Taten Gottes im Osten-C.Martens

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Corneli Martens

 

IM OSTEN

 – Auszüge –

Der 86jährigen Evangelist Corneli Martens  ist Autor der Bücher „Taten Gottes im Osten“ und „Unter dem Kreuz“. Er hat noch das Zarenreich erlebt, aber auch die bolschewistische Revolution und die ersten zehn Jahre ihrer entsetzlichen Herrschaft. Hier einige Berichte aus seinem Leben

Pionier des Evangeliums in Rußland

52 Jahre lebte ich in Rußland und lernte durch aktive Mitarbeit die Prediger der Baptisten und der Evangeliumschristen kennen. Mit vielen von ihnen bin ich persönlich befreundet. Wenn ihre Lebensgeschichte auch nicht bekannt ist, so ist doch ihr Name und ihr Dienst in das Gedächtnis Gottes eingeschrieben. Ein tapferer Streiter Jesu soll aber hier in das Licht der Öffentlichkeit gestellt werden.

Arkady Aljochin war der Sohn reicher Aristokraten. Seine Eltern ließen ihm eine ausgezeichnete Bildung zuteil werden. Sein Bruder war Oberbürgermeister der Stadt Kursk. Nach der Absolvierung des technischen Institutes seiner Heimat besuchte er die Universität. Nach der Abschlußprüfung erhielt er als Erbteil ein großes Gut im Umfang von fünftausend Desjatinen (Hektar). Das war ein Rittergut, wie es in diesem Umfang im heutigen Deutschland wohl keines mehr gibt.

Nach menschlichem Ermessen war nun für die Existenz dieses Edelmannes gesorgt. Und doch blieb er bei allem wissenschaftlichen und äußeren Erfolg innerlich unbefriedigt. Er fing deshalb an, die Schriften von Leo Tolstoi zu lesen. Die Lehre dieses großen Sozialisten und Schriftstellers eroberte seinen Geist und seine Seele. Sollte das der Weg für ihn sein, Frieden zu finden durch Einfachheit und Bedürfnislosigkeit? Würde er dabei nicht zur Ruhe kommen, wenn er alle seine Kostbarkeiten ablegen würde, sein Vermögen den Armen gäbe und ein naturgemäßes und gottwohlgefälliges Leben führte?

Aljochin zahlte diesem gesuchten Frieden den ungeheuren Preis. Er verschenkte seine fünftausend Hektar den Bauern der Umgebung mit der Bedingung, daß sie ihm soviel zum Leben lassen sollten, daß er als einfacher Bauer unter ihnen seine Existenz hätte. Kaum hatte er allerdings den Bauern alles notariell verschrieben, so drückten sich die Beschenkten von ihren Verpflichtungen. Aliochin ging am Bettelstab. Schlimmer als diese Erfahrung war die Entdeckung, daß er durch die freiwillige Armut nicht den erhofften Frieden gefunden hatte.

Sollte ihm nicht Tolstoi weiterhelfen können? Aljochin stellte sich den Mann gemäß seiner Lehre vor. Das sollte nun die zweite große Enttäuschung seines Lebens werden. Er mußte zuerst lange Gesuche machen, bis er endlich nach Tagen vorgelassen wurde. Als er dann in Petersburg seinen Palast betrat, verschlug es ihm fast den Atem. Das war nicht der Tolstoi im einfachen Bauernkittel, wie die Fotos in den Büchern ihn zeigten. Eine ungeheure Pracht schon in den Vorzimmern! Tolstoi fertigte seinen Besucher in einem der Vorzimmer mit einigen dürren Worten ab. Welche Kluft zwischen Büchern und Leben! Und dafür hatte er seinen ganzen Reichtum und seine Stellung geopfert, die Tolstoi nicht zu opfern gewagt hatte!

Um diese schwere Enttäuschung reicher, unbefriedigt und bettelarm kehrte er zurück. Dazu quälte ihn noch das Bewußtsein, daß er Frau und Kinder in Jammer und Elend gebracht hatte. Seine Frau stammt ja aus den gleichen Verhältnissen wie er und war durch ihn nun völlig verarmt Wo sollte es für ihn Frieden geben?

In der Umgebung von Charkow konnte er sich schließlich mit fremder Hilfe fünf Hektar Land mit einer ganz kümmerlichen Hütte kaufen. Dort trat Aljochin nun in meinen Gesichtskreis.
An einem Sonntagmittag besuchte ich ihn mit einem anderen Bruder zusammen. Er empfing uns freundlich. Wie erschraken wir über seine Einfachheit und Armut. Mitten in der Stube ein Tisch, dessen Füße in den Lehmboden getrieben waren. Längs der Wand ein breites Brett auf eingerammten Pfählen angebracht. Ein paar Pelze und Schaffelle war die nächtliche Lagerstatt, die Kleidung äußerst ärmlich. Das war also die Behausung des ehemals so reichen Edelmanns, und Tolstoi hat an diesem Unglück entscheidenden Anteil. Anderen Menschen ein schweres Joch auf die Hälse legen, das man selbst nicht zu tragen gewillt ist!

An diesem Sonntagmittag nun brachten wir dem enttäuschten Mann und seiner Frau die Botschaft, die ihm Frieden geben konnte. Er sog alles gierig in sich auf. Das Samenkorn des Wortes Gottes fiel bei diesem schwer heimgesuchten Menschen auf bereiteten Boden.
Schon am nächsten Sonntag kam er mit seiner Frau in unsere kleine Gebetsgruppe. Er nahm nach kurzer Zeit den Herrn Jesus an. Nun fand er, was er bei Tolstoi vergeblich gesucht hatte: Friede mit Gott. Er wurde später nach entsprechendem Unterricht in die Charkower Gemeinde aufgenommen.

Eine neue Prüfung sollte seiner warten. Die Frau und Kinder, die ihm bisher auch beim Hören des Evangeliums gefolgt werden, distanzierten sich nun, als es um die letzte Entscheidung für Jesus ging. Sie verließen ihn alle. Nun war er menschlich gesehen ein völlig bankrotter Mensch. Verlust seines großen Vermögens, die schreckliche Enttäuschung mit Tolstoi, Verlust seiner ganzen Familie – und das alles, um Frieden zu finden!

Aljochin gehörte zu den Menschen, die alles für Jesus in die Waagschale legen. Er wurde ein eifriges und einsatzbereites Glied der Charkower Gemeinde. Nichts war ihm zuviel. Durch seine Bildung und Intelligenz wurde er vielen zum seelsorgerlichen Führer. Er ist eine Gestalt wie der Zöllner Levi, von dem es in Lukas 5 heißt: „Er stand auf, verließ alles und folgte Jesus nach.“

Im Jahr 1922 trafen wir uns wieder auf der Allgemeinen Jahreskonferenz der russischen Evangeliumschristen und Baptisten in Moskau. Dort erzählte er mir eine interessante Begebenheit. Aljochin hatte zusammen mit Lenin und dessen Leibarzt Semeschko studiert. Durch diese Jugendbekanntschaft erreichte er es, daß er bei Lenin vorgelassen wurde. Lenin bot mit seinem zunehmenden Irrsinn ein klägliches Bild. Er kroch auf dem Zimmerboden umher, packte die Stuhl  und Tischbeine und schrie in seiner Verzweiflung: „Rettet Rußland! Rettet Rußland!“ Dann kam wieder der Zustand der Selbstanklagen über ihn, und er bat die Zimmermöbel um Verzeihung für seine Verbrechen. Damit hatte ihm Gott wieder an einem Großen dieser Erde gezeigt, wie Lehre und Leben auseinanderklaffen, wenn man nicht Jesus hat.
1925 trat Aljochin wieder in meinen Gesichtskreis. Er wurde auf der Ukrainischen Konferenz als Vorsitzender und Sekretär des Ukrainischen Bundes gewählt. Als es mir gelang, Rußland zu verlassen, stellte er mir noch ein Zeugnis aus. Bei meiner Abreise sagte er mir: „Wir werden uns wiedersehen!“ Da er keine Fluchtpläne hatte, konnte er nur gemeint haben, daß wir uns in der Ewigkeit wiedertreffen werden. Und das ist wahrhaftig mein Wunsch.

Dieser lautere Zeuge Jesu war ein Mann besonderer Prägung. Ein stark gebauter Mann mit kräftig lauter Stimme und doch so bescheidenen Wesens. Von ihm gilt das Wort des Herrn: „Wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Acker um meines Namens Willen, der wirds hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben“ (Matth. 19,29).  –  Corneli Martens

Bukreew, der Blutzeuge

Der Evangelist Bukreew hat noch in der Zarenzeit und dann in der kommunistischen Zeit das Evangelium verkündigt. Seine Ausbildung hat dieser Zeuge Jesu in Deutschland erhalten, wo er drei Jahre lang eine Bibelschule besucht hatte. Nach seiner Rückkehr nach Rußland diente er mit besonderen Gaben der gläubigen Gemeinde. Da die russischen Prediger kein Gehalt erhielten, sondern ihr Brot selbst verdienen mußten, schaffte sich Bukreew eine Existenz als Industriearbeiter. Sein Wirkungskreis war das Donezbecken. Er predigte einfach, aber „in Beweisung des Heiligen Geistes und der Kraft“ (1. Kor. 2,14). Bei der Arbeiterevölkerung war er sehr beliebt, weil sie ihn als einen der ihren anerkannten. An seinem Wohnort, der Stadt Grischeno, wurden die Evangeliumschristen von dem Priester und den Kirchenleuten verfolgt. Der Pope entfaltete eine furchtbare Hetze gegen die Gläubigen. Als der Mitarbeiter von Bukreew eines Sonntags wieder auf der Kanzel stand, um zu predigen, kam einer der aufgehetzten Fanatiker in die Kirche. Er lief unter die Kanzel und schoß den Prediger auf der Kanzel nieder. Solche Ereignisse gab es also auch in der sonst ruhigen Zarenzeit. Ob nicht diese Greuel mit eine Ursache dafür waren, daß durch die Sowjets ein so hartes Gericht über die russische Kirche hereingebrochen ist?

Was in der Zarenzeit immerhin einzelne Terrorakte waren, das wurde unter den Sowjets zur allgemeinen Lage. Die Kommunisten schonten unmittelbar nach der Revolution Bukreew, weil sie ihn eben als Bergarbeiter ansahen. Bald stand er aber auf der schwarzen Liste. Eines Tages wurde er beim Aussteigen aus dem Zug durch einen Schuß ins Gesicht schwer verletzt. Er kam dieses Mal mit dem Leben noch davon, doch sein Gesicht war verstümmelt. Der zweite Schlag gegen ihn war seine Verhaftung und die anschließende Verbannung. Jahrelang war er nun verschwunden, und ich hörte nichts mehr von ihm.

Die Zeit der Verbannung ging vorüber, und er kam in seine Heimatstadt Grischeno zurück. Nicht lange konnte er sich der Freiheit erfreuen. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg wurde er abermals verhaftet und im Gefängnis furchtbaren Quälereien ausgesetzt. Eines Tages rief man seine Frau. Ihr Mann wurde aus dem Gefängnis herausgeführt. In Gegenwart seiner Frau schlug man ihm mit einem eisernen Gewicht den Schädel ein. Dann wandte man sich zynisch an seine Frau und sagte ihr: „Da hast du deinen Mann. Pflege ihn gesund.“ Die leidgeprüfte Frau führte ihren Mann, dessen Augen schon verglast waren, am Arm nach Hause. Dort brach er zusammen und starb. Das war das Ende dieses tapferen Blutzeugen, der mit seinem Zeugnis, seinem Leiden und Sterben seinen Herrn verherrlichte. Nun kann der tapfere Märtyrer das sehen, was er im Leben geglaubt und verkündigt hat. Die Herrlichkeit ist die Krone seiner Leidenszeit.
C.M.

Nahe den letzten Schrecken

Bei meinen vielen Evangelisationsreisen in Rußland lernte ich auch den Leiter der Gemeinde in Kiew, Demitry Prawowerow, kennen. Die Gemeinde in dieser Stadt der vielen Klöster setzte sich aus Arbeitern und Dienstboten zusammen. Prawowerow war in jungen Jahren zum Glauben gekommen. Er bewährte sich in der schnell wachsenden Gemeinde so gut, daß er zum Prediger und Altesten ordiniert wurde. Seine evangelistische Gabe brachte ihm viele Einladungen nach auswärts ein. Wie alle russischen Evangelisten seiner Zeit litt er erst unter den Verfolgungen der orthodoxen Kirche und dann nach der Revolution von seiten der Bolschewiken.

In der zaristischen Zeit wurde er und seine Gehilfen eines Tages von der Polizei zu einer religiösen Diskussion eingeladen. Solche Diskussionen wurden immer vom Popen der Stadt inszeniert. Die orthodoxe Kirche hatte damals sogenannte Missionare eingesetzt, die den Auftrag hatten, die Evangeliumschristen und Baptisten in einem öffentlichen Religionsgespräch theologisch zu überwinden. Damit sollten die „Sektierer“ in den Schoß der orthodoxen Kirche zurückgeführt werden. Diese öffentlichen Streitgespräche waren oft eine Falle für die Gläubigen, da in der Zarenzeit immer noch das Gesetz galt, daß keiner ungestraft öffentlich die Heiligen und Heiligenbilder (Ikonen) schmähen durfte. Die Priester hatten es stets darauf abgesehen, gerade solche Punkte in der Diskussion anzuschneiden, in denen die Gläubigen aufs Glatteis geführt werden konnten. Nun war also in Kiew eine solche öffentliche Diskussion angesetzt. Durch den nötigen Druck der Polizei war eine ganze Menge Brüder aus der Gruppe der Evangeliumschristen gekommen. Nach der einleitenden Rede des Missionars wurden die Gläubigen aufgefordert, sich zu äußern. Keiner wagte es, da die hinterhältigen Fallen zur Genüge bekannt waren. Da fing der Pope an zu spötteln: „Wir leuchten mit unserem Glauben wie ein Licht auf dem Tisch, aber die Sektierer leuchten wie eine Lampe unter dem Tisch. Sie wagen nicht einmal, den Glauben zu verteidigen.“ Da stand Frau von Bordajewskaja auf. Es war eine gläubige Dame aus den aristokratischen Kreisen von Petersburg, die gerade zugereist war. Bei ihrer Wortmeldung witzelte der Missionar: „Da seht ihr’s, die Sektierer haben nicht einmal einen Mann, der ihren Glauben vertreten kann. Eine Frau muß das tun, und ihr wißt ja, eine Frau hat zwar langes Haar, aber einen kurzen Verstand.“ Frau von Bordajewskaja antwortete ruhig: „Der liebe Missionar beruft sich immer auf Gottes Wort und spöttelt auf das lange Haar und einen kurzen Verstand der . rau. Aber ich meine fast, daß er in der Bibel nicht die Worte gelesen hat, daß ein Mann, der kurzes Haar trägt, manchmal einen sehr kurzen Verstand besitzt. Lesen Sie es jetzt doch wenigstens nach. Dieses Wort steht in Matth. 29,28.“ Der Missionar schlug sogar seine Bibel auf und wollte diese Stelle suchen. Er fand aber nur 28 Kapitel und erklärte: „Es gibt ja kein 29. Kapitel.“ „Warum suchten Sie es dann? Sie sind doch ein Missionar und hätten das wissen können, daß es dies nicht gibt. Wer von uns beiden hat nun den kurzen Verand gehabt?“ Der Gouverneur und die hohen Beamten, die zugegen waren, fingen an zu lachen. Der Missionar war in der öffentlichen Meinung erledigt. Daraufhin belegte die gläubige Dame mit großer Freude die Haltung der Evangeliumschristen mit klaren Bibelstellen. Der Missionar wagte nicht mehr aufzutreten.

Am Schluß dieser öffentlichen Diskussion meldete sich Prawowerow. Er redete den anwesenden Oberpfarrer der Kirche, Archieej, an und sagte ihm: „Sie wissen doch sehr gut, daß in Ihrer Kirche Huren, Ehebrecher, Diebe, Verräter, ja sogar Mörder sind. Jeder darf zum Abendmahl ohne wirkliche Buße kommen. Niemand wird ermahnt oder ausgeschlossen. In unseren Gemeinden wird das nicht geduldet. Die Übertreter werden von den Ältesten vorgenommen und ermahnt. Wenn das nicht hilft, werden sie vor die ganze Gemeinde gebracht. Nützt das auch nichts, dann werden sie ausgeschlossen. Das ist der biblische Weg, den Ihre große Kirche schon längst verlassen hat.“ Darauf parierte der Oberpfarrer und gab das unumwunden zu: „Sie haben recht. Wir können das bei der großen Masse nicht mehr durchführen. Warten Sie noch 50 Jahre, bis Ihre Zahl gewachsen sein wird, ob Sie dann noch alles so machen können wie heute.“ Damit war dieses öffentliche Streitgespräch zu Ende.

Prawowerow ging seinen geraden Kurs weiter und mußte dafür wie alle seine Brüder die Folgen tragen. Vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde er als „Verdummer des Volkes“ und „Opiumvertreter“ ins Gefängnis der Geheimpolizei eingeliefert. Er wurde darin furchtbar gemartert. Die roten Henker rissen ihm den Bart und die Kopfhaare mit einer Zange aus. In diesem Zustand mußte er unter furchtbaren Leiden in der Zelle schmachten, bis er zum Skelett abgemagert war. Eines Tages wurde das Gefängnis von einem höheren Polizeibeamten revidiert. Zu seinem großen Erstaunen entdeckte er hier Prawowerow, mit dem er früher gut befreundet war. Er erkannte ihn sofort und redete ihn an: „Demitry, wie kommst du hierher?“ „Ja, mein Freund, ich weiß es nicht, warum ich hier bin. Ich habe niemand etwas zuleide getan.“ Nach kurzer Beratung gab der hohe Beamte den Befehl, den verstümmelten Gefangenen sofort freizulassen. Da er vor Schwäche und Elend nicht mehr gehen und stehen konnte, rief man seine Frau, die ihn heimbrachte. Kurz darauf ist dieser Gottesstreiter eingeganen zu seines Herrn Freude.

Welch ein Heer von Märtyrern ist doch aus dem russischen Volk hervorgegangen. Ob diese blutige Saat in Rußland noch inmal Frucht bringen darf? Soll das das Ende sein, daß eine Clique von Mördern das Volk weiterregiert und diesen Teror auf die ganze Welt ausdehnen darf? Wie wird einmal das Ende der westlichen Welt sein, deren Schuld auch gen Himmel schreit? Sind wir in der freien Welt besser als die im versklavten Teil der Menschheit? Ich glaube, daß alle diese Ereignisse ein Zeichen dafür sind, daß wir nahe den letzten Schrecken sind, die uns erwarten. Die Zahl der Märtyrer wird voll werden – und dann kommt der Herr.  C. M.

In der Verbannung

Bei meinen Kaukasusreisen kehrte ich oft bei Bruder Kwotschenko ein. Er gehört auch zu den Pionieren des Evangeliums in Rußland. Sein evangelistischer Dienst und das rasche Anwachsen der Gläubigen erregte bei der orthodoxen Kirche Aufsehen und Ärger. Schließlich war es soweit, aß er um des Glaubens willen für 12 Jahre nach Nordbirlen verbannt wurde. Als Wohngebiet waren ihm die Steppen der Samojeden angewiesen. Von diesem wilden Stamm wird berichtet, daß sie noch im letzten Jahrhundert Kannibalen waren. Die nächste Stadt war Irkutsk, immerhin 2500 km entfernt. Für Kwotschenko und seine Familie war diese Verbannung eine ungeheure Umstellung. Das Gebiet der Samojeden zwischen den beiden Flüssen Jenissej und Lena liegt ja im Polarkreis. Während sechs Monaten ging die Sonne nicht unter, die andere Jahreshälfte war Nacht. Getreide konnte nicht angebaut werden, weil der Sommer zu kurz war. Die Erde taut in den beiden heißen Monaten nur oberflächlich auf. Dennoch ist es ein Gras  und Waldgebiet.

Das Leben stellte an die Verbannten harte Anforderungen. Nach ihrer Ansiedlung bauten sie sich zuerst eine primitive Erdhütte. Gegen Einsturz und gegen Regen schützten sie die Hütte mit abgestochener Grasnarbe und mit Schilf. Die Ernährung war zwar durch den Fischreichtum der Gewässer und die vielen Wildenten gesichert, aber sie war sehr einseitig. Das Fleisch wurde im Sommer eingekocht und dann in einem Eiskeller aufgestapelt. Solche Eiskeller anzulegen, war denkbar einfach, da 1m tief der Boden überhaupt nie auftaute. An diesem Ufergebiet des Jenissej gibt es auch noch eingefrorene Mammute. Bruder Kwotschenko hat audi eir derartiges Tier entdeckt und sich einen 1m langen Stoßzahn herausgehauen.

Der lange Winter mit seiner ewigen Nacht war eine schwere Belastung für das Gemüt. Die Verbannten konnter sich um der hohen Kältegrade willen (50 70′) nur in der Erdhütte aufhalten. Da Fensterglas einen solchen Frost nicht aushält, mußten sie die Rahmen mit durchsichtigem Leder bespannen.

Sobald der Frost nachließ, fuhren sie im Renntierschlitten auf Pelztierjagd. Vor allem erlegten sie die sogenannten sibirischen Hunde, die dort in großen Rudeln leben und deren Felle sehr kostbar sind. Diese Felle wurden aufgestapelt, bis ein russisches oder ausländisches Schiff den Strom hinauffuhr. Das war nicht in jedem Jahr der Fall, da die Flüsse oft durch Eisbarrieren nicht befahrbar waren. Einmal im Jahr fuhr man auch mit dem Schlitten nach Irkutsk. Es war dann jeweils eine Reise, bei der 5 000 km zurückzulegen waren. Was der Schlitten faßte, wurde aufgeladen und dort eingetauscht.

Post  und Bahnverbindungen gab es in diesen Steppen ja nicht. Sie konnten höchstens bei der Fahrt nach Irkutsk beim dortigen Postamt nachfragen, ob etwas für sie da war. Straßen gab es in dieser Einöde ebenfalls nicht. Die Orientierung war nur nach dem Himmel und nach dem Kompaß möglich. Wer das nicht schnellstens erlernte, war rettungslos verloren. Nachbarn, die bei einer Erkrankung behilflich sein konnten, waren auch keine vorhanden. Der Mensch war wie ein Urbewohner auf sich selbst angewiesen. Die Gläubigen sind dennoch nicht der Verzweiflung anheimgefallen, da sie alles im Gebet vor ihren Herrn brachten.
Im übrigen erwies sich der Pelztierhandel als ein einträgliches Geschäft. Die Geschwister wurden in dieser Verbannung reich. Als sie nach 12 Jahren zurückgekehrt waren, konnten sie sich in Armawir zahlreiche Häuser kaufen. Andere blieben freiwillig in der Verbannung. Als die Bolschewiken auch Sibirien eingenommen hatten, war es mit diesem Reichtum schlagartig vorbei. Es gehört ja zu diesem System, daß alle Reichen arm und die Armen noch ärmer werden.

Für die russische Regierung waren diese Verbannungen nutzbringend. Auf diese Weise wurden die bisher unerforschten Steppen und Wälder erkundet. Auch viele Bodenschätze wurden entdeckt. Im Reich Gottes gelten allerdings nicht nur kulturelle Leistungen. Mit diesen Verbannungen kam das Evangelium auch zu den Eskimos und den Samojeden, die sonst von keinem Missionar dazumal erreicht wurden. Auch wurde den Tausenden von Verbrechern und Straffälligen aller Art, die nach dem hohen Norden verschickt worden waren, auf diese Weise das Evangelium gebracht.

Bruder Kwotschenko ließ sich von dem erworbenen Reichtum und den weiteren Gewinnmöglichkeiten nicht zurückhalten. Er kehrte in seine Heimat zurück. Dort geriet er aber in die Fänge der Sowjets und mußte sich in den Höhlen des weiten Kaukasus verstecken. Alle Stufen der Trübsal und Anfechtung mußte er durchlaufen. Um Jesu willen verfolgt und verjagt, um Jesu willen arm und reich, um Jesu Willen flüchtig und nie seines Lebens sicher: das ist das Los derer, die um ihres Herrn willen alles drangeben und in der Herrlichkeit alles ererben.  C. M.

In der Wüste

Wie viele russische Evangelisten hatten auch die Brüder Grigorij und Timotej Mamontow ein Leben, nach dem ein Roman gestaltet werden könnte. Ihre Eltern wurden um des Glaubens willen in die weiten Steppen des Terek Gebiete verbannt. Als diese unglücklichen Menschen nach einer langen Fahrt in einer Entfernung von einigen 1 000 km aus geladen worden waren, schlossen sie sich erst zu einer Gebetsversammlung zusammen. Der Vater steckte eine Gabel in die Erde und erklärte: „So, hier ist unsere neue Heimat. Und nun wollen wir uns zuerst dem Herrn befehlen.“
Dann warfen sie sich alle auf die Knie, und der Vater betete: „Herr um deines Namens willen sind wir in diese regen  und wasserlose Steppe verschickt worden. Nun versorge du uns! Gib uns Regen, Wasser und Brot! Wir vertrauen dir. Schütz uns! Ernähre uns, kleide uns, wärme uns! Bewahre uns vo den wilden Tieren, die hier in großer Zahl leben.“ Das war der Start in der Wüste, aber mit dem Herrn, der die Wüste zum Gottesgarten umgestalten kann. Eines war diesen Verbannten allerdings geblieben. Vor der zaristischen Polizei hatten sie Ruhe. Sie durften hier ihres Glaubens leben.

Nach menschlichem Ermessen waren sie ein abgetriebenes Häuflein Menschen. Die Türken hatten in früheren Jahren versucht, diese Steppen mit Kurden zu besiedeln. Da es aber in diesen Steppen jahrzehntelang nicht einmal regnete und auch kein Grundwasser zu finden war, gaben sie diesen Versuch wieder auf. Und nun waren wieder Menschen da, die unter völlig neuen Voraussetzungen auch einen Besiedlungsversuch wagen mußten. Der Grundstein zu dieser neuen Heimat war das Wort: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen“ (Ps. 50,15). Und was geschah? Schon nach einigen Wochen fiel der erste Regen. Beim Brunnengraben stießen sie auf Grundwasser. Das hohe Steppengras wurde mühsam gemäht und gerodet. Der bearbeitete Boden gab den ersten Ertrag. Von dem benachbarten Persien kauften sie auf Kredit Schafe und Rinder. Auf der Viehzucht lag ein besonderer Segen. Von der nächsten Bahnstation, die allerdings 2 000 km entfernt lag, wurde ein Gesuch an die russische Regierung geschickt. Sie baten um die offizielle Verpachtung des Landes, das sie bisher urbar gemacht hatten. Da in den Augen der russischen Regierung alles unfruchtbare Steppe war, erhielten sie einen sehr günstigen Pachtvertrag. Pro Hektar mußten sie nur 5 Kopeken (5 Pfg.) bezahlen. Als die Brüder Mamontow durch die Viehzucht und die nach Persien verkaufte Wolle einige finanzielle Rücklagen hatten, kauften sie das Land. Auch dieses Mal war der Preis äußerst gering, 50 Kopeken pro Hektar. Aus der unfruchtbaren Wüste war nun tatsächlich ein Gottesgarten geworden. Die Getreideernten waren außerordentlich gut, die Schafe vermehrten sich in einer Weise, daß sie von den Besitzer nicht mehr zu zählen waren. Zuletzt schätzten sie eine halbe Million Schafe. So hat sich hier das Wort Jesu erfüllt: „Wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Acker um meines Namens willen, der wird’s hundertfältig nehmen!“ (Matth. 19, 29).

Dieser Reichtum wurde anderen verfolgten und bedrängten Glaubensbrüdern zum Segen. Die Brüder Mamontow berichteten in ihre Heimat ihren großen wirtschaftlichen Erfolg und luden ihre Glaubensgenossen ein, sich in ihrem Gebiet anzusiedeln. Diese Einladung leisteten viele Glaubensgeschwister Folge. Es wurden im Umkreis des erschlossenen Landes eine ganze Reihe Dörfer gebaut. Diese Dörfer erwiesen sich wiederum als ein Missionszentrum für die weitere Umgebung. Es wurden die Terek  und die Kuban Kosaken mit dem Evangelium erreicht. So hat sich auch hier die Verbannung von gläubigen Menschen zum Segen der russischen Reichgottesarbeit gewandelt. Ich selbst hatte oft Gelegenheit, diese Dörfer zu besuchen, allerdings erst dann, als die erste Eisenbahn dorthin gebaut war. Ich bin selbst Zeuge für die Umgestaltung der unfruchtbaren Steppe in ein gesegnetes Land und auch Zeuge dafür, mit welchem Eifer diese Siedler ihren Glauben in unerschlossene Gebiete weitertrugen.

Auch über diese gesegneten Dorfgemeinden kam dann die rote Invasion. Jahrelang   wohl bis 1927   hatten sie Ruhe gehabt. Nun aber brach diese Flut furchtbar über sie herein. Der ganze Besitz wurde enteignet. Nackt und verarmt, unter großer Angst und großem Schrecken mußten sie wieder fliehen. Doch hielten sie ihrem Herrn die Treue. Die Brüder Mamontow lebten zuletzt in der Stadt Mosdok. Dort bin ich noch einige Male bei ihnen eingekehrt. Nie habe ich diese ergrauten Glaubenszeugen traurig gesehen. Sie hatten den Raub ihrer Güter mit Freuden erduldet und sich derer würdig erwiesen, von denen Paulus in 2. Kor. 6,10 schreibt: „Als die nichts innehaben und doch alles haben.“

In Mosdok ließ man sie aber auch nicht in Ruhe. Eines Tages sollte ein Zug mit lauter Moskauer Kommissaren dorthin kommen. Der Bahnhof war mit Geheimpolizei umstellt und abgesichert. Doch ist es Grigorij Mamontow und mir gelungen, uns hinter dem Wasserturm zu verstecken. Von dort aus gelangten wir auf den Bahnsteig und erlebten die Ankunft der Kommissare mit. Ein Kommissar, mit Namen Petrowsky, hielt den Angekommenen eine Begrüßungsrede und sprach von der herrlichen Zukunft im sowjetischen Reich. Mit mächtiger Stimme brüllte er: „Sonne und Mond werden verschwinden, aber nie die Sowjetregierung.“ Diese damaligen Kommissare sind bei den vielen Säuberungsaktionen fast alle jämmerlich umgekommen. So hat der Herr den Schreiern den Mund gestopft.

Es ist merkwürdig. Diese politischen Fanatiker versprachen den Menschen das Paradies und brachten die Hölle. Interessant ist noch eine besondere Beobachtung im Terek-Gebiet. Als man den Gläubigen dort alles enteignet hatte, streikte die Natur. Der Regen blieb wieder aus, und eine gewaltige Dürre brachte eine große Hungersnot. Also sind die Gläubigen auch in diesem Sinn das Salz der Erde. Wo nicht gebetet wird, regiert die Hölle.

Seit 1927 habe ich die beiden Brüder Mamontow aus dem Gesichtskreis verloren. Sie sind wohl schon längst bei ihrem Herrn, dem sie vertraut haben.  C. M.

Der Trommler des Herrn

In der Zeit, als ich in Millerowo unsere Fabrik leitete und auch unserer Gemeinde vorstand, lud ich eines Tages Wilhelm Fetler zur Evangelisation ein. Er war ein energiegeladener Mann, der die Herzen und die Hände seiner Zuhörer bewegen durfte. Von Hause aus war er Lette. Er hatte das Gymnasium besucht und ging dann zu seiner weiteren Ausbildung nach London. Dort absolvierte er das Baptistenseminar. Nach seiner Ausbildung siedelte er sich in Petersburg an.

In dieser Aristokratenstadt durfte der tatkräftige Glaubensmann vieles erreichen. Er entfaltete eine rege Tätigkeit, so daß eine blühende Gemeinde entstand. Es bereitete ihm auch keine Mühe, einen stattlichen Gemeindesaal zu bauen, dem er den Namen „Haus des Evangeliums“ gab. Die Baugelder hat er bei seinen evangelistischen Vorträgen zusammengebracht. Er gab auch Zeitschriften heraus, z. B. „Golos Wera“, Stimme des Glaubens, und ließ viele Traktate drucken. So wurde er bei allen Gläubigen in Rußland durch Wort und Schrift bekannt. Er war ein Mann, der aufs Ganze ging: die ganze Hingabe für Jesus und die völlige Bereitschaft, dem Herrn mit allem zur Verfügung zu stehen.

Als Fetler eines Tages die reichen, gläubigen Gutsbesitzer im Kaukasus besuchte, gab ihm ein solcher reicher Bruder 100 Rubel für seine Tätigkeit. Fetler wies diese Gabe mit Entrüstung zurück. Für die guten Verhältnisse des reichen Mannes war ihm diese Gabe zu gering. Natürlich war das eine Beleidigung für den Gutsbesitzer, hoffentlich aber heilsam. Fetler hat für das Reich Gottes große Geldsummen zusammengebracht. Persönlich blieb er arm wie er war. Sein Kollektieren wurde ihm manchmal von seinen Freunden angekreidet. Vor allem wurde er aus modernisierten Kreisen angegriffen. Der vielfache Millionär Rockefeller hat ihm einmal 15 000 Dollar überwiesen. Diesen Betrag ließ Fetler zurückgehen, weil er der Überzeugung war, daß Rockefeller nicht auf dem Boden des vollen Evangeliums stand. Dieser entschiedene Zeuge Jesu wollte durchaus keine zweifelhaften oder unheiligen Gaben haben. In dieser Radikalität kann er vielen Werken der Reichgottesarbeit in der Gegenwart ein Zeugnis und ein Vorbild sein. Mir imponierte die Gradlinigkeit dieses Jüngers Jesu. Darum hatte ich ihn auch nach Millerowo eingeladen.

In meiner Gemeinde arbeitete er in großem Segen. Die Art seiner Verkündigung war sehr einprägsam. Er konnte z. B. seiner großen Zuhörerschaft ein evangelistisches Lied beibringen. An einem Abend war es das Lied „Jesus, der Löwe aus Juda, hat am Kreuz auf Golgatha allen den Sieg gebracht.“ Dann sprach er über die übertünchten Gräber (Matth. 23), die auswendig schön erscheinen, aber inwendig voller Totengebeine sind. Meine Fabrikarbeiter hatten das nie vergessen. Ein Former unserer Eisengießerei sang bei seiner Arbeit immer das gelernte Lied. Er war ursprünglich ein Gottesleugner gewesen, bekehrte sich aber nach dieser Evangelisation und blieb dadurch vor dem Kommunismus bewahrt. So wirkten Fetlers Predigten und Lieder noch lange nach.

Während des ersten Weltkrieges stand Fetler auf der schwarzen Liste und wurde verfolgt. Dank seiner ausländischen Beziehungen wurde er rechtzeitig gewarnt. Er konnte noch nach Amerika ausreisen. Dort richtete er eine Bibelschule für Russen ein. Nach dem ersten Weltkrieg kam er zurück nach Polen, Rußland und Lettland. Dieser rastlose, eifernde Mann war in seiner Kraft immer noch nicht verbraucht. In Riga baute er das große Bethaus „Tabernakel“, das insgesamt 3000 Sitzplätze aufwies. Auch richtete er eine Bibelschule für Russen ein, die dort zu Predigern ausgebildet wurden. Bei der Einweihungsfeler durfte ich selbst dabei sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als seine Arbeit in Lettland völlig unmöglich gemacht wurde, reiste er wieder nach Amerika aus. Er setzte sich für die Herausgabe neuer Bibelausgaben und Übersetzungen ein und betreute auch seine früheren Bibelschüler. Mitten in seiner Evangelistentätigkeit erkrankte er dann in Los Angeles und ging heim zu seinem Herrn.

Er ist ein Mann, über dessen Leben das Pauluswort steht: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“ (Phil. 4,13). Er hat Tausende zu Christus führen dürfen. Wieviel Bethäuser und Bibelschulen hat er gebaut! In Riga brachte er in jedes Haus eine Bibel. In vielen Ländern beobachtet man die segensreiche Spuren seiner Wirksamkeit. Alles was er war, war er nicht durch sich selbst, sondern durch Jesus!  C. M.

Mit dem Evangeliumsschlitten unterwegs

Einer meiner engeren Freunde war der Evangelist Jakob Fröse. Er stammt aus der Mennonitengemeinde. Er war der Sohn reicher Bauern, wählte aber den freiwilligen Weg der Armut, um restlos für den Herrn da zu sein.

Vor dem Ersten Weltkrieg machten wir zusammen unsere erste Missionsreise. Es war um die Winterzeit. Wir reisten zunächst in das Gebiet von Woronesch. Von dort ging es per Schlitten von Dorf zu Dorf. Es war ein Distrikt, in dem noch keine gläubigen Gemeinden zu finden waren. Gewöhnlich suchten wir in jedem Dorf ein Haus, das uns freundlich aufnahm. Tagsüber machten wir dann Hausbesuche und luden zu der Abendveranstaltung ein. Normalerweise reichte der Platz nicht aus. In dem ersten Dorf war auch der Stellvertreter des Bezirksrichters gekommen. Vermutlich erfolgte sein Besuch nur zu unserer Kontrolle. Das Wort Gottes sprengt aber auch die festen Schlösser. Dieser Mann hat sich bei diesem einmaligen Besuch bekehrt. An einem anderen Abend warf sich plötzlich ein Mann auf die Erde und schrie: „Ich bin ein Dieb. Ich habe das gestohlene Gut im Boden unter dem Heuschober versteckt.“ Ein zweiter schloß sich diesem Bekenntnis an und erklärte: „Ich bin genau so ein Dieb.“ Die Beichten dieser beiden Männer machten auf die Anwesenden einen solchen Eindruck, daß viele an diesem Abend noch ihre Sünden bekannten und ihr Leben dem Herrn Jesus auslieferten. Selbstverständlich bin ich mir bewußt, daß es besser ist, wenn Sündenbekenntnisse unter vier Augen mit dem Seelsorger abgelegt werden. Öffentliche Sündenbekenntnisse haben gewöhnlich für die Beichtenden unangenehme Folgen. Wer wollte aber in diesem Fall dem Geist Gottes wehren? Ich fühlte mich nicht berufen, das Wirken des Heiligen Geistes zu dämpfen.

Diese Evangelisationsfahrten waren oft mit recht schwierigen Begleitumständen verbunden. In diesen Dörfern des Woronesch Gebietes hatten wir meist eine recht dürftige Unterkunft. So schliefen wir in dem einzigen Raum eines Bauernhauses, alle nur auf Stroh mit unseren Pelzen zugedeckt. In dem gleichen Raum befanden sich aber auch die Hühner, ein Hund, zwei Schweine und ein Kalb. Alle diese Tiere hatten schon an der Abendveranstaltung teilgenommen und sind dann auch unsere Nachtgenossen geblieben. Über den Geruch und die dicke Atmosphäre der niedrigen Hütte braucht man wohl keine Worte verlieren.

Gelegentlich gab es auch andere Erfahrungen im Blick auf die äußere Versorgung. So waren wir eines Tages Gäste auf dem Gutshof des General Tschertkow. Diese Aristokratenfamilie war gläubig geworden. Als ein Ausdruck ihrer Entscheidung für Christus verteilten sie ihr Landgut in Größe von 20 000 ha an die armen Bauern ihrer Umgebung. Sie behielten nur zwei Gutshäuser und wenige Hektar Land für sich selbst zurück. Nicht genug damit. Diese Familie sorgte auch für die Verkündigung des Evangeliums unter den beschenkten Bauern. Die adlige Familie selbst hielt Bibelstunden für all ihre Nachbarn. Sie sind nicht die einzigen, die um ihres Glaubens willen ihre Ländereien verschenkten. Es gab viele Glieder des hohen Adels, die sich zu diesem Schritt entschlossen. Allerdings konnten sie damit die allgemeine russische Situation nicht mehr retten.

1927 arbeitete ich noch einmal mit Fröse zusammen in Moskau. Anschließend erhielt ich meinen Paß und konnte nach dem Ausland abwandern. Fröse wirkte weiter, kam aber bald in das Gefängnis der Geheimpolizei, von der er furchtbar gequält wurde. Ich habe ihn seither aus den Augen verloren. Fröse ist jedenfalls nicht mehr unter den Sterbenden, sondern unter denen, die leben. Er durfte das Wort seines Herrn hören: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“ (Matth. 25,34).     C. M.

Der Kreisrichter

Während des Ersten Weltkrieges fuhr ich im Gouvernement Saratow mit einigen Offizieren zu einer Brautwerbung. Als ich das reiche Elternhaus der Braut betrat, sah ich im Salon eine große Fotografie von Prediger Wieler an der Wand hängen. Ganz erstaunt fragte ich die Hausbesitzer. „Wie kommen Sie zu diesem Bild? Das ist doch einer meiner Freunde.“ „Das ist unser geistlicher Vater“, war die Antwort. „Diese Geschichte würde mich sehr interessieren“, fuhr ich fort. „ja, das wollen wir Ihnen gern erzählen.“ Und nun hörte ich einen interessanten Bericht.

Der Großvater dieser vornehmen Familie war Gutsbesitzer und Kreisoberst. In dieser Stellung war er der Kreisrichter für die Stadt und Umgebung. Eines Tages hatte er einen Arrestanten im Gefängnis zu verwahren, bis dieser weiter transportiert werden konnte. Der Gefangene mußte wohl ein schlimmer Mensch sein, denn er war in Ketten gefesselt. Der Richter hat sich um die Akten des Häftlings nicht gekümmert, da er ja am nächsten Tag weiterbefördert werden sollte. Nachts konnte der Oberst jedoch nicht schlafen. Immer wieder kam ihm der Gefesselte ins Gedächtnis. Jedenfalls hat der Gefangene   es war Prediger Wieler   für seine Peiniger und auch für diesen Oberst gebetet. Der Richter ließ den Häftling kurzerhand in der Nacht aus dem Gefängnis holen und fragte ihn nach der Ursache seiner Verurteilung. Darauf zog Bruder Wieler ein russisches Testament aus der Tasche und erklärte: „Wegen dieses Buches wurde ich verhaftet. Ich stehe vor Ihnen als völlig unschuldiger Mann.“ Bei der kurzen Befragung und der anschließenden Unterhaltung legte Wieler Zeugnis ab für Jesus. Seine Worte trafen den Obersten ins Herz. In der gleichen Nacht wandte sich dieser hochstehende Herr Jesus zu.

Und nun handelte er an dem Gefangenen, wie es seinerzeit der Kerkermeister in Philippi an Paulus und Silas getan hatte. Er ließ den Gefangenen, Bruder Wieler, entkleiden. Bruder Wieler durfte im Bad des Obersten baden und sich erfrischen. Dann wies ihm der Oberst sein eigenes Bett als Nachtlager an. Ein gewaltiges Wunder war an diesem Kreisrichter geschehen. Der Oberst setzte sich dann mit den Behörden in Verbindung und erreichte, daß die Verbannung Wielers in eine Ausweisung nach Rumänien umgewandelt wurde.
1936 unternahm ich eine Evangelisationsreise nach Rumänien. Dort zeigte mir mein Freund Gerasimenko die Kirche, in der Bruder Wieler seinen Tod gefunden hat.

Und nun zurück zur Brautwerbung. Der Kreisoberst war in seiner Nachfolge Jesu so treu, daß auch seine Kinder und Enkel den Weg zum Herrn gefunden haben. In diesem Hause wurde ich nun mit Freuden aufgenommen und fand auch in meinem Anliegen Gehör. Diese Familie ist wieder eine Bestätigung des Bibelwortes aus Apg. 16,31: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig.“     C. M.

Auf der Suche nach Brot

In den bisherigen Zeugnissen berichtete ich, was andere Evangelisten und Glaubensbrüder alles erlitten haben. Nun will ich auch mein eigenes Schicksal kurz darstellen. Nach meiner Ausbildung auf einer technischen Schule in Charkow siedelte ich mich in Millerowo an. Dort richtete ich eine Reparaturwerkstatt ein, die rasch aufblühte. Nach einigen Jahren ging es mir wirtschaftlich schon so gut, daß ich mit zwei Teilhabern zusammen eine Maschinenfabrik baute. Wir stellten landwirtschaftliche Maschinen her und richteten Mühlbetriebe und Ölpressereien ein. Das Geschäft florierte. Darüber hinaus hatte ich bei meinen vielen Geschäftsreisen, die mich durch ganz Rußland und bis weit nach Sibirien führten, Gelegenheit, das Evangelium zu verkündigen.

Nach der Revolution und dem Eindringen der Sowjets in unsere Stadt stand ich natürlich als Fabrikant auf der schwarzen Liste. Wir wurden eines Nachts kurzerhand aus der Wohnung geholt und völlig enteignet. Für meine Familie begann eine harte Zeit. In der Stadt herrschten wie überall durch die Sowjets turbulente Verhältnisse. Einer unserer Arbeiter wurde als Direktor der Fabrik eingesetzt. Dieser schlichte Mensch hatte natürlich keine Ahnung und kein Geschick, ein solches Werk zu leiten. Ein anderer Arbeiter von uns, ein Schlosser, wurde der Bürgermeister der Stadt. Schlichte Knechte und Mägde erhielten die leitenden Amter bei den Behörden. Das war für die gesamte Wirtschaft und das öffentliche Leben eine Katastrophe, da diese Menschen gar nicht die Voraussetzungen hatten, um solche Ämter zu bekleiden. Um diese öffentlichen Zustände konnte ich mich aber kaum noch kümmern, da ich alle Hände voll zu tun hatte, um den bedrängten Glaubensgenossen beizustehen und auch die eigene Familie zu versorgen. Eine solche Fahrt nach Brot will ich jetzt darstellen.

Es war im Jahr 1920. Von der Moskauer Zentralvereinigung unseres Bundes wurden die Komiteemitglieder der Kaukasusvereinigung sofort nach Moskau berufen. Es ging um folgende Fragen. Die Sonntagsschulen in unseren Gemeinden sollten verboten werden. Jugendliche unter 18 Jahren sollten in Zukunft die Gottesdienste nicht mehr besuchen dürfen. Alle Gottesdienste und die Namen der Prediger mußten bei der Gottlosen Organisation gemeldet werden. Das waren die neuen Bestimmungen, welche die Sowjets in Moskau herausgegeben hatten. Für die Gläubigen und alle christlichen Gemeinden kam eine Zeit schwerer Feuerproben. Die Bibeln wurden beschlagnahmt und sollten vernichtet werden. Das waren die Gründe, warum wir drei Komiteemitglieder aus dem Kaukasus eiligst nach Moskau kommen sollten. Bei dieser Fahrt gelang es mir, 40 deutsche Testamente zu kaufen. Sie stammten aus dem deutschen Pastoreninstitut in Moskau und waren nach der Beschlagnahmung von einem jungen Mann, der nicht zu unserer Gemeinde gehörte, gestohlen worden. Da er als Russe mit den deutschsprachigen Testamenten nichts anzufangen wußte, bot er sie mir an. Mit großer Freude kaufte ich sie ihm alle ab und brachte sie mit meinen beiden anderen Brüdern zusammen durch alle Sperren hindurch bis zu unserem Wohnort. Ich wußte, daß diese 40 deutschen Testamente für die vielen gläubigen Volksdeutschen einen großen Schatz darstellten. Ich überlegte lange, wie ich diesen Schatz in die richtigen Hände leiten konnte.

Unsere persönlichen Verhältnisse wiesen uns bald den Weg. Der blanke Hunger quälte uns Tag für Tag. In dieser Notzeit dachte ich an die gläubige deutsche Kolonie Gnadenburg. Dieses Dorf war bisher von den Sowjets noch nicht so heimgesucht worden. Dort, unter den volksdeutschen Siedlern hoffte ich, alle meine Testamente loszuwerden und gleichzeitig Brot für meine Familie zu finden. Kurz entschlossen, vom Gebet meiner Lieben begleitet, machte ich mich auf den Weg.

Das Reisen war nach der Revolution mit entsetzlichen Strapazen verbunden. Die Züge fuhren unregelmäßig und waren teilweise stark demoliert. Türen und Fenster waren weggerissen, alle Waggons mit Menschen überfüllt. Viele saßen auf den Puffern oder auf dem Dach. An den Trittbrettern hingen die Menschen wie Trauben. Mir ging es nicht besser. Mit Mühe bekam ich einen Platz auf der unteren Treppe eines Wagens und mußte nicht nur mich selbst, sondern auch den Koffer festhalten. Schließlich halfen mir einige Mitreisende, daß ich wenigstens eine Ecke des Koffers aufstellen konnte. Nach einer Fahrt von 300 km kam ich trotz dieser Strapazen an den Zielbahnhof. Von hier ging es zu Fuß weiter, und ich erreichte schließlich das wunderbar gelegene Dorf Gnadenburg. Diese Siedlung gläubiger Volksdeutscher war wie eine Burg gelegen. Auf der einen Seite fließt der reißende Fluß Terek, auf der anderen Seite steigt das hohe Gebirge an. Das Dorf ist so geschickt angelegt, daß es nur einen Ausgang hat. Damit war es gegen die Überfälle der wilden Bergvölker gut gesichert. Da ihre Nachbarn, die Auulen, scharfe Gegner der Sowjets waren, waren hier noch nicht so viele Enteignungen durchgeführt worden.

Wie fühlte ich mich unter diesen gläubigen Familien so wohl. Ich war schon einige Jahre vorher zur Verkündigung des Evangeliums hier gewesen. Die Leute kannten mich alle und nahmen mich mit großer Gastfreundschaft auf. Alle Bewohner dieser Kolonie leben in einer klösterlichen Gemeinschaft zusammen. Sie sind nach Offb. 12,13 17 und Jes. 35,7 8 auf das Kommen des Herrn ausgerichtet. Es sind tiefgläubige Kinder Gottes, die wunderbare Ordnungen haben. Die Jugend darf nicht allein ausgehen, ohne daß nicht einige Väter dabei sind. Abends um 8 Uhr läutet die Glocke, und alle Familien im Dorf versammeln sich in ihren Häusern zum Bibellesen und zum Gebet. Nach dem Betläuten darf niemand im Dorf abends das Haus verlassen, es sei denn zum Besuch des Abendgottesdienstes. Um 22 Uhr ist alles im Bett. Nur die Wächter sind auf den Straßen. Morgens um 8 Uhr läutet die Glocke wieder. Alle Familien versammeln sich zur Morgenandacht, und dann erst geht es an die Arbeit. Fluchen und Schimpfen oder Streitereien sind kaum in der Gemeinde zu finden. Die Kinder sind ihren Eltern gehorsam. Obwohl sie Weinbau treiben, gibt es im Dorf keine Trinker. Sie üben strenge Sonntagsheiligung und Kirchenzucht. Die Straße ist am Sonntag gesperrt. Einige erfahrene Männer der Gemeinde sind speziell für die Jugendarbeit verantwortlich. Auf dieser Kolonie ruhte sichtlicher Segen. Alle waren wohlhabend. In dieser Musterkolonie war ich nun mit meinen 40 Testamenten gelandet.

Als man mich nach dem Preis der Testamente fragte, sagte ich den Geschwistern ganz offen: „Liebe Brüder und Schwestern, meine Familie leidet Not. Wir wissen nicht, von was wir leben sollen, da wir durch die Enteignung alles verloren haben. Wenn ihr mir für ein Testament ein Pfund Mehl gebt, so meine ich, daß das keine Überforderung bedeutet.“ In der Tat war das ein äußerst geringer Preis. In normalen Zeiten hätte man in Rußland für ein Testament 15 bis 20 Pfund Mehl erhalten. Die Glaubensgeschwister erklärten mir sofort, daß dieser Preis viel zu gering wäre, und sie luden mir so viel Lebensmittel auf, daß nur zwei Männer sie tragen konnten. Zunächst einmal waren es 280 Pfund Mehl, die sie mir in zwei große Säcke verpackten. Diese Säcke galten nach der Revolution als eine Kostbarkeit, da sie zur Herstellung von Kleidern und Anzügen verwendet wurden. Dazu beluden sie mich mit Speck, Weißbrot und anderen guten Dingen. Nun war guter Rat teuer. Wie sollte ich das alles rein gewichtsmäßig abtransportieren und dazu noch durch die vielen Zug  und Bahnhofssperren bringen. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als einfach die Hände zu falten und zu sagen: „Herr Jesus, du hast mich mit diesem Segen überschüttet. Nun bringe du mich gut nach Hause.“

Meine Freunde aus Gnadenburg taten noch ein übriges. Sie brachten mich mit einem Fuhrwerk bis zum Terekfluß. Dann setzten sie mich an einer Stelle ab, wo ein Kosake einige Male am Tag eine Fähre über den breiten Fluß steuerte. Nun mußte ich von der Fährstelle aus zwei km bis zur Stanitze Pawlodolsk zu Fuß gehen. Es war nicht anders möglich, als daß ich zuerst einen Sack mit 140 Pfund diesen Weg schleppte, den Sack im Gebüsch versteckte und dann den zweiten Sack nachholte. Eine anstrengende Tour! Schließlich kam ich wohlbehalten in dem Dorf an und suchte einen gläubigen Bruder auf, der mir vom früheren Evangelistendienst her bekannt war. Dieser Bruder war mir wiederum ein Engel Gottes. Obwohl es außerordentlich gefährlich war, soviel Lebensmittel zu transportieren, brachte mich dieser Mann mit einem Wagen zu dem 15 km entfernt gelegenen Steppenbahnhof. Wären wir unterwegs kontrolliert worden, so hätte man uns zunächst alles abgenommen und dazu wären wir noch bestraft worden. Wie sollte ich aber nun mit diesen vielen Lebensmitteln den Bahnhof betreten und dann gar noch den Zug besteigen können? In diese Gefahr wollte ich mich nicht begeben. Einige 100 m in der Nähe des Bahnhofs legte ich mich kurzerhand mit meinen Säcken an den Bahndamm und wartete, bis der Zug kam. Das Auf  und Abspringen auf die fahrenden Züge war ohnehin nach der Revolution an der Tagesordnung. Das ging ohne Gepäck ganz leidlich. Mit meinem Ballast war es aber völlig unmöglich. Ich kann es nicht anders sagen als so, daß ich ununterbrochen meine Lage im Gebet vor den Herrn brachte. Es ging ja nicht darum, mich zu bereichern, sondern einfach, um meine Angehörigen zu versorgen. Hätten uns die Roten nicht das ganze Vermögen weggenommen, wäre ich ja nie in diese bedrückte Lage geraten. Während ich mich meinen Gedanken hingab, rollte ein Güterzug heran. Ich sprang auf und zeigte dem Lokomotivführer ein großes Stück Brot. Meine Berechnung stimmte. Der Zug hielt sofort an. Ich eilte mit meinen Lasten zur Lokomotive und schaffte alles in den Kohlenraum. Der Lokführer selbst half mit, die kostbare Ladung zu verstecken. Ganz bewegt und mit großem Dank sagte dieser Mann: „Sie hat der liebe Gott geschickt, um meinen Hunger zu stillen.“ Er verzehrte augenblicklich das ihm gereichte Brot. Auf diese Weise kam ich 100 km weiter. Wie sollte ich aber bei der nächsten Umsteigestelle durchkommen? 500 m vor dem Umsteigebahnhof fuhr der Lokführer sehr langsam und half mir vom fahrenden Zug herunter.

Wieder lag ich am Bahndamm. Mein erprobtes Spiel mit dem Stück Brot wiederholte sich. Wie war ich nun für die reichlichen Gaben meiner Brüder von Gnadenburg dankbar. Der zweite Zug hielt wieder. Mein nahrhafter Ausweis öffnete überall die Türen. Was ist doch das für ein herrliches Sowjetparadies, daß Zugführer für ein Stück Brot den Zug anhalten! Auf jeden Fall wurde es mir geschenkt, mit dieser gefährlichen Last alle Sperren zu umgehen und wohlbehalten meine Heimat zu erreichen. Welche Dankbarkeit lösten die reichen Gaben unserer Glaubensgeschwister aus. Wieviel Freude hat dann noch meine Gattin anderen Hungernden bereitet, denen sie von unseren Schätzen abgab. Wir selbst haben uns damit über die Hungerzeit hinwegretten können, bis der Herr uns wieder neu versorgte.   C. M.

Die Hirtenflöte

Einer meiner Freunde aus Petersburg erzählte mir die Bekehrungsgeschichte der fürstlichen Familie in Petersburg. Ein ungläubiger Fürst machte mit seiner Familie eine Ferienreise nach seinem entlegenen Landgut. Eines Tages besichtigten sie ihre Vieh- und Schafherden. Der kleine 6jährige Fürstensohn war mit seiner Pflegerin auch dabei und wollte unbedingt noch bei den Schafherden zurückbleiben. Der kleine Junge hatte sich schnell mit einem 16jährigen Hirten angefreundet, der auf einer Hirtenflöte wunderbar zu spielen verstand. Der Fürstensohn fragte den Hirten: „Wer hat dich das schöne Spielen gelehrt?“ Der Hirte antwortete: „Der liebe Gott hat es mich gelehrt.“ „Wo wohnt der liebe Gott?“, fragte der 6jährige. „Dort oben im Himmel wohnt er, und er wird alle Menschen einmal nach ihrem Leben richten.“ „Wo hast du denn die Flöte her?“ „Die habe ich mir selbst gemacht“, war des Hirten Antwort. „Ja, wer hat dir das denn beigebracht?“ „Auch der liebe Gott, der den Menschen Gaben gibt, aber sie auch einmal zur Verantwortung zieht, was sie mit ihren Gaben angerichtet haben.“ Bei dieser Unterredung wurde die Pflegerin des Fürstensohnes unwillig, denn sie war genau wie ihre fürstliche Herrschaft eine gottlose Person. Sie führte den Knaben gewaltsam zurück zu seinen Eltern. Die einfachen Worte des gläubigen Hirtenjungen waren aber dem Kind ins Herz gefallen und ließen es nicht mehr los.

Als die fürstliche Familie nach Petersburg zurückgekehrt war, sagte eines Tages der Junge bei Tisch: „Papa, ich weiß etwas.“ „Na, dann erzähle es uns, was du weißt“, erwiderte der Fürst. „Es gibt einen lieben Gott, und alle Menschen müssen sich vor ihm verantworten.“ „Ja, wo hast du denn das dumme Zeug her? Wer hat dir das eingeredet?“ „Oh, das war der Hirte, der unsere Schafe hütet“, gab der Knabe zur Antwort. Bei dieser Auskunfl war der Fürst ganz erbost, und er gab der Pflegerin seines Sohnes einen strengen Verweis. Die Mutter, die das Gespräch mit anhörte, wurde davon seltsam berührt.

Dieser unangenehme Zwischenfall bei Tisch wurde im Laufe der nächsten Monate vergessen. Eines Tages veranstaltete der Fürst eine Festlichkeit, zu der verschiedene Verwandte und Freunde eingeladen wurden. Bei Tisch hatte der Fürstensohn seinen Platz neben seinem Onkel. Plötzlich fing der junge wieder ein ähnliches Gespräch an wie dazumal: „Onkel, ich weiß etwas, was du nicht weißt.“ „Na, mein Junge, das interessiert mich wahrhaftig, was ich nicht wissen sollte.“ „Es gibt einen lieben Gott, der den Menschen Gaben gibt und sie darüber einmal zur Verantwortung zieht.“ „Aber Junge, wo hast du diesen Unsinn her?“ Es gab eine ärgerliche Störung. Die Fürstin erhob sich und nahm verärgert den Jungen von der festlichen Tafel, führte ihn hoch oben unter dem Dachgeschoß in ein kleines Zimmer und schloß hinter ihm zu.
Anderntags um die Mittagszeit fragte die Fürstin die Pflegerin: „Wo ist denn unser Wanja?“ „In der Rumpelkammer oben.“ „Ja, warum hast du ihn denn nicht herausgelassen?“ „Sie haben doch den Schlüssel“, antwortete die Pflegerin. Erschrocken eilte die Fürstin zur Kammer und öffnete. „Wanja, bist du hier?“ rief sie. „Ja Mutti“, antwortete das Kind „und der liebe Gott war auch hier.“ Die Fürstin war von dem schlichten Zeugnis ihres Jungen so bewegt, daß sie von nun an den Umgang mit gläubigen Menschen suchte. Es dauerte nicht lange, da wurde sie an den Herrn Jesus gläubig. Nun waren in der fürstlichen Familie schon zwei Bollwerke des Herrn. Der junge Fürstensohn, der kindlich gläubig geworden war, und seine Mutter, die Jesus nachfolgte. Nicht lange danach schlug auch der Fürst diesen Weg ein. Der Anfang dieser ganzen Umwälzung war jenes fromme Spiel des Hirtenjungen gewesen. So hat Gott aus dem Mund der Unmündigen sich ein Lob zugerichtet.  C. M.

Kirchenvorsteher und doch ein Heide

Zeugnis eines Russen
Ich war Vorsteher einer griechisch katholischen Kirchengemeinde in einem Kaukasusdorf. Dieses Amt vertraute man gewöhnlich nur angesehenen Gliedern der Gemeinde an. Die innere Stellung des Betreffenden zu Christus wurde kaum berücksichtigt. Wer hätte das in der Kirchengemeinde auch tun sollen? Die Popen waren zum großen Teil selbst keine Jünger Jesu. Ihr Haß gegen die Evangeliumschristen, Baptisten und Mennoniten war nur zu bekannt. Viele Gläubige mußten ja in der russischen Kaiserzeit auf Betreiben der Priester in die Gefängnisse und in die Verbannung.

Auf Grund meiner Wohlhabenheit, meiner allgemeinen Beliebtheit und meines sicheren Auftretens war ich also Präsident der Kirchengemeinde geworden. Das hinderte mich nicht daran, daß ich wie ein Heide lebte. In der Gemeinde war man es ja zufrieden, daß ich doch einigermaßen regelmäßig zum Gottesdienst kam. Damit war ich noch besser als mancher, der dem Popen geflissentlich aus dem Wege ging. Wer konnte mir schon etwas Böses nachsagen?

Diese Kirchhofsruhe sollte eines Tages gestört werden. Ein Evangelist der Stundisten kam ins Dorf und predigte in einer Weise, die Aufruhr brachte. Menschen wurden unruhig und bekehrten sich. Von der Kirche her nahm man gegen diesen Eindringling Stellung. Wir haben doch alles! Was will dieser Hergelaufene?

Soweit wäre mich das alles persönlich nichts angegangen. Aber nun bekehrte sich meine eigene Frau. Damit kam die Unruhe in mein Haus. Mich packte die Wut. Weiß denn diese Frau nicht, was sie mir, dem Vorsteher der Kirchengemeinde schuldig ist? Sie besucht die Bibelstunden der Stundisten und betet auch zu Hause. Ist denn die Kirche nicht genug? Weiß nicht der Pope allein, wie richtig zu beten ist? Was nehmen sich diese Stundisten heraus, so mit ihrem Herrgott auf du und du zu stehen?

Ich verbot meiner Frau den Besuch der Bibelstunden, verbot ihr das Bibellesen und das Beten zu Hause. Es war mir als Kirchenvorsteher wahrhaftig genug, daß wir diese Spaltung in der Gemeinde hatten. Ich wollte das auf keinen Fall zu Hause dulden. Schließlich mußte ich doch als Mitverantwortlicher der Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen.

Meine Frau, die mir in allem untertänig war, hörte nicht auf diese Verbote. Schließlich wurde es mir zu bunt. Als sie wieder vor dem Essen die Hände zum Gebet faltete, schlug ich ihr so auf die Finger und Hände, daß sie bluteten und verbunden werden mußten. Nach dieser Maßregelung betete sie nur noch heimlich. Doch auch das reizte mich zum Zorn. Ich legte mich auf die Lauer. Als ich sie dann eines Tages auf den Knien liegend und betend antraf, zerschlug ich ihr die Knie derartig, daß sie ebenfalls verarztet werden mußten.
Trotz dieser Mißhandlungen blieb meine Frau mir gegenüber freundlich und geduldig. Und gerade das versetzte mich noch in größere Wut. Ich erklärte meiner Frau: „Du bist nicht mehr mein Weib!“ Und ich jagte sie weg. Sie ging aus dem Hause und sagte mir beim Abschied: „Ich werde trotzdem für dich beten.“ Im Dorf gab diese barsche Trennung Aufsehen. Dem Popen erklärte ich, daß ich mit einer Sektiererin nicht zusammenleben könnte. Dem Priester war mein Handeln ein Zeichen von Kirchentreue. Er war zufrieden. Die anderen mischten sich nicht darein. Schließlich besaß ich doch einiges Ansehen.

Nicht lange danach nahm ich mir wieder eine Frau. Nun sollte mein Leben schöner werden. Den Unruheherd hatte ich ja ausgeräumt. Die zweite Frau ließ sich zwar willig an, aber sie war wirtschaftlich unerfahren und ungeschickt. Es zerrann ihr alles unter den Händen. Was ich mit meiner ersten Frau erspart hatte, war bald dahin. Mich wurmte das ungemein. Wie sollte ich mich aus dieser Schlinge ziehen? Ich sagte mir, diese Frau bringt mich um Haus und Hof. Nach langem Überlegen und manchen schlaflosen Stunden in der Nacht entschloß ich mich, auch diese zweite Frau wieder laufen zu lassen. Für mein Amt als Vorsteher war das nicht gerade zuträglich. Doch meinte ich, es auch auf diese Kraftprobe ankommen lassen zu können. Tatsächlich hörte ich keine Stimmen, die mir mein Amt streitig gemacht hätten.

Nun war ich aber wieder ohne Frau, und auf dem großen Hof ging es ohne Bäuerin nicht. Deshalb suchte ich meine erste Frau wieder auf und bat sie, zu kommen und die Wirtschaft zu führen. Sie willigte unter der Bedingung ein, daß ich ihr den Besuch der Bibelstunden und das häusliche Beten erlauben würde. Um wieder eine Frau zu haben, war ich damit einverstanden. So war sie nun abermals im Hause, die mir eines Tages zum Anstoß der Nachfolge Jesu werden sollte. Bis dahin war es aber ein noch weiter Weg. Wie früher ärgerte ich mich auch jetzt über ihr Beten und Bibellesen. Doch ich nahm es als unumgängliches Übel hin, da ja die große Haushaltung ohne die Hausfrau nicht sein konnte. Was mich innerlich am meisten fertig machte, war die große Liebenswürdigkeit der Frau, die mit Gleichmut und gewinnender Freundlichkeit alle meine Launen ertrug.

Bei diesen inneren Spannungen verstrich der Winter. Der Frühling begann sich zu melden. An einem Samstagabend machte ich meinen Wagen fertig und belud ihn mit roten Rüben. Ich wollte sie zur Stadt fahren und am Sonntagmorgen verkaufen. Meine Frau bat mich jedoch, auf die Sonntagsarbeit zu verzichten. Ihr Wunsch war, doch den Tag des Herrn mit Wort Gottes und Gebet in der Kirche zu begehen. Schroff wies ich sie mit dem Hinweis ab, daß der Sonntagsmarkt der beste wäre. Sie antwortete, daß sie merkwürdige Vorahnungen hätte, als könnte mir etwas zustoßen. Auf jeden Fall würde sie für mich beten.

In aller Frühe fuhr ich los. Auf dem Weg zur Stadt mußte ich einen Fluß kreuzen. Die Flußpassage war eine gefährliche Stelle. Es war zwar ein kleines Pflaster angelegt, doch rechts und links ging es steil in die Tiefe. Mit großer Vorsicht durchquerte ich das Wasser. In diesem Augenblick trat ein Pferde zur Seite und drohte zu versinken. Ich sprang rasch vom Wagen, um Pferd und Wagen zu retten. Mit großer Mühe gelang mir diese Aktion, jedoch alle meine Rüben fielen ins Wasser. Über diese Mehrarbeit war ich nicht wenig ärgerlich.

Schließlich war mein Wagen wieder flott und mit den nunmehr gewaschenen Rüben neu beladen. Mir kam der Gedanke, daß ich vielleicht die sauberen Rüben gut verkaufen könnte. Im stillen frohlockte ich auch, daß ich trotz des Gebetes meiner Frau den Sonntagsmarkt besuchen würde.

Frierend kam ich beim Markt an. Es standen schon zahlreiche Wagen da. Seltsamerweise gingen die Käufer an mir vorüber. Sie dachten wohl, mit den sauber glänzenden Rüben wäre etwas nicht in Ordnung. So stand ich verdrossen da und fand nicht einen einzigen Käufer. Dazu hatte ich noch die Unkosten für das Essen und das Pferdefutter.

Mißmutig machte ich mich auf den Heimweg. Ich dachte daran, daß meine Frau mit ihrer ewigen Beterei an allem schuld wäre. Nach meiner Rückkehr wollte ich ihr schon den Marsch blasen. Diese Frommen verpatzen einem doch das schönste Geschäft!

Noch einmal mußte ich die gefährliche Stelle passieren. Ich nahm mir vor, ganz besonders gut aufzupassen. Doch dieses Mal kam es noch schlimmer. Ich war zu sehr auf die andere Seite geraten. Die Pferde sanken rasch ein. Mit einem Fluch sprang ich ins Wasser, um Pferde und Gefährt in Sicherheit zu bringen. Mit Wut und Ingrimm arbeitete und zerrte ich am Geschirr. Das sollte mir mein Weib büßen!

Bei der Bergungsarbeit ging es weit über meine Kräfte. Es fehlte nicht viel, und ich wäre dabei ertrunken. Schließlich hatte ich alles wieder auf dem Trockenen, und die Unglücksrüben waren nun schon zum dritten Mal aufgeladen. Ich sah aus, wie aus dem Moorbad gezogen. Keine trockene Faser mehr am Leib! Der Schlamm verklebte mir Beine, Arme und Gesicht. Plötzlich schwanden mir für einenaugenblick die Sinne, und ich rief um Hilfe. Zum Glück war ich schon auf dem festen Ufer, sonst hätte mich bei dieser Ohnmacht der nasse Tod geholt.

Es ging schon auf Mitternacht, als ich endlich erschöpft und ohne einen Rubel in der Tasche nacch Hause kam. Ich besaß gerade noch die Kraft, die Pferde auszuspannen und mit Futter zu versorgen. Dann war es aber mit meinen Kraftreserven zu Ende. Verschmutzt, mit zerrissenen, nassen Kleidern und völlig ausgepumpt torkelte ich zum Hauseingang.

Meine Frau nahm mich liebevoll in Empfang und behandelte mich wie ein Kind. Sie befreite mich von der verdorbenen, durchnäßten Kleidung und steckte mich in die Badewanne. Nachdem ich wieder menschenähnlich aussah, brachte sie mich ins Bett.
Nun war der Augenblick gekommen, wo ich kapitulierte. Trotz der unsagbaren Müdigkeit wurde ich mit einem Schlage hellwach. Der Geist Gottes arbeitete an meinem Herzen. Er sagte mir unmißverständlich: „So wie du heute abend als verdreckter Lump heimkamst, so stehts du auch innerlich als verdreckter und gottferner Lump vor Gott, So wie deine Frau in ihrer tragenden Liebe dich von deinen verschmutzten Kleidern befreit und gereinigt hat, so will dich der Herr von deinem inneren Schmutz befreien.“ Jetzt war es aus mit meiner Selbstgerechtigkeit als Vorsteher der Kirchengemeinde. Nun war es aus mit meiner Selbstherrlichkeit als ehrbarer Bürger meines Dorfes. Ich war zum elenden Sünder geworden, der um Gnade schrie.

Es war mir bewußt geworden, daß ich trotz meines Amtes als Vorsteher zur Hölle gefahren wäre, wenn mir dort an dem Flußübergang etwas zugestoßen wäre. Nun aber durfte ich in dieser furchtbaren Nacht Jesus als meinen Heiland erleben, so wie es auch meiner lieben Frau geschenkt worden war. Von da an fing mein Leben noch einmal an. Täglich las ich mit meiner Frau zusammen Gottes Wort und betete mit ihr. Es begann die glücklichste Zeit meines Lebens. Die verhaßten Stundisten wurden meine Brüder und Schwestern. Nur der Pope war mit mir jetzt nicht mehr zufrieden. Seltsam, solange ich als Kirchenvorsteher alle Gebote übertrat, ließ er mich in Ruhe. Nachdem ich aber Vergebung meiner vielen Sünden erhalten hatte und Jesus nachfolgte, war ich in seinen Augen ein Ketzer geworden. Was will’s mit dieser Kirche werden? Ist in diesem Sinn der sowjetische Sturm nicht ein Gericht Gottes? Wird nicht dieses oder ein ähnliches Gericht einmal über die verweltlichten Kirchen in aller Welt hereinbrechen?

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