Kann denn Segnen Sünde sein?

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Kann denn Segnen Sünde sein?

 

Von Markus Sigloch

Die Diskussion innerhalb der EKD über die Segnung homosexueller Partnerschaften scheint ein Dauerbrenner zu sein, und ein Ende dieser unseligen Diskussion ist nicht abzusehen. Die Zahl der evangelischen Landeskirchen in Deutschland, die ein Segnen im Gottesdienst erlauben, hat sich im Jahr 2003 auf sieben erhöht. Die Synoden der lutherischen Landeskirchen von Braunschweig und Oldenburg fassten entgegen der Überzeugung ihrer Bischöfe den Beschluss, solches zuzulassen. Auch in den übrigen Landeskirchen will es keine Ruhe geben. Selbst in Landeskirchen wie Württemberg, in denen eindeutige Synodalbeschlüsse gegen eine öffentliche Segnung im Gottesdienst gefällt wurden, wird das Thema immer wieder neu aufgerollt.

Wenig beachtet wurde allerdings, welcher theologische Stellenwert das Segnen durch die Geistlichen selbst hat. Hierbei geht es nicht um die Betroffenen, sondern um die, die im Namen Gottes und im Auftrag ihrer Kirche segnen. Die Öffentlichkeit hat zwar den Blick fest auf die homosexuell veranlagten Menschen gerichtet. Über sie wird diskutiert, als sei man berechtigt, sie psychologisch zu analysieren; man fragt, ob ihre Veranlagung angeboren, schöpfungsgemäß, anerzogen oder gar Sünde sei. Dabei wird über sie entweder die segnende Hand gehalten oder der Stab gebrochen. Doch unbehelligt bleiben jene, die den Segen vollziehen, jene Pfarrerinnen und Pfarrer, die dem Rat der EKD Folge leisten und Betroffene ins stille Kämmerlein einladen, um sie im Namen Gottes zu segnen.

»Kann denn Segnen Sünde sein?«, scheint die alles entwaffnende Frage zu sein. 1996 hat die EKD eine Orientierungshilfe mit dem Titel »Mit Spannung leben« herausgegeben. Mit ihr geschah ein Dammbruch, der umso erstaunlicher ist, als die Schrift unmissverständlich festhält: »Die Segnung einer homosexuellen Partnerschaft kann nicht zugelassen werden. In Betracht kommt allein die Segnung von Menschen.« Die Segnung der Menschen wird dann präzisiert: »Wenn homosexuell geprägte Menschen im Rahmen der geistlichen Begleitung durch andere Christen für sich eine Segnung erbitten, sollten sie ebenso wenig abgewiesen werden wie andere Menschen, die eine solche Bitte äußern. Ihren Ort hat eine solche Segnung in der Seelsorge und der damit gegebenen Intimität. Diese Segnung im Rahmen eines Gottesdienstes vorzunehmen, kann wegen der Gefahr von Missverständnissen nicht befürwortet werden.«

Auch wenn die EKD die Segnung homosexueller Partnerschaften eindeutig abgelehnt hat und beim Segen zwischen Person und ihrem Verhalten unterscheidet, wurde diese differenzierte Sicht von der Öffentlichkeit so gut wie nicht beachtet. Die EKD-Denkschrift wurde in Folge bewusst falsch interpretiert und für fremde Zwecke beansprucht. Seit 1996 erwecken entsprechende Gruppen und Verbände innerhalb der einzelnen Landeskirchen den Anschein, die EKD habe grünes Licht für die Segnung homosexueller Partnerschaften gegeben. Durch den versöhnlichen Ton der Schrift und die nur nebenbei vorgetragene Abgrenzung zur Homosexualität hat die EKD – ob sie wollte oder nicht – »Amtshandlungen« Tür und Tor geöffnet, die in der Öffentlichkeit zur Etablierung der Homosexualität im Sinne einer Schöpfungsvariante verstanden werden. Hat sich die Orientierungshilfe der EKD von 1996 als »salomonischer« Mittelweg einer strittigen Sache angeboten, zeigt sie sich im Rückblick als klare Fehlentscheidung. Die damit verbundene Verwirrung, die sich seit 1996 in den Gliedkirchen der EKD zeigt, liegt im unmittelbaren Verantwortungsbereich der EKD. Sie ist ihrer geistlichen Führungsrolle nicht gerecht geworden, und es bleibt nur davor zu warnen, dieser Organisation den Status einer Kirche zuzubilligen. Anstatt die Kirche aus einem Konflikt herauszuführen und die gegen einander stehende Positionen zu versöhnen, hat die EKD ihre Gliedkirchen an den Rand einer regelrechten Kirchenspaltung geführt. Der Fehler liegt nicht in der Orientierungshilfe von 1996 selbst, sondern in der fehlenden Klarstellung der vergangenen sieben Jahre. Leider hat sich gezeigt: Beim Drängen auf Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften handelt es sich nicht um das Trostbedürfnis betroffener Menschen, dem man guten Gewissens nachgeben könnte, sondern um eine gefährliche schöpfungstheologische Irrlehre, die sich in der Kirche eingenistet hat. Sie hat die evangelische und auch die anglikanische Kirche an den Rand einer Spaltung gebracht. Es ist darum nötig, dass die Kirche zu einem klaren Votum zurück findet, wofür es keine salomonische Alternativen gibt. Sie muss in aller Deutlichkeit klarstellen, dass homosexuelles Verhalten nicht dem Schöpferwillen Gottes entspricht. Ob dabei die katholische Gangart Vorbild sein kann, sei dahin gestellt.

Den Befürwortern eines Segens für homosexuelle Partnerschaften müssen folgende Fragen beharrlich gestellt werden:

1. Ist der Mensch nach 2000 Jahren zu einem völlig neuen Wesen mutiert, so dass die schöpfungstheologische Bestimmung des Menschen, wie wir sie im Alten und Neuen Testament lesen, heute falsch ist? Selbst die Evolutionstheorie kennt nur Entwicklungen in Millionen-Jahr-Schritten.

2. Hatte Gott zur Zeit des Mose nur einem Missverständnis vorbeugen wollen, dass er die Homosexualität als Gräuel bezeichnete (3.Mose 18,22), und hielt er es dann nicht für nötig, wenigstens im Neuen Testament die Sache zu berichtigen, anstatt sie durch den Apostel Paulus zu zementieren (vgl. Röm 1,27)?

3. Auf welche Quellen göttlicher Offenbarung stützen sich die Befürworter einer kirchlichen Segnung homosexueller Partnerschaften, wenn Homosexualität in der Bibel rundweg abgelehnt wird? Homosexualität als Schöpfungsvariante erscheint ja nicht einmal im Zukunftsblick der biblischen Prophetie! (Jesaja sah zwar im Eschaton einen Stroh fressenden Löwen [vgl. Jes 65,25]. Die jedoch weitaus näher liegende Schöpfungsvariante des sich liebenden gleichgeschlechtlichen Paars konnte er offenbar nicht sehen.)

Die EKD muss heute einiges klar stellen. Sonst kann der Konflikt um die Segnung gleichgeschlechtlichen Partnerschaften innerhalb der Gliedkirchen der EKD nicht beigelegt werden. Auch die Führungskräfte der EKD müssen bereit sein, ihrerseits Fehleinschätzungen einzugestehen und schöpfungstheologische Irrtümer richtig zu stellen. »Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist’s nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun« (Zinzendorf, EG 198,1).

Um das Segnen homosexueller Partnerschaften theologisch beurteilen zu können, sei in Kürze auf 4. Mose 6,27 verwiesen, wo Grundlegendes zum Segen gesagt ist. Gott spricht: »Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.« Beim Segen geschieht es also, dass Gottes heiliger Name auf sündhafte Menschen gelegt wird, um sie zu heiligen, gemäß dem biblischen Wort: »Ich bin heilig, und ihr sollt auch heilig sein« (3. Mose 19,2). Indem Menschen im Namen Gottes gesegnet werden, identifiziert sich Gott mit ihnen: »Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein« (vgl. 3. Mose 26,12; Jer 30,22). Diese Identifikation Gottes mit dem Menschen ist Voraussetzung für den Segen und zielt auf die Abkehr von der Sünde.

Zum Segen gehört darum auch die Buße und Umkehr des Sünders. Angenommen, zwei Bankräuber kommen in den Gottesdienst und nehmen sich Gottes Wort zu Herzen. So stehen auch sie inmitten der Gemeinschaft der Heiligen unter Gottes Segen. Sie lassen es sich gefallen, durchs Wort der Versöhnung auf ein Leben gemäß Epheser 4,28 ausgerichtet zu werden: »Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.« Wie abwegig ein Segen ist, der auf Buße und Umkehr verzichtet, kann daran ermessen werden, wenn man sich vorstellt, die beiden Bankräuber gingen direkt zum Pfarrer, um Gottes Segen für ihre geplanten Raubzüge zu erbitten. Jeder Geistliche würde dieses unlautere Ansinnen entrüstet von sich weisen. Würde ein Priester dennoch segnen, verstieße er gegen das 2. Gebot, in dem es heißt: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.« Unlauteres Ansinnen zu segnen, ist damit kein Kavaliersdelikt oder gar eine Bagatellsünde. Der Verstoß gegen das 2. Gebot rangiert direkt neben Vergehen wie Mord (5. Gebot), Ehebruch (6. Gebot) und dem Diebstahl selbst (7. Gebot). Wer also den Diebstahl segnet, anstatt dem Dieb ins Gewissen zu reden, macht sich gemäß Hesekiel 3,18 mitschuldig und muss mit derselben Strafe rechnen, wie sie den Dieb erwartet.

Wer nun darauf drängt, homosexuelle Partnerschaften zu segnen und sich damit gegen das ausdrückliche Wort der Heiligen Schrift stellt, ruft die Geistlichen zum Missbrauch des Namens Gottes auf und stiftet sie zum Verstoß gegen das 2. Gebot an. Leider kann man hier nicht diplomatisch formulieren, will man Gottes Geist nicht dämpfen (vgl.1.Thess 5,19).

Die Absicht der EKD war es, Sünder und Sünde zu unterscheiden. Sünder können gesegnet werden, die Sünde dagegen nicht. Sie wollte mit ihrer Schrift Orientierung geben und Einheit stiften. Das Gegenteil ist daraus geworden. Eine faustische Dynamik hat sich in dieser Frage entwickelt, und es zeigt sich mehr denn je, dass man es in geistlichen Dingen »nicht mit Fleisch und Blut zu tun hat« (Eph 6,12). Ein klares Wort tut not. Ein Wort, das klärt und dem Ansehen der evangelischen Kirche als Kirche der Reformation angemessen ist.

 

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