Jobs bereute alternative Krebstherapie

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Spiegel-Online    21. Oktober 2011

 

Kampf gegen die Krankheit

 

Jobs bereute alternative Krebstherapie

 

Es ist seine letzte Botschaft an die Welt: Kurz vor seinem Krebstod bedauerte Steve Jobs, nicht früher auf die moderne Medizin vertraut zu haben. In seiner offiziellen Biografie erscheint der Apple‑Gründer als ständig Suchender, der bis fast zuletzt keine Schwächen preisgeben wollte.

 

Los Angeles – Seine Freunde versuchten ihn zu überreden, seine Frau flehte ihn an, die besten Ärzte der Welt schüttelten die Köpfe. Jobs hörte den Menschen zu, die ihm am nächsten standen, als bei ihm der Krebs festgestellt wurde ‑ und entschied sich schließlich für das, was er selbst für richtig hielt.

Im Herbst 2003 war das, und Jobs nahm den Kampf gegen die Krankheit so auf, wie er sich jahrzehntelang als Geschäftsmann und Erfinder verhalten hatte: Er schwamm gegen den Strom, neun Monate lang. Probierte alternative Heilmethoden, Fruchtsäfte, Akupunktur. So erzählt es sein Biograf Walter Isaacson dem amerikanischen Nachrichtenmagazin 60 Minutes. Der Technikpapst litt an einer sehr seltenen Form von Bauchspeicheldrüsenkrebs ‑ und mißtraute der technischen Medizin.

Seine Skepsis war ein Fehler, das ist Jobs' letzte Botschaft an die Welt. Als er sich schließlich für die OP entschieden habe, seien die Tumorzellen bereits im Gewebe rund um die Bauchspeicheldrüse gewesen.

"Er spürte wohl, dass er sich viel früher hätte operieren lassen sollen."

Selbst konnte er seinen Irrtum offenbar nicht mehr verkünden. Und so lässt er den Mann berichten, der den Apple-Chef über 40 Mal für seine Biografie besuchte: "Er wollte unbedingt darüber sprechen, wie sehr er die Entscheidung bedauerte", sagte Biograf Isaacson, "er spürte wohl, dass er sich viel früher hätte operieren lassen sollen."

Jobs Ehefrau Laurene Powell erinnert sich in der Biografie, dass es ihrem Mann nach der Diagnose schwer fiel, seine Unversehrtheit aufzugeben. "Er war nicht bereit, seinen Körper aufschneiden zu lassen", sagt sie. "Es ist ziemlich schwer, jemanden dazu zu überreden." Sie versuchte es trotzdem, mit einem Argument, das Jobs offenbar überzeugte: "Der Körper ist da, um dem Geist zu dienen."

Mit der gleichen Leidenschaft, mit der Jobs zuvor gegen die moderne Medizin gekämpft hatte, setzte er nun auf sie: Er gab Hunderttausende Dollar für Tests, Untersuchungen, Therapien aus und wurde ein Experte in eigener Sache. Jobs forschte wie besessen nach neuen Behandlungsmethoden und er nahm sich das Recht, über jeden der Rettungsversuche selbst zu entscheiden.

"Elitärer Zirkel der besten Ärzte der Welt"

Er stellte ein Berater‑Team zusammen, es waren Wissenschaftler aus Stanford, Harvard, von der John‑Hopkins‑Universität und dem MIT. Sie waren seine schnelle Eingreiftruppe, ein elitärer Zirkel der besten Ärzte der Welt.

Die Forscher analysierten seine DNS und konnten Jobs auf diese Art Medikamente gegen den Krebs verabreichen, die auf seine körperlichen Besonderheiten zugeschnitten waren. "Ich werde entweder der Erste sein, der dem Krebs davonläuft, oder einer der letzten, die an ihm sterben."

Die Biografie von Isaacson widmet sich aber auch Steve Jobs' kompliziertem Liebesleben und seinem Umgang mit der Konkurrenz. "Wenn es sein muss, werde ich meinen letzten Atemzug dafür verwenden und jeden Penny von Apples 40 Milliarden Dollar bei der Bank, um dieses Unrecht zu korrigieren", sagt Jobs in der Biografie über das Google‑Betriebssystem für Mobiltelefone. "Ich werde Android vernichten, weil es ein gestohlenes Produkt ist. Ich werde einen Atomkrieg dagegen führen."

Er merkt, dass ihm die Zeit davonläuft

Ein eigenes Kapitel widmet Isaacson Jobs' legendärer Detailversessenheit. Seit 2009 ließ er sich etwa in einer holländischen Reederei eine Luxusyacht bauen, eine Übersetzung von Apple‑Produkten ins Nautische: Das Boot ist glatt geformt, minimalistisch ausgestattet und hat zwölf Meter lange Glaswände.

Als der Macher aber merkt, dass ihm die Zeit davonläuft, beginnt er, Leute zu sich einzuladen, die er vor seinem Tod ein letztes Mal zu sehen wünscht. In seine Villa nach Palo Alto pilgerten dann die Menschen, die Jobs etwas bedeutet hatten ‑ auch seine größten Konkurrenten. Bill Gates blieb drei Stunden, der einst reichste Mann der Welt sprach mit dem größte Innovator seiner Zeit über die Vorzüge des Familienlebens und das Glück, die richtige Ehefrau gefunden zu haben.

Gates erinnert sich in Isaacsons Biographie, die jetzt in den USA erscheint, dass die beiden Männer während ihres letzten Treffens viel gelacht hätten. Gates sagt, er sei mit Jobs einer Meinung gewesen, dass der berufliche Erfolg ihren beiden Ehefrauen, Melinda und Laurene, zu verdanken sei. "Sie bewahrten uns davor, völlig abzudrehen."

jrb

 

 

 

 

 

 

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