Die Saat muss sterben (Korea)

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Yong Choon Ahn

DIE SAAT MUSS STERBEN

– Die Geschichte einer Nachfolge in Korea –

 

VORWORT
Das mutige christliche Bekenntnis, von dem das Buch berichtet, ist eine Frucht der Missionsarbeit, die schon seit hundert Jahren in diesem Lande getrieben wird. Allerdings stellt diese Zeit nur eine kurze Spanne in der langen Geschichte der Koreaner dar, eines Volkes, das auf eine 3000 Jahre alte Kultur zurückblickt, die viel älter ist als die Europas oder Amerikas und auch älter als die seines mächtigen Nachbarn Japan. Aber diese alte und hochentwickelte Kultur bewahrte Korea nicht vor dem wachsenden Einfluß Japans, als dieses sich dem Westen öffnete und sein militärisches und wirtschaftliches Reich aufbaute.

Im Jahre 1910 wandelte sich die japanische „Treuhänderschaft“ über Korea plötzlich in einen Status, der nur als Annexion bezeichnet werden kann. Das Dreißigmillionenvolk der Koreaner wurde zu einer Kolonie degradiert und verlor Schritt um Schritt seine Freiheit. Die japanische Herrschaft war grausam. Auf brutalste Weise, die an dunkles Mittelalter erinnert   obwohl sie wahrscheinlich ihre Inspiration anderen imperialistischen Methoden unserer Tage verdankt, zwangen die Japaner dem koreanischen Volk ihre Herrschaft auf. Im Zuge dieser Unterjochung wurde auch die Religionsfreiheit angegriffen, und die relativ große und blühende christliche Kirche wurde als eines der letzten Bollwerke der Unabhängigkeit unter Feuer genommen.

Eine der Hauptwaffen im Kampf zur Vereinheitlichung und „Japanisierung“ der Koreaner war die offizielle Lehre von der Gottheit des japanischen Kaisers. Hand in Hand damit ging die Bestimmung, daß jedermann an den nationalen Riten der Schinto-Schrein Verehrung teilzunehmen hätte. Klassenweise mußten sich die Schüler vor der japanischen Fahne verneigen, und zu bestimmten festgesetzten Zeiten mußten die Lehrer zusammen mit ihren Schülern und die Pastoren mit ihren Gemeinden zu den Schinto Schreinen pilgern. Dies, so wurde betont, sei kein Akt religiöser Verehrung, sondern lediglich ein Ausdruck für nationale Solidarität, was nichts daran änderte, daß die Schinto- Schreine Stätten heidnischer Anbetung waren. Nur wenige Christen ließ das gleichgültig. Tatsächlich hatte diese Anordnung eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Forderung in frühchristlicher Zeit, dem römischen Kaiser Weihrauch zu opfern. Viele Pfarrer gaben dem Druck der Regierung nach, um ihre Kirchen offenhalten und die religiöse Unterweisung fortsetzen zu können. Aber ihre Freiheit wurde Stück um Stück beschnitten. Bestimmte Choräle wurden verboten, und die Lehre vom Jüngsten Gericht und vom endgültigen Sieg Jesu Christi mußte aus den Predigten gestrichen werden.

Die Forderung nach nationaler Solidarität war naturgemäß am schärfsten, als Japan mit Amerika und England Krieg führte (nach dem Angriff auf Pearl Harbour im Jahre 1941). Dieser Druck war mit der Niederlage Japans 1945 plötzlich zu Ende. Er war aber nur anderen, ebenso schweren Repressalien gewichen: Der Kommunismus und die Schrecken des Koreanischen Krieges überfluteten das Land. Beide, Krieg und Kommunismus, schlugen grausam nach denen, die sich treu und offen zu Jesus Christus bekannten.

Von Anfang an hatte es viele gegeben, die Widerstand leisteten. Anstatt sich zu fügen, zogen es 1937 die Missionsgesellschaften vor, ihre Schulen zu schließen. Weitsichtige und bewußte koreanische Christen bereiteten sich darauf vor, Opfer der kommenden Kämpfe zu werden; sie gründeten Bewegungen, die der Wahrheit und der Gerechtigkeit Geltung verleihen sollten. Aber die wirksamste Waffe gegen die Religionen des Nationalismus und des Kommunismus war die Treue einzelner. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines dieser Treuen und seiner Familie.

I.

Pastor Son und seine Kinder waren vom steilen Anstieg noch ganz außer Atem. Es tat gut, ein wenig zu rasten. Dankbar lieg der Pastor seinen Blick über die majestätische Landschaft schweifen. Nach den Wirren der letzten Wochen bot ihm dieser Ausflug endlich die Entspannung, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Auch für die Kinder war heute ein besonderer Tag, denn sie hatten nur selten Gelegenheit, die Leprastation zu verlassen.

Die Familie Son wohnte erst kurze Zeit auf der Leprastation. Der Ae yang won oder „Garten der liebevollen Fürsorge“, wie die Station genannt wurde, war noch unter der Aufsicht des südlichen presbyterianischen Missionsausschusses in der Nähe von Yo su mit neun Kranken gegründet worden. Jetzt, im Frühling 1940, bot er tausend Aussätzigen aller Altersstufen Zuflucht und Versorgung. Jedoch wurden die Patienten dort nicht nur materiell und medizinisch betreut, in vielen Fällen fanden sie auch den Weg zu einem echten, lebendigen Glauben an Jesus Christus.

Die Kinder sangen geistliche Lieder. Eines war ein Gebet, daß Gott das Volk segnen und Arbeiter in die Ernte senden möge. Dieses Lied konnte kaum nationalistisch genannt werden, aber dennoch war es von den Japanern verboten worden. Hier oben in der frischen Bergluft hörte jedoch niemand zu, der eine Anzeige hätte erstatten können. Außerdem genoß die Leprastation um der Kranken willen eine verhältnismäßig große Freiheit. Darum wohnte Pastor Son im Ae yang won. In der Tat war das der einzig mögliche Ausweg; denn sein Presbyterium wollte nichts mehr mit ihm zu schaffen haben, als er sich weigerte, an der vorgeschriebenen Schreinverehrung teilzunehmen.

In dieser Not bat ihn der Leiter der Leprastation, der den Dienst Sons schon lange schätzte, nach Ae yang won zu kommen, der Kirche dort vorzustehen und die Leitung der Schule zu übernehmen. Freilich bedeutete das für ihn und seine Familie, unter den Aussätzigen zu leben, mit ihnen zu essen, ihre Freuden und Leiden zu teilen und trotz der Ansteckungsgefahr keinerlei Vorrechte zu genießen.

Schon bald war Pastor Son der Mittelpunkt der Station. Die Kinder freuten sich, wenn sie ihn sahen, und seine Gemeindeglieder verehrten ihn.
„Wie war diesmal die Evangelisationsversammlung, Pastor?“
Er wandte sich nach der Fragerin, einer leprakranken Lehrerin, um. „Sehr ermutigend. Besonders froh war ich darüber, daß die japanische Fahne hinter der Kanzel entfernt wurde, ehe die Versammlung begann. Ich mußte deswegen zwar einige Male auf die Polizeistation, aber am Ende ließen sich die Herren dort doch umstimmen.“

„Was haben Sie denn gesagt?“
„Ich erklärte, daß Fahnen vor Häusern gehißt würden, um die Loyalität zum Vaterland auszudrücken, oder auf Schiffen, wenn diese in fremden Gewässern kreuzten; aber sie sollten nicht in Kirchen aufgestellt werden, damit sich die Gläubigen davor verneigten. Das sei wie eine Verbeugung vor dem eigenen Namensschild. Wenn dies ein Test für gute Staatsbürgerschaft sein solle, dann gebe es genügend Trunkenbolde und Verbrecher, die zum Schreindienst gern bereit seien und damit als gute Staatsbürger bezeichnet werden müßten. Ich bat, uns diese Forderung zu erlassen, denn wenn die Dinge so weitergingen, dann habe Japans Stunde bald geschlagen. Und ob Anhänger anderer Religionen dies glaubten oder nicht, für Christen komme dieses Verneigen einer Götzenanbetung gleich, und da dies in den zehn Geboten ausdrücklich verboten sei, sagte ich, daß ich nie daran teilnehmen würde, selbst wenn die Versammlungen aufhören müßten. Am Ende wurden die Zusammenkünfte dann doch gestattet. Unser Dorf ist klein; der Polizeichef und der Kirchenälteste sind gute Freunde. Dies mag der Grund für die Nachsicht sein. Aber wir müssen Gott danken, daß er es so geführt hat, denn angeblich sagte der Polizeichef, einen solchen Pastor würde er nicht mehr zu solchen Versammlungen einladen!“

Seine Begleiter freuten sich mit ihm. Da sie selbst als Leprakranke nicht hinausgehen und predigen konnten, unterstützten sie den Dienst ihres Pastors mit sehr viel Liebe, Anteilnahme und Gebet.
Diese Freiheit währte jedoch nicht lange. Im September 1940, nach einigen ähnlichen Zwischenfällen, wurde Pastor Son verhaftet.

Neun Monate saß er im Gefängnis in Yo su, nur ein paar Bahnstunden von der Leprastation entfernt. Doch während dieser ganzen Zeit wurde nichts über ihn bekannt. Seine Familie und seine Freunde schlossen nur aus der Tatsache, daß seine abgetragenen Kleider zurückgeschickt und neue angefordert wurden, daß er noch am Leben sei. Nach Ablauf der neun Monate tauchten Gerüchte über ihn auf, aber sie widersprachen sich. Einige wollten wissen, daß er nun bald frei sein würde, weil er ja nichts verbrochen habe. Andere Spekulationen liefen darauf hinaus, daß er einer Verurteilung wohl nicht werde entgehen können, da sich die Zeiten verschlechtert hatten , man flüsterte sich sogar zu, er habe eingelenkt und an Schreinverehrung teilgenommen. Endlich wurde offiziell bekannt, daß er vor Gericht gestellt würde.
Die Nachricht bestätigte und verstärkte Frau Sons Besorgnis. Anklage würde man gegen ihn erheben? In ihrer großen Unruhe sah sie ihren Mann im Traum ganz in Weiß gekleidet. Sie war sicher, daß dies ein neues Unglück zu bedeuten habe, und machte sich am nächsten Morgen nach der Familienandacht auf den Weg, um Erkundigungen einzuziehen.
Der diensttuende Polizist im Yo su Gefängnis war verschlossen und gab ihr keine Auskunft. Aber ein Laufjunge flüsterte ihr zu, ihr Mann solle am nächsten Tag Yo su verlassen. Zwar wußte sie nun nicht, ob das seine Entlassung bedeuten oder ob ihm der Prozeß gemacht werde. Aber sie befahl alles in Gottes Hände und kehrte in den Ae yang won zurück.

Am nächsten Morgen fuhr sie wieder nach Yo su, diesmal nahm sie jedoch die Kinder mit   das Baby Ruth auf den Rücken geschnallt, die beiden ältesten Söhne, den sechzehnjährigen Matthew und den zwölfjährigen John, die sechs Jahre alte Rachel und den fünfjährigen Andrew. Während sie auf der Polizeistation warteten, brachte ihnen die Frau des örtlichen Pastors etwas zu essen. Der gleiche Polizist ging vorüber, sagte aber wieder nichts.

Endlich kam ihr Mann. Er wurde von zwei Polizisten begleitet, war aber nicht gebunden. Er sah blaß und abgezehrt aus und wankte, als ob er sich nur mühsam auf den Füßen halten könne. Mit großer Anstrengung unterdrückte Frau Son einen Schrei. Sie wollte so gern zu ihm gehen, aber sie wagte es nicht wegen der Polizisten. Da ging der eine zum Bahnhof, um Fahrkarten zu lösen, und der andere – als wolle er ihr die ersehnte Gelegenheit geben – trat zur Seite und wechselte ein paar Worte mit einem Wärter. Sofort war sie bei ihrem Mann.

„Wohin bringen sie dich?“
„Nach Kwang ju.“
Die Augenblicke waren kostbar. Hatte sie nicht Gerüchte gehört, daß er doch an der Schreinverehrung teilgenommen hätte? Für Nebensächlichkeiten war keine Zeit. So öffnete sie schnell ihre Bibel und hielt sie ihm hin. „Du erinnerst dich doch daran, nicht wahr? Wenn du dich vor dem Schrein verneigst, bist du nicht mehr mein Mann. Und was noch viel schlimmer ist, du verlierst deine Seele.“
Pastor Son las die Worte, die sie ihm zeigte: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offb. 2,10). Auf seinem blassen Gesicht erschien ein Lächeln. Tränen traten ihm in die Augen. „Hab keine Angst. Nur, bete für mich.“
Im Ae yang won sah sich Frau Son einer neuen Schwierigkeit gegenüber. Nach der Verhaftung ihres Mannes war ein japanischer Inspektor auf die Station gekommen. Und jetzt verlangte dieser Mann, daß Frau Son ihm das Haus überlassen solle, das sie mit ihren Kindern bewohnte. Immer wieder sandte er Leute, um sie zum Auszug zu drängen. Sie wußte zwar, daß sie gehen mußte, aber wohin sollte sie sich wenden? Hier hatte die Familie endlich Zuflucht gefunden, nachdem sie von Ort zu Ort gejagt worden war.

Die ständigen Besuche zermürbten sie. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe versicherte sie dem Inspektor, daß sie bald eine Lösung finden würde, wenn er sich nur noch ein wenig gedulden wolle.
Sie konnte sich jedoch keinen Ausweg denken.

Aber die Hilfe kam. Eines Nachts trafen sich die Kirchenältesten heimlich und beschlossen, Frau Son, da sie ihr ja kein Haus oder Stück Land anbieten konnten, alles Geld aus der Kirchenkasse zu geben. Das Geld war auf dem privaten Konto eines der Ältesten, und da die Abrechnung noch nicht an die Behörden abgeliefert worden war, konnten sie dieses Geld unauffällig beiseite schaffen.
Auch für die Kranken war eine schwere Zeit angebrochen. Nach Pastor Sons Verhaftung war die Polizei auf die Station gekommen und hatte Untersuchungen über des Pastors Glauben und Predigten angestellt. Alle Personen in verantwortlichen Stellungen waren vernommen worden. Als die Aussätzigen versicherten, daß selbst der japanische Kaiser der ewigen Verdammnis anheimfiele, wenn er nicht an Christus glaubte, gerieten die Polizisten in Zorn. Sie sahen in diesen Äußerungen eine Beschimpfung der kaiserlichen Autorität und zwangen nun der Gemeinde den nationalen Ritus, also die Schreinverehrung, auf. Der neue Inspektor hatte die Ausführung dieses Befehls vor jedem Gottesdienst zu überwachen. Obgleich die Ältesten dieser Anordnung nicht gehorchten, gab die Gemeinde widerstrebend nach. Die Ältesten versuchten, mit dem Inspektor zu sprechen, aber dieser stellte sie nur vor die Wahl, zu gehorchen oder zu gehen.

Darauf konnten sie nichts erwidern. Keiner von ihnen wollte die Station verlassen, denn außer dem Ae yang won hatten sie kein Zuhause. Wohin sollten sie gehen? Hier war Sicherheit   freilich, sie würden ständig gegen ihre religiöse Überzeugung handeln müssen. Draußen wären sie frei, ihrem Gewissen zu gehorchen, aber draußen wären sie Bettler.

Frau Son blieb keine Wahl. Als der Tag ihres Auszugs kam, hatten sich viele Aussätzige zum gleichen Entschluß durchgerungen. Sie wollten doch lieber die Station verlassen, als ihren Glauben verraten. Frau Son plante, nach Kwang ju zu ziehen, wo ihr Mann jetzt im Gefängnis war. Die Leprakranken hatten den örtlichen Kirchenvorsteher dort verständigt, und sie versicherten ihr, daß er ihr bei der Suche nach einem Haus behilflich sein und sie am Bahnhof abholen würde.

So stand sie auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug. ihr jüngstes Kind trug sie auf dein Rücken. Ein großer Trost war es für sie, Matthew bei sich zu haben. Als ältester Sohn half er ihr viel bei den jüngeren Geschwistern.

Als das Pfeifen des Zuges die kalte Morgenluft zerschnitt, trat einer der Kranken, die zu ihrem Abschied mitgekommen waren, in spontaner Herzlichkeit auf Frau Son zu und versprach, sie in Kwang ju zu besuchen. Nun kam auch der Zug in Sicht. Er wand sich durch die wogenden Gerstenfelder und näherte sich schnell. Die Aussätzigen sangen. „Gott mit dir, bis wir uns wiedersehen.“
Matthew sammelte das Gepäck zusammen. Dann wandte er sich an die Kranken. „Macht euch keine Sorgen. Eines Tages komme ich zurück und diene euch als Pastor an meines Vaters Stelle.“
„Dies ist der Bericht über Ihr Leben, den wir zusammengestellt haben“, hatte vor acht langen Tagen der Polizeichef der Chum nam Provinz zu Pastor Son gesagt. „Er umfaßt 500 Sei¬ten. Ich lese ihn Ihnen jetzt vor. Hören Sie zu.“ Endlich, nach vielen Stunden, war er damit fertig. Erleichtert seufzte der Polizeichef auf und zündete sich eine Zigarette an. „Das war ein Stück harter Arbeit, Pastor Son“, sagte er. „Würden Sie ihren Fingerabdruck hier in die Ecke des Berichtes setzen.“  –  „Warum?“  –  „Zum Zeichen Ihrer Bestätigung, daß dies Ihre Worte sind.“

Pastor Son zögerte. „Das kann ich nicht. Es sind nicht meine Worte.“

Vor Erstaunen ließ der Polizeichef die Zigarette aus dem Mund fallen.

„Was!“ schrie er. „Was wollen Sie damit sagen? Sind Sie verrückt? Wessen Worte sind es denn dann, meine etwa?“
„Diese Worte sind weder Ihre noch meine. Es sind Gottes Worte.“

Zornig schlug ihn der Polizeichef ins Gesicht. „Soll das etwa heißen, daß Sie Gott sind?“ Er hätte ihn noch einmal geschlagen, wenn Pastor Son nicht so völlig ruhig geblieben wäre. Es waren noch andere Polizisten im Raum, und sie alle blickten Pastor Son jetzt gespannt an.

„Nein, ich bin nicht Gott“, sagte Pastor Son sanft. „Ich will damit nur sagen, daß ich Gottes Worte gebrauchte, um meine Antworten zu geben. Wenn Sie mir meine Bibel bringen, kann ich es Ihnen zeigen.“

Der Polizeichef stand mißmutig auf. Wie schon so oft holte er die Bibel, und Pastor Son schlug die Verse auf, die er zitiert hatte, und legte sie sorgfältig aus. So nützte er seine Zeit im Gefängnis, um den Polizisten und Regierungsfunktionären, die seinen Fall behandelten, die christliche Botschaft zu verkündigen. Er hatte so viel wie möglich an diesem Lebensbericht mitgearbeitet. Im stillen betend, hatte er alle Fragen über die Bibel, über die Sünde, über die letzten Tage beantwortet, und er hatte genau erklärt, was seine Verhörer nicht verstanden hatten. Natürlich sprach er auf diese Weise oft Dinge aus, die ihm in seinem Prozeß nicht dienlich sein konn¬ten   so oft, daß der Polizeichef Pastor Son für sehr töricht hielt und außerdem glaubte, sein Kreuzverhör müsse ungewöhnlich ausgeklügelt sein.

Wie nicht anders erwartet, wurde Pastor Son schuldig gesprochen und zu weiteren achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt, die er im Kwang ju Gefängnis zubrachte. Wegen seiner schwachen Gesundheit hätte die Polizei den Prozeß niedergeschlagen und Son auf freien Fuß gesetzt, wenn er ihrer Forderung auch nur ein wenig nachgegeben und bestimmte Versprechungen gemacht hätte. Aber nichts vermochte seinen Glauben anzutasten.
Als seine Strafe abgelaufen war, wurde er vor den Staatsanwalt Joda geführt. Zunächst fragte Joda den Wärter, der Pastor Son begleitete, ob der Pastor in seiner Haltung irgendeinen Fortschritt gezeigt und ob er an der Schreinverehrung teilgenommen hätte.

„Ja“, antwortete der Wärter, „ja, das hat er. Er war nicht nur regelmäßig beim Schrein Ritus anwesend, er hat auch seine ganze Haltung beachtlich geändert. Ich kann nichts Nachteiliges berichten.“
„Das stimmt nicht“, unterbrach Pastor Son hastig. „Ich habe nie an der Schreinverehrung teilgenommen.“
Joda sah vom Häftling zum Wärter und dann wieder zu Pastor Son. Er konnte einfach nicht fassen, daß jemand so borniert sein konnte. Da stand ein Mann, der mehr als zweieinhalb Jahre im Gefängnis gesessen hatte, der nicht nur eine Frau und Kinder besaß, die auf seine Entlassung warteten, sondern auch einen alten Vater, der bald sterben würde. Wollte er sie denn gar nicht wiedersehen? Wenn Pastor Son auch nur die geringste Nachgiebigkeit gezeigt hätte, er würde ihn freigelassen haben.
Obgleich er erzürnt war, daß Pastor Son den Aussagen des Wärters widersprochen hatte, gab er ihm doch noch eine Möglichkeit, seine Worte zurückzunehmen.
„Vor fast drei Jahren verließen Sie Ihre Familie. Möchten Sie denn nicht wieder zu ihr zurück? Warum geben Sie nicht endlich ihre alten starrköpfigen Ideen auf und beteiligen sich an der Religion, die Ihrem Lande am besten angepaßt ist?“
„Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit“, antwortete Pastor Son   und er meinte es ernst, denn er sah, daß der Staatsanwalt alles tat, was in seiner Macht stand, um ihn freizugeben, „Danke, aber ich kann nicht gegen meinen Glauben handeln.“
Haben Ihnen denn drei Jahre Kerker überhaupt nichts ausgemacht?“
„Ich sagte Ihnen schon vor eineinhalb Jahren, daß der Glaube eines Christen im Leiden erstarkt. So war es für mich ein Gewinn, im Gefängnis zu sein. Und es ist mir völlig gleich, was nun geschieht. Denn wenn ich nach Hause zurückgehe, ist Christus bei mir, und wenn ich im Gefängnis bleibe, wird er auch bei mir sein.“
Joda starrte ihn verständnislos an. „Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie noch lange zu leben“, sagte er. Aber reden können Sie! Woher kommt Ihre Kraft?“
Er wandte sich ab.
Pastor Son ging mit dem Wärter zurück in seine Zelle. Danke, daß Sie vor dein Staatsanwalt für mich eingestanden sind. Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen widersprechen mußte, aber ich hätte nicht schweigen dürfen.“
Der Wärter war immer noch verlegen, auch ungehalten darüber, daß er vor dem Staatsanwalt sein Gesicht verloren hatte.
„Macht nichts, wenn Sie es so ernst nehmen mit Ihrem Glauben“, antwortete er. „Aber ich wußte, Sie würden nichts zu Ihren Gunsten unternehmen. Und ich wollte Sie nicht länger im Gefängnis sitzen sehen.“

Joda beschloß, Pastor Son in das Gefängnis für Intellektuelle zu schicken. Im Mai 1943 wurde er nach Seoul überführt und später nach Chung ju. (Im ganzen verbrachte Pastor Son fünf Jahre in Haft.) All die langen Jahre hindurch strahlte er die gleiche Kraft des Geistes aus, die den Staatsanwalt so erstaunt hatte.
Sein Einfluß war außerhalb und auch innerhalb des Gefängnisses zu spüren. Durch Briefe nahm er weiter seinen Platz in der Familie ein; er tröstete seine Frau, als sie krank war; er drängte Matthew, zu studieren, obgleich dieser arbeiten mußte, um die Familie zu unterhalten. Seinem alten Vater schrieb er Briefe in einem ausgefeilten Stil, um ihm so die gebührende Verehrung zu zollen, die er zu seinem großen Kummer vom Gefängnis aus nicht in vollem Maße erweisen zu können glaubte.

In diesen Briefen und in anderen an seine Gemeinde war er voller Ermutigung und Zuversicht.
„Der Nacht folgt der Tag“, schrieb er, „und der warme Frühling folgt dem Winter; genauso muß jeder, der die Helligkeit des Tages sehen will, erst durch die Dunkelheit der Nacht gehen, und wer den Frühling begrüßen will, muß erst den kalten Winter ertragen.“

Er versuchte, die Sorgen seiner Familie um seine Gesundheit zu zerstreuen. War ihm auch warm genug? Hatte er genug zu essen?
Er antwortete: „Gott, der die Lilien mit Herrlichkeit kleidet und den Vögeln Nahrung gibt, verläßt keines seiner Kinder. Ich war noch nie ein starker Esser, daher ist das, was ich bekomme, genug. Und da ich von kleinem Wuchs bin, reichen die Decken und Kleider aus, um mich zu wärmen. Was kann ich mehr wollen, da doch in unserem Lande Krieg ist?“
Selbst über das wenige, das er hatte, konnte er frohlocken „Bitte macht euch keine Sorgen um mich … Denn so sicher die Wolken aufsteigen und Regen bringen und der Tau zu Frost wird, so kommt das Sorgen vom Verharren in den Dingen des Fleisches und die Zufriedenheit vom Verharren in den Dingen des Geistes … Und keiner ist reicher als derjenige, der zufrieden ist. Oft muß ich die Tränen des Dankes zurückhalten, wenn ich meine Gefängnisration bekomme.“

II.

Zwei Jahre waren vergangen. Matthew und John, jetzt achtzehn- und vierzehnjährig, arbeiteten in einer Faßfabrik in Pusan. Zur Schule konnten sie nicht gehen. Denn dann hätten sie sich vor dem Schinto Schrein verneigen müssen. Außerdem mußten sie den Lebensunterhalt für Mutter und Geschwister verdienen. Sie hatten also keine Wahl. Ihr Weg schien vorzeichnet.

Auch in Kwang ju konnten Frau Son und ihre Kinder nicht bleiben. Man wollte sie zwingen, in ihrem Haus eine „Kamidana“, einen Schintoschrein, aufzustellen. Aber sie fügten sich nicht. Lieber packten sie wieder einmal ihre Habseligkeiten und zogen fort. So hatte es sie nach Pusan verschlagen.

Schon bald jedoch kamen bei den Sons treue Christen zusammen, die darunter litten, daß der Heilige Geist die Kirchen verlassen hatte. Sie machten die Wohnung in Pusan zu einem Zentrum geistlichen Lebens.

Auch die beiden Jungen, in erster Linie John, sammelten eine kleine Schar Gleichgesinnter um sich. Schon als Kind war John auf besondere Weise von Gott erfaßt gewesen. Einmal hatte er seine Jackenbänder an die seiner Großmutter gebunden, weil er fürchtete, sie könnte ohne ihn zur Morgenandacht gehen. Später mußte er mit Matthew zusammen die Schule verlassen, weil er sich geweigert hatte, an der Schreinverehrung teilzunehmen. Jetzt fürchtete er um seinen Glauben, wenn er in Kirchen ging, die sich kompromißbereit gezeigt hatten. Deshalb schlug er vor, in den Bergen Andachten abzuhalten. Die Jungen, die daran teilnahmen, etwa fünfzehn, waren größtenteils Arbeitskollegen aus der Faßfabrik. Sie trafen sich jeden Sonntag nach dem Gottesdienst. Sie sangen geistliche Lieder, und dann breitete John all ihre Bekümmernis vor Gott aus:

„Lieber himmlischer Vater, wir danken Dir sehr herzlich, daß Du uns diesen Ruhetag schenkst, an dem wir Dich gemeinsam anbeten dürfen. Du hast uns in dieses bedrängte Land gestellt, damit wir Dich verherrlichen, aber wir laufen unseren eigenen Zielen nach, die Deinem Willen entgegenstehen. Wir dienen unseren eigensüchtigen Wünschen und vergessen dabei, was wir Dir schuldig sind. Wir nehmen uns selbst so wichtig und haben Dir den Rücken zugekehrt. Erbarme Dich über uns und vergib uns um des Blutes Christi willen. Wir bitten Dich besonders für die koreanischen Kirchen, von denen der Heilige Geist gewichen ist. Hast Du diese Strafe über uns verhängt? Herr, wir fürchten, daß noch schlimmere Dinge geschehen werden, weil wir Götzen anbeten und nicht Dir die Ehre geben. Erbarme Dich über uns und schenk uns doch, daß wir Dich wieder offen bekennen dürfen. Gib uns Deine Gnade, daß wir die Welt überwinden lernen, so wie Du sie überwunden hast.“

Jede Woche lernten sie ein Stück der Bibel auswendig, denn allein aus dem Worte Gottes schöpften sie wieder Kraft und Mut und erhielten Antwort auf ihre Fragen.

„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz kraftlos wird, womit soll man’s salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, als daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter: so leuchtet es allen, die im Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

„Ehe wir uns neue Verse vornehmen“, schlug John vor, „wollen wir die Stelle vom letzten Sonntag noch einmal gemeinsam wiederholen:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Se¬lig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihrer.“

John mußte an seinen Vater denken und an die anderen Pastoren, die um ihres Glaubens willen im Gefängnis oder schon gestorben waren. Hier war der Trost, den sie in solchen Zeiten brauchten.
Er suchte einige Verse für den kommenden Sonntag aus und schloß die Andacht. Die Jungen legten ein Opfer zusammen und kamen überein, dieses Geld dem ersten Bettler zu geben, den sie treffen würden. Dann gingen sie auseinander. Es war schon spät. Der Rauch der Abendfeuer kräuselte sich über dem Dorf.

Eintönig ratterte der Zug auf Pusan zu. Matthew blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Vor seinen Augen verschwammen bunte Felder und schroffe Berge. Aber er nahm sie kaum wahr. Wie blaß war doch sein Vater gewesen! Und dennoch, wie bewundernswert! Über drei Jahre saß er nun im Gefängnis, und er würde ganz sicher freigelassen, wenn er sich auch nur ein wenig nachgiebig zeigte. So aber schien seine Lage hoffnungslos zu sein, denn er würde weiter im Gefängnis predigen. Trotzdem erschien er überhaupt nicht bedrückt. Im Gegenteil, er hatte Matthew ermuntert, ihm Botschaften für die ganze Familie aufgetragen und sie alle ermahnt, nicht schwach zu werden im Glauben. Und welch eine Freude und Kraft ging von ihm aus, als er davon sprach, daß er sie alle vor dem himmlischen Thron wiedersehen würde, wenn er es nicht mehr auf Erden erleben dürfte!
Plötzlich überfiel Matthew die Erinnerung an sein eigenes Versagen am Tage davor. Ihm wurde übel vor Scham und Gewissensnot. Blicklos starrte er vor sich hin.

Endlich, nach über dreijähriger Trennung, sollte er seinen Vater wiedersehen. Freudig und erwartungsvoll hatte er das Gefängnis betreten. Aber er mußte warten. Nach einer Weile trat ein Beamter der Geheimpolizei auf ihn zu und fragte ihn, ob er an der Schreinverehrung teilnähme.

„Nein, das kann ich nicht.“
Der Beamte lachte.
„Dein Vater mag sich weigern, weil er altmodisch und verstockt ist. Aber du bist ein feiner junger Kerl. Du wirst doch nicht so dumm sein. Denk nur! Selbst dein Vater beginnt zu verstehen, auch wenn er sich noch immer ablehnend gibt. Noch sechs Monate, und wir haben ihn, wo wir ihn haben wollen. Schon jetzt stelle ich neue Töne in seinen Erklärungen fest, die er von Zeit zu Zeit schreiben muß. Er lobt die kaiserlichen Soldaten. Er sagt, sie lieferten einen großartigen Kampf, und ihre Kraft erwüchse aus dem Gehorsam gegen die nationalen Ziele. Damit meint er doch offensichtlich, daß die Schreinverehrung ein nationaler Ritus sei und kein religiöser, und daß dieser Ritus Patriotismus, Mut und Ausdauer fördere. Du brauchst dich also nicht so dagegen zu wehren.
Außerdem braucht die Schreinverehrung deine religiösen Überzeugungen nicht anzutasten. Sie ist ja von der Regierung und vom Erziehungsministerium angeordnet und nicht vom Polizeiministerium und dessen Unterabteilung für Religion. Siehst du denn nicht, wie gut die freien Pastoren für ihre Kirchen sorgen können, wie gut die Kirchen vom Generalkomitee geleitet werden, dessen Mitglieder alle an der Schreinverehrung teilnehmen? Du hältst nur noch an den fehlgeleiteten Ideen deines Vaters fest. Oder scheust du vielleicht die Zusammenarbeit mit Japan? Ich warne dich! Wir können niemanden gebrauchen, der unter dem Mantel der Religion die Regierung zu untergraben versucht.“
Plötzlich änderte sich sein Ton. „Jeder, der dabei erwischt wird, ob Mann, Frau oder Kind, muß beseitigt werden. Deshalb rate ich dir, gescheit zu sein und mit der Zeit zu gehen. Du brauchst ja nur einmal am Ritus teilzunehmen. Das ist doch wirklich nicht schwer. Und wenn du nicht willst, brauchst du es nicht zu wiederholen. Ich möchte nur sehen, daß du zur Zusammenarbeit bereit bist.“
Der Beamte zündete sich eine Zigarette an und sog langsam den Rauch ein. „Nun, was gedenkst du zu tun?“
Matthew gab keine Antwort.
„Wie kannst du nur so dumm sein! Nun gut, wenn du dich noch immer weigerst, kann ich dir nicht erlauben, deinen Vater zu sehen!“
Die Worte des Beamten hatten Matthew zwar nicht völlig überzeugen können. Aber sie hatten ihn doch sehr verwirrt. Diese letzte Drohung machte ihn hilflos und unsicher. Widerwillig stand er auf und folgte dem Beamten zum Schrein. Gemeinsam verneigten sie sich davor. Matthews Verneigung war eigentlich nur angedeutet. Alles in ihm schrie dagegen. Aber zu seinem Erstaunen war der Beamte zufrieden.
„Jetzt, da wir wissen, wo du stehst“, sagte er, „kannst du deinen Vater sehen.“
Einen Augenblick lang war Matthew erleichtert. Endlich war es ihm gelungen, den Beamten zu täuschen!
„Aber zuerst, würdest du das hier abschreiben!“ Der Beamte reichte ihm ein bedrucktes Blatt Papier.
„Was ist das?“
„Oh, nur eine Kleinigkeit. Ich möchte nur einen Beweis dafür in der Hand haben, daß du klug genug bist, mit der Zeit zu gehen. Außerdem, falls dein Vater seine Haltung ändern sollte, möchte ich ihm zeigen können, daß sein Sohn auch schon gelernt hat.“
Matthew zögerte. Aber es gab kein Zurück mehr. „Ich muß jetzt dabei bleiben“, dachte er impulsiv. So schrieb er die Erklärung ab:  „Vater, ich habe versucht, mich vor dem Schrein zu verneigen, und, wie der Sicherheitsbeamte sagt, es scheint wirklich nur ein nationaler Ritus zu sein. Ich glaube, wir sollten daran teilnehmen, um der gegenwärtigen Regierung gegenüber unsere Loyalität zu beweisen.“
Das war also der Preis gewesen, den Matthew für das Wiedersehen mit seinem Vater zahlen mußte. Aber sein Vater hatte ihm dann einen Brief zugesteckt, der ihn zittern machte¬:
„Sowohl das Verbeugen gegen Osten als auch die Schreinverehrung sind Sünde, weil sie gegen das erste und das zweite Gebot verstoßen. Nimm unter keinen Umständen daran teil. . .“
Als er es tat, war es ihm so leicht erschienen. Jetzt wußte er, daß er alles verraten hatte, wofür sein Vater einstand. Die Erkenntnis seiner Schuld schlug über ihm zusammen. Er schrie innerlich auf. Seine Sünde stand vor ihm. Sie war wie ein Berg, der sich nicht nur zwischen ihm und seinen Vater schob, sondern auch zwischen ihn und Gott. In seiner Gewissensqual kasteite er sich mit dem Gedanken, daß er Gottes Stimme bewußt überhört hätte. Er haßte sich. Er hatte Angst. Er hatte das schreckliche Gefühl, völlig allein zu sein. Nie wieder würde er zu seiner Familie zurück gehen können. Vom Ewigen Leben war er nun ausgeschlossen, er war abgeschnitten von Gott.
In seiner Zerknirschung sah und hörte Matthew nichts von den übrigen Fahrgästen. Ein älterer Mann, ein Japaner, fragte ihn besorgt, ob er krank sei oder Kummer habe. Matthew hörte ihn kaum. Da schreckte ihn eine Stimme auf.
„Wohin fährst du?“
Er zuckte zusammen. Vor ihm stand ein Polizeiinspektor, dem Augenschein nach ein Japaner. Matthew fühlte einen alle andern Gefühle lähmenden Haß in sich aufsteigen. Wie eine Flamme loderte er auf gegen diesen Angehörigen einer Macht, die ihn, seine Familie, sein Volk ins Unglück gebracht hatte. Mühsam kämpfte er gegen seine Erregung an, aber die Tränen konnte er nicht zurückhalten.
„Warum flennst du?“ fragte der Inspektor scharf.  Stille.
„Er sagt kein einziges Wort“, bemerkte der alte Japaner.
„Wohin fährst du? Deine Fahrkarte!“
Matthew schaute auf. „Nach Pusan.“
„Warum?“
Eine lange Pause. „Ich fahre nach Hause.“
„Wo kommst du her?“
„Von Chung ju.“
„Und was wolltest du in Chung ju?“ Die Fragen folgten Schlag auf Schlag.
„Ich besuchte meinen Vater.“ Wieder brach er in Tränen aus.
„Warum heulst du? Was ist denn mit deinem Vater?“
Es schien unmöglich, in diesem plötzlich so stillen Abteil die Wahrheit zu sagen. Aber bei der Versuchung zu lügen fühlte Matthew erneut die Qual und den Schmerz der Schuld in sich hochkriechen. So antwortete er fest: „Er ist dort im Gefängnis.“
„Aha, deshalb. Dein Vater ist im Gefängnis. Das ist ein schöner ruhiger Ort.“ Der Inspektor lachte.
„Komm mit“, befahl er und führte Matthew in die Schaffnerkabine. „Wo arbeitest du?‘
„In der Faßfabrik in Pomil chung, Pusan.“
„Warum ist dein Vater im Gefängnis? Wenn er sitzt, weil er Kommunist ist, dann geschieht es ihm ganz recht. Dieses ganze Gesindel sollte nach Sibirien geschickt werden.“
„Er ist nicht Kommunist, er ist Pastor“, antwortete Matthew.
Der Inspektor schien erstaunt. „Nun, sind denn unter den Pastoren keine Kommunisten?“
„Er ist eingesperrt, weil er nicht an der Schreinverehrung teilnehmen wollte.¬“
Matthew fühlte sich um eine schwere Last leichter.
Der Inspektor sah ihn groß an. „Gibt es also immer noch Pastoren, die nicht an der Schreinverehrung teilnehmen?“
Diese Gelegenheit griff Matthew entschlossen auf. „Das ist Sünde. Mein Vater … „
Der Inspektor unterbrach ihn. „Natürlich ist es falsch, nicht mit der Zeit zu gehen.“
„Nein, ich wollte sagen, daß es Sünde ist, sich vor einem Schrein zu verneigen.“
„Was! Sag das noch einmal.“
„Schreinverehrung ist eine religiöse Handlung und Sünde gegen Gott, wenn auch oft behauptet wird, daß es nur ein nationaler Ritus sei.“
„Du heulst ja schon wieder! Lag mich einmal sehen, was du da in der Tasche hast.“
Er durchsuchte Matthews Kleidung und stieg bald auf Pastor Sons Brief:
„Sowohl das Verbeugen gegen Osten als auch die Schreinverehrung sind Sünde, weil sie gegen das erste und das zweite Gebot verstoßen. Nimm unter keinen Umständen daran teil. Heilige den Tag des Herrn. Versäume nie, an den Familien  und Abendandachten teilzunehmen. Lies sorgfältig in der Bibel. Gib treu deinen Zehnten. Entbiete deinem Großvater die ihm zustehende Verehrung und sei gehorsam.“
Der Inspektor lachte auf. „Du hast aber einen feinen Vater, muß ich schon sagen! Wie kann er erwarten, in diesem Lande frei zu bleiben, wenn er nicht mit der Zeit geht?“
Er notierte sich Matthews Namen und Adresse, beschlagnahmte den Brief und verließ das Abteil.
Matthew wußte, daß ihm etwas Kostbares geraubt worden war. Dennoch war ihm jetzt leichter. Aufatmend begab er sich an seinen Platz zurück.
Bald nach seiner Heimkehr erhielt Matthew eine Vorladung zur Polizei. Tief beunruhigt verbrachten seine Mutter und seine Geschwister einen ganzen Tag in Gebet und Fasten. Dann machte sich Matthew schweren Herzens auf den Weg zur Polizeistation.
Im Büro des Polizeichefs wurde er von einem Sicherheits¬beamten erwartet.
„Bist du bereit, dich zum Militär einziehen zu lassen?“
„Ja, das ist meine Pflicht als Bürger.“
„Dann müßtest du aber an den Schreinverehrungen teilnehmen. Ist dir das klar?“
Der Sicherheitsbeamte fixierte ihn scharf. Matthew blickte schnell um sich. Auf dem Tisch des Polizeichefs lag der Brief. Matthews Augen kehrten zum Sicherheitsbeamten zurück. „Nein, das kann ich nicht.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich dann Gottes Gebot brechen müßte.“
„Unsinn. Als japanischer Untertan hast du zu gehorchen. Du bist doch ein japanischer Untertan, oder?‘
„Ja, aber ich darf nicht gegen Gottes Gebot verstoßen.“
Der Polizeichef winkte den Sicherheitsbeamten für einen Augenblick heraus. Als er zurückkam, schickte er Matthew ohne weitere Fragen nach Hause. „Überleg es dir gut, du wirst wieder vorgeladen.“
Matthews Mutter und Geschwister frohlockten. Sie hatten ihn nicht so bald zurückerwartet. Fast erschien es ihnen wie ein Wunder, und es war ihnen zumute wie den ersten Christen, als Petrus plötzlich vor ihrer Tür stand.
Nicht lange danach wurde Matthew aufgefordert, sich zur Musterung zu melden. Wieder betete die Familie, hoffend, daß er zurückgestellt würde. Ihrer Ansicht nach war selbst Lepra erträglicher, als sich vor dem Schrein verneigen zu müssen.
Aber Matthews Musterungsbefund war ausgezeichnet. Matthew kam er wie ein Todesurteil vor. Jetzt gab es für ihn kein Zurück   außer, wenn er vielleicht ernstlich erkrankte? „Aber man wird nicht krank, bloß weil man es so will“, sagte er sich. Selbstmord kam ihm in den Sinn, doch er verwarf den Gedanken wieder. Er könnte sich verstecken, aber die Polizei würde seine Mutter und die übrige Familie so lange quälen, bis sie seinen Aufenthaltsort preisgaben. Was sollte er nur tun? Wenn er tatsächlich zum Militär ginge? Als japanischer Soldat müßte er gegen die Alliierten kämpfen, auf der Seite sei¬ner Bedrücker, also gegen die, die seiner Meinung nach Befreiung brachten. Und außerdem, könnte er beim Militär der Schreinverehrung überhaupt aus dem Wege gehen? Wenigstens in diesem Punkt wußte Matthew, wie er zu entscheiden hatte.
Die Familie war erschüttert, als er mit dieser Nachricht nach Hause kam. Man schrieb Juli 1944, und auf das bisher ruhige Pusan fielen die ersten Bomben. Immer mehr junge Männer wurden eingezogen. Auf Desertation standen strenge Strafen.
Unverzüglich zog sich Matthew in die Nam hae Berge zurück. Dort wollte er beten und auf Gottes Fingerzeig warten. Für seine Familie folgten schwere Tage.
„Mutter. . .“ Matthew brach ab.
„Sprich weiter, Matthew.“ Frau Son ließ ihre Arbeit sinken. „Sprich weiter“, ermunterte sie ihn. „Seit du wieder da bist, schleppst du etwas mit dir herum. Du bist so verschlossen. Was ist?“
Matthew ließ den Kopf hängen. Drei Tage war er in den Bergen gewesen. Jetzt war er schon wieder einen ganzen Tag zu Hause. Aber er brachte einfach nicht den Mut auf, endlich auszusprechen, was er als den Willen Gottes erkannt hatte.
„Sag doch endlich etwas, Matthew. Gibt es etwas, was du vor deiner Mutter verbergen müßtest?“
„Nein, aber das jetzt ist sehr schwer, Mutter.     Ich habe gebetet, und ich glaube, wir müssen unsere Familie. . .“ Er schwieg, verstört und niedergeschlagen.
„Ich verstehe. “ Seine Mutter war ruhig. „Wir müssen unsere Familie auflösen, nicht wahr?“
„Ja. Ich weiß, es ist hart. Aber ich darf nicht mehr in Versuchung kommen. Ich kann Vater nicht verraten … und dich. .. und Gott.“ Matthew brach in Tränen aus. Endlich löste sich die Spannung, Erregung und Unentschlossenheit der letzten Tage.
Frau Son blickte starr in das Licht der Lampe. Wohin sollten sie gehen, jetzt, da um sie herum Bomben zu fallen drohten?
Sie sah keinen Ausweg.
„Man sieht Licht in eurem Haus, Matthew“, rief jemand von der Straße herauf.
„Danke, Herr Choe!“ Matthew zog die Vorhänge enger zusammen.
Jetzt gab es jeden Tag Fliegeralarm. Frau Son wandte sich an John und Rachel. „Ihr habt gehört, was Matthew vorgeschlagen hat, nicht wahr? Ihr seid jetzt alt genug und habt ein Recht darauf, eure Meinung zu sagen. Was denkt ihr von diesem Plan?“
Plötzlich begann der kleine Andrew, der offenbar nicht verstand, was um ihn herum geschah, leise vor sich hinzusummen: „Was mein Gott will, das geschehe allzeit.“ Dieses Lied der Missionare liebten sie alle, sie hatten es in letzter Zeit oft nach der Familienandacht gesungen.
Endlich faßte sich John ein Herz. „Wenn sich Matthew beim Militär vor dem Schrein verneigen muß, dann ist sein Vorschlag die beste Lösung.“
Matthew warf John einen dankbaren Blick zu. Er wußte zwar sicher, daß dieser Plan nach Gottes Willen war. Aber die Verantwortung für das neue Leid, das er seiner Familie aufbürden mußte, lastete schwer auf ihm. Daß John ihn unterstützte und verstand!   erleichtert atmete er auf. Sicherlich hatte Gott seinem Bruder die Augen geöffnet, als die Furcht, einander zu verlieren, sie alle zu überwältigen und blind zu machen drohte.
Bei Johns Worten schwand auch Frau Sons Selbstmitleid. „Wir werden die Familie auflösen“, sagte sie fest. Hatte sie nicht ihren Mann aufgegeben, und hatte sie nicht Kwang ju verlassen, nur um keinen Schrein im Hause aufstellen zu müssen? jetzt stand ihr Sohn vor schwerer Anfechtung. Sie wollte ihn nicht im Stich lassen. Gott würde sie alle beschützen. Aber wie sollten sie es nur anfangen?
Während sie still darüber nachdachte, pochte es leise an die Tür. Es war Fräulein Whang, eine alte Freundin der Familie, die völlig unerwartet und erschöpft Einlaß begehrte. Matthew hatte ihr geschrieben und sie um ihre besondere Fürbitte gebeten. Deshalb war sie gekommen. So ging sie auch gar nicht auf Frau Sons erstaunte Fragen ein, sondern wandte sich ohne alle Umschweife an Matthew. „Es war sehr schwierig, herzukommen. An der Sperre wäre ich fast nicht durchgelassen worden.   Danke für deinen Brief. Warst du in den Bergen? Hast du gebetet?“ Für Frau Son fügte sie erklärend hinzu: „Ich wollte sofort kommen, als ich Matthews Brief bekam. Und als ich dann gestern hörte, daß Pusan bombardiert wird und ihr in Gefahr seid, konnte ich es nicht länger aushalten. Ich mußte bei euch sein.“
Irgend etwas stimmte hier nicht. Fräulein Whang hatte es bereits empfunden, als Andrew ihr nicht entgegenkam, um sie zu begrüßen. Das hatte er doch sonst immer getan! Endlich brach Frau Son das bedrückende Schweigen:
„Du kommst zur rechten Zeit. Wir denken gerade daran, unsere Familie aufzulösen. Das ist es, was Matthew als den Willen des Herrn erkannt hat.“
„Was!“ Fräulein Whang zuckte zusammen. Sie wußte, was das bedeutete. Wie oft hatte sie Frau Son und den Kindern geholfen, wenn sie Nahrung brauchten oder Kleidung oder Haushaltsgeräte. Sie war immer für sie dagewesen   in Kwang ju, in Pusan und auf der Leprastation. Aber wenn sie jetzt auseinandergingen   was konnte sie dann noch tun? Die Älteren würden sich irgendwie durchschlagen können, aber die kleineren Kinder müßten betteln gehen. Ratlos wandte sie sich an Frau Son.
„Was habt ihr vor?“
„Darüber haben wir noch nicht entschieden.“
Gemeinsam erwogen sie nun Möglichkeiten, verwarfen sie wieder und kamen schließlich überein, daß Rachel und Andrew nach Ku po ins Waisenhaus gehen sollten. Matthew, Frau Son und die kleine Ruth wollten sich in den Nam hae Bergen verstecken. Aber was sollte mit John geschehen? Für ein Waisen¬haus war er zu alt, und der Mutter konnte er sich nicht auch noch anschließen. Das wäre töricht gewesen. Sollte er weiter in der Faßfabrik bleiben? Das hätte gewisse Vorteile gehabt, aber Frau Son wollte ihn nicht allein zurücklassen.
„Soll ich nach Puk pang li gehen? Matthew war vor einiger Zeit dort.“ Das war eine kleine Leprastation in den Bergen.
„Puk pang li?“ Fräulein Whang konnte ihre Bestürzung nicht verbergen. Nein, nein, nicht zu Leprakranken! Sie mußte an den Ae yang won denken. Er sollte nicht seine Gesundheit aufs Spiel setzen und der Familie noch mehr Sorgen bereiten. Sie meinte zwar, daß er dort sicher unterkäme, aber in ihrem Herzen betete sie, daß sich ein anderer Ausweg finden möge. Aber es gab keinen. Schweren Herzens beschlossen sie, daß John doch auf die Leprastation gehen solle.
Dann schwiegen sie, betäubt, erschüttert und traurig. Nur das ferne Heulen der Alarmsirenen zerschnitt die Stille der Nacht.
Von Chin ju aus machten sich John und Fräulein Whang auf den weiten Weg zum Puk pang li. Die Straße war schlecht. Sie wußten, daß es schwer sein würde, das einsame Haus in den Bergen zu finden. Schon brach die Nacht herein, und der Wald stellte sich ihnen wie eine schwarze Wand entgegen. Auf jeder Anhöhe kämpften sie gegen das Bedürfnis zu rasten. John wußte, daß die Kranken ihn herzlich begrüßen würden, aber er war sich seiner selbst nicht sicher. Wie würde er auf die Aussätzigen reagieren? Würden ihre entstellten Glieder und Züge ihn abstoßen? Es war lange her, seit sie den Ae yangwon verlassen hatten. Damals hatte er Vater und Mutter und die Geschwister um sich.
Fräulein Whang spürte die Traurigkeit in seinen Gedanken und tröstete ihn, so gut sie konnte. Wie sehr tat er ihr leid! Der junge war kaum sechzehn und mußte schon ohne Familie sein. Und viel schlimmer noch, er sollte unter Leprakranken leben, obgleich er selbst gesund war.
„Wissen die Aussätzigen, daß ich komme?“
„Nein. Ich werde zwar erwartet, aber sie ahnen sicherlich nichts von ihrem weiteren Zuwachs.“
„Kennen sie mich denn?“
„Natürlich, sie sind alle aus dem Ae yang won. Du wirst dich auch an einige erinnern.“
Es machte jedoch wenig Unterschied, ob er sie nun kannte oder nicht. Er würde in jedem Fall mit ihnen leben müssen. Als die Familie übereinkam, ihn zu den Kranken zu schicken, war er entschlossen, seines Vaters Platz einzunehmen. Hatte er ihnen das nicht versprochen, damals, als sie wegzogen? Aber je näher er kam, desto stärker meldete sich sein Widerwille.
„Was, glauben Sie, werde ich tun müssen, Fräulein Whang?“
„Nicht allzu viel. Nur die Feuer anzünden, Wasser holen und Holz hacken.“
„Lebensmittel muß ich nicht holen?“
„Nein, du brauchst die Station nicht zu verlassen.“
„Ist sonst nichts zu tun?“
„Ich glaube nicht.“
John atmete auf. Dann würde ihm also Zeit bleiben, in der Bibel zu lesen und zu beten. Eine seiner Hauptaufgaben würde nämlich sein, unaufhörlich für seinen Vater, seine Mutter und seine Geschwister zu beten.
Durch die stille Abendluft wehte das ferne Pfeifen eines Zuges zu ihnen herauf. Das mußte der Zug nach Pusan sein. Es war also schon fast halb zehn. Eilig erhob sich Fräulein Whang   sie hatten während des Gespräches ein wenig gerastet.
„Wir müssen weiter.“
Die Aussätzigen des Puk pang li wußten nicht genau, wann Fräulein Whang kommen würde, und hatten schon den ganzen Tag auf sie gewartet. Als es dunkel wurde und Fräulein Whang immer noch nicht da war, beteten sie wie üblich zusammen und gingen zu Bett. Nur ein paar waren noch wach und lasen in der Bibel.
„Hallo, schlaft ihr schon?“ rief Fräulein Whang.
„Endlich“, murmelte die Diakonisse Kim und lief hinaus, um sie zu begrüßen. Erstaunt stellte sie fest, daß Fräulein Whang nicht allein war. „Unser John!“ Diese Neuigkeit mußten die anderen gleich erfahren.
„Was bringt dich hierher?“ wunderte sich einer der Ältesten.
„Er wollte euch alle wiedersehen“, warf Fräulein Whang schnell ein.
Stille.
Dann fing einer an mit tiefer, trauriger Stimme zu beten. Johns Anblick ließ all ihr Leid der vergangenen Jahre neu aufflackern. Ihr geliebter Pastor Son war im Gefängnis, sie hatten den Ae yang won verlassen müssen, den einzigen Ort, der ihnen Heimat gewesen war.
Aber sie waren dadurch abhängiger von Gott geworden. Nach einem kurzen gemeinsamen Gebet hießen sie John noch einmal aufs wärmste willkommen. Er war ihnen herzlich dankbar dafür. Doch unwillkürlich wich er vor ihnen zurück.
„Geht es deiner Mutter gut?“ – „Ja.“ – „Matthew auch?“ – „Ja.“ – „Und deinen anderen Geschwistern?“ – „Ja.“
„Wie groß du geworden bist, fast schon ein Mann!“ rief der Älteste, Shin, aus.
„Ihr habt es sicher schwer gehabt hier oben“, bemerkte Fräulein Whang.
„Eigentlich nicht. Aber Sie, nicht wahr?“
„Doch warum ist John hergekommen?“ wollte Diakonisse Kim wissen.
„Er will euch an seines Vaters Stelle beistehen, weil er von euren Mühsalen gehört hat.“ Fräulein Whang hielt inne. Eine längere Erklärung würde warten müssen. Aber die Kranken gaben sich nicht zufrieden. John mußte sich doch vor ihrer Krankheit fürchten! Pastor Son hatte sie als Brüder geliebt und sein Leben in ihren Dienst gestellt, aber John war doch noch so jung! Es mußte einen anderen Grund dafür geben, warum er gekommen war! Die Unterhaltung zog sich in die Länge. Als sich John vor Müdigkeit nur noch mühsam auf den Beinen halten konnte, wurde er in einen der gemeinsamen Schlafräume gewiesen.
Fräulein Whang fuhr aus dem Schlaf auf. Erstaunt stellte sie fest, daß John nicht auf seinem Lager war. Sie wußte nicht, wie spät es sein mochte. Aber es war jedenfalls noch dunkel draußen. Nur die Sterne blitzten hell. Sie sah in der Küche nach, sie suchte das ganze Haus ab, konnte John jedoch nicht finden. Da erinnerte sie sich eines schmalen Pfades, der vom Haus aus auf den Berg führte. Sie tastete sich voran, leise seinen Namen rufend. Aber sie bekam keine Antwort. Endlich, nach einem langen, mühsamen Weg, hörte sie eine Stimme in der Stille der Nacht. Vorsichtig näherkommend, konnte sie seine Worte klar verstehen: „Vater, wenn Du mir dieses Kreuz zu tragen gibst, dann will ich es gerne auf mich nehmen. Diesen Kranken hat mein Vater gedient; und weil sie um Deines Namens willen leiden, weiß ich, Du freust Dich, wenn ich ihnen helfe. Ich bin bereit, ein Diener der Aussätzigen zu werden, selbst wenn es meine Gesundheit kostet. Reinige mein Herz und hilf mir, ihnen fröhlich zu dienen.“

III.

Am 15. August 1945 kapitulierte Japan vor den Alliierten, und Korea atmete auf. Mit Glockengeläute und Trompeten wurde der Tag gefeiert; die Koreaner atmeten nach sechsunddreißigjähriger Unterdrückung wieder die frische Luft der Freiheit. Gefangene wurden entlassen, Familien vereinigten sich wieder.
Auch für Familie Son war der 15. August ein Freudentag. Rachel und Andrew kehrten aus dem Ku po Waisenhaus zurück, John aus den Puk pang li Bergen, Matthew und Frau Son aus den Bergen von Nam hae. Auch Pastor Son kam wieder, lebend und wohlbehalten. Nur Großvater Son, der unablässig für seinen Sohn im Gefängnis gebetet und ihn ermuntert hatte, war in diesem Jahr, fünfundsiebzigjährig, in der fernen Mandschurei gestorben.
Sie wohnten wieder im Ae yang won. Auch die Leprakranken waren zurückgekehrt. Doch es war nicht leicht, die Fäden des früheren Lebens wieder aufzunehmen. Die verlorenen Jahre konnten nicht wettgemacht werden. John war jetzt siebzehn. Die Grundschule hatte er im zweiten Schuljahr verlassen müssen, und obwohl ihn der Großvater zu Hause in den chinesischen Schriftzeichen unterrichtet hatte, fehlte ihm doch jede weitere Schulbildung. Er versuchte, in die höhere Schule eingestuft zu werden. Aber man sagte ihm, er hätte das Aufnahmealter überschritten. Schließlich gelang es ihm doch, durch die Fürsprache eines befreundeten Pastors endlich in der Soon chun Oberschule unterzukommen. So zog er zu seinem Onkel in Soon chun, und bald kamen auch sein Bruder und seine Schwester nach.
Zwar war John ein überaus fleißiger Schüler. Aber er kam nur langsam voran. Am Ende des ersten Jahres bestand er mit knapper Not die Prüfung. Selten ging er vor Mitternacht zu Bett und war schon um fünf Uhr morgens wieder auf. Nachts konnte er sich oft nur wach halten, wenn er sein Gesicht unter einen harten Strahl kalten Wassers hielt. Davon bekam er jedoch zuweilen Nasenbluten. Außerdem litt er an häufigen Schwindelanfällen. In der Schule galt er als „gut, aufrichtig und zuverlässig“, mit dem Zusatz: „Lernt zweimal so viel wie andere Schüler.“ Obgleich er ständig am Rande der Erschöpfung war, verrichtete er seine täglichen Gebete und besuchte treu den Gottesdienst; manchmal verbrachte er die ganze Nacht betend in der Kirche.
Auch Matthew lernte bis spät in die Nächte hinein. Weil er hoffte, in Amerika weiterstudieren zu können, wandte er dem Erlernen der englischen Sprache besondere Sorgfalt zu. Er tat sich auch in anderen Fächern hervor, denn er hatte bei weitem nicht die Schwierigkeiten wie John.
An der Oberschule in Soon chun waren auch der Sohn und die Tochter von Pastor Ra, einem Freunde Pastor Sons. Sie waren mit den Sonschen Kindern befreundet. Eines Tages war Rachel zu Besuch bei Soon keum in Pastor Ras Haus. Die beiden Mädchen schwatzten und lachten gerade über ihre Erlebnisse in der Schule, als Che min, der Bruder, hereinkam.
„John hat mir heute eine interessante Geschichte erzählt.“ Er legte seine Bücher ab.
„Was für eine Geschichte?“ fragten Rachel und Soon keum wie aus einem Munde.
„Matthew hat für einen amerikanischen Soldaten gedolmetscht und ihm so aus der Klemme geholfen.“
„Ach so, ja, wir waren zusammen einkaufen.“
„Dann weißt du sicherlich mehr als ich, Rachel. Erzähl doch bitte.“
Rachel berichtete also, wie sie vor einigen Tagen mit Matthew an einem Stickereiladen vorübergegangen waren. Vor dem Laden hatte sich eine Menschenmenge angesammelt und sah zu, wie der Ladenbesitzer und ein amerikanischer Soldat einander beschimpften. Matthew trat in den Laden, um herauszufinden, weshalb sie aneinandergeraten waren, und erfuhr, daß der Soldat eine Stickerei gekauft und dabei versehentlich eine Glasplatte zerbrochen hatte, die teuer und schwer zu ersetzen war. Der Soldat entschuldigte sich und wollte die Platte bezahlen. Aber er hatte nicht genug Geld bei sich. So versuchte er, dem Ladenbesitzer klarzumachen, daß er zurückkommen und ihm den restlichen Betrag gleich bringen werde. Der Ladenbesitzer verstand aber kein Englisch und hörte heraus, der Soldat wolle ihn veranlassen, zum amerikanischen Militärhauptquartier mitzugehen. Und da er fürchtete, er könnte in Schwierigkeiten geraten, wenn er mitginge, forderte er, daß ihm das Geld gebracht würde. Matthew übersetzte, was jeder zu sagen versuchte. Der Soldat ging und kam eine Viertelstunde später mit dem Geld zurück. Er brachte auch ein kleines Geschenk für Matthew mit und entschuldigte sich, daß er ihm Mühe gemacht hätte.
Das war der Anfang einer Freundschaft zwischen Matthew und dem Soldaten. Matthew war froh, daß er so sein Englisch üben konnte. Früher schon hatte er angeregt, daß in der Englischstunde nur Englisch gesprochen würde. Aber andere Schüler hatten sich diesem Vorschlag widersetzt, besonders diejenigen, die Matthew nicht mochten. Sie hatten seinen Plan, nach Amerika zu gehen, für Angeberei gehalten. Deshalb unterhielt sich Matthew gern mit dem Soldaten und lernte viel dabei. Der Soldat wunderte sich sehr, daß Matthew mit seinen zweiundzwanzig Jahren noch zur Schule ging. Aber als er Matthews Geschichte hörte und den Grund für den verspäteten Schulbesuch erfuhr, war er zutiefst beeindruckt. Bald war Matthew bei den amerikanischen Soldaten in der Stadt bekannt. Sie gaben ihm den wohlwollenden Spitznamen „der alte Oberschüler“. Sie konnten nicht ahnen, daß Matthew diese Beliebtheit eines Tages zum Verhängnis werden würde.
Aber nicht nur die Schule bereitete Matthew einigen Kummer. Eines Abends machte er sich niedergeschlagen auf den Heimweg. Er war in Pusan gewesen. Tief in Gedanken schlug er den Weg zum Hafen ein, um mit dem Boot nach Yo su zu fahren. Als ein Küchenjunge auf seinem Fahrrad vorbeifegte mit einem Tablett Nudeln auf der einen erhobenen Hand und das Rad fast seinen Absatz gestreift hatte, wachte er auf. „Das war aber knapp“, stellte er fest. Die Uhr in der Nähe des Hafens zeigte halb sieben. Bis zur Abfahrt des Bootes blieb ihm noch etwas Zeit. Er setzte sich in den Warteraum und vergrub sich wieder in seine Gedanken.
Warum war das Mädchen so abweisend? Er war hierher nach Pusan gekommen, um ein paar Dankbesuche abzustatten. Aber vor allem wollte er das Mädchen treffen, das seine Eltern für ihn bestimmt hatten.
Das Mädchen!
Verlegen und traurig brütete er vor sich hin! Wie schön sie war; aber wie kalt war sie ihm begegnet. Zweimal zuvor hatte er sie aus der Ferne gesehen. Und jetzt, aus der Nähe, war sie ihm noch viel anmutiger erschienen, als er sie sich vorgestellt hatte. Aber warum ging sie ihm aus dem Weg? Vielleicht war sie verlegen, weil ihre Eltern nicht zu Hause waren, als er kam. Oder hatten seine Eltern einen Fehler gemacht? Matthew erwog alle möglichen Gründe. Doch dann wanderten seine Gedanken unweigerlich zu sich selbst zurück und zu seiner unabgeschlossenen Schulbildung. Tag für Tag mußte er seinem eigenen Versagen ins Auge sehen, wenn er versuchte, mit jüngeren Schülern Schritt zu halten. Er ärgerte sich über jedes verlorene Jahr, und er sehnte sich nach einem gutbezahlten Job, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Warum konnte er nicht so leben wie die anderen in seinem Alter?
Bitter verweilte er auf jeder einzelnen Stufe, die zu seiner gegenwärtig so unglücklichen Lage geführt hatte. Wer war daran schuld? Warum hatten die Japaner ihn gezwungen, die Schule zu verlassen? Warum hatten sie seinen Vater ins Gefängnis geworfen, so daß er, Matthew, für die Familie arbeiten mußte? Hatte er nicht recht daran getan, der Schreinverehrung aus dem Wege zu gehen? Und doch wurzelte dort sein ganzer augenblicklicher Kummer. Er sah sich wieder das Chung ju Gefängnis betreten, erinnerte sich daran, wie der Sicherheitsbeamte ihn zur Schreinverehrung nötigte. Und dann dachte er an die Augenblicke danach, als er seine Schuld voll erkannt hatte. Eine Welle jener schrecklichen Verlassenheit rollte jetzt über ihn hinweg und begrub ihn unter sich. „Nein, nein!“ Matthew kämpfte gegen die Erinnerung an. Lieber wollte er die Zerknirschung dieses Augenblicks, die Kälte des Mädchens, die Verachtung von seiten seiner Mit¬schüler, lieber noch die Enttäuschungen im Unterricht ertragen, als jenes Leid noch einmal erfahren.
Dieser Rückblick ernüchterte ihn. Hielt nicht Gott sein Leben in Seiner gnädigen Hand? Die Bitterkeit war vorbei, die Verzweiflung, die Fragen. Wie konnte er die Japaner oder irgend etwas anderes verantwortlich machen für seine Traurigkeit! War es denn nicht der Herr, der ihn in diese Schule gestellt hatte? Begegnete Er ihm nicht auch in der abweisenden Haltung des Mädchens?
Langsam fiel die Dämmerung. Matthew hatte wieder Frieden gefunden.

Auf den herbstlichen Feldern nahe der kleinen Stadt Soonchun war die Ernte fast eingebracht. Matthew betrat den Hof. „Ist John schon da?“
„Nein, noch nicht“, rief Rachel zurück.
„Ist er wieder bei Che min?“ Matthew ließ sich auf dem hölzernen Boden nieder.
„Ich glaube, er ist auf dem Sportplatz.“
„Meinetwegen. Aber wo nimmt er bloß die Zeit her, wenn er schon mit dein Lernen nicht fertig wird?“
„Er ist doch angeblich der schnellste Hundertmeterläufer der Schule.“
„Ja, das habe ich auch gehört.“
In dem Augenblick kam schwer beladen Frau Son herein. Auf dem Kopf trug sie einen Korb, und Sarah, das jüngste Kind, baumelte in einer Schlinge auf Frau Sons Rücken. Das Kind wachte auf und lächelte. Rachel sprang hinzu und nahm der Mutter das Baby ab.
„Und wo ist Vater?“
„Er leitet in Pusan eine Evangelisation. Wahrscheinlich kommt er erst übermorgen zurück.“
„Was hast du heute für uns, Mutter?“
Sie wußte, daß diese Frage kommen würde! „Reis und grüne Bohnen   und etwas gepökelten Fisch“, lachte Frau Son.
„Könntest du dann heute hier bleiben, Mutter?“ bat Rachel und liebkoste das Baby.
„Möchtet ihr denn, daß ich erst übermorgen fahre und den Sonntag bei euch bleibe?“
„O ja, Mutter. Morgen spricht Matthew in der Seung choo-Kirche.“
Alle vierzehn Tage kam die Mutter, und immer war es für die Kinder eine besondere Freude. Sie brachte Fisch oder Fleisch, eine willkommene Ergänzung zu ihrer täglichen Mahlzeit aus Gemüse und Reis. Und sie brachte frische Wäsche mit und nahm die schmutzige mit nach Hause.
An jenem Sonntag sprach Matthew auf einer Versammlung der christlichen Studentenvereinigung. Er erzählte die Geschichte eines Mädchens, das während der Christenverfolgung durch Tai won kun umgekommen war. Der Soldat, der sie erschießen sollte, flehte sie an, ihrem Glauben abzuschwören, damit er sie am Leben lassen könne. Sie aber blieb fest und drängte ihn, Buße zu tun. Da schoß der Soldat. Später jedoch bekehrte er sich zu Christus und erbaute über der Hinrichtungsstätte eine Kirche. Diese Kirche brachte viele lebendige Christen hervor, die in andere Gemeinden ausgesandt wurden. So hatte der Tod des Mädchens viel Frucht getragen. Matthew ermunterte seine Zuhörer, sich an Jesus zu wenden, damit auch sie, wie jenes Mädchen, fest gegründet seien, selbst im Tod.
Die Studenten waren von Matthews Predigt tief angerührt. Und Frau Son sah dankbar, wie ihr Sohn in die Fußtapfen seines Vaters trat.
Ein paar Tage später brachte John ein paar Freunde mit nach Hause, um mit ihnen zusammen Hausaufgaben zu machen.
„Ich wünschte, wir könnten das Erntedankfest etwas früher feiern“, stellte Che min fest, als sie über die Felder gingen.
„Und warum?“
„Weil unsere Ernte dann schon längst vorbei ist. Wir feiern erst dann, wenn wir unsere Freude darüber schon fast wieder vergessen haben.“
„Das stimmt“, meldete sich John, „aber ich glaube doch, es ist am besten, wir feiern das Fest zusammen mit den Amerikanern.“
„Ich meine aber, wir könnten seine Bedeutung besser verstehen, wenn das Erntedankfest gleich nach der Ernte käme“, beharrte Che min.
„Ja“, pflichtete ihm ein anderer bei. „Vielleicht wäre jetzt die beste Zeit dafür, jetzt, da die Ernte gerade eingebracht ist. Aber der Brauch, das Erntedankfest im November zu feiern, stammt sicher nicht von Amerika. Denn das Fest war schon vor dessen Gründung da.“ Mehr schien zu diesem Thema nicht zu sagen zu sein.
Eine Photographie an der Wand zeigte eine Gruppe von Männern, Pastoren und Mitarbeitern in der Gemeindearbeit. Als Johns Blick das Bild streifte, mußte er an die Worte Jesu denken: „Die Ernte ist reif, aber der Arbeiter sind wenige.“ Wie trafen doch diese Worte für Korea zu. Drei Jahre waren seit der Befreiung vergangen, und anstatt endlich Frieden zu haben, versank das Land in immer tieferen Wirren. Immer wieder hörte man von schweren Gewaltakten. Selbst Schulen blieben nicht verschont. Schüler wandten sich gegen ihre Lehrer, Rechtsgerichtete gegen Linksgerichtete, der Norden gegen den Süden, das aufgewiegelte Volk gegen die Regierung. Das Land war zerrissen in unzählige Interessengruppen, und selbst die Kirchen, die Gerechtigkeit und Liebe predigten, bekämpfen einander. Während der Besatzungszeit war der Glaube der meisten Pastoren und Ältesten schwach geworden.
„Was brütest du so vor dich hin?“ fragte Che min.
John blickte auf das Bild. „Ich dachte an die Männer dort.“
„Waren alle diese Männer eingesperrt?“  –  „Nein, einige nicht.“
„Waren noch andere weg?“  –  „Ja, viele.“ John zählte die Namen auf, die ihm bekannt waren. „Und ich weiß von mehr als 50, die umgebracht wurden, und es gibt noch viele mehr.“
„Woher weißt du das so genau?“ fragte einer der Jungen, erstaunt über die Sicherheit, mit der John sprach.
„Von meinem Vater.“
„Willst du auch auf ein College in den USA, wie Matthew?“ fragte Che min. „Wenn du dann zurückkommst, dann wirst du wirklich beim Aufbau unseres Landes mithelfen können!“
„Ja, aber ich glaube, dazu braucht man nicht ins Ausland zu gehen.“
Weder er noch Matthew sollten je nach Amerika gelangen.

IV.

21. Oktober 1948. Zwischen seinen Reisen ruhte Pastor Son ein paar Tage zu Hause im Ae yang won aus. Plötzlich, völlig unerwartet, stand Andrew vor der Tür. Eigentlich sollte er in der Schule sein!
„Was machst du denn hier, Andrew?“
„Matthew hat mich hergeschickt, weil er fürchtete, ihr könntet euch wegen der Invasion Sorgen machen. Die Soldaten wollten mich zuerst nicht durchlassen, aber dann sagte ich, ich ginge nach Hause.“
„Geht es deinen Brüdern gut?“
„Ja, aber sie Machen sich große Sorgen, und nach der Morgenandacht bestanden sie darauf, daß ich nach Hause zurückgehe. Sie sagten, ich solle fleißig lernen und dir und Mutter gehorchen, und sie würden mich im Himmel wiedersehen. Ich glaube, sie schickten mich fort, weil sie nichts mehr zu essen hatten.“
Am Tage zuvor hatten kommunistische Aufwiegler in Yosu die ersten Schüsse abgefeuert und hatten dann den Zug nach Soon chun besetzt. In Soon chun überfielen sie die Poli¬zei, brachten einen großen Teil der Polizisten um und nahmen mit dort ansässigen jungen Kommunisten die Stadt ein. Sie ermordeten alle Männer in hohen Positionen, viele Reiche und die bekannten Mitglieder rechtsgerichteter Parteien. Die Leichname ließen sie auf der Straße liegen.
Rachel und ihr Onkel waren am Tage vor dem Aufstand aus Soon chun in den Ae yang won gekommen, um neue Vorräte zu holen. Pastor Son hatte sehr um seine Kinder in Soon chun gebangt. Er war erleichtert, daß wenigstens Andrew da war. Nachdem er ihn ausgefragt hatte, gebot er ihm, alles eilig seiner Mutter zu berichten. Er selbst wandte sich bedrückt der Lepra Station zu.
„Wer da?“ donnerte ein südkoreanischer Soldat aus der Dunkelheit und sprang von einem Lastwagen herunter, die Fahne der Republik Korea schwenkend.
„Ich bin Soon bok Hong“, kam die Antwort, „Lehrer an der Schule im Ae yang won in Yo su. Wir haben gehört, daß die Söhne unseres Pastors Son im Soon chun Massaker umgekommen sind, und ich will nachforschen, ob das stimmt, und wenn es so ist, dann will ich ihre Leichname zurückbringen.“
„Was ist der Ae-yang won?“
„Eine Station für Leprakranke.“
Der Soldat kam näher heran und sah die zerstörten Züge des Mannes.
„Was haben Sie bei sich?“ Die Stimme des Soldaten klang weicher.
„Nichts außer einer Bibel“, antwortete Hong und zog sie hervor. Erleichtert ließ der Soldat ihn weiterziehen. Es war gefährlich auf der Straße!
Am 22. Oktober war das Gerücht in den Ae-yang won genommen, daß John von den Aufständischen getötet worden sei. Die Kranken waren ganz außer sich. Pastor Son konnte dem Bericht jedoch keinen Glauben schenken und versuchte zu trösten: „Es ist einerlei, ob meine Kinder tot sind oder leben. Sorgt euch nicht, denn wenn sie tot sind, dann sind sie im Himmel, und wenn sie leben, dann sind sie in Gottes Hand.“ Und weil er sich selbst nicht beunruhigen ließ, legten sich auch Frau Sons Ängste.
Geduldig warteten sie bis zum 24. Oktober, aber sie erhielten keine Nachricht, weder von Matthew und John, noch von Rachel und ihrem Onkel. Als Frau Son in ihrer großen Sorge selbst nachsehen wollte, was vorgefallen sei, hatte der junge Lehrer Soon bok Hong angeboten, sich auf den Weg zu machen. Aber das Reisen war verboten, und in Soon chun lauerten noch immer Gefahren. Deshalb versuchte Pastor Son, ihn zurückzuhalten.

„Leben und Tod liegen in Gottes Hand“, sagte er. „Warum also diese Eile? Nur um zu wissen, ob sie noch am Leben sind?‘
„Aber wir finden keinen Frieden, bis wir nicht sicher wissen, was geschehen ist. Ist das nicht Grund genug, Pastor Son? Ich will mir das Gesicht mit Ruß schwärzen und Lumpen anziehen. Als Aussätziger komme ich sicher durch.“

Endlich gab sich Pastor Son zufrieden und ließ ihn gehen, riet ihm jedoch, seine Bibel mitzunehmen, da sie ihm vielleicht unterwegs von Nutzen sein könne. So hatte Soon bok Hong das erste Hindernis auf seinem Zehnmeilen Marsch nach Soon chun überwunden.
Die Felder, durch die er zog, standen schon kahl. Die Dorfleute schnitten Kohl für den Winter. Der Himmel war klar und die Bäume von lebhaftem Grün. Emsige Vögel pickten auf den leeren Feldern verstreute Körner auf. Wie friedlich das Land war! Aber das alles täuschte ihn nicht über den Grund dieser gefahrvollen Reise hinweg. Von Zeit zu Zeit wurde die friedvolle Stille von Lastwagen, Panzern und Artilleriefeuer gebrochen. Jedes Mal, wenn die Panzer an ihm vorbeirasselten, wurde er aufgehalten, ausgefragt, und jedes Mal gab er die gleiche Antwort und durfte weiterziehen. Er pries Gott für Pastor Sons Rat, seine Bibel mitzunehmen.
Der Weg zog sich schier endlos hin, und das Geratter des schweren Maschinengewehrfeuers, das durch die Hügel rollte, erfüllte ihn mit schlimmer Vorahnung.

25. Oktober.
„Schnell, Frau Son, Hong ist auf dem Weg hierher.“
Mit einem Aufschrei stürzte Frau Son auf den Hof hinaus.  „Wo ist er?“
„Dort drüben!“ antwortete Frau Cha und deutete zur fernen Landstraße hin, die sich durch die Vorhügel wand. „Kommen Sie mit!“
Frau Cha wandte sich um und lief den Weg zurück, den sie gekommen war. Frau Son folgte ihr, von Hoffnung und Furcht zerrissen. Plötzlich verlor sie Hongs müde Gestalt aus den Augen. Sie zögerte. Da sah sie zwei Frauen auf sich zukommen: „Ihre Kinder kommen!“
Hoffnungsvoll eilte sie weiter, sah aber nur Rachel und Ruth. Zuerst war sie erleichtert   doch dann durchfuhr sie ein lähmender Schreck.
„Meine Söhne, meine Söhne!“ schrie es in ihr auf. Schon von weitem fragte sie die beiden Mädel, ob Matthew und John nachkämen. Aber sie antworteten nicht. „Vielleicht haben sie mich nicht gehört.“ Sie lief den Mädchen entgegen und wandte sich an Rachel: „Sag, lebt John? Sag ja! Sag ja!“
Doch Rachel blieb stumm, und Ruth schluchzte vor sich hin.
„Und Matthew   ist er auch tot?“
Noch immer keine Antwort.
„Rachel, so sprich doch‘, schrie die Mutter.
Rachel brach in Tränen aus.
„Dann leben beide nicht mehr.“
Frau Son starrte mit weit aufgerissenen tränenlosen Augen in die Ferne. „Matthew hat erst vor ein paar Tagen hier gesungen, und John holte sich vor zwei Wochen saubere Wäsche. Jetzt sind sie beide tot.“ Ihr war, als fiele ein Hammer auf sie herab, um sie zu zerschmettern.
Als Pastor Son hörte, daß Soon bok Hong zurück sei, lief er ihm entgegen. Einige der Ältesten folgten ihm. Hong war auf einen Seitenweg abgebogen, um nicht Frau Son begegnen zu müssen. Nun war er vor den Toren des Ae yang won angelangt, aber er wagte nicht, einzutreten. Stumm stand er im Kreise der Kranken, die ihn zu seiner Begrüßung umringten.
„Da kommt Pastor Son.“
Hongs Herz sank. Oh, warum war er nach Soon chun gegangen?
„Hattest du eine gute Reise?‘ fragte Pastor Son ruhig.
Hong wagte nicht, seinen Blick zu heben.
„Unser Matthew und unser John sind tot, nicht wahr?“ fuhr Pastor Son fort und hoffte, wie seine Frau, verzweifelt, daß Hong nein sagen würde.
„Ja“, begann Hong unter Tränen.
„Laßt uns … laßt uns zusammen beten“, warf Pastor Son schnell ein.
Es war ein kurzes Gebet, unterbrochen vom Schluchzen der Kranken und von den Wogen des Schmerzes, die über Pastor Son hinwegrollten.
Wie konnte er beten? Was sollte er seinem himmlischen Vater sagen, der ihm seine Kinder genommen hatte? Aber kein Vorwurf ging über seine Lippen, denn in den vielen Jahren der Jüngerschaft und in vielem Leid hatte er gelernt, den Willen Gottes anzunehmen. So betete er: „Lieber Herr, wir danken dir, daß sie als Märtyrer gestorben sind“, und dann: Obgleich wir nicht wissen, wer die Mörder waren, vergeben wir denen, die sie getötet haben. Vater, o Vater, schenke uns deine Liebe. Eine Liebe, die vergeben kann. Vergib uns unsere Schuld. Wir bitten dich … im Namen Jesu!“
Er wußte nicht, daß seine Frau schon informiert war. Er suchte den Zuspruch Gottes, um seine Frau und die Gemeinde trösten zu können. So führte er die Kranken in die Kirche, obgleich sie Widerspruch erhoben, weil sie ihn nicht aufhalten wollten.
Als ob die Glocke sie zusammengerufen hätte, versammelte sich die Gemeinde der Aussätzigen in der Kirche. Sie versuchten, ihren Pastor durch Choräle und Gebete zu trösten. Dann bat einer der Ältesten Hong um einen genauen Bericht. Sie alle wollten wissen, was geschehen war.
Betrübten Herzens stand Hong auf. „In aller Frühe machte ich mich auf den Weg nach Soon chun. Zwar wurde ich viele Male angehalten und durchsucht, aber ich durfte doch weitergehen, wenn ich meine Bibel vorzeigte und den Grund für meine Reise nannte. Als ich ankam, fielen immer noch Schüsse auf den Straßen. Aber zum Glück traf ich einen Polizisten, den ich kannte. Der versicherte mir, daß der Aufruhr verebbt sei. Unterwegs hatte ich Leichname auf dem Wege liegen sehen, aber der Anblick, der sich mir in der Nähe des Bahnhofes bot, verschlug mir den Atem. Tote waren zu großen Haufen aufgeschichtet.“
Hong versuchte, den Ekel aus seinem Gedächtnis zu verdrängen. Dann fuhr er fort: „Ich ließ mich im Strom der Menschen treiben, die nach Verwandten, nach Eltern und Kindern suchten. So schnell ich nur konnte, begab ich mich zu dem Haus, in dem John und Matthew gewohnt hatten, aber es war verschlossen. Zuerst dachte ich, daß vielleicht alle fortgegangen seien und wandte mich der Seung choo Kirche zu. Doch dann überlegte ich es mir, ging noch einmal zum Haus zurück und rief laut: Ist jemand zu Hause? Ich komme vom Ae yang won. Hört ihr? Vom Ae yang won!“ Endlich öffnete sich die Tür ein wenig und eine Frau blickte durch den Spalt. Als sie mich sah, rief sie nach Rachel, die zusammen mit Ruth und Diakon Yang herauskam. Ihre Augen waren ganz verschwollen vom Weinen. Meine Brüder sind tot! schluchzte sie. Obgleich ich auf diese Nachricht schon halb gefaßt war, wurde mir doch schwarz vor den Augen. Ich fragte nach ihren Leichnamen. Die seien gefunden worden, sagte sie, und erzählte dann, was geschehen war.
Hong hielt inne und seufzte tief auf. „Am Morgen des 20. Oktober gingen die beiden wie gewöhnlich zur Schule. Matthew kam früher als sonst nach Hause und berichtete, daß in der Stadt Unruhen waren. Er hatte Bekannte zum Bahnhof gebracht. Dort sei ein Personenzug eingelaufen, der von Soldaten besetzt gewesen sei   Kommunisten. Die Polizei habe dem Eindringen der Soldaten wehren wollen, und so sei es zu einer Schießerei gekommen, so daß die Menschen vor den Geschossen nach allen Richtungen geflohen seien. Da habe sich Matthew nach Hause begeben. Später, als alle, außer John, aus der Schule zurück waren, machte er sich große Sorgen. Allmählich wurde der Gefechtslärm lauter und schien sich dem Stadtzentrum zu nähern. Da gingen Diakon Yang und Matthew auf die Straße hinaus und erfuhren, daß die Kommunisten eine Revolte vom Zaun gebrochen hätten   die Aufständischen sagten, die Volksarmee habe den 38. Breitengrad überschritten, Tai gu und auch Pusan seien schon besetzt und als nächste Städte sollten Jo su und Soon chun erobert werden. Als sie das hörten, versteckten sie sich alle im Keller eines Nachbarhauses. Bei Einbruch der Dunkelheit kam John nach Hause zurück. Er berichtete, es sei in der Tat ein kommunistischer Putsch, die Aufständischen hätten die Schule umstellt, aber die Schüler schließlich doch nach Hause gehen lassen. Dies, so glaubte John, sei ein Konflikt zwischen Recht und Unrecht und eine Herausforderung an die Christen, zu widerstehen und zu kämpfen. Als Diakon Yang Matthew drängte, sich in Sicherheit zu begeben, antwortete er: Jesus ist unsere einzige Sicherheit! und lehnte es ab, sich zu verstecken.“
Hong sprach vom Mut und vom Glauben der beiden Jungen. „Am folgenden Tag, am 21. Oktober, standen die beiden früh auf, obgleich sie nur wenig geschlafen hatten. Matthew sagte, er habe einen seltsamen Traum gehabt, aber als ihn Diakon Yang darüber befragte, wollte er keine Auskunft geben. Gleich nach dem Frühstück und der Andacht schickte John Andrew in den Ae yang won zurück, ging dann zum Brunnen hinter dem Haus, wusch sich und legte saubere Kleider an. Dann zogen sich die Brüder zum Gebet zurück. Als sie zu den andern herauskamen, waren sie sehr blaß. Diakon Yang fragte noch einmal nach Matthews Traum, aber Matthew schwieg. Der Nachbar, in dessen Keller sich die Hausgemeinschaft den Tag zuvor verborgen hatte, bat sie erneut zu kommen. Aber Matthew und John wollten nicht. Diakon Yang versuchte, sie zur Flucht in den Ae yang won zu überreden, aber sie erwiderten, es sei eine Schande, unterwegs gefangen genommen zu werden. Sie wollten bleiben und der kommenden Gefahr ins Auge sehen. Nach einem kleinen Imbiß begab sich Diakon Yang in das Haus des Nachbarn. Um etwa zehn Uhr umstellte eine Gruppe lärmender Studenten das Haus. Schlotternd vor Angst kam der Diakon zurück und fand Matthew von den Studenten zusammengeschlagen.
,Was wollt ihr von mir?‘ fragte Matthew. Was habe ich euch getan?‘
,Das weißt du nicht? Bist du denn nicht ein gelber Amerikanersklave? Sagtest du nicht, du wolltest in Amerika studieren?‘
,Nein!‘ erwiderte Matthew, ich bin kein Amerikanersklave. Ich bin Christ und will keine andere Bezeichnung.‘
,Halt den Mund! Also du bist immer noch von diesem christlichen Geist besessen?‘
,Was wollt ihr damit sagen? Was ist nicht in Ordnung mit dem christlichen Geist, dem christlichen Glauben? Selbst wenn ihr mir den Kopf abschlagt   meinen Glauben könnt ihr mir nicht nehmen!‘
,Schlagt ihn zusammen!‘ schrie jemand, und ein anderer schleppte ein Nagelbrett herbei, das sie auf ihn niederkrachen liegen. Dann wandten sie sich Diakon Yang im Nebenzimmer zu.
‚Wer bist du?‘ ,Ein Zimmermann.‘ ,Irgendwie verwandt mit diesen beiden da?‘ ,Nein, ich bin nur der Besitzer des Hauses.‘ Frau Yang be¬kräftigte die Antworten ihres Mannes. So wurden sie in Ruhe gelassen.
Die Burschen nahmen wieder Matthew aufs Korn und John, der Matthew zu verteidigen gesucht hatte. Über die Gesichter der Brüder strömte Blut, und ihre Körper verfärbten sich, wo die Schläge sie getroffen hatten.
Endlich schrie jemand:
,Machen wir Schluß mit ihnen!‘
Sie fesselten Matthew mit einem Seil. John mußte die Hände hochnehmen. So wurden die beiden abgeführt. Einige der Studenten blieben zurück und suchten Bücher und andere Habseligkeiten der Brüder zusammen, die gegen sie verwendet werden konnten. Ruth hatte dem allem zugesehen und weinte. Aber sie konnte die Studenten mit ihren Tränen nicht erweichen.“
Hong hielt inne. Er konnte doch nicht sagen, daß Diakon Yang zu feige gewesen war, den Jungen zu folgen, und daß er deshalb nicht wußte, was dann geschah.
So fuhr er fort: „Danach konnte Diakon Yang nur erfahren, daß die Jungen zum Hauptquartier der Kommunisten gebracht worden waren. Den ganzen Tag über kamen sie nicht zurück. Am folgenden Tag, dem 22. Oktober, gelang es den republikanischen Soldaten endlich, den Aufständischen Einhalt zu gebieten. Diakon Yang und seine Frau zogen Erkundigungen ein und erfuhren, daß Matthew und John erschossen worden waren. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es ihnen, die Leichname zu finden. Eigenartigerweise waren die Körper der beiden Jungen nicht so zugerichtet wie die anderen Opfer des Aufstandes, die die Polizei in ein Feld geworfen hatte. Deshalb konnten die Yangs mit der Hilfe von Diakon Chung die Leichname auf einer Strohbahre ins Haus zurückschaffen. Und dort fand ich sie zwei Tage später.“
Mühsam sprach Hong dann von seinen eigenen Erlebnissen. Seine erste Sorge war, die Jungen provisorisch begraben zu lassen. Dabei traf er zufällig die Frau eines Photographen, die ihm bekannt war. Sie hatte beobachtet, wie die Aufständischen Matthew und John abgeführt hatten. Von ihr und von einem Schulkameraden der Jungen, der sie hatte sterben sehen, erfuhr er Einzelheiten über den Prozeß   Einzelheiten, die der Familie und den Freunden der Jungen sehr wichtig waren.
Die Frau hatte gehört, daß die Aufständischen einige Christen verhaftet und sie zur Polizeistation geschleppt hatten. Sie fürchtete, daß ihr Mann darunter sei und lief auf die Straße hinaus. Ihren Mann konnte sie zwar nicht entdecken   er hatte sich verborgen und war in Sicherheit  , aber sie sah Matthew und John, blutüberströmt, wie sie mit Knüppeln und Gewehrkolben gestoßen und geschlagen wurden. Dennoch redeten die beiden Jungen ernsthaft auf ihre Peiniger ein, drängten sie, Buße zu tun und an Jesus zu glauben, baten sie, nicht gegen ihre Landsleute zu kämpfen, sondern nach dem Geist des christlichen Glaubens zu suchen, durch den allein sie ihrem Land von Nutzen sein könnten. Die Frau vergaß ihr eigenes Leid, als sie die Jungen so reden hörte.
Der Klassenkamerad der beiden, der sie hatte sterben sehen, war erst vierzehn Jahre alt. Er berichtete, Matthew sei auf den Hinterhof der Polizeistation gebracht worden, wo die Toten aufgestapelt lagen. Dort drangen die Studenten auf ihn ein.
„Willst du immer noch auf deinem christlichen Glauben beharren? Wenn du bereit bist, deinen Glauben aufzugeben und mit uns zusammenzuarbeiten, dann lassen wir dich laufen, so wie Myung sin Ro.“ Sie deuteten auf einen Studenten, der zu ihnen übergelaufen war.
Matthew ließ sich nicht beirren. „Selbst wenn ihr mich umbringt, meinen Glauben könnt ihr mir nicht nehmen. Ihr müßt euch ändern, nicht ich. Hört auf mit eurer Grausamkeit und glaubt an Jesus Christus.“
„Vergeudet keine Zeit mit ihm“, schrie jemand dazwischen. „Schießt doch endlich!“ Da warf sich John vor Matthew.
„Hört zu“, rief er. „Mein Bruder ist der älteste Sohn unserer Familie. Er wird für meine Eltern sorgen müssen, wenn sie alt sind. Bringt mich an seiner Stelle um und laßt ihn gehen.“
Matthew wand sich, aber er war zu fest gebunden. „John, sei kein Tor. Sie haben es nicht auf dich abgesehen. Gehe du nach Hause und übernimm meine Pflichten!“
Einer der Burschen riß John beiseite. Ein anderer verband Matthews Augen. Als Matthew merkte, daß er gleich erschossen werden sollte, beschwor er sie: „Ihr müßt umkehren und an Jesus Christus glauben. Selbst wenn ihr mich jetzt erschießt, ich gehe in den Himmel. Aber ihr! Wie könnt ihr der schrecklichen Strafe der ewigen Verdammnis entgehen?“
Blind vor Zorn gaben die Aufständischen Feuer.
„Vater“, schrie Matthew, „nimm meinen Geist auf. Vergib ihre…“ Der Satz blieb in der Luft hängen. Sein Körper kippte vornüber. Die anderen fluchten und schrien. Da entwand sich John wie ein Tiger dem Griff seiner Wächter und umfing den Körper seines Bruders.
„Ihr habt meinen Bruder umgebracht. Ihr habt einen Unschuldigen getötet. Wie wollt ihr euch rechtfertigen, daß ihr unschuldiges Blut vergossen habt? Kehrt um und glaubt an Jesus Christus!“
„Legt den auch um“, schrie es aus der Menge.
John antwortete: „Ich folge meinem Bruder, der jetzt schon im Himmel ist. Denn ich habe den gleichen Glauben wie er.“ Dann breitete er seine Arme weit aus: „So starb mein Heiland am Kreuz, und genauso will ich eure Kugeln erwarten. jetzt könnt ihr schießen.“
„Dieser Kerl ist ja noch schlimmer als sein Bruder“, bemerkte einer der Studenten. Die Salve krachte. Johns letzte Worte waren ein Gebet: Vater, vergib ihre Schuld. Hilf ihnen, umzukehren. Nimm du meinen Geist auf und sei mit meinem Vater und …“
Sein Körper fiel leblos über den seines Bruders.
„Sie starben wie Stephanus“, beendete Hong seinen Bericht. „Gelobt sei der Herr, der sie durch ihr tägliches Leben, ihr Leben im Glauben, vorbereitet hat, als Märtyrer zu sterben.“
Pastor Son trat vor die Gemeinde.
„Liebe Brüder, ich glaube ganz sicher, daß meine beiden Söhne Matthew und John bei Gott sind. Ihre Mörder aber werden der ewigen Verdammnis nicht entgehen, wie Matthew sagte. Das läßt mich nicht los. Kann ich, der ich das Evangelium verkündige, die Mörder meiner Kinder umkommen lassen?“
Selbst wenn sie Fremde wären, müßte er sich um sie bemühen. Wo sollte das enden, wenn sich Menschen eines Volkes gegenseitig umbrachten? Die eine Seite rächte sich an der anderen. Mußte das nicht zum völligen Untergang führen? Jemand sollte nach Soon chun zu Pastor Duk Whan Ra gehen. Pastor Ra sollte dafür sorgen, daß die Mörder seiner Söhne, wenn man sie aufspürt, nicht geschlagen oder getötet wurden. „Ich will versuchen, sie zu Jesus zu bekehren und sie als meine Söhne adoptieren.“ Und da Matthew und John Pastoren werden und der Ae yang won Kirche an seiner Stelle einmal dienen wollten, sollten sie nicht in Soon chun, sondern hier in den Hügeln des Ae yang won begraben werden. „Dies sind meine beiden Wünsche an euch und an meinen himmlischen Vater.“
Frau Son tat wie gewöhnlich ihre Arbeit. Aber sie war stumpf und in sich gekehrt. In chai Li, der Laienpastor, versuchte sie zu trösten, aber es gelang ihm nicht. Heute sollten die Leichname der beiden Jungen ankommen. In einer Stunde würde der Lastwagen da sein, den die Kirchenleitung des Ae-yang won dafür bestellt hatte. Auch Pastor Son war einsilbig und niedergeschlagen. Gestern noch hatte er so voller Glauben und Kraft gesprochen. Aber jetzt beugte ihn tiefe Trauer. Er kam nicht los von dem Gedanken, daß ihm all diese Nöte und Sorgen auferlegt seien, weil er schwer gesündigt hatte.
Sie standen um den Frühstückstisch.
„Sprichst du das Dankgebet heute?“ Li, überrascht, wußte nicht, wie er an einem solchen Tage danken sollte, aber er begann: „Lieber Vater, wir danken Dir für Deine unendliche Liebe.“ Er hielt inne. „Wir danken Dir, daß Du denen, die Dich lieben, alle Dinge zum besten dienen läßt. Wir danken Dir, daß es Dir gefallen hat, das Leben unseres Pastors während seiner Gefangenschaft und während seines Prozesses zu schonen, und daß Du dafür diese beiden wertvollen Leben zu Dir genommen hast. Alle drei waren Dir geweiht, Vater, und Du hast eines erhalten und zwei genommen. Wir wissen nicht, warum; aber wir wissen, daß Du Deinen Plan damit hast, und wir bitten Dich, daß Du uns diesen Sinn zeigst. Segne uns jetzt diese Speise, die Du uns geschenkt hast, und hilf uns, nach Deinem Willen zu leben. Das alles bitten wir im Namen Deines Sohnes.“
Pastor Sons Augen glänzten, und Freude schwang in seiner Stimme. „Li, ich bin dir wirklich sehr dankbar.“
Durch dieses Gebet hatte Gott ihn wieder aufgerichtet, ihn befreit von den quälenden Selbstvorwürfen. Jetzt wartete er gespannt darauf, daß Gott Licht warf auf den Weg, der vor ihm lag. Als die Särge mit seinen Söhnen ankamen, ging er selbst dem Trauerzug voran, und triumphierend sang er das Lied der auferstandenen Christen:
Wenn dann zuletzt ich angelanget bin im schönen Paradeis,
von höchster Freud erfüllet wird der Sinn, der Mund von Lob und Preis.
Das Halleluja reine man spielt in Heiligkeit,
das Hosianna feine ohn‘ End in Ewigkeit,
mit Jubelklang, mit Instrumenten schön, in Chören ohne Zahl,
daß von dem Schall und von dem süßen Ton sich regt der Freudensaal,
mit hunderttausend Zungen, mit Stimmen noch viel mehr,
wie von Anfang gesungen das große Himmelsheer.
Pastor Sons Anblick sprach von dem Leid, das tief verwundet, aber nicht überwältigen kann, das den Kelch der Traurigkeit füllt, aber nicht überfließen läßt. Es war der Anblick eines trauernden Vaters, der sich von den Ewigen Armen Gottes getragen weiß.
Ein paar Wolken hingen im hohen Himmel, und der Wind raschelte in den Herbstblättern. In der Ferne breitete sich das Meer aus, aber den Trauernden schien es wie der Jordanfluß. „Die Blätter fallen, und wir sind nicht traurig, daß sie welk werden. Aber die beiden, die wir beweinen, waren wie Knospen. Sie wurden im Frühling gepflückt … Wie schwer war ihr kurzes Leben, Herr! Vater, vergib, daß wir so traurig sind!“
Der Beerdigungsgottesdienst nahm seinen Lauf. Li sprach über einen Text aus der Offenbarung, kraftvoll und tröstend. Seine Worte stärkten die heimgesuchte Familie und die trauernden Kranken.
Dann trat Pastor Son vor. Seine Bewegungen waren schwer, aber seine Stimme klang frisch.
„Ich will nicht die übliche lange Antwortrede halten. Dafür zähle ich die vielen Wohltaten auf, die der Herr mir erwiesen hat, und ich will Ihm dankbar dafür sein.
Ich danke dem Herrn, daß er mich sündigen Menschen zum Vater von Märtyrern hat werden lassen.
Ich danke dem Herrn, daß er mich unter seinen vielen Jüngern erwählt hat, diese wertvollen Schätze zu hüten.
Ich danke dem Herrn, daß ich ihm meine beiden ältesten Kinder, gerade sie, die Freude und Ehre jedes Vaters, habe geben dürfen.“
Seine Stimme versagte ihm den Dienst. Die Trauernden schlossen die Augen, um die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten. Aber es gelang nicht. Sie alle wußten, daß er sich mit dem großen Verlust abgefunden hatte. Aber sollte er wirklich so voller Dankbarkeit sein?
„Ich danke für das Vertrauen des Herrn, daß er mir die Ehre erweist, nicht nur einen, sondern zwei Söhne hinzugeben.“ Pastor Son hatte sich wieder gefangen.
„Wenn es schon segensreich ist, nach einem christlichen Leben im Bett zu sterben, wie viel mehr Segen liegt darauf, nach der Verkündigung des Evangeliums als Märtyrer sein Leben zu lassen.
Ich danke dem Herrn dafür.
Ihr alle wißt, daß meine Söhne nach Amerika gehen wollten. Aber der Herr hat sie zu sich geholt, an einen viel besseren Ort. Deshalb bin ich voller Frieden.
Ich danke dem Herrn.
Ich danke dem Herrn für die Liebe, die er mir geschenkt hat. Er wird mir helfen, den Feind, den Mörder meiner geliebten Söhne, zu bekehren und ihn als meinen Sohn anzunehmen.“
Tiefe Stille. Das erschien so widernatürlich, so unfaßbar! Einige jedoch wußten schon von dem Boten, der dieses Anliegen ausführen sollte.
„Ich glaube, daß das Martyrium meiner Söhne vielen Söhnen den Weg in das himmlische Reich weisen wird, und dafür danke ich und preise ich Gott.
Ich danke dem Herrn, daß er mein Herz erfüllt und froh gemacht hat. Er half mir, diese acht Wahrheiten zu erkennen. Dafür und für seine unendliche Liebe, mit der er mich in Zeiten der Prüfung umgeben hat, kann ich ihm nicht genug dankbar sein.“
Lächelnd erhob Pastor Son das Gesicht:
„Ich danke Dir, Herr, für all Deine Wohltaten, die Du mir erwiesen hast. Aber ich weiß, daß ich sie nicht verdient habe. Ich glaube, Du lohnst damit die Fürbitte meines Vaters und meiner Mutter, die 35 Jahre lang jeden Morgen treu für mich gebetet haben, und Du erhörst die Gebete meiner lieben Brüder hier, die 23 Jahre mich und meine Familie vor Dich gebracht haben. Ich danke euch allen.“

V.

Pastor Duk Whan Ra wälzte sich auf seinem Lager. Er hatte Fieber. Seit dem Aufstand hatte er nicht schlafen können, und tagsüber war er rastlos darum bemüht, Familien zu retten, die unter falschen Anschuldigungen gefangen gehalten wurden. Jetzt fühlte er sich so zerschlagen, daß er nicht aufstehen konnte.
Jemand trat in den Hof. Dann hörte er seine Tochter Soon-keum rufen.
„Rachel, wie kommst du hierher?   Vater, Mutter, Rachel ist hier!“
Rachel! Pastor Ra stöhnte. Seine eigenen fünf Kinder waren während des Aufstandes nicht zu Schaden gekommen, und die beiden ältesten Söhne Pastor Sons, die ihm anvertraut waren, lebten nicht mehr! Er hätte dieses Unglück nicht verhindern können, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß er irgendwie versagt hatte. Deshalb betrübte ihn Rachels Kommen. Vor ein paar Tagen noch hätte er sie freudig begrüßt, aber jetzt überkam ihn ein Vorgeschmack auf das Zusammentreffen mit Pastor Son, das er so scheute, und er wagte nicht, ihr gegenüberzutreten. Freilich, so tröstete er sich, hatten die beiden Jungen ruhmreich ihr Leben gelassen. Und ihr Begräbnis hatte, wie er gehört hatte, ihrem Märtyrertod alle Ehre getan. Aber   konnte das Herz eines Vaters dadurch wirklich getröstet werden? Würde er nicht doch um seine Söhne trauern und bitter sein gegen die Verschulder ihres Todes?
Aber Rachel war schon an der Tür. Hastig stand er auf. „Komm herein, Rachel“, bat er. Soon keum, die nicht ahnte, wie niedergeschlagen ihr Vater war, führte die Freundin ins Zimmer. Rachel schien traurig, aber doch sehr gefaßt. Pastor Ra wollte sie irgendwie trösten, aber er suchte vergeblich nach einem passenden Wort. Da kam seine Frau aus der Küche herüber.
„Rachel“ rief sie aus, „wie schrecklich für deinen Vater und für deine Mutter!“
„Ja“, erwiderte Rachel. „Zuerst waren sie sehr traurig. Mutter brach zusammen und selbst Vater weinte, aber dann sagte er, er sei dankbar, daß meine Brüder als Märtyrer gestorben seien. Beim Begräbnis nannte er die Gründe für seine Dankbarkeit gegen den Herrn.“
Pastor Ras Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Wofür denn nur?“
„Ich weiß nicht mehr alles, aber er sagte, er sei dankbar, daß er Vater zweier Märtyrer sein dürfe, daß zwei seiner Söhne starben und nicht nur einer, daß es seine beiden ältesten waren und nicht die jüngeren …“ Rachel wiederholte, was sie noch vermißte; einen Punkt nach dem andern zählte sie auf.
Pastor Ra war überwältigt. Wenn Rachel gesagt hätte „Mein Vater und meine Mutter können dir nicht verzeihen, weil du nicht auf meine Brüder achtgegeben hast und zuließest, daß sie getötet wurden“, dann hätte er es verstehen können. Aber diese Worte des Dankes … Schon wegen seines dreiundzwanzigjährigen Dienstes an den Leprakranken und wegen seiner fünfjährigen Haft nahm Pastor Son unter den Pastoren des Landes eine besondere Stellung ein. Aber daß er jetzt für den Tod seiner ermordeten Söhne dankte, das übertraf bei weitem alles. Als Rachel weitersprach, traten Tränen in Pastor Ras Augen. Jetzt endlich verstand er, was Pastor Son ihm hatte sagen lassen: daß die Mörder seiner Söhne, wenn sie gefunden würden, nicht getötet oder gefoltert werden sollten. Er selbst wolle sie an Sohnes Statt annehmen und sie zu Christus führen. Pastor Ra solle diese Sache in die Hand nehmen. Diese Bitte hatte ihm sehr eigenartig geklungen, und je mehr er darüber nachsann, um so hoffnungsloser erschien sie ihm. Wie oft schon hatte er unschuldig Gefangengehaltene für Christus gewinnen wollen, aber ohne Erfolg! Wie viel schwieriger mußte es sein, wenn man tatsächlich einen Schuldigen vor sich hatte! Aber während Rachel sprach, begann er, Pastor Son zu verstehen.
„Sag uns, was hat dein Vater noch gesagt?“ bat er. Rachel dachte einen Augenblick nach. „Er sagte, er sei dankbar, daß der Herr ihm Gnade geschenkt habe, denen zu vergeben, die meine Brüder getötet haben, und daß er sie adoptieren wolle. Deshalb bin ich hier. Park, einer unserer Ältesten, hat ihnen diese Botschaft zwar schon überbracht, aber ich soll Sie bitten, diesen Wunsch bestimmt auszuführen. Vater sagte, er wolle zu Hause dafür beten, daß es Ihnen gelingen möge.“
Pastor Ra wandte sich um und breitete seine Gedanken und Bitten vor Gott aus. Pastor Son schien ihm groß, so wie Abraham, der bereit war, seinen einzigen Sohn zu opfern. Aber er war nicht mehr erstaunt darüber, denn es war ja der Geist Gottes, der sie beide so groß machte   der Geist des Gottes, der seinen einzigen Sohn in den Tod gab, um die Welt zu erretten! Aus vollem Herzen pries und lobte er den Herrn für seine Gnade und dafür, daß er Pastor Son sich so ähnlich gemacht hatte. Jetzt wußte er auch, was er zu tun hatte. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggewischt. Er war nicht länger davon überzeugt, daß dieses Unterfangen aussichtslos sei. Leichten Herzens erhob er sich, gerade als sein Sohn in das Zimmer trat. Che min begrüßte Rachel und wandte sich an Pastor Ra.
„Vater, der Junge, der Matthew und John erschossen hat, ist gefaßt. Der Studentenrat will die Anklage zusammenstellen und ihn an die Armee ausliefern.“ Das war ein Zeichen Gottes! Pastor Ra bat Rachel, im Haus zu warten, und machte sich mit Che min eilends auf den Weg.
„Pastor Ra ist wieder da“, rief jemand vom Hof. Soonkeum und Rachel stürzten hinaus und sahen ihn mit einem alten Mann betrübt in die Kirche treten und niederknien. Die beiden Mädchen und Frau Ra folgten leise und hörten gerade noch die letzten Worte des Gebets:
„Lieber Herr, der du Paulus durch den Tod des Stephanus umgewandelt hast, bitte hilf uns. Hilf uns um dieses geprüften Vaters willen, aber vor allem, damit Dein Name geehrt werde. Wir wissen nicht weiter. Nur Deine Kraft kann die Verantwortlichen erweichen, daß sie auf unsere Bitte hören. O Vater, nur Du kannst unser Land und unser Volk retten.“
Che min hatte seinen Vater zu dem Haus geführt, wo der Studentenrat Gefangene festhielt und verhörte. Dort fanden sie Chai sun, den Jungen, der beschuldigt wurde, Matthew und John erschossen zu haben. Chai sun lag auf dem Boden. Offenbar war er grausam geschlagen worden. Seine Mutter hielt ihn umfangen und weinte und flehte um Gnade. Aber die Studenten setzten unbeirrt ihr Verhör fort.
„Wenn du nicht geschossen hast, wer dann?“ Sie machten Anstalten, wieder auf ihn einzuschlagen, aber die Mutter hinderte sie daran.
Chai sun, zitternd und völlig verängstigt, antwortete:
„Ich gab nur einen Schuß auf den Leichnam ab, nachdem er schon gefallen war.“
„Wie sehr mußt du den Studenten gehaßt haben, um noch auf seinen toten Leib zu feuern. Auf welchen der beiden Brüder hast du geschossen?“
„Auf Matthew“, kam die unsichere Antwort. Die Studenten glühten vor Zorn.
Die Armee der Nationalen hatte den Aufstand niedergeschlagen und war nun dabei, die Ordnung wiederherzustellen. Damit dies zügig vor sich gehe, hatte sie den Studentenrat und die Polizei beauftragt, Aufständische aufzuspüren, zu verhören und dann an die Armee auszuliefern. Zwar kam es da und dort zu falschen Anklagen. Im allgemeinen jedoch gingen die Untersuchungen sorgfältig und gründlich vonstatten, denn auf die Verurteilten wartete die Hinrichtung. Chai sun war mit einer Schußwaffe gesehen worden. Außerdem fanden sich Zeugen dafür, daß er gemeinsam mit den kommunistischen Studenten auf die beiden Brüder geschossen habe. Aber er blieb hartnäckig dabei, nichts damit zu tun zu haben, bis die Studenten begannen, auf ihn einzuschlagen. Ein junger Nationalarmist verfolgte gespannt das Verhör.
Pastor Ra stand eine kleine Weile unschlüssig, dann trat er beherzt vor. „Es tut mir leid, das Verhör zu unterbrechen, aber ich möchte gern etwas vorbringen.‘
„Wer sind Sie?“ fragte ein Student.
Doch ehe der Pastor antworten konnte, rief ein anderer:
„Sie sind der Vater von Che min, nicht wahr?“
Pastor Ra wurde aufgefordert, sein Anliegen vorzutragen. Taktvoll und behutsam sprach er von Pastor Sons Bitte, die Mörder seiner Söhne, wenn sie gefunden würden, nicht zu mißhandeln oder zu töten. Denn Pastor Son wolle sie adoptieren und zu Christus bekehren.
Sofort erhoben sich protestierende Stimmen. Dies sei nicht die Zeit, Begnadigungen zu fordern, man würde ihn nur mißverstehen. Und außerdem, sie hätten ihre ausdrücklichen Befehle. Einer solchen Bitte könnten sie nicht stattgeben. Der Soldat, der still zugehört hatte, erhob sich und verließ den Raum. Rasch folgte ihm Ra und bat ihn um Hilfe. Da wandte sich der Soldat scharf um, tat Pastor Ras Ansinnen als Torheit ab und ging weiter.
Auch die Polizei wollte nichts damit zu tun haben. Das Land unterstehe Militärrecht, Pastor Ra solle sich an die Leitung der Nationalen Armee wenden. Entschlossen suchte Ra ein Mitglied des Nationalen Rates auf, einen Mann von beträchtlichem Einfluß. Aber als er sein Anliegen nannte, wurde ihm nahegelegt, die ganze Angelegenheit fallen zu lassen, weil sie ihn bei der Regierung in Ungnade stürzen könne.
Entmutigt und ratlos irrte Pastor Ra durch die Straßen. Da hielt ihn ein alter Mann an, vergewisserte sich, daß er tat¬sächlich Pastor Ra vor sich hatte, und stellte sich als der Vater von Chai sun vor.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragte Pastor Ra freundlich.
Der Mann antwortete, seine Frau habe ihm berichtet, wie Pastor Ra für seinen Sohn eingetreten sei. Er wolle ihm herzlich danken und ihn bitten, den Jungen zu retten. Er sei unschuldig.
Pastor Ra war plötzlich sehr müde. Wenn Chai sun unschuldig war, dann traf Pastor Sons Auftrag nicht auf ihn zu, und er hätte nicht die Pflicht, ihn um jeden Preis zu retten. Der Vater wußte natürlich nichts davon. Wenn er es wüßte, hätte er dann zugegeben, daß sein Sohn schuldig sei? Wie sollte er, Pastor Ra, aber wissen, was wirklich der Wahrheit entsprach? Er war verwirrt. Verzweifelt schrie er in seinem Herzen nach einer klaren Weisung. Dann führte er den alten Mann in die Kirche, um zu beten. Unterwegs erzählte er ihm von Pastor Son. Es stellte sich heraus, daß Chai suns Vater auch im Kwang ju Gefängnis gewesen war. Damals hatte er viel von diesem Pastor gehört, und er hatte ihn immer kennenlernen wollen. Zweifellos mußte das Pastor Son gewesen sein. Jetzt sollten sich ihre Wege also auf diese Weise kreuzen.
Der alte Mann hatte noch nie eine Kirche betreten und meinte, die Bibelverse zu beiden Seiten der Kanzel seien dazu da, um böse Geister fernzuhalten, wie die Schriftzeichen, die er und seine heidnischen Nachbarn in ihren Häusern befestigten. Wie Pastor Ra beugte auch er sein Haupt. Aber mit Pastor Ras Gebet konnte er nichts anfangen. Er kannte nur den Singsang vor den Götzen, und so klang ihm auch das Gebet. Er wiederholte nur immer wieder: „Rette meinen Sohn, rette ihn!“
Gestärkt durch das Gebet erhob sich Pastor Ra und wollte die Kirche verlassen. Da kam Che min.
„Sie haben ihn in das Pal wang Café gebracht.“
„In ein Café?“
„Ja, in das Pal wang Café. Es ist von der nationalen Armee besetzt.“
Der Vater meinte, sein Sohn würde nun sicherlich hinge¬richtet, und stöhnte auf: „Was soll ich tun?“ So schnell sie nur konnten, folgten sie Che min.
„Wer da? Was wollen Sie?“ Pastor Ra fuhr erschrocken zusammen. Aber er fing sich schnell.
„Ich bin Duk Whan Ra, Pastor der Seung choo Kirche.“
„Ein Pastor? Was wollen Sie?“
Pastor Ra wies seinen Ausweis vor. „Ich habe eine wichtige Botschaft zu überbringen.“
„Was für eine?“ Der Wachposten sprach ein wenig freundlicher.
„Ich muß die Verantwortlichen sprechen, die über diesen Gefangenen hier entscheiden.“ Bei einem schnellen Blick in das Innere des Raumes erkannte Ra den Soldaten, den er schon beim Studentenrat gesehen hatte. „Dort steht der Mann, den ich sprechen muß!“ rief er aus und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Posten, überrumpelt, wollte ihn zurückholen. Da gewahrte er Chai suns Vater am Tor.
„Und Sie, wer sind Sie?“ forderte er barsch.
„Der Vater des Jungen“, erwiderte der alte Mann. Da Pastor Ra wußte, daß der Posten nicht auch noch den Vater einlassen würde, ging er allein weiter.
Im Verhandlungsraum sah er Chai sun wieder auf dem Boden liegen. Wieder kniete seine Mutter neben ihm und weinte und bat um sein Leben. Immer noch bestritt Chai sun, an der Erschießung von Matthew und John teilgenommen zu haben. Deshalb konnte er nicht verurteilt werden. Seine Verhörer schäumten vor Wut über diese Verzögerung.
Pastor Ra bat den Posten, mit Chai sun sprechen zu dürfen. Ärgerlich willigte der Soldat ein.
„Ich bin Pastor Ra von der Seung choo Kirche. Du mußt mir die Wahrheit sagen. Ich komme im Auftrag von Pastor Son, dem Vater der beiden Jungen, die du erschossen haben sollst. Warst du unter den Studenten, die Pastor Sons jungen umgebracht haben?“
Chai sun blickte erstaunt auf. Pastor Ra sprach so ganz anders als die Studenten und die Soldaten, die ihn unbedingt verurteilen wollten. „Nein, ich habe sie nicht getötet“, antwortete er.
„Stimmt das wirklich?“
„Ja!“
„Dann kann ich nichts für dich tun.“
Verblüfft blickten alle Anwesenden auf Pastor Ra – Chaisun, seine Mutter, die Soldaten und selbst Che min, der unbemerkt hereingeschlüpft war – , sie alle warteten förmlich auf eine Erklärung.
„Ich habe nicht nur den Auftrag, Pastor Sons Bitte zu überbringen, sondern ich soll auch darauf sehen, daß sie ausgeführt wird. Pastor Son bat, daß die Mörder seiner Söhne, wer immer sie auch seien, nicht verurteilt, sondern begnadigt würden. Ich bin den Schuldigen verpflichtet, die Unschuldigen gehen mich nichts an.“
Pastor Ra sah verzweifelt um sich. Er war erfüllt von dem Verlangen, seine Aufgabe auszuführen. Und doch brach es ihm fast das Herz, diesen armen hilfsbedürftigen Jungen zurückzustoßen. Nur mühsam konnte er die Tränen hinunterkämpfen.
Da schlang Chai sun flehentlich seine Arme um Pastor Ra und würgte heraus: „Retten Sie mich. Ich war bei den Aufständischen und ich habe die Jungen erschossen. Retten Sie mich, bitte retten Sie mich!“
War dieses Geständnis wahr? Oder war Chai sun schon so zermürbt, daß er alles auf eine Karte setzte, daß er bereit war, sich auf der Stelle verurteilen und hinrichten zu lassen, in der kleinen Hoffnung, daß Pastor Ra ihn retten würde? Sein Bericht schien der Wahrheit zu entsprechen. Während des kommunistischen Sturms auf Soon chun seien die aufständischen Studenten bei ihm vorbeigekommen und hätten ihn gezwun¬gen, sich ihnen anzuschließen. Er sei also mit zu Matthew und John gezogen und habe die beiden Jungen zusammenschlagen helfen, weil ihm nichts anderes übriggeblieben sei. Auf dem Hinrichtungsplatz sei er dann mit vier anderen zum Schießkommando bestimmt worden, und er hatte, wenn auch widerwillig, dem Befehl gehorcht.
„Und wie kamen die beiden Jungen ums Leben?“
„Wir schossen alle fünf. Ich weiß nicht, ob meine Kugel traf, aber ich gab noch zwei Schüsse auf Matthew ab, als er schon gefallen war.“
In dem kurzen beklemmenden Augenblick, der Chai suns Geständnis folgte, jagten Pastor Ra die verschiedensten Erwägungen durch den Kopf.
Er war natürlich nicht sicher, ob Chai sun die Wahrheit gesagt hatte. Aber das konnte er jetzt nicht beurteilen. Durch sein, Pastor Ras, Eingreifen hatte sich der Junge sein eigenes Urteil gesprochen. Wenn er ihn nicht losbekommen konnte, würde Chai sun in Kürze hingerichtet. Dieser Gedanke drängte ihn zum Handeln.
„Wenn das so ist“, sagte er laut, „dann will ich alles daransetzen, um dich zu retten.“
Irgendwo waren vielleicht noch vier andere, die ein Recht auf Pastor Sons Verzeihen hatten. Vielleicht suchten die Soldaten schon nach ihnen, und er würde sich auch für sie verwenden müssen … Aber diese Überlegungen konnte er jetzt nicht weiterspinnen. Die nächsten Schritte lagen klar vor ihm.
Noch einmal wandte er sich an den Soldaten und bat um Begnadigung. Der Soldat bestätigte ihm nur, was er befürchtet hatte, was auf ihm lastete und ihn zur Eile drängte   daß der Fall jetzt abgeschlossen sei; die Hinrichtung des Gefangenen sei jetzt gewiß. Pastor Ra flehte und versicherte, daß christliches Vergeben das Leben eines Schuldigen umwandeln und auch andere Menschen zum Guten beeinflussen könne. Aber solche Argumente schienen den Soldaten nur aufzubringen. Er wisse nichts von den Gesetzen des göttlichen Wirkens, er kenne nur die Gesetze seines Landes, und die würde er verletzen, sagte er, wenn er den jungen freiließe. Pastor Ra bat um Zeit, um beim Präsidenten Syngman Rhee Berufung einlegen zu können. Das wurde abgelehnt.
Vor dem Café fuhr ein Jeep vor, und ein Offizier trat in den Raum. Der Soldat stand stramm.
„Alles in Ordnung. Wir warten auf den Lastwagen, der den Gefangenen zur Hinrichtung bringen soll.“
„Der Lastwagen sollte schon da sein“, erwiderte der Offizier. „Aber er hatte eine Panne. Es wird etwa eine halbe Stunde dauern … was wollen all die Leute hier?“
„Verwandte des Jungen.“
„Schick sie weg. Ich komme später wieder.“
Der Offizier schwang sich auf den Jeep und fuhr an.
Pastor Ra wußte nicht mehr aus noch ein. Er hatte gehofft, mit dem Offizier sprechen zu können, denn offenbar hatte er das letzte Wort über Leben oder Tod des Gefangenen. Aber die Gelegenheit war ungenützt verstrichen. Die Worte des Offiziers trafen ihn wie Nadelstiche   in einer halben Stunde würde der Junge hingerichtet. Noch einmal flehte er den Soldaten an, ihm Zeit zu lassen. Er wolle sich an den Präsidenten wenden. Wütend machte der Soldat den Pastor darauf aufmerksam, daß er mißverstanden und als Kommunistenfreund bestraft werden würde, wenn er weiter für den Jungen bat. Schließlich kam Pastor Ra Rachel in den Sinn. Die sollte ihres Vaters Wunsch vorbringen. Der Soldat willigte erleichtert ein, denn er hoffte, den Pastor auf diese Weise loszuwerden. Der Lastwagen war ja schon unterwegs.
„Che min“, befahl Pastor Ra, „hol sofort Rachel her!“
Kostbare Minuten verstrichen, und Pastor Ra meinte schon, die Kinder kämen nie zurück. Würde es Rachel noch vor dem Lastwagen schaffen? Endlich kamen sie, ganz atemlos. Rachel, klein und zierlich, ein freundliches, lebhaftes Schulmädchen, doch von Trauer gezeichnet, erwärmte die frostige Atmosphäre des Raumes. Alle Augen wandten sich ihr wohlwollend zu. Pastor Ra stellte sie hastig vor.
„Das ist die Tochter von Pastor Son und die Schwester von Matthew und John.“
„Wie heißt du?“ fragte der Soldat.
„Rachel Son.“
„Wie alt bist du?“
„Dreizehn.“ Ihre Antworten kamen erstaunlich ruhig und gesammelt.
„Seit wann bist du in Soon chun?“
„Ich ging heute früh von zu Hause fort.“
„Und warum bist du hier?“
Pastor Ra schloß die Augen und betete stumm ein flehentliches Gebet.
„Mein Vater bittet, daß derjenige, der meine Brüder getötet hat . . .“ Sie mußte schlucken. Entschlossen biß sie sich auf die Lippen und fuhr fort: . nicht getötet oder mißhandelt werden soll … sondern . . Sie brach in Tränen aus. Auch Chaisuns Mutter schluchzte auf. Selbst der Soldat mußte an sich halten, um seine Rührung nicht zu zeigen.
Rachel hatte nichts anderes gesagt als Pastor Ra, aber auch der Abgebrühteste unter den Anwesenden verstand etwas von der Tiefe der Trauer, die Rachel und ihre Familie beugte. Aber er sah auch, wie mächtig sie erfaßt waren von der Gewalt der Liebe, daß sie dem vergeben konnten, der all dieses Leid über sie gebracht hatte.
Der Soldat gab nach. Als der Lastwagen vorfuhr, bat er Pastor Ra, ihn zum Studentenrat zu begleiten. Nach kurzer Beratung wandte er sich an den Pastor: „Ich überlasse Ihnen den jungen. Vor meinem Vorgesetzten werde ich dafür schon geradestehen.“
14. November 1948.
„Ist da jemand?“
„Pastor Son!“ Erstaunt stieg Frau Ra das Tor der Seung-choo Kirche auf und bat ihn, einzutreten.
„Kann ich mit Pastor Ra sprechen?“
„Nein, er ist unterwegs und will einige Besuche machen, aber er wird wohl nicht lange ausbleiben.“ Pastor Son wollte warten. Er sah sehr blaß aus.
„Was haben Sie alles durchgemacht, Pastor Son!“ rief Frau Ra aus.
„Der Herr hat es so gewollt. Wir können über diese Dinge nicht bestimmen.“
Ein Schatten glitt über Pastor Sons Gesicht.
Frau Ra schossen Tränen in die Augen. „Und Ihre Frau. Wie sehr muß sie gelitten haben!“
„Ja, wahrscheinlich braucht sie deshalb so viel Ruhe“, antwortete Pastor Son abwesend, als spräche er nicht von seinen eigenen Sorgen.
„War es schwierig, durchzukommen?“
„In der Nähe der Chang dai Brücke wurde ich angehalten. Aber als ich sagte, ich sei Pastor Son, da waren die Soldaten sehr freundlich und ließen mich passieren.“
„Sie wissen es also schon“, erwiderte Frau Ra. Die Geschichte von Chai suns Begnadigung hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt herumgesprochen. „Und was haben Sie jetzt vor?“
„Ich soll in Pusan, in der Cho ryang Kirche, eine Evangelisation leiten.“
„Aber Sie sollten noch etwas ausruhen. Sie sind doch sicher noch recht schwach, nach all dem, was Sie durchgemacht haben?“
„Das stimmt schon, aber ich habe zugesagt, und ich kann mich nicht immer mit meinen Sorgen entschuldigen.“
Angelegentlich erkundigte er sich nach Pastor Ras Gesundheit und erfuhr dann von Frau Ra, wie es zugegangen war, daß Chai sun vor der Hinrichtung bewahrt blieb.
„Wo wohnt er?“ fragte Pastor Son.
„Wer?“  –  „Chai sun.“  –  „Warum?“  –  „Ich würde ihn gern besuchen.“
Frau Ra schnappte nach Luft. Es schien einfach unfaßbar, daß er den Jungen jetzt schon sehen wollte.
„Sie können ihn später kennenlernen“, drängte sie.
„Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten“, erwiderte Pastor Son. „Ich will ihn heute noch sehen und versuchen, ihn zum Heiland zu führen. Vielleicht komme ich später nicht mehr dazu. Außerdem weiß er, daß wir uns eines Tages gegenübertreten müssen, und es wäre freundlicher, ihn nicht so lange auf die Folter zu spannen.“
Pastor Sons rücksichtsvolle Sorge um Chai sun und dessen Familie lieg Frau Ra verstummen. Pastor Son wollte sogleich aufbrechen, und da über die Stadt ein Ausgehverbot verhängt war und es schon spät wurde, beschlossen sie, nicht auf Pastor Ras Rückkehr zu warten. Zusammen machten sie sich auf den Weg.
„Da sind wir“, sagte Frau Ra. „Lassen Sie mich vorgehen.“ Pastor Son wartete an der Tür und sah sich um. Im Haus schien ein kleiner Fischladen zu sein. Nach einer kurzen Weile kam Frau Ra zurück, begleitet von einer untersetzten Frau, die kummervoll den Kopf hängen ließ. Ihnen folgten die anderen Glieder der Familie mit vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen.
Sie hatten den Pastor aufsuchen wollen, sobald das Reisen leichter würde. Dag er ihnen jetzt zuvorgekommen war, beschämte sie. Der Vater und die Mutter suchten verzweifelt nach Worten, und die Söhne blickten noch verlegener drein. Mit einem Gebet im Herzen machte Frau Ra Pastor Son mit Chai sun bekannt.
„Komm her“, bat Pastor Son.
„Verbeuge dich vor Pastor Son, Chai sun!“ befahl der Vater mit unsicherer Stimme. In den sechzig Jahren seines Lebens war er sich noch nie so hilflos vorgekommen wie jetzt. Chaisun konnte nur mühsam niederknien. An den Wunden im Gesicht, die zum Teil noch offen waren, sah Pastor Son, daß Chai sun gerade erst soweit genesen war, um das Bett verlassen zu können.
„Du bist also Chai sun!“ Pastor Son ließ seinen Blick prüfend über Chai suns Gesicht gleiten. Dann faßte er ihn bei der Hand. Hab keine Angst. Ich habe dir schon vergeben.“ Er sah die Tränen in Chai suns Augen. „Ich habe dir schon vergeben, und auch Gott sehnt sich danach, dir zu vergeben.“
Chai suns Vater trat vor. „In unserem Hause“, sagte er, „kommen Sie gleich nach der Sonne.“ Das war die höchste Anerkennung, die er einem Menschen zollen konnte. „Wir können Ihnen nicht sagen, wie sehr wir Ihnen danken. Ich habe schon im Kwang ju Gefängnis von Ihnen gehört. Ich war zur gleichen Zeit dort wie Sie. Schon damals wollte ich Sie kennenlernen. Daß ich Ihnen jetzt so gegenüberstehe, tut mir sehr leid   aber es macht mich auch froh.“
Er rang nach Worten. Dann fuhr er in tiefer Ehrerbietung fort: Ich wollte Sie besuchen, sobald das Reisen einfacher würde. Es schmerzt mich zutiefst, daß ich Sie zuerst habe kommen lassen. Ich will jetzt nachholen, was ich sagen wollte.“ Seine Stimme bebte. Er versuchte, seine Erschütterung zu zügeln.
„Bitte fahren Sie fort“, ermunterte Pastor Son.
„Ich habe vier Söhne“, erwiderte der Vater. „Ich möchte sie gern mit Ihnen teilen. Wollen Sie das annehmen?“ Pastor Son lehnte entschieden ab, aber er ehrte den guten Willen, der hinter diesem Angebot stand.
„Nein, das ist nicht nötig. Sie sind sehr freundlich, aber das will ich nicht. Ich hoffe vielmehr, daß Sie aus Ihren Söhnen ordentliche Männer machen und daß Sie und Ihre ganze Familie an Jesus glauben und gerettet werden.“ Dann wandte er sich an Chai sun.
„Mein Junge, ich will nie mehr daran denken, was du getan hast. Vergiß also auch du deine Zweifel und Ängste. Sei wie meine Söhne. Wenn du so glaubtest und lebtest wie sie, das wäre ein großer Gewinn für dich.“
Chai sun hörte still mit gesenktem Kopf zu.
Eilig wurde ein kleiner Tisch herangebracht und Tee und Gebäck. Aber da es bereits halb sechs war   um sechs Uhr trat die Ausgangssperre in Kraft  , sprach Pastor Son nur noch ein kurzes Gebet und erhob sich. Da ergriff Chai suns Vater noch einmal das Wort.
„Ich habe noch ein Anliegen, Pastor Son, und ich wäre sehr glücklich, wenn Sie einwilligten. Ich weiß, daß Sie eine Tochter haben, die die Oberschule besucht. Könnte sie während der Schulzeit nicht bei uns wohnen? Wir haben eine Tochter im gleichen Alter.“
Chai suns Vater schien entschlossen, aber Pastor Son wies auch dieses Anerbieten zurück. „Nein, vielen Dank, ich möchte Sie in keiner Weise belasten. Ich komme ein anderes Mal wieder.“
Aber der Vater drängte: „Sie haben mich mißverstanden, Pastor Son. Bitte, lassen Sie mich erklären. Unsere Familie geht bereits zur Kirche. Ich möchte nicht auf diese Weise unsere Schuld abtragen. Vielmehr sollen die zehn Glieder meiner Familie wirkliche Christen werden. Wenn Ihre Tochter bei uns wohnte, dann kämen Sie uns öfter besuchen und wir hörten mehr über den christlichen Glauben. Bitte, willigen Sie doch ein.“
„Ich verstehe.“ Pastor Son lächelte. „Aber ich kann meine Tochter nicht zwingen. Ich will Rachel fragen und lasse Sie wissen, was sie dazu meint.“
Die ganze Familie begleitete Frau Ra und Pastor Son auf die Straße hinaus, erleichtert, daß sie das erste Zusammentreffen mit Pastor Son hinter sich hatte, und ein wenig traurig, daß es so bald schon zu Ende war.
„Rachel, Chai suns Vater möchte, daß du zu ihnen ziehst. Du könntest mit im Zimmer seiner Tochter wohnen. Was meinst du dazu?“
Noch am gleichen Abend sprach Pastor Son mit seiner Tochter, denn Chai suns Vater wollte sich am folgenden Morgen die Antwort holen.
„O Vater, das kann ich nicht“, wehrte sie erschrocken ab. „Das könnte ich nicht ertragen, ganz gleich, wie sehr Chaisuns Familie das wünscht.“
Pastor Son tat das Herz weh. Wie litt Rachel unter dem Tod ihrer Brüder! Behutsam erklärte er ihr die Bitte von Chai suns Vater.
Rachel überlegte eine kleine Weile, dann meinte sie: „Ich gehe nicht sehr gern, aber vielleicht kann ich ihnen irgendwie helfen, wenn ich dort wohne … Ich will es mir überlegen.“
Am nächsten Morgen war sie entschlossen, Chai suns Vater in sein Haus zu begleiten. Pastor Son frohlockte über ihre Bereitschaft, sich zu überwinden. Und die Freude von Chai suns Familie kannte keine Grenzen.

VI.

30. Mai 1949. Der Frühling war dem Sommer gewichen, die Gerste stand hoch, und die Spatzen suchten geschäftig nach Würmern. Im Zug, der von Soon chun nach Yo su fuhr, drängten sich an diesem Morgen die Händler und Marktleute. Chaisun, seine Mutter und Pastor Ra fanden nur mühsam zwischen ihnen Platz.
„Chai sun“, fragte die Mutter, „wird Pastor Son auch zu Hause sein?“
„Ich weiß nicht genau, ich konnte ihn nicht mehr verständigen, dag wir kommen wollten.“
„Wahrscheinlich nicht. Er ist viel unterwegs, auf Evangelisationen“, warf Pastor Ra ein.
„Aber Frau Son wird doch da sein, nicht wahr, Pastor Ra … ?“
„Ja, ja, bestimmt. Unsere Reise ist sicher nicht umsonst“, meinte der Pastor. Chai suns Mutter verstummte. Starr blickte sie aus dem Fenster. Sie mußte an das Pal wang Café denken. Sie hatte vier Söhne, und als ihr einer genommen werden sollte, wie verzweifelt hatte sie da gekämpft, um ihn zu behalten. Frau Son aber hatte auf einen Schlag zwei Söhne verloren. Wie mußte es in ihr aussehen! Sie sah eine vergrämte Frau vor sich, die das Leid gebeugt und abgestumpft hatte, da wohl auch ihr die Genugtuung der Rache versagt war. Das Bild dieser Trauernden verfolgte sie wie ein Alptraum und verschlang eine Zeitlang alles Leben um sie herum.
„Karamell und getrockneter Tintenfisch‘   die Händler priesen ihre Ware an und schoben sich durch die dichtgedrängte Menschenmenge im Zug.
Auch Chai sun grübelte darüber nach, wie er Frau Son gegenübertreten solle. Es wäre doch klüger gewesen, einen Tag zu vereinbaren, an dem auch Pastor Son zu Hause wäre, oder vielleicht hätte man Rachel überreden müssen, einen Tag die Schule zu schwänzen und mitzukommen.
Aber sie hätten Frau Son schon längst besuchen sollen, denn seit dem Aufstand und den Vorfällen, die die Familien zusammengeschmiedet hatten, waren bereits mehr als sechs Monate vergangen. Sie hatten wirklich nicht länger zaudern dürfen. Ihre Herzen waren schwer wie Blei. Nur Pastor Ra blieb ruhig.
„Hier ist das Kind, Yang keum. Gib bitte gut acht darauf. Ich hab heute morgen viel zu tun.“
Frau Son hatte einige Tage das Bett hüten müssen. Da war vieles liegengeblieben. Womit sollte sie beginnen? Das Feld müßte gejätet werden, aber während ihrer Krankheit hatte sich ein Berg Wäsche aufgetürmt. Sie würde also zuerst an die Wäsche gehen. Sie sammelte die Stücke in eine Schüssel, hob sie auf den Kopf und trug sie zum nahen Bach hinunter. Aber heute schien ihr die Arbeit mühsamer von der Hand zu gehen als sonst. Immer wieder mußte sie sich aufrichten und verschnaufen. Von ihrem Arbeitsplatz aus konnte sie die vorbeifahrenden Züge beobachten. Kreischende Bremsen. Ein wohlbekanntes Geräusch. Das mußte der Zug aus Soon chun sein, der im Shin pong Bahnhof einfuhr.
Schon nach zwölf, dachte sie bei sich. Wie oft waren ihre Söhne mit dem Zug nach Hause gekommen! Alles ging seinen gewohnten Gang, nur ihre Söhne würde sie nie mehr erwarten können.   Schon wieder waren ihre Gedanken in den gleichen müßigen Kreislauf verfallen! Verzweifelt riß sie sich los. Wie lange würde sie noch dagegen ankämpfen müssen? Erschöpft beugte sie sich über ihre Arbeit.
Da rief jemand nach ihr. Yang keum kam keuchend über den Hügel gerannt.
„Mutter“, rief sie schon von weitem. Mutter, komm schnell. Besuch ist gekommen, und es ist etwas passiert.“
„Was sagst du da, Yang keum? Was ist geschehen?“
„Pastor Ra aus Soon chun hat eine Frau und einen Studenten mitgebracht. Als Onkel den Studenten sah, ging er mit einem Küchenmesser auf ihn los und schrie, er wolle ihn umbringen. Aber Pastor Ra hielt ihn auf. Bitte, mach schnell.“
Jetzt wußte Frau Son, wer sie besuchen wollte. Sie fing an, die Wäschestücke zusammenzulegen. Doch der Schrecken über die Nachricht, ihre plötzliche Hast   ihre Schwäche   die Anstrengung des Morgens  , das war zu viel. Einen Augenblick lang wurde alles schwarz um sie herum. Die Angst vor dem, was ihr nun bevorstand, drohte sie zu erdrücken. Die Schwärze vor ihren Augen tat sich auf in die gähnenden Gräber von Matthew und John. Der Onkel, mit erhobenem Messer   Pastor Son kam ihr lächelnd entgegen   der Onkel hieb Malchus, dem Diener des Hohenpriesters, ein Ohr ab   Christus stieg vom Kreuz herab, hob das Ohr auf und bat Pastor Son, es wieder zu heilen   Stephanus, umgeben von einem Haufen Steine, sang geistliche Lieder   Paulus kam auf den Ae yang-won zu und wurde von den Insassen geschlagen – als Paulus in seiner Bedrängnis nach Stephanus rief, kam ihm dieser zu Hilfe   Paulus schlug die Wäsche, und sie verwandelte sich in ihre Söhne, die ihr entgegengelaufen kamen. Der Alptraum war vorüber. Frau Son sank in tiefe Bewußtlosigkeit.
Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich flach auf dem Rücken liegend auf den Steinen mitten im Bach. Yang keum hockte neben ihr und blickte sie angstvoll an. Frau Son war es, als drückte der hohe Himmel auf sie nieder und als hielte die Erde ihren Körper umfangen; sie hatte kein Verlangen danach, ihre Glieder zu bewegen.
„Mutter“, rief Yang keum sanft, aber drängend. Frau Son regte sich ein wenig, sprach aber nicht und versuchte auch nicht, sich zu erheben. Sie wollte nur daliegen und ihren Gedanken nachhängen. Der Kampf, den sie für überwunden gehalten hatte, brach mit seiner ganzen Wucht auf sie herein. Die Mutter in ihr beweinte den Verlust der Söhne. Die beiden waren unschuldig gewesen, sie hatten nichts Unrechtes getan! Sie wurden in der Blüte ihrer Jugend gebrochen, und wie schwer hatten sie es doch gehabt! Bittere Gedanken! Mein Mann sagt … aber fühlt er wie eine Mutter? … Aber ich muß mich beruhigen. Habe ich diese Gedanken nicht schon abgelegt? Mein Mann sagt … und es ist wahr … sie ehrten Gott durch ihren Tod. Soll ich nach Rache verlangen? … Nein, nein … Soll ich schreien „Gib mir meine Söhne wieder“? Nein, nein … Ich muß jetzt zu ihnen gehen.
Sie zwang sich auf die Beine. Yang keum flehte sie an, endlich zu kommen. Da schloß sie die Augen und betete  „Vater, gib mir Kraft, erneuere meinen Glauben.“ Gott gab seinen einzigen Sohn dahin, dachte sie, was ist also schon meine Sorge? Wie klein ist mein Opfer? Dann kamen ihr die Worte in den Sinn: „Rächet euch selber nicht, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.‘ Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn . . .“‚
Yang keum nahm die Schüssel mit der Wäsche und die Wäscheschläger. Stumm stiegen sie zum Haus hinauf.

„Kommt Frau Son nicht?“ Sie warteten seit einer Stunde. Chai suns Mutter wurde unsicher und verzweifelt.
Chai sun, die Mutter und Pastor Ra warteten im Garten vor dem Sonschen Haus. Der unerwartete Angriff auf Chaisun hatte sie zutiefst erschreckt. Und jetzt dieses unerklärliche Ausbleiben! Chai suns Mutter meinte, es nicht länger ertragen zu können.
„Wer war dieser Mann?“ wandte sie sich an Pastor Ra.
„Frau Sons Bruder, der Vormund der Kinder in Soon chun.“
Stille. Die Minuten flossen träge dahin und erschienen ihr wie Ewigkeiten. Endlich kamen sie durch die enge Gasse zwischen den jungen Reisstauden, Yang keum voran, hinter ihr Frau Son. Schwach und benommen bat sie den Besuch, einzutreten. Plötzlich wandte sie sich nach Chai sun um und ergriff ihn fest bei den Händen.
„Da bist du also“, stammelte sie. Dann flüsterte sie Pastor Ra zu: „Bitte, beten Sie für uns!“ und brach in Tränen aus.

Endlich war der Besuch beendet. Frau Son hatte sich die größte Mühe gegeben, Chai sun und seiner Mutter freundlich zu begegnen. Sie hatte von den mitgebrachten Reiskuchen gekostet, und als sich ihre Gäste zum Gehen wandten, begleitete sie sie noch ein Stückchen zum Bahnhof.
Zuerst fühlte sie sich nur tief erleichtert. Doch dann regte sich in ihr ein unbestimmbares Mißbehagen. Was hatte sie da getan? Wie konnte sie den Mörder ihrer Söhne empfangen? Wie widernatürlich war das doch! Die quälenden Gedanken und Bilder erfaßten sie von neuem. Diesmal versuchte sie nicht, ihre Tränen zu zügeln. Als sie endlich erkannte, daß sie nicht hätte anders handeln dürfen, wich alle Kraft aus ihr und ließ sie stumpf und müde zurück. Draußen zog die Nacht her¬auf und mit ihr die Myriaden Sterne, die vor zweitausend Jahren auf das Leid Marias geblickt hatten.
Kurze Zeit später bekannte Chai sun seine Bekehrung zu Jesus Christus. Hin und wieder begleitete er auch schon Pastor Son auf seinen Evangelisationsreisen. Aber Pastor Son hatte doch den Eindruck, Chai sun gegenüber noch nicht alle Pflicht erfüllt zu haben, die der Herr ihm auferlegt hatte. Chai sun sollte die Ehre Gottes mehren und ein großer Prediger werden. Dafür betete er, und dahin versuchte er Chai sun zu führen
Im Frühjahr 1949, kurz nach seiner Bekehrung, trat Chaisun in das Bibelseminar in Pusan ein. Pastor Son schrieb ihm oft, und in seinen Antwortbriefen redete Chai sun Pastor Son mit Vater an. Die Familie Son war zu seiner eigenen geworden.
Chai sun wußte, was Pastor Son mit ihm vorhatte. Er war begierig, dem Wunsch des Pastors zu entsprechen, doch große Schwachheit hinderte ihn daran. Er war sehr menschenscheu, besonders, wenn die anderen von seiner Vergangenheit wußten. Sein seelisches Gleichgewicht war gestört. Darunter litt er sehr, er begann zu kränkeln, wurde blaß und schmal. Wegen seiner angegriffenen Lunge mußte er für kurze Zeit in ein Krankenhaus eingewiesen werden.
Langsam, sehr langsam heilte seine Seele. Er verlor seine Furcht vor den Menschen. „Obgleich ich in der Sonntagsschule noch nicht unterrichten kann“, berichtete er von sich selbst, „schlage ich die Trommeln und rufe so die Kinder zusammen. Einmal in der Woche begleite ich ein paar Jungen, die vor dem Bahnhof und auf dem Marktplatz Straßenversammlungen abhalten. Ich verteile dann Traktate.“
Pastor Son saß über Chai suns Brief gebeugt. Doch seine Gedanken schweiften in die Ferne. Es war so ganz anders gekommen. Zuerst das lange Warten im Gefängnis. Damals hatte er sich nur daran aufgerichtet, daß seine Söhne die Stücke seines zerbrochenen Dienstes sammeln und kitten würden; daß sie fortführen und einstehen würden für alles, was ihm teuer war. Und dann war der Boden aus seiner Welt gebrochen, als Matthew ihn verriet und sich vor dem Shintoschrein verneigte. Und doch hatte Gott das dazu benützt, um Matthew für seinen künftigen Dienst vorzubereiten. Jetzt war alles zerschlagen, zerstört, zerbrochen …
Pastor Son zuckte zusammen, halb ärgerlich über sich selbst, daß er sich hatte gehen lassen. Er wandte sich wieder Chaisuns Brief zu: „Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, hier studieren zu dürfen. Ich weiß, daß ich mich und alles, was ich habe, Gott ausliefern muß. Gott liebt mich und rettete mich buchstäblich an der Schwelle des Todes. Um dieser Liebe willen glaube ich an Jesus Christus, nicht weil ich mir einen Platz im Himmel sichern und der Hölle entrinnen will. Ich weiß, daß ich bis zu meinem Tode Gott verherrlichen muß. Wie dankbar bin ich, daß ich vor dem Tor des Todes wiedergeboren wurde … Bitte, mach Dir keine Sorgen um mich. Ich lese in der Bibel, bete, singe im Chor mit und beginne hin und wieder zu predigen. Bitte, bete für mich. Ich weiß, daß ich alles Deinen und Mutters Gebeten verdanke. Als Dein ältester Sohn will ich alle Möglichkeiten ausschöpfen, um geistlich zu wachsen. Vergib mir alles, Vater. Um Deiner Liebe willen, die Du von Gott empfangen hast, will ich versuchen, Deine Hoffnungen auf mich zu erfüllen. Ich will alles tun, um so zu werden wie meine beiden Brüder.“
Pastor Son blickte über die sonnenglänzenden Felder. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht.“ In letzter Zeit hatten ihn diese Worte Jesu viel beschäftigt. Auf seinen Lippen formte sich ein stilles Dankgebet.

Dies Buch erschien 1967 im Verlag Sonne und Schild, Wuppertal.

Mit diesem Beitrag möchte ich einen kleinen Einblick in die geistliche Situation der koreanischen Christen vermitteln. Gerade in diesem Land wird ja die weltweite Bedrohung der Gemeinde Jesu durch Heidentum, Kommunismus und Schwarmgeisterei so deutlich:  Es ist mein Wunsch, vor allem wegen der gegenwärtigen extrem-charismatischen Überflutung ein Beispiel echt biblischen Glaubens und Handelns aufzuzeigen.

Horst Koch, Herborn, im August 2008

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

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