… dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle

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G.-F. Rendal

… dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. 1.Kor.14,18.

Inhalt

Kapitel 1: Eine Botschaft für die Menschen?
Kapitel 2: . . . wem galt dieses Urteil?
Kapitel 3: Engelssprachen
Kapitel 4: Zwei Arten von Zungenreden
Kapitel 5: Das Zeichen und sein Zweck
Kapitel 6: . . . die Lehre der neutestamentlichen Briefe
Kapitel 7:  Jesus und das Zungenreden
Kapitel 8:  Nicht für die Menschen sondern für Gott
Kapitel 9:  Die große Frage: Wann?
Kapitel 10: Er erbaut sich selbst
Kapitel 11: Wo sollte in Zungen geredet werden?
Kapitel 12: Widersprüche
Kapitel 13: Die eherne Schlange
Kapitel 14: Schlußfolgerungen

Prolog

Groß war mein Erstaunen am Tag nach meiner Bekehrung weg von der Welt, hin zu Jesus Christus, als ich entdeckte, daß scheinbar aufrichtig geistliche und geheiligte Menschen, Menschen, die der Geist Gottes zum Heil anderer Seelen braucht, sich zu sträuben beginnen, sobald man ihnen von den Geistesgaben, vor allem aber vom Zungenreden erzählt. Traurig hörte ich sie Gottes Werk zunichte machen, wenn sie gewisse Leute ironisch die »Überdrehten von nebenan nannten.«

Großmäulig kamen sie mit Erklärungen, die ich ebenso kategorisch wie hohl fand, z.B.: »Die Gabe des Zungenredens existiert garnicht mehr« oder »das galt für die apostolischen Zeiten«. Mehr als ihre Argumente beeindruckte mich ihre Überzeugung, die sie nie mit biblischen Beweisen verteidigten. In ihren Kirchen war das Thema des Zungenredens ebenso tabu wie der Sex oder die Heilung von Kranken. Man spricht eben nicht davon – punktum. Das wäre an sich richtig, wenn sie einem dann nicht mit überheblicher Miene zuflüstern würden: »Wir wissen das doch alles viel besser…«

Ich wagte nicht, mit ihnen über dieses Thema zu diskutieren, denn ich war jung und unerfahren, mein biblisches Handgepäck eher mager. Aber wie elementar meine Kenntnisse vom Wort Gottes auch waren, so fragte ich mich doch, was für eine Brille diese Leute verwendeten, um die so zahlreichen Texte im Neuen Testament, die sich auf das Zungenreden beziehen, zu übersehen; denn – was mich betraf – hätte ich sie übersehen wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Wie brachte ein gewisser Teil der evangelischen Welt es fertig, mit diesen Texten Versteck zu spielen? Man konnte ihnen vielleicht beim Predigen aus dem Weg gehen, aber beim persönlichen Bibelstudium war dies nicht möglich. Sie schienen mir im Neuen Testament allgegenwärtig zu sein.

Diese Texte zu ignorieren schien mir ebenso schwerwiegend, wie den Apostel Petrus in den Evangelien zu ignorieren. Hat nicht Jesus gesagt: Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen (Sprachen) reden, Schlangen vertreiben, und so sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden« (Mk. 16,17.18).

Sicher, nicht jeder, der glaubend zum Heil kommt, beweist seinen Glauben, indem er Teufel austreibt, ein tödliches Getränk einnimmt, indem er giftige Pilze ißt, in Zungen redet oder Kranke heilt. Aber hat man das Recht, ein solches Teilstück aus dem herrlichen Puzzle des biblischen Bildes zu entfernen?

Kann man einfach ignorieren, daß so viele Christen die Erfahrung des Zungenredens gemacht haben und es als reichen Segen bezeugen? Wie kann man verschweigen, daß es in aller Welt die Pfingstkirchen sind, die am schnellsten im Vormarsch sind (abgesehen vom Islam und vielleicht den Zeugen Jehovas)? Die Arbeit unter den Zigeunern ist ihnen zuzuschreiben, und sie ist wunderbar. Der Apostel Paulus, derjenige, den man den Größten nach dem Einen genannt hat, sagte: »Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle«. Dieses Wort des Apostels der Nationen soll zum Titel dieses Buches werden.

Vorwort des Übersetzers

Je weiter wir mit der Übersetzung dieses Buches vorankamen, desto unerläßlicher erschien uns ein Vorwort des Übersetzers. Zu der rein theologischen, inhaltlichen Unklarheit des »parler en langue« (Zungenreden / Sprachenreden) kommt nämlich durch die deutsche Sprache noch eine sprachliche Schwierigkeit: Der Ausdruck »parler en langue« kann auf deutsch mit zwei verschiedenen Begriffen übersetzt werden: Einmal mit dem unmißverständlichen, alltäglichen »eine Sprache sprechen«, dann aber auch mit dem geheimnisumwobenen, umstrittenen Bibelausdruck »in Zungen reden«. Jedesmal, wenn nun im französischen Buchtext das sozusagen neutrale »parler en langue« auftauchte, mußte sich der Übersetzer für einen der beiden wertenden Ausdrücke – zwischen denen Welten theologischer Auffassung liegen – entscheiden und griff so dem Autor in dessen Auslegung des »parler en langue« ungewollt vor. Schwerwiegender jedoch als dieses sprachliche Dilemma ist der theologische Zwiespalt um die Deutung des griechischen Bibelausdruckes, zu dem dieses Buch Stellung nimmt. Gehen wir auf den griechischen Urtext der Bibel zurück, so erkennen wir, daß an allen Stellen, die sich auf das Zungenreden, auf eine übernatürliche Sprache beziehen, entweder »glossa« oder »dialektos« steht, was beides »menschliche Sprache« heißt.
Es ist völlig unklar, weshalb diese Stellen durch die Bibelübersetzungen diesen mystischen Anstrich erhalten haben, der in der christlichen Welt soviel Streit und Spaltung hervorgerufen hat.

Vorwort

Es ist für uns ein unermeßliches Vorrecht, ein Werk vorzustellen, auf dessen Erscheinen viele Christen seit langem warten. Lebendig und kurzweilig geschrieben ist das Buch ebenso leicht zu lesen wie eine Abenteuergeschichte.

Eigentlich ist es tatsächlich das Doktrinabenteuer des Zungenredens, das uns erzählt wird. Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt das Interesse des Lesers geweckt. Die sprühende Begeisterung von Herrn G.-F. Rendal läßt einen fast vergessen, daß sein Buch eine ernsthafte vertiefte und umfassende Bibelstudie ist, bei der kein einziger Blickwinkel übergangen wird. Dieses Buch wird niemanden gleichgültig lassen. Für sämtliche reformierte, evangelische, charismatische und pfingstlerische Kreise, die sich in einem Meer von Subjektivismus baden, wird es hilfreich sein. Von seinem persönlichen Erkenntnisweg ausgehend, präsentiert uns Herr Rendal eine objektive Studie des Zungenredens.

Er hat es sich streng untersagt, von seinem Weg abzuweichen, um den Leser nicht mit angrenzenden Themen zu verwirren. Die Kraft des Buches liegt in dieser selbstauferlegten Einschränkung. Er umgeht die Falle der subjektiven Erfahrungen, um uns unermüdlich zu dem unerschütterlichen Felsen des Wortes Gottes zurückzuführen. Man wird ihm dankbar sein, der Versuchung widerstanden zu haben, den Leser mit Berichten von Erfahrungen und Gegenerfahrungen anzulocken, die mit ihren Stricken nur schwache, sensationslüsterne Geister fangen. Herr Rendal zeigt sich als respekteinflößender Polemiker. Sein Denken, das von der Kraft des Gotteswortes ernährt und dessen Stärke die geistliche Schärfe ist, stöbert den Irrtum auf und verscheucht ihn mit paulinischer Festigkeit und Strenge.

Ohne jede Zweideutigkeit nimmt dieses Buch zu einem ebenso aktuellen wie umstrittenen Thema Stellung. Professoren und Studenten theologischer Fakultäten und Institute werden in diesem Buch neue Gedanken, aber auch eine stichhaltige Argumentation finden. Die Verschwommenheit, die diese Frage noch umhüllte, hat sich aufgelöst – endlich sieht man klar. Dank sei dem Autor, daß er das laut zu sagen wagte, was viele im stillen dachten.
Die Herausgeber

Kapitel 1
Eine Botschaft für die Menschen?

Eines Tages fiel mir eine wissenschaftliche Arbeit in die Hände. Erstaunt las ich darin von jemandem, der ernst genommen werden wollte, daß die Gabe des Zungenredens keine Berechtigung mehr habe, weil man heute Sprachen in der Schule lernen könne. Dabei predigte der Apostel Paulus (war er nicht selbst auch zur Schule gegangen?) so vielen verschiedensprachigen Menschen, ihm sei diese Gabe in höherem Maße als den anderen gegeben, um bei den Heiden fremder Sprachen verstanden zu werden. Die Schwäche dieses Argumentes sprang mir sofort ins Auge. Ich hatte inzwischen schon einwenig mehr in meiner Bibel geforscht, so daß sie mir vertrauter war. Wie konnte sich Paulus des Zungenredens zum Predigen bedienen, wenn er selbst lehrte, daß »der mit Zungen redet, nicht den Menschen, sondern Gott redet« (1.Kor. 14,2)?

Wenn sich also das Zungenreden nur an Gott und nicht an die Menschen richtet, hatte Paulus in offensichtlichem Widerspruch zum Heiligen Geist gestanden, der ihm diesen entscheidenden Text eingegeben hatte: »Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott« (1.Kor. 14,2). Das Argument schien mir von enttäuschender Armseligkeit und zusätzlich von evidenter Unehrlichkeit gegenüber so klaren Wahrheiten. Diese Erklärungen, die nichts erklärten, machten mich den Opponenten des Zungenredens gegenüber mißtrauisch. Es springt tatsächlich in die Augen, daß in der Bibel das Zungenreden für nichts anderes gebraucht wird, als um sich an Gott zu wenden; denn an Gott kann ich mich nur im Gebet oder im Lob wenden (Apg. 10,46). Man kann Gott nicht belehren, man kann Gott nicht evangelisieren, man kann Gott nicht ermutigen, man kann Gott nicht weissagen.

Es gibt keine Alternative

Beim sog. Zungenreden wendet sich Gott niemals an die Menschen, sondern die Menschen wenden sich an Gott. Der Heilige Geist kann sich nicht widersprechen.
Bei genauer Betrachtung gab es an Pfingsten keine Predigt in Zungenrede, sondern »die Verkündigung der großen Werke Gottes« (Apg.2,11). Dieses Lob an den Gott Israels bediente sich der Sprachen der Heiden. Und die jüdischen Ohren, gewohnt an die Sprachen der Länder, aus denen sie kamen, verstanden sie.

Was für ein Schock muß das für all diese Juden gewesen sein, die aus fünfzehn verschiedenen Ländern nach Jerusalem gekommen waren, um den Gott Israels anzubeten… sie, die glaubten, daß ihre jüdische Sprache des guten, auserwählten jüdischen Volkes, als einzige vom »lieben Gott« verstanden werde. Schließlich war ihr Gott nicht der Gott von allen und jedem! Ihn mit den Heiden zu teilen – kam nicht in Frage! Doch jetzt (an Pfingsten) versteht Jahwe nicht nur Arabisch, Griechisch und dreizehn weitere Sprachen ebensogut wie Hebräisch, sondern sein Heiliger Geist spricht all diese Sprachen durch die Apostel und Jünger.

Anders gesagt, das Lob, das vom Himmel kommt, kehrt durchtränkt von heidnischen Sprachen zum Himmel zurück. Soll das heißen, daß die Heiden mit ihren barbarischen Sprachen bei Jahwe ebenso viel gelten wie die Juden selbst? Wäre die Gabe des Sprachenredens das Zeichen hierfür?

Das erste Zungenreden

Bevor ich weitergehe, möchte ich Ihnen eine kleine Anekdote erzählen, bei der meine Bibelkenntnisse auf die Probe gestellt wurden. Ich war in Begleitung einiger geheiligter und im Glauben fortgeschrittener Brüder. Jeder von ihnen kannte seine Bibel gut, und unsere Unterhaltungen bezogen sich immer auf sie. Der Älteste stellte folgende Frage: Wann redete man zum ersten Mal in Zungen? Sofort sprudelten die Antworten hervor, die alle gleich waren: »An Pfingsten!« Man war sich dessen ganz sicher, aber stimmen tat es nicht. Es war beim Turmbau zu Babel (1.Mo. 11,7). Ich ärgerte mich – wie hatte ich nicht daran denken können?

Nie werde ich die Erklärung vergessen, die darauf folgte: Die Sprachverschiedenheit beim Turmbau zu Babel entsprach einem Urteil. Nun besteht in der Bibel das Gesetz der ersten Erwähnung: Eine Wahrheit, die in der Bibel zum ersten Mal erwähnt wird, behält ihre Bedeutung bis zum Schluß. Sie kann sich mit der Zeit entwickeln, an Bedeutung gewinnen, aber ihr Anfangswert wird dadurch nie aufgehoben. Ist es also möglich, daß das Zungenreden die Idee eines Urteils in sich trägt? Das auf jeden Fall bestätigt der diesbezügliche Text. Die zentrale Stelle über das Zungenreden, die von Paulus 1. Kor. 14,21 aufgenommen wird, befindet sich in Jes.28,11. Paulus, vom Heiligen Geist getrieben, zitiert den Propheten Jesaja: »Wohlan, er wird einmal mit unverständlichen Lippen und mit einer andern Zunge reden zu diesem Volk« (Jes.28,11). Das Zitat von Jesaja geht in der Präzisierung weiter, die bestätigt, daß das Zungenreden den Aspekt eines Urteils beinhaltet: »… daß sie hingehen und zurückfallen, zerbrechen, verstrickt und gefangen werden…« (Jes.28,13). Ich erinnerte mich an die Feuerzungen (Apg. 2,3), die an Pfingsten auf die Anwesenden herunter kamen. Feuerzungen... Zweifellos ist das Feuer in der Bibel ein Symbol des Gerichts. Mag seine Wirkung auch reinigend sein, der Aspekt des Gerichts befindet sich überall im Feuer. Ich klammerte mich einen Augenblick an die Idee, das Feuer sei kein Urteil, weil wir sooft das herrliche Lied singen, das die Worte Johannes des Täufers wiedergibt »Der aber nach mir kommt … der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen« (Mt. 3,11).

Erste Nachprüfung

Um diesbezüglich ein reines Gewissen zu haben, schaute ich mir die entsprechenden Bibeltexte etwas genauer an. Von einem Erstaunen ins andere fallend, stellte ich fest, daß unsere »Hymnologie« nicht immer gute Theologie ist. Die Bibel zeigte mir den Gegensatz von der Feuertaufe und der Taufe mit dem Heiligen Geist, nämlich, daß die Feuertaufe ein Synonym für Verderben ist. Ich fand, daß alle vier Evangelisten die Worte von Johannes dem Täufer wiederaufnehmen. Alle vier sprechen von der Taufe des Heiligen Geistes, aber nur zwei von der Feuertaufe. Beim genauen Lesen fiel mir auf, daß Matthäus und Lukas die Feuertaufe erwähnen und zwar in Gegenwart und an ihre Adresse gerichtet sprechen die beiden von Feuer. Im entsprechenden Zusammenhang bei Johannes und Markus sind die Pharisäer abwesend, ebenso fällt die Rede von der Feuertaufe und dem Gericht weg. Eine natürliche Erklärung ergibt sich aus dem folgenden Vers: »…und (er wird) den Weizen in seine Scheune sammeln (das ist die Taufe mit dem Heiligen Geist), aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer (das ist die Taufe mit dem Feuer)«.

Die erste Taufe, nämlich die des Heiligen Geistes, ist an die himmlische Tenne gebunden, die andere, die Feuertaufen, ist mit dem unauslöschbaren Feuer verknüpft. Einige Jahre später schreibt der Apostel Paulus, getrieben vom Heiligen Geist, dieselbe Wahrheit mit anderen Worten nieder: »Diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben« (2.Kor.2,16). Ich muß zugeben, daß diese Entdeckung die Fäden meiner Suche noch mehr verwickelte, weil sich daraus folgende Frage ergab: Wenn das Zungenreden auch den Aspekt eines Gerichts beinhaltet . . .

Kapitel 2

. . . wem galt dieses Urteil?

Diese noch unbeantwortete Frage machte mir lange zu schaffen; denn die mir bisher gegebenen Erklärungen zum Zungenreden beinhalteten den Aspekt der innerlichen Erbauung, des Lobes, der Macht, der Evangelisation und vor allen des Zeichens der geistlichen Taufe. Daß aber das Zungenreden die Idee eines Urteils in sich tragen könne, diese Möglichkeit war uns allen entgangen. Die Schwierigkeit begann, als ich in den Sprüchen ein für allemal las, daß Gott alles mit einem Ziel gemacht hat (Spr.16,4). Ich mußte mir folglich die Frage stellen: Was war Gottes Absicht, als er die Gabe des Zungenredens verlieh?

Zweifellos war es ein großes Zeichen, aber warum gerade in dieser Form? Warum nicht z.B. die Möglichkeit, unsichtbar zu werden? Oder die Gabe der Allgegenwart, oder ein ständiger Heiligenschein um das Haupt?… Mir selbst antwortend, sagte ich mir: Das hätte keinen Sinn. Folglich muß das Zungenreden einen Grund haben, sonst wäre es sinnlos. Welchen Sinn also? Das Zungenreden muß jemandem irgendetwas sagen wollen: aber wem was sagen?

Ich kam mit mir überein, daß das Zungenreden weder die Sublimation des menschlichen Wortschatzes, noch eine gehobenere Ausdrucksweise sei. Man hatte mir gesagt: Beim Zungenreden übertriffst du dich selbst. Dein Französisch wird immer phantastischer, bis es sich mit der himmlischen Sprache der Engel mischt.
Dies erschien mir großartig. Wenn unsere Worte nicht ausreichen, um Gott zu loben, dann kommt uns der Heilige Geist zu Hilfe.

Besorgnis

Ich muß zugeben: Abgesehen von der Ekstase brachte mir diese so außergewöhnliche Gabe nichts Außergewöhnliches. Was mich beim Anhören von Zungenreden immer verunsichert hat, war die Tatsache, daß es immer unverständlich war und nicht eigentlich einer gesprochenen Sprache glich. Ich selbst habe mehrere Sprachen studiert und fand diese Laute des Zungenredens eher ungewöhnlich. Ich vertraute mich einem befähigten Pfarrer an, der mir erklärte, es könnte sich um einen Dialekt eines Stammes aus Südamerika, aus dem Matto Grosso oder Zentralafrika handeln. Wie wußte er das?

Es mag nicht eben ehrerbietig scheinen, aber ich fragte mich, in welche Hemisphäre der Heilige Geist uns verfrachten wollte. Mir schien das ein gewaltiger Unsinn zu sein: Die französische Sprache ist eine der reichsten, der bekanntesten und vollständigsten der Welt. Wie sollte dann eine unbekannte Stammes-Sprache mit einem hundertmal begrenzteren Wortschatz etwas ausdrücken, wofür die französische Sprache nicht mehr ausreicht?

Doch dieser offensichtliche Unsinn schien meinen Gesprächspartner nicht im geringsten zu beunruhigen. Ach, dieser schöne Glaube des einfachen Mannes! So bin ich einfach nun mal; mir liegt daran, auch in meinen Gedanken Ordnung zu haben. Ist es schlecht, oder hat Gott mich so gemacht?

Dennoch drängte sich mir die übernatürliche Seite des Zungenredens auf, denn ich hörte sagen, daß Leute, die nicht ein Sterbenswörtlein Pakistanisch konnten, sich angeblich in dieser Sprache oder in Altgriechisch so klar und sprachgewandt ausdrückten, daß es selbst einem Universitätsprofessor Ehre gemacht hätte. Aber auch nachdem ich das Übernatürliche einsehen konnte, waren mir weder Sinn noch Tragweite davon klar.

Erste Fragen

Ich nahm an einem oder zwei Konventen aus dem Nicht-Pfingst-Milieu teil in der Hoffnung, dort eine Antwort auf meine Nachforschungen nach dem wahren Ziel des Zungenredens zu finden. Ebenso wollte ich ihre Argumente gegen das Zungenreden und ihre Gründe für das Ablehnen dieser Gabe des Heiligen Geistes kennenlernen. Aber auch dort erhielt ich nur unbefriedigende Antworten. Ja, ich entdeckte bei ihnen eine erbärmliche Unwissenheit zu diesem Thema. Mit der Frage nach dem Ziel des Zungenredens stieß ich auf eine ebenso totale Leere wie bei den Verfechtern der Doktrin. Die einen reden in Zungen, ohne genau zu wissen weshalb, und die anderen wissen nicht, weshalb sie nicht in Zungen reden! Niemand konnte mir bei meiner Suche weiterhelfen. Wohl gab es auf beiden Seiten stereotype Antworten, die jedoch von einer seltenen Armseligkeit waren. Man war brüderlich und höflich mir gegenüber, aber meine Fragen verärgerten sie.

Der Bär

Der Schlag hat mich fast getroffen, als mir ein beliebter und geschätzter Prediger aus dem charismatischen Milieu eines Tages erklärte, in seinem Alter und bei Müdigkeit infolge des vielen Predigens verschafften ihm bereits wenige Minuten Zungenreden neue physische Kräfte. Er fühle sich dadurch körperlich erneuert. Solches sagte er selbst von der Kanzel herab, und viele Zuhörer konnten sich kaum mehr fassen vor lauter Entzücken, ohne danach zu fragen, ob die Bibel solche Erklärungen unterstütze. Das Schlimmste ist, daß ich ebenfalls – wie ein Schaf in der Herde – für einen kurzen Augenblick entzückt war mit all den andern, die ja und amen sagten, als man uns diesen Bären als das Wort Gottes aufbinden wollte! Aber ziemlich schnell faßte ich mich wieder. Wie der Rabe in der Fabel von La Fontaine habe ich mir – wenn auch zu spät – geschworen, daß man mich nicht wieder erwischen würde. Da sind wir nun, sagte ich mir nach etlichem Überlegen, das Zungenreden reiht sich neben Kraftspendern und Aufbaumitteln im Medikamentenschrank der Geriatrie ein. Ein Satz des großen Buches ging mir durch den Kopf: »Und (sie) werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren«. (2. Tim. 4,4).

Kreuzzüge

Wie leid tat mir damals dieses doch so brennende Volk Gottes, das wie eine Herde ohne Hirten war. Ich dachte an die Kreuzzüge, an diese kranken, sterbenden, entkräfteten, entmutigten Ritter auf dem Wege zum heiligen Land. Mit Possen versuchte man ihre Moral hochzuhalten. Ein Mönch der Schar fand – oh, welch gutfabriziertes Wunder – ein Stück Eisen der Lanze, die mehrere Jahrhunderte zuvor die Seite des Heilandes durchstochen hatte. Der Himmel gab ihnen das Zeichen seines Einverständnisses. Und so zogen sie – frisch aufgetankt für einige Tage – weiter ihrer Utopie entgegen… Arme, arme Herde, die die Stimme eines Fremden für die Stimme des guten Hirten hielt! Wie teuer war mir an jenem Tag das Wort in der Apostelgeschichte (17,11): »Diese aber waren edler denn die zu Thessalonien: Die nahmen das Wort auf ganz willig und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s also verhielte.«

Wenn diese Predigt des großen Apostels Paulus mit dem Sieb des Heiligen Geistes geprüft wurde, besteht dann nicht für uns die unumgängliche Pflicht, die Geister zu prüfen und das, was sie sagen, mit dem zu vergleichen, was die Bibel lehrt oder nicht lehrt?

Kapitel 3

Engelsprachen

Ein wichtiger Punkt hat mir immer ein schlechtes Gefühl verursacht: Zungenreden gefolgt von einer Übersetzung; denn zu jedem Zungenreden mußte es in der Urkirche eine Übersetzung geben (1. Kor. 14,27-28). Der Text ist eindeutig: »…ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde…«.

In diesem Punkt stellte ich einen offensichtlichen und fast allgemeinen Ungehorsam dem Befehl des Paulus gegenüber fest, der mehr und besser in Zungen sprach als alle anderen. Seine Lehre wurde nur selten befolgt. Wissen Sie, daß ich es manchmal allerdings fast vorzog, daß man das Gesagte nicht übersetzte? Ich schämte mich für diese Übersetzungen. Was nicht übersetzt war, konnte man allenfalls noch als inspiriert hinnehmen; man verstand es ja nicht. Folgte aber eine Übersetzung, löste gerade das, was ich verstand, Unbehagen aus. Meistens war es von einer Dürftigkeit, die selbst einen Klassenletzten erröten ließ. Fast immer war es abgedroschen und unbedeutend. Wenn doch auch das Übersetzen eine Geistesgabe ist, wo blieben dann die versprochene Erhabenheit, die erhöhten Gedanken transzendentaler Wahrheit? Denn ganz im Gegenteil bestand die Übersetzung oft aus Gemeinplätzen, aus unoriginellen und abgedroschenen Ideen. Paulus hingegen war bis in den siebenten Himmel entrückt, wo er unaussprechliche Worte vernahm, die ein Mensch nicht aussprechen darf. All das konnte ich nicht begreifen. Manchmal warf ich mir vor, dumm zu sein, weil ich mir soviele Fragen stellte. Schließlich sollte mir die Aussprache von Paulus genügen: »Ich wollte, daß ihr alle in Zungen reden könntet!« (1.Kor. 14,5)

Zungenreden oder Zölibat

Auf einmal erinnerte ich mich daran, daß der gleiche Apostel, der gesagt hat »Ich wollte, daß ihr alle mit Zungen reden könntet« in diesem Brief ebenfalls sagte: »Ich wollte aber lieber, alle Menschen wären, wie ich bin« (1.Kor.7,7). Im Griechischen sind diese beiden Ausdrücke identisch. Das gab mir das Gefühl, wirklich dumm zu sein, denn derjenige, der mir grünes Licht für das Zungenreden gab, gab es mir auch für das Zölibat. Nur hatte ich überhaupt nicht die Absicht, ledig zu bleiben. Ich sagte mir: Ich wünsche das eine und lehne das andere ab – das geht nicht auf. Das entlockt einem ein Lächeln. Dennoch steht ein ganzer lehrmäßiger Zusammenhang hinter den zwei Wünschen von Paulus, dem Wunsch nach Zungenreden und dem Wunsch nach Zölibat. Denn zu den Korinthern, denen er sagte: »Ich wollte, daß ihr alle in Zungenreden könntet«, sagte er auch: »Ich wollte aber lieber, daß alle Menschen wären wie ich«, nämlich ledig. Es wurde mir bewußt, wie sehr unsere Wahl willkürlich sein kann, und mit welcher Ungeniertheit wir Textstellen beiseite schieben, die uns stören, um uns an solche zu klammern, die in Richtung unserer Wünsche gehen. Wir turnen am hohen Trapez, um das Unversöhnliche zu versöhnen: Jene – oh wie paradox! – die bestätigen, daß alle in Zungen reden müssen, bestätigen auch, daß nicht alle ledig bleiben müssen. Im Namen welcher biblischen Interpretationsregeln kommen wir zu solchen Verirrungen? Wäre es nicht ehrlicher zuzugeben, daß nicht alle Korinther zum Zölibat und ebenso wenig alle zum Zungenreden berufen waren? Paulus selbst läßt diese zwei Dinge zu: Einerseits, daß nicht alle die Gabe des Zölibats (1.Kor.7,7) und andererseits, daß nicht alle die Gabe des Zungenredens haben, indem er sagt: »Sind sie alle Apostel? Sind sie alle Propheten? … Sind sie alle Wundertäter?… Reden sie alle mit mancherlei Sprachen?« (1.Kor. 12,29-30) Diese Frage zu stellen heißt, sie zu beantworten.

Die Sprache der Engel

In der gleichen Zeit antwortete mir ein Predigerkollege auf die Frage nach der Unverständlichkeit des Zungenredens, es könnte sich um die Sprache der Engel handeln. Arme Engel, sagte ich mir, können die sich nicht besser ausdrücken? Das sollte die Sprache der Engel und des Himmels sein… Ich war enttäuscht. Ich hatte mir etwas anderes vorgestellt. Ich ging sogar soweit, zu denken (welche Entweihung, Gott möge sie mir verzeihen): Wenn das die Sprache der Engel ist, so spreche ich ja besser als sie! Wenn Goethe im Himmel wäre, hätten es die Engel nicht einfach, sich mit ihm zu unterhalten. Er würde sie alle auf die Schulbank zurückschicken! Nein, ehrlich gesagt, die Erklärung dieses Predigers befriedigte mich keineswegs. Sie schien mir ein nicht ganz ehrlicher Vorwand auf eine doch so brennende Frage zu sein. Aber da die Bibel es sagte, mußte es wohl wahr sein. Im Glauben mußte ich es annehmen, mich beugen und Gott um Verzeihung bitten, daß ich mit Ihm über die Ausdrucksweise gerichtet hatte, die er seinen Engeln verliehen hatte. Schließlich: Ist nicht der Herr der Richter Seiner Beschlüsse? (Röm. 11,34-35).

Da sich dieser Prediger auf die Bibel bezog, beschloß ich, selbst nachzuschauen, was sie darüber sagt. Ich hoffte nicht wenig, daß es wahr sei. Doch leider reihte sich eine weitere Unannehmlichkeit an die vorangegangenen! Ich fand einzig und allein folgenden Satz: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete…« (1.Kor. l3,1).

Mir wurde innerlich übel. Ich fühlte mich vergaukelt, zum besten gehalten durch dieses Halsumdrehen am Wort Gottes. Denn es springt in die Augen, daß Paulus hier das (wenn ich auch der Übertreibung verwendet. Paulus hat niemals die Kenntnis aller Geheimnisse gehabt, denn er bestätigt einige Zeilen weiter unten, daß er nur stückweise erkennt (1. Kor. 13,12). Niemals hat Paulus seinen Leib zum Verbrennen geopfert. Ebensowenig hat er alle Sprachen der Engel und Menschen gesprochen. Er benützt die Möglichkeitsform. Jedes Kind versteht diese Sprachform.

Paulus konnte umso weniger die Sprache der Engel reden, als er selbst zu dieser himmlischen Sprache formell erklärte, daß sie kein Mensch sprechen könne (2.Kor. 12,4). Wie konnte ein Mann, den ich für reif hielt, wie konnte der Hirte einer Gemeinde einen solchen Gedanken auf so eine Dummheit abstützen? Ich war vernichtet. Es war ein Einzelfall, ich gebe es zu, aber der Mann war nicht irgendjemand, und ich befürchte, daß viele dieses Argument zu ihren Gunsten angewendet haben. Das ist der beste Weg, der Sache zu schaden, statt sie zu verteidigen.

Kapitel 4

Zwei Arten von Zungenreden

Glücklicherweise gab es neben diesen ärgerlichen menschlichen Erklärungen auch eine gute, eine biblische. Die unverständliche Seite des Zungenredens wurde für mich annehmbar durch die Bestätigung von Paulus, daß, wer in Zungen redet, nicht verstanden wird (1. Kor. 14,2). Nun gab es Gott sei Dank keinen Anlaß mehr, die Haare der Engel zu spalten!
Danke, großer Bruder Paulus! Wenn also die Menschen so schlecht sprechen – auch in Zungen – dann ist es nicht der Fehler der Engel. Danke, lieber Apostel Paulus, uns auf deine Art daran zu erinnern, daß die geoffenbarten Dinge für uns und unsere Kinder sind, die verborgenen aber für Gott (5. Mo. 29,29). An dem Punkt, an dem ich mit meinen Überlegungen stand, kam mir dieser Text goldrichtig, um ein wenig zu verschnaufen und aufzuatmen. Sicher, noch war die Schwierigkeit nicht aus dem Wegegeräumt, aber da, wo ich jetzt bei meiner Suche nach der Wahrheit angelangt war, empfand ich dieses inspirierte Wort dessen, der mehr als alle anderen in Zungen redete, als eine kleine Oase auf meiner geistlichen Wanderung unter den heißen Strahlen der sich widersprechenden Meinungen! Ich brauchte also nicht zu verstehen und mußte mich darüber nicht beunruhigen welche Erleichterung! Es besänftigte mich wie eine Messe in Latein – und es hatte denselben, ein wenig mystischen, jedoch keinesfalls unangenehmen Anhauch. Ich muß jetzt zugeben, daß mir die Gegner des Zungenredens Angst zu machen begannen. Wenn ich nicht mehr ganz zu 100 % auf der Linie der Charismen war, so war ich es noch zu 99 % und hofft, das eine Prozent zurückzugewinnen, das mir abgenagt worden war – und zwar weniger durch die Schnitzer seiner Verfechter. Dieser eine von der Vorsehung bestimmte Vers erlaubte mir, mit meinen Pfingstbrüdern zu glauben, daß es zwei Sorten von Zungenreden gab: das Zungenreden vom Pfingsttag, das jedermann verstand (Apg. 2,8), und dasjenige, worüber Paulus zu den Korinthern sprach, das niemand mehr verstehen konnte (1.Kor. 14,2).

Mit großer Erleichterung hatte ich weiter festgestellt, daß Gegner und Befürworter in diesem Punkt eine gewisse Übereinstimmung hegten. Das Zungenreden, von dem Paulus spricht, war nicht mehr dasjenige von Pfingsten. Halleluja! Wenn ich Paulus im Himmel begegne, werde ich ihm die Hand schütteln und ihm für das Schreiben dieser Worte danken. Dank ihnen konnte ich trotz der Unsicherheit der Sache sicher bleiben im Glauben an die Festigkeit meines Standpunkts.

Gebranntes Kind scheut das Feuer

Dieses Bibelwort »niemand versteht ihn« war ein wahrer Fund; es gab also wirklich zwei Zungenreden. Ich war jedoch dermaßen abgebrüht durch meine Erlebnisse, daß ich auch diese Bestätigung nicht für bare Münze nahm. Ich hielt mich an meine alte Methode. Da die Bibel unser Verhaltens- und Glaubensmaßstab ist, zog ich es vor, mich über das zu beugen, was der Heilige Geist zu schreiben veranlaßt hatte. Ich wollte nachprüfen, ob es wirklich zwei Arten von Zungenreden gab. Was aber, wenn sich der Gegensatz der beiden Texte nur als scheinbarer Widerspruch herausstellen sollte? Der Gedanke ließ mich erschauern, und ich zögerte lange, ehe ich mich zu dieser Nachprüfung entschloß. Es gibt in der Bibel so viele scheinbare Widersprüche, die einer ernsthaften und vertieften Nachprüfung nicht standhalten. So ging ich anschließend vor: Mit Hilfe einer Konkordanz reihte ich alle Verse, die sich auf das Zungenreden beziehen, ohne Ausnahme aneinander. Ich fand derer ungefähr dreißig. Danach wandte ich meine Aufmerksamkeit dem griechischen Text zu und fand folgendes:

1. daß es an allen Stellen für das sog. Zungenreden nur ein und denselben Ausdruck gibt.
2. daß die französischen Übersetzungen den griechischen Text einwandfrei wiedergeben, und daß es, in Anbetracht der Qualität dieser Übersetzungen, überflüssig ist, ihn beizuziehen.

Nun ist es aber offensichtlich, daß ein Unterschied zwischen dem Zungenreden der Paulusbriefe und demjenigen von Pfingsten sich in den verwendeten Ausdrücken widerspiegeln müßte. Dem war aber nicht so. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, verwendet in seinem zweiten Kapitel die gleichen Worte wie Paulus in den Kapiteln 12, 13 und 14 seines Briefes an die Korinther. Wenn aber die zwei Zungenreden verschieden waren, wie ich es annahm, hätte Lukas diesen Unterschied wenigstens durch eine andere Wortwahl gekennzeichnet, denn die Apostelgeschichte wurde nach dem Korintherbrief geschrieben. Dieser Paulusbrief war in den damaligen Gemeinden weit verbreitet, und Lukas – es versteht sich von selbst – kannte dessen Inhalt. Zudem war er einer von Paulus‘ Reisebegleitern. Wenn also das Zungenreden, von dem er in seinem Buch spricht, verschieden gewesen wäre von demjenigen, welches Paulus erwähnt, hätte Lukas diesen Unterschied bestimmt hervorgehoben, um jegliche Verwirrung zu vermeiden. Dies ist aber nicht der Fall. Er spricht davon, wie Paulus davon spricht, und verwendet die gleichen Worte, um die gleichen Dinge zu bezeichnen. Im einen wie im anderen Fall ist es das Wort »glossa«. Der griechische Text ist eindeutig. Diese Feststellung kam mir nicht sehr gelegen. Es gab nur noch zwei Möglichkeiten, die Lage zu klären:

a) Der Widerspruch; eine Hypothese, die jeder von der Inspiration der Bibel überzeugte Christ ablehnt.
b) Ein einziges Zungenreden; dann bleibt aber zu erklären, weshalb Paulus das Gegenteil von Lukas zu schreiben scheint.

Paulus hat Sprachen im Sinn, die ebenso bekannt sind wie die von Lukas erwähnten, als er sagt: »Es ist mancherlei Art der Stimmen in der Welt, und derselben keine ist undeutlich« (1. Kor. 14,10). Paulus denkt dabei an menschliche Sprachen. Warum wurden sie aber, wenn sie von unserer Welt sind, von den Korinthern nicht mehr verstanden, während es einige Jahre zuvor in Jerusalem noch der Fall war? Ist Gott nicht derselbe gestern, heute und in Ewigkeit? Welch schwerwiegendes und weitreichendes Problem stellte sich mir da! Durch das Gebet, die Schriftbetrachtung und dank der Hilfe des Heiligen Geistes hat sich der Knoten von allein gelöst. Es war so einfach und offensichtlich, daß ich an dem Entdeckten zweifelte. Ich sagte niemandem etwas davon.

Einige Monate später erzählte mir ein amerikanischer Bruder genau dasselbe, genau das, was mir einige Zeit vorher geoffenbart worden war, ohne daß ich ihm etwas von meiner Entdeckung erzählt hatte. Wenn aber jemand anderes genau die gleiche Entdeckung gemacht hatte, so ist es, weil der Heilige Geist heute wie damals bei jenen am Werk ist, die sich nicht mit dem Hörensagen begnügen, sondern sein Wort Tag und Nacht ergründen und es in ihren Herzen tragen (Ps.1,2).

Pfingsten heute

Was war eigentlich damals in Jerusalem geschehen, daß alle, die zugegen waren, plötzlich diese Männer verstanden, die in Fremdsprachen, die sie nie gelernt hatten, redeten? Beim Kommen des Heiligen Geistes setzten sich zerteilte Feuerzungen auf die Jünger (Apg. 2,3). Einzeln und deutlich sprachen sie in den Muttersprachen der Anwesenden. Fünfzehn Länder und Völker, folglich auch fünfzehn Sprachen, werden erwähnt (Apg. 2,9-11). Und da sie aus diesen Ländern gekommen waren, verstanden sie alles. Das ist keine Zauberei, sagte ich mir, da eben fünfzehn Völker mit fünfzehn verschiedenen Paar Ohren da waren, um sie zu verstehen. Das Senden war übernatürlich, das Empfangen natürlich.

Nehmen wir nun an, es seien fünfzehn – je mit einem Tonband ausgerüstete – Korinther dagewesen und daß jeder eine der Sprachen, die man (damals) gut verstand, aufgenommen hätte. Gehen wir noch weiter: Nehmen wir an, daß diese nach ihrer Rückkehr in die Gemeindevon Korinth ihre fünfzehn Kassetten den ansässigen Christen, die kaum mehr als eine oder zwei Sprachen verstanden und sprachen, vorspielten. Die unvermeidliche Schlußfolgerung wäre die von Paulus: Keiner verstand etwas. Gezwungenermaßen, denn die meisten dieser Sprachen wurden in Korinth von niemandem verstanden (1. Kor. 14,2). Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn diese Kassetten die Jahrhunderte überdauert hätten und zu unserer Zeit in einer Kirche in Zürich, München oder Madrid abgespielt würden, wäre das Ergebnis dasselbe. Diese fünfzehn Sprachen, die damals in Jerusalem jedermann verstand, würden heute, ebensowenig wie damals in Korinth, verstanden.

Stellen wir uns jetzt umgekehrt vor, man hätte am Pfingsttag die ganze Gemeinde von Korinth nach Jerusalem versetzt. Von dem, was an diesem Tag in »Zungen« gesprochen wurde, hätten die Korinther alle Worte verstanden, die wunderbarerweise in ihrer Sprache – dem Griechischen – gesprochen wurden. Sie hätten aber von den vierzehn anderen Sprachen nichts verstanden. Gezwungenermaßen. Und wenn das Griechisch an jenem Tag nicht auf dem Programm des Heiligen Geistes gestanden wäre, hätten sie überhaupt nichts verstanden. Genau das hat sich in den Versammlungen der Gemeinde in Korinth zugetragen. Durch den Geist sprach man in anderen Sprachen als dem Griechisch. Niemand verstand etwas, nicht weil in einer ekstatischen Sprache geredet wurde, sondern ganz einfach, weil es nicht Griechisch war. Was dort gesprochen wurde, war für sie ebenso unverständlich, wie ein Telefonanruf auf japanisch für jemanden, der nur Deutsch versteht.

Es ist an der Zeit, nochmals hervorzuheben, daß es sich nicht um eine ekstatische Sprache handelte, wie mir gewisse Leute weismachen wollten. Dieser Gedanke ist dem griechischen Urtext ebenso fremd wie unseren gewöhnlichen Übersetzungen.
Als Bileams Eselin – auf übernatürliche Weise vom Heiligen Geist getrieben – zu sprechen beginnt, drückt sie sich nicht in einer ekstatischen, unverständlichen Sprache aus. Sie macht sich bei ihrem Meister sehr gut verständlich, indem sie die gleiche Sprache spricht wie er (4. Mo. 22,28).

Die »Verrücktheit« Gottes bringt eine stumme Eselin dazu, mit Menschenstimme verständliche Worte zu sprechen und so dem Propheten in seinem Wahnsinn Einhalt zu gebieten (2. Petr. 2,15-16). Gott hat, sei es durch sein Wort, seine Engel, seine Propheten und selbst durch einen Esel, immer und ohne Ausnahme auf verständliche Art zu den Menschen gesprochen.

Wie könnte ich davon ausgehen, daß dieser Gott, der einen Esel wie einen Menschen sprechen läßt, Wesen, die er nach seinem eigenen Bilde geschaffen hat, in seinen Dienst ruft, um sie schlechter als einen Esel sprechen zu lassen?

Was beweist das?

Daß das Zungenreden der Korinther weder ekstatisches, unverständliches Gewäsch, noch eine unzugängliche himmlische Sprache gewesen ist, sondern daß es ebenso nationale, verständliche Sprachen wie diejenigen vom Pfingsttag in Jerusalem waren. Und wenn, wie Paulus sagt, wir es heute nicht verstehen, dann ist es, weil wir ebensowenig wie Paulus und die Korinther fünfzehn Paar Ohren haben, um es zu verstehen. Wir haben nur soviele Ohren, wie wir Sprachen verstehen, und nicht mehr. Das ist ebenso klar, wie eins und eins zwei ergeben. Bei näherem Betrachten ist mir übrigens aufgefallen, daß die Korinther nicht die einzigen waren, die diese Sprachen nicht verstanden. Am Pfingsttag, an dem es unbestreitbar die damaligen Landessprachen waren, die auf wunderbare Weise durch den Geist geredet wurden, gab es viele Juden, die diese Sprachen ebenfalls nicht verstanden. Der Bericht in Apostelgeschichte, Kapitel 2, läßt uns wissen, daß an diesem Tag zwei Kategorien von Juden anwesend waren:
Reisende Juden aller Nationen, eine Art Pilger, die sich nur vorübergehend in Jerusalem aufhielten (Vers 5 und 14)  und eingeborene in Palästina ansässige Juden.

Nachdem Petrus mit Gott in Zungen geredet, Geheimnisse*  – (Geheimnisse = In diesen in Zungen geredeten Geheimnissen war mehr verborgen als das einfache Geheimnis des Nichtverstehens dieser fremden Sprachen. Es handelte sich dabei um große Geheimnisse des Glaubens, nämlich dieser verborgenen Weisheit Gottes (1.Kor 2,7)  –  gesagt (1. Kor. 14,2) und die Wunder Gottes (Apg. 2,11) verkündet hatte, richtete er sein Wort an die Menschen.
Derjenige, der in Zungen redete, betete Gott aufgrund dieser Geheimnisse an. Das sind die gleichen, die alle Christen heute noch aus Dankbarkeit rühmen. Es sind dies:
a) Kol. 2,2: Das Geheimnis Gottes, Christus – Grund überströmender Danksagung.
b) 1. Tim. 3,16: Das Geheimnis der Gottseligkeit – Eines Gottes, der geoffenbart worden ist im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit.
c) 1. Kor 15,51.52 und 1. Thess. 4,13: Geheimnis der Rückkehr Christi, die Entrückung – Dies veranlaßt uns, kurz gesagt, zu rufen: »Amen, komm Herr Jesus!« (Offb. 22,20)
d) Eph. 3,6: Das Geheimnis, daß die Heiden (Menschen anderer Sprache als Hebräisch) Miterben sind (mit den Juden) und mit ihnen den einen Leib bilden und Mitteilhaber der Verheißung sind.

Im gleichen Gedankenzug sagt Paulus, nachdem er das Geheimnis der Verstockung Israels und des Heils der Heiden erklärt hat (Röm 11,25), daß Gott alle Menschen in den Unglauben eingeschlossen hat, damit er sich aller erbarme (Juden und Nichtjuden Röm 11,32). Paulus, von dieser überwältigenden Tatsache bewegt, ruft aus: »O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!« (Röm 11,33). Dieses Geheimnis ist derart, daß die Ältesten (Offb. 5,8) niederfielen und anbeteten, indem sie dem geopferten Lamme sangen, das aus allen Stämmen und Zungen und Völkern und Nationen Menschen erkauft hat.

Für dieses Geheimnis preisen Petrus und die andern am Tag der Pfingsten Gott in Sprachen (Zungen). Dieser Tag leitete das Heil ein, das Gott von nun an allen Zungen (Sprachen) der Erde verhieß.

Jenen, die es nicht begriffen hatten, gab Petrus auf der Stelle die erleuchtende Erklärung: »… spricht Gott, da werde ich ausgießen meinen Geist über alles Fleisch (Apg 2,16) … Und es soll geschehen, jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden« (Apg. 2,21). Das war das Geheimnis des Miterbenseins der Heiden mit den Juden.

Er erklärte ihnen – nun nicht mehr in Zungen (Sprachen) – was sich soeben ereignet hatte. Geführt vom Heiligen Geist machte Petrus die Unterscheidung zwischen den ansässigen und den anderen Juden: »Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem wohnet…« (Apg.2, 14).

Erstere hatten ganz natürlicherweise verstanden, was in ihren Landessprachen gesagt worden war (Vers 6 und 8). Die anderen hingegen – die Ansässigen – die diese Sprache nicht kannten, hatten nichts davon verstanden. Sie verstanden das »Zungenreden« ebensowenig wie die Korinther. Folglich hätten sie von der Gabe des »Zungenredens« an Pfingsten genau dasselbe halten können, was Paulus dreißig Jahre später den Korinthern sagte: »Man versteht es nicht.« Dieses Ereignis spiegelte sich in zwei sehr verschiedenen Reaktionen wider: Die Juden, die auf der Durchreise waren, hatten verstanden, was in ihrer Sprache gesagt worden war. Sie staunten einfach und wußten nicht, was sie davon halten sollten (Vers 12). Die anderen aber verschrien das »Zungenreden« als Trunkenheit (Apg.2,13). Weil sie nur aramäisch sprachen und verstanden, entging ihnen der Sinn dieser wunderlichen, jedoch zeitgemäßen Sprachen völlig, ebenso völlig wie den Korinthern und aus den gleichen Gründen. Drei Dinge wurden mir nun ganz klar:
1. Es handelte sich um gesprochene, lebendige Sprachen, um Landessprachen der damaligen Zeit.
2. Das »es versteht es niemand« kann, wenn man sich davor nicht in acht nimmt, zu einem bequemen Vorwand werden, um den Leuten weiszumachen, daß das, was in den heutigen Gemeinschaften praktiziert wird, ganz auf der Linie der apostolischen Kirche liegt, da – sowohl bei ihnen als bei uns – nichts verstanden wird! Daß diese Dialektik Tür und Tor zu einer betrügerischen Nachahmung geöffnet, die umso weniger kontrollierbar ist, als das mißbrauchte »es versteht es niemand« jegliche Nachprüfung verunmöglicht.
3. Daß Paulus es nicht zuließ – trotz der Echtheit dieser Gabe in der damaligen Zeit -, daß sie ohne nachfolgende Auslegung praktiziert wurde (1.Kor. 14,27); daß die Versammlung der Gläubigen nicht der Ort war, um von dieser Gabe Gebrauch zu machen; daß es besser war, zu schweigen und mit sich selbst zu sprechen, als sie unter solchen Umständen zu gebrauchen (1. Kor. 14,28).

Paulus regelt – in der Autorität des Heiligen Geistes – den Gebrauch und verurteilt den Mißbrauch dieser Gabe, und zwar zu einem Zeitpunkt der Kirchengeschichte, als dieses Charisma seine volle Daseinsberechtigung hatte. Paulus konnte sogar von sich sagen: »Ich spreche in Zungen mehr als ihr alle« (1.Kor. 14,18). Es ist verständlich. Sein Apostelamt unter den anderssprachigen Menschen wurde von den jüdischen Gegnern in Abrede gestellt. Er machte ihnen nämlich klar, daß fremde Sprachen – genausogut wie die eigene – den Jahwe Israels loben konnten.

Und um es zu beweisen, verkündete dieser ehemalige Pharisäer mit seinen jüdischen Lippen die Wunder des Gottes der Juden unter den Juden in einer heidnischen Sprache! Wunder für die einen (bekehrte Juden und bekehrte Heiden), Feuer des Gerichts für die anderen (ungläubige Juden), das sie mit Eifersucht erfüllte und sie mit den Zähnen knirschen ließ.

Kapitel 5

Das Zeichen und sein Zweck

Ich muß wieder auf die Frage zurück kommen, die mir so lange zu schaffen machte, und deren Antwort mir immer noch fehlte. Gewiß war das Zungenreden ein Zeichen, aber ein Zeichen für wen? Bevor ich herausfand, für wen das Zeichen bestimmt war, wurde mir klar, für wen das Zeichen nicht bestimmt war. Sorgfältig las ich den Paulusbrief an die Korinther durch und stieß auf folgende Bestätigung (1. Kor. 14,22):

Ein Zeichen nicht für die Gläubigen
Ich rieb mir die Augen. Hatte ich richtig gelesen? Ja, ich hatte richtig gelesen. Dieses Zeichen war nicht für die Gläubigen. Während Jahren hatte ich diesen Text gelesen, ohne ihn wirklich zu sehen; jetzt stach er mir förmlich in die Augen. Niemals hatte mich jemand auf diese Lehre des Heiligen Geistes aufmerksam gemacht. Was man in den Gemeinden lehrte, war meistens das Gegenteil. Immer hatte ich die Leute sagen hören, es sei ein Zeichen für die Gläubigen, daß die Gläubigen dieses Zeichen für sich selbst suchen müßten und vor allem, daß es das Zeichen dafür sei, daß die Gläubigen die Geistestaufe empfangen hätten. Zuerst beunruhigt, dann verwirrt, fragte ich verschiedene Diener Gottes, was dies wohl heißen möge. Betretenes Schweigen und verworrene Auskünfte machten mir deutlich, daß auch sie diesen Text nie erfaßt hatten und daß meine Frage sie ohne Antwort ließ. Die Höhe des Einsatzes war mir bewußt. Mein Vertrauenskapital war gehörig angebraucht. Dieser Mauerbrecherstoß, der in meine schöne Fassade Risse zog, kam nicht von den Gegnern des Zungenredens, sondern von diesem Apostel Paulus, den ich so sehr bewunderte. Es folgte eine Art Kettenreaktion. Andere Bibelverse wurden mir plötzlich ebenfalls verständlich.

Natürlich, wäre dieses Zeichen für die Gläubigen gewesen, so hätte sie Paulus ermuntert, es in den Gemeinden, unter den Gläubigen zu zeigen. Aber im Gegenteil, Paulus riet von dieser Praktik in der Kirche ab. Außerhalb der Kirche redete er mehr in Zungen als alle anderen, aber in der Gemeinde zog er es vor, lieber fünf verständliche Worte zu sagen als zehntausend in Zungen (1.Kor. 14,19). Mit anderen Worten war er zweitausendmal mehr dagegen, daß man in der Kirche in Zungen redete, als daß man davon absah. Niemals hatte mir das jemand gesagt. Und das aus gutem Grunde. Es gab Augenblicke, da ich rasend war über diejenigen, die mir diese Dinge verheimlicht hatten, und wütend auf mich selbst, die Mücke herausgespuckt, den Elefanten aber geschluckt zu haben. Oh Gott! Sollten etwa doch die Gegner des Zungenredens recht haben?

Ich war fest entschlossen, keinen Zoll mehr zurückzuweichen. Ich fühlte mich in meinen Ansichten angerempelt. Ich beschloß, die Angelegenheit bei den Hörnern zu packen. Ich hatte genug, in diesen Fragen immer nur über Mittler voranzukommen (Joh. 4,42). Ich wollte der Sache ernsthaft auf den Grund gehen. Es war mir nun bewußt, wie gefährlich es ist, eine Doktrin nur anhand von Bruchstücken, vom Hörensagen oder aufgrund von »Erfahrungen«, die sich angeblich darauf beziehen, zu kennen. Und einmal mehr stellte ich fest, daß Texte, die uns schwarz auf weiß seit zweitausend Jahren überliefert sind, unserer Kenntnis entgangen waren.

Ein Zeichen für wen?

Was mich auf die Spur gebracht hat, sind die Worte »darum sind die Zungen zum Zeichen nicht den Gläubigen« und vor allem der nachfolgende Text »sondern den Ungläubigen« (1. Kor. 14,22). Aber welche Ungläubigen? Ich machte mir unnötige Schwierigkeiten, denn die Antwort steckt im vorangehenden Vers, in dem uns Paulus ermuntert, im Verständnis vollkommen zu sein (1. Kor. 14,20), und die Worte Jesajas zitiert, wo es heißt (1.Kor. 14,21): Wer ist dieses Volk? Die Juden – für die ungläubigen Juden. Es war ein Zeichen für diese Juden, die nicht an das Heil der Heiden (der Sprachen) glauben wollten und sich ihm mit aller Kraft widersetzten (1.Thess. 2,16). Damit beantwortete sich diese Frage schlagartig. Ja, das ist das Ziel, das Zeichen! Die ganze Bibel sprudelte plötzlich vor mir über von Lebenssaft und Wahrheit. Der ganze Film des erbitterten Widerstandes der Juden gegen alles, was ihnen fremd war, spielte sich vor meinen Augen ab.

Jona

Ich sehe vor mir Jona, der die fremden Zungen (die Leute von Ninive) bis zum Ungehorsam Gott gegenüber verachtet (Jona 1,3). Eher will er nach Tarsis fliehen, als ihnen das Wort des Heils nach Ninive zu bringen. Er hadert mit Gott. Anstatt das Heil dieser Riesenstadt zu erbeten, wünscht er deren Untergang! Für ihn ist der Herr der Gott Israels und von niemand anderem. Auf jeden Fall nicht von diesen verhaßten Fremdsprachigen. In seinem Unwillen geht er soweit, daß er den Tod herbeiwünscht. Wenn Ninive lebt, dann will er, Jona, sterben! Er wirft Gott vor, was seinen Ruhm ausmacht: Der Retter der Menschen aller Sprachen, Stämme, Völker und Nationen zu sein. Dieser Geist der Ablehnung und des Unglaubens wird sich im Laufe der Jahrhunderte noch bestätigen. Sie (die Juden) gehören Jahwe, und Jahwe gehört ihnen; der Kreis ist geschlossen. Die anderen sind verdammt. Jeder Versuch von Bruderschaft oder nur von Toleranz Menschen einer anderen Sprache gegenüber erfüllt sie mit einem erschreckenden Haß (1.Thess.2,16). Tod den anderen Sprachen und den Völkern, die solche sprechen! Bloß zu erwähnen, daß Menschen einer anderen Sprache an der Güte Gottes teilhaben könnten, hieße das Leben aufs Spiel setzen (Lk. 4,29, Apg.22,21.22).

Sie führten sogar den Herrn Jesus bis zum Gipfel des Berges, um ihn in den Abgrund zu stoßen, als er ihnen sagte: »Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Propheten Elias … er aber wurde zu keiner von diesen geschickt, denn allein gen Sarepta der Sidonier zu einer Witwe« (Lk. 4,25), und zu ihrer größten Wut fügte er hinzu: »Und viele Aussätzige waren zu des Propheten Elisa Zeiten; und deren keiner ward gereinigt denn allein Naeman aus Syrien« (Lk. 4,27). In ihren Augen war dies genug, um den Tod zu verdienen.

Daß sogar die Samariter, obwohl den Juden nahe verwandt, ihrer rassistischen Ablehnung nicht entgingen, zeigt folgende Geschichte: Als Jesus eines Tages in einem Dorf der Samariter nicht aufgenommen wurde, fragten ihn seine Jünger, die sich zweifellos für die Nachfolger Elias hielten: »Herr, willst Du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und sie verzehre…« (Lk. 9,54). Jesus aber antwortet: »Ihr wißt nicht, von welchem Geist ihr bewegt werdet«. Die übelste Beschimpfung war es übrigens für einen Juden, »Samariter!« genannt zu werden. Wenn sie solches gesagt hatten, hatten sie alles gesagt und spuckten auf den Boden. Später, nach dem Empfangen des Heiligen Geistes, sollten sie zu den gleichen Samaritern zurückkehren und vom Himmel erbitten, nicht alle mit dem Feuer zu versengen, sondern daß ihnen die Gnade des vollen Heiles gegeben werde(Apg. 8,15).

Selbst die Apostel

Diese erbliche Belastung war ihnen so sehr einverleibt, daß selbst die Judenchristen der Wahrheit gegenüber ungläubig blieben, daß das Heil auch auf andere Sprachenübergehen werde: Als Petrus vom Heiligen Geist zu Cornelius gesandt wurde und alle sich bekehrt hatten, bekamen das einige Apostel in den falschen Hals. Petrus hat eins auf die Finger gekriegt, weil er den Heiden die Gute Nachricht gepredigt hatte. Es war notwendig, daß er ihnen erzählte, was sich ereignet hatte: Daß er, Petrus, gesehen hatte, wie der Heilige Geist auf Cornelius und sein Haus herunterkam wie am Anfang auf die Jünger (Apg. 11,15). Es war ein Schock für sie, weil das Zeichen für sie bestimmt war. Sie, die glaubten, daß ihr »Lieber Gott« nur Hebräisch annehme, mochten es nicht zu fassen, daß Gottes Heiliger Geist selbst Gottes Lobgesang unter Menschen gab, die und deren Sprache sie verabscheuten. Noch ganz verwirrt über diese Offenbarung sagten sie voller Erstaunen: »So hat Gott auch den Heiden Buße gegeben zum Leben« (Apg. 11,18).

Sie konnten sich nicht davon erholen. Der Gott Israels sollte auch der Gott der Heiden sein?! Das Zeichen des Zungenredens war nötig, damit sie diese Tatsache begreifen konnten. Aber sie waren so verhärtet, daß sie immer wieder in ihren alten Glauben zurück fielen. Sie konnten nicht aus ihrer eigenen Haut schlüpfen. Es war eine Art zweite Natur geworden, so daß einige Jahre später selbst bei dem großen Apostel Petrus diese ärgerliche Geisteshaltung wieder auftrat. Dieser Bericht befindet sich in Galater 2, 11-14. Ein Überbegabter, ein Mensch von der Größe des Paulus, war nötig, um diese Wahrheit schnell zu erfassen und allen anderen die Stirn zu bieten(Gal.2,5).

Auch Petrus

Petrus mußte sich von Paulus wie ein Zwetschgenbaum schütteln lassen, denn seine Uneinsichtigkeit war umso schwerwiegender, weil ihm deutlicher als den anderen die Universalität des Evangeliums angekündigt worden war (Gal. 2,11-14). Wenn aber die neu bekehrten Juden dem über die Grenzen Israels hinausgehenden Heil noch mit einem solchen Maß an Unglauben begegneten, was war dann von den unbekehrten und fanatischen Juden erst zu erwarten? Das sehen wir an der Episode von Antiochien. Als die Juden die Menge der Heiden sahen, die zuhörte und das Wort Gottes vernahm, wurden sie von Eifersucht erfüllt und widersetzten sich dem, was Paulus sagte, beleidigten und beschimpften ihn (Apg. 13,45).

Jonas Einstellung hatte sich fortgepflanzt! Aber als sie Paulus und Barnabas sagen hörten: »Ich habe dich den Heiden zum Licht gesetzt, daß du das Heil seist bis an das Ende der Erde« (Apg. 13,47), begannen sie eine Verfolgung gegen die beiden und verstießen sie aus ihrer Stadt (Apg. 13,50). Von Antiochien begaben sie sich nach Ikonion, wo das gleiche sich noch viel schöner abspielte! Paulus und Barnabas, go home! (Apg. 14, 5-6)

Mose hatte es vorausgesagt

Es war die buchstäbliche Erfüllung der 1500 Jahre früher ausgesprochenen Worte: »Ich will sie wieder reizen an dem, was nicht ein Volk ist; an einem törichten Volk will ich sie erzürnen« (5. Mo 32,21. Röm.10,19). Diese leidenschaftliche Antipathie den Heiden gegenüber ging also weit zurück. Auserwähltes, ausgewähltes Volk Gottes – sicher, sie waren es, aber sie hatten den von Gott gewollten Sinn dieses Vorrechts verdreht. Ihre ganze Geschichte war die eines abgesonderten Volkes, getrennt von den andern Völkern, Stämmen, Nationen und Sprachen. Aber dieses Getrenntsein vom Schlechten, vom Götzendienst und allen übrigen Schandtaten der anderen Völker sollte dafür nicht Haß, Verachtung, Stolz und Überheblichkeit heißen! Sie waren päpstlicher als der Papst geworden und gingen so weit, alles auszuschließen, was außer ihnen war, und ihren Jahwe einzusperren, anstatt ihn den andern bekanntzumachen. Und als Gott sich selbst den Heiden offenbart – womit sich die Prophezeiungen bis zum letzten Buchstaben erfüllen – sterben sie fast vor Eifersucht. Das gleiche wiederholte sich in Thessaloniki, wo die eifersüchtigen Juden üble Männer aus dem Pöbel mit sich nahmen, einen Menschenauflauf vom Zaune rissen und schließlich in der Stadt Unruhe stifteten (Apg. 15,5). Weshalb all dies? Weil Nichtjuden, Menschen einer anderen Sprache, an ihren Gott glaubten – wenn auch auf andere Art. Das konnte ihnen nicht gefallen, das ging ihnen gegen den Strich.

Auf den Stufen der Festung

Noch schöner soll die Sache in Jerusalem weitergehen, als Paulus hierher zurückkommt. Welch packenden Bericht lesen wir im 22. Kapitel der Apostelgeschichte! Paulus als Gefangener – steht aufrecht auf der Treppe zur Festung und verlangt mit einer Handbewegung das Wort. Er spricht Hebräisch, und eine tiefe Stille verbreitet sich. Alle halten den Atem an, um ihn besser zu hören. Paulus erzählt von seiner Begegnung mit Christus auf dem Weg nach Damaskus, erzählt von seiner Bekehrung. Die Zuhörer hängen an seinen Lippen, niemand unterbricht ihn. Regungslos hören sie ihn von seiner Vergangenheit, seinen Auszeichnungen, seinen Aktivitäten und seinem Eifer für die jüdische Sache sprechen. Er erzählt ihnen vom Erscheinen Jesu, und sie bewegen sich nicht. Er spricht von der Taufe, und sie rühren sich immer noch nicht.

Aber in dem Augenblick, als er den Satz anschneidet: »Und der Herr sprach zu mir: Gehe hin, denn ich will dich ferne unter die Heiden senden«, kommt Bewegung in das Volk; noch schweben seine Worte über den Köpfen. Bis zu dem Wort »Heiden« haben sie regungslos zugehört. Nun aber beginnen sie zu toben, schmeißen ihre Kleider weg, werfen Staub in die Luft und schreien: »Hinweg mit solchem von der Erde! Denn es ist nicht billig, daß er leben soll!« (Apg. 22,22).

Wodurch wurde diese Explosion verursacht? Die Idee, daß ihr Gott auch der Gott aller anderen Völker und Sprachen sein soll. Es wird nun leicht verständlich, weshalb das Zungen- oder Sprachenreden das Zeichen dieser großen Wahrheit war. Es ist die Ungläubigkeit dem Heil der Heiden gegenüber, die sie dazu treibt, sich mit einem Eid zu binden und sich selbst zu schwören, keine Nahrung mehr aufzunehmen, solange der Heidenapostel (Apg.23,12) nicht getötet sei – derjenige, der mehr in Zungen redete als alle anderen.

Noch einmal Jona

Jona hat gleich gehandelt. Er schmollte dem Herrn gegenüber, setzte sich an den Rand der Stadt, um auf deren Zerstörung zu warten. Und dort unter seiner Rizinuspflanze – vollbeschäftigt mit seinen schrecklichen Hoffnungen – beklagt er sich, weil die Gottesstrafe solange auf sich warten läßt. Er wünscht diesem Volke, das der Herr retten will, den Tod. Jona, der Gott die Verschonung Ninives vorwirft, ist der geistige Vater der Apostel – ja, Sie lesen richtig – der Apostel, die Petrus Vorwürfe machten, weil er das Evangelium den Heiden verkündet hatte (Apg. 11,1-3). Unglaublich! Geistlich gesprochen waren alle ein wenig schwerhörig. Petrus war es auch, obwohl er das außerordentliche Geschehen von Pfingsten erlebt hatte. Obwohl er an diesem Tag in Zungen (Sprachen) geredet hatte, um zu den Menschen anderer Sprachen zu gehen, brauchte er die Vision des Tuches, das mit Tieren gefüllt, die er für unrein hielt, vom Himmel kam. Dreimal mußte der Herr ihm wiederholen: »Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht gemein«. Dreimal mußte sich der Herr Petrus vornehmen, bis sich dieser entschloß zu gehen, indem er sagte: »Nun erfahre ich in Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht; sondern daß in allem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, ihm angenehm ist« (Apg. 10,9-16+34.35).

Alle?

Erst nach diesem Vorfall spricht Petrus das berühmte »Alle« aus und prägt mit diesem Schlüsselwort einen der ganz großen Augenblicke der Geschichte: »Von diesem zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen« (Apg. 10,43). Dieses »Alle« gibt mir die Gelegenheit, eine Unwissenheit zu bekennen, in der ich mich während zwanzig Jahren befand: Ein sehr wichtiger Aspekt von Johannes 3,16 war mir entgangen. Dieser Vers, den Millionen von Christen auswendig kennen, enthält eine doktrinale Wahrheit, die ich völlig übersehen hatte. Jesus sagte zu Nikodemus: »Denn also hat Gott…« – wen geliebt? Die Welt. Niemals hätte ein Jude so etwas gesagt; weder Jona, noch Petrus, noch die anderen. Sie alle hätten gesagt: Denn so sehr hat Gott Israel geliebt.

Schon so früh im Evangelium gibt der Herr die Reichweite seiner Liebe bekannt: die ganze Welt, bestehend aus Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen. Auf dem Kreuz stand der Grund seiner Verurteilung in drei Sprachen geschrieben (Joh. 19,20): in Latein, der Rechtssprache, in Griechisch, der Handelssprache und in Hebräisch, der Sprache der Religion. Ohne ihr Wissen proklamierten die Verfasser dieser Inschrift von jetzt an weltweite Verbreitung des Evangeliums. Die Aufschrift trägt den Keim des großen Gebotes in sich, das einige Tage später ergehen sollte: »Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.«

Die Sache war klar, aber ich habe eine Kämpfernatur und so wollte ich mit meinen Untersuchungen bis ans Ende gehen. Was ich noch kennenlernen mußte, war…

Kapitel 6

… die Lehre der neutestamentlichen Briefe

Johannes schreibt in seinem Brief einen Satz, der so natürlich ist, daß er mir immer überflüssig schien: »…und derselbe (Jesus Christus) ist die Versöhnung für unsere Sünden; nicht allein aber für die unseren, sondern für die der ganzen Welt« (1. Joh.2,2). Natürlich! Aber für die Juden war das weniger offensichtlich. Nun war Johannes der Apostel der Beschneidung, d.h. der Juden, und sein Dienst vollzog sich größtenteils unter ihnen. Und so mußte er ihnen immer und immer wieder sagen, daß die Vergebung Gottes, die Christus am Kreuz erworben hatte, nicht für sie allein, sondern für alle Sprachen und Völker der Welt war.

Selbst in der Offenbarung – sechzig Jahre nach Pfingsten – kommt Johannes verschiedentlich darauf zurück. Unzählige Male spricht er von einem Neuen Lied, das im Widerspruch steht zum Lied des Moses.
Welches ist sein Hauptthema? Die Beziehung des Ewigen zu dem auserwählten und losgekauften Volk. Der Text geht kaum über diesen Rahmen hinaus. Es ist das Lied des Alten Bundes. Was aber sagt das Neue Lied über den Neuen Bund?

»…und hast uns Gott erkauft mit Deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zunge und Volk und Heiden…« (Offb. 5,9). Das Lied Israels ging nicht so weit. Diese weltweite Dimension entging ihnen. Um sie zu erfassen, brauchte es die innere Erleuchtung durch den Heiligen Geist und ein äußerliches Zeichen, das Zungenreden.

Ein Geheimnis

Ich beugte mich über die Bibel, um Paulus, dem Arzt der Kirche, zuzuhören. In seinem Brief an die Epheser erklärt er, daß Heiden und Juden einen einzigen Körper bilden und Miterben der gleichen Verheißung sind (Eph. 3,6). Für uns Menschen des 20. Jahrhunderts hat das nichts Geheimnisvolles an sich, aber Paulus nennt es ein Geheimnis. Denn für die Juden war diese Gleichstellung mit den Heiden eine ganz neue, unerwartete Wahrheit, die sie nur mit Hilfe dieses großen Zeichens, des Sprachenredens, verstehen konnten, denn die Juden fordern Zeichen (1. Kor. 1,22).
Die Juden, nachdem Beispiel von Jona, wollten wohl, daß die Menschen gerettet werden, aber nicht ganz alle und auf keinen Fall die Heiden. Gott aber will, daß alle Menschen gerettet werden (1.Tim. 2,4). Paulus sollte Titus diese Wahrheit in anderer Form wiederholen. Er erinnerte ihn daran, daß die Gnade des Herrn die Quelle des Heils aller Menschen ist (Tit. 2,11). Für die neuen Jonas des Neuen Testaments war das nicht selbstverständlich. Paulus mußte seine letzten Trümpfe spielen, um sie zu überzeugen; denn die Juden hatten zwischen sich und den Heiden eine Art Berliner Mauer erstellt. Paulus riß die mit theologischen Wachttürmen gespickte Schandmauer nieder – zuerst, indem er durch den Heiligen Geist die Sprachen der Menschen jenseits der »Mauer« sprach, später, indem er sie lehrte, daß Christus Frieden für beide Mauerseiten bringt. Er verkündete, daß Jesus aus diesen zwei Parteien eine einzige gemacht und die Mauer der Trennung, die Feindschaft niedergestoßen hat; in sich selbst schuf Christus aus den zwei Feinden einen einzigen neuen Menschen, indem er sie als einen Körper am Kreuz mit Gott versöhnte und so die Feindschaft beendigte. Jesus sei gekommen, um denjenigen den Frieden zu verkündigen, die fern sind (die Heiden) und denjenigen, die nahe sind (die Juden), denn durch ihn haben die einen wie die anderen in ein und demselben Geist Zutritt zum Vater (Eph. 2,17-17).

Halleluja! Mit Verzückung rief Paulus aus: »Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist gegeben diese Gnade, unter den Heiden zu verkündigen den unaussprechlichen Reichtum Christi…« (Eph. 3,8). Alle teilten jedoch die Überzeugung von Paulus nicht, der durch den Heiligen Geist getauft war, um mit allen Menschen, Juden oder Griechen, einen einzigen Körper zu bilden (1. Kor. 12,13). Ihre unabänderliche Opposition sollte sie der schrecklichen Taufe des Feuers aussetzen (1.Thess. 2,16). Ja, diese fremden Sprachen, Verkünderinnen eines so großen Evangeliums, Zeichen eines neuen und weltweiten Bundes, sollten für sie zum Feuer, aber zum Feuer des Gerichts werden. Der Zorn Gottes sollte sie in Brand stecken, so wie man Stroh im Feuer verbrennt (Mt. 3,12).

Der Zweck

Um dieses Kapitel abzuschließen: Der Zweck des Zungenredens steht klar und deutlich in einem Text, den ich fünfzig Mal gelesen und wieder gelesen hatte: dem eigentlichen Pfingstbericht (Apg. 2)! Alles steht da. Auf die große Frage der erstaunten Leute, was wohl das Zungenreden bedeuten könnte, antwortete Petrus ganz einfach mit den Worten des Propheten Joels: »… ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch (Vers l7), und wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden (V.21). Jeder – jedes Fleisch – das ist die Antwort! Der Zweck? Diesen unverbesserlichen Juden, die von überall herbeigekommen waren, zu sagen, daß das Evangelium auch für die Menschen von überall war! Und so zieht Paulus den Schluß, daß das Zungenreden ein Zeichen – nicht den Gläubigen, sondern den Ungläubigen ist. Vom Heiligen Geist geleitet, bezeichnet Paulus mit einer unumstößlichen Klarheit diese Ungläubigen: die Juden (1.Kor. 14,21). Im Neuen Testament praktizierte man das Zungenreden immer nur in Anwesenheit von Juden, an die es gerichtet war; und selbst wenn die Heiden in Zungen redeten, war das Zeichen für dieses Volk, für die Juden, für sie ganz allein. Es gibt keine Ausnahme von dieser Regel.

Man gab mir zu bedenken, weshalb denn sowohl die Heiden im Hause des Cornelius als auch Cornelius selbst in Zungen geredet hätten, wenn doch das Zeichen für die Juden war. Der Text, der diesem Bericht folgt, enthält die vollständige Antwort auf diese Frage. Sie alle redeten in Zungen, damit Petrus seinen jüdischen Brüdern, die den Heiden das Recht auf Rettung noch nicht zugestanden, sagen konnte: »Der Heilige Geist fiel auf sie gleichwie auf uns am ersten Anfang« (Apg. 11,15), »…da sie das hörten, schwiegen sie still« (Apg. 11,18). Dieses »Stillwerden« zeigt, bis zu welchem Punkt die Ankündigung des Heils der Nationen sie in Aufruhr versetzt hatte. Für dieses Volk war es das unbestreitbare Zeichen, daß ihr Gott die fremden Sprachen gleichermaßen erhörte wie die seines Kindes Israel. Sie mußten es zugeben mit dem zuerst erstaunten, dann aber von Freude erfüllten Ausruf: »So hat Gott auch den Heiden Buße gegeben zum Leben« (Apg. 11,17). Cornelius war Träger des Zeichens, aber wiederum war das Zeichen für dieses Volk.

Ich scheine im Wilden Westen ein berühmtes Homonym zu haben, einen Cowboy – Weltverbesserer – von Steve McQueen auf der Leinwand verewigt. Dieser Jos Rendal – bis dahin eine zweifelhafte Gestalt – wird im Dienste der Notwendigkeit kurzerhand zum Sheriff ernannt. Aber wie ist das Vertrauen der Bevölkerung und vor allem der Herumtreiber zu gewinnen, die wenig geneigt sind, zu glauben, daß Autorität von Jos Rendal nicht widerrechtlich, sondern völlig legal ist? Der berühmte Sheriffstern, Zeichen seiner neuen Berufung und seiner guten Gesinnung, wird ihm auf die Brust geheftet.

Gleichermaßen besiegelte Cornelius, durch ein unwiderlegbares, auf göttliche Weise an seine Sprache »geheftetes« Zeichen (Apg. 10,46), gegenüber einem noch ungläubigen Israel, daß er als Heide ebenfalls den Signalton zu einer himmlischen Berufung erhalten hatte. Er wurde rechtmäßig, in gleichem Maße wie die bekehrten Juden, ein Gotteskind, wie es geschrieben steht: »Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gotteskinder zu werden, die an seinen Namen glauben« (Joh. 1,11.12).

Die Geschichte von Ephesus (Apg. 19,l-7), wo plötzlich zwölf Jünger in Zungen reden, ist keine Ausnahme. Diese Männer waren nicht etwa Jünger Jesu, sondern Juden, Jünger Johannes des Täufers, die getauft worden waren durch seine, für das jüdische Volk bestimmte Taufe.

Im Glauben an Christus, wiedergetauft mit Wasser auf den Namen Jesu und getauft im Geist, wurden sie zu einem einzigen Körper (1. Kor. 12,13) mit den bekehrten Heiden. Diese Vereinigung ging so weit, daß die fremden Sprachen dieser Leute sich auf wunderbare Weise der ihren bemächtigte, um den Gott Israels zu loben, der vor ihren Augen zum Gott der Nationen geworden war. Sie hatten dieses Zeichen des Zungenredens nötig, um über die weltweite Dimension belehrt zu werden, die ihr Jahwe nun seinem Heil zuteilte.

Kapitel 7

Jesus und das Zungenreden

Was mich im höchsten Grad erstaunte, ist, daß unser Jesus Christus, unser göttliches Vorbild, nie in Zungen geredet hat. Er, der den Heiligen Geist in Fülle besaß, der über alle Gaben verfügte, schien die Gabe des Zungenredens nicht zu haben – und sie schien ihm auch nicht zu fehlen. Weder sprach er darüber, noch schien er sie zu suchen. Dennoch, wenn das Zungenreden wirklich das war und zu all dem diente, was man mir gesagt hatte, dann hätte auch er diese Gabe nötig gehabt; er, der so oft und bis zu den Tränen im Gebet rang, der häufig fastete, der den Mengen das Heil predigte, der sich in Heilungen erschöpfte.

Wenn das Zungenreden wirklich jenes große Aufputsch- und Kräftigungsmittel ist, wie man behauptet, hätte Jesus es sehr nötig gehabt – er, der so oft bis zur Erschöpfung müde war. Weshalb, fragte ich mich, hat er nie sich selbst durch Zungenreden erbaut? Wenn das Zungenreden bei sich zuhause, privat oder unter Freunden auszuüben ist, weshalb hat er es nie getan?

Warum hat er nie in Zungen gebetet während der vielen Heilungen, die er vollzog?
Warum hat er nie das Zungenreden zu Hilfe genommen, das angeblich die beste Praktik sein soll, um Dämonen auszutreiben?
Weshalb hat er nicht in Zungen gesungen, wenn er auf den Ölberg stieg? (Mk. 14,26)
Weshalb hat er nie in die Sprache der Engel eingestimmt, er, der sie über sich hinauf- und hinuntersteigen sah? (Joh. 1,51)
Warum, so fragte ich mich, hat er dieses Charisma nie gehabt?
Weshalb hat er dieses Zeichen nie zum Wohle seines Auftrages gesucht und es den anderen Zeichen beigefügt? In 1. Korinther 12 habe ich neun Geistesgaben gefunden:
Weisheit, Erkenntnis, Glaube, Heilung, Wundertaten, Weissagung, Unterscheiden von Geistern, verschiedene Sprachen, Auslegung der Sprachen.

Unser geliebter Herr Jesus verfügte über sie alle und machte von allen Gebrauch außer vom Zungenreden und seiner Folgehandlung, der Auslegung.

Hat Gott ihm diese kostbare Gabe verweigert? War ihm diese Gabe entgangen? Hatte er nicht genug danach gesucht? Besaß er nicht genug an Geistlichkeit, um sie zu empfangen?
All dies schien mir bis zur Grenze der Häresie undenkbar, denn Jesus hatte den Geist nicht nach Maß (Joh. 3,34), nein, er besaß ihn in Fülle. Wenn er im Besitze dieses Charismas war, weshalb hat er nicht davon Gebrauch gemacht? Wenn er es nicht gemacht hat, dann, weil er keinen Anlaß dazugehabt hat, aber weshalb nicht?

Hatten es die Menschen, mit denen er gesprochen hat, nicht nötig, dieses Zeichen zu sehen, so wie sie es nötig hatten, alle anderen Zeichen zu sehen? Konnte Jesus überhaupt die Fülle der Gaben haben, ohne diese zu besitzen? Mehr als all meine andern Fragen wurde diese gereizt aufgenommen. Ich war eine Art Teufelchen, das aus einer Angstmacher-Überraschungsfragen-Büchse« schnellte. Denn meine Fragen gehörten genau zu denjenigen, auf die man nicht zu antworten wünscht.

Einmal mehr war ich darauf beschränkt, mich an Gott zu wenden und auf eine Antwort vom Heiligen Geist zu warten. Und sie tauchte ganz allein aus der Gesamtheit der Heiligen Schrift auf; sie entsprach dem Charakter der vier Evangelien.

Das »Warum« wird erklärt

Jesus hat die Grenzen von Palästina kaum überschritten. Sein Evangelium verbreitete sich nur unter den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt. 10,6). Er übte sein Amt nur bei den Juden und nicht in Gegenwart von Fremden aus. Seinen Jüngern gebot er: »Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte« (Mt. 10,5). Der weltweite Aspekt seiner Lehre blieb geheim. Noch war nicht die Rede von »Völkern, Stämmen, Nationen und Sprachen«. Nichts oder fast nichts in seinem Reden ließ die weltweite Ausbreitung seines Werkes durchblicken.

Das Zeichen des Zungenredens hatte folglich noch keine Daseinsberechtigung und kein Recht, sich zu zeigen. Bis dahin konnte die Juden nichts verärgern und eifersüchtig werden lassen, davon einer auch für die Heiden bestimmten Gnade noch nicht die Rede war. Jesus erwähnte das Zungenreden nur an einer einzigen Stelle: Im Markusevangelium (Kapitel 16, Vers l7). Ganz am Ende seiner Zeit sagt er: »In meinem Namen werden sie mit neuen Zungen reden.« Höchst bedeutsam ist der Zeitpunkt, zu dem er diese Worte sagt, nämlich in den sich häufenden Sätzen, die im »gehet hin in alle Welt« gipfeln. Was das Zungenreden auslöst, ist das berühmte »für alle Kreatur«. Die strengen Grenzen eines engen jüdischen Nationalismus werden auseinander gesprengt.

Aber der Herr weiß, daß »dieses Volk« alles in Bewegung setzen wird, um zu verhindern, daß die Gute Nachricht in anderen und für andere Sprachen verkündet wird. So werden er selbst und seine Jünger »diesem Volk« das passende Zeichen geben, das er selbst in seiner Weisheit nie hat anwenden wollen oder nie die Gelegenheit dazu gehabt hat. Umgekehrt, aber in Übereinstimmung damit, wurde bei den reinen Heiden von Athen und Malta, fern von dem jüdischen Volk, das sich ihrem Heil so leidenschaftlich widersetzte, nie in Zungen geredet. In Abwesenheit der Juden hatte dieses Zeichen, das für die Juden allein bestimmt war, keine Daseinsberechtigung mehr. Ebensowenig hat es sie heute, wo das jüdische Volk nicht mehr dazu da ist, sich dem Heil der Welt zu widersetzen.

Um ihr Gesicht zu wahren, verdrehen Verfechter des Zungenredens vielfach den Sinn der Schriften zu ihrem eigenen Verderben (2.Petr.3,I6), die so oft auch dann, wenn sie auf das völlige Fehlen des Zungenredens im Leben Jesu angesprochen werden.

Einer von ihnen hat Nicht-Charismatikern folgendes darauf geantwortet: »Jesus Christus hat nie in Zungen geredet, weil er vollkommen gewesen ist. Wegen dieser Vollkommenheit hat er es nicht nötig gehabt, sich zu erbauen!«
Mit einer einfachen Frage möchten wir dieser aus der Luft gegriffenen Aussage entgegentreten: »Warum hat Jesus Christus, der vollkommen gewesen ist, darauf bestanden, sich von Johannes dem Täufer mit der Taufe zur Buße taufen zu lassen, obwohl er sicherlich keine Buße benötigt hat«.

Johannes hat es zuerst nicht ausführen wollen, doch folgende Worte haben ihn dann überzeugt: »…denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen!« (Matth.3,15) Weshalb hat Jesus Christus wohl die Gerechtigkeit betreffend des Redens in Zungen nicht in gleicher Weise erfüllt?

Im Blick auf die Kirche hat Jesus Christus gesehen, daß die Gesamtheit der Kirche in allen Epochen die Buße nötig haben würde, während die Fast-Gesamtheit der Kirche das Zungenreden nie brauchen würde.

Dabei ist es so einfach

Die biblische Erklärung, wonach das Zeichen des Zungenredens allein für die Juden ist, verstimmte einige meiner besten Freunde.

Warum – so fragte man mich – hätte das Zeichen nicht auch für die Ungläubigen unter den Heiden sein können? Die Antwort darauf ist einfach.

Im Neuen Testament haben zwei Ereignisse die genau gleiche Bedeutung: Die Vision von Petrus in Apostelgeschichte 10,9-16, die ihm grünes Licht gab, um zu dem Heiden Cornelius zu gehen, und das Zungenreden.

Was bedeutet die Vision dieses Tuches, das vom Himmel herunterkam, angefüllt mit unreinen Tieren? Was bedeuteten diese unreinen Tiere, die Petrus das Gesetz Mose einhaltend – niemals berührt hätte? Jeder weiß es. Sie vertraten alles, was nicht jüdisch war, nämlich die Völker aller Sprachen. Niemand käme auf die Idee, diese Vision könnte für jemand anderes als die Juden gewesen sein; denn eben die Juden mußten lernen, das nicht mehr für unrein zu halten, was Gott für rein erklärt hatte. Petrus persönlich wurde durch diese Vision belehrt, die später auch andere belehren sollte. Petrus hatte als Jude und aufgrund seiner natürlichen Ungläubigkeit dem Heil der Heiden gegenüber eine solche Vision nötig.

Genauso hatten die Juden, weil sie eben Juden und gegen das Heil der anderssprachigen Menschen waren, das Zeichen des Zungenredens nötig. Dieses Zeichen – wie die dreifache Vision von Petrus – lehrte sie, daß von jetzt an das Heil ihres Jahwe für »jedermann« und für »alles Fleisch« (Apg. 2,17.21) (nämlich für alle Sprachen) war. Die hartnäckige Idee, wonach das Zeichen des Zungenredens gleichwohl auch für die Heiden gewesen sei, wurde für einige meiner Freunde haltlos, als ich ihnen folgendes Beispiel gab: »Das wäre so, wie wenn ich, als Französischsprechender, vor euch durch den Geist auf wunderbare Weise Englisch zu sprechen begänne. Brauchtet ihr das, um zu wissen, daß das Evangelium den Ärmelkanal überqueren kann? Nein, bestimmt nicht! Denn, da dies jedermann seit Jahrhunderten weiß, wäre dieses Zeichen für euch völlig zwecklos.«

Nein, der Geist wirkt nicht dort, wo es vergeblich ist; er will keine offenen Türen einrennen (1.Kor.9,26). Aus dem gleichen Grund hat die Vision des Petrus nicht angedauert. Dreimal nacheinander hat sie sich offenbart, dann, ich zitiere, »verschwand alles wieder im Himmel« (Apg. 10,16). Das gleiche, wie Augustin es deutlich sagt, geschah mit dem Zungenreden: »…dieses Ereignis traf ein, um etwas anzukündigen (nämlich, daß das Evangelium in allen Sprachen der Erde verkündet werden sollte), und verschwand anschließend wieder« (siehe Kap. 8, Abschnitt Augustin).

Ist es heute notwendig, durch den Geist in der Sprache der Eskimos zu reden, um zu wissen, daß sie in Gottes Augen nicht unrein sind?

Hudson Taylor – und mit ihm alle Missionare – hatten das Zeichen des Zungenredens nie nötig, um mit apostolischem Staunen zu lernen (Apg. 11,18), daß Gott auch die Chinesen liebt und sie und ihre Sprache annimmt.
Kein einziger Christ der Welt braucht heute die Vision des Petrus, das Zungenreden oder irgendeine andere Deutung dieser Art, um diese große Wahrheit, die niemand mehr bestreitet, zu kennen.
Auf den unerschütterlichen Felsen der Heiligen Schrift gestützt bekräftige ich mit dem Apostel Paulus, daß das Zungenreden und die Vision des Petrus für dieses jüdische Volk (1.Kor. 14,21) waren, das nicht nur die anderssprachigen Menschen verachtete und nicht an deren Heil glaubte, sondern seinem Sündenberg noch die Krone aufsetzte, indem es die Verkündigung des Heils für die Heiden verhinderte (1.Thess. 2,16).

Gemeinsamkeiten

Weiter oben habe ich gesagt, daß das Gesicht des Petrus und das Zungenreden ein und dasselbe seien. Man muß folgendes bedenken: die Ware ist die gleiche, die Verpackung ist verschieden. Wenn man diesen Unterschied der Darlegung beachtet, entdeckt man zwischen diesen beiden Zeichen außergewöhnliche Gemeinsamkeiten, die sich bei keiner andern Geistesgabe wiederfinden.

1. Das Gesicht wurde einem Gläubigen gegeben, sprach aber seinen Unglauben an. – Ebenso wurde das Zungenreden von Gläubigen ausgeübt, sprach aber ihren Unglauben an.

2. Das Gesicht wurde eine begrenzte Anzahl mal wiederholt, aber an seine Bedeutung erinnern wir uns jedesmal, wenn wir Apostelgeschichte l0 und 11 lesen. – Das gleiche gilt für das Ausüben des Zungenredens, das durch den Heiligen Geist begrenzt wurde (l.Kor. 13,8), aber seine Bedeutung wird uns beim Lesen der Schrift immer wieder in Erinnerung gerufen.

3. Das Gesicht war für dieses Volk allein. Ebenso war das Zungenreden für dieses Volk allein (1.Kor. 14,21).

4. Das Gesicht bestätigte einem Juden, daß das Heil über das Volk Israel hinausgeht und daß das Evangelium allem Fleische galt. – Desgleichen bestätigte das Zungenreden den Juden, daß das Heil über das Volk Israel hinaus geht und daß Gott seinen Geist über allem Fleische ausgießt (Apg.2,17).

5. Das Gesicht erklärte die weltweite und nicht sprachgebundene Dimension des Neuen Bundes. – Ebenso eröffnete das Zungenredenden Anhängern des »Israels, daß der Neue Bund weiter reicht und sich allein«, auf irgend jemanden bezog (Apg. 2,21).

6. Das Gesicht dauerte nicht an, denn es wurde wieder in den Himmel zurückgenommen. Ebenso durfte das Zungenreden nicht ewig andauern (1.Kor.13.8).

7. Das Gesicht fand seine volle Erklärung erst in der Bekehrung des Cornelius. – So versteht man das Zungenreden erst im Lichte der Bekehrung der Menschen barbarischer und fremdländischer Sprachen, d.h. der Heiden, richtig.

8. Das Gesicht wäre in einer Versammlung, in der man von der weltweiten Bedeutung des Heilangebots überzeugt gewesen wäre, fehl am Platz gewesen. So war auch das Zungenreden kein Zeichen für die Gläubigen (1.Kor. 14,22).

9. Petrus wurde durch sein Gesicht persönlich erbaut. Diese Erbauung beinhaltete das, was das Gesicht aussagte und nichts weiteres.
Ebenso waren natürlich diejenigen, die in Zungen redeten in bezug auf das, was das Zeichen sagen wollte, erbaut, nämlich hinsichtlich dieser für sie ganz neuen Idee, daß der Heilige Geist auf alles Fleisch und alle Sprachen ausgegossen worden war und daß, welch großes Geheimnis, »die Heiden Miterben seien und Miteinverleibte und Mitgenossen in Jesus Christus…« (Eph. 3,6).

10. Das Gesicht erschien Petrus dreimal nacheinander, damit er sich die Lektion gut einprägen konnte. So wäre es unbegreiflich, wenn es sich während seinem ganzen Dienst hätte wiederholen müssen. Ebenso wurde für die apostolische und jede christliche Kirche über das Zungenreden dreimal in der Apostelgeschichte (2, 10,19) berichtet, bis diese die Wahrheit gut verstanden und nicht länger. Wenn das Zungenreden, gemäß gewisse Leute immer noch aktuell sein sollte, wäre es das Gesicht in gleicher Weise. Wenn man das Zungenreden noch ausüben sollte, müßte sich das Gesicht heute noch wiederholen. Wer hat es in der heutigen Kirche, die von Menschen aller Völker, Nationen, Rassen und Sprachen durchdrungen ist, noch nötig, ein Zeichen dafür zu sehen, daß der Leib unseres Herrn Jesus Christus aus allen Völkern, Nationen, Rassen und Sprachen zusammengesetzt ist?

Kurz, das Gesicht der unreinen Tiere hat Petrus, den Juden, haargenau das gleiche gelehrt, wie das Zungenreden die Juden, die nicht daran glauben wollten, daß der Weg des Heils, der Zugang zum Gott Israels, nun den Fremdlingen und Barbaren offensteht, deren Sprachen vom Heiligen Geist in wunderbarer Weise gesprochen wurde.

Schwierige Auslegung

Im ersten Korintherbrief, Kapitel 14, Vers 22, schreibt Paulus, vom Heiligen Geist inspiriert, das Zeichen des Zungenredens sei nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen. Führt der Heilige Geist aber Paulus nicht gerade im folgenden Vers dazu, das Gegenteil zu sagen? Offensichtlich ertappen wir den Heiligen Geist in flagranti, wie er sich mit folgender Aussage widerspricht:

»Wenn nun die ganze Gemeinde zusammen käme an einem Ort und redeten alle mit Zungen, es kämen aber hinein Laien oder Ungläubige, würden sie nicht sagen, ihr seiet unsinnig?« Dieses unentwirrbare Paradoxon hat mir bisher niemand erklären können. Wenn nämlich die »Ungläubigen« der Verse 22, 23 und 24 ohne Unterschied die Juden und die Nationen vertreten, dann bleibt der Widerspruch. Die Schwierigkeit verschwindet, wenn man zuläßt, daß Paulus zwei Sorten »Ungläubige« ins Auge faßt:

a) Die Ungläubigen von Vers 22 werden im 21. Vers beschrieben: »Ich will zu diesem Volk reden, und sie werden mich auch also nicht hören.« Das sind die Juden. Das Zeichen war für sie.

b) Die anderen Ungläubigen, die Zuhörer von Vers 23 waren »Männer aus dem Volk« »und nicht von diesem Volk«; anders gesagt, es waren Heiden aus der Stadt Korinth. Für sie war das Zungenreden nicht bestimmt.
Diese Auslegung hebt den Widerspruch auf und bestätigt, daß das Zungenreden – gezwungenermaßen unverständlich für die Heiden – nicht diesen, sondern einzig den Ungläubigen des jüdischen Volkes vorbehalten war. Das Zeichen sollte ihnen begreiflich machen, daß nun auch die Menschen anderer Sprachen Zugang zum Körper Christi, das heißt zur Kirche hatten
 
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß das Weissagen der Verse 24 und 25 im Gegensatz zum Zungenreden in erster Linie für die Gläubigen bestimmt war, aber auch von den Ungläubigen verstanden wurde, weil es in ihrer eigenen Sprache ausgesprochen war. So kam es denn auch zu tiefgreifenden Bekehrungen, aufgerüttelten Gewissen, ja die Menschen fielen selbst auf ihr Angesicht nieder und bekannten, daß Gott unter ihnen sei.

Blindheit?

Ich habe auch mit Erstaunen festgestellt, inwieweit der Feind bezüglich diesem Punkt die geistliche Intelligenz gewisser Christen verschleiert hat.

Kürzlich hatte ich drei Personen befragt, die jung im Glauben und fast ohne lehrmäßige Unterweisung waren. Anschließend hatte ich den Versuch mit drei Kindern von acht und neun Jahren wiederholt. Ich las ihnen sehr langsam die Verse aus Apg. l0 über das Gesicht des Petrus vor.

Daraufhin bat ich sie, mir zu sagen, was sie verstanden hätten. Nach einigem Zögern gaben sie alle die richtige Antwort, die ich mit folgendem Satz zusammenfassen will: Das Gesicht hat Petrus zu verstehen gegeben, daß er das Heil den Heiden verkünden durfte.

Wenn Menschen ohne lehrmäßige Unterweisung und Kinder ohne Kenntnisse den Inhalt des Zeichens, das Petrus gegeben worden ist, verstehen, warum nur sind dann Christen, die lange im Glaubenstehen und die sich erfüllt vom Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit führt, nennen, warum nur sind diese lieben Freunde unfähig, den Inhalt dieses andern ähnlichen Zeichens, das des Zungenredens, zu begreifen? Denn im Ausdruck »In Zungen reden« erklärt das Wort Zungen alles, was darin enthalten ist, währenddem dieses Wort im Gesicht des Petrus. das das gleiche aussagen will, gar nicht vorkommt!

Nach meiner Meinung kann nur ein Geist der Verblendung ihrer Intelligenz diese Wahrheit vorenthalten. Warum sind so viele Menschen im Volke Gottes unfähig geworden, die Erklärungen des Heiligen Geistes zu erfassen, der uns beispielsweise sagt:

1. wer in Zungen redet, redet nicht zu den Menschen sondern zu Gott.
2. Daß dieses Zeichen nicht für die Gläubigen war.
3. Daß dieses Zeichen für die Ungläubigen dieses jüdischen Volkes war.

Diese Texte sind einfacher zu verstehen als Joh. 3,16 oder Röm. 3,23 und dennoch verstehen sie sie nicht. Oder wollen sie es nicht verstehen, aus Angst, von ihren Fehlern geheilt und gerettet zu werden?

Warum zu den Juden allein?

In Anbetracht meines beharrlichen Glaubens mit Paulus, daß sowohl das Zungenreden, als auch das Gesicht des Petrus für dieses Volk ist, könnte mancher sich erregt fragen: Warum für die Juden allein?

Weil der Heilige Geist uns lehrt (Röm. 9,4.5), daß die Kindschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen den Israeliten gehören.

Der Retter war zu ihnen und für sie zuerst gekommen. Die Apostel waren Juden. Die ersten Christen waren auch Juden. In der Tät war die erste Gemeinde jüdisch. Alles war in der Hand der Israeliten. Folglich hüteten sich die eifrigsten unter ihnen, allen voran Petrus, davor, diese wunderbare Gute Nachricht mit den Nationen, deren Sprachen als Barbarensprachen galten, zu teilen. Das Reden in gerade diesen Sprachen der gemiedenen Nationen und das Gesicht des Petrus waren die zwei Zeichen, mit denen Gott dieses Volk von der weltweiten Bedeutung des Evangeliums überzeugen wollte.

Er wollte sie auch dazu führen, das große Geheimnis zu verstehen, daß in Jesus Christus die Heiden (die Zungen) mit ihnen zu ein und demselben Leib werden würden (Eph.3.6). Das eine wie das andere Zeichen wollte dieses ausdrücken und nichts anderes als dieses.

Kapitel 8

Nicht für die Menschen sondern für Gott

Was mich betraf, war es mein großer Freund, der Apostel Paulus selbst, der mir – einmal mehr – den Knüppel zwischen die Beine warf mit seiner unerbittlichen, vom Heiligen Geist inspirierten Logik. Immerhin verfügte ich zu diesem Zeitpunkt noch über zwei Widerstandsnester: über einen großen Bunker und eine kleine Festung. Mein Bunker bestand aus einer Zeile in der Bibel, die mich hoffen ließ, daß die strenge Haltung von Paulus durch sein Zurückgreifen auf das Alte Testament gemildert werde: »Ich will … zu diesem Volk reden…« (1.Kor. 14,21).

Ich sagte mir, wenn Gott sich durch das Mittel des Zungenredens an die Ungläubigen wandte, es doch vielleicht eine Botschaft für den Menschen sei. Meine Hoffnung war allerdings nur von kurzer Dauer – mein Bunker war vermint und ging von selbst in die Luft: Natürlich sprach Gott durch dieses Zeichen mit den Juden, aber wenn dieses Zeichen zu ihnen sprach, so waren doch die Worte des Zeichens für Gott, für Ihn allein. Einmal lud mich ein Armeegeneral in sein Büro ein, damit ich ihm vom Glauben sprechen könnte. Als ich kam, warteten bereits mehrere Personen, die ebenfalls mit ihm verabredet waren. Ich wurde als erster empfangen. Die anschließende Unterhaltung führte ich mit dem General allein, aber mein rascher Empfang war für die anderen ein Zeichen der Ehre, die mir entgegen gebracht wurde. Genau so verhält es sich mit dem Zungenreden. Die heidnischen, von nun an privilegierten Sprachen, sind zugelassen im Privatprotokoll des Königs aller Könige. Sie sprechen zu Gott allein, aber diese Tatsache spricht zu den anderen.

Klarstellung

Zu der Zeit, als ich ein noch kindliches Verständnis von der Bibel hatte, begnügte ich mich mit ungenauen Meinungen, ich bewegte mich im Strom von übernommenen Ideen – geradeso, wie ich beeinflußt wurde – ohne mir die Mühe zu nehmen, in der Bibel nachzuprüfen, ob das, was man mir sagte, überhaupt stimmte(Apg. 17,11).

Vom Pfingstbericht an akzeptierte ich ohne zu überlegen, daß das Zungenreden gezwungenermaßen eine an die Menschen gerichtete Botschaft sei; denn angesichts dieser vielen verschiedensprachigen Fremden war es nur mit einem Wunder zu erklären, daß alle zugleich verstanden, was Gott ihnen sagen wollte.

Aber welcher Schock, als ich mit geöffneter Bibel entdeckte, daß es nicht Heidenfremde gewesen sind, die am Pfingsttag nach Jerusalem gekommen waren, sondern Juden aus anderen Ländern (Apg.2,5.14.23; dazu vielleicht einige sich den Juden gleichstellende Proselyten, die alle Aramäisch (nebst ihren Landessprachen) verstanden. Wenn es sich nun darum gehandelt hätte, diesen Menschen zu predigen, warum wären dann so viele – nämlich fünfzehn Sprachen – nötig gewesen, da doch eine einzige genügte, wie die Folge des Berichtes zeigt? Wer eine Botschaft für die Menschen finden will, der muß sie in der Predigt des Petrus suchen und nicht im Zungenreden. Denn alle verstanden, was Petrus ihnen sagte, als er nicht »in Zungen«, sondern in einer einzigen Sprache zu ihnen redete. Da alle die Sprache verstanden, in der sich Petrus an sie wandte, heißt das, daß es vollkommen überflüssig war, fünfzehn weitere Sprachen hinzuzufügen, wenn eine einzige völlig ausreichte. Also, weshalb dann die fünfzehn andern?

Die Antwort und die Klarstellung all dieser Fragen fließen aus der inspirierten Feder von Paulus, als er vom Heiligen Geist getrieben folgendes niederschreibt: »…Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott« (1.Kor. 14,2). Und genau wie Paulus es sagt, so sprechen in Apostelgeschichte (Kap. 2) Menschen den Juden (1.Kor. 14,21) zum Zeichen in fünfzehn Fremdsprachen zu Gott, und zwar vor allem denjenigen Juden, die aus den fünfzehn verschiedenen, im Text erwähnten Nationen, stammten.

Das Zeichen machte ihnen klar, daß der Zutritt zu Gott von nun an nicht mehr ihr Privatrecht war; daß Gottes Ohr anderen Mundarten ebensogut zuhörte wie ihrer; daß das Hebräisch keinen Vorrang hatte und daß sie in Zukunft gut daran tun würden, sich nachdem Heiligen Geist auszurichten, indem sie die Menschen, die ihnen ihr Jahwe als rein erklärte, nicht länger für unrein hielten (Apg 10,15).

Zweite Verteidigungslinie

Selbst an diesem Punkt versuchte ich noch, in meiner »Mini-Festung«, weil sie sich außerhalb der Bibel befand. Es war die Festung der Erfahrung, über die man sich schließlich fast mehr als über die Bibel unterhält. Denn es gibt kein beliebteres Gesprächsthema als die Erfahrung. Deshalb wollte ich es in diesem Buch eigentlich nicht aufgreifen. Es ist ein zu bewegter Boden. Auf meinem Schreibtisch gibt es zwei Sorten Bücher. Solche, die mit großer Anekdotenverstärkung erlebte, bewiesene Zeugnisse erzählen, die alle für ein Zungenreden kämpfen, das sich an die Menschen richtet. Dann gibt es die anderen mit den Gegenzeugnissen, die die Sache entmystifizieren. In diesem Gebiet der Erfahrung oder der Antierfahrung ist das Kräfteverhältnis recht ausgewogen. Ich werde mich deshalb an das Prinzip der »sola scriptura« halten. Ich selbst war das Objekt von Prophezeiungen, die durch das Zungenreden gegeben wurden. Andere sind es auch gewesen und können sogar bestätigen, daß die Voraussagen sich bewahrheitet und die Dinge sich wie prophezeit ereignet haben. Folglich können solche Erfahrungen nicht einfach abgestritten werden. »Schließlich«, – so hat ein lieber Freund gerufen – »habe ich eine Prophezeiung in Zungenreden gehört, die mich betraf, und sie hat sich in meinem Leben erfüllt!«.

War es diesem Freund ernst, oder machte er Spaß…? Sie und ich, wir alle haben schon von dieser Art von »Wahrheit« gehört. Eine Voraussage tritt ein – folglich hat der Himmel gesprochen! Sind wir dessen sicher? Denn der Himmel hat auch in der Bibel gesprochen, aber was dort gesagt wird, widerspricht dieser Erfahrung. Die Erfahrung bestätigt, daß es beim Zungenreden der Himmel ist, der zu den Menschen redet, während die Bibel sagt, die Menschen sprächen zum Himmel (1.Kor. 14,2). Wem soll ich nun recht geben? Dem, was Gott sagt oder dem, was meine Erfahrung sagt? Hiob scheint diese Zwickmühle gekannt zu haben, als er sagte: »Ich habe meinen Willen vor Deinem Wort gebeugt« (Hiob 23,12). – Erfahrung! Überall finden wir sie in unserem Leben, und doch beweist sie nichts.

Sogar Okkultismus

Es kommt vor, daß ein Horoskop sich nicht täuscht! Millionen Menschen werden dies bezeugen. Das ist Erfahrung.

Die Wände der Kapelle »Notre Dame de la Garde« in Marseille sind überdeckt mit Dankesinschriften für wunderbare Erhörungen. Das ist Erfahrung.

Madame Soleil sagt manchmal außergewöhnlich wahre Sachen voraus. Von zwei amerikanischen Wahrsagerinnen sagte die eine die Ermordung J.F. Kennedys, die andere das Attentat auf Präsident Reagan voraus – beides trat ein. Und die Krücken und Prothesen, die in der Grotte von Lourdes aufgehängt sind, bestätigen sie die Marienlehre? Denn auch das ist Erfahrung.

Oder der Pendler, der Ihnen den mehrere hundert Kilometer weit entfernten Ort eines verlorenen Gegenstandes angibt, allein indem er sein Pendel über eine Landkarte hält, auch das ist Erfahrung. Und wird diese Erfahrung nicht bewiesen, wenn Ihnen der gleiche Pendler sagt – ohne Sie auch nur abzuhorchen, an welcher Krankheit Sie leiden? Tausende von Menschen glauben und praktizieren diese Dinge, weil die Wirklichkeit der Erfahrung sie daran hindert, die okkulte und wahrsagerische Seite davon zu sehen.

Sola scriptura

Aber, so habe ich lange Zeit lautstark bezeugt, unsere Suche nach der Wahrheit liegt doch im Gebiet der biblischen und geistlichen Erfahrungen. »Dein Wort ist Wahrheit« (Joh.17,17), war die Antwort, die mir immer wieder in den Sinn kam. Und außerhalb Gottes Wort kann uns der Teufel »Reinfall-Erfahrungen« noch und noch liefern; er kann sich sehr gut als Engel des Lichts (2.Kor. 11,14) verkleiden und uns Wahrheiten sagen. Denn, wenn es der Heilige Geist sein soll, der spricht, wo ein bißchen Wahrheit ist, in welche Kategorie ist dann die Wahrheit von Apostelgeschichte 16 einzuordnen: In der europäischen Stadt Philippi folgt eine Frau, die eine außerordentliche prophetische Gabe besitzt, zwei Männern, die sie vorher nie gesehen hat und schreit den Leuten zu, diese Männer seien Diener Gottes und verkündeten Worte des Heils (Apg. 16,17). Auch das ist Erfahrung. Aber es war ein Dämon, der hier sprach, und Paulus gebot ihm, den Platz zu räumen. Solange die Frau wahrsagen konnte, war sie im Irrtum; erst als sie nichts mehr sagen konnte, stand sie in der Wahrheit.

Auch Pharao

Erfahrung! Pharao hatte davon, so viel er wollte! Seine Zauberer ließen Wasser zu Blut werden, Frösche sich vermehren und verwandelten Stöcke in Schlangen (2. Mo 7). Es war wahr, authentisch; ebenso wahr wie die Erfahrung und das Zeugnis der Frauen in Jeremia 44,16 und 17: »…und wollen der Himmelskönigin räuchern und ihr Trankopfer ausgießen… Da hatten wir auch Brot genug, und es ging uns wohl, und wir sahen kein Unglück. Seit der Zeit aber da wir haben abgelassen, der Himmelskönigin zuräuchern und Trankopfer zu opfern, haben wir allen Mangel gelitten und sind durch Schwert und Hunger umgekommen.« Wer kann das bestreiten!? Was bestimmt darüber, ob eine Sache wahr oder falsch ist? Das erlebte Zeugnis, oder das Wort Gottes? Wenn Gott sagt, daß wer in Zungen redet, sich nicht an die Menschen wendet, was muß man dann verleugnen, dieses Wort, oder das Zeugnis, das diesem Wort widerspricht? Die Wahl zwischen den »Erfahrungen« und der Bibel hat sich mir aufgedrängt. Ich habe mich entschieden und stellte mich auf die Seite der Schrift und gegen diese Pseudozeugnisse. Nun ist es an meinen Lesern, ihre Wahl zu treffen.

Nicht den Menschen, sondern Gott

Bei diesem Punkt war es mir leicht möglich, von der Doktrin auf die Nachprüfung überzugehen. Für meine Manie, alles mit dem Sieb der Bibel zu prüfen, fand sich bald eine Gelegenheit. Als Versuchskaninchen diente ein lieber Freund von mir, ein offenherziger Prediger, der mich einige Male eingeladen hatte, das Wort in seiner Kirche zu verkündigen. Im Verlaufe einer privaten Unterhaltung erzählte er mir von einer Schwester seiner Gemeinde, die in seiner Gegenwart in Zungen geredet hatte. »Ich erkannte in dem, was sie sagte, eine an mich gerichtete Botschaft« erzählte mein Freund. Diese Gelegenheit war fast zu schön für mich – wie auf einem Servierbrett angerichtet. Ich sagte zu ihm: »Wie bringst Du diese Idee einer an Dich gerichteten Botschaft mit dem Bibelwort »denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott« (1.Kor. 14,2) in Einklang? Du bist nicht Gott. Das war für ihn wie ein Dolchstoß. Er konnte mir nicht antworten. Ich hatte ihm einen Text offenbart, den er offensichtlich nie gesehen oder über welchen er hinweg gelesen hatte. Ich schämte mich für ihn. Er tat mit leid. Ich hatte nicht gesagt, daß dieses Zungenreden, das sich an die Menschen richtet, nach Schwefel röche. Ich hatte auch nicht gesagt, daß es Angeberei oder sogar Schwindel sei. Ich ließ ihn selbst das Urteil fällen, daß er es mit einer groben Fälschung zu tun habe. Nun, jeder weiß, daß Fälschung in menschlichen Belangen durch das Gesetz strafbar ist. Sollte sie im göttlichen Bereich weniger schwerwiegend sein?

Was sollen wir von all dem Zungenreden halten, das eine Prophezeiung, Aufmunterung oder Offenbarung, also eine an Menschen gerichtete Botschaft zum Ausdruck bringt? Es befindet sich in offenkundigem Widerspruch zu dem, was der Heilige Geist lehrt. Kann es etwas anderes als Fälschung sein? Ein anderer Freund, Prediger einer Pfingstgemeinde, stieß auch auf diese Wahrheit und verlangte deren Beachtung in seiner Kirche. Er und seine Gemeinde wurden von der Bewegung, der sie angehörten, ausgeschlossen.

Ich erzählte diese Begebenheit einem meiner Freunde, der sich darüber garnicht zu wundern schien. Er war darüber auf dem laufenden und sagte mir: »Als dieses Pauluswort in unseren Kreisen in Umlauf kam, wirkte es wie eine Bombe. Die Idee faßte aber nicht Fuß, denn dann hätte man zugeben müssen, daß alles bisher Getane falsch gewesen ist.« Anders gesagt, damit der Fehler den Anschein von Wahrhaftigkeit behalten konnte, durfte man auf keinen Fall darauf herumreiten. Wie oft zählt doch die Tradition mehr als das Wort Gottes. Die Geschichte der Kirche ist durch die Jahrhunderte hindurch ein schmerzhafter und erniedrigender Beweis hierfür.

Martyrium eines Textes

Auch noch in unserer zivilisierten Gesellschaft besteht die beschämende Praktik der Folter. Selbst gegenüber biblischen Texten wird sie verwendet. Jedes Mittel ist gut genug, um Texte zu zermalmen, zu verunstalten und zu foltern, mit der Absicht, ein Geständnis vom Gegenteil ihres Inhaltes und vom Gegenteil ihrer Aussage zu erzwingen. Ich erlaube mir hier eine kleine Abschweifung, die uns als Beispiel sehr dienlich sein kann. Es gibt keine klarere und unumstößliche Lehre als die von Paulus, wenn er sagt: »Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus« (1. Tim. 2,5). Er versteht darunter, daß es weil es nur einen Gott gibt – auch nur einen Mittler geben kann. Für ihn ist dieser Mittler Jesus, Jesus allein und niemand anders. Die römische Kirche ändert diese Wahrheit vollständig ab, indem sie den ganz besonderen Blickwinkel von der Hochzeit von Kana (Joh. 2,1-10) darauf appliziert: Weil es Maria ist, die ihren Sohn darauf aufmerksam macht, daß die Gäste keinen Wein mehr haben, wird das darauf folgende Wunder Maria zugeschrieben, die von da an Mittlerin aller Gnadengaben ist! Die Lehre des größten Arztes der Kirche wird damit kurzerhand umgangen.

Solchen Mißhandlungen werden die Texte der Bibel unterworfen, und die Überbringer solcher Uni-Texte werden schnell zahlreich. Es betrübt mich, die gleichen Methoden unter der Feder von solchen zu finden, denen eine striktere Auffassung der Heiligen Schrift gebührt hätte.

Hingegen – und das ganz zu Ehren meiner Pfingstbrüder – hat keiner, mit dem ich über den Bericht von Apostelgeschichte 2 geredet habe, die Tatsache bestritten, daß das Zungenreden vom Pfingsttag sich an Gott und nicht die Menschen richtet.

Aber nun kommen Stimmen auf, die versuchen, das Gegenteil zu sagen. Die klare und bestimmte Bestätigung von Paulus »denn der mit Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott…« (1.Kor. 14,2) wird mit einer verstümmelten, aus Apostelgeschichte 2 gepflückten Auslegung völlig umgeworfen.

Während Rom die alleinige Mittlerschaft von Jesus Christus anhand einer diffusen Beleuchtung der Hochzeit von Kana verfärbt, verneint und abschwächt, bedient man sich des Berichtes aus Apostelgeschichte 2, um die Doktrin von Paulus zu erklären – wobei man das Gegenteil tun sollte. Oder will mir jemand weismachen, daß Paulus – als er unter der Führung des Heiligen Geistes den Satz abfaßte »denn der in Zungen redet, der redet nicht den Menschen, sondern Gott…) das Gegenteil der Gedanken Gottes niederschrieb?

Zeitlupe

Im Zeitlupentempo möchte ich einen dreifachen Manipulationsversuch des Pfingstgeschehens darstellen:
Erste Manipulation: »Wenn das Phänomen des Zungenredens sich nur an Gott richten würde, hätte es sich sicher auf die Dimension des Abendmahls beschränkt«.

Erste Antwort: Bei allen grossen Manifestationen sei es nun das erste Pfingstgeschehen oder Anlässe der heutigen Zeit (Konvente, Evangelisationen, Feldzüge) bleiben die Gebete zu Gott nicht Gefangene irgend eines geheimen Ortes. Gebet, Lob und Dank richten sich ebenso öffentlich und sichtbar an Gott, wie die Wortverkündigung sich an die Menge richtet.

Zweite Manipulation: »Da man ja verstand, was sie sagten, haben sie doch zu den Menschengesprochen.«
Zweite Antwort: In Massenversammlungen damals wie heute – versteht auch jedermann, was im Gebet gesagt wird; im Gebet, das sich allein an Gott richtet.

Dritte Manipulation: »Sie haben mit lauter, deutlicher Stimme gesprochen, da wurde nicht geflüstert.«
Dritte Antwort: So ist es mit all unseren öffentlichen Gebeten, sei das in einem Saal, am Radio, am Fernsehen oder im Freien. Sie sind ebenso vernehmbar wie die Predigten. Wir zögern nicht – auch wenn wir uns an Gott ganz allein richten durch Verstärkeranlagen die nötigen Dezibels zu Hilfe zunehmen, um von all denen verstanden zu werden, an die wir uns gar nicht wenden!

Notwendige Präzisierung

Im Gegenteil zu dem, was einige übereilt bestätigen, hat das Zungenreden an Pfingsten niemanden bekehrt. Im wesentlichen gleich den heutigen Dankgottesdiensten war es nichts anderes als die Verkündigung der Wunder (Apg.2,11) und das Frohlocken über die Geheimnisse Gottes (1.Kor. 14,2). Sicher, es lenkte die Aufmerksamkeit der Menge auf das, was nachher geschah. Aber erst das, was folgte, nämlich die Predigt von Petrus, die nicht eine »Zungenrede« war, führte die Menschen zur Buße und zum Glauben.

Wenn das Zungenreden eine Botschaft für die Menschen gewesen wäre, weshalb hätte dann Petrus das Wort nochmals ergriffen? Um zu predigen und zu erklären, was der Heilige Geist eben gepredigt und erklärt hatte? Das Zungenreden hatte ihnen aber überhaupt nichts erklärt, denn einer sprach zum andern: »Was will das werden?« (Apg. 2,12). Das Zungenreden hatte den Wert eines Zeichens – eines Zeichens, dessen Sinn ihnen entging.

Erst die darauffolgende Botschaft lieferte ihnen den Schlüssel zum Zeichen: »Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch…« (Apg. 2,17); nämlich auf alle Sprachen, Stämme und Völker…
Während das Zungenreden eine Frage aufwarf, ohne eine Antwort zu geben, hat die Predigt des Petrus ihr Suchen befriedigt. Und diese eine Predigt brachte die Menschen dazu, in sich zu gehen: »Da sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz« (Apg.2,37), und sie bekehrten sich, wie es uns in der Fortsetzung des Berichtes erzählt wird.

Diese Tausenden von Juden, die durch die Predigt von Petrus gerettet worden waren, konnten nun in ihre Herkunftsländer zurückkehren, um dort von dem Heil in Jesus Christus zu zeugen. Gleichzeitig konnten sie dort ihren Mitjuden bekannt machen, daß auch die Menschen anderer Sprachen gerettet werden, Zugang zu ihrem Jahwe haben und dadurch zu ihren Brüdern werden. Sicher erfaßten sie noch nicht alle Facetten dieses großen Geheimnisses, aber das Zeichen des Zungenredens bereitete sie darauf vor, sich nicht wie die anderen Juden es tun würden, der Verbreitung des Evangeliums in der Welt der anderssprachigen Menschen zu widersetzen.
Denn diese ersten Bekehrten – von Natur aus dem Heil der anderen, der Fremden, entgegengestellt – sollten diese denkwürdige Stunde nicht vergessen, als Gott, der Heilige Geist, als erster wie diese anderen, diese Fremden, sprach. Das Zeichen war einleuchtend. Gott nahm jene auf und ging ihnen soweit entgegen, daß er in ihrer Sprache redete. Jetzt mußten sich auch die Unerbittlichsten damit abfinden. Ob es ihnen nun gefiel oder nicht, beschloß Gott, über alles erhaben, Juden und Menschen anderer Sprachen (1.Kor. 12,13) in einem einzigen Körper (Eph. 3,6): und durch die Geistestaufe zu vereinen. Das Zungenreden war das geeignete Zeichen dafür.

Die Wahl

Es bleibt mir eine bittere Erinnerung an die Begebenheit, als mein unmittelbarer Nachbar, ein altbewährter Prediger einer Pfingstgemeinde, mich einlud, um an einer Diskussion über das Thema, das uns beschäftigt, teilzunehmen. Sein Gesprächspartner war ein Gemeindeältester der Darbysten. Beide hielten ihre Bibel geöffnet vor sich auf dem Tisch. Mein Predigerfreund, den ich in seiner eigenen Lehre für sehr versiert gehalten hatte, war seinem Gegenüber gelinde gesagt nicht ganz gewachsen. Was für eine Ohrfeige mußte er einstecken! Es war wie ein Tornado, der alles auf seinem Weg wegfegt. Dieser Diener Gottes kannte seine Bibel unwahrscheinlich gut. Sie war ihm so sehr einverleibt, als hätte er eine verschluckt. Ich sah mich Stephanus gegenüber, von dem es heißt: »Und sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste, aus welchem er redete« (Apg. 6,10). Ich kann mich nicht mehr an die einzelnen Wahrheiten erinnern, die meinen Freund entwaffneten und in die Enge trieben – ich war damals ein allzu großer Neuling, um sie mir zu merken. Aber folgendes hat mich niedergeschmettert, und ich werde es nie vergessen: Mein Freund schloß seine Bibel, schob sie beiseite und sagte: »Biblisch gesehen, haben Sie recht, aber ich kann meine Erfahrung nicht verneinen.«

Diese Szene ist mir lange gefolgt und hat mich verfolgt, denn sie war da in Wort und Tat: Die Bibel wird beiseite gelegt, die Erfahrung in den Vordergrund gestellt.

Auf seinem Lieblingsgebiet geschlagen und gezwungen es zuzugeben, sah er sich vor die Wahl zwischen Bibel und Erfahrung gestellt, wenn er sein Gesicht wahren wollte. Das eine verleugnen, um das andere zu behalten. Die Bibel wurde der Erfahrung geopfert.

Und das ist dieser galoppierende Subjektivismus, der sich in allen Schichten des Christentums breit macht. Subjektivismus, der beseitigt, was ihn hindern könnte – sei es auch das Wort Gottes – indem er all diesen Erfahrungen durchtrieben eine biblische Etikette aufklebt. Das ist der Trick! Der Neubekehrte und solche, die ihre Bibel schlecht kennen, merken es nicht.
Auf dem Heimweg im Auto war ich traurig für ihn; ich hätte ihn gerne getröstet. Er schien sich aber überhaupt nichts daraus zu machen, schien fröhlich, entspannt. Er hatte ja seine Erfahrung; damit war er glücklich und zufrieden.
Er ließ mich an jenen katholischen Priester denken, der einst zu mir gesagt hatte: »Daß die Bibel nicht vom Fegefeuer spricht, stört mich nicht; der Magister unserer Kirche redet davon, und das genügt mir.« Auch ihm genügten seine »Erfahrungen«…

Noch mehr Erfahrungen

Gerne hörte ich früher immer Erzählungen zu, die berichteten, daß mehrere Menschen sich bekehrt hätten, als sie der Auslegung einer an sie gerichteten Zungenrede zuhörten. Gut, sagte ich mir, das Falsche kann die Menschen nicht zur Wahrheit bekehren. Und da das Zungenreden sie zu Gott geführt hat, konnte es auch nur von Gott kommen. Diese Überlegungen waren nur scheinbar logisch. Sie haben mich nicht lange befriedigt. Mir wurde nämlich klar, daß sich die Leute der griechischen Stadt Philippi sehr gut hätten bekehren können, als sie die Wahrsagerin – die unbestreitbar von einem Dämon besessen war – rufen hörten: »Diese Menschen sind Knechte Gottes, des Allerhöchsten, die euch den Weg der Seligkeit verkünden!« (Apg. 16,17). Diese Frau, zugleich Opfer und Dienerin von Satan, war in diesem Augenblick Überbringerin der reinsten evangelistischen Botschaft. Die ganze Geistlichkeit von Paulus war nötig, um diese Verwirrung zu erkennen und aufzudecken. Aber rechtfertigt diese von der Hölle kommende Wahrheit den Okkultismus? Mir sind Christen begegnet, die berichteten, sie seien durch Zeugen Jehovas auf den Weg des Heils gelangt, die ihnen die Bibel verschafft hätten. Aber deren Bekehrung zu Jesus Christus dank der Initiative von Zeugen Jehovas, rechtfertigt auf keinen Fall die Doktrin der Falschlehre der Zeugen Jehovas.
Der Apostel Paulus berichtet uns, daß einige aus Mißgunst das Evangelium predigen mit dem Ziel, ihm zu schaden. Diese Verkündigung brachte so viel Frucht, daß Paulus sagte: »Daß nur Christus verkündigt werde allerleiweise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich doch darin…« (Phil. 1,15-18).
Macht das Resultat aus den schlechten Gefühlen empfehlenswerte? Darf man die niederträchtige, mißgünstige Verkündigung im Namen ihrer Auswirkungen rechtfertigen?

An der Oper

Ich kannte einen Diener Gottes, der sich im Theater bekehrt hatte. Als in der Vorstellung eine Bibelstelle zitiert wurde, übergab er sich – vom Heiligen Geist gepackt – auf der Stelle Gott. Nicht nur ist er selbst niemals mehr ins Theater gegangen, er hat auch nie jemanden hingeschickt, damit er dort bekehrt würde. Oder rechtfertigt der Zweck die Mittel? Ich befürchtete, daß bei vielen Christen dieser Weltgeist überwiegt.

John Bost, der Gründer der »Asiles de la Force« im französischen Bergerac, war der Sohn eines Pfarrers. Vor seiner Bekehrung liebte er die Welt sehr. So ging er einmal in die Oper, um sich den »Domino Noir« anzusehen. Während der Darbietung ergriff ihn der Geist Gottes. Halsüberkopf verließ er die Vorstellung, um sich in seinem Zimmer auf die Knie zu werfen und sich Gott zu übergeben. Wenn doch die Oper so herrliche Früchte bewirken kann, weshalb führt dann nicht der Weg jeglichen Priesterstandes über eine Opernloge? Sakrileg! Aber war das nicht das Prinzip, das ich zu verteidigen suchte, indem ich das Praktizieren des Zungenredens im Namen eines möglichen guten Resultates rechtfertigte?

Als ein Freund, Oberst in der Heilsarmee, von Afrika zurückkehrte, besuchte er einen unserer Gottesdienste und lobte Gott auf Lingala, der Sprache Ostafrikas. Es folgte eine Interpretation, die nicht im entferntesten etwas mit dem ausgesprochenen Dank zu tun hatte. Nun war dieser Betrug aber in dem Sinne biblisch, als die Pseudo-Interpretation ebenso evangelistisch war wie die Worte der Wahrsagerin von Philippi. Jemand von den Zuhörern hätte sie sehr gut für sich nehmen können. Aber zwischen dem und dem Gutheißen einer Fälschung im Namen, von etwas, das nur Schwindel ist, gibt es eine Grenze, die einzig solche zu übertreten wagen, die von einem anderen als dem Heiligen Geist getrieben sind.

Ungewöhnlich

Bereits in der Zeit, als mir vieles auf diesem Gebiet noch nicht klar war, bemerkte ich, bis zu welchem Punkt das Zungenreden bei gewissen Menschen unkontrollierbar wurde. Es war ein Hineinrutschen in Praktiken, deren Urheber in den apostolischen Zeiten vom Apostel Paulus gehörig in die Schranken gewiesen worden wären.
So erzählte mir eines Tages ein Bruder, der eine Gabe des Heilens zu haben glaubte oder sie jedenfalls haben wollte, koste es, was es wolle, er begleite sein Handauflegen bei den Kranken mit Zungenreden. Merkwürdig! Ich habe mich oft gefragt, in welchem Teil der Bibel er das Beispiel und die Rechtfertigung dieser Praktik gefunden habe.
Ein anderer räumte dem Zungenreden eine Vorzugsstelle ein, wenn er für Menschen betete, die von einem bösen Geist besessen waren. Ihm zufolge war eine Austreibung wirksamer, wenn sie durch Zungenreden unterstützt wurde. Mehr als merkwürdig!

Andere, deren Bekehrung zweifelhaft war – was nicht im Geiste eines Urteils gesagt sei – waren nur von der Vergebung ihrer Sünden und von ihrem Heil überzeugt, weil sie in Zungen redeten. Der Glaube war durch das Zungenreden ersetzt.

Die Rezepte waren verschieden und ließen sicher keine Monotonie aufkommen, aber alle setzten sich über die Ratschläge des großen Buches Gottes hinweg.

Hätte der Apostel Paulus, der außerhalb des vorgegebenen Rahmens (nicht gläubige Juden und Interpretation) den Gebrauch der Zungensprache in der Gemeinde verneinte (1. Kor. 14,19), sich nicht laut empört angesichts solcher Verunstaltungen? Hätte er nicht das wiederholt, was er den Korinthern sagte: »…sondern an der Bosheit seid Kinder, am Verständnis aber seid vollkommen« und »darum sind die Zungen zum Zeichen nicht den Gläubigen, sondern den Ungläubigen« (1.Kor. 14,20.22).

Kapitel 9

Die große Frage: Wann?

Ich komme auf bereits Erwähntes zurück, daß nämlich – wie Paulus sagte – das Zungenreden ein Zeichen für die ungläubigen Juden und nicht für die Heiden war, da der Heilige Geist sagte: »Ich will zu diesem Volk reden« (1.Kor 14,21). An diesem Punkt angelangt, wollte ich nicht darauf zurückkommen, sondern im Gegenteil weitergehen. Aber nach und nach wurde ich zu einer recht beunruhigenden Schlußfolgerung geführt. Verwirrt merkte ich, daß ich mich mehr und mehr in meinen Überzeugungen verstrickte. Ich sagte mir: Jetzt, wo die Kirche aus Menschen aller Nationen besteht, stellt sich die Frage der Universalität der Kirche nicht mehr. Wozu und für wen dient dann dieses Zeichen noch?

Seit vielen Jahrhunderten muß niemand mehr davon überzeugt werden, daß das Heil auch für die Menschen anderer Sprachen ist, z.B. für die Schweizer, Franzosen, Engländer, Chinesen, Zulus etc… Seit Jahrhunderten bestreitet dies niemand mehr. Und?!? Diese rigorose Logik führte mich dorthin, wo ich nicht hinwollte. Wie ein in der Schlinge gefangenes Kaninchen würgte ich mich immer mehr, indem ich mich wütend wehrte. Wir alle wissen: Wenn der Heilige Geist einen Menschen ergreift, läßt er ihn so lange nicht los, bis dieser sich ergibt. Jeremia hat diese Erfahrung gemacht. Er sträubte sich gegen Gott, mußte aber schließlich sagen: »Herr, Du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen« (Jer. 20, 7).

Der Apostel Paulus, Meister in der biblischen Logistik, der mehr als alle andern in Zungen geredet, die Doktrin und die Grenzen des Zungenredens ausgelegt hatte, war es sich selbst schuldig, auch dessen Ende anzukündigen; das Ende liegt in der Natur der hiesigen Dinge, sogar der besten. Ebenso logisch ist es, gewisse zweitrangige Eisenbahnlinien aufzuheben, wenn niemand mehr den Zug benützt. So sagt denn Paulus unter dem Antrieb des Heiligen Geistes: »Die Sprachen werden aufhören« (1. Kor. 13,8).

Ein Zeichen beizubehalten, das niemandem mehr etwas bedeutet, wäre ebenso unsinnig, wie Umleitungsschilder auf einer Straße stehenzulassen, auf der die Arbeiten schon längst abgeschlossen sind.
Im übrigen fand ich im Neuen Testament ein Decrescendo, das ebenso bedeutsam wie beunruhigend ist:

a) Apostelgeschichte 21: alle sprechen in Zungen.
b) 1. Korinther 12: nicht alle sprechen in Zungen.
c) 1. Korinther 13: die Zungen werden aufhören.

That’s the question

Ja, das Zungenreden wird aufhören, aber wann? That’s the question! – Das ist die Frage! Bis hierher hatte ich eine, nein zwei Schlachten verloren, nein, sogar drei. Mit der Bibel in der Hand mußte ich endgültig zugeben:
1. daß das Zungenreden sich in keinem Fall an Menschen richtete; wo das praktiziert wurde, handelte es sich um eine fälschliche Nachahmung.
2. daß es für die ungläubigen Juden, für sie allein, das Zeichen der Universalität des Heils war.
3. daß es nur eine Art von Zungenreden gab und nicht zwei – wie mir das aufgrund einer oberflächlichen Auslegung gelehrt wurde.

Ich muß sagen, daß ich diese drei verlorenen Schlachten nun für Eroberungen und nicht für eine Art eingeschleustes trojanisches Pferd hielt, auch nicht für ein Art Fünfte Kolonne. Die Wahrheit entfremdet nicht, sie befreit. Meine Entdeckungen begannen allerdings, mich einige Freundschaften zu kosten; aber es blieben mir noch so viele gemeinsame Punkte und Interessen mit meinen Brüdern, daß ich besorgt sein wollte, ein allfälliges trojanisches Pferd dorthin zurückzuschicken, woher es gekommen war. Ich war entschlossen, bis auf die letzte Kugel Widerstand zu leisten.

Augustin

Inzwischen hatte ich mich sogar mit der Geschichte auseinander gesetzt, obwohl ich manchmal der Art mißtraute, wie sie geschrieben ist. Was die Väter der Urkirche sagten, kam mir – entgegen meinen Hoffnungen – sehr ungelegen. Jean Chrysostome und Augustin (354-430) sagen in ihren Kommentaren der Schrift, daß die Gabe des Zungenredens schon lange aufgehört habe. Augustin drückte sich in seinem Kapitel »Homilie zum ersten Johannes Brief« wie folgt aus:

»Es waren ihrer Epoche angepaßte Zeichen. Sie dienten dazu, das Kommen des Heiligen Geistes den Menschen aller Sprachen anzukünden, um zu beweisen, daß Gottes Evangelium allen Sprachen der Welt gepredigt werden mußte. Dieses Zeichen ereignete sich, um etwas anzukünden, danach verschwand es.«

Folglich hatte Augustin vor bald 1700 Jahren das geschrieben, was ich nun so mühsam erarbeitet hatte! Was er gelehrt, und ich meinerseits entdeckt habe, erklärt sich von selbst: Die Urkirche und sogar schon die apostolische Kirche wurden immer mehr von Menschen fremder Sprachen zusammengesetzt und folglich immer mehr überzeugt von der Universalität des Heilsangebots.

Ein Schlagaustausch, der schlecht endet

Es ist nun einmal so, daß ich eine Kämpfernatur bin. Ja, ich habe sogar ein angreiferisches Temperament. Ich liebe es, Treffer zu erzielen. Aber im Wettstreit mit Paulus hatte ich auch einige einstecken müssen.
Um meine Ehre zu retten, mußte ich einerseits die Verteidigung verstärken und andererseits wenigstens ein Tor erzielen.

Da sich Paulus und die »Anti« in meinem Lager eingenistet hatten, mußte ich mit Überraschungsangriffen aufwarten; wenn man erkennt, daß ein Duell schlecht ausgehen wird, dann zückt man seine Geheimflinten. Wohl steht geschrieben, daß die Sprachen aufhören werden, aber wann?
Der Text, der dies besagt, sagt auch, daß Erkenntnis und Prophezeiungen aufhören werden (1. Kor. 13,8, Luther gebraucht bei 1. Kor 13,8.10 nur das Wort »aufhören« nach der Elberfelder Übersetzung wird der Unterschied von »weggetan« und »aufhören« verdeutlicht). Zack! Wenn aber die ersten zwei noch nicht aufgehört haben, weshalb sollte dann die dritte Gabe nicht mehr existieren? Zack! Ist es nicht willkürlich, die eine zu eliminieren und die zwei anderen zu behalten! Zack und nochmals Zack!
Ich kreuzte an diesem Punkt die Klinge mit einem Anti-Zungenredner. Ich war sicher, daß ich ihn zu Boden strecken würde. Unglücklicherweise bin ich jedoch auf einen wahren d’Artagnan (d’Artagnan: aus dem Roman Die 3 Musketiere von A. Dumas) gestoßen. Statt meiner Finte, die »Zack« hätte machen sollen, gelang mir nur ein müdes Zaah…, und dann fand ich mich aufgespießt wie ein Brathähnchen. Der Lausbube wollte mich wahrlich auf den Grill legen.

Erkenntnis und Weissagung

Ich verstand sehr rasch, daß es zu der Zeit, als das Neue Testament noch nicht niedergeschrieben, wo weder die Weissagung noch die Erkenntnis in seinen Schriften niedergelegt waren, in den Versammlungen der Urkirche ein spontanes Wort der Erkenntnis und eine ebenso spontane prophetische Erbauung gegeben haben muß – bewirkt durch den Geist (1.Kor. 12,8). Paulus sagt übrigens: »Daran ihr merken könnt mein Verständnis des Geheimnisses Christi« (Eph. 3,3.4). Aber nachdem Erkenntnis und Weissagung einmal im Neuen Testament festgehalten waren, nahmen sie ein Ende. (»Der Prophet des neuen Testamentes ist nicht nur ein Prediger, sondern ein vom Heiligen Geist inspirierter Prediger durch den, solange das NT noch nicht geschrieben war, neue Offenbarungen gegeben wurden, die sich auf die neue Heilszeit bezogen«, Scofield Bibel zu l. Kor 14,1.)

Seither gibt es nur noch eine Erkenntnis und eine Weissagung zweiten Ranges. Sie sind nur Kommentar der ersten. Sie sind deren Erklärung, deren Interpretation, die dem, was geschrieben steht, niemals mehr etwas anfügen können. Ebensowenig kann ihr Inspirationswert mit dem der ursprünglichen Weissagung und Erkenntnis verglichen werden, da sie ja sonst der Bibel zugefügt werden müßten. Das machten die Mormonen mit den Tafeln der Neuen Welt von Joseph Smith. Und diese sind, bitte sehr, aus Gold! Sie sind gewichtig für die Mormonen, aber auch nur für sie. Andere haben ihre inspirierten Propheten oder ihren unfehlbaren Magister. Es ist das Kennzeichen der Sekten. Die neuen Schriften gelten als Parallele zur Bibel und vermögen selbst deren Autorität und Lehre in den Schatten zu stellen.

Wohl gibt es die Weissagung wie die von Agabus, der eine Hungersnot voraussagte (Apg. 11,28). Aber sie hat nichts Gemeinsames mit der Weissagung, von der Paulus sagt: »So seid ihr … erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist« (Eph.2,20). Es gibt also die Erkenntnis und die Weissagung des Fundamentes, denen niemand etwas zufügen kann. Und von dieser Erkenntnis und Weissagung des Fundamentes kann Paulus – und mit ihm jeder Christ – sagen, daß sie aufhören werden. Und sie haben aufgehört – mit den vom Autor der Offenbarung zuletzt geschriebenen Zeilen. Denn das bedeuten die Worte: »Wenn aber kommen wird das Vollkommene« (1. Kor. 13,10). Und das vollendete, vollkommene Wort Gottes ist der Schlußpunkt der Perfektion. Es steht geschrieben: »Aller Vollkommenheit sah ich ein Ende, aber dein Gebot ist unendlich« (Ps.119,96).

Im Schlepptau der andern

Was das Ende des Zungenredens betrifft, so war ich – wie viele andere – von der Idee erfüllt, es sei an »wenn aber kommen wird das Vollkommene« gebunden. Man hatte es mir so oft gesagt und wiederholt, daß ich schließlich daran glaubte, ohne es nachzuprüfen. Da es ja geschrieben steht, muß es auch wahr sein; es war so offensichtlich.

Aber vom Argwohn erfaßt, beschloß ich doch, selbst zu lesen, was der Heilige Geist darüber sagt. Und welchen Schlag mußte ich einstecken! Das war nicht mehr mein D’Artagnan, der mir den letzten Hieb versetzte, das war Paulus selbst. Mit Empörung stellte ich fest, daß man mich einmal mehr getäuscht hatte. In Tat und Wahrheit sagt der Heilige Geist in der ganzen Bibel nirgends, daß die Sprachen aufhören werden, wenn das Vollkommene kommen wird. Es genügte, das Wort Gottes in Ruhe zu lesen, um den Betrug aufzudecken. Ganz einfach steht es in drei Versen oft verkehrt und mit unehrlicher Absicht zitiert geschrieben.

Indem ich die Verse 8, 9 und 10 vom 1. Korinther l2 las, fand ich folgendes. Am besten lesen wir sie gemeinsam. Zuerst Vers 8: »… so doch die Weissagungen … und die Sprachen… und die Erkenntnis aufhören werden.« Da gibt es keine Unklarheiten. Die folgenden Verse sagen uns jetzt, was verschwinden wird, wenn das Vollkommene kommt. Wir wollen sorgfältig Vers 9 lesen: »Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen ist Stückwerk.« Aber wo haben wir das Zungenreden? Wir fügen es selbst in den Vers ein, um glaubhaft zu machen, es werde wenigstens so lange bestehen, bis das Vollkommene gekommen ist. Aber es steht nichts davon geschrieben. Folglich ist das Verschwinden des Zungenredens nicht wie die zwei anderen an das Kommen des Vollkommenen gebunden. Paulus sagt solches nicht. Natürlich nicht.

Wir haben es gesagt, nochmals gesagt, gesehen und nochmals gesehen: Das Ende des Charismas des Zungenredens ist mit etwas ganz anderem verbunden: mit dem Ziel, mit welchem Gott es hatte entstehen lassen. Und dieses Ziel war vollumfänglich erreicht, als die Tatsache vollumfänglich akzeptiert war, daß die Menschen der Nationen an diesem Heil des Jahwe im gleichen Maß »wie dieses Volk« teilhaben können. Nachdem dies allgemein geglaubt wurde, akzeptiert war und vor allem von niemandem mehr bestritten wurde, verlor diese Gabe ihre Existenzberechtigung. Und genau jener, der – in einer Epoche, als diese Gabe völlig gerechtfertigt war – besser als alle anderen damit umzugehen wußte, sagt uns, vom Heiligen Geist getrieben: »die Zungen werden aufhören«.

Diese »Feuerzungen« sind erlöscht, nicht beim Kommen des Vollkommenen, aber aus Mangel ihres natürlichen Brennstoffes: der Anwesenheit »dieses Volkes« und vor allem seiner Ungläubigkeit dem Heil der andern Völker gegenüber. Die Sterne – jeder weiß es – sind nur nachts sichtbar und nützlich. Das Tageslicht löscht sie aus. Ebenso war das Zungenreden nur nützlich angesichts des Dunkel seines Ungläubigen und dem Heil der anderssprachigen Menschen entgegenstehenden Israels. Die Gabe ist ganz natürlich erlöscht, als das volle Licht auf die Berufung der Heiden gefallen war.

Folgende Punkte machten meinen Widerstand endgültig zunichte:
Wie viele andere versuchte ich Vers 10 »Wenn aber kommen wird das Vollkommene« mit der möglichen Übersetzung »wenn der Vollkommene gekommen sein wird« zu umschreiben. Und der Vollkommene in meinen Augen war der Herr.

Lassen wir diesen Gesichtspunkt einen Augenblick stehen. Vers 8 würde somit sagen, daß Weissagung, Erkenntnis und Zungenreden erst bei der Wiederkunft Jesu aufhören würden. Aber weshalb sagt dann Vers 13:
»Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe«, und dies im Gegensatz zu den drei anderen, die vergehen? Nach welchem Ereignis bleiben sie bestehen? Denn es ist klar, daß bei der Wiederkunft Christi auch Glaube und Hoffnung vergehen werden (die Liebe ist ausgenommen, da sie ewig besteht).

Wenn also Weissagung, Erkenntnis und Zungenreden bei der Wiederkunft Christi verschwinden werden, müssen mit ihnen auch Glaube und Hoffnung verschwinden – zusammen und zur gleichen Zeit.

Das würde bedeuten: Sechs Dinge bleiben bestehen bis das Vollkommene gekommen sein wird, nämlich Weissagung, Erkenntnis, Zungenreden, Glaube, Hoffnung und Liebe!

Aber der Heilige Geist präzisiert demgegenüber, daß von diesen sechs Dingen nur der Glaube, die Hoffnung und die Liebe weiterbestehen und die anderen drei überleben werden.

Der Heilige Geist sagt aber, daß Glaube und Hoffnung bleiben und die drei anderen überdauern. Diese drei müßten also vorher aufgehört haben, bevor Glaube und Hoffnung aufhören, vor der Wiederkunft Jesu Christi.
Wann also? Hier die Reihenfolge:

1. Erkenntnis und Weissagung vergehen beim Kommen dessen, was vollkommen ist, nämlich, wenn das Wort Gottes abgeschlossen ist. Das Zungenreden hört auf, wenn sein Zweck erfüllt ist, nämlich, die Berufung der Heiden voll im Licht steht und wenn das Urteil, dessen Träger es war, auf das ungläubige Israel gefallen ist.
2. Hoffnung und Glaube vergehen nicht, sondern bleiben bis zur Wiederkunft Christi.
3. Die Liebe, die die Größte ist, geht über die Wiederkunft Jesu Christi hinaus, sie bleibt ewig bestehen.

Das Schiff sinkt

Diesmal hatte ich gut verstanden, wie unehrlich es von mir war, auf einem Detail herum zu reiten, als wäre ich der beglaubigte Verteidiger der Doktrin. Denn meine Doktrin war wie ein Schiff, das überall leck ist. Bis dahin war mein Schiff auf dem Meer, nun aber war das Meer im Schiff. Ich hatte versucht, einige kleine Löcher zuzustopfen, während eine ganze Seite aufgerissen war. Ich mußte das Schiff so schnell als möglich verlassen – und hing doch so sehr an dem alten Kahn. So ist das menschliche Herz. Es widersteht Gott und der Evidenz. Lieber bricht es, als sich zu beugen.

Dabei, was zählte meine Niederlage, wenn dafür Gottes Wahrheit triumphierte? Noch hätte ich gerne mit dem Ende von Kapitel 13 an eine wirkliche Fortsetzung des Zungenredens geglaubt. Aber diesmal war das Herz nicht mehr dabei. Ich hatte genug davon, mit einleuchtenden Erklärungen Haarspalterei zu betreiben. Es waren nicht die Bibelstellen »das Stückwerk« (1. Kor. 13,10), »da ich aber ein Mann ward« (1.Kor. l3,11) und »dann aber sehen wir uns von Angesicht zu Angesicht« (1. Kor. 13,12), die daran waren, mein Schiff wieder flott zu machen. Inzwischen waren mir die Schrift und ihre Analogie vertraut. Ohne Mühe begriff ich, daß Paulus von einer gegenwärtigen Situation, von der stückhaften Gegenwart zu einer zukünftigen, glorreichen Schlußfolgerung überging, als er sagte: »dann aber sehen wir uns von Angesicht zu Angesicht«, und daß er dies in einem Satz tut, soll uns nicht erstaunen. Jeder regelmäßige Bibelleser ist daran gewöhnt.

Als der Herr Jesus sich in die Synagoge von Nazareth begab, las er den berühmten Text in Jesaja: »Der Geist des Herrn ist bei mir, darum, daß er mich gesalbt hat; er hat mich gesandt…zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn« (Lk. 4,18.19). Hier setzt er ab, mitten in einem Satz. Und er macht es absichtlich. Denn zwischen dem zuletzt Gesagten und dem nächsten Wort des gleichen Satzes liegt eine Zeitspanne von 2000 Jahren. Der zitierte Satz spricht von seinem ersten Kommen, die Folge von seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Wird man jetzt – unter dem Vorwand, die beiden Ereignisse seien im gleichen Satz erwähnt, das erste Kommen von Christus ins 20. Jahrhundert verlegen? Das ist es, was diejenigen tun, die behaupten, das Zungenreden gehe weiter, bis wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Einfach, weil es im gleichen Kapitel steht wie der Satz, der sagt: »Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.« Nein, damit will ich nichts zu tun haben; eine solche Kapriolenauslegung ist des Zeugen Jehovas würdig, aber nicht mir. Ich überlasse sie besser den Liebhabern des Turnens am hohen Trapez.

Luftsprünge

Ein typisches Beispiel dafür war folgende Begebenheit: Ein lieber Freund war Charismatiker geworden und unterstützte – koste was es wolle – das Weiterbestehen des Zungenredens; so unterbreitete er mir folgenden Gedanken: »Wenn das Zungenreden heute nur noch als Nachahmung besteht, so bestand es auch nicht wirklich im ersten Jahrhundert, sondern war damals schon unecht.« »Denn Gott«, fügte er noch bei, »ist der gleiche gestern, heute und in Ewigkeit.« Das ist die schönste Illustration von dem, was man einen Sophismus nennt. Ebensogut könnte jemand sagen: Wenn es keine Apostel mehr gibt, die fähig sind, die Bibel in unserer Zeit zu schreiben, dann hat es nie Apostel gegeben!

Wie wäre denn mit dieser Logik zu erklären, daß dieser Gott, der seine Gaben sicher nie bereut, der gestern, heute und immer unwandelbar bleibt, seit den apostolischen Zeiten, gewisse Offenbarungen und Zeichen zurückgezogen hat?

Denn an Pfingsten haben drei Zeichen das Empfangen des Heiligen Geistes begleitet:
1. Ein großer Lärm wie von einem Sturmwind.
2. Sichtbare und getrennte Feuerzungen, die sich auf alle niedersetzten.
3. Das Zungenreden (Apg. 2, 2-4).

Jedermann ist sich einig, daß die zwei ersten Zeichen nicht angedauert haben, obwohl Gott nie gesagt hat, sie würden verschwinden. Wäre es ehrlich, im Namen eines sich nie verändernden Gottes zu behaupten: »Da die zwei ersten Zeichen heute nicht mehr existieren, haben sie nie existiert?« Dafür, oh welch irreführende Auslegung, lehnt man das Verschwinden des dritten Zeichens ab, des einzigen, von dem Gott je gesagt hat, daß es aufhören werde.

Ein bißchen mehr Bibelkenntnis bitte!

Für viele besteht die größte Schwierigkeit darin, gelten zu lassen, daß gewisse für die Kirche nützliche Geistesgaben nicht mehr vorhanden sein sollen, während die Kirche weiterbesteht. Sie sagen, wenn die Urkirche deren bedurfte, wieviel mehr dann die Kirche in der Endzeit.

Diese scheinbare Logik entbehrt jeder Überlegung und Schriftkenntnis. Anläßlich eines Gesprächs über diese Frage mit einem sehr lieben Freund, zitierte dieser folgende, oft gehörte Verse: »Gott ist der gleiche gestern, heute und in Ewigkeit« und »die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar (unwiderruflich).« In seinen Augen war das, was Gott in seinem Wort aussagte immerwährend aktuell. Ich fragte ihn dann, warum er denn weder seinen Knaben beschnitt, noch die von der Bibel vorgeschriebenen Opfer und Schlachtopfer darbringe, noch das Fest des Herrn beginge.

Nachdenklich geworden sah er ein, daß er leichtfertig geredet hatte. Denn obwohl das Wort Gottes ewig besteht, sind gewisse Anweisungen nicht mehr auf uns heute übertragbar.

Er sagte mir darauf: »Natürlich gelten gewisse Praktiken des AT für uns nicht mehr, aber mit dem NT ist es nicht das gleiche, das ist für uns. Wir müssen es als Ganzes annehmen und vor allem die Worte Jesu Christi.«
Ich öffnete die Bibel im NT und verlangte von ihm Aufklärung über die Worte Jesu in Matthäus 10,5 und 6, wo er die zwölf Apostel aussandte und ihnen gebot: »Begebet euch nicht auf die Straße der Heiden … gehet vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.«

Dies sagt aus, daß das Evangelium nur Israel verkündet werden durfte und nicht den Nationen. »Akzeptierst du dieses Wort Jesu heute?« fragte ich ihn.

Er blieb eine Weile sprachlos, dann sagte er: »Daran habe ich nie gedacht.« Da wir beide an die vollkommene Inspiration der Schrift glauben, daß keine Weissagung von Gott ein Werk eigener Deutung und niemals durch menschlichen Willen hervorgebracht worden ist, sondern, daß vom heiligen Geist getriebene Menschen geredet haben (2. Petr. l,2l), habe ich ihn gefragt, ob diese für den Bau der Gemeinde so nützliche Gabe des inspirierten Niederschreibens von Erkenntnis und Weissagung noch besteht. Ohne zu zögern antwortete er: Nein. – So glaubst du, daß diese Gabe aufgehört hat? Ja. – Darf heute noch jemand der Bibel Seiten beifügen? Nein. – Du glaubst also, daß Gott diese Gabe zurückgezogen hat? Ja – Sagt die Bibel, deiner Meinung nach, daß diese Gabe aufgehört hat? Nein. – Und dennoch glaubst du, daß sie aufgehört hat? Ja. – Da du glaubst, daß diese Gabe aufgehört hat, obwohl die Bibel nirgends etwas davon schreibt (Zu Unrecht berufen sich einige auf Offenbarung 22,18 als Beweis dafür, daß die Inspiration der Bibel mit der Offenbarung des Johannes endet. Es handelt sich hier um »die Weissagung dieses Buches«. Das gleiche Verbot steht nämlich in den Büchern Mose geschrieben, und dennoch sind eine große Anzahl weiterer inspirierter Schriften hinzugefügt worden. Der Grund für das Ende der Inspiration von Schriften muß somit anderswo gesucht werden, aber das würde den Rahmen unserer Betrachtung sprengen.),so sage mir, warum du nicht an das Aufhören des Zungenredens glaubst, wenn die Bibel spricht: »Das Zungenreden wird aufhören?«

(Hebr.8,8): Wehe den Hamsterern der Gaben des Heiligen Geistes. Schufte sind die Samsone, die vom Geist mehr in Unruhe versetzt als angetrieben werden und die davon wie Kinder Gebrauch machen, die weder Maß noch Vernunft kennen und alles für sich selbst nehmen.

Manna, das Brot des Himmels

Lange Zeit lehne ich mich gegen die Idee auf, daß Gott der Kirche eine oder mehrere Geistesgaben entzogen haben könnte. Ich mußte aber zur Einsicht kommen, daß einzig Gott bleibt und nicht seine Gaben. Die Gabe des Rizinussonnenschirmes von Jona wurde wieder zurückgenommen, obwohl er ihn noch nötig zu haben glaubte (Jona 4,7.8). Aber indem er seine Rizinuspflanze verlor, hat er seinen Gott nicht verloren, denn wenn der Herr seine Gaben zurücknimmt, so nimmt er nicht sich selbst zurück.

Zum Vergleich, und nicht als Beweisstück, füge ich hier eine Lehre an, die ich aus der Geschichte Israels in der Wüste gezogen habe: An sechs von sieben Tagen erhielt das Volk Israel die Gabe des Manna vom Himmel, das Brot von oben, das auf die Erde herabkam. In Ägypten hatten sie diese Gabe nicht gehabt, obwohl Gott auch da mit ihnen war. In der Wüste war diese Gabe ein Zeichen, im voraus ein Beweis der reichen Ernten, die in Kanaan auf sie warteten. Vierzig Jahre hielt das Zeichen an. Bei ihrer Ankunft im Gelobten Land hörte das Manna auf. Gott zog es zurück (Jos.5,12). Weshalb? Weil sie die Ernten des Landes hatten. Die Gabe, nur Zeichen und Schatten der versprochenen Dinge, hatte sich bewahrheitet und hörte auf.

Ich fasse diesen Vergleich in drei Punkten zusammen:

1. Das Manna war den Israeliten in Ägypten ebensowenig gegeben wie Jesus das Zungenreden während seines irdischen Dienstes.

2. Das während vierzig Jahren in der Wüste erhaltene Manna kündete die Ernten von Kanaan an, wie das Zungenreden dem jüdischen Volk die Ernte der Heiden ankündigte (Apg. 2,17-21).

3. Die Gabe des Manna hörte in Kanaan auf. Laut Paulus hört das Zungenreden ebenfalls auf, wenn die Offensichtlichkeit der Ernte der Heiden nicht mehr verneint und bestritten wird.

Das Ende

Ich möchte jetzt den immer fraglichen Boden der Vergleiche verlassen und zu einer Doppelwahrheit kommen, die sich mir durch ihren gleichzeitig doktrinalen und absoluten Charakter aufgedrängt hat:

1. Das durch das Zungenreden angekündigte Gericht (Jes. 28,11-13) ist im Jahre 70 in dramatischer Weise über das ungläubige Israel gekommen durch die Einnahme Jerusalems und die weltweite Vertreibung der Juden.

2. Der massive Eintritt der Heiden (Sprachen) in die Kirche, der auch durch das Zungenreden angekündigt worden war, hat sich parallel mit dem Beiseitestellen und dem Gericht Israels vollzogen. Das Zeichen hatte sich vollständig erfüllt. Ebenso erfüllt wie das große »Es ist vollbracht!« am Kreuze, das jede Erneuerung dieses Opfers untersagt. Das Zungenreden dauert ebenfalls nicht an, laut dem, was der Heilige Geist darüber prophezeit hat: »Die Sprachen werden aufhören« (1.Kor. l3,8).

Kapitel 10

Er erbaut sich selbst

Ein weiteres Mal muß ich auf den tausendfach zitierten Satz »wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst« (1.Kor.14,4) zurück kommen. Diese Behauptung stellt das Ende des Zungenredens, das wir eben ausgiebig besprochen haben, nicht in Frage. Wenn wir nun nochmals davon sprechen, ist es, um es in seiner geschichtlichen Gegebenheit zu sehen. Es ist ein wenig, wie wenn man von der Inspiration der Bibel spricht: Zu sagen, sie sei von Gott inspiriert, heißt nicht, daß sie dadurch verlängert wird in dem Sinne, daß heute den alten Seiten neue angefügt werden.

Wir haben gesehen, daß das Ziel des Zungenredens war, den ungläubigen Juden, die sich der Auserwählung der Heiden widersetzten, ein Zeichen zu geben. Aber in einer Zeit, als mir diese Wahrheit nur halbwegs einleuchtete, fragte ich mich, ob dies wohl der alleinige Zweck sei. Wenn ja, dann war es wirklich fertig mit dem Zungenreden. Zu dieser Zeit teilte ich mit Tausenden anderen die Idee, das Zungenreden diene vor allem zur Erbauung dessen, der es ausübe.

Man hatte es mir zu oft gesagt, als daß ich diese Lektion nicht gelernt hätte. Ich kannte dieses Lied auswendig. In diesem noch kindlichen Stadium meiner Kenntnisse hatte ich das Gefühl, daß dieser Text allein alle jene zum Schweigen bringen sollte, die die Aktualität des Zungenredens verneinten. Es war eine Geistesgabe, um sich selbst zu erbauen. Das Umgehen mit diesem Vers verlieh mir ein gewisses Triumphgefühl. Er schien mir ebenso absolut wie das »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde…« (Mt. 16,18) für einen konservativen Katholiken. Von Geburt auf katholisch, sah ich mich bald gezwungen, meine Ansprüche an das »Du bist Petrus…« heranzusetzen. Diese Waffe, die ich in meiner euphorischen Ignoranz als absolut angesehen hatte, entpuppte sich als nasse Knallkapsel. Ebenso naß wie die andere, die überhaupt nicht das sagen will, was Rom sie zu sagen macht. Nachdem ich bereits das Opfer mehrerer solcher Irrtümer war, beschloß ich, meinen Text in seinem ganzen Zusammenhang anhand der Kapitel 12,13 und 14 des l. Korintherbriefes nachzuprüfen. Ich startete von Null an und las alle diese Kapitel mit größter Sorgfalt nach. Die Bombe schlug ein, nicht bei den anderen, sondern bei mir selbst.

Der Leitgedanke

Welches ist der Leitgedanke der rote Faden in diesen drei großen Kapiteln? – Die anderen, das Gemeinwohl, jeder Zeile dieses Textes steht das Wohl des anderen, die Erbauung des anderen im Mittelpunkt. Wie ein Leitmotiv kehrt es verschieden ausgedrückt wieder: der andere, der andere, der andere.

1.  »…in einem jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinen Nutzen« (12,7).
2.  »…sondern die Glieder füreinander gleich sorgen« (12,25).
3.  »…der redet den Menschen zur Besserung und zur Ermahnung und zur Tröstung« (14,3).
4.  »… der bessert die Gemeinde« (14,4)
5.  »… daß die Gemeinde davon gebessert werde « (14,5).
6.  »…was wäre ich euch nütze… « (14,6).
7.  »….wie kann man erkennen… « (14,7).
8.  »….wer wird sich zum Streitrüsten? « (14,8).
9.  »….wie kann man wissen… « (14,9)
10. » … auf daß ihr die Gemeinde bessert « (14,2).
11. » … wie soll der … Amen sagen… « (14,16).
12. » …sintemal er nicht weiß, was du sagst « (14,16).
13. » … aber der andere wird nicht davon gebessert) (14,t7).
14. » …auf daß ich auch andere unterweise…) (14,19).
15. »… lasset es alles geschehen zur Besserung « (14,31) (der anderen) (14,26).
16. »… auf daß sie alle lernen… « (14,31).
17. » …und alle ermahnt werden.«
18. Das ganze 13. Kapitel behandelt die Liebe, die ausgesprochen eine Frucht für die anderen ist, denn kein Baum trägt Früchte für sich selbst. Aber hier, mitten in diesem allgemeinen Altruismus, der der Zweck aller Geistesgaben ist, taucht das schönste Muster von Egozentrismus auf: »Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst«. Wie ist das doch kleinlich, kleinlich, kleinlich! Ein Charisma für sich zurückzunehmen, das Gott für die anderen gegeben hat! Welch tadelnswerter Egoismus. Und Paulus drückt sich auch in einem Tadel aus, wenn er brandmarkt »…er erbaut sich selbst… « (Hebr.8,8): Wehe den Hamsterern der Gaben des Heiligen Geistes. Schufte sind die Samsone, die vom Geist mehr in Unruhe versetzt als angetrieben werden und die davon wie Kinder Gebrauch machen, die weder Maß noch Vernunft kennen und alles für sich selbst nehmen.

Tadel

Schaut auf die Propheten, sagt Paulus. Das ist das Beispiel, dem wir zu folgen haben. Sicher werden sie selbst auch von den Gaben erbaut (das ist selbstverständlich),aber wenigstens erbauen sie die andern; sie prophezeien für die anderen, und nicht nur für sich selbst. Wenn das Auge sieht, so sieht es für den ganzen Körper, und nicht für sich allein. Es fängt das Licht nicht für sich selbst ab, sondern läßt den ganzen Körper daran teilhaben. Der Fuß geht nicht für sich allein; er bewegt den ganzen Körper. In einer Zeit, als die Gabe des Zungenredens ihre volle Daseinsberechtigung hatte, war die Ausübung ohne die Anwesenheit ungläubiger Juden (an die es gerichtet war) durch denjenigen zensuriert, der diese Gabe besser als alle anderen beherrschte. Er brandmarkte jene, die es ohne reifliche Überlegung oder für eigene Zwecke benutzten. Ein Pfarrer erbaut sich selbst, aber in erster Linie erbaut er die anderen. Auch der Arzt erbaut sich selbst, wenn er von seinem Wissen Gebrauch macht, aber er erbaut die anderen auch. Der Evangelist zieht persönlichen Nutzen aus seinem Charisma, aber es sind die Unbekehrten, denen es zugute kommt. Und genau die Ausübung der Weissagung setzt Paulus in diesem bekannten Satz dem Zungenreden gegenüber (1. Kor. 14,4). Das eine erbaute die Kirche, während das andere nur jenen erbaute, der redete, und zudem für die einfachen Zuhörer unverständlich war (1.Kor. 14,11). Das heißt, daß jener, der prophezeite, das Ziel, nämlich die anderen, erreichte, während der Zungenredner es verpaßte. Das »…er erbaut nur sich selbst« ist nichts anderes als ein Mißbrauch, den Paulus tadelt. Und dieser Tadel, der von diesem Meister kommt, welcher mehr und besser als alle anderen in Zungen redet, sollte diese Schwätzer von Korinth, die er andernorts als »Kinder« betitelt (1.Kor. 3,1; 14,20), schütteln.

Oft fühlte ich mich sehr einsam in meinen Entdeckungen. So erlebte ich eine freudige Überraschung, als ich von der Feder von John Stott in seinem Buch »Über die Taufe in der Fülle« las, daß er dem Sinne nach dem, was ich in diesem Kapitel geschrieben habe, völlig beipflichtet: Nachdem er betont hat, daß die Selbsterbauung in keiner Weise mit der Erbauung des Neuen Testaments übereinstimmt, fährt er fort: »… müssen wir nicht zugeben, daß es sich da um einen Mißbrauch einer Gabe handelte? Was würden wir von einem Gläubigen halten, der – mit einer Gabe des Unterrichts versehen – nur sich selbst unterrichtet, oder von einem Mann mit der Gabe des Heilens, der nur sich selbst heilt? Es fällt schwer, die rein persönliche Verwendung einer Gabe zu rechtfertigen, die ausdrücklich zum Dienste am Nächsten geschenkt worden ist.«

Kapitel 11

Wo sollte in Zungen geredet werden?

Diese Frage zeigte mir wieder einmal die in gewissen Kreisen weit verbreitete Idee, wonach man vor allem »bei sich«,»zu Hause«, zungenreden sollte. Diese Idee wird Paulus zugeschrieben, der sie den Korinthern weitergegeben haben soll. Ich habe also nachgeschaut, was er darüber sagte. Ich habe diesen Text gesucht und nicht gefunden. Menschenskind! sagte ich mir, über wen macht man sich hier lustig? Nein, ich glaube nicht an den unsichtbaren Mann aus der Fernsehserie. Sollten all die Bibelübersetzungen, in denen ich nachgesucht hatte, diesen Text zum Verschwinden gebracht und unsichtbar gemacht haben? Einen Text, den man mir zum Apostelwort machte? Das einzige, was ich fand, war: »Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde, rede aber sich selber und Gott« (1.Kor. 14,18). Das ist ganz einfach die eleganteste und christlichste Art, zu sagen »seid still«. Aber nichts steht geschrieben vom Zungenreden bei sich zu Hause, für sich allein. Wo sollte das Zungenreden geschehen?

Als Zeichen für »dieses jüdische Volk« sollte es da ausgeübt werden, wo die ungläubigen Juden sich befanden, in ihrer Begleitung, in ihrer Gegenwart. Da, wo das Zeichen die Möglichkeit hatte, verstanden zu werden und nicht dort, wo niemand es verstand. Das 2. Kapitel der Apostelgeschichte ist das beste Beispiel dafür. Das Zeichen erschien in Gegenwart von Juden aus fünfzehn verschiedenen Nationen und sollte ihnen klarmachen, daß die Auserwählung durch Gott »jedermann« widerfahren kann und daß sie sich auf »alles Fleisch« ausbreitet. Da sollte dieses Zeichen gebraucht werden und nicht bei sich oder in der Gemeinde. Denn in der Gemeinde, sagte Paulus: lieber fünf für alle verständliche Worte als zehntausend in Zungenrede, die niemand verstand.

Paulus, als berufener Apostel der Heiden, hatte mehr als alle anderen Gelegenheit, in dem von Gott gewollten Rahmen in Zungen zu reden; denn als Apostel der Sprachen war er überall auch in Kontakt und Konflikt mit den Juden und sogar mit seinen jüdischen Brüdern, die in diesem Punkt der Doktrin ungläubig blieben.

Wenn Paulus sagt: »Ich spreche in Zungen mehr als ihr alle«, meint er damit nicht eine größere Anzahl Worte. Er tritt keinen Wettkampf gegen die Korinther an. Das ist keineswegs seine Absicht. Denn was Redefluß und Sprachgewandtheit anbelangt, hätte er es nie mit den redseligen Korinthern aufnehmen können. Aber an »Verständnis« (1.Kor. 14,20) sprach er mehr als sie. Nicht für sich allein oder vor den Gläubigen, sondern vor den Augen und Ohren der Ungläubigen dieses Volkes, für die dieses Zeichen bestimmt war (1. Kor. 14,22).
Die Lichtampeln sind – jeder weiß es – an die Straßenbenützer gerichtete Zeichen. Was würde man von den Verantwortlichen der Straßensignalisation denken, wenn sie die Ampeln einsammelten, um sie in einem Saal der Stadtverwaltung blinken zu lassen? Außerhalb der Straßenkreuzungen wird der Gebrauch dieser Zeichen absurd. Wozu hätte denn das grüne Licht des Zungenredens bei sich zu Hause, in den eigenen vier Wänden, dienen sollen, weg von diesem Volk, für das es bestimmt war?

Denn was dieses Zeichensagen wollte, ist klar: Daß das Licht auf grün war und somit den Durchgang zu allen Sprachen der Erde öffnete, damit diese sich der Schar der von Jesus Christus Erkauften anschlössen.

Ein Beweis wie ein anderer

Jemand wird mir vielleicht sagen: Als Paulus den Heiligen Geist empfing, er, der Jude, hat er doch nicht in Zungen geredet. Das wäre aber für ihn und auch für Ananias, diesen anderen Juden, der ihm die Hände auflegte, nützlich gewesen. Aber genau in ihrem Fall war das Zeichen von keinem Nutzen, denn dem einen wie dem anderen verkündete der Herr selbst mit folgenden Worten, daß der Name Jahwe und sein Wort zu den Menschen aller Sprachen übergehen würde: »Denn dieser ist mir ein auserwähltes Rüstzeug, daß er meinen Namen trage vor den Heiden und vor den Königen und vor den Kindern Israel« (Apg. 9,15) und »Der Gott unserer Väter hat dich verordnet, daß du seinen Willen erkennen solltest und sehen den Gerechten und hören die Stimme aus seinem Munde; denn du wirst sein Zeuge zu allen Menschen sein von dem, das du gesehen und gehört hast» (Apg. 22,14.15). Paulus weiß es, Ananias auch. Das Zeichen vollzog sich ebenso wenig, wie es sich heute bei denen vollzieht, die wissen, daß das Evangelium für die Menschen aller Völker, aller Nationen, aller Stämme und Sprachen ist. Weder Paulus noch Ananias, noch wir bestreiten diese Wahrheit. Das Zeichen wäre überflüssig.

Wehret dem Zungenreden nicht

Ein Bruder, dem ich diese Dinge auslegte, stellte mir eines Tages die Frage: Warum sagt Paulus »…und wehret nicht, mit Zungen zu reden« (1.Kor. 14,39)? Weil trotz der Übertreibungen der Korinther und ihrem unüberlegten und unangebrachten Gebrauch dieser Gabe es eine Geistesgabe ist, die Paulus zwar bevormunden, keineswegs aber ersticken will. Solange diese Gabe angebracht war, konnte Paulus ihre Ausübung nicht verbieten – außer, wo sie im falschen Sinn gebraucht wurde. Den Gaben und Berufungen von Gott folgt nie Reue nach, wie wir es im Fall von Simson sehen. Seine übermenschliche Kraft war auch eine Gabe Gottes. Aber in seiner geistlichen Unreife brauchte und mißbrauchte er sie – wie die Korinther es mit dem Zungenreden taten. Die Kraft des einen und das Charisma der anderen mußten für bessere Zwecke kanalisiert werden, bis der Heilige Geist deren Ausübung unterband.

Dieses inspirierte Wort: »wehret nicht in Zungen zu reden« möchten einige unbedingt als absolut verstehen. Man könne unter keinem Vorwand verhindern, in Zungen zu reden, das sei Tatsache und fertig!
Diese Betrachtungsweise setzt den Heiligen Geist sofort mit sich selbst in Widerspruch, denn ein bißchen weiter oben, in Vers 28, sagt er: »Ist aber kein Ausleger da, so schweige er…« Das heißt, man unterbindet das Zungenreden ohne nachfolgende Auslegung. Entweder bürdet dieser Mann sich selbst das Schweigen auf, oder man gebietet es ihm; aber er soll schweigen, sagt Paulus.

Das nennt man: verhindern in Zungen zu reden – oder ich verstehe meine eigene Sprache nicht mehr.
Diese Methode, das Zungenreden zu unterbinden, macht sich manchmal in gewissen Gemeinden, in denen diese »Gabe« gepflegt wird, bemerkbar. Es kommt vor, daß Personen, die sozusagen dem Auslegen verfallen sind, öffentlich gebeten werden zu schweigen.

Wenn schon zu der Zeit, als die Gabe Gültigkeit hatte, Paulus unter gewissen Umständen unterband es auszuüben, weshalb hindern wir dem nicht heute, da es weder als Handlung noch zeitlich gesehen mit irgend einem geschriebenen Modell übereinstimmt. Ich betone nochmals, daß das Festhalten an dieser Gabe ebenso schlimm ist, wie ein Glauben an den Weiterbestand der außerordentlichen Gabe des Heiligen Geistes, betreffs der Eingebung der Schriften. Denn er hat sie uns gegeben, vervollständigt und abgeschlossen.

Paulus hat Lukas nicht davon abgehalten, sein Evangelium und die Apostelgeschichte zu schreiben. Er selbst schrieb – mehr als alle andern – vom Geist inspirierte Briefe. Er hätte zu der Abfassung der Bücher des Neuen Testaments sagen können: Wehret nicht, sie zu schreiben wie er vom Zungenreden gesagt hat »verwehret es nicht«. Aber weiterzufahren mit Schreiben oder mit Zungenreden, wenn Gott selbst das Ende dieser Gaben beschlossen hat, das ist eine Sache, die in das Ressort der gefährlichsten Häresie gehört.

Die große Anzahl

Was die einen bestärkt und die anderen verunsichert, ist die große Anzahl von Leuten, die heute in Zungen reden. Früher verlieh mir diese Tatsache Sicherheit. Ich sagte mir mit einer gewissen Befriedigung: Es sind doch wirklich nicht alles Schurken, die in Zungen reden. Aber auch da kam mir meine Kantsche Manie, über alles nachzudenken, in die Quere! (Mittlerweile habe ich erfahren, daß sie von Gott kommt, denn wir sind aufgerufen, ihn zu lieben mit all unseren … Gedanken.) Meine so gründlichen Gedanken bewölkten oft meine Unbeschwertheit, was den Wert meiner Argumente betraf. So sagte ich mir: Die Anzahl ist kein Beweis für die Wahrheit. Es war die größere Menge, die Mehrzahl, die schrie: »Hinweg mit diesem, und gib uns Barabbas frei« (Lk. 23,18). Die 700 Millionen Mohammedaner, die glauben, was Mohammed gelehrt hat, beweisen die Richtigkeit dieser Lehre nicht. Es gibt mehr Menschen, die an die Wunder von Lourdes und die davon abstammende Doktrin glauben, als Menschen, die in Zungen reden. Muß man aber die Marienlehre im Namen der größeren Anzahl annehmen? Jesus war allein. Jeremia und Paulus ebenfalls. Aber sie waren es, die recht hatten.
Und dann gab es – oh, welch Argument einige große – Namen in der Welt der Evangelisation, die auch zum Zungenreden gekommen waren, und auf deren Berühmtheit sich man nun ständig bezog. Wie Bananenschalen schob man mir jetzt diese Namen unter die Füße, um mir so auf elegante Art zu sagen: »Du bist doch viel zu klein, um jenen das Wasser zu reichen.«
Aber was für einige noch ein Anhaltspunkt ist, gilt für mich nicht mehr als Referenz; umso mehr als man viel größere Namen weltweit bekannter Gottesdiener aufzählen könnte, die sich dem Zungenreden ganz radikal widersetzen.

Unter dem Vergrößerungsglas

Vor einigen Jahren hatte ich die Ehre demjenigen zu begegnen, den man mir heute als Modell der Entdeckung des Zungenredens preist. Er hatte mir persönlich andere Entdeckungen, die nichts mit unserem Themen zu tun haben, bekanntgemacht. Zwei dieser Entdeckungen waren grobe Doktrinfehler. Sein Heiligenschein war ein Mythos. Von diesem Tage an, hörte ich ihm weiterhin mit Vergnügen zu, allerdings nicht mehr durch jenen Nebel von Berühmtheit, der ihn umgab oder von Weitblick, den man ihm zuschrieb. Ohne Vergrößerungsglas war er gewiß von respektabler, aber alles in allem doch recht normaler geistlicher Statur, und nicht mehr. Seine Stellungnahmen waren nicht unfehlbarer als jene des Heiligen Vaters in Rom, der für die Indulgenzien und gegen die Heirat von Priestern ist. Aber das ist eine andere Angelegenheit, und zwar ihre, nicht meine. Meine ist es, mich vor dem Wort Gottes zu beugen, wie Hiob es tat (Hiob 23,12). Denn nach der einen oder der andern Seite müssen wir uns beugen. So haben wir einerseits die Heilige Schrift, unübertrefflich, transzendent; und andererseits die »Evidenzen«, »Erfahrungen«, »Entdeckungen« und andere berüchtigte Stellungnahmen, von denen ich soeben gesprochen habe. Ich muß wohl von diesen Erfahrungen sprechen – wider meinen Willen – die zumindest suspekt sind, ganz abgesehen von der schwerwiegenden Tatsache, daß sie sich außerhalb der Gotteszeit abspielen.

Kapitel 12

Widersprüche

Kürzlich hörte ich ein Lied in Zungenrede, dessen Auslegung etwa zwanzig Mal länger war als die langsamen und spärlichen Worte des Liedes. Niemand hat mit der Wimper gezuckt, alle haben diesen Elefanten geschluckt, obwohl diese Kirche bekannt ist. Uns was soll man von diesem vor wenigen Wochen gehörten Zungenreden halten, wo der Ausdruck, »Spiriti Santi« mindestens dreimal ausgesprochen wurde, ohne daß ein entsprechender Begriff in der Interpretation erschien? Hinzu kommt, daß in dieser Pseudo-Zungenrede nur der Ausdruck »Spiriti Santi« in italienischer Sprache war. Da »Spiriti Santi« zudem die Mehrzahl von »Spirito Santo« (Hl.Geist) ist, setzte dieser Redner den einen Geist (Eph. 4,4-6) in die Mehrzahl, was eine Lästerung des Hl. Geist bedeutet. Zur Krönung bestätigte es die ganze Versammlung mit einem kräftigen »Amen«.

Das Milieu, in dem sich diese Überspanntheiten zutragen, ist erst noch nüchtern und gemäßigt. Diese Widersprüche schienen die Ruhe der Zuhörer in keiner Weise zu stören. Als ich mir diese Auffälligkeit erklären lassen wollte, waren die Antworten erst ausweichend.

Verschiedene gestanden, daß ihr Zungenreden weder von dem, der es spricht, noch von denen, die es hören, noch von dem, der es übersetzt, verstanden wird. Ihrer Auffassung nach handelte s sich um eine ekstatische Übersetzung; eher um eine vom Herzen kommende Auslegung als eine wirkliche Übersetzung! Mit anderen Worten, es kann irgend etwas gesagt werden!

Andere gaben ohne weiteres zu, daß es verschiedene Übersetzungen einer einzigen Zungenrede geben könne!
Ebenso, sagte ich mir, könnte sich eine Weizensaat in eine Mais-, Hafer- oder Roggenernte entwickeln, ohne daß der Bauer sich wundert?!

Würde mir jemand weismachen wollen, eine Katze könne gleichzeitig mit Kätzchen, Welpen, Füchsen und Füllen niederkommen, ohne daß mich das ärgerte? Aber niemand ärgert sich darüber, wenn man uns auf geistlichem Gebiet glaubhaft machen will, daß ein und dasselbe Zungenreden verschiedene Arten von Übersetzung zulasse? Hätten wir es hier mit einer Art Mutation, einer Art von evangelischem Darwinismus zu tun? Sollte ich dem einfach passiv zustimmen, ohne den Betrug laut zu verschreien?

Ein anderer schrieb mir, er fände nichts Außergewöhnliches daran, wenn die Interpretation zwei- oder auch zwanzigmal länger sei als das Original. Seiner Ansicht nach ist die Interpretation nicht die Übersetzung von dem, was der Mensch gesagt hat, sondern Antwort Gottes auf die Zungenrede! Da war ich aber mehr als verblüfft! Und sollte ich der einzige auf Erden sein, dagegen zu protestieren – ich wollte es tun. Nein, und nochmals nein, die Schrift läßt sich nicht auf diese Weise manipulieren. Sie fordert ausdrücklich eine Übersetzung, als sie den Zungenredner in der Gemeinde zu Korinth fragt: »Wenn du aber segnest im Geist, wie soll der, der an des Laien statt steht, Amen sagen auf deine Danksagung, wenn er nicht weiß, was du sagst?« (1.Kor. 14,16) Man mußte verstehen, was der Zungenredner sagt, um in das »Amen« einstimmen zu können. Und wie konnte man es verstehen? Durch die Interpretation (1. Kor. 14,28). Und diese Interpretation war nichts anderes als die Übersetzung von dem, was Gott durch den Geist in der Zungenrede gesagt worden war.
Nur wer den Sinn der Schrift zu seinem eigenen Verderben verdreht, wagt das Gegenteil zu behaupten (2. Petr. 3,16).

Ich weigere mich

Ich könnte hier eine ganze Wagenladung von diesen unglücklichen »Erfahrungen« anführen, auf die man zum großen Pech noch die Passepartout-Etikette »heiliger Geist« klebt. In Wahrheit tragen sie die Marke der Einbildung, des Opportunismus, Subjektivismus, und einige riechen schlicht und einfach nach Schwefel. Ich könnte darüber noch viele Seiten schreiben. Die Quelle ist unversiegbar. Aber ich weigere mich, diese schmutzigen, aber oft traurig wahren Geschichten jenen zum Fraß vorzuwerfen, die sich nur daran ergötzen wollen. Im Namen des Verrates von Judas oder der Verleugnung durch Petrus die Jünger Christi in Verruf zu bringen, ist eine Methode, die ich ablehne. Man beurteilt eine Sache nicht immer nach denen, die sie verteidigen. Ich habe mir sagen lassen, daß ein betrüblicher Hang zur Immoralität sich im Pfingstmilieu fast ebensosehr breitmacht wie im Katholizismus, wenn auch aus anderen Gründen. Das rührt von ihrem hypersentimentalen Umgang mit dem geistlichen Leben, dem Überlassen ihres Willens an unbekannte psychische Kräfte und ihrem maßlosen Wunsch nach Erfolg her. Man lehrt mich nichts, wenn man mir sagt, daß sie sich anderen evangelikalen Kreisen gegenüber oft nicht loyal verhalten, daß sie gerne in trüben Wassern fischen und daß sowohl in ihren Worten als auch in ihren Schriften der Respekt vor der strikten Wahrheit nicht gerade übertrieben ist. Ich für meinen Teil weigere mich, nun diese Schattenseiten systematisch aufzudecken, umso mehr als andere evangelikale Kreise in diesen Bereichen auch nicht immer vorbildlich sind. Aber es soll uns eine Lehre sein. Die Ampel steht auf Orange für all die, welche die Bibel beiseite legen und dabei vorgeben, nur auf sie zu blicken.

Drei Gefahren

Drei Gefahren sind mit der heutigen Ausübung vom Zungenreden verbunden. Wir müssen in Erinnerung behalten – wenn wir ernsthaft darüber sprechen und die Wichtigkeit unterstreichenwollen – daß der Heilige Geist dieses Charisma, das er aus bereits erklärten Gründen verliehen hatte, zurück gezogen hat.

Erste Gefahr: Paulus sagt uns, daß der Verstand ohne Frucht bleibt (1. Kor. 14,14). Der Psalmist sagte: »Mein Herz dichtet ein feines Lied; ich will singen von einem König.« Läßt aber der Heilige Geist vom Dichter ab, so dichtet dieser nichts mehr. Man läßt alles geschehen. Man läßt der Sache ihren Lauf und landet auf dem sanften Ruhekissen der Faulheit.

Zweite Gefahr: Das Diplom der wegöffnenden Überheblichkeit. Für viele ist das Erlangen des Zungenredens die allerhöchste Anerkennung, aber gleichzeitig auch ihr Marschallstab. Die anderen sind nur Gefreite oder bestenfalls einfache Korporale. Manchmal werden Menschen, die diese Gabe nicht besitzen, sogar für Nicht-Christen gehalten.

Dritte Gefahr: Das Zungenreden ersetzt die Selbstkritik und Selbstprüfung vor dem Wort Gottes. Wenn die Sünde sich bei einem Christen einschleicht und Bleibe nimmt, so soll er sich prüfen (1.Kor. 11,28.31).
Aber mit dem Zungenreden als Urteilskriterium ist die Probe schnell gemacht. Jeder kann den Versuch des Zungenredens wiederholen, und wenn das Experiment läuft – und es wird bestimmt klappen, denn der Heilige Geist, obgleich betrübt, hat mit dieser Sache nichts zu tun – kann jener, der sich auf diese Weise prüft, mit Erleichterung sagen: Da der Geist mich weiterhin treibt und sich durch mich weiterhin auf die übernatürliche Weise ausdrückt, heißt er mich gut, oder besser gesagt, er mißbilligt mich nicht. Auf jeden Fall nimmt er sein Wort nicht von meinen Lippen. Unsinniger Trugschluß, der als Urteilsgrundlage nicht das nimmt, was vom Wort Gottes verurteilt, sondern das, was vom Zungenreden gutgeheißen wird. Glücklich ist der, welcher sich nicht durch das, was er billigt, verdammt (Röm. 14,22).

Dies sind die Gefahren, denen sich unsere charismatischen Brüder ausgesetzt haben und vor denen sie gewichen sind, so daß sie einen katholischen Priester und die falschen Lehren, die er weiterhin verbreitet, nicht mehr ablehnen, sobald er in Zungen redet. Denn sobald dieser Pater – sei er Jesuit, Anhänger der Marienlehre, klerikal, etc… – in Zungen spricht, so stimmt ihm doch der Heilige Geist zu wie irgend einem evangelischen wiedergeborenen Christen. Grausames Dilemma und armseliger Trugschluß, der geradewegs zu allen möglichen doktrinalen Kapitulationen führt.

Kapitel 13

Die eherne Schlange

Mose hatte die eherne Schlange auf den Befehl Gottes hergerichtet, und sie diente zum Heil Tausender von Menschen (4. Mo. 21,9). Sie war eine göttliche Gabe, eine Macht Gottes zum Heil jener, die an das Wort Gottes glaubten, und die Jesus Christus selbst bei seiner denkwürdigen Unterredung mit Nikodemus erwähnte; ja, er ging so weit, eine packende Parallele zu ziehen zwischen seiner Person, seinem Wirken und der Schlange: »Und wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muß des Menschen Sohn erhöht werden…« (Joh.3,14). Die Israeliten hatten diese eherne Schlange während Jahrhunderten ehrfürchtig aufbewahrt. Aber was lesen wir in 2. Könige 18, Vers 4? Was macht der gute König Hiskia damit?: »… er rottete das Ascherabild aus und zerstieß die eherne Schlange, die Mose gemacht hatte; denn bis zu der Zeit hatten ihr die Kinder Israel geräuchert…«

Die Schlange war Israel zum Stein des Anstoßes geworden – obwohl es die gleiche Schlange wie damals war. Es war keine Kopie, keine Nachahmung der alten, nein es war die echte, die richtige. Die ursprüngliche Verwendung, die darin bestanden hatte, zu ihr hochzublicken, war mit den Jahrhunderten ausgeschmückt und bereichert worden. Ihr opferte man Rauchopfer, die den Herrn ehren sollten. Unter dem Deckmantel der Verbundenheit mit Gott war sie zum Götzenbild geworden und ersetzte den wahren Gott. Wir können sicher sein, daß derjenige, der den veralteten und schuldhaften Gebrauch der Schlange untersagte, keine Einstimmigkeit hervorrief. Die Anhänger der ehernen Schlange konnten sich, um ihren Glauben zu stützen, auf historische, ja biblische Tatsachen berufen, die zweifellos noch von der Erfahrung untermauert waren. Sie konnten vorbringen, daß Gott, der die eherne Schlange befohlen hatte, nicht ändert, weil er gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist (Hebr.13,8): Was sich in der Wüste zugetragen hatte, könnte sich auch zu ihren Zeiten ereignen; daß die Macht Gottes unverändert und daß vor allem kein Wort über das Aufhören des Wirkens, des Gebrauchs und Nützlichkeit der Schlange gesagt worden sei.

Die Reliquie

In der Tat waren die geistlichen Übungen, die sich um diese Reliquie abspielten, in den Augen Gottes zu einem Greuel geworden. Für viele ist auch das Zungenreden eine Reliquie, die sie verteidigen und in ihrem Herzen tragen. Es ist ein Götzenbild, das sie herzen, von dem sie unaufhörlich sprechen, dem sie eine grenzenlose Ehrerbietung darbringen. Da Gott es doch gegeben hat, so … aber Gott hatte ja auch die eherne Schlange gegeben… für eine ganz bestimmte Gelegenheit, für eine bestimmte Zeit. Nach dieser Zeit, nach diesem Datum war diese Gabe veraltet, wie Lebensmittel oder Medikamente, die das Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Danach werden sie gefährlich. Die Heilung verwandelt sich in Vergiftung. Das hat sich mit der ehernen Schlange ereignet. Sie vergiftete das geistlich Leben der Menschen von damals. Sicher sahen viele von ihnen ihr religiöses Leben einstürzen, als ihnen die Schlange weggenommen wurde, denn nun hatten sie nichts Greifbares mehr, an das sie sich klammern konnten. Ich habe verstanden, weshalb sich gewisse Menschen mit Inbrunst an das Zungenreden klammern. Ihr geistliches Leben ist so schwach, daß sie nichts mehr haben, wenn sie das Zungenreden verlieren. Ihr inneres Leben, das fast ausschließlich auf diese äußerliche Manifestation gegründet ist, fällt in sich zusammen. Sie können es nicht entbehren, ohne dadurch jeglichen Halt zu verlieren. Ohne Zungenreden sind sie wie Drogensüchtige ohne ihren Stoff: in einem unerträglichen Entzugszustand.

Unehrlichkeit

Mir sind solche Leute begegnet. Einmal versuchte mich ein in diesem Gebiet extremer Pastor zu überzeugen, daß das Zungenreden eine Erfahrung sei, die jeder Mensch zwangsläufig machen müsse. Seine eherne Schlange galt für alle Menschen und für alle Zeiten. Ich öffnete meine Bibel und bat ihn, mit mir zusammen den Schluß vom 12. Kapitel aus 1. Korinther zu lesen (Verse 29 und 30): »Sind alle Apostel?« Nein, natürlich nicht, gab er zur Antwort.
»Sind alle Propheten?« Nein. »Sind alle Ärzte?« Nein.
Als wir zum folgenden Vers kamen, weigerte er sich, mir zu antworten und weiterzugehen. Er wußte sehr wohl, wohin der Text steuerte, nämlich zu der Frage: »Sprechen alle in Zungen?«

Die Antwort konnte nur nein sein. Dreimal versuchte ich, den Text mit ihm durchzugehen. Dreimal weigerte er sich, bis zum Schluß zu lesen. Verärgert ging er weg. Von diesem Tag an war ich für ihn »persona non grata«. Wenn man heilige Säulen niederreißt, wie Gideon es tat (Richt. 8), muß man mit heftigen Reaktionen rechnen und bereit sein, Freunde zu verlieren.

Ekstasen

An dem Punkt, wo wir nun angelangt sind, müssen wir gewisse Praktiken oder Erfahrungen entmystifizieren, die im Leben von vielen ein unbewußtes Entgleisen aus den Schienen der Bibel bedeuten. Hier das Zeugnis, das die Eltern eines überzeugten jungen Christen ihrem Sohn ausstellten:
Wenn ihr Sohn jeweils aus seinem Zimmer herunterkam, nachdem er mit Zungenreden vor Gott gewesen war, sah man ihm an, daß etwas in ihm vorgegangen war. Er glich ein wenig Mose, als dieser – ganz verklärt durch die Gegenwart Gottes – vom Berg herabkam. Unwiderlegbar und überzeugend, nicht wahr? Es macht den Anschein.

Aber um das zu glauben, muß man stillschweigend all das übergehen, was wir vom Ziel des Zungenredens gesagt haben. Man muß die Tatsache beiseite lassen, daß es weder ein Zeichen für die Gläubigen, noch daß die Ausübung dieser Gabe allen gewährt ist und daß nirgends geschrieben steht, die Gabe sei bei sich zuhause auszuüben – umso weniger als ihr Gebrauch zeitlich begrenzt ist. Das sind bereits drei große Fußtritte, die der Bibel da versetzt werden, ohne all das andere zu erwähnen, das ich früher bereits gesagt habe. All jene, die über solche Erfahrungen ehrfürchtig staunen, sehen nicht, daß die Bibel überrannt wird, und sie sich voll im Subjektivismus befinden; die östlichen Religionen hätten davon noch vielmehr zu bieten. Wer das Vorrecht hatte, das Buch »Combats« vom Pater Chiniquy zu lesen, einem kanadischen Priester, der sich nach fünfzig Jahren Dienst in der Kirche Roms bekehrt hat, tut gut daran, sein Zeugnis wenn möglich nochmals zu lesen. Er berichtet, daß er in seinem Priesterleben die gesegnetsten, erhabensten Augenblicke in Anbetung vor der Hostie verbracht hat. Da konnte er den Himmel berühren. In diesen Augenblicken war er entrückt, enthoben, verklärt. Nach seiner Bekehrung erschien ihm diese »Himmelsberührung«, die ihre Wurzeln in der Doktrin der Substanzverwandlung hatte, als Greuel. Und dennoch, welch eine Erhöhung der Seele, welch Hochgefühl, was für ein Zeugnis!

Truggefühl

Nie werde ich die Erinnerung an die ersten Tage nach meiner Bekehrung in einem gemischten Lager in Frankreich vergessen. Unter dem ehrlichen Vorwand, die Nachbarstadt evangelisieren zu wollen, verließen ein junger Bruder und ich verbotenerweise das Lagergelände. Im Namen Jesu brannten wir harmlos, aber glorreich durch. Wir glaubten, eine Heldentat unternommen zu haben. Als wir heimkehrten, waren wir strahlend, überschwenglich und leichten Fußes wie von Engeln getragen. Der Lagerleiter, ein erfahrener Christ, verstand uns überhaupt nicht. Unser Glück war unsere Rechtfertigung. Und wir hatten etwas erlebt. Wir waren unser und unserer Erfahrung so sicher. Aber dieses Gefühl war von kurzer Dauer. Heute würde ich diesem Erlebnis eine ganz andere Etikette als die der Ekstase, Offenbarung oder Geistlichkeit aufkleben. Es war alles nur Autosuggestion.

Noch immer zieht Gott den Gehorsam dem Opfer vor (1.Sam.15,22), noch immer ist der Geist der Propheten den Propheten untertan (1. Kor. 14,32). Die erhabenen Momente der Seele sagen mir nichts Gutes, wenn es die eherne Schlange – auch die biblische – ist, die sie verursacht. Seit wann ist die religiöse oder gefühlshafte Intensität ein Zeichen von Wahrheit oder Geistlichkeit? In Hesekiel 8,14 finden wir die Frauen, die vor der Türe des Tempels in Jerusalem weinend in Anbetung versunken waren. Aber es war ein verruchtes Götzenbild, Thammuz, der sie in Ekstase versetzt hatte. Es besteht kein Zweifel daran, daß diese Frauen es als wohltuend, als innere Befreiung empfanden; aber genauso wenig zweifeln wir daran, daß es für Gott ein Greuel war. Heutzutage, wo so viele psychische Experimente den Platz des schlichten Glaubens an das Wort Gottes eingenommen haben, muß man in den Ausruf des alten Propheten einstimmen: »Fragt nach dem Gesetz und nach dem Zeugnis!« (Jes.8,20)

Ich gebe zu, daß es eine Art Betrunkenheit im Heiligen Geist geben kann. Erfahrungen der Fülle sind mir nicht unbekannt. Ich selbst kannte solche Momente und habe sie nie widerrufen. Aber ich habe alles geprüft und nur das zurückbehalten, was gut war. Dem Rest habe ich mich entsagt. All dies tat weh, umso mehr, als ich mich – wie der Apostel Petrus – auf Pfingsten berufen konnte. Aber wohin brachte mich das? Auf den absteigenden oder auf den aufsteigenden Ast? War ich auf dem absteigenden Teil, ging ich entschieden bergab, war ich auf dem aufsteigenden, so lief ich eher rückwärts.

Beschämende Kapitulation

Ja, es tut weh, zu entdecken, daß das, woran man geglaubt und gehangen, wofür man gekämpft hat, am Versinken ist und einen mitzureißen droht. Aber am härtesten war doch, zuzugeben, daß die andern recht hatten. Im Grunde genommen war es mein »ICH«, mein Stolz, der einen tüchtigen Schlag einstecken mußte. Wenn man während Jahren glaubt, man hätte etwas mehr empfangen als die anderen, so verleiht das einem ein leises, angenehmes Gefühl der Überlegenheit. Zu entdecken, daß jene, auf die man herab geschaut hat, mehr davon wissen und sich auf sichererem Boden befinden, tut – ich bestätige es – weh. Das nennt man gestriegelt werden. Ich verstand, weshalb kitzelige Pferde es hassen, daß man sie striegelt, und weshalb sie dabei manchmal mit den Hufen ausschlagen. Ich glaubte auch, ein paar gute Hufschläge in Reserve zu haben. Leider war auf meinem Rücken aber eine Art Lucky Luke (der berühmte Cowboy der Comics Serie), und anstatt ihn aus den Steigbügeln zu werfen, war er es, der mich bändigte. Es war ein Rodeo, bei dem ich wenig Chance hatte, Sieger zu werden. Die Bibeltexte, über die ich so leicht gesprungen war, stießen mir nun wie Sporen in die Seiten. Und noch schlimmer: meine gleichgesinnten Freunde, die ich zu Hilfe rief, konnten mir keine Theologie ihres Systems anbieten. Alles drehte sich um Erfahrung, wobei sorgfältig vermieden wurde, die unzähligen negativen Erfahrungen zu erwähnen, die an Betrug und Gotteslästerung grenzten.

Bei den anderen

Als ich scheu versuchte, auf diese Dinge aufmerksam zu machen, gab man mir einhellig zur Antwort, das Fälschen sei bei den anderen. Darunter waren die andern Gruppierungen, die andern Kirchen der Pfingstbewegung, niemals aber die eigene zu verstehen. Das Fälschen geschah bei denen am anderen Stadtrand, bei denen in der Straße nebenan. In der schwedischen Prägung waren es die Zigeuner, die fälschten. Für die »Assemblie de Dieu« sind es die Charismatiker, die nach Schwefel riechen oder die »Branhamisten«, die Leute von »Four Square«, die »Holy Rollers« etc. Alle diese Gruppen, die doch aus einer einzigen geistlichen Familie hervorgegangen sind, garantieren die Echtheit nur bei sich selbst. Und das nicht einmal alle, denn einige haben mir ihre Unruhe darüber zugegeben, zu wissen, daß sich Spiritisten in ihrer Kirche wohl fühlten, während sie im allgemeinen vor anderen Kirchen fliehen. Wenn man bedenkt, daß den Spiritisten das Phänomen des Zungenredens nicht fremd ist, hat man allen Grund zur Besorgnis. Spiritisten oder nicht, auch da spielt die Erfahrung eine zentrale Rolle. Beim letzten Besuch vom Dalai Lama in Frankreich berichteten die Zeitungen folgendes: »Ihre Heiligkeit erinnert sich an eine ganz besondere Gabe ihrer Kindheit. Ohne daß ihm es jemand gelehrt hatte, konnte Dalai Lama den Dialekt von Lhasa, der Hauptstadt, sprechen, obwohl er in einer abgelegenen Provinz wohnte.« Dieses Zungenreden war reell, kontrollierbar und entsprach einer zeitgenössischen Sprache. Niemand wird an seiner Echtheit zweifeln.
Aber durch welchen Geist spricht der Dalai Lama »echt« in Zungen? Ich überlasse es meinen Lesern, auf diese Frage zu antworten.

Ich habe persönlich den Präsidenten der spiritistischen Kreise Frankreichs folgende Erklärung abgeben hören: »In unseren Kreisen reden wir in Zungen, und das sind zeitgenössische Sprachen.« Und dann fügte er etwas an, das mich erschaudern ließ: »… es ist bei uns nicht wie bei den Pfingstlern.« So konnte sich dieser berüchtigte Spiritist der Echtheit seiner Sprachengabe rühmen – eine Echtheit, welche die Pfingstbewegung sehr selten für sich in Anspruch nehmen kann.

Was sagen, wenn diese so seltene Echtheit, die vom Vater der Lüge erdichtet, obendrein noch von einer ebenso christlichen Ausdrucksweise bemäntelt ist, wie es die außergewöhnlichen Worte der jungen Wahrsagerin in Apostelgeschichte 16, von der wir weiter oben gesprochen haben, gewesen sind?

Was anderes sagen, als daß sich die ganze Hölle hinter dieser scheinbaren Strenggläubigkeit verbirgt? Der Feind weiß die Weichenstellung gut zu manipulieren. Schon immer wollte er das Volk des Herrn auf ein Abstellgeleise führen. Als großer Meister der Tarnung und großer Manipulator markiert er dieses Geleise mit einigen verstümmelten Bibeltexten und sogenannten geistlichen Erfahrungen, um ihm einen schwachen Anschein von Glaubhaftigkeit und Aktualität zu verleihen.

Zungenreden auf Hebräisch!

Aus der Großzahl dieser Irrwege hebe ich jenen heraus, der am deutlichsten die Subtilität dessen aufzeigt, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt (2.Kor. 11,13.14).

Eine gewisse Zeitschrift, die sich der »Erfahrung« verschrieben hat, berichtete, wie ein französischer Pastor, der kein Wort Hebräisch konnte, durch den Geist plötzlich in dieser Sprache redete. Und einer seiner Kollegen, der Hebräisch konnte, verstand es! Es möge doch jeder diese biblische Orthodoxie beklatschen! Mein Erstaunen erwuchs nicht aus dem Phänomen selbst, das mir ebenso unbestreitbar erscheint wie die Wunder von Lourdes oder die erstaunlichen »biblischen« Worte der Wahrsagerin von Apostelgeschichte 16. Nein, meine Überraschung gründete auf dem Kommentar der Zeitschrift, den ich hier zitiere: »diese scheint alle nur wünschbaren Garantien (der biblischen Echtheit) wiederzugeben.«

Der Kommentar schien mir umso erstaunlicher, als wir darin das Beispiel einer mühelos zu demaskierenden Fälschung finden, weil sie einfach zu offensichtlich ist.

1. Das Zeichen wurde von einem Gläubigen wahrgenommen, der von der Universalität des Heilsangebotes überzeugt ist. Das Zeichen lehrte ihn also nichts. Weiter befand er sich im Widerspruch zum Heiligen Geist, der klar sagt, daß das Zeichen für die Ungläubigen sei (1.Kor. 14,22).

2. Das Zungenreden – wie es im Neuen Testament praktiziert und gelehrt wird – war alles andere als Hebräisch. Die durch den Geist gesprochenen Sprachen werden darin nämlich als »fremd« bezeichnet oder »anders« (1.Kor.14,21). Wer aber waren die anderen, die Fremden? Es gibt nur eine mögliche Antwort: die Nichtjuden. Ohne Ausnahme stehen im Neuen Testament die Zungen oder Sprachen im Gegensatz zu Hebräisch.
Kein einziger Heide mußte davon überzeugt werden, daß die Juden Zugang zu Gott hatten, da es eben diese gleichen Juden waren, die ihnen das Heil von Gott brachten. Das Zeichen des Zungenredens war gegeben, damit die Juden begreifen sollten, daß das Heil von nun an auch den Heiden zugänglich war, und niemals umgekehrt.

Einen Heiden (oder Franzosen) in Hebräisch in Zungen reden zu lassen, heißt, die göttliche Ordnung umzukrempeln, wie z.B. anstatt Petrus, dem Heiden Cornelius die Vision des Tischtuches zugeben. Aber Cornelius, der das Heil durch den Mund von Petrus empfing, brauchte keineswegs zu vernehmen, daß der Jude Petrus ebenfalls gerettet werden konnte. Das wäre ein monumentaler Unsinn gewesen.
Stellen wir uns nur einen einzigen Augenblick vor, es sei ein linguistisches Wunder in einem altdeutschen Dialekt nötig, um einen Engländer davon zu überzeugen, daß die Deutschen die deutsche Nationalität erwerben können!?

Und doch ist es diese unglaubliche Binsenwahrheit, über die der obige Artikel berichtet; nämlich, daß durch Zungenreden in Hebräisch einem französischen Christen offenbart wurde, daß die Juden – genau wie er selbst – Zugang zu ihrem Gott haben!

Die Naivität einiger Kommentatoren hilft dem Feind, nach Wunsch Unfrieden zu säen. Er hat überhaupt keine Mühe mehr, sein Ziel zu erreichen, nämlich im Volk Gottes Verwirrung zu stiften und so die Machtergreifung Babylons der Großen, deren Name auch Verwirrung bedeutet, vorzubereiten.

Man fälscht nur Noten, weil es echte gibt

Einer meiner engsten Freunde ist Prediger in einer Erweckungskirche, ein Mann, dessen moralische und geistliche Qualitäten ich hoch einstufe. Wie viele andere ist er mit Recht der Meinung – immer im Zusammenhang mit dem Zungenreden – daß niemand seine Zeit mit dem Fälschen von Banknoten verlieren würde, gäbe es die echten nicht. Er anerkennt, daß es Falschmünzer gibt, ist aber überzeugt davon, daß er selbst das echte Geld produziert. Das Münzamt ist »Made in Erweckung«.

Dieser geschätzte Bruder ist sich nicht bewußt, daß er in seiner eigenen Gemeinde auf der ganzen Linie übers Ohr gehauen wird. Denn er hat sich in den Kopf gesetzt, bereits verfallene Noten nachzuahmen; Noten, die seit Jahrhunderten nicht mehr im Umlauf sind und schon längst aus dem Verkehr gezogen wurden. Er behauptet zwar, das nachzuahmen, was in der Urkirche stattgefunden hat, aber diese Nachahmung ist vom biblischen Muster weit entfernt. Überzeugen Sie sich selbst davon:
Erstens sind 95 % der Zungenreden in seiner Kirche an Menschen gerichtete Botschaften. Das gibt schon 95 % Falschnoten, denn der Heilige Geist sagt, daß wer in Zungen redet, sich nicht an die Menschen wendet (1. Kor. 14,2).
Zweitens sind die übrigen fünf Prozente für Gläubige bestimmt, was vollständig dem widerspricht, was der Heilige Geist sagt, der das Gegenteil lehrt (1.Kor. 14,22).

Folglich verfehlt das Ganze sein Ziel, weil es nicht das ungläubige jüdische Volk anspricht, für das dieses Zeichen bestimmt war (1.Kor. 14,21).

Und schließlich habe ich – mit einem Tonband ausgerüstet – ein Mitglied seiner Kirche besucht, das seiner Meinung nach über ein echtes Charisma der Interpretation (Gabe der Auslegung) verfügt und dem er sein volles Vertrauen schenkt. Ich ließ ihn die Aufnahme einer früheren Zungenrede hören und bat ihn, es zu interpretieren, was er auch auf der Stelle tat. Aber oh weh, diese zweite Übersetzung war von der ersten sorgfältig aufbewahrten – ebenso verschieden, wie Rhone und Rhein verschieden sind. Der Gegensatz der beiden Interpretationen war offensichtlich. Aber ich ging noch weiter mit der Nachprüfung. Ein schottischer Bruder hatte mir das »Vater Unser« in seinem Dialekt aufgenommen. Die davon gegebene Übersetzung gleicht aber nicht im geringsten dem Gebet unseres Herrn.

In Wahrheit ist seine Druckplatte so grob, daß kein einziger Fälscher sie benützen würde. Aber er liebt seine Falschnoten und er hängt an ihnen, weil er sie für echt hält – als einzige echte inmitten von lauter gefälschten. Muß man da nicht lächeln, traurig lächeln?

Die Bibel warnt uns vor der Versuchung, vom Sehen, von Wundern, Zeichen und Erfahrungen zu leben. Wer auf diesem gefährlichen Geleise fährt, wird eine leichte Beute für den Antichristen sein, der mit jeder Art von Wundern, Zeichen, Trugbildern und mit allen Verführungen zur Ungerechtigkeit kommen wird (2. Thess. 2,9.10). Sein satanischer Geist ist schon heute am Werke, und sein Weg scheint gut vorbereitet in den Herzen derer die sich – obwohl immer unter der Berufung auf Christus – in das Lieblingsgebiet des Antichristen begeben. Wenn die Frucht reif ist, fällt sie von alleine. Der andere, der Widersacher, muß nur noch einsammeln – ohne Mühe, ohne jeglichen Kampf.

Kapitel 14

Schlußfolgerungen

Erste Schlußfolgerung

Dieses vorletzte Wort ist für dich, mein Bruder Charisma oder Bruder Pfingst, der du bisher in diesem Punkt der Doktrin ehrlich an eine Lehre geglaubt hast, die dir jetzt plötzlich abgestumpft, überbewertet und überholt vorkommt wie die eherne Schlange aus der Zeit der Könige Israels. Die Lehre des Buches der Bücher sollte dir genügen. Aber der Kreis, in dem du verkehrst, hält dich gegen deinen Willen zurück, hält dich mit dem Einfluß von Erfahrungen gefangen, die man schlecht und recht – meistens mehr schlecht als recht – an die Bibel zu heften versucht. Wenn nun aber der Inhalt dieses Buches bei dir – und sei es nur ein Prozent – Zweifel hinterläßt, dann erlaube mir, dir auf deinem Lieblingsgebiet, auf dem Gebiet der Erfahrung, entgegenzukommen. Aber zittere davor, dir oder deinem Gott gegenüber unehrlich zu sein! Mach diese Erfahrung mit dir allein und für dich persönlich. Mache sie, ohne zu schummeln: Wenn du einmal bei dir daheim in einer Ekstase oder am Zungenreden bist, stelle dein Tonband an und nimm auf, was du vor Gott sagst. Du glaubst, daß diese Gabe noch besteht und daß deine ganz sicher echt ist. Es ist dein Recht. Aber dann mußt du auch glauben, daß die Interpretationsgabe deines Bruders ebenso echt ist. Nun geh mit deiner Aufnahme zu den Brüdern und Schwestern, die du zu den geistlichsten zählst und denen du voll vertraust. Bitte sie, getrennt, dir deine Zungenrede zu interpretieren. Dann, wenn du mutig genug bist, höre diese Interpretationen an und vergleiche sie miteinander. Auf einige Worte oder Nuancen genau sollten alle das gleiche aussagen. Du wirst es als übertrieben ansehen, wenn ich in diesem Zusammenhang von betrügerischer Nachahmung spreche.

Ich weiß, was du beim Lesen dieser Zeilen verspürst. Du bist erregt, hast Angst; Angst, die Wahrheit aufzudecken. Und schon in diesem Augenblick schleichst du weg. Du weißt, daß du diesen Test niemals ausführen wirst. Um ihn zu umgehen, hat dein Herz bereits eine Ausrede gefunden, die einzig dich überzeugt: Ist es nicht ein Sakrileg, eine solche Geistesgabe einer elektronischen Probe zu unterstellen? Soweit gehst du nicht. Bist du sicher, daß dies der wirkliche Grund ist? Denn unter anderen Umständen zögerst du auch nicht, Predigten auf Tonband aufzunehmen, sie anschließend anzuhören oder andern zum Hören, Beurteilen und Bewerten zu geben. Ist es nicht eher die Angst, endlich die Wahrheit über dich selbst aufzudecken, die dich zurückweichen läßt? Dies ist ein Mittel, die Geister zu prüfen, und es steht in deiner Reichweite. Im weitern ist die elektronische Wissenschaft eine exakte Wissenschaft. Sie ist neutral. In keinem Fall kann sie sich oder dich täuschen – falls du es nicht vorziehst, getäuscht zu werden und getäuscht zu bleiben. Du bist wütend auf mich. Ich weißes; du verwünschst mich in alle Ewigkeit, weil ich dir ein unfehlbares Kontrollmittel geliefert habe. Damit hat die bequeme Ausrede »es versteht es niemand« ihr Ende gefunden. Auch das Versteckspiel ist beendet – man hat dich entdeckt und auf drei gezählt. Ich, ich habe diese Lektion verstanden. Es hat lange gedauert, aber ich habe sie verstanden.

Aber vielleicht verstehst du sie lieber nicht wie der Frömmler, der, als er vernahm, daß eine Kalenderheilige, zu der er oft gebetet hatte, garnicht existierte, ausrief: Ob sie nun existiert oder nicht, ich werde weiter zu ihr beten! So weit geht die Hartnäckigkeit des menschlichen Herzens. Ich will meine eherne Schlange, basta! Schließlich hat Gott sie gegeben … etc. … etc…

Das Mittel

Einige, denen diese Gabe nicht gegeben ist und die während vieler Jahre aufrichtig, aber vergeblich danach gesucht hatten, bekundeten mir ihre Enttäuschung über den Mißerfolg. Sie lebten in der ständigen Angst, von Gott verstoßen zu werden, denn man ging so weit, ihnen zu sagen, daß sie ohne das Zungenreden ihr Heil nicht erlangen könnten. Und wenn sie darauf bestanden, bereits bekehrt zu sein, gab man ihnen zu spüren, daß sie nur Vorstädter des Glaubens, niemals aber vollwertige Bürger seien. All jene, die das Grauen des Zweifels kennen, will ich auffordern, aufzuhören, sich zu zermürben, und durch den Glauben zu begreifen, daß jedes Gotteskind in Christus vollkommen ist (Kol. 2,10); in diesem göttlichen Christus, der ebensowenig wie sie die Gabe des Zungenredens besaß, obwohl er Gottes Sohn ist.

Andere suchten bei mir Hilfe und gestanden ihre Verwirrung; denn die Ausübung dieser Gabe war nur eine Fassade, die in Wahrheit einen moralischen und geistlichen Bankrott verdecken sollte. Ihr Zungenreden diente als Ersatz für ein fehlgeschlagene Leben. Sie blieben oberflächlich, obwohl sie allen Anschein vom Gegenteilgaben. Sie hatten das Zungenreden nötig, um sich in ihren eigenen und in den Augen der andern aufzuwerten. Die, die sich diesen Praktiken am häufigsten hingaben, befanden sich in einer schweren Charakterkrise, unter der sie heimlich litten, ohne ihren Grund zu erahnen. Immer mußten sie den Einsatz verdoppeln, um vor den andern nicht das Gesicht zu verlieren und um sich selbst zu beruhigen. Wie in einem Teufelskreis drehten sie um ihre Erfahrungen herum.

Der Treibsand der psychischen Erfahrungen, um sie nur mit diesem Namen zu bezeichnen, führte sie zu einem Leben von Höhen und Tiefen, einem Leben voller unvorsehbarer Launenhaftigkeit einmal himmelhochjauchzend dann zu Tode betrübt. Ihr Lebensdiagramm glich den Zähnen einer Säge; glücklich am Morgen, niedergeschlagen am Abend; anfangs Monat salbten sie ihren Gottesdiener, um ihn Ende Monat mit dem Messer nieder zu machen; die Gemeinde wechselten sie so oft wie andere ihr Hemd.

Der Weg zur Befreiung sieht so aus: Vergewissere dich zuerst, im Glauben an Jesus Christus zu stehen. Dann heißt es handeln, wie der gute König Hiskia gehandelt hat: Er zerbrach die eherne Schlange, die Mose gemacht hatte. Bringe den Fehler einer biblischen Falschbenennung und ihre Konsequenzen in einem vollen Geständnis dar. Entsage all dem, indem du das Blut Jesu Christi beanspruchst, das von aller Sünde rein macht (1.Joh. 1,7-9).
Das biblische Götzenbild wurde Israel verziehen. Gott wird auch deines verzeihen. Dein Glaube muß weiter die volle Vergebung und die völlige Befreiung von diesen psychischen Kräften, die über dich herrschen und unter deren Einfluß du – trotz deiner Anstrengungen – stehst, von Gott annehmen. Zu den Füßen von Jesus kniet die rastlose Legion, der besessene Mann (Mk. 5,5), der Abonnent des Riesenrades, für den die Fahrt immer unten endete; und er findet Frieden, Ruhe, den Verstand und die Kraft, um denen, die ihn umgeben, ein nun verständliches Zeugnis zu geben.
Mein brennendes Gebet ist, daß diese Zeilen dir helfen, vor dem auf die Knie zu fallen, der von allen Gebundenheiten befreit, selbst von derjenigen, die einen biblischen aber unsinnigen Eifer verursacht (Röm. 10,2).

Zweite und letzte Schlußfolgerung

Dieser letzte Paragraph ist für dich, mein Freund außerhalb der Pfingstbewegung. Mein Buch erfüllt dich mit Genugtuung. Es gibt dir recht. Mein geistlicher Weg mündet in deinen. Vielleicht hättest du es gern gehabt, wenn ich weitergegangen wäre bis ans Ende einer logischen Schlußfolgerung, nämlich daß das heutige Zungenreden – sowohl anti- und unbiblisch – nur teuflischen Ursprungs sein kann. Soweit bin ich nicht gegangen, es stimmt; denn ich kann nicht – mit gutem Gewissen weiter gehen als das, – was ich als wahr oder falsch erkannt habe. Sicher, ich gebe es zu, wartet der Vater der Lüge im Hinterhalt. Gewisse Leute behaupten, sie hätten – getreu dem biblischen Gebot (1.Joh.4,1-3) – die Geister geprüft, die jene antreiben, die in Zungen reden, und es seien Dämonen gewesen. Dieses Stadium habe ich nicht erreicht. Meine Gabe, die Geister zu prüfen, bestand in nichts anderem als in der Betrachtung der Schrift. Die Verwendung der heutigen technischen Möglichkeiten hat die Prüfung bestätigt und gezeigt, daß es ein Geist des Irrtums ist, der dem heutigen Zungenreden vorsteht. Und der Geist des Irrtums ist sicher nicht der Heilige Geist. Du wirst mir vielleicht sagen, satanischer Geist und Geist des Irrtums sei ein und dasselbe. Da dir daran liegt, ziehe ich es vor, dich auf die Schriften von Dr. Gerald E. MacGraw zu verweisen, die mir die Verlängerung der Zeilen meines Buches zu sein scheinen. Ich gebe dir hier einen kurzen Abschnitt aus seinem Artikel »Tongues should be tested« wieder.

» …nach einigen Momenten des Gebets empfehlen wir der betreffenden Person in Zungen zu reden. Danach stellt der Gruppenleiter seine Fragen nicht an diese Person selbst, sondern dem Geist, der das Zungenreden bewirkt… Die meisten hatten während ihrer persönlichen Andacht in Zungen geredet. Viele zweifelten an der Echtheit dieser Gabe, viele waren aber überzeugt, daß die Prüfung, der sie sich nun unterzogen, deren göttlichen Ursprung bestätigen würde. Das Schockierende ist, daß über 90 % den dämonischen Ursprung ihrer Zungenredegabe zugeben mußten. Wohl gibt es Pfingstler und Charismatiker, die zugeben, daß es Zungenreden dämonischen Ursprungs gibt. Dennoch sind sie sicher, daß ihre Gabe echt ist. Ein Mädchen wollte ihre Gabe einer Prüfung unterziehen, weil sie schlechte Einflüsse in ihrem Leben verspürte … sie war aber sicher, ihre Gabe sei göttlichen Ursprungs. Eine Frau seiner Kirche, die die Gabe der Unterscheidung besaß, hatte ihr zugesichert, daß ihr Zungenreden vom Heiligen Geist käme. Als wir uns versammelten, um für die Befreiung dieser Schwester zubeten, sagte uns dieser Geist, daß er den Herrn Jesus hasse. Als wir ihn befragten, gab er zu, dieses Zungenreden bewirkt zu haben… Durch tiefgläubige Christen kann ein Dämon in Zungen sprechen… Es geschah, daß Missionare im Urlaub Zungenreden hörten, die Gotteslästerungen in der Sprache ihres Missionsgebietes waren… Jemand wünschte ein Gespräch. Es war eine bemerkenswerte Christin, begabt, ausgewogen, auf die man sich verlassen konnte, eine Seelenretterin… Mir schien es unmöglich, daß diese hervorragende Christin im Zusammenhang mit dem Zungenreden unter dämonischem Einfluß stehen könnte … bald offenbarte sich ein Zungenreden, das Haß und Bitterkeit Christus, ihr selbst und uns gegenüber ausdrückte. Es war nicht zu leugnen, daß eine Gabe dämonischer Zungen sie beseelte. Andere … sind zutiefst ehrlich und geistlich. Ihr Leben bezeugt, daß sie eine wirkliche Bekehrung erlebt und Hunger nach geistlichem Wachstum haben… Ich glaube nicht, daß der Dämon des Zungenredens jemand von Christus trennen kann … aber die Erfahrungen, die ich mit der Untersuchung dieser Menschen machte, bringen mich zur Schlußfolgerung, daß sehr viele begeisterte Anhänger, die in Zungen reden, neben der Wahrheit sind.«

Ich überlasse Dr. MacGraw die Verantwortung für seine Schlußfolgerung, aber ich entkräfte sie nicht. Untersuchungen in Europa kamen zum gleichen Ergebnis. Es ist ein Forschungsgebiet, zu dem ich bis jetzt keinen Zutritt hatte. Ich kann weder dementieren noch bestätigen, daß das Zungenreden, wie MacGraw sagt, zu 90 % dämonischen Ursprungs ist. Was ich hingegen mit der Bibel in der Hand behaupte, ist, daß es zu 100 % falsch ist.

Seilziehen

Nun zu dir, mein Bruder. Wir wollen zusammen Seilziehen. Du möchtest mich hinter die letzte Grenzlinie reißen, damit ich das sage, was ich lieber nicht sagen würde. Mit drei kraftvollen Zügen willst du mich auf dein Feld ziehen:
1. Wenn es nicht von Gott ist, ist es vom Teufel.
2. Du wirst mit Jakobus 3,11, der über den Gebrauch der Zunge spricht, nachdoppeln mit den Worten: »Quillt auch ein Brunnen aus einem Loch süß und bitter?«
3. Mit unwiderstehlicher Logik wirst du geradewegs auf den einzig möglichen Schluß zusteuern: Diejenigen, durch die Satan spricht, können Christus nicht angehören. Christus und Belial (2.Kor. 6,15) können nicht in ein und demselben Leben zusammen wohnen. Richtung: 1000 Grad Celsius für die Ewigkeit!

Augenblick, mein Lieber. Mit solchen Argumenten gehst du das große Risiko ein, dich plötzlich selbst auf der Anklagebank zu befinden. Denn auch du lobst diesen gleichen Gott, der dich durch ein so großes Opfer vor dem schrecklichen Verderben gerettet hat. Und diese gleichen Lippen, die sich im Gottesdienst wie eine Quelle frischen Wassers öffnen. öffnen sich nach dem Gottesdienst wie eine Quelle bitteren Wassers, um deinen Nächsten, deinen Kollegen zu verleumden oder das Werk, das Gott ihm anvertraut hat. Du sagst, es sei der böse Geist, der in Zungen durch den Mund deines Pfingstbruders redet? Wahrscheinlich hast du recht. Aber wer füllt deinen Mund, wenn du deinem Untergebenen unangenehme Befehle zuschreist oder du dich deinem Ehepartner gegenüber in ein ebenso unangenehmes Schweigen hüllst, wenn du deinen Bruder erniedrigst oder ihm »Wahrheiten« an den Kopf schmeißt, anstatt ihm die Füße zu waschen? Denn wenn man gewissen Christen während der Woche zuhört, fragt man sich, ob sie am Sonntag überhaupt etwas anderes singen können als die große Verleumdungsarie des Barbiers von Sevilla. Gib doch zu, daß auch deine Quelle manchmal süß, manchmal bitter ist und daß diese Bitterkeit auch nicht von Gott kommt.

Wer ist schuld?

Ich gehe sogar noch weiter und frage dich, ob du nicht verstanden hast, bis zu welchem Punkt du selbst für das Abgleiten deiner Gemeindebrüder verantwortlich bist, die diese sogenannten geistlichen Zeichen suchen? Ich ging einmal zu einem Schuhmacher, um ein Paar neue Schuhe zu kaufen. Als er an meinen Füßen das alte Paar sah, brauchte er einen Ausdruck, den ich nie vergessen habe: »Die sind aber sehr müde!« Sicher, sie stehen in der Wahrheit, aber wie sehr sind sie abgenutzt. Die Frische, die brüderliche Spontaneität – alles hat einen weißen, langen Bart, selbst die Liebe ist müde. Vergiß nie, daß die Menschen einen warmen Irrtum der kalten Wahrheit vorziehen. Zu oft ist die Wahrheit, an der du festhältst nur noch kalte Orthodoxie. Die Seelen erwärmen sich nicht auf einem Eisberg. Ein alter, rauchender Holzofen wird mehr Wärme, Gemütlichkeit und Freude verbreiten als eine ausgeklügelte und aseptische Anlage, die nur zu einem Viertel ihrer Möglichkeit ausgelastet wird. Das Werk Gottes gibt sich mit Lauheit nicht zufrieden. Denn die Seelen bekehren sich so nicht. Christliches Leben muß von ganzem Herzen gelebt werden. Der Heilige Geist wurde uns für ein überfließendes Leben gegeben, nicht für weniger. Und da, wo dieses Geistesleben vorhanden ist, und wo Ströme des lebendigen Wassers fließen, da laufen die Gläubigen keine Gefahr, in den Schlepptau falscher Erfahrungen zu geraten, die als das Allheilmittel gegen jegliche Übel der Kirche angeboten werden.

»Es steht geschrieben«

Langsam komme ich an das Ende meines Buches. Es ist in erster Linie für dich, Bruder außerhalb der Pfingstbewegung, geschrieben. Nicht für die andern. Sie werden sich ebensowenig von ihrem Irrtum in diesem Punkt überzeugen lassen, wie ein Zeuge Jehovas die Göttlichkeit von Jesus Christus annimmt – selbst wenn sie ihm anhand der Schrift bewiesen wird. Mehr denn je bin ich deiner Ansicht. Ich habe die Richtigkeit deiner Lehre und die Reinheit deiner Doktrin erkannt. Empfehle dieses Buch allen, die durch den Gesang der charismatischen Sirenen verunsichert sind. Ich hatte meine Ohren ihren Melodien geöffnet. Dank der Gnade Gottes, der Hilfe des Geistes und dem Licht des Wortes konnte ich ihren Fängen entgehen. Du hast nun dieses Buch gelesen. Lies es nochmals durch und studiere systematisch die Wahrheiten, die darin ausgelegt und die Irrtümer, die darin aufgedeckt werden. Der Fragebogen, mit dem das Buch schließt, wird dir helfen, denen Antwort zu geben, die Rechenschaft über deinen Glauben fordern (1.Petr.3,15).

Für alle guten Werke wohl ausgerüstet, wirst du ein Mitarbeiter Gottes sein, der das Wort der Wahrheit unverfälscht verbreitet (2. Tim. 2,15). Führe unermüdlich all jene zur Schrift zurück, die davon abwichen, um sich mit Erfahrungen einzulassen, die nur dem Namen nach biblisch sind. Rufe ihnen in Erinnerung, daß Satan bei der Versuchung in der Wüste unserem Herrn dreimal eine Erfahrung vorgeschlagen hat, und auf alle drei Versuchungen hat Jesus geantwortet: »Es steht geschrieben.« (Mt. 4,7)

Wenn der Widersacher – um uns besser verführen zu können – seinerseits sagt: »Es steht geschrieben«; müssen wir ihm antworten: »Es steht auch geschrieben.« Wie das göttliche Vorbild müssen wir es wagen, denen, die wie Fahnen im Sturm der Doktrin stehen, die gerne im Wind und »in« sind, so zu antworten, wie er der Samariterin geantwortet hat: »Ihr wißt nicht, was ihr anbetet« (Joh.4,22).

Man muß ihnen bestimmt entgegentreten. Wir müssen kämpfen für den Glauben, der den Heiligen ein für alle Mal gegeben wurde (Jud. 3), und dem Beispiel des Meisters folgend, ihnen mit Liebe und Wahrheit sagen: »Ihr irret und wisset die Schrift nicht…« (Mt.22,29)

Die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Januar 2009

Die folgenden Beiträge zu diesem Thema über meine Internetseite www.horst-koch.de
oder über info@horst-koch.de

1.  Zungenreden aus biblischer Sicht – von Missionar Ralph Shallis
2.  Sprachenreden oder Zungenreden – Dr. Roger Liebi
3.  Gemeinde Jesu – endzeitlich unterwandert? – Evangelist Alexander Seibel
4.  Die Zungenbewegung – Pfr. Dr. Kurt E. Koch
5.  Die okkulte Welle – Dr. Peter Beyerhaus
6.  Geisterfüllung und Geisterunterscheidung – Dr. Peter Beyerhaus
7.  Charismatische Praktiken – Dr. Helge Stadelmann
8.  Prüfet die Geister – Pfr. Fritz Eichin
9.  Kräftige Irrtümer – Evangelist Richard Ising
10. Die Geistesgaben – Pfr. Dr. Kurt E. Koch
11. Die sanfte Verführung – Evangelist Alexander Seibel
12. Wunderheilungen heute – Pfr. Dr. Kurt E. Koch
13. Hinter den Kulissen – Werner Bartl
14. Die Dritte Welle – Wolfgang Bühne
15. Charismatischer Okkultismus – Dave Hunt

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