres Gemütes, das an die Tragfähigkeit solcher Bosheit nicht glauben konnte. Inzwischen wollten sie alle nichts anderes tun, als ihren Teil dazu beitragen, das Unrecht gutzumachen, soweit es in ihren Kräften stand. Sie wollten helfen und trösten – und waren doch selber bereits durch ihr bloßes Dasein ein großer Trost und das Wahrzeichen des wirklichen Vorhandenseins eines anderen, echten, guten Deutschlands, von dem gerade wir „Getauchte“ so herrliche Proben erleben durften und für die Zeugnis abzulegen unsere unabdingliche Verpflichtung ist.

Zu den von mir betrauerten Toten zähle ich vor allem meinen priesterlichen Freund und Vater Dr. Max Joseph Metzger, der am 17.4.1944 in Brandenburg hingerichtet wurde und als Märtyrer für den Frieden der Welt und die Einheit der Kirche gestorben ist. Er war der Mensch, der mir in jenen Zeiten am meisten gegeben hat und um den ich am meisten gelitten habe (wie denn überhaupt das, worunter ich in den Zeiten meiner Verfolgung am schwersten gelitten habe, die Angst um die Andern war, die Angst um die, die mir geholfen hatten, an denen ich hing und von denen die Meisten in die Fänge der Gestapo geraten waren).

Ich selbst wohnte monatelang am Wedding neben Dr. Metzger, aß oft in seinem Piusstift und „konspirierte“ mit ihm. Ich selbst habe das Dokument, welches seinen Tod herbeiführte, als man es bei Kuenzer und durch den Verrat einer Schwedin fand, die sich in die von Dr. Metzger gegründete und geleitete Una Sancta Gruppe eingeschlichen hatte, auf seinen Wunsch in den Solf Kreis geleitet: eine Art Verfassungsentwurf eines Nachkriegs-Deutschlands, für das der protestantische Bischof Schwedens, an den dieser Entwurf gehen sollte, auf Bitten Dr. Metzgers ein Wort bei den Alliierten einlegen sollte, das Deutschland vor der Zermalmung zu schützen vermöchte.

Als ein Opfer der Judenbetreuung wurde Dr. Franz Kaufmann (Bruder des bekannten Völkerrechtlers Erich Kaufmann der Berliner Universität, später in Haag) der eng mit Kuenzer in diesen Dingen zusammenarbeitete und mit dem ich gut bekannt war, von der SS erschossen. Dr. Kaufmann war Tag und Nacht auf den Beinen, um Juden zu helfen. Ich selbst war übrigens als ein helfendes Glied in die karitativen Bemühungen Dr. Metzgers und Dr. Kaufmanns, Thrasolts, Kuenzers und Frau Solfs eingeschaltet. Man brauchte mich vorwiegend zur Beschaffung falscher Papiere und zur Besorgung von Quartieren. Auch die Dominikaner in Berlin, die Juden betreuten, brauchten mich hierzu. Eine der Hauptkräfte dort war Maria George, die 1933 aus Gewissensgründen ihr Amt als Lehrerin niedergelegt hatte und als Küsterin zu den Dominikanern gegangen war. Sie beherbergte mich ebenfalls unter größter Gefahr und furchtbaren Aufregungen und leistete wahrhaft heroische Akte der Selbstentäusserung in der Hilfe an Juden, wohl bewußt, daß dies alles „Selbstmord“ sei.

Dieser Maria George und Frau Maria Helfferich (Bornim/Potsdam) sowie meine frühere Wirtin Frl. Gertrud Kaulitz, einer Klavierlehrein in Schlachtensee, einer Ungläubigen, – die, nachdem ich fortziehen mußte, über ein Jahr lang eine Jüdin bei sich versteckt hielt – bin ich außer den vorerwähnten Personen und den Schwestern des Piusstifts in erster Linie zu tiefstem Dank verpflichtet.

Aber neben diesen intellektuellen Personen gab es noch die vielen „kleinen“, von denen ich zum Teil nicht einmal mehr die Namen weiß. Portierfrauen, kath. Kindergärtnerinnen, Fürsorgerinnen. Von solchen Leuten bekam man (keineswegs selten!) anonyme Couverts mit 50 Mark-Scheinen. Rührend waren eine Frau am Wedding, Frl. Anna Winkler, u. eine Kindergärtnerin am Wedding: Grete Kühnel. Erstere beherbergte mich monatelang, später nahm sie einen Buben und ein jüd. Ehepaar. Das Gleiche tat Grete Kühnel. Diese Menschen, die selbst fast nichts besaßen, steckten uns, die wir dieses Milieu früher nicht gekannt hatten (ich wenigstens habe das Weddingmilieu nur vom Film her gekannt), in unüberbietbar vornehmer Art Lebensmittelkarten und Geld zu. Man war erschüttert von dieser hohen, nie geahnten Menschlichkeit. Ich selbst nahm mir damals vor, „wenn alles vorüber“ sei, und ich überleben würde, meinen Wohnsitz am Wedding zu nehmen und nie mehr im Westen Berlins.

Während der ganzen schweren Zeit damals schwebte mir als erstes Ziel nach der Befreiung vor, all diesen Wohltätern, von denen eine Reihe zu nahen Freunden geworden war, meine Dankbarkeit auf der ganzen Linie zu beweisen, geistig und materiell. Geistig, indem ich ihren stillen Ruhm laut verkünden würde; materiell, indem ich ihnen alles an Lebensmitteln und sonstigen Hilfen zuwenden würde, was ich für mich selbst vom Ausland zu bekommen hoffte. In Beidem habe ich mich verrechnet. Ich stieß auf taube Ohren, wenn ich von jenem anderen Deutschland redete, ich bekam so gut wie nichts an Lebensmitteln. Meine Hilferufe für die hungernden Schwestern in Berlin (die während der Nazizeit und während des Russeneinmarsches Namenloses durchlitten und von denen jetzt die zweite an Hunger Tbc erkrankt ist) sowie für andere großartige Helfer verhallten so gut wie ungehört. Meine gesamte riesige karitative Korrespondenz für diese Zwecke hat fast kein Resultat gezeitigt. Als ich dann selbst ab und zu ein Carepaket bekam, leitete ich den Inhalt unter großen Schwierigkeiten nach Deutschland weiter, doch kam immer nur ein Teil davon an.

Trotz all meiner bisherigen Fehlschläge wage ich nun heute, mich an Sie, verehrter Herr Doktor, zu wenden, weil ich hinreichend Grund habe, an Ihr Verständnis und an Ihren Einfluß zu glauben. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu versichern, wie glücklich und wie dankbar ich wäre, wenn der Weg zur Hilfe in der großen Not durch Sie endlich gefunden u. beschritten werden könnte. Auf alle Fälle lege ich die mir wichtigen Adressen (an die niemals ein Auslandpaket gelangt!) bei. Es handelt sich bei ihnen nur um die verborgenen, unprominenten Helden einer inoffiziellen Widerstandsbewegung (obwohl unbegreiflicherweise auch prominente wie Frau Solf und ihre Tochter ohne „Reparationen“ und Hilfe geblieben sind und ein schweres Leben haben). Falls meine Bitte in ihrer Handfestigkeit jedoch deplaciert ist, so mögen Sie sie als nicht gestellt betrachten und meiner Unkenntnis der diesbezüglichen Verhältnisse und Anschauungen in USA zugute halten. Auf jeden Fall durfte ich nicht unterlassen, sie zu stellen. Das werden Sie begreifen.

Sollte ich aber weiterhin so gut wie nichts zur Linderung der materiellen Not beitragen dürfen und die große Ungerechtigkeit an jenen stillen heldenhaften Lebenden weiterhin ertragen müssen (während sich alles in mir dagegen bäumt), so muß man uns doch gestatten, die zu rühmen, denen man nichts mehr zu geben braucht als die Ehre, die ihnen wie jenen Lebenden gebührt.

Die Schablone, unter der man sich gewöhnt hat, Deutschland zu sehen, ist falsch. Das weiß niemand besser als wir, die in jenem Land am schwersten verfolgt worden sind. Ich werde nie aufhören, den Mut aufzubringen, dies zu behaupten, und sollte ich selbst dadurch weiter in Mißkredit geraten und sollten mir weiterhin fühlbare Nachteile durch diese Behauptung und meine Haltung erwachsen. So verständlich und berechtigt das Entsetzen derer ist, die ein Land verließen, das gründlich suspekt werden mußte, weil in ihm „überhaupt so etwas passieren konnte“, so unwiderleglich ist die Tatsache, daß in demselben Land Dinge geschahen, deren Erhabenheit nur in den glorreichen Märtyrerzeiten ihresgleichen findet, von deren Widerschein hier aber wie sonst nirgendwo so Viele erglänzten, daß man das Wort Augustins realisiert zu sehen glaubte, wonach „auch du“ ein Heiliger zu werden vermagst.

Und noch eins ist nicht zu vergessen: Gewissermaßen hatten es die Juden viel einfacher als jenes andere Deutschland. Wir hatten bloß zu leiden, konnten überhaupt nichts tun. Unser Leiden war gleichsam eindimensional, wahllos, ohne Gewissensnot. Wir brauchten uns auch nicht zu schämen, mir standen sozusagen groß da. Unsere ganze Situation war eindeutig. Jene Menschen waren jedoch in der geradezu verzweifelten Lage, sich schämen zu müssen für etwas, woran sie persönlich unschuldig waren, und etwas wirklich entscheidend Abhelfendes doch nicht tun zu können. Sie hatten buchstäblich nur die Wahl, ihr Leben immer wieder aufs Spiel zu setzen für etwas, das sie selbst persönlich irgendwie gar nichts anging, und für eine Hilfe, die rein quantitativ doch nur ganz gering sein konnte; oder schweigend bloß zu leiden, sich zu schämen und ihr Leben zu behalten. Die Vielen, die diesen Teil erwählten, dürfen wir nicht verurteilen.  

Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich dieser Zeit, die ich in Deutschland durchmachte, eine Gabe der Unterscheidung verdanke, die ich nicht mehr preisgeben möchte. In ihr lernte ich die Menschen kennen, die ich vorher nicht gekannt und die sich nicht unter meinen (selbstverständlich durchweg antifaschistischen) Freunden fanden. Jene Zeit war der „Ernstfall“, an dem ich mich ein für allemal orientieren konnte und aus dem meine Wahl unwiderruflich hervorging. Ich gehöre jetzt in erster Linie zu jenen Menschen, zu jenen wahrhaft Bewährten, die ich in allen Schichten fand, und nicht mehr zu denen, mit denen mich bis dahin mehr oder weniger intellektuelle Affinitäten verbanden. Diese Gabe der Unterscheidung indes erstreckt sich auch auf die zwischen Nazis und Nichtnazis.

Es ist wahr, wir gehörten zu denen, die die Gnade hatten, nicht Nazis zu sein.

Nehmen Sie, verehrter Herr Doktor, nochmals sehr herzlichen Dank für Ihre große Freundlichkeit,

Ihre sehr ergebene

Annie Kraus

 

Reinhard Mehring

Annie Kraus, der Würgeengel des Carl Schmitt

Carl Schmitt propagierte 1936 den „Kampf gegen den jüdischen Geist“ in der Rechtswissenschaft. Aus den noch unveröffentlichten Tagebüchern der zwanziger Jahre geht indes hervor, dass Schmitt weit engeren freundschaftlichen Umgang mit Juden hatte als bisher bekannt. Georg Eisler war bis 1933 wohl sein engster Freund, der ihn auch finanziell unterstützte. Schmitt lebte in Hamburg bei Eislers wie ein Mitglied der Familie. Als seine kranke Frau Duschka wieder einmal in ein Sanatorium musste, ging Eislers Cousine Annie Kraus auf dessen Wunsch 1928 über ein Jahr als Privatassistentin, Sekretärin und Hausdame zu Schmitt nach Berlin. Er diktierte ihr täglich seine Korrespondenz und unternahm auch privat viel mit ihr. 1933 brach Schmitt um seiner nationalsozialistischen Karriere willen abrupt seine Beziehungen zu seinen jüdischen Freunden ab.

Annie Kraus überlebte in Deutschland unter dramatischen Umständen, die der Historiker Andreas Mix („Hilfe im katholischen Milieu. Das Überleben der Konvertitin Annie Kraus“, in: Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, hrsg. von Wolfgang Benz München 2003) geschildert hat. Als sie im Januar 1942 die Aufforderung erhielt, sich für einen Transport „in den Osten“ zu melden, tauchte sie unter. Im Juni 1942 ließ sie sich von ihren katholischen Helfern taufen, die ihren Einsatz für versteckte Juden teils mit dem Leben bezahlten. Im Frühjahr 1943 floh sie ins Allgäu, wo sie gesundheitlich angeschlagen überlebte. Im Sommer 1947 schrieb sie darüber an Schmitts ältesten jüdischen Schüler Waldemar Gurian einen erstaunlichen Brief. Gurian   von dem das Wort über Schmitt als den „Kronjuristen des Dritten Reichs“ ursprünglich stammt – war 1934 in die Schweiz geflohen. Später ging er in die Vereinigten Staaten.

Annie Kraus publizierte 1947 einen klugen Essay „Über die Dummheit“ (Verlag Josef Knecht, Frankfurt 1948, später stark überarbeitet erneut erschienen), der Thomas von Aquins Lehre von der „Dummheit“ auf den Nationalsozialismus münzte. Dummheit ist nicht nur eine Sache des Verstandes, meinte sie. Es gibt auch emotionale Intelligenz und Dummheit. Die größte Dummheit ist die „Starrheit“ und Trägheit des Herzens, der verstockte Mangel an Empathie, die Mitleidslosigkeit. Das war namentlich auf Schmitt gemünzt und traf ihn auch. Am 27. Oktober 1948 notierte er in sein „Glossarium“: „Sie tut wie ein kleiner Würgeengel und gehört doch gar nicht in die Gesellschaft der Prosecutoren und Accusatoren.“ REINHARD MEHRING

 

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